03_1935 (Nr. 869 bis Nr. 895)


Nr. 869, Freitag, 01.03.35

Postby Klaus Binder on 3. March 2013, 18:09

Seite 1

Nicu Lupu fertigt Vaida ab [S. 1, oben, links]
Die Mission der heutigen Jugend . - Numerus clausus

Bucuresti, 28. Februar (Tel. des "Tag"). Der Vizepräsident der nationalzaranistischen Partei gewährte Pressevertretern ein längeres Interview, in dem er sich über verschiedene aktuelle Probleme, über die Situation innerhalb der nationalzaranistischen Partei, die Mission der heutigen Jugend, das Verhältnis zu Frankreich und schließlich über den numerus clausus äußerte.

Dr. Lupu sagte u. a.: Der Grundgedanke für die Entwicklung des Staates ist die materielle und soziale Sicherung des Bauernstandes.

Alle politischen Parteien machen in Patriotismus, aber je kleiner und unbedeutender die Partei ist und die politische Persönlichkeit, die diese Partei leitet, um so stärker schlägt er sich mit der Hand auf die Brust, um Bedeutung zu markieren. Mit diesem Nationalismus wurde nichts Bleibendes, nichts Reales für die Bauernschaft geschaffen. Die Bauernschaft hat drei große Momente in der Geschichte der modernen Menschheit zu verzeichnen, und zwar die vom Herrscher Cuza Voda durchgeführte Enteignung, die wirtschaftliche Freimachung der Bauernschaft durch die von Spiru Haret geschaffenen Kooperativen und Volksbanken und drittens die nach dem Kriege durchgeführte Agrarreform. Die große Agrarreform hat jedoch den Bauern nur Boden, nicht aber Kredit und landwirtschaftlichen Unterricht gegeben. Deshalb befindet sich die Bauernschaft heute in großer Not.

Seit der Durchführung der Fusion befindet sich die nationalzaranistische Partei auf der gleichen Linie und zwar der Linie eines links gerichteten demokratischen Fortschrittes. Die Massen der Bevölkerung folgen mit Enthusiasmus dieser Partei, weil Einzelaktionen keinen Eindruck machen. Und weil dieses Programm sich der Vollendung nähert, so finden sich Gegner, die die Massen der Bevölkerung abzulenken suchen, um Mißverständnisse zu schaffen.

Es handelt sich durchwegs um Gegner eines Fortschrittes der Demokratie. Unsere Bestrebungen, die Situation der Bauern zu verbessern, können durch diese Versuche nicht gestört werden. Ich rufe die Bauern zum Kampf für eine Besserstellung der Dörfer und einen Ausbau der Zivilisation bei ihnen zu Hause auf.

Was den "numerus clausus" betrifft, sagte Dr. Lupu:

Mein Kollege der Medizin und gleichzeitig Parteifreund ist von den Normen der Medizin abgewichen und scheint sich der sozialen Chirurgie widmen zu wollen, um sich gleichzeitig der Seele und der Auffassung der Bauernmassen zu entfremden. Er schloß sich einer vor einigen Jahren aufgekommenen rassistischen Idee an, die von einigen jungen Leuten, für deren Entschuldigung nur ihr Alter angenommen werden kann, als "Programm" erhoben wurde, aber in den Volksmassen kein Echo gefunden hat. Leiden der Jugend schmerzen mich mehr als Herrn Vaida, weil an meiner Tür mehr Bittsteller klopfen als an der Tür des Herrn Vaida. Die allgemeine Wirtschaftskrise hat ebenso die Rumänen, wie die Minderheiten getroffen. Ich weiß das aus Erfahrung, weil zu mir Berufsmenschen aller Art, die den Minderheiten angehören, gekommen sind und um Hilfe und Intervention angesucht haben.

Als ich das Gesetz gegen Wucher verlangte, verschrie man mich als Verrückten; als ich das Konvertierungsgesetz verlangte, sagte man mir, ich wäre ein Bolschewik, ich wurde jedoch durch diese Angriffe nicht deprimiert. Ich führte meinen Kampf für die in Not geratenen Bauern weiter, ich führte ihn gegen die Banken, die der Mehrheit gehörten oder jüdische Banken waren, fort. Mich interessiert nicht die ethnische Abstammung des Wucherers, mich interessierte nur das Interesse der Bauern. Trotz meines "Bolschewismus" hat meine Idee zum Wohle der Bauern gesiegt. Um das Jugendproblem zu lösen, sind verschiedene Mittel vorhanden, ohne daß die höheren Postulate der Zivilisation verletzt oder die nationalen Gefühle geschmälert werden müßten. Diese Lösung ist in unserem Programm vorgesehen. In erster Linie müssen wir den Dörfern eine gute soziale Verwaltung geben - eine ausreichende ärztliche Hilfe.

Dazu werden wir viele Aerzte, Professoren und gute Beamte benötigen. Es sind heute so viele Advokaten ohne Klientel, viele Aerzte ohne Patienten und viele Professoren ohne Katheder. Wir werden sie alle in die Dörfer, und zwar in die zivilisierten Dörfer, rufen, damit sie beschäftigt werden. Das intellektuelle Leben darf sich nicht ausschließlich in den Städten konzentrieren.

Wenn wir die Kooperative ausbauen, werden wir Buchhalter und geschultes landwirtschaftliches Personal benötigen. Unser Zweck ist die Begründung eines Bauernstaates. Mit künstlichen Mitteln kann jedoch nichts erreicht werden. Die Besserstellung des rumänischen Elements setzt eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation des Landes, der Bauern, der Arbeiter und der kleinen Bürger voraus. Es sind viele Nationalisten, die statt das Uebel zu beseitigen, Gegensätze vorziehen. Daher haben wir auch in der Kommission, deren Vorsitzender ich war, den Vorschlag Vaidas auf Einführung des numerus clausus abgelehnt. Wir lebten zweitausend Jahre im Joche - und heute sollen wir die Konkurrenz der Minoritäten fürchten?

Es gibt andere Maßnahmen, die, wenn wir sie anwenden, das Recht keines Bürgers dieses Landes schmälern würden, und die auch nicht interne und außenpolitische Komplikationen schaffen. Herr Vaida möge mir entschuldigen, aber eine solche Frage in der gegenwärtigen politischen Konjunktur anzuschneiden, bedeutet nicht nur der Inlands- aber auch der Auslandspolitik Schwierigkeiten machen. Im Inlande, weil wir die Minderheiten zur Solidarität bringen, was einen Zusammenstoß mit uns zur Folge haben müßte, außenpolitisch, weil wir Zweifel über unsere korrekte Einstellung zu den anderen Bürgern des Landes erwecken lassen. Ein Politiker muß den Mut aufbringen, auch wenn in den Massen eine gewisse Psychose Platz greift, sich von der Psychose, die zur Vernichtung führen könnte, zu befreien.

Was den
Advokatenstand
betrifft, so muß der Bauernstand ihm eine bessere Wendung geben. Schaum verschönert vielleicht die Oberfläche des Meeres, nicht aber das Meer selbst. So müßte die Agitation um den numerus clausus für Advokaten charakterisiert werden.

Der numerus clausus ist ein Schaum, der für die Wellen nutzlos ist.

Auf die Frage an Dr. Lupu, ob diese Bewegung nicht irgend einen Widerhall in Frankreich findet, wie es bei Polen der Fall war, als dort eine teilweise hitleristische Bewegung Platz griff und das von Frankreich als eine Annäherung an Deutschland gewertet wurde, antwortete dieser:

Ganz bestimmt. Ich habe sogar präzise Informationen in dieser Richtung. In Paris, London und Rom bestehen gewisse Verdächtigungen uns gegenüber und hier liegt der Schwerpunkt des Problemes. Aber abgesehen von einer ab und zu auftretenden persönlichen Meinung gelten wir im Auslande als demokratischer Staat und es ist Grundsatz, daß uns eine gewisse Einheit mit den Schwesterstaaten, mit welchen wir Seite an Seite gekämpft haben, verbindet. Diese Staaten waren mit uns immer im Kampfe und sie werden vielleicht auch in der Zukunft im Kampfe gegen den gemeinsamen Feind verbunden sein. Das demokratische Rumänien steht heute Seite an Seite mit dem demokratischen Frankreich. Rumäniens Stellung in der Welt ist durch die Unterstützung seitens Frankreichs und Englands, durch das jüngst zustandegekommene Abkommen zwischen Frankreich und Italien, durch das Abkommen mit Rußland durch den Balkanpakt und den Pakt der Kleinen Entente gesichert.

Persönliche Aktionen können diese Garantie nicht zerstören. Wir dürfen in den Fehler anderer Staaten nicht verfallen. Ein Volk, das unter so vielen Opfern die Freiheit erlangte, darf den Kopf nicht wie eine Maus, die, kaum den Schinken gerochen, schon in der Falle steckt und … so schloß Dr. Lupu seine Ausführungen.

(350301r1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Alexandru_Ioan_Cuza
http://de.wikipedia.org/wiki/Spiru_Haret



Seite 2

Frau Nelly Balmos gestorben [S. 2, Mitte]
Im Alter von 58 Jahren ist die Gattin des Generaldirektors Iancu G. Balmos, Frau Nelly Balmos geb. de Zotta, gestorben. Die Verstorbene zeichnete sich durch besondere Charaktereigenschaften aus und erfreute sich in allen Gesellschaftskreisen großer Beliebtheit und Wertschätzung. Das Leichenbegängnis fand gestern, Mittwoch, 3 Uhr nachmittags, vom Trauerhause Str. Episcopul Hacman No. 5 aus, statt.

(350301t2)


Todesfall [S. 2, Mitte, rechts]
Am 21. d. M. verschied nach langem schweren Leiden, im Alter von 73 Jahren Frau Beile Thau-Gottlieb, die Mutter des hiesigen Advokaten Dr. Josef Thau. Der Tod dieser rechtschaffenen Frau hat bei allen, die sie kannten, tiefstes Mitgefühl ausgelöst.

(350301t2)


Die Generalversammlung des Vereines der Kolonialwarenhändler [S. 2, Mitte, rechts]
Mittwoch, den 27. Februar fand die Generalversammlung des Vereines der Kolonialwarenhändler en detail unter Vorsitz des Staatsanwalts Traian Ionescu statt. Es standen sich zwei Listen im Wahlkampfe entgegen. Es wurden gewählt in den Vorstand die Herren Abeles Leon, Adler Samuel, Arm Wilhelm, Brettschneider Aron, Deutscher Aron, Drassinower Emanuel, Katz Leib, Klein Jakob, Moser Dawid, Preiser Salo, Schärf Moses, Schächter Max, Scherzer Berl, Schlomiuk Hersch, Waldmann Moses, Zopler Nuchim, weiters als Ersatz die Herren Händler M., Hermann M., Kahn Karl, Kalkstein S., Kupferschmidt S., Luttinger H., Rosenfeld S., Weintraub K., Zimmermann F., zu Revisoren die Herren Eisermann Simon und Schärf Hermann.

(350301c2)


Seite 4

Salz und Petroleum für Ackerboden [S. 4, Mitte, rechts, oben]
Die Felder der ausgewanderten Türken kauft der Staat

Bucuresti, 27. Februar (Tel. des "Tag"). Zwischen Ackerbauminister Sassu, Innenminister Inculet und dem türkischen Gesandten in Bucuresti Suphi fand eine Beratung in der Angelegenheit des Besitzes der aus der Dobrudscha ausgewanderten Türken statt.

Es wurde beschlossen, daß die Felder und Häuser der ausgewanderten Türken vom rumänischen Staat gekauft werden sollen. Der Kauf soll in einem Vertrag zwischen dem rumänischen und dem türkischen Staat geregelt werden. Man hat vorgeschlagen, daß der Wert der Felder auf den türkischen Staat übertragen werden soll. Die Türkei wird den Auswanderern dafür Bauplätze, Felder und verschiedene landwirtschaftliche Einrichtungsgegenstände geben. Rumänien soll die Kaufsumme an die Türkei in Waren wie Petroleum, Salz usw. entrichten. Die Zahlung soll in höchstens zehn Jahren vorgenommen werden.

(350301w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 870, Samstag, 02.03.35

Postby Klaus Binder on 6. March 2013, 19:18

Seite 1

Furtwängler bedauert [S. 1, links, Mitte]
Berlin, 28. Februar (Tel. des „Tag“). Minister Goebbels empfing heute den Dirigenten Furtwängler zu einer Besprechung. Bei dieser Unterredung soll Furtwängler bemerkt haben, daß er seinen, wie erinnerlich, von der Nazipresse beanständeten Artikel über den Komponisten Hindemit lediglich vom Standpunkte der Musik geschrieben habe. Er bedauerte es, daß der Artikel Folgen und Folgerungen politischer Art nach sich gezogen habe.

Bekanntlich hat Furtwängler als Folge dieses Artikels seine Dirigententätigkeit an der Berliner Staatsoper aufgeben müssen.

(350302w1)


„Das Fieber in Algier steigt“ [S. 1, Mitte, unten, links]
Die Unruhen in Nordafrika - Regniers Reise nach Algier

Paris, 28. Februar (Tel. des „Tag“). Die bevorstehende Reise des französischen Innenministers Regnier nach Algier, wie auch die Einsetzung eines obersten Komitees für Nordafrika in dem über die wichtigsten Mittelmeer- und nordafrikanischen Fragen verhandelt werden soll, haben die Aufmerksamkeit der französischen Bevölkerung auf die Lage in Nordafrika gelenkt.

Aus Algier treffen in Paris wieder alarmierende Nachrichten ein, die von neuen Unruhen und Angriffen auf Juden melden. Nach den blutigen Unruhen von Constantine ist Algier seit Monaten nicht mehr zur Ruhe gekommen. Kürzlich brach in Setif ebenfalls ein Aufstand aus, bei dem es mehrere Tote und zahlreiche Verletzte gab. Jetzt ist es Bel-Addis, in dem eine Erhebung der Eingeborenen im Gange ist. Es ist bereits zu schweren Zusammenstößen gekommen. Die Pariser Presse, die auch schon seit längerer Zeit über die Zustände in Französisch-Nordafrika beunruhigt zeigt, sendet Alarmrufe in die Oeffentlichkeit unter dem Titel „Das Fieber in Algier steigt!“

(350302w1)


Seite 2

Einheitsbewegung unter den Deutschen der Bukowina [S. 2, Mitte, oben]
In der letzten Zeit sind Bestrebungen im Gange, um eine Einheitsfront der Deutschen der Bukowina herzustellen. Zu diesem Zwecke finden Sonntag zwei Versammlungen statt, die vom Leiter der Einheitsbewegung, Professor Hodel, einberufen wurden. An diesen Versammlungen werden auch die Deputierten Dr. Roth, Dr. Herzog, Reuter und Direktor Plattner teilnehmen.

(350302r2)


Betrifft Schabbath lehman Keren Hakajemeth [S. 2, unten, rechts]
Im Zusammenhang mit der Durchführung des Sabbath ieman Keren Hakajemeth werden am Samstag, den 2. März in nachstehenden Bethäusern nachbenannte Gesinnungsganossen über das Thema „Der religiöse Aufbau Palästinas und unser Bodenproblem“ referieren: Tempel: Oberrabbiner Dr. Mark; Große Synagoge: Rabbiner Baruch Hager; Chorschule: Rabbiner Dr. Heitner; Toynbeehalle: Hersch Hellreich; Machsile Schabbes: Baruch Schieber; Rabbiner Weiß Bethaus: Josef Schapira; Bethaus Braun: Schneiersohn; Puder’sches Bethaus: Ing. Geller; Korn’sches Bethaus: Benjamin Löbel; Bojaner Schul: Dawid Auerbach; Bethaus Noe Lehr: Mendel Maier; Libe Reisner’sches Bethaus: Simche Stoliar; Stecher’sches Bethaus: Israel Singer; Bethaus Milnitzer Rebe: Prof. Rabinowicz.

(350302i2)


Seite 4

Die Stimme eines Cernautier Universitätsprofessors [S. 4, Mitte, unten]
In der Zeitschrift „Pandectele Saptamanale“ befaßt sich der Cernautier Universitätsprofessor Alexianu mit der Advokaten- und Studentenbewegung und widmet ein Kapitel auch den Vertretern der Minderheiten in den Barreaus. Professor Alexianu schreibt: Wir stehen der Behauptung, wonach eine große Zahl der Minderheitenadvokaten in den Barreaus eindringen (!), alle Geschäfte zum Schaden des rumänischen Elementes an sich reißen, nicht fremd gegenüber. Wir gehören aber zu denjenigen, die der Ansicht sind, daß in den freien Berufen ebenso wie in jeder öffentlichen Betätigung eine Auswahl und ein Unterschied nur auf natürlichem Wege erfolgen soll. Jede künstliche Methode aber, die zu diesem Zweck angewendet wird, auch wenn sie für den Augenblick gut sein könnte, muß für die Dauer aber ungünstige Resultate zeitigen.

(350302c4)
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http://ro.wikipedia.org/wiki/Gheorghe_Alexianu
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Nr. 871, Sonntag, 03.03.35

Postby Klaus Binder on 7. March 2013, 22:27

Seite 1

Die Kulturwelt rette Carl v. Ossietzky! [S. 1, oben, rechts; S. 8, oben, rechts]
Von Kurt Hiller, Prag

Vorbemerkung der Redaktion
Wir glauben im Sinne des Autors zu sprechen, wenn wir diesen Appell grundsätzlich auch auf die zahlreichen anderen geistigen Menschen ausdehnen, die heute noch um der Treue zu ihren Idee willen in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern sitzen; wie etwa der bekannte parteilose Berliner Anwalt Hans Litten, der ehemalige schlesische Oberpräsident und preussische Finanzminister Lüdemann und der frühere sächsische Ministerpräsident Erich Zeigner, der erst vor einigen Wochen verhaftet wurde. Und erst recht gilt dieser Appell für das große Heer der Namenlosen, die dieses Schicksal teilen.

Zum Thema des Märtyrers ist in neuerer Zeit nicht genug gedacht, nicht genug geschrieben worden. Ich habe ein starkes Misstrauen gegen die Glorifizierung von Märtyrern; sie ist oft die andere, die sichtbare Seite einer heimlichen Genugtuung Minderer über das Mißgeschick der Hervorragenden. Hinzukommt, daß für die Güte einer Sache keineswegs die Qual spricht, die um ihretwillen ihr Verfechter auf sich genommen hat; man kann für eine objektiv schlechte Sache leiden, und eine objektiv gute wird nicht durch den Umstand schlechter, daß einer für sie nicht gelitten hat. Die Richtigkeit der metaphysischen und moralischen Inhalte des Christentums wird nicht etwa durch Jesu Kreuzestod bewiesen und der Inhalt des Buddhismus nicht etwa dadurch widerlegt, daß Gautama ohne Kreuz, ohne Giftbecher, ohne Verfolgungen und Kerker friedvoll-natürlich gestorben ist. Ich glaube, daß Oskar Wilde ein großer Künstler war; aber er war es nicht deshalb, weil er empörenderweise, ohne echte Schuld mehrere Jahre im Zuchthaus schmachtete; und Stefan George ist bestimmt nicht deshalb gering, weil ihm dies Schicksal erspart blieb. Wollen wir uns ein Urteil über Bedeutung und Format eines Königs, der ermordet wurde, eines Staatsmannes, der ermordet wurde, eines Revolutionärs, der ermordet wurde, bilden, so müssen wir eines ganz außer Betracht lassen: das Faktum Mord. Idealisierung des Mannes nur wegen der Tragik seines Lebensausgangs wäre lachhaft sentimental und ekelhaft unsachlich. Ob ein Künstler, ein Politiker groß, ob er gering ist, das entscheidet sich nach seinen Werken, seinem Weltbild, seinem Stil, seinen Lehrmeinungen, seinen Tendenzen, seinem Wollen und Können, seine Taten - immer nach der Leistung, nie nach dem Schicksal. So wenig der Erfolg ein Maßstab des Wertes ist, so wenig ist es der Mißerfolg, selbst nicht der monumentale, tragische, tödliche.

Daher beweist auch das Konzentrationslager weder gegen, noch für den Rang eines seiner Insassen das Mindeste. Sollte, beispielsweise, meine bis März 1933 veröffentlichte Prosa schlecht sein, so würde sie kraft des Umstands, daß ich um ihretwillen bald darauf von Funktionären meines Staats ins Gesicht geschlagen, ausgepeitscht und mit Geschlechtskranken auf den gleichen Latrinenbalken gezwungen worden bin, um keinen Grad besser. Dieser Umstand hat nämlich keine rückwirkende Kraft; wahrscheinlich übrigens auch keine vorwärtswirkende! (Wenn eine vorwärtswirkende: dann fragt sich grundsätzlich noch sehr, ob eine verbessernde oder eine verschlechternde).

Dies alles schick' ich nicht ohne Absicht voraus, wenn ich hiermit die Kulturwelt auffordere, Verwahrung dagegen einzulegen, daß ein hervorragender Europäer, Carl v. Ossietzky, Herausgeber der alten "Weltbühne", unabhängiger Politikdenker, polemischer Essayist großen Schwungs, auf Geheiß der kleinen Tyrannen Deutschlands immer noch gefangen gehalten wird, nachdem er jetzt genau zwei Jahre ununterbrochen in dieser grauenvoll zermürbenden Haft einzig und allein deshalb vegetiert, weil er, einer unserer vorzüglichsten Schriftsteller, in guter Form für gute Dinge eingetreten ist. Für Freiheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Frieden; für Demokratie in einem hochgestuften Sinn; für eine deutsche Republik, die den moralischen Ansprüchen fortgeschrittener Deutscher und Europäer entsprechen würde. Er schrieb gegen die nationalistischen Schlagetote und gegen die demokratischen Schwachmatici; wenn es sein mußte, sogar gegen unfähige Führer des Proletariats. Eine Parteidoktrin band ihn nicht. Er war kein Spatz der linken Publizistik, wie sie in Berlin zu Hunderten herumhüpften; ein Adler, schwebte er über den Parteien mit gewaltiger Flügelspannweite und scharf geschnäbelt; der oft hinunterstieß.

Wenn wir ihn alle so sahen, wenn man erst recht heute im Rückblick ihn so sieht, so heroisiert man ihn damit nicht ins Unfehlbare. Man darf über Ossietzky streiten. Man kann bezweifeln, ob die Linie seines kämpferischen Bemühens immer die richtige war; man kann sich zu seinen polito-philosophischen Grundlagen kritisch stellen; das hängt davon ab, wo man selber steht. Man kann sogar über seine Eignung zum Dirigenten eines Publizistenorchesters verschiedener Meinung sein. Worüber sich unter Urteilsfähigen nicht streiten läßt, ist: der Glanz seiner literarischen Begabung und der blitzende, unbrechbare, kraftvolle Mut, mit dem er öffentlich aussprach, was ihn, und nicht ihn nur, innerlich bewegte. Dieser Glanz und dieser Mut waren in Deutschland seit langem fast ohne Beispiel. Dieser Glanz und dieser Mut sind es, die Ossietzkys Inhaftierung und ihre das übliche Maß weit übersteigende Dauer als einen Mangel an Ritterlichkeit erscheinen lassen, wie er sogar unter Diktatoren nicht selbstverständlich ist.

Am Morgen nach dem Reichstagsbrand, 28. Februar 1933, wurde Ossietzky verhaftet. Er hatte sich gerade einer Freiheit von zehn Wochen erfreut; denn erst knapp vor Weihnachten 1932 war er aus dem Gefängnis (wohin den verantwortlichen Redakteur ein unhaltbares Urteil des Reichsgerichts gebracht hatte) auf Grund eines Amnestiegesetzes entlassen worden, für das sogar die Nationalsozialisten im Reichstag gestimmt hatten. Seit dem 28. Februar 1933 sitzt er in "Schutz"haft; daß er sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht habe, behauptet nichtmal die Geheime Staatspolizei. Er robottet in einem der Konzentrationslager bei Papenburg, im trostlosen Moor zwischen Oldenburg und der holländischen Grenze. Oberster Inspekteur dieser Lager ist der kleine gelbliche Herr Eick, ein vielfacher Mörder. Aus einer Reihe dokumentarischer Veröffentlichen weiß man, wie es in ihnen zugeht: was die

(Schluß von Seite 8)
Gefangenen, zumal die intellektuellen Gefangenen, dort zu erdulden haben.

Wofür leiden sie? Für Ideen, um deren Verwirklichung die Kulturwelt kämpft. Also sollte die Kulturwelt, der Völkerbund eingeschlossen, sich um ihre Rettung bemühen. Das Prinzip der "Nichteinmischung", moralisch unhaltbar, ist durch das Völkerrecht selbst - seit 1919 - aufgehoben. Schon vor einem halben Jahrhundert mischte Europa sich ein, als am Kongo Neger unmenschlich ausgepreßt, als sie von Weißen systematisch gequält, geschunden, gemordet wurden; ein König, ein europäischer König, mußte nachgeben. Die politische Gefangenen Hitler-Deutschlands sind nichts Besseres, aber doch wohl ebenso viel wert wie afrikanische Neger. Karl von Ossietzky, wäre er zufällig statt als Deutscher als Franzose, Engländer, Holländer, Skandinave, Balte, Pole, Czeche, Grieche, Türkei, Schweizer, Lateinamerikaner zur Welt gekommen, säße heute vielleicht, statt als Staatssklave im Moor, im Chefappartement eines Ministeriums, und er verträte womöglich sein Land in der Völkerbundsversammlung. Ein der Hölle Entronnener, appelliere ich an jene Kulturwelt, deren Repräsentant er ist. Wenn sie will, stehen ihr Druckmittel zur Verfügung. Sie wende sie an! Sie rette einen ihren Besten vor dem sicheren Untergang!

(350303w1+350303w8)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Hiller
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Ossietzky
http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Litten
http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Lüdemann_(Politiker)
http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Zeigner



Seite 2

Auszeichnung [S. 2, links, unten]
Mit königl. Dekret Nr. 1718 wurden in Anerkennung ihrer besonderen Verdienste um die einheimische Industrie mit dem Orden "Meritul Comercial si Industrial, Clasa I" ausgezeichnet die Herren: Dr. Lazar Weber, Direktor der Firma "Sapic" Cernauti und Lazar Puschin, Vinikultor, Cernauti.

(350303i2)


Einweihungsfeier im jüdischen Spital [S. 2, Mitte, links]
Unter Teilnahme des Ministers Nistor

Sonntag 11 Uhr vormittags findet im jüdischen Spital die offizielle Einweihung des aufgeführten Neubaues im Beisein der zivilen und militärischen Behörden statt. An der Feier wird auch Arbeitsminister Dr. Nistor, teilnehmen. In einer längeren Rede wird der Gerent der Kultusgemeinde Dr. Menczer auf die soziale Bedeutung dieses Neubaues hinweisen.

(350303c2)


Seite 4

Feuilleton
Der Anzug [S. 4, links, unten]
Von Alfred Polgar

Der Dichter hatte zwei Anzüge und eine Frau. Er trug sie, die Anzüge, abwechselnd. Die Frau nähte ihnen fehlende Knöpfe an und putzte Flecke, die öfters auftraten, mit Benzin fort. Je nach Stimmung sagte sie hierbei: „Du bist ein Schwein“ oder: „Du bist ein Schweinchen“. Sie hielt die Anzüge in Ordnung, indes der Dichter, professionell mit seinem Inneren beschäftigt, sein Aeußeres vernachlässigte.

Er hieß Maximilian. In wärmeren Augenblicken nannte ihn die Frau Milian, in kälteren Max, in Gesellschaft Maxim.

Eines Tages erlitt der blaue Anzug eine schwere Rißwunde. Er zeigte auch sonst peinliche Spuren des Verfalls. Maximilian wollte ihn verschenken, aber die Frau warf einen Blick auf die Zeiten, einen in den leeren Kleiderschrank, einen auf Maximilian, und mit dem Seufzer, den sie tat, verwehte die Schenk-Idee.

Für den blauen hatte die Frau überdies eine Schwäche. Vielleicht, weil er so empfindlich war, vielleicht, weil an ihm, der aus Tagen stammte, in denen dem Haushalt Geld und Liebe geleuchtet hatten, noch ein Widerschein dieses Lichtes haftete, vielleicht, weil der Mann in dem blauen Anzug, wenn auch nicht gerade wohlsituiert, doch noch immerhin situiert aussah, so, daß niemand ihn für einen Dichter gehalten hätte.

Der Schneider war ein kleiner, ein ganz kleiner Schneider. Das Schaufenster seines Gassenladens lockte durch ein Modeplakat, auf dem, in vollkommenen Kleidern erstarrt, glattrasierte Herren und solche mit flaumweichem Spitzbart aneinander vorbeilächelten. Im Laden spielten der Meister und der Bürstenmacher von nebenan Karten. Die Rückseite des Schaufensterplakates diente ihnen als Merkblatt für ihre Spielergebnisse. Erschienen Kunden, was nicht oft geschah, so brachten sie nur geringe Flickarbeit an geringen Kleidern, also wurde der blaue Anzug der hergerichtet, geputzt und gebügelt werden sollte und auch im abgenutzten Zustand noch repräsentierte, mit Achtung empfangen.

Der Meister hatte sein Wohlgefallen an dem Stück. Er besah es, besah die Kundschaft und nickte wehmütig mit dem Kopf, was Verschiedenes bedeuten konnte. Hernach schnaufte und hustete er, denn er litt an Asthma. Die Frau nahm ihm ziemlich brüsk den Anzug aus der Hand: es war eine Gebärde, welche, wenn auch in letzter Verdünnung und Verkümmerung, etwas von der naturgesetzhaften Entschlossenheit an sich hatte, mit der die sprichwörtliche Löwin ihr ebensolches Junges verteidigt. Aber zum Verteidigen gab es hier gar nichts. Der Schneider zeigte Sympathie für den Anzug, fast Zärtlichkeit. Und wie er ihn in den Kasten tat, schob er das Kleiderproletariat, das dort hing, weit beiseite, schuf besonderen Raum für den besonderen Gast.

Ablieferungstermin: Mittwoch. Kein Anzug kam. Donnerstag, nach einer unruhigen Nacht, gingen Frau und Mann zum Schneider. Der Laden zu, die Rollbalken hinuntergelassen. „Max, versteht man das …?“ „Vielleicht ist er fortgefahren, zum Wintersport“. Die Frau ging auf diesen trübseligen Humor nicht ein, sondern ins Bürstengeschäft nebenan. Recht verstört kam sie wieder auf die Straße. „Der Schlag hat ihn getroffen …“ „Tot …?“ - „Tot“. Und nicht ohne leichte Bitterkeit sagte sie wiederum, diesmal allerdings mehr für sich selber: "Versteht man das?!"

Auf dem Weg nach Hause redete sie vom Sterben und dachte hierbei an den Anzug. Und dachten, wie beschämend es sei, daß sie jetzt an ihn dächten. Peinlich, an die Ewigkeit erinnert und zugleich um ein Paar Hosen in Unruhe gestürzt zu werden! Aber das Leben schämt sich nicht vor dem Tode, und der Kulturmensch hat seine Reflexe viel zu wenig in der Gewalt, als daß er, wenn der Schneider stirbt, nicht a tempo sich um den Anzug sorgte, den er jenem zum Flicken und Bügeln übergeben hat.

Anderen Tags war der Laden wieder offen. An Stelle des Modeplakats hing eine handgeschriebene Todesanzeige. Und auf dem Stuhl vor dem Ladenpult, für Kunden bestimmt, fror der Schwager des Hingegangenen. Leicht und rasch, berichtete er, sei der Schneider gestorben, mit der Zeitung in der Hand, und solchen Tod könnte jeder sich nur wünschen. Maximilian und die Frau drückten dennoch ihr Beileid aus, ehe sie nach dem Anzug fragten. Von diesem wußte der Schwager nichts. Mitsammen suchten alle drei im Kleiderschrank und überall in der Werkstatt. Später kam noch die Schwester des Verstorbenen hinzu und suchte auch. Aber der Anzug war fort und blieb fort. Die Leidtragenden (Maximilian und Frau) drängten, nunmehr kalten und immer kälteren Tones, in die Hinterbliebenen, irgendwo müsse er doch sein. Solchem Drängen setzte der Schwager ein Achselzucken entgegen, und die Schwester, den Blick nach oben gewandt, sagte: "Ja ja, wenn einer die Augen schließt!" So, als wollte sie sagen: nicht nur der Tod selber sei ein Rätsel, sondern auch um ihn herum alles rätselhaft, und in seiner dunklen Sphäre das spurlose Verschwinden des Anzugs zwar eine Unerklärlichkeit, aber gewissermaßen eine begreifliche Unerklärlichkeit.

Maximilians Frau ließ sich hierdurch nicht beruhigen, der Schwager schrie: "Wir sind ehrliche Leute!", die Schwester begann zu weinen, und der Dichter (wär er's sonst?) tröstete sie: "Hin ist hin!" Es blieb unklar, ob er den Schneider meinte oder den Anzug.

Der kam nicht wieder. Die Frau beschuldigte niemand, aber wenn sie der verliebten Augen sich erinnerte, die der Meister dem Anzug gemacht hatte, fühlte sie in der Herzgegend Stiche eines unheimlichen lästerlichen Mißtrauens. Es verdichtete sich zwar nicht bis zur gespenstischen Mutmaßung, der Schneider hätte den Anzug mit hinübergenommen, und auch die Variante, er sei absichtlich gestorben, um sich von dem schönen Stück zeitlebens nicht trennen zu müssen, verwarf sie, (obschon ungewöhnlichen Lösungen geneigt und mit den Grundbegriffen der Psychoanalyse oberflächlich bekannt) … aber daß zwischen dem Hingang des Mannes und dem Entschwinden des Kleides Zusammenhänge bestünden, dabei blieb sie.

Jedenfalls empfand sie den Tod des Schneiders als ihr persönliches Mißgeschick.

"Du kannst doch logisch denken, Max. Also, bitte, wo kann der Anzug hingekommen sein?"

"Wenn ich alle Möglichkeiten genau überprüfe, wie sein Verschwinden zu erklären wäre, komme ich zu dem Resultat, daß wir ihn doch lieber hätten herschenken sollen."

"Dann wüßten wir wenigstens, wo er ist, freilich! … Armer Milian, jetzt hast du nur noch einen Anzug."

"Und dich, Liebste!"

(350303i4)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Polgar


Seite 6

Ehekrise im Lande der Polygamie [S. 6, oben, links]
Die Emanzipation der Frau in Aegypten und darüber hinaus im mittleren Osten - die Türkei ausgenommen, wo die Verhältnisse durch den radikalen Eingriff Kemal Paschas anders liegen - macht leise, aber umso sicherere Fortschritte. Hin und wieder wird die Frauenbewegung der orientalischen Oeffentlichkeit durch Ereignisse, die noch vor anderthalb Jahrzehnten "unerhört" und unmöglich gewesen wären, nachdrücklich in Erinnerung gebracht. Nachdem der Schleier in weitesten Kreisen gefallen ist, haben die heranwachsenden Mädchen unter der Führung tapferer Frauen - es seien nur die Namen Fahmy Wissa und Heda Sharawi genannt - ihren Platz auf den Schulen neben den jungen Männern erobert, und nun sind ihre Wünsche - letztes Ziel der geistigen Evolution - auf die große muselmanische Universität, die Ahzar, in Kairo gerichtet.

In diesen Tagen ist der Angriff der Universität auf dieses letzte Bollwerk männlicher Herrlichkeit eingeleitet worden, durch einen Schritt, der großes Aufsehen erregte und eifrig diskutiert wird. Eine Reihe von jungen Aegypterinnen hat sich an das zuständige Ministerium gewandt und die Erlaubnis erbeten, an den Kursen der muselmanischen Universität teilnehmen zu dürfen. Die Mädchen baten den Minister, den Rektor der Universität anzuweisen, ihrer Bitte zu willfahren. Alle Welt war nun gespannt, wie der Minister entscheiden würde. Er hat sich einstweilen aus der Affäre gezogen und den Brief an den Rektor der Ahzar geschickt, ihm die letzte Entscheidung anheimstellend.

Die ersten Schleierlosen
Dieser Schritt der ägyptischen Frauen ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß das, was wir Frauenbewegung nennen, in Aegypten erst seit etwa 15 Jahren sichtbar in Erscheinung tritt. Damals, im Jahre 1919, als die ersten Frauen ohne Schleier das Haus verließen, sahen sie sich den Anpöbelungen und Demonstrationen der Straße ausgesetzt. Heute sind sie im Begriff, ihren Einzug in den Tempel muselmanischer Forschung zu halten, in die Ahzar, seit Bestehen nur den Männern vorbehalten.

Nach den ersten sichtbaren Demonstrationen der orientalischen Frauen im Kampf um ihr Recht im Jahre 1919 wurden vier Jahre später von der ägyptischen Frauenbewegung zwei Forderungen aufgestellt, deren Erfüllung den Vorkämpferinnen schon ein Jahr später als reife Frucht zufiel. Man setzte damals ein Mindestalter für die Heirat der Frau fest, um Kinderheiraten vorzubeugen. Dieses Mindestalter war auf 16 Jahre festgesetzt. Die zweite Forderung verlangte für die Frau das Recht, öffentliche Schulen zu besuchen. Schon ein Jahr später erlangten beide Forderungen Gesetzeskraft. Damit war die erste Bresche geschlagen. Bald konnte man zahlreiche studierende Mädchen finden, die zum Teil ihre akademischen Diplome in Europa erlangten, um dann - in die Heimat zurückgekehrt - den Heranwachsenden als Lehrerinnen den Weg ins Leben zu ebnen. Innerhalb der Frauenbewegung verlangte eine Gruppe auch stürmisch Einlaß in die Gefilde der Politik. Und es sind nunmehr acht Jahre vergangen, daß man in der größten politischen Partei Aegyptens, bei den Wafds, weibliche Kämpfer zählt. Auf dem jüngsten Wafdkongreß vor einigen Wochen konnte man wiederum ein Novum registrieren: die ägyptische Frau als politische Rednerin. Von hier bis zur weiblichen Abgeordneten ist nur noch ein kurzer Schritt.

Kühner Vormarsch
Heute ist die unverschleierte Frau in der Straße keine Seltenheit mehr. Die Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation haben die gesetzten Ziele erreicht, wenngleich dieser kühne Vormarsch der letzten 15 Jahre nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß er zunächst nur für eine kleine soziale Schicht gültig ist.

Mit der Emanzipation der orientalischen Frau ist eine sich immer mehr verschärfende Krise der orientalischen Ehe entstanden, die - bekanntlich polygam, wenngleich unter Gebildeten nur in den seltensten Fällen - durch die Frauenbewegung in ihren Funktionen und Grundlagen bedroht und erschüttert wird. Denn die orientalische Ehe ist fundiert auf der absoluten Vorherrschaft des männlichen Teiles, die auch rechtlich und religiös gesichert ist.

Diese Ehekrise wird in den letzten Jahren immer deutlicher, und wird es in verstärktem Maße werden, wenn die Emanzipation der orientalischen Frau breitere Volksschichten ergreift. Zwar gestalten sich junge Paare, in denen der Mann die Gefährtin deshalb nimmt, weil sie einen gewissen Grad der Emanzipation erreicht hat, ihre Ehe als Einzelfall, als Angelegenheit, die keinen anderen etwas angeht, aus der Kraft ihrer Anschauungen heraus grundsätzlich neu und anders. Aber diese Einzelfälle sind nur Wegbereiter einer Bewegung, die einmal der orientalischen Ehe vom Religiösen und Rechtlichen her eine revolutionäre Reform bringen wird.

Debatte um die Ehe
All diese Probleme, die da auftauchen, beschäftigen natürlich in bewußter Auseinandersetzung nur eine beschränkte Schicht, während sie in der breiten Masse mehr instinktiv gespürt werden. Aber diese bewußte Auseinandersetzung ist umso interessanter und aufschlußreicher, weil sie oft Formen annimmt, die sehr seltsam sind. So hat man jüngst vor einem geladenen Kreis männlicher Intellektueller eine Debatte veranstaltet zwischen Anhängern strenger Tradition, die jeder Frauenbewegung feindlich gegenübersteht - und Anhängern der Anschauung, daß die Frauenbewegung berechtigt und anzuerkennen ist. In dieser stellenweise stürmisch geführten Debatte einigte man sich schließlich in ein Kompromiß. Darin wurde - als wesentliches Moment - den Mädchen ein gewisser Einfluß auf die Gattenwahl zugebilligt und ein Einspruchsrecht gegen die Kaufsumme, die vor allem in minderbemittelten Kreisen häufig vom werdenden Mann an die Eltern des Mädchens zu zahlen ist.

Wo die Männer versagten
Jüngst nahm im Anschluß an diese Debatte ein Universitätsprofessor das Wort und meinte, man müsse zwar den Frauen grundsätzlich das Recht auf Emanzipation zubilligen, aber die Emanzipation möge zunächst Gebiete erfassen, auf denen die Männer offensichtlich versagten. Wie steht es um unsere Säuglingspflege, um unsere Hygiene und ähnliches - so ruft dieser Professor, und stellt damit recht peinliche Fragen. Man könnte zwar im Orient den Kreis, auf dem die Männer versagten, ziehen. Immerhin, diese gewichtige Stimme hat viel Anerkennung auf männlicher wie weiblicher Seite gefunden.

Trotz den Fortschritten und Eroberungen der Frauenbewegung: man darf sich nicht über die Tatsache täuschen, daß die traditionell religiösen und kulturellen Einflüsse noch weit stärker sind, als man in Europa glauben mag, wenn man von der Emanzipation der orientalischen Frau hört, oder zu einem kurzen Besuch weilt. Der Schreiber dieser Zeilen, der seit Jahren freundschaftliche Beziehungen zu "aufgeklärten" Aegyptern unterhält, hat nur ganz selten bei muselmanischen Aegyptern während abendlicher Einladung die Frau des Hauses vorgestellt bekommen. Mag im Verkehr unter Aegyptern auch größere Freiheit herrschen, als Symptom mag diese Feststellung immerhin interessant sein.

(350303w6)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Esther_Fahmy_Wissa


Seite 7

Cosmin (Taschendieb verhaftet) [S. 7, rechts, unten]
Der bekannte Taschendieb Fritz Bardach, der seine Tätigkeit in der letzten Zeit in den Eisenbahnzügen verlegte, wurde heute von der Gendarmerie verhaftet.

(350303i7)
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http://ro.wikipedia.org/wiki/Plaiul_Cosminului,_Adâncata


Seite 8

Parlament
Dr. Lupu will Schotter führen [S. 8, Mitte, rechts]
Bucuresti, 1. März (Tel. des "Tag"). In der heutigen Kammersitzung befaßte sich Dr. Lupu mit der Situation der Motzen und verlangte von der Regierung, diesen Bürgern auch praktische Hilfe angedeihen zu lassen. In erster Linie müßten die Gebirgsstraßen verbessert werden. Er selbst erklärte sich bereit, im Frühling für eine Woche ins Motzengebiet zu fahren, um dort Schotter zur Verbesserung der Straßen zu führen.

(350303r8)
Klaus Binder
 
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Nr. 872, Dienstag, 05.03.35

Postby Klaus Binder on 9. March 2013, 14:37

Seite 1

Die Revolution in Griechenland
Kreta in Händen der Aufständischen [S. 1, oben, links]
Venizelos vogelfrei erklärt

Athen, 3. März (Tel. des "Tag"). Der ausgebrochene Militäraufstand dauert an. Die Regierung hat beschlossen, die Aufstandsbewegung möglichst schnell zu liquidieren. Die der Regierung treugebliebenen Marineeinheiten werden mobilisiert und zur Bekämpfung der in den Händen der Aufständischen befindlichen Kriegsschiffe entsendet. Das Bombardement der aufständischen Kriegsschiffe durch Flugzeuge wurde heute fortgesetzt. Morgen beginnen die Standgerichte über die in die Hände der Regierung gefallenen Rebellen zu urteilen. Einige oppositionelle Abgeordnete wurden verhaftet. Die zweite griechische Kammer, in der Venizelos, der im Hintergrund der Aufstandsbewegung stehende Führer, die Mehrheit hat, wurde aufgelöst.

Die Regierung ist nicht gewillt, mit den Aufständischen Kompromisse zu schließen.

Nach einer bisher unbestätigt gebliebenen Meldung soll Venizelos von der Regierung für vogelfrei erklärt worden sein und kann von jedem Bürger, wo immer er auch angetroffen wird, getötet werden.

Auf Kreta, dem Zentrum der Aufstandsbewegung, sind die aufständischen Schiffseinheiten eingetroffen. Man vermutet, daß die Insel zur Gänze in den Händen der Aufständischen ist.

In Athen herrscht Ruhe, der Belagerungszustand ist im ganzen Lande in Geltung.

Man nimmt in politischen Kreisen an, daß der heutige Tag für die Zukunft Griechenlands entscheidend sein wird.

Venizelos ist bereits ganz offen zu den Aufständischen übergegangen. Bei einer großen Kundgebung auf der Insel Kreta hat er eine aufrührerische Rede gehalten.

Außenminister Maximos, dessen Amt der Ministerpräsident Tsaldaris übernommen hat, und der Marineminister sind von ihren Posten zurückgetreten.

Vor der Wohnung des Kriegsministers explodierte eine Bombe, die jedoch keinen Schaden anrichtete. Der Kriegsminister hat zahlreiche Kommandostellen in Heer und Flotte neu besetzt. Außer den zwei Jahresklassen der Marine werden nunmehr auch zwei Jahresklassen des Landheeres mobilisiert.

Die Zeitungen der Opposition erscheinen nicht. Morgen beginnen vor den Standgerichten die ersten Prozesse gegen aufständische Soldaten. Die Regierung ist entschlossen, ohne jede Schonung vorzugehen. Den Abgeurteilten steht kein Appellweg offen.

Die Regierung hat eine Proklamation an das Volk erlassen, in der die Hintergründe des Aufstandes klargelegt werden. Die Bevölkerung wird aufgefordert, sich auf die Seite der Regierung zu stellen.

62 Todesopfer
Außenminister Maximos und der Marineminister zurückgetreten

Athen, 3. März (Tel. des "Tag"). Die Aufstandsbewegung scheint viel ernster zu sein und einen größeren Umfang anzunehmen als ursprünglich angenommen wurde. Man kann bereits von einem förmlichen Bürgerkrieg sprechen. In Athen gibt es bereits 62 Todesopfer des Aufstandes. Auch Artillerie wurde in den Straßenkämpfen verwendet. Die von einem Vertrauensmann der Regierung mit den aufständischen Kriegsschiffen, die bei der Insel Milon verankert waren, geführten Verhandlungen verliefen ergebnislos.

(350305w1)


Die griechischen Unruhen [S. 1, oben, rechts]
(Von unserem Berichterstatter)

Die "Revolution" scheint mehr privaten Charakter zu tragen; die Bevölkerung beteiligt sich nicht, sondern hält sich mehr oder weniger passiv. Der Aufstand wurde im Ausland vorbereitet und sollte hier von einer Gruppe entschlossener Männer geführt werden.

Von drei Stellen nahm der Staatsstreich seinen Ausgang: vom Marinearsenal von Salamis, von der Militärschule und von einer Athener Kaserne. Außer bei Salamis, wo sich die Aufständischen sofort der vor Anker liegenden Kriegsschiffe bemächtigten, konnte der Aufstand auf dem Festlande im Keime erstickt werden. Der Belagerungszustand wurde sofort proklamiert, und seit gestern herrscht Ruhe im ganzen Lande.

Nachdem sich die Aufständischen der fünf fahrtbreiten Kriegsschiffe, zwei Kreuzer und drei Zerstörer, bemächtigt hatten, fuhren sie der Küste entlang und bombardierten einige Orte, darunter das Dorf Puama, das durch die Kanonenschüsse des Kreuzers "Averow" schwer gelitten hat.

Das Kriegs- und Marineministerium haben sofort die nötigen Maßnahmen ergriffen, indem sie zwei Batterien an der Küste auffahren ließ, durch welche Maßnahme die Rebellen gezwungen wurden, von einer weiteren Beschießung der Küste abzusehen, und in das offene Meer zu fahren.

Gleichzeitig wurde an sämtliche Kriegsflugzeuge der Befehl erteilt, den Schiffen der Rebellen zu folgen, und falls diese sich nicht ergeben sollten, zu bombardieren. Als sich die Flugzeuge den Kriegsschiffen näherten, eröffneten diese das Feuer. Hierauf sahen sich die Kampfflieger gezwungen, Bomben auf die Schiffe abzuwerfen. Der große Kreuzer wurde durch einen Bombenabwurf schwer beschädigt, doch konnte er seine Fahrt fortsetzen, hingegen mußte der Zerstörer "Psara", der ebenfalls durch eine Bombe getroffen wurde, ins Schlepptau genommen werden. Die Flotte erreichte heute die Insel Kreta; bis zur Stunde weiß man noch nicht, wie weit sich Kreta selbst in der Macht der Aufständischen befindet. Die dortigen Behörden hatten noch am Vorabends Instruktionen erhalten, den Aufständischen entgegenzutreten.

Da sich der ehemalige griechische Ministerpräsident Venizelos ebenfalls in Kreta aufhält, bringt man die Aktion der Rebellen mit seiner Person in Verbindung. Bekanntlich fand dieser Tage in Athen die Eröffnung des Prozesses gegen die Attentäter Venizelo's statt, welcher im Juni 1933 nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davonkam. In das Attentat sollen ehemalige hochstehende politische Persönlichkeiten verwickelt sein.

Trotzdem ist diese Nachricht noch mit aller Reserve aufzunehmen. Kreta konnte von den Aufständischen deshalb aufgesucht worden sein, weil sich hier nach dem Festlande der einzig sichere griechische Flottenstützpunkt befindet. Die Nachricht, wonach Venizelos mit den Aufständischen arbeite, erhält sich nichtsdestoweniger, ein Oberst Tsanakokis soll zum Oberkommandanten der Aufständischen in Kreta ernannt worden sein.

Auf dem griechischen Festlande und hauptsächlich in Athen wurden weitgehende Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die Regierung ließ viele politische Persönlichkeiten verhaften, darunter den Arbeiterführer Papanastasiu, den ehemaligen Ministerpräsidenten Griechenlands.

In offiziellen Kreisen ist man der Ansicht, daß die Initiative des Aufstandes einigen Militärpersönlichkeiten zuzuschreiben ist, die der Partei Venizelos angehören und im März 1933 aus der Armee verwiesen wurden, weil sie schon einmal einen Staatsstreich planten. Die Regierung hat auch die Auflösung des griechischen Oberhauses verfügt, in dem die Venizelisten die Mehrheit haben. Außer Militärpersonen wurden noch Abgeordnete, Senatoren, Redakteure der venezelistischen Zeitungen, sowie die Führer der "Liga zur Verteidigung der Republik" verhaftet.

Sicher ist bis jetzt nur, daß der General Plastiras, der sich im Auslande, und zwar in Cannes (Frankreich), befindet, den Aufstand technisch vorbereitet hat. Die politischen Drahtzieher werden wahrscheinlich in Kürze erforscht sein, bis jetzt ist man auf Vermutungen angewiesen.

(350305w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Eleftherios_Venizelos


Seite 2

Rumänische Studenten beglückwünschen Deutschland [S. 2, links, Mitte]
Unter diesem Titel lesen wir in der "Deutschen Tagespost": Freitag um halb 10 Uhr abends erschien eine 30 Köpfe starke Abordnung der rumänischen nationalistischen Studenten im hiesigen deutschen Konsulat, um dem Konsul anläßlich der Rückgliederung des Saargebietes die Glückwünsche auszusprechen. Im Namen der rumänischen Abordnung sprach der Student Biceaga, während die Abordnung in Dreierreihen Aufstellung nahm und die Vertreter des deutschen Konsulates mit erhobenem Arm grüßte. Die Abordnung wurde in Abwesenheit des deutschen Konsuls vom Konsulatssekretär Springer empfangen, der der Abordnung in seiner Antwort in fließendem Rumänisch den Dank für die dargebrachten Glückwünsche aussprach.

