04_1933 (Nr. 314 bis Nr. 338)


Nr. 314, Samstag, 01.04.33

Postby Klaus Binder on 1. April 2011, 03:06

Seite 1

Leitartikel
Popescu [S. 1, oben, links]
Der Schuß, den der Korpskommandant von Crajova, General Popescu, gegen seine Stirne abgefeuert, und der seinen Tod zur Folge hatte, hat die Skoda-Affäre wie mit Jupiterlicht übergossen. Erst jetzt ist die Affäre eine Affäre großen Formats geworden. Sie ist eine Affäre, weil zwei schwere Beschuldigungen im Parlamente erhoben wurden: erstens, daß bei der Vergebung von Armeelieferungen Bestechungsgelder gezahlt wurden, und zweitens, daß die Lieferfirma Skoda vertrauliche Akten - wohlgemerkt: Akten, die die nationale Verteidigung betreffen, also Geheimakten - dem Repräsentanten des Skodawerkes zur Verfügung gestellt hat, und daß dieser diese Akten zu Spionagezwecken verwendet hat. Höher können die Anwürfe gegen die Militärstellen gar nicht gehen. Die höchsten Zivilstellen schütteln sich von der Verantwortung los und überwälzen sie auf die Herren des Ministeriums der nationalen Verteidigung. Die durch Immunität gedeckten Abgeordneten, welche die Affäre zur Sprache brachten, haben in offener Sitzung einige Namen genannt, Namen von militärischen Persönlichkeiten, die unter der schweren Beschuldigung, daß sie entweder Bakschisch genommen oder mitschuldig an der Herausgabe der Geheimakten sind, stehen. Der General, der Selbstmord begangen, sagt in seinen Abschiedsbriefen, er wäre unschuldig, er mußte zur Waffe greifen, denn er konnte die Last der Beschuldigung nicht ertragen. Man muß mit dem Urteil über den General, der eher den Freitod wählte, als seinen Vorgesetzten Rede und Antwort zu stehen, sehr vorsichtig sein. Sicherlich ist dieser General eine sensible Natur, die auf den ersten Stoß, der gegen ihn gerichtet war, seelisch zusammengebrochen ist.
Die Untersuchung wird erst zeigen, in welchem Zusammenhange die Ursachen des Selbstmordes mit der Skoda-Affäre stehen. Aber alarmierend mußte die Tragödie Popescu auf jeden echten Patrioten wirken. Die Affäre fällt gerade in eine Zeit von Not und Leid, in eine Aera, in der es von Gefahren ernstlicher Verwicklungen wimmelt, - eine Katastrophenepoche ist der gegenwärtige Moment, - und in einem solchen Stadium müssen Meldungen von Spionage und von minderqualifizierten Waffenlieferungen wie die schlimmsten Hiobsbotschaften wirken.
Die Oeffentlichkeit horcht also gespannt auf den Gang der Untersuchung. Befremdend ist, daß die Prager Skodawerke schweigen, daß die Prager Zeitungen sich reserviert verhalten, noch peinlicher, daß die unter staatlicher Autorität stehenden Skodawerke zur Czechoslowakei gehören, zu dem Staate, mit dem Rumänien in freundschaftlichsten Beziehungen steht. Es ist zwar offiziell erklärt worden, daß das Skodawerk ein Privatunternehmen darstellt und der Staat für dessen Geschäfte keine Verantwortung trägt, aber - man kennt die Bedeutung der Rüstungsindustrie, ihren Einfluß auf die Politik, auf die Entfaltung der Weltmeinung, man kennt ihre Zusammenhänge mit den Staatslenkern - und ist deshalb doppelt erbost, daß diese Kanonen-, Waffen- und Munitionsgeschäfte sich nicht in reeller und freundschaftlicher Weise abwickeln konnten. Eine Affäre ist im Gange, die die Erregung aller gutgesinnten Bürger entfachen läßt, der Selbstmord des Generals hat ein Uebriges getan, diese Erregung noch zu steigern.
Ego

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Boykott beginnt [S. 1, rechts, Mitte]
Berlin, 30. März (Tel. des „Tag“). Die Vorbereitungen für den Boykott jüdischer Geschäfte sind im vollen Gange. Die Komitees entfalten eine fieberhafte Tätigkeit. Der Boykott wird nach den letzten Anordnungen Samstag, 10 Uhr vormittags in ganz Deutschland schlagartig einsetzen. Ein Aufschub wird nicht gewährt.

Ueberall werden Flugschriften verbreitet, Autos sollen bis in die kleinsten Dörfer die Propagandaführer zur Aufklärung der deutschen Bevölkerung befördern. Die Boykottkomitees haben Plakate entworfen, die Samstag früh angebracht werden. Autos und Möbelwagen sollen Transparente mit folgenden Aufschriften tragen:

Abwehr gegen die Greuel- und Hetzpropaganda im Auslande!
Boykottiert jüdische Geschäfte!
Kauft nicht in jüdischen Warenhäusern!
Gehet nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!
Meidet jüdische Aerzte!
Die Juden sind unser Unglück etc.
Die Boykottkomitees verbieten jede Tätlichkeit.

Offizieller Boykottbeginn: Samstag
Es wird jedoch schon heute boykottiert
Berlin, 30. März (Tel. des „Tag“). Der Boykott jüdischer Kaufleute, Aerzte und Advokaten, der von den Nationalsozialisten beschlossen wurde und Samstag zur Ausführung gelangen soll, hat sämtliche jüdische Kreise Deutschlands alarmiert.
Gestern wurden in Mannheim, Friedrichshafen und Augsburg die jüdischen Geschäfte geschlossen und die Eingänge mit Patrouillen nationalistischer Sturmtruppen besetzt. Die Bewegung setzte in Gleiwitz, Glogau, Schwerin und Eberswalde ein, wo die jüdischen Kaufleute gezwungen wurden, ihre Läden zu sperren und ihrem Personal die Gehälter für zwei Monate voraus zu bezahlen.

Antwort in Warschau
Warschau, 30. März (Tel. des „Tag“). Eine große Anzahl von Kaffeehäusern und Restaurants in Warschau und anderen bedeutenden Städten Polens stellte den Empfang deutscher Tageszeitungen und Zeitschriften ein. Dieser Beschluß wurde zum Zeichen des Protestes gegen das Verbot polnischer Zeitungen in Deutschland gefaßt. Ebenso boykottieren die Polen die Kinotheater, in denen deutsche Filme laufen.

Die deutschen Juden an Hindenburg
Berlin, 30. März (Tel. des „Tag“). Die Vertreter der Judenschaft Deutschlands richteten an die Adresse Hindenburgs eine Erklärung, in der sie angeben, die Propaganda gegen Deutschland stets bekämpft zu haben und sie auch weiterhin zu bekämpfen. Ferner erklären sie, vollstes Vertrauen in die Person des Reichspräsidenten zu haben. Wie alle anderen Bürger seien auch sie bereit, für den Wiederaufbau Deutschlands, ihres gemeinsamen Vaterlandes, tätig zu sein.

Proteste in Amerika
New York, 30. März (Tel. des „Tag“). Vor dem deutschen Konsulat in Boston kam es zu Demonstrationen gegen die Judenverfolgungen in Deutschland. Tausende Flugzettel fordern zur Teilnahme einer am Dienstag stattfindenden großen Kundgebung auf.
Die Organisation der amerikanischen Juden verlangt von Roosevelt Erleichterungen für flüchtige Emigranten aus Deutschland.

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http://www.youtube.com/watch?v=Xh95Ijf5BjI


Seite 2

Todesfall [S. 2, links, unten]
Mittwoch ist der langjährige Beamte des Czernowitzer Magistrats, Josef Buchholz im Alter von 54 Jahren einem Nierenleiden erlegen. Mit Buchholz scheidet ein pflichteifriger Beamter, der seit mehr als 30 Jahren im Dienste der Stadtgemeinde tätig war, aus dem Leben. Das Leichenbegängnis findet Freitag nachmittags von der Friedhofskapelle aus statt.

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Wichtige Wirtschaftsfragen in der Handelskammer [S. 2, oben, Mitte]
Eigenmächtigkeiten eines Steuerkontrollors
Boykott ist keine jüdische Sache - Notlage der Apotheker


Unter Vorsitz des Vizepräsidenten Dionys v. Anhauch trat das Plenum der Handelskammer Donnerstag 4 Uhr nachmittags zu einer Sitzung zusammen, in der nach den Präsidialmeldungen als erster KR. Weißmann über Eigenmächtigkeiten des Steuerkontrollors Ghigortz, der vier Fleischhauer zu je 100.000 Lei bestrafte, weil sie keine Register führen, Beschwerde führte.
KR. Beer spricht im Namen der Kammer dem Präsidenten Vihovici für seine im Senat eingenommene Haltung in der Frage der Steuergesetze den Dank aus.
KR. Gläsner äußert sich über den Vadul Comercial und über die Not der Kaufleute, die eine 70prozentige Reduzierung des Mietzinses gegenüber dem Jahre 1929 verlangen müssen.
KR. Dr. Marcu referiert über das neue Gesetz zur Eintreibung der Steuern, das, wenn es auch einen Fortschritt aufweist, doch noch Härten und Schwierigkeiten enthält. Das Gesetz bringt den Vorteil, daß für Exekutionen nunmehr der exekutive Titel notwendig sei; hingegen ist die Bestimmung, daß die Steuerträger die Inkassoorgane kontrollieren müssen, ob sie die Berechtigung zum Inkasso haben, unsinnig. Es müsse eine Abänderung getroffen werden, daß jede Zahlung, wenn sie bei einer öffentlichen Kasse erlegt wird, Gültigkeit besitzt. Eine weitere unsinnige Bestimmung ist, daß Pächter und Mieter die Vermieter kontrollieren müssen, ob sie die Steuern bezahlt haben. Privatpersonen sollen also als Kontrollorgane der Finanz auftreten.

Traurige Bilanz des Exportes
In einem ausführlichen Exposee befaßt sich Direktor Roll mit der wirtschaftlichen Situation der Bukowina, die eine immer ärgere ist. Schon seit vier Jahren bewegt sich unser Export auf einer Abwärtslinie, ohne daß die Regierung auch nur im geringsten an Maßnahmen denkt. Wenn heute der Boykott deutscher Waren in der Welt ausgesprochen ist, so kommt dieser Beschluß nicht überraschend, denn schon lange war eine Bewegung im Zuge, sich von Deutschland wegen der ungeheueren Absperrmaßnahmen fernzuhalten. Die Zollerhöhungen in Deutschland machen einen Export unmöglich, wenn man bedenkt, daß für Eier 1.55 die Zolltaxe beträgt, während ein Ei nur 80 Bani kostet. Während im Jahre 1928 672, im Jahre 1929 1144, im Jahre 1930 bis 1530 und im letzten Jahre 1480 Waggon Eier, das ist ungefähr nun eine halbe Milliarde Lei jährlich, nach Deutschland exportiert wurde, wurde jetzt im Frühling, in der stärksten Kampagne, nicht ein Waggon exportiert. Wir müssen angesichts dieser Situation, der Absperrungsmaßnahmen und Zollerhöhungen Deutschlands andere Absatzgebiete suchen. Wir müssen von der Regierung die Aufhebung der Taxen für Eier verlangen, denn in Polen, das näher zu Deutschland liegt, gibt es Exportprämien für Eier. Wir müssen uns an Frankreich und England wenden, damit diese unsere Absatzgebiete werden.
Noch trauriger ist es mit dem Getreide, besonders mit dem Maisexport. In den letzten sechs Jahren ist immer ein Rückgang des Exportes festzustellen. Während im Jahre 1927 noch 50.000 Waggon Mais exportiert wurden, ist dieser Export im Jahre 1932 auf 6500 Waggon gefallen. In der letzten Zeit wurden nach der Czechoslowakei und nach Polen mehr exportiert und man sieht, daß sich die Struktur des Außenhandels zu verschieben begonnen hat; das alles wegen der Absperrungsmaßnahmen in Deutschland. Das gleiche gilt für andere Exportartikel wie Holz ec. Es muß also eine Neuorientierung unseres Außenhandels in der Weise erfolgen, daß auch Czechoslowakei als Importland für Mais gewonnen wird. Redner verlangt für Polen die Aufhebung der Kontingentierungsbestimmungen und sagt zum Schlusse: Boykott ist keine Provokation, es ist aber auch keine jüdische Angelegenheit, es ist nur eine Abwehrmaßnahme, und gewissen Kreisen ist es recht, daraus eine jüdische Sache zu machen, besonders Deutschland, welches den Boykott als Vorwand für weitere Absperrmaßnahmen ausnutzen will.
KR. Held spricht über die neuen Einfuhrverbote in Polen, die auf der Börse die größte Bestürzung ausgelöst haben. Mais und Hirse, die Hauptexportartikel, wurden in der letzten Kampagne nach Polen nicht exportiert. Lediglich Sonnenblumensamen und Kürbiskerne wurden im vorigen Jahr nach Polen exportiert.

Boykott deutscher Waren
KR Dr. Greif bezieht sich auf die letzten Vorgänge in Deutschland. Der bis jetzt bestehende Zwischenhandel mit Deutschland soll nun durch den neuen Kurs vernichtet werden. Die gesamte gesittete Welt, Katholiken, Protestanten, haben sich zu einem gemeinsamen Protest zusammengeschlossen und den Boykott deutscher Waren ausgesprochen. Wir müssen uns diesem Protest anschließen, bis nicht Recht und Gesetz in Deutschland eingezogen sind.
Die Rede Dr. Greifs wird von der Kammer mit starkem Beifall aufgenommen.

In Angelegenzeit der hohen Telefontaxen verlangt KR Awner eine Reduzierung, ebenso auch für interurbane Gespräche.
In einem längeren Referat befaßt sich KR Perlstein mit der Situation der Apotheken und Drogherien.
Zum Schluß verlangt KR Hammer eine Intervention für die Aufhebung der Konvertierung.

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Seite 3

Wie sie reden und drohen [S. 3, links, Mitte]
Die Juden Deutschlands sind die Geiseln …

In Karlsruhe sprach heute der Reichskommissar Robert Wagner über die nationale Resolution und verwies auf das Programm der Regierung. Auch wenn die Marxisten, sagte er, Umkehr halten sollen, wird es die Regierung nicht hindern, den Vernichtungskampf gegen diese Feinde des Staates fortzusetzen. Die Regierung wird sich auch nicht von Drohungen einschüchtern lassen. Die badische kommissarische Regierung wird sich gemäß dem gefaßten Beschluß gleichfalls dem Boykott jüdischer Geschäfte anschließen und diese Aktion unterstützen. Es liegt - so wird parteiamtlich erklärt, - an den Juden Deutschlands, dank ihren internationalen Beziehungen im Auslande, dem Boykott die Berechtigung zu nehmen. Die Regierung wird sofort dem Boykott entgegentreten, wenn der Beweis erbracht sein wird, daß die Greuelhetze im Auslande von denselben Kreisen ausgehen, die in Deutschland ausgeschaltet wurden. Die Juden sollen nun ihre Rasse in der Welt über die wahre Sachlage in Deutschland aufklären.
Zum Schlusse sagte Wagner, daß der Badische Landtag ein Antikorruptionsgesetz annehmen wird, um sich dann für längere Zeit zu vertagen. Wir wollen handeln, denn zum Sprechen haben wir nicht viel Zeit. Das Säuberungswerk in der Verwaltung werden wir weiter fortsetzen.

Einstein sagt Deutschland Adio
Antwerpen, 30. März (Tel. des „Tag“). Professor Albert Einstein langte gestern nachmittags mit dem Dampfer „Belegenland“ in Antwerpen ein. Er erklärte Pressevertretern, nicht eher nach Deutschland zurückkehren zu wollen, als bis nicht die Gedankenfreiheit und die Gleichberechtigung aller Staatsbürger gesichert sein werde. Er beabsichtigt sich für vier oder fünf Monate in Belgien niederzulassen, um hier gemeinsam mit einem Wiener Kollegen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachzugehen. Er erklärte, vollstes Vertrauen zur französischen These bezüglich der Organisation des Friedens zu haben und äußerte sich, überzeugt zu sein, daß die Regierung Hitlers zu keinem ernstlichen Konflikt führen könne.

Antisemitenexzesse in deutschen Städten
Paris, 30. März (Tel. des „Tag“). Ein Zug von mehreren Tausenden von Manifestanten demonstrierte vor den Kaffeehäusern des Kurfürstendamms in Berlin und stieß antisemitische Hetzrufe aus.
In Emden zertrümmerten heute nachts unbekannte Täter 24 Schaufenster jüdischer Kaufleute.
In Wernigerode wurden die Läden jüdischer Geschäftsinhaber zwangsweise geschlossen und die Oberhäupter der jüdischen Familien verhaftet, bald darauf jedoch von der Polizei wieder auf freien Fuß gesetzt.
In Görlitz manifestierten Tausende Nationalsozialisten und verlangten die sofortige Absetzung der jüdischen Richter.

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Deutschen Juden werden Pässe abgenommen [S. 3, oben, Mitte]
Breslau, 30. März (Tel. des „Tag“). Der Polizeipräsident von Breslau erließ eine Verfügung, in der es heißt: Es wird den deutschen Reichsangehörigen jüdischen Glaubens aufgetragen, bis spätestens 3. April ihre Reichspässe bei den in ihren Wohnorten zustehenden Revieren zu hinterlegen.
Jene, welche dieser Verpflichtung nicht nachkommen, werden zu Geldstrafen, im Nichteinbringungsfalle zu Zwangshaft verurteilt.
Wie weiters mitgeteilt wird, werden die Pässe, nachdem der Vermerk beigelegt sein wird, daß „Reisen ins Ausland nicht gestattet“ sind, den Inhabern rückgestellt. Es wird damit, wie amtlich mitgeteilt wird, die Absicht verfolgt, das Reich durch die Propaganda der Staatsangehörigen im Auslande nicht schädigen zu lasen. Außerdem soll hiedurch eine Schädigung der deutschen Wirtschaft verhindert werden.

Die Schuljugend soll vor dem kommunistischen Gift bewahrt werden
Berlin, 30. März (Tel. des „Tag“). In einem Erlasse des Unterrichtsministeriums wird allen Schulbehörden aufgetragen, mit aller Sorgfalt zu wachen, daß der Kommunismus nicht die Schuljugend erfaßt. Die Lehrer sollen die Jugend auch außerhalb der Schule bewachen.

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Seite 4

Nazi in der Kunst [S. 4, oben, links]
Berlin, 30. März (Tel. des „Tag“). In einem Vortrag erklärte Hintze, der mit der Neuordnung auf dem Gebiete der Kunst betraut ist, der neue Staat verlange für Theater, Kino und Variete die Beseitigung der jüdischen Autoren, Schauspieler und Direktoren.

(330401w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 315, Sonntag, 02.04.33

Postby Klaus Binder on 2. April 2011, 01:41

Seite 1

Nazis blasen Rückzug [S. 1, oben, links]
Nur eintägiger Boykott. Neue Drohungen an die Juden

Berlin, 31. März (Tel. des „Tag“). Reichsminister Göbbels sprach heute vor 7000 Anwälten der nationalsozialistischen Organisation über die politische Lage. Göbbels zog sehr scharf gegen die Marxisten los, die sich nun „erfrechen“, von Humanität und Verfolgungen zu sprechen, während sie die nationalsozialistische Bewegung in jeder Weise zu unterdrücken suchten. „Man hat uns die Hemden vom Leibe gezogen; uns in die Kerker geworfen und der Kampagne der internationalen Judenpresse preisgegeben. Heute sind die Marxisten, zu denen die Arbeiter wie zu Heroen hinaufgeschaut haben, unter Mitnahme von Bankenkrediten ins Ausland geflüchtet und sind in Deutschland für immer erledigt“. Der Gemeinschaftsgedanke muß den Individualismus ersetzen. Wir wollen nicht wie die Marxisten 52 Prozent, 60 oder 70, wir wollen 100 Prozent, also das gesamte Volk mit einem Netz umspannen. Die bürgerliche Presse hat es nicht notwendig, zu sagen, daß Propaganda allein nicht genüge. Das wußten wir schon früher als diese elenden Skribenten. Wir wollen doch nicht eine gute Propaganda und eine schlechte Politik machen. Wir sind uns klar über die sozialen Probleme. Wir sind nicht so naiv zu sagen, daß wir die Not der sieben Millionen Arbeitslosen nicht kennen. Solange wir aber mit politischen Mißhelligkeiten zu kämpfen haben, können wir an die sozialen Probleme nicht denken. Zuerst muß das politische Terrain gesäubert werden. Wir sagen nicht, wer jung ist, hat auch eine Zukunft: Wir sagen, weil wir eine Zukunft haben, haben wir auch die Jugend gewonnen. Das Schicksal gibt niemandem eine Berufung, wenn er dieser Berufung nicht würdig ist.
Nun sind wir soweit, daß wir die Sozialdemokraten vom Volke isoliert haben, indem eine Massenflucht nach der Schweiz und der Czechoslowakei erfolgt ist. Wir sind die Severinge und Brauns endlich losgeworden.
Nun haben wir aber mit einer anderen Kraft zu kämpfen, und zwar mit der Macht des internationalen Judentums. Die jüdische Presse in Berlin, die Ullsteins und Mosses haben ja schließlich gesehen, wie weit es mit ihnen her ist. Wir kennen gegen diese Herren keinen Pardon. Man hat Lügennachrichten in die Welt gesetzt, und so sehen wir uns im Kampfe gegen das internationale Judentum. Man hat gesagt, daß jüdische Mädchen von Nationalsozialisten vergewaltigt wurden. Ich möchte aber diesen Nationalsozialisten sehen, der zu so etwas Geschmack oder Lust empfindet.
Die Juden in Deutschland, das sei hier bemerkt, genießen hier Gastfreundschaft, die sie nicht verdienen. Wenn sie aber diese Gastfreundschaft mißbrauchen, wird mit ihnen ein Ende gemacht. Zwei Millionen Opfer klagen heute die jüdischen Zeitungen an, die geschrieben haben: Soldaten sind Mörder. Zwei Millionen Opfer klagen einen Zweig, einen Tucholsky, den jüdischen Univ.-Prof. Theodor Lessing an, die geschrieben haben, die Soldaten seien auf dem Felde der Unehre gefallen, die Soldaten hätten für einen Dreck gekämpft, oder daß der greise Feldmarschall mit einem Haarmann verglichen wurde. Wir klagen Rathenau und Eisner an. Trotz alledem: Wir haben ihnen Gnade widerfahren lassen, und das ist nun der Dank. Dafür organisieren sie im eigenen Lande, in New York und London Boykottbewegungen und hetzen die Weltpresse gegen das Reich auf. Sie fordern uns zum Kampf auf. Wir heben den Fehdehandschuh auf. Das eine sollen sie aber wissen: es wird ihnen nicht gelingen, einen Keil zwischen Reich und Volk zu legen. Und nun haben wir ein Mittel gegen die Greuelpropaganda gesucht, denn wir wollen es nicht zulassen, daß den Arbeitern die Arbeit genommen wird.
Das deutsche Volk will Frieden. Wir haben nicht die Absicht, uns unnütz Feinde zu schaffen. Wir bedauern aber die Völker, die dieser Greuelbande zum Opfer fallen. Das Ausland macht sich über uns ein falsches Bild. Daher habe ich Euch im Namen der Reichsregierung folgendes mitzuteilen:
Schon die bloße Androhung des Boykotts hat die Greuelpropaganda im Auslande abebben lassen. Der Jude hat gemerkt, daß es um seinen Kragen geht. Sie sehen, daß sie sich ins eigene Fleisch schneiden. Daher dringt im Auslande bereits eine andere Meinung über Deutschland durch.

Die Angst spricht aus Hitlers Propagandisten
Es wird nicht so heiß gegessen, als gekocht, daran muß auch Goebbels glauben
Sie werden es noch billiger geben


Morgen, um 10 Uhr vormittags beginnt der Boykott und dauert bis abends. Alles muß sich diesem Boykott anschließen. Kein Mann und keine Frau dürfen morgen bei einem Juden kaufen. Der jüdische Geschäftsladen muß morgen brach liegen. Wir haben auch beschlossen, den Juden Bedenkzeit zu geben. Von morgen abends bis Mittwoch früh tritt eine Pause ein, um zu sehen, ob während dieser drei Tage die Greuelpropaganda aufgehört hat. Wenn sie aufgehört haben wird, sind wir bereit, das normale Leben wieder eintreten zu lassen. Sollte es aber nicht der Fall sein, so setzt am Mittwoch der Boykott wieder ein, der so weit gehen wird, daß das Judentum in Deutschland vernichtet wird. Man soll an unserer Entschlossenheit nicht zweifeln. Wir erwarten aber von der deutschen Nation, daß sie Ruhe bewahrt. Der Boykott muß ein Schauspiel der Disziplin bilden, damit nicht das Ausland zu uns kommt und sagt: Habt ihr denn die Waffen in den Händen! Wir wollen kämpfen, aber nur mit legalen Waffen. Niemand wird tätlich angegriffen, keine Bank wird die Schalter sperren, denn wir wollen nicht, daß die Arbeiter morgen ihre Löhne nicht beheben. Wir wollen nur diejenigen treffen, die es verdienen, und zwar mit einer solchen Wucht, daß ihnen Hören und Sehen vergeht. Der Führer Hitler fordert daher zur Disziplin auf, und wir müssen ihm wie bis heute treue Gefolgschaft leisten und seine Anordnungen nicht ignorieren. Kein Boykottposten wird ein jüdisches Geschäft betreten, er wird nur vor der Tür stehen und deutsche Männer und Frauen aufklären, daß sie in jüdischen Geschäften nicht kaufen dürfen. Wenn ein Spitzel der Kommunisten provozieren sollte, packt ihn und übergebet ihn der Polizei! Hütet Euch vor Provokateuren! Und morgen abends sollen die Juden wissen, daß es kein Spaß ist, mit uns zu spielen.
Wir wenden uns an alle, die es ehrlich mit uns meinen, mit uns mitzuarbeiten. Wir wollen aber auch das Staatsleben säubern, und zwar nicht nach der Methode: Wasch mir den Pelz und mach mich nicht naß!

(330402w1)


Seite 2

Handelskammer [S. 2, Mitte]
In der am Donnerstag stattgefundenen Sitzung der Handelskammer wandte sich KR. Rudich in scharfer Weise gegen die hohen Telefontaxen, die den Kaufmannstand ruinieren. Redner führte aus, daß während früher eine Nebenstelle nur 2000 Lei kostete, heute von der Telefonverwaltung über 10.000 Lei verlangt werden.
Direktor Roll: Die Amerikaner benötigen Geld.
KR. Rudich stellt den Antrag, die Kammer möge bei den kompetenten Stellen intervenieren, damit die Taxen für alte und neue Abonnenten ebenso für interurbane Gespräche reduziert werden.
Präsident Anhauch: Es wäre gut, wenn man sich mit Oradea und Temesvar, wo die Telephonabonnenten bereits eine energische Aktion eingeleitet haben, in Verbindung setzt, um gemeinsam die Schritte für eine Verbilligung zu unternehmen.
Zur Kontingentierung erklärt KR. Rudich, daß er schon 12 Jahre Vertreter der Underwood Maschinen ist, und daß ihm nun 11 Kilogramm Maschinen aus Italien zugewiesen wurden. Dieses Quantum stelle bloß 1 1/2 Maschinen dar. Schon dieses Beispiel sei für den Unsinn der Kontingentierung charakteristisch.
Zur Notlage der Apotheker spricht KR. Perlstein, der sich gegen das Gesetz, welches Erleichterungen für die Beschaffung von Apothekerkonzessionen gewährt, ausspricht. Bis jetzt war für 5000 Einwohner eine Apotheke bestimmt. Nach der letzten Berechnung hat Czernowitz eine Einwohnerzahl von 110.000 und in der Folge auch 22 Apotheken. Das neue Gesetz gibt aber die Möglichkeit, daß auf 3000 Einwohner eine Apotheke kommt, somit dieser Stand vermehrt wird, was die Vernichtung der Existenz der bestehenden Apotheken bedeutet. Die Kammer möge gegen die Gesetzwerdung des neuen Projektes Stellung nehmen.

(330402c2)


Seite 3

Boykott hüben und drüben [S. 3, links, Mitte]

Berlin, 31. März. Die Boykottbewegung ist bereits im vollsten Gange und wird mit fieberhaftem Eifer betrieben.
Jüdische Rechtsanwälte finden bei den Gerichten keinen Einlaß mehr. Die Zeitungen nehmen Inserate jüdischer Firmen nicht mehr auf. Eine große Anzahl jüdischer Geschäfte hat freiwillig ihren Betrieb geschlossen, darunter auch das große Kaufhaus Althoff. Auf dem Schlachthof wurden die Schächtmesser von S.A.-Leuten beschlagnahmt. Jüdischen Hochschullehrern wurde das Betreten der Westfälischen Landesuniversität verweigert.
Als Vergeltungsaktion für die „Greuelpropaganda“ und Boykottbewegung gegen Deutsche im Ausland wurden in Görlitz 37 Personen, und zwar zwei jüdische Richter, fünf jüdische Rechtsanwälte und 30 jüdische Geschäftsleute als Schutzhäftlinge in das Polizeigefängnis eingeliefert.

Warschau, 31. März. Die polnischen Konsulate berichten aus dem Rheingebiet:
In Duisburg überfielen S.A.-Leute den Rabbiner Beraisch in seiner Wohnung, zerrten ihn auf die Straße, hüllten ihn in eine republikanische Fahne und trieben ihn in dieser Kostümierung unter allgemeinem Gejohle durch die Straßen. Die Frau des Mißhandelten wurde von den S.A.-Leuten blutig verprügelt. Die Polizei schritt nicht ein.
Der polnische Konsul in Essen überreichte dem Regierungspräsidenten eine Beschwerde gegen die häufigen Judenmißhandlungen.
In Köln drangen S.A.-Leute in die Wohnung des polnischen Kaufmanns Abraham und bedrohten ihn und seine Frau mit dem Tode. Aus Angst vor Mißhandlungen sprang die Frau aus dem Fenster und brach beide Füße. Abraham wurde blutig geschlagen.

Protestversammlung gegen Judenhetze in Paris
Paris, 31. März. Für den 5. April wurde eine Protestversammlung gegen die Judenhetze in Deutschland anberaumt, an der viele hervorragende Persönlichkeiten Frankreichs, darunter die Senatoren Caillaux und Godart, Painlavè, der Vorsitzende der Liga für Menschenrechte Basch, Rechtsanwalt Abg. Dr. Campinchi, Universitätsprofessor Oualid, zahlreiche Bischöfe der protestantischen Kirche usw. teilnehmen werden.

Filmboykott in Polen
Warschau, 31. März. In ganz Polen wurde als Antwort auf das Verbot des Konzertes Jan Kiepuras in Leipzig und Dresden ein Boykott gegen deutsche Filme proklamiert. In Warschau wurden alle zur Zeit laufenden deutschen Tonfilme vom Spielplan abgesetzt. In Wilna und Posen riß das Publikum die vor den Kinotheatern angebrachten Photographien deutscher Filme und die Plakate herab. In Bialystok wurde ein Kino, in dem ein Ufa-Film lief, vom Publikum gänzlich demoliert.

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Seite 5

Dokumentenfälschungen, Verbrecherhandschrift, Drohbriefe [S. 5, oben, links]
Von Helios Hecht

Gerichtsmedizin und Psychiatrie haben ihr Seitenstück und zugleich ihre Ergänzung in der modernen, von den meisten Kulturstaaten bereits anerkannten Gerichtsgraphologie. Das Erkenntnismaterial von Verbrecherhandschriften darf man theoretisch als bereits sichergestellt betrachten, praktisch wird jedoch die Psychographologie vorläufig nur zur Identifizierung von Dokumentenfälschungen und anonymen Zuschriften zu Rate gezogen.
Wohl haben schon Denker früherer Zeiten die Vermutung vom geborenen Verbrecher ausgesprochen, dessen degenerative Wesensmerkmale gegeben seien. Bis dahin galt also in der Strafrechtspflege die Norm, Recht müsse um jeden Preis geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde. Dieser starre, Recht und Freiheit des Individuums nicht berücksichtigende Geist mußte einer modernen, psychologisch wohlbegründeten Rechtsauffassung weichen, wonach Recht geschehen müsse, damit die Welt erhalten bleibe: Fiat justitia, ne pereat mundus. Der Richter urteilt über das Verbrechen oder Vergehen, der Psychiater aber hat nur Qualität und Quantität der Verantwortungs-, beziehungsweise Zurechnungsfähigkeit des Inkriminierten zu untersuchen. Ein Gleiches kann die Gerichtsgraphologie ermitteln, wenn sie auch ein ganz anderes Untersuchungsfeld zu beleuchten hat. Für den Juristen kommt die vollendete kriminelle Handlung, für den Psychographologen nichts mehr als die psychische Beschaffenheit des Angeschuldigten in Betracht. So mag aus Hunger verübter Diebstahl vom Gesetze geahndet werden, die Schrift enthält aber keine graphischen Merkmale von moralischen Defekten. Es zeigen sich vielleicht nur die nachhallenden Spuren seelischer Pein und physischer Not. In der Tat sind viel Verbrecherschriften derart durchwirkt von pathologischen Merkmalen, daß man niemals mit reinem Gewissen sagen kann, wo die Verantwortlichkeit noch vorhanden ist, indessen sind wir in der Lage, Grenzpfähle zwischen Widerstandsfähigkeit und Zwangshandlung in der Schrift aufzurichten. Wir wissen, wie sich Neigung, Triebhaftigkeit und Hemmung manifestieren, versagen aber, die äußere Veranlassung zu erkennen, welche die verbrecherische Handlung begünstigte. Psychiatrie und Graphologie sind nur Grenzwissenschaften, können also nicht gleich der Mathematik exakte Resultate bringen, und mit der reichen Verbrecherschriftensammlung eines modernen Polizeiarchivs werden wir doch nichts weiter anzufangen wissen, als das ganze Arsenal moralischer Defekte und psychischer Degeneration in eine Tabelle zu bringen. Den zündenden Anlaß aber, das Emporschlagen der Flamme, die den letzten Rest moralischen Widerstandes bei Begehen der Tat verzehrte, können wir vorläufig nicht ermitteln.
In meiner Praxis an Gerichtshöfen des Landes und besonders beim Czernowitzer Tribunal komme ich oft in die Lage, bestrittene Testamentsunterschriften, Wechselfälschungen, Drohbriefe und anonyme Schriften unter die graphologische Lupe zu nehmen und mannigfache menschliche Defekte zu registrieren. Es ist wohl wenig bekannt, daß Anonyme aus ihrer Schreibgewohnheit fallen und den Duktus ins Linksschräge verlegen. Die meisten Menschen schreiben rechtsschräg, Steilschrift kommt nur bei strammen, pedanten, vom Verstande allein geleiteten Naturen vor. Die gewiegtesten Verbrecher verraten sich oft durch Nichtverwischung einer scheinbar unwesentlichen Spur, und mit derlei rechnet die Sherlock Holmes-Findigkeit. Fälscher und Anonyme behalten in ihren Schriften den individuellen Charakter der I-Punkte, U-Haken, Akzente und Querstriche bei. Da findet der Graphologe dann reichliches Identifizierungsmaterial, dabei sind freilich noch Winkellage, Schriftgröße und Druck zu beachten. Nicht selten bedienen sich Drohbriefschreiber der litographieähnlichen Blockschrift, bei der die Identifizierungstechnik auf große Schwierigkeiten stößt.
Der Bürgermeister einer Ortschaft der Bukowina übergab mir die Untersuchung einer Blockschrift, die eine gegen ihn gerichtete Lebensbedrohung enthielt. Zur Identifizierung stellte die Gendarmerie mehrere der in Verdacht stehenden Personen niedergelegten Handschriften bei, darunter aus formellen Gründen auch die des Bürgermeisters. Ich erbrachte aus dem lückenhaften Beweis, daß der Anzeiger selbst aus gewissen Motiven die Drohbriefe an sich gerichtet hatte. Er bestritt meine Findung nicht recht, und ich machte natürlich keinen Gebrauch davon. Von zwei miteinander minutiös übereinstimmenden Unterschriften würde die Echtheit der einen bestritten. In der Tat war sie gefälscht und mittels guter Nachzeichnung auf durchsichtigem Glanzpapier imitiert. So bedient sich der Fälscher zuweilen eines denkungewohnten Verfahrens, das durch graphologische Kenntnisse allein nicht aufgehellt werden kann.
Wo keine Entscheidung getroffen werden kann, da lautet das Resultat negativ, und Richter und Anwälte müssen die anderen Punkte des Beweisverfahrens zur Rechtsfindung heranziehen. Auch Harmlosigkeit oder Gefährlichkeit von Drohbriefen verraten sich in ihrem charakteristischen graphischen Ausdruck. Es gibt herostratische Menschen, die um jeden Preis von sich reden machen wollen, das ist eine Art von Verdrängung eines erotisch gefärbten Exhibitionismus, wobei der Täter den Genuß hat, in ein Interessenzentrum zu kommen, ohne erkannt zu sein. Ich habe in meiner Sammlung einige solcher blutrünstiger Drohbriefe, die dennoch harmlos sind, mit gekreuzten Totenschädeln oder schwarzen Kreuzen als Warnungsmale hingezeichnet.
Den seltsamsten Fall meiner Praxis hatte ich vor etwa drei Jahren in New York. Eine junge Frau kam in höchst aufgeregter Verfassung in mein Büro, ich sollte ihr behilflich sein, mehrere an ihren Mann gerichtete Verleumdungsbriefe, die ihre eheliche Untreue aussprachen, auf den Urheber zu identifizieren. Da sie mir bei diesem Anlasse auch ihre eigene Schrift zur Charakteranalyse übergab, fand ich nach einiger Zeit in der Frau selbst die Urheberin der gegen sie gerichteten Verleumdungen. Als ich ihr das Ergebnis kurzerhand mitteilte und mein Befremden ausdrückte, verlor sie die Haltung und bekannte, sie wollte ihren Mann, den sie liebe, eifersüchtig machen. Ich sollte ihn ja nicht in den Sachverhalt einweihen. Er kam an einem der nächsten Tage, - ein lieber, gutmütiger, naiver und wortamer Mensch, - und gestand mir, daß er seine Frau liebe und sie trotzalledem nicht einen Augenblick lang verdächtige. Ich hielt es für ratsam, ihm das Geheimnis zu eröffnen; er war sichtlich ergriffen, gerührt und versprach Verschwiegenheit in der Sache und ein herzlicheres Sichbefassen mit seiner Frau.
Der letzte Fall, den ich nun kurz mitteile, dürfte selbst dem erfahrungsreichen Psychoanalytiker ungewöhnlich erscheinen: Ein hochgradig hysterisches Mädchen richtet mehr als ein Dutzend feuriger, erotisch eindeutiger Briefe an sich selbst, bringt sie zur Post, empfängt und liest sie mit hochklopfendem Herzen. Nun bringt sie mir alle die leidenschaftlichen Ergüsse zur mutmaßlichen Feststellung und Beurteilung des Schmachtenden. Sie entrichtet das Honorar, schreibt die Adresse nieder, wohin die Expertise zu senden sei, und - da zeigt es sich in beiden unverstellten, höchst charakteristischen, weil hysterischen Frauenschriften, daß sie selbst das Doppelwesen ist, Liebende und Geliebte zugleich. Sie tut anfangs erzürnt, bekennt dann, erklärt, sie habe meine Fähigkeit prüfen wollen - und bleibt meine Klientin. Auch dies ist in New York geschehen.

(330402a5)


Seite 6

Wirtschafts-„Tag“
Pessimismus überwiegt. / Wirtschaftliche Neuorientierung Rumäniens. / Kartelle
Wochenrundschau von PLUTUS

Wenn am Schlusse der vorigen Woche die Resonanz der politischen und diplomatischen Aktion MacDonalds noch undeutlich und verworren in der allgemeinen Weltpolitik erklang, so hat sich die Stellungnahme der einzelnen Mächte in der abgelaufenen Woche doch schon mehr geklärt, und unsere pessimistische Beurteilung im vorwöchentlichen Bericht der Aussichten dieser Aktion scheint sich zu bewahrheiten. Nicht nur die Kleine Entente, sondern auch Frankreich hat sich gegen die Politik MacDonald-Mussolini ausgesprochen. Auch sonst herrscht in der Welt keine große Begeisterung für den Plan der Zusammenarbeit der vier Großmächte, weil man in demselben eine Bedrückung der kleinen Nation erblickt und man überdies daran zweifelt, daß bei der gegenwärtigen politischen Konstellation es überhaupt möglich ist, daß Deutschland und Frankreich in einer Entente zusammen arbeiten könnten. MacDonald, welcher schon seit ungefähr einem Jahre eine ausgesprochene Politik der Heranziehung Deutschlands an die Mitarbeit zur Wiederherstellung Europas verfolgt, und sowohl in der Reparations-, als auch in der Abrüstungsfrage für Deutschland die größten Vorteile erwirkte, setzte diese Politik noch immer fort, trotzdem sich die politische Struktur Deutschlands so vollständig geändert hat. In seinem grenzenlosen Optimismus glaubt MacDonald ernstlich, daß es möglich ist, eine Anpassung der Staaten mit faschistischer und demokratischer Einrichtung aneinander zu bewirken.

Die Resultate seiner Reise nach Rom sind aber vorläufig so, daß eine Hoffnung auf das Zustandekommen der Viermächtezusammenarbeit geringer ist als je.

Es ist schwer für den Berichterstatter, die wirtschaftlichen Ereignisse und Maßnahmen, welche in der vorigen Woche zu verzeichnen waren, von den politischen Vorgängen zu trennen. Es ist aber auch schwer, mit dem kühlen Blute zu den Ereignissen Stellung zu nehmen.
Denn das, was sich unter dem Namen

„Wirtschaftliche Boykottbewegung, Greuelpropaganda und Antigreuelberichterstattungs-Propaganda“
abspielt, hat sich wohl in keiner geschichtlichen Periode in einem solchen Ausmaße ereignet. Der ganze angesammelte Haß, die politischen und Rassengegensätze, aber auch die Niedrigkeit der Gesinnung aller derjenigen, welche sich skrupellos jeder starken Hand anschließen, kommen zum Vorscheine. Wir erleben das traurige Schauspiel, daß jüdische Organisationen in Deutschland aus Angst und Sorge um ihre eigene Existenz, namentlich unter Zwang, gegen ihre Volksgenossen auftreten und die Boykottbewegung öffentlich verurteilen, ja verlautbaren lassen, daß alles in Ordnung ist, während man zu gleicher Zeit trotz der Zensur, trotz der Absperrungsmaßnahmen für das Durchdringen der Nachrichten aus Deutschland, erfährt, daß Plünderungen, Verwüstungen jüdischer Geschäfte an der Tagesordnung sind. Ja, man kann täglich die heftigsten Reden im Radio mitanhören, die heftigsten Drohungen vernehmen und auch aus den amtlichen Reden und Verlautbarungen selbst erfahren, wieviel Unheil täglich an jüdischem Gut und Blut angerichtet wird. Ob die Boykottbewegung in der Welt freilich rein moralischen Motiven der kapitalistischen Umtriebe entsprungen, ist eine andere Sache, aber sie ist vollständig erklärlich schon aus der ganzen wirtschaftlichen Einstellung des neuen Deutschlands. Der autarkistische Gedanke in der Wirtschaftspolitik Deutschlands, welcher schon vor der Uebernahme des Regimes durch die Nationalsozialisten stark hervortrat, ist jetzt zur Reinkultur ausgebildet worden. Die Absperrung von der Außenwelt durch enorme Zollerhöhung hat naturgemäß die Vergeltungsabsichten der anderen Staaten hervorgerufen, und die jetzigen politischen Ereignisse in Deutschland bilden den besten Anlaß für die Verwirklichung dieser Absichten, welche in der Form der Boykottbewegung zum Ausdrucke kommen. Wenn sich Deutschland für die Einfuhr von Nahrungsmitteln aus aller Welt absperrt, so hätte die Welt darauf erwidert, auch wenn der Anlaß zur Boykottbewegung nicht aus den Verfolgungen der Juden entstanden wäre.
Wenn wir in Rumänien selbst die Situation von rein wirtschaftlichen Motiven betrachten und jede politische Nebenabsicht vollkommen außeracht lassen, so müßten wir feststellen, daß sich

in unserem Güteraustausch mit Deutschland
eine Aenderung vollzogen hat, welche uns zum großen Nachteile gereicht. Unsere aktive Handelsbilanz mit Deutschland verwandelt sich in der letzten Zeit zu einer passiven. Die Ausfuhr von Getreide und Mais sinkt von Jahr zu Jahr, und noch haben die Verschärfungen der Einfuhrbeschränkungen nicht aufgehört. Unsere Holzausfuhr nach Deutschland ist auf den fünften Teil gesunken, und ein Beispiel der letzten Tage soll den Verlust des deutschen Absatzgebietes für uns besonders illustrieren. Wir haben unseren Eierexport nach Deutschland bis Ende dieses Jahres aufrechthalten, sogar entwickeln können. Die letzten fünf Jahre weisen folgende Exportziffern über unsere Grenze allein auf:

1928 672 Waggons
1929 1144 "
1930 1530 "
1931 1230 "
1932 1480 "

Nun hat Deutschland den Zollsatz für Eier auf 70 RM per 100 Kgr, das sind RM 55 per Doppelkiste erhöht, was Lei 1.50 per Ei ausmacht und dadurch die vollständige Inhibierung unseres Exportes nach Deutschland bewirkt. Von den oben erwähnten Zahlen kommen 80-90 % jährlich für Deutschland in Betracht, und wenn man bedenkt, daß der Eierexport zeitweise den Wert von einer halben Milliarde Lei erreicht, (bei den jetzt gesunkenen Preisen beträgt er allerdings kaum die Hälfte), so kann man ermessen, was der Verlust des Eierexportes nach Deutschland allein bedeutet. In den letzten zwei Wochen, also seit Inkrafttreten des neuen Zolles, ist trotz der begonnenen Frühjahrs-Campagne nicht ein einziger Waggon Eier nach Deutschland exportiert worden.
Ein anderes Beispiel, ebenfalls die Veränderung kennzeichnend, welche in dem Güteraustausch mit Deutschland eingetreten ist:
Im Jahre 1927 haben wir über Czernowitz allein 6000 [60.000] Waggons Mais à 10 Tonnen in’s Ausland exportiert, wovon ungefähr 80 % also cca. 48.000 Waggons auf Deutschland entfielen. Im Jahre 1928 betrug noch der Export 20.000 Waggons, im Jahre 1930 noch 10.000 Waggons, im Jahre 1932 schon bloß 6500 Waggons, von welchen nach Deutschland im ganzen 1928 Waggons, also genau 30 %, exportiert wurden. Es ist bemerkenswert, daß in den letzten Jahren sich das Verhältnis des Maisexportes in Bezug auf die importierenden Länder stark zu Gunsten der Czechoslowakei verschoben haben, bezw. der Maisexport nach der Czechoslowakei übersteigt bereits den nach Deutschland. So haben wir im Jahre 1931 von den exportierten 7600 Waggons über Czernowitz 4200 Waggons nach der Czechoslowakei und bloß 1000 Waggons nach Deutschland exportiert.
Von den im Jahre 1932 exportieren 6500 Waggons Mais über Czernowitz sind 2800 nach der Czechoslowakei und 1900 nach Deutschland exportiert worden. Die größere Ausfuhr nach Deutschland als im Jahre 1931 ist darauf zurückzuführen, daß Deutschland diesmal mehr Kleinmais genommen hat. Im ganzen aber sehen wir, welche geringe Bedeutung der Export nach Deutschland bereits besitzt. Es ist daher erforderlich, daß wir eine Neuorientierung in unserer Handelspolitik vollziehen.

Das unglückselige Kontingentierungssystem,
für dessen Aufhebung immer weitere Kreise einsetzen, hat uns aber auch den Verlust des Exportes nach Polen verursacht. Wir müssen nun das Kontingentierungssystem so anwenden, daß wir der neuen Struktur unseres Außenhandels Rechnung tragen, das heißt die Länder, welche unsere Waren abnehmen, begünstigen. In erster Linie ist es die Czechoslowakei, welche für den Güteraustausch bei uns in Betracht kommt, und es geradezu als Glück zu verzeichnen, daß in der Kleinen Entente sich ein Staat befindet, dessen wirtschaftliche Struktur verschieden von der unsrigen ist, daß wir uns also ergänzen können. Die Czechoslowakei ist ein Industrieland ersten Ranges, bedarf der Einfuhr von Mais und Vieh, und wir können von dort in erhöhterem Maße Industrieartikel beziehen, als es bis jetzt der Fall war. Namentlich Garne, Stoffe und Maschine. Großes Gewicht müssen wir auch legen auf die Eroberung des französischen Marktes, namentlich, was den Export von Geflügel, Eiern und Holz anlangt. Frankreich müßte uns große Kontingente geben und natürlich wir ihm Kompensationen. Noch nie war die politische Konstellation so günstig, um gerade mit Frankreich einen guten Handelsvertrag abzuschließen. Große Beachtung verdient auch der englische Markt für unsere Produkte, namentlich für Holz, Mais und Eier, welch letzteren Artikel wir schon in früheren Jahren nach England exportierten.
Eine große Aufgabe, ja die größte steht unserer Regierung in Bezug auf die

Neugestaltung unseres Verkehrs mit dem Auslande,
wie es schon aus diesen wenigen vorangehenden Zeilen hervorgeht, bevor. Was die innere Wirtschaft anbelangt, verdienen einige in Vorbereitung bezw. Beratung stehenden Wirtschaftsgesetze besondere Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit. Vor allem ist es

das Kartellgesetz
welches die Tätigkeit der Kartelle reglementieren und kontrollieren soll. Es ist bekannt, daß die Kartelle im allgemeinen sich einer großen Unbeliebtheit in der Bevölkerung erfreuen, weil man in ihnen in erster Linie das Instrument zur Verteuerung lebenswichtiger Artikel erblickt. Die Regelung des Kartellierens gehört zu den schwierigsten Problemen der Volkswirtschaft, und es ist interessant, daran zu erinnern, daß es fast auf den Tag fünfzig Jahre sind, daß unser verstorbener Professor Friedrich Kleinwächter als erster ein Werk über die Kartelle geschrieben hat. Seit dieser Zeit ist keine Schrift und kein Buch über Kartelle erschienen, welche nicht auf das große Werk Kleinwächters Bezug nehmen würden. Wovor man [sich] bei uns am meisten fürchtet ist, daß bei der Reglementierung des Kartellwesens und bei Handhabung des Kartellgesetzes nicht die allgemeinen volkswirtschaftlichen Interessen, sondern die Interessen einzelner mächtiger Wirtschaftsgruppen zum Schaden der Allgemeinheit gewahrt werden. Eine eingehende Besprechung des Kartellgesetzes sei darum vorbehalten, aber schon hier müssen wir hervorheben, daß bei Bewilligung von Kartellen ein großer Gesichtspunkt nicht außer Acht gelassen werden darf, nämlich der, daß die Produktion mit den allgemeinen Bedürfnissen der Gesamtbevölkerung übereinzustimmen hat, daß die Produktion also nicht einen festzustellenden Umfang unterschreiten darf, und daß durch die Kartellierungen Arbeiter- und Beamtenentlassungen nicht vorgenommen werden dürfen. Wir haben nichts dagegen, daß dem Unternehmertum ein anständiger Profit gesichert wird, aber unter Sicherung der Beschäftigung aller Arbeiter und Angestellten, die früher, das heißt vor der Kartellierung bei den betreffenden Unternehmungen Beschäftigung hatten.
Ein weiteres Prinzip ist, entgegen den jetzigen Bestimmungen des Kartellgesetzentwurfes, die Oeffentlichkeitspflicht aller Kartellabmachungen. Die beste Kontrolle für schädliche Machenschaften der Kartelle bildet immer die Oeffentlichkeit.
Von den weiteren Gesetzen sei der

Vadul Comercial
erwähnt. Hier muß das Prinzip ausgesprochen werden, daß der Kaufmann und Gewerbetreibende grundsätzlich den Anspruch auf das Lokal besitzt, das heißt, es darf an keinen anderen vermietet werden, wenn der bisherige Mieter das Lokal behalten will. Was die Mietzinshöhe anbelangt, so muß dieselbe dem Index unserer einheimischen Produkte gleichgestellt werden. Die würde ungefähr 30 Prozent der Miethöhe von 1929 bedeuten.
Zu erwähnen sei noch das neue Projektgesetz über die Regelung des Bankenwesens, welche jedoch in dieser Session nicht zur Beratung gelangen dürfte. Wie wir aber schon in unserem früheren Bericht immer wieder betont haben, so müssen wir auch diesmal unseren Bericht damit schließen, daß nicht die Gesetze die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage hervorzubringen geeignet sind, sondern die Handelspolitik. Wie dies zu machen ist, haben wir des öftern und auch im jetzigen Bericht gezeigt.

(330402r6)


Seite 7

Vijnita [S. 7, rechts, Mitte]
(Rückgekehrt). Hier ist der Kaufmann Josef Breger aus Deutschland eingetroffen. Er hatte sich dort vor mehreren Jahren als Kaufmann niedergelassen. Vor einigen Tagen erhielt er die Ausweisung. Beim Abschied versetzten ihm die Nationalsozialisten zwei Messerstiche.

(330402i7)


Adancata [S. 7, rechts, Mitte]
(Gräßlicher Selbstmord eines 18jährigen). Sonntag, den 26. d. M. um 8 Uhr abends, hat der 18jährige Vasile Kuroliak auf entsetzliche Weise Selbstmord verübt: Mittels eines gestützten Karabiners jagte er sich eine Kugel in den Kopf, die wegen des kurzen, abgesägten Karabinerlaufes ihm den Kopf in mehrere Stücke zerriß, so daß das Gehirn nach allen Seiten flog. Die Ursache konnte bisher nicht aufgeklärt werden. --

(330402t7)


Seite 8

Protest in der ganzen Welt [Seite 8]

Frankreich gegen Religionskriege
Scharfe Angriffe an die Adresse Deutschlands

Paris, 31. März (Tel. des „Tag“). Das bekannte nationalistische Organ „Journal des Debats“ befaßt sich in einem Artikel, betitelt „Für die Freiheit des Glaubens“ mit der Situation in Deutschland und schreibt: „Wenn in Deutschland nur von Volksunruhen sporadischer Natur die Rede wäre, würde man die Sache nicht so ernst nehmen. Es ist aber von offiziellen Maßnahmen die Rede, die, intellektuell und materiell beurteilt, einen Teil der Bevölkerung eines zivilisierten Staates außerhalb jedes Gesetzes stellen. Diese Maßnahmen erzeugen eine Stimmung, die in der gegenwärtigen Zeitepoche unglaublich scheint. Gegenüber der Freiheit des Gedankens und des Glaubens haben wir in Frankreich eine zu große Achtung, als daß wir unsere volle Sympathie denjenigen, deren religiöser Glauben hier im Spiele ist, nicht aussprechen sollen. Wir sind geneigt zu glauben, daß der allgemeine Protest, der auch in Staaten, deren Freundschaft zu Deutschland nicht angezweifelt werden kann, zum Ausdruck kommt, einen Reflex auf die Führer dieser Bewegung werden wird. Es gibt nichts häßlicheres als in diesen Zeiten einen Religionskrieg zu führen.

Deutsche Volksmassen gegen Boykott
Der Berliner Korrespondent der „Times“ berichtet seinem Blatte, daß die Boykottbewegung gegen die Juden nicht einer spontanen Bewegung entspringt und daß die deutschen Massen an der Aktion Hitlers nicht teilnehmen.

Protest französischer Rabbiner
Morgen Samstag treten die Großrabbiner mit den Vertretern des jüdischen Kultus zusammen, um gegen die Verfolgungen der Juden in Deutschland Protest zu erheben.

Gegen den Antisemitismus
Die „Frankfurter“ Zeitung schreibt:
Die Ausschaltung eines Teiles des wirtschaftlichen Lebens durch den Boykott jüdischer Geschäfte bedeutet keinesfalls ein günstiges Zeichen. Alle Maßnahmen in Deutschland beweisen die Ideologie und den Antisemitismus, mittels welcher das neue Deutschland aufgebaut werden soll. Wenn Hitler glaubt, Antisemitismus zu säen, wo wird dieser Samen ungünstige, ja vielleicht verderbliche Blüten zeitigen.

Protest auf allen Linien
In London erschien der Führer der Arbeiterpartei Landsbury beim deutschen Botschafter und protestierte gegen die Judenverfolgungen in Deutschland.

Repressalien gegen Deutschland
Englische Bankkreise verfolgen mit der größten Besorgnis die Ereignisse in Deutschland, durch welche für die Auslandsgläubiger Deutschlands eine Gefahr besteht. Man erörtert die Ergreifung von Repressalien gegen Deutschland.

Eine amerikanische Delegation in Berlin
Das amerikanische Komitee zur Verteidigung der religiösen und Minoritätenrechte beschloß, eine Delegation nach Berlin zu entsenden, um an Ort und Stelle die Situation zu untersuchen. Diese Delegation besteht aus einem Protestanten, Katholiken und Juden.

Einstein gibt die preußische Staatsangehörigkeit auf
Brüssel, 31. März (Tel. des „Tag“). Professor Albert Einstein teilt in einem Brief an die deutsche Botschaft in Brüssel die Absicht mit, die preußische Staatsangehörigkeit aufzugeben, die er als Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaft erlangt hat. Er betont im übrigen in einem Brief, daß er Schweizer Bürger sei.

Französische Proteste
An der großen für den 5. April anberaumten Protestversammlung gegen die Judenverfolgung in Deutschland werden eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten des französischen öffentlichen Lebens teilnehmen, darunter die Senatoren Caillaux und Godart, der Abgeordnete Painlevè, der Vorsitzende der Liga für Menschenrechte Basch, der Abgeordnete und Rechtsanwalt Campinchi, der Universitätsprofessor und Rechtsgelehrte Oualid, die Vorstände der französischen protestantischen Kirche, die Pastoren Monod und Gautier, sowie der Großrabbiner von Frankreich Levy.

Auswirkungen nicht abzusehen
Berlin, 29. März. Der Eindruck, den der Aufruf der nationalsozialistischen Partei zum Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte hervorrief, ist in allen nicht nationalsozialistischen Kreisen der Bevölkerung einfach ungeheuer. Man vermag sich die Auswirkungen des Boykotts nicht auszudenken. Daß er ein geeignetes Mittel gegen die Verbreitung falscher Greuelmeldungen im Auslande sein könnte, wird bezweifelt. Die Maßnahmen dürfte Tausende und aber Tausende von Existenzen vernichten, wobei auch zehntausende Nichtjuden in Mitleidenschaft gezogen werden dürften.

*
Die „DAZ“ wagt folgende Äusserung:
„Wir halten es für selbstverständlich, daß die nationalsozialistische Parteileitung und Reichsregierung vor dem tatsächlichen Beginn des Boykotts die Lage noch einmal vom Standpunkte des Gesamtinteresses der deutschen Nation überprüfen werden und bitten sie dabei, auch etwaige Rückwirkungen für die 12 Millionen Deutsche in Rechnung zu stellen, die außerhalb der Reichsgrenzen in den europäischen Staaten leben.“
Die „Vossische Zeitung“ bringt den Mut auf zu folgenden Ausführungen:
„Wir lassen in diesem Moment bewußt die Stimme der Gerechtigkeit schweigen. Wir wollen nur daran erinnern, daß der Boykott sich gegen die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens richtet, die es mit der Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten im Krieg und Frieden sehr genau genommen haben, und daß die Drahtzieher der unverantwortlichen Hetze gegen Deutschland, die an der Erfindung und Verbreitung von Schandmärchen beteiligt waren, ungeschoren bleiben. Wir wollen ferner daran erinnern, daß ein Boykott der jüdischen Geschäfte auch unabsehbare Folgen für sehr breite Kreise der gesamten deutschen Wirtschaft haben muß, denn es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß man die jüdischen Firmen ohne ernstliche Schäden für das Ganze aus dem Gefüge der Gesamtwirtschaft herausschälen und durch Boykott vernichten könnte.“

Kein Aprilscherz
Der Boykott beginnt

Berlin, 31. März (Tel. des „Tag“). Auf Anordnung der nationalsozialistischen Parteileitung wird den Betriebsstellen folgendes mitgeteilt:

Morgen, Samstag, den 1. April 1933, 10 Uhr vormittags, haben sich die Führer der nationalsozialistischen Betriebszellen in Verbindung mit den nationalsozialistischen Arbeiterräten mit den Leitungen der jüdischen Geschäfte in Verbindung zu setzen und eine dreimonatliche Vorauszahlung der Gehälter an nichtjüdische Angestellte zu fordern.
Der Führer der Betriebszellen in jedem jüdischen Geschäft wird zum nationalsozialistischen Kommissar ernannt.
Er hat darauf zu dringen, daß keine Entlassung eines Nichtjuden erfolgt.
Sämtliche jüdischen Angestellten sind zu entlassen, wobei Neugetaufte in die Klasse der Juden fallen. Diese Anordnung muß von allen Geschäftsleitungen durchgeführt werden.
Sollte sich ein Geschäftsmann der Anordnung nicht fügen, ist sofort die Leitung des Gaus in Großberlin in Kenntnis zu setzen, der dann die erforderlichen Maßnahmen treffen wird.
Die Zeitungen werden von diesen Anordnungen nicht betroffen. Entlassungen sind dort auch nicht zu fordern.
Gleichzeitig verlassen um 3 Uhr nachmittags alle nichtjüdischen Arbeiter und Angestellten die Geschäfte und Arbeitsstätten zum Zeichen der Demonstration.

Die Demonstration findet um 4 Uhr nachmittags im Lustgarten statt, wohin sich alle Angestellten zu begeben haben. Dort wird unter anderem Minister Goebbels sprechen.

Weitere Weisungen
Für die am 1. April beginnende Abwehraktion werden nochmals die Weisungen mitgeteilt: Sie lauten:

1. Tätige Gewaltanwendung unterbleibt; Geschäfte dürfen nicht geschlossen bleiben. Der Inhaber darf keine Kündigungen vornehmen. SA.- und S.S.-Posten haben vor den Geschäften Aufstellung zu nehmen und dem Publikum mitzuteilen, daß die Inhaber Juden sind.
2. Der Boykott unterbleibt, wenn Zweifel sind, ob der Inhaber ein Jude ist oder nicht.
3. Provokateure sind sofort zu verhaften.
4. Die S.A.- und S.-S.-Leitung ist über den Verlauf der Aktion stündlich zu informieren.
5. Plakate aufreizenden Inhaltes sind verboten.

