09_1932 (Nr. 140 bis Nr. 164)

09_1932 (Nr. 140 bis Nr. 164)

Postby Klaus Binder on 7. September 2010, 16:09

(Platz für Infos zum September 1932)
Klaus Binder
 
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Nr. 140, Mittwoch, 01.09.32

Postby Klaus Binder on 7. September 2010, 16:36

Seite 1

Eröffnung des Reichstags ruhig verlaufen [S. 1, Mitte]
Unter Vorsitz der 75jährigen Kommunistin Klara Zetkin. - Der Nationalsozialist Göring Reichstagspräsident

Berlin, 31. August (Tel. des „Tag“). Der neue Reichstag wurde gestern um 3 Uhr nachmittags unter dem Vorsitze der Kommunistin Klara Zetkin, der 75jährigen Alterspräsidentin, eröffnet.

Die Nationalsozialisten erschienen korporativ in Parteiuniform. Die Vorsitzende des Reichstages Klara Zetkin wurde von den Kommunisten mit dem Kommunistengruß begrüßt. Sie riefen: „Wir grüßen die deutsche rote Einheitsfront und begrüßen die Vorsitzende mit dem dreifachen Rotfront!“

In einstündiger Rede übte Klara Zetkin scharfe Kritik an der deutschen Politik und trat gegen den Faschismus und den Imperialismus in Deutschland auf.

Zum Schlusse erklärte die Vorsitzende:
„Ich hoffe, noch die Freude zu erleben, den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands hier zu eröffnen“.
Klara Zetkin konnte die Sitzung ohne jede Störung leiten.

Es wurde hernach zur Wahl des neuen Reichstagspräsidenten geschritten. Der Nationalsozialist Göring erhielt 367, der gewesene Reichstagspräsident Loebe 135 und der Kommunist Porge 80 Stimmen, sodaß der Nationalsozialist Göring mit großer Majorität als gewählt hervorging.

Bei der Wahl des ersten Vizepräsidenten kam es zu einer Stichwahl zwischen dem Sozialisten Hilbe und dem Zentrumsmitglied Esser, der als gewählt hervorging.
Zum zweiten Vizepräsidenten wurde ein Deutschnationaler gewählt. Auch hier kam es zwischen ihm und dem gewesenen Reichstagspräsidenten Loebe zu einer Stichwahl, wobei auch hier Loebe in Minderheit verblieb.

Bei Uebernahme des Vorsitzes durch den neuen Präsidenten Göring wurde dieser mit dem Hitlergruß empfangen. In seiner Rede wies er darauf hin, daß er gewillt sei, die Sitzungen des Reichstages parteilos zu leiten und hoffe, daß die Würde des deutschen Volkes ihm das ermöglichen werde.

Während der Sitzung des Reichstages sammelten sich vor dem Reichstagsgebäude mehrere tausende Personen an. Es wurde das Lied: „Deutschland erwache!“ angestimmt und Schmährufe gegen die Regierung Papen ausgestoßen.
Die Polizei mußte einschreiten, um die Umgebung zu räumen. Dabei wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen.

Preußischer Landtag
Gleichzeitig mit der Eröffnung des neuen Reichstags fand eine Sitzung des preußischen Landtags statt. Der frühere Landtagspräsident gab im Namen der abgesetzten Preußenregierung eine Erklärung ab, in welcher er die Maßnahme der Reichsregierung zur Absetzung des Preußenkabinetts und Einsetzung des Reichskommissars scharf kritisierte und sie als mit der Verfassung unvereinbarlich bezeichnete.
Das Mitglied der Zentrumspartei Dr. Lauscher verwies auf die Notwendigkeit der Wiedereinführung verfassungsmäßiger Zustände, um der illegalen Diktatur die Zähne zeigen zu können. Das deutsche Volk werde sich das Selbstbestimmungsrecht nicht nehmen lassen.

(320901w1)

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• Diese Sitzung kann man nachlesen ->1. Sitzung, Dienstag den 30. August 1932
http://de.wikipedia.org/wiki/Clara_Zetkin
de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Göring
• Interessant ist übrigens der jüngere Bruder von Göring:
de.wikipedia.org/wiki/Albert_Göring
• youtube-Videos mit Clara Zetkin und Hermann Göring:
http://www.youtube.com/watch?v=5Mt-Sm8YNzo
http://www.youtube.com/watch?v=8xDlnoxE-8g


Oberst Beck in Bukarest [S. 1, oben, rechts]
Bukarest, 31. August (Tel. des „Tag“). Der Unterstaatssekretär des polnischen Außenministeriums, Oberst Beck, hatte heute mit dem Ministerpräsidenten Vaida und dem polnischen Minister in Bukarest Szömbek [vermutlich Szembek] Unterredungen. Beck wird heute beim König in Audienz erscheinen.

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de.wikipedia.org/wiki/Józef_Beck
• Evenutell ist Szembek rumänischer Minister für die polnische Minderheit in Rumänien?


SPD fordert Aufhebung der Sondergerichte [S. 1, oben, rechts]
Berlin, 31. August (Tel d. „Tag“). Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion verlangt in einer Zuschrift vom Reichskanzler die Aufhebung der Sondergerichte und der Norverordnung gegen politischen Terror.


Zusammenstöße [S. 1, unten, rechts]
zwischen Polizei und „Eiserner Garde“. - Auf beiden Seiten Verletzte. - Antisemitische Ausschreitungen

Aus Galatz wird uns telegraphiert: Montag abend kam es hier zu schweren Ausschreitungen der hakenkreuzlerischen „Eisernen Garde“. Diese empörte sich darüber, daß im Zentraltheater von einer jüdischen Truppe ein Stück „Auf der Front von Mărășesti nichts neues [ An der Front von Mărăşeşti nichts neues]“ aufgeführt wurde. Diese Aufführung erfolgte übrigens mit Autorisation der Behörden.
Die lokale Organisation der „Eisernen Garde“ erhielt aus Bukarest Verstärkung in Form von 18 Studenten, die eigens zum Zwecke der Unruhestiftung nach Galatz kamen.

Montag abends veranstalteten sie, im ganzen etwa 200 Mann stark, eine Versammlung und zogen dann zum Theater sowie in ein Kaffeehaus, wo sie die jüdischen Gäste attackierten.
Auf dem Hauptplatz der Stadt stellten sich ihnen etwa 10 Wachleute entgegen und es kam zu einem Zusammenstoß, bei welchem es auf beiden Seiten Verletzte gab.
Viele Hakenkreuzler schnitten den Wachleuten die Revolverriemen samt den Revolvern ab. Sie zogen dann vor die Polizei und gaben hier aus den erbeuteten Revolvern zahlreiche Schüsse in die Luft ab.

Schließlich verfügte der Staatsanwalt - übrigens ein Jude namens Abeles - die Verhaftung der vier Rädelsführer, und die Ruhe wurde wieder hergestellt, nachdem zwei Kompagnien Soldaten der Polizei als Verstärkung zur Verfügung gestellt worden waren.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Eiserne_Garde
en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Mărăşeşti


Seite 2

Die Novelle des Tages
Nichts über den Fortschritt [S. 2, oben, links]
Eine ganze Reihe von Funktionären der Czernowitzer Polizeiquästur begibt sich nach Berlin und Wien, um hier die modernsten Errungenschaften der Kriminalistik kennenzulernen und Studien zu betreiben. Gleichzeitig werden diese Funktionäre uns auch beim internationalen Kriminalistenkongreß vertreten.

Jubiliere [,] Proletarier, Exkremente sind wohlfeil [?]. Während unser Minderwertigkeitskomplex sich von Tag zu Tag vergrößert und unsere Berechtigung, uns auf kulturell hoher Stufe zu wähnen, im selben Maße sich verringert, während die Butter auf dem Kopf politischer Größen immer dicker und die Butter auf dem Brot der von jenen Regierten immer dünner wird, während jene ihre Lage verbessern, indem sie unsere Lage verschlimmern - geben wir noch immer und noch lange nicht die Ambition auf, als eine Großstadt gelten zu wollen und den Fortschritt als eine Bewegung anzusehen, die immer am gleichen Fleck bleibt.

Nun hat man es endlich heraus, warum den Polizeibeamten, deren Schrei in die Öffentlichkeit erst unlängst in den Spalten unseres Blattes Eingang fand und stürmisch an den Festen eines vermauerten Gewissens rüttelte, ihre Löhne so schlecht, oder - richtiger gesagt - überhaupt und seit langem nicht bezahlt wurden. Sparen mußt Du, Subalterner, den ein unberechenbares Schicksal nicht die Leiter der Karriere erklimmen ließ, sparen und entbehren, borgen und sorgen, den Vergnügungen fliehen und den Gürtel enger ziehen - denn Du mußt wissen, daß wir langsam, aber sicher und unrettbar eine Großstadt werden; und als solche benötigen wir eine Polizei, die uns bewacht und beschützt, mit Berliner Keßheit und Wiener Routine - jawohl; und um das zu bewerkstelligen, sind Studien notwendig, Studien, die viel Geld kosten, aber Früchte tragen werden. Denn habt Ihr es vielleicht auswendig gewußt oder hat es Euch schon jemand gesagt, daß

a) auf der Polizei nicht geschlagen werden darf,
b) Bakschisch nicht genommen werden darf,
c) ein Polizeifunktionär immer höflich sein muß gegenüber dem Publikum und der Öffentlichkeit, die er schützen soll,
d) auch in finsteren und an der Peripherie gelegenen Straßen - und dort mehr als überall, ein Wachmann zu finden sein soll,
e) ein Polizeiagent nicht besoffen sein darf, weil er dann zum Bock wird, den man zum Gärtner gemacht hat, und so weiter und wo weiter?

Nein, seht Ihr, das ist alles Neuland für Euch, das hat Euch noch niemand gesagt, und darum ist es eben notwendig, daß Ihr keine Löhne bekommt, damit andre nach Berlin und Wien fahren können, um einzustudieren wie man Euch das beibringt.
Denn wir sind eine Großstadt.

Merkwürdig, daß wir zwar nichts vom Westen lernen, aber dennoch an ihn Anlehnung suchen: bald sind es die Berater und Experten, die auf Kosten des Landes ihre ratende, aber nicht rettende Tätigkeit entfalten, wir erinnern uns auch, daß ein Funktionär der Gemeinde einmal nach Wien fuhr, um dort die Verkehrsordnung zu studieren, und das Fazit dieser Studienreise war eine fabelhafte Krawatte, die sich dieser Funktionär mitgebracht hatte, sowie die beglückende Neuerung, auf dem einen Trottoir nur hinauf und auf dem anderen nur hinunter gehen zu dürfen; das war damals ein kleines Mißverständnis, der gute Mann hatte falsch gesehen und uns mit einer Groteske überrascht, die ja nach einem Tag ihr ruhmloses Endes fand; hoffentlich irren sich die Herren, die jetzt nach dem Westen fahren, nicht auch, indem sie nach ihrer Rückkunft die anständigen Menschen einsperren und die Verbrecher freilassen?

Im übrigen wäre diese Neuerung nicht so übel; wollte man alle anständigen Menschen einsperren, so stünden sehr viele Zellen leer, während man für alle jene, die eingesperrt gehören und dennoch frei herumlaufen, eine Menge von Riesengefängnissen bauen müßte!

Es bleibt nur noch zu wünschen, daß die Studienkommission bei ihrer Rückkunft auch ein paar von den ganz großen, internationalen Verbrechern mitbringt und sie loßläßt, um auch ad oculos zu demonstrieren, was sie gelernt hat . . .
H. G.


Der Brotpreis soll reduziert werden [S. 2, oben, links]
Wie wir aus Kreisen der Stadtgemeinde erfahren, tritt am Freitag die Preisprüfungskommission zu einer Sitzung zusammen, um die neuen Maximalpreise für Brot festzusetzen. Es besteht innerhalb der Stadtgemeinde die Absicht, an die Bäcker mit der Forderung heranzutreten, die gegenwärtigen Brotpreise zu reduzieren. Diese Forderung wird damit begründet, daß sowohl das Getreide - als auch die Mehlpreise in den letzten Tagen bedeutend zurückgegangen sind. Dieser Tatsache dürfen sich nun auch die Bäcker nicht verschließen, umsomehr als sie die letzte Forderung nach Erhöhung des Brotpreises mit dem Anziehen der Getreidepreise [ge]rechtfertigt haben.

Sollte die Primaria bei den Bäckern auf Schwierigkeitn stoßen, so soll der bereits ausgearbeitete Plan auf Brotherstellung in eigener Regie verwirklicht werden, um wenigstens den ärmeren Volksschichten billiges Brot verabreichen zu können.


Werbung * Ankündigung
„Strand Lido“ Preise bedeutend herabgesetzt [S. 2, Mitte]
Die Preise für die Nachsaison ab 1. September 1932 wurden wie folgt herabgesetzt:
Kabine 10 Lei
Familienkabine 4 Personen 30 Lei
Garderobe 7 Lei
Studenten 5 Lei

Autobusverkehr vom Ringplatz (König).
Preis pro Person
für die Hinfahrt 6 Lei
retour 7 Lei
tour und retour 12 Lei
Taxameter 10 Lei pro Person


Werbung * Ankündigung
[Schuhe] [S. 2, unten, rechts]
ACHTUNG!!
Für Czernowitz ganz neu!
Die nach westlichem Muster mit den bestqualifizierten Arbeitern neuerrichtete

Schuhmacher - Werkstätte „Heris“
wird endgültig am
3. September d. J. eröffnet

Schuhe aus den allerbesten Materialien für Herrn, Damen und Kinder lagernd erhältlich. Damen - Schuhe aus feinsten Materialien werden binnen 24 Stunden nach Maß geliefert, nach den neuesten Pariser, Münchener und Wiener Journalen.
Reparaturen werden promt durchgeführt und billigst zu konkurrenzlosen Preisen berechnet. Für jedes Paar Schuhe wird vollste Garantie geleistet. Um sich von diesen Tatsachen zu überzeugen, genügt ein Blick ins Schaufenster. - Herren-Schuhe werden zu nachstehenden Preisen verkauft:

Herren-Halbschuhe schwarz u. braun
Boxkalf, aufwärts von Lei 385 - 625

Herren-Schnürstiefel schwarz und braun
Boxkalf, aufw. von Lei 450 - 675

Stets lagernd aller Art Sportschuhe, Goiserer, Ski-Schuhe und die allerneuesten Eislaufschuhe. Die letzte Parole lautet: Kaufe nur Handarbeit-Schuhe mit der bestbekannten Marke „Heris“! - „Heris“ bürgt für Qualität. (Eigene Erzeugung). - Um zahlreichen Zuspruch bittet
RIESEL
Tempelgasse Nr. 3

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Goiserer - Schuhe sind solche, die ursprünglich in Goisern hergestellt wuden:
de.wikipedia.org/wiki/Bad_Goisern_am_Hallstättersee#Der_Goiserer_Schuh


Garten - Restaurant „Boulevard“ [S. 2, unten, rechts]
Strada General Zadic 3

Ab Donnerstag, den 1. September, täglich 10 Uhr abends Debut der weltberühmten Truppe „Renos“ mit einem sensationallen Programm, unter Mitwirkung des Arabers Mohamed Ben Mohamed von den Riff-Kabylen, der bester Springer. - 5 Renos, olympische Spiele. - Mlle. Valmery, Sängerin. - Mlle. Lily, nationale Tänze. - Mister Mohamed, Steptänzer. - Kapitän Margarucei, Evolutionen. - Mlle Mura, Phantasie-Tänze.


Seite 3

Werbung * Ankündigung [S. 3, Mitte]
Klangfilmtheater „CENTRAL“
Mittwoch, den 31. d. M.
Eröffnung der Herbstsaison
Premiere [[[ ]]] Novität
aus der Produktion 1932/33

Anna May Wong u. Sessua Hayakava
das grosse Künstlerpaar in dem Spitzenfilm der neuen Produktion

Dr. MEN JOU
(Die Tochter des Drachen)
Zwei Künstler von Weltruf - Die Duse des Ostens und der japanische Valentino spielen ein Spiel von Liebe u. Leidenschaft, von Hass und Eifersucht, das alle Register ihres immensen Könnens in Anspruch nimmt. - Als Beiprogramm: Die neueste
Tonfilm-Wochenschau
II. Premierenlustspiel

Bei schönem Wetter im Garten

(320901r3)

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Daughter of the Dragon
http://de.wikipedia.org/wiki/Sessue_Hayakawa
"In den 1920er und 1930er Jahren, als Hollywood tief vom Rassismus geprägt war und die Selbstzensur der Filmindustrie die Karrieren vieler ostasiatischer Darsteller massiv behinderte, war sie [Anna May Wong] unter den amerikanischen Schauspielerinnen chinesischer Herkunft die erste, der der Aufstieg zum weltweit bekannten Filmstar gelang." (lesenswerter Artikel!) aus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_May_Wong



In der polnischen Schweiz [S. 3, Mitte, rechts]
Zur ersten Jaremcze-Reise

In ausgezeichneten Autocars, wie sie leider in Czernowitz nicht verwendet werden, traten wir bei grauendem Morgen des 21. August die Reise ins Nachbarland an. Und da mußten wir beim Passieren der polnischen Städtchen Sniatyn, Zablotow, Kolomea u. s. w. konstatieren, daß die polnische Verwaltung in Bezug auf Straßenerhaltung und Sauberkeit sich immer mehr vom Osten ab- und dem Westen zuwendet. Straßenbespritzung könnte sogar unsere eigene Stadtverwaltung von Polen lernen. Daß eine ganze Ortschaft trotz regsten Verkehrs durch Teerung der Straße staubfrei erhalten werden kann, ist kein Geheimnis, aber eine Sache, die Nachahmung verdient. Ueber Delatyn mit den interessanten Ruinen des burgähnlichen Rabbinerpalastes geht es über Mikuliczyn und Dora längs des Pruth flußaufwärts in den Hängen der nadelholzbestandenen Karpaten Jaremcze entgegen, das wir nach vierstündiger Fahrt erreichen. Jaremcze und Umgebung verdient den Namen „polnische Schweiz“, denn dieser Kurort nimmt es nicht nur an landschaftlichen Reizen, sondern auch an modernem Komfort mit einem Schweizer Badeort auf. Ein Bad im Pruth, der noch als jugendfrischer Bergfluß von seinen nahen Quellen in der Czernahora fließt, ist Bad und Massage zugleich, Wasserfälle rauschen über felsige Hänge, und nahe am Ort ergießt sich die „Zonka“ (das Weibchen) in den Pruth. In der Pension „Stokrodka“, die von den Stanislauer Damen Horowitz & Fischler geleitet wird, in den „Tilla“ „Fila“ u. a. wird ausgezeichnet gegessen und komfortabel gewohnt. Restaurants, Cafes, Tanzmusik. Das Schönste aber sind Ausflüge in die Umgebung, bis zur czechischen Grenze Jabloniza.

Unbeschreiblich schön ist die Fahrt in unseren Autocars nach Worochta. Gleich bei Jaremcze der „Kamen Dobosza“, der Fels des Räuberhauptmannes Dobosch. Ob er Rumäne oder Ruthene oder Pole war, ist nicht recht festzustellen, seine Burg oben ist romantisch. Dann Dilop mit prachtvollen Villen, Tatarow mit malerisch gegliederten Gebirgsketten, die sieben Bergkuppen, von denen die Sage erzählt, sie seien die sieben Juwelen aus der Krone der Prinzessin Jadwiga.

Ueberall rauschen die Bergwässer des Pruth und laden zum Bade: Der Redakteur der Lemberger „Gazeta Poranna“ [fett v.m.], Herr Scheuermann, macht den Führer und erläutert uns auch den Nationalgruß dieser Gegend „Hulles!“. Hulles stammt von „hulaj“, „Sollst leben“ heißt es. Die Sage oben erzählt, daß eine Jüdin in diesen Dörfern einst ihren verschwundenen Mann namens „Hulles“ gesucht und ihren Ruf nach ihm überall hin hat ertönen lassen. Und so macht sich die in unserer Reisegesellschaft zahlreich vertretene Jugend diesen Gruß zu eigen und läßt ihn auch auf der Heimreise bis auf unseren Ringplatz im kräftigen Chore erschallen: „Hulles!“ „Hulles!“

Die Reiseleitung gab sich alle erdenkliche Mühe, den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Und so ist es nicht wunderlich, daß unsere jungen Reiseteilnehmer beim Abschied das Lied anstimmten: „Schön war das Märchen, nun ist es zu Ende.“ Denen aber, die gewiß sehr zahlreich die geplante zweite Jaremcze-Reise antreten werden, können wir nur sagen, daß die ausgestellten Photographien sowie jede Reisebeschreibung weit hinter der märchenschönen Wirklichkeit zurückbleiben, daß wir sie um den Ausflug beneiden und rufen ihnen zu ein kräftiges „Hulles!“
dr. m. k.

(320901c3)

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• Hier die Reiseroute:
http://de.wikipedia.org/wiki/Jaremtsche
http://de.wikipedia.org/wiki/Snjatyn
http://de.wikipedia.org/wiki/Sabolotiw
http://de.wikipedia.org/wiki/Kolomyja
http://en.wikipedia.org/wiki/Delatyn
http://pl.wikipedia.org/wiki/Mikuliczyn
http://de.wikipedia.org/wiki/Jablonica
http://de.wikipedia.org/wiki/Worochta
Dora liegt bei Jaremtsche
"The 1992 documentary film Return to My Shtetl Delatyn depicts
filmmaker Willy Lindwer's. . ."
->www.youtube.com



Seite 4

Weil sie aus dem Kino entlassen wurde [S. 4, Mitte, unten]
Selbstmord einer Pianistin
Satu Mare, 30. August, (Tel. des Tag). Große Sensation hat hier der Selbstmord der Pianistin Luise Schwarz hervorgerufen. Hierüber wird folgendes bekannt: Infolge der ungeheuren Krise, die in allen Teilen Siebenbürgens herrscht, wurde die Pianistin Schwarz von vielen Familien, bei denen sie Klavierunterricht erteilte, gekündigt. Die Pianistin fand dann im Kino „Urania“ einen Posten, woselbst sie ein Orchester begleitete. Nach Einführung des Tonfilms wurde aber die Kapelle entlassen, sodaß Luise Schwarz brotlos wurde. Sie entschloß sich, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Nun wurde sie in ihrer Wohnung, nachdem sie acht Tage nicht mehr gesehen wurde, erhängt aufgefunden. Am Tische fand man aufgeblättert die Noten des Trauermarsches von Chopin. Luise Schwarz hatte schon früher zwei Selbstmordversuche durch Vergiften unternommen, war aber von den Aerzten gerettet worden. Der letzte Versuch, durch welchen sie ihrem elenden Leben ein Ende setzte, ist aber gelungen.

(320901r4)


[Verantwortlicher Redakteur] [S. 4, unten, rechts]
Verantwortlicher Redakteur: Dr. Ernst Maria Flinker
Druckerei: Mitropolitul Silvestru, Cernăuți

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• Dr. Ernst Maria Flinker ->bukowina.info
• Ernst Maria Flinker hat auch einen interessanten Bruder:
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Flinker
Klaus Binder
 
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Nr. 141, Freitag, 02.09.32

Postby Klaus Binder on 7. September 2010, 21:29

Seite 1

Leitartikel
Doch Neuwahlen? [S. 1, links, oben]
Im Wettrennen zwischen der Regierung Papen und der Koalition Nationalsozialisten - Zentrum, Papen im Kampfe um den Sieg des Prinzips der Konservativen, Recht und Ordnung, Erhaltung des Staates, die andern, Hitler und Brüning, um den „Erfolg des parlamentarischen Systems“ den „Bestand des Reichstages“ - wie sie es verstehen! - scheint Papen den Erfolg davonzutragen. In einer halbamtlichen Note wird mitgeteilt, daß das Ergebnis der Konferenz von Neudeck [dort sitzt/saß Hindenburg] die Auflösung des Reichstages gebracht hat. Der Reichskanzler hat das Auflösungsdekret bereits in der Tasche. Mit diesem Dekret wird er in der nächsten Reichstagssitzung (8. oder 9. September) vor das Haus treten und seine bereits in Münster entwickelten Grundsätze der Verwaltung und der „Ankurbelung der Wirtschaft“ als Regierungsprogramm mitteilen. Bevor noch das Haus Muh! wird sagen können, soll es nach den Plänen Papens das Auflösungsdekret zu hören bekommen. Der Reichskanzler will im Rahmen der Verfassung bleiben und die Neuwahlen in der vorgeschriebenen Zeit von zwei Monaten durchführen.

Dieses Resultat der Neudecker Besprechungen wurde halbamtlich mitgeteilt. Man sieht also bereits die Marschroute der Regierung, die getreu ist den Ankündigungen von Münster und München, und die darauf hinausgehen [hinausgeht (die Marschroute)], auch in die Tat zu übertragen, was nur in Worten ausgesprochen worden ist, daß die Koalition der Nationalsozialisten mit dem Zentrum eine Mißgeburt darstellt, zum Schaden des Parlamentarismus, der deutschen Nation und des Reiches, weil die Nationalsozialisten die Zentrumsleute nur hinters Licht führen wollen, ebenso umgekehrt, und es deshalb eine höhere Gewalt im Reiche geben müsse, die diese krankhafte Erscheinung zunichte macht. Das parlamentarische Spiel des Zentrums wird in diesem Augenblick noch nicht ganz verstanden. Sie paktieren faktisch mit Hitler, und zwar sowohl für den Reichstag, mit der Tendenz das „parlamentarische System auf Grund der gegebenen Verfassung zu wahrren“. Die Hitlerianer als Schützer der Weimarer Verfassung! Es ist kein Zweifel, daß das Zentrum hier eigene Parteiinteressen verfolgt, man kann nicht sagen, daß Brüning nicht von der Eingebung erfüllt ist, in dieser Not des öffentlichen Lebens, in die Deutschland getränkt ist, als rettender Heros aufzutreten. Aber die anderen, nämlich vor allem die Junkerbarone, die Deutschnationalen, auch die Linksgruppen, vor allem die Sozialdemokraten, sehen die Sache anders. Darum ist auch heute die Situation so schwierig geworden. Sollen Demokraten die Taktik von Papens tolerieren, diesen neugeborenen Reichstag auflösen, oder sollen sie, getreu den Mehrheitsverhältnissen, einen Reichstag zustandekommen lassen, von dem sie überzeugt sind, daß er nicht eine Sekunde arbeitsfähig sein wird. Als es gestern zur Eröffnung des Reichstages kam, ging man über Aufforderung des Zentrums und der Nationalsozialisten vom bisherigen Brauche ab und nahm die Wahl des Reichstagspräsidiums schon in der ersten Sitzung vor, damit eben ein Präsidium da ist, das heute noch nach Neudeck zu Hindenburg fährt, um die Reichstagsauflösung zu hintertreiben. Das ist das Wettrennen, von dem eingangs gesprochen wurde.

Wie man also sieht, ist in diesem Rennen Papen um viele Nasenlängen Hitler voraus. Noch haben in den letzten Tagen Verhandlungen zwischen Papen und Hitler stattgefunden. Es ist alles in der Politik möglich, auch daß Papen morgen Hitler, dem er in seiner Münsterer Rede nachgesagt hat, er wäre für den Reichskanzlersessel nicht mehr reif, weil er „zügellos“ in das Beuthener Gerichtsverfahren eingegriffen habe, die Hand reicht; aber, an den deutschen Verhältnissen gemessen, wäre es doch eine der merkwürdigsten Merkwürdigkeiten, wenn ein Kompromiß zwischen der gegenwärtigen Regierung und den Nationalsozialisten im letzten Momente zustande käme. Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach bei der Reichstagsauflösung bleiben, die Notverordnung mit den Maßnahmen für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wird erscheinen, und, auf den Erfolgen dieser angekündigten Notverordnung fußend, die möglicherweise die Stimmung umändern könnten, werden Neuwahlen unter anderen Schlagworten geschlagen werden, die Hitlers vierzehn Millionen reduzieren werden können.
Ego

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• Ein Wettrennen war dies wohl. Am 12. September 1932 "wird" ein Mißtrauensvotum gegen Papen beantragt, dem Papen "eigentlich" mit der Auflösung des Reichstages zuvorkommen wollte:
http://de.wikipedia.org/wiki/Reichstags ... 32#Verlauf


Die Weltwirtschaftskrise überwunden [S. 1, oben, rechts]
Ein optimistischer Bericht des Berliner Institutes für Konjunkturforschung
Berlin, 1. September (Tel. des „Tag“). Das Berliner Institut für Konjunkturforschung hat gestern einen Bericht ausgegeben, der sehr optimistisch gehalten ist. Zum ersten Mal, heißt es im Bericht, sei ein Tendenzumschwung am Wirtschaftsmarkt in ganz Europa festzustellen. Durch das Entschuldungssystem der Banken würde der Geldumlauf erhöht, was auch auf die Produktion seine Rückwirkungen haben werde. Es habe den Anschein, daß die Weltwirtschaft, die so tief in der Krise steckte, diese überwunden habe.
(Hiezu vergl. auch den Artikel „Wendepunkt der Wirtschaftskrise auf Seite 3).

(320902w1)

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• Bei google findet man unter "Berliner Institut für Konjunkturforschung" derzeit 20 Einträge, aber nichts direktes über dieses Institut. In einem (DDR-)Buch "Geschichte der Deutschen Arbeiter Bewegung / Kapitel 9 / Periode von Herbst 1929 bis Januar 1933" findet man z.B. :
„Im Herbst 1929 wurde das kapitalistische Weltsystem erneut von einer Wirtschaftskrise erfaßt. Noch Ende August hatte das Berliner Institut für Konjunkturforschung behauptet, „daß fast alle Länder sich fern von Krisis oder Depression in einer konjunkturell günstigen Lage, in einem Aufschwung oder einer Hochkonjunktur befinden““



Staatliche Agrarhilfe in Polen [S. 1, Mitte, rechts]
Im „Monitor Polski“, dem polnischen Staatsgesetzblatt, sind vier neue Notverordnungen des Staatspräsidenten veröffentlicht worden, die am 26. August in Kraft getreten sind und der polnischen Landwirtschaft ein teilweises Moratorium in Aussicht stellen.

Nach diesen Verordnungen werden für den kleinen und mittleren Grundbesitz bis 50 Hektar Fläche administrative Vergleichsausschüsse eingesetzt, welche die Zahlungstermine dieser landwirtschaftlichen Betriebe bis nach der nächsten Ernte verschieben, die Schuldzinsen neu regulieren und Zwangsvollstreckungen verhindern sollen. Die gleichen Vollmachten erhalten für die größeren Betriebe bis 300 Hektar Fläche die ordentlichen Gerichte, für den überschuldeten Grundbesitz von mehr als 300 Hektar Fläche wird die Entschuldung im Wege der Parzellierung vorgesehen. Die vierte Verordnung richtet sich gegen die Dorfwucher. Die in diesen Notverordnungen vorgesehenen Moratorien treten nicht generell in Kraft, sondern müssen in jedem Einzelfall von den Vergleichsausschüssen bzw. von den Gerichten je nach der Lage des notleidenden Betriebes beschlossen werden.


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Wendepunkt der Wirtschaftskrise [S. 3, oben, links]
nach Hoovers Rede Optimismus in London

Zürich, 30. (Tel. des „Tag“). Die vom „Tag“ ausführlich wiedergegebene Rede des Präsidenten Hoover bei der Wirtschaftskonferenz in Washington, in welcher er davon sprach, daß die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt anscheinend überschritten habe und in aller Welt Anzeichen einer bevorstehenden Besserung der Verhältnisse bemerkbar seien, hat begreiflicherweise überall das größte Aufsehen erregt und der Menschheit neue Hoffnungen eingeflößt. Wenn eine Persönlichkeit wie Hoover, das Oberhaupt der größten Kapitalsmacht der Welt, solche Worte spricht, dann muß man annehmen, daß sie auf Kenntnissen fußen, welche der großen Masse nicht so leicht zugänglich sind.