Darüber kann man sich viele Gedanken machen - aber nicht schreiben.

(350305r2)
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• Es handelt sich mutmaßlich um die „Czernowitzer Deutsche Tagespost“.


Seite 3

Neubau des jüdischen Spitals wird eingeweiht [S. 3, oben, links]
Imposante Feierlichkeit
Stadtpräsident Marmeliuc: Der heutige Tag soll für die Zusammenarbeit aller Bürger symbolisch sein


Der gestrige Sonntag stand im Zeichen einer erhebenden Feier, die anläßlich der Einweihung des Neubaues des jüdischen Spitals in Anwesenheit der Behörden und von Vertretern aller Berufsstände veranstaltet wurde. Schon lange vor 11 Uhr, für welche Zeit der Beginn der Feier angesetzt war, strömten große Menschenmengen in das jüdische Spital, um der Feier beizuwohnen. Die Feier gewann dadurch an Bedeutung, daß an ihr Arbeitsminister Dr. Nistor, der hier als Gast weilende Dekan der medizinischen Fakultät von Genua, Pende, ferner Stadtpräsident Dr. Marmeliuc, Bezirkspräfekt Vantu, der Präfekt von Storojineti Apati, Deputierter Dr. Morariu, Generalsanitätsinspektor Dr. Teodorescu, für die Polizeibehörde Quästursekretär Grossariu und Oberrat Dr. Hammer, der Präsident des Verwaltungsrates des Elektrizitätswerkes Dr. Bodea, die Mitglieder der Interimarkommission der Stadtgemeinde, Industrieller Albert von Anhauch, Regierungskommissär der Sparkasse Advokat Gheorghian, Chefarzt Dr. Strejac, die Präsidenten und Präsidentinnen aller sozialen Wohltätigkeitsinstitutionen und die Vertreter aller jüdischen Studentenverbindungen, die, in Kappe und Band, Aufstellung genommen hatten, sowie andere Persönlichkeiten teilnahmen. Die gesamte Aerzteschaft des Jüdischen Spitals, deren Vertreter in ihren weißen Arbeitsmänteln an der Estrade Aufstellung genommen hatten, die Krankenschwestern, mehrere Militärärzte, Apotheker, sowie die als Gäste geladenen Aerzte ließen erkennen, daß es sich um eine Spitalsfeier handle.

Umgeben von den offiziellen Vertretern der Behörden, vom gesamten Kultusvorstand, den Aerzten und Krankenschwestern, betrat Oberrabbiner Dr. Mark eine improvisierte Kanzel und hielt nach Beendigung des Gottesdienstes eine eindrucksvolle Predigt über die Bedeutung der Feier; er weist darauf hin, daß sich trotz des Egoismus, der heute mehr denn je überall Triumphe feiert, trotz der Sucht nach Vergnügen und Unterhaltung, noch Menschen fanden, die einen Teil ihres Eigentums hergaben, wodurch die Schaffung dieses Werkes, das zum Wohle der leidenden Menschheit errichtet wurde, ermöglicht werden konnte. Oberrabbiner Dr. Mark erinnert daran, daß die jüdische Geschichte reich an leitenden Persönlichkeiten, die dem Aerztestande angehörten, sei, so war z. B. der große Gelehrte Ramban Arzt. Nach Anschlagen der "Mesusa" erklärt Oberrabbiner Dr. Mark die Bedeutung dieses rituellen Wahrzeichens; das dazu dient, die bösen Geister vom Menschen fernzuhalten und die schlechten dem Menschen innewohnenden Triebe zu bannen. Der Neubau dieses Spitals möge ein Symbol der Nächstenliebe ohne Unterschied der Konfession und der Nation darstellen. (Diese Stelle der Rede löste lebhaften Beifall aus.)

Es spricht hernach der Präsident der Interimarkommission der Kultusgemeinde, Dr. Menczer, der einleitend die Vertreter der Behörden begrüßt und auf das Legat hinweist, das das verewigte Fräulein Fanny Rosenzweig zum Zwecke der Ermöglichung dieses Spitalsneubaues hinterlassen hat. Der Bau dieses Hauses, das der Linderung der Schmerzen dient, wurde schon im Jahre 1932 in Angriff genommen, konnte jedoch infolge des Mangels materieller Mittel nicht beendet werden. Die Interimarkommission hat gleich bei Uebernahme ihrer Tätigkeit alle Hebel in Bewegung gesetzt und durch Geldsammlungen eine Million Lei aufgebracht, wodurch die Fertigstellung des Baues ermöglicht wurde. Obwohl die Interimarkommission alle Hände zu tun hatte, um das in der Kultusgemeinde angetroffene Chaos zu beseitigen, wurde der Frage der Fertigstellung des Neubaues große Aufmerksamkeit geschenkt und schließlich gelang es doch, in relativ kurzer Zeit das projektierte Werk zu verwirklichen. Und nun sehen wir heute diesen Neubau, der dank der hohen Erlaubnis seiner Majestät Königs Carol II, die Benennung "Jüdisches Spital König Ferdinand I" führt, in Erinnerung an diesen gerechten und guten Monarchen, den Begründer Großrumäniens, der mit gleicher Liebe alle Bürger dieses Landes, ohne Unterschied der ethnischen Abstammung, in sein Herz schloß, vollendet. Das Augenmerk der Interimarkommission soll nun auf einen weiteren Ausbau des Jüdischen Spitals gerichtet sein. Dieses Spital hat nicht nur die Berufung, die physischen Leiden der Menschen zu lindern, es erfüllt auch einen sozialen und ethischen Zweck, und zwar, die Menschen in ihren gemeinsamen Leiden näher zu bringen und zu verbrüdern. Im Spital kommen sich die Menschen in ihren gemeinsamen Leiden näher, sie verbrüdern sich und vergessen der Leidenschaften und des Hasses, die ihre Seelen vergiften. Die Leiden stählen ihre Seelen und sie sehen jetzt erst, wie inhaltslos ihre Rivalitäten und die Feindseligkeiten sind. Ich bin glücklich, fährt Dr. Menczer fort, in diesem feierlichen Augenblick erklären zu können, daß die jüdische Gemeinde ebenso wie bisher alle Leidenden ohne Unterschied der Konfession und Nation aufnimmt und daß für die Gemeinde nur das Leiden ausschlaggebend ist. Diese Tradition wird zum Wohle der Menschheit auch weiter bestehen. Dieses Spital ist aber noch nicht fertiggestellt und bedarf eines Ausbaues, daher appelliere ich an die Behörden dieser Frage ihre Unterstützung angedeihen zu lassen. Dr. Menczer dankt allen jenen, die an der Erbauung des Spitals beigetragen haben, besonders dem Vizepräsidenten Solomovici für die Mühe, der er sich ein Jahr lang unterzogen hat, um den Neubau beendet zu sehen. Die Bevölkerung wird ihm dieses Werk nie vergessen. Er dankt hernach den Architekten Maurüber und Rothleder für die ausgezeichneten Fachkenntnisse, die sie im Dienste dieses Spitals gestellt haben, sowie dem Tenor Joseph Schmidt. Schließlich dankt er allen Mitgliedern der Interimarkommission für ihre segensreiche Mitarbeit, ohne welche ein so bedeutendes Werk nicht möglich gewesen wäre. Zum Schluß drückt Dr. Menczer seine Befriedigung über die Anwesenheit der Behörden aus und sagt:

"In diesem hehren Augenblick verweilen unsere Gedanken bei demjenigen, der für uns die Garantie für die Sicherheit des von allen geliebten Vaterlandes, für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung, sowie für den Fortschritt der Bevölkerung die in Freiheit und Brüderlichkeit auf diesem Boden lebt, darstellt. Daher wollen wir alle ausrufen: Es lebe König Carol II! Alle Anwesenden stimmen in den Ruf "Sa traiasca Regele Carol II" ein, worauf ein jüdischer Chor mit großer Begeisterung die Königshymne sang.

Die jüdischen Studenten standen während dessen in Salutstellung und brachten so ihre Huldigung für den König dar.

Direktor Ohrenstein gibt hernach einen historischen Überblick über die Entwicklung des jüdischen Spitals und erklärt, daß im Jahre 1850 der Bekannte Philanthrop Markus Zucker eine Parzelle der Gemeinde zur Verfügung gestellt habe, mit der Bestimmung, daß auf ihr der Grundstein für die Erbauung eines jüdischen Spitals gelegt werde. Seither war nahezu ein dreiviertel Jahrhundert verstrichen, als sich wieder eine Philanthropin, Fräulein Fanny Rosenzweig, meldete und der Loge-Bnei Brith ein Legat mit der Bestimmung vermachte, den Neubau im jüdischen Spital vorzunehmen. Direktor Ohrenstein erinnert an die Tätigkeit Dr. Strauchers und an die Gerentschaft Dr. Ebner-Fleminger und erläutert die nach dem Kriegsende durchgeführten Arbeiten im jüdischen Spital. Dieser Neubau wurde von der früheren Gemeindeleitung in Angriff genommen und nun ist es der gegenwärtigen Gerentschaft gelungen, das begonnene Werk zu vollenden. Das war nur möglich, weil es dem gegenwärtigen Gerenten Dr. Menczer, der einen Feldherrenblick hat, gelungen ist, eine richtige Auswahl in der Zusammensetzung der Interimarkommission zu treffen, und weil sich alle in den Dienst der guten Sache stellten. Die Tätigkeit des Vizepräsidenten Solomovici, der so viel Tatkraft aufbrachte, grenzt geradezu an Zauber.

Direktor Ohrenstein appelliert an Alle, dem jüdischen Spital auch weiterhin Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen.

Von starkem Beifall begrüßt spricht hernach Stadtpräsident Dr. Marmeliuc, der auf die besondere Bedeutung dieser Feier hinwies und andere folgendes ausführte: In dieser schweren moralischen und materiellen Krise, die wir alle durchleben, ist die heutige Feier ein Symbol dafür, daß wir noch widerstandsfähig sind. In dieser Zeit, in der der Egoismus überall Platz gegriffen hat, haben sich noch Menschen mit Herz gefunden, die soviel Interesse für dieses charitative, soziale und ethische Werk aufbrachten. Diese Feier möge für uns als Vorbild dienen, daß sich die Menschen nicht nur in ihren Leiden, sondern in allen großen Werken brüderlich vereinen und finden. Er beglückwünscht Dr. Menczer und den Vizepräsidenten Solomovici sowie den gesamten Vorstand für dieses große Werk und verspricht im Namen der Stadtgemeine, die Unterstützung der jüdischen Gemeinde nicht zu versagen.

Bezirkspräsident Vantu erklärt, seine Anwesenheit möge dahin gedeutet werden, daß die Regierung und der Bezirk für alle Fragen von öffentlichem Interesse Sinn bekunden. Er beglückwünsche den Gerenten Dr. Menczer, der den Rhythmus der Zeit verstanden habe und die große Energie aufbrachte, dieses soziale Werk zu vollführen. Er nehme mit Genugtuung die Mitteilung zur Kenntnis, daß dieses Spital alle Bürger des Landes ohne Unterschied der Konfession und Rasse aufnehme. Bezirkspräfekt Vantu erklärte zum Schluß, er werde bei den Zentralstellen für eine Unterstützung des jüdischen Spitals intervenieren.

Vizepräsident Solomovici gibt Aufklärungen über die Arbeiten, die in diesem Neubau durchgeführt wurden, wenn sie auch noch nicht beendet sind. Dem Neubau fehlen noch einige ärztliche Behelfe, wie eine Röntgenanlage, ec. Aber er hoffe, daß das Sanitätsministerium in dieser Richtung die Unterstützung nicht versagen werde. Herr Solomovici dankt Direktor Ohrenstein und allen Ärzten für ihre Unterstützung und für ihre segensreiche Tätigkeit.

Es sprechen hernach Dr. Goldfrucht im Namen der Rettungsgesellschaft und des Ärzteverbandes, Frau Dr. Weich im Namen des jüdischen Frauenhilfsvereines, Präsident Klüger im Namen der Loge "Bnei Brith", in deren Namen er auch eine Spende von 30.000 Lei überreichte, Fräulein Klinger in hebräischer Sprache, Dr. Grünberg im Namen der Einheitspartei, und Direktor Pines für die jüdisch-beßarab. Landsmannschaft.

Nach einer Besichtigung der Räume wurden die Gäste zu einem Imbiß eingeladen. Die Gattinnen des Gerenten Menczer, des Vizegerenten Dr. Greif und Frau Kultusvorsteher Claire Zwecker waren liebenswürdige Gastgeberinnen und sorgten für anhaltende gute Stimmung. Im inoffiziellen Teil sprach Generalsanitätsinspektor Dr. Teodorescu über die Bedeutung des Neubaues und beglückwünschte die Leitung der jüdischen Gemeinde zu diesem großen Werk, für das er nur Worte des Lobes findet. Auch künftighin werde ein Zusammenarbeiten zwischen der Ärzteschaft des jüdischen Spitals und dem Generalinspektorat bestehen. Er wünsche jedoch, daß es so wenig als möglich Kranke gebe.

Der Zubau des jüdischen Spitals wurde noch im Jahre 1932 begonnen. Der Kostenaufwand betrug über zwei Millionen Lei. Es wurde lediglich ein Trakt mit einem Stockwerk aufgeführt, während zwei Drittel des Baues einem späteren Zeitpunkt überlassen bleiben. Im ersten Stockwerk sind mehrere große geräumige Zimmer, mit je sechs Betten, ein moderner Operationssaal, sowie ein größeres Aerzte- und Krankenschwesterzimmer eingerichtet. Die wichtigsten Arbeiten wurden von den Handwerkern Ternbach, Gewürz, Trichter, Philipp Dickman und Hochmann ausgeführt.

(350305c3)


Tribunalpräsident Tomasciuc gestorben [S. 3, Mitte, rechts, oben]
Im Alter von 55 Jahren ist Tribunalpräsident Victor Tomasciuc, eine führende Persönlichkeit dieser Stadt und eine Zierde des Richterstandes, gestorben. Die Beerdigung findet heute Montag um 3 Uhr nachmittags von der Friedhofskapelle aus statt.

(350305t3)

Seite 4

Furtwänglers Kapitulation [S. 4, unten, rechts]
Berlin, 3. März. In deutschen Musikerkreisen wird es lebhaft begrüßt, daß Wilhelm Furtwängler wieder in aller Oeffentlichkeit seine Tätigkeit als Dirigent aufnehmen wird. Man hält es für sicher, daß Furtwängler von neuem an die Spitze der Berliner Philharmoniker tritt. Die künstlerische Leitung der Berliner Staatsoper dürfte Furtwängler nicht übertragen werden, Clemens Krauß wird dort auch in Zukunft die Direktion innehaben, doch besteht die Absicht, Furtwängler öfter als Gastdirigenten heranzuziehen.

(350305w4)
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Nr. 873, Mittwoch, 06.03.35

Postby Klaus Binder on 9. March 2013, 15:03

Seite 2

Stürmischer Wahlkampf der Deutschen in Cernauti [S. 2, oben, Mitte]
Der Sonntag stand im Zeichen der Kampagne für die Wahlen in den deutschen Volksrat, die bekanntlich für den 10. d. M. anberaumt wurden. Vormittags fand in der Turnhalle der evangelischen Schule eine Versammlung der "offiziellen" Einheitspartei statt, in der als Gäste die Parlamentarier Dr. Roth (Sibiu), Dir. Plattner (Sibiu) und Dr. Kräuter (Timisoara) sprachen. Die Versammlung wurde von Dr. Hodel eröffnet. Als die zahlreichen im Versammlungslokal anwesenden Vertreter der Opposition die Redner durch laute Zwischenrufe unterbrachen, die sich zumeist auf die Transaktionen der Landwirtschaftsbank bezogen, griff die Polizei ein und veranlaßte die Entfernung der Ruhestörer. Nachmittags fand im Deutschen Haus in Rosch eine Versammlung statt, bei der es gleichfalls zu Zwischenfällen kam, indem Anhänger der (nationalsozialistischen) Erneuerungsbewegung von ihren Gegnern insultiert wurden. Der in der str. Vasilco 7 wohnhafte Hans Hubich wurde von einem gewissen Robert Huber arg verprügelt. Die katholische Bewegung, die von Diözesendirektor Pater Göbel geführt wird, hat bisher keine Wahlversammlung abgehalten.

(350306c2)


Ankündigung
Danksagung [S. 2, unten, Mitte]
Aus Anlass des Ablebens unserer teueren unvergesslichen

Nelly Balmos geb. von Zotta

sind uns zahlreiche Beweise inniger Anteilnahme an unserem grossen Schmerze zum Ausdrucke gebracht worden.

Ausser Stande, unseren tiefempfundenen Dank persönlich abzustatten, sei auf diesem Wege allen Verwandten, Freunden und Bekannten, die an dem Leichenbegängnisse persönlich teilgenommen, uns schriftlich und mündlich ihr Beileid zum Ausdruck gebracht und das Andenken der teueren Verblichenen durch Kranzspenden und Kranzablösungen geehrt haben, vom ganzen Herzen gedankt.

Die tieftrauernden Familien
Balmos, Zotta, Pridie und Gribovici

(350306t2)


Seite 3

Rumänisches Archiv kommt aus Rußland [S. 3, oben, links]
Aus Bucuresti wird berichtet: Die Behörden wurden verständigt, daß die 1000 Kisten, in welchen das mit dem Staatsschatz nach Rußland transportierte Archiv untergebracht ist, vor einigen Tagen einwaggoniert wurden. Der Zug, der bereits auf dem Wege nach Rumänien ist, wird von GPU-Agenten begleitet, und dürfte Ende nächster Woche in Bucuresti eintreffen.

(350306r3)


Seite 4

Der "Schwarze Adler" in London [S. 4, oben, Mitte]
London, 3. März (Tel. des "Tag"). Gestern ist hier der schwarze Fliegeroberst Hubert Julian mit seinen 15 von ihm ausgebildeten und bezahlten schwarzen Piloten eingetroffen. Sobald ihre Flugzeuge aus Amerika eintreffen, werden sie sich nach Addis Abbeba begeben, um ihre Dienste dem abessinischen Kaiser anzubieten. Sie wollen so zur Verteidigung des letzten schwarzen Reiches beitragen.

(350306w4)
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http://en.wikipedia.org/wiki/Hubert_Julian
DER SPIEGEL „Bei Julian ist nichts unmöglich“ (1949)
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Nr. 874, Donnerstag, 07.03.35

Postby Klaus Binder on 10. March 2013, 09:17

Seite 1

Masaryk 85 Jahre alt [S. 1, links, Mitte]
Der Präsident der czechoslowakischen Republik, Thomas G. Masaryk, begeht am 7. März seinen 85. Geburtstag und wird aus diesem Anlaß überall gefeiert. Der Jubilar stammt aus einer armen südmährischen Familie. Seine Universitätsstudien und Anfänge der Universitätslaufbahn sind mit Wien verknüpft. Als er 1882 in der Eigenschaft eines Universitätsprofessors an die böhmische Universität in Prag, den Mittelpunkt des czechischen nationalen und kulturellen Lebens, kommt, ruft er eine wissenschaftliche und kritische Bewegung hervor, in der er sich nicht nur als Organisator, sondern auch als zäher Vorkämpfer der wissenschaftlichen Wahrheit gegen die Vorurteile der öffentlichen Meinung betätigt. Am Anfang der 90er Jahre beschreitet er die politische Laufbahn, kehrt aber bald zur wissenschaftlichen Arbeit zurück, baut die czechische Nationalphilosophie aus und sucht die Grundidee der böhmischen Geschichte im Gedanken der Menschlichkeit. Diese Konzeption ist zur Grundlage seiner erneuerten politischen Praxis geworden. Seine europäische Orientierung und sein hohes Interesse für die slawischen Nationen führen ihn zur scharfen Kritik der österreichisch-ungarischen auswärtigen Politik; im Laufe der politischen Prozesse gegen die Südslawen entlarvt er die Unmoral der Waffen, deren sich die Monarchie in ihrer Balkanpolitik bediente. So gerät er in eine grundsätzliche Opposition zur Monarchie, verliert den Glauben an ihre Sendung und Existenz, und als der Krieg ausbricht, geht er ins Ausland, um hier gegen sie den czechoslowakischen Abwehrkampf zu organisieren. Er war dessen Führer als Vorsitzender des czechoslowakischen Nationalrates, des führenden Organes der czechoslowakischen politischen Emigration und der czechoslowakischen Abwehr, wirkte in der Schweiz, in Frankreich, England, Rußland, sowie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und kehrte, als Sieger und Oberhaupt des neuen Staates gefeiert, im Dezember des Jahres 1919 zurück. Seine führende Rolle im Kampfe um die politische Befreiung seines Volkes stellte er 1925 im Memoiren-Bande "Die Weltrevolution" dar. Zum Präsidenten des erneuerten Staates wurde er im Jahre 1918 proklamiert, worauf er durch die Wahl vom Jahre 1920 in dieser Eigenschaft bestätigt und in den Jahren 1927 und 1934 wiedergewählt ward.

(350307w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Tomáš_Garrigue_Masaryk


Masaryk wird gefeiert [S. 1, Mitte, unten, links]
Bucuresti, 5. März (Tel. des "Tag"). Donnerstag wird das Parlament eine Festsitzung für Masaryk abhalten. An der Feier wird auch das diplomatische Korps teilnehmen. Die Festrede wird Ministerpräsident Tatarescu halten.

(350307r1)


Seite 2

Steuerreglement der Stadtgemeinde [S. 2, oben, links]
Heute nachmittags findet eine Sitzung der Interimarkommission statt, in der der Beschluß auf Benennung einer Straße nach Masaryk gefaßt werden soll. Weiters wird das von der Kommission ausgearbeitete Steuerreglement von der Interimarkommission überprüft und genehmigt. In der gestern unter dem Vorsitz des Stadtpräsidenten Dr. Marmeliuc stattgefundenen Sitzung der Interimarkommission wurden drei Uebernahmskommissionen für die Lieferungen an die Stadtgemeinde bestimmt und der Beschluß gefaßt, den Standplatz der Autobusse nach Sadagura von dem Platz vor der polnischen Kirche in die strada Evreasca, in der Nähe des Benzindepots Einhorn, zu verlegen.

(350307c2)
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Nr. 875, Freitag, 08.03.35

Postby Klaus Binder on 14. March 2013, 20:13

Seite 1

Leitartikel
Der Führer ist krank [S. 1, oben, rechts]
Seit der unbefriedigenden Antwortnote der deutschen Regierung hat die ganze Welt gespannt auf die Resultate gewartet, die die Reise des englischen Außenministers Sir John Simon nach Berlin bringen sollte. Man war neugierig, die Stellungnahme Deutschlands zur Garantie seiner Ost- und Südgrenzen kennen zu lernen, da von ihr die Zukunft des europäischen Friedens abhängt, und vor allem durch eine deutsche Aeußerung in diesen Fragen einmal ein dicker Strich unter die Tätigkeit der europäischen Diplomatie gezogen werden konnte, der es erlaubt hätte, einen klaren Rück- und Ausblick für die Politiker zu schaffen. Man war umso gespannter, als kein Mensch wußte, wie sich Berlin aus einer komplizierten Lage herauswinden werde, da Deutschland durch eine kurzsichtige Politik vor das Dilemma gestellt wurde, entweder auf seine kriegerischen Eroberungspläne endgültig zu verzichten oder isoliert zu bleiben.

Am 7. März hätte der englische Außenminister in Begleitung des Lordsiegelbewahrers Eden nach Berlin reisen sollen.

Da wird Hitler plötzlich nach einer offiziellen Meldung krank.

Es darf nicht Wunder nehmen, wenn man aus einem Lande, aus dem soviel Lügen und tendenziöse Meldungen kommen, auch dieser Nachricht etwas Ungläubigkeit entgegenbringt und durch die Weltpresse allerlei Gemunkel raunt. Vielerorts spricht man von einer „diplomatischen Krankheit.“ Es kann aber sein, daß der nationalsozialistische Nachrichtendienst ausnahmsweise die Wahrheit berichtet und Hitler wirklich krank ist; in diesem Fall hat aber die deutsche Diplomatie ein besonderes Glück, da sie für einige Zeit peinlichen Besprechungen aus dem Wege geht.

Nichtsdestoweniger wird durch die Erkrankung Hitlers und durch die Verschiebung der Reise Simons ein wunder Punkt aufgelegt, der alle autoritären Staatsformen betrifft. Seit jeher fragt man sich schon ängstlich, wie es einem Staat ergehen soll, dessen Wohl und Wehe von der „Genialität“ eines einzigen Mannes abhängt, und wenn dieser einzige Mann - Gottbehüte - stirbt oder nur krank wird. Hitler ist angeblich etwas heiser - und die Weltgeschichte steht für einige Augenblicke still; allerdings muß zugegeben werden, daß Hitler ohne Stimme ärger gehandicapt ist als ein Denker ohne Gehirn. Da lobe man sich doch noch die Staaten, in denen es weniger „autoritär“ zugeht und in denen die Regierung ein „Waschlappen“ ist, aber man nicht jeden Augenblick um die Temperatur und den Stuhlgang des Chefs besorgt sein muß. Da sehe man sich z. B. Frankreich an, in dem es nach Ansicht autoritärer Köpfe mit dem „Führen“ des Staates äußerst anarchistisch zugehen soll: seit der Dritten Republik hat es fast hundert Regierungswechsel gegeben und auch der Posten des Präsidenten wird durchschnittlich fast alle drei Jahre gewechselt, außerdem haben hier die verderbenbringenden „Marxisten“ mächtig drein zu reden und ein numerus clausus für die Juden wurde noch nicht einmal als einziges Mittel zur Rettung der Zivilisation angepriesen - und trotzdem hat kein Land eine so sichere und feste politische Linie eingehalten wie gerade Frankreich: seit dem Kriege wurde die außenpolitische Richtung der großen Republik nicht um ein Jota verrückt. Wenn man sich demgegenüber die Seitensprünge so mancher „autoritärer Staaten“ in außenpolitischen Angelegenheiten ansieht, wie z. B. Deutschlands, Polens oder Ungarns, dann kann man sich wahrlich fragen, ob es sich auszahlt, alle demokratischen Freiheiten über Bord zu werfen, nur um einem Abenteuer Platz zu machen.

Man hat vielfach die plötzliche Erkrankung Hitlers mit der Veröffentlichung des britischen „Weißbuches“ in Verbindung gebracht. Wenn man auch die Theorie des Weißbuches als Heiserkeitserreger gelegentlich verwerfen kann, so muß man sich doch noch eingestehen, daß sein Inhalt in Berlin alles andere als Wohlbehagen hervorgerufen hat.

Was ist eigentlich das Weißbuch? Es handelt sich um eine Sammlung von Dokumenten, durch die die britische Regierung die Erhöhung des Rüstungsbudgets rechtfertigt. Hauptsächlich geschieht das durch Berichte über den Stand der deutschen Rüstungen und die Anprangerung der kriegerischen Geisteshaltung, in der die deutsche Bevölkerung und besonders die deutsche Jugend hineinversetzt wurden, denn es genügt nicht, daß die nötigen Waffen zum Kriegführen vorhanden sind, es muß auch den Willen zum Krieg und die Lust zur Zerstörung geben. Die deutsche Jugend wird in Haß gegen alles, was der deutschen Rasse nicht angehört, erzogen und so jedes Gefühl der Menschlichkeit bei diesem Volke im Keim erstickt.

Mit der Veröffentlichung des Weißbuches beginnt aber auch ein neues Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte: die Aufrüstung im Zeichen des Rüstungswettlaufes, nachdem die Abrüstungskonferenz von Deutschland torpediert worden ist. Hitler-Deutschland bereitet den nächsten Weltkrieg materiell und seelisch vor und die Welt wird nicht eher zur Ruhe kommen, als bis nicht die Clique, die schon namenloses Elend über die Welt gebracht hat, endgültig ihre Machtstellung in Deutschland verloren haben wird.
Dr. Als.

(350308w1)


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Todesfall [S. 2, Mitte, links]
Im Alter von 67 Jahren ist hier der Gemeindepensionist, Herr Constantin Popenco, gestorben. Der Verstorbene hat sich um die städtische Feuerwehr als einer ihrer bewährtesten Unteroffiziere große Verdienste erworben. Das Leichenbegängnis hat unter großer Beteiligung stattgefunden.

(350308t2)


„Vereinigung der ortodoxen Juden“ in Cernauti [S. 2, rechts, Mitte]
Mittwoch, den 27. Februar, hat im Bethause des Milnitzer Rabbiners eine Sitzung des Ausschusses des Vereines der ortodoxen Juden stattgefunden, an der auch viele aktive „Misrachisten“ teilnahmen. Es wurde die Stellungnahme der ortodoxen Partei zu den bevorstehenden Kultusratswahlen beraten. Weiters wurde einmütig zum Ausdruck gebracht, daß sämtliche misrachistische Mitglieder wie ein Mann geschlossen hinter der „Vereinigung der ortodoxen Juden“ stehen, dessen führende Männer langjährige, aktive und wertvolle Misrachisten sind, die auch die Gewähr bieten, die Interessen der religiösen Bevölkerung im Kultusrate in würdiger Form wahrzunehmen. Sodann wurde ein aus 60 Mitgliedern bestehendes Vertrauensmännerkomitee gewählt, welches sich aus folgenden Herren zusammensetzt: Israel Sperber, Selig Wagschal, H. Wuhl, Jacob Heitner, Gabriel Sokal, J. L. Rand, A. Heitner, J. Rim, J. M. Weißelberger, Moses Sigal, Leib Korn, Berl Korn, Israel Rosen, Moses Hermann, Elieser Heitner, Michel Fried, S. Schäfler, O. Pohoryles, Wolf Fliegelmann, H. J. Gottlieb, G. Tauber, L. Schieber, D. Schulsinger, J. Goldringer, Wolf Sigal, G. Weißbach. L., Löbel, M. Heitner, J. Hollenberg, H. Kohan, J. Horowitz, E. Krässel, F. Rath, A. Schächter, Sch. Schächter, S. Wohlmann, A. Fuhrmann, N. Fränkel, H. Engel, D. Weigel, Z. Picker, M. Weinrauch, W. Sperber, E. Steinholz, M. Hammer, N. Seidmann, B. Maurüber, J. Tritt, Sch. Streicher, B. Blank, S. H. Winkler, S. Wiznitzer, J. Schwarz, E. Kriegsmann, B. Schieber, J. Kaswan, M. Goldmann, D. Watter, J. Eisikowicz, J. Preschel. Dieses Komitee wird von Mann zu Mann Aufklärungsarbeit über Zweck und Ziele der Partei leisten. Das Parteipräsidium wurde beauftragt, alle nötigen Schritte zu unternehmen, um gerüstet dazustehen und um mit einer eigenen Liste in den Wahlkampf zu ziehen.

(350308c2)


Seite 3

Dnjesterbrücke bei Zaleszczyki [S.3, oben, Mitte]
Gestern fand im Grenzort Zaleszczyki eine Beratung der rumänisch-polnischen Kommission statt, in der die Frage der Errichtung der Brücke über den Dnjester erörtert wurde. Das nähere Projekt soll vom Warschauer Verkehrsministerium ausgearbeitet werden. Die Kosten werden ungefähr 700.000 Zloty betragen. Mit dem Brückenbau, der mehrere Monate dauern wird, soll noch im Sommer begonnen werden.

(350308r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 876, Samstag, 09.03.35

Postby Klaus Binder on 14. March 2013, 21:30

Seite 2

Hohe Auszeichnung für Minister Dr. Nistor [S. 2, Mitte, links]
Durch königliches Dekret ist dem Arbeitsminister Dr. Ion Nistor das Großkreuz der "Steaua Romaniei" verliehen worden.

(350309i2)


Die Turnakademie des Makkabi [S. 2, rechts, Mitte]
Am 20. Februar veranstaltete der Sportverein Makkabi in der Scala eine Turnakademie, welche einen glänzenden Verlauf nahm. Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit einem Prolog, ausgeführt von Mag. kl. Heller, kl. Glatter, kl. Moscovici, welche den Zweck des Turnens erläuterten. Es folgten hierauf die Darbietungen der Kinderriegen, der Damen- und Herrenriegen, welche überaus exakt ausgeführte Freiübungen sowie Uebungen auf den verschiedensten Turngeräten brachten. Eine Gruppe von Turnern aus Chisinau fiel durch prachtvolle Uebungen am Reck besonders auf, ebenso die auf verschiedenen Geräten ausgeführten Pyramiden und plastische Darbietungen. Makkabi hat wieder einmal seiner großen Anhängerschaft bewiesen, daß er darauf bedacht ist, Massensport zu propagieren und insbesondere das Turnen in allen Kreisen der im Vereine versammelten Jugend zu verbreiten. Um das Gelingen der Veranstaltung haben sich verdient gemacht die Herren Hornik als technischer Leiter, Ehrlich und Bernstein als Arrangeure, die Vorturner Fang, Nissen und Tuchmann und die Vorturnerinnen Frau Bernstein, Frau Tuchmann, Frl. Münster und Frl. Schreiber. Die Klavierbegleitung bestritt Frl. Brecher. Das vollbesetzte Haus, in welchem man unter vielen andern auch Präfekt Vantu samt Familie und Generalrat Max Ritter von Anhauch bemerkte, spendete den einzelnen Darbietungen reichen Beifall.

(350309c2)


Seite 3

Selbstmord des Dirigenten Urlateanu [S. 3, oben, links]
Ein Opfer des Theaters Maria Czinsky

Aus Bucuresti trifft die Nachricht ein, daß der bekannte Journalist Radu Urlateanu, der im Alter von 40 Jahren stand, seinem Leben freiwillig ein Ende gesetzt hat. Ueber die näheren Umstände des Selbstmordes erfährt man folgende Einzelheiten:

Radu Urlateanu, ein bekannter Dirigent und ehemaliger Subdirektor der rumänischen Oper, war Korrespondent des "Curentul" für das Banat und ist vor einigen Wochen mit der Theatertruppe Cinski in die Hauptstadt gekommen. Er machte in der letzten Zeit den Eindruck seelischer Depression und befand sich in sehr schlechten materiellen Verhältnissen. Vor einigen Tagen erhielt er von seiner Freundin einen Brief, in welchem er um Geld ersucht wurde, das sie zur Erhaltung ihres Kindes benötige. Urlateanu hat sich vor nicht langer Zeit einen Paß verschafft, da er eine Studienreise nach Moskau unternehmen wollte, um das soziale Leben in der Sowjetunion zu studieren.

Gestern abends saß er noch in der Redaktion des "Curentul" und schrieb über den Selbstmord eines Arztes in der Provinz, welchen Fall er eingehend kommentierte. Er sagte noch zu seinen Kollegen: "Die Tragödie geht nicht im Momente vor, in dem man den Schuß abfeuert, sondern im Momente, in dem man den Entschluß zu diesem Vorhaben faßt." Eine Weile später hatte er mit dem Redaktionssekretär noch eine kurze Unterredung und fragte ihn, ob die letzte Seite der Zeitung schon fertig sei. Als diese Frage bejaht wurde, sagte er: "Schade, ich hätte noch eine wichtige Nachricht, und zwar von einem Selbstmord, gebracht." Als ihn der Redaktionssekretär fragte, um wen es sich handle, sagte er: um mich selbst. Hierauf ging er in den Hof der Druckerei des "Timpul", in welcher der "Curentul" gedruckt wird, richtete seinen Revolver gegen die Herzgegend und drückte ab. Er war auf der Stelle tot.

Urlateanu war der Sohn des Obersten Tibica Urlateanu. Man nimmt an, daß der Mißerfolg des Theaters Cinski Urlateanu zum Selbstmord getrieben hat.

Urlateanu stand auch vor wenigen Tagen noch, wie der "Tag" berichtet hat, im Mittelpunkt einer heftigen Kampagne. Er hatte im Stadttheater von Timisoara das Werk des weltbekannten ungarischen Komponisten Zoltan Kodaly: "Psalmus hungaricus" zur Aufführung gebracht, was ihm von behördlicher Seite übelgenommen wurde. Sein Einwand, daß die Tonkunst übernational sei, wurde anfänglich von den höheren Stellen anerkannt. Die Generaldirektion der Staatstheater erließ jedoch bald darauf ein Verbot, durch das Urlateanu untersagt wurde, im Lande zu dirigieren. Man trifft wohl in der Annahme nicht fehl, daß sich Urlateanu der mit Leib und Seele Musiker war, dieses Verbot sosehr zu Herzen genommen hat, daß dieser Umstand für seine Verzweiflungstat mitbestimmend gewesen ist.

(350309r3)
_____
Musik und Politik entlang der Donau


Seite 4

[Saarland] [S. 4, unten, rechts]
Saarbrücken, 7. März (Tel. des "Tag"). Der Polizeikommissär Tilk, der sich in Untersuchungshaft befand, wurde heute in Freiheit gesetzt. Er war vom Abstimmungsgericht seinerzeit unter der Beschuldigung verhaftet worden, am 21. Jänner mit Vorbedacht den Separatisten Paul Meyer, der sich seiner Verhaftung widersetzte, ermordet zu haben. Der Untersuchungsrichter hat nunmehr festgestellt, daß Tilk damals "in Notwehr" gehandelt habe.

(350309w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 877, Sonntag, 10.03.35

Postby Klaus Binder on 17. March 2013, 21:53

Seite 2

Ankündigung [S. 2, Mitte]
Auf vielfach geäusserten Wunsch:
Meine Lokalrevue

Cernauti - so siehst Du aus!

Eine gesprochene Reportage
von Chefredakteur
Arnold Schwarz

Nur Improvisationen aus dem Stegreif (keine Vorlesung)

I.
1. Was ist ein Cernautier?
Definition mit 5 Reportage-Fällen:
a) Der junge Chinese;
b) Sumatra;
c) Der Pipik;
d) Nach Amerika;
e) Die Nickerin;

2. Fünf-Uhr The mit dem Motto: Küss' die Hand!

II.
3. Allerhand aus unserer Stadt:
Typen, Figuren, durch die Cernauti in der Welt Marke wurde; besessen - aber wann? Gibt es ein mondänes Leben? Berufe mit und ohne Brot, etc.

III.
4. Lokalreportage durchs Mikrophon
In der ersten Pause kann jeder die Reportage-Bearbeitung eines aktuellen Themas beantragen; der Antrag ist schriftlich beim künstlerischen Assistenten des Abends, der nach Schluss des ersten Teiles namhaft gemacht wird, in einem abgeschlossenen Couvert abzugeben. Aus der Sammlung wählt der Conferencier 3 Themen und gibt darüber seine Reportagen. Nur Themen von allgemeinem Interesse (Politik, Kunst, Sport, Gesellschaft, Wirtschaft) sind zulässig; Privataffären sind ausgeschaltet.

(Aenderung und Reihenfolge vorbehalten)

Mittwoch, den 20. März präzise 1/2 9 Uhr abends

Astoria-Festsaal

Kleiner Regiebeitrag.
Bestellungen bei "Carmen Sylva"

(350310i2)


Seite 3

Goebbels Befehle [S. 3, Mitte]
Der "Neue Vorwärts" veröffentlicht eine Blütenlese von Presse-Instruktionen, die das Reichspropagandaministerium im Februar ausgegeben hat.

"Es ist unerwünscht, daß sich die Zeitungen so viel mit Nachrichten über bevorstehende Zinskonversionen, innere Anleihen, neue Kreditschöpfung usw. beschäftigen, da hierdurch Vertrauen des Volkes zu den wirtschaftlichen Maßnahmen der Reichsregierung gefährdet wird."

"Es wird den Redaktionen nahegelegt, über ein Verfahren gegen den Weimarer Staatstheaterintendanten Dr. Ziegler wegen Vergehens gegen Paragraph 175, St. G. B., möglichst nichts zu berichten."

"Es ist unbedingt untersagt, über eine Zusammenkunft zwischen dem polnischen Außenminister und Reichswehrminister von Blomberg in einem baltischen Hafen zu berichten."

"Die deutsche Presse möge bei dem Auftreten Pola Negris in einem polnischen Freundschaftsfilm bedenken, daß die Produktionsfirma Cine-Allianz, obwohl ihre Inhaber Dr. Rabinowicz und Preßburger Nichtarier sind, der deutschen Wirtschaft allein in den letzten Monaten zirka zwei Millionen Mark Exportdevisen zugeführt hat."

"Falls zu gewissen Beschwerden aus Brasilien Stellung genommen wird, ist folgendes zu sagen: Auf Grund des deutsch-brasilianischen Handelsvertrages ist der brasilianische Kaffee-Exporthandel verpflichtet, an Deutschland Kaffee zu besonders billigen Preisen zu verkaufen. Es sei daher Deutschlands gutes Recht, diesen brasilianischen Kaffee in nordamerikanischen Häfen zu Preisen abzusetzen, die mitunter unter den Preisen liegen, die der brasilianische Kaffeehandel von seinen nordamerikanischen Kunden fordert. Deutschland müsse das Recht zugebilligt werden, seinen Außenhandel auf jede geeignete Weise zu fördern."

"Es entspricht nicht den Staatsinteressen, Nachrichten über gewisse polnische Unüberlegtheiten gegenüber Angehörigen der deutschen Minderheit in Ostoberschlesien mit allzu starker Betonung zu veröffentlichen, insbesondere nicht mit Kommentaren, die jedesmal kein günstiges Echo in einer gewissen polnischen Presse finden."

"Die Handelsredaktionen werden dringend ersucht, ihre Betrachtungen über Höhe und Umlauf der Arbeitsbeschaffungswechsel einzuschränken und sich an die Mitteilungen von zuständiger Stelle zu halten."

"Die Handelsredaktionen werden ersucht, mehr Berichte über die positiven Wirtschaftserfolge der neuen Staatsführung zu veröffentlichen."

"Entgegen tendenziösen Ausstreuungen in der Auslandspresse über die Vorgänge im Zentralgebäude der Deutschen Arbeitsfront am Engel-Ufer wird lediglich zur Kenntnisnahme mitgeteilt, daß sich ca. 1300 Betriebsangestellte der Deutschen Arbeitsfront durch die notwendige Anordnung eines Abteilungsführers provoziert fühlten und durch einige Hetzer dazu verleiten ließen, Disziplinwidrigkeiten zu begehen. Es haben die gewöhnlichen polizeilichen Maßnahmen genügt, um den Arbeitsfrieden wieder herzustellen. Die deutsche Presse braucht sich mit diesem unerheblichen Vorkommnis nicht weiter zu beschäftigen."

(350310w3)


Wider die ethnische Abstammung [S. 3, unten, Mitte]
Das Industrieministerium hat ein Rundschreiben an die Industrieinspektorate erlassen, in denen Instruktionen für die neuerliche Ausfüllung der bereits vielfach erörterten Formulare über den Personalstand der Unternehmungen gegeben werden. Insbesondere wird auf die mangelhafte Klassifizierung der Beamten, die den in dem Gesetze vorgesehenen Kategorien nicht entsprechen, hingewiesen. Dann wird insbesondere wieder auf die Rubrik: ethnische Abstammung hingewiesen. Diese Rubrik soll, wie es ganz zahm im Rundschreiben heißt, "bloß eine Information" für das Ministerium sein. Die Bedenken und Befürchtungen, die gegen diese "Informationen" erhoben wurden, bestehen unvermindert fort. Unangenehme Auswirkungen auf die Angehörigen der Minderheitsnationen liegen auf der Hand. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn die Unternehmer, die ihre den Minderheitsnationen angehörenden Angestellten vor unangenehmen Folgen bewahren wollten, diese weder im Gesetze noch in der Durchführungsverordnung sondern einzig und allein im amtlichen Formular vorgesehene Rubrik leer ließen. Selbst aber, wenn das Gesetz eine solche Unterscheidung vorschreiben würde, wäre diese null und nichtig, denn sie stünde ernstlich zu den Bestimmungen der Konstitution in Widerspruch, ferner wäre ihre praktische Anwendung unmöglich, da es bis heute kein einziges wissenschaftliches Kriterium gibt, nach dem objektiv die völkische Abstammung einer Person festgestellt werden könnte.

(350310r3)


Einschlafen [S. 3, rechts, Mitte]
Von Alfred Kittner

Zu irgend einem leisen Licht
Träum' ich ein stummes Beten.
Die Stunden welken und wollen nicht
In meine Träume treten.

Sie schlingen scheu um schwanken Schlaf
Des Dämmers müde Kränze.
Klavierspiel, das das Ohr mir traf,
Schwingt schwebend um mich Tänze.

Eine alte Sonate leiht müde und mild
Mir ihre erlahmenden Schwingen.
Aus dämmerndem Winkel tritt schmal dein Bild.
Die Stunden welken und singen.

Es schwingt wie ein Glockengeläute im Ohr.
Die Augen fliehen die Farben.
Aus fernen Reichen verhallt ein Chor
Von Stimmen, die märchenalt starben.

(350310i3)


Seite 4

Welche Ausgaben enthält das Gemeindebudget [S. 4, oben, Mitte]
Der Ausgabenteil des neuen Haushaltplanes der Stadtgemeinde für das Jahr 1935/36 weist eine Reihe von interessanten Ziffern auf, welche gewiß die Aufmerksamkeit des städtischen Bürgers verdienen. Unter diesen Ziffern finden wir den Betrag von zwei Millionen Lei als erste Tranche für den Ankauf eines Gebäudes, welches der Unterbringung der verschiedenen städtischen Dienstzweige dienen soll. Für Straßenerhaltung und Straßenpflege ist eine Summe von dreieinhalb Millionen Lei ausgesetzt worden, für Straßenpflasterung 1,400.000 Lei, wofür in hauptsächlichstem Sinne die Pflasterung des Bulevardul Regele Carol zu Ende geführt wird. Die Kanalisierung der Bendelagasse und Costache Negruzistraße figuriert mit 500.000 Lei, für die Konstruktion einer Eisenbetonbrücke in der Dragos Voda-Straße, der früheren Sterngasse, sind 500.000 Lei vorgesehen, für den Versuch einer neuartigen Straßenpflasterung, der sogenannten Bituminisierung 300.000 Lei, für die Armenbespeisung 600.000 Lei, für Arbeitslosenhilfe 50.000 Lei, für die Errichtung eines Zaunes zwischen der Manutanta und dem Viehmarkt sind 150.000 Lei eingestellt worden, für die Fortsetzung des Volksschulbaues im Villenviertel 1,000.000 Lei.

An Subventionen für die einzelnen Körperschaften und Vereine figurieren im neuen Budget: Meseriasul Roman-Internat 15.000 Lei, Internat Elena Popovici Logotheti 14.000 Lei, ukrainisches Knabeninternat 5.000 Lei, polnisches Lehrlingsheim 5.000 Lei, deutsches Schülerheim 5.000 Lei, rumänisches Knabeninternat 30.000 Lei, Internat Popovici Logothetti Manasteriste 3.000 Lei, Studentenheim der Junimea 10.000 Lei, Universitätsheim 30.000 Lei, Universitätsheim str. Gheorghe Lazar 30.000 Lei, Studentenheim str. 11 Noemvrie 30.000 Lei, polnisches Studentenheim 5.000 Lei, jüdische Mensa 5.000 Lei, der Universität für die Erhaltung der Studentenkantine 50.000 Lei, Morgenrot 5.000 Lei, Volksschule "Marienfamilie" 2.000 Lei, Polnische Schule 3.000 Lei, ukrainische Schule 4.000 Lei, Safah Ivriah 2.000 Lei, deutscher Kindergarten 2.000 Lei, Doamnele Romane 20.000 Lei, Reuniunea Femeilor Romana 20.000 Lei, jüdischer Frauenverein 3.000 Lei, deutscher Frauenverein 3.000 Lei, Zinocza Hromada 3.000 Lei, Borochow 1.000 Lei, Dowbusch 4.000 Lei, Dragos Voda 5.000 Lei, Jahn 4.000 Lei, Makkabi 3.000 Lei, Meseriasul Roman 3.000 Lei, Polonia 1.000 Lei, Sokol 3.000 Lei, Armonia 3.000 Lei, Tudor Flondor 3.000 Lei, Kobzar 2.000 Lei, Schubertbund 2.000 Lei usw. usw., ferner Verein Regina Maria 6.000 Lei, Wöchnerinnenverein 6.000 Lei, Volksküche 15.000 Lei, deutsch-katholisches Waisenhaus 8.000 Lei, deutsch-evangelisches Waisenhaus 8.000 Lei, polnisches Waisenhaus 4.000 Lei, jüdisches Waisenhaus 20.000 Lei, Altersversorgungshaus 2.000 Lei, ukrainisches Waisenhaus 3.000 Lei, Masike Sabbath 2.000 Lei, Kinderasyl Dr. Turcan 4.000 Lei, jüdischer Kinderschutzverein 5.000 Lei, Obdachlosenasyl 60.000 Lei, Rettungsgesellschaft 83.000 Lei.

Im Ausgabenbudget findet sich noch unter anderem ein Betrag von 200.00 Lei für die Fortsetzung der Umzäunung des Volksgartens vor. 300.000 Lei dienen dem Bau eines neuen Pulverturms, während das bisherige Gelände für die Erweiterung des christlichen Friedhofes verwendet werden wird. 1,000.000 Lei ist für den Rückkauf der Restobligationen der städtischen Anleihe aus dem Jahre 1908 vorgesehen, 280.000 Lei für die Erhaltung der öffentlichen Gärten und Alleen, 1,350.000 Lei für die städtischen Schulkomitees, 238.000 Lei an Mieten für die diversen Schulgebäude, 10.000 Lei als Zuschuß an die Städteunion, 10.000 Lei für das Gemeindemuseum, 78.000 Lei für das Arbeitsgericht, 12.000 Lei für die Erhaltung der Denkmäler.

(350310c4)


Feuilleton
Warum Professor Reßler verrückt wurde [S. 4, unten]
von Jaroslav Hasek

Der berühmte Anthropologe Virchow sagt, es genüge durchaus nicht die Behauptung, daß man den Kopf des Menschen vom Affen ableiten könne, es sei auch nötig aufzuzeigen, von welchem Affen - und das sei bisher niemand gelungen.

Derselben Meinung war auch Professor Reßler. Er hatte eine ganze Reihe von Schädeln überprüft, die für die Schädel von Urmenschen gehalten wurden, und hatte auch eine äußerst interessante Abhandlung über einen speziellen Schädel geschrieben, die er mit der Erklärung beendete, der gefundene Schädel gehöre entweder einem Schimpansen oder einem Orang-Utan oder einem jungen Gorilla oder einem prähistorischen Menschen, der weder lesen noch schreiben konnte, denn die Augenbrauenwölbung sei nur schlecht entwickelt.

Professor Reßler war ein bekannter Gelehrter. Einmal hatte er einen Schläfenknochen gefunden und mit geistreichem Scharfsinn erkannt, daß der Eigentümer dieses Schläfenknochens auf dem linken Fuß gehinkt hatte und innerhalb des vierten und dritten Jahrtausends vor Christi Geburt lebte.

Es waren allerdings auch Widersacher aufgetreten, die behaupteten, der Eigentümer des gefundenen Schläfenknochens habe auf dem rechten Fuß gehinkt, keineswegs auf dem linken, doch diese Widersacher hatte ein polemischer Artikel Professor Reßlers zum Schweigen gebracht. In ihm hieß es: "Wie hätte er auf dem rechten Fuß hinken können, da ihm ein Grottenbär diesen Fuß aufgefressen hatte?" Zum Schluß dieses Artikels führte Professor Reßler an, jener Unglückliche habe den Grottenbär zwischen der fünften und sechsten Nachmittagsstunde am 5. Mai im Jahre 3917 vor Christi getroffen.