(330402w8)
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Albert Einstein: Spiessrutenlauf für ein Genie
Klaus Binder
 
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Nr. 316, Dienstag, 04.04.33

Postby Klaus Binder on 4. April 2011, 02:12

Seite 1

Von Samstag bis Mittwoch
Zusammenbruch des offiziellen Judenboykotts [S. 1, oben, links]
Berlin, 2. April (Tel. des „Tag“). Der Propagandaminister Goebbels sagte am Samstag nachmittags vor 120.000 Angestellten, die sich zu der Kundgebung im Lustgarten versammelt hatten, unter anderem:

„Niemals wird das neue Deutschland sich vom Judentum beschimpfen und herabwürdigen lassen. Wenn die Juden der Welt den Kampf mit Deutschland haben wollen, können sie ihn haben. Wenn bis Mittwoch 10 früh die Greuelhetze nicht restlos eingestellt wird, dann wird das Judentum die Kraft der Deutschen in einem nicht niemals vorhergesehenen Umfange kennen lernen.“

In diesen Ausführungen Goebbels ist die neugeschaffene Situation nach dem Boykott am Samstag zu erkennen.
Der Boykott am Samstag, der von der ganzen Welt mit Spannung erwartet wurde, ist nach amtlicher Darstellung „planmäßig“ verlaufen. Es kann aber von vornherein festgestellt werden, daß nunmehr die besonnenen Kreise und die Regierung ernstlich in Verlegenheiut über die nächste Zukunft sind; denn die Folgen des Boykotts haben gleich am ersten Tage, trotzdem die offiziellen Stellen unausgesetzt auf die Vermeidung von Zwischenfällen hingearbeitet haben und versuchten, die Durchführung, wie sie in den Köpfen der Nazisturmbataillone sich entwickelt haben, zu bremsen, einen weit über den Rahmen des Planes hinausgehenden Umfang angenommen. Die Ankündung zum Boykott hat die ganze Welt gegen Deutschland aufgerüttelt.
Zunächst die Mitteilungen über den

Verlauf des Tages
Schon um 6 Uhr früh durchfuhren Autos mit SA Männern die Straßen und machten die letzten Versuche zur Propaganda. Das große Warenhaus Tietz mit sämtlichen Filialen, ebenso des dem Tietz-Konzern gehörige Kadewe hatten die Geschäftsräume gar nicht geöffnet. In der Leipzigerstraße blieben und große Geschäfte geschlossen. Das Warenhaus Karstadt hatte früh seine sämtliche jüdischen Direktoren entlassen. Wertheim in der Leipzigerstraße hatte früh geöffnet und ließ mittags das Geschäft schließen. Das Konfektionsviertel in der Nähe der Friedrichstraße blieb wie ausgestorben. Auch in der Friedrichstraße selbst blieben viele Geschäfte geschlossen. Auf den Schaufenstern hatten die SA-Männer Plakate mit den Aufschriften angebracht: „Kaufet nicht in diesem Judengeschäft!“
Vor der Börse hatte ein Nazibataillon Stellung genommen. Sie befragten jeden, der zur Börse wollte, nach Namen und Art und verhinderten größtenteils den Zutritt.
In Berlin und im Reiche hatten die Nazis die jüdischen Geschäfte mit einem gelben Fleck markiert; verirrte sich ein christlicher Käufer, so wurde er von den Nazis umringt, photografiert und erhielt auf der Stirne einen Stempel mit dem Aufschrift: „Wir Verräter kaufen bei Juden!“ Die Banken blieben offen. Auch die Zeitungen blieben vom Boykott unberührt, jedoch hat die Gauleitung für den Ullsteinverlag, dessen „Vossische Zeitung“ sich erlaubt hatte, in einem Artikel zur Mäßigung zu mahnen, einen Nazikommissar eingesetzt, der auch als verantwortlicher Redakteur zeichnet. Sämtliche jüdischen Redakteure wurden entlassen.

Der Andrang der Käufer zu den großen Warenhäusern und jüdischen Geschäften war am Freitag, am Tage, des Boykotts, ein ungeheuer großer. Die Straßen waren vollbesetzt mit Neugierigen. Die Aufrufe der Nazis an den Anschlagsäulen waren nachts angeblich von Kommunisten überklebt worden. In diesen Plakaten wurde die Bevölkerung zur Gewalttätigkeit aufgefordert.
Inzwischen gingen Maßnahmen des Justizministers Kerrl gegen die jüdischen Richter und Rechtsanwälte in Berlin vor sich. Auch jüdische Berichterstatter erhielten nicht mehr Eintritt für die Ausübung ihres Berufes in die Verhandlungsfälle. In Köln wurden jüdische Richter und Rechtsanwälte in Schutzhaft genommen. Die Berliner Gerichte mußten bis Montag stillgelegt werden.
Zu einem blutigen Zwischenfall kam es in Kiel. Der jüdische Rechtsanwalt Schumm hatte einen SA-Mann, der vor dem Geschäfte seines Vaters patroullierte, erschossen. Der Rechtsanwalt wurde in Haft genommen und in Polizeiarrest gebracht. Die Menge stürmte den Polizeiarrest und erschoß ihn.

Der Boykott wurde bis auf 12 Uhr nachts ausgedehnt und erstreckte sich auf jüdische Gaststätten, von Juden geleitete Theater und allerart Vergnügungslokale.

Am Sonntag herrschte Katzenjammerstimmung. Die Aufrufe von Berlin aus nach London, Amerika und Paris zur Einstellung der Greuelpropaganda gehen weiter vor sich. Auch christliche Organisationen wenden sich an die Regierungstellen und weisen auf die schweren wirtschaftlichen Folgen der Boykottmaßnahmen hin.
Wie es heißt, hat die Propaganda im Auslande nachgelassen, was der Leiter der Abwehrpropaganda, Streicher, in einer Erklärung festgestellt hat. Die Ankündigung, daß bis Mittwoch der Boykott ausgesetzt sei, wird dahin gedeutet, saß der Plan ihn weiter zu führen, nunmehr fallen gelassen wurde.
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http://de.wikipedia.org/wiki/Kaufhaus_des_Westens
http://de.wikipedia.org/wiki/Hertie_Waren-_und_Kaufhaus
http://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Kerrl




Protest rumänischer Juden [S. 1, unten, Mitte]
Aus Bukarest wird berichtet: Der Verein rumänischer Juden unter Führung des Senators Niemerower verlautbart ein Kommunique, in welchem die Sympathie für die Verfolgten in Deutschland ausgesprochen wird. Gleichzeitig wird denjenigen Kulten, die sich dem allgemeinen Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland angeschlossen haben, der Dank ausgesprochen. Es ergeht an alle Rabbinatskanzleien und an die Kultusgemeinden die Einladung, Dienstag, den 4. April um 7 Uhr abends sich in den Tempeln zu einem Gottesdienst zu versammeln. Es werden keine Reden gehalten. Dienstag um einhalb 8 Uhr mögen alle Juden des Landes zum Zeichen des Protestes eine Minute jede Tätigkeit einstellen.

(330404r1)


Amerika wird diese Woche wieder naß [S. 1, oben, rechts]
(Von unserem Korrespondenten)

Nachdem nun Senat wie Repräsentantenhaus die Bierbill, die die Herstellung und den Vertrieb von 3.2 prozentigen Bieren und leichten Weinen zuläßt, angenommen haben, wurde sie vom Präsidenten Roosevelt unterzeichnet und tritt am 7. April ins Leben. Nachdem die Bill verfassungsändernden Charakter hat, werden noch die 48 Staaten über die Aufhebung des 18. Amendements, des Prohibitionsartikels, abzustimmen haben, wobei die Zustimmung von drei Vierteln der Staaten zur Aufhebung der Prohibition nötig ist. Die bekannte amerikanische Zeitschrift Literary Digest hat nun durch Probeabstimmungen ihres Leserkreises festgestellt, daß von den 48 amerikanischen Staaten sich höchstens zwei, nämlich Kansas und Nord-Carolina für die Aufrechterhaltung der Prohibition aussprechen werden.
Die Prohibition kann also als endgültig begraben angesehen werden. Mit ihr verschwindet ein Problemkomplex aus dem amerikanischen Leben, dessen Auswirkungen viel tiefer gewesen sind, als die Anreger des 18. Amendements ursprünglich angenommen haben. Denn immer entschiedener, immer mehr empört wandte sich der Freiheitssinn des Amerikaners gegen diesen Eingriff in seine individuelle Lebenssphäre. Das Bootleggertum, der Alkoholschmuggler konnte nur dadurch zu einem Massengeschäft von Hunderttausenden werden, daß Millionen die Umgehung des Gesetzes für natürlich, rühmenswert, ja als moralisch angesehen haben. Dieser Widerspruch zwischen individueller Moral und geltendem Gesetz - der noch durch die Absonderlichkeiten der amerikanischen einzelstaatlichen Verwaltungspraxis verschärft wurde - hat dann auf die Dauer verhängnisvolle Folgen für das gesamte amerikanische Leben gezeitigt. Denn die rapide Zunahme der Kriminalität, das Überhandnehmen des organisierten Gangstertums war eine direkte Konsequenz der riesigen Gewinnmöglichkeiten des Bootleggertums, das für seine Sicherheit eigene Schutzgarden von Gangstertruppen gebildet hat. Die unmöglichen Zustände, die dann der Kampf von Gangstern mit der Verwaltung in einzelnen Städten, wie z. B. in Chicago, hervorgerufen hat, sind bekannt, wie auch der öffentliche Skandal allmählich in die Öffentlichkeit gedrungen ist, daß die Polizei mit den Bootleggern und den Gangstern in manchen Städten unter einer Decke steckte.
In der Lindbergh-Affäre kulminierte die Gefahr des Gangstertums und wurde zu einem Ereignis von symbolischer Bedeutung. Ungefähr von diesem Zeitpunkt an schlug der private Massenwiderstand in eine politische Bewegung von unwiderstehlicher Kraft um, die nunmehr das gesamte amerikanische Volk erobert hat. Durch die Aufhebung der Prohibition wird natürlich die Gefahr des Gangstertums nicht mit einem Schlag gebannt, aber immerhin wird der Kampf gegen den Banditismus jetzt mit ganz anderen Mitteln als bisher aufgenommen werden können. Überdies dürfte die Neugründung des amerikanischen Braugewerbes ungefähr einer Million Arbeitslosen zum Erwerb verhelfen, was in der gegenwärtigen Massenarbeitslosigkeit sicherlich als populärste Folge der Politik der „Rassen“ betrachtet werden wird. Und schließlich dürfte die Herabsetzung des Konsumentenpreises von einem Glas Bier von etwa 25 Cent auf 5 Cent des voraussichtlich steigenden Konsums doch bedeutende Kaufkraftbeträge der Massen freisetzen, die dann anderen Industriezweigen zugute kommen dürften. So wird die Aufhebung der Prohibition nicht nur außerordentlich moralische und juristische, sondern wohl auch namhafte volkswirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen.
H-e.

(330404w1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Im Nachtschnellzug [S. 2, oben, links]
Die Blonde ist gar nicht blond, denn die Blonde hat schwarzes Haar.
Das ist die erste Feststellung, die sie in der Redaktion zur Richtigstellung der Novelle von Freitag macht. (Hier sei die Frage eingeschaltet, warum sich denn die Schwarze getroffen fühlt, wenn von einer Blonden die Rede war. Da ist entweder das Schwarz nicht echt oder das Blond hat einen Stich ins Dunkle. Nun, wir wollen nicht die Haarspalterei in den Paragraphen des Preßgesetzes vornehmen, um die Berichtigung der Schwarzen als ungesetzlich zu erklären. Meinetwegen, sie soll schwarz bleiben und ein Recht haben, zu berichtigen was man einer Blonden angeblich angedichtet hat.)
Die fünf Herren im Nachtschnellzug haben sie, die Blonde, nein, pardon die Schwarze provoziert. Die Herren befanden sich auf einer lustigen Fahrt, und es paßte ihnen in den Kram, mit einer hübschen Frau - diesen Ausdruck stellt sie nicht richtig - anzubandeln. Sonst ist ein Hund der Vermittler, da sie aber keinen Hund bei sich hatte, war es das Gespräch um Hitler, und weil sie den Reichskanzler „unschuldig“ angegriffen sah, habe sie ihn verteidigt.
Und zwar, wie man es jetzt merkt, ausgezeichnet verteidigt, denn sie beherrscht vollends die Diskussion. Sie ist für Polemik trainiert, wie man sagt, mit allen Salben geschmiert, hat ebenso tapfer in Pyräus gefochten wie in Paris - als Künstlerin selbstverständlich - kurzum, sie hat die Haare auf den Zähnen, und mit ihr ist nicht gut Kirschen zu essen.
Eine fesche Frau, temperamentvoll, kennt die Welt und ihre Politik, als Kosmopolitin tolerant gegenüber allen Konfessionen, aber - wenn sie provoziert wird - nun ich möchte nicht mit ihr was anfangen.
Nämlich, ich möchte nicht einen Streit anfangen. Sonst haben ja alle fünf Herren anfangen wollen, und, wie man zum Schluß sieht, sie waren so in Wut geraten, daß sie sich an dem Bräutigam rächten.
Dieser Bräutigam - er ist auch mit sie läßt ihn aber kaum sprechen - ist Herr Luca, der in einem hiesigen Großkaufmannshaus angestellt war, und der entlassen wurde, weil - sich die Szene im Nachtschnellzug abgespielt hat.
Nur nicht so, wie sie zuerst hier geschildert war, sondern, wie sie, die falsche Blondine, sie darstellen will.
Und allen Herren zum Trotz: Sie wünscht eine Anzeige, richtiger gesagt, die Veröffentlichung einer Einladung zur feierlichen Taufe ihres Bräutigams. Quod erat demonstrandum!
Die Moral aus der Geschichte: Man soll im Nachtschnellzug nicht politisieren.
Edi

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Seite 3

Debatte über das Hitler-Judenregime [S. 3, oben, links]
im englischen Oberhaus

Im englischen Oberhaus machte Viscount Cecil längere Ausführungen über die Lage in Deutschland und besonders der deutschen Juden. Er wolle die Regierung, so betonte er, zwar nicht zu einer diplomatischen Aktion drängen, wäre jedoch dankbar, wenn sie das Oberhaus über die Lage informieren wolle. Zunächst seien Meldungen verbreitet, wonach Juden gewalttätig und rücksichtslos behandelt worden seien, Vorkommnisse, die aber nicht auf Ermächtigung der deutschen Regierung, sondern ohne deren Eingreifen sich abgespielt hätten. Die deutsche Regierung habe nachdrücklich gegen die übertreibende Darstellung solcher Vorkommnisse protestiert und erklärt, sie sei schuldlos. Ernster als die bisher von ihm erwähnten Dinge seien die im großen Umfang vorgenommenen Entlassungen jüdischer Aerzte, Juristen und Gelehrter. Diese Maßnahmen gebe man auf deutscher Seite zu und rechtfertige sie mit der Begründung, daß gegen den deutschen Handel im Ausland ein Boykott organisiert worden sei, dem die fremden Regierungen nicht Einhalt geboten hätten. Sicherlich hätten die Ereignisse in Deutschland große Besorgnis in England hervorgerufen. Auch die Regierung der Vereinigten Staaten habe, wie man erfahre, bei der deutschen Regierung freundschaftliche Vorstellungen erhoben Die besondere Stellung, die England als Mandator Palästinas einnehme, habe zur Folge, daß England mit Wohl und Wehe des jüdischen Volkes in besonderer Weise verknüpft sei. Wenn man betone, daß die Judenfrage eine Angelegenheit der deutschen Regierung sei, in die England sich nicht einmischen dürfe, so treffe dies zwar in gewissem Maße zu. Doch sei es seit mehr als einem halben Jahrhundert allgemein üblich, die Behandlung völkischer und religiöser Minderheiten als eine Frage zu betrachten, die nicht nur die Länder angehe, in denen die Minderheiten leben. Kein Staat Europas habe eifriger auf der strikten Durchführung der Minderheitenbestimmungen des Versailler Vertrages bestanden als Deutschland in Genf. Er selbst, so betonte Cecil, sei zwar niemals der Auffassung gewesen, der Versailler Vertrag sei das letzte Wort menschlicher Weisheit oder Gerechtigkeit. Ohne Zweifel werde man möglicherweise die Frage der Revision prüfen müssen, da im Völkerbundspakt entsprechende Bestimmungen vorhanden seien. Rede man aber von allgemeiner Revision, so rufe man die Besorgnis all der Länder wach, deren politische Existenz und deren Gebietsstand von den Friedensverträgen abhänge.

Antwort des Kriegsministers
Kriegsminister Lord Hailsham gab in Erwiderung der Ausführungen Viscount Cecils über die Behandlung der Juden in Deutschland eine Erklärung der Regierung ab. Um Mißverständnisse zu vermeiden, müsse er feststellen, daß man sich zwar durchaus im Recht befinde, wenn man davon spreche, es sei England als Mandatsmacht für Palästina eine besondere Verpflichtung zum Schutz der in Palästina ansässigen Juden übertragen worden. Das verleihe jedoch England nicht ein allgemeines Recht, für Juden in bestimmten Ländern zu intervenieren. Es treffe zu, daß die Friedensverträge den Schutz der Minderheiten vorsehen. Diese Bestimmungen seien aber auf die Lage in Deutschland nicht anwendbar.
Lord Ponsonby (Arbeiter-Opposition) stellte als nächster Redner die Behauptung auf, die Lage der Juden in Deutschland sei furchtbar. Der Antrag Lord Mount Temples, es sollten mit der deutschen Regierung jetzt keine Verhandlungen über eine Revision des Friedensvertrages eingeleitet werden, sei zu bedauern.
Lord Reading (liberal) erklärte, er sei als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft und des Oberhauses der Ansicht, man könne unmöglich darauf verzichten, die Regierung zu ersuchen, alles Menschenmögliche zu unternehmen. Der für den 1. April in Deutschland angesetzte Angriff richte sich gegen die jüdischen Universitätsprofessoren, Richter, Rechtsanwälte und Aerzte. Er erkenne durchaus die schwierige Lage der britischen Regierung in dieser Angelegenheit an. Trotzdem wolle er bei ihr darauf dringen, da sie die ihr zu Gebote stehenden legitimen Mittel benutze, um Deutschland wissen zu lassen, welche Auffassung von den Vorgängen in Deutschland man in England habe.
Den Ausführungen Lord Readings schloß sich auch Hailsbury (konservativ) an.
Lord Dickinson (konservativ) betonte, man müsse für die Psyche des deutschen Volkes Verständnis haben. Nirgendwo habe die Verzögerung der Abrüstung mehr Schaden angerichtet als in Deutschland, wo die Diffamierung in den Nachkriegsjahren, das Fernhalten vom Völkerbund, der langsame Gang der Abrüstung einen Kompromiß mit jedem Jahr mehr erschwert habe. Die hinter der neuen Regierung stehenden Massen seien großenteils junge Leute, die forderten, daß die jetzige Lage auch nach neuen Gesichtspunkten behandelt werde. Die Frage der Grenzrevision müsse von einem unparteiischen Gericht vernünftig geprüft und entschieden werden.
Lord Iddesleigh (konservativ) stimmte als Katholik den Ausführungen Lord Readings über die Lage der Juden in Deutschland zu. In allen Ländern empfinde man lebhafte Sympathie für die Opfer einer Bewegung, die allgemein verurteilt werde.
Auch der Erzbischof von Canterbury schloß sich den Erklärungen Lord Readings an. Die britische Regierung tue alles in ihren Kräften Stehende, um die Besorgnis des englischen Volkes und der christlichen Mitbürger mit der jüdischen Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen.
Den Ausführungen Lord Readings, erklärte Lord Hailsham, müsse man großes Gewicht beilegen. Die Erklärungen des Erzbischofs von Canterbury und des Lord Iddesleigh, die für die beiden christlichen Konfessionen gesprochen hätten, zeigten deutlich, wie weitverbreitet die Besorgnis sei.

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Klaus Binder
 
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Nr. 317, Mittwoch, 05.04.33

Postby Klaus Binder on 5. April 2011, 00:53

Seite 1

Offiziell: [S. 1, oben, links]
Boykott zu Ende

Berlin, 3. April (Tel. des „Tag“). Der nationalsozialistische Abgeordnete und Leiter der Boykottbewegung, Streicher, erklärte heute, daß der Boykott nicht mehr aufgenommen wird.

Auch Reinhardt muß gehen
Dem künstlerischen Leiter der „Deutschen Bühne“, Max Reinhardt, wurde heute nahegelegt, sich zurückzuziehen, da er mit der Leitung Deutscher Bühnen in Deutschland nicht mehr betraut werden dürfe.

*
Neurath will gehen
Im Zusammenhang mit der Nachricht, daß der Cheferdakteur des „Völkischen Beobachter“, Rosenberg, mit einer politischen Mission betraut werden soll, verbreitete sich das Gerücht, daß Außenminister von Neurath seine Demission angeboten hat. Von zuständiger Seite wird diese Nachricht dementiert.

*
Berlin, 3. April (Tel. des „Tag“). Es scheint nunmehr sicher, daß am Mittwoch die Boykottbewegung nicht mehr einsetzen wird.
Nach Mitteilungen aus London setzt die englische Presse die Besprechungen über die Folgen der Boykotthetze heute fort. Der Korrespondent des konservativen „Daily Telegraph“ hält dafür, daß der Boykott nicht mehr aufgenommen werden wird. Das internationale Judentum wünsche die Einstellung jeder Propaganda gegen Deutschland; allerdings zieht der Korrespondent scharf gegen die erzwungenen Ausweisungen der jüdischen Angestellten aus den Staatsämtern los. Die „Times“ stellen fest, daß im Geschäftsleben das Judentum überwiegt, trotzdem die Juden nur ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Hingegen verurteilt der „Daily Herald“ die faschistische Bewegung.
Ein Schauermärchen hat gestern der Straßburger Radiosender ausgegeben. Die Synagoge von Bruchsal soll nach dieser Meldung von Nazis geplündert worden sein. Die Nachricht ist vollständig erfunden.
Wichtiger ist die Meldung, die heute ausgegeben wird.
Der amerikanische Minister des Aeußern Hull telefonierte mit dem Botschafter Amerikas in Berlin. Dieser teilte mit, er erhielt die bestimmte Versicherung, daß der Boykott definitiv eingestellt werden wird, falls ... In Washingtoner politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß die Regierung sich auch weiter für die Nichteinmischung in die deutschen Angelegenheiten entschieden habe, weil sie überzeugt ist, daß die deutsche Regierung dem Boykottsystem, das eine Gefährdung der Weltwirtschaft ist, ein Ende machen wird.
Auch die amerikanischen Juden schließen sich dieser Ansicht an.
Der Superintendent Nedelius hat heute abends in einer durch das Radio verbreiteten Kundgebung an das amerikanische Volk gegen die weitere Propaganda Stellung genommen und erklärt, die christliche Lehre verbiete derartige Methoden.
Weiters wird mitgeteilt: Der Bundesausschuß der größten Kirchenvereinigung in Amerika ließ mitteilen, daß man dort Verständnis für die Situation Deutschlands habe, man habe die Achtung vor dem deutschen Volke niemals verloren, und man nehme Anteil an den Bestrebungen für die Gleichberechtigung.
Inzwischen laufen trotzdem weiter Meldungen über die Fortsetzung von Verhaftungen, Entlassung von Beamten und über die Herabsetzung der Rechte jüdischer Beamte, Aerzte und Rechtsanwälte. Der Rektor der Universität in Frankfurt am Main, Gerlow [Wilhelm Gerloff] hat seine Demission gegeben. Er wurde in Schutzhaft genommen, weil die Studenten den Vorwurf gegen ihn erheben, daß er der nationalen Sache feindlich gesinnt sei. Der bekannte Justizrat Dr. Drucker aus Leipzig ist während einer Verhandlung in Schutzhaft genommen worden. Der berühmte Geheimrat Prof. Anschütz in Heidelberg hat um seine Enthebung vom Amte gebeten. Einer der hervorragendsten Aerzte im Rheingebiet, Professor Kantorowicz, der Leiter der Bonner Universitätsklinik, ist verhaftet worden.
In Bielefeld wurde Reichstagsabgeordneter Dr. Karl Freck verhaftet. In Worms hat ein verhafteter Jude im Gefängnis Selbstmord begangen. Der Kaufmann Erich Löwenstein hat in einem Geschäfte erzählt, die Nationalsozialisten hätten jenen Mann im Gefängnis aufgehängt. Löwenstein wurde vom Schnellgericht zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Die Verordnung über die Ausreise ist heute erschienen. Wer ausreisen will, muß einen Sichtvermerk beantragen. Die Erteilung des „Sichtvermerkes“ ist gebührenfrei.

Sie gehen auseinander
Das ist nur eine kleine Auslese aus den Vorgängen des Tages. Wichtiger noch ist die fortschreitende Entzweiung zwischen den Nationalsozialisten und dem Stahlhelm. In einer großen Kundgebung der thüringischen Nationalsozialisten hat der Thüringische Innenminister auf die Gegnerschaft des Stahlhelmes gegen die Nationalsozialisten Stellung genommen. Seine Rede enthüllte mit aller Offenheit den großen Gegensatz zu den Deutschnationalen, die sich übermäßig vordrängen, durch Liebäugeln mit den Sozialdemokraten Terrain gewinnen wollen, und er kündigte an, daß die Nationalsozialisten auch die Leitung der Wirtschaftsministerien in die Hände bekommen müssen. Gegen den Boykott im Auslande wendete er sich sehr scharf und sagte: Den deutschen Arbeiter wollen die Juden boykottieren, den deutschen Arbeiter, ohne den die Welt nicht existieren kann!? Vorher hat ein zu der Kundgebung aus München eingetroffener Reichstagsabgeordneter mitgeteilt: Ich komme und bringe Ihnen die Grüße Streichers. Wir beide standen Samstag in den Münchner Hauptstraßen und sahen zu, wie der Erfolg sich auswirkt. Glauben Sie, sagte Redner, daß die S. A. Männer mit Plakaten in den Händen die Leute zum Boykott aufforderten? Nein, sie standen dort mit Revolvern in den Händen.

*
Verbot für deutsche Zeitungen in Lettland
Nach Meldungen der polnischen Zeitung hat die Regierung in Lettland den Verkauf deutscher Zeitungen verboten.

Falschmeldung über Hitler
In Süddeutschland wurde heute die Nachricht verbreitet, daß Hitler einem Unfall zum Opfer gefallen ist. Diese Nachricht wurde dementiert.

Wieder muß einer geschützt werden
Der Rektor der technischen Hochschule in Braunschweig Gasner ist zurückgetreten. Dr. Gasner stellte sich der Polizei „freiwillig“ zur Verfügung. Sein Sohn begleitete ihn ins Polizeigefängnis.

Ossiecki [Carl von Ossietzky]
Entgegen einer Nachricht, die in der Zeitung „Die neue Welt“ erschienen ist, und in der es heißt, daß der Schriftsteller Ossiecki [Ossietzky] im Gefängnis von Spandau ermordet wurde, teilt die offizielle Pressestelle der Regierung mit, daß sich die in- und ausländischen Journalisten, die das Gefängnis besucht haben, vom Wohlbefinden Ossieckis [Ossietzkys] überzeugen konnten. Die Zeitungen haben sogar die Photografie Ossieckis [Ossietzkys] wiedergegeben.
Die Nachricht, daß der frühere Bürgermeister von Straßburg, der letzte Statthalter von Elsaß Lothringen, Doktor Schwander, aus Deutschland geflüchtet sei, wird dementiert und erklärt, daß Exzellenz Schwander keinen Grund hat, Deutschland zu verlassen.
Der deutsche Generalkonsul in Kattowitz hat beim Voevoden gegen das Verbrennen deutscher Zeitungen Protest eingelegt.

(330405w1)


Repressalien gegen Rußland [S. 1, unten, Mitte]
London, 3. April (Tel. des „Tag“). Morgen wird dem Unterhaus eine Vorlage über ein Wareneinfuhrverbot für russische Waren vorgelegt werden. Das Gesetz bezweckt Repressalien wegen der Verhaftung englischer Ingenieure in Rußland.

(330405w1)


Seite 2

Gottesdienst in allen Bethäusern [S. 2, links, Mitte]
Das Rabbinat und das Präsidium der jüdischen Gemeinde in Cernauti verfügen im Sinne eines Beschlusses des Oberrabbinates und der Repräsentanz der Vereinigung jüdischer Gemeinden in Bucuresti, daß im Hinblicke auf die traurigen Ereignisse in Deutschland auch in unserer Gemeinde wie in allen jüdischen Gemeinden Großrumäniens Dienstag, den 4. d., 7 Uhr nachmittags, in allen Bethäusern des Sprengels der jüdischen Gemeinde Cernauti Gottesdienste abgehalten werden. Es sollen dabei keine Reden und keine Predigten gehalten werden. Wir sollen nur vor Gott unser Herz ausschütten und Ihn, den obersten und gerechten Richter zum Richter über jene unerhörten Vorgänge anrufen. Das Programm des Gottesdienstes wird, wie folgt, festgesetzt: Noch vor 7 Uhr wird Mincha gebetet. Präzise 7 Uhr, zwischen Mincha und Moariv [Ma’ariv], wird der eigentliche Gottesdienst abgehalten, der aus ausgewählten Psalmen besteht. Es werden folgende Psalmen vorgetragen: 1, 2, 6, 10, 20, 22, 25, 28, 68, 102, 120, 121, 130 und zum Schlusse vom Psalm 119 die Buchstaben Alef, Schin, Kuf [Kaf], Nun und Zain. Der Oberrabbiner: Dr. Mark. Der Präsident: Dr. Gutherz. Der Rabbiner: B. Katz.

(330405c2)


Seite 3

Rußland gegen Deutschland [S. 3, oben, rechts]
Moskau, 3. April (Tel. des „Tag“). Die „Isvestia“ beschäftigt sich in einem Artikel mit den deutsch-russischen Beziehungen und schreibt: Die öffentliche Meinung Russlands konnte einmütig feststellen, dass in Deutschland eine sowjetfeindliche Organisation vorbereitet wird. Diese Aktion ist bereits im Gange. Die russische Regierung wird rechtzeitig die Konsequenzen zu ziehen wissen.

(330405w3)


Interessante Details vom Boykott-Samstag [S. 3, oben, rechts]
Der Tag des Judenboykotts, der in Deutschland gleichsam als Volksfest gefeiert wurde, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach zunächst nicht wiederholen. Der tief beschämende Eindruck, den er hervorgerufen hat, läßt sich kaum wiedergeben. Es fragt sich, ob dieser Eindruck dem Reich in aller Welt nicht mehr Schaden zufügen wird, als die bisherige Greuelpropaganda. Die uniformierten Hakenkreuzler üben so weit man sehen kann, alle Gewalt aus. Wie sie die Ruhe und Ordnung dadurch aufrechterhalten, daß sie die von ihnen selbst überall verursachte Aufregung reglementieren, ist schwerlich länger denkbar als eben nur einen Tag. Wenn aber der Boykott nicht wieder aufgenommen wird, so geschieht es nicht aus moralischen und rechtlichen Erwägungen, sondern infolge außenpolitischer Bedenken, vor allem jedoch aus wirtschaftlichen Gründen. Das Wirtschaftsleben Deutschlands würde bei einer Fortsetzung des Boykotts eine Störung erfahren, über deren Tragweite sich die Regisseure des Boykotts keine Rechenschaft abgelegt haben, so daß erst Reichsbankpräsident Dr. Schacht und der Reichswirtschaftsminister Dr. Hugenberg eingreifen mußten. Im gestrigen Kabinettsrat waren die nationalsozialistischen Minister zum ersten Male isoliert und konnten sich den zwingenden Argumenten anderer anwesender Minister, die sich gegen den Boykott aussprachen, angeblich bis auf den Stahlhelmführer Seldte, nicht entziehen. Heute erschienen beim Reichskanzler die Industrieführer Dr. Krupp v. Bohlen Halbach und Dr. von Siemens, die ihn gleichfalls auf die Folgen einer Fortsetzung des Boykotts aufmerksam machten.

Berlin im Zeichen des Boykotts
An den Straßenbahnmasten wurden Plakate mit folgendem Wortlaut angebracht: „Tietz unterstützt Rotmord!“, „Deutsche, meidet jüdische Aerzte und Rechtsanwälte!“, „Boykott - jüdischer Bankrott!“ und ähnliche. Wenige Minuten nach 10 Uhr hatte eine Anzahl jüdischer Geschäfte geschlossen. In der Tauentzienstraße wurden die Schilder der jüdischen Aerzte und Rechtsanwälte sowie die Schaufenster von Apotheken und die Eingangstüren von Kinos und Restaurants mit den roten Abwehrplakaten beklebt. Fast jedes Geschäft zwischen dem Wittenbergplatz und der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche trägt die roten Zettel. Auch die Bata-Filialen sind, obwohl die Weltfirma ein rein arisches Unternehmen darstellt, von dem Boykott betroffen.
Geschäfte, deren Inhaber Ausländer sind, wurden im allgemeinen vom Boykott nicht erfaßt oder auf energische Intervention wieder freigegeben. Das war der Fall bei zwei französischen Geschäften in der Nähe der Gedächtniskirche. Ein Wiener Kaffeehaus in der gleichen Gegend hatte eine rot-weiß-rote Fahne ausgehängt und in den Fenstern Plakate angebracht: „Oesterreicher“. Das Kaffeehaus blieb vom Boykott verschont.
Beim Ueberkleben der Namensschilder jüdischer Rechtsanwälte und Aerzte werden zum Teil gereimte Texte verwendet. Z. B. folgender Vers: „Mit dem Geld, das Juden stahlen, fremde Hetze sie bezahlen“.
Der „Angriff“ verzeichnet noch folgende Details:
Dönhofplatz: An den Schaufenstern der jüdischen Konfektionsfirma Elzet kann man die Worte lesen: „Christen, merkt, an jedem Anzug und Mantel zu 50 Mark verdient der Jude 30 Mark“.
Hallesches Tor: Drei Juden auf der Straße werden verhaftet, weil sie „freche abfällige Bemerkungen“ machten.
In Hamburg, in Mannheim, in Köln und Karlsruhe hatten die jüdischen Geschäfte zu Beginn des Boykotts zum größten Teil bereits geschlossen und es kam zu keinen Zwischenfällen. In Kassel war auf dem Friedrichsplatz gegenüber einem Warenhaus ein mit Stacheldraht abgesperrtes Viereck errichtet worden, das auf einem Schild die Aufschrift trug: „Konzentrationslager für widerspenstige Staatsbürger, die ihre Einkäufe bei Juden tätigen.“
Der „Angriff“ meldet aus München, daß der bayrische Justizminister Doktor Frank II. mit Wirkung vom heutigen Tag sämtliche jüdischen Richter, Staatsanwälte und Amtsanwälte bis auf weiteres beurlaubt hat. Den jüdischen Rechtsanwälten wurde das Betreten der Gerichtsgebäude verboten.
Der Südwestdeutsche Rundfunk in Frankfurt a. Main hat sämtlichen jüdischen Angestellten das Betreten des Funkhauses verboten.
Der Staatskommissar für das Berliner Schulwesen, Dr. Meinzhausen [Meinshausen], hat heute folgenden Erlaß ausgegeben: Um alle Unruhe von den Schulen fernzuhalten, sind die dem Blute nach jüdischen Lehrkräfte an den Berliner Schulen bis auf weiteres beurlaubt worden.

Die tschechischen Juden zu den Ereignissen in Deutschland
Der Verband der tschechischen Juden erläßt einen Aufruf, in dem es heißt:
Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt die tschechisch-jüdische Bewegung die Ereignisse im benachbarten Deutschland. Unsere Bewegung hat als erste die Judenfrage vom tschechischen und slawischen Gesichtspunkt gelöst; als erste und einzige hat sie sich dem Einfluß der deutschen Mentalität auf die Judenschaft der Welt entgegengestellt.
Die tschechisch-jüdische Bewegung muß sorgfältig auseinanderhalten, ob es sich in Deutschland nur um Verletzungen der Sicherheit handelt, Störungen wie sie mit jedem Wechsel des Regimes verbunden sind, oder ob es um eine weit gewichtigere Gefahr nicht bloß für die Juden, sondern auch für die Grundlagen der westlichen Kultur und insbesondere für die Gleichwertigkeit der kleinen Nationen geht. Die Gefahr, daß dadurch die wirtschaftlichen Grundlagen dieser gefundenen Zusammengehörigkeit schon verletzt sein könnten, ist allerdings gegeben. Die bürgerliche Ausschließung der Juden signalisiert auch den Schluß der Epoche der menschlichen Gleichberechtigung überhaupt.
Die fünfzigjährige Tätigkeit der tschechisch-jüdischen Bewegung, die sich der in der Geschichte einzig dastehenden Abkehr der Juden von den deutschen Erziehungsbräuchen rühmen darf, ist an sich eine Garantie dafür, daß die tschechisch-jüdische Bewegung in klaren Worten über die heutigen Ereignisse sprechen wird, um Gewissen und Bewußtsein der Juden aufzurütteln, die gedankenlos Germanisation treiben. Das Wichtigste ist in diesem Augenblick die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die Sicherheit der kleinen Nationen und die Unversehrtheit der Kultur.

(330405w3)


Seite 4

Neue Gesetze im Parlament [S. 4, Mitte]
Bukarest, 3. April (Tel. des „Tag“). In der heutigen Kammersitzung legte Ackerbauminister Nitescu ein Gesetz über die Errichtung von Grundbüchern im Altreiche und Bessarabien vor. Weites wurde das Gesetz über die Regelung einiger Grenzfragen zwischen Ungarn und Rumänien zur Ratifizierung vorgelegt, schließlich noch das Gesetz über die Beschränkung der Rauschgifterzeugung. Im Motivenbericht, der von Titulescu ausgearbeitet wurde, heißt es: In den Besprechungen in Genf und Haag, an welchen Vertreter von 42 Staaten, unter diesen auch Rumänien, teilgenommen haben, wurden die Grundprinzipien für die Beschränkung des Rauschgifthandels und der -Erzeugung ausgearbeitet und beschlossen, die Rauschgifte in allen Ländern nur für die allernotwendigsten Zwecke der Medizin und Forschung zu verwenden.
Im Senat sprachen der frühere liberale Minister Saveanu und Professor Iorga zur Skodaaffäre.

(330405r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 318, Donnerstag, 06.04.33

Postby Klaus Binder on 6. April 2011, 00:11

Seite 1

Boykott hat endgültig aufgehört [S. 1, links, Mitte]
Berlin, 4. April (Tel. des „Tag“). Das Boykottkomitee Streichers teilt mit, daß die Boykottbewegung in Deutschland ihre Wirkung nicht verfehlt habe, die ausländische Propaganda ist beendet. Was jetzt noch an Auslandspropaganda gegen Deutschland läuft, wird auf kommunistische Einflüsse zurückgeführt. Unter diesen Umständen - erklärt Streicher - kann Deutschland auf die Wiederaufnahme des Boykottes Verzicht leisten. Trotzdem bleiben die gegründeten Boykottorganisationen bestehen, um im Falle, als die Greuelpropaganda wieder aktiv werden sollte, ihre Mission zu erfüllen.

Der Zentrumsführer Esser [Thomas Eßer] verhaftet
Köln, 4. April (Tel. des „Tag“). Der Zentrumsführer Esser, Reichstagsvizepräsident, sowie der Präsident der Handwerkerkammer und der Syndikus dieser Kammer, Dr. Engel sind gestern verhaftet worden. Sie werden der Veruntreuung von Geldern dieser Kammer beschuldigt. Die Sichtung des Materials - heißt es in der amtlichen Mitteilung - habe Beweise von Veruntreuungen ergeben. Es wurden Hausdurchsuchungen bei diesen drei Persönlichkeiten vorgenommen und Material beschlagnahmt, aus dem sich ergibt, daß Kreditschiebungen vorgenommen wurden. Der Syndikus wird beschuldigt, die Kammer um eine Million Mark gebracht zu haben. Esser soll als Vorsitzender des Aufsichtsrates einem seiner Familienangehörigen einen Betrag von 34.000 Mark zugeschanzt haben, ohne daß er für Deckung gesorgt hätte, höchstens, daß man die Wechsel, die man in der Kassa fand, als Deckung betrachtet.
Die Verhaftung Essers hat überall großes Aufsehen erregt. Die katholischen Kreise sehen in dieser Strafverfolgung einen politischen Racheakt und sind von der Unschuld Essers überzeugt.
Esser wurde mittags in Freiheit gesetzt. Das Ermittlungsverfahren geht weiter.
_____
de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Eßer


Nazis plündern jüdische Geschäfte [S. 1, unten, links]
Berlin, 4. April (Tel. des „Tag“). In Köln sind einige „Individuen“ in Uniform der SA in jüdische Geschäfte eingedrungen und raubten größere Geldbeträge. Die politische Polizei gibt hiezu bekannt, daß es sich um „Personen“ handelt, die von der Uniform der Nazis Gebrauch gemacht haben, um leichter operieren zu können . . .

Nach Nachrichten, die in Paris aus Berlin eingetroffen sind, wurde der Sohn des früheren Reichspräsidenten Ebert, Friedrich Ebert, gelegentlich der Konstituierung des Munizipialrates in Brandenburg von den den Nazis blutig geschlagen. Der junge Ebert wollte sich nicht erheben, als das Horst Wessel-Lied angestimmt wurde.
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http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ebert_junior


Protest der Union rumänischer Juden [S. 1, Mitte, unten]
Bukarest, 4. April (Tel. des „Tag“). In einer Versammlung der Union rumänischer Juden, die gestern hier stattgefunden hat, wurde beschlossen, gleich allen anderen Kulturländern, schärfsten Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland einzulegen.

(330406r1)


Seite 2

Promotion [S. 2, Mitte, links]
Unser Landsmann Norbert Kurz wurde an der Genfer Internationalen Hochschule zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert.

(330406i2)


Die Frage des jüdischen Theaters [S. 2, Mitte, unten, rechts]
Die Schauspieler des Pavillontheaters, das bekanntlich aus seinen Räumlichkeiten in der Russischen Gasse delogiert wurde, sowie eine Reihe von Kaufleuten, deren Lokale sich in der Nähe des evakuierten Theaters befinden, wenden sich an die Redaktion mit einer Zuschrift, in der sie auf folgendes hinweisen:
Die Angelegenheit sei heute nicht mehr eine Frage zwischen Hausherr und Mieter, sie berührt auch eng das Wirtschaftsleben eines Teiles der Kaufmannschaft. Das Pavillontheater sei täglich von mindestens 400 Personen besucht worden, und die Kaufleute der engeren Umgebung konnten daher mit einer ständigen Einnahmsquelle rechnen. Ferner sind durch die Stillegung des Theaterbetriebes etwa 70 Familien (Schauspieler, Musiker, Arbeiter und deren Angehörige) brotlos geworden.
Die jüdische Oeffentlichkeit müsse es sich zur Aufgabe machen, sich für den weiteren Bestand des Theaters einzusetzen, welches das einzige Theaterunternehmen dieser Art in Rumänien gewesen sei, mit dem auch ausländische Truppen und Prominente gern Verträge geschlossen haben.

(330406c2)


Seite 4

Oesterreich am Scheidewege [S. 4, oben, links]
Anschluss oder Selbstbestimmung?
(Von unserem Wiener Korrespondenten)


Die Vorgänge in Oesterreich, die seit der Demission des Präsidiums des Nationalrats die ganze Innenpolitik dieses friedlichen Landes in einen Zustand höchster Erregung versetzt haben, verdienen in hohem Maße die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung.

Wie das Kabinett Dollfuß zustandekam
Die Regierung Dollfuß war bekanntlich als ein ziemlich farbloses Geschäftskabinett ans Ruder gekommen, das zunächst keine andere Aufgabe hatte, als unter den außerordentlich schwierigen parlamentarischen Verhältnissen - 81 Christlichsoziale, Landbündler und Heimwehrleute gegen 80 Sozialdemokraten, Großdeutsche und Nationalsozialisten -, inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, mit Hilfe der in Aussicht stehenden internationalen Anleihe für die Fortführung des Erwerbslebens und die Schaffung der Vorbedingungen der Sanierung zu sorgen. Trotz der labilen parlamentarischen Mehrheit von einer einzigen Stimme hat sich Dollfuß mit großem Geschick zwischen den zahlreichen Fallstricken der österreichischen Innen- und Wirtschaftspolitik durchzuschlagen gewußt, bis er sich endlich durch die große Umwälzung im Deutschen Reiche vor eine vollkommen neue Lage gestellt sah. Konnte er bis dahin sicher sein, daß der Balance der Stimmen der Regierungsparteien und der Opposition auch eine Balance der hinter diesen Gruppen stehenden Wählergruppen entsprach, und konnte er ruhig annehmen, daß dieses Gleichgewicht der Klassenkräfte in Oesterreich auch durch keinerlei äußere Auswirkungen von elementarer Kraft bedroht sei, so tauchten nach der deutschen Umwälzung innenpolitische Leidenschaften und außenpolitische Strömungen auf, die mit der völligen Umwälzung dieses Machtgleichgewichts drohten. Schon aus der Hirtenberger Waffenaffäre, die noch vor den deutschen Ereignissen liquidiert wurde, mußte alle Welt ersehen, welch exponiertes Gebiet das zwischen Deutschland, Italien, Jugoslawien, Ungarn und der Tschecho-Slowakei eingepferchte Oesterreich ist, von Frankreich und England ganz zu schweigen, die ihren Einfluß trotz ihrer geographischen Ferne durch ökonomische Machtmittel auszuüben wissen. Nach der „nationalen Erhebung“ in Deutschland und vollends seit der „Gleichschaltung“ der süddeutschen Länder ergab sich für Oesterreich die natürliche Gefahr, einerseits von kommunistischen Emigranten, andererseits von nationalsozialistischen Emissären überflutet zu werden. Die innenpolitische Lage wurde nur noch chaotischer, als inmitten dieser heiklen außenpolitischen Situation das Präsidium des Nationalrates aus formalistischen Gründen demissionierte, die Volksvertretung sich also einfach selbst von der Führung der Geschäfte ausschaltete, die Opposition aber - bemerkenswerterweise Sozialdemokraten ebenso wie Nationalsozialisten - Neuwahlen forderten, denn Bundeskanzler Dollfuß stellte sich entgegen den Erwartungen seiner Gegner, die geglaubt haben, daß er Neuwahlen ausschreiben werde, auf den Standpunkt: Wenn Oesterreich nicht parlamentarisch regiert werden kann, so muß es eben ohne Parlament regiert werden, weil sonst die Anarchie einreißt und die Folgen davon nicht abzusehen wären. So ist Dollfuß zu einem Diktator „malgré lui“ geworden, und hat ein Regime der Notverordnungen ins Leben gerufen.

Wirtschaftssorgen diktieren die Richtung der Politik
Unterdessen verschärfte sich noch die Wirtschaftskrise durch die Wiederaufrollung des Bankenproblems, eine Folge der Hilfsbedürftigkeit der niederösterreichischen Eskomptegesellschaft, ferner durch die Verzögerung der Creditanstaltsverhandlungen und der Anleihefrage, wie auch durch die Auswirkungen der Schillingdevalvation. All das machte für die Regierung eine erhöhte Bewegungsfreiheit erforderlich, die sich der Bundeskanzler eben mit den Mitteln verschaffte, die ihm zur Verfügung standen. Nach der Selbstausschaltung des Parlaments und Einschränkung der Pressefreiheit mußte sich der Gegensatz zur Sozialdemokratie, dieser Konstante der österreichischen Innenpolitik, verschärfen und im gleichen Maße auch das Machtgewicht der Heimwehren zunehmen. Aber auch von einem anderen Gesichtspunkt her bedurfte Dollfuß einer tatkräftigen Unterstützung durch die Heimwehren, nämlich mit Hinblick auf die wachsende Anziehungskraft des Nationalsozialismus, der namentlich durch das Ueberschwenken des Polizeipräsidenten Brandl in das Nazilager einen starken agitatorischen Auftrieb erhalten hatte. Dollfuß ist solcherart zwischen zwei Mühlsteine geraten und wird von zwei straff organisierten Mächten bedroht, denen er nur Widerstand leisten kann, wenn er sich auf noch straffer organisierte Kräfte stützt. Deshalb hat er die Kampforganisation der Sozialdemokratie, den Republikanischen Schutzbund, aufgelöst, aber aus dem gleichen Grunde will er nicht dulden, daß Oesterreich von nationalsozialistischen SA-Putschen überflutet wird.

Der Anschlußgedanke
All diese inneren Probleme Oesterreichs erscheinen für den oberflächlichen Blick recht chaotisch. Aber bei näherem Zusehen ist ersichtlich, daß den Ereignissen der österreichischen Politik eine immanente historische Logik innewohnt. Im Hintergrunde aller positiven und negativen Entschlüsse der Regierung, ebenso wie der Parteien wirkt nämlich unablässig das Anschlußproblem. Durch die deutsche Umwälzung ist für Oesterreich die Gefahr erwachsen, daß diese Frage nicht durch den freien Entschluß des österreichischen Volkes entschieden, sondern von außen her, entweder durch eine langsame „friedliche Durchdringung“ parteipolitischer Art, oder durch Ueberrumpelung machtpolitischer Natur aufgezwungen wird. Dollfuß und die Christlichsozialen, also die Seipel-Schule, machte niemals einen Hehl daraus, daß sie den Interessen des Gesamtdeutschtums besser zu dienen vermögen, wenn sie die staatliche Vereinigung mit Deutschland bis zu einem Zeitpunkt aufschieben, in dem eine Neuregelung des gesamteuropäischen Status erfolgt. In diesem Kurse wurden sie nicht allein durch Frankreich und England, sondern wohl auch durch Italien unterstützt. Jüngst erst riet ein deutscher Staatsmann Dollfuß und den Heimwehren, einen ehrvollen Frieden mit den österreichischen Nationalsozialisten zu schließen, ehe es zu spät sein würde. Nun sieht Dollfuß noch keinen Zwang dafür, sich durch den Nationalsozialismus ins Schlepptau nehmen zu lassen. Er will eine selbständige österreichische Politik machen, deren oberste Maxime die Wahrung des Selbstbestimmungsrechts ist.

Mit den Nazis oder den Sozialdemokraten?
Die Frage wäre indessen berechtigt, weshalb er sich nicht durch eine Koalition mit der Sozialdemokratie, also durch einen innerpolitischen Burgfrieden, Rückendeckung nach den breiten Massen hin zu schaffen versucht. Die Gründe liegen teils im innerpolitischen Machtgleichgewicht, teils in außenpolitischen Erwägungen. Eine Koalition mit der Sozialdemokratie würde Dollfuß in einen Konflikt zu den Heimwehren hineintreiben, die ihm sicherlich näherstehen, als die Sozialdemokratie. Nun befindet sich die Sozialdemokratische Partei in der Anschlußfrage in einer peinlichen Sackgasse. Sie kann unmöglich wünschen, daß die österreichische Arbeiterschaft dem Hitler-Regime in Deutschland ausgeliefert wird, ja sie müßte sich heute einer zielbewußten Anschlußaktion widersetzen. Eine solche Politik kann sie indessen außerhalb der Regierung viel zweckdienlicher befolgen, indem sie einer realistischen Politik der Dollfuß-Regierung nach dieser Richtung keinen Widerstand entgegensetzt.
Freilich, eine bloß negative Haftung reicht in den gegenwärtigen schicksalsschwangeren Zeiten nicht mehr aus. Von geschichtlicher Bedeutung wäre es heute, wenn aus der großen Umwälzung in Deutschland der Sieg der kleindeutschen Idee Bismarcks in Oesterreich hervorginge; wenn eine außenpolitische Einheitsfront sämtlicher Parteien - freilich mit Ausnahme der Nationalsozialisten - im Zeichen des Gedankens zustande kommen würde, der allein das Selbstbestimmungsrecht Oesterreichs gewährleisten kann: im Zeichen des Donaugedankens. Denn das Anschlußverbot wirkt nur solange als Einschränkung dieses Selbstbestimmungsrechtes, bis Oesterreich sich über die Grundrichtung seiner Außenpolitik, ja seiner gesamten staatlichen Existenz nicht einig ist. Wendet sich aber die überwiegende Mehrheit des österreichischen Volkes seiner wahren historischen Sendung im Donautale zu, dann erst wird der positive Inhalt der staatlichen Existenz Oesterreichs überhaupt sichtbar.
Gerade der jetzige historische Augenblick kann für Oesterreich eine außerordentliche politische und wirtschaftliche Chance bieten.

*
Blutige Zusammenstöße in Wien
Wien, 4. April (Tel. des „Tag“). Ueber Antrag des Innenministeriums wurde die Präventivzensur bei den Tageszeitungen „Deutsche Tageszeitung“ und „8 Uhr Blatt“ angeordnet.
Gestern wurde eine Reihe von Hausdurchsuchungen bei den Organisationen der Sozialdemokraten und dem Schutzbund vorgenommen. Es wurde nach Munition gesucht. Bei dieser Gelegenheit kam es zu Zusammenstössen. In Wiener-Neustadt haben die Behörden zehn Verhaftungen vorgenommen.

(330406w4)
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Nr. 319, Freitag, 07.04.33

Postby Klaus Binder on 7. April 2011, 00:40

Seite 1

Interview mit der Königin Maria [S. 1, oben, links]
Königin-Witwe Maria und König Carol

Bukarest, 5. April (Tel. des „Tag“). Königin-Witwe Maria empfing heute den Bukarester Vertreter der englischen Agentur “Reuter”, dem gegenüber sie sich über verschiedene aktuelle Probleme, die Europa und Rumänien betreffen, äußerte.
„Die Ursachen der gegenwärtigen europäischen Krise“, so begann die Königin ihre Ausführungen, liegen in der wirtschaftlichen Situation; es ist begreiflich, daß auch die soziale Struktur dieser Länder in Mitleidenschaft gezogen ist. Angesichts dieser Lage muß es mich wunder nehmen, daß nicht alle Staaten sich zusammentun, um eine gemeinsame Front gegen den Bolschewismus, der eine europäische Gefahr bedeutet, zu bilden. Bolschewismus heißt Sklaverei, das Ideal Europas ist aber heute, in Freiheit zu leben. Ich glaube, daß der europäische Frieden nicht durch aggressive, sondern nur durch vermittelnde Mittel erhalten werden kann. Die Folgen des Krieges machen sich noch überall bemerkbar. Europa erlebt jetzt eine schmerzhafte Wiedergeburt, die aber, wenn einmal überstanden, auf allen Gebieten sich günstig auswirken wird.

„Ich glaube an die Zukunft meines Landes“
Auf die Frage des Journalisten, wie die Königin die Zukunft Rumäniens sieht, antwortete sie:
Rumänien macht gegenwärtig eine ungeheuere finanzielle und wirtschaftliche Krise durch. Trotzdem glaube ich an die Zukunft Rumäniens, weil das Volk die Tugend besitzt, auszuharren und mit Geduld zu warten. Das rumänische Volk hat bisher viel Leid erlitten viele Klippen mußten umschifft werden. Angesichts dieser Erfahrungen bin ich fest überzeugt, daß Rumänien die Krise überwinden und als Siegerin hervorgehen wird. Rumänien wird nicht zugrunde gehen.
Die verantwortlichen Faktoren müssen aber auch mit dem Partikularismus rechnen, der, wie in anderen Ländern, auch bei uns auftritt. Die Hauptaufgabe müßte auch für Rumänien sein: Wie bekämpft man den Bolschewismus?
Die englischen Zeitungen, so sagte weiter der Journalist, haben sehr viel über Ihre Beziehungen zum König Carol geschrieben. Wollen Sie mir vielleicht sagen, was an der Sache wahr ist.
Die Königin antwortete:
„Bedauern mußte ich die falschen Berichte in den englischen Zeitungen, die sich mit meinen Beziehungen zu meinem Sohne, dem König Carol befaßten, lesen. Ich habe heute im Lande keine politische Rolle mehr. Ich hatte sie einst und habe viel zur Klärung politischer Situationen und zur Propagierung Rumäniens im Auslande beigetragen. Ich habe zusammen mit dem verstorbenen König Ferdinand schwere Zeiten mitgemacht und auch den Krieg miterlebt.
Auch mein Sohn Carol nahm innigen Anteil an den Geschicken des Landes. Heute ist er aber König und trägt allein die volle Verantwortung für das Land. Ebenso wie ich wünscht auch das gesamte rumänische Volk, daß alle seine Bemühungen im Interesse des Landes von Erfolg begleitet sind. Er ist für das Volk und für das Land die Hoffnung der Zukunft. Es ist daher ein Verbrechen, wenn man meine Beziehungen zu meinem Sohn anders darstellen will, als sie wirklich sind. Wir haben den Grundstein für das Großrumänien gelegt. Das Zusammenarbeiten zwischen mir, König Ferdinand und unserem Sohne war niemals von Intrigen begleitet. Auch heute könnte es niemandem gelingen, zwischen mir und meinem geliebten Sohn, dem König Carol, einen Mißton zu schaffen.“

(330407r1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_von_Edinburgh
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_II._(Rumänien)



Rußland gibt nach [S. 1, Mitte]
Die Ingenieure freigelassen. - Englands Weißbuch

London, 5. April (Tel. des „Tag“). Die drei englischen Techniker, welche in Haft gehalten wurden, sind heute freigelassen worden. Sie waren einige Wochen früher mit vier anderen unter dem Verdachte der Sabotage verhaftet worden. Wie die amtlichen russischen Stellen melden, ist die Freilassung unter der Bedingung erfolgt, daß sie Rußland nicht verlassen dürfen und sich dem Gerichte stellen müssen.

*
Scharfe Worte Englands gegen Rußland
Der Schriftenwechsel zwischen der englischen und russischen Regierung in der Angelegenheit der Verhaftung der englischen Ingenieure wird heute in Form eines Weißbuches veröffentlicht. Der englische Botschafter in Moskau ist wiederholt bei Litwinow vorstellig geworden, weil die britische Regierung und die Oeffentlichkeit in der Verhaftung englischer Staatsangehöriger eine Verletzung der Handelsbeziehungen sah. Es erhebt sich die Frage, - so sagt der Botschafter in einer an Litwinow gerichteten Note, ob Rußland noch als Land gelten kann, in welchem es für einen Engländer möglich wäre, zu leben und Handel zu betreiben. Es scheine ihm, daß er, der Botschafter ausersehen sei, die Beziehungen, die England mit Rußland als erster Staat aufgenommen habe, auch zu beenden.

(330407w1)


Seite 2

Die jüdische Reichspartei interveniert im Divisionskommando [S. 2, Mitte, unten, links]
Am 5. d. M. empfingen die Herren Colonel Alexandrescu, Chef der Militär-Justiz und königlicher Kommissär Capitän Burada, eine Delegation der jüdischen Reichspartei (Region Bucovina), bestehend aus dem stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Markus Krämer und den Mitgliedern der Executive Dr. Moses Grünberg und Dr. Max Diamant, die ihre Beschwerden über die mangelhaften Sicherheitsverhältnisse in Cernauti vorbrachten. Die militärischen Funktionäre versprachen, Maßnahmen gegen die in letzter Zeit überhandnehmende Unsicherheit, insbesondere gegen die von Czernowitzer deutschnationalen Zeitungen gegen jüdische Geschäftsleute eingeleitete Boykott-Hetze zu treffen.

(330407c2)


Hungersnot in Rußland [S. 2, Mitte]
Moskau, 5. April (Tel. des „Tag“). Seit mehreren Tagen herrscht hier eine Hungersnot, da die Zufuhr von Lebensmitteln nur schwer vor sich geht. Die Lebensmittelpreise sind um 300 Prozent gestiegen. Die Lebensmittelrationen für die Angestellten sollen um 25 Prozent herabgesetzt werden.

(330407w2)


Vickers-Prozeß am 9. April [S. 2, Mitte, unten]
Moskau, 5. April. Der Beginn des Prozesses gegen die englischen Ingenieure der Vickers-Werke und 20 russische Angestellte der Werke beginnt am 9. April vor dem Obersten Gerichtshof. Den Vorsitz führt der aus vielen politischen Prozessen bekannte Oberrichter Ullrich, die Anklage vertritt Oberstaatsanwalt Wischinski. Die Anklage lautet nicht auf Sabotage, sondern auf Spionage zugunsten ausländischer Staaten und gegenrevolutionärer Organisationen oder Einzelpersonen. Auf dieses Vergehen steht Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren und die Todesstrafe nur im Falle schwerer Gefährdung der Staatsinteressen. In diesem Falle kann auch auf Verbannung erkannt werden.


(330407w2)
Klaus Binder
 
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Nr. 320, Samstag, 08.04.33

Postby Klaus Binder on 7. April 2011, 23:43

Seite 1

Die Freiheit der Presse [S. 1, oben, links]
Ansprachen des Reichskanzlers Hitler und des Minister Dr. Goebbels

Berlin, 6. April (Tel. des „Tag“). Vor den Vertretern der ausländischen Presse sprachen heute abends der Reichsminister für Volksaufklärung, Dr. Goebbels, und Reichskanzler Adolf Hitler. Die Reden glichen einander im Inhalte. Es sollte der ausländischen Presse bewiesen werden, daß in Deutschland die Freiheit der Presse bestehe, nur aber, wie Goebbels ausführlich darlegte, im Sinne der Freiheit, die der Regierung der Nationalsozialisten entspricht. Goebbels sagt: Wir wünschen freie Kritik, die öffentliche Meinung soll unser Mitarbeiter sein; wir sind vollständig bewußt der Bedeutung der siebenten Großmacht - - aber nur im Rahmen der Verantwortung vor der Nation kann man diese Pressefreiheit verstehen. Dann setzte Goebbels fort: Niemandem wird es einfallen, die freie Betätigung der Aeußerung zu behindern - - - aber nur im Rahmen der Disziplin. In England und Frankreich - so meinte Goebbels - ist diese Voraussetzung für die Freiheit selbstverständlich. Das deutsche Volk ist aber ein Volk von Individualitäten. Jeder hat seine Meinung, aber nur soweit die eigene Meinung nicht die Nation gefährdet, darf er seine Individualität entwickeln. Dann sprach Goebbels über die Presse der Vergangenheit, die alle Elemente des öffentlichen Lebens, wie Kirche, Staat, Kultur vernichten, zertreten und alles besudelt hat. Kranke Gehirne benützten die Situation, um Verstöße gegen das Recht zu unternehmen, die Asphaltliteratur produzierte erschreckende Werke. Anarchie machte sich breit, der Geist der Unkultur - - aber bei uns? - - wir lassen der Presse die Freiheit, er vergaß nicht hinzuzufügen „im Rahmen der Disziplin“, wie sie die nationale Revolution versteht. Tendenzen? Ja! Zeitung soll Tendenz haben, - nur die Tendenz, wie sie die Regierung vorschreibt. So ging es fort und fort. Er sprach von der geistigen Deskomposition, den Aufgaben der neuen Autoritäten, von der Umformung der politischen, sozialen und künstlerischen Werte, er wetterte gegen die Ueberwucherung mit patriotischem Kitsch und kam nochmals auf die Verantwortung des Journalisten zu sprechen, der in dieser historischen Stunde eine Aufgabe von unendlicher Größe zu erfüllen hat. Nicht der ist der tüchtige Journalist und für das Volk von Wert, der einen guten Artikel schreibt, er muß auch die sittlichen Werte in sich tragen; er muß den staatspolitischen Erfordernissen gewachsen sein. Nicht die Uniformierung der Presse mit den gleichen, von der Regierung befohlenen Schablonen ist unser Wunsch, meint Goebbels, sondern nuancenreich soll die Arbeit des Pressemannes sein. Der Tenor Goebbels Rede war der Nachweis, daß die Presse der freien Meinungsäußerung sich erfreue, aber, wie er immer wieder betont, nur „im Geiste der Aufgaben der nationalen Bewegung“. Es gab wenig Beifall nach dieser Rede, denn die Sätze Goebbels passen nicht zu den Ereignissen. Das mußte sich im Stillen jeder denken, der diese Rede mitangehört hat. Der Reichskanzler Hitler ging über das Thema Presse hinaus und wollte die vielen peinlichen Zwischenfälle der letzten Wochen verteidigen. „Es ist wie auf dem Schlachtfelde. Da wartet man nicht erst, wenn sich ein Soldat gegen den Dienst vergeht, auf das Gericht, die Justiz arbeitet schneller.“ Hitler erzählte wieder, was die Nationalsozialisten in den vierzehn Jahren erdulden mußten, Staatsbürger zweiter Klasse waren sie und so fort ... Man kennt bereits zur Genüge die Geschichte des Aufstieges. Hitler verlangte, daß die Presse nicht Selbstzweck sei, sondern Mittel zum Zweck, jeder, der am Werke der nationalen Revolution mitarbeitet, soll willkommen sein. Auch Hitler hatte wenig Beifall.

(330408w1)


Brandrede Hitlers gegen die jüdischen Aerzte [S. 1, oben, rechts]
Berlin, 6. April (Tel. des „Tag“). Hitler empfing den Spitzenverband der Aerzteorganisationen des Reiches unter Führung des Prof. Dr. Stauder aus Nürnberg, der dem Reichskanzler versicherte, daß die Aerzteschaft an der nationalen Neugestaltung des Reiches mitarbeiten werde.
Hitler dankte und sagte, daß die Nation den Anspruch auf die eigene geistige Führung in allen Belangen habe. Die großen Leistungen auf kulturellem und geistigem Gebiete, auch auf dem Gebiete der Aerztewissenschaft seien niemals von Rassefremden, sondern stets von den geistigen Kräften der rassereinen Nation vollbracht worden. Die eigenen Volksgenossen haben deshalb ein Recht auf Bevorzugung. Auch das amerikanische Volk habe dasselbe erlebt was jetzt das deutsche. Die praktischen und politischen Folgen der übermäßigen Einwanderung, das Ueberhandnehmen der fremden Rasse und deren Einwirkung auf die Kultur sind zum Schluß unerträglich geworden. In Anbetracht der wirtschaftlichen Not habe gerade die deutsche Jugend Anspruch auf Lebensexistenz. Das könne nur geschehen durch Zurückdrängung der fremdrassigen Aerzte. Der Reichskanzler sei nicht im Unklaren, daß sich der volle Wert der heutigen Aktion erst in Jahrhunderten einstellen wird, aber heute muß ein festes Fundament gelegt werden.