Interessant ist, daß ein ähnlich optimistischer Ausblick in die Zukunft von den Mitgliedern der englischen Delegation zur Schau getragen wird, welche an der britischen Reichskonferenz in Ottawa teilgenommen haben und die sich auch in dem am Samstag stattgefundenen Kabinettsrat kundgab, welcher sich mit den Ergebnissen der Konferenz von Ottawa befaßte. Wie aus London gemeldet wird, wird von den Delegationsmitgliedern allgemein die außerordentliche Bedeutung der in Ottawa vereinbarten Wirtschaftsabkommen betont. Der Erfolg der Reichskonferenz habe alle Erwartungen übertroffen und bedeute einen verheißungsvollen Auftakt für die kommende Weltwirtschaftskonferenz.
Man betont, daß der Tiefpunkt der weltwirtschaftlichen Depression bereits überschritten sei.

Voraussetzung für eine Wiedergesundung der Weltwirtschaft sei jedoch die Wiederherstellung des internationalen Vertrauens. Auf diesem Wege seien die Lausanner Konferenz, der überraschende Erfolg der britischen Konversionsaktion und die Ottawa-Konferenz die wichtigsten Etappen gewesen. Es sei zu hoffen, daß die Weltwirtschaftskonferenz einen erfolgreichen Abschluß dieses Genesungsprozesses der Welt bringt.

Krisenwende?
Interessante Schrift eines Nationalökonomen

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine kürzlich erschienene Schrift des bekanten Nationalökonomen Dr. Somary, der einstmals Professor der Volkswirtschaftslehre an der Wiener Universität war, aber schon seit einer Reihe von Jahren Leiter eines Züricher Bankhauses ist. Er hat die Reihe der von ihm verfaßten volkswirtschaftlichen Schriften jetzt um eine weitere vermehrt, die den Titel „Krisenwende?“ trägt. Sein Buch verdient schon deswegen beachtet zu werden, weil der Verfasser in den letzten Wochen ein bemerkenswertes Maß von Vorausblick an den Tag gelegt hat. Nach dem Zusammenbruch der Oesterreichischen Kreditanstalt hat er dem Staatssekretär des deutschen Reichsfinanzministeriums in einer Unterredung erklärt, daß die Krise nicht abklingen werde, bevor noch das italienische und deutsche Bankwesen saniert, England vom Goldstandard abgegangen und der Kreuger-Konzern zusammengebrochen sei. Alle vier Ereignisse haben inzwischen stattgefunden. Dr. Somary hat diese Prognosen natürlich nicht aus den Fingern gesogen, sondern er war vermöge seiner ausgezeichneten Beziehungen über vieles, was hinter den Kulissen vor sich ging, besonders gut unterrichtet.

Voraussetzungen für die Ueberwindung der Krise.
Es besteht also Anlaß, auch für die Zukunft den Prognosen jenes gut informierten Fachmannes Beachtung zu schenken. In seiner neuen Schrift befaßt er sich nun allerdings nicht eigentlich mit einer Voraussage. Er hat es sich vielmehr in erster Linie zur Aufgabe gemacht, einmal festzustellen, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, um eine Krisenwende herbeizuführen, und das Fragezeichen hinter dem Titel seines Buches gibt sogar dem Zweifel Ausdruck, ob diese Voraussetzungen in Bälde eintreten werden. Die Frage zum Beispiel, ob die gegenwärtige New-Yorker Hausse dem Wiederaufstieg eine Gasse bahnt, wird von ihm nicht nur nicht mit Ja beantwortet, sondern man hat sogar den Eindruck, als ob er gegenüber dieser Hausse ein starkes Mißtrauen hege.

Für ihn ist die wichtigste Voraussetzung eine Vereinigung der wirtschaftlichen Fahrstraße, und zwar möchte er hier ganze Arbeit gemacht sehen. Sein Grundsatz ist: Was stürzen muß, soll man nicht stützen. Er verwendet dafür das einprägsame Bild: „Kadaver soll man nicht am Leben erhalten.“ Ein Moratorium soll man nur gewähren, wenn Aussicht auf baldige Wiederherstellung der Zahlungsfähigkeit besteht. Niemandem soll man die volle Forderung erst noch stunden, wenn man ihm eines Tages doch einen Nachlaß gewähren muß, schon deswegen nicht, weil die Quoten mit der Zeit immer kleiner werden und die immer erneuten Verhandlungen den Gläubiger verbittern und den Kredit des Schuldners ruinieren.

Die internationalen Bankinstitute haben nach Dr. Somary den Fehler gemacht, in ihren Abschreibungen weit hinter den Erfordernissen zurückzubleiben. Die Abschreibung der internationalen, insbesondere auch der interalliierten Schulden auf das für die Schuldner tragbare Maß aber sei die wichtigste Voraussetzung für eine Krisenwende. Er schlägt vor, die Leistungsfähigkeit der einzelnen Länder abzuschätzen und die sich dabei ergebenden Beträge in Form einer von den Gläubigern zu übernehmenden Anleihe zu kapitalisieren. Man solle aber dabei nicht von Abwertung sprechen, ein Wort, das als Parallelerscheinung zu der Aufwertung einen schlechten Klang hat, sondern von Abschreibung, wie sie im geschäftlichen Leben seit Menschengedenken gang und gäbe ist. Die so sanierten Schuldnerländer seien dann in der Lage, wieder bei den Gläubigerländern zu kaufen. Die Wurzel der Krise sei entfernt, der ins Stocken geratene Warenaustausch könne wieder beginnen.
Kommt es aber nicht zu dieser Reduzierung der Auslandschulden, so besteht die große Gefahr, daß die

Konjunkturankurbelung
wie man sie jetzt in Amerika versucht, im Sande verläuft, weil alle die vielen Länder, die teils durch ein offenes Moratorium, teils durch ein verstecktes in Gestalt der Devisensperre, in ihrer wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit gehemmt sind, an der aufsteigenden Bewegung nicht teilhaben werden, denn sie können die Rohstoffe nicht kaufen, deren Besitz die Voraussetzung für ihre Einschaltung in die Konjunktur darstellt.

(320902w3)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Somary
Bemerkung (von kb): Die "Lösungsvorschläge" bewegen sich anscheinend ausschließlich im nationalen Rahmen, was jedes "Land" tun oder lassen sollte. So was wie die Donaustaatengemeinschaft, die Anfänge der Beneluxländer oder auch das, was ein internationales Bergwerkskomitee im April 1932 vorgeschlagen hat, ->Tag Nr. 24, 09.04.32, Seite 3, all solches spielt für Nationalökonomen anscheinend keine Rolle. Auch nicht, daß man zumindest die Landwirtschaft "staatlich" (oder wie auch immer) anpacken sollte, um so für stabile Ernährung zu sorgen. Ohne Ernährung funktioniert gar nichts.
• Nebenbei vielleicht mal Nachrichten aus dieser Zeit vom US-Sender Fox Movietone News (1932):

http://www.youtube.com/watch?v=_8eECG4DgvE


Werbung * Ankündigung
Garten - Restaurant „Boulevard“ [S. 3, Mitte]
Strada General Zadic 3

Ab Donnerstag, den 1. September, täglich 10 Uhr abends Debut der weltberühmten Truppe „Renos“ mit einem sensationallen Programm, unter Mitwirkung des Arabers Mohamed Ben Mohamed von den Riff-Kabylen, der bester Springer. - 5 Renos, olympische Spiele. - Mlle. Balmery [oder Valmery], Sängerin. - Mlle. Lily, nationale Tänze. - Mister Mohamed, Steptänzer. - Kapitän Margarucei, Evolutionen. - Mlle Mura, Phantasie-Tänze. 6009

(auch: 320902c3)


Hakenkreuzler-Tag in der Kammer [S. 3, rechts, oben]
Cuza und Codreanu zur Thronrede. - Zwischenfälle mit Dr. Ebner

In der Nachmittagssitzung der Kammer vom Dienstag sprach der Deputierte Prof. A. C. Cuza zur Antwort auf die Thronrede zwei Stunden lang, oft von Zwischenrufen unterbrochen. Der Hauptteil seiner - uns im stenographischen Protokoll vorliegenden - Rede war den Juden gewidmet und auf seine zahlreichen Anwürfe hat der Deputierte Dr. Mayer Ebner wiederholt mit Zwischenrufen und Protesten geantwortet.

Prof. A. C. Cuza führte aus, die bisherigen Redner seien nicht in die Tiefe der Probleme gedrungen, weil den Parteien, die sie vertreten, der Mangel einer Doktrin anhafte. Nur zwei Parteien im Hause haben eine Doktrin u. zw. die Gruppe der Juden, zu denen er auch die eingeschriebenen Juden zähle. Die Doktrin der Juden sei die Thora und der Talmud. Die zweite Gruppe im Hause, die eine Doktrin habe, sei die Gruppe der L.A.N.C. (Cuzisten) und ihre Doktrin heiße: Christus, der König, die Nation und Rumänien den Rumänen. Redner verliest sodann das Programm der L.A.N.C. Ein Hauptpunkt ihres Programmes ist die

Expropriierung der Juden,
numerus clausus in allen Schulen, Ausstoßung der Juden aus allen Staatsämtern, der Armee usw.

Dr. Mayer Ebner: Dies wird niemals sein, nicht in Rumänien und nirgends in der Welt.

A. C. Cuza erörtert sodann die ökonomischen und politischen Probleme des Staates und wendet sich gegen die Behauptung des lupistischen Messageredners [?], als gäbe es überhaupt kein jüdisches Problem. Das jüdische Problem sagte A. C. Cuza ist vorerst ein Problem der Rasse. So fange es an. Sodann ist es ein Problem der Religion, hernach ein ökonomisches und kulturelles Problem und als politisches Problem müsse es zur Lösung führen. Redner ergeht sich hierauf in Herabwürdigungen der jüdischen Rasse, die als Konglomerat in Aegypten entstanden sei.

Herr Dr. Mayer Ebner protestiert und verlangt den Ordnungsruf.
Präsident Ciceo Pop: Ich bitte, Herr Cuza, beleidigen Sie niemanden!
Mayer Ebner: Herr Präsident, es darf nicht sein, daß er uns insultiert und ich bitte, ihn zur Ordnung zu rufen. (Zwischenrufe auf den Bänken der L.A.N.C.)
A. C. Cuza : Haben Sie die Güte, nicht impertinent zu werden.
Gheorghe Cuza : Schweigen Sie!
Mayer Ebner: Das ist antisemitische Erziehung!
Präsident Ciceo Pop: Meine Herren, ich bitte Sie, sich zu beruhigen.

A. C. Cuza zitiert dann eine Stelle aus dem sechsten Kapitel der Genesis und beruft sich darauf, daß Gott Abraham versprochen hat, dieser werde der Vater vieler Völker sein. Cuza schließt daraus, daß dies nur möglich sei, wenn die anderen Nationen zerstört werden, damit die Juden ihren Boden okkupieren. Sie Herr Mayer Ebner, der Sie Rabbiner sind, Sie kennen die Thora. Aber ich kenne sie genau so gut wie Sie. (Professor Cuza zitiert eine Stelle in hebräischer Sprache).

Dr. Mayer Ebner: Sie scheinen im Geheimen ein Jude zu sein (Lebhafte Heiterkeit).

A. C. Cuza: Die jüdische Nation hat eine Religion, welche die Zerstörung der anderen Nationen befiehlt. Dies ist das ganze Problem. Ich frage: ist es für uns gleichgültig, daß bei uns eine Nation da ist, die sich vermehrt und die Hand legt auf alle Quellen des Vermögens und uns innerhalb und außerhalb des Landes schädigt. Dies können wir nicht ertragen. Die rumänische Nation will nicht von degenierten Juden beherrscht werden.

Seit wann sind die Juden in Rumänien?
Nachdem Herr Prof. Cuza in diesem Tone die dem Rumänentum von den Juden angeblich drohende Gefahr weiter behandelt hatte, sagte er: von der Tribüne aus habe ein jüdischer Redner (Deputierter Misu Weißmann) mit jüdisch-atavistischer Unverfrorenheit behauptet, die Juden in Rumänien seien autochthon.

Dr. Mayer Ebner: Die Juden waren hier auch schon zur Zeit des Traian. (Heiterkeit).

A. C. Cuza sucht nun einen längeren Nachweis zu führen, daß um 1600 von den Juden in Rumänien noch keine Spur war und daß sie erst nach den Pogromen des Bogdan Chmielnicki 1649 eingewandert sind, und daß sie vielen Beschränkungen unterworfen waren. Er zitiert eine ganze Reihe von bezüglichen behördlichen Vorschriften. Hierauf spricht Cuza über den Artikel 7 des Berliner Vertrages und bemerkt, daß dieser Artikel 7 unter einem Druck gegeben worden ist und daß das Volk in der Hauptstadt als Antwort die Synagoge zerstört hat, „wie Sie Herr Ebner wohl wissen“.

Dr. Mayer Ebner: Dies ist der Geist aus der Zeit des Mittelalters.

Cuza: Im Jahre 1919 haben die Mächte uns gezwungen, die Juden einzubürgern. Die rumänische Nation ist nicht befragt worden, ob sie die Juden aufnehmen will.
Wenn wir in unserer Bewegung frei sein werden, werden wir die Juden hinauswerfen.
(Stürmischer Beifall auf den Bänken der L.A.N.C., Proteste und Zwischenrufe seitens der jüdischen Abgeordneten).

Bekenntnis zu Hitler
Cuza: Es gibt keine andere Lösung. Ihr habet Furcht, ihr wißt, was Euch erwartet, denn diese Bewegung bei uns ist genau so wie die große Bewegung Hitlers, dessen Programme die gleichen Forderungen enthält.

Mayer Ebner: Also auch Sie sind gegen die Friedensverträge.

Präsident Ciceo Pop: Lassen wir den Hitler in Deutschland. (Heiterkeit).

A. C. Cuza liest den bezüglichen Punkt des Hitlerischen Programmes vor, soweit es gegen die Juden gerichtet ist und fügt hinzu: Millionen von Christen erheben sich gegen das jüdische Parasitentum.
Mayer Ebner: Herr Präsident, ich protestiere gegen derartige Ausdrücke.
Präsident Ciceo Pop: Herr Cuza, ich bitte Sie, derartige Worte zu unterlassen.

In der gleichen Sitzung verlas

Corneliu Codreanu
namens der „Eisernen Garde“ eine Erklärung. Diese spricht sich u. a. gegen die Einschränkung der Konvertierung aus. Sie fordert die Devalorisierung des Leu, bekämpft das Gesetz über die Vermögenskontrolle, weil es in der von der Regierung gefaßten Form mehr ein Gesetz sei, um eine Kontrolle der Vermögen zu verhindern. Schließlich spricht er sich für die Beibehaltung der Naturalleistungen aus.

(320902r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 142, Samstag, 03.09.32

Postby Klaus Binder on 7. September 2010, 21:33

Seite 1



Weltkrise nähert sich dem Ende [S. 1, Mitte]
Gouverneur Franck über die Möglichkeiten der Ankurbelung

Paris, 30. August. [Der] „Martin“ meldet aus Brüssel: In der Generalversammlung der Belgischen Nationalbank hielt deren Gouverneur, der ehemalige Minister Franck, eine Rede, in deren Verlauf er u. a. ausführte, daß zahlreiche Erscheinungen in den verschiedenen Staaten darauf hindeuten, daß sich die Weltkrise ihrem Ende nähere. Diese Aufwärtsbewegung ließe sich noch verstärken, u. zw.: 1. durch eine Organisierung der Währungssicherheit in einer möglichst großen Anzahl von Staaten und 2. durch Aufhebung des Regimes der Einfuhrbeschränkungen und der Handelsbeschränkungen zwischen den einzelnen Staaten überhaupt.

Die Blätter veröffentlichen eine Erklärung des amerikanischen Botschafters in London, des ehemaligen Schatzsekretärs der Vereinigten Staaten, Mellon, welcher die Überzeugung ausspricht, daß die jüngst aufgetretene Besserung auf den Valuten- und Rohstofmärkten auf festen Grundlagen beruhe und sich behaupten werde. Es sei nicht ausgeschlossen, daß diese Besserung ein baldiges Ende der Weltkrise herbeiführen kann.

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scheint dieser Franck zu sein:
http://en.wikipedia.org/wiki/Louis_Franck
http://de.wikipedia.org/wiki/Andrew_W._Mellon




Wiederaufnahme der deutsch-rumänischen Verhandlungen über das Präferenzabkommen [S. 1, Mitte]
Der Berliner rumänische Gesandte Petrescu Comnen hat dem Handels- u. Industrieministerium mitgeteilt, daß die Reichsregierung bereit sei, die Verhandlungen für Inkraftsetzung des Präferenzabkommens wieder aufzunehmen. Von seiten des Industrie- und Handelsministeriums wurde nach Berlin geantwortet, daß man es für nützlicher halte, wenn die Verhandlungen bis nach der Konferenz von Stresa verschoben werden.
Industrie- und Handelsminister V. Madgearu hatte über diese Frage Dienstag eine Unterredung mit dem Bukarester deutschen Gesandten Grafen v. der Schulenburg. Der deutsche Gesandte konnte bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, daß Ungarn, dessen Präferenzabkommen mit Deutschland erst vor zwei Wochen in Kraft getreten ist, bereits 2.000 Waggon Getreide zu einem höheren als dem Weltmarktpreise nach Deutschland ansetzen konnte.

(320903w1)



Was will Oberst Beck? [S. 1, unten, rechts]
Bukarest, 1. August (Tel. des „Tag“). Die Kommentare der hauptstädtischen Presse zum Besuch des polnischen Unterstaatssekretärs des Außenministeriums, Obersten Beck, werden noch immer fortgesetzt.

Es ist bekannt, daß Polen nach Unterzeichnung des Nichtangriffspacktes mit Rußland nun auch Anlehnung an die Türkei sucht, um gegen seinen Nachbarn Deutschland gewappnet zu sein. Ministerpräsident Vaida gab auch die Erklärung ab, daß Polen solange den Pakt nicht unterzeichnen werde, als nicht auch Rumänien einen ähnlichen Pakt mit der Sowjetunion unterzeichnet haben wird. Einige Zeitungen hingegen erklären, daß Polen nichts mit Rumänien gemein habe und seine Außenpolitik nicht Rumänien unterordnen werde.

Heute ist die Situation folgende: Polen muß unbedingt einen Ausgang zum Meer haben und benötigt hiezu die Unterstützung Rumäniens und der Türkei. Das ist der Zweck des Besuches Becks in der Türkei und in Rumänien. Daher ist auch die Äußerung gewisser polnischer Blätter, wienach Polen nicht gemeinsame Interessen mit Rumänien hätte, hinfällig.



Seite 2


Die Novelle des Tages

S.O.S. aus Czernowitz [S. 2, oben, links]
Eine Television von Martin Frendel (Kronstadt)

Sparkassenfrage! Zwangsausgleich! Brotverteuerung, Pensionistenlos! Selbstmorde! Save our souls - aus Czernowitz! - „Hilferufe“, die den Czernowitzer auch in weiter Ferne erreichen, in seiner Seele einen Wiederhall [Widerhall] finden und ihm zu den mannigfaltigen Reflexionen Anlaß geben.

Man verschlingt förmlich die paar Czernowitzer Lokalblätter, die einen frühenstens nach drei Tagen zukommen, stolpert fast alltäglich über einen Artikel mit der fettgedruckten Überschrift: „Die Sparkassefrage“ und wartet auf die „Sparkasseantwort“ ebenso vergeblich, wie auf etwas sonst Erfreulichs aus der Heimat. Wer aber das „sanguino-phlegmatische“, nur dem Czernowitzer eigene Temperament seiner Heimatsgenossen kennt, nimmt halt, wie diese, derlei Dinge nicht so tragisch. Denn bekanntlich tröstet sich der Czernowitzer rasch und leicht. Und wenn einer sein Geld bei der Sparkasse „angebaut“ hat, so wird er sich selber Trost zusprechen und sich gewiß sagen: Was hätte ich getan, wenn ich's bei der Marmorosch gehalten hätte . . . ?

Ein solcher Trost ist billig und gut und des Abends geht er wohlgemut - „au Jockey“, - seinem Steckenpderd. Bis zum Morgengrauen unterhält er sich dort, geht dann „ins Schwitz“ (Dampfbad) und schwitzt dort den letzten eventuell noch verbliebenen Rest seiner Sorgen aus.

Ich höre jemand sagen: Ein glückliches Naturell. - Falsch. Denn kaum hat den Czernowitzer das beglückende Gefühl der Sorgenlosigkeit beschlichen, beginnt er auch schon sich um neue Sorgen zu „sorgen“. Und so denkt er sich, zum Beispiel: Es geht mir ja jetzt Gott sei Dank gut, warum also soll ich nicht Kommunist werden? Da er jedoch nicht ganz sicher ist, was das eigentlich für ein Ding ist (er weiß nämlich nur, daß Kommunismus sehr en vogue ist), läßt er sich von der ältesten Czernowitzer Kommunistin einem sechszehnjährigen Mädel, in den Kommunismus, wie ihn die Sechzehnhährige begreift, einführen. Er hat's im Nu heraus. Was ihr gehört, gehört auch ihm, was er hat, - kriegt sie. Einige rote Feste im Grünen - Erwischt. Sie kommt ins Landesspital, er ins Landesgericht. (Die Revolten der Kost tangieren ihn nicht, weil er klug ist und sagt: Kost? Ach was! Kost', was kost! . . .) Er nährt sich also redlich und bleibt im Lande-s-gericht, - denn dies ist schließlich noch immer der einzige Platz, wo einem das tägliche Brot so ziemlich gesichert ist, wo man sich's „ehrlich“ verdient und wo man vor dessen Preissteigerung geschützt ist. Wer weiß, ob nicht die vielen Czernowitzer „Kommunisten“, „Ein. und Ausbrecher“ (letztere, weil sie das Ende der Strafzeit herannahen sahen) aus obangeführten Gründen ihre Missetaten begingen?! Ja wenn aus dem „lebenslänglichen Zuchthaus“ ein „lebenslängliches Kosthaus“ geworden ist, zahlt sich natürlich auch das Betteln nicht mehr aus! Oder wenn es doch noch praktiziert wird, dann wenigstens auf hypermoderne Art, wie tieferstehend: Man stellt sich mit halbseitwärts ausgestrecktem rechten Arm an die Ecke Herrengasse - Ringplatz. Dem Unpolitischen erscheint man in einer solchen Pose, als ein neu eingeführtes Stop-Zeichen (personifiziert), um den Verkehr aufzuhalten. Die gaffende Menge zieht aber auch Leute an, die sich für eine gewisse politische Richtung entschlossen haben. Ein Hitleranhänger, zum Beispiel, der des Weges kommt, wird gewiß glauben, einen in Not geratenen Gesinnungsgenossen vor sich zu haben, wird den vermeintlichen Gruß erwidern und sich nicht ohne Hinterlassung einer milden Gabe entfernen. Man muß doch zusammenhalten! Angenommen, es geht aber ein bessergekleideter Sozi vorüber und donnert ihn an: „Was, Ihnen, einem Faschisten, soll ich was geben?!“ Da sagt unser Mann einfach: „Um Gottes und Karl Marx' Willen, ich ein Faschist? Ich schau doch nur, ob es regnet!“ Natürlich wird, um ihn zu versöhnen, der Sozi in die Tasche greifen. Gehen aber Leute vorbei, die ein unabhängiges politisches Programm haben, das sich ja, besonders nach den Wahlen an den Bandagen, die sie anhaben, erkennen läßt, dreht unser Mann einfach den Handrücken nach abwärts, und diese Leute geben dann aus einem gewissen Solidaritätsgefühl auch etwas . . .

Ich muß gestehen, daß diese Art, zu schnorren, in Czernowitz bis jetzt noch nicht „gehandhabt“ wurde, aber ich bin sicher, daß der neuerungsüchtige Czernowitzer sie schon morgen erproben wird. Ja, Neuerungen liebt der Czernowitzer, wie die Glasermeister den Hagelschlag. Ganz im Gegensatz zu den Radautzern, die streng konservativ sind, was auch aus folgendem sich vor Kurzem ereigneten Fall hervorgeht. Ein Czernowitzer Reisender in Brennmaterialien erzählte einem Holzhändler, daß die Czernowitzer mit den Sokoln gute Geschäfte gemacht hätten, worauf dieser zur Antwort gab: „Lassen Sie mich zufrieden, dieser Artikel geht in Radautz nicht, hier heizt man wie in den guten alten Zeiten mit Holz und so wird es immer sein!“ Darum aufgepaßt, Ihr Brüder und Jungverbrüderte!

Nicht verwechseln „Cook“ (spr. Kuck), der Euch nach Jaremcze führte, mit „Kok“, dem Brennstoff, oder gar „Kok“, dem Kosenamen der mörderischen Droge! Ich weiß, Ihr verstehet Euch ausgezeichnet auf Verwechslungen. Ihr verwechselt auch Hellseher mit Spiritisten, diese Chiromonten, Chirimanten mit Graphologen und Schermann mit Schmidt! Warum? Weil Ihr nichts Besseres zu tun zu haben glaubet, als Eure Nasen in all' jene Dinge stecken zu müssen, für deren Abfuhr Ihr der Kommune die Taxe schuldig geblieben seid! „Menschen in Verzweiflung“, die ihr S.O.S. in die Welt hinausschreien, haben andere Sorgen.

Aber da wir gerade von Spriritisten sprachen, hören wir, was das Jenseits über die Czernowitzer denkt. Da wurde unlängst eine spiritistische Seance abgehalten. Man berief zuerst den Geist des verstorbenen Kaisers Franz Josef I. und ersuchte ihn um Rat und Hilfe für seine notleidenden ehemaligen Czernowitzer Untertanen. Franz Josef lehnte aus politischen Gründen ab. Dann kam der Geist eines verstorbenen, ehemals populären Czernowitzer Bürgermeisters an die Reihe, der ebenfalls ablehnte, in der Furcht, daß man ihm bei einer etwaigen Übernahme der Stadtverwaltung auch die Leitung der Sparkasse übertragen könnte. Schießlich rief man den Geist des Wunderrabi von Sadagora herbei. Der Wunderrabi hörte die Bittsteller ruhig an. Als sie aber geendet hatten, strich er sich über den materialisierten Bart, wiegte bedächtig sein Haupt und mit einem abgeklärten Lächeln um die Lippen sagte er: Hilfsaktion hin, Hilfsaktion her, wozu dies alles? Unseren Leuten geht es ja Gott sei Dank sehr gut . . . !!





Winterhilfsaktion für die Arbeitslosen [S. 2, Mitte]
Eine Enquete in der Primaria

Gestern 6 Uhr nachmittags fand in der Primaria unter dem Vorsitz des Stadtpräsidenten Dr. Saveanu eine Enquete zur Organisierung der Winterhilfe für die Arbeitslosen statt, an der Generalarbeitsinspektor Stroja sowie der Leiter der sozialen Fürsorge Stadtrat Mohr teilnahmen.

Stadtpräsident Dr. Saveanu erstattete ein ausführliches Exposee über die Situation der Arbeitslosen und teilte mit, daß im vergangenen Jahr das Arbeitsministerium die Summe von 300.000 Lei, die Primaria aus verschiedenen Fonden und Beiträgen 400.000 Lei an Arbeitslose verteilt hat. In diesem Jahr stellt sich die Situation schon deshalb schwieriger, weil bis jetzt das Ministerium noch keine Fonde für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hat; hingegen wurde vom Ministerium die Veranstaltung einer Lotterie bewilligt, die unter folgenden Bedingungen stattfinden soll:

Es werden 200.000 Lose a 10 Lei ausgegeben. Diese Lose werden im ganzen Lande*) durch Arbeitslose selbst, ebenso durch Arbeiter, verkauft und man rechnet mit einem Reingewinn von ungefähr 600.000 Lei, nachdem alle Spesen, wie Staatssteuern, etc. abgezogen werden. Die Kontrolle des Ertrages aus diesen Losen liegt in den Händen des Arbeitslosenkomitees, welches aus dem Stadtpräsidenten, dem Generalarbeitsinspektor, dem Polizeipräfekten sowie einem Vertreter der Arbeitsgeber und der Arbeitsnehmer besteht. Auch hat der Generalstaatsanwalt, der die Lose unterschrieben hat, sich eine Kontrolle vorbehalten.

Die Ziehung findet am 29 Dezember statt. Mit dieser Summe, ebenso mit dem vom Ministerium zu erwartenden Zuschüssen, sollen die Arbeitslosen während der ganzen Winterzeit verpflegt und möglichst auch mit Kleidungsstücken beteilt werden. Es handelt sich um eine großzügige Hilfsaktion, die jede Unterstützung verdient und von jedem humandenkenden Menschen unterstützt werden muß. Die Stadtgemeinde richtet daher einem warmen Appel an die gesamte Bevölkerung, die Lose, die einerseits große Gewinnchancen bieten - es werden verschiedene Prämien und Gewinne verteilt - anderseits einem humanen Zweck dienen, zu kaufen.

Generalarbeitsinspektor Stroja berichtete über die Situation der Arbeitslosen und über die Notwendigkeit der Organisierung einer großzügigen Hilfsaktion, um diesen unglücklich Menschen, deren Hände unfreiwillig ruhen, zu helfen. Das Arbeitsinspektorat wird sich bemühen, auch aus anderen Mitteln größere Hilfsleistungen, wenn auch in Natura, für die Arbeitslosen aufzubringen.

Zum Schlusse erläuterte noch Stadtrat Mohr die vom Ministerium bewilligte und von der Stadtgemeinde durchgeführte Warenlotterie, deren Erträgnis den Arbeitslosen zugedacht ist. Täglich kommen hunderte von Menschen in die Primaria und bitten um Hilfe [fett von mir]. Die Stadtgemeinde kann aber aus eigenen Mitteln nicht viel aufbringen und daher müssen andere Wege gesucht werden, um Geld zu beschaffen. Er bittet daher die Bevölkerung, sich an dieser Lotterie zu beteiligen, um mit ihrem Scherflein an dieser Hilfsaktion beizutragen.

------------
*) geht es "nur" um Arbeitslose in Czernowitz? (Siehe das Komitee, welches aus dem Stadtpräsidenten usw besteht). Werden für andere Städte vom "Ministerium" dann weitere Lotterien, deren Lose im "ganzen Lande" verkauft werden, bewilligt?




Seite 3

Bezahlet die Radiogebühren! [S. 3, links, Mitte]
Von der Czernowitzer Postdirektion wird verlautbart: Da zahlreiche Radiohörer in Czernowitz trotz zahlreicher Aufforderungen bisher noch nicht die rückständigen Abonnementgebühren bezahlt haben, werden alle nochmals ersucht, die Gebühren unverzüglich zu begleichen, da im gegenteiligen Falle die Bewilligungen annulliert werden und die Radioapparate beschlagnahmt werden.


Ein Grundstück für Obdachlose
Wie wir erfahren, wird die Stadtgemeinde schon in der nächsten Zeit ein Grundstück abkaufen, um ein großes Blockhaus, in welchem mehrere Obdachlose untergebracht werden sollen, aufzuführen. Es wird am Plan zur Aufführung dieses Hauses gearbeitet.

(320903c3a)




Ueberprüfung der Autovehikel [S. 3, oben, rechts]
Die Polizeiquästur gibt folgendes bekannt: Es wird den Eigentümern und Besitzern von Autovehikeln (Autoturismen, Autobussen, Autokamionetten, Lastwagen, Motorrädern, ec.) zur Kenntnis gebracht, daß am 30. August 1932 die im Art. 27 des Verkehrsgesetzes und Art. 42 des Reglements zu diesem Gesetze angeordnete jährliche Ueberprüfung aller Autovehikel, die in der Stadt und im Bezirke Czernowitz verkehren, bei der h. o. Polizeiquästur, stattfinden wird. Zu diesem Zwecke haben alle Eigentümer und Besitzer an den unten angeführten Tagen ihre Autovehikel samt den Dokumenten (Führerschein, Verkehrschein, für die Taxi Konzessionsdekret), wie auch den Nachweis, daß sie mit ihrer Steuerleistung nicht im Rückstande sind, in der Polizeiquästur, Sectia de circulatie, zu erscheinen. Alle Eigentümer und Besitzer, deren Vehikel in Reparatur oder vollständig gebrauchsunfähig sind, werden in der Polizeiquästur ohne die Autovehikel erscheinen und die Werkstätte bezw. den Ort angeben, wo sich derzeit das defekte Vehikel befindet, damit die Kontrollkommission dieselbe an Ort und Stelle besichtigt.