Das war eine Ueberraschung! Seine Widersacher schwangen sich nur zu der ironischen Bemerkung auf: "Professor Reßler verschweigt uns nur noch eines: wie der gute Mann eigentlich geheißen hat."

Aber Professor Reßler entgegnete: "Wenn Sie dies wissen wollen, dann hören Sie: Er hieß Rora, verlor mit 15 Jahren die Mutter, den Vater kannte er nie. Das Fell, mit dem er seinen Leib umwickelte, war furchtbar von Motten zerfressen, so daß er sich mit 18 Jahren ein neues anschaffen mußte. Mit 20 Jahren entglitt einmal seiner Hand die Axt und zerschmetterte einem Angehörigen seines Stammes den Schädel. Zur Strafe sollte er geopfert werden, doch dank der Fürsprache des Häuptlings Mu schenkte man ihm das Leben. Falls Sie noch nähere Einzelheiten zu wissen wünschen, kann ich Ihnen mitteilen, daß er eine Warze am Bauch hatte und leicht mit der Zunge anstieß."

Das alles leitete Professor Reßler aus dem Schläfenknochen ab, den man im Museum aufbewahrte, bis ein anderer bekannter Anthropologe anläßlich einer Studienreise in dem Schläfenknochen Roras den Teil des Schädels einer Katze erkannte. Die Folge davon war ein großer wissenschaftlicher Skandal. Am übelsten wurde dabei besagtem Gelehrten mitgespielt, denn die Museumskommission erklärte, es handle sich hier durchaus nicht um einen Katzenschädel, sondern um einen Pferdeschädel. Der niedergeschmetterte Gelehrte fuhr des Nachts heimlich davon und ließ sich an der Grenze vom Zug überfahren.

Diese kleine wissenschaftliche Episode vermochte selbstverständlich nicht den Ruhm Professor Reßlers zu untergraben. Er beschäftigte sich in der letzten Zeit mit Atavismus und als er sich dabei klar wurde, daß er die gleichen Zähne hatte wie ein Orang-Utan, gelangte er zu der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß es im Interesse der Wissenschaft unerläßlich für ihn sei, zu heiraten und Nachkommen zu zeugen. Als heißer Anhänger der Deszendenztheorie suchte er daher eine Frau mit den typischen Merkmalen einer Degenerierung. Ihr Kopf sollte unbedingt dem einer Meerkatze gleichen, denn er selbst hatte den Kopf eines Orang-Utans, was übrigens aus seinen Memoiren hervorgeht. Und nun bereiste Professor Reßler die Landstriche, die von jener typischen, vor etlichen Jahrhunderten vom See Njance-Njanga in Zentralafrika nach Amerika verpflanzten Negerrasse bewohnt werden. Dieser Negertyp legte in Alabama in Nordamerika und hier gelang es dem Gelehrten nach vier Monate langem Forschen, eine abscheuliche Negerin mit dem Kopf eines Orang-Utans und Schimpansen zugleich zu finden.

Die etwas wirren Anmerkungen, in denen er die an seiner künftigen Frau angestellten Beobachtungen niederlegte, lauten: "Bei der vollständigen Konfiguration des Kopfes muß die Wölbung des Stirnschalenknochens in Betracht gezogen werden. Der Winkel, der zu dem Kopf dieser Negerin gar nicht paßt, ist ein Daubentonwinkel, denn er bildet nicht die Gerade, die das Opifthion und Bastion in der Linie schneidet und die untere Grenze der Augenhöhlen und den Brocawinkel verbindet, bei dem die erste Gerade ein und dieselbe ist, während die zweite vom Bastion ausgeht. Mit all diesen Maßen sowie mit dem Kubikinhalt meiner Negerin bin ich darum nicht ganz einverstanden."

Hierauf folgte noch die kurze Bemerkung: "Meine Ehe mit der Negerin Amalia wurde in Oklahoma geschlossen."

Und nun wartete die ganze gebildete Welt der Anthropologen, wie das enden werde. Am neugierigsten von allen war Professor Reßler, der, nachdem er sich an die Negerin gewöhnt hatte, seine anthropologischen Versuche gern durchführte.

Und jetzt stellen Sie sich seine Ueberraschung vor, als dem Gelehrten genau nach neun Monaten ein kleiner Indianer geboren wurde! Und deshalb ist Professor Reßler verrückt geworden. Nur in ganz seltenen Fällen,wenn er einen lichten Moment hat, denkt er daran, daß seine Negerin, bevor er sie ehelichte, bei einem indianischen Schnapshändler diente. Ansonsten ist sein Geist umnachtet und wann immer er eines Bleistiftes oder eines Stückchens Kohle habhaft werden kann, schreibt er an die Wände seines runden Zimmers:

"Falls wir uns bei der Ueberprüfung dieses Schädels an die deutsche Art zu messen halten, dann ist dieser Schädel dolichocefal; halten wir uns an die französische Art, dann ist er brachycefal. Man kann ihn daher für mesocefal, mittelmäßig, halten."

"Berechtigte Uebersetzung aus dem Tschechischen von Grete Reiner.

(350310i4)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Jaroslav_Hašek


Seite 7

Todesfall [S. 7, oben, rechts]
Im Alter von 57 Jahren ist Freitag die Gattin des Kaffetiers Bernhard Baar, Frau Gusta Baar, geborene Löw gestorben. Das Leichenbegängnis hat gestern unter zahlreicher Beteiligung stattgefunden.

(350310t7)
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Nr. 878, Dienstag, 12.03.35

Postby Klaus Binder on 19. March 2013, 22:13

Seite 2

Die Novelle des Tages
Anti-Antisemit Nietzsche [S. 2, oben, links]
In einer Schilderung des Lebens von Nizza gibt der dort als Emigrant lebende berühmte Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld folgende interessante Nietzsche-Reminiszenz:

In die Zeit, in der Nietzsche sich in Nizza so außerordentlich wohl fühlte, fällt ein Erlebnis, das ihn aufs äußerste verstimmte und das gerade gegenwärtig besondere Beachtung verdient, in welcher der Nationalsozialismus nicht nur Schiller als "ersten Nationalsozialisten", sondern auch Nietzsche für sich reklamiert, das heißt mit seinem Namen Reklame macht. Nietzsches Schwester Elisabeth, an der er mit innigster Bruderliebe hing, hatte sich, wie sie ihm nach Nizza mitteilte, in Naumburg mit dem Antisemitenhäuptling Dr. Bernhard Förster verlobt. Nietzsche war entsetzt. "Du sagst", schreibt er ihr grollend, "du habest den Colonisator Förster und nicht den Antisemiten geheiratet und dies ist auch richtig, aber in den Augen der Welt wird Förster bis an sein Lebensende der Antisemitenchef bleiben." Als Anti-antisemit, wie er sich nennt, wendet er sich mit den schärfsten Vorwürfen gegen diese "antisemitische Heirat" seiner Schwester und den Antisemitismus überhaupt, der "soviel tüchtige Kraft vergeudet und vergiftet".

Es war der Beginn der achtziger Jahre, in dem der Antisemitismus, von dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm als "die Schmach des 19. Jahrhunderts" bezeichnet, zum ersten Mal in Deutschland sein Haupt erhob. Der damalige Julius Streicher hieß Ahlwardt, der damalige Goebbels war der sprachgewaltige Adolf Stöcker und dem jetzigen Rosenberg entsprach Dr. Bernhard Förster, der besagte Schwager, zu dessen Hochzeit mit seiner einzigen Schwester, Nietzsche trotz allen Bitten nicht erscheinen wollte.

(350312w2)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Hirschfeld
http://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Förster
http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Nietzsche



Teeabend der Advokaten - ein gesellschaftliches Ereignis [S. 2, Mitte, links]
Wahl der "Miß Cercul"

Mit dem Nahen des Frühlings nähert sich auch der Fasching seinem Abschluß. Um diesen aber würdig zu begehen, hat sich der "Cercul avocatilor" unter der rührigen Leitung seines Präsidenten Dr. Hotinceanu entschlossen, einen Abend zu veranstalten, der Freitag in den Räumen des "Astoria" stattfand. Alles, was in dieser Stadt Rang und Namen hat, Vertreter aller intellektuellen Berufsschichten, haben der Einladung der Veranstalter Folge geleistet. Von den offiziellen Persönlichkeiten bemerkte man u. a.: Stadtpräsident Marmeliuc, Präfekt Vantu, Polizeiquästor Ghinea, Dekan Radulescu, die Mitglieder der Curtea de Apel Tarnavschi und Paraschivescu, die Landesgerichtsräte Dr. Biebring, Plitter und Hilsenrad, die Richter Alexandru und Lega, Eisenbahninspektor Marinescu, Inspektor der Versicherungskasse Dr. Suceavan, den Vizepräsident des Elektrizitätswerkes Notar Zaharie, die Konsuln Luttinger und Onorat, Industriellen Albert von Anhauch, für die Börse den Generalsekretär Dr. Schiffer, für das Viehexportsyndikat Generalsekretär Rosner, Vertreter der Aerzteschaft und des Apothekerstandes, Vertreter der Armee und viele andere.

Frau Dr. Virginia Hotinceanu nahm regen Anteil an der Veranstaltung, indem sie für eine gute Bewirtung der Gäste sorgte und darauf bedacht war, allen Teilnehmern einen vergnüglichen Abend zu bieten. Ihr zur Seite stand Frau Dr. Sachter, die mit Unterstützung des Advokaten Emanuel Fuhrmann das Bufet der Bar leitete, während im unteren Raum der Bar die Gäste von Dr. Dische jun., dem eine stattliche Zahl von hübschen Damen beistand, bewirtet wurden. Zwei Musikkapellen sorgten für gute Tanzmusik, eine gewählte Jury nahm die Wahl der "Miß Cercul" vor. Mit 128 Stimmen wurde Fräulein Gina Bergmann zur "Miß Cercul" gewählt. Den zweiten Preis erhielt Frau Oberlandesgerichtsrat Duza Tarnavschi mit 125 Stimmen, den dritten Preis Frl. Advokat Fritz Besner mit 122 Stimmen. Man unterhielt sich bei ausgezeichneter Stimmung bis in die Morgenstunden; alle Anwesenden wissen dem Präsidenten Dr. Hotinceanu und dem Sekretär der Vereinigung Dr. Nicu Adelstein viel Dank für das Gebotene.

(350312c2)


Todesfälle [S. 2, Mitte]
Im Alter von 47 Jahren ist Frau Maria Semaka, geb. Levicka, die viele Jahre als Lehrerin tätig war, nach langem Leiden gestorben. Die Beerdigung findet heute, Montag, um 3 Uhr, von der Friedhofskapelle aus statt.

Gestern fand unter zahlreicher Beteiligung das Leichenbegängnis des im Alter von 74 Jahren verstorbenen Kaufmanns Samuel Wender statt.

Der Kaufman Zalman Engler ist im Alter von 43 Jahren gestorben. Das Leichenbegängnis hat gestern stattgefunden.

(350312t2)


Seite 4

Der Telegrammverkehr nach Rußland [S. 4, unten, rechts]
Die Generaldirektion der Post hat die Postämter in Bessarabien verständigt, daß sie Telegramme für Sowjetrußland annehmen können. Privattelegramme dürfen in jeder Sprache abgefaßt sein.

(350312r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 879, Mittwoch, 13.03.35

Postby Klaus Binder on 31. March 2013, 20:02

Seite 1

Lokalpolitik [S. 1, oben, links]
Steuervexationen / Deutsche
Volksratswahlen Kultuswahlen


Obwohl in den letzten Wochen die Steuerschraube ziemlich stark angezogen wurde, um gemäß dem Beschlusse des Finanzministeriums alle laufenden Steuern bis Ende März einzukassieren, hörte man nicht viel von Steuerübergriffen, die sich die Agenten zuschulden hätten kommen lassen. In den letzten 24 Stunden ereigneten sich jedoch zwei krasse Fälle, die klar beweisen, wie kopflos manche Agenten der Finanzadministration, in erster Linie der sattsam bekannte Diaconu, mit dessen Tätigkeit der "Tag" als erste Zeitung sich befaßte, arbeiten.

Dieser Steueragent Diaconu erschien gestern vormittags in der Filiale der Firma Podsudek, strada Iancu Flondor No. 9, und begann alles aus dem Geschäft zu transferieren, obwohl der zufällig im Geschäft anwesende Prokurist Dr. Watter ihm an Hand von Belegen nachwies, daß die Firma nicht nur nicht im Rückstand, sondern sogar über 40.000 Lei schon für das Jahr 1935/36 bei der Finanzadministration erlegt habe.

Auch der Nachweis, daß alle Rückstände in den Steuerrollen mit Zahl-No. 5529, 2662,2875, 3507 mit den Zahlungsbescheinigungen No. 22442 und 21266 beglichen sind, half nichts. Diaconu blieb unerbittlich und führte alle Gegenstände aus dem Geschäfte weg. Inzwischen sammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Laden und war Zeuge dieses Steuerterrors bei einem der geachtetsten Industriellen dieser Stadt, der durch Jahrzehnte viele Millionen an Steuern dem Staat entrichtet hat. Es ist nur zu begreiflich, daß durch diesen Vorgang das Ansehen dieser Firma sowohl moralisch als auch materiell geschädigt wurde, und es bleibt die Frage offen, welche Maßnahmen die vorgesetzten Behörden gegen diese Uebergriffe ihrer untergebenen Organe zu ergreifen gedenken.

Die Firma hat bei der Finanzadministration vorgesprochen und gegen diesen Uebergriff Protest eingelegt.

Ein zweiter Fall ereignete sich gleichfalls in den letzten 24 Stunden, wobei bei einem bekannten Kaufmann alles gepfändet und transferiert wurde, obwohl er vom Finanzinspektor Tanasescu Ratenzahlungen bis Ende Juni bewilligt erhielt. Die Agenten Tusinschi und Sikal setzten sich über diesen Auftrag ruhig hinweg und erklärten, daß sie den Auftrag nicht respektieren können.

Es ergeht nun die Anfrage an die vorgesetzten Behörden, in erster Linie an den Finanzinspektor Tanasescu und an den Finanzadministrator Bucioaga, ob sie, die schon in mehreren Fällen geschehenes Unrecht wieder gut machten, diesen Zustand weiter tolerieren wollen und ob nicht die Absicht besteht, gegen Steueragenten, die sich Uebergriffe zuschulden kommen lassen, mit Strafen vorzugehen, damit dieser Steuerterror ein Ende nehme.

Die Wahlen in den innerdeutschen Volksrat, die Sonntag unter sehr starker Beteiligung stattfanden, haben folgendes Resultat gezeitigt:

Cernauti innere Stadt: Volkspartei 17 Mandate, katholischer Volksbund 9 Mandate, Einheitspartei 4 Mandate;

Liste 1 wird von Turnlehrer v. Millanich, Liste 2 von Dr. Soniewicki, Liste drei von Dr. Hodel geführt.

Rosa: Volkspartei 11 Mandate, zwei katholische Listen 6 Mandate, Einheitspartei 2 Mandate.

Manasteriste: Volkspartei 3 Mandate, katholischer Volksbund 6 Mandate, die anderen Listen kein Mandat.

Clocucica: Volkspartei 1 Mandat, katholischer Volksbund 3 Mandate, die anderen Listen kein Mandat.

Caliceanca: Volkspartei 4 Mandate, die anderen Listen kein Mandat.

Der aus 66 Mitgliedern bestehende Cernautier Ortsrat setzt sich somit aus 36 Angehörigen der Volkspartei, 24 Angehörigen des katholischen Volksbundes und 6 Angehörigen der Einheitspartei zusammen.

Wie aus dieser Aufzählung hervorgeht, hat die vom Turnlehrer von Millanich geführte Liste der Volkspartei siebzig Prozent aller Stimmen auf sich vereinigt. Die Volkspartei, die eine Vereinigung aller aus der nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung hervorgegangenen Elemente darstellt und politisch den äußersten Extremismus vertritt, hat somit einen großen Wahlsieg errungen, der nichts anderes als den offiziellen Einzug des Nationalsozialismus in die Körperschaften des bukowinaer Deutschtums bedeutet. Dieser Erfolg ist nicht zum mindesten eine Folge der überaus eifrigen Agitation dieser Partei, die indirekt durch die Nazipropaganda der "Deutschen Tagespost" noch geschürt worden ist.

Die von Dr. Hodel geführte Einheitspartei, die für eine Politik der Besonnenheit und der Loyalität eingetreten ist, hat, wiewohl die Führer des siebenbürgischen Deutschtums, die hier weilten und zu den Wählermassen sprachen, für sie eintraten, nicht mehr als 4 Mandate erringen können. Diese unerwartet harte Niederlage ist der deutlichste Beweis dafür, wie tief das Nazigift in den Körper des bukowinaer Deutschtums eingedrungen ist.

Der katholische Volksbund, dessen Listenführer Dr. Soniewicki ist, hat mit seinen neun Mandaten einen ansehnlichen Achtungserfolg errungen. Er zieht mit 24 seiner Angehörigen in den Cernautier Ortsrat ein.

Wie vom "Tag" bereits gemeldet, hat die Wahlbewegung stark eingesetzt. Das Interesse konzentriert sich zwar vorläufig noch auf den 14. März, an dem die Entscheidung über eine eventuelle Verschiebung der Wahlen erwartet wird, doch gibt es nur wenige, die eine solche für wahrscheinlich halten.

Die Opposition führt unter dem Schlagwort: "Raub der 11.000 Stimmen" den Wahlkampf. Die "Ostjüdische Zeitung" weicht davon ab und führt den Wahlkampf mehr als sachlich. In ihrer letzten Nummer befaßt sie sich mit den Aussichten der Wahlen und erklärt, daß sie mit Sicherheit für die jüdische Einheitspartei auch innerhalb der als Wähler zugelassenen 4000 Gemeindemitglieder den Prozentsatz an Stimmen für sich erzielen wird, wie bei den Wahlen in den letzten Jahren, also etwa die Hälfte. Die "Ostjüdische" argumentiert auch logisch, daß die Streichung von 11.000 Wählern nicht auch die Streichung von 11.000 Anhängern der Opposition bedeute. Es wurden nur die den Zensus nicht entrichtenden Gemeindemitglieder gestrichen, die aus dem Lager aller Parteien stammen.

Der Kampf hätte sich also in erster Linie gegen das neue Wahlrecht richten müssen, das auf der Grundlage eines Steuerzensus aufgebaut ist. Ein allgemein überholter Standpunkt, das Wahlrecht von der Steuerleistung des Wählers in Abhängigkeit zu bringen. In der Welt herrscht heute das allgemeine direkte und geheime Wahlrecht, soweit überhaupt ein Wahlrecht existiert. Man muß aber bedenken, daß die Kultusgemeinde keine politische Körperschaft ist oder zumindest sein soll, sondern sich vorwiegend mit religiös-sozialen Problemen befassen muß.

Von den andern Wahlparteien sind noch hervorzuheben die in zwei Gruppen gespaltenen Orthodoxen, die nach den Schätzungen der "Ostjüdischen" ungefähr 8 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen werden, und schließlich die neue Gruppe Menczer (die sogenannte Regierungspartei), der 20 Prozent zugebilligt werden. Die "Ostjüdische" schließt mit der Erklärung: "Der Wahlkampf wird sich im Zeichen: Freiheit oder Unfreiheit der jüdischen Gemeinde, Selbstbestimmung oder Diktat von Außen abspielen".

(350313c1)


Seite 2

Todesfall [S. 2, Mitte, links]
Anny Hauler ist Sonntag abends im jüdischen Spital gestorben. Sie war der letzte Mohikaner aus der deutschen Theaterära dieser Stadt. Sie kam noch mit der Direktion Pop als führende Chorartistin nach Cernauti und wurde auch, da sie das Klavierspiel tadellos beherrschte und musikalisch gute Qualitäten aufwies, als Chorrepetitorin verwendet. Nach Ablauf der deutschen Theaterära verblieb sie im Lande, zunächst, weil sie eine Ehe mit einem Offizier erhoffte, dann, als diese Absicht sich nicht erfüllte, um hier zunächst Musik in den Kinos (stummer Film) zu machen, später Klavierunterricht zu geben. Wer die Wiener Künstlerin kannte, wußte über ihre Intelligenz und ihre bescheidene Art, übrigens auch über den Lokalpatriotismus, den sie im Herzen trug, Freude empfinden. Anny Hauler stammte aus einer Wiener aristokratischen Offiziersfamilie und zählte namhafte Persönlichkeiten in Oesterreich zu ihren Verwandten. Ein Schicksal hat sich an ihr erfüllt - es ist mehr als Künstlerschicksal. Um ihren Tod werden viele Freunde und Bekannten trauern.

(350313t2)


Seite 3

Uneheliches Zusammenleben Jugendlicher in Hinkunft verboten [S. 3, Mitte, rechts]
Aus Bucuresti wird berichtet: In das neue Strafgesetzbuch wurde auch ein Paragraph aufgenommen, der ausspricht, daß in Hinkunft die Konkubinage Jugendlicher als strafbare Handlung betrachtet und bestraft werden soll. Die in Frage kommenden Jugendlichen werden in Besserungsanstalten gebracht, während den Eltern empfindliche Strafen drohen.

(350313r3)


Seite 4

Sofia meldet:
Griechischer Aufstand niedergeworfen [S. 4, oben, links]
Die Anführer der Rebellen stellen sich den bulgarischen Behörden

Sofia, 11. März (Tel. des "Tag"). Gestern nachmittags sind die Regierungstruppen unter persönlicher Leitung des Kriegsministers Kondylis an der mazedonischen Front zum Generalangriff übergegangen. Nachdem die Stellungen der Aufständischen mehrere Stunden lang unter Artilleriefeuer gestanden waren, gingen die regierungstreuen Truppen zum Angriff vor. Zahlreiche Offiziere der Aufständischen verließen ihre Truppenteile, die den Regierungstruppen als Gefangene in die Hände fielen. Die Front löste sich von selbst auf.

Der Widerstand wurde immer schwächer. In den Abendstunden wurde die Stadt Serres besetzt. Die Rebellen versuchten nun, jenseits von Serres eine neue Position zu beziehen, wo sie sich hauptsächlich auf die noch aus der Zeit des Weltkrieges herrührenden Schützengräben und betonierten Unterstände stützen wollten. Artilleriefeuer und Flugzeugbombardement zwang sie kurz darauf, auch diese Stellungen aufzugeben.

Schon in den ersten Morgenstunden des heutigen Tages langten die ersten Rebellenabteilungen an der bulgarischen Grenze ein, wohin sie abgetrieben worden waren. Sie überschritten die Grenze und wurden von der bulgarische Grenzwache entwaffnet. Heute nachmittags gegen 3 Uhr stellte sich in Magassa auch der Anführer der Rebellen in Mazedonien, General Camenos, mit seinem Stabe, der aus 2 Obersten, vier Oberstleutnants, sechs Hauptleuten und sechs Leutnants bestand. Damit ist der Widerstand der Bellen in Nordgriechenland vollkommen gebrochen.

Nach weiteren aus Griechenland eintreffenden Nachrichten scheinen die Rebellen nunmehr auch zur See überwunden zu sein. Die Mannschaft des Admiralschiffes "Averoff" soll gemeutert haben. Auf dem Kreuzer "Helli", der gestern im Hafen Cavalla vor Anker lag, wurden von drei Regierungstorpedobootzerstörern etwa 300 Schüsse abgegeben. Von einem weiteren Bombardement wurde nur abgesehen, weil die Stadt Cavalla in Gefahr kam. Heute hat auch die Mannschaft des Kreuzers "Helli" gegen die Offiziere revoltiert. Die Offiziere wurden gebunden und zum Verlassen des Schiffes gezwungen. Ein der Regierung ergebener Leutnant übernahm das Kommando und sandte eine drahtlose Botschaft an die Regierung, dass er sich zu ihrer Disposition halte. Der Kreuzer erhielt darauf Auftrag, sich in den Hafen von Kassandra zu begeben. Der Rückhalt, den die Aufständischen in der Flotte fanden, scheint also auch schon überwältigt zu sein.

(350313w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 880, Donnerstag, 14.03.35

Postby Klaus Binder on 1. April 2013, 23:08

Seite 1

Angriffspläne Deutschlands auf Holland und Belgien? [S. 1, rechts, Mitte]
Berlin, 12. März (Tel. des "Tag"). Das Deutsche Nachrichtenbüro dementiert die vom "Echo de Paris" gebrachte Nachricht, daß General von Epp kürzlich Hitler einen Angriffsplan vorgelegt habe, der die Besetzung des Limburger Distriktes in Holland sowie eines Teiles Belgiens vorsieht, um so bei einer Offensive gegen Frankreich die ganze Nordseeküste in der Hand zu haben.

Diese Nachricht wird als "Phantasieprodukt" und "böswillige Erfindung" bezeichnet.

(350314w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Ritter_von_Epp


Seite 2

„Der Tag“ in Cernauti
Die Lehren der Volksratwahlen [S. 2, Mitte, oben]
Der "Tag" hat gestern über die Niederlage der Einheitspartei, das ist der bisherigen "Regierungspartei" - so nennt das offizielle deutsche Organ die bisher an der Macht gewesene deutsche Leitung -, berichtet. Die Mitteilungen über das Ergebnis haben tiefen Eindruck in der Oeffentlichkeit gemacht. Die Ziffern, die wir veröffentlicht haben, sprechen deutlich, daß siebzig Prozent der abgegebenen Stimmen auf die der Nazibewegung nahestehende Volkspartei entfallen. Mit der Publikation der Ziffern auf Grund des Wahlergebnisses ist aber noch nicht die Größe der Niederlage der Einheitspartei gekennzeichnet. Denn es haben nach weiteren Feststellungen bloß fünfzehn Prozent der Wahlberechtigten vom Stimmrecht Gebrauch gemacht, und von diesen fünfzehn Prozent haben eben siebzig Prozent die Bukowinaer Nazis gewonnen. Es liegt also eine Stimmenthaltung der deutschen Wähler vor - eine Erscheinung, die die Politik der Deutschen charakterisiert. Die Wähler gehen lieber nicht zur Urne, als daß sie entweder Farbe bekennen oder sich überhaupt in den politischen Streit einmischen wollen. Wie schon so oft in den letzten Jahren, so ist auch jetzt das Bild hiedurch illustriert, daß die Wähler angeekelt sind vom öffentlichen Leben, und in der Hetze, die von hoch oben bis tief hinunter geht, sich nicht mehr wohlfühlen. Von mehr als 13.000 Wählern haben kaum 2000 abgestimmt! Diese Feststellung sagt eigentlich alles.

Die "Tagespost" versucht in ihrer gestrigen Nummer eine Erklärung für den Zusammenbruch der Einheitspartei zu geben. Sie sagt an einer Stelle: "Die von unserem Mutterlande ausgehende Strömung nach innerer Erneuerung des deutschen Menschen hat auch das Auslanddeutschtum überall voll erfaßt (aha!). Bei dem jetzt durchgeführten Wahlkampf mußte naturgemäß diejenige Partei im Vorteil sein, die sich klarer zur Erneuerung und den seelischen Bindungen mit unserem Mutterlande bekannte als die andere, wenn diese andere auch immer wieder betonte, daß keine Gegensätze der Weltanschauung, sondern nur der Form und der praktischen Anwendung vorhanden seien."

Es ist diesen Worten nichts hinzuzufügen. Stimmt!!

Ein prominenter Führer der Deutschen in Cernauti sagte uns heute: Wir sind bestürzt, aber das beste ist, wir lassen die Jungen einmal regieren, in paar Monaten haben sie abgewirtschaftet. Anders konnten wir ihnen gar nicht beikommen.

(350314c2)


Seite 4

Vaidas Kriegserklärung [S. 4, oben, links]
Permanenzrat der Nationalzaranisten

Bucuresti, 12. März (Tel. des "Tag"). Der Permanenzrat der Nationalzaranisten ist heute zusammengetreten. Vaida und seine engsten Mitarbeiter sind nicht erschienen. Die Sitzung verlief stürmisch und es trat die Ansicht zu Tage, daß dem bestehenden Konflikt bald ein Ende gesetzt werden müsse. Es wurde mit Bedauern festgestellt, daß Vaida allen Beschlüssen, die von der Parteileitung ausgehen, den Krieg erklärt habe. Es wurde auch festgestellt, daß Vaida auf Grund seines Verhaltens gegenüber dem Parteiprogramm von der Würde des Präsidenten der Siebenbürgischen und Banater Organisation enthoben erscheint. Mit der provisorischen Leitung dieser Organisation wurde Mihalache betraut. Der Permanenzrat schloß hernach die Mitglieder Pompiliu Simionetti und Stefan Coriolan aus der Partei aus, da sie sich gegen das Parteiprogramm vergingen.

Es wurde schließlich der Vorschlag Grigore Filipescus auf Bildung einer gemeinsamen Front gegen die Zensur und den Belagerungszustand angenommen und beschlossen, die Aktion in dieser Frage nach dem bisher festgelegten Programm fortzusetzen. Die Aktion der Nationalzaranisten wird parallel mit der Grigore Filipescus laufen.

Nationalzaranisten haben eine historische Mission
Der ehemalige Unterrichtsminister Costachescu, der der Fusionsfeier in Jasi präsidierte, hielt über die gegenwärtige Situation ein Referat und erklärte u. a., daß seine Mission, mit Vaida zu verhandeln, noch nicht beendet sei. Die Klärung muß aber schon bald erfolgen, unabhängig davon, ob der eine oder andere die Partei verläßt. Die nationalzaranistische Partei ist keine tote Partei und hat eine wichtige Mission in der Geschichte des demokratischen Bauernstaates zu erfüllen. Er sei hinsichtlich der Zukunft der Partei optimistisch.

Zwischenfall bei der "Patria"
Als der Direktor der "Patria", Aurel Buteanu, gestern die Redaktion betreten wollte, wurde er von einigen Anhängern Vaidas daran gehindert. Sein Name wurde von der Zeitung entfernt. Buteanu ging in eine andere Druckerei und ließ die "Patria" drucken, sodaß in Cluj zwei Zeitungen gleichen Namens erscheinen. Buteanu wandte sich in einem Protestschreiben an Vaida. Nun erwartet man die Entscheidung des Permanenzrates in diesem neu ausgebrochenen Konflikt.

Situation sehr verworren
Die gesamte Presse befaßt sich mit der Situation der Nationalzaranisten, die als sehr verworren angesehen wird. Man erwartet die Entscheidung des Permanenzrates in Angelegenheit des Konfliktes bei der "Patria". Offizielle Kreise sind der Ansicht, Vaida habe nicht das Recht gehabt, Buteanu seines Amtes als Direktor der "Patria" zu entheben. Man erwartet seine Wiedereinsetzung und auch die Entscheidung, wem die "Patria" untersteht.

Vaida hielt mit seinen Parteifreunden eine Beratung ab, in der die Reorganisation der Siebenbürger Partei beschlossen wurde. Diese Reorganisation wird dahin gedeutet, daß Vaida seine Anhänger an die Spitze der Siebenbürger Bezirksorganisation stellen will.

Bei den Bezirksratswahlen im Bezirk Tarnava haben die Vaidisten eine Separataktion eingeleitet und wollen eigene Kandidaten aufstellen.

Vaida protestiert
Im Schreiben, das Vaida an Mihalache richtete, beschwert sich dieser über seine Desavouierung, umsomehr als diese nur mit 11 von 23 Stimmen erfolgte. Seine Desavouierung, sagt Vaida, erinnere ihn an den Ausschluß aus dem ungarischen Parlament im Jahre 1907. Vaida bestreitet, daß seine Aktion auf die Außenpolitik Rumäniens einen ungünstigen Eindruck auszuüben geeignet sei, umsomehr als von einer Verletzung der Verträge nicht die Rede sein kann. Vaida sieht seinen Kampf als einen heiligen an und habe nicht die Absicht, auf ihn zu verzichten. Des weiteren befaßt sich Vaida mit den vom Permanenzausschuß gefaßten Beschlüssen, die über seinen Kopf getroffen wurden und die er nicht anerkenne.

Gestern fand die Feier der einjährigen Fusion der Nationalzaranisten mit Dr. Lupu statt. Mihalache hielt ein längeres Exposee über die politische Situation und forderte die Parteianhänger zur Disziplin auf. Dr. Lupu sprach über den numerus valachicus, der mit leeren Worten nicht aufs Tapet gebracht werden könne. Diese Frage müsse frei von jeder Leidenschaft behandelt werden. Die Tatsache der Sympathiekundgebungen, die aus allen Teilen des Landes eintreffen und die ihre Treue zum Parteichef ausdrücken, beweist, daß die Aktion Vaidas zusammengebrochen ist. Lupu lobte das Verhalten Mihalaches und nannte Maniu den Dekan der Partei.

Bei der Feier der Fusion hielt Madgearu eine sehr scharfe Rede gegen Vaida und sagte an einer Stelle: Die nationalzaranistische Partei lehne den numerus valachicus, numerus clausus oder jede andere fraktionäre oder faszistische Formel anderer Parteien ab. Ihr Programm genüge vollkommen, um das Land auf einen richtigen Weg zu führen.

Nach einer Mitteilung des "Curentul" ist die Spaltung der nationalzaranistischen Partei unvermeidlich.

(350314r4)


Verhaftung eines Mörders [S. 4, Mitte, unten]
Gestern abends wurde auf der Landstraße nach Toporouti die Leiche des 20-jährigen Bauernburschen Petru Tatarczuk aufgefunden. Auf Grund der Erhebungen der Gendarmerie wurde der Bauer Ilie Hutzuleak verhaftet, von dem bekannt ist, daß er mit dem Ermordeten verfeindet war. Hutzuleak gestand, Tatarczuk hinterrücks überfallen und durch mehrere Messerstiche getötet zu haben.

(350314t4)
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Nr. 881, Freitag, 15.03.35

Postby Klaus Binder on 1. April 2013, 23:40

Seite 1

Deutschland mißachtet offiziell Versailler Vertrag [S. 1, unten, Mitte]
Paris, 13. März (Tel. des "Tag"). Die Pariser Presse befaßt sich heute ausführlich mit dem gestern veröffentlichten Plan der Reichsregierung, ein offizielles militärisches Fliegerkorps zu schaffen. Die französischen Zeitungen bezeichnen diesen Plan als den ersten in aller Oeffentlichkeit gemachten Angriff auf den Friedensvertrag von Versailles. "Echo de Paris" schreibt: Das deutsche Reich sucht jetzt nicht einmal mehr, seine militärischen Vorbereitungen zu verheimlichen, da es die Militärklauseln des Versailler Vertrages als bereits verjährt ansieht.

Berlin, 13. März (Tel. des "Tag"). Der Luftfahrtminister teilte heute offiziell den Militärattachés Italiens, Frankreichs und Englands mit, daß das deutsche Reich ab 1. April offiziell über eine militärische Luftfahrtorganisation verfügen wird.

In der offiziellen Mitteilung versuchen die deutschen amtlichen Stellen, den Nachweis zu erbringen, daß die Reformen auf dem Gebiete des Luftfahrtwesens keineswegs einen Vorstoß gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages beinhalten. Es sei, so wird erklärt, lediglich von einer Politik der Wirklichkeiten die Rede, wie sie das nationalsozialistische Regime vorausgesagt hat. Schon seit dem 23. Juni 1933 umfaßte die deutsche Luftflotte tatsächlich Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten, die aus den Reihen der Reichswehr entnommen wurden und durch ihre gelbe Armbinde kenntlich waren. Es werden fünf Luftkreiskommandos zu Land und eines für die See mit dem Sitze in Kiel geschaffen.

(350315w1)


Seite 2

Todesfall [S. 2, Mitte, links, oben]
Der Rat beim Oberlandesgericht Radovici hat einen schweren Verlust zu verzeichnen. Sein Sohn, der Hilfsrichter in Mihaleni war und ein Alter von kaum 23 Jahren erreichte, ist gestern plötzlich gestorben. Der Verstorbene erfreute sich trotz seiner Jugend großen Ansehens und allgemeiner Beliebtheit. Den Hinterbliebenen wendet sich allgemeine Teilnahme zu.

(350315t2)


"Cernauti - so siehst Du aus!" [S. 2, Mitte, oben]
Es sind vielfach Mißverständnisse aufgestiegen, denn man glaubt im Publikum, daß der für Mittwoch, den 20. d. angekündigte Abend bloß eine Wiederholung der Veranstaltung des Vormonates unter dem Titel "Meine Revue" ist. Das stimmt nicht. Am 20. d. wird eine Localrevue aufgeführt, nur mit dem Unterschied, daß statt des Wortes "aufgeführt" das Wort "gesprochen" zu setzen ist - also auch in der Art der Durchführung eine Originalität, die man absolut nicht kennt. Die Materie der Reportage bieten lokale Beobachtungen, lokale Vorgänge, gesprochene Novelletten und Satiren aus dem Leben der Stadt Cernauti, kulturell und gesellschaftlich - demnach eine wahre Revue bunter Bilder. Am amüsantesten dürfte der dritte Teil werden, da die Themen der Reportage das Publikum selbst stellen wird. Der Conferencier wird drei Themen aus der Menge der Anforderungen wählen, und die Frage gilt: welche Themen werden es sein? Das wird heute erwogen. Der Abend wird einen kabarettartigen Charakter haben - eine gesprochene Satire in mannigfachen Bildern. Das Interesse für den Abend ist ein sehr großes, zumal nur ein kleiner Regiebeitrag von 25 oder 40 Lei zu zahlen ist.

(350315i2)


Zu den Kultuswahlen [S. 2, Mitte, rechts, oben]
Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

In ihrer w. Zeitung vom 13. März l. J. befassen Sie sich an leitender Stelle mit der Lokalpolitik und behandeln bei dieser Gelegenheit auch die bevorstehenden Kultusratswahlen. Bei den Betrachtungen, die Sie diesbezüglich anstellen, zitieren Sie auch Meinungsäußerungen der Ostjüdischen Zeitung. In der Wiedergabe dieser Meinungsäußerungen nennen Sie die von mir zu führende Liste die neue Gruppe Menczer (die sogenannte Regierungspartei). Die Setzung Ihrerseits dieser Worte unter Anführungszeichen zeigt, daß Sie diese Worte der Ostjüdischen Zeitung entlehnt haben. Diese Zeitung spricht nämlich von einer neuen jüdischen Partei, die unter meiner Führung stehen soll und wirft derselben vor, daß sie ausschließlich aus Vertrauensmännern der liberalen Partei besteht, ferner, daß die gegenwärtige Gerentschaft, die nach Auffassung der Ostjüdischen Zeitung die neue Partei darstelle, von der Regierung ernannt wurde.

Diese Betrachtungen und Meinungsäußerungen bedürfen einer Berichtigung.

Der Vorwurf, daß die gegenwärtige Gerentschaft von der Regierung eingesetzt wurde, ist vollkommen unbegründet. Die in Großrumänien bestehende Rechts- und Staatsordnung ist noch nicht so weit demokratisiert, daß sie in Fällen, wo öffentliche Körperschaften von Verbrechern verwaltet werden, die Auflösung einer derartigen Verwaltung und Einsetzung einer Kommission zur weiteren provisorischen Verwaltung dieser Körperschaften, privaten Vereinen oder Personen überließe. Es ist nicht Schuld der gegenwärtigen Gerentschaft, daß sie von der Regierung ernannt wurde, und nicht etwa vom Vereine "Machsike Sabath", oder einem ähnlichen Vereine. Der gegenwärtigen Gerentschaft daraus einen Vorwurf zu machen, ist ungerecht.

Ich habe keine neue Partei gegründet und habe auch nicht vor, eine solche zu gründen. Die gegenwärtige Gerentschaft hat sich während ihrer ganzen bisherigen Tätigkeit nicht als Partei giriert. Sie besteht auch nicht ausschließlich aus liberalen Parteigängern, wiewohl auch dies kein Unglück wäre, wie es die "Ostjüdische Zeitung" der Oeffentlichkeit einreden möchte. Im Gegenteil. Die von mir geführte Interimarkommission hat während der Dauer ihrer ganzen bisherigen Tätigkeit niemals und bei keiner Gelegenheit Parteimomente vertreten. Gerade die vollständige Ausschaltung jedes Parteimomentes aus der Verwaltung der jüdischen Gemeinde hat in hohem Grade dazu beigetragen, daß die Interimarkommission in einer verhältnismäßig kurzen Zeit Leistungen vollbracht hat, die an Wunder grenzen. Die Frage der Rolle der Parteien in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde werde ich gelegentlich noch erörtern. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, zu untersuchen, in welchem Grade sich die jüdisch-politischen Parteien, die heute neuerlich die Herrschaft in der jüdischen Gemeinde anstreben, am Zusammenbruche derselben mitschuldig sind. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, der Öffentlichkeit zu zeigen, daß diese Parteien bis zum letzten Moment an den verbrecherischen Handlungen der früheren Verwaltung teils aktiv teilgenommen, teils sie wohlwollend toleriert haben, ohne gegen dieselben entsprechend aufzutreten. Statt sich zu verkriechen und von sich nicht viel hören zu machen, treten sie neuerlich öffentlich so auf, als ob sie nichts zu verantworten hätte, operieren mit bis zum Ueberdruß bekannten Phrasen und suchen krampfhaft für die bevorstehenden Kultusratswahlen nach geeigneten Schlagwörtern. Ich werde es mir auch nicht nehmen lassen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, daß die jüdische Gemeinde durch unsere ehrliche, selbstlose, opferungs- und hingebungsvolle Arbeit noch nicht so weit hergestellt ist, daß sie neuerlich ohne Gefahr für ihre Existenz die Segnungen der Parteiherrschaften ertragen könnte.

Was die Einschätzung betrifft, nach der meine Liste von gewisser Seite nur 20 Prozent der abgegebenen Stimmen zugebilligt wird, glaube ich, daß Betrachtungen darüber anzustellen eine müßige Sache sei. Dies hängt nicht vom Willen eines Einzelnen ab, sondern lediglich vom Grade der Zufriedenheit der Wähler mit dem bisher Geleisteten sowie von dem Grade des Vertrauens, die sie in die von mir zu führende Liste für die Zukunft setzen werden. Die von mir zu führende Liste wird sich aus einer Vereinigung von Kräften zusammensetzen, deren erster Programmpunkt: die Rettung der jüdischen Gemeinde sein wird. Die Liste wird daher den Namen führen: "Liste der vereinigten bürgerlichen Kräfte zur Rettung der jüdischen Gemeinde". Die Frage "der Freiheit oder Unfreiheit der jüdischen Gemeinde, Selbstbestimmung oder Diktat von außen", hängt nicht davon ab, ob eine bestimmte jüdisch-politische Partei ihre Herrschaft in der jüdischen Gemeinde ganz oder zum Teil wieder aufrichtet, sondern davon, daß in die Verwaltung der jüdischen Gemeinde nur solche Männer einziehen, denen das Interesse der jüdischen Gemeinde höher als jede Parteipolitik steht, und die vermöge ihrer bisherigen Leitungen eine Garantie bieten, daß die jüdische Gemeinde auch fernerhin ehrlich, selbstlos, gut und würdevoll verwaltet werde.

Für die Aufnahme vorstehender Zeilen bestens dankend, zeichne ich mit dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung
Ihr ergebener Dr. Markus Menczer

(350315c2)


Seite 3


Gründung eines "Jüdischen Volksrates" in Rumänien [S. 3, Mitte]
Die allgemein bemerkbare Unzufriedenheit unter der jüdischen Bevölkerung, die Spaltung innerhalb derselben in Gruppen und Grüppchen, der Mangel an einheitlicher Führung, hat ein energisches unparteiisches Aktionskomitee veranlaßt, die Gründung eines "Jüdischen Volksrates" in Rumänien in die Wege zu leiten, der von allen Juden Rumäniens in ordentlicher Wahl gewählt, mit der Wahrnehmung der Interessen der rumänischen Judenschaft betraut sein soll.

(350315r3)


Radauti (Der Sportklub "Hagwirah") [S. 3, rechts, Mitte]
veranstaltet am Samstag, den 16. d. um 9 Uhr abends im Festsaal des Grand Hotel einen gemütlichen Abend mit Musik. Zu dieser Veranstaltung hat der Sportklub den Chefredakteur Arnold Schwarz zu einer Conference eingeladen. Sein Thema lautet: "Ich - der moderne Zigeuner, Revuebilder aus einem bunten Journalistenleben". Das Interesse für den Abend ist ein sehr großes. Schon heute, nach der ersten Ankündigung, kann man sagen, daß das Haus ausverkauft sein wird.

(350315i3)
Klaus Binder
 
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Nr. 882, Samstag, 16.03.35

Postby Klaus Binder on 4. April 2013, 13:36

Seite 1

Neue Hakenkreuzoffensive gegen die deutschen Juden [S. 1, unten, Mitte]
London, 14. März. Der Berliner Korrespondent der "Times" sendet seinem Blatte einen Bericht über eine neue Wendung der nationalsozialistischen Judenpolitik. Trotz der scheinbaren äußeren Beruhigung im deutschen Leben sei ein neuer unterirdischer erbarmungsloser Kampf gegen die Juden in Vorbereitung. Verschiedene Reden wie die Dr. Schachts in Leipzig seien nur für das Ausland bestimmt und ständen mit den wahren Tatsachen im krassen Widerspruch. Als besonders charakteristisch führt der Korrespondent verschiedene Maßnahmen an. U. a. will man die deutschen Juden zur Auswanderung zwingen, obwohl die Bedingungen für die Aufnahme in anderen Ländern gegenwärtig sehr schlecht sind. Eine vertrauliche Anordnung der Gestapo wird in Umlauf gesetzt, die den Zweck hat, jede Propaganda zu Gunsten der in Deutschland verbleibenden Juden mit allen Kräften zu entmutigen. In diesem Zusammenhang wurden bereits einige Versammlungen aufgelöst, so erst kürzlich eine Versammlung in Süddeutschland, weil ein Redner erklärt hatte, daß nicht alle deutschen Juden nach Palästina oder anderswohin gehen können und die Hoffnung ausdrückte, daß der Rest in Deutschland bleiben kann. Juden, die im Ausland gearbeitet haben und nach Ablauf ihres dortigen Engagements nach Deutschland zurückkehren, müssen eine "Erziehungsperiode" in einem Konzentrationslager durchmachen, bevor sie wieder als deutsche Einwohner zugelassen werden.

(350316w1)


Seite 3

Nicht Zensur und Belagerungszustand, sondern Freiheit der Bürger [S. 3, oben, links]
(Von unserem Bucurestier Korrespondenten)

Die gesamte politische Oeffentlichkeit steht unter dem Eindruck der von der Opposition eingeleiteten Kampagne, die sich gegen das Gesetz über Belagerungszustand und Zensur richtete. Obwohl das Gesetz bereits von beiden Häusern angenommen wurde, wird die Rede Manius äußerst lebhaft kommentiert.

Maniu und die Demokratie
Maniu leitete sein mehr als zweistündiges Exposee mit einer Anfrage an die Regierung ein; es würde ihn die Ansicht der jungen Elemente der liberalen Partei interessieren, die mit so großem Eifer das Projekt über die Verlängerung des Belagerungszustandes und die Beibehaltung der Zensur unterstützen. Auch ich bin für eine ehrliche Demokratie, das Gesetz spricht jedoch nur von der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung, ohne aber an die bürgerlichen Freiheiten zu erinnern, auf Grund welcher ein demokratischer Staat sich entwickeln kann. Es wird die Konsolidierung des Landes angestrebt, der richtige Weg zur Erreichung dieses Zieles kann jedoch nicht gefunden werden. Glauben Sie mir, Herr Ministerpräsident, daß der richtige Weg nur der eine ist: Allen Bürgern des Landes die bürgerlichen und politischen Rechte zu gewähren sowie die Einführung eines freiheitlichen demokratischen Regimes. Nur diejenigen Länder haben sich entwickelt - die Geschichte kennt viele Beispiele - die diese Grundsätze beherzigten.

Viele von uns, die an der Sitzung teilnehmen, haben unter einem absolutistischen Regime, das die Freiheiten nicht respektierte, zu leiden gehabt. Ich will hier lediglich Siebenbürgen und das Banat erwähnen.

Seicaru: Herr Maniu, wie erklären Sie die Tatsache, daß sich in Europa immer mehr das Bestreben nach autoritären Regimes zeigt und die Demokratie in den Hintergrund rückt.

Maniu: Es schmerzt mich sehr, wenn ich höre, daß Söhne des rumänischen Landes gegen die Demokratie auftreten. Ich kann auf Ihre Anfrage nicht näher eingehen, weil ich Ihre persönliche und familiäre Vergangenheit - da Sie aus dem Regat stammen - nicht kenne. Ich kenne aber die Vergangenheit Siebenbürgens und ich appelliere hier an die Siebenbürger, und zwar an diejenigen, die das Wort Demokratie lästern, um ihnen zu sagen, daß, wenn diese Demokratie, die sie verhöhnen, nicht bestanden hätte, sie noch heute unter dem Joche der ungarischen Grafen gelebt hätten. Die Demokratie darf nicht verfälscht werden. Ich spreche nicht von der fernen Vergangenheit, sondern vom Jahre 1928, in dem die Nationalzaranisten die Demokratie begründeten. Seither habe ich eine wahre Demokratie nicht gesehen. Der Beweis ist leicht erbracht, weil seit dieser Zeit nur mit Ausnahmsgesetzen, Belagerungszustand und Zensur regiert wurde.

Warum hat Maniu demissioniert?
Des weiteren befaßt sich Maniu mit seiner Regierungstätigkeit in den Jahren 1928-1930, und kommt auf die äußerst schwierige Situation zu sprechen, in der sich das Land infolge der kommunistischen Bewegung und der religiösen Strömung befunden habe. Trotzdem wurden keine Ausnahmsbestimmungen erlassen. Ich muß hier noch eine Indiskretion begehen: Als die Regierung Vaida die Zensur und den Belagerungszustand einführte, war ich nicht im Lande und bekleidete auch nicht die Würde eines Präsidenten der Partei. Gleich nach meiner ersten Aussprache mit Vaida, als ich aus dem Auslande zurückkehrte, habe ich die Aufhebung des Ausnahmszustandes gefordert. Das war auch einer der Hauptgründe, die mich veranlaßten, von der Leitung der Partei zurückzutreten. Ich stelle nun an den Parteipräsidenten der Liberalen Dinu Bratianu die Anfrage, ob er ins Parlament kommen wird, um das Gesetz zu unterstützen oder aber ob er die notwendigen Konsequenzen ziehen wird. Welcher Eindruck wird in der Oeffentlichkeit erweckt werden, wenn man sieht, daß der Staat fortwährend in Gefahr zu sein scheint, weil nur mit einem Ausnahmszustand regiert werden kann?

Maniu spricht weiter über sein von der Regierung zensuriertes Memorium hinsichtlich des Aktes der Restauration und bezeichnet es als eine Illegalität und Ungerechtigkeit, als einzig dastehend in der Geschichte, daß sein Memorium, obwohl es nur geschichtliche Daten enthielt, zensuriert wurde.

Tatarescu: Ich frage Sie, Herr Maniu, als ehemaligen Ministerpräsidenten, als Berater des Thrones, ob dieses Memorium, wäre es veröffentlicht worden, im Interesse des Landes gelegen wäre.

Maniu: Ganz bestimmt.

Mihalache zum Ministerpräsidenten: Wenn Sie guten Glaubens wären, würden Sie das Gesetz über Belagerungszustand und Zensur sofort zurückziehen.