(330408w1)


Deutschland protestiert in Warschau [S. 1, rechts, Mitte]
Hitler-Puppe wurde verbrannt

Berlin, 6. April (Tel. des „Tag“). Ebenso wie in Kattowitz der Vojvode dem Generalkonsul das Bedauern über die Zwischenfälle in Polnisch-Schlesien ausgesprochen, hat heute ein Vertreter des Ministers des Aeußeren dem deutschen Gesandten sein Bedauern kundgegeben. Der deutsche Gesandte hat gleichzeitig schärfsten Protest gegen die Ueberfälle erhoben.
Es handelt sich um die Zwischenfälle bei den Protestkundgebungen der polnischen Bevölkerung in Kattowitz gegen die Unterdrückung der polnischen Minorität und gegen das Verbot polnischer Zeitungen in Deutschland. Die Demonstranten hatten eine Puppe mit der Aufschrift „Adolf Hitler“ auf einem Scheiterhaufen, ferner deutsche Zeitungen verbrannt und die Abhaltung deutscher Versammlungen verhindert. Dabei kam es zu großen Exzessen, und die deutschen Geschäfte wurden geplündert.
Der deutsche Gesandte forderte von der polnischen Regierung eine Untersuchung der überbrachten Fälle, die Bestrafung der Täter und Vorkehrungen, daß sich solche Ereignisse nicht wiederholen.

Goebbels ist Ehrenbürger geworden
Berlin, 6. April (Tel. des „Tag“). In Gladbach-Reydt wurde der Reichspropagandaminister Goebbels zum Ehrenbürger ernannt. Der Beschluß erfolgte einstimmig, auch mit den Stimmen des Zentrums und der Sozialdemokraten. (!?)

Esser wieder verhaftet
Köln, 6. April (Tel. des „Tag“). Ueber Verfügung des Polizeipräsidenten wurde Reichspräsident Thomas Esser neuerlich verhaftet. Die Pressestelle des Polizeipräsidiums teilt mit, die neuen Ermittlungen haben den dringenden Verdacht strafbarer Inkorrektheiten Essers ergeben.

Gerüchte über Remarque
Berlin, 6. April (Tel. des „Tag“). Die Nachricht, daß der Autor des Romanes „Im Westen nichts Neues“, Erich Maria Remarque, ermordet worden sei, ist falsch. Remarque befindet sich wohlauf in Lugano.

Braunschweig, 6. April. (Tel. des „Tag“). Der Rektor der technischen Hochschule ist zurückgetreten.

Luther reist ab
Berlin, 6. April (Tel. des „Tag“). Reichspräsident Hindenburg empfing heute den neuernannten Botschafter für die Vereinigten Staaten, Luther, in Abschiedsaudienz vor dessen Abreise nach Amerika.

Einstein wird in Frankreich geehrt
Paris, 6. April (Tel. des „Tag“). Der frühere Ministerpräsident Herriot erklärte heute im Kongreß der radikal-sozialistischen Partei, daß dem aus Deutschland geflüchteten Professor Einstein die französische Wissenschaft gerne mit Freude einen Ehrenplatz anbietet. Gleichzeitig wird Frankreich den aus Deutschland geflüchteten Juden gemäß der Tradition, gastliche Aufnahme gewähren.

Weitere Proteste gegen Judenverfolgungen
Paris, 6. April (Tel. des „Tag“). In einer Besprechung der Freimaurerloge wurde schärfster Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland erhoben.
Auch in der Schweiz fanden Protestkundgebungen gegen die Judenverfolgungen in Deutschland statt.

*
Die „Times“ über Deutschland
London, 6. April. Die „Times“ befaßt sich sehr kritisch mit der gegenwärtigen Lage in Deutschland. Das Blatt vergleicht den ersten triumphalen Marsch der deutschen Armeen im Jahre 1914 nach Frankreich mit dem nationalsozialistischen Drang, mit dem die Nationalsozialisten im Reiche die Macht ergriffen. Im Jahre 1914 brachten die taktischen Erfolge den Deutschen neue Feinde, und es ist nicht ausgeschlossen, daß auch die politische Offensive der letzten Zeit ein Anwachsen der Schwierigkeiten für sie herbeiführen wird. Das Blatt befaßt sich mit dem Kampf, den das große Volk gegen eine wehrlose Minderheit führt und bezeichnet diesen Angriff als „Schandfleck“ der patriotischen Bewegung, um Rassenhaß und persönliche Gelüste zu befriedigen. Die letzten Ereignisse in Deutschland erwecken den Verdacht, daß die Nationalsozialisten nicht politisch vorgehen, sondern persönliche Rache stillen und daß ihre glänzenden Umzüge nur mangelnde konstruktive Fähigkeit verbergen.

(330408w1)


Seite 2

Kino-Nachrichten [S. 2, Mitte, rechts]
Wie wir erfahren, hat die Repräsentanz der „Ufa“ für Rumänien bei der genannten Filmgesellschaft zum Zeichen des Protestes die bestehenden Verträge storniert. Es werden somit nur noch jene „Ufa“-Filme zur Aufführung gelangen, die bereits bezahlt und im Lande schon eingetroffen sind.

(330408r2)


Die Direktion des Kino „Regal“ [S. 2, Mitte, rechts]
bringt dem geehrten Publikum zur Kenntnis, daß die Gründe für den Boykott gegen den Film „Ich und die Kaiserin“ sich als unstichhältig erwiesen haben. Wir sind dahin aufgeklärt, daß dieser Film gegenwärtig weder mit der Ufa-Berlin, noch mit Conrad Veidt etwas gemeinsam hat. Das Filmgeschäft im Allgemeinen wickelt sich nicht gegen Kredit ab, so daß die „Ufa“ den Kaufpreis für diesen Film schon längst im voraus erhalten hat. Der Film „Ich und die Kaiserin“ wurde von der Direktion des Kino „Regal“ zusammen mit noch einigen anderen Filmen vor Beginn der Verfolgungen in Deutschland bezahlt und gehört jetzt für Cernauti dem Kino „Regal“ allein. Der Film darf auf keinen Fall boykottiert werden, weil dadurch nur der Kinobesitzer geschädigt wird.
Nachdem diese Aufklärung vor sich gegangen ist, setzt die Direktion den Film „Ich und die Kaiserin“ wieder aufs Programm, damit alle, welche durch den unangebrachten Boykott den Film nicht besuchten, Gelegenheit haben, denselben zu sehen. Die Direktion ersucht daher alle Studentenverbindungen, sowie alle anderen, welche gegen „Ich und die Kaiserin“ den Boykott propagiert haben, mit der Agitation aufzuhören, weil sie dadurch nur dem hiesigen Kinobesitzer einen unersetzlichen Schaden zufügen.
Die Direktion

(330408c2)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Conrad_Veidt
http://de.wikipedia.org/wiki/Ich_und_die_Kaiserin
http://www.youtube.com/watch?v=8LuTMK0g8B8
http://conradveidt.wordpress.com



Zamfir Arbore gestorben [S. 2, rechts, Mitte]
Aus Bukarest wird gemeldet: Im patriarchalischen Alter von 85 Jahren ist gestern Professor Zamfir Arbore gestorben. Der Verstorbene war auf dem Gebiete der Literatur und des Zeitungswesens bewandert und hatte für seine Studien über Bessarabien einen Preis von der Akademie erhalten. Arbore stand zum alten Führer der Liberalen Ion Bratianu, zum Staatsmann Rosetti und zum Schriftsteller Hasdeu in freundschaftlichen Beziehungen. Arbore ist in Czernowitz geboren und oblag seinen Studien in Moskau und Petrograd. Der Minister für Bessarabien Pan Halippa hat im Namen der Regierung der Familie des Verstorbenen sein Beileid ausgesprochen.

(330408t2)


Seite 4

Das englische Ermächtigungsgesetz gegen Rußland [S. 4, oben, rechts]
London, 6. April (Tel. des „Tag“). Das englische Unterhaus hat das antirussische Ermächtigungsgesetz angenommen. Durch dieses Gesetz ist die Regierung bevollmächtigt, die Einfuhr russischer Waren zu verbieten.

Bucharin verhaftet
Moskau, 6. April (Tel. des „Tag“). In Leningrad wurde heute der frühere Volkskommissär Bucharin verhaftet. Er hat in den letzten Tagen eine Oppositionsbewegung, die den Zweck hatte, Stalin zu stürzen, in die Wege geleitet.

(330408w4)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Nikolai_Iw ... h_Bucharin
Klaus Binder
 
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Nr. 321, Sonntag, 09.04.33

Postby Klaus Binder on 9. April 2011, 00:35

Seite 1

Leitartikel
Kontrarevolution? [S. 1, oben, links]
Hitler, Göring und Goebbels verweisen in den Verteidigungsreden für die Greueltaten der Nationalsozialisten innerhalb Deutschlands, daß inmitten eines von Fieberschauern gerüttelten Volkes unliebsame Zwischenfälle unvermeidlich sind. Wie sagte doch Göring in der historisch gewordenen Essener Rede: Wo gehobelt wird, fallen auch Späne. Die judenfeindliche Kampagne tobt sich eben aus, blutrünstig, virulent. Man sieht auch heute nicht trotz der Warnungssignale der Führer, wie lange es noch dauern wird, bis im dritten Reich sich die Wogen der Unrast glätten werden. Denn, wie man merkt, sind mit der bloßen Einstellung des über die Juden verhängten Boykotts die entfesselten Massenleidenschaften noch lange nicht beschwichtigt, abgesehen davon, daß die Durchführung des nationalsozialistischen Programms unbedingt auch andere, vielleicht noch ernstere Gegensätze aufzureißen droht.
Nicht bloß, daß man es vermutet, man sieht bereits die Konturen dieser Gegensätze. Die wenigen Zeitungen, die in Deutschland noch ein halb offenes Wort zu sprechen wagen, das sind die Blätter, die Papen und Hugenberg nahe stehen, zeigen bereits die Richtung an, in der sich der Gegensatz offenbaren muß. Denn von dieser Seite ist zuerst abgewinkt worden, den Boykott fortzusetzen und die Wirtschaft mit Vernichtung zu überziehen. Die Gruppe um Göring und Goebbels kämpft jetzt nur noch Rückzugsgefechte. Diese Ansicht bezieht sich auf den Kampf der Führer, nicht aber auf die Unteroffiziere und Mannschaften des Nationalsozialismus. Denn in diesen Kreisen geht der Vernichtungskrieg erbarmungslos weiter, von den Fememorden auf den Journalisten Dr. Bell, wie es heute heißt, den Urheber des Reichstagsbrandes, und dem Wildwest-Ueberfall auf die Theaterdirektoren Rotter abgesehen, es wird weiter verhaftet, jüdische Beamten werden zu Paaren aus den Aemtern getrieben, den jüdischen Rechtsanwälten sind die Türen des Gerichtes versperrt, und gegen die jüdischen Aerzte hält der Reichskanzler Hitler selbst eine Brandrede. Wie sagte er gestern: Keiner der fremdrassigen Aerzte hat Anteil an der wissenschaftlichen Forschung!
Schon im nächsten Moment hielt man ihm Namen wie Wassermann, Ehrlich, Finkelstein entgegen, Gelehrte, die dank ihrer genialen Forschungen im Ewigkeitsbuch der ärztlichen Geschichte eingetragen sind. Das nützt noch immer noch nicht. Auf allen Gebieten Zurücksetzung, nicht bloß der Juden, auch nicht-jüdischer Wissenschaftler, Techniker, Künstler, die den langweiligen, unfähigen talentlosen Kollegen, welche nur aus dem Grunde ihres Minderwertigkeitsgefühles Nationalsozialisten wurden, im Wege stehen; sogar der berühmte Dirigent Bruno Walter paßt ihnen nicht, Max Reinhardt erhielt den Fußtritt, Liebermanns Bilder müssen von den Wänden der Museen verschwinden, Einstein ist ein Verräter, seine Häuser, Wohnungen und Bankendepots wurden konfisziert, die Töchter müssen in der Welt herumirren, Schriftsteller sind in den Kerker geworfen, andere, wie Theodor Wolff, flüchteten - - - und angesichts solcher Vorgänge, die Stunde zu Stunde immer zahlreicher werden, will der Nazi-Nachrichtenapparat der Welt die Schamlosigkeit barbarischer Handlungen mit der „Greuelpropaganda“ maskieren!! Aber das eine verstehen sie: Lüge auf Lüge zu häufen, mit Tatsachenentstellungen, mit Verdrehungen und Ableugnungen, als ob der gegen die Demokratie eingesetzte Naziapparat die unmittelbare Folge der von ihnen selbst in die Welt gesetzten Greuelnachrichten war. Der Spieß des Auslandes hat sich rechtzeitig umgedreht. Die ganze Welt ist heute erfüllt von der Schande Hitlers. Satz um Satz in allen Mitteilungen der Weltpresse spricht von den Berliner Vorgängen, Wort um Wort in den Parlamenten von Paris, London und Washington wiederhallt von den Schandtaten, und die Frage lautet heute nicht mehr: was geschieht mit den Juden, sondern, was geschieht mit Deutschland? Mag Hitler in alle kaufmännischen, wissenschaftlichen, technischen und sozialen Institutionen seine stellenhungrigen Parteigänger hineinzwängen, die bisher nicht imstande waren, aus eigener Tatkraft sich Existenz zu schaffen, in die großen Zeitungsverlagsanstalten sogar, mag er die großen Warenhäuser, wie das Haus Tietz, zwingen die Inhaber der Firma Tietz selbst aus den Geschäftsbetrieben hinauszubugsieren und an deren Stellen Nazis zu setzen, mag er noch immer Künstler wie Fritz Busch durch Nazimänner vom Dirigentenpult fortjagen: diese Art nationale Erneuerung muß sehr bald, eher als man es ahnt, Schiffbruch auf der ganzen Linie erleiden, weil die Menschheit ringsum nicht mehr lange zusehen wird, daß in ihrer nächsten Nähe eine tollwütend gewordene Parteiherrschaft schlimmer haust, als es die Taten der Kosaken waren, die sie aus angesammelter Rachelust gegenüber der Zaristenherrschaft begingen.
Es macht sich bereits der epidemische Einfluß des Hitlergeistes bemerkbar. Auch ein Bukarester Blatt („Calendarul“) fragte gestern: Was gehen die Juden in Sadagura oder in Balti die Vorgänge in München an? Wie kleingeistig, kleinkrämerisch und beschränkt ist die Anfrage! Die Antwort ist wahrlich sehr einfach. Auch das englische Oberhaus, die Kardinäle und Bischöfe, die von den Schreckensmeldungen aufgescheuchte Kulturwelt, erhebt lauten Protest gegen Berlin, nicht allein aus purer Menschlichkeit, sondern wegen der Gefahr, daß dieser mittelalterliche Foltergeist auf Nachbarn und die weitere Ferne sich ausdehnen könnte. Nichts ist leichter, als den Masseninstinkt mit dem bewährten Schlagwort „der Jude ist schuld …“ aufzuhetzen. In Deutschland erkennt man an dem in die Höhe getriebenen, fast nicht mehr zu bändigenden Fieber der Nazimänner, wie gefährlich dieses Gift ist. Sogar bis nach Czernowitz ist die Naziwelle vorgedrungen und hat hier - sich nur einen Moment festsetzend - den Versuch gemacht, sich blödsinnig auszutoben, in einer Stadt und in einem Lande, in dem es darauf ankommt, daß die Minoritäten wie bisher miteinander in Frieden leben. Aber hier wollten diese Nazis noch päpstlicher als der Papst sein, und jedes freie Wort gegen die deutsche Kulturschande wurde als Kommunismus denunziert. Nun haben sie ihre Gegner aufgescheucht und diese geben ihnen die gebührende Antwort. Das kleine Beispiel aus unserer Stadt kann generalisiert werden. Ein großes Land steht in Flammen und die ganze Menschlichkeit ist erwacht und will nicht zusehen, wie auf sie die Flammen herüberschlagen. Deshalb die Abwehrpropaganda überall, wo noch ein Funke von Kultur und Zivilisation ist. Drinnen, im Lande des großen Brandes, bereitet sich aber bereits, wie in den einleitenden Sätzen gesagt wurde, der Hitler-Gegensatz, die aus der Koalition hervorgehende und gegen das Hitlerregime gerichtete Strömung vor.
Ego

(330409w1)


Die Regierung warnt neuerlich vor Einzelaktionen [S. 1, rechts, Mitte]
Berlin, 7. April (Tel. des „Tag“). In einer Ministerbesprechung referierte Reichsaußenminister Neurath über außenpolitische Fragen. Hernach nahm der Ministerrat das Gleichschaltungsgesetz an.

Statthalter für die Länder
In diesem Gesetz heißt es u. a., daß über Vorschlag des Reichskanzlers der Reichspräsident in allen deutschen Ländern außer Preußen Statthalter ernennen kann. Diese Statthalter, die auch den Vorsitz in der Landesregierung führen können, haben das Recht, den Landtag aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben, der Ernennung oder Absetzung von Beamten und Richtern, schließlich steht dem Statthalter das Recht der [Text fehlt]
In Preußen hat der Reichskanzler das Recht, die Mission als Statthalter auszuüben.

Der 1. Mai
Der Ministerrat faßte hernach den Beschluß, den 1. Mai als Staatsfeiertag zu erklären.

Wiederzulassung jüdischer Rechtsanwälte
Im Reichsjustizministerium fand eine Beratung über die Wiederzulassung von jüdischen Rechtsanwälten und Notaren zur Ausübung ihres Berufes statt. In Regierungskreisen heißt es, daß diese Frage in den nächsten Tagen eine reichsrechtliche Regelung erfahren wird.

Wieder strenge Warnung - aber …
Das politische Zentralkomitee erließ an alle S. A. Mitglieder einen Aufruf, in welchem Einzelaktionen im Wirtschaftsleben, Banken, Warenhäusern und sonstigen Geschäften verboten werden. Keine Aktion darf ohne Auftrag höherer Regierungskreise durchgeführt werden.

Verbot katholischer Zeitungen
Das Zentrumsblatt „Badischer Beobachter“ wurde für zehn Tage verboten. Hingegen wurde das Erscheinungsverbot für den „Simplicissimus“ aufgehoben.

Die bayrische Volkspartei lehnt die Verantwortung ab
In einem Kommunique der Bayrischen Volkspartei erklärte der Vorsitzende Scheffer, daß diese Partei eine Nationalpartei ist und für die letzten Vorgänge in Deutschland keine Verantwortung übernehme, wenn sie auch bereit ist, an der künftigen Gestaltung Deutschlands mitzuarbeiten.

Subventionen für den jüdischen Kultus gestrichen
Karlsruhe, 7. April (Tel. des „Tag“). Angesichts der unruhigen Situation, und die Juden in Baden zu schützen (!), hat die Reichsregierung veranlaßt, daß alle jüdischen öffentlichen Beamten auch die aus dem Schuldienst, zu beurlauben sind.
Der Finanzminister Bayerns ordnete an, daß die im Budget vorgesehenen Summen für den jüdischen Kultus bis auf weiteres gestrichen werden.

Der erste Sondergerichtsprozeß
Berlin, 7. April (Tel. des „Tag“). Heute fand in Berlin der erste Prozeß vor dem Sondergericht statt. Der staatenlose Händler David Leisten wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er angeblich auf dem Marktplatz „Greuelnachrichten“ über Judenverfolgungen in Deutschland erzählt hat.

Hitler führt Orden wieder ein
Berlin, 7. April (Tel. des „Tag“). Nachmittags fand eine Ministerbesprechung über die außenpolitische Lage, die Gleichschaltung der Länder und über die Wiedereinführung von Orden und Ehrenzeichen statt. Anschließend befaßte sich ein Kabinettsrat mit Wirtschaftsfragen.

„Hitlerspende“
Berlin, 7. April (Tel. des „Tag“). Der Bauernbund hat eine Entschließung angenommen, in welcher den Bauern nahe gelegt wird, ihren Teil zur „Hitlerspende“ beizutragen. Die Bauern werden ersucht, deutsche Volksgenossen aus den Städten für einige Wochen aufs Land zur Erholung einzuladen.

(330409w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/August_von_Wassermann
http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Ehrlich
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Finkelstein
http://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Walter
http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Reinhardt
http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Liebermann
http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Wolff
http://de.wikipedia.org/wiki/Leonhard_Tietz
http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Busch



Seite 2

Die Novelle des Tages
So der Balkan … [S. 2, oben, links]
Jüngst erzählte mir ein Bekannter, der gerade vom Besuch der Leipziger Mustermesse nach Bukarest zurückgekehrt war, einiges über seine Eindrücke aus dem heutigen Deutschland. Denn er war nicht nur in Leipzig, sondern auch in Berlin und Dresden. Ich glaube, es ist nicht nötig, wiederzugeben, was mir mein Bekannter alles erzählte; es genügt wohl, seine Konklusion aus all dem Erlebten und Gesehenen hierher zu setzen: Wenn man, sagte er, jetzt von Deutschland nach Rumänien kommt, so glaubt man beim Betreten der rumänischen Grenze erst jetzt in die wahre Demokratie gekommen zu sein …
Und das in Rumänien, dem in aller Welt als fleischgewordenen Begriff des Balkans bekannten Land! Wie Unrecht die Welt mit dieser ihrer geringschätzenden Meinung hat, beweist, aus der Fülle der Beispiele herausgegriffen, das eine, welches ich, zu meiner großen Freude, in diesen Tagen in einem Bukarester Kino erleben durfte. Gespielt wurde eine Tonfilmkomödie deutscher Provenienz, übrigens ein erstklassiger Kitsch, der im üblichen Beiprogramm dem Publikum den Vorgeschmack des nachfolgenden „großen“ Operettenkitschs vermitteln soll. Es ist notwendig - um dem Leser die Bedeutung des Vorfalls, der sich während der Vorstellung abspielte, so recht vor Augen zu führen - zu betonen, daß das Publikum im Kino zum großen Teile aus durchwegs rumänischer Gesellschaft, Offizieren mit ihren Damen usw. bestand, und daß Juden in diesem Saal bestimmt eine verschwindend kleine Minderheit darstellen.
In einer Bar entsteht zwischen zwei Herren, sowohl einer Dame als auch leichter Trunkenheit wegen, ein kleiner Skandal, das Handgemenge liegt bereits in der Luft, wenn man so sagen darf, und wenn man die beiden Streithähne betrachtet, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß in jeder Faust jedes Kampflustigen zumindest eine solide Ohrfeige sitzt. Ein Besonnener holt aber rasch einen S. A.‑Polizisten, der rechtzeitig auf der Bildfläche erscheint und im Begriff ist, die beiden Lebemänner zu trennen, als - - - - als im Publikum, nämlich in dem bis zum letzten Plätzchen gefüllten Kino, große Unruhe entsteht. Und ehe man sichs versehen, geht ein Pfuirufen und ein Gejohle los, man klatscht und schreit und verlangt Ueberspringung dieser Stelle, man trampelt mit den Füßen und ruht nicht eher, als der Operateur sich nicht schweren Herzens entschließt, den Film zu unterbrechen und eine Pause einzuschalten. Dann wird es wieder dunkel im Saal, der Film läuft weiter, aber der S. A.‑Mann ist nicht mehr zu sehen. Der Repräsentant der Hitlerdiktatur in diesem Film hatte die Gemüter erregt, und er mußte verschwinden.
Und das in dem „Balkanland Rumänien“, dem „westlichen Exponenten Asiens“, in dem man gleichwohl den Mut hat, gegen jenes Land zu demonstrieren, in dem augenblicklich aller Kultur und Zivilisation Hohn gelacht wird! Armes Deutschland!
Hego [Heinrich Goldmann]

(330409r2)


Seite 3

Die Mörder der Brüder Rotter: [S. 3, Mitte, oben, links]
nationalsozialistische Studenten

Wien, 7. April (Tel. des „Tag“). Die Mörder der Brüder Rotter sind, wie die bisherigen Feststellungen ergaben, nationalsozialistische Studenten. Bei ihrer Einvernahme erklärten sie, den Mord „aus patriotischen Motiven“ begangen zu haben, weil die Brüder Rotter Juden und aus Deutschland seit längerer Zeit geflüchtet sind, nachdem sie Unregelmäßigkeiten begangen haben. Die Verhaftung der Mörder auf österreichischem Boden hat große Sensation ausgelöst. Nach der Ermordung des Journalisten Bell bei Kufstein ist nun auch dieser Mord für die Behörden mysterios.

*
Die Nazis wälzen die Schuld von sich
Berlin, 7. April (Tel. des „Tag“). Zum Versuch einer Entführung der Brüder Rotter aus Lichtenstein wird amtlich festgestellt:
„Die Untersuchung hat einwandfrei ergeben, daß es sich nicht um ein Komplott von Nationalsozialisten handelt“.

(330409w3)


Fememord in Tirol [S. 3, Mitte, rechts]
Reichsdeutscher Journalist bei Kufstein erschossen

Wie die Wiener Blätter berichten, hat sich gestern in der Gemeinde Buchholzen bei Kufstein unweit der deutschen Grenze auf österreichischem Gebiet ein mysteriöser Mord ereignet, der politische Hintergründe haben dürfte. In einem Gasthaus befand sich eine reichsdeutsche Gesellschaft, der auch ein gewisser Dr. Bell angehörte. Um 10.30 Uhr fuhr vor dem Gasthause ein reichsdeutsches Auto vor, dessen Insassen sich nach Dr. Bell erkundigten. Drei von den Insassen kamen in das Gasthaus und forderten Dr. Bell auf, nach Deutschland zurückzukehren, worauf seine Frau und seine Tochter, die sich in Schutzhaft befinden sollen, in Freiheit gesetzt würden. Dr. Bell erklärte sich hiezu bereit, verlangte jedoch mit der Bahn und nicht mit dem Auto zurückkehren zu dürfen. Zwischen den drei Männern entwickelte sich hierauf ein Streit, worauf sie sich aus dem Gasthaus entfernten. Auf der Straße hatten sie dann ein Gespräch mit dem vierten Insassen des Autos. Dieser betrat nach Abschluß der Beratung das Gastlokal, schritt auf Dr. Bell zu und schoß ihn nach kurzem Wortwechsel nieder. Dr. Bell war auf der Stelle tot. Ein Gasthofangestellter, der auf den Wortwechsel hin in das Lokal geeilt war, wurde von dem Unbekannten durch einen zweiten Schuß am Oberschenkel verletzt. Die vier Reichsdeutschen sprangen hierauf in ihr Auto und fuhren in rasendem Tempo davon. An der österreichisch-deutschen Grenze durchbrachen sie den Grenzbaum, ohne daß es der Grenzwache gelungen wäre sie aufzuhalten.
Die Sicherheitsbehörden verweigern jede Auskunft über die Person des getöteten Dr. Bell, sowie über die mutmaßliche politische Zugehörigkeit der Mörder. Wie die Korrespondenz Herzog berichtet, soll Dr. Bell ein Münchner Journalist sein.

*
Der Ermordete war Adjutant Röhms
Wien, 7. April. Der politische Fememord an der österreichisch-bayrischen Grenze dürfte, wie die Blätter erfahren, ein politisches Nachspiel haben. Das österreichische Außenamt hat sich bereits mit den maßgebenden politischen Behörden in Verbindung gesetzt und diese beauftragt, sofort nach Erledigung der Amtshandlung die Akten nach Wien zu übermitteln, damit man hier über die weiteren Schritte schlüssig wird. Das Außenamt dürfte sich an die deutschen Behörden wenden, um eine Erklärung des Falles zu verlangen.
Die bisherige polizeiliche Untersuchung hat ergeben, daß der Erschossene
Bell der Adjutant Major Röhms war
und seinerzeit von der nationalsozialistischen Partei in Untersuchung gezogen worden war und später ebenso wie Major Hell im Verdacht stand, der katholischen Zeitschrift „Der gerade Weg“ Nachrichten aus dem nationalsozialistischen Lager verschafft zu haben.


(330409w3a)


Seite 7

Die Czernauter jüdischen Wirtschaftsgruppen [S. 7, oben, links]
beschließen den Boykott von Waren und Fabrikaten aus Deutschland

Am 5. d. m. tagte im Sitzungssaale der Toynbee-Halle eine über Einladung der jüdischen Reichspartei (Region Bukowina) einberufene Enquete, welche sich mit wichtigen wirtschaftlichen Fragen befaßte. Den Vorsitz führte der stellvertretende Präsident der Partei, Herr Dr. Markus Krämer, welcher den Zweck der Enquete erläuterte.

Zur Beratung waren ca. 60 führende Vertreter des jüdischen Wirtschaftslebens erschienen, darunter aus folgenden Branchen: Textilindustrie, Möbel-Spedition, Kino, Aerzte, Advokaten, Apotheken, Banken, Drogisten, Agentur und Kommission, Zahntechniker, Dentalartikel, Radiohandel, Buchhandel, Kleingewerbetreibende, Buchdruckereien, Mühlenindustrie, Spiritusindustrie, Pelzhandel, Parfumerie, Porzellan, Maschinenhandel, sowie eine Reihe von Mitgliedern des kaufmännischen Gremiums und der Handels- und Gewerbekammer.

Zum Punkte Konvertierung und Steuerfragen entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, an welcher die Herren Kammerrat Max Weißmann und Direktor Mathias Roll sich beteiligten und wertvolle Anregungen gaben. Hierauf beantragte Herr Dr. Moses Grünberg die Behandlung einer sehr wichtigen wirtschaftlichen Frage, nämlich die Stellungnahme der jüdischen Wirtschaftsgruppen zu dem in anderen Ländern proklamierten Boykott deutscher Waren und Fabrikate, da es notwendig sei, sich wirtschaftlich nach dem Inlande und den alliierten Ländern umzuorientieren.

Ueber einmütige Zustimmung der Anwesenden eröffnete der Vorsitzende die Diskussion über diese Frage. Es könne, wie Redner sagte, sich für die Judenschaft der Welt nur um Abwehrmaßnahmen handeln.

Der Abwehrkampf sei auch aus dem Grunde unerläßlich, weil das deutsche Beispiel, wenn die Weltjudenschaft keine Gegenmaßnahme ergreife, für die Judenschaft aller Länder einmal verhängnisvoll werden könnte.

Herr Direktor Mathias Roll hielt daraufhin eine überaus lichtvolle Rede über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Rumänien und Deutschland und wies an Hand von statistischen Daten nach, daß Deutschland sich schon seit längerer Zeit gegen Rumänien handelspolitisch absperre, so daß schon allein aus diesem Grunde Rumänien kein Interesse habe, die Einfuhr aus Deutschland zu fördern, weil es uns ja vom Exporte nach Deutschland ausschließe.

Aus der Mitte der Aerzteschaft teilte Herr Dr. Ferdinand Sternlieb mit, daß die Aerzteschaft als erste mit dem Boykott deutscher Medikamente begonnen habe. Der größte Teil derselben könne im Inlande beschafft werden, der Rest in den alliierten Ländern. Kein jüdischer Arzt wird es mit seinem Gewissen vereinbar finden, die Gesundheit seiner Patienten zu gefährden. Er könne aber unter vollster Verantwortung für die Gleichwertigkeit Medikamente französischer und inländischer Provenienz verordnen und so den größten Teil der deutschen Medikamente boykottieren.

Kammerrat Salomon Dorregger, Ing. D. Krässel, Magister A. Gläsner, Dr. Bernfeld gaben namens ihrer Branchen (Agentur und Kommission, Maschinen-Handel, Drogerien und Buchhandel) ihre Zustimmung zur Erklärung des Boykotts ab. Ing. Krässel, der wie viele andere Kaufleute, briefliche Beschwichtigungsversuche deutscher Firmen erhalten [hat], schlug vor, man möge antworten, der Boykott werde erst aufhören, wenn die volle Gleichberechtigung der deutschen Juden wieder hergestellt sei, wenn alle entlassenen Beamten und Angestellten rehabilitiert und alle Verfehlungen wieder gutgemacht worden seien. Herr Dr. Bernfeld meint, daß, obgleich der Buchhandel auf das deutsche Buch angewiesen sei, der Boykott dennoch auch hier einsetzen müsse, weil das deutsche Buch von nun an ohnehin hakenkreuzlerisch sein werde. Es sei auch gegen die jüdischen Zeitungsverschleißer Stellung zu nehmen, welche hakenkreuzlerische Zeitungen ausbieten.

Unter den anderen Rednern sprach auch der Kinobesitzer Herr Fabian: Das jüdische Publikum boykottiere bereits den deutschen Film. Man werde sich auf die Bestellung von Filmen aus anderen Ländern umstellen. Auch deutschsprachige Filme, welche in anderen Ländern gedreht werden und nicht deutscher Provenienz sind, werde man beziehen. Weil es aber im Kinogeschäft keinen Kredit gebe und Filme schon vorausbezahlt seien, müßte das einzusetzende Boykott-Komitee solche Filme für die nächsten Wochen noch freigeben, um die einheimischen Kinobesitzer nicht zu schädigen.

Nachdem die mehrstündige Beratung zu Ende war, wurde ein Organisations-Komitee, bestehend aus Vertretern sämtlicher Branchen gewählt, welches Subkomitees für jede Branche, zwecks Organisierung des Boykotts einsetzen und mit der Bukowinaer Provinz und der Reichshauptstadt in Verbindung treten wird, damit der Boykott deutscher und die Propagierung einheimischer Produktion im ganzen Lande zentral organisiert werde.

Die Enquete faßte dann einstimmig nachstehende Beschlüsse:

1. Die Judenschaft erklärt hiemit den Abwehrboykott sämtlicher in Deutschland hergestellten Waren, Fabrikate, Zeitungen, Druckwerke und fordert die einzelnen Wirtschaftsgruppen auf, diese aus dem Inlande oder von den alliierten Ländern zu beziehen. Ebenso seien die deutschen Kurorte gänzlich zu boykottieren. Dieser Boykott hat nicht früher aufzuhören, als bis die volle wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden in Deutschland wieder hergestellt ist und die ihnen zugefügten Schäden wieder gutgemacht worden sind.

2. Alle Wirtschaftsgruppen werden aufgefordert, sich den Anordnungen des Boykottkomitees zu fügen, ansonsten die Namen der sich Ausschließenden öffentlich bekanntgegeben werden.

3. Die „Deutsche Tagespost“ und die anderen antisemitischen deutschen Zeitschriften werden aufgefordert, die von ihnen in unserer Stadt eingeleitete Boykotthetze gegen die Czernowitzer jüd. Kaufmannschaft, Aerzte, Handwerker etc. sofort einzustellen, ansonsten von jüdischer Seite als Abwehrmaßnahme die Parole zum Boykott deutscher Geschäfte und sonstiger deutscher Wirtschaft, sowie zur sofortigen Entlassung sämtlicher deutscher Arbeiter und Angestellter in jüdischen Geschäften und Betrieben erlassen werden müßte, wofür die Verantwortung auf die Führer der Bukowinaer deutschen Minderheit fallen würde.

Nach Annahme dieser Beschlüsse dankte der Vorsitzende allen Erschienenen für die wertvollen Anregungen und erklärte namens der jüdischen Reichspartei, daß sie als Initiatorin dieser Wirtschaftsenquete die weiteren Arbeiten nunmehr den jüdischen Wirtschaftsgruppen und dem eingesetzten Komitee überlasse, indem sie in allen Fragen, in welchen die jüdischen Parlamentarier mitzuwirken hätten, ihre Unterstützung zusage. Hierauf schloß der Vorsitzende die Enquete.

(330409c7)


Boykott gegen Toscanini [S. 7, unten, links]
Berlin, 7. April. Auf Anordnung des kommissarischen Intendanten des Deutschlandsenders dürfen Kompositionen und Schallplatten Toscaninis im Programm nicht mehr angesetzt werden und auch keine musikalischen Veranstaltungen aus Konzertsälen und von anderen Sendern übernommen werden, an denen Toscanini in irgendeiner Form beteiligt ist. Bekanntlich hat Toscanini gemeinsam mit anderen in Amerika wirkenden großen Künstlern sich mit einem Appell an den Reichspräsidenten Hindenburg wegen der Behandlung jüdischer Künstler in Deutschland gewendet.

Unterredung mit Professor Einstein
Ein Sonderberichterstatter des „Journal des Debats“ besuchte Prof. Albert Einstein, der in Coq-sur-Mer (Belgien) Wohnung genommen hat. Einstein bewohnt eine kleine Villa in der Avenue Shakespeare, obwohl ihn ein englischer Minister eingeladen hat, in seinem Schloß in England Aufenthalt zu nehmen, und obwohl auch die belgische Universitätsstiftung Einstein eine prächtige Wohnung zur Verfügung gestellt hat.
Einstein erklärte,
daß er in Deutschland drei Güter besitze, die von der Reichsregierung beschlagnahmt worden sind. Seine Berliner Wohnung sei vollkommen ausgeplündert worden.

Oesterreich erhält Propaganda-Kommissar?
L. Wien, 7. April. Wie man in politischen Kreisen hört, beabsichtigt die Regierung, Dr. Kruckenhausen mit der Aufgabe eines Aufklärungs- und Propaganda-Kommissars, ähnlich wie Dr. Goebbels in Deutschland, zu betrauen.

(330409w7)


Seite 8

Diplomatische Intervention Frankreichs [S. 8, unten, Mitte]
Wegen der Judenverfolgungen

Paris, 7. April (Tel. des „Tag“). In der Kammer haben die Sozialdemokraten einen Antrag unterbreitet, in welchem die Regierung aufgefordert wird, auf diplomatischem Wege gegen die Judenverfolgungen in Deutschland zu intervenieren.
Gestern fanden hier drei große Protestkundgebungen gegen die Judenverfolgungen in Deutschland statt. Bei diesen Versammlungen haben Caillaux, Painlevé und Innenminister Chautemps das Wort ergriffen. Die Erklärung des Innenministers, daß die französische Regierung allen aus Deutschland geflüchteten Juden Asylrecht gewährt, hat große Sensation und lebhafte Zustimmung ausgelöst. Der Innenminister erklärte, daß ganz Frankreich seine Sympathien den verfolgten Juden in Deutschland und das Beileid den Hinterbliebenen der Opfer aus vollem Herzen ausspreche.

(330409w8)
Klaus Binder
 
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Nr. 322, Dienstag, 11.04.33

Postby Klaus Binder on 11. April 2011, 00:14

Seite 1

Leitartikel
Konjunktur [S. 1, oben, rechts]
Der Reichsminister Göring wetterte gestern über alle deutschen Sender gegen die Konjunktur-Nazis. Wie er es sagte, meint er damit jene Ueberläufer zur nationalsozialistischen Partei, welche den Sieg der nationalen Richtung für eigene Zwecke ausnützen wollen. „Tausende strömen heran, die glauben, daß jetzt auch für sie die Stunde geschlagen hat. Und sie denunzieren, verleumden, schreiben anonyme Briefe und wollen Stellungen erobern. Ich warne diese Denunzianten! Wer eine Anklage hat, der soll offen auftreten; er muß den Mut haben, die Beweise für die Anschuldigung zu erbringen. Jedermann hat ein Recht anzuklagen - aber nur mit Beweisen. Klagt er an und hat keine Beweise, so soll er bestraft werden. Wir brauchen keine Verleumder in unserer Mitte.“ So ungefähr charakterisierte Göring die Strömung der Denunziation, die sich jetzt im Zeitalter des dritten Reiches breit gemacht hat. Wie umfassend muß die Verleumdungskampagne geworden sein, daß Göring, die stärkste Kraft der nationalsozialistischen Führung, sich der Verleumder mit einer deutlichen Warnung zu entledigen sucht.
Mit diesem eindringlichen Appell hat Göring der Welt einen Blick in den Raum hinter die Kulissen des nationalsozialistischen Apparates gewährt. Jetzt kann man sich leicht vorstellen, welches Heer von stellensuchenden Parteigängern gegen Betriebe, Rechtsanwälte, Aerzte, Notare, Schauspieler, Musiker, Maler, Warenhäuser losgelassen ist, und was für ein Großbetrieb in der Erfindung von Verleumdungen ins Werk gesetzt wurde, um arbeitsame, fleißige, ehrliche Staatsbürger aus ihren Stellungen zu jagen, aus den Häusern zu vertreiben, gegen sie die Giftspritze der Denunziation anzuwenden, damit die neugebackenen Herren und Frauen Nazis an ihre Stelle treten. Herrn Göring gebührt Dank, daß er ein Wort der Wahrheit öffentlich gesprochen hat.
Ego

(330411w1)


Seite 2

Todesfall [S. 2, Mitte, unten, links]
Im Alter von 82 Jahren ist hier Frau Gusta Hirsch gestorben. Das Leichenbegängnis fand gestern von der Leichenhalle aus statt.

(330411t2)


Sereth [S. 2, oben, rechts]
(Tod des Kultuspräsidenten Schulim Achner)
Freitag fand unter starker Beteiligung die Bestattung des Präsidenten der jüdischen Kultusgemeinde, Herrn Schulim Achner, statt. Die Beteiligung an der Beerdigung war eine massenhafte. Jung und alt waren erschienen: die Vertreter der Kultusgemeinde, sämtliche Advokaten und Aerzte der Stadt, die Vertreter der Behörden, die persönlichen Freunde des Verstorbenen aus Sereth und Umgebung. Achner war eine der populärsten Figuren des öffentlichen Lebens, ein Mann, der sein Leben dem Wohlergehen der Stadt widmete. Arme und Kranke verlieren in ihm einen treuen, freudigen Helfer, einen Mann, der für sie lebte und denen er das Leben bedeutete. Am offenen Grabe sprach namens der Kultusgemeinde Kultusrat Aron Stober. Hierauf sprach Dr. Wagner, der betonte, daß der Verstorbene jede freie Stunde dem öffentlichen Wohl widmete. Er selbst erwarb sein ganzes Vermögen durch die Arbeit seiner Hände. Sch. Achner war eine der populärsten Stadtfiguren, und schon sein mildes Aussehen wirkte beruhigend und versöhnend. Hierauf nahm Redner vom Verblichenen Abschied und betonte, daß, so lange eine jüdische Gemeinde in Sereth sein werde, so lange auch sein Name hochgehalten sein werde. - Es sprach hierauf Dr. Karl Kohn, als Mitglied des Krankenunterstützungsvereines Bankdirektor Pariser. Er meine, daß die Stadt dem Untergang geweiht sei. Allmählich verliert sie ihre besten Männer. Er habe mit Schulim Achner drei Jahrzehnte zusammen gearbeitet, sei sein bester Freund gewesen und schildert hierauf seine wesentlichen Charakterzüge. Die zahlreich Erschienenen entfernten sich mit der Erkenntnis ihren besten Mann verloren zu haben. Sein Andenken wird fortab für immer in den Herzen seiner Mitmenschen eingetragen bleiben. Der hinterbliebenen Gattin und den nächsten nahen Verwandten wendet sich allgemeine Teilnahme zu.

(330411t2a)


Seite 3

Wie ich Palästina sah [S. 3, oben, links]
Dr. Ebner erzählt …

Bei dem gestern in der Halle des Hotels „Zum Schwarzen Adler“ in Gegenwart eines zahlreichen Publikums stattgefundenen Presse-Empfang gab Herr Dr. Mayer Ebner auf einige an ihn gerichtete Fragen eine zusammenhängende Darstellung über die Verhältnisse in Palästina und über die von der zionistischen Organisation veranstaltete Excursion, an der 26 Personen teilnahmen.

Ich habe nicht nur das neue, ich habe auch das alte Palästina gesehen - alles zwar nur im Fluge und nur in einem Zeitraum von kaum 15 Tagen: Ich fühle mich verpflichtet, in Stadt und Land zu erzählen, wie ich Palästina sah.

Ich war aufs angenehmste überrascht, als ich fand, daß Palästina schon heute ein Kulturland ist, in dem man mit allen Errungenschaften einer fortgeschrittenen Zivilisation bequem reisen und bequem leben kann. In dieser Hinsicht haben die Straßen in Palästina auf mich den stärksten Eindruck gemacht. Unser Auto hat mehr als 1500 Kilometer durchfahren, und fast durchwegs auf asphaltierten Straßen. Palästina ist zum größten Teile ein Bergland, und alle Höhen werden in überaus kühnen Serpentinen von ausgezeichneten Maschinen und den besten Chauffeuren (Juden) genommen.

Palästina hat geographisch eine geradezu einzigartige Lage. Es liegt an der Front von Klein-Asien und ist Europa und Afrika zugekehrt. Im Altertum ging die Handelsstrasse durch Palästina, und heute kann es das Land sein, über welches der Welthandel nach Vorderasien bis nach Indien geht. In diesem Sinne wird Haifa mit seinem nach etwa sechs Monaten fertiggestellten Hafen das Einfalltor für diesen Welthandel sein. Die Petroleumleitung von Mossul bis nach Haifa ist nahezu fertig, und ich übertreibe nicht, wenn ich die Meinung bestätige, daß Haifa berufen ist, neben Alexandrien der bedeutendste Handelshafen für den vorderen Orient zu sein. Haifa wächst über Nacht. Die Stadt ist ein einziger Bauplatz, sie wächst nicht nur in die Ebene, sondern auf den Karmel hinauf. Unser Nationalfond hat alle an die Haifabucht angrenzenden Liegenschaften in weiser Voraussicht der kommenden Dinge erworben, und es wird kaum ein halbes Menschenalter vergangen sein, und nicht nur die Bucht von Haifa, von Akko angefangen, sondern die ganze Küste von Haifa bis nach Tel Aviv werden eine blühende Riviera sein. Es ist Sache der Juden, daß Haifa eine jüdische und nicht eine internationale Stadt werde.

Von Haifa fuhren wir durch die bereits in jüdischen Händen befindliche, in höchster landwirtschaftlicher Kultur stehende Emek Ebene, nach Tiberias, gelegen an dem nach dieser Stadt benannten großen See. Tiberias mit seinem subtropischen Klima und seinen Heilquellen ist schon heute eine ansehnliche Stadt, die schon nach vier Jahren ein mit dem höchsten europäischen Komfort auszustattender Winterkurort werden wird.

Tel Aviv
Das Wunder von Palästina ist die zu 100 Prozent jüdische Stadt Tel Aviv. 1908 noch eine öde Sanddüne, heute eine Stadt von 65.000 Einwohnern nach dem Format einer Großstadt. Tel Aviv ist komfortables Seebad und derzeit Handelsstadt von hoher Bedeutung, Tel Aviv ist auch das geistige Zentrum der Juden. Allgemeine Amts- und Umgangssprache: hebräisch. Tel Aviv liegt eingebettet in Orangenpflanzungen. Orangenduft liegt in der Luft. Nirgends in der Welt ist die Sabbatruhe so vollkommen wie in Tel Aviv.

Tel Aviv hat das angrenzende Jaffa überflügelt. 13 Staaten haben in Jaffa - Tel Aviv ihre Konsulate. Die Preise für Bauplätze erreichen phantastische Höhen, und insbesondere nach Norden dehnt sich die Stadt, die schon heute über eine imponierende Industrie verfügt.
Die erste, die vornehmste und die interessanteste Stadt des Landes war, ist und bleibt

Jerusalem
Weit hinaus dehnt sich das neue Jerusalem. Aber wahrhaft interessant ist doch die alte Stadt.

Wir waren auch in

Nazareth,
In Nablus (Sichem oder Schchem), in Safed, in Hebron, in Bethlehem. Wir haben fast alle den drei monotheistischen Religionen und insbesondere die uns Juden heiligen Orte und Denkmäler gesehen. Wir sind auf den Spuren unserer Erzväter gewandelt, auf den Schlachtfeldern unserer Richter, Führer und Könige.
Ich kann über die sehr zahlreichen jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen sagen, daß diese jüdischen Kolonien ökonomisch durchaus gesund sind und mit dem Wachsen der Städte und der jüdischen Bevölkerung einer kaum gehofften Blüte entgegengehen. Die Wirtschaft ist eine durchaus intensive und wird mit den modernsten Methoden geführt, und in gleicher Weise gedeihen die Siedlungen auf individualistischer (Einzelwirtschaft mit Privateigentum) wie auf kollektivistischer Grundlage (Gemeinschaftsbetrieb, ohne Privateigentum).

Die sogenannte

Arabergefahr
erscheint im Lande viel geringer als außerhalb des Landes. Ueberall hörten wir von einem freund-nachbarlichen Leben zwischen Juden und Arabern, wir merkten nichts von irgend einer unfreundlichen Stimmung. Es gibt wohl in den intellektuellen arabischen Kreisen nationalistische Hetzer, aber die Regierung zeigt eine starke Hand und die im Lande bereits wohnhaften 200.000 Juden sind für alle Fälle gerüstet.
Palästina ist sicherlich in hohem Aufschwunge begriffen. Es gibt überhaupt

keinen Arbeitslosen
und junge, arbeitsfähige Menschen finden sofort Arbeit. Insbesondere blüht das Bauhandwerk. Die Banken haben Ueberfluß an Geld und Kredit wird weitherzig gewährt.
Palästina ist heute - wenn auch in beschränktem Maße - das einzige Einwanderungsland für Juden. Diese Einwanderung ist eine von Jahr zu Jahr wachsende und man rechnet mit einem Zufluß von Seiten der Juden aus Deutschland.

(330411c3)


[Vereinigungsfeier] [S. 3, unten, links]
Chisinau 9. (Tel. des „Tag“). In Gegenwart der Vertreter der Regierung und sonstiger offizieller Behörden fand hier heute die Vereinigungsfeier statt. Professor Iorga hielt im Radio einen Vortrag über die Vereinigung Bessara[biens] mit dem Mutterlande in französischer Sprache.

(330411r3)


Seite 4

Hitler kapituliert vor der Welt [S. 4, oben, links]
Der neue Kurs in Deutschland im Spiegel der Weltpresse

Paris, 9. (Tel. des „Tag“). Die gesamte Weltpresse befaßt sich mit der Situation in Deutschland, die sie sehr kritisch beurteilt und die die Kapitulation Hitlers vor der allgemeinen Empörung der Welt vorausgesagt.
Es war vorauszusehen, so schreibt der Spezialkorrespondent des „Temps“ in Berlin, daß der Boykott gegen jüdische Geschäfte aufhören, die Nazis von einem „Sieg“ über das internationale Judentum sprechen werden. Die Tatsache aber, daß das gesamte Weltgewissen erwacht ist, in Paris, London und Washington die Protestmeetings gegen den Barbarismus in Deutschland nicht nur nicht aufhören, sondern immer mehr zunehmen, der Boykott deutscher Erzeugnisse ausgesprochen wird, kann die kompetenten Faktoren von der Ueberzeugung nicht befreien, daß es sich hier um einen Pyrrhussieg handelt und Deutschland in Wirklichkeit besiegt wurde. Hitler, so schreibt wörtlich der „Temps“, hat vor der allgemeinen Empörung der Welt kapituliert.
Wenn aber die Regierung auf Grund des Ermächtigungsgesetzes auf administrativem Wege ihren Antisemitismus fortsetzen, sich auf einen „trockenen Pogrom“ beschränken wird, wird der Antisemitismus immer auf der Tagesordnung bleiben. Die Provokation Hitlers an die Juden kann für diese nur eine große Dienstleistung sein. Wer die Protestaktionen verfolgt hat, wird sehen, daß auch Kreise, die den Juden sehr fern stehen, sich gegen dieses Regime ausgesprochen haben, aber nicht aus Sympathie für die Juden, sondern aus Verachtung gegen die Grausamkeiten Hitlers. Und wenn sich Hindenburg, Papen, Neurath, Seldte und Schacht, alle extreme Nationalisten, gegen den Boykott ausgesprochen haben, so taten sie es als Folge des Weltprotestes gegen die antisemitischen Methoden.
Die gesamte Weltpresse Frankreichs, Amerikas, Hollands, der Schweiz etc. verurteilt in spaltenlangen Artikeln die durch Hitler in Deutschland geschaffene Situation. Die Kampagne, so heißt es, die gegen Deutschland zur Zeit des Krieges geführt wurde, ist wieder aufgenommen.
Der berühmte englische Schriftsteller katholischer Richtung G. R. Chesterton veröffentlicht in der „Times“ einen Brief, in welchem er die Deutschen als preußische Militaristen, die sich der menschlichen Zivilisation nicht anpassen können, bezeichnet.
„New York Herald“ publiziert einen Artikel, in dem es heißt: Die Wiederkehr der Militärmacht in Deutschland erinnert an die Anschuldigungen gegen die reaktionäre Preußenkaste und läßt darauf schließen, daß es sich damals nicht um Erfindungen zum Zwecke der Propaganda oder um das Ergebnis der Kriegspsychose gehandelt hat.
Der Antisemitismus in Deutschland würde dazu führen, daß dieser Staat sich als gefangen in den Händen einer feindlichen Welt befinden wird. Hitler glaubt, Deutschland gute Dienste zu leisten. Auch die preußischen Junker waren im Jahre 1914 der Meinung, daß sie die ganze Welt herausfordern können. Das Resultat ist bekannt. Der nationalsozialistische antisemitische Chauvinismus in Deutschland ist der größte Feind des eigenen Landes. Hitler hat in einem Monat die Weltsympathien für Deutschland zerstört.

*
Pressestimmen zum Gleichschaltungsgesetz
Das „Berliner Tageblatt“ nennt als wichtiges Ereignis, daß durch das Gleichschaltungsgesetz die Länderregierungen ihren bisherigen Einfluß verlieren. Die Regierungen werden von nun ab exekutive Organe des Reiches sein.
„Völkischer Beobachter“ schreibt: Zum ersten Mal nach einer längeren Pause triumphiert wieder die Idee des Imperiums. Der Parteistaat von Weimar ist für immer begraben, der Nationalstaat ist im Fortschritt.

Chamberlain verurteilt die Exzesse in Deutschland
Birmingham, 9. (Tel. des „Tag“).
Der frühere Außenminister und bedeutendes Mitglied der konservativen Partei, Sir Austen Chamberlain, hielt hier eine Rede, in der er das Hitlerregime einer scharfen Kritik unterzog. Insolange die Reichsregierung bei der gegenwärtigen Politik verbleiben wird, ist es ausgeschlossen, an eine Revision der Grenzen zu denken. Deutschland mußte eine Katastrophe erleben, weil es seinen Willen der gesamten Welt aufzwingen wollte. Heute zeigt sich der gleiche Geist in der Innenpolitik, da ein Teil der Bevölkerung ausgeschaltet und sie zur Untätigkeit verurteilt wird.

(330411w4)


Die Ermordung des Hellsehers Eric Hanussen [Erik Jan Hanussen] [S. 4, Mitte]

Berlin, 9. April (Tel. des „Tag“). Die Zeitungen bringen heute die Nachricht über einen neuen politischen Mord, der weit über die Grenzen Deutschlands Widerhall findet. Im Süden Berlins wurde in einem Wald die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden. „Völkischer Beobachter“ will wissen, daß es sich um den Hellseher Eric Hanussen [Erik Hanussen] handelt, dem es gelungen ist auf Grund falscher Dokumente in eine nationalsozialistische Organisation aufgenommen zu werden. Als aber seine falschen Papiere entdeckt worden sind, wurde er im Wald von Beyruth [Baruth] ermordet.

(330411w4)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Erik_Jan_Hanussen


Neue Verhaftungen [S. 4, Mitte]
In Bremen wurde gelegentlich einer Razzia eine Reihe von Kommunisten verhaftet. In Göttingen wurden alle sozialdemokratischen Mitglieder des Gemeinderates in Schutzhaft genommen. Bei einer Durchsuchung im sozialdemokratischen Klub in Pommern wurden Waffen beschlagnahmt. In Oppeln sind Bauern in Uniform der Sturmtrupps in die Landwirtschaftskammer eingedrungen, besetzten dieselbe und ernannten einen Kommissar für die Landwirtschaftskammer.

„Deutsche Allgemeine Zeitung“ befaßt sich mit der Situation in Deutschland und meint, daß mit dem Föderalismus in Deutschland es nun zu Ende ist.

Breitscheid verläßt Deutschland
Breitscheid, das führende Mitglied der Sozialdemokraten, hat heute die Schweizer Grenze passiert. Die Behörden legten zuerst seiner Ausreise Schwierigkeiten in den Weg, über höheren Auftrag wurde ihm aber trotzdem die Ausreise gewährt. Breitscheid hat sich vorläufig in Zürich ansässig gemacht.

35 von 2500 jüdischen Rechtsanwälten Berlins zugelassen
In der Konferenz im Reichsjustizministerium über die Frage der Zulassung der Rechtsanwälte und Notare jüdischer Abstammung wurde festgestellt, daß von den etwa 3400 Anwälten Berlins 2500 Juden sind. Entsprechend dem prozentualen Anteil an der Bevölkerung soll die Zulassung von etwa 35 jüdischen Anwälten erfolgen.

Verhaftungen, Bomben
Berlin, 9. (Tel. des „Tag“). In Neuwied wurden heute drei Mitglieder der Kreissparkasse, unter ihnen ein Zentrumsabgeordneter verhaftet, weil sie leichtfertig Kredite an ihre Parteianhänger gewährt haben.
In Hamburg wurde ein Bombenanschlag auf ein nationalsozialistisches Lokal versucht. Drei Kommunisten wurden als Täter verhaftet.

(330411w4)


Kursrückgang der Mark [S. Mitte, unten]
Enttäuschung in Berlin

Berlin, 9., (Tel. des „Tag“). In Kreisen des Außenministeriums herrscht über die Antwort Englands auf den Mussoliniplan große Beunruhigung. Der Plan Englands ist dem Mussolinis gerade entgegengesetzt, und man glaubt, daß Frankreich sich gleichfalls gegen den Mussoliniplan aussprechen wird. Die Enttäuschung in Berlin ist deshalb so groß, weil dieser Regierung sich mehr [als] jeder anderen außenpolitische Schwierigkeiten in den Weg stellen. Die großen europäischen Staaten scheinen ihre Hilfe Deutschland versagen zu wollen, denn von Tag zu Tag wächst das Mißtrauen gegen Deutschland.

*
Die Reichsmark fällt
Prag, 9., (Tel. des „Tag“).
Die „Prager Presse“ schreibt: Die Vorfälle in Deutschland, die Nachrichten über Ansteigen des Defizits, Rückgang des Exportes und die Nichtverlängerung des 70 Millionen Dollarkredits durch die Emissionsbanken von Paris, London und Washington haben den Eisendamm, der bis jetzt die deutsche Währung verteidigte, durchbrochen. An allen Weltbörsen hat die deutsche Mark starke Kursrückgänge zu verzeichnen, was überall Anlaß zur Besorgnis gibt. So verzeichnet die Börse von Amsterdam einen Rückschlag von 11 einhalb und in New York von 7 einhalb Punkten. In Paris ist die deutsche Mark von 605 auf 603 gefallen. In Prag wurden für 10 Mark 898.75 Czechenkronen, also um vier Kronen billiger als am Vortage gezahlt. Auch die deutschen Effekten sind stark gefallen. Die Younganleihe ist von 526 auf 475 gefallen.

Das neue Beamtengesetz
Berlin, 10. April. (Tel. des „Tag“.)
Unter den zu den Gerichten zugelassenen jüdischen Richtern befinden sich nur Kriegsinvalide und Greise. Das neue Beamtengesetz schaltet aus: „Parteibuchbeamte, Beamte nichtarischer Abstammung“ (Der Begriff Arisch Abstammung ist als nicht vorhanden anzusehen, wenn einer der vier Großeltern nicht arisch ist.) und Beamte, die nicht „jederzeit für den nationalen Staat eintreten“.
Der Inhaber des Mosse-Verlag, Heinrich Lachmann-Mosse, hat die Führung des Hauses Mosse niedergelegt. Die Ueberschüsse des Betriebes sind durch 15 Jahre zugunsten der Opfer des Weltkrieges „ohne Unterschied der Konfession“ zu verwenden.

(330411w4)


Johannisburg, [S. 4, unten, Mitte]
9. April. (Tel. des „Tag“.) In einem unterirdischen Schacht einer Goldmine in Langlaagte brach gestern ein Brand aus, dem acht Personen zum Opfer fielen. Sieben Personen wurden verletzt.

(330411w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 323, Mittwoch, 12.04.33

Postby Klaus Binder on 12. April 2011, 00:14

Seite 1

Es gibt nicht mehr jüdische Rechtsanwälte [S. 1, rechts, Mitte]
Berlin, 10. April (Tel. des „Tag“). Die Reichsregierung hat das Gesetz zur Regelung der Stellung der Rechtsanwälte beschlossen. Die Bestimmungen dieses Gesetzes sind vollständig nachgebildet dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.
Die Zulassung zum Berufe des Rechtsanwaltes wird von der Zugehörigkeit zur arischen Rasse abhängig gemacht. Auch hier gilt die Bestimmung, daß Nichtarier von der Ausübung der Advokatur ausgeschlossen sind. Die Definition für Nichtarier entspricht vollkommen den entsprechenden Bestimmungen im Beamtengesetz. Der Begriff „arisch“ ist so aufzufassen, daß die Nachprüfung sich bis auf die Großeltern erstreckt. Wenn ein Teil der Großeltern jüdisch war, treten diese Bestimmungen in Kraft.
Ähnlich wie im Beamtengesetz sind auch im Rechtsanwaltsgesetz die Ausnahmen zugelassen. Die Vorschriften gelten auch nicht für die vor dem 1. August 1914 in Tätigkeit gewesenen Rechtsanwälte oder für jene, die an dem Weltkrieg teilgenommen haben. Personen, die sich kommunistisch betätigt haben, sind von dem Berufe des Rechtsanwaltes ausgeschlossen. Sie dürfen sich bis zur endgültigen Regelung auch nicht vertreten lassen. Nichtarier, die an der Front standen, werden zum Rechtsanwaltberuf nicht zugelassen, wenn sie sich kommunistisch betätigt haben. Der Paragraph 5 regelt das Verhältnis aller Rechtsanwälte, die bisher tätig waren, zu ihren Angestellten. Die Kündigungen dürfen nur im Rahmen der bestehenden Gesetze erfolgen. Alle Maßnahmen, die vorläufigen Charakter trugen, sind hiedurch gegenstandslos geworden.