Zur Autovehikel-Ueberprüfung werden täglich um 17 Uhr die Eigentümer und Besitzer derselben wie folgt erscheinen:

Autovehikel mit der Ordnungsnummer:

. . . 0 - . 100 am 30. August . . .l.J. um 17 h
. 101 - . 300 . " . 31. . . .". . . . . . ." . . . " . . .
. 301 - . 600 . " . 1. September . ." . . . " . . .
. 601 - . 800 . " . 2. . . . .". . . . . . ." . . . " . . .
. 801 - . 900 . " . 3. . . . .". . . . . . ." . . . " . . .
. 901 - 1000 . " . 5. . . . .". . . . . . ." . . . " . . .
1001 - 1050 . " . 6. . . . .". . . . . . ." . . . " . . .
1051 - 1100 . " . 7. . . . .". . . . . . ." . . . " . . .
1101 - 1300 . " . 8. . . . .". . . . . . ." . . . " . . .

Am 9. und 10. September l. J. um 17 Uhr werden alle Autovehikel überprüft, deren Besitzer an den festgesetzten Tagen aus Gründen unvorhergesehener Hindernisse nicht erscheinen konnten.

Die durchzuführende Ueberprüfung der Autovehikel hat nur administrativen Charakter und steht mit der militärischen Kontrolle nicht im Zusammenhang.

(320903c3)






Seite 4


Duca spricht zur Thronrede [S. 4, oben, links]
Scharfe Kritik an die Adresse der Regierung
Kampfansage der Liberalen


Bukarest, 1. (Tel. des „Tag“). Das Parlament hatte gestern einen großen Tag. Der Führer der Liberalen sprach zur Thronrede und zwar in einer Weise, die nicht nur in den Reihen der Opposition, sondern selbst in Kreisen der Mehrheit Sensation ausgelöst hat. Das Rednertalent Ducas ist bekannt und die Form, wie er die Hiebe gegen die Regierung austeilte, war verblüffend.

Seine Rede teilte sich in zwei Teile. Der erste Teil behandelte die Außenpolitik, unsere Handelspolitik sowie das Minoritätenproblem, während der zweite Teil ausschließlich der Situation der gegenwärtigen Regierung gewidmet war.

Die Außenpolitik unterzog Duca einer sehr scharfen Kritik und verwies darauf, daß diese in schlechten Händen liege. Duca sagte das offen heraus. Gerade die letzten Vorgänge in der Außenpolitik geben Zeugnis von dieser Tatsache. Aber auch unsere Wirtschaftspolitik beweist es klar, wie notwendig die Devise der liberalen Partei „Durch uns selbst" ist. Selbst die Feststellungen und Empfehlungen der französischen Experten beweisen diesen Grundsatz.

Das Minoritätenproblem in Rumänien zu lösen ist Pflicht jeder Regierung. Nicht auf die Gesetze kommt es an, die für die Minoritäten geschaffen werden, sondern auf die Atmosphäre, die erst den Gesetzen Kraft verleiht. Wenn die Harmonie zwischen Rumänen und Minoritäten einmal hergestellt ist, dann wird es gewiß kein Minoritätenproblem mehr geben.

Schließlich schloß Duca mit den Worten: Der Regierung Iorga-Argetoianu haben wir zuerst Unterstützung, dann aber nur einen gewissen Kredit eingeräumt.
Der gegenwärtigen Regierung aber wird die liberale Partei jede Unterstützung versagen und den Kampf aufs schärfste aufnehmen. Die Liberalen stimmen daher gegen die Thronrede.

Als Duca über die Außenpolitik zu sprechen kam, wurde er von Mihalache mit den Worten unterbrochen: „Sprechen Sie nur nicht von der Innenpolitik, sonst müßten Sie uns auch Aufklärung über das Jahr 1907 geben!“

Darauf Duca: „Es gibt keine innen- oder außenpolitische Frage, über welche die liberale Partei nicht mit erhobenem Haupte Aufschluß geben könnte!“

Duca (fortfahrend): Ich würde z. B. nie die Rolle der Siebenbürger Nationalisten, die für das Vaterland etwas geleistet haben, verhöhnen, wie es die Nationalzaranisten mit den Liberalen machen. Heute bin ich aber gegenüber Maniu nachsichtig, weil ich weiß, daß er unglücklich und verärgert ist.

Maniu: „Wir müssen über {die} Ihre Aeußerung lachen!“
Eine Stimme der Mehrheit: „Maniu ist sehr zufrieden.“
Duca: „Behüte mich Gott vor einer solchen Zufriedenheit!“ (Starker Applaus bei den Liberalen.)

Duca (fortfahrend): Sowohl der Außenminister als auch der Unterstaatssekretär dieses Departements wissen zur Genüge, wie sich heute die internationale Lage präsentiert. Wir müssen - dieser Einsicht darf sich niemand verschließen - mit unseren Verbündeten einig sein, um verschiedene internationale Probleme, die jetzt die Weltpolitik beherrschen, lösen zu können. Die Abrüstungskonferenz und die bevorstehende Weltwirtschaftskonferenz sind nicht alltäglicher Natur und müssen solidarisch behandelt werden. Bei Lösung von Wirtschaftsfragen muß vor allem unsere wirtschaftliche Situation ins Auge gefaßt und von diesem Gesichtspunkte aus auch behandelt werden. Die Außenpolitik darf nicht das Monopol einiger sein, sondern muß öffentlich behandelt und alle wichtigen Probleme [müssen öffentlich] erörtert werden. Nur unter dem verstorbenen König Carol konnte es möglich sein, daß die Außenpolitik von einigen ihm unterstandenen Auguren geheim geleitet wurde.

Redner kommt dann auf das Problem der nationalen Verteidigung zu sprechen und kündigt für den Herbst eine Interpellation über die Situation der Armee sowie über Probleme, die die nationale Verteidigung betreffen, an.

Zur Minoritätenfrage sagte Duca: Rumänien hat 18 Millionen Einwohner [fett v.m.] und das Land wird nicht früher konsolidiert sein, bis nicht Harmonie unter allen den Staat bewohnenden Völkern herrschen wird. Nicht die Friedensverträge sind hier maßgebend, sondern Verpflichtungen, die vor den Friedensverträgen erfüllt werden müssen. Es ist der ethische, humanitäre und konservative Geist vom nationalen Standpunkte aus, der uns verpflichtet, im besten Einvernehmen mit allen Minoritäten zu leben. (Starker Beifall auf den Bänken der Liberalen.)

Und nun zur Regierung: Die Liberalen können ihre Zustimmung weder zur Art, wie die Regierung zur Macht gekommen ist, noch zur Form, in der sie die Wahlen durchgeführt hat, geben. Schon gar nicht dazu, wie die Regierung zu wirtschaften gedenkt. „Ich bin ein alter Parlamentarier und habe das Recht, Euch die Wahrheit zu sagen, wenn es Euch auch nicht gefallen sollte. Wenn ihr auch die geschriebene Konstitution kennt, so habt Ihr nicht den Geist zur Durchführung derselben und niemand gab Euch das Recht, die Nachfolge Iorgas anzutreten. (Gelächter bei der Mehrheit). Bitte nicht zu lachen, erinnert Euch lieber an die Ersatzwahl in Tutova, zwei Monate bevor Ihr zur Regierung gelangt seid. Unsere Partei konnte damals 5000, Euere aber kaum 3000 Stimmen aufbringen! Wir können auch nicht der Art zustimmen, wie sich die Regierung ohne Ihren Führer Maniu dem Parlamente vorgestellt hat. Es ist das nicht nur eine interne Parteiangelegenheit, sondern eine allgemeine politische Frage, die das ganze Land interessiert.“

Zum Schlusse übte Duca scharfe Kritik an der Regierung und erklärte, die Liberalen würden diese Regierung mit allen Mitteln bekämpfen. Auch die anderen Staatsabgaben, die die Bevölkerung in jeder Weise zu leisten hat, ebenso die Kommunalabgaben, wurden bei Behandlung dieses Gesetzes nicht in Betracht gezogen. Die Regierung wird durch dieses Gesetz nur die Taschen der Spekulanten und Exporteure füllen. Man müßte zuerst den Brotstempel abschaffen. Wohin soll das führen, wenn sowohl der Brotstempel und die verschiedenen Taxen beibehalten werden als auch der Importzoll erhöht wird? Das wird nur die Arbeitslosigkeit vermehren und in der Folge die Krise steigern. (Wohin das führen soll, interessiert aber unsere Führer nicht. Die Red.)

(320903r4)


[Verantwortlicher Redakteuer] [S. 4, unten, rechts]
. . . ist heute wieder, bzw immer noch Dr. Ernst Maria Flinker
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Nr. 143, Sonntag + Montag, 04.09.32

Postby Klaus Binder on 7. September 2010, 21:36

Seite 1

Leitartikel

Atmosphäre [S. 1, oben, links]
Der Führer der Altliberalen, Duca, hat in seiner Parlamentsrede zur Adresse die Wichtigkeit der Atmosphäre in den Beziehungen zwischen dem Majoritätsvolk und den Minoritäten vorangestellt der Bedeutung der toten Buchstaben der Verträge*). Es war ein Bekenntnis zum Geiste der englischen Rechtsauffassung, die traditionsgemäß ihre Politik auf Tatsachen aufbaut, und nicht, wie die Franzosen, auf dem Imperativ des Rechtes und der Logik. Recht und Logik regieren nicht souverän im Leben der Völker, hier schieben die Engländer im Sinne des Einflusses von Spencer die Frage ein: Nützt uns die Logik und das Recht? Auf extreme Schlüsse darf man sich jedoch bei diesem Gedankengang nicht einlassen. Der Weg muß immer der legale bleiben, aber innerhalb des legalen Weges kann man das Schicksal von Völkern nicht allein von der Macht der Logik und vom Vertrag abhängig machen. Von diesen Ideen ließ sich Duca leiten, als er gestern in großer Aufmachung den Standpunkt seiner Partei zum Minoritätenproblem darlegte. Diese Richtlinien gehen über den Rahmen hinaus, der sonst Erklärungen der politischen Führer bei uns einschließt. Wenn Duca sich darauf beruft, daß er im Herzen vergnügt war, als er jüngst einen Redner der Minoritäten sagen hörte: „Wir wollen nicht in Genf Klage führen, wir wollen von Euch unser Recht“, und als er (Duca) in dieser Enuntiation seinen Standpunkt zur Minoritätenfrage beglaubigt sah, den Standpunkt, daß das Verhältnis der Majorität zur Minorität im Lande selbst geklärt werden müsse - - unter dem Eindruck dieser Darstellung kann man sich füglich mit Duca einverstanden erklären und es hundertfach unterschreiben, daß es jedem Rumänen deutscher, ukrainischer, türkischer, jüdischer und ungarischer Zunge am sympatischsten ist, wenn seine Differenzen mit dem Majoritätenvolk aus politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen innerhalb des Familienhauses, das ist des Reiches, ihre Lösung finden. Man hat es aber bis jetzt leider erlebt, daß in Rumänien die schönsten Gesetze fabriziert wurden, zuweilen Gesetze mit einem demokratischen Einschlag, die weit hinausgehen über die Prinzipien von Staaten, in denen die Demokratie auf viel höherem Niveau steht, auch Gesetze mit der sozialen Richtung, deren Bestimmungen Großstaaten überflügeln wollten, in denen sich die Wohlfahrt und der soziale Sinn auf hochmoderner Stufe stehen, und da sei die Frage gestattet: Was nützen diese Rechte auf dem Papier, wenn die Atmosphäre fürs wahre Recht und für soziale Gesetzgebung, für politische Gleichstellung und für kulturelle Schöpfungen nicht vorhanden ist? Diesen Grad zu erreichen, nämlich die Atmosphäre, wie sie Duca erfaßt, von der Regelung der Beziehungen zu den Minoritäten, dazu braucht es einer Erziehungsperiode, und die ist nicht mit einer Rede, von der man sagen kann, daß sie ein Meisterrethoriker gesprochen, zu erreichen, sondern nur mit der Erziehung von Grund aus. Der Beamte, der vor sich einen Rumänen rumänischer und einen Rumänen anderssprachiger Zunge sieht, darf nicht in sich das Bewußtsein tragen, hier stehen zwei Menschen vor mit, denen gegenüber ich verschiedenes Recht anwenden kann. Das ist aber leider bisher so in Schule, Verwaltung, Justiz gewesen, das ist in der ganzen Administrative, das ist beim Militär, das ist überall, wo eine hohe staatliche oder private Obrikeit ihr Amt ausübt. Es fehlt allenthalben die bewußte Atmosphäre. Duca wünscht die Schaffung einer solchen Atmosphäre, damit wir innerhalb des eigenen Hauses den Ausgleich finden, und da sind wir nur noch im Zweifel, ob Ducas Sprache von der Atmosphäre ein Appell an die Minoritäten ist, sie mögen die Atmosphäre zunächst schaffen, damit der Staat, beeinflußt durch diese Atmosphäre, sich zum Standpunkt des friedlichen Ausgleichs bekennt, oder, was einleuchtender wäre, daß der Staat durch seine Funktionäre die Atmosphäre, die Duca als Ideal erscheint, erzeugt, damit die Minoritäten unter dem Eindruck des Wohlwollens und der Gerechtigkeit, die der Staat ausübt, sich endgültig von dem Gedanken der Genfer Instanz loslösen.

Es ist jedenfalls erfreulich, daß von dieser Atmosphäre endlich gesprochen wurde. Sie ist übrigens nicht bloß das Mittel zur Regelung der Beziehungen Rumäniens zu seinen Minoriäten; die Atmosphäre ist Untergrund für die Lösung allen Streites zwischen den Staaten in Politik und Wirtschaft. Auf die gesunde Atmosphäre kommt es eigentlich überhaupt in der ganzen Welt an.

A. S.

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*) Zum Rätselraten (wer hat was geschrieben): Diesen Satz sollte man sich merken! So schreibt vermutlich nur Arnold Schwarz (wobei man "A.S" wohl als Abkürzung für Arnold Schwarz ansehen darf).



Bevorstehende Begnadigung der verurteilten Mörder von Beuthen [S. 1, rechts, Mitte, unten]
Berlin 2. September (Tel. des „Tag“). Es wird halb amtlich mitgeteilt, daß die preußische Regierung bereits die Frage der Begnadigung der fünf zum Tode verurteilten Mörder von Beuthen, die alle der nationalsozialistischen Partei angehören, zu studieren begonnen habe. Es besteht bereits kein Zweifel, daß die preußische Regierung die Begnadigung aussprechen wird.

Begnadigt!
Berlin, 3. September (Tel. des „Tag“). Das preußische Staatsministerium hat im Gnadenwege die Todesstrafe der fünf in Beuthen zum Tode verurteilten Nationalsozialisten in lebenslänglichen Kerker umgewandelt. In der Begründung heißt es, daß die Verurteilten zur Zeit der Tat von der Notverordnung nicht gewußt haben.
Das Revisionsgericht wird sich noch mit der Wiederaufnahme des Prozesses befassen.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Mord_von_Potempa



Revolution in Südamerika [S. 1, rechts, unten]
New York, 3. September (Tel. des „Tag“). Bei den Straßenkämpfen in den letzten drei Tagen in der Republik Ecuador zwischen Regierungstruppen und Aufständischen sind in der Hauptstadt Quito über 400 Personen getötet und 732 verletzt worden. Gestern ereigneten sich neue Zusammenstöße, wobei es auf beiden Seiten Tote und Verletzte gab.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Ecuadors
Dort steht aber (noch) nichts konkretes aus dieser Zeit




Seite 2


Die Novelle des Tages

Was wäre, wenn . . . [S. 2, oben, links]
Die deutsche Regierung hat eine Notverordnung erlassen, eine unter den vielen, die auf das tägliche Programm des Regierungsmenüs gesetzt werden, Mahlzeiten, die man dem deutschen Volke mit ein wenig brutaler Geste serviert.

Die Notverordnung, von der hier die Rede ist, stellt in ihrer Begründung eine Philippika an die deutschen Männer und Frauen dar, deren Sittlichkeit der Fortschritt der modernen Zeit starken Abbruch getan hat. In der Begründung heißt es, daß Unsitten Platz gegriffen haben, gegen welche schärfstens Stellung genommen werden muß. Die Mädchen und die Burschen, die Männer und die Frauen laufen viel zu oft nackt herum, in den Varietees tragen die Tänzerinnen nicht einmal mehr den Schleier, der ohnehin mehr zeigte, als er verhüllte, in den Strandbädern feiert die Nacktheit wilde Orgien - kurz und gut, diese betrübenden Merkmale einer fortschreitenden Degeneration müssen verschwinden; und daher hat zum höheren Ruhm der Sittlichkeit die puritanische Regierung der im Privatleben sonst nicht sehr keuschen Barone diese Notverordnung erlassen, die scharfe Maßnahmen zur Verhütung solcher Auswüchse vorsieht.

Das Ganze klingt recht komisch; in Deutschland wird diese Notverordnung lebhaft glossiert: man erzählt sich, daß ein Mann gegen sich die Anzeige erstattete und sich verhaften ließ, weil er in der Badewanne an sich selbst Anstoß genommen hatte. Ebenso vermutet man, daß sich die Notverordnung auch auf die Schimpansen im Zoo beziehen wird, die nunmehr nur noch mit Lendenschurz hinter den Gittern zu sehen sein werden. . .

Stellen wir uns nun vor, eine solche Notverordnung würde auch hier bei uns in Rumänien erlassen. Das Chaos, das dadurch angerichtet würde, ließe sich gar nicht beschreiben!

Vor allem würden die Strandbäder im Sommer kurzerhand Pleite gehen, denn welche Frau, beispielsweise, interessierte noch der Pruth und das Vergnügen, ein bißchen „auf die Sonne“ zu gehen oder sich der kühlen „Oberluft“ auszusetzen, wenn der Nackheit nicht mehr zum Triumpfe verholfen werden könnte! Dekolletees zu tragen, die keine sind, oder Kostüme, die nichts durchblicken und einblicken lassen - das wäre doch einfach lächerlich. Und die Strandbadbesitzer würden, wie gesagt rettungslos Pleite gehen.

Der Redakteur wäre rettungslos, zum Auffschneider verdammt, und dazu, nur unrichtige Meldungen wiederzugeben: denn wie dürfte er sich erlauben, nackte Tatsachen zu berichten?

Was aber würde mit unseren Politikern bei strenger Anwendung einer solchen Notverordnung geschehen, da sie sich doch alle täglich, ja sogar stündlich eine - Blöße geben?

*

Der Polizeipräfekt von Bukarest, Oberst Marinescu, hat vor einiger Zeit eine „Ruheverfügung“ erlassen, die sich gegen den Lärm auf den Straßen der Hauptstadt bezog und verschiedene Anordnungen gegen das überflüsige Lärmmachen, kreischende Hupensignale etc. beinhaltete. Da seine Anordnungen nicht befolgt wurden, hat der Polizeipräfekt eine zweite Verfügung herausgegeben, in der an den seinerzeitigen Erlaß erinnert und die Polizisten aufs energischste beauftragt wurden, für die Aufrechterhaltung einer zivilisierten Ruhe zu sorgen.

Nehmen wir nun an, die Czernowitzer Polizei ließe es sich einfallen, ebenfalls eine solche Verordnung herauszugeben. Auch hier würde eine solche Ruheverordnung erst ein richtiges Chaos hervorrufen!

Pleite gehen würden zunächst einmal die Radiohändler. Niemand würde sich noch einen Radioapparat anschaffen, weil das größte Vergnügen illusorisch gemacht wäre: welches Interesse hätte die Frau Brückengeländer an einem Radioapparat, wenn sie ihn nicht mehr nachts, so gegen zwölf Uhr, bei offenem Fenster erschallen lassen dürfe, mit dem Lautsprecher zur Straße, damit die Nachbarin, Frau Mandelduft, zerspringt, weil sie kein Radio hat?

Was würden aber die Herrenfahrer und Damen der Gesellschaft mit ihren Autos anfangen, wenn sie auf der Straße nicht mehr, trommelfellzerreißend, hupen dürften, um die Freunde und Freundinnen, die da per pedes die Herrengasse hinauf- und hinunterwandeln, gleichfalls - zerspringen zu machen?

Gut davon kämen nur die Herren Politiker. Denn da eine solche Notverordnung zur Aufrechterhaltung der Ruhe sich gewiß auch auf Lärm machende Tiere bezöge, könnten die Herren ruhig ihre Schandtaten weiterbetreiben, ohne daß die Spatzen es vom Dache pfeifen dürften . . .

H. G.






100 Wohnungen für Obdachlose [S. 2, Mitte, links]
In der gestrigen Sitzung der Interimarkommission wurde über Initiative, des Referenten für soziale Fürsorge, Stadtrat Mohr, der Beschluß gefaßt, einen in der Russischengasse, in der Nähe des Friedhofs gelegenen, der Primaria gehörenden Grund im Ausmaße von 2500 m2 für den Bau eines großen Hauses für arme Mieter zu verwenden.
Auf diesem Grundstück sollen 100 Einzimmerwohnungen gebaut und armen Mietern zur Verfügung gestellt werden. Mit dem Bau wird schon in nächster Zeit begonnen und man hofft, daß noch in diesem Jahre diese Wohnungen aufgeführt sein werden. Im kommenden Jahr soll dann der Bau vergrößert und weitere Wohnungen, entsprechend den budgetären Verhältnissen aufgeführt werden.

(320904c2)


Todesfall [S. 2, Mitte, links]
Frau Ernestine Redinger geb. Wiegler, Witwe nach dem vorverstorbenen Kaufmann Isak Redinger und Mutter des ho. Advokaten Dr. Philipp Redinger, ist im Alter von 76 Jahren gestorben und wurde am 30. August unter zahlreicher Beteiligung beerdigt. Die Verblichene gehörte einer alteingesessenen und über die Landesgrenzen hinaus bekannten Patrizierfamilie an, der die Auszeichnung des Besuches weiland Kaiser Franz Josef I in den Anlagen der ehemaligen Redinger’schen Maschinenfabrik zuteil wurde und sie hatte zeitlebens stets die altüberlieferte Bukowiner Tradition hochgehalten nebst Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihren Familienangehörigen auch Werke der Nächstenliebe ohne Ansehung der Nation und Konfession im Stillen zu vollbringen. Besondere Rührung ergriff die Trauerversammlung, als am offenen Grabe auch der rum.-ort. Priester und Katechet Herr Prof. Eusebie Rezus das Totengebet für die Verblichene, die drei Söhne und zwei verheiratete Töchter in angesehenen sozialen Stellungen hinterließ, verrichtete.

(320904t2)

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altes Foto einer Redinger Fabrik:
http://www.bildarchivaustria.at/Pages/I ... ID=3476847
bzw:
http://www.bildarchivaustria.at/Pages/P ... &p_ItemID=
Manche öffentliche / staatliche Archive betrachten das Material, das ihnen u.a. von Sammlern kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, Material bei dem "Urheberrechte" schon längst abgelaufen sind, als ihr Privateigentum. Nicht nur, daß man an bereits digitalisiertes Material nur schwer herankommt, es werden auch Wucherpreise verlangt. In anderen Fällen -wie hier- wird auf das Material dick und fett der Name des "Besitzers" aufgedruckt. Ich glaube nicht, daß das mit dem öffentlichen "Bildungsauftrag" vereinbar ist. Die Frage ist auch, wer künftig seine Sammlungen an solche Archive "spendet".



Die Brotenquete in der Primaria [S. 2, Mitte, oben]
Vor einem Bäckerstreik? - Die Getreidepreise gestiegen

Wie wir bereits gemeldet haben, war für gestern die Preisprüfungskommission einberufen, um die neuen Preise für Getreide zu prüfen und dementsprechend die Brotpreise festzusetzen. Die Sitzung fand unter Vorsitz des Stadtrates Mohr, im Beisein des Stadtrates Zawada, Marktdirektors Edelstein, Dr. Schiffer für die Börse, eines Vertreters der Handelskammer und Vertreter der Großbäckereien und Kleinbetriebe statt.

Der Vorsitzende erklärt, die Primaria stehe auf dem Standpunkt, daß das Brot in einem Vollgewicht von einem Kilogramm hergestellt werden muß, damit so der Spekulation ein Ende bereitet wird*). Es wurde durch die Preisprüfungskommission festgestellt, daß das Brotgewicht ein Manko von 5 bis 10 Dekagramm aufweise, eine Tatsache, die die Konfiskation großer Brotmengen in den letzten Tagen zu Folge hatte.

Der Vertreter der Großmühlen, Dr. Trichter, berichtet, daß die Getreidepreise gestiegen seien. Die gleiche Erklärung gab der Vertreter der Börse, Dr. Schiffer, ab. Die Vertreter der Großbäckereien, Bilgrey und Mathias, verwiesen auf die letzte Steigerung des Mehlpreises und erklärten sich außerstande, bei diesen Preisen den Betrieb weiter aufrechtzuerhalten. Dieser Erklärung schließen sich die Bäckereibesitzer Ternbach und Weißmann an. Der Vertreter der Pensionisten, Oberrat Streit, meint, man müßte eine genaue Kalkulation unter Aufsicht der Primaria über die Gestehungskosten der Broterzeugung vornehmen, um auf Grund der gemachten Feststellungen Beschlüsse fassen zu können.

Der Vorsitzende Mohr erklärt, er nehme die Äußerungen der erschienenen Vertreter zur Kenntnis und werde die Angelegenheit in der Interimarkommission zur Sprache bringen.

Der Beschluß der Interimarkommission
Anschließend an die Brotenquete trat die Interimarkommission unter Vorsitz des stellvertretenden Stadtpräsidenten Dr. Nicoara zusammen und befaßte sich vor allem mit der Festsetzung der Brotpreise.
Es wurde beschlossen, die gegenwärtigen Brotpreise auch weiterhin zu belassen und erst in einem späteren Zeitpunkt, nachdem sich die Getreidepreise reguliert haben werden, die Frage einer Preisregulierung nochmals zu sondieren. Weiters wurde beschlossen, eine Probebackung seitens der Primaria vorzunehmen, um auf Grund dieser Kalkulation die wirklichen Gestehungskosten des Brotes festzustellen.
Wie wir erfahren, geben sich die Bäcker mit diesem Beschluß nicht zufrieden und drohen mit Streik, falls ihre Wünsche nicht erfüllt werden sollten.

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*) An dem Brotgewicht hat auch die Kommission immer herumgebastelt. So wurden mal der Brotpreis erhöht, aber, um das zu kaschieren, das Gewicht ebenfalls. Kann aber auch sein, daß es schwierig ist das Gewicht festzulegen, da das Brot frisch und feucht schwerer ist als wenn es etwas älter und trocken ist. Frisch: 1 Kg, etwas älter 900 - 950 Gramm? Interessant ist ein Vergleich mit der französischen Revolution ab 1789, in Paris. Damals wurden die armen Bäcker nicht selten "an die Laternen" gehängt. Außer Preise willkürlich festzusetzen, kam da (noch) niemand auf die Idee, das Brot kommunal zu backen.





Grabsteinlegung [S. 2, Mitte, rechts]
Buchdruckereileiter Samuel Ehrlich und Kinder laden hiemit alle Verwandten, Freunde und Bekannten zur Grabsteinlegung für ihre gottselige treue Gattin und liebevolle Mutter, weiland der Frau Rosa Ehrlich, welche am Sonntag, den 4. September l. J. um 11 Uhr vormittags am hiesigen israelitischen Friedhofe stattfinden wird, ein.

(320904t2a)


Seite 3





Seite 4


Seite 5


Wirtschafts-Antisemitismus in Polen [S. 5, oben, links]
In der Wiener „Neuen Freien Presse“ veröffentlich gegenwärtig Dr. Otto Deutsch unter dem Titel: „Der Tod im Ghetto“ eine interessante Artikelserie. Die nachfolgende Schilderung aus Polen entnehmen wir dem letzten Artikel „Antisemitische Plakate und Flugzettel“. *)

Nur ganz wenige Berufe stehen heute den Juden in Polen vollkommen frei und uneingeschränkt offen, wie etwa die Advokatur oder eine kapitalsmäßige Betätigung. In allen anderen Zweigen des Wirtschaftslebens wird ein konzentrischer Angriff auf die Stellungen der Juden durchgeführt, und es ist leider nicht zu verkennen, daß die Bemühungen der einzelnen Parteien und Gruppen hier von einem durchschlagenden Erfolg gekrönt worden sind.

Die gegenwärtige Regierungspartei in Polen, welche im Lande selbst als V. V. bezeichnet wird, verhält sich, ebenso wie die Regierung selbst, den Juden gegenüber nicht durchaus neutral, sondern auch loyal, und steht auf dem Boden der Gleichberechtigung, beziehungsweise der strengen Verfassungsmäßigkeit. Die Regierung wird aber auf das allerschärfste von den Nationaldemokraten bekämpft, von den sogenannten Endekis (nach der Abkürzung N. D.), welche gleichzeitig die Bannerträger des Antisemitismus in Polen sind. Hand in Hand damit führt die Studentenschaft, führen die Universitäten überhaupt, daneben aber auch die Kirche und die Genossenschaften [?], einen wütenden Kampf gegen die Juden, und das neueste Schlagwort in diesem Kampf ist das der wirtschaftlichen Vernichtung der Juden. Die Endekis suchen ihre Machtstellungen in der Bevölkerung durch Ausstreuung antisemitischer Schlagworte zu befestigen.

Ich habe mich bemüht, eine größere Anzahl von Plakaten, Flugschriften und Anschlagzetteln zu sammeln, die in allen Teilen Polens zu finden sind, und der Tenor dieser Kundgebungen ist immer der gleiche: Aufruf zum wirtschaftlichen Boykott, zur wirtschaftlichen Vernichtung der Juden. In einem dieser Flugzettel heißt es: „Polnische Hausfrauen dürfen nicht bei Juden kaufen, denn an jüdischen Waren klebt das Blut der erschlagenen Akademiker“. In einem anderen Flugblatt heißt es: „Wir alle müssen arbeiten, um die vier Millionen Juden zu ernähren. Wir können nicht gestatten, daß die Juden mit den Pajes die Wirtschaft in Polen ganz einengen, wir können nicht gestatten, daß die Juden den polnischen Arbeitern das Brot wegnehmen“. Und am Schlusse dieser Aufrufe immer wieder:
„Kaufet nichts bei Juden! Befolgt den Wahlspruch: Jeder kaufe bei den Seinen, um sich selbst zu schützen!“

Dieselben Schlagworte finden wir an den Universitäten als Propaganda für den Numerus Clausus, dieselben in den Fabriken, im Staatsdienst und in allen sonstigen Zweigen des wirtschaftlichen Lebens. Der Kampf wird also ganz konzentrisch und bewußt geführt, weil man den gewiß ganz richtigen Standpunkt vertritt, daß die Vernichtung der wirtschaftlichen Basis ein viel grausameres Todesurteil ist, dem sich überdies das Ausland nicht widersetzen kann, als wenn es versuchen wollte, einen Juden zu erschlagen oder zu erschießen.

Die Verdrängung aus den Staatsdiensten
Rund um dreieinhalb Millionen Menschen, etwa 12 Prozent der gesamten Bevölkerung in Polen, leben ausschließlich vom [?] Staate. Demgegenüber beläuft sich der Prozentsatz der Juden, die im Staatsdienst, bei den Bahnen, bei Post, Telegraph und Staatsbetrieben beschäftigt sind, auf nicht einmal 1.3 Prozent. Von insgesamt 120.705 Beamten in der Zentralregierung und in den Woiwodischen sind 3142 Juden. Aber von dieser Zahl entfallen 2242 auf Lehrer (darunter ein sehr erheblicher Prozentsatz Religionslehrer), so daß nur 900 für alle übrigen Verwaltungszweige übrigbleiben. Von dieser letztgenannten Ziffer entfallen 801 auf Galizien und das ehemalige österreichische Gebiet in Schlesien, wo wieder in der Justiz, im Finanzwesen und in der sozialen Verwaltung noch einige alte Beamte tätig sind.