Maniu: Ich trage die rumänische Verantwortung für das von mir verfaßte Werk. Indem in einem Teil der Presse, die Ihnen, Herr Ministerpräsident, genehm ist, Auszüge aus meinem Memorium zugelassen wurden und in einem anderen Teil der Presse überhaupt nicht, wird eine falsche Atmosphäre über den Akt der Restauration geschaffen. Maniu befaßt sich hernach mit der Inszenierung der Skodaaffäre, wobei geheime Kräfte eine große Rolle gespielt haben. Die Nationalzaranisten haben nur einen Vertrag, die Liberalen aber sieben Verträge mit Skoda abgeschlossen. Mögen der Belagerungszustand und die Zensur weiter andauern, ich werde meine Aktion zur Aufklärung der Oeffentlichkeit fortsetzen, um dem krankhaften Zustand ein Ende zu setzen.

(350316r3)


Cernautier "Makkabi" reist nach Tel-Aviv [S. 3, rechts, Mitte]
Begeisterter Nachtbetrieb am Hauptbahnhof

Gestern abends bot die Stadt ein bewegtes Bild. Mehr als sonst wurden die Fiaker und die Straßenbahn in Anspruch genommen und alles deutete auf das sportliche Ereignis hin, zu dem sich hundert Mitglieder der Bukowinaer Region des Makkabi inklusive Botosani, Noua-Sulita und Lipcani begeben hatten. Aus dem ganzen Lande nehmen 250 Sportler an der Makkabiah in Tel-Aviv teil. Die übrigen 150 reisen erst in acht Tagen ab. Dank der energischen Aktion des Präsidenten Schindler ist es gelungen, aus Rumänien ein so großes Kontingent von Sportlern für die Veranstaltung in Tel-Aviv, die unter dem Ehrenvorsitz des Highkommissars für Palästina Sir Wauchopps sowie dem Vorsitz des Präsidenten des Weltmakkabiverbandes Dr. Lelever, dem Vizepräsidenten Lord Melchett und dem technischen Leiter Jekutieli stattfindet, beizustellen. Unter den Teilnehmern befinden sich 60 aktive Sportler des Cernautier Makkabi. Sportler aus 22 Ländern nehmen an der "Makkabiah" teil.

Die Abreise vom Hauptbahnhof Cernauti gestaltete sich zu einer begeisterten sportlichen Manifestation. Mehr als 1500 Personen hatten sich zur Verabschiedung am Bahnhof eingefunden. Unter den Reiseteilnehmern bemerkte man auch den Vizepräsidenten des Makkabiweltverbandes, Max Ritter von Anhauch, der in dieser sowie in der Eigenschaft als Mitglied der "Jewish Agence" und des Zionistischen Aktionskomitees an der Makkabiah teilnimmt.

Die der Abreise vorangehenden Minuten verfehlten auch auf Nichtsportler nicht ihre Wirkung. Als der Berliner Schnellzug, dem ein Sonderzug für die Sportler angeschlossen wurde, einfuhr, herrschte lebhafte Bewegung. In kaum zehn Minuten hatte alles dank der gut funktionierenden Organisation seinen Platz. Exakt um 11 Uhr 15 Min. setzte sich der Zug in Bewegung. Die fröhlichen Passagiere sangen die "Hatikwah". Ein letztes Winken und Taschentuchschwenken - der Qualm der ratternden Lokomotive zeigte den wehmütig Zurückgebliebenen an, daß die erste Etappe zur Tel-Aviver Makkabiah soeben überwunden war.

Die Teilnehmer schiffen sich Samstag früh in Constanta mit der "Dacia" ein.

(350316c3)


Studienzirkel für öffentliches Recht [S. 3, rechts, unten]
Im Jahre 1933 von einigen jungen Juristen (Angelescu, Brück, Tusinschi, Falikmann und Ebner) ins Leben gerufen, hat es dieser dem Studium des öffentlichen Rechtes gewidmete Verein, der derzeit unter Leitung des Tribunalpräsidenten N. Pelin steht, verstanden, sich die Sympathien der hiesigen Juristenwelt zu erobern. Allwöchentlich finden Vorträge statt, die gut besucht werden. Sonntag, den 9. März, sprach Advokat Jakob Silbermann über "Psychoanalyse und Strafrecht". Der Referent erläuterte in lichtvollen Ausführungen die Grundprinzipien der Freud'schen Lehre, wies hernach in formvollendeter Weise auf die wissenschaftlichen Ergebnisse der Schüler Freuds hin und behandelte im letzten Teil seiner Ausführungen die Rolle der Psychoanalyse an Hand praktischer Beispiele aus dem Rechtsleben des In- und Auslandes, sowie der Literatur. Advokat Dr. Stecher verfocht in einigen kurzen Bemerkungen die Thesen der Bekämpfer der Freud'schen Lehre im Strafrecht.

(350316c3)
Klaus Binder
 
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Nr. 883, Sonntag, 17.03.35

Postby Klaus Binder on 6. April 2013, 22:18

Seite 4

Der heilige Berg Athos wankt [S. 4, links, oben]
Ein Stück Altertum auf dem Aussterbeetat

Von 15.000 auf 2.500
Stück um Stück wird im Strudel der neuen Zeit fortgerissen, was aus längst versunkenen Jahrhunderten sich in bescheidenen Winkeln der Erde noch gerettet glaubte. Jetzt wird bald der letzte Rest aus den Zeiten des weiland byzantinischen Kaiserreiches dahinschwinden, der auf den unzugänglichen Felsen Chalkidikes allen Stürmen bis in die Ewigkeit trotzen zu können wähnte: Das Hagion Oros, das heilige Gebirge des Athos ist nun auf den Aussterbeetat gesetzt worden.

Die griechische Regierung erwägt den Plan, die seltsame Republik des Hagion Oros aufzulösen. Sie wird damit das Ende dieses altertümlichen Staatswesens nur beschleunigen, ein Ende, das sowieso unwiderruflich feststand.

Zwei dürre Zahlen beweisen alles: 15.000 Eremiten besiedelten das Gebiet des Berges Athos im Jahre 1914. Von ihnen sind heute noch ganze 2.500 übriggeblieben. Diese Mönchrepublik, die seit dem Jahre 962 bestand, wird die Feier ihres tausendjährigen Bestehens nicht mehr begehen können.

Kein weibliches Wesen, kein Muselmann...
Von seiner fast 2000 Meter betragenden Höhe sieht der Berg Athos düster und abweisend über den Norden des Aegäischen Meeres hinweg. Und die Menschen, die seine Einsamkeit als ihre Welt eifersüchtig den Zutritt.

Ein uraltes Gesetz, auf einer gegerbten Buckshaut aufgezeichnet, bestimmte den Gang des Lebens der kleinen Republik. In ihre Pinienwälder und Olivenhaine, in ihre zwei unzugänglichen Nester an schroffe Felsenhänge geklebten romantischen Klöster durfte keine Frau, ja noch nicht einmal ein weibliches Tier den Fuß setzen, und verwehrt sollte auch auf jede Zeit der Zutritt den Anhängern des Propheten bleiben.

Die Mönche von Athos haben das alte Gesetz treulich gehütet. Niemals gelang es einer Frau, das Gebiet des Hagion Oros zu betreten. Sensationslüsterne Amerikanerinnen haben es immer wieder versucht. Die Männerkleidung mit Herrenschnitt, mit keck brennender Zigarre im Munde versuchten sie in gut gespielter Harmlosigkeit den weltfremden Mönchen ein Schnippchen zu schlagen. Keiner von ihnen ist es geglückt. Keine konnte das wachsame Auge der Posten täuschen, die am Ende der Halbinsel vom Lande her und an dem kleinen Hafen von der Seeseite Unberufenen den Eintritt in das verbotene Land verwehrten.

Hinter der weitereilenden Zeit um Jahrhunderte zurückgeblieben, gedachte das kleine Staatswesen unberührt vom Weltgeschehen zu leben, und das ist ihm gelungen. Der Lärm der Welt prallte hier ab. Fast ein Jahrtausend blieb die Mönchrepublik ihren selbstgewollten Gesetzen treu und wird es bleiben, bis nunmehr ihr letzter Tag herannaht.

Ein Leben im Gebet und Arbeit
Um das Dasein in der Republik des Hagion Oros wird der sonstige Europäer - sofern er nicht mit der Welt gänzlich zerfallen ist - die Mönche schwerlich beneiden können. Wie sieht es denn aus in diesem rund 300 Quadratkilometer großen Staate, in seinen 20 Klöstern und 150 Einsiedlern? Das eigenstaatliche Leben spielt keine Rolle. Eine Art Regierung in der "Hauptstadt" Karyaes stellt die Synode dar. In einer bescheidenen Hütte, die in keiner Form Anspruch auf kurze Zeit zusammen. Sie entscheiden über die wenigen Streitfälle, die sich zumeist um religiöse Dinge bewegen. Das ist alles.

Der Rhythmus des täglichen Lebens im Gebiete des Athos wird durch Hammerschläge bestimmt, Hammerschläge, die auf ein Brett niederfallen. Diese Schläge, die in ewig gleichbleibenden Abständen durch die Höfe der Klöster hallen, rufen die Mönche zu den Andachten, mit denen ein volles Drittel jeden Tages ausgefüllt ist. Die Glocken erklingen nur an den Sonntagen, ganz, als ob ein dauernder Schall festlicher Klänge in diesem Land eine Vermessenheit bedeuten würde.

Und die Zeit, die von den Andachten frei gelassen wird, dient der körperlichen Arbeit in jeder Form. Für niemand gibt es eine Ausnahme, auch für den Abt nicht. Holz wird gefällt, die Gemüsegärten und Felder werden bearbeitet. Andere Mönche versehen die notwendigen handwerklichen Arbeiten, denn alles, was die kleine, altertümliche Republik an Lebensbedürfnissen hat, wird in ihr selber hergestellt.

Grobes Brot, Gemüse, Reis - -, das sind die Hauptbestandteile der Nahrung. Als festtägliche Speise kommen vielleicht in Oel gebackene Fische auf den Tisch. Größere Ansprüche an das tägliche Essen werden nicht gestellt.

Dieser Lebensweise vollauf angepaßt sind die geringen Bequemlichkeiten, die das Dasein am Berg Athos gewährt. Als Mittelpunkt eines jeden Klosters erhebt sich im Hof die Kirche, umgeben von Gebäuden, in denen die Zellen der Mönche zu finden sind. Armselig ist die Einrichtung einer solchen Zelle. Eine dünn gepolsterte Bank an der Wand dient am Tage zum Sitzen, in der Nacht als Bett. Ein schlichter Tisch, ein Heiligenbild an der Wand - -, nichts weiter. Als gemeinsame Waschgelegenheit dient der Brunnen im Klosterhof, dessen Wasser jeden Monat in feierlicher Zeremonie geweiht wird.

In dieser vollkommenen Bedürfnislosigkeit hat die Republik vom Hagion Oros durch fast zehn Jahrhunderte jedem Wechsel der Zeit erfolgreich die Stirn zu bieten vermocht. Die Zeit ist Sieger geblieben; bald wird die Mönchrepublik am Athos der Vergangenheit angehören.
F. R. W.

(350317w4)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Athos


Seite 6

Schon wieder? [S. 6, oben, Mitte]

"Nochmals ein Interview?"

"Zugegeben, Herr Chefredakteur, das erste Interview, das Sie mir gewährten, hat mit der fesselnden Schilderung Ihrer Erlebnisse mit Indianern aufklärend gewirkt, und wie recht Sie mit ihren originellen Behauptungen über die Art der spontan aus der gegebenen Situation geschöpften Conference hatten, konnte man bereits an jenem Reportage-Abend ersehen. Zu meiner Verwunderung las ich, daß Sie einen sogenannten Cabarettabend ankündigen, der an das Varieteehafte streift, sogar von einer "großen Nummer" ist da die Rede. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß Sie damit wieder ein Rätsel aufgegeben haben."

"Hören Sie, mein Lieber, ich habe dazu nicht viel anderes zu sagen als ich Ihnen bereits vor meiner vorigen Conference mitgeteilt habe. Ich muß Sie heute wie damals damit beruhigen, daß ich auch auf diesem Gebiet lange kein Anfänger mehr bin? Wieviele Conferencen habe ich doch schon geschrieben? Allerdings nicht für mich selbst, sondern für andere, die dann den Erfolg erntet, für Gelegenheitsfestlichkeiten, Berufshumoristen, die das Publikum durch meine Einfälle zum Lachen gebracht haben etc. Uebrigens habe ich mich sogar in Cernauti selbst mit dem Entwurf einer Revue - die Stadt wird sich wohl noch daran erinnern, obwohl schon mehr als zehn Jahre seither verstrichen sind - hervorgewagt: die neunundzwanzigmalige Ensuite-Aufführung von "Cernauti, die herrliche Stadt" mit Rosl Albach und Max Warbeck lebt noch bestimmt in der Erinnerung der meisten Cernautier. Maximilian Berndt, der meine Entwürfe bühnentechnisch einrichtete, zeichnete damals formell als Autor der Revue und wir teilten die Tantiemen. Das war meine Feuertaufe. Aber dann ging es mit vollen Segeln in das Leben hinaus, in die große Welt, und da erst fand ich die richtige Plattform für meine Arbeit. Ich wurde Spezialist für Clown-Entrees. Daß das um vieles komplizierter und schwieriger ist als ein humoristischer Speech, ist allgemein in Fachkreisen bekannt.

Sie sehen also, ich bin auch auf diesem Gebiet zuhause. Es hat sich nun gezeigt, daß gerade jene Humoristen, die mit auswendig eingelernten fremden Geistesprodukten vor das Publikum traten, sich nicht dauernd zu behaupten vermochten, sondern nur jene, die ihren Humor aus der Situation des Augenblicks Funken sprühen lassen können und in knapper Weise, mit einem einzigen treffenden Worthieb, zu improvisieren vermögen. Der Humorist, der am Wort, das andere für ihn geschaffen haben, klebt, ist in das Dunkel des Provinzkabaretts versunken, nur der schaffende Künstler, der mit eigenen Schöpfungen vor das Publikum tritt, kommt vorwärts. Ich muß Ihnen noch das Eine betonen: Ich bin kein Witzeerzähler, kaue auch nicht fremde Gedanken wieder; ureigene Satire ist es, eigene Gedanken und Ideen, mit denen ich vor die Oeffentlichkeit trete. Genügt Ihnen das?"

"Ich sehe, daß ich mit Vertrauen Ihrer Lokal-Conference entgegen sehen kann, denn ich weiß, da Sie zu jedem Ereignis, mag es politischer, sozialer oder gesellschaftlicher Natur sein, im Nu die den Nagel auf den Kopf treffende Pointe finden. Nein, ich zweifle nicht mehr, daß Ihnen auch diesmal Erfolg beschieden sein wird. Aber um eines bitte ich Sie, Herr Chefredakteur, schonen Sie die Cernautier, schonen Sie vor allem die Frauen, denn eine Dame hat mir bereits gestanden, daß die Frauen die Absicht haben, von Ihrem Abend fernzubleiben, weil Sie in Ihnen den Frauenkenner, der die Wahrheit sagen könnte, fürchten. Ich bitte Sie also um Schonung!"

350317i6


Seite 7

Wie die deutsche Volkspartei zu ihrem Siege kam [S. 7, links, oben]
Ein Augenzeuge schildert die Geschehnisse

Die Vorgänge im Lager des Bucovinaer Deutschtums, die zum Erfolge der nationalsozialistischen "Volkspartei" führten, haben nicht nur innerhalb der Grenzen der Bucovina größtes Interesse hervorgerufen. Im ganzen Lande hat man ihnen große Aufmerksamkeit geschenkt. Mit wie geteilten Empfindungen der Nazi Erfolg der Bucovinaer Volksratswahlen in ernsten deutschen Kreisen aufgenommen wurde, erfährt man deutlich aus einer fesselnden Darstellung des Abgeordneten Hermann Plattner, die dieser im "Siebenbürgisch-Deutschen Tagblatt", dessen Chefredakteur er ist, veröffentlichte. Abgeordneter Plattner hat vor den Wahlen die Bucovina bereist, seine Schilderungen entspringen daher einer unmittelbaren, als Augenzeuge gewonnenen Kenntnis der Geschehnisse. Wir folgen im Nachstehenden seiner Darstellung:

Schon vier Wochen vor den Wahlen, erfahren wir aus dem Bericht, kam der Führer der "Erneuerungsbewegung", Dr. Waldemar Gust, in die Bucovina, wo er gleich eine lebhafte Agitation unter der deutschen Bevölkerung zu entfalten begann und parteipolitischen Radikalismus und konfessionellen Haß predigte. Die Folgen seiner Verhetzungstätigkeit zeigten sich deutlich bei der Wahlversammlung der Einheitspartei in Cernauti, die durch den Terror von Anhängern der Deutschen Volkspartei, welche die Redner durch wüstes Schreien und Pfeifen unterbrachen, unausgesetzt gestört wurde. In Rosch wurde von den Versammlungsstörern sogar eine Tränengasbombe geworfen. In allen Gemeinden, die die Vertreter der Einheitspartei besuchten, konnte die vorangegangene wilde Propaganda der Werber der deutschen Volkspartei festgestellt werden und es zeigte sich ein klares Bild der Mittel, mit denen sie um ihren Anhang warben. Vor allem trat die Tatsache hervor, daß zwischen Dr. Gust und dem katholischen Vater Göbel ein Kampfbündnis gegen die Einheitsbewegung abgeschlossen worden war. Dr. Gust, dessen Gefolgschaft im Banat mit allen Mitteln den Kampf gegen die katholische Kirche führt, hat sich also, um des Wahlerfolges willen, nicht gescheut, mit Pater Göbel zu paktieren, dessen Haltung auf die des schärfsten konfessionellen Kampfes gegen alles Nichtkatholische eingestellt ist. Ein zweites Kampfmittel in der Bearbeitung der Landgemeinden war die Ausnützung des Winterhilfswerkes, dessen aus allgemeinen Beträgen der gesamten Volksgemeinschaft zustandegebrachten Geldmittel einem Ausschuß in die Hände gelegt wurden, der ausschließlich aus Anhängern der ehemaligen NEDR sowie Pater Göbel und Pfarrer Hermann zusammengesetzt war. Die Geldmittel des Winterhilfswerks wurden nun im Wahlkampf zu propagandistischen Zwecken der Deutschen Volkspartei ausgenützt.

Der Autor gibt unter der Ueberschrift "Ein trauriges Bild" eine Schilderung der Schlußversammlung der Einheitspartei in Radauti. Hiefür geschulte Radaumacher, selbst halbwüchsige Burschen seien aufgeboten worden, sich am Spektakelmachen zu beteiligen und durch Lärmen Pfeifen, und Johlen die Redner zu stören. Der Versammlungsverlauf bot ein Bild haßerfüllten Bruderkampfes.

Die Wahlergebnisse sind nicht anders, schreibt Abgeordneter Plattner, als sie bei dem großen Aufwand an Propagandaleuten und -Mitteln zu erwarten waren. Von rund 1800 Wählern haben in der Stadt Cernauti nur 882 abgestimmt, mehr als die Hälfte der Wählerschaft blieb der Wahl ferne, eine Tatsache, die sehr bemerkenswert ist. Von diesen 882 Stimmen hat die Deutsche Volkspartei 475 Stimmen erhalten, also 53.8 v. H.

Abgeordneter Plattner schließt mit den Worten:

"Dieser Ausgang der völkischen Wahlen im Buchenlande ist als ein Ereignis von allergrößter Tragweite zu werten. Den einen Eindruck können wir gewinnen, daß scheinbar auch das Deutschtum des Buchenlandes den Leidensweg innerer Zerrissenheit und äußerer Ohnmacht gehe wollte und nunmehr wird gehen müssen, den das sächsische Volk Siebenbürgens anderthalb Jahre lang unter schwersten Verlusten gegangen ist."

(350317c7)


Die ethnische Abstammung bei Volkszählungen [S. 7, oben, Mitte]
Im "Adevarul" veröffentlicht der Direktor des städtischen Instituts Dr. Manuila einige Bemerkungen zu dem jetzt aktuellen Thema der Feststellung der völkischen Zugehörigkeit. Das Kriterium für diese Feststellung kann, wie Dr. A. Manuila erklärt, nur subjektiv, nicht aber objektiv sein. Die Rubrik "Abstammung" ist nach den offiziellen Weisungen des statistischen Amtes bei der Volkszählung sowie bei Ausstellung von Dokumenten des Standesamtes (Geburten, Eheschließungen, Todesfällen usw.) nach den Angaben des die Erklärung Leistenden aufzunehmen, der seine Abstammung je nach der Tradition und den Gefühlen, an die er sich gebunden fühlt, angeben kann. Die Angaben sind ohne jede amtliche Ueberprüfung oder Untersuchung zu registrieren. Es gibt keine anerkannten und nicht anerkannten Völker, so daß jede Erklärung angenommen werden muß. Es ist bloß darauf zu achten, daß der die Erklärung abgebende nicht offensichtlich falsche und unseriöse oder lächerliche Angaben macht (z. B. rumänischer Muttersprache und japanischer Nationalität, oder wenn sich ein Mohamedaner als Pole ausgeben sollte).

Sollte der Betreffende jedoch auf seiner Erklärung beharren, so ist diese aufzunehmen und dem Ministerium Bericht zu erstatten. Diese subjektive Methode wird allerdings von vielen Seiten bekämpft. So wird sie besonders von den Ungarn in Budapest kritisiert, die die Gleichsetzung von Muttersprache und Nationalität verlangen, was eine objektive Methode zur Feststellung der Nationalität wäre.

Diese Bemerkungen über die Art der Feststellung der Abstammung sind zweifellos richtig. Wir fürchten aber, daß sich das Industrieministerium für die völkische Abstammung der Angestellten nicht bloß aus statistischen Gründen interessiert, so daß auch eine subjektive Entscheidung der Angestellten darüber, als Angehörige welcher Nationalität sie sich fühlen, nicht genehm sein wird. Vielmehr dürfte das Ministerium als Folge dieser Information Maßnahmen treffen, die die rumänischen Staatsbürger entgegen den Bestimmungen der Konstitution in zwei Kategorien einteilt.

(350317r7)
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Nr. 884, Dienstag, 19.03.35

Postby Klaus Binder on 8. April 2013, 01:41

Seite 1

Am Vorabend ernster Ereignisse:
Hitler fordert die Welt heraus [S. 1, oben, links]
Paris und London sind einig. - Nur schnelles Handeln kann noch den Frieden retten

London, 17. März (Tel. des "Tag"). Heute tagte ein englischer Kabinettsrat, um zur neu geschaffenen Situation Stellung zu nehmen. Morgen tritt unter dem Vorsitz Macdonalds ein außerordentlicher Kabinettsrat zusammen.

Drei-Mächte-Beratung
London-Paris-Rom
Paris, 17. März (Tel. des "Tag"). Die offiziellen französischen Kreise behaupten, man müsse das Resultat der Verhandlungen der Regierungen von London, Paris und Rom, zwischen denen schon gestern abends ein Meinungsaustausch in dieser Frage stattfand, in Ruhe abwarten. Die gleichen Kreise erklären, daß seit Abschluß der Abkommen zwischen Paris und Rom einerseits und Paris und London andererseits, die Solidarität dieser drei Mächte nur gefestigt wurde.

Nach einer Aussprache zwischen Flandin und Laval, die in der Nacht stattfand, wurden den französischen Botschaftern in London und Rom die notwendigen Instruktionen erteilt.

Man erwartet nicht vor Montag eine Entscheidung der drei Großmächte über den Schritt Deutschlands.

Gemeinsames Vorgehen England-Frankreich
Ueber die Aussprache zwischen Laval und dem englischen Botschafter Campbell wird strenges Stillschweigen bewahrt. Es heißt, daß der Schritt Deutschlands nicht ohne Protest bleiben wird. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Frage vor dem Völkerbund angeschnitten wird, es steht jedoch fest, daß Frankreich und England gemeinsam vorgehen werden.

In französischen politischen Kreisen heißt es, daß die Kündigung der Militärklausel durch Deutschland vorerst dem Völkerbund durch die Signatarmächte zur Kenntnis gebracht wird. Vor dem Besuch Simons in Berlin hält man eine englisch-französische Aussprache für notwenig.

Noch kein Beschluß über Simons Reise
London, 17. März (Tel. des "Tag"). Im heutigen Ministerrat wurde kein definitiver Beschluß über die Reise Simons nach Berlin gefaßt. In dem morgen stattfindenden außerordentlichen Ministerrat wird der Bericht des britischen Botschafters in Berlin Sir Eric Phipps zur Kenntnis genommen. Morgen soll auch die Frage der Opportunität einer Reise Simons nach Berlin erörtert werden. Die englische Regierung wird im Unterhaus eine öffentliche Erklärung über den Schritt Deutschlands abgeben.

Die Stimme der Weltpresse:
Deutschland zerreißt den Versailler Vertrag
London, 17. März (Tel. des "Tag"). Die Weltpresse befaßt sich eingehend mit dem Schritt Deutschlands, der vernichtend kritisiert wird. Die Schlagzeilen der Zeitungen lauten: "Deutschland zerreißt den Vertrag von Versailles." "Sunday Times" schreiben:

"Eine neue Verschiebung der englisch deutschen Besprechungen in Berlin ist unvermeidlich. Die Militärmaßnahme Frankreichs boten mehr eine Gelegenheit, als daß sie das Motiv für die Beschlüsse der Reichsregierung waren, die allem Anschein nach schon früher gefaßt wurden. Deutschland wird in Bezug auf seinen Effektivstand sogar Frankreich gegenüber im Vorteile sein. Die Sicherheit der Welt erscheint in hohem Maße bedroht." Nach Meinung des "Observer" sind angesichts des Schrittes Deutschlands die Möglichkeiten eines allgemeinen Rüstungsabkommens geschwunden.

Versailler Vertrag ist gestorben
Paris, 17. März (Tel. des "Tag"). Die gesamte Presse hat die Nachricht aus Berlin mit der größten Konsternierung aufgenommen. De Zeitungen erschienen heute mit folgenden Aufschriften: "Die Klauseln des Versailler Vertrages - ein Fetzen Papier", "Der Versailler Vertrag ist gestorben", "Internationaler Staatsstreich", "Definitiver Staatsstreich gegen den Versailler Vertrag" usw.

"Petit Parisien" schreibt u. a. Die Kündigung der Bestimmungen des Friedensvertrages ist der Versuch einer einseitigen Lösung. Einige werden die Einberufung des Völkerbundrates verlangen, andere werden vielleicht an andere Mittel denken. Die Beschlüsse dürfen jedoch nicht in Eile gefaßt werden und wenn sie gefaßt werden sollten, dann müssen sie auch energisch durchgeführt werden.

Laval nach Moskau

Paris, 18. März (Tel. des "Tag"). Laval wurde nach Moskau eingeladen. Der nächste Ministerrat wird sich mit dieser Einladung befassen.

Der Ex-Kronprinz defiliert vor Hitler
Berlin, 17. März (Tel. des "Tag"). In Anwesenheit Hitlers, des Marschalls Mackensen, des Reichswehrministers v. Blomberg, des Ministerpräsidenten Göring und anderer hoher militärischer Würdenträger wurde heute am Schloßplatz eine große militärische Parade abgenommen. Es defilierten die neuen Einheiten der Reichswehr aus Berlin. An der Spitze der Truppen defilierte eine Gruppe von 50 Generalen unter Führung des Ex Kronprinzen, der von der versammelten Menge mit ungeheuerem Enthusiasmus begrüßt wurde.

Heute findet auch in der Staatsoper eine Erinnerungsfeier an die Toten des Weltkrieges statt. Vor der Oper hatten sich SA, SS und militärische Einheiten der Luftflotte postiert. Bei der Erinnerungsfeier hielt General v. Blomberg eine Rede, in der er u. a. erklärte, er sei bereit, den früheren Gegner Deutschlands jetzt, da die Gleichheit der Rechte wieder erlangt sei, die Hand zu reichen. Es gebe keine Schuld für die Kriegserklärung, noch für alles, was sich im Laufe des Weltkrieges zugetragen habe. Das Wappen Deutschlands sei jedenfalls unbefleckt. Die Armee fühlte sich als Beauftragte der ganzen Nation.

Nach der Feier legte Hitler und seine Begleiter am Denkmal der im Kriege gefallenen Soldaten Kränze nieder. Der Heldenfriedhof in Berlin wurde im Laufe des Tages von einer unübersehbaren Menschenmenge besucht.

(350319w1)


Leitartikel
Angriff auf Versailles [S. 1, oben, rechts]
Deutschland ist mit dem Versailler Vertrag genau so verfahren wie mit dem Vertrag, durch den es einst die Neutralität Belgiens zu respektieren versprach. Gibt es keine anderen Hindernisse, dann läßt sich eben Deutschland nicht durch einen "Papierfetzen" in seinen Handlungen stören.

Genau wie im Jahre 1914 schießt man gleich von Berlin mit "Rechtfertigungen": Damals war es die famose Theorie des "Notrechtes", die die Vergewaltigung Belgiens plausibel machen sollte, und heute wird die Verletzung des Vertrages durch die angebliche Verletzung anderer Staaten erklärt. Nun befindet sich diesmal in der Note, die den Vertragsbruch kundgibt, ein Pflaster: Deutschland ist bereit, als "Beweis" seines friedlichen Willens - Nichtangriffsverträge mit seinen Nachbarn zu unterzeichnen; ins richtige Deutsch übersetzt, werden andere "Papierfetzen" geboten, kaum daß die Fetzen des anderen Vertrages noch im Winde verflattert sind.

In den Hauptstädten der Welt gibt es Großalarm. Es herrscht kein Zweifel, daß man entschlossen ist, diese Vertragszerfetzung nicht ohne Protest hinzunehmen. Der nächste richtige Weg wäre, den Völkerbundsrat einzuberufen, und hier laut vor der Weltmeinung den Vertragsbruch anzuprangern; durch die letzten Abkommen von Rom und London hat man sich aber in Paris, London und Rom verpflichtet, in allen die Rüstung betreffenden Fragen zuerst eine engere Beratung abzuhalten. Von einer "Bestrafung" in Form eines Sanktionskrieges kann natürlich nicht die Rede sein; vielleicht aber werden Repressalien, besonders wirtschaftlicher Natur, in Frage kommen.

Doch abgesehen von den Maßnahmen, die man treffen wird oder nicht, eines ist bereits sicher: daß man den Frieden nicht, wie man unmittelbar nach dem Weltkriege glaubte, durch Abrüstung schaffen kann, sondern, daß man weiter mit der Formel: Si vis pacem, para bellum wird experimentieren müssen, d. h. den Frieden durch Waffen zu "schützen". Wenn man aber auf die zweitausend Jahre alte Erfahrung, die seit Ausspruch dieser vielzitierten Worte besteht, zurückblickt, dann muß man einsehen, daß die wirklich nützlichste Frage jetzt nur noch die nach dem Datum des nächsten Kriegsausbruches sein kann. Denn Deutschland stellt kein kostspieliges Riesenheer auf die Beine, um auf Spatzen zu schießen oder Wanzen zu vertilgen …

Mit ungeheuerem Jubel wurde die Nachricht in Deutschland aufgenommen, denn außer einer Manifestation der Kraft bedeutet die Einführung des obligatorischen Militärdienstes auch eine Zerstörung des verhaßten Versailler Vertrages. Jeder Mensch in Deutschland fühlt, daß es nicht bei der Verletzung der Militärklauseln bleiben wird, sondern daß es sich hier nur um ein Mittel zum Zweck handelt, daß zur endgültigen und integralen Zerstörung des "Schanddiktates" führen muß. Deshalb die Begeisterung! Die Welt wird darum nicht ruhiger schlafen.
Dr. Als.

(350319w1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Momentbilder aus Radauti [S. 2, links, oben]
Mit dem Ankurbeln des Motors trete ich Samstag meine Taxi-Reise nach der zweitgrößten Stadt der Bukowina, Radauti, mit 18.000 Einwohnern, an. Nach zweistündiger Fahrt wird das Ziel erreicht. Schon der erste Eindruck läßt darauf schließen, daß ich mich - die Radautier mögen mir verzeihen - in einer toten Stadt befinde. So habe ich diese Stadt gesehen, vielleicht muß man sich an sie und an ihre Menschen erst gewöhnen.

Mein erster Besuch, zu dem mich ein Fiaker, dessen Kutscher übrigens liebenswürdig und in seinen Forderungen mäßig war, führte, galt einer Dame, der ich Grüße aus Cernauti überbrachte. Sie empfing mich mehr als freundlich und servierte mir einen "Wischniak", den sie "Radautier Likör" nennt. Der anfänglich wenig verheißende Eindruck dieser Stadt schien danach einigermaßen geschwunden zu sein.

Ich halte Umschau im Zentrum und entdecke bald ein von einer Cernautierin - Frau Brandes - geführtes Kaffeehaus, "Elegant", das Stammkaffee der Intellektuellen. Mein nächster Weg führt mich zum Hotel "Speier", dessen Besitzer schon 35 Jahre diese Gaststätte führt. Der liebenswürdige Hotelier erkundigt sich bei mir ob in Cernauti tatsächlich die 450 Häuser, wie er im "Tag" gelesen, verkauft werden. Schließlich suche ich eine Konditorei auf, die als Aufenthaltsort der Haute-volé gilt. Zunächst fällt mir auf, daß es hier keinen Kleiderrechen gibt, ich muß also notgedrungen im Mantel Platz nehmen. Der Wirt legt ein erloschenes Streichholz auf meinen Aschenbecher, ohne sich zu entschuldigen. Hier habe ich eine gewisse Wesensverwandtschaft mit dem Benehmen der Cernautier festgestellt. Aber - der Wahrheit die Ehre - der "Türkische" war besser als wie man ihn für gewöhnlich bei uns vorgesetzt erhält und kostet nur fünf Lei.

Das Steuerproblem bildet auch hier das Tagesgespräch. Man findet im Steueramt alte Cernautier, die Finanzadministratoren Coclici und Mincu, Chefkontrollor Ilicuta und Kontrollor Swoboda. Ilicuta steht im Mittelpunkt einer unsauberen Affäre, die er gegen den Kaufmann Großmann anzettelte. Die Sache wurde aber beigelegt, der Nachhall ist jedoch noch nicht verklungen.

Viele kommen mir entgegen und wundern sich, mir hier zu begegnen.

Im Gespräch mit einigen von ihnen erfahre ich, daß es auch ein geistiges Leben in Radauti gibt. Der Sportverein "Hagwirah" entfaltet unter der Leitung Dr. Premingers eine ersprießliche Tätigkeit, die Vereinigung der Zionisten-Revisionisten kämpft für ihr Programm und Herr Birkenfeld ist einer ihrer eifrigsten Verfechter. Auch einen Frauenverein gibt es in Radauti, für den die ehemalige Gemeinderätin, Frau Dora Schärf hervorragend tätig ist.

Ich spreche mit Aerzten und erfahre, daß es in Radauti ungefähr deren dreißig und vier Apotheken gibt. Nicht allen geht es gut, zumal die Grippe abgeflaut ist.

Auch für Politik interessiert man sich in dieser kleinen leblosen Stadt und am Abend teilte man uns durch Dr. Herzberg mit, daß der Prager Rundfunk soeben die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland verkündete. Dieser neue Beweis der deutschen "Friedensliebe" wurde allgemein erörtert.

Und am Abend...
Am Abend fand in den Räumen des Sportklubes "Hagwirah" die Reportage des Chefredakteurs Arnold Schwarz statt. Ein auserlesener Publikum hatte sich eingefunden und zeigte viel Interesse für etwas Neues, bis nun nicht Gehörtes.

Gespannt erwartete man den Beginn des Vortrages und vor dem geistigen Auge der Radautier schwebten die europäischen Städte mit ihren gigantischen Betrieben vor, wie sie der Conferencier zu schildern wußte: Die Schilderung der Arbeit des Conferenciers, mit dem Giganten der Wissenschaft, Professor Albert Einstein, mit dessen Schwiegersohn Dr. Marianoff, mit dem Dramaturgen Ossyp Dymow, seine Studien mit Professor Friedmann, über den heroischen Mut des Tigerbändigers Heinrich Wagner, die wunderbar erzählte Geschichte vom Indianer-Häuptling Two Two und schließlich einige aktuelle Themen fanden stürmischen Beifall beim Publikum. Aber wozu sich in Einzelheiten einlassen und vorgreifen, wenn wir Mittwoch abends im "Astoria" Gelegenheit haben werden, den Conferencier zu hören.

Den Abschluß der Conference bildete eine Tanzunterhaltung: Ich lernte hier einen Ungarn, Vertreter einer Schweizer Holzfirma, kennen, der ein lieber Mensch und mit einer Radautierin verlobt ist.

Und die Frauen … Sie sind alle nett und lieb. Sie geben sich viel natürlicher als in Cernauti, wenn auch manchen eine gezwungene Koketterie anzumerken ist, mit der sie auf Eroberungen ausgehen.

Nachtleben in Radauti? Keine Spur. Die totenstillen Straßen werden nur ab und zu von Hundegebell unterbrochen. Man geht zeitlich schlafen oder sitzt beim Radio. Zum Trost der Radautier sei ihnen aber gesagt: Auch wir haben kein Nachtleben. Die Bars sind immer von denselben Typen der Lebewelt besucht, die entweder mit sich oder mit dem Gelde nichts anzufangen wissen …
M. L.

(350319i2)


Pfändung im Jüdischen Studentenheim [S. 2, Mitte, oben, rechts]
Ueber Auftrag der Finanzadministration wurde Samstag eine Pfändung im Jüdischen Studentenheim vorgenommen. Es wurden 15 Stühle transferiert. Das Studentenheim hat auf Rechnung ihres Steuerrückstandes die Summe von tausend Lei in der Finanzadministration erlegt. Es ist bedauerlich, daß die Finanzbehörden eine kulturelle Institution wie das Studentenheim nicht berücksichtigen.

(350319c2)


Seite 3

Vaida über Palästina [S. 3, Mitte, links]
Oradea-Mare, 18. März (Tel. des "Tag"). Vaida hielt hier seinen angekündigten Vortrag. Er wiederholte neuerlich seinen Standpunkt und betonte, er sei immer ein Aufwiegler gewesen, und die Ereignisse gaben ihm Recht. Er polemisierte mit allen, die gegen ihn auftraten und verlas Statistiken über die Verwendung der Minderheitenangestellten in den Industrien des Banats. Er bestritt, ein Freund Hitlers und ein Feind Frankreichs zu sein. Er befaßte sich auch mit der Sozialpolitik Palästinas und sagte, in diesem Lande wurden verschiedene Restriktionen eingeführt, die einem numerus nullus gleichen und die in unserem Lande nicht getroffen werden können.

(350319r3)


Auszeichnung [S. 3, rechts, Mitte]
Das Handelsministerium hat den Prokuristen der Firma "Uleia" Naftali Haber mit dem Orden "Meritul Comercial" 1. Klasse ausgezeichnet. Herr Haber, der kaum ein Alter von 27 Jahren erreicht hat, erfreut sich in allen Handelskreisen allgemeiner Beliebtheit.

(350319i3)


Seite 4

„Der Tag“ meldet [Seite 4]
Berliner Sensation:
Schluss mit Versailles!
Hitler bereitet Krieg vor

Großalarm in der ganzen Welt!

Die Welt steht unter dem Eindruck der überraschenden Nachricht aus Berlin, daß die deutsche Regierung die Militärklauseln des Versailler Vertrages außer Kraft gesetzt hat. Die Ankündigung Hitlers, die in Form eines Reichsgesetzes erfolgte, lautet:

Artikel 1. Der Militärdienst erfolgt auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht.
Artikel 2. Die deutsche Armee inklusive den assimilierten Polizeitruppen umfaßt in Friedenszeiten 12 Armeekorps und 35 Divisionen.
Artikel 3. Die Gesetze, die die näheren Bestimmungen der Wehrpflicht regeln, werden vom Reichswehrminister vorgelegt werden.

Es folgen die Unterschriften Hitlers und der Mitglieder der Reichsregierung.

Das "bedrohte" Deutschland
Berlin, 16. März. Die Reichsregierung hat die Botschafter Frankreichs, Englands und Italiens, sowie die diplomatischen Vertreter der anderen Signatarstaaten des Versailler Vertrages sofort nach Beschlußfassung des Gesetzes von der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht verständigt.

In einer
Proklamation an das deutsche Volk
sucht die Reichsregierung den Bruch des Versailler Vertrages zu rechtfertigen. Es wird den anderen Mächten vorgeworfen, daß sie sich an die im Vertrage vorgesehenen Verpflichtungen zur Abrüstung nicht nur nicht gehalten haben, sondern im Gegenteil zu einer starken Aufrüstung übergegangen sind, während Deutschland nach Beendigung des Weltkrieges ungeheure Mengen von Kriegsmaterial vernichten mußte, so z. B. 60.000 Kanonen, 130.000 Maschinengewehre, 500.000 Millionen Patronen, 1000 Flammenwerfer, 200.000 Telefone, 30 Panzerzüge, 9 Zeppeline, 1700 Militärflugzeuge, 22.000 Flugzeugmotore, 66 Kriegsschiffe, 315 Unterseeboote usw. Das deutsche Volk und die deutschen Regierungen waren damals von den pazifistisch-demokratischen Idealen des Völkerbundes erfüllt. Heute aber arbeiten alle Staaten an der Aufrüstung nach den Errungenschaften modernster Wissenschaft. Auf dem Gebiete der Konstruktion von Tanks und anderer Kriegsmaschinen wurden dauernde und erschreckende Fortschritte gemacht. Deutschland habe sich auch genötigt gesehen, aus dem Völkerbund auszutreten, da es nicht die Gleichberechtigung zur Aufrüstung erhalten könnte. Deutschland habe darauf die Schaffung einer Armee mit kurzfristiger Dienstzeit, die nur "friedlichen Verteidigungszwecken, nicht aber Angriffszwecken dienen konnte" beantragt. Die selbstverständliche Zurückweisung dieses Vorschlages durch die Signatarmächte hält die Proklamation für einen weiteren Grund für die Berechtigung Deutschlands, sich um den Versailler Vertrag nicht mehr kümmern zu müssen. Es wird auch folgender von Lord Baldwin in einer kürzlich gehaltenen Rede getaner Ausspruch zitiert: "Ein Land, das nicht entschlossen ist, die für seine eigene Verteidigung notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, wird niemals eine Macht in der Welt darstellen, weder eine materielle noch eine moralische."

Es wird weiters auf die Schaffung der großen russischen Armee, die 101 Divisionen oder 960.000 Mann umfaßt, hingewiesen, durch die sich Deutschland besonders bedroht fühlt. Die infolge des eingetretenen Geburtenrückganges in Frankreich eingeführte zweijährige Dienstzeit wird als weiteres Argument angeführt. Von nun an erfolgt die Verteidigung von Ehre und Sicherheit des deutschen Reiches wieder durch die eigene Macht der deutschen Nation. Die neugeschaffene Armee soll nicht zur Erreichung der militärischen Hegemonie in Europa verwendet werden, die deutsche Regierung beabsichtige vielmehr nur jene Kräfte zu schaffen, die die Integrität des deutschen Reiches und die internationale Respektierung Deutschlands sichern sollen. Die Proklamation schließt mit der nochmaligen Versicherung, daß die Armee nicht als ein Instrument des Krieges oder Angriffes, sondern nur der Verteidigung dienen soll.

Erster Eindruck: Große Besorgnis
Der Beschluß der deutschen Regierung wurde noch Samstag abends in allen größeren Städten Europas und Amerikas durch Extraausgaben bekanntgegeben und löste naturgemäß große Sensation, aber auch große Besorgnis aus. Im allgemeinen wurde die Nachricht von den diplomatischen Kreisen kalten Blutes aufgenommen, nicht zuletzt, weil man ja von Seiten Deutschlands, das ja in der letzten Zeit ungeheuere Rüstungen durchgeführt hat, auf einen endgültigen Bruch mit dem Versailler Vertrag gefaßt sein mußte. Im ersten Augenblick glaubten viele an die Möglichkeit eines sofortigen kriegerischen Einschreitens der Mächte, doch machte diese Auffassung bald einer ruhigeren Stimmung Platz.

Paris arbeitet fieberhaft
Die Staatskanzleien arbeiteten in der Nacht von Samstag auf Sonntag fieberhaft. Die französische Regierung stand ununterbrochen mit der englischen und italienischen in telefonischer Verbindung. Es wurden die von den Großmächten zu ergreifenden Maßnahmen eifrig besprochen.

Bemerkenswert ist damit in Zusammenhang eine vom früheren Ministerpräsidenten, Deputierten Herriot, noch vor Bekanntwerden der Nachricht in der Kammer bei der Diskussion über die Verlängerung der Militärdienstzeit gemachte Aeußerung. Herriot sagte: Wenn man wissen würde, was in Deutschland vorbereitet wird, so würde kein einziger französischer Deputierter auch nur einen Augenblick zögern, die Wehrvorlage anzunehmen, ohne Murren und ohne Schwanken.

In Washington
hat die Nachricht von der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gleichfalls Unruhe hervorgerufen. Hier handelt es sich nicht um die Verletzung des Versailler Vertrages, den die Vereinigten Staaten bekanntlich nicht ratifiziert haben, sondern um die Verletzung eines ähnlichen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten im Jahre 1921 geschlossenen Vertrages.

In Belgrad
tritt in den diplomatischen Kreisen sogar die auf der Tagesordnung stehende italienisch-jugoslawische Annäherung gegenüber den durch die deutsche Wehrpflicht aufgeworfenen Problemen zurück. Die von den Großmächten zu erwartenden Beschlüsse werden zweifellos auch auf die italienisch-jugoslawischen Beziehungen noch nicht abzusehende Folgen nach sich ziehen.

In Bucuresti
Samstag abends fand ein vom Ministerpräsidenten dem diplomatischen Korps gegebenes Diner statt. Titulescu glänzte, obwohl die Nachricht schon bekannt war, durch seine gewohnte gute Laune. Das Gespräch drehte sich natürlich ausschließlich um die zu erwartenden Folgen des deutschen Schrittes. Allgemein gewann man den Eindruck, daß unsere Diplomaten auf einen raschen Abschluß der Pakte zur gegenseitigen Hilfeleistung, ferner des Ostpaktes ohne Deutschland, aber wahrscheinlich mit Polen, schließlich zur Stabilisierung in Mitteleuropa rechnen.

In Warschau
beglückwünschen sich die diplomatischen Kreise, daß Polen sich rechtzeitig gegen einen deutschen Angriff vorgesehen hat. Dennoch befürchtet man auch ungünstige Auswirkungen einer Erschütterung des europäischen Gleichgewichtes für Polen.

In Budapest
wurde die Nachricht, besonders in Militärkreisen, mit unverhohlener Sympathie aufgenommen. Dennoch wird zugegeben, daß Ungarn nicht ohne weiteres dem Beispiele Deutschlands folgen könne, sondern vorsichtiger sein müsse.

Der schwerste Schlag gegen den Frieden
"Havas" meldet aus Washington: In amerikanischen diplomatischen Kreisen wird der Schritt Deutschlands als der schwerste Schlag gegen den Frieden und die Abrüstungskonferenz seit Ende des Krieges angesehen.

Der Präsident der Senatskommission zur Kontrolle der Rüstungen Nye erklärte: "Es ist die erschütterndste Nachricht, die wir seit Kriegsende aus Europa erhalten." Das Kongreßmitglied der Kommission für Außenangelegenheiten George äußerte die Ansicht: "Die Aktion Deutschlands bedeutet eine Gefahr für den europäischen Frieden. Ein Konflikt ist unvermeidlich, wenn nicht Mittel gefunden werden, um die Kriegsvorbereitungen Deutschlands zu verhindern."

New Yorker Presse:
Herausforderung an die Menschheit
New York, 17. März (Tel. des "Tag"). Die gesamte amerikanische Presse behandelt ausführlich den Schritt Deutschlands. "New York Times" schreibt: Der Schritt Deutschlands bedeutet eine Herausforderung an die Menschheit. Für die Handlung Deutschlands sind zwei Beweggründe möglich: Entweder stellt sie eine Drohung dar, die dem Haß gegenüber dem europäischen Frieden entspringt, oder sie ist als ein Zugeständnis des Falliments des nationalsozialistischen Regimes auf wirtschaftlichem Gebiet zu werten.

Die Presse erschien am Abend mit Extraausgaben. Das einzige Thema bildet der Schritt Deutschlands.

"Oeuvre" fragt: Was werden nun die Großmächte tun? und schreibt, die Reise Simons nach Berlin werde eine Solidarisierung Frankreichs, Englands, Rußlands und der Czechoslowakei durch Unterzeichnung eines Abkommens, an welchem sich Deutschland und Polen nicht beteiligen werden, mit sich bringen.

"Le Journal" schreibt: Die gegenwärtige Situation durch die Aufrüstungserklärung Deutschlands ist der bisherigen, die eine unklare war, vorzuziehen.

"Petit Journal" meint, die Situation werde durch den Schritt Deutschlands nur vereinfacht. Die Welt weiß nun, was sie angesichts der Aufrüstung Deutschlands zu erwarten hat.

"Le Populaire" plädiert für eine Wiederaufnahme der Abrüstungsverhandlungen und einen raschen Abschluß derselben und verlangt die Anrufung des Völkerbundes. Auch Deutschland wird an den Abrüstungsverhandlungen teilnehmen und Beschlüsse der Konferenz annehmen müssen, wenn es nicht aus der Reihe der zivilisierten Länder ausgeschlossen zu werden wünscht.

"Le Journal" schreibt: "Der Schritt Deutschlands bedeutet eine Erhöhung der abgegebenen Versprechungen und stellt eine Geste der Brutalität, die nur durch den Kult der Gewalt rechtfertigt werden kann, dar. Nur durch permanente Wachsamkeit kann die Gefahr, die jenseits der Grenze wächst, beseitigt werden."

"Excelsior" schreibt: "Das Verhältnis zwischen Frankreich und Italien müsse präzisiert und die Stellungnahme der Signatarmächte festgelegt werden. Das Abkommen zwischen Frankreich und Rußland müsse beschleunigt und ein stilles Uebereinkommen der europäischen Mächte durch Abschluß eines Luftabkommens vollzogen werden."

Schlag gegen die Kirchenopposition
Berlin, 17. März (Tel. des "Tag"). Die Geheime Staatspolizei hat die Pastoren Niemöller, Jakoby und Hildebrandt, die Führer der oppositionellen Bekenntniskirche, heute verhaftet, als sie von der Kanzel herab einen Brief verlasen, der die Trennung der Kirche von der neuen offiziellen Reichskirche aussprach. In der Provinz, in der dieser Hirtenbrief ebenfalls heute von Kanzeln verlesen wurde, wurden mehrere hundert Verhaftungen vorgenommen.
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Niemöller

500 Priester verhaftet
Berlin, 18. März (Tel. des "Tag"). In Preußen wurde 500 protestantische Priester, die als Feinde der offiziellen Kirchenstellen angesehen werden, verhaftet.

(350319w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 885, Mittwoch, 20.03.35

Postby Klaus Binder on 10. April 2013, 20:10

Seite 1

Was Vaida in Oradea sagte [S. 1, rechts, Mitte]
Wir können nur französische Politik machen

"Der Tag" hat in seiner gestrigen Ausgabe einen Auszug aus der Rede Vaidas in Oradea veröffentlicht. Nun liegt der Wortlaut seines Vortrages vor. Vaida dankte einleitend der Leitung des Atheneums, daß sie ihm den Saal zur Verfügung gestellt habe, wodurch der Vortrag einen mehr akademischen als politischen Charakter erhalte.