Seite 2

Hanussen [S. 2, oben, links]
Der Präsident der parapsychischen Gesellschaft in Berlin, der Arzt Dr. Walther Kröner, der mit der berühmten Hellseherin Else Günther-Gessers zur Aufklärung des Mordes Lopuszansky in Czernowitz war, brachte mich in Berlin mit Jean Eric Hanussen [Erik Jan Hanussen] in Verbindung. Ich lernte dort diesen interessanten Mann näher kennen.
Hanussen befand sich damals auf dem Höhepunkt seines Könnens. In dem gegen ihn in Leitmeritz angestrengten Prozeß war Dr. Kröner Sachverständiger. Das Gutachten Kröners war ein Meisterstück der Verteidigung der übersinnlichen Welt; aber nicht dieses Gutachten hat das Gericht zum Freispruch verhalten, sondern die vom Gerichte im Verhandlungssaal veranlaßten vier Experimente, welche unter Wahrung der strengsten Kontrolle vorgenommen wurden. Hanussen versagte nur in einem einzigen Falle, und auch dieser Fehler wurde ihm verziehen, weil der Experimentator, wie der Gerichtspräsident offiziell festgestellt hat, den Hellseher durch die Fragestellung zu täuschen versuchte.
Das Leitmeritzer Urteil bildete dann die Grundlage für den Aufstieg des Hanussen. Vorher bekannt als Mann, der mit der Wünschelrute zu arbeiten verstand, Hypnotiseur von Tieren in Zirkussen, Telepath und Varietenummer - aber erst seit Leitmeritz hat er internationales Format errungen, machte sich in Berlin ansässig und verstand es, mit seiner Hellseherkunst ein großes Vermögen sich zu schaffen. Gerade die große Krise drängte Politiker, Finanzmänner und Industrielle, die entgleist waren, zu Hanussen, um die krank gewordenen Seelen zu sanieren; wenn die Seele saniert ist, steigen auch Mut und Hoffnung.
Die einen schrien, Hanussen sei ein Schwindler, ein Abenteurer, aber von hinten herum drängten sie sich trotzdem zu seinen Sprechstunden. Während einer einzigen Saison, im Laufe von vier Monaten, hielt er dreiundzwanzig Vorträge im großen Bachsaal, und alle waren massenhaft besucht. Nachher liefen sie zum fashionablen Eden-Hotel, wo Hanussen sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, um Rat zu holen. Unter hundert Mark gab es keine Konsultation; aber je mehr Gold er gewann, desto höher waren seine Ansprüche ans Leben. Während Direktoren und Generaldirektoren stürzten, Finanzmänner verkrachten, Könige den den Thron hinuntersausten, konnte sich Hanussen eine Yacht kaufen, die luxuriös ausgestattet war wie die eines amerikanischen Milliardärs, und auf dieser feierte er seine Feste.
Damals, vor drei und vier Jahren, als er an der Spitze seines Ruhmes war, entdeckte er sein Herz für Hitler.
Er setzte mit der Prognose die Welt ins Staunen, daß das dritte Reich im Anmarsch sei. Fast auf den Monat hatte er die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler vorausgesagt. Er gründete eine Nazizeitung, das „Hanussen Journal“, und in diesem prophezeite er Woche für Woche den Aufstieg der Nationalsozialisten. So wurde er, der Jude aus Mähren, Mitglied des Verbandes der Nationalsozialisten - Hitlers Prophet. Er schriftstellerte, schrieb seine Memoiren, verkaufte zehntausende Exemplare, und alle Zeitungen, besonders die Rechtszeitungen schrieben Tag um Tag für ihn. Die Hugenbergsche „Nachtausgabe“ ließ von ihm einen Roman im Trance-Zustande schreiben, und Hanussen schlug in einer Konkurrenz Alfred Döblin, den Dichter des „Alexanderplatz“, weil Döblin es nicht vermochte, mit der Schnelligkeit des Hanussen die zehn Fortsetzungen des Romans binnen drei Stunden zu diktieren. Die aus Journalisten, Schriftstellern und Aerzten zusammengesetzte Kommission war über diese Leistung verblüfft.
Der mysteriöse Tod des Hellsehers Hanussen erregte großes Aufsehen. Ein Fememord? Warum denn? Hanussen stand doch Hitler als Freund nahe. Vielleicht gar aus diesem Grunde?! Hanussen war im März die Star-Nummer des Weltvarietes „Wintergarten“. Am 24. März verschwand er plötzlich. Der Direktor des Wintergartens ist bestürzt. Man erzählt, Hanussen habe einen Nervenschock erlitten. Dann wird publik gemacht, er sei verhaftet worden. Diese Nachricht wird nicht dementiert. War er nun verhaftet? Das weiß man nicht. Am 8. April teilt der „Westdeutsche Beobachter“, das Amtsblatt Hitlers, mit, es sei eine Leiche auf der Landstraße bei Berlin gefunden worden, und sie weise viele Schußverletzungen auf. Dann wird festgestellt, daß die Leiche mit Erik Jean [Jan] Hanussen identisch sei, ein Raubmord liege nicht vor. Die Nazipresse sagt schließlich, es wäre ein Racheakt an Hanussen vollzogen worden. Warum ein Racheakt? Wer hatte an der Ermordung Hanussens ein Interesse? Hanussen hätte sich in die nationalsozialistische Partei eingeschmuggelt, trotzdem er Jude war, und weil er falsche Angaben machte, sei er jetzt den Nationalsozialisten, vor allem Hitler selbst, unbequem. Was mochte dieser Hanussen von Hitler gewußt haben, daß der Hellseher hinterrücks um die Ecke gebracht werden mußte?

So weit der Fall selbst.

Hanussen haben die Menschen ihre kompliziertesten Tragödien anvertraut. Nun ist er selbst die handelnde Person einer Tragödie geworden, die Tragödie selbst.
Was man ihm nicht verzeihen kann, ist, daß der Hellseher Hanussen seine Ermordung nicht vorausgeahnt hat. Er hätte als Hellseher sich selbst, wie er das dritte Reich rechtzeitig prophezeite, seinen tragischen Tod prognostizieren sollen. Es ging eben Hanussen genau wie dem Schuster, der barfuß herumläuft, dem Arzt, der sich selbst nicht helfen kann, jedem von uns, der anderen tausend Dienste leisten kann, aber selbst über die kleinste Dummheit, die ihm das Leben in den Weg wirft, stolpert.
Fango

(330412w2)


Prozeß Dr. Nistor - Dr. Radulescu [S. 2, oben, Mitte]
Iorga als Zeuge

Dorohoi, 9. April (Tel. des „Tag“). Vor einigen Jahren haben die rumänischen Studenten in Czernowitz einen Kampf aufgenommen, um zu erwirken, daß im Nationaltheater nur rumänische Stücke gespielt werden. Der Dekan der Advokatenkammer, Dr. Radulescu, protestierte dagegen und sprach sich dafür aus, daß auch ausländische Schauspieler im Nationaltheater auftreten können, wenn sie wertvolle Stücke aufführen. Die Studenten haben aber nicht aufgehört, gegen Professor Radulescu vorzugehen, der sich schließlich veranlaßt sah, sich an den König und den damaligen Unterrichtsminister mit Protesttelegrammen zu wenden und anzuführen, daß die Universitätsprofessoren Dr. Nistor, Dr. Candea, Dr. Marmeliuc, Dr. Marcu an der Vergiftung der rumänischen Studentenschaft die Schuld tragen.
Der frühere Minister Nistor und die anderen Beschuldigten [ver]klagten hierauf Dr. Radulescu wegen Verleumdung. Der erste Prozeß fand in Czernowitz statt, wurde aber weiter dem Gericht Dorohoi überwiesen, weil Dr. Radulescu in einem Memorium ausführte, daß angesichts der in Frage kommenden Persönlichkeiten, die großen Einfluß haben, eine Garantie für die unvoreingenommene Behandlung des Falles nicht gewährleistet ist. Dem Ansuchen wurde stattgegeben. In der vorletzten Verhandlung erklärte Dr. Radulescu, daß er für seine Behauptungen den Wahrheitsbeweis antreten wird, und beantragte eine Reihe von Zeugen, unter ihnen auch den früheren Unterrichtsminister, Professor Iorga. Gestern kam der Fall in Dorohoi unter Vorsitz des Präsidenten Octav Vasiliu, Beisitzer Ion Franc, zur Verhandlung.
Da nur die Zeugen Dr. Negru, Dr. Pantiuc und Vasile Teodorescu erschienen sind, wurde die Verhandlung auf den 28. Juni vertagt. Gegen Professor Iorga und die anderen Zeugen wurden Vorführungsbefehle erlassen. Die Einvernahme des Dr. Pantiuc dauerte über zwei Stunden.

(330412c2)


Todesfall [S. 2, unten, rechts]
Gestern starb im Alter von 67 Jahren Herr Tobias Schwarz, der vor dem Kriege als Hausbesitzer das Ansehen der Czernowitzer Bevölkerung genoß. Das Leichenbegängnis fand gestern vom jüdischen Spital aus statt.

(330412t2)


Seite 3

Was sagt Ministerpräsident Vaida dazu? [S. 3, Mitte, rechts]
Siebenbürger Hitlergruppen

Zu der im „Völkischen Beobachter“ gebrachten Mitteilung, daß der Führer der Siebenbürger Nationalsozialisten, Fabricius, zusammen mit den Abgeordneten Roth und Muth beim Ministerpräsidenten Vaida erschienen ist und ihm die Begründung der Hitlerorganisation in Siebenbürgen zur Kenntnis brachte, schreibt u. a. der bekannte rumänische Schriftsteller Liviu Nasta in der „Dimineata“:
Das Organ Hitlers in München bringt einen interessanten Bericht aus Sibiu über die Hitlerbewegung in Rumänien und sogar die Mitteilung, daß Ministerpräsident Vaida durch seine Antwort an die Hitlerabordnung dieser Bewegung sympathisch gegenübersteht. Der Zweck der Hitlerbewegung war, die Macht zu erzwingen, um mit allen Mitteln eine Reorganisation in Deutschland vorzunehmen, gegen welche sich die gesamte zivilisierte Welt ohne Unterschied der Rasse und Religion auflehnt. Wenn wir aber auch die Intention Hitlers auf Revision der Friedensverträge kennen, welchen Zweck haben dann die Sturmtrupps der Nazis in Siebenbürgen? Die Siebenbürger Hitleristen bezeichnen sich als deutsche Avantgarde für diesen Teil Europas und erklären, daß sie nur aus Achtung vor den Gesetzen die Hitleruniform nicht anlegen. Wir wissen nicht, so schließt der Artikel, ob der Bericht des Siebenbürger Naziführers an den „Völkischen Beobachter“ den Tatsachen entspricht, es ist aber notwendig, daß die Regierung ihr Verhalten gegenüber einer revolutionären Organisation mit militärischem Charakter auf dem Boden Rumäniens in einer Zeit, da der Hitlerismus als eine Gefahr für Europa und die Beibehaltung der Friedensverträge angesehen wird, präzisiert.

(330412r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 324, Donnerstag, 13.04.33

Postby Klaus Binder on 13. April 2011, 00:28

Seite 1

Hitler - Reichsstatthalter [S. 1, unten, links]
Göring - Ministerpräsident von Preussen

Hitler ist heute Reichsstatthalter geworden. Das Dekret hat Hindenburg bereits unterschrieben. In seiner Eigenschaft als Reichsstatthalter hat Hitler den Reichsluftfahrtminister Hermann Göring für Preussen ernannt.

Dieses Ereignis feiert der Nationalsozialismus in Deutschland als die größte Tat seines bisherigen Wirkens. Die Reichseinheit ist hergestellt, wie die Meldung verkündet, der Traum des Freiherrn von Stein, des Reichskanzlers von Bismarck ist in Erfüllung gegangen.

Was alle bisher nicht erreicht hatten, die Zerstörung der Kleinstaatenwirtschaft, auch nicht Friedrich der Große, Preußen das Übergewicht, mehr als das, die unbeschränkte Führung im Reiche zu geben, das ist Hitler gelungen. Indem er „seinen treuesten Paladin“, Hermann Göring, zum Ministerpräsidenten für Preußen ernannte, hat man die Gleichschaltung zwischen dem Reiche und Preußen vorgenommen, denn „Hitler und Göring sind ein Herz und eine Seele, wie aus einem Teig gebacken, aus einem Guß geformt“, und es gibt fürderhin keine Partikularinteressen der Staaten gegenüber dem Reich. Bismarck starb mit den Worten auf den Lippen: „Deutschland! Deutschland!“ Nun ist endlich, so wird heute triumphiert, Deutschland endlich da, der Reichsstatthalter Hitler mit seinen Statthaltern in den Provinzen.
Und Göring ist Ministerpräsident von Preußen, nicht von Papen, wie es die Deutschnationalen erwartet haben, sondern auch hier drang der Wille Hitlers durch (Hugenberg hat das Nachsehen!), die Gleichschaltung der nationalsozialistischen Herrschaft in den nächsten leitenden Stellen vorzunehmen. Nun mag noch, wie es in der Mitteilung über das Ereignis heißt, das Wort Wilhelms des Großen zum Schicksal werden: Jetzt ist endlich Deutschland da, und Preußen regiert: mit „Gerechtigkeit, Wahrheit und Kraft“.

Papen gratuliert Hitler
Berlin, 11. April (Tel. des „Tag“). Vizekanzler Papen hat in einem Schreiben an den Reichskanzler von Rom aus diesem seine Glückwünsche zur Durchführung der Gleichschaltung ausgesprochen. Gleichzeitig ersucht Papen den Reichskanzler, er möge dem Reichspräsidenten die Niederlegung seines Mandates als Preußischer Kommissar zur Kenntnis bringen, er werde sich fortab nur der Reichspolitik widmen.
Reichspräsident Hindenburg dankte in einem Antwortschreiben dem Vizekanzler für die in Preußen bisher geleistete Arbeit.
In der Eigenschaft als Reichs-Statthalter ernannte Reichskanzler Hitler heute den Reichsminister Göring zum preußischen Ministerpräsidenten. Das neue Kabinett wird nach der Rückkehr Görings aus Rom zusammentreten. Göring wurde telegrafisch von dieser Ernennung verständigt.

*
Hitlers Geburtstag - schulfrei
Das Württembergische Kunstministerium ordnete an, daß die Schulen den 20. April, den Tag von Hitlers Geburtstag, feiern.

(330413w1)


Seite 2

Kino-Nachrichten [S. 2, oben, links]
Die Direktion des Kino „Regal“ bringt dem geehrten Publikum zur Kenntnis, daß sie mit dem Kino „Odeon“ Herrengasse, Deutsches Haus, in gar keinem Zusammenhange steht.
„Direktion Kino Regal“

(330413c2)


Todesfall [S. 2, Mitte, unten, links]
Gestern starb hier nach kurzem schweren Leiden der Regionaldirektor der Betriebsleitung, Herr Cornel von Topor-Tarnoviecki im Alter von 60 Jahren. Die irdischen Ueberreste des Verstorbenen werden auf Grund letztwilliger Verfügung nach Bukarest überführt und eingeäschert.

(330413t2)


Blinden- und Taubstummeninstitut [S. 2, unten, links]
Frau Lucretia Mitrofanovici, Professorin an der Lehrerinnenanstalt in Czernowitz, hat am 8. April 1933 für 75 Zöglinge des Blinden- und Taubstummeninstitutes ein Leichenmahl zur Erinnerung an ihren verstorbenen Gemahl Constantin Mitrofanovici veranstaltet.

(330413t2a)


Hitler-Polemik in Czernowitz [S. 2, oben, Mitte]
Der deutsche Volksrat in Czernowitz veröffentlicht eine Kundgebung, die lautet:

„Der Vollzugsausschuß des Deutschen Volksrates, der obersten Vertretung der Bukowiner Deutschen ohne Unterschied des Bekenntnisses, der politischen Ueberzeugung und sozialen Schichtung, stellt einmütig fest, daß die „Cz. Deutsche Tagespost“ als Organ der gesamten deutschen Volksgemeinschaft der Bukowina durch die Haltung der deutschgeschriebenen Blätter von Czernowitz zu einer Abwehr der Greuelmeldungen über die Vorgänge im Deutschen Reiche genötigt wurde. Dieser Kampf wurde ihr durch die böswilligen Erfindungen und wüsten Beschimpfungen aufgezwungen, mit denen das deutsche Volk besudelt und die deutsche Ehre in den Kot gezerrt wurde. Nicht Haß und Unduldsamkeit gegen die jüdische Minderheit, sondern bloß die selbstverständliche Pflicht, gegen die Verunglimpfung des deutschen Volkes mit aller Entschiedenheit Stellung zu nehmen, hat das Verhalten der „Deutschen Tagespost“ bestimmt. Ihr Kampf richtet sich auch keineswegs gegen das jüdische Volk, sondern gegen die von einer unsichtbaren Zentrale geleitete systematische Propaganda, die Deutschlands Ansehen untergraben und seine Wirtschaft vernichten soll, obwohl es für sich das Verdienst in Anspruch nehmen darf, gegen den Weltbolschewismus den vernichtenden Schlag geführt zu haben.

Der deutsche Volksrat bedauert, daß durch die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen in der Presse die politischen Beziehungen zwischen den Deutschen und Juden ungünstig beeinflußt werden, muß aber nichtsdestoweniger den Abwehrkampf der „Deutschen Tagespost“ so lange billigen, als die Angriffe von der anderen Seite über den Rahmen einer sachlichen Kritik hinaus mit der gehässigen Absicht verbunden sind, das deutsche Volk zu verlästern und herabzusetzen.“

Dieser Beschluß wird jene Kreise, die auf ein freundschaftliches Zusammenwirken der Deutschen und Juden im Lande Gewicht legen, nicht befriedigen. Es darf die peinliche Polemik, welche leider von jener Seite heraufbeschworen wurde, nicht zum Spiel um Worte werden. Die Sache ist zu ernst, die Stimmung sehr gereizt, und der angerichtete Schaden nicht leicht mehr zu korrigieren. Hitler ist nicht Deutschland, und die Barbareien des Hitlerregimes, die die Entrüstung der ganzen Kulturwelt heraufbeschworen haben, also das Treiben einer aufgehetzten parteipolitischen Privatsoldateska - das sind nicht die Taten des deutschen Volkes. In dieser Verkennung zwischen den Begriffen Hitler und deutsches Volk liegen die Hauptfehler des Angriffs, der von den um die Hakenkreuzblätter von Czernowitz gescharten Deutschen geführt wird. Genug demnach mit dem Unsinn der Greuelmärchen! Das jetzige Hitlerregime hat die Freiheit der Presse zerstört, ganze Klassen der Intellektuellen, Aerzte, Rechtsanwälte, Schauspieler, Künstler, zum Hungertode verurteilt, die Kaufmannschaft zu Grunde gerichtet, die Inhaber der Warenhäuser verjagt, das Recht mit Füßen getreten - wer begeht also die Greuel? Uebrigens, ist denn noch ein Nachweis notwendig? Man höre doch die Stimmen des Papstes, der Erzbischöfe von Paris und London, die Urteile berühmter Staatsmänner, - die Herren mögen endlich die Augen öffnen und sehen, was momentan in der Welt los ist, und dann werden sie erkennen, was sie bisher angerichtet haben. Vielleicht haben sie im Rausch gehandelt - weil sie glaubten, Hitler habe die Weltherrschaft angetreten und sie könnten Statthalter Hitlers in Czernowitz werden, und sie könnten auch hier die Kaufmannschaft nullifizieren, Aerzte, Advokaten um die Ecke bringen, die Presse beiseite schaffen - ja, wenn die Erfüllung dieses Traumes möglich wäre - nur in der Anwandlung einer solchen phantastischen Möglichkeit könnte die Hetzt, wie sie betrieben wurde, verstanden werden. Die schönen Worte von der „Abwehr“ locken keine Katze mehr vom Ofen weg. Man versteht jetzt, welche Gefahr von Berlin droht, und darum hat die ganze Kulturwelt die Verteidigungsstellung bezogen. Es dämmert bereits.

(330413c2a)


Seite 3

Intellektuelle Rumäniens [S. 3, oben, links]
protestieren gegen die Judenverfolgungen in Deutschland

Bukarest, 11. April (Tel. des „Tag). Eine Reihe rumänischer Intellektueller, deren Namen wir weiter publizieren, veröffentlicht einen Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland, in welchem es u. a. heißt:
In einigen Tagen hat Hitler in Deutschland einen Terror inauguriert, der an das Mittelalter erinnert und weit über die Grenzen vernehmbar ist. Das gesamte Weltgewissen ist angesichts der Verfolgungen, von welchen die Juden, zehntausende Arbeiter und die Intellektuellen Deutschlands betroffen sind, erwacht. Die faschistische Reaktion hat auch vor dem schaffenden Geist keinen Halt gemacht und will diesen vernichten. Persönlichkeiten mit Weltruf, wie Thomas Mann, Albert Einstein, Käthe Kollwitz, Lion Feuchtwanger, Erwin Kisch, George Grosz mußten an dieses Regime glauben, ebenso hunderte und tausende Schauspieler, Künstler und sonstige Intellektuelle. Angesichts dieses Terrors gegen Juden, Arbeiter und Intellektuelle erheben wir gleich den Intellektuellen in anderen Staaten schärfsten Protest gegen dieses grausame System des Faschismus. All diejenigen, die im Antisemitismus und Faschismus die Rückkehr zum Barbarismus sehen, mögen sich unserem Protest anschließen.
Gezeichnet ist diese Kundgebung von folgenden Persönlichkeiten:
F. Aderca, Schriftsteller; Haig Akterian, Regisseur und Publizist; Camil Baltazar, Schriftsteller; Ury Benador, Publizist; H. Blazian, Publizist; F. Brunea-Fox, Publizist; Gh. Calinescu, Publizist; Scarlat Calimachi, Publizist; Florea Capsali, Choreographin; Serban Cioculescu, Publizist; N. D. Cocea, Schriftsteller; Mac Constantinescu, Bildhauer und Publizist; Sandu Eliad, Regisseur und Publizist; Mircea Eliade, Schriftsteller; Dima Fux, Publizist; Ion Iancovescu, Schauspieler und Theaterdirektor; Marcel Iancu, Maler; Barbu Lazareanu, Publizist; M. H. Maxy, Maler; A. Munte, Journalist; Camil Petrescu, Schriftsteller; Lilly Popovici, Schauspielerin; Mariette Rares, Schauspielerin; Mariette Sadova, Schauspielerin; Zaharia Stancu, Schriftsteller; J. Sternberg, Regisseur und Schriftsteller; A. Toma, Schriftsteller; Sorana Topa, Schauspielerin! Cicerone Theodorescu; Sandu Tudor, Publizist; C. Vladescu, Maler und Schriftsteller; Dr. Ygrec, Publizist; Paul Zarifopol, Publizist.

(330413r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 325, Freitag, 14.04.33

Postby Klaus Binder on 13. April 2011, 23:43

Seite 1

Neue Hitler-Aktion [S. 1, oben, links]
Studenten-Feldzug
gegen das Buch jüdischer Autoren
Die Werke von Juden werden öffentlich verbrannt


Berlin, 12. April (Tel. des „Tag“). Der Kultusminister erließ heute das neue Studentenrecht in Preußen. Die Studentenschaft wird gebildet aus allen Studenten arischer Abstammung ohne Rücksicht auf Staatszugehörigkeit. Die Studenten müssen eine ehrenwörtliche Erklärung abgeben, daß ihre Eltern und Großeltern deutscher Abstammung sind. Der Führer der Studenten wird künftighin nicht parlamentarisch gewählt, sondern ernannt.
Die Studentenschaft Deutschlands bereitet eine Dreikampfwoche zur Aufklärung deutschen Geistes unter der Devise „Kampf gegen den jüdischen Geist im Schrifttum“, vor. Im Aufruf an alle Studenten, der 12 Sätze enthält, wird der Jude als der gefährlichste Widersacher im Schrifttum bezeichnet. Wir wollen den Juden, so heißt es im Aufruf, als Fremdling achten und sein Volkstum ernst nehmen. Es wird daher verlangt, daß jüdische Werke in hebräischer Sprache erscheinen; wenn sie in deutscher Sprache erscheinen, so werden sie nicht als Original, sondern als Übersetzung angesehen. Die deutschen Studenten verlangen, daß die Sprache rein und unverfälscht bleibt. In diese Aufklärungsarbeit fällt eine Woche zur Sammlung des zersetzenden Schrifttums und am 10. Mai soll dieses Schrifttum an allen Universitäten öffentlich verbrannt werden.


Seite 2

Die Novelle des Tages
Kunst und Presse [S. 2, oben, links]
Das Hitler-Regime hat die gesamte demokratische Presse aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet. Mit einem Federstrich hat es dieses „Reinigungswerk“ vollbracht. Es darf keine Presse-Kritik unter Hitler mehr geben. Auch die Presse des Zentrums wurde teilweise zur Strecke gebracht. Trotzdem jetzt eine Annäherung zwischen Zentrum und Nationalsozialisten zustandegekommen ist, wird noch heute die katholische Presse für Tage und Wochen eingestellt. Der „Badische Beobachter“ in Karlsruhe muß dieses Schicksal gerade diese Woche tragen.

Wenn man nun draußen in der Welt von dieser Presse-Diktatur hört, ähnlich wie sie die Sowjets in Moskau und die Faschisten in Rom anwenden, ist es selbstverständlich, daß automatisch die Reaktion in den Ländern, die die Goebbels-„Freiheit“ des Wortes nicht goutieren, eintritt. Auch englische Blätter sind verboten worden, das Weltblatt „Manchester Guardian“ in London, französische Blätter, Prager Tagesblätter, Wiener Zeitungen - der Czernowitzer ist auch Kulturmensch und empört sich über die Drangsalierungen des Rechtes auf freie Meinungsäußerung - und ist es dann ein Wunder, daß die Kaffeehausbesucher den Wirt drängen, die reichsdeutschen Zeitungen abzubestellen? Das Publikum will eben eine Nazizeitung aus einer reichsdeutschen Stadt nicht mehr sehen.

Ist es nun Recht, was die Kaffeehausgäste verlangen?
Darüber gibt es jetzt offen Streit mit den Kellnern und den Wirten. Auch diese Forderung der Gäste ist eine Forderung zum Boykott, eine Strafmaßnahme gegen die Brutalitäten der Hitler-Regierung. Die Leute wollen aber auch nicht die ehemaligen demokratischen Tageszeitungen, die „Vossische Zeitung“ und das „Berliner Tageblatt“, die nunmehr durch den Nazizwang zu Nazi-Zeitungen gewordenen Sprachrohre Hitlers, lesen; mehr als das, sie wollen diese Zeitungen im Lokal nicht dulden. Gerade gegen diese Zeitungen herrscht die größte Wut. Der Bürger mit dem normalen Menschenverstand kann die Monstreverlagsanstalten eines Ullstein oder Mosse nicht verstehen, daß sie in diesen kritischen Tagen der Umwälzung im politischen Leben, da es sich um Sein oder Nichtsein des in schweren Kämpfen errungenen Sieges um die Freiheit des Wortes handelt, keine Nackensteife zeigen, sich nur vom Egoismus leiten lassen, mit Haut und Haar sich in die Dienste des Nationalsozialismus stellen, anstatt lieber die Betriebe stillezulegen und ebenso wie die anderen Opfer des Hitlerischen Barbarismus auf den Erfolg des Kulturkampfes, den die Welt gegen Berlin aufgenommen hat, zu warten. Mit diesem Argument kämpfen die Verfechter der Forderung auf Abbestellung aller reichsdeutschen Zeitungen gegen die andere Gruppe, die noch in der Minorität ist, in der Sache zwar mit deren Urteil sich solidarisiert, aber die Nazi-Zeitungen und die zu Nazi-Zeitungen gewordenen ehemaligen demokratischen Blätter nicht missen will, weil sie über die Situation informiert sein wollen. Es gibt eben eine Kategorie von Zeitungslesern, die sich nicht mit ihrem Parteiblatt begnügen, der Zeitung, die ihrer eigenen Anschauung entspricht, sondern den ganzen Stoß von Blättern, von der Parteirichtung weit links bis hoch hinauf nach rechts, durchblättern müssen und erst dann von der Lektüre befriedigt sind.
Aber diese Art von Zeitungslesern wird jetzt nicht beachtet. Die Erbitterung gegen Berlin ist so weit gestiegen, daß sie die Nazi-Zeitungen aller Nuancen, ob freiwillig oder unfreiwillig geschrieben und gedruckt, nicht mehr zur Hand nehmen will.
Der Wirt und die Kellner sind in Verlegenheit. Die politische Diskussion über dieses Thema ist zur Schablone geworden. Selbst das „Neue Wiener Journal“, das sich schon seit Monaten, zuweilen maskiert, größtenteil aber schamlos in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt hat, mögen sie nicht, trotzdem haben die denkenden Leser bisher niemals sich zu dem Schritte des Boykotts gegen das „Journal“ so bekannt wie gegen die Blätter aus Berlin.
Für die Tage, die wir durchleben, ist dieser Streit zwischen Publikum und dem Kaffeehaus ein Dokument geworden, welches den Zeitgeist unserer Tage charakterisiert.
Wer hat also Recht? Der Gast oder der Wirt?
Die Antwort ist schwierig, weil entweder beide Recht haben oder beide Unrecht.

*
Auch in der Kunst geht es jetzt nicht anders. Das Schlagwort Filmboykott geht durch die Reihen. Wenn man den Nationalfilm nicht besuchen will, dann versteht man die Logik des Filmbesuchers, wenn man aber einen Schwankfilm boykottiert, der in Hugenbergs „Ufa“ hergestellt wurde, mit den Lieblingen als Hauptdarstellern, dann kann man nur sagen: das ist der Ausfluß der krankhaften Zeit - aber Geschäft ist Geschäft, und der Zweck heiligt die Mittel; wenn man also den Gegner für das Unrecht, das er begangen und begeht, treffen will, dann ist auch der Filmboykott gerechtfertigt.

*
In Wien hat Bruno Walter, der von Hitler aus Deutschland hinausgeschmissene berühmte Dirigent, ein Konzert dirigiert. Es war ein Sturm der Begeisterung mit einer dynamischen Kraft, wie ihn der große Wiener Musikvereinssaal noch nicht erlebt hat. Das war Wiens Antwort auf die Beleidigung, die man einem weltberühmten Künstler in Berlin zugefügt hat.
Aber die Herrschaften geben es nun schon billiger und schütten Wasser in ihren sauren Wein. Als Richard Strauß unmittelbar nach dem Walter-Verbot die Stellvertretung der Leitung des Berliner Konzertes übernahm, war man über den großen Komponisten verschnupft. Wie konnte Richard Strauß seinem Kollegen Bruno Walter in den Arm fallen! Wie könnten die Nazis die Bedeutung eines Richard Strauß, wenn er dem Befehl der Nazis nicht Folge geleistet, mindern? Richard Strauß entschuldigte sich vor der Oeffentlichkeit mit einem Schreiben, er habe das für die Musiker bestimmte Reinerträgnis nicht gefährden wollen. Auch große Künstler bedenken zuweilen nicht, was sie ihrem ins Unglück geratenen Kollegen schuldig sind.
Toscanini sagt seine Mitwirkung in Bayreuth ab, der zum Nazimann gewordene Fritz Kreisler schmäht ihn deshalb, und der Nazirundfunk verbietet deshalb die Wiedergabe von Toscanini-Schallplatten. Der Generalmusikdirektor Furtwängler richtet an Goebbels ein Schreiben, in welchem er dagegen auftritt, daß in der Kunst Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden gemacht werden. „Es gibt nur einen Unterschied“, sagt Furtwängler, „gute und schlechte Kunst. Männer wie Walter, Klemperer, Reinhardt müssen mit ihrer Kunst auch in Deutschland zu Worte kommen“. Die Antwort des Reichspropagandaministers Goebbels fällt sehr mager aus. Er tritt den Rückzug an und bemäntelt diesen Rückzug mit den Worten „volksnahe und kämpferisch in der Kunst“. Wirkliche Künstler, sagt Goebbels, werden in Deutschland immer zu Worte kommen.

*
Da hat man jetzt die ganze Reihe der in hypernationalem Rausch erfolgten Unglücksfälle, besser Unfälle, und der Weg zurück ist sehr schwer. Der Sturm hat sich noch nicht ausgetobt.
Fango

(330414c2)


Seite 3

Juden sollen für Markeinbußen haften? [S. 3, oben, links]
Berlin, 12. April. In Berliner Börsenkreisen geht das unglaubliche Gerücht um, daß die Reichsregierung den Vorstößen gegen die deutsche Währung an ausländischen -Börsen dadurch begegnen will, daß sie mit „Repressalien gegen die deutschen Börsen- und Bankjuden“ antwortet. Es wird behauptet, daß Dr. Schacht und Hugenberg bereits am vergangenen Freitag alle Hände voll zu tun hatten, um ein Vorgehen der Regierung in dieser Richtung zu verhindern. Man denkt angeblich daran, die jüdischen Börsen- und Bankkreise mit ihrem Vermögen für etwaige Markeinbußen an ausländischen Börsen haftbar zu machen. Das Gerücht, so unmöglich es klingt, wird geglaubt.

Ein Regent in Deutschland?
Selbstverständlich Hitler

Berlin, 12. April (Tel. des „Tag“). In politischen Kreisen zirkuliert folgendes Gerücht. Zwei Strömungen kämpfen um die Verwirklichung der Idee, in Deutschland wieder die Monarchie einzusetzen: die Deutschnationalen, die für die Wiedererrichtung der Monarchie mit einem der Söhne des Exkaisers an der Spitze eintreten, und die Nationalsozialisten für die Einführung der Monarchie mit einem Regenten, bis die Verhältnisse geklärt sind. Es soll wie in Ungarn, ein Regent mit speziellen Machtvollkommenheiten in der Person Hitlers eingesetzt werden.

Stahlhelm-S. A.
Berlin, 12. April. Die Rivalität zwischen S.A. und Stahlhelm scheint trotz der beiderseits abgegebenen Kameradschaftsversicherung keineswegs beseitigt zu sein. Es ist in der Oeffentlichkeit stark aufgefallen, daß Minister Göring nicht geduldet hat, daß die ihm unterstellten Polizeibeamten und Angestellten, die dem Stahlhelm beigetreten sind, gestern feierlich verpflichtet wurden, und daß deshalb die für gestern geplante Stahlhelmdemonstration in Berlin abgeblasen werden mußte. Man ist gespannt, wie lange Minister Seldte, der Bundesführer des Stahlhelms, dem Kabinett Hitler noch angehören wird, das den Stahlhelm offensichtlich aushungern will.

Professor Einstein bekommt eine Lehrkanzel in Spanien
Madrid, 12. April. Wie das Unterrichtsministerium mitteilt, hat Prof. Einstein einen Antrag der spanischen Regierung angenommen, eine Lehrkanzel an einer spanischen Universität anzunehmen.

In den deutschen Konzentrationslagern wird geprügelt!
Ein amerikanischer Bericht über das Schicksal der „Schutzhäftlinge“

Paris, 10. April. (D.P.K.)
Als erster Journalist der Weltpresse hat Edmond Taylor, der Sonderberichterstatter der „Chicago Daily Tribune“ ein deutsches Konzentrationslager besucht. Er veröffentlicht seine Eindrücke in einem langen Artikel in der letzten Nummer seines Blattes.

1800 Gefangene, Kommunisten, Sozialdemokraten, militante Republikaner und Juden, sind in dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager Heuberg bei Stuttgart untergebracht. Edmond Taylor durfte das Lager mit Erlaubnis der deutschen Behörden und unter Führung des Lagerkommandanten, Maior Kaufmann, besichtigen. Während des Weltkrieges hat Heuberg als Kriegsgefangenenlager gedient. Jetzt sind Deutsche in ihrem eigenen Heimatland hier kriegsgefangen. Stacheldraht wohin man blickt, Nazi-Polizisten mit aufgepflanztem Bajonett als Wächter. Bei Nacht leuchten ununterbrochen große Scheinwerfer das Gelände ab, um jeden Fluchtversuch zu verhindern.

Der amerikanische Journalist hatte Gelegenheit, einzelne Gefangene in französischer und englischer Sprache zu befragen, die von der kontrollierenden S. A.-Mannschaft nicht verstanden wurden. Diese Häftlinge beschwerten sich bitter über die unzureichende Verpflegung. Die Nahrung besteht im wesentlichen nur aus wässeriger Graupensuppe in ungenügender Menge. Ein Kommunist beklagte sich auf englisch, daß er von den Wärtern geprügelt worden sei, weil er geraucht hatte. Auch andere Gefangene bestätigten, daß geprügelt wird.
Den tragischesten Eindruck empfing Taylor von der Unterredung mit dem ehemaligen Stuttgarter Richter und Reichsbannerführer, Landgerichtsrat Dr. Fritz Bauer, einem Juden. Dr. Bauer, der vollkommen zusammengebrochen ist, erklärte, daß ihn die Eintönigkeit des Lebens hinter Stacheldraht zum Wahnsinn treibt.
180 deutsche Staatsbürger leben zusammengepfercht in dem Konzentrationslager von Heuberg, von ihren Familien weggerissen, ohne Arbeit, ohne Lektüre, in den meisten Fällen ohne Kenntnis, was ihnen vorgeworfen wird. Der amerikanische Journalist vergleicht Heuberg, trotz der Ordnung, die im Lager herrscht, mit der Teufelsinsel, auf welcher Kapitän Dreyfus jahrelang geschmachtet hat...

Die westdeutschen Bischöfe gegen den Nazi-Terror
Köln, 12. April. In einer Kundgebung der Erzbischöfe von Köln und Paderborn sowie des Bischofs von Osnabrück heißt es u. a.:

Erfüllt von heißester Liebe zu ihrem Vaterlande, dessen nationalen Aufstieg sie stets mit allen ihren Kräften förderten, sehen die Bischöfe mit tiefster Bekümmernis und Sorge, wie die Tage nationaler Erhebung zugleich für viele deutsche Staatsbürger, darunter auch gewissenhafte Beamten, unverdientermaßen Tage schwerster und bitterster Leiden geworden sind.

Sie flehen zu Gott, er wolle die Geschicke des vielgeprüften deutschen Volkes zum Guten wenden, wolle Haß und Zwietracht von ihm fernhalten, Friede und Einigkeit, Wohlfahrt und Einheit und den gebührenden Platz unter den Völkern der Erde ihm wiedergeben.
Wie verlautet, wird mit Rücksicht auf die außerordentlich ernsten Fragen, vor die gegenwärtig die katholischen Kreise in Deutschland gestellt sind, die übliche jährliche Bischofskonferenz heuer zu einem bedeutend früheren Termin stattfinden.

Große Besorgnisse in Deutschland
Paris, 12. April (Tel. des „Tag“). Die „Agence Havas“ meldet: Die französischen Korrespondenten Deutschland berichten über Beunruhigung innerhalb der führenden Regierungskreise, weil der gegenwärtige Kurs in Deutschland sich wirtschaftlich sehr stark auswirkt und die Handelsbilanz immer mehr zurückgeht. Künftighin wird es nicht mehr eine Frage sein, wie Deutschland seine Auslandsgläubiger bezahlt, sondern wie es Deutschland ermöglicht wird, noch Waren, insofern diese notwendig sind, aus dem Auslande zu beziehen.

Der 1. Mai
Berlin, 12. April (Tel. des „Tag“). Das Reichsgesetzblatt veröffentlicht das Gesetz über die Feier des 1. Mai als „nationaler Arbeitstag“. Nach Paragraph 2 wird dieser Tag analog wie der Neujahrstag gefeiert. Die weiteren Bestimmungen trifft der Innenminister.

(330414w3)


Seite 4

Konvertierungsgesetz angenommen
Bukarest, 12. April (Tel. des „Tag“). In der gestrigen Kammersitzung wurde das Konvertierungsgesetz angenommen. Heute beginnt im Senat die Generaldebatte.

(330414r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 326, Samstag, 15.04.33

Postby Klaus Binder on 14. April 2011, 23:54

Seite 2

Burgfrieden [S. 2, links, unten]
Kommuniqué

Am Mittwoch, den 12. d. M. fand eine gemeinsame Aussprache der Vertreter der Czernowitzer bürgerlichen Zeitungen („Czernowitzer Deutsche Tagespost“, „Czernowitzer Allgemeine Zeitung“, „Czernowitzer Morgenblatt“ und „Der Tag“) mit offizieller katholischer Seite bei Diözesandirektor Goebel statt, durch dessen Initiative diese Besprechung veranlaßt wurde. Zweck der Aussprache war, die seit Wochen bestehenden Pressefehden in gemäßigte Formen zu bringen, bezw. ihnen ein Ende zu machen. Alle Vertreter waren einstimmig der Ansicht, daß man reichsdeutsche Verhältnisse nicht restlos in die Bukowina übertragen, daß man Meldungen ausländischer Zeitungen nicht unkontrolliert übernehmen dürfe, und daß eine gegenseitige Verständigung vom Standpunkte der Minoritätenfrage aus unbedingt notwendig sei. Man fand eine gemeinsame Basis, um für die Zukunft Pressefehden zu vermeiden, die sich schädigend für alle Kreise und die gesamte Minoritätenfrage auswirken können.

(330415c2)


Seite 3

Einstein schreibt an die Akademie [S. 3, links, Mitte]
Die Preußische Akademie der Wissenschaften veröffentlicht von Ostende aus einen Brief Albert Einsteins in dem es u. a. heißt:
Ich habe von durchaus zuverlässiger Seite die Nachricht erhalten, daß die Akademie der Wissenschaften in einer offiziellen Erklärung von einer „Beteiligung Albert Einsteins an der Greuel-Hetze in Amerika und Frankreich gesprochen hat. Ich erkläre hiermit, daß ich mich niemals an einer Greuel-Hetze beteiligt habe. Die Erklärungen, welche ich der Presse gegeben habe, beziehen sich darauf, daß ich meine Stellung an der Akademie niederlegen und mein preußisches Bürgerrecht aufgeben würde; ich begründete dies damit, daß ich nicht in einem Staate leben wolle, in dem den Individuen nicht gleiches Recht vor dem Gesetze, sowie Freiheit des Wortes und der Lehre zugestanden wird. Ich erklärte ferner den Zustand im jetzigen Deutschland als einen Zustand psychischer Erkrankung der Massen und sagte auch einiges über die Ursachen dieses Zustandes. In einem Schriftstück, das ich der internationalen Liga zu Bekämpfung des Antisemitismus zu Werbezwecken überließ, und das überhaupt nicht für die Presse bestimmt war, forderte ich ferner alle besonnenen und den Idealen einer bedrohten Zivilisation treu gebliebenen Menschen auf, alles daran zu setzen, daß diese in Deutschland in so furchtbarer Weise sich äußernde Massenpsychose nicht weiter um sich greife.
Die Preußische Akademie stellt fest, daß Einstein, der nach seiner eigenen Erklärung an der Greuelhetze sich nicht beteiligt hat, auch nichts getan hat, um den Verdächtigungen und Verleumdungen entgegenzutreten, wozu er nach Auffassung der Akademie als langjähriges Mitglied verpflichtet gewesen wäre.

(330415w3)


Kino in jedem Hause [S. 3, oben, rechts]
Die Television auf dem Marsch
London, im April.

Die englischen Filmkreise und vor allem die Besitzer von Kinos sind überaus alarmiert. Die Ursache sind eine Reihe von sensationellen Aeußerungen, die der bekannte amerikanische Filmmagnat Mr. Samuel Goldwyn bei seinem kürzlichen Eintreffen in London getan hat. Mr. Goldwyn hat nämlich Dinge vorausgesagt, die, falls sie sich verwirklichen sollten, für sämtliche Kinobesitzer der Welt einen schweren Schlag bedeuten und die gesamte Filmindustrie revolutionieren würden. Mr. Goldwyns Prophezeiungen sind in der Hauptsache folgende:
1. endgültige Vervollständigung und praktische Anwendung von Fernsehapparaten überall in der Welt schon nach 1 1/2 Jahren; 2. Fernsehapparate werden dann, ebenso wie heute Radioapparate, überall im Kauf erhältlich und für bescheidene Gebühren zu mieten sein; 3. sämtliche Filme werden in Zukunft durch Fernsehapparate übertragen und zur Vorführung in jedem Privathause zugänglich sein; und 4. starke Verminderung der Zahl der Kinos und vollständige Umstellung der Kinobesuchssitte des großen Publikums.

Mr. Goldwyns Worte verdienen beachtet zu werden. In Filmangelegenheiten gibt es in der Welt kaum einen zweiten, der berechtigt wäre, über die Zukunft mit einem so großen Maß von Autorität zu reden, wie dieser Man. Seit mehr als 25 Jahren ist er eine der führenden Persönlichkeiten von Hollywood. Was Sam Goldwyn sagt, dem wird in der amerikanischen und englischen Filmwelt wie Orakelsprüchen gelauscht und geglaubt. „Von der großen Zukunft der Television“, erklärte Mr. Goldwyn einem Berichterstatter, „habe ich mich erst vor einigen Wochen endgültig überzeugt. Auf meinem Wege von Hollywood nach London machte ich für einige Wochen in New York halt, und hier wurden mir die neuesten Fernsehapparate der Welt vorgeführt. Das Maß der Vollendung, das auf diesem Gebiete bereits erreicht worden ist, ist geradezu verblüffend! Was ich in New York sah, war für mich, den Filmfachmann, ein regelrechter Schock. Mir wurde ein Sprechfilm vorgeführt, den man aus einer Entfernung von hundert Meilen übertragen und auf einer kleinen, für den Hausbedarf berechneten Filmwand wiedergegeben hatte. Die Wiedergabe von Bild und Ton war tadellos, derjenigen eines erstklassigen Kinos durchaus ebenbürtig. Ja sie war im Grunde noch besser, denn die üblichen leisen Kratztöne, verursacht durch das Surren des Apparats hinter der Leinwand, fehlten hier vollständig ...“
Man wandte Herrn Goldwyn ein, daß die Popularisierung der Fernsichtapparate bereits vor Jahren vorausgesagt und dennoch bis heute nicht eingetroffen sei. Hierauf gab er folgende Antwort: „Auch ich war in dieser Sache lange Zeit skeptisch“, sagte er „doch das, was ich nun in New York gesehen habe, hat mich zur völligen Aenderung meiner Ansichten bewogen. Ich bin jetzt der festen Ueberzeugung, daß nichts in der Lage ist, den unaufhaltsamen Marsch der Television aufzuhalten. Die Fernsichtindustrie wird bereits nach 1 1/2 Jahren eine führende Rolle in der Welt spielen und bereits nach wenig mehr als drei Jahren wird jedes Privathaus in ein Privatkino verwandelt sein. Der Vertrieb der Filme an Privatpersonen wird nach dem Automatensystem erfolgen. Die Kinos werden allabendlich mehrere Filme auf verschiedenen Wellenlängen versenden. Der Privatmann wird dann bloß eine Münze in seinen Aufnahmeapparat zu werfen und die nötige Wellenlängen einzuschalten haben und schon wird er in der Lage sein, auf der Wand seines Wohnzimmers den von ihm gewählten Film zu sehen und zu hören. Selbstredend wird dieses Uebertragen von Filmen in die Privatwohnungen des Publikums vieles in der Filmbranche ändern, revolutionieren. Die Herstellung der Filme selbst wird wohl kaum leiden. Es wird vielleicht sogar eine merkliche Zunahme der Produktion eintreten, da man dem Publikum mehr Filme zur Auswahl wird anbieten müssen. Doch die Zahl der Kinos wird natürlich wesentlich geringer werden. Nach drei Jahren werden nur die Leute ins Kino gehen, die daheim keinen Fernsichtapparat besitzen oder denen das Ausgehen an sich einen Spaß bereitet. „Alle anderen dagegen“, schloß Mr. Goldwyn seine interessanten Prophezeiungen, „täten gut, sich schon bei Zeiten in ihren Wohnzimmern nach einem passenden Plätzchen für das Fernsicht-Hauskino der so nahen Zukunft umzusehen ...“

(330415w3a)


Seite 4

Parlament [S. 4, oben]
Die Abstimmung über das Konvertierungsgesetz

Wir haben gestern mitgeteilt, daß die Kammer das geänderte Konvertierungsgesetz mit 151:5 Stimmen angenommen hat. Die Opposition hatte sich größtenteils absentiert, nur fünf Abgeordnete der Opposition waren abwesend und stimmten gegen das Gesetz. Mit Rücksicht auf die tief einschneidenden Verhältnisse, die das Gesetz in die Kredit- und Wirtschaftslage des Landes bringt, veröffentlichen wir einen ausführlichen Bericht über die historische Nachtsitzung.

*
Die Grundsätze des Gesetzentwurfes, so führte Minister Mirto in der Kammer aus, sind:
Den landwirtschaftlichen Schuldnern mit einem Besitz bis zu 10 ha. wird ein obligatorisches fünfjähriges Moratorium gewährt, das gegebenenfalls durch den Ministerrat um weitere fünf Jahre verlängert werden kann. Dieser Bestimmung sollen nicht nur die Bauern, sondern alle landwirtschaftlichen Arbeiter (muncitori de pamant) teilhaftig werden. Falls der Schuldner des Moratoriums nicht teilhaftig werden will, soll der Gläubiger nicht mehr als die Hälfte der am 1. April 1932 festgestellten Schuldforderungen verlangen, wobei der Schuldner im Laufe eines Jahres nicht mehr als ein Drittel seines Nettoeinkommens zur Schuldenzahlung verwenden muß.
Vasilescu-Valjean unterbricht hier und weist darauf hin, daß das Umschuldungsgesetz eine verschleierte Herabsetzung der Schuldforderung auf 50 Prozent bringe. Redner fragt, ob der Kassationshof nicht auch diese für verfassungswidrig erklären könnte.
Verkehrsminister Mirto erinnert daran, daß er seinerzeit als Berichterstatter zum Gesetz Argetoianu auch dessen Formel verfassungsmäßig fand, so daß sein Einspruch auf diesem Gebiete nicht gelten könne. Das fünfjährige Moratorium könne auf Grund des Artikel 1100 des Zivilgesetzbuches ruhig verfügt werden, denn es gehe von dem unbestrittenen Grundsatz der Zahlungsfähigkeit der Landwirtschaft aus. Dem Schuldner sei ein Moratorium, aber auch die Möglichkeit gewährt worden, sich an den Gläubiger zu wenden und mit dessen Einverständnis durch Zahlung der Hälfte der Schuldforderung seine Verpflichtungen los zu werden. Die Formel laute einfach: entweder zahlt der Bauer so lange nicht, als es die Wirtschaftslage ihm nicht gestattet, oder, wenn er zahlt, zahlt er die Hälfte in Raten zu je einem Drittel seines Einkommens.
Argetoianu wendet hier ein, daß auf diese Weise die Raten über 50 Jahre laufen werden.
Abg. Fritz Connert: 500 Jahre!
Verkehrsminister Mirto erklärt, Ausnahmen seien wohl möglich, dürften aber die Grundzüge des gesamten Entwurfes nicht ändern. Die durchschnittliche Schuld für den Kleinbesitz bis zu 10 ha. sei 3900 Lei pro ha. Sie sei auffällig verschieden verteilt. Es entfallen im Banat 7000, in Bessarabien 1000, Bukowina 8000, Kreischgebiet und Marmarosch 6000, Dobrudscha 2000, Moldau 2800, Muntenien 3600, Oltenien 4700 und Siebenbürgen 7200 Lei pro ha. Wenn man ein beliebiges Beispiel durchrechne und etwa ein mittleres Einkommen von 750 Lei annehme, bedeute das, daß der Schuldner seine Schuld in höchstens 12 Jahren abtrage. Wenn irgendwo Ausnahmen durch den Wucher bedingt wurden, sei es heute nur gerecht, wenn nun der Wucherer auf die Rückzahlung der gesamten Schuld länger warten müsse. All diese Berechnungen seien nur auf Grund der landwirtschaftlichen Steuereinschätzungen vorgenommen worden, weshalb der Gesetzentwurf auch nicht früher habe ausgearbeitet werden können. Den landwirtschaftlichen Schuldnern, so fährt der Minister fort, mit einem Besitz von 10 bis 50 ha. wurde eine Herabsetzung der Schuld und eine Zahlung im Rahmen ihrer Zahlungsfähigkeit für den Fall gestattet, da sie tatsächliche Beziehungen mit der Landwirtschaft haben. Schließlich werden noch gewisse Schutzmaßnahmen für die Landwirte mit über 50 ha. Besitz gefordert, soferne sie tatsächlich in der Landwirtschaft ihre Hauptbeschäftigung haben, was wohl selbstverständliche Bedingungen sind. Bezüglich der

städtischen Schuldner
sieht der Gesetzentwurf Maßnahmen vor, damit die Zwangsverkäufe nicht mehr mit der gleichen Schärfe wie bisher durchgeführt werden, und so nicht nur den Schuldner, sondern auch den Gläubiger schädigen.
Ferner wurde vorgesehen, daß auf jeden Fall dem Schuldner, der weder heute noch später seinen Verpflichtungen nachzukommen in der Lage ist, durch das Verzichtrecht wenigstens ein Teil (Ein Fünftel) seines Vermögens erhalten bleibt, damit er nicht ganz mittellos dasteht und seinen Mitmenschen zur Last fällt. Das sind die Grundsätze des Gesetzentwurfes. Abschließend ersucht der Verkehrsminister im allgemeinen Interesse mitzuarbeiten damit diese, der Minister betont das Wort, endgültige Lösung möglichst allgemeine Zustimmung finde. Auf Vorschlag des Verkehrsministers wird dann die Verhandlung des Umschuldungsgesetzes für eine halbe Stunde unterbrochen, damit die Parteien in Ausschußsitzungen über die Abänderungsanträge beraten können. Um 12 Uhr hebt Kammerpräsident Cicio Pop die Sitzung vom 11. April auf und eröffnet nach 10 Minuten die

Nacht-Sitzung
vom 12. April, die mit nur geringen Unterbrechungen bis 5 Uhr früh dauert. In dieser Zeit wird die artikelweise Verhandlung des Umschuldungsgesetzes beendet und dieses dann in zweiter und dritter Lesung angenommen. Die Opposition gab sich alle Mühe, die Verabschiedung des Gesetzentwurfes noch in der Nachtsitzung zu verhindern, Regierung und Mehrheit ließen aber nicht locker. Kammerpräsident Cicio Pop, hielt die ganze Zeit auf dem Präsidentenstuhle aus, auch Ministerpräsident Vaida Voevod, Verkehrsminister Mirto, Arbeitsminister D. R. Ioanitescu und beinahe sämtliche Unterstaatssekretäre hielten bis zum Schluß der Kammersitzung aus. Mirto war heiser geworden. Die Führer der Oppositionsparteien hatten gegen 3 Uhr nachts die Sitzung verlassen. Mehrere Abgeordnete machten es sich in den Wandelgängen auf Stühlen und Sofas bequem. Um 5 Uhr früh erfolgte die Abstimmung, die das Resultat 151:5 für die Annahme des Gesetzes erzielte.

*
Schluß der Session
Bukarest, 13. April (Tel. des „Tag“). Das Konvertierungsgesetz und das Antiwuchergesetz wurden im Senat angenommen.
Das Parlament geht in Ferien.

*
Gegen die Konvertierung gesprochen und für dieselbe gestimmt
Bukarest, 13. April (Tel. des „Tag“). Die gesamte Presse der Hauptstadt befaßt sich mit der Votierung des Konvertierungsgesetzes und spricht ihre Verwunderung aus, daß die meisten Redner, inbegriffen die Liberalen, gegen die Konvertierung gesprochen haben, und als es zur Abstimmung kam, hatten kaum fünf Abgeordnete den Mut, gegen die Vorlage zu stimmen.

(330415r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 327, Sonntag, 16.04.33

Postby Klaus Binder on 15. April 2011, 23:23

Seite 1

Metropolit Pimen und Bischof Robu [S. 1, oben, rechts]
gegen die Judenverfolgungen in Deutschland
und gegen Antisemitismus in Rumänien


Jassy, 14. April (Tel. des „Tag“). Metropolit Pimen gewährte einem Pressevertreter ein Interview über die Vorgänge in Deutschland, in dem er u. a. sagte:
Wir befinden uns jetzt in der Woche der Leiden. Alle kleinen menschlichen Taten müßten bei Seite geschoben werden. Eines muß ich aber sagen:
Ich billige nicht die Maßnahmen der Regierung Hitler gegen die Juden, ebenso wie ich die antichristlichen Aktionen in Rußland mißbillige. Ich wünsche der Menschheit Frieden, Gesundheit und Fortschritt anläßlich der heiligen Feiertage.
Über die Judenverfolgungen in Deutschland äußerte sich der rumänisch-katholische Bischof Robu wie folgt:
Die Aktion Hitlers in Deutschland ist nicht christlich. Mit einer Reihe eingeschlagener Köpfe und Fensterscheiben macht man nicht Christentum. Die rumänisch-katholische Kirche hat immer die Juden im Mittelalter vor Verfolgungen, die damals viel stärker waren als heute, geschützt. Die katholische Kirche hat für die Juden das Ghetto geschaffen, um sie vor dem Terror zu schützen. So hat der heilige Stuhl im Mittelalter nicht nur die Juden, sondern alle Verfolgten geschützt. Es mag wohl sein, daß sich unter den Juden auch schlechte Elemente befinden, ebenso wie es bei einem anderen Volk der Fall sein kann, das darf aber nicht zum Anlaß genommen werden, das gesamte Judentum zu verfolgen. Sogar die Kommunisten und die Anarchisten müssen nach dem Gesetz behandelt werden. Der Staat ist verpflichtet, seine Bürger zu schützen.
Die Vorgänge in Deutschland werden von der katholischen Kirche nicht gutgeheißen. Die jüdischen Zeitungen müßten auch gegen die antichristlichen Verfolgungen in Rußland, Mexiko und Spanien Stellung nehmen, und zwar Hand in Hand mit den christlichen Zeitungen. Die Juden sind solidarisch, ein Beispiel, welches nachgeahmt zu werden verdient. Sie müssen aber ihre Solidarität auch beweisen, wenn es sich um Verfolgungen Andersnationaler handelt. Ich wünsche ein Einvernehmen, ein Zusammenarbeiten zwischen Christen und Juden.
Herr Cuza, so sagt weiters Bischof Robu, kennt unsere Gefühle. Seine Methoden gefallen uns nicht, deshalb verurteilen wir sie.
Der Hitlerismus ist eine deutsche Rassenerscheinung, keineswegs eine christliche Bewegung, deshalb wurde sie auch von allen deutschen katholischen Bischöfen abgelehnt.
Zum Schluß sagte Bischof Robu:
„Das Ende in Deutschland ist nicht abzusehen. Revolutionen sind abwechslungsreich und veränderlich. Eines kann ich aber sagen: Das Christentum wird barbarische Handlungen gegen die Juden in Deutschland nicht dulden“.

(330416r1)


Seite 3

Alfred Kittner [S. 3, oben, links]
Ostern 1933

Die Sonne verhüllt mit Trauer den Schein,
es läuten die Glocken den Lenz nicht ein.
Die Stürme toben wie Brände ums Haus
und gießen den Wein aus den Kelchen aus.

Es klirrt in den Nächten dürr das Geäst,
ragt kahl zum Himmel wie nacktes Gebrest.
Das Marterholz starrt vergessen und bleich
in das sternverlassene Gottesreich.

In Bergen, wo schweigend der Schnee noch schwirrt,
hat sich das milde Lamm Gottes verirrt.
Im Sturm zerbrach klagend des Heilands Wort;
die reine Lehre ward Jammer und Mord.

Nun kläfft der Hungerwolf rauh durch das Land.
Das Blut der Opfer tränkt rauchend den Sand.
Zu Bergen häuft sich Gebein auf Gebein.
Es läuten die Glocken den Lenz nicht ein.

(330416a3)


Seite 5

Hitler / Rumänien / Ostern [S. 5, links, oben]
Von einem guten Christen

Jeder rumänische Bürger, der mit Hitler mitfühlt, ist ein Verräter seines Landes. Warum? Weil Hitler die Revision des Friedens will, anders gesagt: die Zerteilung Rumäniens. Bei uns in der Bukowina, wo es keinen reinrassigen Menschen gibt, ist die Theorie der Reinrassigen überhaupt lächerlich. Fast jeder von den hiesigen Hitleristen hat hinter seinem Rücken slawische, jüdische oder rumänische Ahnen. Fast jeder von den hiesigen Hitleristen würde, wenn er in Deutschland wäre, wo Hitler seine Rassentheorie anzuwenden versucht, bestimmt auch zu denjenigen gehören, die Hitler aus Deutschland wie Mist hinauskehren will.
Machiavelli sagte: „Der Volksgeist ist nun einmal so, daß er für die Verbrechen einer Epoche eine bestimmte Anzahl von Sündenböcken haben muß. Natürlich wählt er dazu nicht gerade die Schlimmsten und Stärksten. Er wird sich immer diejenigen ausersehen, die sich am schlechtesten verteidigen können, und die von den Hunden schon gehetzt und geschunden sind, denn er selbst ist vor allem feige.“
Hitlers Methode, den Sinn der Arbeitslosen mit Judenhaß und Judenverfolgung zu beschäftigen, ist nicht neu.
Nicolaj der Zweite, Rußlands Zar, dessen Generäle unfähig waren, ihr Land vor den Japanern zu schützen, lenkte die ausgehungerte Menge auf die Juden. Er, der das Verbrechen begangen hatte ,ganz nutzlos die gesündesten Söhne Rußlands als Kanonenfutter nach dem Osten zu schicken, fühlte die Unzufriedenheit des Volkes, und um die Wut der Massen zu besänftigen, war er ihnen das Fleisch der Pogromjuden vor.
Es hat gewirkt.
Aber nur als ein vorübergehendes Beruhigungsmittel.
Denn das Volk fand an Menschenfleisch Gefallen, es wollte mehr und es lechzte nach feinerem, edlerem Blut! Das Ende war wie das eines Alexander Borgia, der an dem Gifte, das er für seine Freunde bereitet hatte, selber zugrundeging. Genau so starb Zar Nikolaus der Zweite, als die Bolschewiken das Fleisch der Zarenfamilie der Menge vorwarfen.
Der Judenhaß eines Nicolaj des Zweiten war nicht seine Erfindung. Vor ihm hat Nero, um die Rache des Volkes wegen des Brandes von Rom abzulenken, der Menge die jüdische Sekte der Christen preisgegeben. Aber trotzdem stehen Nikolaus der Zweite und Nero bei weitem höher als Hitler. Denn jene kämpften gegen etwas, was von Menschen abhängig ist - gegen den Glauben. Genau wie die Inquisition. Wer seine Religionsanschauungen wechselte, war gerettet. Hitler aber kämpft gegen eine Tatsache des Zufalls, gegen die Geburt. Ein Mensch kann weder stolz noch betrübt darüber sein, daß er als Jude, Deutscher, Franzose oder Rumäne geboren wird. Das ist ein unabänderlicher Zufall, gegen den es keine Auflehnung gibt.
Die Juden, die sich zur Zeit Friedrichs des Großen in Preußen niedergelassen hatten, belebten den Handel und die Industrie des Landes. Weit über die Grenzen des Landes hinaus werden die Juden die Träger der deutschen Wirtschaft. Deutschland war nie ein Land des Ackerbaues. Die Juden, deren eigentliche Domäne Industrie und Handel ist, trugen unendlich viel zur Entwicklung dieses Landes bei. Nachdem die große Arbeit der Propaganda der deutschen Waren geleistet ist, erklärt man plötzlich: „Die Juden sind nur Gäste eines Landes, das bereit ist, sie ungastlich zu behandeln“. Man schiebt ihnen auch alle Fehler des 20. Jahrhunderts zu. Die Literaturrichtung Deutschlands die genau so verläuft wie in Italien, Frankreich und Rußland, wird in Deutschland nur der zerstörenden, unmoralischen Judenseele zugeschrieben.
Eines Tages werden die Juden daran schuld sein, daß die modernen Möbel nicht im Biedermeier- oder Rokoko-Stil sind, sondern die eckigen, einfachen Linien des 20. Jahrhunderts haben.
Der Grund aller dieser Verleumdungen ist eigentlich sehr einfach. Hitler wollte hochkommen. Es gibt kein leichteres Propagandamittel als den Judenhaß. Das ist ein altes Spiel der Jahrhunderte. Fast jeder Mensch ist ein Sadist. Niemand will eine Ohrfeige bekommen, wenn man ihn auf jemand aufmerksam macht, den er eine ungestraft herunterhauen darf. Wem kann man Hiebe versetzen, ohne Gefahr zu laufen, dafür bestraft zu werden? Nur dem Schwachen.
Hitler dachte, er verliere nichts, wenn er die Juden verfolge. Haben die Juden eine Armee hinter sich, ein Land, eine Regierung, die Hitler die Konsequenzen zu ziehen zwingen? Nein, Niemand ist da. Im Gegenteil: Das Plündern von Schutzlosen bringt etwas ein und plötzlich findet man eine Ursache der Krise, der Arbeitslosigkeit, Armut …
„Die Juden!“
Immer ist der Jude schuld. Und dann spaziert man als Held an der Spitze seiner Sturmbataillone. Es ist so leicht ein Held zu sein, wenn der Gegner sich nicht wehren und nicht entfliehen kann. Wozu hier noch Sturmbataillone einsetzen und damit prunken?
Aber das Ende ist noch nicht da. Die Natur hat ihre ehernen Gesetze. Sie rächt immer den Schwachen. Nero ist nicht da und das römische Reich ist verschwunden. Die Nikolais gehören der Geschichte an und die Erinnerung an die Inquisition ist fast märchenhaft geworden. Aber die Juden existieren und saugen aus der Schamlosigkeit ihrer Umgebung immer neue Kräfte zu ihrer eigenen Erneuerung. Der Hitlerismus hat immer eine verteufelte Aehnlichkeit mit dem Festmahl des Alexander Borgia.
Die erste Rettung der Juden aus Aegypten war - wie die Legende berichtet - zu Ostern. Die Weltgeschichte gefällt sich oft im Feiern von Jubiläen. Auch diese Ostern sollen eine Befreiung der Wehrlosen bringen! Und zugleich eine Lehre für die Menschheit!
Besonders für uns rumänische Untertanen, die wahrnehmen und es wissen sollen: Mit dem Hitlerismus sympathisieren, bedeutet: die Revision der Friedensverträge wollen, das heißt: Verrat an seinem Vaterland Rumänien begehen!