Von jüdischen Beamten sind 87.7 Prozent aus den österreichischen Staatsdiensten übernommen und auch heute noch in Galizien beschäftigt. In allen übrigen Teilen Polens sind, abgesehen von den Lehrern, nur 99 Juden im Staatsdienst tätig.

Die Nationaldemokraten haben kürzlich im Sejm darüber Beschwerde geführt, daß im Unterrichtsministerium acht Juden beschäftigt seien. Aus der Antwort des Ministers ging hervor, daß diese Rekrimination zwar gerechtfertigt sei, er betonte aber, daß alle diese Juden in durchwegs untergeordneten Stellungen und zwar in der Bibliothek, im Archiv, in der Registratur oder in ähnlichen Hilfsstellen, untergebracht seien.

(320904w5)

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*) Die "Neue Freie Presse" findet man im Anno-Archiv.
http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno? ... 932&zoom=1
Vermutlich findet man dort auch die erwähnte Artikelserie. Die Zeitung hat aber über 20 (oder 30) Seiten. Also viel Spaß beim suchen!


Die Regierung Vaida und die Juden in Rumänien [S. 5, Mitte]
Beim letzten Kongreß der Juden, der in Amerika stattfand, wurde auch über die Lage der Juden in Rumänien mancherlei diskutiert. So teilte die amerikanische Zeitung „Forward“ aus New York eine Erklärung der rumänischen Regierung mit, in der diese dem Kongreß versicherte, daß die Juden in Rumänien gemäß dem Prinzipe der Egalität behandelt werden. Die Zeitung schreibt:

„Wir sind bevollmächtigt, dem Kongreß mitteilen zu können, daß nach Angaben des rumänischen Gesandten in Washington die rumänische Regierung vollständig den vom Kongreß am 28. August ausgedrückten Wünschen zustimmt.“

Die Zeitung beeilt sich allerdings, hinzuzufügen:

„Wir haben keinen Grund, Herrn Maniu des Antisemitismus zu verdächtigen, allein es steht fest, daß gerade, als Herr Maniu am Ruder war, die Juden sich nicht der vollsten Rechte erfreuten. Er zeigte nicht die nötige Energie, um die Exzesse, die sich ereigneten, zu unterdrücken.“

„Herr Vaida, der gewesene Innenminister und jetzige Ministerpräsident wurde offen des Antisemitismus beschuldigt.“

„Die Juden der ganzen Welt begrüßen mit Freude das neue Regime in Rumänien, aber die Verfolgungspolitik unter der national-zaranistischen Regierung war eine Enttäuschung für die Juden, die jetzt nicht mehr Versprechungen, sondern Tatsachen erwarten.“

(320904w5)


Seite 6

Wirtschafts-„Tag“

Krisendämmerung? [S. 6, oben, links]
Wochen-Rundschau von Plutus

Das bedeutsamste Merkmal der abgelaufenen Woche war der sich fast in allen Ländern der Welt plötzlich bemerkbar machende Optimismus in Bezug auf die Überwindung der Krise. Die schon vor mehr als zwei Monaten in den Vereinigten Staaten von Amerika eingetretene Effektensteigerung an der Börse, welche nach kurzer Zeit unterbrochen wurde, hat neuerlich und intensiver eingesetzt und die amerikanische Haussestimmung hat ihre Wellen auch nach Europa geschlagen. Die meisten europäischen Effentenbörsen sind von Wallstreet beeinflußt worden und viele Papiere, auch solche, die ganz darniederlagen, sind um 18 - 20 %, manche sogar bis 50% im Kurse gestiegen. Es ist nicht zu leugnen, daß dieser Wandel Anlaß zum Nachdenken darüber gibt, ob die Weltwirtschaftskrise tatsächlich im Abflauen begriffen ist, oder ob es sich bloß um eine vorübergehende Börsenmache, um ein Manöver handelt, welches bei einem eventuellen Mißlingen schwere Rückschläge, also eine noch weitere Verschlimmerung der allgemeinen Wirtschaftslage bringen könnte. Außer der Hausse in Wertpapieren will man noch andere günstige Zeichen konstatiert haben, so das Anziehen der Preise einiger wichtiger Rohstoffe und die Tatsache, daß in manchen Branchen die Verkäufe gegen Bar, das heißt die Barlosung, sich gebessert haben. Auch die Veröffentlichung des Institutes für Konjunkturforschung in Deutschland läßt die Hoffnung durchscheinen, daß der Tiefpunkt der Depression bereits überschritten sei. Anderseits lassen wieder die Äußerungen hervorragender Männer der Wissenschaft und Wirtschaft den Optimismus als ungerechtfertigt erscheinen. Die Ursachen für die Preissteigerungen auf dem Effektenmarkte werden zum größten Teile auf spekulative Machinationen zurückgeleitet, während die Rohstoffpreissteigerungen sich nicht eindeutig erklären lassen. Würde sich eine Konsumsteigerung feststellen und daraus die Rohstoffpreissteigerung erklären lassen, so wäre allerdings ein hoffnungsvolles Moment vorhanden. Allein, dies ist nicht der Fall und deshalb fürchtet man, daß ein Zusammenbruch der Börsenhausse auch die Warenmärkte nicht verschonen wird.

In unserem eigenen Lande scheint man auch in Regierungskreisen von dem allgemeinen Optimismus erfaßt worden zu sein, denn die Devise lautet jetzt: Rückkehr zu normalen Verhältnissen. Darum die Gegnerschaft in der Entschuldungsfrage und in der Ergreifung von Radikalen Währungsmaßnahmen.

Konvertierungsgesetz und Schuldenliqudierung
Die Abänderung des Konvertierungsgesetzes, welche die vollständige Ausschaltung des mittleren und großen Grundbesitzes von dem Konvertierungsgesetz bedeutet, die Aufhebung des Gesetzes über die gerichtliche Liquidierung der kaufmännischen Schulden, sind solche Versuche zur Normalisierung der Wirtschaft. Normalisieren bedeutet demnach Rückkehr zum alten System der Verfolgungen und Drangsalierungen, Rückkehr zum System der Ausbeutung der einen und Bereicherung der anderen.

Die moralische und effektive Schädigung des Schuldners, welcher durch die Schuldnergesetze veranlaßt wurde, sich vollständig der Öffentlichkeit zu offenbaren, ist sicherlich eine ganz ungeheuere, und es dürfte wohl einzig in der Wirtschaftsgeschichte der Fall zu verzeichnen sein, daß man mit vielen Schuldnern, Faktoren der Wirtschaft, in dieser Weise umgegangen ist.

Das Projekt der Uniunea Camerilor betreffend die Modifizierung des Ausgleichsgesetzes soll eine Entschädigung für die Aufhebung der anderen Schuldnergesetze bedeuten. Erwähnenswert ist, daß in diesem Gesetzprojekt der Uniunea die Quote auf 30% herabgesetzt, die minimale Erfüllungsdauer auf fünf Jahre, die Maximaldauer auf zehn Jahre hinaufgesetzt wurden.

Sehr bedeutsam ist der Vorschlag der hiesigen Handelskammer, daß der Präventivausgleich auf alle Schuldner und nicht bloß auf die kaufmännischen Schuldner angewendet werden soll, wie es übrigens im deutschem und österreichischen Ausgleichsgesetze der Fall ist.

Die Konferenz in Stresa
Die Eröffnung der Konferenz in Stresa, von welcher wir im vorigen Wochenbericht gesprochen haben, steht unmittelbar bevor: Wir werden bei ihr durch Herrn Madgearu, der bei den Agrarkonferenzen, welche in der Zeit der früheren national-zaranistischen Regierung stattgefunden haben, das Wort geführt hat, vertreten sein. Wir haben schon unsere Befürchtung wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß Rumänien bei diesen Konferenzen Gefahr läuft, schlechter abzuschneiden, als wenn es allein seine handelspolitischen Angelegenheiten ordnet. Jedenfalls muß davor gewarnt werden, derartige Abmachungen mit den südost-europäischen Agrarstaaten zu treffen, welche unsere Handlungsfreiheit einschränken. Wir finden es aber auch nicht für absolut richtig, gerade vor dem Zusammentritt

der Weltwirtschaftskonferenz
der noch vor Ende des Jahres erfolgen soll, autarkistische Politik zu betreiben, was ja durch die Importkontigentierungen gewissermaßen angedeutet wird. Wir rufen fortwährend nach der Freiheit des Handels, wir verlangen die Öffnung der Grenzen für unsere landwirtschaftlichen Produkte und sperren uns selbst ab. Wenn diese Absperrung bezw. Einschränkung des Importes auch als Gegenmaßnahme gedacht ist, so dürfen wir nicht vergessen, daß bald jeder Industriestaat vollständig das Interesse für unser Land verlieren könnte, da wir ja für unsere Ausfuhr keine Kompensationen leisten können.

Schmerzenskind Bukowina
Bei uns in der Bukowina sind wir von jeder, auch nur leisesten optimistischen Auffassung der künftigen Entwicklung vollkommen entfernt. Es geht uns immer ärger, denn die Hauptzweige unserer Wirtschaft, der Getreide- und Holzexport, liegen vollständig darnieder. Diese beiden Zweige der Wirtschaft befruchten sonst die Gesamtwirtschaft des Landes und wenn alles bei uns jetzt stagniert, so ist es eben nur auf das Versagen des Exportes zurückzuführen.
Unsere Handelskammer befaßt sich jetzt mit der Ausarbeitung einer Denkschrift über den Bukowinaer Export, von seinem Beginn bis auf den heutigen Tag, in welcher die ruhmreiche Vergangenheit dieses Exportes gezeigt und auf die volkswirtschaftliche Bedeutung desselben für das ganze Reich hingewiesen werden wird. Es werden die Ursachen des Exportniederganges gezeigt werden, aber auch die Mittel angegeben, wie der Export wieder zu beleben ist. Es wird nachgewiesen werden, daß der Bukowinaer Export nur dank der Intelligenz der Exporteure und dem Wohlwollen der Zentralbehörden sich großartig entfalten konnte und daß fortwährend mühevoll gearbeitet werden muß, um den Export zu erhalten. Nicht dem Zufall, nicht allein der geographischen Lage, sondern menschlichem Willen und Können war es zuzuschreiben, daß wir früher an den Grenzorten und später in Czernowitz einen blühenden Exporthandel besaßen und daß die Einrichtungen als Hilfsmittel für den Handel so mustergültig sind.

Bukowina, die rumänische Schweiz
Auf eine Anregung, die vom rührigen Dr. Marcu in der letzten Plenarsitzung der Handelskammer gemacht wurde, soll zum Schlusse noch hingewiesen werden, das ist der Antrag, daß die Handelskammer die Initiative für die Gründung einer Fremdenverkehrsanstalt ergreifen soll, um die wundervollen Orte der Bukowina bekannt und allgemein zugänglich zu machen. Herr Dr. Marcu war so liebenswürdig, an die Anregung, die der Schreiber dieser Zeilen im Jahre 1924 in dieser Hinsicht gegeben hat*), zu erinnern, und er schilderte in schönen, warmen Worten wieder einmal die unvergleichliche Schönheit der Bukowina. Gerade in den letzten Tagen hat der Schreiber dieser Zeilen wieder einmal Gelegenheit gehabt, einige Orte der Bukowina, darunter Vatra-Dornei und Kimpolung, aufzusuchen und die alte Liebe zur Heimat ist noch glühender in ihm erwacht. Nicht nur, weil diese Orte an die schöne Jugendzeit erinnern, an die glücklich verbrachten Schulferien im Bukowinaer Gebirge, sondern weil es die Bukowina in Bezug auf landschaftliche Schönheit mit den schönsten Teilen der Schweiz, den österreichischen Alpen, aufnehmen kann. Die Natur hat unser Land wundervoll ausgestattet, nur müßten auch die Menschen das ihrige dazu beitragen, um die Schönheiten der Natur genießen zu können.

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*) Damit müßte man herausfinden wer „Plutus“ ist.



Eduard Landsberg, [S. 6, rechts, unten]
ein junger Czernowitzer Lyriker von ausgeprägtem Talent, gibt in nächster Zeit im deutschen Buchverlag „Die Arche“ ein Gedichtmuch heraus, das lyrische Gedichte, Romanzen und Satiren in Versen beinhalten wird. Besonders diese, die satirischen Gedichte, zeugen von der scharfen, sarkastischen Beobachtungsgabe und vom starken Talent des jungen Autors, dem noch eine große Zukunft bevorsteht.

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Weder dieser Autor, noch der Verlag ist zu finden. Es gab/gibt einen Verlag "die Arche", der wurde aber erst 1944 (in der Schweiz) gegründet:
http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Schifferli



Seite 7



Die Ukrainer fordern ihre Rechte [S. 7, oben, links]
Rede des Abg. Serbeniuk in der Kammer

In der Kammersitzung vom 31. August sprach der ukrainische Abgeordnete Chefredakteur D. G. Serbeniuk, zur Thronrede. Seine mehr als zweistündige Rede widmete der Redner zum Großteil den Wirtschafts- und Lebensfragen der Bevölkerung in der Nord-Bukowina, um dann in einer außerordentlich eindrucksvollen Weise das Minoritätenproblem und die Stellung der ukrainischen Minderheit in der Bukowina zu charakterisieren.

Abg. Serbeniuk kritisierte die Agrarreform, bei deren Durchführung in der Nord-Bukowina vollständige Anarchie herrschte. Nicht genug, daß die Bodenenteignung hier nur im bescheidensten Maße vorgenommen wurde, weil sich die Großgrundbesitzer auf illegale Weise der Enteignung ihrer Aecker zu entziehen wußten, (Ackerbau wurde von ihnen als Wald und Weide angegeben), erhielten die wirklich armen Kleinbauern kaum 25-30 Ar, während Wahlagenten, Parteimitläufer der jeweiligen Regierung, die zum größten Teile von der Landwirtschaft nicht die geringste Ahnung besaßen, ohne weiteres 5-6 Hektar zugewiesen bekamen. Mit diesen Bodenmengen konnten natürlich diese Herren „Ackerbauern“ nichts anfangen und sie verkauften ihre leichterworbenen Aecker den armen Kleinbauern sofort um den zehnfachen Preis weiter. Während mit dem enteigneten Boden so geschachert wurde, erhielten Kriegswitwen u. Kriegswaisen auch nicht ein Stückchen Erde.

Trostlos ist die Lage der ukrainischen Gemeinden am Pruth und Czeremosch, wo alljährlich hunderte Hektar Boden den Bauern von den Fluten der Ueberschwemmung fortgerissen werden. Viele Gemeinden sind, ohne Uebertreibung vom vollständigen Untergange bedroht, wenn nicht bald Hilfe von Seiten der Regierung kommt. Indessen kümmert sich die Regierung um das Grenzgebiet am Czeremosch nicht im geringsten und die Dörfer an diesem Flusse erwartet sicheres Verderben, besonders seitdem Polen des langen Wartens auf eine gemeinsame mit den rumänischen Behörden unternommene Regulierung des Czeremosch überdrüssig, den Fluß an seinem Ufer auf eigene Faust eingedämmt hat und nun bei Hochwasser die Fluten erbarmungslos rumänisches Gebiet wegreißen.

Auf die ungerechte Behandlung der Ukrainer in kultureller Hinsicht zu sprechen kommend, wird Abg. Serbeniuk oftmals von Abgeordneten der Mehrheit u. a. unterbrochen.

Abg. Prelipceanu (Cuzist): „Warum fälschen Sie die Geschichte? Kennen Sie nicht die alten Inschriften auf den Gesteinen dieser Gegend, die alle die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu unserer Nation beweisen? Warum halten Sie also solche ungerechtfertigte Anschuldigungen im Parlamente des rumänischen Landes aufrecht (Beifall auf den Bänken der Mehrheit und der Cuzisten.)

Abg. Th. Roznovan (zu Prelipcean gewandt): Herr Abgeordneter, die Ukrainer in der Bukowina müssen doch einmal ihre Rechte erlangen, man kann doch nicht eine Nation dauernd in Knechtschaft halten!

Abg. Serbeniuk: Lassen Sie, Herr Prelipcean, die Geschichte beiseite, darüber können wir ein anderes Mal sprechen. Wir Ukrainer sind Menschen, die leben und die ihre Rechte fordern. Alle rumänischen Regierungen haben unsere nationalen Rechte unterdrückt, die wir uns unter Oesterreich in 50-jährigem Kampfe errangen. In der Bukowina hatten wir einst 199 Volksschulen mit 800 Klassen und 800 Lehrern.

Abt. Virgil Solomon: Ja, Ihr Ukrainer wart unter Oesterreich die privilegierte Nation. Wie denken Sie, daß wir auch weiterhin Ihnen Privilegien uns gegenüber einräumen. Ich kenne die Bukowina besser als Sie, Herr Abgeordneter. Ihr Ukrainer wart nur Werkzeuge in den Händen der österreichischen Regierung, mit dem Zwecke, uns Rumänien zu entnationalisieren.

Abg. Serbeniuk: Meine Herren Abgeordneten, kommen Sie in den Ferien in die Bukowina, um die Tatsachen zu sehen. Es gibt hier 100 Prozent ukrainische Gemeinden, in denen es keine ukrainischen Schulen gibt. Es gab einst 4 Lyzeen mit ukrainischer Unterrichtssprache, ein Realgymnasium, zwei Lehrerbildungsanstalten etc. etc.

Abg. V. Solomon: Und wieviel rumänische Schulen sind jetzt in der Bukowina?

Abg. Serbeniuk: Heute sind alle Schulen rumänisch und wir erhalten sie mit unserem Geld. (Heftige Zwischenrufe bei der Mehrheit, großer Lärm.)

Abg. Serbeniuk spricht weiter über die Unmöglichkeit einer Erziehung und Bildung eines Kindes in einer ihm fremden Sprache, die es zwingt, alles nur papageienhaft herunterzuleiern. Ukrainische Ferialkurse wurden in einigen Gemeinden mit Gendarmen auseinandergetrieben.

Abg. Prelipcean: In diesen Kursen betreibet Ihr irredentistische Politik. Das wurde immer bewiesen.

Abg. Serbeniuk: Das wurde niemals bewiesen.

Abg. Prelipcean: Die ukrainische Bauernbevölkerung ist ruhig und friedlich, aber Ihr Gebildeten (carturarii), seid irredentische Agitatoren!

Serbeniuk: Herr Präsident, der Redner möge das Wort zurücknehmen.

Prelipcean: Ich nehme es nicht zurück, ich bekräftige es!

Abg. Serbeniuk: Sie mit der Politik Ihrer Liga schaffen Kommunisten und Irredentisten in der Bukowina (großer Lärm auf den Bänken der Cuzisten.)

Zum Schlusse erklärte der Redner, daß er von der jetzigen Regierung Abhilfe für die jetzt unmögliche kulturelle Lage der Ukrainer erhoffe und gab gleichzeitig bekannt, daß sich die Ukrainer von der Abstimmung der Antwortadresse auf die Thronrede enthalten werden.

(320904r7)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Tscheremosch
Übrigens: wenn man bei wikipedia rechts in der Tabelle auf die "Koordinaten" klickt, landet man in einer Landkarte, wo dann der entsprechende Ort zu sehen ist. Hier klicken bei: 1. Ursprung und 2. Mündung




Für die „Staatenlosen“ [S. 7, Mitte, links]
Aus Bukarest wird gemeldet: Der Abgeordnete Dr. Mayer Ebner richtete in der letzten Sitzung der Kammer an den Justizminister eine Anfrage, in welcher er ausführte: Das am 23. Februar 1924 beschlossene Gesetz betreffend Erwerb und Verlust der rumänischen Staatsbürgerschaft hat sich im Laufe der Jahre als völlig unzulänglich erwiesen. Viele tausende Familien, die noch vor Beginn des Weltkrieges auf dem heutigen rumänischen Territorium ansässig waren, konnten auf Grund dieses mangelhaften Gesetzes die Staatsbürgerschaft nicht erlangen und werden als sogenannte Staatenlose (Heimatlose) behandelt. Wohl hat ein im Sommer 1928 erlassenes Gesetz die Frist zum neuerlichen Einschreiten um Anerkennung der Staatsbürgerschaft für die Zeit bis Ende 1929 verlängert, ohne daß die sonstigen unzulänglichen Bestimmungen des Gesetzes modifiziert wurden. 30.000 unerledigte Gesuche befinden sich im Justizministerium und obwohl vier Jahre verstrichen sind, ist man an die Erledigung dieser Gesuche nicht herangetreten, obwohl es sich durchwegs um Staatenlose handelt, denen auf Grund des geltenden, also noch nicht modifizierten Gesetzes ein Anspruch auf die Staatsbürgerschaft zusteht. Redner fragte schließlich den Justizminister, ob er veranlassen wolle erstens, daß in der nächsten Parlamentssession ein Gesetzentwurf vorgelegt werde zum Zwecke der Abänderung des bestehenden Gesetzes betreffend Erwerb und Verlust der Staatsbürgerschaft im Sinne und im Einklange mit dem Gesetze vom 25. September 1920, welches Gesetz die Friedensverträge ratifiziert hat, zweitens, daß inzwischen die beim Justizministerium bestehende Kommission beauftragt werde, die dort befindlichen 30.000 Staatsbürgerschaftsgesuche einer schleunigen und endgültigen Erledigung zuzuführen.

(320904r7)




Seite 8
Klaus Binder
 
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Nr. 144, Dienstag, 06.09.32

Postby Klaus Binder on 7. September 2010, 21:40

Seite 1

Abrüstungsproblem im Vordergrunde [S. 1, oben, links]
(Von unserem Berliner K. - L. -Mitarbeiter)

So schwierig die innenpolitische Lage Deutschlands gegenwärtig auch ist - die außenpolitische Situation hat sich in der Zwischenzeit nicht verändert, und es ist zu bedauern, daß in Zeiten, da zweifellos eine weltpolitische Umschichtung unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise im Gange ist, da akute Probleme für die nächste Zeit und große, weitreichende Pläne für die nächsten Jahrzehnte im Werden sind, die deutsche Außenpolitik durch die innere Krise mehr oder weniger lahmgelegt ist. In der letzten Woche fanden auf der Kanalinsel Jersey Verhandlungen zwischen dem englischen Innenminister Sir Herbert Samuel und dem französischen Ministerpräsidenten Herriot statt. Von offizieller Seite werden diese Besprechungen zwar als reiner Ferienaufenthalt dargestellt, aber im Grunde ist sich jedermann darüber klar, daß hier wichtige Fragen der Außenpolitik behandelt und gemeinsame französisch-englische Wege beraten werden. Der Vertrauenspakt von Lausanne sollte doch den Rahmen für außenpoltische gemeinsame Aktionen bilden. Es läßt sich nicht bezweifeln, daß auf der Insel Jersey sowohl über Abrüstungsfragen wie über Weltwirtschaftsfragen gesprochen wurde. England hat zwar theoretisch den deutschen Anspruch auf Gleichberechtigung in der Abrüstung anerkannt, praktisch aber ist immerhin zu befürchten, daß die englische Außenpolitik in dieser grundsätzlichen Frage des Völkerrechtes wie schon so ift eine andere Haltung einnehmen und an die Seite Frankreichs treten wird, das den deutschen Anspruch abzulehnen sucht. Schließlich ist nicht zu verkennen, daß die innenpolitische Spannung in Deutschland, in England in den letzten Wochen große Beunruhigung hervorgerufen hat. Manche Warnung ist über den Kanal gekommen. Für England selbst aber hat man aus der inneren Lage Deutschlands eine wesentliche Distanzierung geschlossen. Es muß mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden, das die deutsche Position in England seit der Konferenz von Lausanne sich nicht verbessert, sondern verschlechtert hat.

Berücksichtigt man überdies noch, daß die Agrarstaaten des europäischen Ostens kürzlich in Warschau sich zu einer wirtschaftlichen Konferenz getroffen und ihre Beschlüsse für die Konferenz in Stresa gefaßt haben, daß mit Österreichs Zustimmung zu dem Lausanner Protokoll der Weg zu einem Donaustaatenplan, wie ihn Tardieu entworfen hatte, erleichtert wurde, so ist nicht zu verkennen, daß Deutschland in den letzten Wochen außenpolitisch sowohl im Osten als im Westen an Einfluß verloren hat. Die Weltwirtschaftskonferenz im November steht vor der Tür. Frankreich und England, England und Amerika, Frankreich und Amerika versuchen sich heute schon über ihre Haltung zu verständigen. Von deutschen Vorbereitungen ist uns bis jetzt nichts bekannt geworden, weil die Regierung mit innenpoltischen Fragen alle Hände voll zu tun hat. Die Wichtigkeit der Innenpoltik ist keineswegs zu verkennen, aber man muß doch feststellen, daß die Weltwirtschaftskonferenz ein außenpolitischer Rahmen größten Stiles ist, der für Deutschland, das in jeder Beziehung so stark mit dem Ausland verquickt ist, nicht ohne Einfluß bleibt.

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Vermutlich von Karl Lemke (zumindest in seinem Namen) geschrieben.



Monarchistische Kundgebungen in Berlin
Der Exkronprinz bei einer Feier des „Stahlhelm“

Aus Berlin wird gemeldet: Als Auftakt des vom Stahlhelm veranstalteten Kongresses fand im Stadion eine große Sportfestlichkeit statt, an welcher der Exkronprinz Wilhelm, Feldmarschall Mackensen und mehrere Generäle teilnahmen. Der Obmann des Stahlhelm Seldte hielt eine Ansprache, in welcher er in begeisterten Worten die deutsche Armee und Marine feierte.
Das Erscheinen des Exkronprinzen bei der Festlichkeit, an welcher Reichskanzler Papen und die meisten Minister teilnahmen, wude von den Anwesenden mit ungeheuerer Begeisterung begrüßt.

190.000 Festteilnehmer
Aus Berlin wird gemeldet: Zum Kongreß, den der „Stahlhelm“ veranstaltet und welcher drei Tage dauern wird, sind, zum Teil mit Spezialzügen noch am Samstag 140.000 Teilnehmer angekommen, denen Sonntag weitere 50.000 folgten.
Für die Aprovisionierung dieser ungeheueren Menge sind in Tempelhof riesige Vorbereitungen getroffen worden. 120 Autobusse haben die Lebensmittel hintransportiert. Beim Festmahl haben 9000 Kellner bedient.

Berlin, 5. September (Tel. des „Tag“). Am Tempelhofer Flugfeld fand gestern der Aufmarsch des Stahlhelms statt, an welchem 195.000 Mann teilnahmen. Es waren bei dieser Feier die gesamte deutsche Reichregierung unter Führung des Reichskanzlers Papen, der ehemalige Kronprinz Wilhelm, der preußische stellvertretende Reichskommissar Bracht sowie Offiziere der alten Armee und Marine anwesend. In seiner Rede verwies der oberste Führer des Stahlhelms, Gelde [Seldte], auf die Bedeutung der Armee und sagte, wenn auch die alte Armee nicht mehr existiere, so lebe doch ihr Geist in den heutigen Soldaten fort. Der Stahlhelm kämpft in Deutschland nicht für Gewalt, sondern für Gesetz, er fordere nicht die Macht, sondern die Ordnung im Staate.

Nachdem noch der zweite Führer, Oberstleutnant Düsterberg, gesprochen hatte, zerstreuten sich die Aufmarschbataillone unter den Klängen der Musik.
Der Bundesführer des Stahlhelms sandte an den Reichspräsidenten ein Telegramm, in welchem er ihm Treue und Gefolgschaft in der besonnenen Staatsführung, durch welche die innere und äußere Freiheit Deutschlands erkämpft wird, zusicherte.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Stahlhelm, ... ntsoldaten
http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Seldte


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Seite 2

Nachrichten aus Polen [S. 2, Mitte, oben]
Was geht in Ostgalizien vor?
Bauernaufstand oder Bandenkämpfe?

Aus Lemberg wird gemeldet: Von offizieller polnischer Seite nimmt man Stellung zu in der englischen Presse erschienenen Meldungen über einen Bauernaufstand in den ukrainischen Gebieten Polens, u. zw. wird erklärt, daß der diesen Meldungen zugrundeliegende Tatbestand sich auf das Auftreten einer 50 Mann starken Räuberbande in den Grenzbezirken der von Ukrainern bewohnten beiden polnischen Provinzen Wolhynien und Podolien reduziere. Diese Bande habe seit Anfang August eine Reihe von Ueberfällen verübt. Die polnische Polizei habe allein dieser Ueberfälle nicht Herr werden können. Aus diesem Grunde seien außer der Polizei auch die Schwadronen des polnischen Grenzschutzkorps mobil gemacht worden, denen es vor kurzem gelungen sei, die Bande zu stellen. Von ihren Mitgliedern seien 24 festgenommen und sähen ihrer Aburteilung entgegen. Der Rest sei bis auf einige Flüchtlinge, die sich noch in den Wäldern verborgen hielten, getötet worden.

Streikwelle
Die Naphta-Industrie steht. - Ausstände in Lodz und Oberschlesien
Aus Warschau wird gemeldet: Ganz Polen wird dieser Tage von einer Streikwelle heimgesucht. In der Nacht auf den 2. ds. ist um 24 Uhr der bereits angekündigte Generalstreik der Naphta-Industrie in den Revieren von Boryslaw, Stanislau und Krosno ausgebrochen. Der Streik erstreckt sich nicht nur auf die Naphtagruben, sondern auch auf die Raffinerien und die Maschinenanlagen. Der Streik hat bisher einen ruhigen Verlauf genommen.

In Lodz ist in mehreren großen Textilunternehmungen gleichfalls ein Streik ausgebrochen. Bisher streiken ungefähr 8000 Textilarbeiter. In den Betrieben der großen Textilfirma Scheibter u. Grohman kam es zu Ausschreitungen der Streikenden, welche sich anschickten, die Werkstätten zu demolieren.
Die intervenierenden Polizeiabteilungen wurden von den Streikenden mit einem Steinbombardement empfangen, wobei zwei Polizisten schwer verletzt wurden. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen.
Die Streikbewegung hat schließlich auch auf das oberschlesische Industriegebiet übergegriffen. In sämtlichen Unternehmungen der Berg- und Hüttengesellschaft Katowice A.‑G. "Interessengemeinschaft" haben die Arbeiter als Protest gegen die seit vier Wochen ausgebliebenen Lohnzahlungen die Arbeit niedergelegt. Der Streikparole sind bisher über 8000 Arbeiter gefolgt.

In Krakau ist ein Bäckereiarbeiterstreik ausgebrochen. Zwischen streikenden Bäckergehilfen und einer Gruppe von jugendlichen Bäckerlehrlingen kam es zu blutigen Zusammenstößen, in deren Verlauf zwei Lehrlinge durch Messerstiche schwer verletzt wurden. Die Polizei verhaftete die Täter, welche vor ein Standgericht gestellt werden.

Das neue Strafrecht in Kraft
Aus Warschau wird gemeldet: Mit 1. September ist in ganz Polen das Strafgesetzbuch in Kraft getreten, das dem bisherigen Zustand auf dem Gebiete der Rechtsprechung ein Ende macht. Bisher galt nämlich auf dem Gebiete des ehemaligen Kongreßpolen das frühere zaristische Recht, während in den von der alten Donaumonarchie abgetrennten Landesteilen nach dem ehemaligen österreichischen Strafgesetzbuch Recht gesprochen wurde. Das neue polnische Strafgesetzbuch spricht die prinzipielle Abschaffung der Todesstrafe aus, die nur in ganz vereinzelten Fällen ausgeführt werden darf. Daneben beinhaltet der neue Kodex auch eine Reform des Eherechtes.