Vaida sagte hernach: Vergebens hätten sich einige seiner früheren Anhänger und Freunde entrüstet, daß er ein Aufwiegler geworden sei. Ich war immer ein Aufwiegler und die Ereignisse gaben mir immer Recht. Er bekräftigte hernach seine Theorie mit Daten und sagte, in Großrumänien könne man alles, nur eines sei unmöglich: die Verteidigung der armen Rechte der Rumänen. Er verlas hernach eine ethnische Statistik aus dem Banat, aus der hervorgeht, daß die Minderheiten gegenüber den autochtonen Elementen in der Ueberzahl sind. Er antwortete auf alle Angriffe, die dahin gehen, er wäre ein Feind Frankreichs und ein Freund Deutschlands. Wir können keine andere als französische Politik machen. Wir sind mit Frankreich ewig verbunden und werden es auch sein, weil Frankreich in den schwersten Momenten der Geschichte Seite an Seite mit uns stand. Hinsichtlich der hitleristischen Politik sagte Vaida: Deutschland ist ein Land, das sich noch nicht konsolidiert hat. Wir müssen von hier bis zur Grenze nach dem Westen, über Budapest nach Paris, den Ruf erschallen lassen: "Es lebe Frankreich!" (Frenetischer Applaus). Wenn es auch schön ist, daß wir Frankreich zujubeln, es ist noch schöner, daß wir seinem Beispiel folgen. Ueber Hitler und Mussolini sagte Vaida, daß sie große politische Erneuerer und nationale Führer seien.

Ueber die Punkte, die von den Nationalzaranisten in Alba-Julia festgelegt wurden, sagte Vaida: Gewiß haben sie unterschrieben. Aber weder ich noch meine Kollegen dachten daran, daß wir im Lande Rumänien keine Rechte haben werden. Wir haben dort ebenso wie hier das gleiche gefordert: Proportionalität.

Zum Schluß sagte Vaida, daß es den Minoritäten in keinem Nachfolgestaat so gut geht, wie in Rumänien. Wenn man auch mit dem numerus valachicus nicht weit kommen wird, so wird man wenigstens einen Prezedenzfall schaffen. Die Alten müssen der Jugend Platz machen. Die Alten sind aber dazu berufen, die Jugend zu erziehen, damit sie in der Lage ist, morgen das Land zu führen. Nach dem Vortrag fand ein Bankett statt, worauf Vaida mit seinen Parteifreunden eine Beratung hatte und am Abend Oradea verließ.

Erste Versammlung der Vaidisten
In Bucuresti fand Sonntag die erste Versammlung der Anhänger Vaidas statt. Es sprachen der frühere Gouverneur der Nationalbank Anghelescu, Sever Dan und Frumuzache, die das Programm Vaidas unterstützten.

(350320r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Cernauti im Theater-Fieber [S. 2, oben, links]
In aller Frühe schon beginnt der Rummel. Bahnhofempfang. Drei Filmgrößen sind im Reinhardt-Ensemble, alle drei Träger von Namen, die die Marke der Popularität tragen; nun gilt es, diese Künstler, die man so oft auf der flimmernden Leinwand des Kinos bewunderte, von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Das kann einen schon um halb 7 Uhr früh auf die Beine bringen! Nun steht man fröstelnd auf dem Bahnhof und erwartet gespannt die Ankunft der Gäste. Endlich sind sie da, Liane Haid, Felix Bressart und Oskar Karlweiß. Kaum, daß sie dem Zug entstiegen sind, werden sie schon von zahlreichen Bildreportern aufs Korn genommen.

8 Uhr morgens. Die Gäste erreichen das Hotel. Wieder das gleiche Bild: Neugierige, die sich an das Portal herandrängen, auch hier Bildreporter, die den Künstlern nachjagen. Aber man glaube nicht, daß diese es als Belästigung empfinden; im Gegenteil, sie fühlen sich wohl, auf ausländischem Boden fanatische Anhänger zu finden.

Mittags setzt erst der große Rummel ein. Man fühlt: die Stadt gibt sich einen Ruck und spielt zwei Tage lang wieder Theater-Großstadt.

Der Platz vor dem Hotel ist von Neugierigen dicht erfüllt, die bis in die Halle vordringen und sich sogar bis auf die Hoteltreppe wagen, um vielleicht einen der Filmlieblinge zu erspähen. Am Vorabend ist die Halle bombenvoll. Abweisen hilft nicht. Der Strom der herandrängenden Neugierigen ist nicht aufzuhalten. Junge Buben und Mädels, Frauen in mittleren Jahren, sogar alte Frauen sind darunter, aber - um ganz aufrichtig zu sein - Männer habe ich nicht gesehen. "Autogramm!", das ist das zauberkräftige Losungswort, das den Neugierigen die Möglichkeit gibt, die Künstler selbst zu sehen, man denke, Liane Haid, persönlich und nicht nur auf der Filmleinwand. So hat man sie sich vorgestellt. Eine schöne blonde Dame mit allen Reizen einer Diva.

Spät nachmittags wagt sie einen kleinen Spaziergang, um ein wenig Luft zu schnappen. Doch das Wagnis soll sie bald gereuen. Hinter ihr bewegt sich ein dichter Zug von Neugierigen, die sich an ihre Fersen heften und jede ihrer Bewegungen mit lüsternen Augen verfolgen. Wie der Rattenfänger von Hameln lockt sie unzählige Leute heran, aber bald wird es ihr doch zu dumm, sie flüchtet sich in das Hotel zurück und hinter ihr strömt die Meute der Bewunderer durch das Portal und überflutet alle Räume.

5jährige, 7jährige, 10jährige, allerhöchstens 15jährige sind es, die die Versammlung der Anbeter bilden. Ein ganz Kleiner verirrt sich sogar bis in die Redaktion, blickt betreten um sich und lallt atemlos ein einziges Wort: "Liane". Es ist nicht herauszubekommen, was er eigentlich will. Man mag sich über die Zusammensetzung dieser Bewundererschicht seine Gedanken machen, man muß auf alle Fälle anerkennen, daß es etwas Schönes um diese Begeisterung ist, wenn sie auch zumeist nur die Jugend erfaßt. Auf alle Fälle ist es eine Ablenkung gegenüber dem grauen Alltag, in dem die Stadt Wochen hindurch schlummert.

Abends erst geht es richtig los. Um 9 Uhr beginnt die Vorstellung. Das Stadtbild ist schon seit einer Stunde völlig verändert. Wagen rollen zum Musikverein, Polizei steht vor dem Theatereingang, alle Straßenzugänge sind durch Gendarmen mit gepflanztem Bajonett gesperrt, und rings um das Musikvereinsgebäude drängt sich die dichte Menschenmenge der Einlaß Begehrenden, alle voll heißen Theaterfiebers und erfüllt von erwartungsvoller Spannung.

Liane Haid, jetzt sehen wir sie endlich auf der Bühne, hören ihre Stimme und stehen ganz in ihrem Bann. Nicht um die Operette, zu der Ralph Benatzky die Musik geschrieben hat, geht es; mag diese auch nichts Neues bieten, auf die Persönlichkeit der Künstler, für die sie den Rahmen abgibt, kommt es an. Wichtig ist, daß Liane Haid über die Bühne schreitet, die mondäne Dame, wie man sie sich im Traume als das Ideal der Frau ersehnt, daß Felix Bressart, der ewig brummige unbeholfene Schwerenöter die Lachmuskeln reizt, der stets fidele Karlweiß die Herzen der Backfische zum lauteren Schlagen bringt, und daß man an Unterkircher und Raky seine Freude hat.
r.

Das Gastspiel der prominenten Filmkünstler war für die Stadt Cernauti ein seltener Leckerbissen in dieser theaterarmen Zeit. Das Haus war übervoll ausverkauft, und doch konnten sich die Anwesenden nur zu den wenigen Auserlesenen zählen, die der Aufführung beiwohnen wollten; zahlreich waren die jungen Mädchen und Burschen, die sich im siebenten Himmel wähnten, als sie ihre Filmlieblinge in Fleisch und Blut knapp vor sich auf der Bühne sahen.

Die Vorstellung war äußerst gelungen - kein Wunder auch, wenn jede Rolle von einem weltbekannten Star besetzt ist. Die schöne Liane Haid dominierte natürlich während der ganzen Aufführung; sehr gute schauspielerische Leistungen vollbrachten Oskar Karlweiß und Felix Bressart, dessen Komik wirklich unübertrefflich zu sein scheint. Ueberraschend gut gefiel die Soubrette Hortense Raky. Eine elegante und imponierende Erscheinung auf der Bühne ist Hans Unterkircher.
als.

(350320c2)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Liane_Haid
http://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Bressart
http://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Karlweis
http://de.wikipedia.org/wiki/Hortense_Raky
http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Unterkircher



Auszeichnungen für Gendarmerie- und Polizeioffiziere [S. 2, oben, Mitte, rechts]
Die hiesigen Polizeifunktionäre, Quästursekretär Grossariu, Oberrat Dr. Hammer, der Chef der politischen Abteilung Dr. Postatny, der Leiter des ersten Kommissariats Palievici, der Leiter des zweiten Kommissariats Dr. Victor Popescul, sowie der Polizeichef von Ghica Voda Theodorescu wurden mit dem Orden "Barbatie si Credinta" erster Klasse ausgezeichnet. Den gleichen Orden erhielten der Kommandant der Gendarmerielegion Oberstleutnant Ion Braescu, der königliche Kommissar Major Burada sowie der Kommandant der Cernautier Gendarmeriekompagnie Hauptmann Bacareanu. Den Orden "Barbatie si Credinta" zweiter Klasse erhielten die Polizeikommissäre Tiron, Nedelcu und der verstorbene Polizeifunktionär Axentie, der vor einigen Monaten der Mörderhand von Verbrechern zum Opfer fiel, sowie die vier Gendarmeriewachtmeister Teodor Nemtoiu, Todiras, H. Vasilco und Ion Guguianu.

Gestern vormittags fand in der Bezirkspräfektur eine Feier statt, in der den Ausgezeichneten die Dekorationen verliehen wurden. An der Feier nahmen Bezirkspräfekt Vantu, der Direktor der Präfektur Socoleanu, Vizepräsident des Bezirksrates Inspektor Clain, der Chef des technischen Dienstes Oberbaurat Ing. Bursztyn, der Chef des Veterinäramtes Dr. Popovici, Bezirksinspektor Iliuti, Regierungsrat Dr. Lebouton, Direktor Bidnei etc. teil. Nach Verlesung des königlichen Dekretes und des betreffenden Ministerialerlasses durch Präfekt Vantu heftete dieser den Ausgezeichneten die Medaillen an die Brust und sprach ihnen seine Glückwünsche aus. Im Namen der Dekorierten sprachen der königliche Kommissär Major Burada und Inspektor Palievici ihren Dank aus.

(350320i2)


Seite 4

Prognose pessimistisch [S. 4, oben, links]
Paris, 18. März (Tel. des "Tag"). Die Presse schlägt einen noch energischeren Ton wegen der offiziellen deutschen Aufrüstung an als gestern.

"Petit Parisien" fordert rasches Handeln und beruft sich auf die heute in Berlin überreichte englische Note als das Ergebnis der gestern nachts zwischen London und Paris geführten Besprechungen zwischen Laval und Flandin auf der einen und Simon auf der anderen Seite.

Das Abendblatt "Paris Soir" glaubt zu wissen, daß es bei der Note allein diesmal nicht bleiben wird. Nachdem es die Stimme der Weltpresse zitiert hat, die unisono erklärt, daß das Ereignis vom 16. März das furchtbarste und schicksalsschwerste seit Kriegsende ist, schreibt das Blatt:

Diplomatische Noten sind nicht mehr das Mittel, um den nationalsozialistischen Staat mit Argumenten zu bekehren. In der Geschichte des letzten Jahrhunderts, so heißt es weiter, sei kein solcher Verrat von einem Staat am andern begangen worden wie der von Hitler am Weltfrieden. Was ist zu tun, frägt also das Blatt? Das richtigste ist, Berlin zu zwingen, den Versailler Vertrag anzuerkennen, wenn nicht mit einer letzten Aufforderung, so mit einer Tat. Welcher Art die Tat ist, das kann sich heute jeder denken, aber eine Tat, die bloß auf Wirtschaftsoperationen hinausläuft, wird nicht zum Erfolg führen. Niemals, so meint "Paris Soir", war die Situation zum Handeln günstiger als jetzt. Ganz Europa inklusive Polen fühlte sich durch die deutsche Aufrüstung bedroht und man dürfe nicht warten, bis kleinere Staaten dem deutschen Beispiele folgen werden.

Noch deutlicher ist "Le Matin".

Die Manifestation der Armee bei der Heldengedenkfeier hat das Blatt veranlaßt, folgende Ueberschrift auf die heutige Abendausgabe zu setzen: "Die Hohenzollern defilieren vor Hitler. Der Exkronprinz und 50 Generäle beugen in Demut ihr Knie vor einem ehemaligen Unteroffizier". Auch dieses Blatt fordert die Regierung zu einer Tat auf.

Ruhiger ist der "Temps", der die ganze heutige Nummer in mehreren Artikeln der deutschen Aufrüstung widmet und Poincaré zitiert, der niemals der Berliner nationalen Regierung trauen wollte. Die Redaktion des "Temps" beschwört Flandin, im Geiste des großen Staatsmannes dessen Politik weiter zu führen. Es sei spät, aber noch nicht zu spät, und wenn wieder Monate verstreichen, dann werden wir es erleben, daß die Deutschen bei allen gegenwärtigen Friedensbeteuerungen das Schwert gegen ihre Nachbarn erheben.

Berlin-Moskau
Das Wochenblatt "Journal de Moscou" widmet den deutsch-russischen Beziehungen einen besonderen Leitartikel. Das Blatt stellt fest, daß das Regime Hitlers ursprünglich den Anschein zu erwecken versucht habe, daß in den Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion keinerlei Aenderungen eingetreten seien. Man habe einige Zwischenfälle aus der Welt geschafft und äußerlich eine Konsolidierung der Verhältnisse herbeigeführt. Gegenwärtig sei ein radikaler Wandel in diesen Dingen zu beobachten. Die deutschen Behörden ließen es an feindseligen Akten gegen in Deutschland lebende Sowjetbürger nicht fehlen, während eine wütende antisowjetistische Pressekampagne um sich greife. "Berlin", fährt die Zeitung fort, "wollte sich vor Sir John Simon als Pionier im Kampf gegen den Bolschewismus aufspielen, die Verhandlungen von dem Ziel der Befriedung Europas wegführen und sie auf den Plan eines gemeinsamen Krieges gegen die Sowjetunion hinlenken. Zur selben Zeit ist Deutschland eine überströmende Quelle alarmierender Falschmeldungen über die Situation im Fernen Osten geworden, vor allem werden dauernd Gerüchte über einen russisch-japanischen Krieg ausgestreut. Diese Lawine von Falschmeldungen geht gerade in dem Moment nieder, da die japanisch-sowjetistischen Beziehungen sich - dank dem Abkommen über den Verkauf der Ostchinabahn - zu verbessern beginnen."

Und wie man im Fernen Osten auf einen bewaffneten Konflikt hinarbeiten möchte, so verhalte es sich auch bei den deutschen Manövern, den französisch-englischen Plan einer europäischen Befriedung zu Fall zu bringen, wobei der Ostpakt einen Teil von einem unteilbaren Ganzen darstelle. "Das Schicksal des Friedens in Europa und auf der Welt", schließt der charakteristische Artikel, "hängt heute ausschließlich von dem Willen und der Energie jener ab, die entschlossen sind, die Sicherheit durch eine Kollektivaktion zu gewährleisten. Sie sind die ungeheure Majorität, und sie brauchen nur zu handeln - dann kann der Friede, den deutschen Manövern zum Trotz, aufrechterhalten werden."

(350320w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 886, Donnerstag, 21.03.35

Postby Klaus Binder on 11. April 2013, 10:17

Seite 1

Beginn der Angestelltenkontrolle in den Privatunternehmen [S. 1, oben, links]
Bucuresti, 19. März (Tel. des „Tag“). Heute trat die Kommission für die Anwendung des Gesetzes zum Schutze der nationalen Arbeit im Handelsministerium unter dem Vorsitz des Unterstaatssekretärs Leon zu einer Sitzung zusammen.

Es wurde zunächst die Lage des Personals in den für die Nationalverteidigung wichtigen Betrieben erörtert. Zu diesem Zwecke wurde der Bericht eines Delegierten des Generalstabes entgegengenommen. Bekanntlich sieht das Gesetz vor, daß die Angestellten der in diese Kategorie fallenden Unternehmungen besonders auf ihre staatliche und nationale Zuverlässigkeit geprüft werden sollen.

Es wurden Sonderausschüsse zur Ueberprüfung vorläufig folgender für die Landesverteidigung wichtiger Betriebe eingesetzt. Flugzeugfabrik JUR, Brasov, Eisenwerke Resita, Sprengstofffabrik Fagaras, die Fabriken Solvay in Turda, Nitrogen in Dicio San Martin und die Eisen- und Wahzwerke Titan, Nadrag, Calab.

Weiters wurden Zuschüsse eingesetzt zur Ueberprüfung des Personals der Petroleumindustrien Petrolblock, Romana-Americana, Steaua Romana, Unirea und Prahova sowie der Kohlengruben Petrosani, Creditul Carboniser, Soricani und Surduc Jibou.

Unter dem Vorsitz des Professors Bungatianu wurde ein weiterer Sonderausschuß zur Ueberprüfung der Bankangestellten folgender Institute berufen: Banca de Credit, Banca Comerciala Romana, Banca Comerciala Italiana Romana, Bank of Roumania, Banca Elvetiana Romana und Institutul de Credit Bancar.

Eine weitere Kommission wird sich mit dem Personal der anderen Handelsunternehmungen befassen, beginnend mit dem großen Warenhause Galeries Lafayette. Ein andere Kommission wird in der Bucovina sich speziell für die Angestellten der Zuckerfabriken und der Holzindustrie interessieren.

Gegen diejenigen Unternehmungen, die bisher den Verpflichtungen zur Abgabe der Personallisten nicht nachgekommen sind, wird die Strafe der Verwarnung ausgesprochen werden. Die Liste der bestraften Firmen wird demnächst im Monitorul Oficial erscheinen.

Was man solange befürchtet hat, ist nun Wirklichkeit geworden. Unter dem Deckmantel eines Feldzuges gegen die ausländischen Angestellten greift der Staat in die inneren Angelegenheiten der Privatunternehmungen ein, um zu „statistischen Zwecken“ die völkische Abstammung aller Angestellten, auch inländischer, zu untersuchen. Wiewohl im Gesetze nicht ausdrücklich erwähnt, war man sich überall darüber klar, daß die Auswirkungen dieser Kontrolle für die Angehörigen der Minderheitsnationen die denkbar ungünstigsten sein müssen.

Man befürchtet mit Recht, daß auf die Unternehmungen von oben ein gewisser Druck ausgeübt werden wird, der sich natürlich nicht auf irgendwelche gesetzlichen Bestimmungen stützen muß, die man bei Gericht als antikonstitutionell anfechten könnte. Die den Minderheitsnationen angehörenden Privatangestellten werden in der nächsten Zeit schlaflose Nächte verbringen müssen. Das Damoklesschwert schwebt über ihrem Haupte und dem ihrer Familien.

(350321r1)


Leitartikel
Ist Deutschlands Aufrüstung legal? [S. 1, oben, rechts]
Rechtliche und historische Betrachtung

I.
Als im Jahre 1918 das furchtbarste Ringen dieses Jahrhunderts sein Ende gefunden hatte, war die ganze Welt nur von einem Gedanken beseelt: einen nächsten Krieg unmöglich zu machen. Alle Nationen hielten Deutschland für den Schuldigen am Weltkrieg, und auch die ihm günstig gesinntesten Kreise konnten ihm zumindest einen großen Teil der Schuld nicht absprechen; sogar in Deutschland war man dieser Ansicht, nur daß hier vielfach der Unterschied zwischen Klassen, die den Krieg wollten und anderen, die in den Krieg hineingetrieben worden sind, gemacht wurde. Aber, ob die Verantwortlichkeit der vierjährigen Menschenschlächterei auf der offenbaren Schuld des deutschen Volkes, den Krieg gewollt zu haben, beruhte, oder nur auf seiner Unfähigkeit, ein derartiges Unglück zu verhüten, beruhte, die alliierten Mächte sahen nur ein Mittel, den Frieden künftig zu garantieren: den Krieg dem deutschen Volke materiell unmöglich zu machen. Wenn bei den Friedensverhandlungen in Paris je über einen Punkt Einstimmigkeit geherrscht hat, so war es der über die Abrüstung Deutschlands.

War die Abrüstung Deutschlands an die Abrüstung der anderen Staaten gebunden oder gar durch die letzteren bedingt? Wie oft man auch deutscherseits eine derartige Auffassung vertrat, weder nach dem Paragraphen des Vertrages noch nach anderen rechtlichen oder moralischen Quellen bestand oder sollte ein Junktim zwischen der Abrüstung Deutschlands und der Abrüstung der anderen Staaten bestehen. Ein zum Angriffskrieg unfähiges Deutschland war eine separat in sich abgeschlossene Idee und ein für sich abgeschlossener Zweck für die Friedensverträge. Die Idee einer allgemeinen Abrüstung wurde in Verbindung mit dem Völkerbundsgedanken gebracht, jedoch als ein separates Ziel auf die Tagesordnung der Friedensverträge gesetzt.

Es ist richtig, daß Deutschland mancherorts eine allgemeine Abrüstung versprochen wurde, doch waren auch diese weder zeitlich noch durch andere genauere Grundsätze festgelegt; auf keinen Fall hat aber Deutschland bedingt abgerüstet. Die Versprechungen, auf die sich Deutschland stützt, sind ausnahmslos privater Natur und rühren meistens von Staatsmännern her, die von Zeit zu Zeit der Regierung im eigenen Lande Opposition machen wollten. So z. B. dem Engländer Lloyd George. Auch diese Versprechungen und Erklärungen waren zu vager Natur, um auch rechtlich nur gefaßt werden zu können.

Mußte Deutschland bedingungslos abrüsten und abgerüstet bleiben, so war die Abrüstung (und nicht die Aufrüstung!) der anderen Staaten an gewisse Bedingungen gebunden. Der fünfte Teil des Versailler Vertrages, der sich mit der Abrüstung Deutschlands befaßt, hat eine Einleitung mit folgendem Wortlaut:

„Um die Vorbereitung einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung aller Staaten möglich zu machen, verpflichtet sich Deutschland strengstens, die nachfolgenden Militär-Schiffs- und Luftklauseln einzuhalten.“

Man mag in diesem Satz vergeblich nach einer Bestimmung suchen, durch die Deutschland das Recht zusteht, eigenmächtig wieder aufzurüsten, wenn die anderen Staaten noch nicht abgerüstet haben. Die deutsche Abrüstung war die Vorbedingung für eine Vorbereitung der Abrüstungsverhandlungen, und nicht die Abrüstung der anderen Staaten die Bedingung für die Aufrechterhaltung der deutschen Aufrüstung. Sogar in dem Falle, daß die Vorbereitungen zu den Abrüstungsverhandlungen sehr spät oder überhaupt zu keinem Resultat führten, konnte Deutschland nichts anderes tun, als abgerüstet bleiben. Durch die Einleitung zum fünften Teil des Versailler Vertrages gaben die alliierten Staaten unter sich die Erklärung ab, daß sie über eine Abrüstung nicht einmal verhandeln wollten, bevor Deutschland nicht vollständig seine Verpflichtung erfüllt hat.

Im Jahre 1932 begannen die Verhandlungen zur allgemeinen Rüstungsbeschränkung. In Deutschland fand man dieses Datum reichlich spät. In Wirklichkeit konnte die Konferenz nur infolge des guten Willens der anderen Mächte stattfinden, die sich die Hände vor die Augen halten mußten, um die Vorbedingung zu den Verhandlungen - Deutschlands Abrüstung - realisiert zu sehen.
Dr. Alphonse Schwarz

(350321w1)


Seite 2

Unerwarteter Schlag gegen die Primaria-Beamten [S. 2, rechts, oben]
Sie werden fristlos entlassen

Gestern ist eine Verfügung des Innenministeriums herabgelangt, wonach die 63 Beamten der Stadtgemeinde, die die Prüfung aus der rumänischen Sprache nicht bestanden haben, zur Disposition gestellt werden, entgegen dem bereits gefaßten Beschluß, wonach diese Beamten vor die Disziplinarkommission berufen worden, die dann über ihr weiteres Schicksal hätte entscheiden sollen. Wie es heißt, sollen die Beamten mit 20 Dienstjahren pensioniert werden. Begreiflicherweise hat diese Verfügung des Innenministeriums die größte Bestürzung in Kreisen der betroffenen Beamten hervorgerufen. Es wird eine Intervention bei Minister Nistor beabsichtigt, der sich für die zu entlassenden Beamten einsetzen soll.

(350321c2)

Seite 3

Die Kultusratswahlen [S. 3, oben, links]
Drei Listen angemeldet

Heute, Mittwoch, den 20. März, läuft die Frist für die Anmeldung der Listen für die Kultuswahlen ab. Es wurden im ganzen drei Listen überreicht, und zwar: die erste mit dem Listenführer Dr. Markus Menczer, die zweite mit dem Listenführer Isak Rosner und die dritte mit Dr. Mayer Ebner an der Spitze.

Die Kandidaten der Listen zwei und drei haben wir zum Teil veröffentlicht. Die Liste Dr. Menczer, die den Namen „Vereinigte Bürgerliste“ trägt und an der Vertreter der UER sowie solche der Orthodoxie unter Führung des Kaufmanns Selig Wagschal teilnehmen, weist folgende Kandidaten auf:

Dr. Marcus Menczer, Advokat Moses Solomovici, Großindustrieller; Dr. Deutsch, Advokat; Bernhard Deligdisch, Großindustrieller; Dawid Schärf, Großindustrieller; Chaim Lifschütz, Mühlenbesitzer; Elias Grill, Spenglermeister; Magister Alfred Gläsner, Kaufmann; Arnold Zwecker, Kaufmann; Selig Wagschal, Kaufmann; Dr. Ulrich Schnapp, Advokat; Dr. Elias Enis, Regierungsrat i. P.; Dr. Efroim Fischer, Advokat; Alexander Karpel, Prokurist; Alter Roll, Holzindustrieller; Israel Sperber, Kaufmann; Dr. Karl Lang, Advokat; Samuel Weizner, Großindustrieller; Abraham David Nagel, Großkaufmannn; Gabriel Sokal, Hausbesitzer; Josef Rudner, Kaufmann; Dr. Adolf Katz, Arzt; Siegmund Lehr, Großindustrieller; Josef Rotleber, Architekt; Elias Hendel, Kaufmann; Chaim Rosenzweig, Hausbesitzer; Samuel Teiler, Kaufmann; Markus Mecz, Bahnrevident i. P.; Gerson Hochstädt, Hausbesitzer; Osias Pomeranz, Prokurist; Pinkas Gitter, Exporteur; Eisig Tiger, Kaufmann; Samuel Silbermann, Schlossermeister; Nathan Trichter, Anstreichermeister; David Lohner, Kaufmann.

Die Kandidatenlisten zwei und drei wird der „Tag“ demnächst vervollständigen.

(350321c3)


Polizei erschießt 200 eingeborene [S. 3, rechts, Mitte]
London, 19. März (Tel. des „Tag“). Nach einer Meldung aus Bombay kam es heute in Karaki [Karatschi] zu einem folgenschweren Zusammenstoß zwischen eingeborenen Mohammedanern und der Polizei.
Die Unzufriedenheit der Eingeborenen nahm ihren Ursprung in dem Verbote der Polizei, einen hingerichteten Volksgenossen wieder auszugraben und im Zuge durch die Stadt zu führen. Als die versammelte Menge trotz des Verbotes die Ausgrabung vorzunehmen begann, gab die Polizei mehrere Salven ab. 200 Eingeborene blieben tot auf der Strecke.

(x)
_____
http://www.chroniknet.de/daly_de.0.html ... h=3&day=19
Klaus Binder
 
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Nr. 887, Freitag, 22.03.35

Postby Klaus Binder on 12. April 2013, 08:42

Seite 1

Leitartikel
Ist Deutschlands Aufrüstung legal? [S. 1, oben, links]
Rechtliche und historische Betrachtung

II.
Um die Vorgeschichte der Abrüstungskonferenz zu verstehen und die Bemühungen der Politiker, die sich im Kampf um den Frieden verdient gemacht haben, würdigen zu können, muß man noch folgenden Text des Friedensvertrages in Evidenz halten. Durch Artikel 8 des Versailler Vertrages, der zugleich Artikel 8 des Völkerbundpaktes ist, wurde dem Völkerbundsrat die Vorbereitung zur Abrüstungskonferenz übergeben. Dieser Artikel hat im ersten Paragraphen folgenden Wortlaut:

„Die Mitglieder des Völkerbundes erkennen an, daß es im Interesse des Friedens gelegen ist, eine Herabsetzung der staatlichen Rüstungen auf ein Minimum vorzunehmen, das mit der staatlichen Sicherheit und der Erfüllung internationaler Verpflichtungen, die durch eine gemeinsame Aktion auferlegt werden, vereinbar ist“.

Kurz gesagt: die Herabsetzung der Rüstungen ist durch die Sicherheit bedingt, und zwar eine Sicherheit in doppeltem Sinne: der Staat, von dem die Abrüstung verlangt wird, kann ein Minimum an Waffen behalten, das ihn einem plötzlichen Angriff nicht schutzlos aussetzt, und weiters wird ihm Sicherheit in der Form einer Beistandsaktion anderer Staaten, für den Fall, daß er angegriffen werde, versprochen; diese Beistandsaktion mußte allerdings noch organisiert werden.

Die Kommission, die vom Völkerbund eingesetzt wurde, um sich mit der Herabsetzung der Rüstungen (das Wort Abrüstung muß immer in dem Sinn einer Herabsetzung und nicht einer „totalen“ Abrüstung verstanden werden) zu befassen, hatte also hauptsächlich drei wichtige Probleme zu lösen:

1. Die Feststellung, ob die Vorbedingung zu den Verhandlungen, die Abrüstung Deutschlands, erfüllt war;

2. Ein Sicherheitssystem, sei es in der Form allgemeiner kollektiver oder nur regionaler gegenseitiger militärischer Unterstützung festzulegen. Während durch die Erfüllung der ersten Bedingung der Weg zu den Verhandlungen und zur Vorbereitung freigelegt wurde, konnte im Falle der Erfüllung der zweiten Bedingung die Abrüstungsquote der verschiedenen Staaten bestimmt werden.

3. Die Abrüstungsquote der verschiedenen Staaten festzulegen, d. h. den Bestand ihrer Material- und Effektivbestände zu bestimmen.

Deutsche Juristen und Politiker haben sich oft auf den Artikel 8 berufen, um ihn als Basis ihrer Ansprüche auf die „Gleichberechtigung“ zu verwenden, denn, so räsonierten sie, im Artikel 8 werde kein Unterschied zwischen den Mitgliedern des Völkerbundes gemacht, wenn es sich um das Minimum an Sicherheit handelt, das jedem Staat anerkannt werde. Aber abgesehen davon, daß die deutsche Sicherheit tatsächlich nicht bedroht ist und die deutschen Rüstungsansprüche weit über das Defensivminimum hinausgehen, ist in dem Artikel 8 nur von Abrüstung auf ein Minimum und nicht von Aufrüstung auf ein Minimum die Rede. Wenn in diesem Artikel für alle Staaten in ganz abstrakter Form ihre Sicherheitsbedürfnisse bestimmt waren, so gab es im selben Vertrag einen ganzen Teil (Teil V), der sich in konkreter und ausführlicher Weise mit den deutschen Sicherheitsbedürfnissen befaßte.

Und nun zurück zu unserer Frage: hatte Deutschland seine Verpflichtungen vollständig erfüllt, und waren die Bemühungen um die Sicherheit in den ersten Nachkriegsjahren so weit gediehen, daß man die Abrüstungskonferenz früher einberufen konnte?

Ohne Zweifel wurde unmittelbar nach dem Kriege ungeheures Kriegsmaterial von Deutschland vernichtet, und in der Note, die von der deutschen Regierung am letzten Sonntag nach Ankündigung der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht veröffentlicht wurde, finden wir die Ziffern der Zerstörung wieder, die einen wahrhaft imponierenden Eindruck machen. Aber abgesehen davon, daß sich das Material, das 1918/19 zerstört wurde, nur schwer für einen modernen Krieg tauglich erweisen könnte, hat sich Deutschland nebenbei verpflichtet, sowohl kein neues Kriegsmaterial zu erzeugen - die in Betracht kommenden Fabriken mußten desaffektiert werden - als auch nur einen bestimmten Teil der Bevölkerung das Kriegshandwerk zu lehren. Eine zwölfjährige Dienstzeit wurde für 100.000 Mann (inklusive Offiziere und Hilfstruppen) aufgezwungen, damit von dem Militärdienst nur ein geringer Teil der Bevölkerung erfaßt und somit eine militärische Ausbildung der gesamten wehrfähigen Bevölkerung unmöglich gemacht werde. Zur Kontrolle - insoweit eine Kontrolle möglich war - wurde eine interallierte Kommission eingesetzt. Im Jahre 1927 gab diese Kommission einen Rapport über die Zustände der deutschen Rüstungen, und durch die Welt ging die Nachricht, sogar aus dem Munde hoher verantwortungsvoller Persönlichkeiten, daß Deutschland seinen Verpflichtungen nachgekommen sei und die Abrüstungsverhandlungen beginnen könnten. Wir kommen darauf noch zurück.

Parallel damit wurden von den europäischen Diplomaten Pläne für Sicherheitsverträge entworfen und andere Versuche unternommen, um die "mit Hochspannung geladene internationale Atmosphäre" zu "reinigen", damit man endlich einmal das Kriegsbeil begraben könne.

Unmittelbar nach dem Kriege hatte Europa noch verschiedene Waffenkonflikte zu ertragen, wie den türkisch-griechischen, den russisch-polnischen und die Kriege, die die Großmächte auf russischem Gebiete gegen die Sowjets führten. Erst nach der Räumung des Ruhrgebietes im Jahre 1924 konnte man die Situation einigermaßen als geklärt sehen, und die Periode des Weltkrieges als geschlossen betrachten. Aber nachher machten sich die Kämpfer für die Verständigung und Völkerversöhnung mit voller Kraft ans Werk.

1925 wurden die erste Sicherheitspakte, die Abkommen von Locarno unterzeichnet; 1926 fand der feierliche Eintritt Deutschlands in den Völkerbund statt; 1927 wurde die interallierte Kontrollkommission zurückgezogen und Deutschland ein Absolutorium für angebliche Erfüllung seiner militärischen Verpflichtungen erteilt; 1928 Kelloggpakt, der vielerorts als das ideale Instrument des Friedens angesehen wurde und auf dessen Unzulänglichkeiten man erst später kam; jedenfalls wurde er als hoher Sicherheitsfaktor gewertet und als Pressionsmittel für die Abrüstung verwendet, worauf man in Frankreich die einjährige Dienstzeit einführte; 1929 wurden durch den Youngplan die Reparationen um ein Erhebliches vermindert; 1930 vorzeitige Räumung der Rheinlande; 1931 finanzielle Hilfsaktion für Deutschland mit Moratorium; 1932 fast gänzliche Streichung der Reparationen sowie prinzipielle Zuerkennung der "Gleichberechtigung" und 1933 - Hitler.

Das war die Antwort, die Deutschland zu geben wußte, und die wie eine Ohrfeige auf dem Gesichte des Wohltäters durch die ganze Welt klatschte. Vielleicht wäre man schon 1933 und 1934 zu einem Resultat gelangt, und sowohl die politische als auch die wirtschaftliche Krise hätte ein Ende gefunden, wenn sich nicht bei jeder Konzession, die man Deutschland gewährte, die nationalistische und militaristische Kanaille geweckt hätte. Die Politik seit Locarno beruhte auf einer verfehlten Einstellung gegenüber der Psychologie des deutschen Volkes.
Dr. Alphonse Schwarz

(350322w1)


Seite 2

Die Kandidatenlisten für die Kultusgemeinde [S. 2, Mitte, rechts]
Der „Tag“ hat in seiner letzten Ausgabe die Kandidaten der Liste Nr. 1 mit Dr. Menczer an der Spitze veröffentlicht. Nun veröffentlichen wir die Listen Nr. 2. und 3, die folgende Kandidaten aufweisen:

Liste 2
Isak Rosner, Dr. Eduard Straucher, Mendel Harnik, Hersch Ber Hellreich, Dr. Leo Greif, Moses Kamil, Benjamin Schapira, Isak Einhorn, Josef Greif, Ch. S. Bartfeld, Maximilian Gerdel, Isser Stier, Samuel Singer, Elias Grünspan, Noa Hager, Moses Nachmann, Isak Halpern, Albin Rosengarten, Osias Kritzer, Osias Edelstein, Mendel Hornik, Salomon Laufer, Ingenieur Sch. Geller, Chaim Herzig, Emanuel Tumin, Isak Druckmann, Jesser Geller, Meier Wildmann, Marcus Kräuter, Nathan Bleiweiß, Mendel Geller, Srul Lohner, Josef Ackermann, Iossel S[…]lnik, O. W. Lorber, Leon Schumer.

Liste 3
Dr. Mayer Ebner, Karl Klüger, Hermann Pines, Ingenieur Maximilian Zwilling, Dr. Leo Schmelzer, Kalman Metsch, Adolf Heitner, Moses Barbasch, Dr. J. Geller, Jakob Goldschläger, Friedel Adelstein, Dr. Josef Mann, Israel Meilichsohn, Hendel Fischmann, Dr. Nachman Denker, Arnold Frost, Efroim Kasser, Salomon Schreier, Markus Pogan, Emanuel Neufeld, Dr. Siegmund Neuberger, Aron Damm, Josef Rubinger, Herm. Gottesmann, Itzig Kerzer, K. Koppelmann, D. W. Blum, Moses Beiser, Abraham Schweizer, Israel Sattinger, Aron Feder, Neuberger, Jankel Brender, Leon Weiner und Dr. Moses Grünberg.

(350322c2)


Seite 3

Weitere Automontagefabriken in Rumänien [S. 3, Mitte, links]
Bucuresti, 20. März (Tel. des „Tag“). Der oberste Wirtschaftsrat befaßte sich heute mit einigen weiteren Ansuchen um Bewilligung zur Errichtung von Automontagefabriken in Rumänien, wie sie auch den Fordwerken zugebilligt wurden. Es handelt sich um Offerten der General-Motors-, der Chrysler und der Dodgewerke. Dem Ansuchen wurde im Prinzipe stattgegeben.

Vom Weizenkommissariat wurde hierauf ein Antrag auf Verkauf von 1.600 Waggons Weizen an Oesterreich, zum Preise von 45.000 Lei per Waggon vorgelegt, dem zugestimmt wurde.

(350322r3)


Große Wählerversammlungen [S. 3, links, Mitte]
Anläßlich der bevorstehenden Wahlen in den Rat der jüdischen Gemeinde veranstaltet die vereinigte Bürgerliste unter Führung des Herrn Dr. Menczer drei große Massenversammlungen. Die erste Versammlung findet am Sonntag, den 24. März l. J. um 4 Uhr nachmittags im Festsaale des jüdischen Hauses statt. Es werden sprechen die Herren Dr. Menczer, Dr. Deutsch, Elias Grill, Mag. Gläsner, Dr. Enis, Dr. Schnapp, u. a. Am Mittwoch, den 27. März und am Samstag, den 30. März finden weitere große Wählerversammlungen statt. Die jüdische Bevölkerung wird eingeladen, zu diesen Versammlungen in Massen zu erscheinen.

(350322c3)


Zu den Kultusratswahlen [S. 3, links, unten]
Wir erhalten vom Präsidium der revisionistischen Landesorganisation nachstehendes Kommuniquee: Angesichts der für die bevorstehenden Wahlen in die jüdische Gemeinde geschaffenen Situation, die eine Teilnahme der breiten jüdischen Massen an diesen ausschließt und somit dem größten Teile der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit benimmt, die Gestaltung des jüdischen gesellschaftlichen Lebens nach ihren Willen zu beeinflussen, hält es die revisionistische Landesorganisation für unmöglich, sich an dieser Wahl zu beteiligen. Was die bereits angemeldeten Wahllisten anbelangt, sieht sich der Landesverband der Zionisten-Revisionisten außerstande, seinen Mitgliedern ein bestimmte Parole zu geben, da zu seinem Bedauern keine der bestehenden Listen ein ideologisches Programm repräsentiert.

(350322c3)


Der „Bund“ nimmt zu den Kultuswahlen Stellung [S. 3, unten, links]
Am Sonntag, den 17. März fand im „Pistiner-Saal“ eine Vertrauensmännerberatung des Bundes statt, die zu den bevorstehenden Wahlen in die Kultusgemeinde Stellung nahm. Den Vorsitz führten die Herren Tropper, Wieder, Weißbach, Sinnreich, Strauber, Kanner und Steiner. Das Referat erstattete Herr Kaswan. In längeren Ausführungen schilderte er den Kampf der jüdischen Massen um die Demokratisierung der jüdischen Gemeinde. In keinem Lande, bei keinem Volke sei die Ausübung des Wahlrechtes an die Bezahlung der rückständigen Steuern gebunden. In keiner Gemeinde zahlen auch die Massen so hohe indirekte Steuern wie in der jüdischen. Der „Bund“ werde selbstverständlich an der Wahl nicht teilnehmen. in der Debatte unterstrichen die Herren Stroh und Rubinger die tiefe Kluft, die die jüdischen Arbeitsmenschen von den jüdischen Kapitalisten teilt. Wenn die Gemeinde der Masse alle Rechte nimmt, habe die Masse der Gemeinde gegenüber auch keine Pflichten. Die indirekten Steuern müssen abgeschafft werden. Die Beratung hat einstimmig eine Resolution in diesem Sinne angenommen.

(350322c3)
Klaus Binder
 
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Nr. 888, Samstag, 23.03.35

Postby Klaus Binder on 13. April 2013, 17:17

Seite 1

Leitartikel
Ist Deutschlands Aufrüstung legal? [S. 1, oben, rechts]
Rechtliche und historische Betrachtung

III.
Deutschlands Innenpolitik hat seit jeher die internationale Welt mehr berührt als man glauben möchte. Seit dem Kriege, oder viel besser seit der Verfassung von Weimar stellte sich der innerpolitische Kampf in Deutschland als ein Kampf der "zwei Deutschlands" dar. Die ganze Welt war daran interessiert, das "pazifistische und republikanische" Deutschland über das "Deutschland des Wilhelm II" siegen zu sehen und gab sich auch alle erdenkliche Mühe, das erste Deutschland, hauptsächlich durch außenpolitische Erfolge, zu unterstützen, - bis eines Tages die deutschen Diplomaten auf den Trick kamen und eine sonderbare, aber wirkungsvolle Politik betrieben.

Es war gar nicht solange Zeit nach der "Novemberschmach", als schon wieder Männer der "alten Garde" in allen Ehren in das politische Leben der deutschen Republik einzogen. Ehemalige deutsche Ultranationalisten wie Stresemann raunten ihren Kollegen in Genf, Haag, Locarno, Paris ec, in die Ohren: "Gebt uns einen Erfolg, damit wir dem inneren Feind alle Argumente aus der Hand schlagen; eine Konzession oder wir fallen in die Arme des Nationalismus!" In Frankreich lebt man in der bitteren Enttäuschung, von Herrn Stresemann tüchtig hereingelegt worden zu sein, und heute kann man es Briand weniger als vorher verzeihen, daß er sich von Stresemann beschwatzen ließ, die französischen Truppen aus dem Rheingebiete zurückzuziehen; ja, wenn heute noch französische und andere internationale Truppen am Rhein stünden …

Die Räumung des Rheinlands war von einer mehr als uneleganten Episode begleitet. Es war im Jahre 1929, als im Hag eine weitgehende Streichung der Reparationen beschlossen und im Jahre 1930 in Paris besiegelt wurde. Dr. Schacht, der die Verhandlungen in Paris leitete, und also schon damals ein großes Wort zu sagen hatte, erklärte nach Abschluß der Verhandlungen pathetisch, daß er "sich eher die Faust abhacken lassen wolle", bevor er die neu übernommenen Verpflichtungen nicht erfülle, und Stresemann erläuterte seinem Kollegen Briand darauf durch a plus b, daß jetzt, nachdem Deutschland "freiwillig" Zahlungsverpflichtungen übernommen hatte, gar kein Grund mehr bestünde, weiter die Rheinlande als "Garantie" besetzt zu halten.

Man kann nun die Verblüffung in Frankreich begreifen, als knapp nach der Räumung der letzten Rheinlandzone die nationalsozialistische Partei, die vorher nur mit wenigen Sitzen im Parlament vertreten war, plötzlich bei den darauffolgenden Wahlen zur zweitgrößten Partei Deutschlands in die Höhe schoß. Die deutschen "Republikaner" und "Demokraten" schrieen Gewalt und verlangten immer neue Unterstützungen vom Auslande; obwohl Deutschland neue Konzessionen gewährt wurden stieg die nationalistische Welle immer mehr an. Anstatt das Übel zu verkleinern, vergrößerte man es. Die deutschen Nationalisten erklärten ihren Gläubigen, daß die Konzessionen nur darauf zurückzuführen seien, daß Deutschland von Tag zu Tag nationalistisch "erstarke". Das Anwachsen der Konzessionen und des Nationalismus stimmten allerdings zeitlich überein, nur wurden von den Nationalisten Ursache und Wirkung absichtlich verwechselt, denn der Nationalismus war nicht die Ursache der Konzessionen, sondern ihre - allerdings unerwartete - Wirkung.

Maßgebend für die Weltpolitik mußte aber dennoch die Auffassung des deutschen Volkes sein, das in dem Nationalismus den Schlüssel zu allen Wünschen sah - und deshalb ist Deutschland heute nationalistisch.

Diese kurze historisch-psychologische Studie, die so sehr die politische Unreife des deutschen Volkes ins rechte Licht rückt, macht nun verständlich, daß es heute Leuten wie Hitler, Goebbels und Rosenberg sein Schicksal anvertraut.

Wenn man von Rüstungen spricht, denkt man gewöhnlich an Kanonen, Tanks, Flugzeuge und andere "greifbare Gegenstände" und vergißt meistens, daß, was nur das Rüstungsmaterial betrifft, drei Größen in Betracht gezogen werden müssen. Die drei Größen sind: das vorhandene Material, die Fabrikationskapazität der Rüstungsindustrie und ihr Bedienungspersonal: die Armee.

Gewöhnlich mißt man der ersten Rüstungsgröße die meiste Bedeutung bei. Die Zahl der Gewehre, Kanonen, Tanks und Flugzeuge, das scheint der Maßstab für die Rüstungen der verschiedenen Staaten zu sein. Diese primitive Auffassung der Massen über die Rüstungen hat sich die deutsche Propaganda jahrelang zunutze gemacht, um Deutschland "wehrlos" inmitten einer Zahl "bis an die Zähne bewaffneter" Nachbaren darzustellen und wer kennt sie nicht, die Propagandaschriften, die zu hunderten Millionen aus Deutschland in die Welt verbreitet wurden, und auf denen, sei es durch Ziffern, Diagramme, oder symbolische Bilder der "Stand der Rüstungen" der Staaten mit besonderem Bezug auf die deutsche "Wehrlosigkeit" und "Unsicherheit" präsentiert werden.

Zweifellos spielt das Material im Falle eines Konfliktes eine höchst wichtige Rolle, aber zu Zeiten des Friedens gibt der Materialbestand viele heikle Probleme auf. Das Kriegsmaterial wird ungemein schnell unmodern - man mag nur daran denken, welche Fortschritte die Rüstungswissenschaft in den Jahren 1914-1915 machte - und die besten Armeen der Welt haben veraltetes Material in weit größerem Prozentsatz in Gebrauch als das Material, das eventuell für den nächsten Kriegsbedarf verwendet werden kann. Ja, wenn das genaue Datum des nächsten Krieges bekannt wäre, dann würde es sich auszahlen, die Armee hundertprozentig mit modernen brauchbaren Waffen auszustatten, aber diese Operation jedes Jahr auszuführen … das hält das beste Budget nicht aus. Somit begnügt man sich also in Friedenszeiten, das veraltete Material in Gebrauch zu lassen, und modernere Waffen nur in dem geringen Maße herzustellen, als zur Einübung der in Friedenszeiten beschränkten Kontingente nötig ist. Die Waffen, die sich am brauchbarsten erwiesen haben, werden dann bei Kriegsbeginn, oder kurz vorher mit Hochdruck von der Industrie erzeugt; in diesem Falle wird auch das Rüstungsbudget erheblich vergrößert.

Das beste Material wird aber unnütz, wenn die Soldaten nicht mit ihrem Gebrauch vertraut sind; und das ist allgemein bei den Kontingenten der Fall, die fünf oder sechs Jahre vor Kriegsbeginn ihren Militärdienst machten. Die zeitgemäße Ausbildung der technischen Truppen gehört zu den schwersten Problemen, die die Militärpolitiker zu lösen haben.

Es ist nun klar, daß man bei der Beurteilung, ob ein Staat abgerüstet ist, nicht bei der Zählung des Kriegsmaterials bleiben kann, sondern auch den anderen beiden Rüstungsgrößen eine besondere Aufmerksamkeit zuwenden muß.
Dr. Alphonse Schwarz

(350323w1)


Seite 2

Die Anmeldung der Angestellten in den Handelsbetrieben [S. 2, Mitte]
Die kaufmännischen Gremien in Cernauti verlautbaren: Das Handelsinspektorat teilt uns mit, daß viele Handelsbetriebe dem Gesetze zur Verwendung von Rumänischem Personal in den Betrieben überhaupt nicht oder in nicht genauer Weise entsprochen haben. Da das Gesetz strenge Strafen für die Nichtbeachtung desselben vorsieht, und zwar auch für diejenigen, die die Tabellen nicht vollständig ausfüllen, macht das Gremium die Kaufmannschaft dringend aufmerksam, der Meldepflicht sofort zu entsprechen. Nach Anweisung des Inspektorats sind die Tabellen wie folgt auszufüllen: a) In der Rubrik "Denumirea Intreprinderii" muß der im Handelsregister eingetragene Firmenwortlaut, die Art des Unternehmens, der Ausübungsort und die genaue Adresse angegeben werden. b) In der Rubrik "Cetatcnia" ist die Staatsbürgerschaft des Angestellten zu vermerken. c) In der Rubrik "Origina Etnica" muß die völkische Abstammung des Angestellten bekanntgegeben werden, die nichts gemein hat mit der Staatsbürgerschaft, Geburtsort oder Religion. Die Nichtausfüllung dieser Rubrik im angezeigten Sinne wird als eine Uebertretung des Gesetzes angesehen. d) In der Rubrik "Varsta" erfolgt die Angabe des Geburtsjahres. e) "Studii sau pregatirea profesionala", Angabe der Studien und der Zeugnisse. f) "Functiunea ce indeplineste" ist die Dienstart genau zu präzisieren. g) "Vechimea in serviciu" Dienstalter unter Angabe des genauen Eintrittsdatums (Jahr, Monat und Tag). h) In dieser Rubrik ist die Summe aller im Laufe des Jahres 1934 erhaltenen Entlohnungsbeträge wie Gehalt, Wohnungsbeitrag, Beiträge für Beheizung, Beleuchtung und sonstige Gratifikationen anzuführen. j) Die Ausfüllung der anderen Rubriken erfolgt gemäß den in der Tabelle enthaltenen Indikationen.