Czernowitz, Ostern 1933
Ari All

(330416r5)


Seite 7

„Los von der Maschine“ [S. 7, links, oben]
Die „Vossische Zeitung“ teilt mit:
Lösung der Arbeitslosenfrage durch Abschaffung der Maschine, durch Rückkehr zur Handarbeit - ist ein Gedanke, dem schon mancher besinnliche Mann nachgegrübelt hat. Er mußte sich aber in der Regel sehr bald durch die Stimmen ruhiger und nüchterner Wirtschaftler davon überzeugen lassen, daß die Wirtschaft so gewaltsame und radikale Rückwärtsbewegungen schlecht vertragen kann, und daß eine Lösung der Arbeitskrise in dieser Richtung eine Utopie ist. Um so interessanter ist, daß der Ruf „Los von der Maschine“ jetzt bei einem deutschen Industriezweige ernsthaft erwogen wird, bei der Zigarren-Industrie. Hier ist die Handarbeit noch so verbreitet , daß die Außerdienststellung der Maschinen ohne nachteilige Folgen möglich scheint. Der Reichsverband der Zigarrenerzeuger (R. d. Z.) bereitet jedenfalls, wie wir hören, Schritte vor, um der Reichsregierung eine gesetzliche Stillegung der Maschinen in der Zigarren-Industrie, natürlich unter Entschädigung der Maschinenbesitzer - vorzuschlagen. Der Zwang zur ausschließlichen Handarbeit in der Zigarren-Industrie würde zweifellos eine Mehreinstellung von Arbeitern herbeiführen - und nebstbei den verwöhnten Zigarrenraucher sehr erfreuen. (Im Zeichen „Los von der Maschine“ war auch „Der Tag“ in Czernowitz gegründet. Dieses Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hat sich bei uns bewährt. Die Red.)

(330416w7)


Vom Motorklub Czernowitz [S. 7, Mitte, rechts]
In der am 5. April stattgefundenen Generalversammlung des „Rumänischen Motorklubs, Sektion Czernowitz“, wurde das neue Direktionskomitee konstituiert, das sich folgendermaßen zusammensetzt:
Präsident: Direkt C. Lupu; Vizepräsident: Dr. J. Stefanovici, J. Schmerz, Sekretär: Direktor Gh. Voivitca; Kassier: L. Marcus; Mitglieder: J. Babin, T. Hrabal, R. Ostrovschi, S. Bergelsohn; Vizemitglieder: L. Feuerstein, J. Frimet, M. Einhorn; Sportkomitee: Präsident Dr. J. Stefanovici; Mitglieder: W. Semler, M. Katz, N. Bucevschi, C. Welt; Zensoren: Prof. E. Schmiedt, Prof. E. Lipetzchi, Dr. P. Silberbusch.
Die Saison wird am 30. April mit folgendem Programm eröffnet: Um 11 Uhr vormittags, im großen Rathaussaal, Festsitzung; um 12 Uhr Defilierung der Motorfahnen; um halb 1 Uhr Festzug; um 0 Uhr, ein Abend im Kaffee „Renaissance“.
Sämtliche Motorradfahrer, mögen sie Mitglieder des Vereines sein oder nicht, werden zur Teilnahme an dieser Festlichkeit eingeladen. Informationen werden von der Vereinsleitung, strada Alba Iulia Nr. 2, III. Stock, zwischen 12 und 1 Uhr, erteilt.

(330416i7)


Seite 8

Von Paris aus gesehen ... [S. 8 + S. 9]
Der Umschwung der Weltpolitik durch Deutschlands „Nationale Erneuerung“ / Mit den Augen Frankreichs betrachtet

Von unserem Pariser Korrespondenten. Eigenbericht des „Tag“

Erster Eindruck
Weniger Sensation als spöttische Genugtuung
Paris, 3. April.

Die Machtergreifung Hitlers und das Resultat der Wahlen vom 5. März hatten in Frankreich nicht allzugroße Sensation hervorgerufen, da man sich hier schon seit langem über die deutsche „Republik“ und die demokratischen Fähigkeiten des deutschen Volkes keine Illusionen machte. Auch über das, was die Außenpolitik der neuen Regierung betrifft, zeigte man nicht viel Neugierde, da alle deutschen Regierungen, welcher Richtung sie auch angehörten - und das vergaß die französische Presse nie zu unterstreichen - dieselben Ziele verfolgten und nur in ihren Methoden, dieses Ziel zu erreichen, einen Unterschied machten. Es war ja nicht das erstemal, daß der Führer einer Partei, der aus seiner Oppositionsstellung hervorkroch, einmal die Verantwortung in der Hand, seine Sprache mäßigen mußte; im Gegenteil, die „offene Sprache“ der Nationalsozialisten konnte den Franzosen und ihren Alliierten nur willkommen sein. Der polnische Außenminister Oberst Beck sagte einige Tage nach dem Siege Hitlers in einer Rede, daß ihm die unverhüllte Aktion der neuen Regierung tausendmal lieber sei, als die mystische und nervenaufreizende Politik Stresemanns, weil man auf diese Weise sofort unverhüllt die ganze Macht der deutschen Außenpolitik kennen lernen konnte und auch sogleich sah, wo diese Macht Halt machen mußte.

Mit Genugtuung, gemischt mit etwas Verachtung, betrachtete man die Nationalsozialisten in ihren Schnitzern, die sie in Reden über die Außenpolitik begingen, so z. B.: die unsinnigen Angriffe gegen die Sowjetunion; Japan, Dänemark, Schweden ec., und nicht ohne Spott verfolgte man ihre Bestrebungen, auch der ausländischen Presse einen Maulkorb anzuhängen.

Hitlers „Stoß nach dem Süden“
Oesterreich und Italien

Mehr Aufmerksamkeit mußte schon der „deutsche Stoß nach dem Süden“ d. h. nach Oesterreich und Italien hervorrufen. Die Gefahr eines Anschlusses war infolge der österreichischen Abstammung Hitlers gegeben. Doch der Widerstand der Sozialdemokraten und auch die Erklärung des Kanzlers Dollfuß, daß Oesterreich keine deutsche Kolonie werden wolle, zeigten, daß diese Frage auch „noch nicht aktuell“ sei. Etwas mehr Vertrauen hätte man in eine Restauration der Hohenzollern gehabt.

Die Verhältnisse in Italien mußten die ganze Aufmerksamkeit der Politiker Frankreichs hervorrufen. Aber man begriff diese Allianz sogleich als das, was sie war: Coalition à un but determiné (für einen bestimmten Zweck). Denn, wenn zwar Deutschland und Italien für einige Zeit denselben Zweck verfolgen, d. h. Umstürzung des status quo, so verschleierte das noch nicht die Existenz einiger Differenzen zwischen diesen beiden Staaten. Man wird sich noch erinnern, daß Italien mit Feuereifer im Haag [Den Haag] an der Seite Frankreichs und der Tschechoslowakei gegen die deutsch-österreichische Zollunion plädierte, und auch die Frage Südtirols war nicht aus der Welt geschaffen, im Gegenteil, Hitler vergaß nie seine Revendikation auf dieses Gebiet in seinen großen „Programmreden“ zu wiederholen.

Wenn man Italien anderweitig eine gewisse Genugtuung gab, so z. B. Konzessionen in der Frage der Flottenquote oder ein Kolonialmandat, so flog diese ganze mystische Allianz mit Deutschland in Staub auf, da, wie es die Geschichte uns lehrt, Italien nie mit viel Skrupeln seine Verbündeten für den eigenen Profit im Stiche ließ.

Das Schicksal des Saargebietes
Völkerbund hat das letzte Wort

Unter einem anderen Anblick präsentiert sich jetzt die Frage des Saargebietes. Bekanntlich findet in diesem Gebiete im Jahre 1935 eine Volksabstimmung statt, und die Bevölkerung hat dann kundzugeben, ob sie zu Deutschland zurückkehren, an Frankreich angegliedert werden wolle oder eine Selbständigkeit wünsche. Der Völkerbundsrat hat hierauf über das Schicksal und die Zuerteilung dieses Gebietes zu entscheiden, „den Wunsch der Bevölkerung in Betracht ziehend“, wie es in der Annexe des Versailler Vertrages heißt, woraus hervorgeht, daß das Resultat des Plebiszites keine bindende Kraft hat und auch eine Teilung dieses Gebietes möglich ist.
War es nun bis jetzt allen nüchtern denkenden Menschen klar, daß die Deutschen eine überwältigende Mehrheit in diesem Gebiete erreichen werden (vor einigen Jahren war es auch die Frage, das Gebiet unter gewissen Bedingungen, aber ohne Plebiszit zurückzugeben), und daß eine Teilung, falls eine geringe Minorität sich bilden sollte, ausgeschlossen schien, da die Teilung Oberschlesiens als warnendes Beispiel dastand, so wechselte jetzt das Bild. Es ist sehr wahrscheinlich, daß bei dem herrschenden Hitlerterror die nichthitlerische Bevölkerung, und besonders die Juden, keinen allzugroßen Wunsch haben, unter dieses Regime zu kommen. Die Führer der jetzigen politischen Parteien in diesem Gebiet können sich ganz gut vorstellen, was mit ihnen geschehen werde, wenn sie sich einmal direkt unter der Macht Hitlers befinden. Es ist außerdem bekannt, daß einige Saarländer Zeitungen im deutschen Reiche verboten sind und daß auf den Redakteur einer dieser Zeitungen „Die Stimme des Volkes“ eine Fangprämie von 3000 Reichsmark ausgesetzt ist. Uebrigens ist jetzt das Saargebiet ein Zufluchtsort vieler politischer Flüchtlinge, die natürlich keine günstige Propaganda für das Hitlerregime machen.
Diese Tatsachen gegeben, ist es nicht ausgeschlossen, daß das Saargebiet, falls 1935 die Lage nicht vollkommen gewechselt ist, zumindest die Selbständigkeit verlangen wird, und daß, falls sich auch eine Minorität gegen die Rückgabe an Deutschland aussprechen sollte, eine Teilung nicht unwahrscheinlich ist, da man im Namen der Menschlichkeit einen Teil der Bevölkerung nicht wehrlos einer Macht ausliefern kann, die ihr gegenüber kein Gesetz kennt.
Die vielen „Ausflüge“ von Nazijüngern und nicht zuletzt von reichsdeutschen Polizisten in das Saargebiet, um hier „Verhaftungen“ vorzunehmen, und auch der Umstand, daß von Zeit zu Zeit ein „Jahrgang“ nationalsozialistischer Jugend seinen „Dienst“ im deutschen Reiche macht, haben in einigen französischen Kreisen die Frage aufgeworfen, ob es nicht zweckmäßig sei dieses Gebiet wieder mit französischen Truppen zu besetzen.

Frankreichs Presse zu den Geschehnissen
Rechts und links

Es hieße, nur ein unvollständiges Bild der öffentlichen französischen Meinung zu geben, wollte man nicht einen Unterschied zwischen der nationalen und linksgerichteten Presse machen.
Die Linken sind zwar augenblicklich am Ruder und halten sich hier, so gut es geht, an der Oberfläche, doch darf man nicht vergessen, daß die Radikalsozialisten, besonders in der letzten Zeit, da durch die Welt eine Welle von Nationalismus geht, über eine große Macht verfügen und fortgesetzt nicht nur Neuwahlen, sondern auch eine Revision der französischen Verfassung von 1875 verlangen. Zeitungen, die bis jetzt immer die strikteste Neutralität bewahrten, haben nun glatt nach rechts umgeschwenkt, so z. B. das große Informationsblatt „Le Matin“, das augenblicklich eine heftige Propaganda gegen die neuen Steuern der Regierung und für eine Revision der Verfassung macht.
Vor allem stellen die Blätter der Rechten fest, die Behauptung der französischen Pazifisten, daß es „zwei Deutschland“ gäbe, sei nur ein Märchen. Die Tatsche, daß die moderierten und linksgerichteten Parteien in Deutschland ohne einen Muckser sich ausschalten ließen, geben ihnen nur allzu Recht.
Auch der offiziöse „Temps“ läßt sich in seiner Nummer vom 3. April zu folgenden Bemerkungen in einem Artikel unter dem Titel: „Une faillite historique“ hinreißen:
„Unter allen historischen Fallimenten wird das der deutschen Sozialdemokratie, dem wir jetzt beiwohnen, sich in das Gedächtnis der Generationen als eines der jämmerlichsten einprägen. Es ist nicht einmal ein Falliment, sondern schon ein Bankrott, von dem zu sprechen wir versucht sein können. Die deutsche Sozialdemokratie endet ohne Ruhm und sogar ohne Ehre. Nachdem sie der ganzen Welt Gerechtigkeit und Wohlstand versprochen hatte, erweist sie sich im eigenen Lande gegen die brutalste der Diktaturen machtlos oder zustimmend - ein Zweifel ist leider in dieser Hinsicht erlaubt“.
Nicht ohne Ironie beschreibt die Zeitung dann die Situation der französischen Sozialisten, die sich nun zum zweitenmal sehr bitter enttäuscht sehen; das erstemal war es 1914.
Einen anderen Umstand vergessen die Zeitungen nicht zu unterstreichen, der sonst in der Ueberstürzung der Ereignisse nicht die gebührende Beachtung gefunden hat, nämlich, daß in den Gemeinderatswahlen in Preußen, die einige Tage nach den großen Wahlen stattfanden, die Hitlerleute trotz der abscheulichen Terrorakte die Bevölkerung nicht nur nicht degustiert hatten, sondern sogar einen Fortschritt zeigen konnten.
Unnötig natürlich zu erwähnen, daß das alles für die nationalistische Presse willkommene Gelegenheit war, der Bevölkerung zu raten, „auf der Hut zu sein“, und nicht jetzt den Wahnsinn zu begehen, abzurüsten oder an Deutschland neue Konzessionen zu gewähren.
Sonderbar war ihre Stellung zu den Reden der nationalsozialistischen Politiker, die, wenn sie von deutschen linksgerichteten oder zentristischen Politikern gehalten worden wären, reich kommentierte Sensationsmeldungen gebildet hätten, solche Reden wurden jetzt nur nebenbei und fast ohne Kommentar wiedergegeben, man begnügte sich, auf die unsichere und drohende Lage auf der anderen Seite des Rheines hinzuweisen; offenbar nahm man Hitler nicht für vollwertig.
Auch die Knebelung der Freiheiten regte diese Presse nicht besonders auf; böse Zungen wollen wissen, daß ihnen gar nicht soviel daranliege, die Diktatur in Frankreich populär zu machen.
Die Links-Presse mußte wohl oder übel all’ diese Vorwürfe registrieren, vergaß aber nie, zu wiederholen, daß, wenn Hitler jetzt an der Macht sei, dies einzig die Folge der unnachgiebigen Haltung der Nationalisten in der vorhergehenden Zeit gewesen sei. „Hätte man Briand nicht in Cannes von hinterrücks erdolcht“, schreibt ein linksgerichtetes Provinzblatt „so gäbe es jetzt keinen Hitler“.

Frankreichs Geist der Freiheit und Menschenwürde lehnt Judenverfolgungen als zivilisationswidrig ab
Die heftige Form der antisemitischen Bewegung hat in Frankreich einiges Erstaunen hervorgerufen; einmal hielt man es für unmöglich, daß ein zivilisiertes Volk sich zu solchen Handlungen hinreißen könne, „Le Temps“ veröffentlichte einen Artikel unter dem Titel „Regression“ (Rückfall), indem er, nachdem er auf die „widerlichen, gottseidank vorübergehenden Ereignisse der Dreyfuss Affäre“ hinwies, von einer moralischen Krise in Deutschland sprach, da solche Vorfälle ins Mittelalter gehören. Und dann wurde dieses Erstaunen auch dadurch verstärkt, daß die Juden in der ganzen Welt als germanophil verschrien sind und außerdem die besten Agenten für den deutschen Handel im Auslande, besonders in Frankreich und Nordafrika sind. Die französische Coty-Presse hatte vor einiger Zeit eine Hetzkampagne in diesem Sinne geführt.
Ein nicht geahnter Effekt dieser antisemitischen Handlungen war, daß die Franzosen, die gewöhnlich auf Unterschiede von Religion oder Rasse keinen Wert legten, plötzlich erfuhren, daß bekannte deutsche Namen, die auch im Auslande, sich einer gewissen Berühmtheit erfreuten, Juden sind, so z. B. Einstein, Theodor Wolff, Reinhardt, Feuchtwanger, Bruno Walter (der beste Wagnerkenner, welche Tragödie für das deutsche Volk!) etc.

Deutschlands „Disziplin“
Man zeigte vollständiges Verständnis für die mißliche Lage Hitler’s, der, nachdem er die ganze Zeit hindurch Haß gegen die Juden propagierte und ihn zum Hauptpunkt seines Programmes avancieren ließ (übrigens der einzige Punkt dieses berühmten Programmes, der eine Erfüllung findet), nicht so einfach die Erwartung seiner Mannen täuschen konnte. Daß ein Appell an die Disziplin seiner Truppen, „isolierte Aktionen“ zu unterlassen, keinen Erfolg hatte, rief kein weiteres Erstaunen hervor, da man schon seit langem hier wußte, wie es um die berühmte deutsche Disziplin bestellt war. Disziplin, solange diese Disziplin im Marschieren, Fahnenschwenken, Hackenzusammenschlagen, Trompetenstößen, Handaufheben, steifen Bewegungen ec. bestand, oder, als man versuchte, auf Grund dieser „Disziplin“ zu verbieten, gefahrlose Heldentaten (die nicht immer materieller Triebfedern entbehrten) zu vollbringen, das ging über den Horizont der Nazijünger. Die einzige Facon, hier irgendwie abzuhelfen, sah die Regierung darin, die Verfolgung „selbst in die Hand zu nehmen und zu organisieren“, obwohl augenblicklich die offizielle Presse (d. h. die gesamte) behauptet, daß das „Defensivboykott“ gegen die Juden nichts Offizielles wäre, sondern einer „spontanen Initiative“ der deutschen Bevölkerung gegen die „Greuelpropaganda“ entspringe.

„Greuelpropaganda“ - ein probates Dementi-Mittel
Interessant sind die Dementis gegen diese „Greuelpropaganda“. Sie verteidigen sich so, wie der Mann, den man beschuldigte, eine Fensterscheibe eingeschlagen zu haben: einmal, sagte er, hat es keine eingeschlagene Fensterscheibe gegeben, dann bin nicht ich es, der diese Tat begangen hat, und drittens habe ich den Schaden repariert. Einmal, so behaupten die antisemitischen Verteidiger, hat es keine Exzesse gegeben, das alles ist nur auf eine wohlorganisierte Greuelpropaganda zurückzuführen, dann waren es nicht Nazileute, die diese Taten begingen, sondern in braune Uniformen verkleidete „agents provocateurs“, und drittens haben wir nach den ersten Unruhen der „Nationalen Revolution“ die Ordnung wiederhergestellt. (So war z. B.: Der Angriff auf den Wagen des rumänischen Gesandten nach der ersten Version die Tat eines agent provocateur, und nach einer zweiten handelt es sich um ein Mißverständnis, da der Angreifer die rumänische Fahne mit der sozialistischen Fahne (!) verwechselt hatte).
Es gehört nicht viel Spitzfindigkeit oder umfassendes Aktenmaterial dazu, alle diese kindischen Dementis zu vernichten.
Es genügt einfach, die offiziellen Reden deutscher Staatsmänner (wie etwa die Rede Görings oder des Polizeipräsidenten von Frankfurt) zu zitieren, um zu wissen, wie es um die Stellung der Juden in Deutschland beschaffen ist. Auch die öffentlichen Destitutionen jüdischer Richter, Gemeinderäte, Begrenzung der Zahl der Advokaten, Kündigung der jüdischen Aerzte der Städte, Blockierung ihrer Guthaben in den Banken ec. ec. liefern genug Gründe zur Behauptung, daß es in Deutschland eine Verfolgung der jüdischen Rasse gibt. Die Erklärung Görings an die Presse, daß diese Entlassungen nur deshalb vorgenommen wurden, weil diese Leute der sozialdemokratischen Partei angehörten, entbehren nicht einer gewissen Genialität; man vernehme den Unsinn: weil die Juden nicht der monarchistischen, katholischen oder antisemitischen Partei angehören, müssen sie natürlich der sozialdemokratischen Partei angehören, (mögen sie behaupten, was sie wollen) ergo .. usw.
Alle Fälle wurden nie an Hand von Tatsachen oder einzeln dementiert, sondern immer nur mit der Erklärung: Lüge, Verleumdung, Greuelpropaganda ec. abgetan.

Die antisemitische Tobsucht - systematisch geübte Grausamkeit
Stimmen von Presse und Geistlichkeit zur Judenhetze

Mehr Beachtung verdienen die Erklärungen des deutschen Außenministers von Neurath, nach dessen Behauptung sich „während einer Revolution immer Vorfälle ereignen“. Auch Minister Göring berief sich darauf, und fügte noch hinzu, daß die Geringfügigkeit der Vorfälle im Gegenteil auf eine außerordentliche Disziplin (sic) und einen hohen Kulturstand der deutschen Massen schließen, da sonst gewöhnlich Revolutionen ein viel blutigeres Bild zeigen. Lassen wir augenblicklich beiseite, daß die „Nationale Revolution“ für uns einen etwas mystischen Charakter hat, da Hitler sehr „legal“ an die Macht gelangt ist und augenblicklich eine solche Dozilität bei seinen Gegnern gefunden hat, daß er es gar nicht nötig hat, seine ganze Macht ins Spiel zu setzen, und begnügen wir uns nur, einen Leitartikel der Zeitung „Le Temps“ zu zitieren, der am 2. April unter dem Titel: „Politisches Chaos in Deutschland“ veröffentlicht wurde. Da lesen wir folgendes:

„Diese antisemitische Tobsucht, die die hitlerische „Nationale Revolution“ charakterisiert, widerspricht jedem gesunden Menschenverstand, auch und gerade, wenn man die Angelegenheit vom Standpunkt der zweifellosesten deutschen Interessen betrachtet. Man kann verstehen, ohne zuzustimmen, daß Leidenschaften durch politischen oder sozialen Haß angefacht werden. Man sah, wie in Rußland der Bolschewismus den Klassengeist ausnützte, um systematisch alle dem Kommunismus oder der Diktatur des Proletariates feindlichen Kräfte auszumerzen; man sah in Italien den Faschismus unerbittlich im Kampfe gegen die Parteien und Männer sich zeigen, die noch am demokratischen Ideale und dem Geiste der Freiheit hingen. Das waren alles, besonders, was die russische Revolution betrifft, abscheuliche Ereignisse, aber durchaus erklärlich, bedingt durch die revolutionären Ideen, die eine neue politische und soziale Ordnung schaffen wollten. Um etwas ganz anderes geht es jetzt in Deutschland; die „Nationale Revolution“ scheint alle politischen und sozialen Probleme auf ein Nebengeleise zu schieben, um einem brutalen Rassenkampf Platz zu machen, was aber eine absolute Unmöglichkeit für jedes moderne Land ist.“
„Der Antisemitismus hat nach der Naziformel nicht religiöse Unterschiede, Klassenhaß oder Mißachtung der Freiheit der Ueberzeugung und des Wortes zur Grundbasis. Er machte sich die extravagante Idee zu eigen, die unvereinbar mit den Existenzbedingungen eines modernen Staates, sei er liberal, faschistisch oder bolschewistisch, ist, und die erfordert, daß aus der nationalen Tätigkeit alle Elemente, obwohl sie, seit langer Zeit an die deutsche Kultur und das deutsche Leben assimiliert, nicht rein germanischer Rasse sind, eliminiert werden müssen.“
„Also während alle modernen Staaten gerade das Interesse haben, alle fremden Elemente, die in ihm seit langer oder kürzerer Zeit bestehen, zu assimilieren [unleserliches Wort]
(Fortsetzung von Seite 9)
triumphierende Hitlerismus einen radikalen Rassenreinigungskampf unternehmen, und dieser neuen Rasse nur die moralischen und geistigen Kräfte zuteil werden lassen, die sie aus eigenem Blute schöpft. Das Mittelalter konnte solchen Illusionen nachgehen, die moderne Welt aber, mit der Zusammen[zu]gehörigkeit der Interessen der Völker und der Staaten, mit dem Geiste der Allgemeinheit, der durch den Fortschritt der Künste, der Wissenschaften und der Industrie geschaffen wurde, kann sich nicht solchen kindischen und zugleich tragischen Auffassungen hingeben.“
Im „New York Herald“ lesen wir in einem von Lippmann gezeichneten Artikel:
„Alle Kriege und alle Revolutionen sind grausam und voll Gewalttaten, aber systematisch und bewußt Grausamkeit zu üben, ist etwas ganz anderes, das kann weder zugestanden noch entschuldigt werden.“

In einer Erklärung an die ausländischen Journalisten fügt Göring hinzu, daß die westlichen Kulturvölker den Nationalsozialisten für die Rettung der westlichen Kultur dankbar sein müßten. „Le Matin“ fragt, was das alles mit den Juden zu tun habe, da letztere nicht wenig zur westlichen Kultur beigetragen haben.
Auch die englische öffentliche Meinung ist über die Art erstaunt, wie die Nationalsozialisten die westliche Kultur retten wollen. Wilfred Monod, Mitglied des ökumenischen Rates für praktischen Christianismus, schickte an den englischen Erzbischof von Canterbury folgendes Telegramm, dessen Inhalt u. a. ist: „Jesus sagte:
„Niemand wird sie mir entführen;“ heute sind in Deutschland getaufte Christen verfolgt, weil sie geborene Juden sind … wie die Aposteln. Sicherlich werden die deutschen Kirchenbehörden protestieren, aber die Christenheit dankt Euch für den feierlichen Warnungsschrei (bekanntlich hat der Erzbischof von Canterbury auf die heftigste Weise gegen die Verfolgungen in Deutschland protestiert), für die Verteidigung der Kirche.
„Indem die Deutschen die Juden verfolgen, die aus dem Judentum austraten, und sich zum Christentum bekehrten, zerreißen sie einfach das neue Testament und streichen aus der Geschichte die zwanzig Jahrhunderte der christlichen Aera.“
„Unsere westliche Zivilisation läuft Gefahr, sich in einem Chaos aufzulösen, um so das Spiel des Bösen zu werden.“
Hier ein Ausschnitt aus dem „Manchester Guardian“: „Großbritannien wird sich wie jeder andere Staat nicht durch Einschüchterungsversuche verleiten lassen, Methoden gegenüber gleichgültig zu sein, die einmal in der Türkei, aber nie im modernen Europa praktiziert wurden.“

Görings Rechtfertigungsversuche fruchtlos
Göring gibt zu, daß sich Exzesse ereignet haben, er zählt sogar einige auf, doch habe die Polizei nicht alles verhindern können. Hier könnte man aber bemerken, daß der Grund für Einsetzung eines Kommissars in den verschiedenen Ländern eben der war, daß die Polizei nicht ihre Pflicht erfüllte, obwohl sich derartige Ereignisse vorher nicht abspielten, und außerdem mußte die Zuerteilung der famosen „Hilfspolizei“ die Macht der Polizei auf alle Fälle verstärken. Und das alles erklärt uns nicht, wie Leute in Gegenwart von Polizisten und sogar auf den Polizeistuben belästigt werden konnten, so z. B. der amerikanische Schriftsteller Dahlenberg, der, während er mit einem Nazi zur nächsten Polizeistelle eskortiert wurde, auf dem Wege in Gegenwart des Polizisten vom Naziangreifer mißhandelt werden konnte.
Außerdem sind alle Exzesse nur dadurch möglich gewesen, so wird weiter von amtlicher Stelle behauptet, daß agents provocateurs sich als Nazileute verkleideten (Gibt Göring da nicht zu, daß man sich unter dem braunen Hut allerhand erlauben kann?).
Auf sich selbst zu sprechen kommend, behauptet der Minister, es sei nicht richtig, daß er nach Meldungen englischer Zeitungen in einem schwedischen Irrenhaus interniert gewesen sei; er sei, wie man sehe, sehr gesund und der beste Beweis sei, daß er täglich eine beträchtliche Arbeit leiste (Sonderbare Argumentation, besonders wenn man dieser „Arbeit“ ein wenig zusieht).

Deutschlands Mentalität im Lichte französischer Kritik
Eine Rede Streichers

Die französische Zeitung „Paris Soir“ hat augenblicklich zwei Schriftsteller, Jerome und Jean Tharaud, nach Deutschland geschickt, um da über die Lage der Juden eine Enquete zu machen. In einem langen Artikel beschreiben sie den Boykott der Juden in Deutschland. Hier einige interessante Bemerkungen über die Mentalität des Durchschnittsdeutschen: Nachdem Tharaud behauptete, daß der Durchschnittsdeutsche eine große Armut in politischer Hinsicht besitze, finden wir folgende Stelle:
„In diesem Lande, in dem der Gedanke noch so wenig und zu unsicher entwickelt ist, ist der Antisemitismus eine der raren konkreten Ideen, die der deutsche Kleinbürger hat. Sie ist einfach und leicht zu erfassen; sie entspricht seinen Instinkten, schmeichelt seinen Interessen, seinem lokalen Haß und Eifersüchteleien und fördert auch seine Eitelkeit. „Ich bin nicht Jude“, sagt er sich, und auf diese naive Art kommt er zu dem Urteil, daß er jemand sei.“
Seine Feindschaft Israel gegenüber gibt ihm die Illusion, beträchtliche politische und soziale Kenntnisse zu haben, die alles ersetzen, was ihm sonst fehlt.
Nach Tharaud ist jetzt die Epoche der Gewalttätigkeiten zu Ende, die notwendigerweise nur vorübergehend sein können, aber das, was er mehr befürchtet ist, daß man in Deutschland ein spezielles juridisches Statut für die Juden schaffen werde, das lange dauern kann.
„La France“ aus Bordeaux, das Blatt der Radikal-Sozialisten nimmt kein Blatt vor den Mund. „Mögen Hitler und seine Barbaren sehen“, heißt es in einem Leitartikel vom 3. April, „daß Deutschland jetzt auf dem besten Wege dazu ist, alle Sympathien zu verlieren, die es sich seit Kriegsende erworben hat. Das Werk einer vierzehnjährigen Rehabilitation, das es seinen sozialdemokratischen Staatsmännern zu verdanken hat, wird durch die abscheulichen Gewaltakte mit einem Strich vernichtet.“
Die Eindrücke, die das Hitlerregime im Auslande macht, müßten jedem vernünftig denkenden Deutschen zu denken geben. Der Abgeordnete der Labourpartei Wedgwood sagte vor Kurzem im englischen Parlamente: „Seit der Machtergreifung der Nazis ist das germanophile England ein francophiles geworden und unser Außenminister scheint darüber nicht große Zweifel zu hegen.“
Doch was für Köpfe augenblicklich in Deutschland am Ruder sind, das mag uns folgende Rede illustrieren, die einen Tag nach dem Boykott gegen die Juden im Reiche vom obersten Organisator des Boykottausschußes, Streicher, gehalten wurde. „Das angenehmste an der ganzen Angelegenheit ist, daß diese Aktion vom ganzen Volke in spontaner Entrüstung geführt wurde. Nach den Meldungen, die aus dem Auslande kommen, glaube ich, behaupten zu können, daß wir diesen Boykott nicht wieder aufzunehmen gezwungen sein werden. Aber selbst wenn diese erhabene Aktion heute schon aufhören sollte, so haben wir dennoch einen gewaltigen Erfolg zu verzeichnen; vor allem begreift nun das Judentum, über was für eine Macht wir verfügen, und weiters hat diese Kampagne, die uns die Juden selbst aufgezwungen haben, nicht nur die Aufmerksamkeit des deutschen Volkes, sondern die der ganzen Welt auf die jüdische Frage gelenkt, es handelt sich jetzt um eine Frage der ganzen Menschheit.“ (?!?)
Ich weiß nicht, wer bei solchen Worten sich eines Gefühles der Pietät und Bewunderung vor der Immensität und Größe dieser Idiotie und Naivität erwehren kann?

Juridische Betrachtung
Zum Schlusse einige juridische Betrachtungen der Lage in Deutschland. Der englische Außenminister John Simon sagte im Parlamente, daß kein Artikel des Völkerbundpaktes einem Staate das Recht gäbe, diese augenblickliche Lage in Deutschland als internationale Streitigkeit vor den Völkerbundsrat zu bringen. (Inzwischen hat Simon diese Ansicht geändert. D. Red.) Hie hat der englische Außenminister zweifellos recht, denn das, was jetzt in Deutschland vorgeht, ist nach Artikel XV, 8, eine Frage der „inneren Kompetenz“ eines Staates, eine „innere Angelegenheit“, wie Erklärungen der deutschen Politiker in den letzten Tagen lauten, und die das Ausland in keiner Weise angeht. Diese Erklärungen werden durch einige „spontane“ Erklärungen jüdischer (?!) Blätter unterstützt, wie das „Berliner Tageblatt“, die „Frankfurter Zeitung“ oder die „Vossische Zeitung“.
Die den Pariser Friedensverhandlungen um 1918/1919 folgten, werden sich zweifellos erinnern, daß die Verträge zum Schutze der Minderheiten zum allergrößten Teil den Pressionen des Präsidenten Wilson zu verdanken sind. Dieser wieder wurde von den Juden, die in den Vereinigten Staaten sehr einflußreich sind (man mag sich nur erinnern, daß vor dem Kriege anläßlich von Pogromen in Rußland der amerikanische Botschafter in St. Petersburg abberufen wurde) dazu veranlaßt, diese Verträge zu verlangen. Es ist nicht uninteressant, jetzt mitzuteilen, daß die Deutschen, als sie auf die diktierten Friedensbedingungen antworteten, sich bei den Amerikanern einzuschmeicheln versuchten, indem sie ihnen sagten: „Je mehr Gebiete Ihr uns wegnehmet und den Polen gebet, umso mehr erweitert Ihr das Feld für die Pogrome.“
Alles zu seiner Zeit!!
Wie wir die Nachkriegsgeschichte kennen, wissen wir, daß diese Verträge den Juden wenig genützt haben, sondern - und das mag paradox erschienen - den beiden Ländern, die augenblicklich die Zentren des Antisemitismus sind: Deutschland und Ungarn.

Europa wurde damals in zwei Klassen von Staaten geteilt: in Staaten, denen Exzesse gegen Bürger anderer „Religion, Muttersprache oder Rasse“ zuzutrauen waren, und die anderen Staaten, die über einen solchen Verdacht erhaben waren. Unter den ersten Staaten befanden sich die Staaten Zentral- und Osteuropas und unter den anderen die Großmächte und „westlichen Staaten“, darunter Deutschland; man könnte sich jetzt nur fragen, ob nicht infolge eines höheren Prinzips - sagen wir der Gleichberechtigung unter den Staaten - diese Verträge zum Schutze der Minderheiten auf gewisse andere Staaten, die dieselbe Maßregelung verdienten, ausgedehnt werden könnten, denn es ist schockierend mitanzusehen, daß Verfolgungen von Minderheiten in den einen Staaten als „internationale Differenzen“ qualifiziert werden, die anderen Staaten erlauben, ihre Nase in die Gestion dieser Staaten zu stecken und so manche nützliche Reform unter diesem Vorwande verhindern oder erschweren (Vgl. Optantenkonflikt, Agrarreform in Polen), während andere Staaten wiederum auf die zynischeste Weise ihre Minderheiten verfolgen können und man diese Angelegenheit als eine „innere Angelegenheit“ abtun kann.
Nach Erklärung der im Kriege unterlegenen Länder sind die Verträge zum Schutze der Minderheiten sehr unzulänglich, aber was diesen Staaten bis jetzt als Haupttrumpf diente, sozusagen diese Lücke ausfüllte, das war die Sympathie und moralische Unterstützung, die sie von allen Seiten erhielten, und besonders in den anglo-sächsischen Staaten, und nicht zuletzt bei einer großen Schicht der französischen Intellektuellen. Diesen moralischen Stützpunkt hat jetzt Deutschland nun verloren und sein Vertreter in Genf wird nun kaum verlangen können, daß sich die anderen Länder für seine Auslandsdeutschen im Namen der Menschlichkeit passionieren, wenn es auf die zynischeste Weise nicht einmal einer Minderheit, die kaum ein Prozent seiner Bevölkerung ausmachen, die primitiven Rechte gewähren will.
Man mag den Umschwung aus dem Umstand ersehen, daß das amerikanische Komitee für Minderheiten, dem viele amerikanische Intellektuelle und andere einflußreiche Personen angehören, und das bis jetzt immer für die deutschen Minderheiten eintrat und so Sympathien für diese bei dem Gros der amerikanischen Oeffentlichkeit warb, plötzlich gegen Deutschland Stellung zu nehmen sich gezwungen sieht.
Auf alle Fälle hat die jetzige deutsche Regierung ihren Minderheiten im Auslande einen verdammt schlechten Dienst erwiesen. Und auch die Reichsdeutschen, die im Auslande ihr Brot verdienen, sind dadurch sehr betroffen. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ riet der Hitlerregierung, sie möge die Lage der zwölf Millionen Deutschen, die im Auslande leben, berücksichtigen, doch am nächsten Tag bekam diese Zeitung vom „Völkischen Beobachter“ eine „Abfuhr“, und die Nationalsozialisten antworteten auf die Reaktionen im Auslande mit dem Boykott der Juden, um auf diese Weise die Ehre des deutschen Volkes wiederherzustellen und zu beweisen, daß in Deutschland augenblicklich nicht die Rede von einer Judenverfolgung sein kann.
Wir können nun zum Schlusse mit der englischen Zeitung „Evening Post“ ausrufen: „Gnade Gott Deutschland, das sich in solchen Händen befindet!“
Alphonse

(330416w8 + 330416w9)


Der Prozeß gegen die englischen Ingenieure [S. 9, rechts, Mitte]
Zum Moskauer Prozeß wird berichtet:
Die Anklageschrift, die 77 Seiten umfaßt, wurde vom Oberstaatsanwalt Professor Wyschinski bearbeitet und erhebt gegen die Engländer und zwölf mitangeklagten Russen den Vorwurf der Sabotage in einigen Elektrokraftwerken und gegen einige der Engländer auch den Vorwurf der Spionage. Den Vorsitz des Gerichtes führt das Mitglied des Obergerichtes Ullrich, der gleichfalls aus allen vorangegangenen großen Sabotage-Prozessen bekannt ist.
Den Angeklagten stehen eine Anzahl russischer Verteidiger zur Verfügung, außerdem ist ein englischer Jurist als Beobachter zugelassen worden, dem auch während der Voruntersuchung freier Verkehr mit den englischen Ingenieuren gestattet worden war. Das Gericht hat fünf Sachverständige geladen, außerdem sind zwei der Beisitzer gleichfalls technisch-wissenschaftliche Fachleute.
Die Verlesung der Anklage nahm mehrere Stunden in Anspruch. Des vom Gericht geladenen Dolmetschers brauchte sich nur einer der englischen Ingenieure zu bedienen, da die übrigen die russische Sprache beherrschen. Die russischen Angeklagten und der englische Ingenieur MacDonalds haben sich nach Anklageschrift als schuldig bekannt, während die übrigen englischen Angeklagten jegliche Schuld bestreiten.
Die Anklage fußt auf den umfangreichen Geständnissen der russischen Angeklagten und vor allem auf Bekundungen des bisher nicht aus der Haft entlassenen jungen englischen Montageingenieurs MacDonald, der 29 Jahre alt und seit 1930 in der Sowjetunion für Vickers tätig ist. Er und die Sekretärin Kutosowa, die seit 1927 im Vickersbüro arbeitet, belasten vor allem direkt den Leiter des Vickersbüros Monkhouse und seinen Stellvertreter Thornton. Sie sollen angeblich im Auftrag eines gewissen Richards, der 1918 bei der Archangelsk-Expedition der englischen Truppen für den Intelligence Service tätig war und zurzeit Exportdirektor der Metro-Vickers ist, eine Geheimorganisation zur Beschaffung politischer und militärischer Nachrichten sowie zur Ausführung von Sabotageakten in Kraftwerken aus den Kreisen der russischen Ingenieure mit Geldbestechungen geworben haben. Die Anklage lautet denn auch auf § 58, Ziffer, 6, 7, 9 und 11, das heißt: militärische Spionage, Sabotage, konterrevolutionäre Organisationsbildung zum Nutzen kapitalistischer Interessenten. Diese Paragraphen sehen je nach den Umständen langjährige Gefängnisstrafe oder Todesstrafe vor.
Ingenieur Monkhouse hat nach der Anklageschrift einen Fall von Bestechung gegenüber dem Leiter der Kontrollabteilung des Moskauer Staatsunternehmens „Elektroimport“, Dolgow, zugegeben. Thornton soll auch gestanden haben, daß er und Monkhouse von Richards Aufträge zur Sammlung politischer Nachrichten bekommen haben.

Die Sabotageakte sollen in Slatoust im Ural stattgefunden haben, wo schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts große Metallwerke für militärischen Bedarf entstanden, ferner in Tscheljabinsk jenseits des Ural, wo in den letzten Jahren ein Großkraftwerk zur Versorgung neuer elektrometallurgischer Fabriken, eines Traktorenwerkes und chemischer Betriebe errichtet wurden. Weitere Sabotage soll in Sujewka im Zentrum des südrussischen Industriegebiets und in Iwanowo, dem zentralrussischen Industriegebiet nordöstlich Moskaus, endlich im Moskauer Elektrowerk verübt worden sein. Für alle diese Kraftwerke hat Metro-Vickers Maschinen geliefert und montiert.
In der Anklageschrift wird hervorgehoben, daß Monkhouse bereits das zaristische Rußland kannte, und daß Thornton sogar der Sohn eines russischen Textilindustriellen sei.

(330416w9)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_Jan ... Wyschinski
http://de.wikipedia.org/wiki/Tscheljabinsk
• Allan Monkhouse hat auch ein Buch geschrieben ➞Moscow 1911-1933



Seite 11

Los vom Deutschtum [S. 11, links, Mitte]
Das hitlerische Schreckensregime, die barbarischen Mißhandlungen wehrloser Menschen und das Wüten der braunen Mordbanden in Deutschland haben die ganze Welt revoltiert und ein grelles Schlaglicht auf den derzeitigen Kulturstand Deutschlands geworfen.
Angesichts dieser ungeheuerlichen Zustände bricht sich auch bei der jüdischen Studentenschaft in Czernowitz der Gedanke Bahn, nicht mehr Fahnenträger und Schrittmacher einer ihr wesensfremden Kultur und Sprache zu sein.
Die jüdische Studentenschaft konnte ein Stück Weges mit der deutschen Kultur gehen, dort wo sie Geist von unserem Geiste war. Sie konnte einen Lessing, Herder, Schiller und Nietzsche verstehen und würdigen, aber sie kann beim besten Willen nicht die Bibel gegen Gelbkreuzgranaten und Chaluzim gegen S.-A.-Organisationen eintauschen. Die jüdische Studentenschaft will zu ihrer eigenen alten Kultur und Sprache zurückkehren. Unsere Studentenschaft hat andere Ziele als die Vorbereitung zum Massenmord. Unsere Jugend muß der Natur unter schwierigen Verhältnissen schrittweise Güter abringen. Sie hat ein konstruktives Programm, unser eigenes Heim zu bauen und nicht ein fremdes zu zerstören. Während wir auf Sandboden ein Tel Aviv bauten, schufen die anderen die Riesenfriedhöfe in Verdun.
In der heutigen Situation dämmert es auch den verstocktesten jüdischen Couleurstudenten, daß es so nicht weiter geht. Ein jüdischer Student in teutonischem Wichs ist ein Anachronismus, eine Operettenfigur. Der neue deutsche Ehrenkodex billigt den Mord am politischen Gegner, glorifiziert die Mißhandlungen Wehrloser und verherrlicht den ökonomischen Konkurrenzkampf in seiner niedrigsten Form durch brutale Verjagung des unbequemen Konkurrenten.

(330416c11)


Weg mit Kappe und Couleur! [S. 11, Mitte, oben, links]
Fort mit Stellungspartien und Mensuren!
Die jüdisch-asiatische Geisteswelt lehnt die deutsch-nordische Mentalität mit Verachtung ab!

(330416c11)


Zacharias Pulmann gestorben [S. 11, Mitte, oben, links]
Die Czernowitzer Kaufmannschaft hat einen schweren Verlust erlitten. Gestern um 4 Uhr morgens ist der langjährige Präsident des Czernowitzer Kommis- und Buchhaltervereins, Herr Zacharias Pulmann, nach langem Leiden im Alter von 68 Jahren verschieden. Herr Pulmann, der einer Reihe kaufmännischer Vereinigungen sowie der „Bnei-Brith“-Loge angehörte, hinterläßt zwei Söhne, von denen einer als Schauspieler in Basel, der andere als Leiter der Czernowitzer „Dermata-Filiale“ tätig ist. Das Leichenbegängnis wird Sonntag, um 11 Uhr vormittags, vom Trauerhaus, strada Hurmuzachi Nr. 1 aus, stattfinden.

(330416t11)


Lichtbildervortrag über Palästina [S. 11, Mitte]
Der Vizepräsident der Zion. Landesorganisation Dr. Leon Schmelzer, der an der Gesellschaftsreise der Zion. Org. in Palästina teilgenommen hat, wird am Sonntag, den 23. April 1933 um 8 Uhr abends in der Toynbeehalle einen Vortrag halten und an der Hand von Lichtbildern das Leben in Erez Israel, Entwicklung von Stadt und Land zeigen.

(330416c11)
Klaus Binder
 
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Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 328, Mittwoch, 19.04.33

Postby Klaus Binder on 19. April 2011, 00:52

Seite 1

Leitartikel [S. 1, oben, links]
MOTTO:
Wäre einer droben in Wolkenhöhen
und würde das Schauspiel mitansehen,
wie grausam und teuflisch wild
wütet Tier gegen Tier und Menschenbild,
Mensch gegen Tier und Menschenbild
mit Zahn, mit Gift und Stahl
mit ausgesonnener Folterqual,
sein Vaterherz würde es nicht ertragen
mit Dornenkeulen würde er dreinschlagen
mit tausend heiligen Donnerwettern
die Henkersknechte zerschmettern.

(G. T. Vischer: Glaubensbekenntnis).

Ostern in Not
von Mathias Roll

Nach einigen wundervollen Frühlingstagen, welche uns die Natur genau zum kalendarischen Frühlingsbeginn geschenkt hatte, trat bald ein Rückfall in den tiefsten Winter ein. Schneestürme und Schneefälle mit einer Heftigkeit und in einer Menge, wie man solche im schwersten Winter selten erlebt; wochenlang hielt die Wetterkatastrophe an, Verkehrsstörungen und Geschäftsstockungen traten ein und die große Not, welche wir seit mehr als drei Jahren durch die Weltwirtschaftskrise ertragen müssen, hat sich dadurch noch weiter verschärft. Es schien, als wenn ein ewiger Winter sich einrichten und die Kälte nicht mehr weichen, als wenn es nie wieder Frühling werden wollte. Sollte dieser Rückfall vom kaum begonnenen Frühling in den tiefsten Winter ein Symbol des Rückfalles von der Freiheit, in welcher die Menschen sich zu befinden glaubten, in die tiefste Reaktion bedeuten? Wetterwendisch, wie das Glück, des Einzelnen, so ist auch das Glück der Menschheit. Zur großen Not, welche die Weltwirtschaftskrise über die Menschen gebracht hat, gesellt sich die politische, die nationalistische, die konfessionelle Bedrängung. Zur materiellen Not durch Hunger, Armut und Elend, kommt die seelische Pein durch Verfolgung und Bedrückung und der Schmerz durch physische Mißhandlung hinzu.
Wie es in der Natur stürmt und tobt und wie die Wetterkatastrophe, die uns plötzlich heimgesucht hat, den Aufruhr der Naturkräfte zeigt, so stürmt und tobt es auch in den Seelen der Menschen, so zeigen uns die Ereignisse der letzten Zeit namentlich, die Katastrophe der Menschheit an. Aber genau so, wie wir nach dem Sinn und dem Zweck des Wetterrückfalles vergeblich forschen würden, so unverständlich erscheint uns auch der Rückfall der Menschheit von der Freiheit in die Finsternis, von der Zivilisation in die Barbarei. Widerspruchsvoll sind die Handlungen und das Treiben der Menschen. Wohl keine Zeit der menschlichen Entwicklungsgeschichte war so voller Widersprüche, wie die heutige. Der menschliche Geist feiert die höchsten Triumphe auf allen Gebieten des menschlichen Wissens und Könnens; nicht bloß in der Technik ist das Wunderbarste geleistet worden, sondern auch im rein geistigen Streben, in der schönen Literatur und in der Kunst. Aufopferungsvolle Menschen gibt es auch in dieser Zeit, wie in allen Zeiten der menschlichen Entwicklung, und doch Vernichtungskampf. Es ist so, als wenn alle Weltverbesserer und Menschenbeglücker, alle Propheten, Religionsstifter und Apostel, alle diejenigen, welche für Menschenrechte gekämpft haben, nutzlos ihr Leben geopfert hätten und als wenn das Blut der Millionen, die für Freiheit gekämpft und gestritten haben, nutzlos geflossen wäre. Warum, fragt man sich, haben alle die großen Menschen, welche ihr Leben für die Idee der Menschheit geopfert haben, nicht vermocht, die von Ihnen erstrebte und ersehnte Weltverbesserung tatsächlich durchzuführen. Weshalb der Rückfall?
Schon vor tausenden Jahren gab es Bedrückung, Unterjochung und Knechtung, aber auch Kämpfe für die Befreiung der Menschen. Seit Begründung des Privateigentums, der Arbeitsteilung und des Tauschverkehrs geht der Kampf zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk, und mit der steigenden ökonomischen Entwickelung vermehren und verdichten sich die Kämpfe, sie umfassen immer größere Ländergebiete und Völkergruppen, bis der Imperialismus den Weltkrieg über die Menschheit brachte, welcher die Ursache alles Unheiles der letzten 14 Jahre ist. Der Appell an die Menschlichkeit, an die edlen Gefühle der Menschen hat durch all die tausenden von Jahren, in welchen er erscholl, nichts gefruchtet. Der erste Brudermörder Kain hat Nachfolger hinterlassen, welche nicht aussterben; der Brudermord hat nicht aufgehört!
Die Ursache alles menschlichen Unglückes ist nicht in der Gefühlseinstellung der Menschen zueinander, sondern in der verfehlten sozialen und ökonomischen Ordnung zu suchen. Wäre dem nicht so, so wäre es ja ganz unerklärlich, warum es all den großen, edlen Menschen bisher nicht gelang, die Menschen zu bessern und sie zu bekehren. Jedes Geschehen hat seine ökonomische Ursache und alle Kämpfe und Kriege, alle Revolutionen und Aufruhrbewegungen sind wirtschaftlichen Motiven entsprungen. Weder die großen, edlen Religionsstifter noch die freidenkerischen liberalen Freiheitskämpfer und Weltverbesserer vermochten den dauernden sozialen Frieden zu begründen - sie konnten nicht die Zerfleischung innerhalb der eigenen Nationen geschweige denn die internationalen Kämpfe dauernd verhindern.
Es unterliegt deshalb keinem Zweifel, daß nicht von der Gefühlsseite aus, wenigstens nicht von dieser Seite allein, die Verbesserung der unerträglichen Verhältnisse herbeigeführt werden kann, sondern von der wirtschaftlichen. Gäbe es keine Arbeitslosigkeit, so gäbe es keine so heftigen Kämpfe innerhalb der eigenen Nationen, gäbe es keine Absperrungen der Staaten gegeneinander, herrschte völlige Verkehrsfreiheit unter den Völkern der Erde, so gäbe es keinen Imperialismus und keine Kriege!!
Wenn von einer vollständigen Reform der gegenwärtigen sozialen und wirtschaftlichen Ordnung abgesehen werden soll, so kann diese Ordnung noch aufrecht gehalten werden durch Freiheit des Verkehrs im Welthandel und durch internationale Produktionsregelung im Sinne der vollkommenen Beseitigung der Zersplitterung der Weltwirtschaft und Einrichtung und Erhaltung großer Produktionszentren. Nur die Höchstentfaltung der Produktion in qualitativer und quantitativer Hinsicht an den Stellen, wo die besten Voraussetzungen für die einzelnen Produktionszweige vorhanden sind, kann den Weltgüteraustausch dauernd erhalten, die Arbeitsgelegenheit sichern und den dauernden Frieden bringen. Jede künstliche Förderung der Produktion an ungeeigneten Stellen durch Zollerhöhungen, Absperrungsmaßnahmen aller Art, stört den Güteraustausch, richtet die Rentabilität zugrunde und schafft Feindschaft zwischen den Nationen.
Gäbe es keine Absperrung für unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse und könnten wir unsere sonstigen überschüssigen Bodenprodukte ausführen, so hätten wir keine Not und könnten auch mehr ausführen. Hätten wir unsere nationalen Industrien, also diejenigen, welche bodenständig und infolge des Vorhandenseins der nötigen Rohstoffe im Lande allein gepflegt und uns nicht in Neugründungen von Industrien eingelassen, welche wir nur durch künstlichen Zollschutz erhalten, so hätten wir nicht nur gute Abnehmer unserer überschüssigen Produkte gehabt, sondern auch die Industrieartikel billig einführen können. Wir hätten das Mißverhältnis vermeiden können zwischen den Preisen der Importwaren, deren Indexziffer heute ca. 42 ist und den Preisen unserer Exportwaren, deren Indexhöhe kaum 19 beträgt.
Würde die Wirtschaftspolitik eine bessere sein, gäbe es keine Autarkie, keine Boykott- und Antiboykottbewegung.
Wenn nun aber auch die ökonomischen Verhältnisse und Bedingungen die Ursache der menschlichen Handlungen und Bewegungen sind, so soll aber durch diese Feststellung nicht gesagt sein, daß die idealen Güter, die ideellen Bestrebungen vernachlässigt werden sollen. Die Höherhebung des Menschengeschlechtes durch Bildung und Wissen, durch Pflege des Guten und Schönen muß Hand in Hand gehen mit der ständigen Verbesserung der sozialen Einrichtungen und der ökonomischen Lage. Nur wenn dies geschieht, wird die Feindseligkeit unter den Menschen schwinden, wird Rassen- und Klassenhaß und der Vernichtungskampf mit Zahn, Gift und Stahl, mit ausgesonnener Folterqual aufhören.
In keiner Zeitperiode war der Zusammentritt einer Weltwirtschaftskonferenz so notwendig, wie in der gegenwärtigen, und von ihren Beschlüssen und der Durchführung derselben hängt das Schicksal der Welt ab. Die Schrumpfung des Welthandels, welche das Kennzeichen des dritten Krisenjahres war, soll beseitigt werden, der freie wirtschaftliche Verkehr unter den Völkern wiederhergestellt werden, wodurch auch das Fundament für den künftigen Weltfrieden gelegt werden wird.
Der Weltwirtschaftskonferenztagung muß die Fortsetzung der Abrüstungskonferenz folgen; aber auch Fragen, wie sie am Berliner Kongreß behandelt wurden, müssen wieder in einer gemeinsamen Konferenz der Völker geregelt werden und noch weitgehender als damals. Nicht nur Minoritätenbehandlung soll das Thema vor dem Völkerbund bilden, sondern Menschenbehandlung. Kein Staat darf die Verletzung seiner Selbständigkeit darin erblicken, weil sich alle Staaten einer solchen Besprechung und Regelung unterziehen müßten. Die Lage zur Verteidigung der Menschenrechte muß von allen dem Völkerbund angehörenden Völkern als eine offizielle Völkerbundinstitution ausgestaltet werden, der das Recht einzuräumen ist, zu Gericht zu sitzen über Verletzung der Menschenrechte und Menschenwürde.
Das Fest der Auferstehung, das Symbol der Befreiung der Menschheit und des Wiedererwachens der Natur wird in diesem Jahre wieder von allen Nationen und Konfessionen dieses Landes gemeinsam gefeiert, möge dieser kalendarische Zufall zum Symbol der tatsächlichen brüderlichen Vereinigung aller Volksstämme unseres Landes, aber auch der ganzen Welt gelten und werden.

(330419w1)


Sadoveanu verurteilt Hitler [S. 1, oben, rechts]
und die Judenverfolgungen in Deutschland

Bukarest, 17. April (Tel. des „Tag“). Der bekannte preisgekrönte Schriftsteller Sadoveanu äußerte sich Journalisten gegenüber u. a. auch über die Judenfrage.
„Zum Unterschied von anderen Staaten sind die Juden Rumäniens arme und vom Schicksal schlecht bedachte Bürger. Anders in Deutschland, diesem Deutschland, welches heute auf der Tagesordnung steht. Dort sind die Juden gut situiert, da sie eher Gelegenheit hatten, ihre Tätigkeit zu entfalten. Ueberall hat das jüdische Volk durch tausende Jahre zur weltwirtschaftlichen Situation beigetragen, weil es eine Neigung zum Handel hat. Sombart sagt, daß der Jude überall zirkulieren muß wie die Währung. Es ist schwer, zu behaupten, daß, wenn die Juden vom Handel eliminiert werden sollen, sich andere Kaders bilden werden, um mit der gleichen Routine den Platz der Juden einzunehmen. Und schließlich: wozu die Verfolgungen und Vertreibungen, wenn die Juden nützlich und friedlich ihre Tätigkeit ausüben? Daher glaube ich, daß der Hitlerismus in Deutschland ein gewaltiger Fehler ist. Ich habe die Ueberzeugung, daß die Deutschen, die ein Volk mit großen Qualitäten sind, sich bald eines Besseren besinnen werden.

(330419r1)
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http://en.wikipedia.org/wiki/Mihail_Sadoveanu


Seite 2

Die Stadt soll schöner werden [S. 2, oben, links]
Revisionskomitee setzt sich über Anordnungen des Bauamtes hinweg

Freitag fand im Sitzungssaale des Stadtmagistrats eine Sitzung des Verschönerungsvereines statt, bei welcher eine Reihe überaus interessanter Fragen besprochen wurde.
Den Vorsitz führte Bürgermeister Dr. Saveanu. Anwesend waren die Herren: Tribunalpräsident Dr. Burstyn, Dr. Großdorfer, Dr. Streit, Ing. Hildebrand, Architekt Wieselberg, Dr. Bodea, Schiller, Dr. Braileanu, Prof. Dr. Gusuleac, Dr. Baltinester, Dr. Luttinger, Adv. Einhorn, Insp. Burcuteanu, Della Scala, usw. Als Gast wohnte Herr Vizebürgermeister Baranai in seiner Eigenschaft als Referent des Bauamtes der Sitzung bei.
Bürgermeister Dr. Saveanu wies darauf hin, daß eine der wichtigsten Forderungen des Verschönerungsvereines, die Schaffung einer aus Fachleuten zusammengesetzten Kommission, welche die Baubewilligungen zu überprüfen hat, erfüllt worden sei. Vor einigen Tagen sei diese Kommission zum ersten Male zusammengetreten. Sie setzt sich zusammen aus je einem Delegierten der Ingenieurvereinigung, des Architektengremiums, des Verschönerungsvereines und des Bauamtes. Es sei zu hoffen, daß Bauexzesse in Hinkunft vermieden werden.
Vizebürgermeister Baranai erklärte, Hand in Hand mit dem Verschönerungsverein arbeiten zu wollen und versprach, seinen Wünschen voll und ganz Rechnung zu tragen. Der Verein möge aber nicht in seinen Ansichten allzu konservativ sein. Man müsse sich den modernen urbanistischen Prinzipien anpassen.
Als von Anwesenden darauf hingewiesen wurde, daß im Herzen der Stadt, neben dem Tempel, wo in nächster Zeit ein modernes mehrstöckiges Haus errichtet werden soll, das Bauamt die Bewilligung zur Errichtung eines Parterrehäuschens erteilt habe, wodurch der Aspekt des Stadtbildes für Jahrzehnte ungünstig beeinflußt werde, erklärte Vizebürgermeister Baranai, von einer solchen Baubewilligung keine Kenntnis zu haben. Er werde sofort die strengsten Maßnahmen, gegebenenfalls die Niederreißung des Gebäudes verfügen. Diese Erklärung wurde mit lebhaften Ovationen entgegengenommen.
Ein Sturm der Entrüstung erhob sich, als bekannt gemacht wurde, daß das lokale Revisionskomitee einem Bauherrn in der Uhrmachergasse, dessen Bau fast auf die Straße ragte, ohne sich um die vom Bauamte vorgeschriebene Einhaltung der Baulinie zu kümmern, dennoch die Baubewilligung erteilte. Aehnlich entschied das Revisionskomitee in einem anderen Falle in der Merangasse. Es sei fraglich, ob das Revisionsgericht für Fragen dieser Natur kompetent sei. Es wurde beschlossen, Protesttelegramme an das Innenministerium zu senden.

Jede Verfügung des Bauamtes werde einfach annulliert
Ferner wurden folgende Beschlüsse gefaßt: an den Divisionskommandanten soll eine Zuschrift gerichtet werden mit der Bitte, das in der letzten Zeit beobachtete Exerzieren der Truppen im Volksgarten zu verbieten; für die Bepflanzung der neuen Allee im Volksgarten mit Edelbäumen wurde der Betrag von 3000 Lei approbiert; auf der Dominikhöhe sollen die jede Aussicht auf das Pruthtal verstellenden Bäume vor den Rondeaus entfernt werden; ein Regulament, welches die Regelung der Ablagerung von Baumaterialien vor den im Bau begriffenen Gebäuden regeln soll, wurde dem Bauamte vorgelegt. Eine ganze Reihe kleinerer Fragen wurde noch erörtert und schließlich der Beschluß gefaßt, die Generalversammlung im Monate Mai abzuhalten.

Polizeiquästor Amarescu
Der neue Polizeiquästor ist wohl ein Freund und Anhänger von Journalisten, er verhält sich aber zu Interviews ablehnend. „Ich war“, sagte er, „drei Jahre in gleicher Eigenschaft in Galati tätig und zuletzt in der Generalsiguranta in Bukarest in der Abteilung für Fremden- und Grenzkontrolle, woselbst ich immer großen Wert auf eine Mitarbeit zwischen Polizei und Journalismus gelegt habe. Nie habe ich es aber geliebt, Interviews oder Erklärungen abzugeben. Ich bin ein Mann der Tat und nicht der vielen Worte. Mit dieser Intention bin ich auch nach Czernowitz als Nachfolger des so früh aus dem Leben geschiedenen Quästors Gussi gekommen.“
Der erste Eindruck vom neuen Mann ist ausgezeichnet. Man plaudert angeregt über aktuelle Fragen, über Recht und Gerechtigkeit im Dienste der Polizei und da kann man vernehmen, daß der Polizeiquästor Amarescu ein Feind des Prügelsystems ist, was aus seiner Art über die Auffassung der Polizei als Kulturfaktor entspricht. Man erfährt auch, daß der Quästor zum sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Radaceanu freundschaftliche Beziehungen unterhält und mit ihm in der Kammer oft über soziale Fragen diskutiert hat. Man erfährt noch vieles, aber, wie gesagt, - es handelt sich doch nicht um ein Interview ...
„Ich lege Wert“, sagte zum Schluß der Quästor „auf eine innige Mitarbeit mit der lokalen Presse“.

(330419c2)


Aus der Gesellschaft [S. 2, oben, rechts]
Donnerstag, den 20. ds. 12 Uhr mittags, findet in der Seminarkirche in der Residenz die Trauung des Frl. Viorica Georgescu, Tochter des Kommandanten des Cercul de Recrutare, des Oberst Georgescu, mit Herrn Oberleutnant Radu Stefanescu, Adjutanten des 11. Rosioriregimentes, statt.

(330419i2)


Das Leichenbegängnis Zacharias Pulmanns [S. 2, Mitte, rechts]
Sonntag vormittags fand unter überaus großer Beteiligung das Leichenbegängnis des am Freitag verstorbenen Präsidenten des Kommis- und Buchhaltervereins, Herrn Zacharias Pulmann, statt. Eine unzählige Menschenmenge hatte sich eingefunden, um dem allseits geachteten und beliebten Mann das letzte Geleite zu geben. Unter den Anwesenden befanden sich u. a. Oberlandesgerichtspräsident von Tusinschi, Vizebürgermeister Klüger, Deputierter Dr. Maier Ebner, die gesamte Kaufmannschaft der Stadt, Vertreter des Aerzte- und Advokatenstandes, ec. Im Saale des Kommis- und Buchhaltervereins hielt der Vizepräsident der Handelskammer, Dr. Jaques Schnee, dem Verstorbenen einen ergreifenden Nachruf, in welchem er auf die segensreiche und aufopfernde Tätigkeit des Verstorbenen hinwies, dem das Wohl der Kaufmannschaft mehr als sein eigenes am Herzen gelegen war. In der Leichenhalle des israelitischen Friedhofs sprachen Rabbiner Dr. Mark, der die persönlichen Vorzüge des Toten rühmte, ferner Ing. Zwilling im Namen der Kultusgemeinde und Dr. Jakob Landau im Namen der Loge B’nei-Brith, der Herr Pulmann Jahrzehnte lang als Mitglied angehört hatte.