(320906w2)




Massensterilisation von Männern in Graz [S. 2, oben, rechts]
Aus Granz wird gemeldet: Größtes Aufsehen erregt hier und in ganz Österreich eine jetzt aufgekommene Skandalaffäre, bei der es sich um eine gefährliche Massen-Sterilisation von Männern durch Unbefugte handelt. Die Kurpfuscher, meist junge Medizinstudenten der Grazer Universität, haben durch ihre Operationen den Operierten nicht unbeträchtliche Gesundheitsschädigungen verursacht. Der Grazer Polizei gelang es, einige Opfer der Bande festzustellen, die auf die chirurgische Abteilung des Landeskrankenhauses gebracht und dort genau untersucht wurden. Es stellte sich heraus, daß die Operationen nicht mit der nötigen Sachkenntnis und Sorgfalt ausgeführt wurden. Die Patienten wurden dauernd unfruchtbar gemacht, was im Sinne des Gesetzes das Verbrechen der schweren Körperverletzung bedeutet. Die Polizei hat zwei Operationsräume ausgehoben, wo viele Personen, die hinkamen, verhaftet wurden. Die Räume befanden sich in dem Hause eines Malermeisters. Bisher wurden 5 Studenten verhaftet, weiters eine Hausperson, die sich als Operationschwester betätigte, der Hauptschuldige ist jedoch geflüchtet. Auch in Wien wurden in Verbindung mit dieser Affäre mehrere Verhaftungen vorgenommen.



Seite 3

Neue Zigaretten [S. 3, unten, links]
Die autonome Monopolverwaltung wird in den nächsten Tagen eine neue Zigarette mit Kartonmundstück unter dem Namen "Sinaia" in Verkehr setzen. Die neuen Zigaretten, die einen guten Tabak enthalten und in hübschen Packungen verkauft werden, werden das Stück Lei 1.20 beziehungsweise das Paket Lei 24 kosten.

(320906r3)

Selbstmord eines Arbeitslosen [S. 3, rechts, Mitte]
Heute früh wurde die Rettungsgesellschaft verständigt, daß in der Traubengasse ein Arbeitsloser, namens Zafcinski, Selbstmord versucht habe.
Die Rettungsgesellschaft begab sich sofort an Ort und Stelle und Dr. Klarfeld stellte fest, daß der Arbeitslose eine größere Menge Salzsäure genommen hatte.
Er wurde ins Landesspital übergeführt. Sein Zustand ist hoffnungslos.

(320906c3)



Seite 4


Devisenbeschränkung in der Kammerdiskussion [S. 4, unten, Mitte, rechts]
Bukarest, 3. September. (Tel. des „Tag".) In der letzten Kammersitzung interpelliert der Abgeordnete Josef Fischer den Finanzminister wegen der den Kaufleuten gemachten Schwierigkeiten bei der Devisenbeschaffung. Es ist wohl richtig, wenn die Regierung zum Schutz der nationalen Währung Maßnahmen ergreift, um die Ausfuhr fremder Devisen zu verhindern. Diese Maßnahmen dürfen aber nicht so geartet sein, daß sie den internen Handel schädigen. Die Banca Nationala verlangt von den Kaufleuten die Erfüllung vieler Verpflichtungen, denen der Kaufmann nicht nachkommen kann. Auch die Bezahlung der rückständigen Steuern ist ein übertriebener Fiskalismus, durch welchen die Interessen der Kaufleute geschädigt werden. Der Finanzminister wird daher ersucht, erleichternde Maßnahmen für den Devisenhandel zu ergreifen.

Spielhöllen und Prostitution
In der gleichen Kammersitzung entwickelt der sozialdemokratische Abgeordnete Mirescu eine längere Interpellation in Angelegenheit der Spielhöllen und der Prostitution und führte aus: Schon unter der Regierung der Techniker habe ich mich mit der Frage der Sittenpolizei befaßt, die direkt oder indirekt von den Freudenhäusern subventioniert wird, also Komplize derselben ist. Ich habe mich auch mit der Frage der Spielhöllen befaßt und aktenmäßig nachgewiesen, daß gewisse Polizeibeamte selbst solche Spielhöllen ins Leben rufen oder wenigstens an solchen beteiligt sind. Die Freudenhäuser wurden auf Grund eines Gesetzes aufgelöst, hingegen wurden private, möblierte Zimmer eingeführt, die den gleichen Zweck haben. Es hat sich also nichts geändert. Es wurde mir von der Tribüne damals nicht geantwortet. Hingegen wurde ich von den Banden, die mit der Sittenpolizei arbeiten, angegriffen, als ich die Kammersitzung verließ, und auf offener Straße attackiert. Diese Banditen aber, die ich identifiziert habe und verhaften ließ, wurden noch in der gleichen Nacht enthaftet, während ein Arbeiter, der irgend ein Manifest verteilte, eingesperrt und Wochen lang in Haft gehalten wurde. Da dieser Zustand noch heute andauert, erlaube ich mir an den Innenminister eine Interpellation zu richten und ihn zu ersuchen, daß mir die Akten, aus welchen das Resultat der bisherigen Untersuchung hervorgeht, zur Verfügung gestellt und die Schuldigen ins Gefängnis nach Vacaresti überführt werden. Die Purifizierung der Sittenpolizei der Hauptstadt ist eine Ehrensache und muß durchgeführt werden.

Arbeitsminister Ioanitzescu: Herr Mirescu hat Recht, wenn er behauptet, daß die geheime Prostitution eine Plage für das Land ist. Die Art, wie die Prostitution in unserem Lande betrieben wird, ist eine soziale Gefahr. Schließlich verspricht der Arbeitsminister, hier Ordnung zu schaffen. Gegenwärtig ist eine spezielle Kommission mit dem Studium dieser Frage beschäftigt.
Der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Lothar Radaceanu legt dann ein Gesetz zum Schutze von armen und arbeitslosen Mietern vor. Er verlangt die Zuerkennung der Dringlichkeit für dieses Gesetz.

(320906r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 145, Mittwoch, 07.09.32

Postby Klaus Binder on 7. September 2010, 21:42

Seite 1

Für die Einheit der europäischen Staaten [S. 1, Mitte]
Eröffnung der Wirtschaftskonferenz in Stresa.
Bedeutsame Rede des Vorsitzenden Bonnet.


Rom, 5. September (Tel. des „Tag“). Gestern um 3 Uhr nachmittags wurde in Stresa die Wirtschaftskonferenz der südosteuropäischen Staaten unter dem Vorsitze des gewesenen französischen Handelsministers Bonnet eröffnet. Rumänien ist auf dieser Konferenz durch den Handelsminister Madgearu vertreten.
Die Konferenz wurde vom Vorsitzenden mit einer Ansprache eröffnet, in welcher er die Aufgabe der Beratungen darlegte, die Mittel und Wege suchen müssen, um den südosteuropäischen Staaten zu helfen. Diese Mittel müssen auf Grund der Beschlüsse der Lausanner Konferenz gefunden werden, bei welcher ja die Einberufung der Stresaer Konferenz beschlossen wurde.

Die südosteuropäischen Staaten dürfen nicht als Sondergebilde betrachtet werden, sondern müssen als Einheit in der Weltwirtschaft gelten. Die bevorstehende Weltwirtschaftskonferenz stehe in engem Zusammenhang mit der Konferenz von Stresa, und vom Resultat dieser Konferenz hänge auch das Ergebnis der Weltwirtschaftskonferenz ab.

Zum Wiederaufbau Europas müssen alle Staaten beitragen und es dürfen sich nicht Einzelinteressen vordrängen.
Nach der Rede des Vorsitzenden wurde in die Komiteeberatungen eingegangen.

(320907w1)


Vor Anerkennung Sowjetrusslands durch die Vereinigten Staaten [S. 1, rechts, Mitte]
London, 5. September (Tel. des „Tag“). Der russische Vertreter in Genf,Radek, hat sich mit führenden amerikanischen Vertretern über eine Anerkennung Rußlands durch Amerika unterhalten. Nun befaßt man sich in den Vereinigten Staaten ernstlich mit diesem Problem und es verlautet, daß die amerikanische Regierung demnächst eine Kommission nach Moskau entsenden wird, um diese Frage an Ort und Stelle zu erörtern. Die Suggestion Radeks hat in amerikanischen Kreisen vollständige Zustimmung gefunden, es ergaben sich aber technische Schwierigkeiten wegen Entsendung dieser Kommission, weil die hiezu notwendigen Kredite erst vom Senat bewilligt werden müssen. Kammer und Senat sind aber jetzt in Ferien und Hoover will noch die Meinung des Senators Boray zu diesem Plan kennen lernen. Hoover soll sich bereits prinzipiell günstig geäußert haben, möchte aber die Anerkennung der Sowjetunion bis nach den Präsidentenwahlen verschieben.

Es verlautet, daß die Vorgänge im fernen Osten, der Rückgang der amerikanischen Warenlieferungen nach Rußland, sowie die Geschäfte verschiedener Banken, die an Handelsbeziehungen mit Rußland interessiert sind, die Anerkennung durch Amerika notwendig erscheinen lassen.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Radek



Luftverbindung Moskau - Wladiwostok [S. 2, unten, rechts]
Moskau, 6. September (Tel. des „Tag“). In diesem Monat wird die längste Luftfahrtslinie, nämlich die Linie Moskau - Wladiwostok, die über 10.000 Kilometer führt, {wird} eröffnet werden. Der Flug auf der ganzen Strecke wird in zwei Tagen absolviert werden können.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Wladiwostok




Seite 2

Die Novelle des Tages
Segen der Konvertierung [S. 2, oben, links]
In unmittelbarer Nähe von Sereth gibt es ein Dorf, das heißt Rogoiesti, hat eine Schule mit einem Direktor, der heißt Ioan Furtuna, und Furtuna heißt im Lateinischen Glück. Glück hat tatsächlich Herr Furtuna, denn er besitzt außer einer lieben Gattin, die ebenfalls Lehrerin ist, Grund und Boden, er ist also Landwirt, Herrscher über sage und schreibe einseinhalb Hektar Erde. Zudem bezieht er zusammen mit seiner Gattin eine monatliche Gage von nahezu 11.000 Lei, also genug zum Leben, zumal da er ja noch einseinhalb Hektar Boden besitzt.

Anlaß genug, um kräftig und nach Herzenslust Schulden zu machen; und willkommener Anlaß, um die Konvertierung dieser Schulden anzusuchen; bloß sind keine Schulden ähnlicher Natur wie die des Pfarrers aus Repujinetz, von dem wir in unserer letzten Nummer erzählten. Die Schulden des Herrn Schuldirektor Furtuna sehen so aus:

An Osias Goldenblum, Manufakturwaren, 2.400 Lei; Pesach Freier, Manufakturwaren, 2.600 Lei; Fr. Weinrauch, für gelieferte Bettfedern 6.000 Lei; Nath. Bercovici, Schneiderzugehöre, 2.000 Lei; F. Goldhirsch, für Pelzkolliers, Lei 3.000; Ch. Klinger, Kolonialwaren, Lei 5.000; Kugelmaß, für Getränke und Mahlzeiten im Restaurant, 565 Lei; Riva Fischler, Modewaren, Lei 2.000; Jossel Katz, für geliefertes Fleisch 604 Lei; Josef Katz, Galanteriewaren, 3.000 Lei; Sam. Rappaport, Kolonialwaren, 2.200 Lei; Mina Eisenstein, für Manufakturwaren 14.000 Lei.

Das sind die landwirtschaftlichen Schulden des Herrn Direktors Furtuna. Die hat er zur Sanierung seines Grund und Bodens im Ausmaße von einseinhalb Hektar gemacht. Die Pointe liegt noch nicht darin, daß dem Gesuch um Suspendierung der Gehaltsexekution stattgegeben wurde, sie liegt darin, daß der Herr Furtuna sich mit dieser Entscheidung nicht zufriedengab - weil zwar sein zum Teil gepfändetes Gehalt den Gläubigern nicht ausbezahlt, aber auch ihm nicht gegeben wird, sondern in Verwahrung des Direktorats bis zur Entscheidung über Konvertierung dieser Schulden deponiert bleibt - daß er sich also damit nicht zufriedengab, neuerlich ans Gericht eine Eingabe richtete und um Aufhebung der Beschlagnahme seines Teilgehalts ansuchte, welchem Ansuchen ebenfalls stattgegeben wurde, sodaß der Herr Direktor weiter sein volles Gehalt monatlich bezieht. Wogegen nun alle Kaufleute, die ihm Manufakturwaren, Bettfedern, Pelze, Modeartikel ec. kreditiert hatten - lauter unentbehrliche Dinge für die Bewirtschaftung von einseinhalb Hektar Boden - rekurriert haben. So ein Rekurs kann, wenns gut geht, auch in einem, in zwei oder in vier Jahren zur Verhandlung gelangen, bis dahin kann sich der „Grund und Boden“ des Herrn Direktors um einseinhalb Grashalme vergrößert haben. Inzwischen warten die Gläubiger auf ihr Geld und werden wahrscheinlich noch sehr lange darauf warten ...

Der Schwiegersohn des Herrn Direktors, ein Herr Silviu Nestor in Volocinetz, hat, ebenfalls an Manufaktur- und Kolonialwaren, Schulden gemacht, bei dem einen 1200 und beim anderen 1500 Lei; die Exekution wurde vom Gericht suspendiert, die Gläubiger können nichts machen. Befehl ist Befehl, Gesetz ist Gesetz.

Ich würde gerne folgende Schuldenliste zwecks Konvertierung dem Gerichte überreichen (warum auch nicht?):

An Besuch im Tonfilmkino Lei 600; Zigaretten Lei 2.000; Schwitzbad Lei 550; für eine Nacht mit einer schönen Frau (im Interesse des Nachwuchses für den Staat) Lei 2000; für eine Grammophonplatte („Liebe war es nicht, es war nur eine ...) Lei 150; für diverse Bakschische Lei 2400.

Die Sache hat aber einen Haken. Ich besitze doch keinen Grund und Boden! Jener, der Herr Direktor Furtuna, hat wenigstens einseinhalb Hektar, und sein Schwiegersohn, der Herr Silviu Nestor, hat sogar nur rund einen Hektar Boden - aber was habe ich?

Nun, ich weiß schon, was ich zu tun habe, damit meine Schulden konvertiert werden und meine Gläubiger vor Wut in die Luft gehen:
Ich werde mir einen Blumentopf kaufen ...

H. G.

(320907r2)




Der Graphologe Helios Hecht [S. 2, unten, Mitte]
von Mathias Roll

Ich habe mich fast nie mit Graphologie abgegeben, in dem Sinne, daß ich weder graphologische Studien betrieb, noch auch mir von Graphologen Schriftproben [-Analysen] anfertigen ließ*). Was ich von Zeit zu Zeit in den Zeitungen über Graphologie oder graphologische Schriftanalysen las, hat in mir kein tieferes Interesse für diesen Gegenstand ausgelöst. Wohl wußte ich, daß die Graphologie ein ernstliches wissenschaftliches Studium darstellt, daß aber auch viele Scharlatane mit ihrer Hilfe reine Geschäftemacherei betrieben und sie in der Art der Hellseherei ausübten.

Ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich Herrn Helios Hecht eine Schriftprobe von mir mit der Bitte übergab, mir eine Charakteranalyse anzufertigen. Ich habe Herrn Hecht wohl nicht gesagt, daß diese Schrift von mir herrührt; doch ist es möglich, daß er dies wußte. Die Analyse, die mir Herr Hecht nach einiger Zeit übergab, hat eine ganz ungeheuere Ueberraschung bei mir hervorgerufen. Das erste Wort, das meinen Lippen beim Lesen der Analyse entfuhr, war: „Unheimlich“. Ja, ich muß sagen, die mir gelieferte Charakteranalyse läßt sich wahrhaftig nicht anders bezeichnen als mit „unheimlich“.

Was Herr Hecht in seiner Charakteranalyse feststellt, ist nichts anderes als eine wahrhaft getreue Photographie des innern Menschen. Die Analyse liefert einen Seelen- und Gedankenspiegel und es ist einem beim Lesen derselben, als wenn er tief in seine Vergangenheit blickt und alle Ereignisse und Phasen des eigenen Lebens wieder vorbeiziehen sieht; man versteht auf einmal, warum sich vieles im Leben gerade so gestaltet hat und nicht anders. Man erkennt, daß der Charakter des Menschen auch sein Schicksal ist.

Die Charakteranalyse von Helios Hecht gibt Anlaß, über sich selbst zu Gericht zu sitzen; ihre größte Bedeutung liegt darin, daß sie schicksals- und zukunftbestimmend werden kann.

Helios Hecht hat mich wahrlich in der Charakteranalyse nicht geschont, er hat, wie der tüchtige Arzt die körperlichen Gebrechen, meine Charaktereigenschaften bloßgelegt und ich habe blitzhell auf einmal erkannt, welche Charaktereigenschaften meiner Karriere hinderlich waren - Charaktereigenschaften, die vielleicht in einem anderen Berufe sich sehr nützlich erwiesen hätten.

Helios Hecht bemüht sich durchaus nicht, ein schmeichelhaftes Portrait zu liefern, er gibt unverhüllt das wieder, was er aus der Schrift liest, alle Licht- und Schattenseiten, er läßt sich auch nicht ausdrücklich in Zukunftsprophezeihungen ein, aber der verständnisvolle Mensch kann aus der ihm gelieferten Charakteranalyse wohl selbst sich seine Zukunft herauslesen. Eine solche Charakteranalyse kann zum Wendepunkt im menschlichen Schicksal werden, es hängt von ihm selbst ab, die aufgedeckten Mängel zu korrigieren und die guten Eigenschaften besonders zu pflegen.

Das Sprichwort „der Prophet gilt nicht im Vaterlande“ trifft auch leider bei Helios Hecht zu. Man wird es wohl als selbstverständlich finden, daß ich nach dem Lesen der mir gelieferten verblüffenden Charakteranalyse mich mehr um Helios Hecht interessierte, und ich konnte feststellen, daß ganz bedeutende und hervorragende Persönlichkeiten des Auslandes sich geradezu in enthusiastischen Ausdrücken über seine Analysen geäußert haben. Hervorragende Universitätsprofessoren, ernste Männer der Wissenschaft haben die graphologischen Dienste von Helios Hecht in Anspruch genommen und äußerten sich dann sehr lobend über die gelieferten Arbeiten. Ja, bedeutende Geschäftshäuser, Banken und Fabriksunternehmungen des Auslandes lassen die Schriftproben ihrer Vertrauensmänner, ihrer wichtigeren Angestellten von Helios Hecht analysieren und so schreibt ein bedeutendes Wiener Unternehmen an Helios Hecht, daß es von nun an, da die gelieferten Analysen so trefflich sind, bei jeder wichtigeren Entscheidung vorerst eine Schriftprobe des in Betracht kommenden Herrn zur Begutachtung einsenden wird. Man muß bedenken, daß gerade die Inanspruchnahme der Dienste von Helios Hecht seitens einer Firma in Wien, wo ein Scherman lebt, eine ganz außerordentliche Auszeichnung bedeutet.

Viele Leser werden gewiß sagen, diese Zeilen bedeuten eine Reklame für Helios Hecht; ja das sollen sie auch sein. Meine Motive für diese Reklame sind nichts anderes als tiefste Dankbarkeit für die Offenbarungen, die mir für die Schriftanalyse des Herrn Hecht geworden sind und wenn diese Zeilen wirklich dazu beitragen sollten, auf die große Kunst des Herrn Hecht mehr Aufmerksamkeit zu lenken, als sie sich bis jetzt erfreute, und wenn dadurch seinem materiellen Wohlergehen gedient werden wird, so werde ich dadurch nicht nur meine Dankesschuld abgetragen, sondern auch sicherlich vielen Menschen einen Dienst geleistet haben.

(320907a2)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Graphologie
*) Entweder soll das ein Späßchen sein, oder handelt sich um einen (Druck-)fehler. Natürlich läßt man sich keine Schriftproben vom Graphologen anfertigen, genausowenig geht man zum Arzt, um dessen Blutdruck zu messen.




Seite 3


Wirtschafts-„Tag“
Rist-Bericht im Mittelpunkt der Innenpolitik [S. 3, oben, links]
Diktat oder Kontrolle? - Die Experten des Völkerbundes an der Arbeit

Bukarest, 5. August [vermutlich September] (Sonderbericht des „Tag“). Während sich Professor Rist in seinem ersten Bericht mit der allgemeinen Situation der rumänischen Finanz- und Wirtschaft[spolitik] befaßte, die Fehler anzeigte, die überall begangen wurden und Richtlinien für ihre Behebung angab, befaßte sich der zweite Bericht ausschließlich mit den Eingängen des Staates aus den direkten und indirekten Steuern.

Zum Unterschied von den durch Rist gemeinsam mit Auboin gemachten bisherigen Feststellungen, stellt der zweite Bericht fest, daß die Steuerkraft der Bevölkerung den letzten Grad erreicht hat und daß von einer Erhöhung der Steuerlasten keine Rede sein könne, im Gegenteil müßte man an Steuererleichterungen schreiten, oder aber eine Revision in der Form vornehmen, daß gewissen bis jetzt bevorzugten Kategorien größere Steuerlasten auferlegt werden, hingegen für andere, die sie nicht leisten können, die Steuern reduziert werden. Das ist der Grundgedanke des zweiten Ristberichtes.

Während Rist für gewisse Steuern Reduzierungen, für manche vollkommene Abschaffung verlangt, steht er auf dem Standpunkt, daß eine Spezialsteuer auf das gesamte in Neubauten investierte Kapital eingeführt werde. Weiters verlangt er die strengere Anwendung der Professionalsteuer, der Umsatzsteuer sowie einer Mehlsteuer (statt des Brotstempels). Etwas ganz neues in diesem Bericht ist das Verlangen Rist's die indirekten Steuern auf Konsumartikel, besonders Alkohol und Zucker zu erhöhen. Ebenso schlägt er vor, daß für Fruchtgetränke ebenso für Branntwein die Taxe um das fünffache [fett v.m.] erhöht werde. Als Begründung gibt Rist die Tatsache an, daß diese Getränke Luxusartikel sind, und daß auch alle anderen Staaten einen bedeutenden Teil ihrer Einnahmen aus dem Alkohol beziehen.
Was die direkten Steuern in Rumänien betrifft, gibt der Bericht zu, daß sie für ein Agrarlande übertrieben hoch sind, aber trotzdem beschränkt er sich auf Erleichterungen mehr technischer Natur, indem er die Unifizierung der verschiedenen Besteuerungstypen und ihre Vereinfachung verlangt.
Hingegen spricht er sich kategorisch für eine Erhöhung mehrerer indirekter Steuern aus.
Der Bericht Rist's hat also rein fiskalischen Charakter und zum Schluß wird noch verlangt, daß der Inkassodienst und Besteuerungsdienst, die bis heute zusammen funktioniert haben, separiert werde.

Rumänien ärger behandelt als Brasilien
Unter dem Titel: „Die nationale Ehre gefährdet. Gesetze werden unter der Pression der Experten gemacht“ veröffentlicht die „Indreptarea“ einen Artikel, in welchem sie sich mit dem Besuch der Sachverständigen des Völkerbundes befaßt.

In diesem Artikel heißt es u. a.: „Der zweite Rist-Bericht hätte nicht der Öffentlichkeit übergeben werden, sondern nur der Regierung als Richtschnur dienen sollen. Wenn der erste Bericht in welchem die Regierungen wegen Verschleuderung des Staatsvermögens angeklagt waren, publiziert wurde, so war eine Publikation des [zweiten?] Berichtes ganz überflüssig. Denn dieser enthält Gesetzesprojekte sowie Vorschläge zur Reorganisation der öffentlichen Ämter, die unsere nationale Rechte sowie die Prärogative des Parlamentes schmälern. In Rumänien hat nur die Regierung das Recht, Gesetzentwürfe auszuarbeiten und das Parlament, sie zu votieren.

„Es ist und nicht bekannt, daß die Experten, welche auch in anderen Staaten Studien gemacht haben, in irgend einem dieser Staaten Gesetze zu machen versucht hätten. Sie waren in ganz Europa sowie jenseits des Ozeans. Sie wurden aber nur zu beratendem Zwecke eingeladen. Was sie aber in Brasilien und in den anderen südamerikanischen Staaten nicht getan haben, dürfen sie auch in einem unabhängigen Staate wie Rumänien nicht tun“.




Werbung * Ankündigung

Die Wiener [S. 3, links, Mitte]
Arbeiter - Zeitung
wird in den nächsten Tagen wieder erhältlich sein. Die Abonnenten werden daher ersucht, sich zu melden, damit die Zustellung unverzüglich aufgenommen werden kann.

Monatsabonnement . . . Lei 150,-
Einzelnummer . . . . . . . . ." . . . 7,-
Sonntagsnummer . . . . . . " . . .9,-

Alleinvertrieb für die Bukowina:
Volks-Buchhandlung
Cernăuți, strada Iancu Flondor 24
6038

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Vermutlich handelt es sich um diese:
http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeiter-Zeitung
„. . .Die Arbeiter-Zeitung (AZ) war das Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokraten bzw. der Sozialistischen Partei Österreichs. . .“
Ausgaben dieser Zeitung werden derzeit auch digitalisiert. Jedoch ist man "erst" bei den Jahrgängen 1945-1989:
http://www.arbeiter-zeitung.at






Der Grazer Sterilisierungsskandal [S. 3, Mitte]

Aus Wien wird gemeldet:
Die Grazer Polizei bestätigt die Blättermeldungen über die Aushebung eines Geheimbetriebes, in dem Sterilisierungen von Männern vorgenommen wurden. Zufällig bemerkte ein Wachebeamter, daß aus einem Hause drei Männer traten, die nach Karbol rochen. Da man aus diesem Hause wiederholt Burschen kommen sah, die ortsfremd waren, hielt der Wachebeamte die drei Unbekannten an, die nach langem Zögern gestanden, daß sie in dem Hause bei einem Arzte waren, der an ihnen Eingriffe zur Unterbindung der Zeugungsfähigkeit vorgenommen habe. Für diesen Eingriff hatten sie einen Geldbetrag von 82 Schilling zu bezahlen. Die Polizei begab sich in die bezeichnete Wohnung und fand dort ein Zimmer, welches mit allen notwendigen Behelfen zu solchen Operationen ausgestattet war. Sie stellte fest, daß in dieser Wohnung von den frühen Morgenstunden bis spät nachmittags an zahlreichen Männern Operationen vorgenommen wurden. Die Operationen wurden von zwei ausländischen Studenten der Medizin vorgenommen, von denen einer verhaftet wurde, während der zweite geflüchtet ist. Der Verhaftete ist der seit längerer Zeit in Oesterreich weilende bulgarische Student der Medizin Ewstasi Anastasoff. In Graz sind mindestens sechshundert Personen sterilisiert worden, in Wien, wo eine Filiale bestand, weit über hundert, und da auch in Linz und in Wiener-Neustadt operiert wurde, dürften einige tausend Personen durch diese Scharlatane für immer ihrer Zeugungskraft beraubt worden sein.

Das Geschäft ging so gut, daß die Leute, die zuerst zusammen arbeiteten, beschlossen, sich selbständig zu machen.
So hat der polnische Student Theodor Akentyew, ein verbummelter 36jähriger Mediziner, zunächst mit dem Bulgaren Anastasoff zusammen gearbeitet, sich aber mit ihm zerkracht. Akentyew fuhr von Graz nach Wien, besorgte sich hier ein Visum für seinen Paß und konnte noch rechtzeitig flüchten. Gegen ihn wurde ein Steckbrief erlassen.

(320907w3)

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Es handelt sich um ein „Projekt“ des "Anarchisten" Pierre Ramus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Ramus




Seite 4


Theater und Kunst [S. 4, unten, rechts]
Kunstausstellung Löwendal
Die Buchhandlung Bernfeld hat eine Ausstellung von Aquarellen des Malers George Baron Löwendal veranstaltet. Man kennt diesen Künstler bereits von seinen Bühnenbildern und von vielerlei ausgestellten Werken als eine eigenwillige und interessante Persönlichkeit, die stets an sich arbeitet und voll ehrlichen künstlerischen Bemühens neue Wege der Gestaltung sucht. Löwendal ist zunächst Zeichner, aber er hat auch ausgeprägten Sinn für die Farbe, was sich auch hier, besonders in den Landschaftsbildern zeigt, deren Gelb und Rot geradezu wie ein Schrei wirkt. In der Formgebung besonders interessant sind auch die Tierstücke, bei denen man die Schule der besten graphischen Künstler der Vergangenheit erkennt. Alles in allem: ein interessanter Künstler, welcher die Aufmerksamkeit des Publikums in höchstem Grade verdient.

(320907c4)

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http://de.wikipedia.org/wiki/George_Löwendal
http://kulturraumrumaenien.blogspot.com ... bauer.html
http://www.youtube.com/watch?v=uNxDROnEtb8
Klaus Binder
 
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Nr. 146, Donnerstag, 08.09.32

Postby Klaus Binder on 9. September 2010, 19:25

Seite 1

Die Anzeichen für Wirtschaftsbesserung [S. 1, Mitte]
Optimismus auch in Frankreich. - Weitere Hausse in Berlin

Paris, 6. September (Tel. des „Tag“). Zur gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation schreibt der „Temps“, daß sich überall Anzeichen für eine Besserung zeigen. Sowohl auf dem Markt der Rohstoff- als auch auf dem der landwirtschaftlichen Produkte zeige sich eine Besserung, indem mehr Bestellungen gemacht würden. Vor kaum drei Wochen hätte man nicht geglaubt, daß die Wirtschaftssituation einen solchen Aufschwung nehmen werde. Überall habe der Wirtschaftsverkehr eine Belebung erfahren.

Berlin, 6. September (Tel. des „Tag“). Gestern hat an der Börse die Hausse angehalten. Viele Papiere sind im Werte gestiegen; bei vielen war die Nachfrage sehr groß, aber der Absatz gering. Die Tendenz ist nach wie vor sehr fest.




Drohender Krieg im Fernen Osten [S. 1, unten, rechts]
London, 6. September (Tel. des „Tag“). Meldungen aus Peking berichten, daß man in politischen Kreisen Kenntnis davon habe, daß Japan in Kürze in Verbindung mit dem Boykott japanischer Waren in Shanghai an China ein Ultimatum richten werde. Wie es heißt, suchen die Japaner einen Vorwand, um die Städte Tientsin und Peking zu besetzen.

Inzwischen verschärft sich die Situation in der Madschurei immer mehr. Die chinesischen Freischärler greifen die Japaner [an], und haben in der Nähe von Mukden Kämpfe eröffnet.

Die Haltung Rußlands
Paris, 6. September (Tel. des „Tag“). Die Zeitung „Echo de Paris“ hält es für möglich, daß zwischen Japan und Rußland der Krieg ausbrechen wird. Rupland treffe Vorbereitungen in Sibirien.

Shanghai, 6. September (Tel. des „Tag“). Die panchinische [panchinesische] Konferenz der Liga für nationale Verteidigung hat eine Resolution angenommen, in welcher sie die Regierung auffordert, die Beziehungen zu Japan abzubrechen.



Seite 2

Personalnachricht [S. 2, unten, links]
Die „N. Fr. Pr.“ meldet: „Am 1. d. feierte der leitende Direktor der Schriftgießerei Berthold & Stempel, Wien, Kommerzialrat Adolf Nimhin, ein in der Zeitungsindustrie und in weitesten Buchdruckerkreisen anerkannter und geschätzter Fachmann, sein fünfzigjähriges Buchdruckerjubiläum.“ - Adolf Nimhin ist Bukowinaer und hat in Czernowitz seine Karriere auf graphischem Gebiete (Buchdruckerei Czopp) begonnen.

(320908i2)

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Es handelt sich offenbar um die "Neue Frei Presse":
anno.onb.ac.at




„Herr und Mädchen“ [S. 2, unten, links]
Die Fortsetzung des Romans erscheint Raummangels wegen in der nächsten Nummer.




Selbstmordepidemie [S. 2, Mitte]
In den letzten Tagen haben sich in Czernowitz wieder mehrere Selbstmordversuche ereignet, welche in der Stadt das größte Aufsehen erregten.

Von der Brücke in den Pruth gestürzt
Die Absolventin des Lyzeums Antonia A. hat sich von der Pruthbrücke ins Wasser gestürzt. Sie wurde von Arbeitern, welche die Lebensmüde beobachtet hatten und ihr nachschwammen, gerettet. In bewußtlosem Zustande wurde sie in das Spital überführt, wo sie sich bereits erholt hat. Das Motiv der Tat soll unglückliche Liebe sein.