Jene Kaufleute, die Tabellen bereits vorgelegt haben unter Außerachtlassung der genauen Vorschriften, sind verpflichtet, neue Tabellen vorzulegen.

(350323r2)


Volksversammlung der Einheitspartei [S. 2, oben, rechts]
Am Mittwoch, den 20. März abends fand unter dem Vorsitze des Führers der Liste No. 3 Dr. Mayer Ebner eine (Volks)-Versammlung der Einheitspartei statt. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit der Bekanntgabe der von ihm vorgeschlagenen bereits publizierten Kampfregeln. Das in tausenden von Exemplaren vervielfältigte vom Listenführer Dr. Ebner herausgegebene Gemeindeprogramm der jüdischen Reichspartei (Ortsgruppe Cernauti) wurde allen Teilnehmern der Versammlung eingehändigt.

Der erste Redner, Advokat Dr. Jakob Geller, betonte die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses im Sinne des nationalen Programms der jüdischen Reichspartei. Direktor Hanan Pines, Präsident der mit der Reichspartei verbündeten beßarabischen Landsmannschaft, erklärte in seiner Rede u. a.:

Wenn die Partei Dr. Menczer anführt, sie habe gut gewirtschaftet, sei dies wohl anzuerkennen, aber das und für sich Selbstverständliche begründe noch nicht den Anspruch, daß die Partei der Gerentschaft auch die Leitung der Gemeinde weiterhin behalte. Herr Salomon Doregger, Präsident des Agentengremiums, weist auf die Tatsache hin, daß die Judenschaft in Cernauti weder im Parlament noch in der Stadtgemeinde vertreten sei.

Dr. Mayer Ebner wendet sich an die Versammlung, die er als Volks- und nicht als Wählerversammlung einberufen habe. Redner behandelt die Liste No. 2, die er als eine mit Ortodoxie getarnte Straucherliste - ohne Straucher - bezeichnet.

Der vom alten Straucher vorgeschobene Sohn Dr. Eduard Straucher, habe sich bis jetzt im jüdischen Leben nicht betätigt, hingegen habe der alte Straucher, sich in den letzten Tagen etwas geleistet, was vom menschlichen und jüdischen Standpunkte geradezu unfaßbar sei. Redner bezieht sich auf die von Straucher aus Anlaß der Kultusratswahlen herausgegebene Flugschrift, mit welcher er den Redner dafür verantwortlich macht, daß die Juden der Bucovina (jüdischer Nationalrat) nach dem Zusammenbruche der Monarchie eine Anschlußerklärung an Rumänien nicht abgegeben haben. Mit einer bei Dr. Ebner in diesem hohen Masse noch nicht beobachteten ungeheuren Erregung sprach er über Dr. Straucher als den Protektor der Partei der Ortodoxen.

Auf einen Zwischenruf von der sogenannten guten Wirtschaft Menczer's antwortete Redner, die Gemeinde sei kein Bank- oder Industrieunternehmen und außer den Wirtschaftsfragen gebe es noch ethische und kulturelle Aufgaben von höchster Bedeutung.

(350323c2)


Seite 3

Ankündigung [S. 3, unten, Mitte]
Vom tiefsten Schmerze gebeugt geben wir hiermit Nachricht, dass unsere innigstgeliebte Frau, Schwester, Schwägerin, Tante, Frau

Beatrize Sutter-Kottlar

grossherzogliche badische Kammersängerin, em. Primadonna der Frankfurter Oper, Gesangsmeisterin am Mozarteum in Salzburg

im Zenite ihres arbeitsfreudigen, der Kunst geweihten Lebens am 15. März 1935 auf ihrem Schlosse Liel (Baden) plötzlich uns entrissen wurde.

Die Einäscherung der irdischen Ueberreste unserer teueren Verblichenen erfolgte am 17. März 1935 in Frankfurt a./M.

Alle, die sie kannten und ihre Kunst bewunderten, werden unseren übermenschlichen Schmerz verstehen.
Cernauti, am 20. März 1935
Die tieftrauernde Familie

(350323t3)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Beatrice_Sutter-Kottlar


Türkei stellt konfiszierten griechischen Dampfer zurück [S. 3, rechts, Mitte]
Istanbul, 21. März (Tel. des „Tag“). Heute trafen hier 23 griechische Matrosen mit 3 Schiffsoffizieren ein, um das von den türkischen Behörden während der griechischen Unruhen konfiszierte Schiff „Nautika“ zu übernehmen. Das Schiff gehörte dem Sohne Venizelos und führte den Rebellen Kriegsmaterial zu.
Ursprünglich hatte man angenommen, daß der Dampfer auf Grund eines gerichtlichen Beschlusses den griechischen Behörden ausgeliedert werden wird.

(x)
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gemeint sind die in vorherigen „Tag“-Ausgaben erwähnten "Unruhen" in Griechenland.
http://de.wikipedia.org/wiki/Eleftherios_Venizelos
Klaus Binder
 
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Nr. 889, Sonntag, 24.03.35

Postby Klaus Binder on 19. April 2013, 23:52

Seite 2

Die Novelle des Tages
Nationaltheater [S. 2, oben, links]
Ein Telegramm aus Bucuresti hat gemeldet, daß das Nationaltheater in Cernauti aufgelöst wurde.

Was nun?
Man vertröstet damit, daß künftighin Gastspiel-Tournees den Cernautiern dramatische Kunst vermitteln werden. Man wird also Theater nur mehr in Raten genießen dürfen. Der einzige Trost ist, daß man die Schauspieler, die anderen Bühnen zugeteilt werden, versorgen wird. Aber der Verlust des Theaters wird doch, vor allem von der Jugend, auch der Minoritätenjugend, schmerzlich empfunden werden. Man muß auch anerkennen, daß Theater, wenn auch nicht besonders häufig, interessante Premieren geboten hat, - jedenfalls: wenn von Cernauti als Kulturstadt die Rede war, konnte man stets auf den Bestand des Nationaltheaters hinweisen.

Nun da das Nationaltheater aufgelöst ist, wirft sich die Frage auf: Was nun? Es wurde der Vorschlag zur Sprache gebracht, die Stadtgemeinde möge die Führung des Theaters übernehmen. Da wäre man also glücklich zuhause, und man frägt sich, ob es wirklich nötig war, einen Umweg von fünfzehn Jahren zu machen, um endlich zur Erkenntnis zu gelangen, daß besser gewesen wäre, wenn das Nationaltheater stets Stadttheater geblieben wäre.

Der „Curentul“ spöttelt ein wenig über das Nationaltheater, da es angeblich nicht genug Nationaltheater gewesen sei. Diese Stadt, deren große Kultur- und Theatertradition er anerkennt, wurde mit Direktoren bespeist, die mehr Professoren als Theaterdirektoren waren. Was versteht aber schließlich ein Universitätsprofessor von Theaterführung? Man hat seinerzeit eine Uebergangszeit von 15 Jahren beantragt, wobei das Schauspielerensemble mit dem gesamten Programm erhalten bleiben sollte; das große Theaterbudget sollte jedoch der Oper zugutekommen, die das Interesse des gesamten Publikums gefunden hätte, was sich auch wirtschaftlich ausgewirkt hätte. Aber wo war die Sachlichkeit? An ihrer Stelle sprach nur das aufgepeitschte nationale Gefühl sowie die Jagd nach Stellen das Wort.

Vorbei ist der Rausch! Jetzt heißt es nur an Rettung denken! Wenn endlich einmal die Sachlichkeit über das nationale Moment den Sieg erringen könnte und wenn die Stadtverwaltung sich fähig fühlt, Wirtschaft, Kultur und Nationalismus miteinander zu vereinen, dann soll sie getrost die Initiative ergreifen, um mit Minister Lapadatu ein Kompromis zu schließen, die Leitung des Theaters auf kommerzialisierter Grundlage zu übernehmen, also nicht als ein Aushängeschild für Nationalismus, sondern als ein Institut das mit Hilfe der einzigen unter allen Methoden, der Kunst zu bieten, Einnahmen zu erzielen und das Interesse aller zu gewinnen, seine Existenzberechtigung beweist.

Was nun? Die Antwort ist gegeben. Herr Primar, schaffen Sie der Stadt ein Theater!
- i --

(350324c2)


Oberlandesgerichtrat Jasilkowski gestorben [S. 2, rechts, Mitte]
Freitag, den 22. März, ist hier nach kurzem, schweren Leiden OLGR. Siegmund Jasilkowski im Alter von 63 Jahren verschieden. Der Dahingegangene war Jahrzehnte hindurch beim hiesigen Gerichte tätig und erfreute sich wegen seiner besonderen Güte und Liebenswürdigkeit im Verkehre mit seinen Kollegen, Advokaten und Parteien größter Verehrung. Jahrelang versah er das Amt eines Konkurs- und Ausgleichsrichters, gerade in einer Zeit, da die Krise Handel und Industrie erfaßte. Der Verstorbene fand immer Verständnis für die Härten der Zeit und vergaß niemals sein Menschentum zur Geltung zu bringen, trotz starrer gesetzlicher Bestimmungen. Die Kaufmannschaft brachte ihm deswegen stets höchste Verehrung entgegen und man bedauerte allgemein, als er vor zwei Jahren, infolge Erreichung der Altersgrenze, in Pension ging. Seine Gutmütigkeit war sprichwörtlich und man betrauert allgemein das Hinscheiden dieses braven, ehrlichen und feinsinnigen Menschen. Das Leichenbegängnis findet am Sonntag, den 24. März statt.

(350324t2)


Seite 3

Bettelnde Geige [S. 3, Mitte, oben]
von Alfred Kittner

Heiß grab‘ ich den Kopf in das Kissen
und lausch‘, wie die Geige weint
von ewigem Wandernmüssen.
Oh Geige, wie sind wir vereint!

Der kalte Morgen klagt düster
und sonnenlos in das Haus.
Ach Geige, wie sind wir Geschwister
und wandern jahrein und jahraus.

Geige, dein zuckender Jammer,
von frierendem Bogen gestöhnt,
hat meine kahle Kammer
ob ihrer vier Wände verhöhnt.

Hinaus auf die kalten Straßen!
Die Welt ist unser Zuhaus.
Bald wird dein Lied verblassen,
dann werf‘ ich verloren, verlassen,
den letzten Groschen in den Hof hinaus.

(350324i3)


Auszeichnung [S. 3, rechts, unten]
Mit königlichem Dekret vom 12. März 1935 wurde Herrn Franz Zielinski, Generalsekretär des „Scutul Muncii“, der Orden „Meritul comercial si Industrial“ verliehen. Es ist bereits die zweite Auszeichnung im Laufe von zwei Monaten.

(350324i3a)


Seite 4

Feuilleton
Das Album [S. 3, unten, links; S. 4, unten, links]
Am 12. März waren 10 Jahre seit dem Tode des bekannten russischen Humoristen Arkadij T. Awerischenko verstrichen, der 42-jährig in Prag, wo er als Emigrant gelebt hatte, nach einer Operation verstarb. Wir veröffentlichen im folgenden eine bezeichnende Humoreske des Autors.

Ich bin ein schüchterner junger Mann. Wenn ich einen Besuch machen muß, stehe ich Höllenqualen aus; wenn ich mir auch stundenlang vorher den Kopf zerbreche und memoriere, was ich mit den Leuten sprechen könnte, fällt mir im gegebenen Moment nicht das mindeste ein und ich begehe aus lauter Verlegenheit einen Unsinn nach dem andern. Haben die Leute, die mich einladen, ein Album – am liebsten ist mir ein altes Familienalbum – atme ich erleichtert auf und die Situation ist gerettet. Man betrachtet dies, man betrachtet das, fragt, wer die Einzelnen sind, und ehe man sich versieht, sind die Klippen des „bon ton“ umschifft und man schwimmt und plätschert vergnügt in der dahinströmenden Konversation.

So ein Album ist ein wahrer Schatz – nicht mit viel Geld aufzuwiegen! Darum war auch, als mir nach langem vergeblichen Warten von der Kommission für planmäßige Raumaufteilung ein Zimmer zugewiesen wurde, mein erster Gedanke: Du mußt dir ein Album anlegen! Dabei stellten sich aber allerhand Schwierigkeiten ein. Woher sollte denn ein Findelkind, wie ich eines war, zu Familienbildern kommen?! Je mehr Besucher indes meine neue Behausung bewundern kamen, desto brennender wurde die Frage dieses Requisits. Schüchtern wie ich war, standen mir die Haare zu Berg, wenn ich tagsüber daran dachte, was ich abends mit dem besuchstollen Gesindel reden könnte, das nicht einmal ausblieb, wenn es Schusterbuben regnete. Es war klar, ich konnte ohne ein Album nicht auskommen.

Ich durchstöberte Koffer, Kasten und Schreibtisch, aber die Ausbeute war recht gering und meinem Zweck wenig dienlich. Drei Photographien hatte ich gefunden: „Alissa, neun Pud achtzehn Pfund schwer, das dickste Mädchen der Welt“, „Ansicht des Hafens von Wladiwostok“ und „Semjon, der berühmte Messerschlucker“. Also wahrlich keine Objekte, die den Ehrenplatz im traditionellen Plüschalbum mit Goldschnitt und Metallschließe, das ich von dort und da in dankbarer Erinnerung hatte, einnehmen konnten ... ärgerlich zerriß ich „Alissas“ Konterfei in kleine Stücke und schon hätte Semjon, den Messerschlucker, das gleiche Schicksal ereilt, wäre mir nicht die rettende Idee gekommen: Alles kriegt man heutzutage zu kaufen, warum nicht auch ein Album, komplett eingerichtet, fix und fertig?!

In aller Eile legte ich mir einen Plan zurecht, wie ich systematisch in einem Bezirk nach dem andern auf die Suche gehen wollte, um eines aufzutreiben. Frisch gewagt ist halb gewonnen, sagte ich mir und stapfte alsbald darauf los. Ich hatte Glück. Nach zwei Tagen eifrigen Suchens entdeckte ich im Laden eines Altwarenhändlers auf der Sucharjowska hinter einem verstaubten Schaufenster gerade das, was ich brauchte: ein dickes Album, wenn auch nicht im traditionellen Plüsch, aber mit Metallecken und einem Inhalt von nahezu zweihundert Photographien. Ich erstand den stattlichen Folianten nach kurzem Handel und schleppte ihn nach Hause. Mit diesem Rüstzeug mußte ich keinen Besuch mehr fürchten, dachte ich erleichtert, als ich meinen Schatz auspackte. Ich versperrte die Tür schob zu allem Überfluß noch den Riegel vor, ließ die Jalousien herunter und begann, was bisher noch keinem gelang ...: Ich suchte mir Vater und Mutter aus, und als diese Wahl nach einigem Überlegen perfekt war, noch rasch einen alten Onkel und drei stramme Brüder. Angesichts der drei vorhandenen Mädchenbildnisse habe ich lange geschwankt. Schließlich schenkte ich der rassigen Brünetten mein Herz und erkor sie zur Freundin. Daß es im ganzen Album nicht ein einziges Kinderbild gab, verdroß mich, denn ich war dadurch außerstande, „mich als Kind“ zu präsentieren.

Nachdem ich mich für meine engste Verwandtschaft entschieden hatte, indem ich dazu die Photographien der sympathisch aussehenden Leute wählte, beschloß ich, die übrigen, häßliche, ja zum Teil abstoßende, als mehr oder minder gute Freunde auszugeben, sobald das Album in Aktion treten würde.

Dies sollte nicht lange auf sich warten lassen. Am Abend kamen ein paar Leute zu Besuch, von denen ich nur einen flüchtig kannte und der gleich ein ganzes Gefolge mitbrachte. Was hätte ich um Himmels willen mit diesen faden, grobschlächtigen Gesellen angefangen, wäre ich nicht im Besitz meines prächtigen Albums gewesen? So fragte ich denn im Vollgefühl der gesellschaftlichen Sicherheit nur leichthin: Wollen Sie nicht einen Blick in mein Album werfen?!“

Das erwartete Resultat blieb nicht aus. Wie eine Meute stürzten sie sich auf den Lederfolianten und ich war der Sorge enthoben, wie ich in das peinliche Schweigen der Langweile eine Bresche schlagen und die Konversation in Fluß bringen sollte. Die Neugierde war geweckt und von allen Seiten stürmten Fragen auf mich ein, denen ich kaum standhalten konnte.

„Wer ist dieses schmächtige Frauchen?“

- „Das ist meine arme, gute Mutter; sie starb an einem Herzleiden. Die Erde möge ihr leicht sein!“ Die Leute blätterten schnell um. „Und dieser Riese?“
- „Mein Vater. Er liebt mich zärtlich und schreibt mir oft ... Dieser junge Mann gefällt Ihnen?! Das ist mein Bruder, ein ganzer Kerl ... ist in einer Sturmbrigade.“

Je sicherer ich wurde, desto skrupelloser log ich ins Blitzblaue. „Und dieses Mädchen war seine Braut. Dann lernte sie mich kennen und es war um sie geschehen. Sie verliebte sich in mich, aber da mein Herz schon einer andern gehörte – der Brünetten, die sie auf der andern Seite sehen werden – ging sie ins Wasser und ertrank.“ – Jeder wollte die brünette Auserwählte zuerst sehen. Einer zerrte dem anderen das Album weg und – was unvermeidlich war, geschah: Es entfiel den gierig darnach langenden Händen, und eine Menge Photographien lagen verstreut am Boden ... Als ich bemerkte, daß alle Bilder auf der Rückseite eine Inschrift trugen, erschrak ich unwillkürlich und hätte gerne selbst alle aufgehoben, bevor einer der Gäste sie in die Hände bekam. Aber leider gelang mir dies nicht: Schon bemühte sich Mischa Riadunow mit hartnäckigem Eifer zu buchstabieren, was auf einem Bild, das er vom Boden aufgehoben hatte, stand:

„Pelageja Kossych, geboren 1890 in Kiew, 1911 wegen Diebstahls ein Monat Gefängnis. 1912 arretiert wegen geheimer Prostitution“.

Ich, bestürzt und ehe ich mich sammeln konnte, um das „Mißverständnis“ zur Ehrenrettung der armen ertrunkenen Verliebten zu erfinden, enthüllte der erbarmungslose Blick eines Gastes die Vergangenheit meiner brünetten Freundin:

„Katjernia Arsenjwa, geb. 1882 in Moskau, berüchtigte Ladendiebin, 1899-1903 diverse Vorstrafen, 1905 mitbeteiligt bei Raubüberfall, 1 ½ Zwangsarbeit“.

Der Schweiß drang mir aus allen Poren! Um Himmels willen! Was sollte das heißen. Meine Gäste weideten sich reichlich an meiner Verlegenheit und kicherten und zwinkerten einander verständnisinnig zu. Den Kerlen, die sich beim Kommen benommen hatten, als könnten sie nicht bis zwei zählen, war die Zunge auf einmal gelöst, und sie überboten einander mit dreisten und zynischen Bemerkungen. ich konnte keine Worte finden, als aber Pjotre Karpow sich mit frechem Lachen anschickte, „Vater Riese“ zu untersuchen, ermannte ich mich, entriß dem Frechling das Bild, packte ihn beim Kragen und setzte ihn vor die Tür. Bevor ich mich wieder den andern zuwandte, las ich, was auf dem Bild „des Vaters“ stand:

„Iwan Dolbin, geboren 1862 in Odessa, 1881 kleine Diebstähle, 1882 Einbruch – ein Jahr Kerker, 1885 Mord an Jakow Petronski – 12 Jahre Kaiorga. 1890 Flucht. Besondere Merkmale: Hinkt am rechten Fuß, linker Zeigefinger verstümmelt, durch Verletzung bei Rauferei. Ist anzuhalten!“

Ich zerknüllte die Photographie und schleuderte sie hinter den Ofen. ich schäumte vor Wut. Als ich aber sah, wie meine Gäste die Köpfe zusammensteckten und ihre ganze Lesekunst aufboten, um meine Verwandtschaft nach der Bildbeschreibung auf der Rückseite kennenzulernen, dabei mit Schreckenrufen nur Einbrecher, Banknotenfälscher, Wüstlinge, Brandstifter, Spione, Raubmörder und dergl. agnoszierten, begriff ich, daß ich mir ein ausrangiertes Verbrecheralbum erhandelt hatte und begann unbändig zu lachen. Die Situation war wirklich urkomisch. Meine Gäste, die sich mein höllisches Gelächter nicht erklären konnten und in ihrer überhitzten Phantasie und Feigheit schon fürchteten, in die Räuberhöhle eines Schwerverbrechers gelockt worden zu sein, waren ohne weiteres bereit, mir alles Böse zuzutrauen. Sie schielten verstohlen nach ihren Winterröcken und trauten sich offenbar nur nicht, die Flucht zu ergreifen. Dieses feige Gelichter! Ihre Angst belustigte mich und ich hätte Lust gehabt, ihnen noch mehr Schrecken einzujagen. Aber es war mir lieber, diese Nichtstuer, die nur darauf aus sind, friedliebende Leute mit ihren Besuchen zu behelligen, so rasch wie möglich abziehen zu sehen. So sagte ich ihnen nur ironisch: „Ich glaube, Bürger, Ihr verzehrt Euch vor Angst und Sorge um Euren Kollegen, den ich soeben hinausbeförderte! Macht rasch, daß Ihr zu ihm kommt! Sonst sucht er am Ende allein das Weite! Aber das eine kann ich Euch versichern: dieses Album, das ich heute früh für zwei Rubel auf der Sucharjowska gekauft habe, um gegen Eure Langweiligkeit gewappnet zu sein, ist mir eine aufrichtigere Gesellschaft als Ihr alle miteinander“!

Und als die Luft rein und ich wieder allein war in meiner Behausung, ordnete ich in aller Beschaulichkeit mein zerpflücktes Album, das mir trotz allem noch so manches gute Mal aus der Verlegenheit helfen mußte.

(Aus dem Russischen von Makowskaja-Reich).

(350324i4 + 350324i5)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Arkadi_Tim ... ertschenko


Seite 7

Chefredakteur und Conferencier [S. 7, links, unten]
„Ich bin kein Witzeerzähler und kaue auch nicht fremdes Ideengut wieder“, erklärte Chefredakteur Arnold Schwarz im Interview, das er mir einige Tage vor seinem Conference-Abend gewährte. Auch wenn er das nicht besonders hervorgehoben hätte, niemand, der die im Wesentlichen ernste Grundhaltung seines Wesens und seiner Persönlichkeit, sei es aus seinem publizistischen Schaffen oder aus persönlichem Umgang kennt, hätte es geglaubt. Und so bot sein Conference-Abend, der allem leichten und faden Varietee-Ulk in weitem Bogen aus dem Wege ging, etwas völlig Neues, das sich mit dem bisher auf dem Gebiete der Conference Gebotenen nur schwer vergleichen läßt.

Schon die gefaßte Art, wie er das Podium betrat, wie er die ersten Sätze, jedes Wort mit der Schärfe und Präzision des verantwortungsbewußten Denkers, sprach, ließen erkennen, daß man es keineswegs bloß mit einem witzigen, nur auf die Lachmuskeln reagierenden Kabarettgeplauders zu tun haben werde. Da oben stand ein Mann, der scharfe giftige Pfeile schliff, um sie dann, stets, wenn man es am allerwenigsten erwartete, mit kühnem Elan unter seine Zuhörer zu schleudern. So müssen die Anekdoten, die er aus der Situation schöpfte, und die mit so viel Beifall aufgenommen wurden, begriffen werden, als wohlgezielte Pfeile, mit denen er gegen alle Schwächen und Tücken des Cernautiertums zu Felde zog, gegen die Trägheit des Geistes und der Seele, das „Mamaliganertum“, gegen die Welt des Scheins, die über die Wahrheit triumphiert, das „Kißtehand“, mit dem man glaubt Qualitäten der Persönlichkeit, die einem gänzlich abgehen, ersetzen zu können, gegen die Dummheit und Hohlheit, die Halbbildung und die Halbheit überhaupt, die Halbheit, mit der der Cernautier liebt und sich amüsiert, arbeitet und begeistert ist; all dem rückte er, ein Abraham a Santa Clara von Cernauti, der sein „Merks Cernauti!“ bald eifernd, bald wieder mit dem Humor des Ueberlegenen seinen Zuhörern predigt, hart zu Leibe, um die Cernautier mores zu lehren, indem er sie ihnen in ihrer Unnatürlichkeit vor Augen führt. Dabei müssen diese Lebens-Satiren, die vom Pipik zum Beispiel, und nicht minder die vom kleinen Judenjungen, der die Verwandlung zum Japaner einer Artistentruppe durchmacht, als wahre Kabinettstücke ihrer Art bezeichnet werden.

Aber nicht nur die Schwächen des Cernautiers deckte der Conferencier auf, er wies auch auf den guten wertvollen Kern, der hinter dieser harten Schale der Dumpfheit und Lächerlichkeit verborgen schlummert, und zeigte an Hand einiger mit größtem Interesse aufgenommenen Fälle, die er in seiner ursprünglichen Art zum Besten gab, wie weit es der Cernautier zu bringen vermag, wenn es das Schicksal gut mit ihm meint und ihm die Möglichkeit gibt, aus seiner Schale zu springen.

Der Wunsch eines aus dem Auditorium, der Conferencier möge über die Holzfigur des bettelnden Hundes in der strada Iancu Flondor sprechen, bot ihm Gelegenheit, wieder Edelgut aus seiner reich bewegten Vergangenheit an das Tageslicht zu fördern. Er sprach in spannender Weise über die „Jaques London-Bewegung“ gegen die er als einer der eifrigsten Kämpfer für die psychologische Behandlung des Tieres zu Dressurzwecken zu Felde zog.

Das vom Publikum zugeworfene Thema „Liane Haid und Felix Bressart in Cernauti“ (Der Zuhörer spricht mit, hatte der Conferencier angekündigt – und er hielt, was er versprach) gab ihm Gelegenheit, den Cernautiern ein interessantes Kolleg über die siegessichere groteske Kunst des drastischen Komikers gegenüber der zarten Schauspielart des Humoristen zu halten.

Und schließlich – ein delikates Thema – die Kultusgemeindewahlen! Die geistreiche und wahrhaft virtuose Art, mit der er die vielen Gefahrklippen umschiffte und es dabei doch nicht an Schärfe und Satire fehlen ließ, riefen allgemeine Bewunderung hervor. Und wie deutlich traten die Führer der Cernautier jüdischen Gemeinde mit allen ihren charakteristischen Eigenschaften hervor. Der Beifall war überaus herzlich und anhaltend. Chefredakteur Schwarz hat durch diesen Abend neuerlich bewiesen, daß das Feld seiner Begabung nicht auf das Gebiet der Publizistik allein beschränkt ist, sondern daß er auch das gesprochene Wort in ebenso origineller und virtuoser Form meistert.
K.

(350324i7)


Cernautier Nationaltheater im Lichte der Bucurestier Presse [S. 7, oben, rechts]
Im „Curentul“ befaßt sich Pamfil Seicaru unter dem Titel „Eine richtige Maßnahme“ mit der Auflassung der drei Nationaltheater des Landes Chisinau, Cernauti und Craiova, wobei Cernauti angesichts der bekannten Einstellung des Autors zu den angeschlossenen Gebieten, noch ziemlich glimpflich abläuft. Wir geben einige Stellen des Artikels wieder.

Seicaru schreibt u. a.: „Wir wissen nicht, ob nur budgetäre Rücksichten bei Auflassung dieser Theater ausschlaggebend waren. Außer den finanziellen Rücksichten wurde auch das kulturelle Prestige, das bei diesen Theatern herabgewürdigt wurde, in Betracht gezogen. Man darf nicht vergessen, daß die Kinos heute zum großen Teil die Theater ersetzen. Die große Aufmachung der Kinoaufführungen leistet auch dem verwöhntesten Geschmack Genüge. Uebrigens haben überall die Theater einen schweren Kampf mit den Kinos auszufechten, um ihre Existenz sicherzustellen. Die Theater Chisinau, Cernauti und Craiova gaben das Muster ab, wie ein Theater nicht sein soll“.

Hören wir nun was Seicaru über das Nationaltheater von Cernauti sagt:

„In Cernauti gibt es eine Theatertradition. Vor dem Kriege wirkten dortselbst sogar Schauspieler des Wiener Burgtheaters. Ihre Leistungen standen auf künstlerischer Höhe, während wir Rumänen nur improvisierten. Wir haben Theaterdirektoren aus dem Boden gestampft und ein Asyl für Schauspieler oder sogenannte Schauspieler geschaffen, mit dem einzigen kulturellen Zweck: die Minderheiten von den Möglichkeiten der rumänischen dramatischen Kunst zu überzeugen.“

Was war aber in Chisinau? Der Kultusminister gab sich alle erdenkliche Mühe, eine Budgetsumme für dieses Theater einzustellen, nur damit das Prestige der rumänischen Kultur herabgewürdigt wird. In Craiova gab es ein Theater mit einer ruhmreichen Vergangenheit. Seit aber eine Caféhausfigur als Direktor (gemeint ist Hertz) auf den Plan getreten ist, wurden die Schauspieler provoziert und der Ruf dieses Theaters in den Kot gezerrt. Von Kunst ist überhaupt keine Rede.

Dieser Situation mußte ein Ende gesetzt werden und nach einigen Jahren wird alles radikal geändert. die Gastspieltournees, die nun in diesen Städten stattfinden werden, werden gewiß keine Enttäuschungen hinterlassen.

Zum Schluß heißt es im Artikel:
„Nach der Auffassung der unnützen Theater werden sich die kompetenten Faktoren auch mit der Opportunität der Beibehaltung einiger Universitäten des Landes in ihrer gegenwärtigen Form befassen müssen.“

(350324r7)


Seite 8

Leitartikel
Ist Deutschlands Aufrüstung legal? [S. 8, links, Mitte]
Rechtliche und historische Betrachtung

IV.
In Deutschland durfte es keine Fabriken geben, die unerlaubtes Kriegsmaterial erzeugen konnten; auch das zugelassene Material durfte nur in einigen Fabriken und in gewissen Mengen erzeugt werden.

Die Kontrolle in dieser Hinsicht ist sehr schwierig, denn man kann zwar feststellen, daß in dieser oder jener Fabrik zu einer bestimmten Zeit keine verbotenen Waffen erzeugt werden, aber nicht, daß in derartigen Fabriken in einigen Monaten nicht Kanonen und Tanks und in chemischen Werken Kriegsgase produziert werden; wenn eine ständige und großangelegte Kontrolle nicht mehr möglich ist, dann muß man sich mehr oder weniger auf den guten Willen des Vertragspartners verlassen.

Man konnte Deutschland nicht verbieten, überhaupt eine Industrie zu haben, und man mußte deshalb gewärtig sein, daß diese Industrie zur Erzeugung von Waffen verwendet werde. Zuerst geschah das in kleinem Maße und fast versteckt (was immerhin noch ein gutes Zeichen ist, denn es verrät ein verbliebenes Gefühl von Scham und ein schlechtes Gewissen), dann wurden Kriegsindustrien in fremden Ländern gegründet, wie in der Schweiz, in Schweden und in Holland, und zuletzt wird ganz offen die Kriegsproduktion in Deutschland fortgesetzt.

Ist die Erzeugung von Kriegsmaterialien schon längst kein Geheimnis mehr, dann bleibt noch die Frage, welche Erzeugungskapazität diese Industrie hat. Die Kapazität der deutschen Industrie ist überaus groß.

Nicht nur die Kriegsindustrie, sondern überhaupt die ganze deutsche Industrie ist in den letzten zehn Jahren ungeheuer in die Höhe geschossen. Deutschland hat die modernsten und kostspieligsten Industrieanlagen der ganzen Welt, und zwar nicht nur im Inland sondern auch im Ausland. Sogar zu Zeiten der besten Konjunktur hat die deutsche Industrie nur mit 80 Prozent ihrer Kapazität gearbeitet; die Leistungsmöglichkeit der chemischen Industrie ist bekannt.

Nun kann sich aber einer mit Recht fragen, woher Deutschland die Mittel hergenommen habe, eine derartige Riesenindustrie auf die Beine zu stellen.

Die Mittel, oder vielmehr Mittel zum Zweck, - das waren die Reparationen.

Wer glaubt nicht recht gehört zu haben, der möge in diesem Zusammenhang erfahren, daß die deutsche Aufrüstung nur eine Episode aus der Geschichte der Reparationen bildet.

Die Geschichte der Reparationen ist zugleich die Geschichte der größten Hochstapelei, die sich je ein Staat geleistet hat. Als im Jahre 1924 die deutsche Mark völlig zusammengebrochen war, wußte man nicht ganz genau, ob die Reparationszahlungen an ihrem Zusammenbruch schuld waren, aber man wußte hingegen, daß sich die Schwerindustrie mit einem Schlag von ihrer ganzen Schuldlast befreit hatte und außerdem die Arbeiter für fast nichts arbeiten ließ, sie täglich um ihren Lohn mit der ständig fallenden Mark betrog, hingegen aber vom Auslande vollwertige Devisen einkassierte; auf alle Fälle hatten sich gewisse Kreise in Deutschland um diese Zeit nicht zu beklagen.

Nach diesem Bankrott bemühte sich die ganze Welt, Deutschland wieder auf die Beine zu helfen. 1924 wurde der Mark aufgeholfen und die deutsche Wirtschaft und Finanz in Ordnung gebracht.

Ohne Zweifel waren die Reparationen zu hoch angesetzt gewesen, aber daran hatten sonderbarerweise verhältnismäßig weniger Deutschland als andere Staaten zu leiden.

Da Deutschland angeblich außerstande war, seine Zahlungen pünktlich einzuhalten, wurden ihm große Summen vorgeschossen, teils aus staatlicher und teils aus privater Quelle, um vor allem die Zahlungen zu ermöglichen und die Wirtschaft anzukurbeln. Deutschland hat in dieser Zeit mehr Geld erhalten, als es an Reparationen an das Ausland gezahlt hat. Nur ein Teil ward zu Reparationszahlungen verwendet worden, während der andere Teil in die Wirtschaft hineingesteckt wurde; aber auch der Teil, der in Deutschland verwendet wurde, diente nicht dazu, die Wirtschaft flott zu machen, sondern das Geld wurde in übergroßem Maße in Neugründungen, Industrien und Riesenbauanlagen, immobilisiert. Nicht ohne Absicht wurde das Geld in Fabriken, Kunstbauten, Brücken ec. hineingesteckt, denn diese Güter konnte Deutschland kein Mensch mehr wegnehmen, und die Gläubiger sollten schauen, wie sie zu ihrem Gelde kämen. Diese Verwendung des Geldes war zumindest eine unreelle Handlung, da die Darlehen größtenteils kurzfristig waren und schon aus diesem Grund nicht in Immobilien angelegt werden durften.

Aber nicht genug damit. Die deutschen Politiker strebten danach, daß für die gigantische Industrie, die eben erst errichtet war oder noch errichtet wurde, auch Absatzmöglichkeiten im Auslande geschaffen werden, denn, so behaupteten sie, wie solle Deutschland seine Reparationen bezahlen, wenn ihm nicht durch einen großen Exportüberschuß die Möglichkeit geboten werde, sich die Zahlungsmittel für die Reparationen zu erwerben? Durch eine Reihe günstiger Handelsverträge wurde Deutschland auch diese Konzession gewährt.

Die Folge war: daß Deutschland die hohen Reparationen nach dem Dawesplan nicht zahlte, daß es die verminderten Reparationen nach dem Youngplan nicht zahlte, sich nun weigert, das Minimum, das durch das Lausanneabkommen festgesetzt wurde, zu zahlen, daß es weder die Gelder zurückzahlt, die ihm für seine Reparationszahlungen vorgestreckt wurden, noch daß es die privaten Schulden zahlt, durch die es seiner Industrie aufgeholfen hat, daß es die ganze Welt mit seinen Waren überschwemmt hat, wodurch ihm große Benefizien erwuchsen, daß es im Inlande durch die zu große Industrialisierung Millionen von Arbeitern arbeitslos machte, daß es durch seinen Kreditmißbrauch und seine wahnsinnige Ueberkapitalisierung die größte Krise heraufbeschwor, die die Geschichte je gekannt hat, und heute die ganze Welt für sein Unglück verantwortlich macht.

Gleichzeitig hat es sich aber durch die gutgläubige Welt dazu verhelfen lassen, eine Industrie herzurichten, die, wenn sie einmal voll beschäftigt wird, in unglaublichen Mengen und in unglaublich kurzer Zeit das furchtbarste Kriegsmaterial erzeugen kann, mit dem je ein Krieg ausgefochten wurde.
Dr. Alphonse Schwarz

(350324w8)
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Nr. 890, Dienstag, 26.03.35

Postby Klaus Binder on 20. April 2013, 22:01

Seite 1

Leitartikel
Ist Deutschlands Aufrüstung legal? [S. 1, oben, rechts]
Rechtliche und historische Betrachtung

V.
Immer mehr verdrängt die Maschine den Menschen und auch im Kriege wird die Maschine die entscheidende Rolle in der Schlacht spielen; nur muß der Mensch die Maschine bedienen und das Soldatenhandwerk wird weniger "romantisch" sein, insofern man es bis jetzt romantisch finden konnte. Es wird vielleicht manchen alten Soldaten etwas unwürdig klingen, wenn wir die moderne Armee als das Bedienungspersonal der Kriegsmaschinen nennen, aber dadurch wird sich für die Zukunft wenig daran ändern lassen.

Man kann zweierlei an der Tätigkeit unterscheiden, die für die Bedienung, besonders der Kriegsmaschinen, charakteristisch ist: vor allem gilt es, die Maschine verderbenbringend und zerstörend wirken lassen zu können, aber sie muß auch vorher in die gewünschte Position gebracht werden. Es ist schwierig zu sagen, welche von den beiden Aufgaben leichter zu erfüllen ist; im letzten Kriege konnte man erfahren, daß es viel mehr Opfer erforderte, ein leichtes Geschütz oder ein Maschinengewehr in Schußstellung zu bringen als es, einmal in der gewünschten Lage, zu gebrauchen. Beim Angriff ist auch das Material viel wichtiger als das Menschenleben, für einen gefallenen Soldaten muß sofort sein Kamerad einspringen, um das kostbare Gut zu retten und vorwärtszubringen, denn ohne das Material hat das größte Heldentum keinen Zweck mehr.

Die eingangs erwähnten Worte haben den Zweck, um einmal zu zeigen, daß es im Kriegsfalle von höchster Wichtigkeit ist, ein durchschnittlich und zahlreiches gutes, mit dem Gebrauch des Kriegsmateriales vertrautes Heer zu haben, und zweitens, daß der Gebrauch der Maschine an den Menschen physisch nicht geringere, sondern weit größere Anforderungen stellt als bisher. Kurz gesagt: zu einem guten Material gehört eine gute Armee.

Wie wird aber das Kriegsheer, das heißt nicht mehr und nicht weniger als die ganze Bevölkerung eines Landes, mit dem Gebrauch des ziemlich komplizierten Kriegsmateriales vertraut gemacht? Man kann sagen, daß es sich hier um ein noch für die meisten Staaten ungelöstes Problem handelt.

Die idealste Lösung wäre natürlich ein Berufsheer, doch handelt es sich in diesem Fall um einen Militärtyp, der in den meisten Ländern nicht gebräuchlich ist und auch dem modernen Zeitgeist, nach dem die Landesverteidigung die Angelegenheit der ganzen Nation sein muß, nicht entspricht.

Wie schaut die militärische Ausbildung zum Beispiel in einem Staate mit normaler einjähriger Dienstzeit, etwa in Frankreich, aus? In Frankreich wird dem Rekruten vor allem das Strammstehen, Marschieren, Benehmen ec. sozusagen das ABC. des Soldaten beigebracht und nur in den zweiten sechs Monaten können an ihn kompliziertere Aufgaben gestellt werden; man kann ihn auch erst in der zweiten Hälfte seiner Dienstzeit zu dem wehrfähigen und eigentlichen Effektivbestand der Armee rechnen. Unnötig zu erwähnen, daß man in den zweiten sechs Monaten auch nicht gerade Wunder aus ihm herausholen kann.

Und nun zur Frage, die uns am meisten interessiert: wie hat man sich in Deutschland dieser Aufgabe entledigt?

Das dritte Reich verfügte bis zur Einführung des obligatorischen Militärdienstes über 350.000-400.000 Mann aus dem Berufsheer, das für die nächsten zwanzig Jahre noch vollständig wehrfähig sein wird. Der obligatorische Militärdienst wurde bis jetzt durch Einrichtung der vormilitärischen Formationen wie Stahlhelm, SA und SS Truppen, sowie Arbeitsdienst ec. umgangen. Nach seiner offiziellen Einführung wird sich die militärische Ausbildung der deutschen Bevölkerung nur scheinbar mit der Ausbildung in den anderen Ländern vergleichen lassen.

Die militärische Erziehung beginnt in Deutschland schon in der frühesten Jugend, allgemein mit 8 Jahren; natürlich handelt es sich nur um eine Art Vorbildung. Diese Vorbildung besteht vor allem im Marschieren, Kampieren, Erd- und Geländeübungen, ja sogar mit dem Umgang des Gewehres, des Maschinengewehres und des Handgranatenwerfens wird die deutsche Jugend vertraut gemacht, bevor sie ins militärpflichtige Alter kommt, so daß der junge Mann bei Antritt seines Militärdienstes sofort mit "nützlicheren" Dingen beschäftigt werden kann und die Offiziere, Unteroffiziere und mehr oder weniger sympathische Feldwebel nicht ihre Zeit und Nerven damit verbringen müssen, dem jungen Rekruten die primitivste Seite des Soldatenhandwerks beizubringen; der Militärdienst ist auf diese Weise in Deutschland kein in sich abgeschlossenes Studium, sondern eine Art Hochschulstudium des Tötens und Zerstörens. Ein weiterer Vorteil dieser militärischen Ausbildung ist, daß der Soldat in Deutschland von der frühesten Jugend an strapazfähig gemacht wird, während man sich in anderen Ländern damit begnügen muß, einige Eliteregimenter durch eine Auswahl der stärksten Jünglinge aufzustellen. Die Länge des Militärdienstes in Deutschland ist noch nicht bekannt, aber sogar bei nur einjähriger Dienstzeit hat Deutschland ein Jahreskontingent von 400.000 Mann, das es ruhig mit der besten Armee der Welt aufnehmen kann. Rechnet man zu diesen 400.000 Mann ständigen Truppen noch die 400.000 Mann Berufssoldaten und die militärisch ausgebildete Jugend, durch die es möglich wird, nur wenig Soldaten für den jeweiligen Hilfsdienst abzuziehen, dann kann man sich über die "Friedensstärke" des deutschen Heeres einen ungefähren Begriff machen.

Und diese Ziffern datieren nicht erst von gestern.
Dr. Alphonse Schwarz

(350326w1)

Seite 2

Auszeichnung [S. 2, links, unten]
Der hier allseits bekannte und geachtete Kaufmann Nathan Feller wurde mittels Dekrets des Handelsministeriums mit dem Orden "Meritul comercial" zweiter Klasse ausgezeichnet.

Major Sidorovici zum Adjutanten des Königs ernannt. Aus Bucuresti kommt die Nachricht, daß König Carol II den Major Teofil Sidorovici zum Personaladjutanten ernannt hat. Die Ernennung hat in der ganzen Bucovina große Genugtuung ausgelöst.

(350326i2)


Todesfälle [S. 2, rechts, Mitte]
Am Freitag starb nach langem schweren Leiden Frau Eugenia Vitencu, geb. Coribut, im 63. Lebensjahre. Die Verstorbene war die Gattin des Direktors des hierortigen orth. Lyzeums und erfreute sich wegen ihrer besonderen menschlichen Eigenschaften und ihrer Herzensbildung nicht nur in den Kreisen der rumänischen Gesellschaft höchster Wertschätzung. Das Leichenbegängnis hat gestern, Sonntag nachmittags, unter überaus zahlreicher Beteiligung stattgefunden.

In Wien ist am 21. Frau Katharina Netolitzky, die Gattin des hiesigen Universitätsprofessors Dr. Fritz Netolitzky, an den Folgen einer Operation gestorben.

In Storozynetz ist Frau Pauline Kopelmann, geb. Epstein, eine Schwester der ihr vor zehn Jahren im Tode vorangegangenen Frau Sophie Orenstein, im Alter von 79 Jahren gestorben.

(350326t2)


Seite 4

Die Wahlen in die Kultusgemeinde
Massenversammlung der Partei Dr. Menczer [S. 4, oben, links]
Programm (aus den Ausführungen der Redner): Reine und gesunde Wirtschaft

Sonntag 4 Uhr nachmittags fand im Jüdischen Hause die vom Kultusgerenten Dr. Menczer einberufene Wählerversammlung statt, die massenhaft besucht war. Der Saal des Jüdischen Hauses war von Besuchern derart überfüllt, daß auch die Logen zum Besuch geöffnet werden mußten. Bis auf einige Zwischenrufe verlief die Versammlung ruhig.

Den Vorsitz führten Regierungsrat Dr. Enis und namens der Orthodoxen die Herren Chaim Rosenzweig und Gabriel Sokal.

Der Gerent der Kultusgemeinde Dr. Menczer, wurde bei seinem Erscheinen von stürmischem Beifall begrüßt.

Als erster sprach Kultusvorsteher Dr. Lang und sagte u. a.: Würden wir an unseren Mandaten kleben dann hätten wir keine Wahlen ausgeschrieben. Wir wollen nur das Werk, die Sanierung der zerrütteten Gemeinde fortsetzen. Wir wollen das verbessern, was andere schlecht gemacht haben, was uns zum Teile in unserer fünfzehn monatlichen Wirkung gelungen ist. Wir wollen nun sehen, ob das Volk mit uns zufrieden ist, und ob es unsere Leistungen anerkennt. Manche von uns haben im Interesse der jüdischen Gemeinde Zeit und Geld geopfert, während die frühere Leitung egoistische Zwecke verfolgt hat. Die Liste der Einheitspartei ist eine Präsidentenliste. Dr. Ebner ist Präsident der zionistischen Organisation, Klüger Präsident des Joints und Pines, Präsident der Bessarabier. Diesen Herren, die nur Ehrenstellen suchen, kann man die Verwaltung der Gemeinde nicht anvertrauen. Wir haben bis heute und das geben sogar unsere Gegner zu, - den Augiasstall, den uns die verflossene Leitung zurückgelassen hat, zum Teile gereinigt und wollen in selbstloser Weise unsere Arbeit fortsetzen. Mit Phrasen und Demagogie kann man die Gemeinde nicht sanieren. Der Vorwurf, daß wir 11.000 Wählern das Wahlrecht genommen haben, ist nicht berechtigt, da wir ja bloß einen Leu wöchentlich für jedes Mitglied der jüdischen Gemeinde forderten und ein so kleines Opfer müßte jeder bringen können. Dr. Ebner trägt insofern Schuld an dem Niedergange der Gemeinde, daß er sie nach seinem Abgange, um Straucher eins zu versetzen dem Dr. Gutherz ausgeliefert hatte, jenem Dr. Gutherz, den er jetzt vor den Wahlen bekämpft.

Forderung: Sachliche und wirtschaftliche Arbeit
Vizepräsident Dr. Deutsch gibt als Vertreter der U. E. R. die Erklärung ab, daß seine Partei mit Dr. Menczer ein Wahlbündnis geschlossen habe, wonach vier Herren in die Kandidatenliste aufgenommen wurden. Die Vertreter der U. E. R. in der Gerentschaft haben uneigennützig und aufopferungsvoll für die Sanierung der Gemeinde gearbeitet und wollen es auch weiter tun. (Beifall.) Wir haben es unterlassen, eine eigene politische Liste aufzustellen, da wir die Politik von der jüdischen Gemeinde fernhalten wollen. Redner möchte auch einige Streiflichter auf die anderen Listen werfen. Es berührt eigentümlich, sagt er, daß die jüdische Reichspartei gerade in Cernauti eine jüdische Liste aufstelle, das heißt im vorhinein Politik in die jüdische Gemeinde hineintragen und das steht im Widerspruch zum Programm des Dr. Ebner, denn er sagt selber, die jüdische Gemeinde dürfe sich nicht politisch betätigen. Dieses Streben der Reichspartei nach Ehrenstellen führt zum Verfall der jüdischen Gemeinde. Die verschiedenen Gruppen führen nur zur Zersplitterung. Die Liste Rosner der Orthodoxen ist ein Konglomerat von 4 bis 5 verschiedenen Parteien, die gleich nach der Wahl auseinanderfallen müßten. Nur kompakte Gruppen, Bürger, denen das Wohl der Gemeinde am Herzen gelegen ist, die die Liste Unabhängigkeit und Aufopferung bewiesen, haben das Recht, in die jüdische Gemeinde einzuziehen. Wir wollen Männer haben, die rein sachliche und wirtschaftliche Kritik leisten, die den Wiederaufbau der Gemeinde sichern soll.

Man sagt, die Liste Nr. 1 mit Dr. Menczer an der Spitze sei eine Regierungsliste. Das stimmt nicht. Dr. Menczer gehört nicht der liberalen Partei an. Und wir alle auf der Liste gehören verschiedenen Lagern und Berufen an. Unsere Liste setzt sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammen. Wir stellen keine utopistischen Programme auf. Unser Programm ist Sanierung und Aufrichtung der jüdischen Gemeinde.

Noch nie hat sich unsere Gemeinde in einem solchen Zustande der Zerstörung und Zerrüttung befunden wie jetzt. Wir haben 9 Millionen Lei Schulden an die Beamten vorgefunden, 5 Millionen Lei an den Staat und viele Millionen an die Lieferanten etc. Am ersten Tage haben wir einen Zwangsverwalter vorgefunden, der uns 4000 bis 5000 Lei täglich kostete. Was wir in unserer 15-monatigen Wirksamkeit geleistet haben, muß uns zur besonderen Ehre gereichen.

Trotz unserer Not und Schulden haben wir an die soziale Fürsorge nicht vergessen. 35 Waggons Holz haben wir im Winter verteilt. Der Talmud Thora haben wir eine Subvention von 5-6000 Lei monatlich gewährt.

Wir haben der Beamtenschaft bezahlt, die früher ohne Bezüge war. Daß wir ehrlich gewirtschaftet haben, hat sogar Dr. Ebner in einer Versammlung zugegeben.

Ich frage nun, soll man die Gemeinde wieder den vorigen Bankrotteuren übergeben? Die jüdische Gemeinde von Cernauti hat nun das Wort. (Lebhafter Beifall).

Namens der jüdischen Gewerbetreibenden erklärt Kultusrat Elias Grill, daß er selbst sich von der ehrlichen Wirtschaft der gegenwärtigen Gerentschaft überzeugen konnte und daß in diesem Jahre Millionen Subventionen verteilt wurden.

Advokat Dr. Schnapp betont, daß die Gerentschaft Dr. Menczer vor 15 Monaten die Gemeinde vollkommen ruiniert angetroffen habe. Durch tägliche Schwerarbeit wurde der Zusammenbruch verhindert. Unser Programm sind unsere bisherigen Leistungen und Taten, das gewonnene Vertrauen und die Kreditfähigkeit. Die Wahlreform sei lediglich ein Provisorium, geboren aus der Not der Zeit.

Die Liste Dr. Menczer: Die Liste der Wirtschaftler
Vizepräsident des kaufmännischen Gremiums Magister Gläsner sagte u. a.: Wenn ich die vielen Menschen sehe, die unserer Einladung gefolgt sind, so ist mir um den Ausgang unserer Wahlen nicht bange. Sie wissen alle, was wir zum Nutzen unserer Judenschaft geleistet haben. Unsere Liste ist eine Zusammensetzung von Wirtschaftlern: es sind Kaufleute, Industrielle, Gutsbesitzer, Mühlenbesitzer, Handwerker ec. darunter. Als wir die Gemeinde übernommen haben, hatte sie kein Geld und keinen Kredit, wir mußten eigene Garantien geben. Heute hat man Vertrauen zu uns.