(330419t2)


Seite 4

Thälmann in ein Konzentrationslager [S. 4, Mitte, unten, rechts]
Berlin, 17. April. Unter den annähernd 300 politischen Häftlingen, die in dem früheren Sonnenburger Zuchthaus untergebracht sind, befindet sich eine Reihe prominenter Marxisten, wie z. B. Rechtsanwalt Dr. Apfel, die Schriftsteller von Osietzki [von Ossietzky] und Mühsam, sowie der anarchistische Rechtsanwalt Dr. Lippen. Zu diesen wird sich schon in den nächsten Tagen der KPD-Führer Thälmann gesellen.

(330419w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 329, Donnerstag, 20.04.33

Postby Klaus Binder on 20. April 2011, 00:47

Seite 1

Schreckenstag in Czernowitz [S. 1, oben, links]
Hakenkreuz mobilisiert den Mob

Die Hakenkreuzorganisation hatte für den Osterdienstag ein großzügiges Repertoire festgelegt. Es wurde abgewickelt, wie es sich die Drahtzieher vorstellten, es endete am späten Abend mit der militärischen Besetzung des Zentrums der Stadt und der Nebenstraßen, mit blutigen Köpfen, Verhaftungen, mit Konferenzen, die bis in die späten Nachstunden dauerten.

*
Endlich haben die Behörden die Situation erfaßt. Es war zu spät, als die Gendarmerie und Militär im Sturmschritt die Hakenkreuzoffensive zum Stehen brachte, aber noch nicht zu spät, - und erst, wenn jetzt reiner Tisch gemacht wird, das Uniformtragen verboten, die Pressehetze eingestellt, das Kokettieren mit Hitler nicht zum Dogma einer aktiven Antisemitenpolitik bei uns gemacht wird, wenn die Schlupfwinkel ausgeräuchert, die bekannten Herren, welche diese Agitation leiten, verhaftet sind, u. vor allem das Intrigenspiel gewisser leitender Beamten endlich mal gebrochen sein wird, dann erst wird die Bevölkerung aufatmen können und die Stadt von einem Albdruck befreit sein. Aber nicht nur die Stadt, sondern auch der Staat, denn nach den alten Erfahrungen beginnt es bei der Judenhetze und endet anderswo, wo man es nicht gerne haben will. Es stehen gerade in den wichtigen außenpolitischen Fragen, in Fragen, die das Lebensinteresse Rumäniens berühren, Dinge auf dem Spiele, die man durch Hakenkreuzexzesse zum Schaden des Staates nur stören kann. Das Berliner Exempel läßt sich von Rumänien nicht kopieren. Die Persönlichkeiten, die die Autorität in Händen haben, müssen den Mut aufbringen, das Hakenkreuz-Gewächs im Keime zu ersticken. Noch ist es Zeit!!

*
Seit Tagen geht die Mär, daß in Czernowitz nach Berliner Muster S.-A.-Formationen gebildet werden.
Die Leute erzählten, daß in den Vorstädten Hitleruniformen gesehen wurden, einer sagte, er habe ganze Züge auf dem Exerzierfelde beobachtet. In die Stadt trauten sich diese Bukowinaer S.-A.-Männer nicht. Man war deshalb auch auf die Gerüchte angewiesen, schließlich tauchten die S. A. im Weichbild der Stadt auf. Im früheren Pavillontheater in der Russischengasse war das Lager aufgeschlagen worden. Aus der Mär wurde nunmehr Wirklichkeit. Der Belagerungszustand verbietet das Tragen von Abzeichen und Uniformen. Hier haben die Behörden ein Auge zugedrückt, zumindest haben sie die Formationsbildung der heimlichen Nazis toleriert.
Erst am Sonntag sind auf einer Wachstube Anzeigen erstattet worden, daß sich die Zahl der S.-A-Männer mehre, man sehe sie in der Nähe der Nazi-Kaserne herumbummeln, dann wurde erklärt, daß sie sich für einen Ueberfall vorbereiten. Die Polizei zuckte mit den Achseln, was so viel heißen soll: Wir können nichts machen!

*
Aber es war nichts geschehen, was das Publikum erregt hätte. Schließlich, wenn die Herren das Uniformspielen fortsetzen wollen, dann sollen sie es tun … wenn sie nur der Bevölkerung aus dem Wege gehen. Aber diese Ansicht war falsch, die Hoffnung getäuscht. Man darf eben in Zeiten der Unruhe sich nicht auf Wunder verlassen …

*

Auftakt zum Sturmangriff
Dienstag 1 Uhr mittags. Eine Promenade, wie sie nur an einem schönen Feiertage möglich ist. Man würde an dieser Promenade kaum die Krise merken. Plötzlich, an der Ecke Herrengasse-Ringplatz, ein Zusammenlauf. Ein junger Mann tritt auf den Studenten Polesiuk zu und stellte ihn in deutscher Sprache zur Rede: „Warum stören Sie den Verlauf des „Scharfschützen?“ Polesiuk bekommt gleich darauf mit einem Knüttel einen Hieb über den Kopf. Er wehrt sich und sucht die Ecke der Banca Comerciala zu gewinnen. Dort erwartet ihn der bekannte Costache mit paar Leuten. Polesiuk wird niedergehaut, mit Füßen getreten und brutal behandelt. Die Zuschauer sind verblüfft, merkwürdigerweise regt sich kein Widerstand, sie haben zugesehen, - wie Polesiuk geprügelt wurde und hatten nicht Hilfe geleistet.
Nur einer stürzt aus der Menge und will den Angriff auf Polesiuk abwehren. Aber diese zehn jungen Burschen, Nazimänner, alle deutsch-sprechend, rennen dem Kollegen Polesiuks, Picker, nach. Picker flüchtet in den Bäckerladen Bruckenthal, die Nazis ihm nach und schlagen wie wild um sich. Der Sohn Bruckenthals bekommt Hiebe, die beiden Verkäuferinnen werden geschlagen … und die Menge des Osterdienstag sieht - - nochmals sei das Wort merkwürdig betont - tatenlos zu. Auch ein Wachmann hat für diese Szene nur den Ausdruck des Bedauerns. „Ich kann doch nichts gegen so viele ausrichten!“ Damit ist das Nazispiel um die Mittagsstunde zu Ende. Nein, noch nicht zu Ende, denn die Nazis laufen noch die Herrengasse hinauf, ein Straßenphotograph will die Gruppe im Bilde festhalten, sie verprügeln den Photographen und unter den Rufen „Heil Hitler, hoch Cuza, Nieder mit den Juden“ jagen sie dann die Herrengasse hinauf.
Das Ereignis war besprochen. Dieser Vorfall hat Empörung hervorgerufen, er zählt zu den regelmäßig wiederkehrenden, und man hätte ihn bald vergessen. Aber kurz darauf - es war um die vierte Nachmittagsstunde - werden ähnliche Exzesse gemeldet. Zunächst diese „Episode“:
Nachmittags gegen halb 4 Uhr überfielen in der Gymnasialgasse (str. Aron Pumnul) sechs cuzistische Burschen einen jungen jüd. Beamten, der ihnen zufällig begegnete. Einer von ihnen versetzte ihm mit einem harten Gegenstand einen Schlag gegen die Nase; als der junge Mann sich zur Wehr setzen wollte, stürzten sie mit gezückten Taschenmessern auf ihn los und brachten ihm Verletzungen am Handrücken bei. Während der Beamte die Flucht ergriff, setzten die Cuzisten seelenruhig ihren Weg zum Nationaltheater fort. Die Polizei hat nicht eingegriffen.
Dann gab es kleine Plänkeleien in der Tempelgasse und in der Russischengasse. Niemand hätte geahnt, daß diese Szenen das Vorspiel zum großen Ereignis sein werden, das um 7 Uhr abends seinen Anfang nahm und durch zwei Stunden die Stadt in Panik versetzte.

(330420c1)


Litauisch-deutsche Allianz? [S. 1, unten, Mitte]
Warschau, 18. April (Tel. des „Tag“). Die polnische Presse bringt aus Kowno die sensationelle Nachricht, Litauen wurde eingeladen, an der kleinen Entente des Nordens mitzuarbeiten. Dieser Einladung ist jedoch Litauen nicht gefolgt und hat inoffizielle Verhandlungen mit Deutschland wegen einer wirtschaftlichen, militärischen und politische Allianz geführt, die ein günstiges Resultat gezeitigt haben. Deutschland hat Litauen nicht nur wirtschaftliche Unterstützung zugesagt, sondern auch dazu verholfen, daß es Wilna von den Polen wieder errobert. Diese Allianz ist offen gegen Polen gerichtet.


Sturmangriff des Mob [S. 1 oben, rechts]
Militär naht im Eilmarsch

Für 7 Uhr abends war der Generalangriff des von den Hakenkreuzlern mobilisierten Mobs gegen das Zentrum der Stadt angesetzt. Auf ein offenbar gegebenes Zeichen stürmten ungefähr 400 Menschen, fast durchwegs Vorstädtler, darunter polizeibekannte Individuen, mit Holzstücken und Steinen, wie sich später herausstellte, mit Messern, Dolchen und Revolvern bewaffnet, von der Russischengasse, demnach von der Sammelstelle des Pavillontheaters die Russischegasse zum Ringplatz hinauf und von da, sich in Grupps [Trupps] teilend, in die Herrengasse gegen die Piata Alexandri, durch die Schillergasse in die Altgasse, die andere Gruppe durch die Tempelgasse gleichfalls auf die Piata Alexandri in die Rothkirchgasse, um sich wieder in der Universitätsgasse zu vereinigen. Eine weitere Gruppe hatte sich von der Hauptgruppe an der Ecke Hauptstraße losgelöst und zog diese Straße hinunter. Die späteren Erhebungen ergaben, daß dieser Generalüberfall nach einem bestimmten Plan vor sich gegangen ist.
Ziel- und wahllos attackierten sie die Passanten, hieben mit ihren Raub- und Mordinstrumenten auf die Leute ein, die fluchtartig das Weite suchten. Die großen Schaufenster der Straßen, die sie durchzogen, wurden eingeschlagen. Aus vielen Auslagefenstern sind die Sachen geplündert worden. Sie drangen in die Geschäftslokale und bedrohten die Geschäftsinhaber. In der Rothkirchgasse zwangen sie einen Greisler, die Barlosung herauszugeben. Von größeren Unternehmungen wurden durch diese Exzesse betroffen: die „Scala“, Schächter, ec. Die Scheiben in den Häusern der Schillergasse, Armeniergasse, Rothkirchgasse sind durch Steinwürfe zertrümmert worden. Der Student Georghian, ein Bruder des Advokaten Georghian, wurde durch Messerstiche schwer verletzt. Bisher sind verletzte Personen festgestellt worden, darunter zwei Damen der rumänischen Gesellschaft.
In der Nähe des polnischen Hauses traten den Demonstranten der Kommandant der Gendarmerie und der Quästor Amarescu entgegen. Die beiden Herren versuchten, die Menge zur Stillegung ihrer weiteren Exzeßabsichten zu erhalten. Schon in jenem Momente war das Militär von den Exzessen informiert, und es war um Entsendung von Gendarmerie und Militär angesucht worden. Die Verhandlungen zogen sich aber in die Länge.
Inzwischen zogen die Demonstranten weiter.
Die Russischegasse wurde ihr schlimmstes Opfer. Dort hatten sich die dunklen Elemente der Vorstadt, umgeben von uniformierten Nazimännern, gesammelt, und von hier machten sie noch unausgesetzt Ausflüge in die nächstgelegenen Straßen. Es war auffallend, daß die Polizei noch immer nicht in genügender Stärke zur Stelle war. Die Fiaker jagten mit flüchtenden Menschen nach Hause. Das Auto der Rettungsgesellschaft kam zum Kommissariat am Ringplatz und fuhr bald ab, man wußte nicht, was los ist, konkretes Material war nicht zur Hand, der Mob spekulierte, weil sich Abwehr nicht einstellte, auf andere Taten.
Die Erregung war bereits auf höchste gesteigert, wie immer in solchen Fällen standen die neugierigen um den Mob herum. Es gab kleinere Zwischenfälle. Auf dem Theaterplatz hauste der Mob barbarisch, indem er alle Obststände umwarf und das Obst vernichtete. Die Rolläden wurden heruntergelassen - eine Elementarkatastrophe, nein, der Exzeß einer durch Hetzreden und Geldversprechungen, besser noch durch freigestellte Plünderungen aufgehetzten Masse aus den unteren Gründen …
Endlich um neun Uhr abends, als gerade der Mob sich zum letzten Angriff entschloß und von der Russischengasse den Ringplatz hinauf stürmen wollte, kam gerade zur rechten Zeit das Militär im dröhnenden Sturmschritt und mit aufgepflanztem Bajonett.
Es war ein Schauspiel, wie man die Bilder nur aus Revolutionstagen kennt. Die Autorität des Militärs tat ihre Schuldigkeit. Der Mob entfloh in die Nebengassen. Das Militär riegelte alle Straßen ab. Der Ringplatz hat das Bild einer militärischen Besetzung. Mit einem Male waren Plätze und Straßen menschenleer geworden, bis auf die Soldaten und die Offiziere, die ihren schweren Dienst versahen. Zwei Stunden, nachdem die Sicherheit gegeben war, wurde der Verkehr wieder freigemacht.

Verhaftungen - Geschäftsstörung - Konferenzen
Panik auf dem Höhepunkt

Die Polizei hat 46 Verhaftungen vorgenommen. Sie glaubt, daß sie den Stoßtrupp, der für heute angesetzt war, gefaßt habe. Die ersten Erhebungen zeigen noch nicht das vollständige Bild. Es ergibt sich nur mit aller Wahrscheinlichkeit, daß die rumänischen Studenten an den heutigen Exzessen nicht beteiligt sind. Nur Herr Costache wurde abends gesehen und von der Polizei gefaßt. Der Statist des Nationaltheaters, Ionescu, soll ebenfalls in den ersten Reihen gestanden sein.
Wer also die Inspiratoren des heutigen Tages waren, ist noch nicht festgestellt worden. Daß in der Menge hauptsächlich deutsch- und ukrainischsprechende Individuen waren, ist, mit aller Bestimmtheit festgestellt worden. Die Hauptsache ist, die Urheber der Exzesse ausfindig zu machen, und das kann nur in der Weise erfolgen, daß das Nest im Pavillontheater ausgehoben wird. Nach dieser Richtung gehen die Bestrebungen maßgebender amtlicher Stellen.
Die Absicht der Exzedenten ist aber für alle Fälle erreicht worden. Das Publikum wurde eingeschüchtert, das Geschäftsleben ist gestört worden. Kinos und Lokale blieben abends leer, der Schaden ist sehr groß. Man muß mit Dank feststellen, daß die durchgreifende Aktion des Militärs am Abend Ruhe in die Bevölkerung gebracht hat. Bis in die späten Nachstunden dauerten die Konferenzen zwischen Division, dem Bezirkspräfekten und der Polizei fort.

Ein Schreckenstag liegt hinter Czernowitz, den man nicht nochmals erleben möchte. Die gereizten Nerven der Einwohner dieser Stadt, die sich trotz aller Exzesse mustergültig verhielten, können einen solchen Tag ebensowenig ertragen, wie die an und für sich geschwächte wirtschaftliche Situation.

(330420c1)


Seite 2

Drei Selbstmorde in einer Nacht [S. 2, links, oben]
Montag abends beging die 25-jährige Eisenbahnergattin Maria Uhrich Selbstmord, indem sie sich in ihrer Wohnung, strada Veniamin Costache 49, aus einem Revolver zwei Kugeln in die rechte Schläfe jagte. Die Lebensüberdrüssige soll durch Familienzwistigkeiten zu ihrer unglückseligen Tag getrieben worden sein.
Montag, um halb 2 Uhr nachts, beging der 19-jährige Ilie Douhey in der Wohnung seiner Eltern, die als Hausbesorger im Hause, strada Sft. Treimi 39 beschäftigt sind, Selbstmord durch Erschießen. Der jugendliche Selbstmörder war ein polizeibekanntes Individuum, das in viele Einbruchs- und Diebstahlsaffären verwickelt war. In der letzten Zeit hatte Douhey Neigung zu einem Mädchen gefaßt und schien auf dem besten Wege, einen neuen Lebenswandel zu beginnen. Als sich nun seine Geliebte einem anderen zuwandte, nahm er es sich so zu Herzen, daß er sich in einem Anfall seelischer Depression eine Kugel ins Herz feuerte.
Montag, um 12 Uhr nachts, wurde die Rettungsgesellschaft von der plötzlichen Erkrankung des Chauffeurs Michael Fischer, strada Stefan cel Mare 83, verständigt. Ehe der Arzt der Rettungsgesellschaft ankam, wurde Fischer vom Tode ereilt. Das völlig unerwartete Ableben des Chauffeurs läßt auf einen Selbstmord schließen. Die bisher vorgenommenen Erhebungen waren erfolglos.

(330420t2)


Aus der Gesellschaft [S. 2, links, Mitte]
In Brünn fand am Freitag, den 14. d. M. die Trauung unseres Landmannes, Herrn Ing. Siegfried Reich, des Sohnes des hierortigen Geschäftsinhabers „Zur Französin“, mit Frl. Emma Engelsmann statt.

(330420i2)


Gewerbetreibende! [S. 2, links, Mitte]
Donnerstag, den 20. April l. J. um 7 Uhr abends, findet im Bauhandwerkersaale eine Wählerversammlung der Vereinigten gewerblichen Organisationen der Bukowina statt . Es sprechen: die Kandidaten Max Weißmann, Karl Moskaliuk, Elias Grill, Oscar Bendit, Stefan Caileanu, Anton Zawada und andere. Gewerbetreibende, erscheinet in Massen! Die Kandidaten der Vereinigten Gewerbetreibenden in der Bukowina für die Arbeiterkammerwahlen in Czernowitz sind: Max Weißmann, Buchdruckereibesitzer, Karl Moskaliuk, Steinmetzmeister, Elias Grill, Klempfnermeister, Benno Schäfer, Baumeister, Stefan Caileanu, Schneidermeister, Czernowitz; Karl Kurzweil, Schlossermeister, Radautz; Carl Haffner, Tapezierermeister, Campulung; Julius Zahn, Tischlermeister, Storozynetz; Alexander Lungu, Schneidermeister, Suceava; Adolf Rudich, Mechaniker, Samuel Hechler, Fleischhauermeister, Hiroteus Cvioc, Kaminfegermeister, Oscar Bendit, Schneidermeister, Karl Bergelsohn, Czernowitz.

(330420r2)


Seite 4

Kommt Hitler nach Wien? [S. 4, oben, links]
(Von unserem Wiener Korrespondenten)

Kommt er zu uns? Das ist die Frage, die alle Gemüter in Oesterreich bewegt, das Leitmotiv, daß, wenn auch unausgesprochen, aus allen politischen Betrachtungen herausklingt. Das muß eigentlich überraschen. Denn der Nationalsozialismus - selbstverständlich ist von ihm die Rede - ist ein völlig fremdes Gewächs auf österreichischem Boden, er ist das unösterreichischeste, was sich irgendwie denken läßt. Unösterreichisch ist seine starre Dogmatik, davon abgesehen, daß das Dogma vom reinen Ariertum hier im Donaubecken, wo sich seit zwei Jahrtausenden die Rassen gemischt haben, ein blanker Unsinn ist. Wie unsinnig, lehrt auch der Anblick so vieler unserer Nationalsozialisten, die mit ihren schwarzen Augen, den schwarzen straffen Haaren und den tschechischen Familiennamen so wenig vom Siegfriedideal aufweisen. Unösterreichisch ist die polternde, dreiste, herausfordernde Art des Auftretens, die im schroffsten Widerspruch zu der weichen, umgänglichen Art des Oesterreichers steht. Unösterreichisch, nur von der anderen Seite her, ist der Nationalsozialismus, der sogar in einem leidenschaftlichen literarischen Feldzug das Vorhandensein eines „österreichischen Menschen“ bestritten hat. Ganz und gar unösterreichisch ist besonders die Art, wie sich die hiesige Filiale des Nationalsozialismus gibt. Ein Beispiel: Der Oesterreicher ist voll Musik, und wenn der einzelne vielleicht antisemitischen Regungen zugänglich ist, wird er doch niemals begreifen und muß er von tiefstem Widerwillen erfüllt sein, wenn die hakenkreuzlerische Hetzpresse anläßlich der Aufführung von Meisterwerken Felix Mendelssohns oder Gustav Mahlers eine Hepp-Hepp-Kampagne von unglaublicher Rohheit und Niedrigkeit entfaltet.
Wie konnte es nun doch geschehen, daß die Gefahr einer Ueberflutung durch den Nationalsozialismus ernst genommen wird? Die Hauptursache ist in dem Verfall unseres öffentlichen Lebens zu erblicken. Für viele, sehr viele der Menschen, die sich zur Politik drängen, handelt es sich weniger um die Betätigung von Ueberzeugungen, als um die Ergatterung persönlicher Vorteile. Man hat in diesem Sinne von der „Pöstchen“-Demokratie gesprochen, die Parteizugehörigkeit ist für viele einfach die Firma, unter der sie ihre Geschäfte besorgen. Damit ist eine Lage geschaffen, in der die Konjunktur eine große Rolle spielt. Man hat nach dem Umsturz es erlebt, wie über Nacht Tausende von „Novembersozialisten“ aus dem Boden schossen, man hat es später erlebt, wie geeichte Deutschnationale plötzlich biedere Christlichsoziale wurden, man erlebt jetzt, nach den Hitlersiegen in Deutschland, wie ganze Kolonnen von den bürgerlichen Parteien, sogar auch marxistische Parteigänger auf einmal ihr hakenkreuzlerisches Herz entdecken. War seinerzeit die Hochblüte der Sozialdemokratischen Partei dadurch gefordert worden, daß Tausende dort ein warmes Nestchen als Parteisekretäre, Kassenfunktionäre, Wanderlehrer, Parteiredakteure zu finden hofften und wirklich fanden, so wenden sich jetzt viele dem im Norden aufgehenden Gestirn zu, in der Hoffnung, bei der neuen Firma irgendeine Stellung zu finden. Zu all den niederdrückenden Erfahrungen, die das Ansehen der Demokratie zerstört haben, gesellt sich der Anblick einer solchen ohne Scham einherziehenden Charakterlosigkeit.
Der Zustrom zum Hitlertum ist aber nicht ausschließlich auf Konjunkturjägerei zurückzuführen. Die verantwortungslose Demagogie der Hakenkreuzler fand hier einen wohlgedüngten Boden vor: einen bürgerlichen Mittelstand, der durch die Zerstückelung des alten Reiches, durch den sadistischen Steuerkrieg gegen das Bürgertum und durch die pathologische Verschwenderwirtschaft der öffentlichen Haushalte in einen Zustand hoffnungsloser Verzweiflung geraten war. Gleichwohl gibt es noch immer starke Gegenkräfte. Oesterreich ist in der günstigen Lage desjenigen, der eine Erfahrung schon vor sich hat und nicht so leicht überrumpelt werden kann, wie es den Süddeutschen im Reich geschehen ist. Die Christlichsozialen wissen jetzt, daß die Nationalsozialisten keine anderen Götter neben sich dulden und gleich hungrigen Wölfen sich auf alles stürzen, was im öffentlichen Leben irgendwie okkupiert werden kann. Die Sozialdemokraten haben einen gelinden Vorgeschmack dessen bekommen, was ihnen unter einer Naziherrschaft blühen würde. Der Landbund und ein Teil der Heimatschützler wehren sich gleichfalls gegen die Heuschreckeninvasion aus Deutschland. Das winzige Häuflein der Großdeutschen weiß nicht recht, gleich aufgeschreckten Mäusen, durch welches Loch in der Mauer der Weg ins Freie zu suchen wäre. Vor einiger Zeit haben sie noch in sehr vernünftigen Resolutionen gegen jeden Sozialismus, auch den national drapierten, Stellung genommen, aber jetzt verraten nicht wenige von ihnen die Neigung, mit fliegenden Fahnen ins Lager der Hitlerei überzugehen.
Wer die Lage Oesterreichs nach allen Seiten hin überdenkt und die internationalen Zusammenhänge unserer Politik, unserer Wirtschaft und - unserer Hilfsbedürftigkeit erwägt, für den steht außer Zweifel, daß der Einbruch des Nationalsozialismus in die gesetzgebende und Exekutivgewalt ein namenloses Unglück bedeuten würde. Deutschland mit seiner riesenhaften wirtschaftlichen Kraft kann sich den Luxus gestatten, eine Zeitlang die Meinung der ganzen Welt herauszufordern, Oesterreich würde unter einem solchen Schicksalschlag sofort zusammenbrechen, die dürftigen Rest seines Handelsverkehrs und vor allem sein Fremdenverkehr würden tödlich getroffen. Die jungen und alten Knaben, die den Nationalsozialismus machen, würde freilich das nicht genieren; um so ernster müßten die verantwortlichen Machthaber, an die sich die Sirenenklänge einer Kooperation mit den Nazis richten, die Sachlage überdenken. Die österreichische Regierung ist heute in einer günstigen und kräftigen Situation, niemand weint dem Parlament eine Träne nach. Das Kabinett Dollfuß würde ganz unnötigerweise die Flinte ins Korn werfen, wenn es den Nazilockungen erläge. Das hieße handeln, wie das Vögelein, das in hypnotischer Angst sich freiwillig in den geöffneten Rachen der Schlange stürzt.

(330420w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 330, Freitag, 21.04.33

Postby Klaus Binder on 20. April 2011, 23:01

Seite 1

Intervention [S. 1, Mitte, unten]
des Abgeordneten Radaceanu im Innenministerium

Wie uns aus Bukarest gemeldet wird, erschien gestern der sozialdemokratische Abgeordnete, Dr. Radaceanu, beim Innenminister Mironescu und berichtete ihm über die Exzesse in Czernowitz. Der Abgeordnete legte schärfsten Protest gegen die Vorfälle ein und verlangte die Ergreifung von ausreichenden Maßnahmen, um eine Wiederholung derartiger Ereignisse zu verhindern.
Innenminister Mironescu versprach die Einleitung einer Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen.

(330421r1)


Seite 2

Heute Ruhe [S. 2, oben, Mitte]
Auflösung der Cuzisten- und Naziorganisation beantragt.
Die Verhafteten werden nach Jassy überstellt


Die Stadt steht noch immer unter dem Eindruck der Exzesse von Dienstag abends.
Wie wir von authentischer Quelle erfahren, werden die Militärbehörden beim Korpskommandanten, General Uica, ebenso beim Innenministerium die sofortige Auflösung der cuzistischen und der Naziorganisation, sowie die Sperre des Heimes in der Russischengasse verlangen.
Die Zivilbehörden, in diesem Falle Bezirkspräfekt Jacoban und Polizeiquästor Amarescu werden die Verschärfung des Belagerungszustandes für die Stadt verlangen.
Divisionsgeneral Jacob empfing gestern einen Redakteur des „Tag“, dem gegenüber er folgende Erklärung abgab:
Ich lege Wert darauf, daß die Presse die Bevölkerung beruhigt und ihr in meinem Namen sagt, daß für die Ordnung und Ruhe durch die Militärbehörden gesorgt wurde. Die Ereignisse von Dienstag, die von jedem Standpunkt zu verurteilen sind, kamen unerwartet. Die Militärbehörden wurden spät verständigt, aber es wurde sofort alles unternommen, um weitere Ausschreitungen zu verhindern. Die Verhafteten werden nach Ablauf der Untersuchung, voraussichtlich noch diese Woche, nach Jassy überstellt, um dortselbst vom Kriegsgericht auf Grund der lex Marzescu abgeurteilt zu werden.
Die Militärbehörden haben genügend Autorität, um alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen und Ausschreitungen im Keime zu ersticken. Nur müssen sie rechtzeitig verständigt werden. Ein Stab von fähigen Offizieren steht mit einer ausgerüsteten Mannschaft zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zur Verfügung. Die Bevölkerung möge beruhigt sein und volles Vertrauen zu den Militärbehörden haben.

Eine Erklärung des Majors Gallin
Ueber die Vorfälle am Dienstag teilt Major Gallin mit:
Als ich gegen halb 8 Uhr abends die Herrengasse passierte, sah ich, wie ungefähr 300 Individuen, mit Stöcken und Eisenpflöcken bewaffnet, auf die Menge wahllos losschlugen. In der oberen Herrengasse habe ich den Polizeiquästor Amarescu, der von einer Horde umzingelt wurde, befreit. Ich habe die Gendarmerie und das Militär verständigt und die Truppen auf den Ringplatz beordert. Gewiß dauerte es eine halbe Stunde, bis die Truppen aus Rosch am Tatort eingetroffen sind. Ich habe auch einige Verhaftungen angeordnet. Unter den Verhafteten befindet sich auch der von der Polizei gesuchte Verbrecher Dumitru Paszniak, bei dem Verbrecherwerkzeuge, Dolch und Schlagring, gefunden wurden. Als einer der Verhafteten gefragt wurde, warum er sich an der Demonstration und den Exzessen beteiligte, erklärte er, daß er vom Studenten Costache angeworben wurde, sich in den Dienst der Garde zu stellen.
Major Gallin glaubt, daß es sich nicht um eine organisierte Exzessaktion handelt, sondern vielmehr um eine Demonstration, um bekunden zu können, daß eine öffentliche Manifestation beabsichtigt sei. „Man“ will zur Geltung gelangen, was diesmal mißlungen ist.

Die Verletzten
Die Verletzten wurden vom Arzt Dr. Schwarz und von der Rettungsgesellschaft behandelt. Der Finanzbeamte Ilie Hecker befindet sich im Zentralspital, die verletzten Damen befinden sich in häuslicher Pflege, während Peisach Schnapp und Isak Bitter ins jüdische Spital eingeliefert wurden.

Wer subventioniert die Aktion?
Aus verschiedenen Angaben, die bis jetzt von der Polizei gemacht wurden, ist zu schließen, daß diese Aktion aus einem Fonds subventioniert wurde. Es wurde nämlich ermittelt, daß viele Exzedenten je 100 Lei erhalten haben.

Protest der Kaufleute
Gestern erschienen die Handelskammerräte Rosca, Gläsner, Vianovici, Fisch, König und der Großkaufmann Fontin in der Polizeiquästur und legten Protest gegen die Vorkommnisse von Dienstag ein.

Protest der Handelskammer
Wie wir erfahren, wird von der Handelskammer eine Aktion eingeleitet, um bei den kompetenten Stellen der Hauptstadt schärfstens Protest gegen die Störung des Geschäftslebens einzulegen.

Der von den Exzedenten angerichtete Schaden beträgt einige hunderttausend Lei.

Proteste und Interventionen
Gestern wurde bei den kompetenten Stellen eine Reihe von Interventionen in Angelegenheit der Dienstagexzesse durchgeführt. Abgeordneter Dr. Ebner, Dr. Kaßner, Dr. Perl, der gewesene Stadtrat Mohr und andere führende Persönlichkeiten der Stadt sprachen beim Minister für die Bukowina, Dr. Sauciuc Saveanu, beim Bürgermeister, beim Bezirkspräfekten und beim Divisionsgeneral vor und verlangten strenge Bestrafung der Exzedenten.
Generalinspektor Anghelescu, der sich in Bukarest befindet, wurde telegrafisch von den Vorfällen verständigt. Der Generalinspektor erschien auch im Innenministerium und nahm Instruktionen für die weiteren Maßnahmen der Polizeibehörden entgegen. Generalinspektor Anghelescu trifft heute aus Bukarest hier ein.
Die Einvernahme der Verhafteten - es sind 24 - dauert fort. Wie wir erfahren, dürfte die Untersuchung noch einige Tage dauern. Die Erhebungen werden gemeinsam von Polizei- und Militärbehörden geführt.
Weiters wird mitgeteilt: Es gelang den Behörden festzustellen, daß der Leiter der Gemeindebibliothek Costache, ein gewißer Salahar und ein Statist des Nationaltheaters, Valentin Ionescu, ein Sohn des Leiters des Czernowitzer Aichamtes, die eigentlichen Urheber der Exzesse sind. Es erforderte große Mühe, ihrer habhaft zu werden. Erst zu später Nachtstunde wurde Costache bei einer Zusammenkunft in Rosch festgenommen und zur Polizeiquästur gebracht. Ionescu wurde erst gestern um 9 Uhr morgens eingeliefert und in Anwesenheit eines Vertreters der Militärbehörde einvernommen. Auf Veranlassung des königlichen Kommissärs wurde noch in den Nachtstunden das Heim der cuzistischen Liga in der strada Romana gesperrt und das vorgefundene Material, Zeitungen und Bücher, beschlagnahmt.

Militär bleibt in Bereitschaft
Wie uns in der Division mitgeteilt wird, befindet sich das Militär in Bereitschaft, die noch einige Tage dauern wird. Auch die Polizeimannschaft befindet sich in Bereitschaft.

*
Die Intervention beim General Jacob
Wir erhalten vom Deputierten Dr. Mayer Ebner folgende Mitteilung:
Heute, Mittwoch, den 19. d. M., begab ich mich mit dem Vizebürgermeister Herrn Karl Klüger und dem Vizepräsidenten der Gemeinde, Herrn Ing. Maximilian Zwilling zum Herrn General Jacob, der uns in längerer Audienz empfing.
Der Herr General zeigte sich über die Vorgänge des gestrigen Tages wohl informiert. Wir unterstrichen insbesondere die Tatsache, daß die Polizei selbst Zeuge der brutalen Szenen war, die am Vormittag des gestrigen Tages sich in der Herrengasse ereignet haben, ohne daß die Angegriffenen geschützt und die Uebeltäter verhaftet worden wären.
Ich wies insbesondere darauf hin, daß ich zwei Tage zuvor beim Kommandanten der 8. Division interveniert habe, und daß der Herr Colonel Nicolau in meiner Gegenwart die hiesige Polizeiquästur darüber informiert hat, daß die cuzistische-hitlerische Gruppe im ehemaligen Pavillontheater ihren offiziellen Sitz aufgeschlagen hat, dort Versammlungen abhält, gegen die Juden aufhetzende Flugschriften verteilt und Einschreibungen vornimmt, Vorgänge, die der Polizei ohnehin bekannt sein mußten. Trotzdem hat die Polizei, deren Pflicht es sei, Exzesse zu verhüten, sich von den Ereignissen überraschen lassen. Die Kaufmannschaft sei entschlossen die Magazine zu sperren, wenn nicht für ausreichenden Schutz gesorgt werde, und in der jüdischen Bevölkerung werden angesichts der pogromartigen Ereignisse von gestern Stimmen laut, daß die Juden für eine Selbstverteidigung Sorge tragen müssen.
Selbstredend setzen wir als Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung unsere ausschließliche Hoffnung auf die zivilen und insbesondere auf die militärischen Behörden, denen die Durchführung des Gesetzes über den Belagerungszustand obliegt.
Der Herr General Jacob antwortete, daß die Uebeltäter sich zum größten Teile aus dem rauf- und raublustigen Mob zusammensetzen, daß zahlreiche Verhaftungen vorgenommen und daß auch die bekannten Rädelsführer dem Kriegsgericht überstellt werden. Ich bin - sagte der Herr General - Soldat und kein Politiker, ich kenne nur meine Pflicht und ich werde jeden, der sich gegen die Gesetze vergeht, fassen und der gesetzlichen Strafe zuführen lassen. Unter diesen Exzessen hat auch die nichtjüdische Bevölkerung gelitten. Ich habe verfügt, daß der Sitz der antisemitischen Agitation in der Russischengasse geschlossen und jede Hetzpropaganda auf das energischeste unterdrückt wird. Beruhigen Sie die jüdische Bevölkerung, sie hat es keineswegs nötig, an eine Selbstverteidigung zu denken, ich werde meine Pflicht voll und ganz erfüllen.
Zum Schlusse teile ich mit, daß auf Grund meines mit unserer Bukarester Zentrale gepflogenen telephonischen Gespräches das Präsidium der jüdischen Reichspartei in Bukarest, sowie der Deputierte Misu Weißmann bei den kompetenten Ministerien wegen endgültiger Herstellung der Ordnung und Unterdrückung der Hetzpropaganda intervenieren wird.

*
Die Liste der Verletzten
Die Abendstunden haben eine große Anzahl von Opfern gefordert. In der Russischengasse wurde der 25-jährige Schneider Eugen Andrievici durch zwei Revolverschüsse am Fuße verletzt und mußte in das Landesspital transportiert werden. Der Student Titu Gheorghean erhielt in der Herrengasse einen Messerstich in den Hinterkopf. Frau Lotti Markus wurde aus einem Wagen gezerrt und blutig geschlagen. Auch sie befindet sich in Spitalspflege. Der Lehrer Isak Fischel wurde in der Russischengasse durch einige Messerstiche übel zugerichtet und in schwer verletztem Zustand in das Jüdische Spital eingeliefert. Ein rumänischer Beamter aus dem Regat wurde am Ringplatz aus einem Wagen gehoben und bis zur Bewußtlosigkeit verprügelt. Der Staatsbeamte Ilie Hecker erhielt vor dem Cafe L’Europe einen Messerstich in den Rücken und wurde im Zentralspital behandelt. in der Brückenstraße wurde um 10 Uhr abends der 26 Jahre alte Peisach Schnapp durch Messerstiche im Rücken verletzt. Er wurde ins Jüdische Spital geschafft. Frau Gramatovici erhielt erhebliche Verletzungen im Gesicht. Der Handelsangestellte Sigi Hellenberg und der Kaufmann Kamil wurden durch Schläge übel zugerichtet. Der Spediteur Karl Goldstein erhielt an der Ecke Herrengasse-Armeniergasse wuchtige Hiebe in die Bauchgegend. Die Zahl der Verletzten ist damit nicht erschöpft; da die meisten Opfer der Exzesse sich in häuslicher Pflege befinden, ist es ausgeschlossen, auch nur annähernd ihre Anzahl zu ermitteln.

Ein verhafteter Ukrainer sagt aus:
„Man hat uns versprochen, Hitler wird die Großukraina begründen“
Außer den bereits genannten Rädelsführern Costache, Ionescu und Salahar befinden sich unter den Verhafteten der polizeibekannte Einbrecher Demeter Pasznik, bei dem ein Messer gefunden wurde, und der sich zu Ehren des Anlasses mit einem Hakenkreuz geschmückt hatte, der 31-jährige Ukrainer Petre Mihailiuciuk, der die Schüsse auf Andrievici abgefeuert hat, der deutsche Bäcker Karl Rufenthal, der 20-jährige Ukrainer Ion Feniuk, Dumitru Urinschi, der 34-jährige Fleischhauer Ion Piper, der 18-jährige Ioan Metesevschi, der 31-jährige Vasile Strut ec. Mihailiuciuk gab an, den Revolver im Heim der cuzistischen Studentenliga erhalten zu haben. Die arrestierten Ukrainer behaupten, es sei ihnen gesagt worden, daß Hitler eine Großukraina versprochen habe.

(330421c2)


Seite 3

Alfred Kittner [S. 3, oben, rechts]
Einsames Nachtlied

Oh in der fernsten Ferne
wacht wo ein Haus, ein Licht,
darüber kreisen die Sterne,
der Mond, die Zauberlaterne,
gießt Silber in mein Gesicht.

Die Nacht raunt eine Legende
dem Haus in seinen Traum.
Es schlingen windweiche Hände
die Schatten um die Wände.
Das Nachtlied klagt ein Baum.

Wie lange ich auch schreite,
kein Haus, kein Strauch am Weg.
Ich taumle blind in’s Weite,
kein Gestern, ach kein Heute,
ein Lied scheucht mich hinweg.

(330421a3)


Die neue deutsche Malerei [S. 3, unten, rechts]
Das Ministerium des Innern hat den Professor Otto Dix aus dem Dienst als Lehrer bei der Akademie der bildenden Künste in Dresden entlassen. Die Entlassung wird damit begründet, daß sich unser seinen Bildern solche befinden, die geeignet sind, den Wehrwillen des deutschen Volkes zu beeinträchtigen.

(330421w3)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dix


Seite 4

Das Urteil im Moskauer Prozeß [S. 4, oben, links]
Mildes Urteil gegen zwei englische Ingenieure; vier freigesprochen. - Kronrat beschließt Einfuhrverbot russischer Waren

London, 19. April (Tel. des „Tag“). Das Urteil im Moskauer Sabotageprozeß endete mit der Schuldigsprechung zweier englischer Ingenieure. Der eine wurde zu zwei, der andere zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die übrigen vier wurden freigesprochen.

Das Urteil
Moskau, 19. April (Tel. des „Tag“). Gestern spät nachts wurde das Urteil gegen die Saboteure gefällt. Es lautet: MacDonald zwei Jahre und Thornton drei Jahre Gefängnis. Drei Ingenieure, und zwar Nordwal, Cußhney und Monkhouse müssen binnen drei Tagen Moskau verlassen. Der sechste Angeklagte, Ingenieur Gregor, wurde freigesprochen.
Die russischen Angeklagten wurden zu längeren Kerkerstrafen verurteilt. Den Antrag des Staatsanwaltes auf Verhängung der Todesstrafe hat der Gerichtshof abgelehnt.
Das Urteil ist kurz vor Mitternacht bekannt [ge]worden. Vor den Redaktionen warteten Tausende Menschen auf das Urteil. Die Spannung war ungeheuer. Der Außenminister hat sofort hievon auf drahtlosem Wege dem auf der Fahrt nach Amerika befindlichen Ministerpräsidenten MacDonald Mitteilung gemacht. Das Kabinett trat unter dem Vorsitz Baldwins zu einer Sitzung zusammen und beschloß, dem König die Einberufung eines Kronrates vorzuschlagen. Der Kronrat fand mittags statt. Nach demselben wurde eine Erklärung veröffentlicht, daß die endgültige Entscheidung über das Verbot der Einfuhr der russischen Waren nach England in die Hände des englischen Außenministers gelegt sei. Zunächst nahm man an, daß nicht ein generelles Verbot erlassen werden wird, sondern nur für bestimmte Waren. „Die Morning Post“ erklärt, daß der Beschluß des Außenministers auf eine Kontingentierung hinauslaufen wird. Der Außenminister hat zunächst die Ansicht der Mitglieder der Handelskommission eingeholt. Die übrige englische Presse erklärt, daß das Moskauer Urteil wesentlich milder ausgefallen sei, als man erwartet hatte, fordert aber gleichzeitig, alles zu tun, um die über die beiden Engländer verhängte Gefängnisstrafe zu annullieren, denn, so sagt die Presse, die Verurteilten seien unschuldig, der Prozeß habe nur russische politische Organisationszwecke zum Ziele.

London, 19. April (Tel. des „Tag“). Der König hat die Proklamation über das Einfuhrverbot russischer Waren unterzeichnet.

*
Hoffnungen …
London, 19. April (Tel. des „Tag“). Die Zeitungen verleihen der Hoffnung Ausdruck, daß die Sowjetregierung die Strafe in eine sofortige Ausweisung der Verurteilten umwandeln wird. Die Verteidiger der zwei verurteilten Ingenieure haben einen Strafmilderungsantrag eingebracht. Man glaubt, daß nach Stattgebung des Antrages das russische Wareneinfuhrverbot nach England aufgehoben werden wird.

(330421w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 331, Samstag, 22.04.33

Postby Klaus Binder on 22. April 2011, 00:36

Seite 1

Amerikas Schachzug gegen England [S. 1, oben, links]
Amerika verläßt Goldstandard

Abwertung des Dollar
Amerikanisches Goldausfuhrverbot. - Erklärungen Roosevelts

Washington, 20. April (Tel. des „Tag“). Präsident Roosevelt hat ein Goldausfuhrverbot erlassen.

Ein Senator, der Roosevelt nahe steht, wies darauf hin, daß dieser Beschluß des Präsidenten auf anderen Voraussetzungen beruht, als sie die Engländer bestimmt haben, den Goldstandard herabzusetzen. Amerika habe genügende Goldvorräte und eine aktive Handelsbilanz; die Stärkung der amerikanischen Stellung sei durch dieses Verbot für die Weltwirtschaftskonferenz gegeben, so daß es gelingen wird, die Währung anzugleichen.

Das Goldausfuhrverbot hat in England Aufsehen erregt. „Daily Herald“ sieht darin die Ursachen für einen Handelskrieg zwischen England und Amerika. „Daily Telegraph“ weiß zu melden, Roosevelt werde dem englischen Ministerpräsident MacDonald Vorschläge machen, daß England zur Goldwährung zurückkehrt.

Die amerikanische Regierung bereitet, wie weiters gemeldet wird, ein Gesetz vor, das dem Präsidenten unbeschränkte Vollmachten in Währungsfragen erteilt.

*
Roosevelt gibt Erklärungen
Der Präsident der Vereinigten Staaten, Roosevelt, gab heute der Presse Erklärungen ab. Er sagte: Nur in zwei Fällen wird Amerika Ausnahmen zulassen: Erstens, wenn es sich um das Gold auswärtiger Mächte handelt, zweitens, wenn das Gold zum Kursausgleich und zu Zahlungen ans Ausland benötigt wird. Deshalb ist der Dollar bei einem Angriff im Auslande sich selbst überlassen. Dadurch sind auch bessere Aussichten für die Inflation geschaffen. Die amerikanischen Waren werden in diesem Falle, - wenn der Dollar sinkt - im Preis um 5 Prozent sinken. Es sei nicht beabsichtigt, die Notenpresse für ausländische Zahlungen zu verwenden. Der Dollar wird auch nicht, wie es hieß, für Notstandsarbeiten verwendet werden. Roosevelt sagt zum Schluß: Die ganze Welt wird zum Goldstandard zurückkehren. Wenn das der Fall ist, werden die Schwankungen aufhören. Die Wirtschaft hängt von der Notwendigkeit einer stabilen Währung ab. Die finanzielle Lage der Vereinigten Staaten sei durchaus günstig. Wenn später diese Umwandlung kommen sollte, wisse er nicht, ob sie von Interesse für den Staat wäre.

Washington, 20. April (Tel. des „Tag“). Der Beschluß des Staatspräsidenten Roosevelt, daß die Vereinigten Staaten den Goldstandard verlassen, hat in allen Wirtschaftskreisen das größte Interesse ausgelöst. Bankier Morgan hat sich für die Maßnahme des Staatspräsidenten ausgesprochen.

Silber kommt wieder zu Ehren
Amerika erhält neue Währung

Washington, 20. April (Tel. des „Tag“). Das vom Senator Thomas heute im Repräsentantenhaus eingebrachte Gesetz sieht uneingeschränkte Vollmachten für den Staatspräsidenten vor. Durch dieses Gesetz wird Roosevelt ermächtigt, eine neue Währung zu schaffen.

Es wurde ferner beschlossen, daß die Vereinigten Staaten an Kriegsschulden Silberwährung in der Höhe von 100 Millionen Dollar annehmen werden. Dieser Silbervorrat soll zur Deckung der Währung verwendet werden.

Heute ist die Silberwährung um 3-einhalb Centime gestiegen, eine Steigerung, wie sie die Silberwährung schon seit vielen Jahren nicht erreicht hat.

Staatssekretär Hull erklärte, daß durch das Abgehen Amerikas von der Goldwährung die wirtschaftliche Situation eine Belebung erfahren wird.

Hausse in Aktien
Washington, 20. April (Tel. des „Tag“). Auf die Gerüchte vom Goldausfuhrverbot wurden auf der Börse Geschäfte über fünf Millionen Aktien getätigt. Die Kurse haben bis zu zehn Punkten angezogen.

Dollarsturz in Paris und London
Die Gerüchte über eine Abwertung des Dollars hatten starke Schwankungen im Kurs zur Folge. In Paris ist der Dollar von 25.25 auf 24.05 Franks gefallen. Er erholte sich bei Börsenschluß auf 24.60.
In London wurden für das Pfund 3.56 Dollar gezahlt.

Czernowitz
Auf der lokalen Börse ist der Dollar auf 165 Lei zurückgegangen.

*
Aus diesen telegraphischen Meldungen, welche noch nicht ganz klar sind, geht jedenfalls hervor, daß der in Amerika schon seit längerer Zeit geführte Kampf um die Abwertung des Dollars sich der Entscheidung nähert. Vorläufig handelt es sich nur um ein neuerliches, aber definitives Goldausfuhrverbot, dem wahrscheinlich eine Abwertung folgen wird. Interessant ist die Begründung Roosevelt’s, daß die Maßnahme zur Stärkung der amerikanischen Wirtschaft getroffen wurde, und sie ist hauptsächlich gegen England gerichtet, welches Land durch den Abgang vom Goldstandard die heftigste Konkurrenz zu machen in der Lage ist: gerade vor dem Zusammentritt der Weltwirtschaftskonferenz erachten es die U.S.A. für notwendig, diese Maßnahme zu treffen, um so eine Wiederherstellung der Goldwährungen in allen Ländern, welche, wie England, vom Goldstandard abgingen, zu erreichen.

Was die Bewertung in bezug auf die Senkung der Preise der amerikanischen Waren um 5 Prozent anbelangt, so ist sie nur einzig auf den Export zu verstehen, welcher sich günstiger stellen wird, d. h., die Exportwaren werden um 5 Prozent konkurrenzfähiger werden. Dagegen lehnt Roosevelt vorläufig eine starke Vermehrung des Notenumlaufes zum Zwecke von Notstandsbauten ab. Es sollten nämlich um 5 Milliarden Notstandsbauten errichtet werden, wozu eine starke Vermehrung des Banknotenumlaufes notwendig geworden wäre.

Die Absichten der U.S.A. sind noch nicht ganz klar. Es soll jedoch noch einmal daran erinnert werden, daß die Demokraten stets Anhänger der Silber-, beziehungsweise Doppelwährung waren. Eine Abwertung des Dollars liegt also im Bereiche der Möglichkeit.
Plutus

(330422w1)


Die Folgen des Dienstag-Pogroms [S. 1, oben, rechts]
Veränderungen in der Polizeiquästur Cernauti

Bukarest, 20. April (Tel. des „Tag“). Offiziell: Im Zusammenhang mit den Vorfällen am Dienstag hat die Regierung eine strenge Untersuchung angeordnet und den Behörden den Auftrag gegeben, die Schuldigen mit aller Strenge zu bestrafen. Die Regierung wird es unter keinen Umständen dulden, dass sich Nazibanden in Rumänien breit machen.

Im Zusammenhang mit den Vorfällen am Osterdienstag hat das Innenministerium eine Reihe von Veränderungen in der Czernowitzer Polizeiquästur mit sofortiger Wirksamkeit angeordnet. Diese Veränderungen sollen schon morgen vom Innenministerium beschlossen werden.

(330422r1)


Hauptstadtpresse gegen die Exzesse
Nazibanden in Deutschland, nicht aber in Rumänien

Die Presse Bukarests sagt: „Ukrainer ein Mittel zum Zweck.“
„Nachlässigkeit der Behörden“


Die Folgen der Dienstag-Exzesse, haben Dimensionen angenommen, die die Urheber sicherlich nicht vorausgesehen haben. Die Ereignisse spielen auf das politische Gebiet hinüber, und das wesentliche Moment ist die durch die Hitler-Exzesse verursachte Störung der Politik Rumäniens. Die Bukarester Presse wendet diesen Vorgängen die größte Aufmerksamkeit zu. Nach Czernowitz sind Spezial-Korrespondenten entsendet worden. Die Leitartikel der Bukarester Tageszeitungen bewegen sich auf derselben Linie, die gestern der „Tag“ gezeichnet hat und die in dem Satz zusammengefaßt werden kann: Wer die Hitler-Bewegung begünstigt, ist ein Staatsverräter. Den Behörden wird vorgeworfen, daß sie in die Ereignisse zu spät eingegriffen haben. Eine Entschuldigung für die Verspätung gibt es nicht, denn in den Tagen des Belagerungszustandes mußte eine Polizei jede Minute auf Zwischenfälle gefaßt sein. Sonst - wäre das nicht der Fall - hätte doch die Verhängung des Belagerungszustandes keine Rechtfertigung. Wir lassen die uns aus Bukarest zugekommenen Nachrichten hier folgen.

Bukarest, 20. April (Tel. des „Tag“). Die gesamte Hauptstadtpresse befaßt sich in spaltenlangen Artikeln mit den Ausschreitungen in Czernowitz am Osterdienstag und erhebt scharfe Angriffe gegen die Regierung. Auch das Vorgehen der Militär- und Polizeibehörden in Czernowitz wird aufs schärfste verurteilt, da sie nicht rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen ergriffen und es zugelassen haben, daß die Cuzisten, vereinigt mit den Nazibanden, einen ganzen Tag eine Stadt terrorisieren. Weder die Regierung noch das Kriegsministerium haben bis jetzt einen offiziellen Bericht über die Vorgänge erhalten. Es wurde aber trotzdem eine strenge Untersuchung angeordnet und die Bestrafung der Schuldigen verlangt.

Der bekannte Publizist Branisteanu veröffentlicht im „Adeverul“ an leitender Stelle einen Artikel über die Vorgänge in Czernowitz, in dem es u. a. heißt:

„Als der Belagerungszustand eingeführt wurde, haben wir gegen diese Maßnahme Stellung genommen und die Meinung vertreten, daß es nicht auf Gesetze ankommt, um die rechts- und linksgerichteten Elemente zu bekämpfen, sondern nur auf die Art, wie die Gesetze angewendet werden. Der Fall von Czernowitz gibt uns volles Recht, denn, wenn es geschehen konnte, daß Vandalen einen ganzen Tag im Zentrum der Stadt hausen, das Vermögen und Leben der Bürger bedrohen, auf friedliche Bürger mit verschiedenen stumpfen und scharfen Gegenständen losschlagen und so eine Stadt durch die angerichteten Devastierungen in Panik halten konnten, ohne daß die Militär- und Polizeibehörden rechtzeitig eingeschritten wären, so kommt es doch nur auf den Geist an, wie diese Gesetze, wie der Belagerungszustand gehandhabt wird. Erst als großer Schaden angerichtet wurde, ist die Polizei eingeschritten, und da sie sich zu schwach fühlte, wurden die Militärbehörden zu Hilfe gerufen, um die Ordnung, man höre gut, die Ordnung (!) wieder herzustellen.

Da gibt es keine Ausreden, daß die Polizei von den Vorfällen überrascht wurde. In einem Gebiet des Belagerungszustandes darf eben nichts unerwartet kommen und man muß mit allen Eventualitäten rechnen.

*
Gegen die Nazibanden
Die Vorgänge in Czernowitz sind umso bedauerlicher, als in der letzten Zeit sich Manifestationen ereigneten, die die Polizei zu mehr Wachsamkeit hätten ver[an]lassen sollen. Ein Teil der Czernowitzer Deutschen hat es für notwendig gefunden, die Methoden Hitlers in Czernowitz einzuführen, sie fanden es für richtig, die jüdische Bevölkerung, die viel zur deutschen Kultur beigetragen hat, anzugreifen, und diese Deutschen haben sich sogar nicht gescheut, in ihren Zeitungen („Tagespost“ und „Scharfschütze“) den Ton Hitlers gegen die Juden anzuschlagen, gegen dieselben Juden, mit welchen sie immer im besten Einvernehmen gelebt haben. Ein spezielles Organ (Scharfschütze) forderte sogar zu Aktionen gegen die Juden auf. Konnten die Behörden in diesen Zeitungen nicht lesen, was vorbereitet wurde? Warum wurden nicht rechtzeitig Maßnahmen ergriffen? Man sagt, daß sich unter den Exzedenten auch Ukrainer befanden, diese waren aber in Minorität und wurden von den Nazibanden als Mittel zum Zweck für ihre Interessen ausgenützt. Die Verfolgung dieser Ukrainer wird niemanden befriedigen, denn die moralischen Urheber dieser vandalischen Taten müssen gefaßt werden, und wenn es die Behörden ehrlich wollen, wird es sehr leicht gelingen.

Es handelt sich nicht um eine Aktion gegen die Juden, es handelt sich um eine Aktion, die Staatsordnung zu stören, und da war kein Mittel zu gering. Auch der Frühling des Jahres 1907 begann mit antisemitischen Unruhen.
Fortsetzung Seite 3

(330422r1)


Seite 2

Zum Tode Zacharias Pulmann [S. 2, oben, Mitte]
In der am 10. April 1933 stattgefundenen Vorstandssitzung des „Sfatul Negustoresc“, Cernauti, hielt Herr Präsident H. Bianovici dem verstorbenen Vorstandsmitglied des „Sfatul Negustoresc“, Zacharias Pulmann einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem der Sprecher die besonderen Eigenschaften des Verblichenen skizzierte. Seitens des Gremiums der Handelsagenten der Bukowina, dessen Ehrenmitglied Zacharias Pulmann war, wurde dem Verblichenen eine letzte Ehre zuteil. In der am Sonntag, den 16. April 1933 stattgefundenen Gremialratssitzung hielt der Vorsitzende, Herr Vizepräsident Max Schwammen, dem einstigen Kollegen einen zu Herzen gehenden Nachruf. Redner entwarf ein Bild über den Menschen, Handelsvertreter und Kaufmann Zacharias Pulmann. Seine geistige Kapazität, seine geschäftliche Tüchtigkeit, seine Ehrlichkeit u. nicht zuletzt seine Unparteilichkeit und sprichwörtliche Menschenfreundlichkeit machten ihn zu einer Zierde des Gremiums. Daß ein solcher Mensch sich ewiges Andenken in den Herzen seiner Berufskollegen sichern konnte, ist selbstverständlich. Dieser Nachruf erweckte besonderen Eindruck und er wurde in das Protokoll der darauf folgenden ordentlichen Gremialratssitzung eingefügt.

(330422t2)


Kino-Nachricht [S. 2, Mitte, links]
In der Stadt werden Gerüchte verbreitet, daß die Inhaber des neuen Tonfilmtheaters „Odeon“ im Deutschen Hause keine Juden wären.
Wir stellen fest, daß die Gerüchte unwahr sind. Die Inhaber des neuen Kino „Odeon“ sind ausschließlich Juden.
Bei dieser Gelegenheit warnen wir jedermann, über unser Kino falsche Gerüchte zu verbreiten, da wir gegen solche Personen strafgerichtlich vorgehen werden.
Die Direktion

(330422c2)


Der älteste Czernowitzer Bürger gestorben [S. 2, Mitte]
Gestern vormittags starb hier im Alter von 106 Jahren Herr Mendel Geringer nach einem an Erlebnissen reichen Leben. Der Verstorbene, der sich bis zum letzten Augenblick bei vollstem Bewußtsein befand, hat noch am Feldzug von Plewna auf rumänischer Seite teilgenommen. Eine Tochter des Verstorbenen ist mit dem Czernowitzer Hausbesitzer Broock verheiratet.

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Eine jüdische Theaterkonferenz [S. 2, Mitte]
Wir erhalten vom Theaterverein die folgende Mitteilung: Von einer Initiativ-Gruppe jüdischer Theaterliebhaber wird unter Führung des jüdischen Theatervereines in Czernowitz eine Konferenz vorbereitet, welche die Liebhaber des jüdischen Theaters und die dramatischen Kreise, die sich überall im Lande befinden, sammeln und organisieren soll. Das Initiativ-Komitee wird eine Reihe von organisatorischen Maßnahmen vorschlagen, um das künstlerische Niveau der Dilettanten-Theater zu heben und weiter zu entwickeln. Es soll unter anderem in Czernowitz ein Instruktorat, eine künstlerische Beratungsstelle und eine Theaterbibliothek geschaffen werden, welche den jüdisch-spielenden dramatischen Kreisen zur Verfügung stehen sollen. Kreise und Einzelne, welche sich für diese Konferenz interessieren, werden ersucht, ihre Adressen unverzüglich dem jüdischen Theaterverein, Czernowitz, per Adresse Dr. Max Diamant bekanntzugeben.

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Feuilleton
Rohköstler im Garten Eden [S. 2, links, unten]
Beim Hungerdoktor im Huzulenland
Von Noemi Eskul


Eines der sonnenreichsten Täler der Karpathen: die waldbedeckten Berge bilden in angemessener Entfernung ein liebliches Amphitheater, und die bunten Trachten des Huzulenvolkes wirken wie die Exotik sehr ferner Länder. (Wohlgemerkt sind die Huzulen nicht etwa ein neuentdeckter Indianerstamm, sondern ein originelles Völkchen in den östlichen Beskiden!) - In diesem Tale also liegt ein dreißig Morgen großer Garten; und in diesem Garten sind eine Anzahl kleiner Häuser und Häuschen verstreut. Diese Häuschen sind aus Holz gebaut, und einige von ihnen bestehen aus derart angebrachten Brettchen, daß sich die Wände wie Jalousien öffnen lassen: man lebt darin, sofern man will, eigentlich im Freien, und dennoch nicht für jeden sichtbar, - was für den Betrachter nur in seltenen Fällen ein Mangel, im allgemeinen aber gewiß ein Segen ist! In diesen geruhsamen und luftigen Behausungen erbringen Scharen von Erholung- und Gesundheitsuchenden aus aller Welt ihre Ferienwochen.

Dieses kleine oder auch große Reich - wie man’s nimmt - wird von einem Jüngling regiert -, von einem schlanken, harttrainierten braungebrannten Jüngling von 83 Lenzen, von Dr. Apollinary Tarnawski, der schon vor vierzig Jahren - und das im trägen und eßfrohen Osten! - die Lehre von der Rohkost und der äußersten Selbstdisziplin zu verkünden gewagt hatte!

Wenn man in diesen dreißig Morgen großen Garten Eden eintritt, in dem Riesenbirnen und Pfirsiche und die edelsten Trauben gedeihen, hat man das Gefühl, in eine Art freundlichen Klosters geraten zu sein, und auf den entspannten Gesichtern der Patienten - nein, der Ordensbrüder - sieht man mit Staunen den Ausdruck eines geradezu kindlichen Wohlgefühls.

Ueberhaupt, sie sind in jeder Hinsicht auffallende Erscheinungen, die Patienten dieser Kuranstalt: sie sind nicht nur von einer engelhaften Heiterkeit, - sie sind auch alle in engelhaft reines Weiß gekleidet, die Männer stecken in weißen Jacken und weißen Kniehosen aus porösem Stoff, und die braungebrannten nackten Beine bilden einen … nun, zum mindesten luftigen Gegensatz zur Hornbrille und zum weißen Haar! Und die Frauen sehen in ihren weißen glatten Kleidern geradezu zeitlos aus.

Das Netteste aber ist, daß hier gespielt wird. Karten? Roulette? Theater? Ach, wo denken Sie hin! Blindekuh natürlich. Blindekuh und Fang mich und wie sie alle noch heißen - die Kinderspiele. Es ist nicht zu glauben, wie schnell hier aus einer Schar gelangweilter Großstädter eine Bande ausgelassener Kinder wird. Es ist nicht zu glauben. Dieser lange Herr mit Scheitel und gestutztem Schnurrbart ist „draußen in der Welt“ bestimmt ein Tuchfabriksdirektor, und dieser Kleine mit der Brille ein würdiger Professor. Wer sollte das glauben, denn jetzt, da sie mit größter Spannung beide um den leeren Stuhl kreisen auf den sich bei Aufhören des Klaviergeklimpers nur einer setzen kann, - jetzt scheinen sie zusammengenommen nicht mehr als 20 Lenze zu zählen.

In dem gemeinsamen Lebensritual dieser Brüderschaft ist Fasten eins der obersten Gebote. „Unser Körper ist verschlackt, verschleimt, verstopft, - und daher unser früher Tod und unser schlechtes Leben!“ - das ist der erste Glaubenssatz dieser Gemeinde, die von dem Jünglingsgreis Tarnawski angeführt wird. Und tatsächlich, dieser Arzt, der jahrzehntelang an dem Problem des Stoffwechsels - in dem er den Schlüssel zu ewiger Gesundheit ahnte - herumexperimentiert hat, geht so weit zu behaupten, daß nicht nur Mäßigung, sondern vollkommene Enthaltung von jeglicher Speise notwendig sei, um den Körper gründlich zu entschlacken und die in ihm verborgenen Selbstaufbaukräfte wieder in Tätigkeit zu bringen.