Sawczynski gestorben
Wir haben über den Selbstmordversuch des Kleingewerbetreibenden Sawczynski in der Panaitengasse berichtet. Dieser hatte, da er seit Monaten ohne Erwerb und im größten Elend war, Salzsäure getrunken. Sawczynski ist im Spital, wohin er überführt worden war, gestorben.

Mysteriöser Selbstmord bei Wiznitz
Aus Wiznitz wird uns gemeldet: Der Polizei aus Czornohuze wurde zur Anzeige gebracht, daß Frau Frosina Nestoriuk schon seit zwei Tagen vom Hause abgängig sei. Auch ihr Mann Cozma Nestoriuk konnte keine Angaben über das plötzliche Verschwinden seiner Frau machen. Erst gestern wurde sie in einem Brunnen tot aufgefunden. Man nimmt an, daß sie Selbstmord begangen hat. Die Behörden haben eine Untersuchung eingeleitet.

(320908c2)



Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Der Skandal um die Hefe [S. 3, oben, links]
Die Riesengewinne des Kartells

Die vom „Tag“ eingeleitete Kampagne gegen das Hefekartell hat in der ganzen Bevölkerung das lebhafte Echo ausgelöst und allgemeine Zustimmung gefunden. Bekanntlich wurde auch nach den Veröffentlichungen des „Tag“ die Angelegenheit von sozialdemokratischer Seite im Parlament in Form einer Interpellation zur Sprache gebracht.
Hiezu erhalten wir folgende Zuschrift:

Das Hefekartell hat seit seinem Bestand einen

Reservefond von 250 Millionen Lei
zurückgelegt. Dieser ungeheuere Fond ermöglicht es ihm, die Fabriken, die außerhalb des Kartells stehen, abzulösen oder aufzukaufen und zur Stillegung des Betriebes zu verhalten. Die Praktiken, deren sich das Kartell beim Aufkauf der Flondor'schen Fabrik in Zuczka bedient hat, wurden ja vom „Tag“ eingehend geschildert. Die Machtposition des Kartells geht aus folgender Aufstellung hervor:

In Rumänien bestehen z. Zt. 14 Hefefabriken; von diesen wurden 7 Betriebe vom Kartell abgelöst und stillgelegt, sodaß sich die gesamte Hefeerzeugung, d. i. 12.000 Kg. täglich auf nur 6 kartellierte Fabriken und einen Außenseiter (Bragadiru, Bukarest) erstreckt.
Die in Betrieb stehenden Fabriken haben infolge der Kartellierung ihren Kundenschutz, sodaß die Konsumenten bezüglich des Preises und der Qualität dem Produzenten auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sind. Daß dem Staate durch solche Manipulation nicht gedient ist, kann jeder Laie leicht verstehen; denn der Staat hat so und so viele Hunderte von Arbeitslosen mehr zu erhalten; andererseits wird die Bevölkerung durch die Wucherpreise schwer getroffen.

Die Erzeugungskosten
bei dem heutigen modernen Verfahren belaufen sich bei Verarbeitung von Melasse auf rund Lei 17,- inklusive Steuer; der Verkaufspreis beträgt ab Fabrik Lei 67,-, im Detail sogar Lei 100,-; sodaß die Fabriken bei einer Tagesproduktion von 2000 Kg. mit einem Reingewinn von Lei 100.000 reichnen können.
Dieser Kalkulation wurde eine Hefe-Ausbeute von 65 Prozent zu Grunde gelegt; doch sind heute 80 - 82 Prozent Hefe - Ausbeute bei einem gutgeleiteten Betrieb usuell. Es würde sich somit die Rentabilität um weitere 20 Prozent erhöhen. Eventuell resultierender Alkohol wurde hier nicht in Betracht gezogen.
Daß für die Hefefabrikation heute fast ausschließlich Melasse als Material Verwendung findet, ist nur zu begrüßen, da dadurch dem Staate erhebliche Mengen Getreide für anderweitige Verwendung verbleiben.

Um nun dem Hefewucher Einhalt gebieten zu können, müßten in erster Linie die vom Kartell stillgelegten Hefefabriken den Betrieb wieder aufnehmen, um Qualitätsware auf den Markt zu bringen. Der Preis würde sich ganz bestimmt um 40 Prozent senken und die Arbeitslosenzahl sich erheblich verringern.

Die Hauptkonsumenten, die Bäcker, wagen nicht, gegen den horrenden Hefepreis zu protestieren, denn Mehl können sie von wo immer bekommen, hingegen Hefe auf Grund des kartellierten Kundenschutzes nicht.

Jedenfalls wird die Nachricht, daß im Parlament gegen den Hefewucher Front gemacht werde, bei allen Konsumenten größte Anerkennung finden.

n.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Melasse
der erste Hefe-Skandal-Artikel befindet sich im „Tag“ Nr. 126, Sonntag, 14.08.32 "Hefe-Wucher [S. 7, Mitte]":
viewtopic.php?p=63#p63




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Neurasthenie [S. 2, Mitte]
Altersbeschwerden, Impotenz, nervöse Depressionszustände werden bekämpft durch „Titus-Perlen“, Sexualhormonpräparat nach San.-Rat Dr. Magnus Hirschfeld [fett v.m.]
3003

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http://www.hirschfeld.in-berlin.de/inst ... eo_19.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Hirschfeld



Selbstmord in der Sterilisierungs-Affäre [S. 3, Mitte]
Ein rumänischer Student der Medizin tötet sich aus Angst vor den strafrechtlichen Folgen

Wien, 7. September (Tel. d. Tag). Nach der Feststellung der Polizei in Graz, daß außer den beiden Studenten, die die Operationen durchgeführt hatten (dem Bulgaren Anastasoff und dem Polen Akentyew) noch ein dritter Mediziner, ein Rumäne aus Brasov namens Cornel Barson, an den Sterilisations-Operationen teilgenommen hat, wurde die Polizei von der Hausfrau Barsons verständigt, daß sich dieser in seinem Zimmer eingeschlossen habe und die Tür auf wiederholtes Klopfen nicht öffne.
Barson wurde von der Polizei, die die Türe aufbrach, im bewußtlosen Zustand aufgefunden. Er hatte sich eine große Dosis Morphium injiziert. Er wurde sterbend ins Spital gebracht.
Barson teilt in einem Abschiedsbrief mit, daß er schuldig sei und aus Angst vor den Folgen in den Tod gehe.

Es wurde auch der Wiener Schriftsteller und Führer des „Bundes herrschaftsloser Anarchisten“ Rudolf Großmann, der als Schriftsteller unter dem Namen Pierre Ramus bekannt ist, verhaftet, da er mit der Sterilisationszentrale in Graz in enger Verbindung stand, ihr Patienten geschickt und dafür auch Provisionen erhalten hat.

(320908w3)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Ramus
"Seine" Organisation heißt „Bund herrschaftsloser Sozialisten“; Anarchisten sind per Definitionem "herrschaftslos", bzw geben vor dies sein zu wollen...



Seite 4


Gegen Entlassungen und Gehaltskürzungen bei Privatangestellten [S. 4, Mitte, unten]
Arbeitsminister Ioanitescu antwortet auf die Interpellation des Dr. Radaceanu
Aus Bukarest wird gemeldet: In der Sitzung der Kammer vom 5. ds. antwortete der Arbeitsminister D. R. Ioanitescu auf zwei von den sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Lothar Radaceanu (Czernowitz) und Theodor Roznovan (Storojinetz) in den letzten Sitzungen an ihn gerichtete Anfragen.

Die Anfrage Radaceanus betraf die Lage der Privatangestellten, besonders der Bankbeamten. Der Minister zitierte wörtlich aus dieser Anfrage den Passus über „unmenschliche Entlassungen und Gehaltskürzungen, welche gegenwärtig vorgenommen werden“. Der Interpellant habe ganz recht bezüglich der kritischen Situation der kaufmännischen Angestellten, unter denen eine größere Arbeitslosigkeit als in jeder anderen Branche herrscht. Das Arbeitsministerium habe alles Mögliche zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit getan und auch bei allen anderen Ministerien in dem Sinne interveniert, daß überall Arbeitslose auf freie Plätze berufen werden sollen. Auch habe er Maßnahmen getroffen, daß die im Lande beschäftigten Ausländer ausgewiesen werden, um Arbeitsplätze frei zu machen. [fett v.m.]

Was die Entlassungen von Bankbeamten betreffe, so sei es richtig, daß gerade die schlechtest bezahlten Angestellten abgebaut werden, während die gutbezahlten verbleiben und auch die Mitglieder des Verwaltungsrates hohe Tantiemen beziehen. Aber dagegen sei das Arbeitsministerium wehrlos, da der Staat kein Recht habe, sich in die Geschäftsführung der Banken einzumengen. Trotzdem habe er, der Arbeitsminister, sich

mit dem Gouverneur der Nationalbank in Verbindung gesetzt und diesen bewogen, auf alle Privatbanken des Landes einen leichten Druck dahin auszuüben, daß Beamtenentlassungen vermieden werden.

Das Arbeitsministerium werde auch weiterhin die Forderungen der Privatangestellten wärmstens unterstützen.

Die Arbeitslosigkeit im Buchdruckgewerbe
Auf die in dieser Frage vom Abgeordneten Roznovan eingebrachte Interpellation eingehend, erklärt der Minister, daß bezüglich des „Monitorul Oficial“ nicht das Arbeits-, sondern das Finanzministerium zuständig sei. Was die Arbeiten der Militärdruckereien betreffe, so sollte diese Frage in erster Linie die Buchdruckereibesitzer interessieren. Der Minister habe aber interveniert, daß die Militärdruckereien nicht Privatarbeiten ausführen. Die Einfuhr von Matrizen sei verboten. Alle Fälle von Uebertretungen möge man im zur Kenntnis bringen.

(320908r4)


Kleiner Anzeiger
Musik - Unterricht [S. 4, rechts, Mitte]
modern und gediegen auf alle[n] Instrumente[n] 2 mal wöchentlich 150 Lei monatlich. - Familie Fuhrmann, strada Pantei (An der Lehne) 7
2009
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Nr. 147, Samstag, 10.09.32

Postby Klaus Binder on 9. September 2010, 22:41

Seite 1

Trotzkis Einreise in die Czechoslowakei bewilligt [S. 2, oben, Miite]
Prag, 9. September (Tel. des „Tag“). Die Einreise Trotzkis in die Czechoslowakei wurde von der Regierung bewilligt, nachdem die Türkei die Rückreise garantierte.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Trotzki


Drosselung der Wirtschaft [S. 1, oben, rechts]
Wie die Regierung die Kartelle begünstigt.
Der „Verband der Getreideexporteure“ und die „Gesellschaft der Nüsseexporteure“


Wir veröffentlichen den eingesandten Artikel, der eine sehr interessante Frage behandelt, welche auch mehrfach in der Czernowitzer Handelskammer, besonders durch Direktor Mathias Roll, in ähnlichem Sinne erörtert wurde.

Dienen die Gesetze und Maßnahmen unserer Regierung im Allgemeinen nur den Interessen einzelner Personen oder Gruppen, so sollte man doch annehmen, daß in besonders wichtigen Dingen vor allem das Staatsinteresse berücksichtigt wird. Leider aber wird man immer wieder des Gegenteils belehrt. Alles wird rücksichtslos hintangesetzt, wo es sich um Profit handelt …

Das zarteste, wertvollste Gebiet der rumänischen Wirtschaft ist zweifellos der Export. In den letzten Jahren ist ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den Agrarstaaten wegen Erreichung einer möglichst hohen Exportquote im Gange. Von allen Seiten werden die größten Anstrengungen gemacht, um das überschüssige Getreide, sowie alle anderen Erzeugnisse des heimischen Bodens, möglichst ins Ausland abzustossen, geradezu um jeden Preis zu placieren. Die lächerlichen Preise, die für unser Getreide im Auslande erzielt wurden, haben unsere Landwirte zur Verzweiflung getrieben, haben die Regierung veranlaßt, zur Hebung der Inlandspreise einen Brotstempel einzuführen, den seit langem die gesamte Bevölkerung trägt - ein Opfer, welches nur im Hinblick auf die schwere Situation unserer Landwirtschaft verlangt werden durfte. Zölle und Frachten fallen, wenn es sich um die Hebung des Exportes handelt - in anderen Staaten; aber bei uns?

Da ist die Regierung mit zwei Maßnahmen gekommen, die geeignet sind, den letzten Rest von Export zur Gänze zu drosseln und unsere Produzenten privaten Interessenten rücksichtslos auszuliefern.

Durch das Getreidevalorisierungsgesetz vom 8. April 1931 wurde der „Verband der Getreideexporteure“ geschaffen. Die Mitglieder dieses Verbandes genießen vollständige Zollbefreiung für den Export von Getreide, Hülsenfrüchten und Oelsamen, während alle jene Personen, die dem Verband nicht angehören, für den Export dieser Produkte eine Ausfuhrtaxe von 2600 Lei per Waggon zahlen müssen.

Die Statuten dieses Verbandes sehen vor, daß die Mitglieder eine Einschreibstaxe von Lei 10.000 zu zahlen haben, außerdem Beiträge von jedem Waggon.

Dann wurde mit Dekret vom 20. Oktober 1931 einer sogenannten „Gesellschaft der Nüsseexporteure Rumäniens“ die Begünstigung zuteil, daß ihre Mitglieder von der Zahlung der Ausfuhrtaxe für Nüsse von Lei 18.000 pro Waggon, die sonst jeder andere Exporteur zahlen muß, befreit sind.

Beide Gesellschaften können die Anzahl ihrer Mitglieder beliebig beschränken. Die erste, der Verband der Getreideexporteure, nimmt heute keine Mitglieder mehr auf, während die Nüssegesellschaft nur solche Exporteure zu Mitgliedern aufgenommen hat, die wenigstens 15 Waggons jährlich exportieren.
Abgesehen davon, daß diese Gesetze

Monopole und Privilegien
schaffen, die die Verfassung verbietet, bringen die Maßnahmen wirtschaftlich sowohl dem Staate als auch den Produzenten ungeheueren Schaden und untergraben zur Gänze unseren Außenhandel.
Während im vorigen Jahr die Nüssegesellschaft noch 38 Mitglieder zählte, die in der glücklichen Lage waren, einen Export von mehr als 15 Waggons nachzuweisen, hat sie heuer nur mehr 18 - sage achtzehn - Mitglieder im Reiche, da der Rest wegen Nichterreichung des in den Statuten vorgesehenen Quantums von 15 Waggons jährlich ausgeschlossen wurde.
Im vorigen Jahre blieben infolge der beschränkten Anzahl der Exporteure zirka 200 (sage zweihundert) Waggons Nüsse im Lande, die sonst gewiß ebenfalls exportiert worden wären. Das bedeutet einen Ausfall für das Land von zirka 40 Millionen Lei.
Der Ausfall an den Exporttaxen für Nüsse betrug bei den zirka 800 Waggons, die Czernowitz passierten, zirka 15 Millionen Lei, während der Ausfall an dem unseren Produzenten gezahlten durch die geringere Nachfrage bedingten Preise auch ungefähr den gleichen Betrag ausmachen dürfte.
Außerordentlich niedrig aber muß in diesem Jahre der Preis für Nüsse werden, wenn es nur mehr 18 Leute in Großrumänien gibt, die die Zollbefreiung genießen und somit eigentlich ein Monopol auf den Nußhandel haben.
Wie es heißt, werden diese 18 letzten Mitglieder der Nußexportgesellschaft nunmehr ein Kartell bilden, um sich gegenseitig bei den Produzenten nicht zu konkurrieren.

Das gleiche geschieht im Getreidehandel. Hier wie dort wurde nicht auf den eigentlichen Beruf des Eintretenden Rücksicht genommen, sodaß im Verband der Getreideexporteure sich meist Leute befinden, die sich erst jetzt mit dem Getreidehandel zu befassen beginnen, und denen die nötige Sachkenntnis und Erfahrung abgeht. Hier wie dort stehen die Mitglieder der Gesellschaft konkurrenzlos da, da ihre Zollbefreiung die Konkurrenz der Nichtmitglieder zur Gänze ausgeschlossen hat. Und hier wie dort wird es gar keine Möglichkeit geben, für die Exportware dem Produzenten den höchsten Preis zu zahlen, wie er sich bei freier Konkurrenz ergeben würde, sondern der Preis für das Exportprodukt wird durch die Exklusivität der Gesellschaft auf das möglichste Minimum herabgedrückt werden.

Es ist von jedem Standpunkte aus verwerflich, einen so bedeutenden Zweig unserer Wirtschaft in die Hände einzelner zu spielen und die gesamte übrige Bevölkerung des Reiches vom freien Wettbewerbe auszuschließen. Hunderte von Kaufleuten, die bis nun jährlich kleine Quantitäten von Getreide, Nüssen ec. aus den fernsten Winkeln des Reiches aufgestöbert und mit dem kleinsten Nutzen ins Ausland geschickt haben, wodurch sie nicht nur für sich und die Ihren das tägliche Brot erwarben, sondern auch der nationalen Wirtschaft ungeheure Dienste erwiesen, sind brotlos geworden, weil sie entweder nicht den von der Nüssegesellschaft gewünschten Rekord aufweisen konnten oder nicht in der Lage waren, die horrenden Taxen und Gebühren an den Verband zu entrichten. Sie sind brotlos geworden, die großen Kartellierten jedoch bemühen sich nicht zum Landwirt, zum Besitzer der Nußbaumgärten um seine Ware zu suchen; sie exportieren weniger, aber verdienen mehr.

Diese Umstände werden der Oeffentlichkeit zur Kenntnis gebracht, damit die Herren nicht ständig unter sich bleiben, damit die Bevölkerung und die Behörden, die sich der Tragweite ihrer Konzessionen gewiß nicht bewußt waren, rechtzeitig den Hebel vorschieben und die Tätigkeit dieser beiden Gesellschaften hemmen, die unserer ganzen Wirtschaft ungeheueren und nie wieder gut zu machenden Schaden zuzufügen geeignet ist.

Advokat M. Barbasch

(320910r1)



Seite 2

Die Novelle des Tages
Teuerung [S.2, oben, links]
II.
Der Herr Marktdirektor antwortet nicht auf die Frage des „Tag“, warum in Czernowitz die Teuerung größer sei als in den übrigen Städten des Reiches*). Die Erklärung für sein Schweigen ist gegeben. Es existiert nämlich keine Rechtfertigung. Reisende aus Bukarest, die erst in den letzten Tagen dort waren, haben folgendes Exempel aufgegeben: Sie kauften auf dem Moș (Marktplatz) 1 Kilogramn Patlagele, 1 Kilogramm Paradiesäpfel und 1 Kilogramm Karfiol [Blumenkohl]. Diese drei Kilogramme Gemüse brachten sie nach Hause unversehrt, intakt, in derselben Packung, wie sie ihnen auf dem Marktplatz der Hauptstadt überreicht worden war. Hier eingetroffen, gingen sie auf den Alexandriplatz am frühen Morgen zu einer Stunde, als der Markt sehr belebt war, und kauften dieselbe Gattung Gemüse in der bestimmten Qualität. Sie handelten und sparten nicht mit dem Bani. Dann stellten sie das Bukarester Gemüse dem Czernowitzer Gemüse gegenüber und nahmen nun den Vergleich in der Qualität und im Preise vor. Es ergibt sich folgendes Resultat: Das Bukarester Gemüse ist um das zweifache an Qualität höher als das von Czernowitz, das Aussehen üppiger, die einzelnen Stücke nicht angeschlagen, gepflegter, deshalb auch in der Küche besser verwendbar; hingegen ist der Preis im Verhältnis von Bukarest zu Czernowitz 1:2 beim Karfiol und wie 1:3 bei Patlagele und Paradiesäpfel.

Der Herr Marktdirektor will aber keine Antwort geben.
Ein ehemaliger österreichischer Hofrat, ein Rumäne, Literat und Künstler, der dauernd seinen Sitz in Wien hat, weilt seit einigen Tagen in Czernowitz. Er freut sich, die Stadt wiederzusehen und empfängt die Eindrücke über seine alte Heimat, nicht ohne daß er Vergleiche über Geschäft, Kultur und Leben macht. Was er über Geschäft und Kultur sagt, sei hier nicht wiedergegeben, nur die Teuerung in der Verpflegung sei behandelt. Diese versteht er nicht. Sein Weg hierher führt nicht direkt von Wien, sondern er kommt aus der Gegend von Nizza und beweist, daß ihm der Aufenthalt an der italienischen Riviera auf der uns gegenüber unbeschreiblich höheren Kulturstufe, nicht teuerer zu stehen kam als in dem billigen Rumänien. Dort wird kalkuliert, auf den Cent kalkuliert, wie man den Fremden anlocken und ihn, einmal angelockt, auch zufrieden stellen soll. Wenn das alles gesagt wird, so hat es nicht den Zweck, die Leute von hier in die Fremde zu treiben (es gibt genug Dumme, die diesen Vorwurf der Presse machen), sondern die Leute zu belehren, daß die Kalkulation, gleichgültig ob die des Kaufmannes, des Handwerkers, des Cafetiers, überhaupt eines jeden Unternehmers, eines der wichtigsten Mittel zur Belebung der Wirtschaft ist. Hier aber, bei uns, wird eine Ziffer hingeworfen, ohne daß der Bleistift vorher zum Dienst der Berechnung herangezogen wird. Und sie wundern sich dann, wenn die Kundschaft nicht kommt. Dabei darf die Kalkulation nicht so geartet sein, daß um billiges Geld vielleicht schlechte Ware, geringer qualifizierte Produkte geboten werden, auch in den Restaurants und Kaffees ein nicht jederzeit kritikfähiges Essen und Trinken, sondern das Beste vom Besten mit qualifizierten Produktionsmitteln, und es muß eben der kaufmännische Grundsatz gelten, daß nicht der einzelne die Regie zu zahlen hat, sondern daß die Masse durch die Befolgung der Devise „gut und billig!“ zum Kaufe herangezogen wird. Der Herr Hofrat erzählt uns auch, wie zum Beispiel in Wien sich die Cafetiers umgestellt haben. Die Luxuskaffees sind allerdings Luxuskaffees geblieben, aber daneben haben sich Volkskaffees aufgetan, in denen man schon einen guten Wiener Kaffee mit vierzig Groschen (das sind Lei acht bis neun) bekommt, dabei Zeitungen ohne Zahl, auch sind die Lokale modern eingerichtet, und diese sind überfüllt, weil die neuen Unternehmer sich dem Zeitgeist angepaßt haben. Den gleichen Geist atmen die Warenhäuser, die Spezialgeschäfte, welche noch immer irgend einen Artikel herausbringen, mit dem man die Bedürfnisse eines Publikums, das infolge der Krise sich seit langem keine Schuhe und keinen Hut kaufen kann, auch die Haushaltungen, wo die Bedürfnisse unbefriedigt bleiben mußten, zufriedenstellen muß.

Der Herr Direktor, den wir nun für die heutigen Lebensmittelpreise verantwortlich machen, will aber, obgleich er von allem weiß - und wenn er es nicht weiß, dem man alles sagt, damit er Korrekturen vornimmt - nicht antworten.

Pagat

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*) Im Tag Nr. 145 (7.09.1932) auf Seite 1 gibt es den Teil I. dieser Abhandlung. Dort wird u.a. der "Marktdirektor" vom „Tag“ aus gefragt, warum in Czernowitz die Lebenshaltungskosten teurer sind als im übigen Rumänien. Interessant an diesem 1.Teil ist übrigens auch, daß er mit Ego gezeichnet ist. (Zur Zeit nicht abgetippt)
Karfiol:
http://de.wikipedia.org/wiki/Blumenkohl



Wieder Erhöhung der Brotpreise? [S. 2, oben, Mitte]
Die Bäcker drohen mit dem Streik

Innerhalb der Bäcker herrscht eine Strömung, die Forderung nach Erhöhung der Brotpreise für keinen Fall aufzugeben und von der Stadtgemeinde die Erfüllung dieser Forderung unter allen Umständen zu erwirken. Diese Forderung wird damit begründet, daß das Getreide in den letzten drei Tagen um 50 Bani in der Folge auch das Mehl im Preise gestiegen ist.

Einer Abordnung der Bäcker erklärte das Mitglied der Interimarkommission Herr Mohr, daß die Angelegenheit in einer in Kürze abzuhaltenden Sitzung wieder erörtert werden wird. Die Bäcker geben sich aber mit dieser Erklärung nicht mehr zufrieden und beharren auf sofortiger Erfüllung ihrer Wünsche.

Heute 11 Uhr vormittags erscheinen die Vertreter der Großbäckereien Mathias, Bilgrey, Weißmann und Ternbach beim Stadtpräsidenten Dr. Saveanu, um ihm ihre Wünsche vorzutragen. Die Bäcker drohen, im Falle, daß ihre Forderung nicht erfüllt wird, die Broterzeugung einzustellen.

In Kreisen der Stadtgemeinde besteht geteilte Meinung. Einerseits wird die Forderung der Bäcker als gerechtfertigt gefunden, da die Getreidepreise tatsächlich gestiegen sind. Anderseits aber könnte die Stadtgemeinde nicht ohne weiteres die städtische Bevölkerung weiter belasten lassen.

Es dürfte ein Ausweg dahin gefunden werden, daß der Brotpreis wohl erhöht wird, dafür aber von den Bäckern verlangt werden soll, daß sie ein Brot im vollen Gewicht eines Kilogramm liefern und nicht, wie es bis jetzt der Fall war, nur 90 Dkg.

Die Entscheidung in der Brotfrage dürfte schon in zwei Tagen fallen.






Das neue Mittelschulprogramm [S. 2, links, unten]
Bukarest, 8. September (Tel. des „Tag“.) Das Unterrichtsministerium hat verlautbart das neue Mittelschulprogramm, welches sich wie folgt zusammensetzt:

Religion in allen Klassen zwei Stunden wöchentlich.

Rumänisch von der 1.-3. Klasse vier Stunden, von der 3.-7. Klasse drei Stunden wöchentlich.

Griechisch von der 6.-7. Klasse 1 Stunde wöchentlich.

Französisch von der 1.-4. Klasse drei Stunden, von der 4.-7. Klasse zwei Stunden wöchentlich.

Deutsch, Englisch und Italienisch von der 5.-7. Klasse je zwei Stunden wöchentlich.

Geographie, Geschichte und Latein in allen Klassen je zwei Stunden wöchentlich.

Bürgerliche Erziehung von der 1.-5. Klasse je drei, von der 5.-7. Klasse je zwei Stunden wöchentlich.

Chemie und Physik in allen Klasse je drei Stunden wöchentlich.

Naturwissenschaften und Hygiene je zwei Stunden, Kalligraphie und Zeichnen je zwei Stunden, sowie Gymnastik und Handarbeiten (für Schülerinnen) gleichfalls je zwei Stunden wöchentlich.

Dieses Unterrichtsprogramm soll schon in der Schulsaison 1932/33 angewendet werden.

(320910r2)



Todesnachricht [S. 2, Mitte]
Fr. Helene Feiner geb. Adler verschied in Wien am 29. August. Die Leiche wurde nach Brasov überführt und am 2. d. M. dortselbst bestattet.

(320910t2)



Wieder Versetzungen von Bukowinaer Professoren
Das Unterrichtsministerium hat u. a. folgende Versetzungen von Mittelschullehrern angeordnet:

Heinrich Thaler vom 4. Staatsgymnasium nach Barlad, an das dortige Mädchengymnasium versetzt. Maximilian Singer vom 2. Staatsgymnasium wurde nach Adjud zurückversetzt. Adam Hodel vom 2. Staatsgymnasium nach Baia Mare. Joil Kohn vom 3. Staatsgymnasium nach Hunedoara. Otto Tarnavschi vom 3. Staatsgymnasium an die Lehrerbildungsanstalt in Caransebes. Paul Koza vom 3. Staatsgymnasium nach Targu-Jiul zur Handelsschule, wo er Professor Nichitovici ersetzt. R. Silberbusch nach Radautz an das dortige Mädchengymnasium. Christian Allacz vom 2. Staatsgymnasium an die Lehrerbildungsanstalt nach Nasaud. Alexandru Scurhan vom 3. Staatsgymnasium nach Kimpolung. Alois Lebouton vom 2. Staatsgymnasium an das hiesige Mädchengymnasium. Aurel Nichitovici vom 2. Staatsgymnasium wird nach Roman rückversetzt. Al. Bocanetu wird vom Gymnasium aus Pomarla nach Kimpolung rückversetzt.

(320910c2)







Seite 3


Seite 4


Rußland baut Lokomotiven [S. 4, oben, Mitte]
Moskau, 9. September (Tel. des „Tag“). Hier wird eine Riesenlokomotivenfabrik erbaut, die jährlich 1000 Lokomotiven wird erzeugen können.



Rumänien auf der Konferenz von Stresa [S. 4, Mitte, unten]
Die Rede des rumänischen Delegierten, Ministers Madgearu. - Eine Denkschrift unserer Regierung

Stresa, 8. September. (Tel. d. „Tag“). „Der Tag“ hat über die Rede des rumänischen Delegierten bei der Wirtschaftskonferenz, Handelsminister Madgearu, bereits kurz berichtet. Minister Madgearu, welcher zugleich Präsident des Blocks der Agrarstaaten ist, führte u. a. aus: Die Scheu der meisten Delegierten, Reden zu halten, erscheine ihm ein Zeichen dafür, daß die Delegierten erkannt haben, es sei der Zeitpunkt gekommen, von Worten zu Taten überzugehen. Die Redner der Importstaaten haben die gebieterische Notwendigkeit erkannt, konkrete Lösungen zu finden. Dennoch sind die Delegierten der Agrarstaaten in Mittel- und Osteuropa beunruhigt, weil sie noch nicht überzeugt sind, daß diese praktischen Lösungen wirklich werden angewendet werden können. Dieses Gefühl erklärte sich daraus, daß der Konferenz kein vorher ausgearbeitetes konkretes Projekt vorliege.

Madgearu nahm dann zu den Ausführungen der Vorredner Stellung, und erklärte, die Hauptursache der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise Mittel- und Osteuropas liege im Sturz der Preise der Landwirtschaftsartikel. Die Weststaaten müßten den Agrarländern Mittel- und Osteuropas die normalen Kontingente zugestehen, in gleicher Höhe mit ihrem Export in den letzten Jahren.

Am Schlusse appellierte der Redner an die Delegierten, sich zu bemühen, daß die Konferenz in Stresa positive Ergebnisse zeitige, um einen von über 100 Millionen bewohnten Teil Europas zu retten.

Die Denkschrift der rumänischen Regierung
Die rumänische Regierung hat eine Denkschrift an die Konferenz ausgearbeitet, welche sich mit der Wirtschafts- und Finanzlage des Landes befaßt. in der Denkschrift wird hervorgehoben, daß die Schutzzollpolitik und die Einschränkungen des Handels durch die Industriestaaten die Lage der Agrarstaaten geradezu katastrophal gestaltet haben.
Das Memorandum enthält dann

die Vorschläge der rumänischen Regierung
In erster Linie sei es notwendig, den Agrarstaaten Zusatzkontingente für den Export zu gewähren, wobei die Erträgnisse für die Liquidierung früherer Schulden der Agrarstaaten und die Zahlung der Privatschulden verwendet werden können. Den Agrarstaaten sollen unter günstigen Bedingungen Kapitalien zur Verfügung gestellt werden, um einen Spezialfond bei jedem Emissionsinstitut zu schaffen, der auch zur Finanzierung der Konvertierung der landwirtschaftlichen Schulden dienen könne.

Es werden Maßnahmen zur Belebung des internationalen Handels vorgeschlagen, u. zw. solche, um den Handel mit Landwirtschaftsprodukten rationell zu organisieren, sowie auch den Landwirtschaftskredit in den Exportländern zu organisieren.
Das Memorandum enthält zahlreiche statistische Daten über die Wirtschafts- und Finanzlage Rumäniens in den letzten fünf Jahren.