Herr Selig Wagschal unterzieht die Liste Rosner einer scharfen Kritik und meint, man müsse nur Männer wählen, deren Charakter wie ein offenes Buch klar dastehe. Redner erklärt, er habe sich von der Uneigennützigkeit und der Aufopferung Dr. Menczers für die jüdische Gemeinde überzeugt, weswegen die orthodoxe Partei sich ihm angeschlossen habe.

Es sprach sodann Herr Gabriel Sokal in ähnlichem Sinne.

Dr. Menczer:
Wir bleiben die Majorität
Von langanhaltendem, stürmischen Beifall begrüßt, ergreift der Gerent Dr. Menczer das Wort. Er sagte:

Der große Verbrecher steht nun vor ihnen. Die erste Sünde, die er beging, ist daß er nicht gleich nach 60 Tagen Wahlen ausgeschrieben hat und noch 15 Monate zu wirtschaften wagte. Glauben Sie, meine Herren, wenn wir nach 60 Tagen Wahlen ausgeschrieben hätten, wären wir dort gestanden, wo wir heute stehen? Für wen haben wir bis heute schwer gearbeitet, für uns oder für die Gemeinde? Man hat uns die Gemeinde so verwahrlost zurückgelassen, daß kein Ban in der Kasse blieb. Ich habe meinen Advokatenberuf vernachlässigt, habe schlaflose Nächte verbracht und nachgedacht, wie man Ordnung schaffen könnte. Ich habe als Gerent keine 18.000 Lei monatlich bekommen, sondern keine Honorierung. Ebner und Klüger sprechen von Wahlrechtsraub. Warum haben sie geschwiegen, als das Statut erschien, in welchem es ausdrücklich heißt, daß, wer keine Gemeindesteuern (1 Leu wöchentlich) zahlt, der kein Wahlrecht habe. Im Gegenteil, sie haben das Statut, das nach Wiener Muster geschaffen ist, gebilligt. Heute haben sie diesen Passus herausgegriffen, um die Massen zu verhetzen. Man sieht den Unernst dieser Leute. Das Initiativkomitee, das ich Nichtskomitee nenne, welches eben nichts bedeutet, arbeitet eben mit einer gekauften Presse gegen mich. Ebner war es ja, der Gutherz zum Präsidenten gemacht hat, denselben, den er heute bekämpft. Wo ist die Konsequenz, wo ist die Sachlichkeit? Ich habe aus meiner eigenen Tasche 72.000 Lei für die Gemeinde vorgestreckt, wenn es sich um dringende Angelegenheiten handelte. Was haben die früheren Herren geleistet? Wir gehen nicht in den Wahlkampf, um einige Mandate zu erobern. Wir gehen auf das Ganze, da wir auf dem Standpunkte stehen, die Gemeinde könne nur gerettet werden, wenn eine geschlossene Majorität da ist. Und wir werden die Majorität bleiben. (Stürmischer Beifall).

Hierauf Schluß der Versammlung.

(350326c4)


Minderheitenprofessoren müssen rumänisch lernen [S. 4, unten, Mitte]
Bucuresti, 24. März (Tel. des "Tag"). Das Unterrichtsministerium beschloß, daß die Professoren und Lehrer der konfessionellen Minderheitenschulen, die die rumänische Sprache nicht beherrschen, rumänische Kurse, die zu diesem Zwecke im Monat Juli und August errichtet werden, besuchen müssen. Bis dahin werden sie auf Grund des Gesetzes für Privatunterricht nur jene Gegenstände vortragen, die in der Minderheitensprache gelehrt werden können.

(350326r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 891, Mittwoch, 27.03.35

Postby Klaus Binder on 20. April 2013, 22:28

Seite 1

Vaida verlangt: Numerus proportionalis [S. 1, rechts, Mitte]
Craiova, 25. März (Tel. des "Tag"). Vaida ist hier mit einigen seiner Parteifreunde eingetroffen. Er hielt im Nationaltheater einen Vortrag, in welchem er einleitend auf die Beziehungen zwischen den Olteniern und Siebenbürgern hinwies und betonte, daß der numerus valachicus schlecht verstanden wurde.

Wir müssen die Einführung des numerus proportionalis verlangen, damit in den öffentlichen Betrieben das rumänische Element gegenüber den Fremden eine Vormachtstellung erhalte. Der historische Name "valachi" müsse wieder aufleuchten. Vaida polemisierte nachher gegen die Parteileitung und sagte u. a.: Ich wurde von 11 Herren, von welchen 2 hineingeschmuggelt wurden, ausgeschlossen. Vaida ironisierte die Beschlüsse des Ausschusses, wonach die Situation der Partei bis zum 1. April geprüft wird.

Professoren lehnen numerus valachicus ab
Bucuresti, 25. März (Tel. des "Tag"). Der außerordentliche Kongreß der Mittelschulprofessoren befaßte sich mit der Situation dieser Berufsschichte und stellte die Forderung, daß die Gradationen im Budget aufgenommen werden. Es wird an das Solidaritätsgefühl aller Professoren des Landes zur Unterstützung dieser Forderung appelliert.

Als Professor Odor die Frage des numerus valachicus anschneiden wollte, wurde er von der Mehrheit der Kongreßteilnehmer daran gehindert. Odor mußte schließlich auf das Wort verzichten.

Ingenieure fordern Proportionalität
Die Vereinigung der Ingenieure hielt gestern ihre Versammlung ab und verlangte, daß die ethnische Proportionalität in den Industrien hergestellt wird. Weiters wurde eine Herabsetzung der Minderheiten in den staatlichen Institutionen verlangt.

Was ist ethnische Abstammung? fragen die Industriellen Siebenbürgens

Die Union der Siebenbürger Industriellen überreichte der Kommission, die sich mit der Anwendung des Gesetzes zum Schutz der nationalen Arbeit befaßt, ein Memorandum, in welchem die gesetzliche Festlegung des Begriffes "ethnische Abstammung" verlangt wird.

Goga:
Kein politisches Uebereinkommen mit Vaida
Bucuresti, 25. März (Tel. des "Tag"). In einer Versammlung der nationalen Agrarpartei erklärte Goga, daß er kein politisches Uebereinkommen mit Vaida habe. Er befinde sich jedoch mit ihm auf gleichem Wege und im gleichen Glauben. Goga sagte zum Schluß, seine Partei sei monarchistisch, und wer es heute versucht, durch perfide Aktionen den König zu treffen, der treffe die Existenz des Volkes und des Landes.

Angriffe gegen die Regierung
Die Nationalzaranisten hielten eine Versammlung ab, in der der Kandidat für die am 12. April stattfindende Teilwahl im Bezirk Ilfov, Dobrescu, eine programmatische Rede hielt und die Idee des numerus valachicus ablehnte.

Madgearu erhob scharfe Angriffe gegen die Regierung, kritisierte die Abfassung des Budgets und sprach sich gegen die Vorschreibung neuer Steuern aus.

(350327r1)

Seite 2

Das Schicksal der städtischen Beamten besiegelt [S. 2, oben, links]
In Erwartung der Entscheidung der Disziplinarkommission

Die Situation der 63 städtischen Beamten, scheint endgültig besiegelt zu sein. Bekanntlich ordnete das Innenministerium an, daß alle Beamten, die die Prüfung aus der rumänischen Sprache nicht bestanden haben, sofort aus dem Dienst entlassen werden, ohne daß sich die Disziplinarkommission vorher mit diesen Beamten befassen soll oder muß. Trotz dieser Verfügung tritt die Disziplinarkommission Donnerstag, den 4. April, formell zusammen, um diese Frage zu prüfen.

Wie uns von ganz zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, soll die Disziplinarkommission die Entscheidung des Innenministeriums, basierend auf mehreren Beschlüssen des Kassationshofes, respektieren und ihre Ansicht dahin aussprechen, daß die Vorbedingung für einen städtischen Beamten die Kenntnis der rumänischen Sprache sei, so daß in das Meritum der Frage nicht eingegangen werden wird.

Stadtpräsident Dr. Marmeliuc, der sich gestern abends nach Bucuresti begab, empfing vor seiner Abreise einen Mitarbeiter des "Tag", dem er u. a. folgende Mitteilung machte:

Zwei wichtige Fragen werde ich in Bucuresti zur Sprache bringen. Die erste betrifft das Budget der Stadtgemeinde, das zur Genehmigung vorgelegt wird; die zweite ist die Beamtenfrage, über die das Innenministerium zu entscheiden haben wird. Die von der Regierung getroffene Maßnahme betrifft das ganze Land, und es wird nur die Frage zu lösen sein, aus welchen Mitteln diesen Beamten eine kleine Kündigungsentschädigung gewährt werden soll. Ich werde beim Unterstaatssekretär Juca auch diesmal meinen ganzen Einfluß geltend machen, um das Schicksal der städtischen Beamten zu erleichtern.

Wie wir erfahren, beabsichtigen die städtischen Beamten, die von dieser Maßnahme betroffen sind, sich an Minister Nistor mit einem Memorandum zu wenden.

Stadtpräsident Marmeliuc kehrt Samstag aus Bucuresti zurück.

(350327c2)


Auszeichnung [S. 2, Mitte, oben, links]
Herr Michael Stapler Generalvertreter der "Cernowitzer Allgemeinen Zeitung", Großbuchhandlung "Eminescu" und des "Wiener Journal", Buchhändler in Campulung, ist von Sr. Majestät dem König mit dem Orden "Meritul Comercial si Industrial al II" Dekret Nr. 575 ausgezeichnet worden.

(350327i2)


Promotion [S. 2, Mitte, oben, links]
Frl. Erna Weidenfeld, Aerztin im Krankenhaus "Caritas si Noua Maternitate" Bucuresti, wurde zum Doktor der Medizin und Chirurgie an der medizinischen Fakultät in Bucuresti mit bestem Erfolg promoviert.

(350327i2)


Die Theaterdirektorin Axelrad gestorben [S. 2, rechts, Mitte]
Als man gestern die Parte vom Tode der Frau Ruchel Axelrad, der Witwe nach dem verstorbenen Theaterdirektor Emanuel Axelrad las, ward man in die Vergangenheit zurückversetzt. Für die Generation von heute ist Frau Axelrad sicherlich nichts anderes als eine jüdische Frau, für die jüdische Theatergeschichte dieser Stadt bedeutet aber Frau Axelrad einen Markstein in der Entwicklung der jüdischen Bühne. Man kann schwerlich behaupten, daß unter der Direktion Axelrad das jüdische Theater eine Reformation erfahren hat, die Theaterdirektion Axelrad war noch die älteste Form und die älteste Schule des jüdischen Theaters; die Direktion Axelrad kannte nichts anderes als die Operetten von Lateiner und Goldfaden und die Aufführung von "Sulamith", der "Opferung Isaaks" waren schon Meisterstücke, "Herzale Mejiches" und "Kune Lemel" die modernen Volksstücke. Eine eigentliche Glanzepoche hat diese Theaterära nicht gehabt. Die Revolution auf der jüdischen Bühne machten die Wilnaer - wir sprechen jetzt nur von Cernauti - und diese Periode, in der die Wilnaer hier Monate lang spielten, gehört zu den schönsten Tagen des jüdischen Theaters dieser Stadt. Die Direktion Axelrad stand dieser Bewegung ferne und sah in der Modernisierung der jüdischen Theaterkunst nur lästige Konkurrenz. Aber auch auf dem Gebiete der jüdischen Operette kam die Reformation nicht von hier, sondern von Polen und Amerika.

Erst in letzter Zeit nachdem ihr Mann gestorben war, versuchte Frau Axelrad, die nunmehr selbständig das Theater leitete, sich und ihr Theater umzustellen. Aber es war zu spät. Die verstorbene Direktorin war eine Originalfigur, burschikos veranlagt, sie hatte ein resolutes Wesen und von ihr stammen eine Menge von kräftigen Schlagerausdrücken, die die Runde durch die Welt machten, was sie aber nicht hinderte, trotz ihrer 60 Jahre oder noch mehr junge Soubrettenrollen zu spielen, um dann zu behaupten, daß sie noch reizvoller wirkt, als die Künstlerinnen der heutigen Zeit. In den letzten Jahren, nachdem sie sich zurückgezogen, befaßte sie sich mit Verleihung von Kostümen. Wie uns mitgeteilt wird, hat sie ihren umfangreichen Fundus testamentarisch armen jüdischen Schauspielern vermacht. Das Leichenbegängnis der Frau Axelrad, die ein Begriff der Epoche ihrer Zeit gewesen ist, fand gestern nachmittags unter Beteiligung aller Freunde der jüdischen Bühne statt.

(350327t2)


Seite 4

Leitartikel
Ist Deutschlands Aufrüstung legal? [S. 4, links, Mitte]
Rechtliche und historische Betrachtung

VI.
Wenn die Beantwortung auf die Frage, ob Deutschland abgerüstet habe, bis jetzt ungeahnten Umfang angenommen hat, so ist das nur darauf zurückzuführen, daß man allgemein zu einfache Begriffe über das, was die Rüstung eines Staates betrifft, hat; über die Kräfte militärischer, politischer, wirtschaftlicher ec. Natur, die im modernen Krieg mobilisiert werden, kann man sich in der breiten Masse kaum eine Vorstellung machen. Und trotzdem haben wir uns bis jetzt nur darauf beschränkt, die rein militärisch technische Seite: das Kriegsmaterial, seine Erzeugung und Bedienung, zu berücksichtigen.

Um nur ein Beispiel zu nennen, mit welchen Mitteln man im nächsten Kriege arbeiten wird, oder viel besser gesagt, schon arbeitet: es gilt, den Gegner nicht nur von außen zu treffen, sondern auch seine Widerstandskraft von innen zu verringern. Ein derartiges Stück hat sich Deutschland gegen Ende des Weltkrieges geleistet, als es Lenin von der Schweiz nach Rußland passieren ließ, um dieses Land durch die Revolution zu schwächen. Augenblicklich wird diese Unterminierarbeit auf ähnliche Weise geführt, und zwar durch die Unterstützung der nationalsozialistischen Parteien in anderen Ländern, die eine germanophile Bewegung hervorrufen sollen, die einzig und allein den Zweck hat, dieses Land im Falle eines Krieges gegen Deutschland kampfunfähig zu machen. Es wird einmal zu den größten Tragikomödien der Geschichte gehören, daß ein Staat eines anderen Staates Herr werden konnte, nur weil seine eigenen Nationalisten den Orientierungssinn verloren haben.

Aber um uns nur mit der rein technischen Rüstung zu beschäftigen: welches war der Stand der deutschen Rüstung im Jahre 1927, als die interalliierte Kontrollkommission ihren Bericht erstattete? Dieser Bericht wurde am 28. Juni 1927 abgefaßt und - wir werden die Gründe später kennen lernen - erst viele Jahre später der Oeffentlichkeit bekannt. Wir werden die Punkte nach Rüstungsgrößen einzeln durchgehen, wie wir es in den vorhergehenden Artikeln gemacht haben.

1. Was das vorhandene Material betrifft, so heißt es in dem Bericht, da, "wie beträchtlich auch die Mengen an Waffen, Munition, Kriegsmaterial und des Hilfsgerätes, das zerstört, außer Betrieb gesetzt oder zerlegt wurde, sein mögen, sie umfassen sicherlich nicht die Gesamtheit derjenigen Mengen, die außerhalb der zugestandenen Quoten noch existieren."

2. Was die desaffektierten Fabriken angeht, so heißt es weiter in dem Bericht, da "die Wiedereinstellung der Betriebe auf die Erzeugung von Kriegsmaterial nichtsdestoweniger eine Möglichkeit bleibt, mit der man rechnen muß, und daß in dieser Hinsicht die ehemaligen Staatswerke einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen."

3. Was die Effektivbestände betrifft, so unterstreicht der Bericht, daß "die Militärkredite sich nicht durch die normalen Auslagen erklären lassen, und daß die Reichswehr gar nicht ihre Statuten geändert habe, die noch immer auf den Effektiven, der Ausrüstung und der Ausstattung einer modernen Armee von großer Stoßkraft, und nicht auf einer Armee von 100.000 Mann, wie sie der Versailler Vertrag vorsieht, beruhen."

Weiters heißt es in diesem Bericht, daß Deutschland "sich bemühe, die Herabsetzung seiner sonst regulären Streitkräfte dadurch wettzumachen, daß es einerseits seiner Polizei militärischen Charakter verleihe, und andererseits ein weitverzweigtes System von "Selbstschutz" und eine militärische Vorbereitung seiner Jugend organisiere; daß die Vereine militärisch organisiert sind, daß sie ihre Mobilisationspläne haben und auch teilweise bewaffnet sind."

Daß es die Deutschen den Mitgliedern der Kontrollkommission nicht gerade leicht machten, geht aus folgender Bemerkung hervor: "die Geschichte der Kontrolle deckt sich mit der Geschichte des andauernden Widerstandes seitens Deutschlands, sich den Anordnungen und Entscheidungen der Kommission zu fügen."

In den Konklusionen der Kommission heißt es auch dann, daß "die Kommission aus ihrer eigenen Initiative die Bestimmungen der Militärklauseln des Versailler Vertrages, wenigstens nach dem Geiste, nicht als erfüllt erklären kann, bevor die Mängel, die die Generalinspektion hervorgehoben hat, soweit behoben sein werden, damit man endlich den Abrüstungsstand, der Deutschland durch den Versailler Vertrag vorgeschrieben, als erreicht betrachten kann, und von dem Deutschland noch entfernt ist."

Was die Kommission nicht "aus eigener Initiative" machen konnte, das haben nachher die Politiker der Staaten gemacht, denen die Abrüstung auf dem Herzen lag. Nicht nur, daß man Deutschland seinen teilweisen Vertragsbruch verzieh, man stellte es vor der Welt so hin, als ob es sein Wort gehalten hätte. Die Räumung der Rheinlande und das satisfecit, das Deutschland gegeben wurde, war nicht die logische Folge der Tatsachen, sondern entsprang der allgemeinen Politik, die die Mächte seit der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund verfolgten.

Der Dank blieb allerdings nicht aus.

Seit diesem Datum wurde die deutsche Aufrüstung erst recht mit Volldampf betrieben. Um nur einen Fall zu nennen, der ein grelles Licht auf die Geschehnisse in Deutschland noch vor der Abrüstungskonferenz wirft: 1930 veröffentlichte der Herausgeber der "Weltbühne", Karl von Ossietzky, einen Artikel über den Stand der deutschen Rüstungen und strich besonders den Fortschritt hervor, den die Erzeugung der Kriegsflugzeuge nahm. Was folgte darauf? Ein Dementi? Eine Untersuchung über den Sachverhalt der in diesem Artikel erschienenen Behauptungen? Eine entrüstete Zurückweisung? Nein. Karl von Ossietzky wurde wegen Hochverrats (öffentlicher Preisgebung militärischer Geheimnisse) zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Dies unter der Republik von Weimar!

Aber noch im Jahre 1932, als zwecks Erleichterung der Studien der Abrüstungskonferenz an alle Staaten ein sogenannter "Fragebogen" abgesandt wurde, auf dem die Regierungen den Stand der Rüstungen ihrer Länder einzeichnen sollten, gab Deutschland nur die Daten an, die im Versailler Vertrag vorgesehen waren, obwohl seine Rüstungen kaum mehr zu verbergen waren.

Trotz der Aufrüstung Deutschland hat die Abrüstungskonferenz begonnen. Das war eine weitere Konzession, die man Deutschland gewährte, wenn man es noch den Ehrenmann, der sein Wort hält, vor der Weltmeinung spielen ließ, denn, wenn man in Deutschland heute behauptet, daß man selbst abgerüstet "15 Jahre auf die Abrüstung der anderen Staaten gewartet" hätte, so ist das einfach gelogen. Schon im Jahre 1927 war der Versailler Vertrag gebrochen.
Dr. Alphonse Schwarz

(350327w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 892, Donnerstag, 28.03.35

Postby Klaus Binder on 21. April 2013, 17:03

Seite 2

Auszeichnung [S. 2, Mitte, links, unten]
Herr Hermann Tuttmann, Großindustrieller in Cernauti, ist mittels königlichem Dekret Nr. 575 der Orden "Meritul comercial si industrial cl. I." verliehen worden. Diese Auszeichnung hat in den Bukowinaer Industriekreisen mit Rücksicht auf die verdienstvolle Tätigkeit des Herrn Hermann Tuttmann und seine erfolgreichen Bemühungen um die Bukowinaer Industrie allgemein ein Echo der Genugtuung ausgelöst.

(350328i2)


Todesfälle [S. 2, unten, Mitte]
Im Alter von 68 Jahren starb hier nach langem schweren Leiden der Finanzoberrat i. P. Heinrich Brichze, ein Beamter von hervorragenden Fähigkeiten und lauterer Gesinnung. Das Leichenbegängnis fand gestern nachmittags statt.

Nach längerem Leiden ist Frau Rosa Bercovici, die Gattin des Herrn Bernhard Bercovici, im 65. Lebensjahr gestorben. Die Verstorbene, eine Schwester des Advokaten Dr. Dische, erfreute sich bei allen, die sie kannten, größter Wertschätzung. Das Leichenbegängnis fand gestern statt.

(350328t2)


Die Versammlung der Einheitspartei [S. 2, rechts, oben]
Sonntag, den 24. d. M., fand im Festsaale der Toynbeehalle eine massenhaft besuchte Volksversammlung statt, in der die Kandidaten der unter Führung von Dr. Mayer Ebner stehenden Liste Nr. 3 das Wort ergriffen.

Es sprachen die Herren Mendel Engler, Dr. Josef Mann, Ing. Maximilian Zwilling, Dir. Josef Blaukopf, Dr. Leon Schmelzer, Dr. Markus Krämer, Präsident Karl Klüger und zum Schlusse, vom Beifall begrüßt, Dr. Mayer Ebner.

Die Redner wiesen auf die Aufgaben der jüdischen Gemeinde hin, die berufen ist, die Interessen der 40.000 jüdischen Seelen dieser Stadt zu vertreten. Einzelne Redner befaßten sich auch mit der von Dr. Menczer ausgegebenen Parole "Sanierung der Gemeinde". Die Gerentschaft - behaupten die Redner - wirtschafte jetzt kontrollos. Alle Leute, die mit der Verwaltung von der Regierung betraut wurden, gehören einer Gruppe an. Keine Partei oder Gegenmeinung sei jetzt in der Gerentschaft vertreten. Sogar die wenigen Unzufriedenen aus ihren eigenen Reihen haben sie entfernt. Wer hat somit die Möglichkeit, die Gebarung zu überprüfen? Der Apparat dazu ist da, um positive, produktive Arbeit für die jüdische Masse zu leisten, nicht aber um seiner selbst willen. Das jüdische Handwerk verliere den Boden in dieser Stadt, die Jugend sei ratlos, die Intelligenzberufe sind ihr verschlossen, sie müsse somit umgeschichtet werden für ein neues Leben. Massen verkommen im Elend, aus der Primaria sind alle jüdischen Beamten entfernt worden, kein Vertreter der jüdischen Bevölkerung sei da, der von den Wählern die Legitimation habe, im Namen der jüdischen Bevölkerung zu sprechen.

Dr. Ebner wies zum Schlusse seiner Ausführungen darauf hin, daß dieser Kampf in die jüdischen Reihen von außen hineingetragen wurde, um die Einigkeit der Juden zu zerreißen. Alle rumänischen Parteien wissen es, daß die Judenschaft von Cernauti geschlossen hinter ihm und der Fahne, die er trage, stehe.

Versammlung der Straucherpartei
Unter dem Vorsitz des Ehrenpräsidenten Dr. Straucher fand Sonntag vormittags im jüdischen Nationalhaus eine Versammlung mit der Tagesordnung: Stellungnahme zu den Kultusratswahlen, statt. Der Führer der vereinigten Liste, Rosner, erläuterte das Programm dieser Gruppe und wies nach, daß die orthodoxen-religiösen Juden den Hauptanteil an den indirekten Steuern für die Kultusgemeinde tragen. Josef Greif nimmt gegen den Gerenten Dr. Menczer Stellung und protestiert gegen die Wahlentrechtung von 11.000 Juden. Herr Hellreich bemängelt die große Beamtenanzahl in der Kultusgemeinde und bestreitet die Behauptung der gegenwärtigen Kultusleitung, wonach in den Finanzen der jüdischen Gemeinde Ordnung herrsche.

Dr. Eduard Straucher erklärt sich bereit, seinem Vater gleich, sich in den Dienst der Judengemeinde zu stellen. Er verweist auf sein langjähriges Wirken in der jüdischnationalen Volkspartei. Dr. Leo Greif beleuchtet die wirtschaftliche und politische Situation der Juden und verweist auf die Schwierigkeiten, mit welchen sie zu kämpfen haben.

Das Schlußwort hatte Dr. Benno Straucher, der mit allen bisherigen Leitern der Kultusgemeinde, Dr. Ebner, Dr. Gutherz und Gerent Dr. Menczer Abrechnung hält und gegen Dr. Ebner und Dr. Gutherz de Vorwurf erhebt, sie hätten die Kultusgemeinde zu Grunde gerichtet.

Die vereinigte Bürgerliste No. 1
unter Führung des derzeitigen Präsidenten der Interimarkommission Dr. Markus Menczer, die in einer großen, von Tausenden jüdischer Bürger besuchten Massenversammlung unter allseitiger Zustimmung das Programm dieser Liste: Wiederaufrichtung der jüdischen Gemeinde Cernauti, verkündet hat, weist folgende Kandidaten auf: 1. Dr. Marcus Menczer, Advokat. 2. Moses Solomovici, Großindustrieller. 3. Dr. Oskar Deutsch, Advokat. 4. Bernhard Deligdisch, Großindustrieller. 5. Dawid Schärf, Großindustrieller. 6. Chaim Lifsches, Mühlenbesitzer. 7. Elias Grill, Spenglermeister. 8. Mag. Alfred Gläsner, Kaufmann. 9. Arnold Zwecker, Kaufmann. 10. Selig Wagschal, Kaufmann. 11. Dr. Ulrich Schnapp, Advokat. 12. Dr. Elie Enis, Reg.-Rat. i. P. 13. Dr. Efroim Fischer, Advokat. 14. Alexander Karpel, Prokurist. 15. Alter Roll, Holzindustrieller. 16. Israel Sperber, Kaufmann. 17. Dr. Karl Lang, Advokat. 18. Samuel Weizner, Großindustrieller. 19. Abraham Dawid Nagel, Großkaufmann. 20. Gabriel Sokal, Hausbesitzer. 21. Josef Rudner, Kaufmann. 22. Dr. Adolf Katz, Arzt. 23. Siegmund Lehr, Großindustrieller. 24. Josef Rothleder, Architekt. 26. Chaim Rosenzweig, Hausbesitzer. 27. Samuel Teiler, Kaufmann. 28. Joachim Schnapp, Kaufmann. 29. Markus Metsch, Bahnrevident i. P. 30. Gerschon Hochstädt, Hausbesitzer. 31. Osias Pomeranz, Prokurist. 32. Pinkas Gütter, Exporteur. 33. Eisig Tieger, Kaufmann. 34. Samuel Silbermann, Schloßermeister. 35. Nathan Trichter, Anstreichermeister. 36. Dawid Lohner, Kaufmann.

Zu den Kultusratswahlen
Die Versammlungen der jüdischen Reichspartei, welche einen Massenbesuch aufweisen und eine große Begeisterung bei den Teilnehmern erwecken, finden ihre Fortsetzung wie folgt: Am Mittwoch, den 27. d. M. um 8 Uhr abends, im Asyl, Bulev. Carol und in der "Safah Joriah", str. Wilson. Donnerstag, den 28. d. M. um 8 Uhr abends, "Safah Joriah", str. Hotinului und Bethaus Volksgarten. Samstag, den 30. d. M. um 8 Uhr abends in der "Toynbeehalle". Referenten: Präsident Karl Klüger, Doktor Theodor Weißelberger, Ing. M. Zwilling, Dr. M. Grünberg, Dr. Leon Schmelzer, Dr. Jakob Geller, Dr. Josef Mann und Israel Melichsohn.

Versammlungen der vereinigten orthodoxen Partei
Die Vereinigten jüdisch-nationale unabhängige Juden-Misrachi und Agudas-Israel-Parteien werden in den folgenden Versammlungen ihr Programm entwickeln: Mittwoch, den 27. März, 7 Uhr abends Station Volksgarten (Bethaus-Saal); Donnerstag, den 28. März, 7 Uhr abends im Festsaale des Jüd. Hauses; Samstag, den 30. März 4 Uhr nachm. Saal Machsike-Schabes. Es werden sprechen: Ehrenpräsident Dr. Benno Straucher, Dr. Leo Greif, Dr. Hafner, Isak Rosner, Hellreich, Josef Greif, Dr. Eduard Straucher etc.

(350328c2)


Seite 3

Rekurs der Grivita-Angeklagten verworfen [S. 3, links, unten]
Bucuresti, 26. März (Tel. des "Tag"). Der Kassationshof befaßte sich heute mit dem Rekurs der zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilten Angeklagten im Grivita-Prozeß Doucea, Vasilache und Petrescu, die bekanntlich aus dem Gefängnis ausgebrochen sind. Der Rekurs wurde als unmotiviert abgewiesen. Die Verhandlung gegen die anderen Angeklagten wird am 16. April stattfinden.

(350328r3)


Arierparagraph in Lodz [S. 3, Mitte, unten]
In einer Ausschußsitzung des Lodzer Stadtrates, der seit kurzem über eine Mehrheit der nationaldemokratischen Opposition verfügt, wurde zum ersten Male in Polen die Anwendung eines Arierparagraphen beschlossen. Die Nationaldemokraten nahmen einen Antrag an, demzufolge die städtischen Preise der Stadt Lodz für Wissenschaft, Literatur und Kunst künftig nur an Christen verliehen werden dürfen, die ihre arische Herkunft nachweisen.

(x)


Seite 4

Leitartikel
Ist Deutschlands Aufrüstung legal? [S. 4, links, Mitte]
Rechtliche und historische Betrachtung

VII.
Die Abrüstungskonferenz begann also unter der Fiktion eines abgerüsteten Deutschland. Obwohl die Delegierten aller Staaten wußten, daß Deutschland seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen war, ließen sie es dennoch in einer Weltmeinung sonnen, die, unaufgeklärt, noch an die Legende eines "wehrlosen" Deutschland glaubte.

Deutschland ging gleich aufs Ganze, das heißt, es wollte unter allen Umständen vor jeder weiteren Verpflichtung eine Anerkennung der "Gleichberechtigung". Die damalige deutsche Regierung strebte danach, von der Abrüstungskonferenz den einen Erfolg nachhause zu bringen, daß ungeachtet des Gelingens der Konferenz Deutschland das Recht habe, auf das gleiche Niveau zu rüsten wie die anderen Staaten. Hitler stand vor den Toren Berlins, die deutsche Regierung hatte ungeheuren inneren Schwierigkeiten die Stirne zu bieten, - es war nicht angebracht, ihr außenpolitisch Erfolge streitig zu machen. Um die anderen Staaten in Alarmstimmung zu bringen und sie für das Fortbestehen der Abrüstungskonferenz fürchten zu lassen, zogen sich die deutschen Delegierten theatralisch von der Konferenz zurück und nahmen an den Debatten nicht eher teil, als ihnen nicht eine feierliche Zuerkennung der Gleichberechtigung zuteil wurde.

Ueber dieses Dokument, das am 11. Dezember 1932 unterzeichnet wurde, hat man viel Unwahres geschrieben, und auch noch heute, anläßlich der letzten Schritte Deutschlands, wird viel Unwahres behauptet. Diese Erklärung besagt ganz einfach, daß "das Ziel der Abrüstungskonferenz die Gleichberechtigung Deutschlands sein müsse, jedoch nur im Rahmen der Sicherheit".

Vor allem geht aus der Erklärung vom 11. Dezember 1932 hervor, daß von Gleichberechtigung solange keine Rede sein könne, als das Problem der Sicherheit nicht gelöst worden sei; zweitens aber, und das ist für den Moment viel wichtiger, daß das Ziel der Abrüstungskonferenz die Anerkennung der Gleichberechtigung unter den gewünschten Bedingungen sein müsse, und nicht, daß vom Datum der Erklärung an Deutschland sofort in den Besitz der Gleichberechtigung gelangen konnte, solange die unterzeichneten Staaten noch im Verhandlungsstadium waren, mußte jede Anschuldigung auf "Vertragsbruch" ein nonsens bleiben; von einem Vertragsbruch konnte nur dann die Rede sein, wenn Deutschland trotz der Realisierung eines Sicherheitssystems die Gleichberechtigung am Ende der Verhandlungen nicht gewährt wurde. Auf keinen Fall durfte Deutschland die Verhandlungen unterbrechen, mit der Behauptung: "Ihr habt schon euer Wort gebrochen, wenn ihr mir nicht bis jetzt die Gleichberechtigung gewährt habt." Denn die Gleichberechtigung sollte ja erst das Ziel der Verhandlungen sein.

Immerhin wurde Deutschland durch die Erklärung eine weitere große Konzession gemacht. Durch diese Erklärung bekam Berlin die Zusicherung, daß die Signatarmächte des Versailler Vertrages auf den fünften Teil des Friedensvertrages verzichten wollten, falls natürlich die Voraussetzungen dazu geschaffen wurden.

Welches war aber der wahre Grund für den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund?

Der deutschen Regierung behagten die Pläne der Abrüstungskonferenz nicht, die ganz dazu geschaffen waren, wirklich den Frieden für die nächste absehbare Zeit zu sichern.

Die Organisation des Friedens sollte sich nach Genfer Plänen auf zwei Pfeiler stützen: ein Sicherheitssystem von Beistandspakten, allgemeiner oder regionaler Natur, und zweitens die Schaffung eines Heertyps, der einmal in allen Ländern einheitlich sein sollte und nur für Defensivkriege tauglich war; Miliztruppen mit kurzfristiger Dienstzeit sollten diesen Zweck erfüllen, weiters sollte an Kriegsmaterial nur jenes erzeugt werden, das sich für Offensivzwecke schlecht eignete.

Deutschland wollte weder Sicherheitspakte unterzeichnen, noch sich einen Armeetyp aufdrängen lassen, der für einen eventuellen Angriffskrieg (und Gott weiß, ob man in Deutschland daran denkt!) untauglich war; von einem Verzicht der schlagkräftigsten Offensivwaffen konnte in Deutschland natürlich nicht die Rede sein. Deshalb war es notwendig, der Abrüstungskonferenz ein Ende zu setzen, denn sie arbeitete, trotz der unzähligen Witze, die über sie gerissen wurden, noch zu schnell, und der Schritt Deutschlands beweist nur, daß man schon in den nächsten Monaten zu einem Resultat gekommen wäre, das der geplagten Welt endlich einmal den lang ersehnten Frieden gebracht hätte.

Deutschland setzt seine Politik fort, die nur in einen Krieg auslaufen kann. Eine Hemmung rechtlicher oder moralischer Natur kennt die Berliner Regierung nicht mehr.

Auf die Londoner Besprechungen vom 3. Februar zwischen Frankreich und England, wodurch sich beide Staaten zusicherten, daß kein Staat das Recht habe, einseitig seine Rüstungsbestimmungen zu ändern, antwortete die deutsche Regierung, daß sie diese Erklärung als Diskussionsbasis für die bevorstehenden Unterhandlungen mit den englischen Ministern annehme. Auch diese Verpflichtung hat Deutschland nicht eingehalten; ein Wortbruch mehr …
Dr. Alphonse Schwarz

(350328w4)


Juden! [S. 4, oben, rechts]
Gesinnungsgenossen!

Durch die willkürliche Aenderung der Statuten für die Wahl in den Rat der jüdischen Gemeinde von Cernauti, wurde 11.000 Wählern ihr Stimmrecht genommen.

Das alte Wahlstatut der jüdischen Gemeinde, das auf den modernen demokratischen Grundsätzen des allgemeinen Wahlrechtes beruhte und fast allen jüdischen Bürgern ihr Stimmrecht garantierte, wurde durch das neue reaktionäre Wahlstatut ersetzt. Diese ungesetzliche Ausschaltung der breiten jüdischen Masse von der Wahlbeteiligung hat tiefste Entrüstung in der jüdischen Oeffentlichkeit hervorgerufen. Die gesamte jüdische Oeffentlichkeit verurteilt es auf das Entschiedenste, daß insbesonders in den Tagen der reaktionären Strömungen, in denen die Demokratie einen Kampf auf Leben und Tod führt, sich Juden gefunden haben, die in einer höchst unpolitischen und unverzeihlichen Weise, durch Einführung des neuen reaktionären Wahlstatutes, der Demokratie in den Rücken gefallen sind. Dieser Schritt der derzeitigen jüdischen Vertretung in der Kultusgemeinde kann unabsehbare Folgen nach sich ziehen. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Erhaltung der Demokratie für uns Juden eine Existenz- und Lebensfrage bedeutet. Angesichts dieser Tatsache haben wir einen energischen Kampf gegen diese Aenderung der Wahlstatuten geführt. Wir werden diesen Kampf auch weiter mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln fortsetzen.

Nun sind für den 31. März die Wahlen ausgeschrieben. Bloß 3600 jüdischen Bürgern wurde ihr Wahlrecht belassen. An diese Stimmberechtigten richten wir unseren Appell: Wir verlangen nicht euere Stimmen, weil wir es für unrichtig halten, unter diesen Bedingungen auf Grund eines reaktionären Wahlstatutes in den Wahlkampf zu treten. Nach reiflicher Ueberlegung, Rechnung tragend den Interessen der jüdischen Bevölkerung, haben wir alle uns angebotenen Pakte und Zusicherungen energisch abgelehnt und beschlossen, uns mit den 11.000 jüdischen Bürgern, die ihres Wahlrechtes beraubt wurden, zu solidarisieren und uns somit an diesen Wahlen nicht zu beteiligen. Alle diese lauteren Erwägungen, die zu unserem Beschlusse der Wahlenthaltung beigetragen haben, müssen auch für Euch maßgebend sein. Auch euere heiligste Pflicht ist es, sich mit unseren 11.000 Brüdern zu solidarisieren, indem ihr euch von diesen Wahlen fernhaltet. Durch eine Beteiligung an diesen Wahlen wird dieses reaktionäre Wahlstatut sanktioniert. Lasset euch nicht betören von jenen Parteien und Gruppen, die an diesen Wahlen teilnehmen, weil es diesen sich nur um ihre Mandate, aber nicht um die Interessen der Juden handelt. Nur in dieser Weise werden wir würdig gegen das geschehene Unrecht protestieren und unsere Erbitterung und Entrüstung über die ungesetzliche Aenderung des Statutes zum Ausdruck bringen. Vergesset nicht, daß nicht nur die jüdische sondern auch die nichtjüdische Oeffentlichkeit auf die Haltung der Juden bei diesen Wahlen gespannt ist. Wir haben den Beweis zu erbringen, ob wir gegen Unrecht reagieren können, oder ob wir alles ohne jeden Protest entgegennehmen.

Wer an diesen Wahlen sich beteiligt, verrät die Interessen des jüdischen Volkes.

Die jüdischen Mitglieder der nationalzaranistischen Partei im Municipium Cernauti.

(350328c4)
Klaus Binder
 
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Nr. 893, Freitag, 29.03.35

Postby Klaus Binder on 22. April 2013, 23:45

Seite 1

Hitler fordert:
Memel, Sudeten-Böhmen, Österreich und den Korridor [S. 1, links, oben]
London, 27. März (Tel. des „Tag“). Offiziös wird die Nachricht des „Daily Telegraph“ bestätigt, wonach Hitler den englischen Ministern folgende deutsche Ansprüche vorgelegt habe:

1. Die Gleichheit der deutschen Luftstreitkräfte mit jenen Frankreichs und Englands, deren Niveau durch das der sowjetrussischen bestimmt werden soll.

2. Das Recht Deutschlands auf eine Kriegsflotte von vierhunderttausend Tonnen.

3. Den Anschluß Ostpreußens an Deutschland durch Unterdrückung des polnischen Korridors und eine Erklärung, die feststellen soll, daß die gegenwärtige Ostgrenze Deutschlands nicht beständig eine dauernde sei.

4. Die Aenderung der Grenzziehung zwischen der Czechoslowakei und Deutschland derart, daß die dreieinhalb Millionen Deutschen der Czechoslowakei an Deutschland angeschlossen werden sollen.

5. Den wirtschaftlichen Anschluß Oesterreichs.

Es verlautet auch, daß Hitler beharrlich für eine direkte Annäherung Frankreichs an Deutschland eintrat. Eine solche sei aber, nach Ansicht Hitlers, erst möglich, wenn Frankreichs Politik sich endgültig von der Sowjetunion loslöse.

(350329w1)


Seite 2

Fortbildungskurse für Polizeiorgane [S. 2, Mitte, links, unten]
Ueber Initiative des Generalinspektors der Siguranta Zachiu wurden Fortbildungskurse für Polizeibeamten und Polizeioffiziere errichtet, die zwei bis drei mal monatlich stattfinden werden. Der erste Vortrag fand gestern in Anwesenheit des Generalinspektors Zachiu, des Quästors Ghinea, des Gendarmerieinspektors Ignat und aller Polizeifunktionäre statt. In den nächsten Tagen soll eine spezielle Bibliothek und ein Laboratorium mit allen wissenschaftlichen Neuerungen auf polizeilichem Gebiet errichtet werden.

(350329c2)


Todesfälle [S. 2, unten, links]
Im patriarchalischen Alter von 80 Jahren starb hier Herr Otto Kahn. Der Verblichene erfreute sich in den Kreisen seiner Bekannten wegen seines vielseitigen Wissens großer Achtung. An der Bahre trauerten seine beiden Töchter; der einzige Sohn war ihm durch den Krieg entrissen worden. Das Leichenbegängnis fand gestern statt.

Gestern starb nach langem schweren Leiden an den Folgen eines Fußballunfalls Leova Freifeld im Alter von 22 Jahren. Das Leichenbegängnis findet heute um 11 Uhr vorm. vom Trauerhause str. Delavrancea 5 aus statt.

(350329t2)


Seite 3

Der Vortrag Vaidas in Cluj
Zweierlei Juden [S. 3, Mitte]
Vaida jongliert mit statistischen Daten

Vaida begann seinen Vortrag in Craiova, über welchen der „Tag“ auszugsweise berichtete, mit einem historischen Ueberblick über die Entstehung Großrumäniens und betonte, daß zu Beginn der Entwicklung des Landes ein politisches Chaos angetroffen wurde. Der Kampf ging bis zur Zerfleischung, und in diesem Zeitpunkt, in welchem wir uns verbrauchten, haben andere die wichtigsten Kommandoposten im Lande ergattert. Er habe seinen Standpunkt, wonach diese Situation nicht weiter andauern dürfe, der Parteileitung mitgeteilt, in der Annahme, daß er von dieser geteilt wird, um in der Folge auch von den anderen politischen Parteien beherzigt und angewendet zu werden. Er mußte jedoch unterliegen.

An die Versammlungsteilnehmer gewendet, sagte Vaida: Ihr lebet hier in einem rumänischen Zentrum und ihr seit nicht so weit, um euch vor der heranbrausenden Welle zu schützen. Hier wohnen fast durchwegs Rumänen mit Ausnahme einiger spaniolischer Juden, die sich den Sitten und der Kultur assimilierten. Der numerus valachicus ist hier schon eo ipso als Folge der Zahl der Minderheiten gegeben, weil erstens der spaniolische Jude dank seiner aristokratischen Abstammung einen ersten Platz in der Gesellschaft einnimmt, andererseits der Oltenier mehr Jude ist als der spaniolische Jude.

Vaida sagte weiters: Als ich im Jahre 1914 im ungarischen Parlamente saß, befand sich unter meinen Kollegen der Deputierte Vazseny, Sohn eines Rabbiners, ehemaliger Justizminister, der gemeinsam mit einigen seiner Freunde eine kleine demokratische Partei begründete. Im Parlamente gab er einmal folgende Erklärung ab: Ich als Jude verlange von der Regierung die Festlegung einer Norm für die Emigration der Juden aus Galizien, die österreichische Staatsbürger sind, um einem schädigenden sozialen Prozeß vorzubeugen. Auch ich will ein Soziologe sein und behaupten, daß die Einheit eines Volkes nur einen gewissen Prozentsatz von Juden verträgt:

Vaida geht dann näher in das Problem ein und behauptet, daß in den letzten zehn Jahren 1251 ausländische Diplome an den Universitäten Bucuresti und Jasi nostrifiziert wurden. Vaida nennt den Fall eines Industrieunternehmens in Bucuresti, in dem ein Spezialist mit einem ausländischen Paß einen Monatsgehalt von 50 bis 60.000 Lei bezieht.

Vaida macht auch Cernauti die Ehre
Vaida befaßt sich hernach mit dem Verhältnis der rumänischen Majorität zu den Minderheitenelementen und widmet auch der Stadt Cernauti ein besonderes Kapitel. Hören wir, was der Hypernationalist sagt: In Cernauti bestehen 17.295 inregistrierte Handels- und Bankfirmen, von welchen nur 1019 rumänisch sind. (Herr Vaida, Sie scheinen zu vergessen, daß hier annähernd 70 Prozent Minderheiten wohnen. Anm. der Redaktion). Von diesen Firmen gehören den Juden 13.584, alle anderen teilen sich auf die anderen Minderheiten auf. Hingegen hat Cernauti 2379 rumänische und nur 1675 jüdische Lastträger. In der Bukowina gibt es 978 Advokaten, von diesen sind 102 Rumänen, 232 Angehörige anderer Minderheiten und 644 Juden. Von den 6858 Kaufleuten in Cernauti sind 392 Rumänen, 913 Angehörige anderer Minderheiten und 4902 Juden. In Radauti (Bukowina) sind 35 Aerzte, darunter nur fünf Rumänen, von den 102 Advokaten sind 91 Minderheitler, von den 104 Kaufleuten nur vier Rumänen, und was noch bedauerlicher ist, von 97 Ingenieuren kein einziger Rumäne. Hier will ich die Zahl der jüdischen Ingenieure nicht mehr nennen, sonst werdet auch ihr glauben, daß ich ein Antisemit sei. Was für ein Antisemitismus ist das? Wir sollen Hungerlöhne haben und andere sollen im Auto fahren? Vaida befaßt sich auch mit den anderen Städten unter diesen Jasi, wo von 25.968 Groß- und Kleinindustriellen 11.954 Juden sind.

Numerus clausus und die kompetenten Stellen
In einem längeren Aufsatz befaßt sich „Adeverul“ mit dem Problem des numerus clausus und behauptet, Vaida sei von einer kompetenten Stelle informiert worden, daß das Problem der nationalen Arbeit und der Bevorzugung des rumänischen Eliments vom Standpunkt der internationalen Politik keine Schwierigkeiten bereiten könne. Die genannte Zeitung meint, die kompetente Stelle, von der die Rede ist und die Vaida die notwendigen Informationen geben konnte, könne niemand anderer sein, als der Außenminister.

„Numerus pungasicus“
In einer Glosse befaßt sich die „Lupta“ mit dem aufgetauchten Problem der vielen „numerus“ und schlägt die Einführung des „numerus pungasicus“ vor, damit das Land von den vielen Dieben, die sich auf Kosten des Staates bereichern, befreit und ihre Zahl vermindert werde.

Vaida nach Bucuresti
Bucuresti, 27. März (Tel. des „Tag“). Nach dem Vortrage in Jasi wird Vaida am 7. April nach Bucuresti reisen.

(350329r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 894, Samstag, 30.03.35

Postby Klaus Binder on 23. April 2013, 00:17

Seite 1

Leitartikel
Die internationale Lage [S.1, oben, rechts; S.4, oben, rechts]
Die Berliner Reise – Eden in Moskau –
Das Urteil im Prozeß von Kowno


Die Kommentare, die in seriösen und maßgebenden Kreisen über die Berliner Reise der englischen Minister gemacht werden, lauten im besten Falle dahin, daß sie „nicht umsonst“ gewesen, oder, daß man jetzt „wenigstens“ wisse, woran man sei. Derartige Rechtfertigungen klingen eher wie eine Entschuldigung, daß man überhaupt die Reise unternommen habe; aber nichtsdestoweniger ist die Behauptung, daß diese Reise gemacht werden mußte, richtig. In der Tat. Es ist sehr leicht, die „schwankende“ Haltung der englischen Regierung zu kritisieren, aber bei einigem Nachdenken wird man ihr kaum einen Vorwurf machen können, wenn sie angesichts des drohenden und bevorstehenden Ausbruchs eines Krieges – und wir stehen dem näher als man denkt – nicht einen Schritt unversucht lassen will, um den Frieden zu retten. Denn wäre die Reise nicht gemacht worden, dann hätte man sich sicher später einmal nach Ausbruch einer Katastrophe sagen können: Ja, wenn die Engländer damals nach Berlin gefahren wären!

Wie leer auch das Kommuniquee gehalten ist, es enthält einen interessanten Passus über den Frieden. Beide Regierungen, so heißt es da, „verfolgen den Frieden“; aber was beide Regierungen zwecks Realisierung des Friedens beschlossen haben, oder wenigstens, was sie unter Frieden verstehen, darüber schweigt das britisch-deutsche Kommuniquee, während in Berichten dieser Art sonst die Mittel zur Aufrechterhaltung des Friedens angegeben oder angedeutet werden.

Will Hitler den Frieden? Die Frage darf so einfältig nicht gestellt werden, denn natürlich will Hitler den Frieden – aber den Frieden mit Oesterreich, Danzig, Memel, Böhmen und einigen Kleinigkeiten wie Elsaß-Lothringen und den Kolonien. Wenn Hitler seine Wünsche ohne Krieg erreichen kann, - ein Schuft, wer noch an den Angriffswillen der Nazis glaubt. Aber die Welt ist mit derartigen „Friedensgedanken“ nicht einverstanden und stellt sich die Realisierung des Friedens ganz anders vor als in der Form einer Pax germanica. Engländer und Deutsche konnten also ganz ruhig ins Kommuniquee hineinschreiben, daß sie „den Frieden verfolgen“; der Umstand aber, daß sie sich über das nähere aussehen des Friedens nicht äußerten, enthüllt mehr über die Berliner Besprechungen als er verschweigen sollte.

Außer dieser scheinbaren Einmütigkeit scheint es wenige Punkte gegeben zu haben, über die sowohl Hitler als auch die englischen Minister derselben Meinung gewesen sind. In der heutigen Sitzung des Unterhauses wollte Sir John Simon nicht viel sagen; mußte aber die Bemerkung machen, daß es zwischen England und Deutschland noch sehr große Meinungs-Verschiedenheiten gäbe.

Ueber die Berliner Reise hat sich übrigens auch kein Mensch Illusionen gemacht. In Deutschland wäre man froh gewesen, wenn diese Reise überhaupt nicht stattgefunden hätte. Wahrscheinlich hat Hitler noch in dem Moment, als er den englischen Gästen die Hand zum Willkommensgruß schüttelte, nicht gewußt, was er eigentlich sagen solle. Nach Ansicht maßgebender englischer Kreise soll die Unterredung in einem widerwärtigen Schwatz bestanden haben, der aber nicht einmal Hitler befriedigte, weil er in diesem Momente nicht das geeignete Objekt für seine „Beredsamkeit“ vor sich hatte. Hitler kann wohl vor einer Menge fanatischer kritikloser Menschen mit kleinbürgerlichen Anschauungen und engem politischem Horizont das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf Sowjetrußland erzählen, und damit klipp und klar beweisen, vor was für einer „Gefahr“ er Deutschland gerettet habe, aber bei einem englischen Minister mußten derartig groteske Versuche fruchtlos bleiben.