Völlige Enthaltung - das ist ernst gemeint, und es gibt mutige Adepten dieser Lehre, die bis zu 30 Tagen gefastet und dabei ein ständiges Wachsen des Lebensgefühls und des Wohlbefindens verspürt haben, ohne etwas anderes zu sich zu nehmen, als dreimal täglich eine Tasse Wasser! Die weniger entschiedenen Anhänger des Hungerns dürfen sich von Obstsäften nähren, von allerhand Rohkost, und es werden sogar Mahlzeiten gereicht, die aus vier Gängen bestehen, wobei allerdings gehackter Schnittlauch als ein „Gang“ bewertet wird!

„Das moderne Leben ist viel zu kompliziert, man muß das Leben vereinfachen!“ lehrt Dr. Tarnawski und verschreibt poröse Uniform, Barfußgehen, Fasten, Ruhe, Sport, Luft, Licht, Bewegung - und vor allem, mäßiges Essen, mäßiges Essen. „Gebt dem Körper keine unnütze Arbeit, nützet seine Kräfte gewinnbringend aus!“ - das ist das einfache Lebensprogramm des Hungerdoktors, für dessen heilsame Wirkung er offenbar selbst das beste Beispiel bietet.

Ist es aber wirklich so einfach, dieses Lebensprogramm? Wird nicht vielmehr der kluge Doktor gewußt haben, warum er über dem Tore, durch das seine Kurgäste die Anstalt verlassen, als eindringliche Mahnung die Worte anbringen ließ: „Mensch, sei Herr deiner selbst!“

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http://de.wikipedia.org/wiki/Huzulen
playboy-reportage-jeder-mit-jeder
http://www.bukovinasociety.org/Stephani ... len-D.html



Seite 3

Die Dienstag-Exzesse [S. 3, oben, links]
Wer Hitlerpolitik unterstützt, ist ein Staatsverräter

In der „Lupta“ heißt es an leitender Stelle u. a.:
„Daß die Polizei- und Militärbehörden von den Vorgängen in Czernowitz überrascht wurden, nimmt die Zentralstellen der Hauptstadt Wunder. Wie konnte es geschehen, daß bewaffnete Hitlerbanden einen ganzen Tag ihr Unwesen treiben konnten, ohne daß sie daran gestört wurden? Sind diese Rohheitsakte vielleicht das Resultat der Besprechung Cuza-Hitler? Die Behörden müssen aufpassen, da gleiche Aktionen sich auch in Sibiu und Brasov vorbereiten. Es ist bedauerlich, wenn die Deutschen zulassen, daß in ihren Reihen sich solche Organisationen bilden und Aktionen unternehmen, die in der ganzen Welt die größte Empörung ausgelöst haben. Die Deutschen müssen doch wissen, welchen Standpunkt die Regierung in der Außenpolitik einnimmt. Der Artikel des Naziführers Rosenberg gegen Rumänien ist bekannt, und nun soll auch dieses Regime hier Patz greifen?! Hitlerismus mag schön sein - jedoch nur in Deutschland, für keinen Fall aber in Rumänien! In einer Zeit, in der unsere Alliierten sich gegen die Attacke Hitlers auflehnen, darf man es nicht zulassen, daß Sturmbataillone der Nazis auch in Rumänien eine Rolle zu spielen versuchen. Denn dadurch wird auch eine Atmosphäre geschaffen, die von unseren Alliierten falsch gedeutet werden könnte.“

Die Ukrainer werden gegen die Polen gehetzt
Die „Lupta“ führt dann fort:

Das Regime Hitlers sucht mit allen Mitteln gegen Polen zu hetzen, und da wurden auch die Ukrainer der Bukowina, denen sich die Cuzisten zugesellt haben, für diesen Zweck gewonnen. Die Cuzisten sehen aber in der Bewegung nur die Seite des Antisemitismus, wollen aber nicht bedenken, daß das Programm Hitlers den Interessen Rumäniens widerläuft. Der Osterdienstag stand in Czernowitz im Zeichen eines Gemetzels, wie es diese Stadt nicht erlebt hat. Bewaffnete Banditen, unter ihnen auch Mitglieder der Teodorowiczbande, Deutsche aus der Vorstadt, ahmten das Beispiel der deutschen Sturmbataillone nach und verwüsteten Geschäftslokale, verprügelten die Masse, ohne zu bedenken, daß es noch Behörden gibt und daß die Stadt unter Belagerungszustand steht. Hitlerische Sturmbataillone wird die Regierung in Rumänien nicht dulden. Das mögen die Herren wissen!

Bukowiner Liberale verlangen:
Rücktritt der Regierung

Das Organ der Bukowiner Liberalen „Glasul Bucovinei“ nimmt an leitender Stelle in sehr scharfer Weise gegen die Ausschreitungen Stellung und wundert sich, daß die Behörden bis jetzt kein offizielles Kommuniqué über die Vorfälle ausgegeben haben. Aus den bisherigen Feststellungen ergibt sich, daß die Exzedenten noch schlimmere Absichten hatten. Es darf nicht von antisemitischen Exzessen die Rede sein. Der Antisemitismus wurde nur als Vorwand genommen. Es waren Attentate und verbrecherische Aktionen geplant. Die Behörden haben es aber nicht für richtig gefunden, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, obwohl schon um die Mittagsstunde barbarische Handlungen begangen wurden. Wir haben die Agitation gegen die friedlichen Bürger dieser Stadt stets verurteilt und können das auch nur wiederholen. Hier geht es aber um viel mehr. Es handelt sich um eine Umwälzung der Staatsordnung, die Behörden hätten aufmerksamer sein sollen. Eine genaue Enquete wird nun festzustellen haben, ob die Behörden ihre Pflicht erfüllten. Wenn die gegenwärtige Regierung nicht in der Lage ist, Herr der Situation zu werden, so möge sie sofort vom Schauplatz abtreten und denjenigen den Platz frei machen, die schon in ernsten Stunden die Lage beherrschen konnten.

*
Bukowinaer Rumänen gegen die Exzesse
Gestern abends fand im Club der national-zaranistischen Partei eine Beratung statt, an der die führenden Mitglieder teilgenommen haben. Einzelne Redner sprachen sich in sehr scharfen Worten gegen die Exzesse am Osterdienstag aus. Der Minister für die Bukowina, Dr. Sauciuc Saveanu, brandmarkte die Schandtaten der Nazibanden und erklärte, daß die Regierung alle Maßnahmen ergreifen werden, um eine Wiederholung derartiger Vorfälle zu verhindern und die Schuldigen der gerechten Strafe zuzuführen.

Sehr eingehend befaßte sich Dr. Jeleriu mit den Vorgängen am Dienstag und gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß jetzt nun ein Exempel statuiert werden wird, um einigen Abenteuerern zu zeigen, daß Rumänien kein Feld für barbarische Handlungen, wie sie in Deutschland an der Tagesordnung sind, sei.

In einer Resolution wurden einmütig derartige Terrorakte auf die persönliche Sicherheit der Bürger auf schärfste verurteilt.

*
Strenge Maßnahmen
Die Untersuchung gegen die Exzedenten

Gestern ist aus Bukarest der Generalinspektor der Siguranta, Anghelescu, hier wieder eingetroffen. Nach seiner Ankunft wurden in einer Besprechung auf Grund der Instruktionen des Innenministeriums strenge Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung beschlossen. Gegen die Schuldigen von Dienstag wird auf Grund einer Verfügung des Innenministeriums mit aller Strenge vorgegangen werden.

Die Untersuchung wird von den Militär- und Polizeibehörden fortgesetzt. Gestern wurden drei Verhaftete nochmals einvernommen, die die Vorgänge am Tage der Exzesse schilderten.

*
Die Eiserne Garde
erhält Munition aus Deutschland

Wie wir informiert werden, hat die Eiserne Garde in Czernowitz und in Kimpolung auf geheimem Wege Munition aus Deutschland erhalten. Die Behörden gehen dieser Spur nach.

*
Sitzung des Stadtrates
Gestern fand eine Stadtratssitzung statt, in der Bürgermeister Dr. Saveanu Bericht über die Konferenz mit den Militär- und Polizeibehörden [gab]. Aus diesem Bericht geht hervor, daß die Militärbehörden von der Stadtgemeinde Lokale zur Unterbringung der Militärmannschaft angefordert haben, da die Kaserne in Rosch zu weit gelegen sei. Die Militärbehörden forderten von der Stadtgemeinde auch die Beistellung eines Lastautos.

Der Stadtrat beschloß, Vizebürgermeister Kaczmarowski-Weiser und Generalsekretär Braileanu mit der Mission zu delegieren, sich mit dem Divisionskommandanten und dem Kommandanten der Gendarmerie, Oberst Topor, in Verbindung zu setzen, um die notwendigen Lokale für die Militärmannschaft ausfindig zu machen.

In der Stadtratssitzung von heute sollen die Referenten über die unternommenen Schritte Bericht erstatten. Für die Unterbringung der Militärmannschaft kommt entweder das Pavillontheater in der Russischengasse oder der Tanzsaal Fieles in Frage. Vorläufig beschloß der Stadtrat, für einen Teil der Mannschaft das Lokal Beer, das der Primaria gehört, zur Verfügung zu stellen.

Was das Lastauto betrifft, werden Generaldirektor Scalat und Chefingenieur Blum sich mit dem Kommandanten der Feuerwehr, Oberst Cantemir, in Verbindung setzen und in der heutigen Sitzung des Stadtrates hierüber Bericht erstatten. Im Prinzip sprach sich der Stadtrat für die Anschaffung dieses Lastautos aus, das übrigens dem Bauamt zur Verfügung gestellt wird.

Es kam auch der Fall des Beamten der Stadtgemeinde, Costache, der sich an den Exzessen beteiligt hat, zur Sprache.

Generaldirektor Scalat und Generalsekretär Dr. Braileanu wurden beauftragt, die notwendigen Maßnahmen gegen Costache zu ergreifen.

*
Die jüdische Reichspartei fordert alle durch die antisemitischen Exzesse Geschädigten auf, ehestens ihre Schäden (Höhe derselben und Beweismittel) dem Sekretariat, Kanzlei Dr. Schmelzer, Karolinengasse Nr. 9, bekanntzugeben.

*
Nazibanden auch in Siebenbürgen
Behörden schreiten ein

Temesvar, 20. April (Tel. des „Tag“). Gestern kam es in Sibiu zu einem Zwischenfall, dem folgende Ursache zugrunde liegt:

Zwei junge Leute, Rodeanu und Boanta, erschienen beim Brunnen Falkenhayn und versuchten, das Ornament, welches einen Storch darstellte, wegzuschaffen. Zu dieser Prozedur hatten sich mehrere tausend Menschen eingefunden.

Am Abend versuchte der Schuster Zilman das Ornament wieder anzubringen, wobei en gewisser Bening mit einem Schlachtmesser in der Hand Schmiere stand. In diesem Moment erschien aber Gheorghe Buruiana, und es entwickelte sich zwischen beiden Gruppen eine regelrechte Schlägerei. Es bildeten sich zwei Lager, und zwar Sachsen und Rumänen. Die Sachsen verlangten die Beibehaltung des Storchornaments, während die Rumänen die Entfernung verlangten, mit der Begründung, daß dieses Ornament eine Beleidigung an die Adresse Rumäniens bedeute. Die Behörden schritten ein und stellten die Ruhe wieder her.

Propagandabüro der Nazis
In Braschow [Brasov] hat sich vor nicht langer Zeit ein Büro für Nazipropaganda gebildet. In diesem Büro werden Werke der Hitlerliteratur und Karikaturen der Gegner Hitlers affichiert.

Viele Bürger der Stadt machten die Behörden aufmerksam, daß dieses Büro gegen den Staat Propaganda macht und sogar die Hakenkreuz-Fahne statt der rumänischen gehißt habe.

Auf Grund dieser Anzeige sind die Behörden eingeschritten. Der Polizeiquästor, Oberst Voina, hat die sofortige Sperre des Lokals angeordnet.

(330422r3)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Rosenberg
Klaus Binder
 
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Nr. 332, Sonntag, 23.04.33

Postby Klaus Binder on 25. April 2011, 20:42

Seite 1

Amtlich: Von der Nazikaserne zogen die Huligans [S. 1, Mitte, oben]
Ein offizielles Kommuniqué des Innenministeriums

Bukarest, 21. April (Tel. des „Tag“). Das Innenministerium verlautbart ein offizielles Kommuniqué über die Zwischenfälle in Czernowitz:
Auf Grund der bis jetzt im Innenministerium von den Militär- und Zivilbehörden eingetroffenen Nachrichten wurde festgestellt, daß ungefähr 200 Manifestanten Dienstag um dreiviertel 8 Uhr abends vom Heime der christlichen Liga in der Russischen Gasse aus gegen den Ringplatz zogen und dort mit Stöcken und Holzlatten auf alle, die ihnen in den Weg gekommen sind, losgeschlagen haben. Einige Personen, unter ihnen auch Wachleute, wurden verletzt. Es wurde eine Reihe von Fensterscheiben eingeschlagen und in einigen Geschäftslokalen nicht unerheblicher Schaden angerichtet. Die Höhe des angerichteten Schadens konnte bis jetzt nicht vermittelt werden. Die Exzesse dauerten eine Stunde, worauf dann durch Ausrücken des Militärs die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt wurde.

(330423c1)


Seite 2

Sechzigtausend [S. 2, oben, links]
Sechzigtausend Juden wohnen
In der „Hauptstadt“ Czernowitz.
Sechzigtausend Juden frohnen
Emsig schaffend wie die Drohnen
Auf dem angestammten Sitz.

Sechzigtausend Juden bilden
Eine Mehrheit in der Stadt.
Und Sie sehn mit einem milden
Lächeln zu dem Werk der Wilden,
Das sich jetzt entwickelt hat.

Sechzigtausend Juden werden
Vor der Angst bleich wie der Tod.
Und sie eilen mit Beschwerden
Schreckerfüllt zu den Behörden,
Weil man sie bedroht.

Sechzigtausend Juden schlägt man
Ihre Fensterscheiben ein,
Sechzigtausend Juden legt man
Auf die Schultern; spielend fegt man
Sie hinweg. Es folgt Gewein.

Sechzigtausend Juden leben
In der Stadt der Hitlersucht.
Sechzigtausend Juden beben,
Zittern, jammern, zagen - heben
Erstens mal das Bein zur Flucht.

Und dann kommt das Protestieren,
An Behörden der Appell,
Heldisches Polemisieren,
Ethik, Theoretisieren:
Denn das kann man. Gut und schnell.

Sechzigtausend Juden zittern,
Vor dem Häuflein Vorstadtrittern.
Heil! So soll’n sie weiter zittern!
Heil! Denn so verdienen sie’s.
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330423c2)


Wolf Jacob gestorben [S. 2, links, Mitte]
Der Bukowinaer Industriellenverbund und ebenso die Bukowinaer Kaufmannschaft haben einen schweren Verlust erlitten. Herr Wolf Jacob, Großindustrieller und Seniorchef der Textilfabrik Dr. Hain & Co., in Czernowitz, ist am 18. April, nach kurzem Leiden in Wien verschieden und am nächstfolgenden Tage unter großer Beteiligung am Wiener Zentralfriedhofe beigesetzt worden. Herr Wolf Jacob, der aus kleinen Anfängen in den Nachkriegsjahren die hierorts bestbekannte Textilfabrik Dr. Hain & Co. ins Leben rief, galt als tüchtiger und erfahrener Fachmann der Textilbranche und erfreute sich allseits durch seine ihm eigene Liebenswürdigkeit und kaufmännische Klugheit größter Sympathien. Der Verblichene, der sich vielfach auf caritativem Gebiete beteiligte, war Jahre hindurch Mitglied des Rates der jüdischen Gemeinde, Mitglied mehrerer Vereine und auch lange Zeit Vizepräsident des Kommis- und Buchhaltervereines. Alle Institutionen, in denen Herr Jacob tätig war, hatten Parte ausgegeben. Der tieftrauernden Familie und insbesonders seinem Schwiegersohne, dem nunmehrigen Inhaber der Firma Dr. Hain & Co., Herrn Dr. Heinrich Hain, mit welchem den Verblichenen ein beispielloses Freundschaftsverhältnis verband, wendet sich allgemeine aufrichtige Teilnahme zu.

(330423t2)


Panait Istrati leidend in Bukarest [S. 2, oben, rechts]
Vor mehr als einem Jahrzehnt tauchte der Name Panait Istratis auf. Ein Südrumäne, der die halbe Welt durchwandert hatte, in unzähligen Berufen tätig war, ein unsteter Wanderer, hatte er, elend und vereinsamt, in Paris einen Selbstmordversuch begangen und sandte nun aus einem Pariser Hospital einen von glühender Begeisterung erfüllten Brief an Romain Rolland. Dieser, erschüttert von der reinen und aufrechten Menschlichkeit, die ihm aus den Zeilen des Briefes entgegenströmte, suchte den kranken Dichter persönlich auf und redete ihm zu, die Erlebnisse seines abenteuerlichen Lebens niederzuschreiben. In der Folge entstanden Istratis vielgerühmte in französischer Sprache verfaßte Bücher, die die Welt des Dichtervagabunden Gorkyj in die strahlendere üppige Welt des südlichen halborientalischen Rumänien übertragen. Der für die Idee des Kommunismus Begeisterte kehrte ernüchtert und enttäuscht von einer Rußlandreise nach Westeuropa zurück. Die Verkünder der neuen Lehre, für die sein Herz in Begeisterung geglüht hatte, nannte er Mörder am Menschentum und schilderte in zwei Büchern, die die Welt aufhorchen ließen, die Eindrücke seiner Reise. Nun wurde es still um den einst Vielgerühmten. Die, die den „Proletarierdichter“ auf ihr Schild gehoben hatten, wandten sich nun nach seinem Bekenntnis gegen das Sowjetregime von ihm ab. So kehrte vor einigen Jahren der Heimatlose in seine alte Heimat zurück. Man erinnert sich noch eines Attentates, das hier auf ihn versucht wurde. So empfingen seine Heimatgenossen ihren größten Dichter. Man erfuhr später, daß sich Istrati in einem kleinen Häuschen unweit der Stadt Braila, der er in der Erzählung „Nerrantsoula“ ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat, niedergelassen hatte und hier in nazarenischer Einfachheit lebte. Die Welt hatte den in freiwillig gewählter Einsamkeit lebenden Dichter, der sich nie dem Willen einer Partei oder dem Zwange eines Berufes beugen wollte, vergessen.
„Ich habe“, sagt Panait Istrati wörtlich, „meiner Mutter nicht gehorchen wollen, als ich sie mit 12 Jahren verließ, um mir mein Brot zu verdienen und frei über mein Leben zu verfügen. Ich habe mich geweigert, der Sklave eines Berufes zu werden, indem ich deren ein Dutzend schlecht und recht ausübte. Als ich, sehr gegen meinen Willen, zum Militär mußte, ungeeignet hiefür und trotzdem in die Kaserne gesteckt, habe ich alle möglichen Tollheiten gegen meine Gesundheit begangen, so daß ich nach Ablauf eines Monates vom Militärdienst enthoben wurde. Zwei Kriegen bin ich ausgewichen, indem ich weit von meinem nationalen Herde floh, die mit ihren Führern im Chorus blökte. Ich habe mich nicht dazu verstehen können, ein Heim zu gründen, aber auch keiner Frau eine unfreiwillige Nachkommenschaft aufgezwungen. Ich habe nie Mitglied einer Partei sein wollen, eines Vereines oder einer Berufsorganisation. Und wenn dies gezwungenermaßen geschah, so habe ich nie mehr als einen Monatsbeitrag bezahlt. Schließlich gab es nie eine Fabrik, eine Werkstätte oder sonstige Arbeitsmöglichkeit, der es gelungen wäre, mich auch unter den allergünstigsten Umständen länger als drei Monate festzuhalten.“
Aus Paris erfährt man nun die erschütternde Kunde, daß Istrati im Sanatorium Filaret in Bukarest schwer krank darniederliegt. Die „Nouvelles Littéraires“ veröffentlichen einen Brief Istratis, der erschütterndes Zeugnis von dem Schicksal dieses unsteten Weltwanderers ablegt. „Jeder Tag, den Sie leben, ist dem Tode abgerungen“, hat der Sanatoriumsarzt offen dem leidenden Dichter erklärt. - Aus Paris muß man erst erfahren, daß Rumäniens größter Dichter, in der Hauptstadt seines Heimatlandes mit dem Tode ringt.
A. K.

(330423a2)


Seite 3

Polizeiquästor Amarescu abberufen [S. 3, oben, links]
In der gestrigen Ausgabe des „Tag“ war auf Grund einer uns aus Bukarest offiziell zugekommenen Nachricht mitgeteilt, daß das Ministerium des Innern im Zusammenhang mit den Exzessen am Dienstag Veränderungen in der Polizeiquästur beschlossen habe. Gestern ist die Verständigung eingetroffen, daß vorläufig Polizeiquästor Amarescu, der vor einigen Tagen hier den Dienst übernommen hat, von seinem Posten abberufen wurde, um einem anderen Dienstzweig zugeteilt zu werden. Diese Verfügung des Innenministeriums hat hier große Ueberraschung hervorgerufen.
Es verlautet, daß Polizeiquästor Amarescu gegen diese ungerechtfertigte Versetzung Schritte unternehmen wird.
An Stelle des von seinem Posten enthobenen Polizeiquästors Amarescu hat das Innenministerium den Subinspektor Nicolae Costescu mit uneingeschränkter Machtvollkommenheit zum Leiter der Quästur delegiert. Subinspektor Costescu hat gestern mittags sein Amt bereits übernommen.

(330423c3)


Seite 4

Wimmelndes Rom
500.000 in der Peterskirche. - Pilgerzüge und Einzelgänger. - Papst und Duce. - Die Weltstadt des Südens
Von Dr. Gustav Eberlein


Rom, Ostern 1933
Man muß gleichzeitig in allen frommen Chroniken und in den Acta diurna Cäsars blättern, um den Geist zu spüren, der heute über dem Tiberbabel liegt. Die Jahrhunderte gehen durcheinander hindurch wie Schatten, Propeller donnern in die Ohren der Imperatoren und Pilger knien vor dem Kreuze, als ob sie in der Katakombenzeit lebten. Der Duce springt hoch zu Roß wie Rienzi unter das Volk, der Papst spricht im Rundfunk. Am Tempel der Venus Genetrix, soeben wird er wieder aufgerichtet, halten Zeitungsomnibusse aus Deutschland. Ein chinesischer Fußpilger trifft nach dreijähriger Wanderung auf der Straße des Imperiums ein. Und auch die Sonne, unter der die Arena im Kolosseum schmachtet und der Asphalt des Corso raucht, ist die gleiche. Roma eterna, ewiges Rom!
Am Sonntag nach dem Anbruch des Anno Santo wälzten sich derartige Menschenmassen nach der Peterskirche, daß der größte Tempel der Christenheit zehnmal vollgestopft werden konnte. Auf einmal faßt er rund fünfzigtausend Besucher, also werden es fünfhunderttausend im ganzen gewesen sein. Oder mehr. Davon waren hunderttausend Fremde, die alle wenigstens einmal in Rom übernachten wollen. Kein Hotelier, kein Herbergsvater spricht von einer Krise.
Auf Wochen hinaus ist in der Hauptstadt keine Unterkunft mehr zu haben, selbst in Frascatti, in Ostia, ja im 60 Kilometer weit abliegenden Anzio irren Reisende nach einem Obdach herum. Und Stunde für Stunde speit der Bahnhof neue Massen aus, zu Hunderten werden Pilgerzüge gemeldet, kein Nationalschild fehlt an den Automobilen und Autobussen.

*
„Aus allen Weltteilen, einzeln oder in Gruppen und Scharen, mit allen Verkehrsmitteln oder auch Wochen und Monate einsam zu Fuß pilgernd, strömten die Gläubigen herbei - von Island bis zum Kap der guten Hoffnung, von der skandinavischen Halbinsel bis Australien, von Kanada bis Chile. Und es waren Hundert- und aber Hunderttausende, Menschen aller Zungen und Nationen, aller Klassen und Berufe, Bischöfe und Priester, Adel und Volk, Parlamentarier und Künstler, Lehrer und Erzieher, Arbeitgeber, Arbeiter, Industrielle und Bauern, alte Veteranen und frische Jungen ...“
So sagte Pius XI. in seiner Konsistorialansprache am Schlusse des heiligen Jahres 1925, er forderte die Gläubigen auch in diesem außerordentlichen Anno Santo auf, in Scharen nach Rom zu kommen - und es ist, als ob aller Zeitennot zum Trotz niemand fehlen wolle. Die italienischen Bahnen bewältigen den Ansturm mit militärischer Genauigkeit, jetzt bewähren sich die neuen Autostraßen und der Weitblick Mussolinis, der von einer Konkurrenz zwischen Bahn und Auto nichts wissen wollte, sondern im Gegenteil die engste Zusammenarbeit forderte.
Unter den fremden Pilgern stellen die Deutschen die Mehrheit und auch unter den Einzelgängern hält bisher ein biederer Bayer den Rekord. Denn dieser Johannes Baptistus Müller aus Rosenheim will sein Kreuz buchstäblich nach Rom tragen, er hat es 2 Meter 10 lang und 27 Kilo schwer - auf seinen achtundfünfzigjährigen Rücken genommen und ein Gelübde getan, sich nicht von ihm trennen, noch Almosen annehmen zu wollen und vor allem jedes Verkehrsmittel zu meiden. So kam er bis Padua, der heilige Antonius hatte seine Freude an ihm, aber dann zog sich der Weg halt gar arg in die Länge. Es war März und die Sonne brannte ihm das Kreuz ins Fleisch. Zur Eröffnung der heiligen Pforte wollte er unbedingt in Rom sein. Es erwies sich als unmöglich. Die Automobilisten, die es ja gewohnt sind, allerhand Leute unterwegs aufzufischen, hielten mit einer einladenden Gebärde auch vor dem Kreuzträger mit dem wallenden Patriarchenbart und - um es ganz leise zu gestehen - er zeigte sich nicht abgeneigt, er nahm Platz. Da sperrte sich das Kreuz. So ein Cabriolet ist nicht nach seinem Maß gebaut. Aber da er sich nicht von der heiligen Last trennen wollte, bleibt ihm nur ab und zu ein Lastwagen. Gegenwärtig schleppt er sich noch durch die Apenninen.

*
Mussolini will nicht ruhen, bis alle seine Italiener Rom gesehen haben, um des neuen Geistes voll heimzukehren und das stolze Bewußtsein, wieder Römer zu sein, zu übertragen und vererben auf Kind und Kindeskind. In Tausendergruppen, zu Fünftausend und Zehntausend werden herangezogen: heute die Arbeiter aus den Turiner Fabriken, morgen die Weinbauern aus Neapel, die Romaghnolen machen auf ihrem Zuge nach den urbar zu machenden pontinischen Sümpfen vor der römischen Wölfin halt, es ziehen die Lehrer aufs Kapitol, die Ingenieure strömen in die Ausstellungen, die Depolavoristi (aus der das ganze Reich umfassenden Freizeitorganisation) huldigen dem Duce auf der Piazza Venezia, er spricht zu ihnen, er führt sie zum Altar des Vaterlandes.
Dort häufen sich in diesen Tagen die Lorbeerkränze am Grabe des unbekannten Soldaten, dort lodern die ewigen Flammen. Es ist viel Gebärde in den unaufhörlichen Paraden, Pose, wenn man will, in den Umzügen, es ist Reklame meinetwegen, aber es ist Staatsreklame, Volkspropaganda, wie keine andere geeignet, die letzten Reste des unter jahrhundertelanger Fremdherrschaft eingewachsenen Minderwertigkeitsgefühls zu vertilgen. Sucht der Papst durch das Festhalten an den alten Gebräuchen, Prunk und Feierlichkeit den alten Bau der Kirche zu erhalten, der Duce schmiedet am Feuer der großen Vergangenheit das Reich.

*
Brodelndes wimmelndes Rom! Die dreizehn Hügel herab schießen die Menschenströme in den schmalen Kessel um das alte Marsfeld, so verwirrend und so gefährlich anzuschauen sind die Strudel und Wirbel, die sich auf dem Corso, an der Post, in der Via Nationale, unter dem Quirinaltunnel bilden, daß so mancher Provinzler den Mut, sich hineinzustürzen, nicht mehr aufbringt. Die Autobusse scheinen nur einmal auf die Hupe zu drücken, am Morgen bei der Ausfahrt, und tosen unter diesem Dauerheulen durch die gehsteiglosen Straßenschlachten [Straßenschluchten], als würden sie - nein, sie werden andernfalls bestraft: für jede halbe Minute, die der Führer zu spät an seinem Knoten- und Kontrollpunkt eintrifft, wird im etwas vom Lohn abgezogen. Rücksichtnahme ist verpönt, unten wie oben. Die Automobile kämpfen erbittert um die unzureichenden Parkplätze. Daß die Radfahrer kein Verkehrsgesetz auf sich anwenden lassen, ist schon weltbekannt. Wie die Fußgänger ihre Haut retten? Ihre Sache!
Mussolini hat die Ausstellung der faschistischen Revolution bis 28. Oktober verlängert. Halbe Fahrpreise, wer sie besucht. Siebzig Prozent! Zu manchen Stunden will der Eintritt erkämpft sein.
Alle Hochzeitspärchen nach Rom! Achtzig Prozent Ermäßigung. So ist das Reiseziel auch für die ausländischen gegeben. Wird Venedig eifersüchtig werden? Kein Grund vorhanden, am 21. April wird die Landverbindung zur Lagunenstadt eröffnet. Hochgaragen nehmen die Autos auf. Dann aber - nach Rom!
Im Trubel dieser Tage, im Gewühl des kirchlichen und faschistischen Jubiläumsjahres erkennt man: Rom tritt in die Spuren des antiken Imperiums, die Weltstadt des Südens ist im Werden.

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Seite 7

Die Dienstag-Exzesse [S. 7, oben, links]
im Spiegel der Hauptstadtpresse

Bukarest, 21. April (Tel. des „Tag“). Im „Neamul Romanesc“ befaßt sich Professor Iorga mit den Exzessen in Czernowitz und schreibt u. a.:
„Zwei Zivilisationen stehen einander gegenüber. Eine sucht die andere zu vernichten. Die alte Zivilisation ist ethisch, christlich und römisch und bedeutet Respekt für das Recht, Menschenliebe und die Liebe zu allem Schönen; die neue Zivilisation kennt nicht das Rechtsprinzip. Diese Zivilisation schreit, bedroht, greift an und tötet. Deshalb ist es erklärlich, daß alle Länder in ihrer demokratischen Auffassung gegen diese Zivilisation Protest erheben.“
„Viitorul“ schreibt: Die Vorgänge in Czernowitz müssen den Behörden zu denken geben. Ukrainisch-hitlerische Banden haben Geschäftslokale devastiert, obwohl die Kaufleute die Behörden rechtzeitig aufmerksam gemacht haben, was vorbereitet wird. Maßnahmen wurden nicht ergriffen. Der Eindruck, daß in Czernowitz keine Autorität besteht, kann nicht weggewischt werden. In Bukarest gibt es Parteistreitigkeiten und eine Regierung in voller Krise; in Czernowitz Indolenz und Mangel an Energie. Das alles beweist, daß das Land von einer chaotischen Regierung, bar jeden Prestiges, regiert wird.
Das französische Organ der Liberalen „L’Independance Roumaine“ schreibt: In Czernowitz, dem Sitz eines Ministeriums, dem Sitz von Militärbehörden, konnten sich in einer Zeit des Belagerungszustandes Manifestationen ereignen, die gegen die Staatsordnung gerichtet waren. Rechtsgerichtete rumänische Elemente, deutsche Hitleristen, rebellische Ukrainer und Individuen aus den Vorstädten haben sich zu diesen Exzessen vereinigt. Das Regime Hitlers, gegen welches die gesamte Weltmeinung Stellung genommen hat, darf in Rumänien nicht Platz greifen.
Das Organ der Jungliberalen „Miscarea“ schreibt:
Eine Handvoll Minoritäten, angeeifert vom Strohfeuer der Berliner Nazis, hat im Vereine mit einigen „Nationalisten“ Wohnungen devastiert, Frauen und Kinder geschlagen und friedliche Bürger mit Messerstichen verletzt. Mehrere Stunden war die Stadt diesen Banden ausgeliefert, obwohl die Regierung alle Machtmittel besitzt, derartige Ereignisse zu verhindern. Wir können nicht fragen, warum die Regierung keine Maßnahmen ergriffen hat, da sie bis zur Stunde nicht einmal einen Bericht über die Vorfälle erhalten hat. Wir fragen nur, was die Regierung dazu sagt, daß eine Handvoll Minoritäten, denen wir die freundschaftliche Hand entgegenstrecken, revisionistische Propaganda betreibt und Aktionen des Banditismus begeht.
„Tara Noastra“ das Organ des früheren Innenministers Goga, schreibt: Seit Tagen ereignen sich im Lande Vorfälle, die der Regierung die Augen öffnen mußten. In einigen Städten haben sich Zwischenfälle ereignet, so in Sibiu und Brasov, und nun in Czernowitz. Was uns wundert, ist das komplette Versagen der Staatsautorität. Wozu wurde ein Ausnahmsgesetz votiert, wenn heute friedliche Bürger auf offener Straße malträtiert werden? Was für ein Staat ist derjenige, in welchem jeder machen kann, was er will? Eine Regierung aber, die den Ernst dieser Strömung nicht erfassen kann, wird auch nicht in der Lage sein, Ordnung zu schaffen.
Dreptatea“, das offizielle Organ der Regierungspartei, schreibt: Wir waren immer für ein friedliches Zusammenleben mit der deutschen und ukrainischen Minorität. Um so eher sind die Vorfälle am Osterdienstag in Czernowitz zu bedauern. Diese Vorfälle erinnern an ähnliche cuzistische Vorfälle vor einigen Jahren. Diesmal handelt es sich um Manifestationen der Ukrainer und Deutschen, die auch gelegentliche Anhänger des antisemitischen Hitlerismus sind. Ihr Ziel waren Devastierungen und Prügelszenen. Ist das der Kampf für ein nationales Prinzip? Es ist zu hoffen, daß eine Aufklärung von der Masse der Bevölkerung, die sich bis heute in die rumänischen Verhältnisse einzuordnen wußte, rechtzeitig kommen wird. Die Bukowiner Bevölkerung will von derartigen Vorfällen verschont werden, und die Pflicht der Behörden ist es nun, die Schuldigen zu fassen und strenge zu bestrafen.

Argetoianu schreibt im „Pamantul nostru“: Die Behörden haben wieder einmal ihre Unfähigkeit bewiesen. Eine Bande Ukrainer und Deutsche, vereint mit Taschendieben und Antisemiten, hat friedliche Bürger angegriffen. Geschäfte wurden geplündert. Bei den Masakres waren die Behörden abwesend. Es ist wahr, daß sich die Ereignisse an einem Feiertag abgespielt haben. Sollten Feiertage der Anarchie und dem Verbrechen gewidmet sein?

Unter dem Titel „Jidanii“ schreibt die „Patria“, das offizielle Organ der Siebenbürger Nationalzaranisten, u. a. wie folgt: In der heiligen Schrift ist nichts von Rassenhaß oder Rassenkampf zu lesen. Im Gegenteil. Man kann vielleicht behaupten, daß die Juden in zwei Richtungen gespalten sind, die eine, die das Christentum bekämpft, die andere, die für das Christentum Propaganda macht. Wenn wir gegen die eine Richtung sind, müssen wir der anderen dankbar sein. Wo ist hier die Logik, daß eine große Gefahr besteht, da auch Jesus Christus vor der großen Masse der Juden sich nicht fürchtete? Es wäre vielleicht Gefahr, wenn wir die Juden als Uebermenschen, mit göttlichen Gaben ausgestattet, betrachten sollten. Die Juden sind aber Menschen wie wir alle, mit Freud und Leid. Das deutsche Märchen, daß die Juden am Krieg schuldig sind, ist ebenso wahr, die die Anschauung Ludendorffs, daß Deutschland verurteilt wurde, den Krieg zu verlieren. So viel uns bekannt ist, sind Kaiser Wilhelm, der deutsche Kronprinz, die Generäle und die deutschen Diplomaten keine Juden. Die Juden, wenn unter ihnen auch solche sich befinden, haben Defekte, aber eine Gefahr sind sie für uns nicht.

Eine Erklärung des Dr. Straucher
Zu den Vorfällen am Dienstag teilt uns der frühere Abgeordnete Dr. Straucher u. a. mit, daß er sich gerade auf dem Heimwege vom Waisenhaus befand, als am Ringplatz der bekannte Rummel losging. Die Menschen eilten erschreckt durch die Gassen und in der Stadt wurden verschiedene Gerüchte verbreitet. Es war eine Stimmung wie bei einer Revolution. Er konnte feststellen, daß alle Rolläden sofort heruntergelassen wurden, und daß in der Apotheke Gläsner ein junger Mann mit Namen Gheorghian von den erhaltenen Messerstichen behandeln ließ. Den Ernst der Situation erfassend, versuchte er sowohl beim Polizeiquästor als auch beim Bürgermeister zu intervenieren, aber ohne Erfolg, da beide Herren nicht angetroffen wurden. Erst über seine Veranlassung habe der Minister Sauciuc-Saveanu angeordnet, daß Gendarmerie und Militär ausrücke, um die Bürger zu schützen. Nach Auffassung des Herrn Dr. Straucher müßte der angerichtete Schaden aus Gemeindemitteln ersetzt werden.

Gründung rumänisch-jüdischer Kulturzirkel
Für heute, den 21. d. M, hat Herr Minister Dr. Sauciuc-Saveanu die jüdischen Exponenten der nat. zar. Partei zu einer Besprechung eingeladen, an welcher auch der Generalsekretär der Provinzorganisation, der gewesene Abgeordnete Dr. Jeleriu, der Bürgermeister Dr. Sauciuc-Saveanu und Vizebürgermeister Baranai teilnahmen. In mehr als zweistündiger Aussprache wurden alle aktuellen Fragen durchberaten. Hiebei wurde die Aufmerksamkeit des Ministers darauf gelenkt, daß mehr noch als die Bevölkerung von Cernauti die in der Provinz eventuell geplanten Exzessen ausgesetzt ist und daß rechtzeitige Vorbeugungsmaßnahmen zu treffen wären. Hiebei führte die Delegation neuerlich Beschwerde gegen die verantwortlichen leitenden Organe der Polizei und ersuchte den Minister um Enthebung der schuldigen Funktionäre. Einen besonderen Raum in der Debatte nahm die Notwendigkeit einer aufklärenden Tätigkeit unter der Bevölkerung gegen antisemitisch-hitlerische Bewegung ein, und so wurde beschlossen, mit einer solchen baldigst einzusetzen und zu diesem Zwecke überall in Stadt und Land Versammlungen abzuhalten, gegen die verantwortungslose Hetze energisch aufzutreten und die erregten Gemüter zu beruhigen. Man kam zum Schlusse, daß, was die Juden in Rumänien betrifft, eine Stärkung deren Stellung innerhalb Rumäniens nur dadurch erzielt werden kann, daß die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Rumänen und Juden ausgebaut und vertieft werden, zu welchem Zwecke rumänisch-jüdische Kulturzirkel zur Förderung gegenseitigen Verständnisses und Aussprache in Kürze gegründet werden. gezeichnet: Dr. Jeleriu Generalsekretär der Provinzorganisation.

Herr Costache nicht Beamter der Stadtbibliothek. Der Leiter der Stadtbibliothek, Herr Dr. V. Banateanu, ersucht um die Richtigstellung, daß Herr Ion Costache nicht unter den Beamten der Stadtbibliothek figuriert.

Erkrankung eines verhafteten Exzedenten. Der bei den Exzessen am Dienstag verhaftete Student Dumitru Galca ist im Arreste erkrankt. Der königliche Kommissär hat die Ueberführung des erkrankten Häftlings ins Spital veranlaßt.

Der Exzedent Ionescu - nicht Mitglied des Nationaltheaters. Das Nationaltheater in Czernowitz ersucht um die Feststellung, daß Valentin Ionescu, der an den Exzessen am 18. April teilgenommen hat, nicht Mitglied des Nationaltheaters, sondern nur Schüler des Konservatoriums für Schauspielkunst ist.

(330423r7)
Klaus Binder
 
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Nr. 333, Dienstag, 25.04.33

Postby Klaus Binder on 26. April 2011, 02:21

Seite 2

Beratung in der Division [S. 2, oben, Mitte]
Samstag, 10 Uhr abends, fand unter dem Vorsitz des Divisionsgenerals Jacob eine Beratung statt, an der die Vertreter der lokalen Behörden teilnahmen. Es wurden die bis jetzt getroffenen Maßnahmen erörtert und festgestellt, daß die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt wurde.

Der „Scharfschütze“ für einen Monat verboten
Es wurde der Beschluß gefaßt, das hier erscheinende Organ der Nazis „Der Scharfschütze“ bis zum 15. Mai zu verbieten.
Wie wir erfahren, hatte Bürgermeister Dr. Saveanu beim Generalinspektor der Siguranta, Anghelescu und beim Divisionsgeneral für die Einstellung des „Scharfschützen“ interveniert.

Es herrscht Ruhe
Sonntag vormittags hat Generalinspektor Costescu, der Leiter der Polizeiquästur, persönlich am Ringplatz und in der Herrengasse die Polizei- und Gendarmerietruppen inspiziert und Anordnungen gegen Ansammlungen erteilt.
Im Laufe des Sonntags herrschte in der Stadt vollkommene Ruhe.

(330425c2)


Seite 3

Das Neueste aus Nazi-Deutschland [S. 3, oben, links]
In einem Artikel des preußischen Naziführers Kube, der im „Preußischen Pressedienst“ der nationalsozialistischen Partei erschienen ist, heißt es:
„Das Kaisertum der Hohenzollern war judenfreundlich und ist daran zugrunde gegangen. Die Republik von Weimar war judenhörig und ist daran noch schneller zugrunde gegangen. Das Dritte Reich Adolf Hitlers lehnt das Judentum ab und wird darum dauern. Der Jude möge sich daran gewöhnen, bescheiden und unbeachtet im Rahmen deutscher Gesetze seinem Gewerbe nachzugehen. Das Judentum hat in Deutschland für Jahrhunderte ausgespielt.
Wie die nationalsozialistische Partei mitteilt, ist der Andrang zur nationalsozialistischen Partei nach der Machtergreifung so ungeheuer geworden, daß sich die Reichsleitung in München veranlaßt sieht, mit Wirkung vom 1. Mai bis auf weiteres eine Mitgliedersperre zu verfügen.
Aus Speyer wird gemeldet: Im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung hat der kommissarische zweite Bürgermeister angeordnet, daß im Sommer in den städtischen Badeanstalten besondere Badezeiten für die Juden eingerichtet werden.
Einer vom Gauleiter der nationalsozialistischen Partei in Neustadt an der Havel erlassenen Bekanntmachung entnehmen wir:
Juden können in Zukunft nur noch entlassen werden, wenn je zwei Bittsteller, beziehungsweise die Krankheitsbescheinigungen ausstellenden Aerzte an Stelle der Juden die Haft antreten.
Der Polizeipräsident von Breslau hat die einstweilige sofortige Einziehung der an Personen jüdischen Glaubens oder ehemals jüdischen Glaubens erteilten Waffenscheine, Waffenerwerbscheine, Munitionserwerbscheine oder Jagdscheine angeordnet.
Mittwoch abend veranstaltete der Bund nationalsozialistischer deutscher Jungen im Zirkus Krone in München eine Kundgebung, deren Parole lautete: „Hinaus mit den Juden aus der deutschen Rechtspflege und der deutschen Rechtsprechung. Wir fordern deutsche und deutsche Rechtsanwälte“. Minister Frank sagte: „Ich weiß nicht, aber es kann Jahre dauern, bis die Juden wieder zugelassen werden.“

*
Infolge Mißhandlung durch die Nazis die Sprache verloren
Was drei polnische Staatsbürger Ostersonntag in Berlin erlebten

Warschau, 21. April. Amtlich wird aus Königshütte gemeldet: Gestern haben drei polnische Staatsangehörige, die bisher in Berlin lebten, die polnische Grenze bei Beuthen überschritten. Es handelt sich um den 55jährigen Johann Knispel und seine beiden Söhne. Sie gaben bei den Grenzbehörden zu Protokoll, daß sie in der Nacht zum Ostersonntag von etwa 20 S. A. in ihrer Berliner Wohnung überfallen wurden.
Es wurde eine Hausdurchsuchung durchgeführt, aber nichts gefunden. Schließlich stürzten sich die S. A. auf den alten Mann und seine beiden Söhne und mißhandelten alle drei. Es gelang ihnen, aus der Wohnung zu flüchten und aus Berlin abzureisen.
Knispel hat infolge der ausgestandenen Aufregungen die Sprache verloren. Die Aussagen der Söhne wurden amtlich protokolliert und den polnischen Zentralbehörden mitgeteilt.

Die Judenverfolgungen in Deutschland vor dem Völkerbund
Wien, 23. April (Tel. des „Tag“). Der österreichische Schriftsteller Sigmund Münz wendet sich in einem Appell an den Völkerbund und ersucht ihn, sich mit den Verfolgungen der Juden in Deutschland, die als Mitglieder einer ethnischen Minderheit ihrer Rechte beraubt wurden, zu befassen .

(330425w3)


Seite 4

Gegen Hitler-Methoden in Rumänien [S. 4, oben]
Die Siebenbürger Sachsen provozieren

Bukarest, 23. April (Tel. des Tag). Die der Regierung nahestehende „Lupta“ befaßt sich mit der Naziströmung in Rumänien und betont, daß noch vor drei Jahren eine solche Strömung sich bemerkbar machte, die aber von den führenden Kreisen nicht ernst genommen wurde. Während es sich aber bei den Siebenbürger Sachsen früher nur um eine Imitation des Hitlerismus handelte, ist Hitler heute den Deutschen Rumäniens politisches Dogma.
„Es ist nachgewiesen“, sagt das Blatt, „daß bei den Zwischenfällen in Czernowitz die Nazis die Hauptrolle gespielt haben. Daher nimmt es sehr Wunder, wen das offizielle Organ der Deutschen in Sibiu „Siebenbürgisch-deutsches Tageblatt“ nicht ein Wort der Verurteilung für die antisemitischen Huligans findet und behauptet, die Exzesse wären von den Juden zur Einleitung der Boykottbewegung provoziert worden“.
Noch bemerkenswerter ist eine Erklärung des sächsischen Abgeordneten Hedrich in der gleichen Zeitung, in der er an die Juden Drohungen richtet und mitteilt, daß die Sachsen traditionelle Antisemiten wären und nicht erst von Hitler zu lernen hätten.
Die „Patria“, das offizielle Organ der Regierung in Cluj, verurteilt die Provokationen der deutschen Minorität in Sibiu und betont, daß die Hitlermethoden in Rumänien nichts zu suchen hätten. Die Bewegung beginnt mit einem national-sozialistisch-inoffensiven antisemitischen Auftakt, setzt sich in Unruhen fort und soll mit einer Revision der Verträge enden. Die Deutschen aber, die die Hitlerströmung unterstützen, mögen es sich gut überlegen, was sie tun, den Zwietracht zwischen ihnen auf der einen Seite, dem Majoritätsvolk und den Juden anderseits ist ein großer Fehler, umso mehr, als es sich auch um eine revolutionäre, illegale Strömung handelt, die gegen die Interessen des Staates gerichtet ist.

Spezielle Untersuchung der Vorfälle in Czernowitz
Sturmbataillone der Nazis werden aufgelöst

Bukarest, 23. April (Tel. des „Tag“). Eine Abordnung des jüdischen Parlamentsklubs, bestehend aus dem Abgeordneten Weißmann und dem Generalsekretär der Partei, Stern, erschien gestern beim Kriegsminister und machte ihn aufmerksam, daß, obwohl der Abgeordnete Dr. Ebner die Behörden auf die Unruhen aufmerksam gemacht hatte, diese nichts unternommen haben, um die Vorfälle zu verhindern. Kriegsminister General Samsonovici erklärte, daß in die Kompetenz der Militärbehörden ausschließlich die exekutive Gewalt falle, während Hausdurchsuchungen die Polizeibehörden vornehmen müssen und hierüber den Militärbehörden zu berichten haben. Was die Sturmbataillone der Nazis betrifft, erklärt der Kriegsminister, so werden diese über Auftrag der Regierung aufgelöst. Innenminister Mironescu hat eine spezielle Untersuchungskommission mit dem Generalinspektor Pictorian an der Spitze eingesetzt, die die Aufgabe hat, über die Vorfälle in Czernowitz am Osterdienstag und das Verhalten der Polizei zu berichten. In die Untersuchungskommission soll auch ein Bukowinaer Abgeordneter delegiert werden.
Innenminister Mironescu sprach im Radio über die Unruhen in Czernowitz, die er aufs schärfste verurteilte. Die Regierung wird, so sagte der Innenminister, eine strenge Untersuchung einleiten und die Schuldigen auf Grund der bestehenden Gesetze vom Militärgericht in Jassy aburteilen lassen.

Auch in Bacau?
Die Abgeordneten des jüdischen Parlamentsklubs Mathon und Weißmann erschienen beim Innenminister und machten ihn auf die unruhige Stimmung in Bacau aufmerksam, wo Ausschreitungen geplant werden. Der Innenminister gab an die Behörden nach Bacau Auftrag, alle Maßnahmen zu ergreifen, und versprach, im notwendigen Falle ein Gendarmeriebataillon nach Bacau zu entsenden.

*
Hausdurchsuchungen in Jassy
Jassy, 23. April (Tel. des „Tag“). Bei den Organisationen der Eisernen Garde und der christlichen Liga haben gestern die Militärbehörden Hausdurchsuchungen vorgenommen. Das Archiv wurde beschlagnahmt. Ueber den Verlauf der Untersuchung wird Stillschweigen bewahrt.
In den letzten Tagen wurden aufreizende Manifeste, die die Unterschrift Hitlers tragen, beschlagnahmt. Die Behörden forschen nach dem Ursprung dieser Manifeste.

*
Cuzisten-Hitleristen „Kongreß“ in der Bukowina
Für die kommende Woche wurden „Kongresse“ der Cuzisten-Hitleristen in einigen Städten der Bukowina angesagt, und zwar am 29. und 30. April in Suczawa und Radautz. In diesen Kongressen wird Professor Cuza Bericht über seine Zusammenkunft mit Hitler erstatten. Die cuzistischen Abgeordneten Robu und Carlan unternehmen bereits Propagandareisen in der Bukowina, um die Kongresse vorzubereiten.

*
Hitlerbanden terrorisieren Schiffsreisende
Am Samstag bestiegen einige Mitglieder der Eisernen Garde in Constanta die Schiffe „Romania“ und „Prinzessin Maria“ und terrorisierten die jüdischen Reisenden. Polizei schritt ein und ordnete an, daß die Nazis die braunen Uniformen ablegen. Die Generalsiguranta wurde vom Vorfall verständigt.

Weitere Pressestimmen zu den Vorfällen am Osterdienstag
Bukarest, 23. April (Tel. des „Tag“). Unter dem Titel „Rumänische Nationalisten Arm in Arm mit fremden Irredentisten“ schreibt der „Adeverul“ zu den Vorfällen am Dienstag:
Die Behörden von Czernowitz haben mit aller Offenheit erklärt, daß die Cuzisten die Hauptrolle bei den Ausschreitungen gespielt haben. Vor kurzem wurde ein Gesetz votiert, durch welches das Tragen von Uniformen und Abzeichen verboten wird. Trotzdem wurden Sturmbataillone organisiert, die sogar öffentliche Militärübungen vollführten. Vom Sitze der Cuzisten aus wurden Waffen an die Vandalen ausgeteilt - das alles unter dem Regime des Belagerungszustandes. Wenn die Regierung die öffentliche Meinung nicht bestärken will, daß sie die Hitlerbewegung unterstützt, wenn sie es nicht wünscht, daß in Prag, Paris und Warschau die Meinung aufkommt, als wenn das Land die revisionistische Hitlerbewegung gutheißt, und wenn sie die Popularisierung Hitlers in einem Lande, welches morgen vielleicht seine Grenzen gegen denselben Hitler mit Waffengewalt wird verteidigen müssen, nicht unterstützen will, dann ist es unbedingt notwendig, ein drastisches Exempel zu statuieren und die Spitzen der Militär- und Zivilbehörden für die Nichterfüllung ihrer Pflicht in Czernowitz exemplarisch zu bestrafen.

Etwas für die Anbeter Hitlers
Eine rumänische Stimme

Bukarest, 21. April (Tel. des „Tag“). Ueber Hitler schreibt der bekannte Publizist Lenguceanu im „Neamul Romanesc“:
Die Zeremonie der Feier Hitlers im Palais des Sanssouci war eine Profanierung der religiösen Erinnerungen, der Kultur unserer Vorfahren. Hitler, der nicht imstande ist, etwas zu schaffen, da zum Schaffen Fähigkeit gehört, verfolgt die arbeitenden Juden, aber die großen Banken in Berlin: Mendelssohn, Warburg und Fürstenberg, sind von diesen Verfolgungen verschont.
Es gab eine Zeit, in der das kultivierte Deutschland von Großen wie Kant und Schopenhauer, Niebuhr und Mommsen, Schiller, Goethe und anderen großen Musikern, von Beethoven angefangen bis zu Wagner und Haydn, Männern der Wissenschaft wie Euler, Leibnitz und Einstein, erleuchtet wurde. Heute wird die Kulturpropaganda Hitlers mit dem Stock gemacht. Es wird in barbarischer Weise die jüdische Rasse verfolgt, dieselbe Rasse, die unsagbare Schätze der menschlichen Zivilisation gegeben hat. Die jungen Hitleristen werden gewiß nicht ergriffen werden beim Lesen der Gedichte des unsterblichen Heine, sie werden auch nicht gefangen genommen werden und nicht gerührt, wenn sie Werke von Mendelssohn-Bartholdy hören werden. Warum? Weil diese Juden waren. Arme junge Hitleristen! Verbrennet das Palais von Sanssouci in Potsdam, verbrennet die Theater, die Museen und die deutschen Bibliotheken. Zerstreut die Gebeine der großen Philosophen, der Dichter und der Männer der deutschen Wissenschaft von anno dazumal, der Männer, die dazu beigetragen haben, daß das deutsche Reich bewundert und geliebt wurde, in der ganzen Welt. Auf den Ruinen der Zivilisation der deutschen Kultur bringet das Bild Hitlers mit einem Stock an. Denn nur so werdet Ihr mit der Zeit Schritt halten. Die Menschheit von heute hat nicht mehr Kultur und Zivilisation notwendig, sie benötigt die Grausamkeiten eines Hitler und Stalin.

(330425r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 334, Mittwoch, 26.04.33

Postby Klaus Binder on 26. April 2011, 02:39

Seite 1

Wer soll Kaiser werden? [S. 1, oben, links]
Gerüchte - Kirche und Staat - Neurath geht doch.
(Von unserem Berliner Korrespondenten)


Die bekanntgewordene Verlobung des ältesten Sohnes des früheren Kronprinzen mit einer bürgerlichen oder jedenfalls entfernt nicht „ebenbürtigen“ Dame ist stark beachtet worden und hat in dem allerdings nicht sehr volkreichen monarchistischen Lager anscheinend eine gewisse Bestürzung erregt. Diesem monarchistischen Lager gehören außer den letzten Würdenträgern des Hohenzollernreiches bekanntlich die Deutschnationale Volkspartei und einige ihrer Nebengruppen an. Es war aber in den letzten Wochen nicht zu verkennen, daß man auch außerhalb dieser Kreise und Gruppen überall da an die Möglichkeit einer Wiederherstellung der Monarchie gedacht hat, wo man das Vorwärtsdrängen des Nationalsozialismus etwas zu stürmisch und neuerdings das Hervorheben seiner sozialistischen Ziele bedenklich fand. In all diesen Kreisen aber hat man nun mit dem Prinzen Wilhelm als dem mutmaßlich und alleinmöglichen Träger der künftigen Kaiserkrone gerechnet. Nach den Novemberereignissen von 1918 ist in den Kreisen der AU-deutschen, der damals am weitesten rechtsstehenden Organisation, das Wort gefallen, daß, wer eine Krone weggeworfen habe, sie nicht wieder aufheben könne. Damit schloß man mit dem Kaiser auch den Kronprinzen aus etwaigen Restaurationskombinationen aus und man dachte sich die Sache so, daß Prinz Wilhelm zunächst unter einer Regentschaft den Thron besteigen würde. Nun ist der Prinz längst mündig, so daß eine Regentschaft nicht mehr in Frage kommen würde; er hat sich durch seine Durchbrechung des königlichen Hausgesetzes gleichsam nun selber ausgeschaltet, wenn man sich natürlich auch sagen muß, daß über solche Hindernisse gegebenenfalls wegzukommen wäre. Ob aber dieser Fall einmal eintritt, ist mehr als fraglich. In allen urteilsfähigen Kreisen ist man sich völlig darüber klar, daß eine Wiederherstellung der Monarchie unendlich viel schwieriger wäre, als es ihre Beseitigung war, und daß sie unter den besonderen Verhältnissen Deutschlands fast unmöglich ist. Wer die Reichshauptstadt den Geburtstag Adolf Hitlers hat feiern sehen mit einem Flaggenmeer, wie man es früher nie geschaut hat, muß sich außerdem völlig klar darüber sein, daß es in absehbarer Zeit in Deutschland überhaupt keinen Machtfaktor gibt, der gegen den Nationalsozialismus aufkommen könnte. Der Nationalsozialismus hat sich aber bei wiederholten Gelegenheiten ausdrücklich gegen die Monarchie erklärt.
Unter den sonstigen Zukunftsfragen spielt die des Verhältnisses der Kirche oder Kirchen zum Staate eine nicht unerhebliche Rolle und die von den sogenannten „deutschen Christen“ geforderte einheitliche Reichskirche, die auf dem engsten Zusammenschluß zwischen Staat und Kirche beruhen würde, stößt, wie zu erwarten war, bei den kirchlichen Autoritäten der beiden Konfessionen auf erheblichen Widerstand. Als reine Utopie muß der Gedanke an einen irgendwie gearteten Zusammenschluß zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche bezeichnet werden. Aber auch innerhalb der evangelischen Welt werden die Hemmungen menschlichem Ermessen nach unüberwindlich sein. Sobald man an Fragen des Bekenntnisses rührt, und ohne das ist doch ein wirklicher Zusammenschluß nicht möglich, stößt man auf unübersteigbare Mauern, und mit den dogmatisch Gleichgültigen läßt sich nun einmal keine Kirche schaffen. Im übrigen ist die frühere enge Verbindung zwischen „Thron und Altar“ für die Kirche immer ein sehr zweifelhaftes Geschenk gewesen, die Verbindung zwischen Staat und Kirche würde es noch mehr sein.
Die Lösung der noch außenstehenden wichtigen Personalfragen, die man eigentlich für den heutigen Geburtstag des Reichskanzlers erwartet hatte, ist wieder ganz unsicher geworden; neuerdings spricht man davon, daß Vizekanzler von Papen nun doch außer dem Vizekanzleramt, das eigentlich kein Ressort hat, das Außenministerium, Freiherr v. Neurath entweder die Reichsstatthalterschaft in seiner württembergischen Heimat oder aber erneut den Botschafterposten in London übernehmen würde. Aber all das sind Gerüchte, die Tag für Tag wechseln.

(330426w1)


Nazis haben in Rumänien nichts zu suchen [S. 1, oben, Mitte]
Ein neuer Artikel der „Patria“

Cluj, 24. April (Tel. des „Tag“). Die „Patria“, das offizielle Organ der Nationalzaranisten Siebenbürgens, befaßt sich neuerlich in einem längeren Artikel mit dem Verhalten der Siebenbürger Sachsen gegenüber dem Staat und schreibt u. a.:
Innerhalb der Sachsen Siebenbürgens und in bescheidenerem Maße der deutschen Minorität des Landes gehen in der letzten Zeit Dinge vor sich, die Aufmerksamkeit verdienen. Seit Hitler die Herrschaft in Deutschland angetreten hat; scheinen diese Kreise den Verstand verloren zu haben. Zwischen dem Bischof Glondys, Hitler und General Falkenhayn besteht sozusagen eine Seelengemeinschaft, die sich aber in einer Art manifestiert, daß sie innerhalb der rumänischen Bevölkerung die größte Empörung auslösen mußte. Die Sachsen scheinen sich ihrer Tätigkeit nicht bewußt zu sein. Da wir für ein friedliches Zusammenarbeiten aller Nationalitäten sind, machen wir die Sachsen zuerst gutwillig auf ihre Hetzarbeit aufmerksam. Sollten unsere Worte kein Gehör finden, so werden auch wir einen anderen Ton anschlagen müssen.

Denn eines mögen die Herren wissen: Der Geist Hitlers und Falkenhayns haben in Rumänien nichts zu suchen, weder jetzt, noch später, sondern überhaupt nie. Wir werden es nicht dulden, daß die Sachsen, die ihren Berufen friedlich nachgehen können, Angriffe an die Adresse des Staates, in welchem sie wohnen, erheben. Das System Hitlers wird in der ganzen Welt verurteilt. Rumänien schließt sich dieser Meinung an.

Neue Zusammenstöße in Sibiu
Sibiu, 24. April (Tel. des „Tag“). Vor dem Brunnen Falkenhayn kam es gestern wieder zu Zusammenstößen zwischen Rumänen und Nazibanden. Der Pensionist Buriana hielt vor dem Denkmal eine patriotische Rede, der mehrere tausend Personen beiwohnten. Dann kam es zu den Zusammenstößen. Die Nazis, die in Minderheit waren, mußten schließlich abziehen, bevor noch die Behörden eingeschritten waren.

(330426r1)


Seite 2

Todesfall [S. 2, links, Mitte]
In Wien verschied am 25. Februar Frau Berta Gold, geb. Birnbaum, im Alter von 53 Jahren. Die Beerdigung fand am 28. Februar am Zentralfriedhof in Wien statt. Frau Gold, die eine Schwester des in Czernowitz hochgeachteten Buchdruckereidirektors Birnbaum und gebürtige Czernowitzerin war, erfreute sich in weitesten Kreisen großer Wertschätzung.

(330426t2)


Vortrag des Graphologen Helios Hecht in Suczawa [S. 2, links, Mitte]
Der Graphologe Helios Hecht hält am Mittwoch, den 26. April, in Suczawa, im großen Saal des Jüdischen Hauses, einen graphologischen Vortrag über „Elementare Charakterbegriffe und Liebe und Ehe“. Herr Hecht bereitet eine Reihe von Vorträgen in den Provinzstädten vor, was gewiß allgemeinen Anklang finden wird, wenn man die immensen Fähigkeiten des Vortragenden auf psychographologischem Gebiet und die Popularität des Graphologen im ganzen Land in Betracht zieht.

(330426a2)


Genug mit den Verleumdungen [S. 2, oben, links]
Die Boykottbewegung hatte leider zur Folge, daß auch eine Reihe von Czernowitzer Kaufleuten betroffen wurde, die ohne ersichtlichen Grund plötzlich in den Verdacht kamen, der nationalsozialistischen Idee nahezustehen und die in Deutschland vor sich gehende Aktion um die völlige Entrechtung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands zu billigen. So unrichtig es ist, den Boykott deutscher Waren auf Produktionen heimischer Industrie auszudehnen, umso mehr muß darauf geachtet werden, daß nicht Unschuldige von den gegen die deutschen Hetzer unternommenen Maßnahmen getroffen werden. Tagtäglich erfährt man davon, daß dieser oder jener christliche Kaufmann antisemitische Aeußerungen getan habe, oder daß er die hier im Anwachsen begriffene Nazibewegung durch Geldmittel ermuntere und unterstütze. Diese Gerüchte werden unkontrolliert aufgenommen, ungeprüft geglaubt, und nun werden diese Kaufleute, die meist ganz unbeteiligt sind, von den Czernowitzer Kundenkreisen energisch boykottiert.
So wurde auch Herr Longin Komarovski, der Inhaber der Butter- und Käsefabrik „EL-KA“ ein Opfer der von Czernowitzer antisemitischen Kreisen geübten Hetzpropaganda. Es waren Gerüchte laut geworden, daß Herr Komarovski die nationalsozialistische Idee ideell und materiell unterstütze. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß Herr Komarovski, der rumänischer Staatsbürger ukrainischer Nationalität ist, stets eine tolerante Haltung gegenüber allen anderen Nationalitäten eingenommen hat und der größere Teil des bei ihm beschäftigten Personals aus Juden besteht. Sowohl seine Lieferanten als seine Vertreter und Reisenden sind fast durchwegs Juden. Es ist durchaus verfehlt, diesen achtbaren Industriellen, der niemals einer Partei angehört hat und sich auch nicht politisch betätigt, für die an der Judenschaft begangenen Sünden entgelten zu lassen. Daher muß die jüdische Kundschaft, die bisher stets die Produkte der Fabrik „EL-KA“ wegen ihrer ausgezeichneten Qualität kaufte, dringend über den wahren Sachverhalt aufgeklärt werden, damit Herr Komarovski nicht unter den Folgeerscheinungen der antisemitischen Strömung unschuldig leide.