*

Pessimistische Stimmung
Aus Stresa wird gemeldet:
Nach der offiziellen Eröffnung der Konferenz kam es zu privaten Besprechungen der einzelnen Delegierten. In den Beratungen zeigte sich keine sonderlich optimistische Stimmung. Es wird betont, daß die Konferenz politisch nicht hinreichend vorbereitet war, so daß sie vielleicht keine Klärung der politischen Fragen bringen wird, die notwendig ist zur Lösung der zwei Hauptpunkte der Konferenzverhandlungen, u. zw. der landwirtschaftlichen und industriellen Präferenzzölle. Dadurch sind die Verhandlungen in Stresa schon von Anfang an erschwert. Es ist auch notwendig zu konstatieren, daß die Konferenz keinen vorgefaßten Plan hat. Wenn also nicht einige der entscheidenden Staaten mit einem bestimmten Plan auftreten, sind die Aussichten auf einen positiven Erfolg der Konferenz von Stresa vorderhand gering.

Mussolini in Stresa
Aus Stresa wird gemeldet:
Der italienische Ministerpräsident Mussolini ist Donnerstag überraschenderweise in Stresa eingetroffen.

(320910w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 148, Sonntag, 11.09.32

Postby Klaus Binder on 11. September 2010, 06:24

Seite 1

Leitartikel
Sonntags-Bemerkungen [S. 1, oben, links]
Auferstehung
Aufgewärmter Kohl hat noch niemals so gut geschmeckt wie ein frisches Gemüse. Der Gemeinderat des Jahres 1930 soll nach den vom Parlament beschlossenen Änderungen des Verwaltungsgesetzes nun wieder auferstehen. Es wurde heute in der Redaktion der Versuch gemacht, die Liste des neuen, aber trotzdem alten Gemeinderates zusammenzustellen. Es gab in der Zwischenzeit Tote, die durch lebende Ersatzmänner ausgetauscht werden müssen, außerdem gibt es eine Reihe von gewesenen Gemeinderäten, die nicht physisch, sondern politisch tot geworden sind; ob es auch moralische tote, durch die Ereignisse defekt gewordene Gemeinderäte noch geben wird, sei nicht in Kombination gezogen. Im Großen und Ganzen wird es aber einen alten, sauer gewordenen Gemeinderat, von einem Generalsekretär des Innenministeriums inkorrekter Maßnahmen und Handlungen beschuldigt, deshalb sträflich entlassen, geben. Nichts leichter als dieses Experiment der Nationalzaranisten! Hokus-Pokus, die Gefahr, sich einer Neuwahl in den Städten auszusetzen, weil das negative Wahlresultat für sie feststeht, ist beseitigt. Die neuen Gemeinderäte, das heißt die alten, von ihnen viele im öffentlichen Leben morsch geworden, reiben sich den Schlaf aus den Augen. Ein Traum? Nein, es ist Wirklichkeit. Die Kammer hat das Auferstehungsfest dekretiert. Darum: Es lebe der neue Gemeinderat!

Stresa
Agrarstaaten gegen Industriestaaten. In dem schönen italienischen Städtchen am Laggo Maggiore hat sich die Spaltung vollzogen. Stresa war die einleitende Konferenz für die im September beginnende Serie von politischen und Wirtschaftskonferenzen, welche darauf hinzielen, die Hemmnisse für die Sanierung Europas zu beseitigen. Und dort haben die Repräsetanten der Agrarstaaten es den Großmächten, welche an einer Gesundung eines agrarischen Mitteleuropa und der südosteuropäischen Staaten Interesse haben ins Gesicht gesagt: Sehet, wir haben bisher unsere Verpflichtungen gegenüber dem Auslande erfüllt, es geht nicht mehr. Wir sind kaputt. Die einseitige Wahrung des Industrie-Interesses kann nicht mehr auf Kosten der Agrarstaaten erfolgen. Wieder hört man die bekannten Worte von der Wahrung gemeinsamer Interessen, und man vernimmt nochmals Worte, die bereits tausendfach in die Ohren geklungen sind, daß die Industriestaaten nicht gesund werden können, wenn die Agrarstaaten erdrückt werden. Einer der Hauptredner war Madgearu, der für die Agrarstaaten gesprochen hat. Die Bukarester Presse nennt die Ausführungen des Handelsministers das große Alarmsignal, welches abgegeben wurde. Jetzt oder nie! Es bereitet sich, wie es heißt, der Abbau der Weltkrise vor, ein Silberstreifen soll an dem von der Wirtschaftskrise verdunkelten Horizont aufgetaucht sein. Nach Stresa folgt Genf und nach Genf kommt die Weltwirtschaftskonferenz. Die Völker haben keinen Atem mehr. Doch - leider!! - es wird noch immer bloß gesprochen und nicht gehandelt.

Demokratie
Dem Anscheine nach erleidet die Demokratie gegenwärtig eine große Schlappe. Der Wille des Volkes wird in Berlin nicht respektiert. Eine Partei mit vierzehn Millionen Stimmen, die Nationalsozialisten, werden durch das Machtwort einer Regierung und eines Staatschefs zur verfassungsmäßigen Macht nicht zugelassen. Ist das noch Demokratie? Die Demokraten antworten: Ja, zum Schutze der Demokratie dürfen die Nationalsozialisten nicht zur Regierung gelangen. Und sie finden dafür auch die Argumente, die die demokratisch Gesinnten verstehen und würdigen. Plötzlich ist auch Hitler Demokrat geworden. Bisher hat er gegen Demokratie gewettert, solange er selbst nicht an seinen Sieg glaubte, und da er nahe an ihn herangerückt ist, findet er plötzlich, daß er die legalen Mittel zur Anwendung bringen müsse, um sein Ziel zu erreichen. Das Durcheinanderwerfen von Verfassung, Recht, Gewalt, Brutalität, Mord und Rowdytum hat eben die Karikatur eines demokratischen Hitler geschaffen. Zum Schutze, daß eine solche Demokratie nicht an die Spitze gelangt, muß diese verwirrte Demokratie abgestoßen werden. Deshalb ist auch der Ruf von oben, nochmals an das Volk zu appellieren, zum dritten oder vierten Male seine Willensmeinung zu eruieren, verständlich. Das deutsche Volk ist infolge der Ereignisse krank geworden. In der Verfassung eines Kranken kann die echte Demokratie nicht gedeihen. Werden die Neuwahlen die Gesundung bringen?

Ego


Andere Sorgen haben sie nicht! [S. 1, rechts, unten]
Eine Hitlerpartei - in Sighișoara

Cluj, 9. September (Tel. des „Tag“). Einige intellektuelle Sachsen haben hier eine Hitlerpartei gegründet, die gleich nach der Ernte ihr Tätigkeit aufnehmen soll. Diese Partei nennt sich „Arbeiterpartei“ und wird eine eigene Zeitung herausgeben, ebenso soll für die Mitglieder eine Parteiuniform beschafft werden.

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de.wikipedia.org/wiki/Sighișoara


Auflösung des Reichstages sicher [S. 1, oben, rechts]
Berlin, 10 September (Tel. des „Tag“). Die Auflösung des Reichstages gilt nach den Ausfällen Hitlers gegen Hindenburg als sicher. Die Entwicklung wird von der gesamten Presse in folgender Weise dargestellt: Am Montag den 12. ds. drei Uhr nachmittags versammelt sich der Reichstag, um die Regierungserklärung Papens entgegenzunehmen. Nach ihm wird namens der Nationalsozialisten Straßer [Strasser] sprechen, dann ist eine große Rede des sozialdemokratischen Führers Loebe [Löbe] angekündigt, es folgt ein Redner der Kommunisten und dann eine Rede Brünings. Ob noch andere Redner in der Generaldebatte das Wort ergreifen werden, ist nicht sicher. Ehe noch über die Mißtrauenesanträge abgestimmt werden soll, wird Papen das Auflösungsdekret zu Verlesung bringen. Die neuen Reichstagswahlen werden verfassungsgemäß nach zwei Monaten, demnach Mitte November, stattfinden. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“, welche der Regierung nahe steht, teilt in Ergänzung zu diesen Informationen mit daß der definitive Entschluß auf Auflösung des Reichtstages durch die Provokationen Hitlers an die persönliche Adresse Hindenburgs hervorgerufen wurde. Hitler trifft heute aus München ein, um noch den letzten Versuch zu unternehmen, mit Hilfe des Zentrums eine Auflösung des Reichstages zu verhindern.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_Strasser
de.wikipedia.org/wiki/Paul_Löbe


Seite 2

Die Novelle des Tages
Nocturno [spanisch/rumänisch: nächtlich] [S. 2, oben, links]
Es ist dreiviertel ein Uhr nachts; ein vorüberstolpernder Fiaker, ein Mädchen, das noch an einen letzten Gast glaubt, ein Brezeljunge, der mit brüchiger Stimme: „Frische, frische, jetzt vom Owen!“ schreit, ein „parterre“ gewordener Hazadeur - Nachtleben, Nachtverkehr.
Die Herrengasse hat ihr Tagewerk erfüllt. Als Verkehrsader, als Stolz der Stadt, als Korso, als Kupplerin - nun liegt sie ruhig da, und die Pflastersteine erzählen sich, was sie alles, von der unteren Perspektive aus, gesehen haben. Schade, daß man das nicht hören kann. Oder - vielleicht - ist es gut, daß wir das nicht zu hören vermögen? Und versuche nimmer und nimmer zu schauen . . .
Da trottet also ein kleiner, etwa zehnjähriger Junge die Herrengasse hinauf. Am Tag ist er Zeitungsverkäufer, stundenlang schreit er mit unerträglich heiserer kreischender Stimme seine Zeitungen aus. Er ist eine ziemlich bekannte Erscheinung im Weichbild des Stadtzentrums, denn er rauft immer mit „Fachkollegen“ herum, führt eine sehr laute Sprache und trägt alle Merkmale der Verwahrlosung, Verkommenheit, Verderbtheit.
Jetzt hascht er fürbaß, fröhlich und guter Dinge, seine Hosen, die bis zu den zerschundenen Knieen reichen, sind zerfetzt und schmutzig, die Füße sind schwarz vor starrendem Schmutz, das Hemd ist zerrissen, aber der Junge da vorne fühlt sich augenscheinlich wohler in seiner dreckigen Haut als ein Bankier, der, den Wein im Kopf und die bevorstehende Pleite in der Brust, von irgendeiner Bar zu seiner Gattin nach Hause geht, um ihr etwas von „dringenden Konferenzen“ vorzuschwindeln.
Der kleine Junge da vorne bleibt plötzlich stehen. Um eine Straßenecke biegt eine kleine Gesellschaft: zwei Offiziere, ein Herr in Zivil und zwei Damen. Die Gesellschaft spricht laut, lacht noch lauter, ist offensichtlich in bester Laune. Der Junge beobachtet, und plötzlich, die Leute sind schon ganz nahe heran, hockt er, kauert er geduckt am Straßenrand und - heult! Er heult wie auf Kommando, ohne irgend eine Introduktion, und er heult so natürlich, daß niemand erraten könnte, ob das Spiel oder Ernst ist! Der Zivilist bleibt stehen. „Was weinst Du, Lausejunge?" Und der Lausejunge erzählt, tränenerstickt, mit gepreßter Stimme, irgend eine Räubergeschichte: er hat Abendblätter gehabt, dreißig Stück, da ist der Mihailo gekommen, dieser Burlak, der Schlag soll ihn treffen, und hat ihm die Zeitungen geraubt, gestohlen, dieser Burlak, und jetzt wird er, der Weinende, das ersetzen müssen, woher soll er das Geld nehmen, und heult zum Steinerweichen!
Die Leute sind guter Laune. Einer gibt ihm zwanzig Lei, ein zweiter zwanzig Lei, und eine der Damen zehn Lei.
Von mir kriegt er eine Ohrfeige*).
*
Aber es handelt sich ja nicht darum; es handelt sich um das soziale Hilfswerk, das da in Czernowitz betrieben wird! Ein einziger, ein Stadtrat, der Sinn und Herz und Wille dafür hat, soll das bewältigen können?**) Und eine Stadt im Range von Czernowitz begnügt sich damit und hat dann noch den Mut, tendenziöse Gerüchte von dem „goldenen Herz“ der Czernowitzer zu verbreiten! Das soziale Hilfswerk erschöpft sich aber nicht in Blumentagen: erst Erziehung und Erziehungsanstalten, Arbeitsbeschaffung, Jungendamt und Jugendfürsorge, Beaufsichtigung dieser verwahrlosten Jugend, aus deren Mitte die künftigen Verbrecher hervorgehen, Verhütung dieser um sich greifenden, täglich werdenden Verwahrlosung - das stellt ein soziales Hilfswerk dar, wie es jede Stadt mit Kulturansprüchen aufbauen muß!
Kann sie es nicht, dann ist die Massensterilisation, wie sie jetzt in Österreich - allerdings von unberufener und ungeschulter Seite - geübt wurde, einzuführen und diese aufs wärmste zu begrüßen.

H. G.

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*) Aber nur, weil es ein kleiner zehnjähriger Junge ist und weil H.G. schlechte Laune hat! (Peinlich, wenn man sich dabei irrt? Oder haut H.G. prophylaktisch, sobald sich eine Gelegenheit bietet?)
**) Ob damit Herr Mohr gemeint ist?

de.wiktionary.org/wiki/fürbass


Montag: Erhöhung des Brotpreises [S, 2, links, Mitte]
Die Bäcker drohen wieder mit der Einstellung der Broterzeugung
Wir haben in unserer gestrigen Nummer mitgeteilt, daß die Vertreter der Großbäckereien zum Stadtpräsidenten geladen wurden, um die Brotfrage zu erörtern.
Die Vertreter der Bäckereien erschienen gestern 11 Uhr beim Primar, verwiesen auf das fortwährende Steigen der Getreide- und Mehlpreise und erklärten sich außerstande, zum gegenwärtigen Brotpreis weiter zu verkaufen.
Die Bäcker verwiesen auch darauf, daß sie infolge der schwankenden Preise sich nicht eindecken können und schon jetzt bei der Broterzeugung mit Verlust arbeiten.
Man einigte sich dahin, daß am Montag um 11 Uhr eine Enquete (die vierundsiebzigste) in der Brotfrage stattfinde, zu der Vertreter aller Berufszweige und Wirtschaftskreise eingeladen werden und bei welcher definitiv die neuen Brotpreise festgesetzt werden sollen.
Die Bäcker erklärten, daß sie, falls die Stadtgemeinde [der] Forderung nach Erhöhung der Preise nicht nachgehen sollte, schon am Dienstag oder Mittwoch die Betriebe stillegen werden.
Wie wir informiert sind, wird sich die Stadtgemeinde der Forderung der Bäcker nicht verschließen und den Brotpreis erhöhen. Es ist also zu erwarten, daß mit Beginn der nächsten Woche das Brot teurer sein wird.


Seite 3

Der Kongress der Hungernden [S. 3, links, Mitte]
Zu dem dieser Tage in Chisinau stattgefundenen Landeskongreß der Lehrer, an welchem auch Unterrichtsminister Dr. Gusti teilnahm, schreibt die „Dimineata“:

„Der Kongreß befaßte sich vor allem mit Fragen professioneller und pädagogischer Natur, aber über diesen Fragen steht eine, die schwerwiegend und wichtig ist, nämlich die der materiellen Lage der Lehrer - eine bedauernswerte materielle Lage und zwar aus zwei Gründen: Erstens, infolge der niedrigen mehr als bescheidenen Gehälter, Gehälter des Elends im vollsten Sinne des Wortes. In dieser Richtung wurde mit vollem Rechte schon betont, daß ein Portier eines unbedeutenden öffentlichen oder privaten Amtes besser bezahlt ist als ein Lehrer, der sogenannte Kulturfaktor der Dörfer, Erzieher der Seelen und Charaktere, wie die Lehrer bei feierlichen Gelegenheiten benannt werden; der zweite Grund, welcher die materielle Lage der Lehrer immer mehr verschlechtert, ihr Prestige vernichtet und viele von ihnen zu Bettlern degradiert, ist die Tatsache, daß auch diese kleinen Gehälter Monate lang nicht gezahlt werden.
Es ist wahr, daß die Lehrer in den letzten zwei Monaten ihre Gehälter bezogen haben, aber sie sind mit einigen Monaten im Rückstande. Die Lehrer sind heute verkaufte Schuldner und ihnen ist der Weg, irgend eine Anleihe aufzunehmen oder etwas auf Kredit zu erhalten, versperrt. Daher kommt auch diesem Kongreß im Jahre 1932 ebenso wie den Kongressen der Vorjahre die Benennung zu: Kongreß der Hungernden.“

(320911r3)

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Chisinau ist heute Hauptstadt der Republik Moldau (Moldawien):
de.wikipedia.org/wiki/Chișinău


Theater und Kunst [S. 3, Mitte]
„Was sich Liebe nennt“
Ein heiteres Spiel aus dem ernsten Leben


Die westlichen Bühnen waren in großer Verlegenheit. Die Zeitungen wußten hierüber vieles zu schreiben. „Mangel an Dichtern und Stücken“ wurde überall konstatiert. Ja, sogar die Reinhardtbühnen sahen sich gezwungen, mit Stücken von Durchschnittsqualität vorlieb zu nehmen. Und diese Stücke spielten sie, trotz des nicht sehr großen Erfolges, en suite, bis sie ein anderes fanden.
Da tauchte ein junger Siebenbürger, namens Indig, auf und stellte sich mit seinem Erstlingswerk vor: „Was sich Liebe nennt“. Es ist ein heiteres Spiel vom ersten Leben, wurzelt im rumänischen Milieu und streift mehr als einmal das spezifisch Jüdische.
Ein Bauernmädchen, kraftstrotzend, pausbäckig, den Duft von frischgemähtem Gras und Heu in den Kleidern - kann man sich vorstellen, daß dieses Bauernmädchen sich als - Jüdin entpuppt? Dennoch geschieht dies; aber, um die Unwahrscheinlichkeit nicht bis zur Spitze zu treiben, kommt dann, dem Ende zu, ein überraschender Umschwung: Das Bauernmädchen … aber das soll nicht gesagt werden. Das muß man selber sehen, die feingezeichneten Typen bewundern und mit dem flotten Gang der Handlung mitgehen.
Heute abends zeigen uns Czernowitzer mit gutem Namen dieses Stück, daß die Reinhardtbühnen Wiens und Berlins nicht nur aus der Verlegenheit rettete, sondern ihnen auch zu großem Erfolg verhalf. Alice Engel, Pia Goldschmidt, Grete Marbach-Grünau kreieren die weiblichen Hauptrollen; man kennt sie und weiß, daß die Aufführung glänzend sein wird.
Mehr noch, wenn dazu kommen die Herren Willy Klimesch, J. Jurman, Fritz Sammler, Igo Schorr und M. Sekler. Die Regie führt eben dieser Sekler, der die Erfahrungen moderner Regiekunst des Westens nunmehr auch uns vermittelt.
Dem heutigen Abend in der Toynbeehalle wendet sich nun das künstlerische Interesse der Stadt zu.

Hego

*

Die einmalige Aufführung des größten Theatererfolges der vergangenen Saison „Was sich Liebe nennt …“ mit den Damen: Alice Engel, Pia Goldschmidt, Grete Marbach-Grünau und den Herren: Willy Klimesch, Josef Jurmann, Fritz Samler, Igo Schorr und M. Sekler findet heute Samstag in der „Toynbeehalle“ statt. Es wird dieser ungewöhnlich schönen Vorstellung allgemeines Interesse entgegengebracht. Der Vorverkauf ist sehr stark und verspricht einen vollen Erfolg.
Restliche Karten in der Theater- und Konzertdirektion „Carmen-Sylva“ und an der Abendkasse der „Toynbeehalle“.

(320911c3)


Große Revue „Alles ist Schwindel“ [S. 3, unten, rechts]
Zwei junge Talente unserer Stadt, von großer Liebe zu allem, was Theater heißt, erfüllt, haben es unternommen, unserem Publikum am 14. d. M. einen geistreich-amüsanten Abend zu gestalten. Oskar Hüttner verfaßte Text und Musik der Revue, Helgomar Klug führt die Regie. Hüttner’s Jazz-Kompositionen fanden schon in Wien großen Anklang und harren dort der Veröffentlichung. Helgomar Klug nahm in Wien Unterricht in Schauspiel und Regiekunst und trat im Wiener Stadttheater unter Leitung seiner Lehrer Dr. Lohan und Oberregisseur Robert mit Erfolg auf. Die beiden jungen Leute traten zusammen, besprachen ihre Idee, eine moderne Revue aufzuführen, bis ins kleinste Detail, und als die ersten Proben begannen, lag das ganze Programm fertig da. Nun wird seit Wochen emsig gearbeitet, alle Mitwirkenden sind mit Feuereifer bei stundenlangem Probieren tätig. Die Revue enthält entzückende Melodien und Tänze von reizenden Girls gesungen und getanzt. In den Solonummern wirken die besten Kräfte unserer Stadt mit. Mariane Vinzent tritt mit Chansons eigener Dichtung auf. Alice Engel, Julius Blei und Helgomar Klug sehen wir in zwei Sketsch auf der Bühne. Trude Kressel, eine ausgesprochene Tanzbegabung, (Schule Tordis, Wien) tanzt, einen Rumba und einen Grotesktanz, Dita Pavel, Mizzi Gutherz und Vera Sand singen Duette mit dem Komponisten. Die Musik - Jazz auf zwei Klavieren - besorgen die Herren Alexander Omelski und Josef Fifer. Die Revue wird geistreich durch eine Conference unseres Julius Blei umrahmt und durchzogen. Die Ensembletänze führen 10 Evening-dreß-Girls vor: Grete Feuerwerk, Lilli Friedländer, Lotte Gottfried, Mizzi Gutherz, Dita Pavel, Ilse Rubel, Blume Rubinger, Vera Sand und Annie Schwarz. Das Interesse im Publikum für die Revue ist außerordentlich groß, der Kartenvorverkauf sehr rege.

(320911c3)


Seite 5

Feuilleton [S. 5, unten, links]
Gefährliches Theaterstück
von Michael Sostschenko

Allerorts wird jetzt ein bißchen getrunken. Auch die Schauspieler sind vor diesem Laster nicht geschützt. Das „Grosprit“, die staatliche Spiritusbrennerei, empfiehlt den Schauspielern angelegentlichst, ihre Kräfte mit Alkohol zu befeuern. Und so trinken sie alle.
Ueberall trinkt man. Besonders viel im Mittel-Ural.
Auch die Leiter des dramatischen Cercles des Apajewskyer Arbeiterklubs tranken. Ihre Forderung an Bier für Ihre Schauspieler belief sich bis auf dreißig Flaschen für jedes Theaterstück.
Und einmal geschah es, daß diese Schauspieler ein Stück fanden, das ihnen besonders sympathisch war. Die Handlung dieses Stückes erforderte es, daß Wein, sehr viel Wein konsumiert wurde. Die Schauspieler freuten sich natürlich unbändig. „Endlich“, sagten sie, „ein modernes Stück für ein Repertoire mit wirklich künstlerischem Niveau.“
Sie beanspruchten vierzig Rubel vom Klub.
„Wir haben“, sagten sie, „durchaus keine Lust, vor dem Publikum gewöhnliches Wasser zu trinken. Und überhaupt, um naturgetreu spielen zu können, brauchen wir unbedingt Alkohol, viel Alkohol.“
Der Klub tat, was er konnte, und stellte zwanzig Rubel zur Verfügung.
Die Schauspieler sagten: „Das ist zu wenig. Wir brauchen mindestens vierzig Rubel, um der Wirklichkeit gerecht zu werden.“
Da dieser Betrag nicht bewilligt wurde, fanden sich die Schauspieler mit eigenen Vorräten zur Vorstellung ein. Einige brachten Wodka, andere Bier, die übrigen Samogan, hausgemachten Wodka.
Wir selbst haben dieser Vorstellung nicht beigewohnt und können darum über ihren Verlauf nicht authentisch berichten. Ein bekannter junger Mann aus dem Publikum jedoch hat uns mit aufrichtigem Entzücken und einigermaßen neidisch erzählt, wie sich alles abgespielt hat.
Um der Handlung vollkommen gerecht zu werden, hatte man so reichlich Getränke auffahren lassen, daß gegen Schluß des zweiten Aktes alle Schauspieler total betrunken waren. Es war bei allem noch ein Glück, daß sie sich immerhin noch einigermaßen in der Gewalt hatten. Andere an ihrer Stelle hätten, besoffen wie sie waren, sich vielleicht ungebührlich benommen, sich übergeben, mit den Dekorationen herumgeschmissen und ähnliches. Sie ließen nur ruhig und gelassen den Vorhang hinunter und baten das Publikum nach Hause, etwaigen unerquicklichen Dingen sozusagen aus dem Weg zu gehen.
Das Publikum entfernte sich ohneweiters.
Der Obmann des Klubs stellt nunmehr den dringenden Antrag, dieses aktuelle Stück, das unserer Zeit durchaus nicht entspricht und das äußerst gefährlich ist, aus dem Repertoire zu streichen.

(Aus dem Russischen von Elsa Brod).

(320911w5)

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de.wikipedia.org/wiki/Michail_Michailowitsch_Soschtschenko
„Einem breiteren deutschen Publikum wurde er durch die von Manfred Krug am 31. Oktober 1965 im Rahmen einer Veranstaltung von Lyrik – Jazz – Prosa vorgetragene Erzählung Die Kuh im Propeller (im Original: Der Agitator) bekannt.“:
de.wikipedia.org/wiki/Lyrik_–_Jazz_–_Prosa
Hier kann man die recht bekannte Satire (die Kuh im Propeller) von Soschtschenko hören oder lesen. Sie stammt mutmaßlich aus den 30er Jahren und handelt vom Aufbau des sowjetischen Flugwesens:
Die Kuh im Propeller (mp3)
http://www.bruhaha.de/kuh_im_propeller.html (lesen)

Elsa Brod, Ehefrau von Max Brod, war eine Freundin von Franz Kafka:
http://www.franzkafka.de/franzkafka/fun ... des_monats


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Klaus Binder
 
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Nr. 149, Dienstag, 13.09.32

Postby Klaus Binder on 13. September 2010, 00:16

Seite 1

Leitartikel
Der Minister und die Beamten [S. 1, oben, links]
Der Minister des Innern Mihalache hat einen Erlaß herausgegeben, der das Verhalten der Beamten betrifft. Man liest Sätze, welche durch Monate und Jahre in den Beschwerden des Publikums, gleichgültig ob direkt, durch die Presse oder im Wege der Interpellationen eingebracht, laufen. Der Beamte ist fürs Publikum da und nicht umgekehrt. Wievielmal - tausendfach! - hat man diese Predigt gehört? Jetzt rekapituliert sie nur der Minister in einer für die Oeffentlichkeit bestimmten Ordre, und er fügt auch eine besondere Instruktion hiezu, die den Auftrag noch näher erläutern soll. Das Ganze läuft auf eine Streichung der in den Köpfen der Beamten zur fixen Idee gewordenen Meinung hinaus, daß die Beamten der Staat sind und sonst niemand etwas gilt. Es ist das alte Prinzip einer gewissen Beamtenschaft, gegen die man fortwährend Sturmangriffe zu deren Vernichtung versucht, sich als Obrigkeit zu klassifizieren, eine privilegierte Klasse zu sein, die das Recht hat, über andere zu befehlen und zu herrschen. Kaum gibt man einem Beamten die äußerliche Macht, an einem Schreibtisch zu sitzen, hinter einem Schalter sich [ver]stecken zu können, oder gar in Uniform ein Amt durchzuführen, - da glaubt er, mit [ein] paar Paragraphen vollgesogen, damit auch die Gewalt über andere bekommen zu haben. Der Innenminister hat eine permanente Kommission eingesetzt, der die Aufgabe zufällt, die ständigen Abirrungen, den offiziellen Bolschewismus einer gewissen Gruppe der Beamtenschaft gegen die Interessen des Publikums und damit des Staates zu unterbinden. Seid zuvorkommend, freundlich im Ton, ein gutes Wort gegen jedermann - dann seid Ihr am Platz. Ihr seid der konkrete Ausdruck des Staatsapparates, verkennet nicht diese Rolle. In diesem Tone geht es fort, und es werden dann konkrete Aufträge an die Beamten erteilt. Dem Herrn Innenminister, der so hübsch eine neue Aera im Leben des Staates begründen will, ist gewiß Aufrichtigkeit und Vertrauen zuzusprechen. Aber wie wird dieser Erlaß schon von seinen Staatssekretären aufgenommen werden, und der Erlaß, der dann durch die Departements läuft, bis zu den letzten Beamten, wird langsam, Stück für Stück, abgebaut, und wenn er in Ghica Voda eintrifft, liest ihn der Herr Repräsentant der Staatsautorität und sagt ironisch: Der Minister?! Das bin doch ich!

Walte Gott, daß wir diesmal mit dem Aspekt auf die Zukunft nicht Recht hätten!!

Y.

(320913r1)


Russische Manöver an der Dnjester-Grenze [S. 1, unten, rechts]
Meldungen aus Bessarabien besagen, dass die Manöver der russischen Armee längs des Dnjester begonnen haben. Man hört vom rumänischen Ufer aus heftige Detonationen, die von Kanonenschüssen herrühren, und sieht fort und fort Raketen und Scheinwerfer aufblitzen. Die Nacht über haben russische Flugzeuge von Tiraspol aus Erkundungsflüge veranstaltet. In der Bevölkerung der Grenzdörfer herrscht Panik.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Tiraspol


Seite 2

Leichenbegängnis [S. 2, links, oben]
Das Leichenbegängnis der Lehrerin und Gemeinderätin, Frau Michalina Lewicka fand am Samstag unter überaus zahlreicher Beteiligung statt. Nebst offiziellen Persönlichkeiten waren auch Vertreter der ukrainischen Vereine, der sozialen und Wohltätigkeitsinstitutionen, deren Mitglied die Verstorbene war, sowie viele andere erschienen, um der Toten das letzte Geleite zu geben.

(320913t2)


Wie die Brotfrage gelöst werden soll [S. 2, oben, Mitte]
Zur heutigen Enquete in der Primaria

Von wohlinformierter Seite erhalten wir folgende Zuschrift, welche eine Lösung der Brotfrage vorschlägt, in einem Sinne, der sowohl auf die Steigerung der Mehlpreise Rücksicht nimmt, als auch auf das berechtigte Verlangen der Konsumenten, daß der Brotpreis nicht erhöht wird.