Die Hetze gegen Sowjetrußland sollte sowohl die Begründung der deutschen Weigerung, den Ostpakt zu unterzeichnen, bilden, als auch die bevorstehende Annäherung Englands an Rußland untergraben und auch Frankreich eines wertvollen Bundesgenossen berauben.

Wie sehr das die Nazis auch ärgern mag, die englisch-russischen Beziehungen sind auf dem Wege, noch eine weitgehendere Besserung zu erfahren, und die Russen werden sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die ihnen der Besuch des Lordsiegelbewahrers Eden in Moskau bietet, um die Beziehungen sowohl mit London als auch mit dem britischen Weltreich auszubauen; es ist sogar möglich, daß infolge einer Regelung einiger zentralasiatischer Fragen das gute Verhältnis zwischen Sowjetrußland und Großbritannien sich dauernd gestaltet. Auf alle Fälle ist Rußland ein viel besserer und sicherer Vertragspartner als Deutschland, denn seit dem Kriege hat das neue Rußland noch nicht einen Vertrag gebrochen oder auch nur den Versuch gemacht, sich einer finanziellen Verpflichtung mit oder ohne betrügerischem Bankrott zu entziehen.

Deutschland hat nie seine Ostgrenze mit Polen anerkennen wollen. Dadurch, daß jetzt der Ostpakt mit Rußland vorbereitet wird, kann sich Deutschland der peinlichen Frage entziehen, ob es eventuell einen kollektiven Sicherheitspakt unterzeichnen würde, der nur die polnische Grenze garantieren sollte. Denn der deutsch-polnische „Nichtangriffspakt“ bietet in dieser Hinsicht keine Garantie; außer dem, daß es sich – wenn man Deutschland als Vertragspartner hat, muß man immer daran denken – nur um einen „Papierfetzen“ handelt, hat dieser Pakt noch den Nachteil,
(Schluß von Seite 4)
daß nicht einmal auf dem Papier die deutsch-polnische Grenze durch Deutschland anerkannt wird. Der Pakt hat bis jetzt ganz andere Zwecke erfüllt; aber ob er einmal Polen gegen einen Angriff schützen wird, - das weiß man in Polen besser als sonst wo.

Der Prozeß von Kowno hat der Welt neue „Ostpläne“ Hitlerdeutschlands zutage gebracht. Die Strafen, die das litauische Gericht gegen die Verschwörer diktierte, sind hart; aber die Geschichte des Dritten Reiches hat gelehrt, daß man nur dann mit den In- und Auslandsnazis auskommen kann, wenn man ihnen gehörig die Faust zeigt. Die deutsche Presse wütet natürlichen gegen die „Schandjustiz“ und das „Schandurteil“. Man müßte jetzt den litauischen Richtern raten, nach Nazideutschland eine Studienreise zu unternehmen, um hier zu erfahren, wie in einem „zivilisierten Lande“ Justiz geübt wird, und dabei mag ihnen das Vorgehen zur Sicherheit des Staates gegen die „Staatsverschwörer“ vom 30. Juni 1934 als leuchtendes Beispiel dienen. Vielleicht werden sie dann auch erfahren, daß es sich gar nicht lohnt, einen monatelangen Prozeß anzustrengen und daß das probateste Mittel zur Bekämpfung des Verbrechens darin besteht, die „Hingerichteten“ erst nach dem Tode zu beschuldigen und tapfer und gehörig zu beschimpfen. Augenblicklich können sich die Verurteilten von Kowno als Märtyrer an den aus dem Ganovensolidaritätsgefühl entspringenden Sympathiekundgebungen der gesamten in- und ausländischen Nazipresse sonnen.
Dr. Als

(350330w1+ 350330w4)


Seite 3

Ich besitze kein Wahlrecht ... [S. 3, oben, links]
Ein Beitrag zu den bevorstehenden Kultusratswahlen
von Dr. jur. u. phil. Karl Gutherz, Landesregierungsrat a. D.

Ich besitze kein Wahlrecht in meiner eigenen jüdischen Gemeinde! Kein aktives und kein passives! Sie haben mich ausgestoßen aus der jüdischen Gemeinschaft, wie einen Aussätzigen, wie einen Frevler! Sic volo, sic jubeo! So wollten sie es – so richteten sie es ein! Die Herren Menczer und Genossen und auch die jüdischen Parteien und ihre Führer, die – wie es sich im Wahlkampfe der einander gegenüber stehenden Kandidatenlisten nunmehr herausgestellt hat – die geänderte Wahlordnung vor Genehmigung derselben durch das Kultusministerium gebilligt und gutgeheißen haben, jene Wahlordnung, die neben der Entrechtung der überwältigenden Mehrheit der jüdischen Bevölkerung, in einer speziellen, gegen meine Person gerichteten Bestimmung mich, den früheren gewählten Präsidenten der Gemeinde, unter den nichtigsten Vorwänden der Wählbarkeit entkleidet hat.

Das Motiv für diese meine Entrechtung? Es ist dasselbe, das für die Beteiligten bei Verschiebung der für den 7. Oktober v. J. auf Grundlage der früheren alle 15.000 wahlberechtigten Juden enthaltenden Wählerlisten anberaumt gewesenen Kultusratswahlen bestimmend gewesen ist und bei denen auch ich als Kandidat in den Rat der jüdischen Gemeinde um die Stimmen der jüdischen Wähler mich hätte bewerben können. Furcht und Angst vor dem Ausgange der Wahlen, die ihnen allen eine niederschmetternde Niederlage bereitet hätten. Und diese Beweggründe, sie waren für die Gerentschaft und für die jüdischen Parteien und ihre Führer auch bei Dekretierung der geänderten Wahlordnung von bestimmendem Einfluße.

Und so sannen sie alle auf Mittel und Wege, die breiten Massen der jüdischen Bevölkerung, mit denen sie gar keinen Zusammenhang besitzen, von der Wahlbeteiligung auszuschließen und gleichzeitig sich auch meiner als des ihnen am gefährlichsten scheinenden Gegners in radikaler und dabei höchst einfacher Weise zu entledigen. Und sie fanden das hiefür geeignete Mittel, indem sie mit vereinten Kräften die neue Wahlordnung schufen.

Ehe aber Herr Menczer sich zu diesem Kaiserschnitte der Entrechtung von 11.000 jüdischen Wählern entschloß, versuchte er noch auf einem anderen Wege, mich politisch zu erledigen und mir die Wählbarkeit zu nehmen. Er und sein Helfershelfer in der Gerentschaft Dr. Efroim Fischer erstatteten gleich nach Uebernahme der Gerentschaft bei der hierortigen Staatsanwaltschaft gegen mich verleumderische Strafanzeigen, in denen sie mich des Amtsmißbrauches und des Betruges am Gemeindevermögen beschuldigten und meine Bestrafung durch das Gericht forderten. Diese Strafanzeigen versahen die Denunzianten, um das Maß ihrer Schamlosigkeit voll zu machen, mit dem unser national-religiöses Abzeichen tragenden Amtssiegel der jüdischen Gemeinde. Die über diese Strafanzeigen, denen sich auch noch der alte Judenführer Herr Dr. Benno Straucher anschloß, gegen mich eingeleitete Untersuchung, endete – wie es nicht anders zu erwarten war – mit der Einstellung des Verfahrens, indem sowohl der Untersuchungsrichter Herr Gerichtspräsident Dr. Alaci als auch der zuständige Staatsanwalt und die Generalstaatsanwaltschaft die Entscheidung fällten, daß die Strafanzeigen jeder Grundlage entbehren und vollständig unstichhältig seien, und daß demnach kein Anlaß vorliege, gegen mich einzuschreiten.

Unvergessen wird der Judenschaft dieser Stadt bleiben, in welch‘ unerhörter Weise ich bei der Feier des von mir errichteten neuen jüdischen Spitales von den gegenwärtigen Machthabern in der jüdischen Gemeinde und auch von den jüdischen Parteien und ihren Führern brüskiert wurde. Ich habe das neue jüdische Spital unter Selbstentäußerung und Selbstaufopferung erbaut und die neben dem Rosenzweig’schen Legate noch erforderlich gewesenen Baufonde in einer Zeit der fürchterlichsten wirtschaftlichen Krise im Wege von persönlich durchgeführten Sammlungen von Spenden in Geld und Materialien, durch verschiedenartige Veranstaltungen wie religiöse Konzerte, Konzert Josef Schmidt, Bausteinaktion, mühe- und qualvoll, unter Demütigungen und oft auch unter Erniedrigungen, zustandegebracht. Zum Lohne für meine unsägliche Arbeit hat man mich bei der Einladung zur Feier der Einweihung des von mir geschaffenen Werkes brüsk übergangen und dem Herrn Spitalsdirektor Dr. Ornstein verboten, in seiner Festrede meinen Namen auch nur zu erwähnen. Als weiteren Lohn für meine Tätigkeit in der jüdischen Gemeinde wurden gegen mich Strafanzeigen an die Staatsanwaltschaft erstattet und schließlich hat man mir um der unerhörten Handlungsweise die Krone aufzusetzen, das aktive und passive Wahlrecht genommen.

Und nun sollen am 31. März d. J. mit Ausschluß von 11.000 jüdischen Bürgern und mit Ausschaltung meiner Person die Wahl in den Rat der jüdischen Gemeinde stattfinden! Kann man da von wirklichen Wahlen sprechen? Kann man diese Wahlen überhaupt als ernst bezeichnen? Wahlen, bei denen dreiviertel der jüdischen Wähler fehlen werden. Auf wen wird und kann sich die aus einer solchen Wahl hervorgegangene Repräsentanz der Gemeinde stützen? Welche Autorität nach innen und nach außenhin wird eine derartig gewählte Gemeindevertretung, die sich nicht auf das Vertrauen der breiten jüdischen Massen berufen kann, besitzen? Sie wird doch nur den Ausdruck einer verschwindend kleinen Minderheit darstellen. Der wahre Volkswille wird sich in ihr nicht widerspiegeln. Die Wahl vom 31. März wird somit zu einer Farce, zu einer Wahlkomödie ausarten.

Die Antwort der in den Wählerlisten noch verbliebenen Wähler auf diese unerhörte Brüskierung der jüdischen Wählermassen und auf die obengeschilderten Vorgänge in unserer Gemeinde kann nicht anders sein, als vollständige Solidarisierung mit den Entrechteten und demgemäß vollständige Ablehnung des ganzen Systems, Fernhaltung von der Wahlurne und Verzicht auf die Ausübung des Stimmrechtes! Ich appelliere in diesem Sinne an alle rechtlich denkenden und verantwortungsbewußten Juden unserer Gemeinde. Durch eine Beteiligung an den Wahlen würde das reaktionäre System sanktioniert werden. Der stumme Protest, geübt durch Wahlenthaltung, wird unsere würdigste Antwort auf das ungeheuere Unrecht sein und der würdigste Ausdruck unserer Entrüstung und unserer Erbitterung!

Jüd. Reichspartei. Samstag, den 30. d. M., 8 Uhr abends, große Volks-Versammlung in der Toynbeehalle.

Volksversammlung des „Bund“. Sonntag, den 21. März, fand im Saale des Kommis- und Buchhaltervereines eine Volksversammlung statt. Den Vorsitz führte Herr S. Tropper. Es sprachen hierauf die Herren Schaffer, Kaswan, der erklärt, daß alle wie ein Mann dafür agitieren müßten, daß alle eingetragenen Wähler Wahlenthaltung üben, und Herr Stroh. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, welche die Bevölkerung auffordert, an der Wahl in die jüdische Gemeinde nicht teilzunehmen.

(350330c3)


Seite 4

Politisches Duell [S. 4, unten, rechts]
Advokat Vasiliu-Cluj, der sich durch die Erklärungen Junians in der Kammer hinsichtlich der Skodaaffäre beleidigt fühlt, hat diesen zum Duell gefordert und bereits seine Zeugen bestimmt. Junian wird aus der Provinz erwartet, damit die Ehrenaffäre ausgetragen wird.

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Klaus Binder
 
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Nr. 895, Sonntag, 31.03.35

Postby Klaus Binder on 23. April 2013, 02:37

Seite 1

Leitartikel
Wir Fremden [S. 1, links, oben]
Spezialkommissionen, vom Arbeitsministerium eingesetzt, inspizieren und kontrollieren die Privatunternehmen, ob in diesen sich „straini“ befinden.

Ueber einen solchen Besuch berichtet der „Adeverul“:

Die Kommission betritt ein großes Geschäftsunternehmen der Hauptstadt. Der Generaldirektor legt das vorgeschriebene Tablou vor. Die Herren der Kommission lesen es und entscheiden: Hier ist die Sache nicht in Ordnung. Ihr habt zu viel Fremde! Sie erhalten einen Termin, damit die Legalität geschaffen wird.

Der Generaldirektor:
Wie, meine Herren! Hier ist doch nicht ein einziger „strain“!

Die Kommission: Doch, doch! Eine Zahl von Angestellten trägt jüdische Namen.

Der Generaldirektor:
Diese sind aber rumänische Staatsbürger!

Die Herren der Kommission: Uns interessiert jetzt nicht die Staatsbürgerschaft, wir wollen feststellen, ob es Rumänen sind nach Blut und Rasse, ob es Christen sind.

Der Generaldirektor:
Das Gesetz kennt nicht solche Vorschriften.

Die Kommission: Das geht uns wenig an. Bis zum 1. Mai sind 50 jüdische Beamte zu entlassen und an ihrer Stelle 50 christliche Rumänen anzustellen.

So wie hier die Szene geschildert wird, so hat sie sich, wie der „Adeverul“ weiter mitteilt, mehrfach wiederholt. Die Kommissionen werden aber nicht bloß im Regat amtieren. Sie werden mehr Arbeit finden in Siebenbürgen, Bessarabien und in der Bukowina. Nach Cernauti allein sind zwei Kommissionen detachiert. Man kann sich also auf hübsche Szenen gefaßt machen.

Da behaupte einer noch, daß es erst eines Vaida bedurfte, um die nationalistische Bewegung in Gang zu bringen; da soll einer jetzt darauf entgegnen, daß Vaida ein Sonderling in seinen Ansichten sei, und daß die anderen, die mit ihm an der Spitze der national-zaranistischen Partei gestanden wären, oder die jetzt Regierenden anderer Ansicht wären.

Als zum ersten Mal die Rubrik „ethnische Abstammung“ in dem Tablou auftauchte und die berechtigte Einwendung erhoben worden ist, daß die Aufnahme einer solchen Anfrage den gesetzlichen Bestimmungen widerspreche, insbesondere auch der Verfassung, die die gleichen Rechte und Pflichten aller Bürger verschiedener Konfession und Nationalität sicherstellt, tröstete man die Zweifler und Besorgten mit der Ausrede, man sammle nur statistisches Material. Dieses Material, nunmehr gesammelt, wird den Minoritäten mit derartiger Wucht an den Kopf geworfen, daß ihre Schädel eingedrückt werden. Denn die Aufforderung an die Unternehmer, jüdisches, deutsches, ukrainisches oder ungarisches Personal zu entlassen und dasselbe durch reinrassige Rumänen ohne Rücksicht auf Vorbildung und Erfahrungen zu ersetzen, bedeutet doch nichts anderes als Zertrümmerung von Existenzen, aber auch eine schwere Gefahr für die Existenz des Unternehmens. Was soll hier erzählt werden, wie schwierig es für den Privatunternehmer ist, sich ein geeignetes, verläßliches, fachlich geschultes und vor allem diszipliniertes Personal anzuschaffen, und wieviel hunderte und tausende Male hat man es gerade in diesem Lande gehört, daß es hier weniger an Geschäften mangle, als an den für diese Geschäfte geeigneten Menschen – und da will man mit einem Federstrich, der aus dem Ideengang der verschrobenen Rassen- und Nationalitätenprobleme unserer Zeit stammt, das wirtschaftliche Uebel beseitigen! Man hört gerade jetzt bei der Parlamentsdebatte über Steuern durch die Vertreter der Nationalzaranisten die Beschwerden über die Zurücksetzung in den öffentlichen Stellungen an – aber das genügt nicht mehr, das Losungswort lautet: Hinaus aus den Privatstellungen!, und es hebt ein Kapitel an, das wahrhaft nur Grauen in die düstere Zeit unserer Tage trägt.

Vaida ist bereits überholt, Vaida spricht viel, aber die anderen handeln nach dem Vaida’schen Rezept. Der Hitlerismus hat die Dummheit begangen, das, was hier mit Legalität markiert wird, Gesetz werden zu lassen. Dort in Berlin entschuldigen sie sich noch heute vor der Welt mit der „proportionellen Rückgliederung“ – hier suchen sie erst den Begriff zu formen und schwanken vom numerus clausus über alle diese Formeln bis zum numerus proportionalis. Aber Ehrlichkeit steckt nicht in den Handlungen. Denn den „proportionalis“ hätten alle Minoritäten gerne akzeptiert, aber nicht in der Auffassung der Vaida’schen Nachläufer, sondern in der ehrlichen Auslegung, die der Proporz für die Minoritäten in allen Stellungen finden soll. Daß aber ein Eingriff in die Privatbetriebe erfolgen konnte, - daran hätte bisher niemand denken können. Es ist aber doch geschehen, und es ist also wahr, was der Karikaturist in einer Bilderserie angedeutet hat, daß der Vaida-Kopf sich in einen charakteristischen Hitlerkopf umgewandelt hat.
Ego

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Seite 2

Auszeichnung [S. 2, Mitte, unten]
Herr Lazar Tuttmann, Großindustrieller in Cernauti, wurde mittels königlichem Dekret Nr. 575 mit dem Orden „Meritul comercial si industrial“ cl. I ausgezeichnet. Diese Würdigung hat in Kreisen der Bukowinaer Industrie allgemeinen Anklang gefunden.

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Todesfall [S. 2, Mitte, rechts]
Nach längerem Leiden ist hier der Kaufmann Abraham Dawid Herling, Gesellschafter der Firma Abraham J. Ebner, im Alter von 55 Jahren gestorben. Das Leichenbegängnis hat gestern unter zahlreicher Beteiligung stattgefunden.

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Seite 4

Feuilleton
Die Schlange von Santa Sabina [S. 4, unten; S. 5, unten]
Von Günther Weißenborn

Ich trieb mich damals als Handlanger bei einem Kamp-Arzt herum, ritt für ihn zur Station, um Medikamente abzuholen, kochte seine Pinzetten und Klammern und schrie zum Haus hinaus: Der Nächste bitte! Draußen saßen die Indios im Gras herum und tuschelten, und ihre Kinder lärmten. Die reichen Amerikaner saßen im Schatten ihrer Fordwagen und würfelten. Die Steppe ringsum schimmerte im Sonnenlicht. Wir hatten hier den einzigen Schatten. Das Haus des Arztes lag auf einem Hügel unter einem uralten Jesuitenbaum. Endlose Herden von blökenden Rindern zogen vorbei. Man fuhr mit dem Wagen hindurch und brüllte: „Hu ... hu Toro...!“

Wir hatten viel Arbeit: Zähne, Knochenbrüche, Geschwüre, zuweilen ein Messerstich, alle acht Tage ein Schlangenbiß.

Gut.

Der Doktor hatte in einem Schuppen einen Käfig mit drei Schlangen stehn, drei gefährliche Yararacas, die eine Skatrunde leicht in die Ewigkeit befördern konnten, ehe sie nur bis dreißig gezählt hätte. Der Doktor benötigte das Gift der Vipern, um Serum herzustellen, mit dem er Gebissene vor dem letzten Atemzug bewahrte. Alle zwei Wochen drückte er den Biestern den Kopf mit einem gegabelten Stock auf den Boden, faßte den Kopf geschickt von hinten und drückte das Gift aus dem zischenden Maul, das er in einer Tasse auffing.

Aber heute hatte er mit einem anderen Gift zu tun. Schweißtriefend stand er mit dem Stethoskop in seinem Sprechzimmer, ließ sich die Zunge zeigen, fluchte und brach vor Nervosität die Reagenzgläschen entzwei. Ich wurde hierhin und dorthin geschickt, pumpte Wasser am Brunnen, notierte Namen, holte Salbe, hielt einen Widerspenstigen, und plötzlich rief mich die Frau Doktor. Ich wollte es jedoch nicht hören. Beide hatten schon in der Frühe einen haushohen Krach miteinander gehabt. Sie hätte genug von dieser Einsiedelei. Sie sei jung, basta! Sie wolle in die Stadt, aus! Nein, schrie er erbost, du bleibst! Sie aber lachte und erklärte, daß sie nachmittags mit dem Postzug fahre. Jawohl. Darauf knallte er mit der Tür und klopfte den Rücken eines Indios ab.

Als die Frau zum zweiten Mal rief ging ich hinüber zum Wohnhaus. Da war alles in Aufregung. Die Senora wollte tatsächlich abreisen. Drei Koffer standen neben der Aloe. Ich holte den Wagen heraus und goß Kühlwasser nach. Dann erschien sie selbst: blutjung, biegsam und kordial vor Erregung. Sie ging stolz am Fenster des Sprechzimmers vorbei und schrie nach ihren Koffern. Aber der Doktor drinnen rührte sich nicht. Da konnte sie wohl nicht mehr zurück. Sie lachte auf, jung und trotzig und schönleuchtend vor Wut.

Die amerikanischen Pflanzer, die auf den Trittbrettern ihrer Autos saßen, steckten die Köpfe zusammen und grinsten sich an. Die Indios jedoch glotzten mit steinernen, breiten Gesichtern in die blaue Luft. Der Doktor arbeitete klirrend mit seinen Gläsern. Man hörte es im Hof.

Ich ging in den Schuppen, um einen Schraubenschlüssel zu holen. Als ich die Tür wieder zuschlagen wollte, fiel mir ein, daß sie offen gestanden hatte. Der Schlangenkäfig war leer.

Teufel!

Ich blickte mich vorsichtig um. Es war keine Schlange im Schuppen zu sehen. Drei giftstrotzende Tiere, mordlustige Yararacas, waren auf dem Hof, armdick. Und im Hof saßen Dutzende von ahnungslosen Patienten. Ich sprang eilig zur Tür hinaus.

Da hörte ich gerade, daß der Motor ansprang. Die junge Frau saß wie aus Marmor am Steuer und wollte hinaus. Ihr Wagen holperte über den stäubenden Kampweg davon in der Richtung zur Station.

Im selben Augenblick sah ich einen kleinen, dunkelhäutigen Knaben, der mich schuldbewußt angaffte.

„Um Gottes Willen! Achtung!“ rief ich, „cuidado, es sind Schlangen ausgebrochen. Es sind Yararacas im Hof ...!“

Ein wildes Getümmel folgte. Die Patienten sprangen auf. Die Amerikaner vergaßen ihre Würfel, die Indios ihre Schmerzen. Mit Stöcken und Riemen schlug man auf Gras und Strauch. Der Doktor kam mit fliegendem Kittel heraus, ein Fläschchen Serum und die Spritze in der Hand.

Wo sind die Schlangen?

Mir fiel der schuldbewußte Junge ein, ich holte ihn heraus und fragte ihn drohend, wo die Schlangen hingekrochen seien. Er zeigte angstvoll auf eine Zuckerrohrstaude, die neben dem Wohnhaus stand. Wir rannten alle dorthin. Wir sahen, wie die Schlangen naßglänzend und eilig davon zu kriechen versuchten. Es waren zwei. Ein Peon warf einen Sack über sie und fing sie.

Aber die dritte?

Um Gottes Willen, wo ist die dritte?

Der kleine Indiojunge antwortete nicht mehr. Er heulte bitterlich. Erst als der Doktor ihm ein saftiges Stück Zuckerrohr gab, rückte das Unglückskind mit der Mitteilung heraus, die dritte Schlange sei in den Wagen gekrochen. In welchen Wagen? In den schönen Wagen. In welchen, verdammt?

In den Wagen der Senora ...

Der Doktor wurde kreideweiß. Er riß den Kittel herunter, steckte Spritze und Serum in die Hemdtasche und sprang auf einen indianischen Gaul, der am Tor angebunden stand. Ich tat dasselbe.

Und ehe der Hof wußte, was geschehen war, brausten wir auf den Pferden über die Steppe hinter der Frau Doktor her. Als ich mich noch einmal umsah, erkannte ich, daß die Amerikaner mit ihren Wagen gerade starteten und hinter uns her fuhren.

Der Doktor lag mit zusammengebissenen Zähnen auf dem Hals seines Braunen. Ich werde die Angst in seinem Gesichte nie vergessen.

Wir ritten im schärfstem Galopp fast eine halbe Stunde, da sahen wir am Horizont die Station, und in der Steppe davor kroch der Wagen. Wir trieben unsere Pferde aufs neue an. In jedem Augenblick konnte die Viper zuschnappen. Und es war eine Yararaca! Die Frau Doktor wird ihre Reisepläne zurückstellen müssen, oder sie wird weiter reisen, als sie wollte ...

Aber da geschieht es, daß die Frau Doktor uns bemerkte, als sie aus dem Auto zurückblickt. Und schon gibt sie Vollgas. Sie will ihren Triumph auskosten. Sieh da, schon galoppiert er hinter ihr her, denkt sie sicher, um sie zu bitten, bei ihm zu bleiben. Das könnte ihm so passen. Und sie karriolt über die Steppe, daß der Wagen hüpft wie ein verärgertes Känguruh.

Ein Wettrennen! Ihr Trotz wird sie dem Giftzahn ausliefern. Ich sehe schon die vier Blutstropfen, die den Biß einer Giftschlange kennzeichnen. Eine unselige Frau, die glaubt noch spielen zu müssen, wo es sich um Tod und Leben handelt. Und sie tritt auf das Gaspedal, beißt die Zähne zusammen und knattert vor uns her.

Wir geben unseren Pferden die Sporen. Der Doktor flucht vor sich hin wie ein Gaucho. Wenn die Schlange nur stillhielte, Minuten zwischen Trotz und Tod. Endlich holen wir das Auto ein. Keuchend galoppieren wir heran und brüllen: Halt!

In voller Fahrt rennt der Wagen gegen einen Feldstein, der die Vorderachse quer schlägt. Knirschend und aufbockend steht er in einer Staubwolke. Glas splittert. Ein Aufschrei. Schon springen wir von den Pferden und ziehen die Frau heraus. Stöhnend läßt sie sich von uns in das Kampfgras setzen.

Der Doktor zieht das Serum heraus und füllt die Spritze. Da öffnet sie schon die Augen. „Das Steuer...“, sagt sie.

„Die Schlange“, murmelt er.

Sie richtet sich auf, sie ist völlig klar: „Was wollt ihr denn eigentlich von mir?“

„Still“, sagt er, „zuerst die Spritze ...“

„Warum?“ fragt sie.

„Aber die Schlange hat doch ...“, fängt der Doktor an.

„Welche Schlange?“

„Meine Serumschlange. Eine von ihnen ist in den Wagen gekrochen.“ Sie steht auf: „Eine Schlange? Ich habe keine gesehen.“

Sie wendet sich zu dem Wagen und schreit auf. Aus der Ritze des Lederpolsters im Fond schiebt sich tückisch und zückelnd der platte Kopf der Yararaca. Sie starrt uns an mit grasgrünen, eisigen Augen. Sie hat nicht gebissen?

„Was ist dir denn passiert?“ fragte der Doktor, noch etwas nervös.

Aber da schimpft sie los: „Dieses jämmerliche Steuerrad, da muß sich eine Schraube gelockert haben. Es hat nicht mehr die Führung gehalten.“ Der Doktor strahlt. Ich denke daran, daß ich den Schraubenschlüssel holen sollte und wende mich pfeifend den Pferden zu.

Da donnert drüben am Horizont der Postzug heran, der jeden Mittwoch fährt. Kreischend hält er auf der Station.

„Mein Zug“, flüstert die Frau Doktor und sieht kindlich und verlegen aus. Dann blickt sie den Doktor an. Man sieht an ihrem Hals eine Ader klopfen. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung und rollt davon.

„Na?“ sagt er und lacht sie an. Dann steigen sie auf die Pferde und reiten nebeneinander zurück. Und als sie den Amerikanern in ihren Wagen begegnen, wenden die Wagen und karriolen hinter dem Doktorspaar her und lachen und rufen. Das Ganze sieht aus wie ein Festzug.

Ich mußte natürlich den Wagen wieder reparieren und zurückfahren. Mit der Schlange im Werkzeugkasten und einem dicken Strick darum.

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[http://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Weisenborn


Seite 5

Theater und Kunst
Das Collegium musicum feiert Händels 250. Geburtstag [S. 5, Mitte]
Das Collegium musicum, das sich während der ganzen Zeit seines Bestehens für die Pflege echter Musikkultur eingesetzt und stets bedeutsame Erfolge erzielt hat, veranstaltete Samstag abends im Narodny Dym aus Anlaß des 250. Geburtstages des großen Tonkünstlers ein Konzert im Memoriam Georg Friedrich Händel, das im Programm einige der bezeichnendsten und unvergänglichsten Instrumentalkompositionen Händels aufwies. Die Aufführung hinterließ den denkbar günstigsten Gesamteindruck. Es war ein festfreudiges Musizieren, ein Auskosten der pompösen Klangwelt der Musik Händels. Professor Waldemar Salter hatte die Leitung inne. Er erwies sich als ein gewandter Dirigent, der von dem Willen beseelt ist, alle Feinheiten der Partitur in die Erscheinung treten zu lassen und der mit Schwung und Begeisterung das Orchester in Schach hält. Das Kammerorchester des Collegium spielte die herrliche Musik Händels mit hingebungsvoller Liebe und Sorgfalt und bemühte sich durchweg mit gutem Erfolg, der Schwierigkeiten der Partitur Herr zu werden. In der Kantate „Preis der Tonkunst“ für Sopran und Streicher erzielte der glockenreine Sopran Frl. Gusti Rosners hohe Klangschönheit und Ausdrucksgestaltung.

Im Concerto grosso in B-dur für zwei Oboen, ein Fagott und Streicher, überraschten die Bläser durch ihr Zusammenspiel. Herr Chliborow fand Gelegenheit, im Oboensolo künstlerische Wirkung zu erzielen. Die Streicher bewiesen vor allem in der klagend schreitenden Melodie des Largo ihre hohe Ausdruckskraft. Herr Schatten, der auf dem Flügel die Clavicembalo-Begleitung im Konzert in I-moll ausführte, erzielte prachtvolle Klangwirkungen und drang tief in die Schönheiten der Melodie ein. Die Streicher, zumal die führenden Geiger Flohr und Körner und der Cellist Tischler, traten am deutlichsten im prächtigen Concerto grosso in D-dur in Erscheinung. So gestaltete sich die Aufführung für alle Mitwirkenden zu einem großen Erfolg, der in dem starken Beifall des zahlreichen Publikums seine wohlverdiente Anerkennung fand. Es wäre zu wünschen, daß die Leitung des Collegium musicum die Initiative ergriff, auch den 250. Geburtstag Johann Sebastian Bachs auf so pietätvolle Weise zu feiern und vielleicht auch einen Hugo Wolf-Liederabend aus Anlaß des 75. Geburtstages des unglücklichen Künstlers zu veranstalten.
K.

Vom Musikverein. Im Rahmen der Musikvereinskonzerte wird der Gesangsverein „Armonia“ am 2. April ein Festkonzert veranstalten, in dem die mit dem Kompositionspreise der M. R. v. Anhauch-Stiftung prämiierte Kantate „Sihastri“ („Einsiedler“) für Soli-Chor und Orchester von George Onciul aufgeführt werden wird. Außerdem wird eine Kammer-Symphonie von Alfred Schlüter und eine „Rumänische Rhapsodie“ von Otto Sykora aus Timisoara zur Aufführung gelangen. Beide Kompositionen waren dem Konkurs um den Anhauch-Preis vorgelegen. Für die nächste Zeit sind weiters folgende Veranstaltungen geplant: Am 3. April ein Konzert zu Gunsten des Pensionsfonds des Lehrkörpers der Musikvereinsschule unter Mitwirkung des Herrn Josef Orenstein, sowie am 14. April als Osterkonzert das „Stabat Mater“ von Astorga unter Anschluß von zwei Bach-Kantaten unter Mitwirkung der Damen Lerchenfeld-Hrimaly (Sopran) und Lupu-Morariu (Alt), sowie der Herren Halip (Tenor) und Univ.-Prof. Spulber (Baß).

Der Lehrkörper der Musikvereinsschule wird sein diesjähriges Pensionsfondskonzert am 3. April unter Mitwirkung des Herrn Josef Orenstein und des Musikvereinschores mit folgendem Programm abhalten: Gemischte Chöre von Josef Haydn mit Streichquintett und Klavier (F. Weingarten – Klavier und das Vereinsquartett: Flor, Körner, Krzyzewski, Tischler), das Klavierquintett op. 34 von Brahms (Fr. Tauber-Wallstein am Klavier, das Vereinsquartett), Lieder, gesungen von Fr. Lerchenfeld-Hrimaly (am Klavier H. Dr. Hrimaly), weiters für zwei Klaviere die Beethoven-Variationen von Saint-Saens und zwei Paraphrasen von Dr. O. Hrimaly über Motive aus dem Walzer „Wein, Weib und Gesang“ und dem „Fledermauswalzer“ (die Herren Josef Orenstein und Dr. O. Hrimaly).

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Seite 6

Das Leben als Mysterium [S. 6, oben, links]
Die große Kulturschau vom Lebenswunder

Berlin, im März. Ueber die grandiose Ausstellung „Das Wunder des Lebens“ in Berlin, auf die gegenwärtig die Augen der ganzen wissenschaftlichen Welt gerichtet sind, gibt der bekannte naturwissenschaftliche Schriftsteller Paul Feldkeller folgende anschauliche Darstellung:

„Geheimnisvoll am lichten Tag läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben“ – das gilt auch von dieser Ausstellung: das grundsätzlich Unsichtbare, wie Leben entsteht und was das Wesen des Lebens ist, läßt sich nicht zeigen. Auch der moderne Faust bleibt unbefriedigt. Mit „Hebeln und Schrauben“, will sagen: mit Mikroskopen und Projektoren, Riesenmodellen von Hirn und Auge, schließlich dem gläsernen Menschen selbst ist da nichts zu machen. Das letzte kann nicht gezählt, gewogen, berechnet, modelliert und anschaulich auf die Leinwand geworfen werden.

Soweit es aber möglich ist, führt uns diese große Ausstellung „Das Wunder des Lebens“ an das Geheimnis, an das letzte gerade noch Sichtbare heran: an das Urtierchen, an die Blutzelle (von denen der Mensch in jeder Sekunde zehn Millionen produziert), an die drei Milliarden Herzschläge des Menschenlebens, sogar an das Mysterium der Geburt, bis an diese Grenze, dann läßt sie uns allein mit unserem schweigenden Ahnen und gläubigen Nichtwissen.

Auf dieser Grenze, wo das Sichtbare und Wißbare aufhört, bewegt sich die Ausstellung. Und da hier alle Errungenschaften moderner Optik und Technik mit dem Undarstellbaren, Geistigen, hart und grausam zusammenstoßen, ist die Mischung des Erhabenen mit dem Lächerlichen, der Groteske, der Wahrheit mit dem Irrtum unvermeidlich. Der mörderische Tuberkelbazillus läßt uns erschauern, die Radiolarien machen uns lachen.

Denn ein Theater darf auf keiner Ausstellung fehlen. Hier ist ein

Bakterien-Theater
Auf dieser Bühne agieren Bösewichter und Komiker, Statisten und Prominente. „Mikrovivarium“ nennt sich dieser Kleintier-Zoo, eine auch optisch ziemlich genaue Parallele zum Planetarium, aber nun nicht etwa nur eine Film- und Diapositiv-Projektion, sondern richtiges Theater, eine Parallele zum Flohtheater früherer Zeiten, aber eine Projektion der wirklichen, zwölftausendfach vergrößerten Tiere. Man begreift den Vorteil: durch das Mikroskop kann immer nur einer sehen, und dies Sehen will geübt sein, und der Fachmann kann nur erläutern und nichts zeigen. Hier dagegen sehen alle zugleich das bunte Gewimmel, und der Erklärer kann mit dem Stock in der Hand (ganz wie beim Planetarium) seine Erläuterungen geben.

Die andere Sensation ist

der gläserne Mensch
Es ist nicht der auf der Dresdener Hygiene-Ausstellung, auch nicht der auf der Chikagoer Welt-Ausstellung gezeigte, sondern der dritte seines Stammes, aber fabriziert haben ihn die Dresdener Werkstätten für Berlin. Auch er eine durchsichtige Kopie des „betenden Knaben“, ein präpariertes natürliches Menschenskelett, von einer Cellon-Haut umgeben, die alle Organe sehen läßt – Quecksilberlampen erleuchten sie von innen. Es ist ein Zauberwerk der Modell-Technik. Zum ersten Male sehen Hunderttausende, wie sie inwendig aussehen.

Zwischen den Einzellern, den Glockentierchen, Pantoffeltierchen, Trompetentierchen des Mikroben-Theaters und dem Menschen bewegt sich das Geheimnis des Lebens. Wir sehen die Darmbewegungen und den Herzrhythmus des Wasserflohes und bewundern die tausendfach verschiedenen herrlichen Filigranarbeiten der Strahlentierchen, deren Erfindung jeden Kunstgewerbe-Professor zu hohen Ehren und Einkünften brächte. Aber die Strahlinge sind keine Professoren. Sind sie überhaupt die Künstler oder die sich ihrer bloß bedienende Weltseele, der „Geist der Natur?“ Darf man drum überhaupt wie Ernst Haeckel, der sie entdeckte, von „Kunstformen“ der Natur sprechen, ohne sich zum Glauben an den persönlichen Künstler-Gott zu bekennen – oder hatte Schiller recht mit seinem Wort: „Die Kunst, o Mensch, hast du allein?“ Wann werden wir in der Philosophie oder auch nur in der Psychologie der Weltseele so weit sein wie die Biologen und die Techniker bereits heute auf ihrem Gebiet?

Ist es uns Menschen schon nicht leicht, mit der Natur richtig ästhetisch zu fühlen, so erst recht nicht, richtig mit ihr zu denken. Nun, an Anschauung fehlt es nicht; und der Erfindungsgeist der Techniker und Modelleure wetteifert mit dem Erfindungsgeist der Natur. Wir stehen vor einem 32 Kubikmeter Luft enthaltenden Behälter: das ist die Luftmenge, die die Lunge täglich konsumiert. An der Decke sehen wir eine rote Fläche von 320 Quadratmeter: zehnmal so groß ist die Fläche, die nötig wäre, um alle Blutkörperchen unseres Körpers nebeneinander auszubreiten. Hintereinander gereiht, würden sie fünfmal die Erde am Aequator umspannen. An einem Pumpmodell wird gezeigt, wie die Blutpumpe, die wir „Herz“ nennen, alle drei Minuten 25 Liter Blut pumpen muß. Daneben steht ein Modell des Funkturmes: in 24 Stunden leistet der Herz-Motor eine Arbeit, derjenigen gleich, um drei Menschen im Fahrstuhl auf den 138 Meter hohen Turm zu befördern! Die gewaltige Tragfähigkeit unserer Knochen wird durch eine Knochenbrücke aus vier menschlichen Schienbeinen demonstriert, auf der 80 Personen Platz nehmen können.

Metergroße, zum Teil durchsichtige Modelle des Auges und Ohres lassen nichts unklar. Da steht ein ungeheurer

Globus des Gehirns
Wo sind die Funktionen für Hören, Rechnen, Sehen, Lesen, Tasten, Zeichnen, Schreiben, Riechen, Musizieren im Gehirn lokalisiert? Der Besucher drückt auf eine Stelle des Hirnmodells, und sofort leuchten Tafeln auf, die die betreffende Verrichtung verkünden. Ist das Gehirn eine Telephonzentrale, ein Schaltwerk? Ist es ein komplizierter Umformer? Ist es eine Verrechnungs-Bank, ein Clearing-House, wie ein amerikanischer Forscher meint?

Das Denken des Lebenswunders will noch nicht gelingen. Wir denken noch in Kategorien der Maschine. Auch die Veranstalter dieser Ausstellung. Das geht vorerst gar nicht anders. Zwar verwahren sie sich theoretisch alle dagegen, den Organismus als Maschine aufzufassen. Aber dann lesen wir doch vom „Motor“ des Herzens, seiner „Kraft“-leistung, von der „Konstruktion“ des Knochengerüstes, von der „physikalischen Werkstatt“ und der „chemischen Fabrik“ des Pflanzen- und Tierleibes. Darin liegt eine heute vielleicht noch unvermeidliche Halbheit, die Wunderwelt des Lebens und die Formen der Natur nach Art der menschlichen Technik begreifen zu wollen. Eine Maschine, die wie das Herz Tag und Nacht hindurch arbeiten muß, jahrelang, die sich wie der Tierleib selbst speist, selbst überholt und repariert, sich ersetzt und selbst noch kleine Maschinen hervorbringt, gibt es nicht. Der Maschinenbegriff ist unzulänglich. Der Mensch kann Roboters und Automobile zusammenleimen und –löten, aber nicht das kleinste Urtierchen herstellen. „Ahnest du den Schöpfer, Welt?“

So ist diese Ausstellung kein Panoptikum mit Schaukabinetten und Kuriositäten, die Neugier zu befriedigen. Es geht etwas von Andacht durch die Räume, nicht nur durch den Glockenhof. Hier ist ein

Glockenspiel aus Meißner Porzellan
(nur Dresden und die Bremer Böttcherstraße haben solche Glockenspiele.) Wenn sie läuten – und das geschieht alle fünf Minuten – haben neun Kinder das Licht der Welt erblickt. Dann spielen die Glocken ein Lied. Drunten dreht sich ein riesiges Stundenglas, eine Sanduhr: alle fünf Minuten hauchen sieben Menschen den letzten Seufzer aus.

Weihe liegt auch über jenen lichten Räumen, die der Vollendung des Lebens in der Familie, zum Zusammen von Mutter und Kind gewidmet sind. Hier versagt das Maschinengleichnis gänzlich. Wir haben ein Ineinander und Miteinander von Mensch zu Mensch, namentlich dort, wo die Frau als das Herz der Familie waltet. Wo der Mann mühsam hinterher das Wunder des Lebens erstümpern und buchstabieren will, da hat das instinktstarke Weib bereits gehandelt, wie es dem Leben einzig dient. Wie wir nicht mit dem Hirn allein erkennen, sondern mit den ganzen Menschen, so ist nicht ein Geschlecht allein, sondern sind beide zusammen berufen, die Wahrheit zu ergründen. Erst beide zusammen sind der ganze Mensch, und beiden erst erschließt sich – das Wunder des Lebens.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Gläserner_Mensch_(Dresden)
In der Zeitschrift „UTOPIE kreativ“, Nr. 177/178, Juli/August 2005, auf Seite 731, findet man einen Artikel von Günter Wirth ➞"Paul Feldkeller - mehr als ein 'Privatgelehrter' (pdf)



Aufruf! [S. 6, oben, rechts]
Von Dr. Markus Menczer

Noch nie waren Wahlen in den Rat der jüdischen Gemeinde in Cernauti von so ausschlaggebender Bedeutung für das Schicksal dieser Gemeinde wie heute.

Keiner weiß es besser als ich.

Am 11. Dezember 1933 mit der Leitung der jüdischen Gemeinde betraut, habe ich diese in einem Zustande angetroffen, der jeder Beschreibung spottet.

Die jüdische Gemeinde war finanziell vollständig zusammengebrochen und ohne jede Hoffnung auf Rettung. Im Präsidium wimmelte es täglich von hunderten von Gläubigern, die verzweifelt um die Bezahlung ihrer Forderungen bettelten. Eine Schuldenlast von 27 Millionen Lei, darunter nicht weniger als 5 Millionen Lei Steuerrückstände und Steuerstrafen. Alle Institutionen der jüdischen Gemeinde in einem desolaten Zustande. Mitten im Winter ohne ein Stückchen Holz, ohne irgend einen Vorrat an Lebensmitteln, das Spital ohne den geringsten Vorrat an Medikamenten, ja sogar an Narkosemitteln fehlte es; das Altersversorgungshaus ohne Leintuch, ohne Handtuch, die Pfleglinge in zerfetzten Hemden und Kleidern, das Waisenhaus in einem nicht viel besseren Zustande. Die Beamten und Pensionisten teils monatelang unbezahlt, teils für Monate vorausbezahlt. Die Pensionisten und die Lehrerschaft starben buchstäblich Hungers. Rückstände für Lichtgebühren und Kommunalabgaben, welche weit über den Betrag von 1 Million gingen. Keine ordentliche Buchhaltung, keine wie immer geartete Evidenz, unzählige Kassastellen. Ein vom Fiskus eingesetzter Zwangsverwalter mit einem Gehaltsanspruch von 40.000 Lei monatlich. Die Einführung anderer zwei Zwangsverwalter stand bevor. Die jüdische Gemeinde war in unzähligen Prozessen verstrickt, die in viele Millionen gingen. Für den zwangsweisen Verkauf des jüdischen Nationalhauses war die Versteigerung bereits ausgeschrieben. Es gab keine Atempause. Bald sperrte man das Telefon, bald schnitt man das Licht ab, bald pfändete man die Kassen, bald die Einrichtungsgegenstände, kurz ein Chaos, ein Jammer und ein Wirrwarr, wie ihn sich die reichste Phantasie nicht vorstellen kann. Unsere Verzweiflung war groß.

Aber wir gaben nicht nach. In unserer Verzweiflung verzehnfachten, ja verhundertfachten wir unsere Kräfte und vollbrachten Leistungen, die wir selber anfangs für unmöglich hielten. Jeder von uns stand auf seinem Posten, wie der Soldat im Felde.

Die Parole war:

Kein Zurück!
Es gilt, die jüdische Gemeinde zu retten! Fehlte es an Geld, griffen wir in die eigene Tasche, um der Gemeinde zu helfen. Wir scheuten weder Zeit noch Mühe und Schwierigkeiten, immer waren wir bereit, das äußerste für die jüdische Gemeinde zu tun. Und siehe da! Unser eiserner Wille schuf Wunder, wie man sie nur in Märchen findet.

Und nun ein kleines Bild unserer Leistungen, ausgedrückt in Daten und Ziffern. Trotz der notorischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Bevölkerung in Cernauti, trotz der progressiven Fortschreitung der Verarmung der jüdischen Massen, waren wir imstande, auf Rechnung der rückständigen Steuern den Betrag von 1,338.857 Lei zu zahlen. Außerdem ist es uns nach vielen Bemühungen gelungen über 2 Millionen Lei Steuerstrafen zur Abschreibung zu bringen. Auf Rechnung der rückständigen Kommunalabgaben haben wir den Betrag von 255.984 Lei gezahlt. Für den Spitalsneubau haben wir aus Gemeindemitteln einen Betrag von weit über 1 Million verwendet. Auf Rechnung der rückständigen Lichtgebühren haben wir über 300.000 Lei gezahlt. Auf Rechnung allgemeiner Schulden haben wir einen Betrag von cca. 2 Millionen Lei gezahlt und durch gerichtliche und außergerichtliche Vergleiche die jüdische Gemeinde um viele Hunderttausende Lei entlastet. An Subventionen verschiedener Art haben wir den exorbitanten Betrag von 1,483.609 Lei ausgegeben. Die frühere Verwaltung, die sich auf ihre soziale Fürsorge so viel zugute tut, hat im gleichen Zeitraume an Subventionen verschiedener Art nur den Betrag von 430.464 Lei ausgegeben. Die Differenz beträgt nicht weniger als 1,053.145 Lei. An Gehältern und Pensionen haben wir den Betrag von 9,745.362 Lei gezahlt, im Vergleiche zur früheren Verwaltung um 1,105.641 Lei mehr. Wir haben namhafte Summen für die Instandsetzung und Ausgestaltung des jüdischen Spitales, des Altersversorgungshauses, sowie des Waisenhauses verausgabt. Ueberall haben wir alle nötigen Reparaturen und Renovierungen vorgenommen, ja sogar Gärten wurden angelegt.

Wir haben die Korruption bekämpft, in welcher Form sie auch immer aufgetreten ist, und die auf den Tiefstand gesunkene Moral gehoben. Wir haben die jüdische Gemeinde wieder kreditfähig gemacht. Bei der Uebernahme der Verwaltung der jüdischen Gemeinde wollte kein Mensch derselben auch nur für einen Ban borgen.

Noch eines:

Wir haben die Gemeinde nicht mit neuen Schulden belastet; alle von uns gemachten Anschaffungen wurden prompt bezahlt.

Kann sich jemand vorstellen, wieviel Arbeit, Hingabe, Opferwilligkeit, Mühe und Plage, Aergernisse und Aufregungen in den obigen nackten Ziffern und Daten enthalten sind?

Soll es nach all dieser Arbeit noch notwendig sein, um die Gunst der Wähler zu werben? Ist unsere auch von den ärgsten Feinden anerkannte gute Verwaltung keine ausreichende Legitimation, das Vertrauen der jüdischen Wähler zu verlangen? Ist es notwendig, daß wir noch andere Legitimationen präsentieren? Und welche? Unsere Wahlgegner mögen endlich mit der durch nichts gerechtfertigten Anmaßung aufhören, sie allein wären berechtigt, in jüdischen Angelegenheiten zu sprechen und zu handeln. Die Lage der jüdischen Gemeinde, die noch heute eine furchtbar ernste ist, erfordert positive Taten und nicht Phrasen und Schlagwörter. Wir sind ebenso gut jüdisch, als zum Beispiel Herr Dr. Mayer Ebner und seine Genossen es zu sein glauben. Für uns ist Jüdischsein, Jüdischfühlen eine selbstverständliche Sache. Wir halten es für überflüssig, dies bei jeder Gelegenheit besonders zu betonen. Auch unter uns sind Männer, die sich seit jeher mit der jüdischen Politik beschäftigen und in der jüdischen Wissenschaft zu Hause sind.

Aber nicht darum geht es jetzt bei diesen Wahlen, sondern um die Frage, ob die Kandidaten der gegnerischen Wahllisten fähig sind und die Qualitäten besitzen, die gleiche Selbstverleugnung und den gleichen Aufopferungswillen aufzubringen, wie wir ihn bereits bewiesen haben. Die Kandidaten der gegnerischen Wahllisten, insbesondere diejenigen mit Herrn Dr. Mayer Ebner an der Spitze, sind uns von ihrer früheren Tätigkeit in der jüdischen Gemeinde wohl bekannt. Was haben sie für die jüdische Gemeinde geleistet?

Nichts. Rein nichts.
Im Gegenteil. An dem Zusammenbruche der jüdischen Gemeinde sind die Herren Dr. Mayer Ebner und Genossen mitverantwortlich.

Bis zum letzten Moment saßen die Vertreter der Reichspartei in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde und nahmen an Handlungen teil, die die jüdische Gemeinde um viele Millionen schädigten. Unter ihren Augen wurden verbrecherische Handlungen begangen, ohne daß sie auch nur ein Wort des Protestes erhoben.

Jüdische Wähler!

Wir verlangen von Euch nur eins: Lasset uns weiter arbeiten! Im Interesse der jüdischen Gemeinde! Uns treibt kein Ehrgeiz nach Mandaten, kein Streben nach Erwerb auf Kosten der jüdischen Gemeinde. Wir haben nur den einen Ehrgeiz: Das unter unsäglichen Mühen und Plagen begonnene Aufbauwerk glücklich zu Ende zu führen! Hiezu benötigen wir Euer uneingeschränktes Vertrauen.

Ich bitte Sie daher, am 31. d. M. für die Liste Nr. 1 zu stimmen.

(350331c6)
Klaus Binder
 
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