(330426c2)


Seite 3

Ankündigung
Danksagung [S. 3, links, unten]

Ausserstande, jedem Einzelnen für die vielen uns von nah und fern zugekommenen Beweise aufrichtiger Teilnahme an unserem schweren Schicksalsschlage anlässlich des Hinscheidens unseres Familienoberhauptes, Herrn

Wolf Jakob

persönlich zu erwidern, bitten wir alle unsere Verwandte, Freunde und Bekannte, unseren tiefempfundenen Dank auf diesem Wege entgegenzunehmen.

Cernauti, im April 1933.
Die tieftrauernde Familie

(330426t3)
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Nr. 335, Donnerstag, 27.04.33

Postby Klaus Binder on 26. April 2011, 23:04

Seite 1

Hitlers Alarmruf:
Revision steht vor der Tür [S. 1, oben, links]
Parole Polens: Fort mit den Deutschen

Berlin, 25. April (Tel. des „Tag“). Der deutsche Propagandadienst meldet: Die Vorgänge in Polen, die Inkraftsetzung des Boykottbeschlusses für deutsche Waren, die Verfolgungen der deutschen Minderheit in Polen, Boykott deutscher Filme und die Erklärungen der christlich-demokratischen und nationalen Arbeiterpartei im Sejm, die sich gegen Deutschland richten, haben die größte Entrüstung in den Kreisen der Reichsregierung hervorgerufen. Die Polen, so heißt es in gutunterrichteten Kreisen, haben die Parole: Fort mit den Deutschen! ausgegeben. Die Hoheitszeichen wurden von den deutschen Konsulaten abgerissen und ein deutsches Gymnasium überfallen. Deutsche Bücher werden in Polen verboten. Es ist klar, daß es sich hier nicht um Vergeltungsmaßnahmen handelt, da in Deutschland den Polen nichts zugestoßen ist. Polen hätte im Völkerbundpakt den Schutz der Minderheiten übernommen, aber jetzt, da die anti-deutschen Vorfälle sich abspielen, Polen also die Minderheitsklauseln mißachtet, muß es den Makel des Rechtsbruches auf sich nehmen. Es liegen demnach nur außenpolitische Ziele zugrunde.
Polen ist es gelungen, in der letzten Zeit mit seinem russischen Nachbarn die Beziehungen wieder herzustellen und sogar einen Nichtangriffspakt abzuschließen. Polen hat verschiedene militärische Allianzen abgeschlossen und sich bis zu den Zähnen bewaffnet. Es ist somit im Osten gesichert und sucht nun im Westen nach den deutschen Grenzen zu, seine Machtposition zu verlegen, um so die friedliche Revision, wie sie von Mussolini durch Begründung des Viermächtepakts geplant wird, zu verhindern. Diese Politik Polens ist schon deshalb unklug, weil die Revision vor der Tür steht und nicht aufzuhalten ist. Polen verfolgt aber auch den Zweck, die deutsche Regierung zu unbedachten Handlungen zu bewegen, um sie vor der Welt zu diskreditieren. Die Handlungen Polens sind aber gerade die beste Propaganda für Deutschlands Revisionsbestrebungen. Auch das Verbot der deutschen Zeitungen in Polen wird den Revisionsgedanken, der marschiert und immer näherrückt, nicht aufhalten. Deutschland wird auch weiter die Ruhe und die Nerven bewahren und bis zur Revision in Wort und Schrift gegen die deutschfeindliche Hetze in Polen protestieren, andererseits für eine Revision der Verträge eintreten.

Deutschfeindliche Demonstrationen in Lettland
Heute kam es in allen Städten Lettlands zu deutschfeindlichen Demonstrationen. In Kowno wurde in einer großen Volksversammlung der Boykott deutscher Waren beschlossen.

Benesch: Mit aller Macht gegen die Revision
Prag, 25. April (Tel. des „Tag“). Der tschechoslowakische Außenminister Benesch erklärte im Parlament in Bezug auf Mussolinis Viermächtepakt,
daß sich die Tschechoslowakei und die gesamte Kleine Entente entschieden gegen die Verwirklichung dieses Projektes ausspreche. Die Kleine Entente werde mit allen ihr zu Gebot stehenden Machtmitteln eine Revision der Verträge zu verhindern wissen.

(330427w1)


Die Vorgänge in Deutschland [S. 1, Mitte]
Berlin, 25. April (Tel. des „Tag“). Der deutschnationale Parteiverband in Braunschweig faßte gestern den Beschluß, zu den Nationalsozialisten zu übergehen [überzugehen]. In die Parteileitung wurde vorläufig ein nationalsozialistischer Kommissar entsendet

Hitler dankt
Der Reichskanzler veröffentlicht „an alle“ den Dank für die Huldigung an seinem Geburtstag.

Beratungen
In der Reichskanzlei ging es heute lebhaft zu: Nachmittags Besprechung über die Arbeitslosenhilfe, vorabends Ministerbesprechung, dann Kabinettsitzung. Noch immer stehen die Ministerbesetzungen in Preußen im Vordergrund. Der Streit innerhalb der Regierung wird täglich sichtbarer. Von Papen ist verschnupft, Neurath will gehen, Hugenberg vermittelt.

Nur arische Patent-Anwälte
Im Reichsgesetzblatt ist das Gesetz über die Gleichschaltung der Patentanwaltschaft erschienen. Nach dieser Regelung sind große Teile der bisherigen Anwälte von der Vertretung vom Patentamt ausgeschlossen.

Der Rektor der Berliner Universität tritt zurück
Heute wird eine Erklärung des Rektors der Berliner Universität veröffentlicht. Er dementiert die Nachricht, daß er bereits zurückgetreten sei, weil die nationale Bewegung ihn beschuldigt, daß er das bekannte Plakat beanstandet hätte. Der Rektor erklärt, er habe tatsächlich das Plakat wegen zweier Stellen nicht gutgeheißen, jedoch die Entscheidung dem Unterrichtsministerium überlassen. Ein Rücktritt sei schon deshalb nicht nötig, weil Rektor, Decan und Senat in Kürze neu zu wählen sind.

Auch der Rundfunk …
Das Deutschlandlied wird im Rundfunk ab 1.Mai nicht mehr am Schluß des Programms gespielt werden, sondern in den frühen Abendstunden. Das Rundfunkprogramm wird mit einem deutschen Volkslied beendet, das je nach der Stimmung des Tages ausgewählt wird.

Uniformen, Orden …
Amtlich wird mitgeteilt, daß die Gesuche von Angehörigen der alten Armee um das Recht, die Uniform und die Ehrenabzeichen wieder tragen zu können, nicht genehmigt werden können.

Amerikanische Handelsvertreter in Berlin
Die Industrie- und Handelskammer begrüßt die amerikanischen Gäste, die nach Deutschland gekommen sind, um sich über die Lage zu informieren.

Schacht nach Amerika
Reichsbankpräsident Schacht ist heute mit der „Deutschland“ nach New York abgereist. In seiner Begleitung befinden sich Delegierte des Reichsfinanzministeriums und der Reichsbank.

Berlin, 25. April (Tel. des „Tag“). Die nationalistischen Mitglieder der Regierung sollen von Hitler die volle Gewähr für eine weitere ruhige Entwicklung der „nationalen Revolution“ verlangt haben.

(330427w1)


Wie Bolschewiken regieren [S. 1, oben, rechts]
In Russland: Not und Hunger
I.

Ein englischer Gentleman bereiste vor kurzem die westlichen Provinzen der Sowjetunion und fühlte sich tief erschüttert durch das grenzenlose Elend, das er in den einst bühenden Dörfern und Städten der Ukraine gesehen. Nichts ist gefährlicher, als sich in Sowjetrußland mit einem Bolschewiken in einen Streit einzulassen, doch scheint Mr Gareth Jones - so heißt dieser englische Gentleman -, ein ehemaliger politischer Sekretär Lloyd Georges, ein Mann von großem persönlichen Mut zu sein, denn er hat während einer Eisenbahnfahrt in der Ukraine einem Bolschewiken gegenüber nicht bloß zu behaupten gewagt, daß in Westrußland eine erschreckende Hungersnot herrscht; um seine Behauptung zu beweisen, tat er noch folgendes: er warf vom Brot, das er aß, ein Stück in den schmutzigen Spucknapf und sofort stürzte sich ein verhungerter Bauer auf die trockene Krume, fischte sie aus dem Napf und verschlang sie gierig. Die erschütternde Szene zwang den Bolschewiken zum Rückzug. Mr Jones ist erst vor kurzem nach England heimgekehrt und veröffentlicht nun herzzerreißende Berichte über die würgende Not der russischen Bauernschaft.
Nicht er allein brachte diese traurige Kunde nach dem westlichen Europa. Ein anonymer Korrespondent des „Manchester Guardian“, dieses vornehmen radikal-liberalen Blattes, das dem Sowjetregime eher freundliches Wohlwollen als abweisende Feindseligkeit entgegenbringt, hat vor kurzem in drei packenden Berichten die tragische Lage enthüllt, die an der unteren Wolga und im nördlichen Kaukasus, den einstigen Kornkammern des russischen Reiches, herrscht. Der englische Journalist sah im Kubangebiet, das vor einigen Jahren noch zu den reichsten landwirtschaftlichen Bezirken Europas gehört hatte, verlassene Dörfer, deren Einwohner als Kulaken ausgerottet oder zur Zwangsarbeit nach dem unwirtlichen Norden verschickt worden sind. Er sah und sprach verprügelte und verhungerte Bauern, die seit Monaten kein Stückchen richtiges Brot gegessen hatten. Er sah Brot, das aus Stroh und etwas Hafermehl gebacken war, schwarzem Ziegelstein ähnlich sah, und als besondere Delikatesse dargeboten wurde. Er sah meilenweit sich erstreckende verlassene und von mannshohem Unkraut bedeckte Äcker, er sah Regimenter von wohlgenährten Soldaten, die wie eine fremde Besatzungsarmee in diesen unglücklichen Bezirken hausten, während seiner ganzen Fahrt hatte er aber kaum eine einzige Kuh auf der Weide gesehen.
Ein dritter Augenzeuge, der ausgezeichnete irische Schriftsteller Liam O’Flaherty, hat im vergangenen Sommer Sowjetrußland bereist, und obwohl er sich eher mit den geistigen Zügen der russischen Gesellschaft beschäftigte, erscheint das fahle Gespenst des Hungers dennoch fast auf jeder Seite seines Reiseberichts. In einer Gesellschaft von fünfundzwanzig Leuten von geistlichem Beruf fand er nur einen einzigen, der wohlgenährt und zufrieden aussah. Die Gattin eines hohen Beamten beklagte sich, sie sei ganz erschöpft, denn sie sei vier Stunden herumgelaufen, um einige Kartoffeln zu bekommen, ohne sie erhalten zu haben. Auch Mr O’Flaherty schreibt über finstere Augen, über anklagende, verhungerte Gestalten, über die ganze Trostlosigkeit des russischen Lebens.
Man braucht übrigens nur einen Blick in die Moskauer Presse zu werfen, um festzustellen, daß Rußland sich heute inmitten einer beispiellosen Lebensmittelkrise befindet. Die Sowjetblätter veröffentlichen Tag für Tag Berichte und Zahlen über den saumseligen Fortschritt der landwirtschaftlichen Arbeiten, sie klagen über die verspätete Bestellung der Felder, die in den wichtigsten Getreidebezirken kaum über die Hälfte der vorgeschriebenen Saatfläche erreicht hat, sie veröffentlichen düstere Berichte über den Zusammenbruch der Traktororganisation, die kaum die Hälfte der notwendigen Maschinen in Dienst gestellt hat, sie wettern gegen die Unfähigkeit und Mißgriffe der Beamten, und die „Prawda“ stellt in einem melancholischen Artikel fest, die russischen Beamten dächten, man könnte Fische nicht bloß im Meer, sondern auch in Regierungskanzleien fangen. Nur über eines schreiben die russischen Blätter kein Sterbenswörtchen, über den russischen Bauern, den stillen und ergebenen Sohn der „stummen und strengen Mutter Rußland“, den tragischen Helden des erschütternden Dramas, das sich heute auf dem Boden Sowjetrußlands abspielt.

(330427w1)


Seite 2

Vermählungsanzeige [S. 2, Mitte, links]
Lukas Kamenecki (Impresario) Judith Gramatovici (geb. Pierson) (Vortragskünstlerin) empfehlen sich als Vermählte.

(330427i2)


Selbstmordversuch einer Kommunistin [S. 2, rechts, Mitte]
Die wegen kommunistischer Propaganda verhaftete 21jährige Sali alias Sonia Scher versuchte Montag abends während ihrer Einvernahme durch Dr. Postatny Selbstmord, indem sie das Fläschchen Tinte, welches auf dem Schreibtisch stand, leerte. Hiezu gab Generalinspektor Costescu folgende Information: In der Stadt sind Gerüchte vom Selbstmord eines Gefangenen im Polizeigefängnis verbreitet. Es handelt sich um die wegen Verbreitung kommunistischer Manifeste verhaftete Sali Scher, die während ihrer Einvernahme bei Dr. Postatny in einem unbemerkten Augenblick ein Tintenfaß geleert hatte. Die Verhaftete ist anscheinend eine hysterische Person. Polizeiarzt Dr. Popescu hat ihre Ueberführung ins Spital angeordnet, wo ihr der Magen ausgepumpt wurde. Nach Mitteilung der Spitalsleitung befindet sich die Verhaftete auf dem Wege der Besserung.

(330427c2)


Seite 3

Gemeinsame Aktion der Nazis mit der Eisernen Garde [S. 3, oben, rechts]
Der Beschluß des Radautzer Kongresses

Wie uns aus Radautz gemeldet wird, fand Sonntag dort der Kongreß der Eisernen Garde statt. Die Behörden hatten umfassende Maßnahmen ergriffen, um die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Aus dem Zentrum nahmen am Kongreß Zelea und Ion Codreanu, ebenso Stelescu teil, weiters der Generalsekretär der Bukowinaer Organisation Christof Dumitrescu und schließlich als Vertreter der Nazis Erwin Landwehr.
Beim Kongreß wurde die letzte Nummer des „Scharfschützen“ gratis verteilt. Vor dem Kongreß wurde die Taufe eines Autobusses der Eisernen Garde, der mit Hitlerfahnen geziert war, vorgenommen.
Es wurde beschlossen, eine gemeinsame Aktion zwischen der Eisernen Garde und den Nazis zu unternehmen, um die Juden zu boykottieren. Zum Schluß wurde eine Resolution angenommen, die folgende drei wichtige Punkte enthält:
1. Die Naziorganisation der Bukowina begrüßt zusammen mit der Eisernen Garde die Aktion Hitlers.
2. Zehn Tage hindurch, beginnend am Donnerstag, soll der Boykott jüdischer Geschäfte organisiert werden, und schließlich
3. Organisationen eines Export- und Importbüros, um mit Deutschland in wirtschaftliche Beziehung ohne Vermittlung jüdischer Kaufleute zu treten.

Cuzistische Sturmheime gesperrt
Bukarest, 25. April (Tel. des „Tag“). Ueber Anordnung der Regierung haben die Sigurantzabehörden im ganzen Lande Durchsuchungen bei den Organisationen der cuzistischen Sturmbataillone vorgenommen, Abzeichen, Fahnen, Hitleruniformen und sonstiges aufreizendes Material konfisziert und die Heime versiegelt. Das Innenministerium wird weitere Anordnungen erlassen.

Nazimann in Kimpolung verhaftet
In Kimpolung wurde ein Mitglied der deutschen Sturmbataillone, der zu Besuch bei seiner Familie weilte, verhaftet.

Nazis bedrohen ein Kino
Balti, 25. April (Tel. des „Tag“). Die Besitzer der Kinos „Lux“ und „Modern“, die sich dem Boykott deutscher Filme angeschlossen haben, erhielten eine Karte, unterschrieben „Sieben Christen“, in welcher diesen angedroht wird, daß ihre Kinos in Brand gesteckt werden, falls sie nicht weiter deutsche Filme werden rollen lassen. Der Fall wurde der Polizei gemeldet und die Postkarte dortselbst hinterlegt.

(330427r3)


Der König lobt die heimgekehrten Ingenieure [S. 3, rechts, unten]
London, 25. April (Tel. des „Tag“). Reuter meldet: Das russische Einfuhrverbot tritt heute fünf Uhr nachmittags in Kraft. Der Außenminister Simon wird im Unterhause Erklärungen über den Fragenkomplex abgeben. Der König richtete an die Vickers-Werke eine Botschaft, in der er seiner Befriedigung Ausdruck gibt, daß die vier englischen Ingenieure rückgekehrt sind. Er hoffe, daß auch die zwei in Moskau verurteilten Ingenieure bald in die Heimat rückkehren können.
Die Leitung der Gesellschaft veröffentlicht eine Erklärung, in der es heißt, sie habe nach der Unterredung mit den Ingenieuren mehr denn je die Ueberzeugung von ihrer Unschuld gewonnen. Es bestehe eigentlich nicht die mindeste Erklärung für die Festnahme, und man könne deshalb die Gründe für diesen Prozeß nur in innerpolitischen Gründen des Sowjetstaates suchen.

(330427w3)
Klaus Binder
 
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Nr. 336, Freitag, 28.04.33

Postby Klaus Binder on 28. April 2011, 22:38

Seite 1

Der Alarmruf Hitlers [S. 1, oben, links]
Man ist gestern abends durch die Mitteilungen des deutschen Propagandadienstes alarmiert worden. Ein Schuß gegen Warschau: Die Polen bedrohen den Frieden. Berlin ruft dann: Die Revision marschiert, sie steht schon vor der Tür. Und die Polen antworten: Fort mit den Deutschen. Hitler zu seinen Leuten: Ruhig Blut. Dort oben im Nordosten Europas züngelt die Flamme empor, die nicht bloß die beiden Staaten in Brand setzen kann, sondern Europa und die Welt. Wenn jemand einst die große Schuld auf sich wird laden müssen, daß es so weit gekommen ist, zum Kriegszustande. dann ist es Hitler. Es sei zugegeben, daß vor wenigen Monaten noch die Stimmung für die Revision eine andere war. Man machte Vorbehalte und hatte Bedenken, aber die Position der Deutschen als der Wortführer in der Revisionsdiskussion war eine andere. Selbst in Frankreich, innerhalb der führenden Macht der Revisionsgegner, hatte sich in manchen Kreisen die Erkenntnis für die Notwendigkeit einer Ueberprüfung der Verträge durchgerungen. Den angelsächsischen Völkern wurde die Rolle eines Schiedsrichters zugesprochen. In wenigen Tagen ist aber alles zerstört worden, und zwar so rechtzeitig zerstört, daß viele, welche noch mit der Idee spielten, die Revision zu fördern, bittere Reue später empfunden hätten, wenn sie sie diesem Deutschland, wie es die Welt erst jetzt kennenlernt, bewilligt hätte. Die gleichen Menschen, die sich bisher aus grundsätzlicher Ablehnung jeder Aechtung und Verächtlichmachung eines Volkes für Deutschland einsetzten, erheben nun nach den gleichen Prinzipien ihre Stimme gegen Deutschland. Jede Aenderung der gegenwärtigen Grenzen, so wird betont, müßte völkische Minderheiten unter deutsche Verwaltung bringen. Nach den Methoden aber, die die Nationalsozialisten gegen eine Minderheit anwenden, sei es undenkbar, irgendeinen fremden Bevölkerungsteil ihrer Herrschaft unterzuordnen. Es wäre eine Irrmeinung, zu glauben, daß die Erregung sich auf etwaige Greuelmeldungen stützt. Die Berichte über Grausamkeiten sind rasch als unwahr erkannt worden. Die Auflehnung wendet sich gegen die Ausnahmegesetze und gegen die Kundgebungen verantwortlicher Kreise. Der frühere britische Außenminister Sir Austen Chamberlain hat dies ausdrücklich festgestellt.
Für die französische Außenpolitik kam das nationalsozialistische Vorgehen gegen die Juden wie ein Geschenk vom Himmel. Frankreich war mit seinen Gefolgsstaaten noch vor wenigen Wochen zum Teil vereinsamt. Es schien unmöglich, sich weiter der Regelung der Abrüstung und der Revisionsfrage zu entziehen, ohne die Verfemung durch die Weltmeinung auf sich zu laden. Das unsichere Tasten nach dem einzuschlagenden Weg hat überdies auch innerhalb der französischen Parteien Gegensätze aufgerissen und Abgründe aufgetan, die der Bildung einer Regierungsmehrheit und der Festlegung eines außenpolitischen Kurses schier [un]überwindliche Hemmungen entgegensetzten. Seit dem Krieg war die politische Lage Frankreichs niemals schwieriger.
Aus der scheinbar ausweglosen Situation sieht Frankreich sich nun plötzlich befreit. Nicht allein die Umkehr de Weltmeinung bedeutet für seine Politik eine wertvolle Entlastung; vielleicht ebenso wichtig war es, daß sich unter dem Eindruck der Vorgänge in Deutschland eine Zusammenfassung der politischen Kräfte im Innern vollzog. Die Sozialisten haben die Forderung nach Revision, die sie bisher in beständige Reibungen mit den Verbündeten brachte, aufgegeben. Einen noch gewichtigeren Fingerzeig bietet die überraschende Zustimmung der Sozialisten zur Vermehrung der Rüstungsausgaben, die sie bisher verweigert hatten. Sehr geschickt hat Ministerpräsident Daladier sich die Lage zunutze gemacht, indem er die Ablehnung der Revision mit den Worten begründete: „Kann man angesichts der Entfesselung gewisser nationaler Leidenschaften und der Aufputschung von Instinkten, die man zur Ehre der modernen Zivilisation verschwunden glaubte, wirklich erwarten, daß die beunruhigten und gequälten Völker durch eine jähe Aenderung der europäischen Karte den Frieden finden würden?
Die Revision, die zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland der Verwirklichung näher schien als je, ist heute weit in den Hintergrund gerückt. MacDonald und Roosevelt haben gemeinsam die Erklärung abgegeben, daß angesichts dieses Deutschland die Revision gestorben ist.
Y.

(330428w1)


Mussolini - Hitler [S. 1, oben, Mitte]
Ein Artikel Iorgas

Unter dem Titel „Mussolini - Hitler, zwei verschiedene Begriffe“ veröffentlicht der „Neamul Romanesc“ aus der Feder Iorgas einen Artikel, in welchem es u. a. heißt:
„Einigen, die von den Ereignissen in Deutschland bezaubert sind, gefällt es, den italienischen Premier mit Hitler zu vergleichen. Es besteht aber ein großer Unterschied zwischen diesen Staatsmännern. Dieser Unterschied besteht in jeder Beziehung, und zwar in der Abstammung, in der Vorbereitung und Eignung für eine gewisse Aktion, im Kulturwert, wie auch in der Verwirklichung einer Handlung.
Auf der einen Seite handelt es sich um einen Mann, der für sein Land auf nationalem und sozialem Gebiet auch in Zeiten des Krieges gekämpft hat, um einen Mann, der Beherrscher einer weitgehenden Kultur ist, ein fulminanter Redner, ein Denker, ein bewundernswerter Schriftsteller, der klar sieht und energisch eine Sache vertritt; hauptsächlich aber ein Aufbauender, ein Schaffender; einer, der die größten Wunder in seinem Italien vollbracht hat, so daß er das, was auf politischem Gebiet zu kritisieren wäre, durch Taten wettgemacht hat; ein Mann, der fähig ist, aus einem Nichts alles zu machen.

Auf der anderen Seite: Hitler, ein Mann, dessen Name mit nichts in der Kriegs- und Nachkriegszeit verbunden ist; einer, der keine Beziehungen zur Kultur hat und auch bis heute keinen wie immer gearteten Beweis irgend eines Talents gegeben hat. Was aber die Frage der Qualitäten seiner Tätigkeit betrifft, ist das Konto: Absolut Null; ein Mensch, der imstande ist, aus Alles nichts zu machen. Damit wir nicht verwechseln: So etwas machen aber nur Barbaren.“

(330428r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Die Bulgaren [S. 2, oben, links]
Jawohl, es existiert jetzt eine Bulgaren-Affäre.
Was hat Czernowitz mit Bulgarien?
Nicht Czernowitz, sondern nur ein Teil von Czernowitz. Der Teil von Czernowitz ist Rosch, vielleicht auch Manasteriska. Die Roscher und die Manasterisker Grundwirte wehren sich, daß die Bulgaren hier Landwirtschaft betreiben. Sie gingen gestern ins Bürgermeisteramt und erhoben Protest.

*
Die Bulgaren sind seit Jahren eine Konkurrenz für die heimische Landwirtschaft; nicht eine Konkurrenz im großen Stile, sondern - sagen wir - ein bißchen Konkurrenz. Diese Bulgaren sind nämlich früher auf dem Markte mit ihrem Grünzeug als die Roscher; sie verstehen es, eine größere Rentabilität der Gartenzüchterei abzugewinnen, und das Publikum kauft lieber bei den Bulgaren, weil diese qualifiziert besseres Gemüse liefern, außerdem auch um billigeren Preis. So eine Konkurrenz läßt sich eben keiner gefallen.
Vom Standpunkt der Förderung heimischer Landwirtschaft ist der Protest der Roscher und Manasterisker zu verstehen; vom Standpunkte der Allgemeinwirtschaft jedoch, der Versorgung der Städter, begrüßt man die Konkurrenz der Bulgaren. Diese genießen schon lange den Ruf, Spezialisten im Gartenbaufach zu sein. Die Produkte ihrer Wirtschaft sind Meisterstücke. Wenn die Roscherin zur Entschuldigung sich immer auf das Wetter beruft, es hätte zuviel geregnet, es habe zu wenig geregnet, die Sonnenstrahlen erreichen nicht das Feld, die Sonnenstrahlen sind zu stark - merkwürdig: der Bulgare reguliert Wetter und Sonne, wie es das Feld benötigt.

*
Die Wirtschaft von daheim hat es den Bulgaren noch nicht abgeguckt, trotzdem diese Menschen schon seit Jahren hier Unterricht geben; aber nicht bloß hier, auch in Siebenbürgen, ihrem Nachbarstaate Jugoslawien, dann höher hinauf, selbst den Tschechen, Oesterreichern, auch in Deutschland findet man Bulgaren: der Bulgare, auf der steten Wanderschaft vom Frühjahr bis zum späten Herbst, läßt sich auf fremdem Feld nieder - im Winter daheim. Das alles ist beiläufig so, wie die Schwalben kommen und verschwinden.

*
Trotzdem arbeitet plötzlich der Neid. Diesmal ist es nicht ein Neid aus Feigheit, auch nicht Eifersucht, weil der andere es besser kann, sondern die Sorge um die Existenz, und diese kennt in unserem Krisenzeitalter keinen Pardon.
Der Bulgare muß weg! So verlangen es die Roscher Schwäbin und die Manasterisker Gemüsefrau.

*
Nein, die haben trotz Krise nicht Recht. Konkurrenz muß es geben, und gerade die Konkurrenz wird unsere Landsleute zu erhöhtem Schaffen, zu größerem Verständnis für die Kultur des Feldes zwingen, und zwar so lange, bis tatsächlich unsere Roscherin und Manasteriskerin vom Bulgaren tatsächlich gelernt hat, wie man Riesenkrautköpfe züchtet, Karfiol zur Zeit auf den Markt bringt, schöne Paradeisäpfel, wie man diese Zucht nicht der Natur allein überläßt, gleichgültig, ob es regnet oder nicht regnet, ob die Sonne scheint oder nicht, sondern mit der Methode der Bulgaren, Sonne und Regen zu regulieren, wie es das Feld benötigt.
Roscherinnen, erst wenn Ihr verstehen werdet, Sonne und Regen zu regulieren, wird der Bulgare überflüssig werden.
Lernet von Bulgaren!
Spitz

(330428c2)


Richtigstellung [S. 2, Mitte, links]
Im Artikel unseres Pariser Korrespondenten „Von Paris aus gesehen ..“, erschienen in unserer Nummer vom 16. April, soll es zweite Spalte, zweite Zeile von unten statt Radikalsozialisten richtig -nationalisten heißen; ferner vierte Spalte, 34. Zeile von oben, nicht populär, sondern unpopulär.

(330428w2)


Konfiskation und Einstellung der „Czernowitzer Bleter“ [S. 2, Mitte, links]
Gestern verfügte die Militärbehörde die Einstellung des hier seit 5 Jahren erscheinenden jiddischen Wochenblattes „Czernowitzer Bleter“ bis zum 15. Mai d. J. Gleichzeitig wurde die letzte Nummer der Zeitung beschlagnahmt. Die Behörde begründet diese Maßnahmen mit dem Inhalt des Artikels „Huliganischer Terror in Czernowitz“, der die bekannten Exzesse vom Osterdienstag zum Gegenstand hat.

(330428i2)


Um Kappe und Band [S. 2, Mitte, unten, links]
Kommunique des Senioren-Konvents der jüdisch-nationalen akademischen Verbindungen

Der am Samstag, den 22. d .M. gestiegene Senioren-Konvent der jüdisch-nationalen akademischen Verbindungen „Hasmonaea“, „Hebronia“, „Emunah“ und „Heatid“ nahm das Kommunique der J.N.A.V. „Heatid“, wonach dieselbe als Protest gegen die Entrechtung der Juden in Deutschland deutsche Sitten wie Kappen, Mensuren ec. abgelegt haben, in Diskussion. In einer langen Debatte erklärten die Vertreter der J.N.A.V. „Hasmonaea“, „Hebronia“ und „Emunah“, daß sie wohl Mensuren, Stellungs- und Strafpartien von nun an perhorreszieren, daß sie aber Kappe und Band nicht ablegen, welchen Standpunkt sie in längeren Ausführungen argumentierten. Daraufhin gaben die Vertreter der mitgefertigten J.N.A.V. „Heatid“ die Erklärung ab, daß sie auf den Beschluß, Kappe und Band abzulegen, welcher Beschluß bereits zur Gänze durchgeführt ist, nicht mehr zurückkommen können, daß sie jedoch den Standpunkt und die Gründe der anderen Korporationen betreffs Beibehaltung des Status quo ante in Bezug auf Kappe und Band voll und ganz würdigen, deren Stichhältigkeit anerkennen und in der Folge Schulter an Schulter mit ihren Brüdern aus den anderen jüdischen Korporationen in vollster Einigkeit und Solidarität verharren.
J. a. D. S.-C.
J.N.A.V. Hasmonaea: B. Teitler (ff).
J.N.A.V. Hebronia: J. Scholl (ff).
J.N.A.V. Emunah: J. Blum (ff).
J.N.A.V. Heatid: M. Schönbach (ff).


(330428c2a)


Die Ukrainer [S. 2, rechts, Mitte]
Der Senator Dr. Wladimir Zalozietzkyj verlangt als Präsident der ukrainischen Nationalpartei, daß jene Zeitungen, welche anläßlich der Osterdienstag-Exzesse die Ukrainer in die Liste der Exzedenten einbezogen haben, diese Meldung widerrufen. Der „Tag“ hatte in seinem Bericht „ukrainisch sprechende Exzedenten“ erwähnt. Ferner hat das Blatt eine Meldung aus Bukarest übernommen, daß verhaftete Exzedenten sich geäußert hätten, sie gingen im Zuge mit, „weil Hitler die Errichtung der Großukraina versprochen hätte.“ Wir glauben gerne dem Dr. Zalozietzkyj, daß es keine ukrainischen Nationalsozialisten gibt, wie auch, daß eine offizielle Ukrainer-Demonstration nicht stattgefunden habe, ebenso, daß die Ukrainer die Exzesse gegen Anders-Nationale aufs schärfste verurteilen. Wenn „Ukrainisch-Sprechende“ im Zuge waren, - diese Tatsache steht fest - so hat das sicherlich nichts mit irgend welchen offiziellen oder halboffiziellen Entschlüssen der ukrainischen Partei zu tun. Es trifft nur die Drahtzieher der Exzesse, die Agitation des Herrn Costache und Genossen, wie die des Hitler-Statthalters in Czernowitz das alleinige Verschulden, daß sich aus den Vorstädten Gesindel in allen Sprachen zusammengeschlossen hat, was demnach das Werkzeug für die Naziführer geworden ist, wir können also dem Dr. Zalozietzkyj nur beipflichten, daß eine ukrainische Demonstration nicht stattgefunden hat, und daß es ungerecht ist, wenn die Bukarester Presse unter diesem Titel den Ukrainern einen Hieb versetzen will.

(330428c2b)


Seite 3

Protestmeeting in Warschau [S. 3, oben, links]
Aus Warschau, 25. ds., wird uns berichtet: Gestern fand das angekündigte Protestmeeting gegen die Judenverfolgungen in Deutschland statt, an welchem 720 Delegierte aus 364 polnischen Städten teilnahmen. Tausende Personen füllten den Saal. Den Vorsitz führte Dr. Gottlieb, der die Repräsentanten des polnischen Parlamentes, die Delegierten der Regierung und die fremden Gäste begrüßte und den Zweck der einberufenen Protestversammlung erläuterte.
„Wir dürfen heute“, sagte er, „auch jene jüdischen Brüder nicht vergessen, die von den Nazibanden ermordet wurden. (Die Versammlungsteilnehmer hören stehend diese Worte an). Wir dürfen auch diejenigen nicht vergessen, die in den Kerkern Deutschlands unschuldig schmachten. Auch die Situation der in Freiheit befindlichen Juden ist eine sehr unerfreuliche. Die Protestaktion trägt keinesfalls lokalen Charakter, denn das gesamte Weltjudentum, angefangen von Amerika, hat sich in Protestversammlungen gegen die unmenschlichen Handlungen des neuen Regimes in Deutschland ausgesprochen. Die schärfste Demonstration und Ablehnung des Hitlerregimes ist die Tatsache, daß die französische Regierung eine spezielle Lehrkanzel für den jüdischen Professor Einstein, der aus Deutschland vertrieben wurde, begründet hat. Die größte moralische Satisfaktion für die Juden ist die Debatte im englischen Unterhaus. Der Vorsitzende verliest hernach ein Begrüßungsschreiben des amerikanischen jüdischen Kongresses, in welchem verlangt wird, daß die Protestaktion gegen Deutschland mit aller Energie fortgesetzt werde. Es wurde eine Resolution angenommen, in der es u. a. heißt:
Die Juden Polens, vereinigt mit den Juden der ganzen Welt, protestieren energisch gegen die barbarischen Methoden, die gegen jüdische Bürger aller Klassen in Deutschland angewendet werden. Die Juden Polens und mit ihnen die Juden der ganzen Welt, erklären feierlich, daß sie insolange die Protestaktion gegen Deutschland nicht einstellen werden, bis nicht wieder die bürgerlichen und menschlichen Rechte wieder hergestellt werden. Die Versammlung fordert die Reichsregierung auf, sich zu besinnen und nicht in das Mittelalter zurückzufallen. Die Versammlung wendet sich an die ganze zivilisierte Welt, besonders an die Großmächte und an den Völkerbund und verlangt, daß die religiösen Verfolgungen, die eine Kulturschande bedeuten, in Deutschland aufhören. Das polnische Judentum hat mit den Verhaftungen der Deutschen in Polen nichts zu tun, da es nicht gegen das deutsche Volk eine Aktion führt, sondern gegen das Hitlerregime. Das polnische Judentum hofft, daß sich die deutsche Minderheit in Polen vom Hitlerregime lossagen wird. Nachdem noch einige Beschlüsse gegen das Hitlerregime angenommen wurden, wurde ein Danktelegramm an das englische Parlament abgesandt und beschlossen, sich mit allen jüdischen Weltorganisationen in Verbindung zu setzen, um über die weitere Tätigkeit Beratungen zu pflegen.

(330428w3a)


Mussolini für die Wiener Schauspieler [S. 3, Mitte, rechts]
Wien, 26. April (Tel. des „Tag“). Mussolini, dessen Napoleon-Drama „100 Tage“ bekanntlich im Burgtheater aufgeführt wird, hat heute die Burgtheaterdirektion verständigt, daß er auf die Tantieme zu Gunsten arbeitsloser Wiener Schauspieler verzichtet.

(330428w3)
Klaus Binder
 
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Nr. 337, Samstag, 29.04.33

Postby Klaus Binder on 29. April 2011, 11:41

Seite 1

Wer trägt die Schuld? [S.1, oben, rechts]
Gewisse Elemente in der Polizei

Bukarest, 27. April (Tel. des „Tag“). (Offiziell). Nach dem Bericht des Generalinspektors Pictoreanu wird der Schluß gezogen, daß „gewisse Elemente“ in der Polizeiquästur die Vorfälle verschuldet haben, da sie teils bewußt, teils unbewußt nicht jene Maßnahmen ergriffen haben, die zur Aufrechterhaltung der Ruhe und zur Verhinderung der Exzesse notwendig waren.
Nach der Berichterstattung des Generalinspektors Pictoreanu fand in der Wohnung des Innenministers eine Beratung statt, an der die Vertreter der Siguranta teilnahmen. Es wurden die Maßnahen für die weitere Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung, ebenso die Sanktionen für die Ruhestörer, sowie für diejenigen Elemente in der Polizei, die die Ausschreitungen nicht zu verhindern suchten, erörtert und beschlossen.
Das Innenministerium wird morgen ein Kommunique veröffentlichen.

*
Die Jüdische Reichspartei
fordert Sicherheitsmaßnahmen für die Bukowina

Bukarest, 27. April (Tel. des „Tag“). Der Präsident der jüdischen Reichspartei Rumäniens, Dr. Theodor Fischer, erschien beim Unterstaatsekretär des Innenministeriums Pop und berichtete ihm über die unruhige Stimmung, die in der Bukowina herrscht. Der Unterstaatsekretär erwiderte, das Innenministerium sei über alle Vorgänge in der Bukowina genau informiert und versicherte, die strengen Maßnahmen wurden ergriffen, um die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Die jüdische Bevölkerung der Bukowina, ebenso die Juden des ganzen Reiches mögen versichert sein, daß sich keine Ausschreitungen mehr ereignen werden. Der Unterstaatsekretär beauftragte den Abgeordneten Fischer, diese Botschaft der Bukowiner Bevölkerung zu übermitteln.

(330429r1)


Seite 2

Der „Vorwärts“ für 6 Tage eingestellt [S. 2, unten, links]
Das Divisionskommando hat das Erscheinen des „Vorwärts“, beginnend mit dem heutigen Tage, für 6 Tage verboten.

(330429i2)


Vorlesung aus jiddischen Autoren [S. 2, unten, rechts]
Sonntag, den 7. Mai l. J., um 8 Uhr abends findet im Pistinerklub (Morgenrothaus) eine Vorlesung aus den Werken von Kulbak, Nadir, Steinberg, Peretz, Bialik, Molodowska u. a. statt. Es werden lesen: Ch. Giniger, G. Heymann, Ch. Rosenblatt und M. Skilnik. Regiebeitrag. Der Reinertrag ist für die Bibliothek „Vladimir Medem“ bestimmt.

(330429c2)


Seite 3

Gleichschaltung / Prangerpolitik / Juden hinaus [S. 3, unten, links]
Das Neueste aus Deutschland

Berlin, 27. April (Tel. des „Tag“). In der heutigen Sitzung des Reichskabinetts ist das Gesetz gegen die Überfremdung der deutschen Schulen und Hochschulen verabschiedet worden.
Ausgeschlossen von allen Schulen und Hochschulen sollen Kinder von Juden sein, die nach dem 1. August 1914 aus dem Osten eingewandert sind.

*
Die preußischen Hochschulen werden „gereinigt“
Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat Kultusminister Rust bis zur endgültigen Entscheidung auf Grund des Beamtengesetzes folgende Professoren beurlaubt:
An der Universität Frankfurt a. M.: Salomon Mehnicke, M. Wertheimer, Strupp, Weil, Pribram, Richard Koch, Glatzer, Pleßner, Sommerfeld, Walter Fränkel, Fritz Mayer, Ernst Kahn, Neumark, Ernst Cohn, Braun, Ludwig Wertheimer und Altschul.
An der Universität Marburg (Lahn): Jröpke, Jacobsohn.
An der Universität Göttingen: Honig, Caurant, Born, Emmy Noether, Bernstein, Bondi.
An der Universität Königsberg (Preußen) die Professoren: Rogowsky, Hänsler und Kürbs.
An der Universität Kiel die Professoren Cohn, Meißer, Adolf Fränkel, Husserl, Stenzel, Lipe, Rauch, Schücking, Opet.

*
Wir Katholiken beten für die verfolgten Juden
In der Kirche zum Heiligen Herzen Jesu in Nizza hielt Bischof Remond eine Predigt, in der er Worte der schärfsten Verurteilung für die Judenverfolgungen in Deutschland fand. Alle Menschen mit einem aufrechten Herzen - sagte Monsignore Remond - müßten gegen die Verletzung der Gewissensfreiheit, gegen die Unterdrückung der Israeliten in Deutschland protestieren. Wir Katholiken haben die Pflicht, im Namen der Barmherzigkeit Christi zu beten, daß Gott die Leiden der Menschheit, die wegen ihrer religiösen Ueberzeugung verfolgt werde, abkürzen möge.
Als Aposteln des Evangeliums predigen wir die Barmherzigkeit, die Liebe und den Frieden unter den Menschen. Als Träger der christlichen Zivilisation sprechen wir unter solch grausamen Verhältnissen den unterdrückten Juden in Deutschland unsere schmerzerfüllten Sympathien aus.

*
„Verbrannt sollen sie werden …“
„In Berlin werden demnächst Bücher auf den Scheiterhaufen kommen. Der Ausschuß, der für die Säuberung der Berliner Stadtbibliothek von marxistischem Schrifttum eingesetzt wurde, trifft jetzt auch sämtliche Berliner Volksbüchereien. Es sind darunter Werke von Magnus Hirschfeld, Rosa Luxemburg, Emil Ludwig, Alfred Kerr und Literatur über Sowjetrußland. Alle auszuscheidenden Bücher sollen auf dem Bell-Alliance-Platz verbrannt werden.

*
„An den Pranger …“
Wie die Rechtspresse berichtet, wird zu Beginn des Sommersemesters jede der deutschen Studentenschaften auf ihrer Hochschule ein Schandmal errichten. Es soll dies ein etwa übermannshoher klobiger Baumstamm sein, an den die Studenten Schriften, die sie für undeutsch und unwissenschaftlich halten, sowie die Erzeugnisse derer, die sich an der Greuelhetze beteiligt haben, an[ge]schlagen werden.

*
„Greuelpropaganda“
Nach der Meldung des „Prager Tagblatt“ ist in einem Prager Hotel am 25. d. der Großrabbiner der Berliner Orthodoxen Gemeinde, Jona Fränkel, der lange in New York und Wien gewirkt hatte, abgestiegen.
Fränkel wurde am 7. März in seiner Berliner Wohnung in der Dragonerstraße von S. A.-Männern und Hilfspolizisten überfallen, wobei ihm eine schwere Kopfverletzung beigebracht wurde. Es wurden ihm auch 2000 Mark gestohlen. Seine Tochter wurde mit Revolvern bedroht.
Ueberdies wurde bei ihm eine Hausdurchsuchung angeordnet, die sich auf seine Gebetsutensilien in seiner Privatsynagoge erstreckte. Die Verschlechterung des Zustandes des verletzten Rabbiners machte es ratsam, daß er mit seiner Tochter in die Tschechoslowakei floh. Da das Wohnviertel jedoch bewacht war, wurde der kranke Rabbiner in einen Teppich gewickelt und in ein anderes Stadtviertel getragen. Von dort wurde er verkleidet zur Bahn gebracht.
Fränkel ist 70 Jahre alt und gehört zu den angesehensten orthodoxen Rabbinern. Er weist sich, wie das „Prager Tagblatt“ meldet, mit einer Empfehlung des österreichischen Bundeskanzleramtes, des Staatssekretärs Simson, mit einem Brief Seipels und Dollfuß’, sowie mit Empfehlungsschreiben verschiedener amerikanischer Konsulate aus.
Er will nach Palästina auswandern.

*
Hitler droht
Wien, 27. April (Tel. des „Tag“). Die österreichischen Behörden gestatteten dem Unterrichtsminister von Bayern, Schemm, in Innsbruck einen Vortrag zu halten. Schemm drohte, ein deutscher Gouverneur werde für Oesterreich ernannt werden. Die Tiroler Regierung hat eine Untersuchung eingeleitet.

Hitler sterilisiert
Berlin, 27. April (Tel. des „Tag“). Das Preußische Innenministerium erhielt vom höheren Sanitätsrat ein Projekt, welches die Sterilisierung von Personen, die durch ihre Zeugung die deutsche Rasse nicht verbessern können, vorsieht. Das Innenministerium wird eine Spezialkonferenz zum Studium dieser Frage einberufen.

Wer hat das Reichstagsgebäude in Brand gesteckt?
London, 27. April (Tel. des „Tag“). Ein führendes englisches Blatt bringt die Nachricht, daß die Anstifter des Reichstagsbrandes in der Reichsregierung zu suchen sind. Die deutsche Regierung dürfte gegen diese Behauptung Protest einlegen.

(330429w3)
Klaus Binder
 
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Nr. 338, Sonntag, 30.04.33

Postby Klaus Binder on 30. April 2011, 23:11

Seite 1

Leitartikel
Der 1. Mai [S. 1, oben, links]
Nur Hitler hat den großen Wurf getan und aus dem roten Arbeiterfeiertag des 1. Mai einen nationalen Tag der Arbeit geschaffen. Mit diesem Beschluß hat er den Gegnern den Wind aus den Segeln genommen. Sein erster Mai übertrumpft an Gestaltung des Festtages alles, was bisher in der Welt des Arbeiters geleistet worden ist. Ein Aufmarsch von einer Million Menschen auf dem Tempelhofer Felde, eine Organisation, die diesen Aufmarsch durchführt, Uebertragungen des Manifestes, das er mit Hilfe der technischen Mittel an diesem Tage erläßt, in einem Ausmaße, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat, ein Feuerwerk, zu dem seit Tagen sämtliche pyrotechnischen Fabriken die fachlichen Vorbereitungen treffen, die gigantische Ausdehnung der Feuerwände, auf denen die Flammen den „Tag der nationalen Arbeit“ weiterhin verkünden werden, das und noch vielmehr - der Propagandadienst des Hitlerregimes ist wahrlich die bedeutendste und wirkungsvollste Tat, die sie bisher der Welt bewiesen hat. Aus allen Winkeln des Reiches holt Hitler Arbeiter heran, auch aus Oesterreich, und stellt ihnen die schönsten Hotels und die üppigsten Speisen in den vornehmsten Restaurants zur Verfügung. Es geht um die Werbung des bisher marxistischen Arbeiters für den Nationalsozialismus. Auf diese Weise soll der Marxismus ins Herz getroffen werden. „Tag der nationalen Arbeit“, das ist der erste Mai, der bisherige Tag des Marxismus, der Tag, an dem alle Räder still standen, heute noch in Moskau und Leningrad der größte Arbeiterfeiertag, den der Marxismus feiert - und als Gegenstück der nationalsozialistische Feiertag Hitlers, der Wettbewerb, um den Arbeiter für seine Idee zu gewinnen.
Die Welt hat sich tatsächlich vollkommen umgestellt. Die Sozialdemokratie in Oesterreich kämpft in diesen Tagen einen verzweifelten Kampf um das Recht, den ersten Mai auch in diesem Jahre in der gleichen Weise wie seit 43 Jahren, sogar in den Tagen des kaiserlichen Regimes, zu feiern. Gerade damals hatte die Sozialdemokratie in Oesterreich, bis heute die festgefügteste Organisation der Marxisten in der Welt geblieben, den Grundstein für die Aufrechterhaltung und Steigerung ihrer Parteimacht gelegt. Und diese Sozialdemokratie, die letzte in Europa, die sich an der Macht hält, kämpft heute um die Geltung des ersten Mai. Die Dollfuß-Regierung hat die Sozialdemokratie in das neuerrichtete Stadion verwiesen, der Umzug über der Ringstraße ist ihr nicht gestattet. Noch in den letzten Tagen haben sie Spuren ihrer einstigen Kraft geäußert, indem sie drohten, unter allen Umständen den „Spaziergang“ am Parlament vorbei zu machen, aber die neue Richtung hält am Verbot fest. Vielleicht wird dieser Tag gerade zum Tag des Entscheidungstreffens zwischen der Sozialdemokratie und der Rechtsrichtung, die sich für eine Wandlung der Dinge entschlossen hat. So gewinnt also der Montag, der Tag des ersten Mai, für Oesterreich besondere Bedeutung. Sonst hört man von überall einen Niederschlag des Wechsels der Meinungen gegen die Maifeier. Das Horthyregime läßt die Feier des 1. Mai nicht zu, und sogar die Elitetruppe der Sozialdemokraten, die Buchdrucker, werden in Budapest diesmal am Setzkasten stehen und damit eine radikale Umgestaltung gegenüber früher deklarieren. Der 1. Mai ist also kein Arbeiterfeiertag mehr in Ungarn.
Auch in Paris haben sie den 1. Mai als Arbeiterfeiertag offiziell ausgeschaltet. Der Danziger Senat schließt sich Berlin nicht an, sondern erklärt den 1. Mai als Arbeitstag. Die Episode des 1. Mai im Saargebiet ist charakteristisch für das Verständnis des Verhältnisses dieser Provinz zu Deutschland. Man erkennt an dem Beschluß der Saarregierung, den 1. Mai nicht feiern zu lassen, einen Affront Frankreichs gegen Deutschland. So hört man also von da und dort, von hüben und drüben, ganz andere Laute nach außen dringen, als wie man sie bisher zu hören gewohnt war. Der 1. Mai, sonst in allen Staaten Europas Arbeiterfeiertag, heute überall von der nach rechts verschobenen europäischen Politik, beeinflußt vom Faschismus, niedergedrückt - nur Hitler hat sich das eigene Rezept geschaffen, Deutschland feiert den 1. Mai als Arbeiterfeiertag, aber nicht im Sinne des Marxismus, sondern gegen den Marxismus, im Sinne des Sozialismus Hitlers als „Tag der deutschen Nation“.
Die Demokratie hat einen schweren Schlag erlitten. Gerade in dieser Woche hat der tschechoslowakische Minister des Aeußern, Benesch, im Prager Parlament eine seiner besten Reden gehalten und von der Bedeutung der Demokratie gesprochen. Es handelt sich um die Stellungnahme der kleinen Ententestaaten gegen Mussolinis Viermächtepakt. Was verteidigte Benesch? Das Recht, als Gleich unter Gleichen zu gelten, das Recht auch der Kleinstaaten, sich nicht von den Großen erdrücken zu lassen; er lehnte die Bevormundung der kleineren europäischen Staaten durch einen Großmächtepakt ab und forderte zum Schluß zur demokratischen Zusammenarbeit im Innern auf, um dem Anprall der Großen gegen die Kleinen gewachsen zu sein. Man hörte also viel von Demokratie sprechen. Jeder Staat nimmt das Prinzip der Demokratie für sich in Anwendung, wenn es seinen Interessen dient. Die Staaten, die plötzlich den Arbeiterfeiertag, wie er bis jetzt gefeiert wurde, ausschalten, werden als undemokratisch beurteilt, aber in dem Momente, da sie, wie Benesch es tat, das Prinzip der Demokratie verwenden wollen, weil das diplomatische Interesse es gebietet, die Demokratie in den Vordergrund zu stellen, dann kommt die Demokratie hoch zu Ehren. Der Faschismus Hitlers hat als wirkungsvollste Waffe den Plan zur Feier des 1. Mai als Tag der nationalen Arbeit geschmiedet, die anderen haben jedoch dieses Mittel nicht erfaßt. Und nächstens, wenn Hitler Erfolg hat, wird er schnell Nachahmer finden. Gerade in der Politik spielt die Raison der Anwendung der Mittel eine Hauptrolle. Der 1. Mai, einst von Sozialdemokraten als Tag für ihre Propaganda benützt, geradezu als Privileg, heute werden sie mit diesem Mittel bekämpft, und ihr größer Widersacher, Hitler, nimmt das Mittel als seine kräftigste Propagandawaffe in Verwendung. Wir erleben ein lehrreiches politisches Paradoxon. Dieses Paradoxon ist der 1. Mai 1933.
A. S.

(330430w1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Ein Vorschlag [S. 2, oben, links]
Es stark in diesen Tagen Professor Mina Minovici, ein Gelehrter, Wissenschaftler und Dichter. Er starb in der Hauptstadt Bukarest, wo er gelebt und gewirkt und wo er auf dem Gebiet der gerichtsärztlichen Medizin und kriminellen Graphologie Hervorragendes geschaffen hat. Er starb still und lautlos, und dennoch sind alle Zeitungen voll von der Nachricht, die die ganze Intellektualität Rumäniens zutiefst getroffen hat.
Professor Mina Minovici hinterließ ein Schreiben, in dem er ausdrücklich jeden Pomp einer längst veralteten, funebralen Zeremonie verbietet. Sein Wunsch war: keine langatmigen Nekrologe, keine Schmerzenskundgebungen, keine Kränze, keine Blumen. Und so verwandelte der Gelehrte eine trübe Vorahnung Heines in ein gewolltes Faktum: Keine Messe soll man lesen, keinen Kaddisch soll man sagen ... Warum sollen sich Menschen in Zylinderhüten und im Trauerflor vors Grab aufpflanzen und eingelernte Reden halten, da sie ja doch so wenig vom Wissen, Wollen und vom Werk des im Grabe Ruhenden gehört, gelesen und gekannt haben? Warum sollen offizielle Vertreter der Behörden in deren Namen sprechen, da sie ja doch den Toten kaum je, wenn überhaupt, von Angesicht zu Angesicht gesehen haben und nur reden, weil sie in offizieller Mission erschienen sind? Warum soll die ganze Faulheit der Intellektualität aus ihrer beschaulichen Ruhe gescheucht werden, bloß weil es Pflicht der Intellektuellen ist, bei solchen Anlässen dabei zu sein, nicht aber weil es ihnen innerstes Bedürfnis ist?
Ich greife einen schönen Gedanken E. Marghitas, die in der „Dimineata“ v. 28. April über den Tod Professor Mina Minovici schreibt, auf und leite ihn weiter, so gut ich kann und dorthin, wo dies Wort gehört wird: Warum dieses Aufrechterhalten einer konventionellen Lüge, warum diese Unehrlichkeit und dieser Selbstbetrug? Warum Geld ausgeben für Kränze, die der Tote nicht mehr bewundern, für Blumen, deren Duft er nicht mehr einatmen kann? Der Tote ist tot, aber es leben Hunderttausende, die arm sind und entrechtet und die hungern und frieren, deren Kinder an Tuberkulose zugrunde gehen, weil die Aerzte nicht bezahlt werden können; es leben Millionen von Arbeitslosen, die dumpf und stumpf ihre Tage verbringen und sich verzehren nach einem Stückchen Arbeit, um sich und den Seinen ein Stückchen Brot geben zu können; warum nicht bei solchen Anlässen, statt Kranzspenden und anderer großer Geldausgaben, den Armen das Geld geben? Gibt es nicht genug Wohltätigkeitsvereine, denen man dieses Geld zuführen könnte? Gibt es keine Arbeitslosen mehr, keine Kriegswitwen, keine ihres Ernährers beraubten, armen Waisenkinder, keine Invaliden?
Da der Tote in seinem Leben so viel Gutes spendete, ist es sicher in seinem Sinne gehandelt, daß er auch im Tode Segen spendet. Begrabt eine konventionelle Lüge und macht, daß auch der Tod Gutes bringt; im 20. Jahrhundert gibt es keinen Raum mehr für sentimentale Unwahrheiten.
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330430r2)


Seite 3

Wie Bolschewiken regieren [S. 3, oben, links]
In Russland: Not und Hunger

II.
Daß in Rußland bittere Not an den einfachsten und elementarsten Lebensmitteln herrscht, ist heute nicht mehr zu bezweifeln. Wie weit diese Not um sich gegriffen, wie viele Opfer sie gefordert hat, ob Millionen oder Tausende an ihr zugrunde gegangen sind, wissen wir nicht. Wir wissen bloß, daß im europäischen Rußland in den Städten, den Industriebezirken und in der südlichen, wirtschaftlich ausschlaggebenden Zone der Schwarzerde bloß die Armee und die GPU menschenwürdig ernährt sind, die große Masse der städtischen Bevölkerung, der Großteil der industriellen Arbeiterschaft, selbst die mittleren Beamten unter chronischer Unterernährung leiden, die Bevölkerung des flachen Landes aber, die Millionen der einst wohlhabenden und kräftigen süd- und westrussischen Bauern, am Hungertuche nagen. Diese Hungersnot ist indessen nicht auf die uralte Quelle der curasistischen Hungersnöte, die periodisch wiederkehrenden Mißernten und Dürren, zurückzuführen, sie ist eine Katastrophe, die durch den politischen Fanatismus der russischen Kommunisten heraufbeschworen wurde.
Die Hungersnot ist die unmittelbare Folge der Stalin’schen Generallinie, des starren Dogmas des kaukasischen Diktators, der nach seinem Siege über Trotzki mit Feuer und Schwert die Sozialisierung der südrussischen Landwirtschaft verwirklicht hat. Ueber achtzig Prozent der Bauernwirtschaften Südrußlands sind im Rahmen des Fünfjahrplanes in großen Produktionsgenossenschaften, den sogenannten Kollektivwirtschaften, vereinigt worden. Diese Kollektivwirtschaften erstrecken sich auf etwa 15 Millionen Bauernfamilien, die unter die Leitung von Agronomen von einwandfrei kommunistischer Gesinnung gestellt und mit Hilfe von 2000 Traktorstationen mechanisiert worden sind. Auf dem Papier wurde die Stalinische Generallinie restlos verwirklicht, in Wirklichkeit führte diese große Operation zum vollständigen Zusammenbruch der Landwirtschaft, und zwar aus folgenden Gründen: Die Ausschaltung der persönlichen Initiative der Bauern hatte den unaufhaltsamen Rückgang der Ernteergebnisse zur Folge. Die natürlichen und selbstgewählten Führer der Bauernschaft, die tüchtigen und wohlhabenden Bauern, Kulaken genannt, wurden ausgerottet. Die bolschewistischen Führer der Kollektivwirtschaften erwiesen sich als gewissenlose und unfähige Leute. Die Ernteergebnisse blieben um 25 bis 50 Prozent hinter den vorgeschriebenen Mengen zurück. Um die zur Deckung der Einfuhr notwendigen Getreidemengen bereitzustellen, wurden die Kollektivwirtschaften aller Reserven entblößt und in den verflossenen beiden Jahren mußten die Bauern über die Hälfte ihres Viehs abschlachten. Den Ausfall an Nutztieren vermochte die Sowjetindustrie nicht mit entsprechenden landwirtschaftlichen Maschinen zu ersetzen; so daß enorme Mengen von Getreide und Feldfrüchten nicht eingeheimst werden konnten. Hiezu kam die katastrophale Leistungsunfähigkeit der russischen Eisenbahnen, die heute mit einem rollenden Material, das ungefähr dem Vorkriegsniveau entspricht, einen doppelt so großen Verkehr zu bewältigen haben. Die spezifische Belastung des russischen Verkehrsnetzes stellt heute den höchsten Nutzungsgrad in der Welt dar, wobei zur Ersetzung der reparaturbedürftigen Wagen und Maschinen nicht annähernd genug Eisen vorhanden ist. Und schließlich brachte der Fünfjahrplan den völligen Zusammenbruch des Währungssystems mit sich, der die Entwertung des Rubels zur Folge hatte. Ursprünglich war im Fünfjahrplan eine Erhöhung des Banknotenumlaufs bis zu 3.5 Milliarden Rubel vorgesehen. Die genaue Höhe der Zirkulation ist unbekannt, dürfte sich aber etwa um 7 Milliarden Rubel bewegen. Das Land ist mit Papiergeld überschwemmt, das indessen kaum mehr eine Kaufkraft besitzt, - und in Moskau erzählt man den Fremden, die Russen seien das reichste Volk auf Erden, weil sie mit ihrem Geld nichts anzufangen wissen.
Wichtiger als diese materiellen Aspekte der russischen Lebensmittelkrise sind die psychologischen Folgen der Stalinschen Sozialisierungspolitik. Der russische, besonders der südrussische Bauer, der Donkosake und der Kubaner waren dem nordrussischen Bauern an Energie, Tatkraft und Selbstbewußtsein stets überlegen. Jenen Bauern verdankte die Sowjetregierung ihren Sieg über die weißen Generale, dieser tüchtige Menschenschlag hat den Kommunismus vor zwölf Jahren gerettet, als Lenin in richtiger Einschätzung der entscheidenden Momente, die Dogmen des Kriegskommunismus über Bord geworfen und die strengen Vorschriften der Lebensmittelbeschaffung gelockert hat. Den Willen zur Arbeit und zum Leben dieses Bauernvolkes hat die Stalinische Politik entkräftet und gebrochen. Der Bauer, der trotz aller Entbehrungen und Widrigkeiten im wirbelnden Chaos der Revolution sein Feld bebaut und die materiellen Mittel zu den ehrgeizigen Plänen der Kremlregierung geliefert hat, sitzt heute mit verschränkten Armen vor seiner Kate, läßt sich seine Fetzen von der Frühlingssonne bescheinen, und harrt müde und apathisch der Dinge, die da kommen sollen. Arbeiten? Für wen? Wozu? Die Früchte seiner Arbeit werden ihm entrissen, Tiere, die er pflegen und hüten soll, besitzt er nicht mehr. Kleider und Schuhe kann er sich nicht kaufen. Den Versprechungen, mit denen man ihn zu locken versucht, schenkt er keinen Glauben mehr. Hilfe und Trost findet er nirgends. Er hält sich über Wasser, solange er kann, und kümmert sich nicht mehr um das Morgen.
Von einem Kampfe zwischen Kreml und Bauernschaft kann heute nicht mehr die Rede sein. Der russische Bauer hat den Kampf aufgegeben, der Kreml aber hat mit diesem Siege über die Bauernschaft die Grundlagen der gesamten kommunistischen Ordnung erschüttert. Der Boden, auf dem der Bau der gigantischen neuen Industrie errichtet wurde, beginnt zu schwanken, und die Sowjetregierung befindet sich heute fast in der gleichen Lage, in der sich Lenin im Frühjahr 1921 befunden hat.

(330430w3)


Seite 7

Bridge Turnier-Premiere in Czernowitz [S. 7, Mitte, oben, links]
Bridgeturniere sind in allen Zentren, in denen dieses ebenso geistreiche wie dem Alltag entrückte Zeitspiel festen Fuß gefaßt hat, nicht selten. Bieten doch die Turniere die beste Gelegenheit, die Kenntnisse zu erweitern, neue Probleme zu ersinnen und auf diese Weise das allgemeine Spielniveau zu heben. Spät aber doch gelangte nun am Dienstag, den 18. d. M. das erste Bridgeturnier, angeregt von den überaus rührigen Leitern der Bridgestube im „Schwarzen Adler“ in der Halle dieses Hotels zur Austragung. Insgesamt beteiligten sich sieben komplette Tische. Im Endergebnis klassifizierten sich auf der N-S.-Linie als erstes Paar Frau Lilly Adlerstein, Wien - Ing. Wiznitzer, zweiter Preis Herr Martin Münz - Herr Jakob, dritter Preis Frl. Rosl Schnapp - Herr Gottlieb. Auf der O-W.-Linie wurden folgende Paare Preisträger: Erster: Dr. Lifschütz - Herr Nagelberg, Zweiter: Dr. Rosenheck - Münzer, Dritter: Herr Nussenbaum - Advokat Bikales. Die Veranstaltung brachte überaus spannende Kämpfe, denen auch eine größere Zuschauermenge beiwohnte. Besonders wurde die klaglose Abwicklung der Spiele lebhaft anerkannt. Es ist nur zu wünschen, daß diese Veranstaltung in Bälde und in noch größerem Umfange wiederholt werde, was, wie wir erfahren, unter dem Titel eines Pfingstturniers bereits geplant wird.
Bix

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Klaus Binder
 
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