Die Bäcker laufen Sturm, um bei der Primaria eine Erhöhung des Brotpreises durchzusetzen. Letztere zögert noch aus Gründen der Popularität mit der Bewilligung der Brotpreiserhöhung, und so geht der Kampf zwischen beiden Faktoren weiter. Es ist eine Tatsache, daß in den letzten Tagen Weizen und Roggen im Preise weiter gestiegen sind. Der Weizen notiert bereits Lei 450 pro Meterzentner, während der Roggen nach einer einige Tage währenden Preissenkung wieder den Preis von Lei 300 erreicht hat*). Brotmehl, das zur Broterzeugung verwendet wird, kostet heute 7 Lei das Kilogramm, Kornmehl knapp 6 Lei. Die Behauptung der Bäcker, daß die vorgeschriebenen Höchstpreise bei der vorgeschriebenen Brotmischung ihnen keine Konvenienz bieten, erscheint somit als gerechtfertigt.
Aber es gibt trotzdem einen Ausweg, der auch den Konsumenten Rechnung trägt, und zwar ist dies folgendes: Wenn die Bäcker 65 Prozent Roggenmehl und nur 35 Prozent Weizenbrotmehl zur Broterzeugung verwenden werden - was sie wahrscheinlich teilweise schon jetzt tun - dann könnten sie das Brot zum Preise von Lei 7.50 pro Kilogramm abgeben. Hier

die Kalkulation,
die das Gesagte bestätigen wird: Bei der obigen Mischung von 65 Prozent Korn[mehl] und 35 Prozent Weizenmehl kostet das Kilogramm Brotmehl Lei 6.35. Aus 100 Kilogramm Brotmehl werden 136 Brote erzeugt. Das Brot zum Preise von Lei 7.50, abzüglich Rabatt und Brotstempel von zusammen 1 Leu, ist Lei 6.50, ergibt für 136 Brote den Betrag von Lei 884; das Mehl für 136 Brote kostet 635 Lei, so daß den Bäckern für die Regie bei 100 Kilogramm Mehl eine Summe von Lei 250 verbleibt. Dieser Regiebetrag ist angesichts der kleinen Löhne, die jetzt gezahlt werden, ausreichend, um die Broterzeugung sicherzustellen.
Zum Preise von Lei 7.50 pro Kilogramm Brot können die Bäcker ihr Auslangen finden, ohne zum Mittel der Verminderung des Brotgewichtes greifen zu müssen. Das Marktamt müßte strikte darauf achten, daß das vorgeschriebene Gewicht eingehalten wird, damit nicht, wie bisher, Brot im Gewicht von 85 bis 90 Dekagramm auf den Markt kommt.
Die Behauptung der Bäcker von der zu hohen Regie ist nicht gerechtfertigt, da die Löhne der Bäckergehilfen auf ein Mindestmaß herabgedrückt wurden, und überdies werden in den meisten Großbäckereien hauptsächlich Lehrburschen [?] beschäftigt, die die Regiepost [Regiekost?] nur schwach belasten.
Es darf aber auch nicht außeracht gelassen werden, daß die Großbäckereien nebst Brot hauptsächlich Semmeln backen, die eine größere Regie vertragen und es kann ein Teil der Brotregie auf die Semmeln abgewälzt werden. Die Nur-Brotbäckereien haben es schwerer und ihnen müßte das Marktamt Erleichterungen schaffen. Eine kleine Gewichtstoleranz den kleinen Bäckereien gegenüber könnte auch ihnen das Brotbacken ermöglichen.
Die Bäcker wollen mit ihren Brotpreiserhöhungen den Getreidepreisen vorauseilen, ohne zu bedenken, daß die Konsumenten infolge der herrschenden Krise nicht Schritt halten können. Auch die geringste Preiserhöhung wird von der Bevölkerung schwer empfunden, da ihr Einkommen von Tag zu Tag geringer wird.
Es wird betont, daß obige Kalkulation von keinem Interessenten stammt und daher als streng objektiv gelten kann. Bei der jetzigen Situation darf ein Brot mit dem Vollgewicht eines Kilogrammes nicht mehr als Lei 7.50 in der Greislerei kosten.
Bei der direkten Abnahme im Bäckerladen müßte sich der Brotpreis um den an den Greisler gezahlten Rabatt von 50 Bani reduzieren, also auf Lei 7 stellen.

k.

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*) Nach „Tag“ Nr. 123, 11.08.32, Seite 2, war der Getreidepreis 4 Lei/kg. Daraus kann man schlußfolgern, daß ein „Meterzentner“ 100 kg bedeuteten. (In manchen Zeiten und Ländern waren es auch 100 Pfund, also 50 kg).

Ein sonderbarer Vorschlag! Wenn die Preise für "gutes" Mehl klettern, wird mit "schlechtem" Mehl gebacken. Teures Fachpersonal wird durch billige "Lehrburschen" ersetzt, und wenn das auch nicht mehr geht, mischt man etwas Sägemehl ins Brot?



Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Was enthält das Gutachten der Völkerbund-Experten? [S. 3, oben, links]
Noch immer keine Entscheidung über die Konvertierung

Aus Bukarest wird gemeldet: Die Konvertierungsfrage beherrscht noch immer die gesamte politische und wirtschaftliche Öffentlichkeit. Der Finanzminister Mironescu ebenso wie der Präsident der nationalzaranistischen Partei Maniu konferieren täglich mit den Völkerbundexperten und es scheint, daß doch ein Einvernehmen zustande kommen wird, wenn sich nicht noch neue politische Komplikationen ergeben sollten. Man hofft jetzt, daß der Entwurf zum Konvertierungsgesetz in abgeänderter Form noch in dieser Woche dem Parlamente wird vorgelegt werden können.

Die Vorschläge der Sachverständigen
In informierten Kreisen heißt es, daß die Experten bereits ein fertiges Gutachten der Regierung überreicht haben, in welchem sie ihre Ansichten für die Bestimmungen des Entwurfes äußern.
Die Experten sind sich in der Meinung einig, daß die Frage der landwirtschaftlichen Schulden nur im Wege der Konvertierung gelöst werden kann; diese darf aber nicht so vorgenommen werden, daß die eine Klasse bevorzugt, die andere aber benachteiligt wird. Kategorisch haben sich die Experten gegen die gegenwärtige Fassung des Gesetzes als unökonomisch, unanwendbar und unzeitgemäß ausgesprochen. Sie haben folgende Richtlinien vorgeschlagen:

1. Das Prinzip der Unantastbarkeit der Schuldforderungen darf nicht berührt werden. Hingegen soll eine Rekalkulierung der Zinsen, jedoch nur in der Weise erfolgen können, daß vom schuldigen Kapital nichts abgezogen wird.

2. Es sollen gütliche Vereinbarungen zwischen Schuldnern und Gläubigern gefördert werden, um so die Möglichkeit zu haben, in ganz kurzer Zeit die Schuldenfrage zu regeln, wodurch die Arbeiten im Interesse des internen Kredites sowie damit in Zusammenhang des Auslandkredites wieder aufgenommen werden könnten.

3. Im Gesetz sollen die strengsten Hindernisse gegen die Aufnahme derjenigen Schuldner unter die Konvertierung vorgesehen sein, bei denen diese [?] kein soziales Problem darstellt.

Was die letzte Bestimmung betrifft, konnten die Experten feststellen, daß der von Mironescu ausgearbeitete Entwurf genügende Garantien für die Beachtung dieses Prinzips bietet. Es bleibt nur noch anzuwarten, daß der Finanzminister den Entwurf so abändert, wie es die Experten in Punkt 1 und 2 verlangen. Mit der Ergänzung des Entwurfes in diesem Sinne wurde Verkehrsminister Mirto betraut, der bereits ein solches Projekt abgefaßt hat.

Der Entwurf Mirto
Der von Mirto ausgearbeitete Entwurf sieht eine Rekalkulierung der Zinsen für diejenigen Grundwirte vor, die über 10 Hektar Boden haben. Aber auch das Gesetz Mirto entspricht nicht vollkommen dem Wunsche der Experten, denn es enthält nicht genug Garantien, daß nur landwirtschaftliche Schulden konvertiert werden. Weiters wurde errechnet, daß allein die Schulden der Kooperativen und Volksbanken über fünf Milliarden betragen. Da die Regierung aber für das Defizit, das sich aus dieser konvertierten Schuld ergeben soll, aufkommen muß, verlangen die Experten auch hier eine strengere Bestimmung. Auch betreffs der Rekalkulierung der Zinsen entspricht die Bestimmung im Gesetz Mirto nicht ganz dem Verlangen der Experten. Das Gesetz Mirto sieht Zinsenerleichertungen im Verhältnis zum Alter der Darlehen vor, während die Experten verlangen, daß die Zinsenerleichetungen im Verhältnis zum Liquidierungstermin der Schuld gewährt werden, um diejenigen Schuldner zu begünstigen, welche so schnell als möglich die Forderung bezahlen.
Die Regierung ist zum Schluß gekommen, daß eine neue Lösung für das Gesetz gefunden werden muß, um möglichst weitgehend den Empfindungen der Sachverständigen nachzukommen.
Es ist sicher, daß das Gesetz Argetoianus zur Gänze abgeschafft wird.
Das neue Gesetz wird ein neues System der Finanzierung der Konvertierung enthalten. Dabei wird man sich bemühen, eine möglichst baldige Liquidierung der Schulden sämtlicher Kategorien von Landwirten zu fördern.

Kein Moratorium
Die Version aber von einem allgemeinen Moratorium, welches, von der Regierung geplant sei, entspricht nicht den Tatsachen, da diese Lösung eine Gefahr fürs Land wäre. Hingegen wird das Gesetz eine Bestimmung enthalten, durch welche Schuldner und Gläubiger auch in gütlichem Einvernehmen sich werden einigen können.
Es gilt auch als möglich, daß noch die Ansichten Iunians und Madgearus, die sich zur Zeit nicht in Rumänien befinden, gehört werden sollen.


Der Blutgeneral von Ruda [S. 3, rechts, Mitte]
Er ließ am Versöhnungstag zehn Juden im Festgewand hängen[/b]

Aus Warschau wird gemeldet: Ein politisches Blatt brachte vor kurzer Zeit die aufsehenerregende Entdeckung, daß an der Spitze des Trabrennvereines in [i]Lodz
der ehemalige zaristische General Nowikow steht, der während des Weltkrieges im ehemaligen Kongreßpolen ein besonders strenges Okkupationsregime einführte und unter anderm der Stadt Kielce eine Kriegskontribution von 100.000 Goldrubel auferlegte.

Diese Entdeckung führte aber zu einer weiteren, {aber} noch sentationelleren Feststellung.
General Nowikow ließ während des Krieges in der Ortschaft Ruda am jüdischen Versöhnungstag zehn einflußreiche Juden wegen angeblicher Spionage hinrichten. Auf besondere Anweisung Nowikows mußten die zehn Todeskandidaten zur Hinrichtung ihre Festgewänder anlegen.
Die Juden von Ruda haben nunmehr ein Komitee gebildet, das die gerichtliche Verfolgung Nowikows wegen seiner Bluttaten anstrengen wird.

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Auf die Schnelle ist nichts zu finden, außer daß es diesen General Nowikow bei einer ww1-Schlacht gab. z.B:
http://www.tannenberg1914.de/4_2lodz/5_lodz_angr.htm


Seite 4

Versammlungsverbot in Österreich [S, 4, oben, rechts]
Wien, 11. September (Tel. des „Tag“). Die Landesregierung von Steiermark hat alle Volksversammlungen und Straßenkundgebungen bis zum 2. Oktober verboten. Diese Maßnahme wurde wegen der blutigen Zusammenstöße getroffen, welche sich in den letzten Tagen bei Graz und in Leoben zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten ereignet haben.
Die Befürchtungen, daß es Sonntags anläßlich der Bestattung der bei den Zusammenstößen getöteten zwei Nationalsozialisten in Graz zu Zusammenstößen kommen wird, sind nicht eingetroffen.


Ein neuer Vorschlag: Schaffung eines internationalen Finanzfondes. [S. 4, Mitte]
Stresa, 11. September (Tel. des „Tag“). Auf der Wirtschaftskonferenz hat der italienische Delegierte Michelli die Schaffung eines internationalen Finanzfondes durch Einführung einer Suprataxe im Welthandel vorgeschlagen; doch soll es jedem Staate erlaubt sein, diese Suprataxe durch Reduzierung der Zollgebühren teilweise zu kompensieren.

(320913w4)

-----
Dies läuft auf eine zentrale (in eine "globale" Kasse einfließende) "Weltsteuer" hinaus. Bemerkenswert, daß ausgerechnet aus dem "faschistischen" Italien so ein Vorschlag kommt.


Kleiner Anzeiger [S. 4, rechts]
Die Primaria
fordert hiemit all jene Professionisten aller Branchen, denen Evakuierung aus ihren Wohnungen droht, auf, sich unverzüglich im Fürsorgeamt der Primaria, II. Stock, Tür 77 zu melden. Dieselben können bei der Aufführung*) des Baues der Notwohnungen, die die Primaria aufzuführen gedenkt, als Professionisten beschäftigt werden und erhalten als Entschädigung für die Dauer des Baues Verpflegung und nachher eine Notwohnung.

Arbeitslose Fotographen
und Gehilfen erhalten Beschäftigung. Anmeldung Fürsorgeamt Primaria.

(320913c4)

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*) Von "Aufführung des Baues" (statt Ausführung) spricht man in Österreich, auch in der Schweiz usw (den Ausdruck in google eingeben).
Klaus Binder
 
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Nr. 150, Mittwoch, 14.09.32

Postby Klaus Binder on 13. September 2010, 12:59

Seite 1

Reichstag aufgelöst [S. 1, oben, links]
Um dem Mißtrauensantrag zu entgehen, löst die Reichsregierung den Reichstag auf. - Trotzdem Fortsetzung der Sitzung, Abnahme des Mißtrauensvotums und Aufhebung der Notverordnung.


Der Verlauf der Sitzung [S. 1, unten, links]
Berlin, 13. Sept. (Tel. des „Tag“). Wider Erwarten wurde gestern der neue Reichstag, der vor sechs Wochen gewählt wurde, bereit aufgelöst.
Die Sitzung verlief äußerst dramatisch. Im Saale waren alle Mitglieder des Reichskabinetts anwesend.
Die unmittelbare Ursache der Auflösung des Reichstages bildete die Umstellung der Tagesordnung. Während der Aeltestenrat in einer Sitzung, die vor Eröffnung der Reichstagssitzung stattfand, beschlossen hatte, zuerst die Regierungserklärung entgegenzunehmen, dann erst über die Anträge und Aufhebung der Notverordnung sowie über den Mißtrauensantrag abzustimmen, wurde die Tagesordnung über den Vorschlag eines Kommunisten geändert, der verlangte, daß noch in dieser Sitzung, somit vor Entgegennahme der Regierungserklärung, der Antrag auf Aufhebung der Notverordnung sowie der Mißtrauensantrag gegen die Regierung zur Abstimmung gelangen. Der Reichskanzler beantwortete diesen Antrag sofort mit der Auflösung des Reichstages. Das alles spielte sich in kaum drei Minuten ab, die Geschäftstätigkeit des Reichstages beschränkte sich also auf ganz kurze Zeit.

Um 3 Uhr nachmittags wurde die Sitzung durch den Reichstagspräsidenten Göring eröffnet. Der kommunistische Abgeordnete Torgler brachte den Antrag auf Aufhebung der Notverordnung, sowie einen Mißtrauensantrag gegen die Regierung Papen ein. Der sozialdemokratische Abgeordnete Loebe [Löbe] brachte einen separaten Antrag der Sozialdemokraten auf Aufhebung der Notverordnung ein.

Reichstagspräsident Göring fragte das Haus, ob diesen Anträgen widersprochen werde. Als sich keine Stimme meldete, wurde die Sitzung unterbrochen und in einer halben Stunde wieder aufgenommen. Die Sitzung wurde um 3 Uhr 46 Minuten wieder aufgenommen und es wurde zur Abstimmung geschritten. Vor der Abstimmung erhob sich Reichskanzler von Papen und verlangte das Wort. Reichstagspräsident Göring erklärte, nach der Geschäftsordnung könne er dem Reichskanzler während der Abstimmung das Wort nicht erteilen. Darauf übergab Papen dem Reichstagspräsidenten Göring eine rote Mappe, in welcher sich die Order über die Auflösung des Reichstages befand. Die Mitglieder des Reichskabinettes verließen hierauf demonstrativ den Saal.

Während dieser Vorfälle randalierten die Kommunisten und schrien: „Nieder mit der Hunderegierung!“

Aufgelöster Reichstag tagt weiter
Hierauf wurde - obwohl der Reichstag bereits aufgelöst worden war - über die eingebrachten Anträge abgestimmt. Dabei wurde der Mißtrauensantrag gegen die Regierung mit 513 gegen 32 Stimmen, bei fünf Stimmenenthaltungen, angenommen. Mit gleicher Stimmenmehrheit wurde auch der Antrag auf Aufhebung der Notverordnung angenommen.

Der Reichstagspräsident hielt sodann eine kurze Ansprache und teilte mit, daß sich das Volk mit großer Mehrheit gegen die Regierung ausgesprochen habe. Es habe sich gezeigt, daß kaum 32 Mann hinter der Reichsregierung stehen.
Göring sagte weiter: „Die von der Reichsregierung gegengezeichnete Auflösungsordre des Reichstages sei ungültig, weil - nach der Geschäftsordnung - zuerst über den Mißtrauensantrag hätte abgestimmt werden sollen; somit sei die Auflösung des Reichstages von einer gestürzten Regierung unterfertigt. Es habe sich gezeigt, daß das Vertrauen der Regierung entzogen wurde, daher betrachte er auch die von der Reichsregierung unterzeichnete Notverordnung als illegal und nichtig.

Reichskanzler von Papen aber erklärte, dieses Vorgehen sei nur eine Überrumpelung seitens der Kommunisten. Er habe es nicht zulassen können, daß vor seiner Rede der Antrag eingebracht werde, da dadurch auch die Gefahr bestand, daß die Notverordnung aufgehoben werde.

Trotz Auflösung des Reichstages verhandelten die Mitglieder des Zentrums und der Nationalsozialisten über die Einberufung einer zweiten Sitzung des Reichstages für heute. Nach längeren Beratungen aber wurde dieser Plan fallen gelassen, nachdem der Reichskanzler erklärt hatte, daß die Reichsregierung aus einem solchen Vorgehen, welches sie als ungesetzlich betrachte, die Konsequenzen ziehen würde.

Die Ausschüsse des Reichstages treten heute zusammen, um die Situation zu prüfen.

Die Deutschnationalen für Hindenburg und Papen.
Die Deutschnationalen verteidigen den staatsrechtlichen Gedanken und sehen im Widerstand des Reichstages die Anrufung der Parteiherrschaft gegen den Staat. Sie erklären, für die Demokratie, die Reichspräsident Hindenburg verkörpere, zu kämpfen, und sehen in der neuen Situation die Geburtsstunde für ein neues Deutschland.

Sollte die Reichsregierung auf dem Standpunkte stehen, daß die vom Reichstag beschlossene Aufhebung der Notverordnung verfassungswidrig sei, so werden die Sozialdemokraten die Aufhebung der Notverordnung durch ein Volksbegehren beantragen.
In politischen Kreisen heißt es, daß sich bereits Anzeichen bemerkbar machen, daß die Regierung eine Aenderung der Weimarer Verfassung anstrebe.
Die Reichsregierung sieht die Aufhebung der Notverordnung als ungesetzlich an, da sie von einem aufgelösten Reichstag, dessen Auflösungsdekret der Reichspräsident unterzeichnet hatte, vorgenommen wurde.
Dieser Reichstag wurde am 31. Juli gebildet, hatte also eine Lebensdauer von kaum sechs Wochen.
Die politische Situation Deutschlands ist völlig unklar, dürfte sich aber schon in Kürze klären, da sowohl der Reichspräsident als auch der Reichskanzler rasche Entschlüsse fassen werden.

(320914w1)

-----
Diese aufregende Sitzung kann man hier im "Original" nachlesen:
->2. Sitzung, Montag den 12. September 1932

de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Göring
http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Torgler
de.wikipedia.org/wiki/Paul_Löbe


Seite 2

Lebensmittel werden teurer [S. 2, Mitte, links]
Montag war auf dem Marktplatze ein auffallendes Steigen der Preise für die wichtigsten Lebensmittel bemerkbar. Man zahlte für Butter 56 Lei, während sie noch am Vortage 40 Lei gekostet hatte. Für Eier mußte man 2 Lei per Stück zahlen. Der Preis für Junggeflügel ist sprunghaft fast um 100 Prozent gestiegen. Diese letztere Preissteigerung ist darauf zurückzuführen, daß in Noua-Sulița, woher Geflügel nach Czernowitz gebracht wird, selbst 1000 Stück Junggeflügel geschlachtet wurden und dieses Quantum dem lokalen Markt verloren gegangen ist. Auch andere Lebensmittel sind im Preise gestiegen. Es ist Sache der Marktbehörde hier einzuschreiten und die Spekulation energisch zu bekämpfen, da es nur dieser zuzuschreiben ist, wenn die Preise für wichtige Lebensmittel von einem Tag auf den anderen so hoch ansteigen.


Die Primaria nimmt Kontakt mit den Genossenschaften, Handelsgremien und Handwerkerkorporationen [auf] [S. 2, links, Mitte]
Die Primaria gibt bekannt: Die Interimarkommission will alle Bitten und Beschwerden der Genossenschaften, Gremien und sonstigen Korporationen durch direkten Kontakt mit den Vertretern derselben kennen lernen und lädt daher alle diese Organisationen in folgender Reihenfolge in den großen Saal der Primaria ein:

Die Gewerbetreibenden - Genossenschaft
Gruppen I. und II. für den 13. d. M.,
Gruppen III. und IV für den 14.,
Gruppen V. und VI. für den 15.,
Gruppen VII. und VIII. für den 16.,
Gruppen IX. und X. für den 17.,
Gruppen XI. und XII. für den 19.,
Gruppen XIII. und XIV. für den 20.,
Gruppe XV. für den 21.

Die Genossenschaft der Autobesitzer gleichfalls für den 21.

Das kaufmännische Gremium
Gruppen I. und II. für den 22.
Gruppe III. sowie das Architektengremium für den 23.

Alle diese Empfänge finden im großen Saale der Primaria jedesmal von 7 bis 8 Uhr abends statt.


Die jüdische Politik in Rumänien am Scheidewege [S. 2, Mitte]
Unter obigem Titel veröffentlicht Dr. Markus Menczer die Rede, welche er im Verlaufe des letzten Wahlkampfes gehalten hat und welche sich gegen die Politik der sogenannten jüdischen Reichsliste richtet. Herr Dr. Markus Menczer ist als kluger Politiker bekannt, welcher sich trotz seiner Zugehörigkeit zur national-liberalen Partei großer Sympathien auch bei politisch anders orientierten Bewohnern dieser Stadt erfreut. Dr. Menczer ist bekannter Advokat - er zählt zu den besten Anwälten unserer Stadt - und seine Rede zeichnet sich vor allem durch logische, advokatorische Schärfe aus. Ihre stärkste Seite ist der Angriff, die Bekämpfung der Gegner, mäßiger die Propaganda für die eigene Partei, für die eigene Wahlliste. Seit der Zeit, als die jüdische Reichsliste geboren wurde, hat es selbstverständlich nicht an Polemiken, an heftigen Kritiken gefehlt, aber selten ist wohl eine politische Stellungnahme, eine politische Einstellung in so entschiedener Weise und mit so klaren Argumenten bekämpft worden, wie dies seitens Dr. Markus Menczers in seiner Rede geschah. Man muß nicht gerade ein Anhänger der liberalen Partei sein, um die Isolierungspolitik, welche durch die jüdische Reichspartei betrieben wird bezw. welche in der jüdischen Reichsliste zum Ausdrucke kommt, als schädlich für das jüdische Volk zu betrachten.


Heute wird der Brotpreis festgesetzt [S. 2, oben, Mitte]
Die Enqute im Rathaus. - Die Kalkulation des „Tag“ soll als Grundlage dienen

Wie angekündigt, war für gestern 11 Uhre vormittags eine Enquete in der Stadtgemeinde zwecks Regulierung des Brotpreises angesetzt.
Diese Enquete fand unter Vorsitz des Ressorchefs, des Mitglieds der Interimarkommission Mohr, in Beisein des Marktdirektors Edelstein, des Börsensekretärs Dr. Schiffer, der Vertreter der Großbäckereien Bilgrey, Mathias, Weißmann und Ternbach, des Vertreters der Mühlen Dr. Trichter sowie des Vertreters des Pensionistenvereines, des pensionierten Oberfinanzrates Schiller statt.
In der Vertretung der Pensionisten ergab sich ein Kompetenzstreit. Es erschien nämlich auch ein Herr Sammler, der erklärte, als Vertreter der Pensionisten delegiert worden zu sein. Herr Schiller wies sich aber mit der an ihn ergangenen Einladung aus und teilte mit, er wäre vom General a. D. Maniu, dem Präsidenten der Pensionistenorganisation, zur Enquete delegiert worden. Es ergab sich, daß Herr Sammler einer zweiten Pensionistenorganisation angehört. Schließlich wohnten beide Vertreter der Pensionisten der Enquete bei.

Der Verlauf der Enquete
Dr. Schiffer erstattete als Vertreter der Börse Bericht über die Getreidepreise. Aus diesen geht hervor, daß die Getreidepreise gestiegen sind und Weizen heute 4.50, Roggen 3.00 - 3.50 notiert.*)
Die Vertreter der Bäcker machten folgende Kalkulation:
Sie zahlen für Weizenmehl 7.50, für Roggenmehl 6 Lei. Der Durchschnittspreis stellt sich also auf ungefähr 6.75. Aus 100 Kg. Mehl werden 135 Brote erzeugt, wobei folgende Spesen in Abzug zu bringen sind: 1.25 für Stempel und Rabat sowie 317 Lei für Regiespesen per 100 Kg. Mehl. Die Kalkulation ergab, daß die Regiespesen für ein Brot 2.20 Lei ausmachen**). Wenn der Brotpreis auf 8.50 (1 Kg. Gewicht) erhöht werden soll, wie es die Bäcker fordern, so ergibt sich ein Bruttoertrag von 978 Lei für 100 Kg. Mehl, respektive für 135 Brote, sodaß auch bei diesem Preis die Bäcker mit einem Verlust von 14 Lei per 100 Kg. Mehl arbeiten würden.***)

Der Vertreter der Pensionisten, Oberfinanzrat a.D. Stiller verlangt, daß die Kalkulation der Regiespesen von der Stadtgemeinde überprüft werde, während der zweite Vertreter der Pensionisten Sammler die Beibehaltung des gegenwärtigen Brotpreises verlangt; oder es möge die Stadtgemeinde daran schreiten, spezielle Verkaufsstellen für Pensionisten zu errichten, in welchen das Brot gegen Vorweisung von Pensionistenlegitimationen billiger verkauft werden soll.
Ein Vertreter der Bäcker erklärte, daß das Brot um einen Leu billiger abgegeben werden könnte, wenn es direkt in der Bäckerei gekauft wird. Die Pensionisten mögen hievon Gebrauch machen.

Der Vorsitzende Mohr resumierte das Ergebnis und erklärte, daß zur Lösung der Brotfrage sachliche Beurteilung notwendig sei. Dienstag, um 12 Uhr vormittags werde er in der Interimarkommission über die Brotfrage referieren.
Als Basis zur Festsetzung der neuen Brotpreise werde er der Interimarkommission die in der gestrigen Nummer des „Tag“ aufgestellte Kalkulation, die den Tatsachen entspricht, vorschlagen.****)
Die Interimarkommission werde dann die Entscheidung treffen.

-----
*) Punkte und fehlende Nullen sind "stillschweigend" eingesetzt worden (um z.B. die Preise mit den in anderen Artikeln genannten nachzuvollziehen).
**) Die weiteren Rechnungen zeigen, daß hier mutmaßlich ein Druckfehler vorliegt (Bei 317 Lei pro 100 kg "Regiespesen", d.h. bei 135 Broten, kommen 2.35 Lei/Brot Regiespesen heraus).
***) kleine Rechnung:
135 x 8.50 = 1147.5 (Bruttobrutto)
135 x 1.25 = 168.75 Stempelsteuer
Bruttoertrag 1147.5-168.75 = 978.75 Lei
Die nachfolgende Rechnung stimmt auch:
"Mehl" für 135 Brote 675 + Regiespesen 135 Brote 317 macht 992 Lei; bei 978 Lei kommen 14 Lei Verlust heraus.
****) siehe Beitrag von gestern:
->0149 (13.09.32, di) Seite 2 "Wie die Brotfrage gelöst werden soll"



Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Eine unglaubliche Verfügung [S. 3, oben, links]
Nur wer seine Steuern bezahlt hat, bekommt Silbergeld

Die Nationalbank hat an ihre Filialen folgendes Rundschreiben gerichtet: „Auf Grund des Ansuchens des Finanzministeriums wechselt die Nationalbank nur solchen Personen und Institutionen die Hundert-Lei-Noten gegen Silbermünzen ein, die beweisen, daß sie ihre Steuern restlos bezahlten.“

(320914r3)


Theater und Kunst
Gastspiel der „Habimah“
Die Ankündigung des Gastspieles der „Habimah“ hat hier geradezu Sensation ausgelöst. Diese Künstlertruppe genießt Weltruf und wird auch hier diesem Rufe vollkommen gerecht werden. Das Gastspiel beginnt Mittwoch, den 14. September, 9 Uhr abends im Jüdischen Sommertheater „Goldfaden“, Dr. Reißgasse Nr. 8 mit der Premiere der Tragikomödie in 4 Akten

„Parnusse“

von Schulem Alechem. An der Spitze der Truppe stehen die weltberühmten Künstler

R. Schoischanu und M. Lampa

Auch die übrigen Darsteller sind auf der Höhe. Karten ab 11 Uhr vormittags an der Theaterkasse. Bei schlechtem Wetter finden die Vorstellungen im Jüdischen Stadttheater (Pavillontheater), Russischegasse 22, statt.

(320914c3)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Habimah
http://en.wikipedia.org/wiki/Habima_Theatre
www.habima.co.il
http://www.youtube.com/watch?v=EeMh7SU166g


Seite 4

Einbrecher von Wachmann angeschossen [S. 4, unten, Mitte]
Verbrecherjagd in der Dreifaltigkeitsgasse
Am Mittwoch, 2 Uhr früh, wurden in Czernowitz, im Hause Dreifaltigkeitsgasse 23 drei Banditen bei einem Einbruch überrascht. Als sie vom diensthabenden Wachmann erblickt wurden, ergriffen sie die Flucht. Da die Einbrecher dem Rufe des Wachmannes nicht Folge leisteten, machte dieser von der Waffe Gebrauch. Während zwei Banditen mit einigen geraubten Gegenständen flüchteten, wurde der dritte getroffen und brach blutüberströmt zusammen.
Es ist dies ein etwa 20 jähriger Mann, dessen Identität bisher nicht festgestellt werden konnte. Die Kugel ist ihm von hinten in das Glied gedrungen.

(320914c4)
Klaus Binder
 
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Nr. 151, Donnerstag, 15.09.32

Postby Klaus Binder on 14. September 2010, 01:12

Seite 1

Leitartikel
Spannung [S. 1, links, oben]
Die Innenpolitik zeigt latente Hochspannung. Die neuen Finanzgesetze, der Erlaß Mihalaches, die plätschernde Diskussion um die Verwaltung der Eforia in Bukarest - das sind sekundäre Erscheinungen des parlamentarischen Lebens, die als eine Art Ablenkungsmanöver vom Hauptkriegsschauplatz der Konvertierung zu gelten haben. Es ist interessant, daß die Regierung Vaida gleich nach ihrer Ernennung ins Trommelfeuer einer Parlamentsschlacht hineingezogen wurde, in die schwierige Konvertierungskrise, die, wie man sieht, für das Leben dieser Regierung entscheidend ist. Was sich hinter den Kulissen abspielt, ist Parlaments- und Regierungskrise ersten Ranges. Darüber hilft kein Hinwegtäuschen. Die Verantwortung ist so groß, daß nicht einmal die radikale Presse, von unverantwortlichen Außenseitern abgesehen, sich traut, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen. Es ist der Kampf des Konservatismus im Großgrundbesitz der Millionäre, des mit Schulden überladenen Kapitalismus der früheren Aera, mit der neuen Richtung, die, wenn sie auch in der Regierung sich befindet, der ausgegebenen Tendenz dieser Regierung gemäß, bloß eine Hilfe den Bauern, der wahren Landwirtschaft bringen sollte, statt dessen aber zum Verteidigungsschild der verantwortlich und unverantwortlich verschuldeten Großgrundbesitzerserie geworden ist. Die Regierung befindet sich in der Zwickmühle. Das Konvertierungsgesetz Argetoianus ist zum Hemmschuh auch dieser Regierung geworden, und wenn, was prognostiziert wird, diese Regierung nicht mehr sein wird, sie wird es auch für die nächste sein. Verfahren ist der Karren. Jetzt versteht man erst, warum Maniu in den sauern Apfel des Konvertierungsgesetzes nicht beißen wollte.
Ego

(320915r1)


Bäckerstreik! [S. 1, oben, Mitte]
Gestern abends haben die Czernowitzer Bäckereien die Broterzeugung eingestellt. Sie haben von dieser Maßnahme die Verkaufsstellen verständigt und ihnen mitgeteilt, daß sie sie nur mit den bis 9 Uhr abends hergestellten Broten beliefern können, weiterhin wird die Brotbelieferung vollständig aufhören.
Somit wird schon ab heute die Brotversorgung der Stadt nur zum Teil gedeckt sein.
Man erwartet nun die angekündigten Gegenmaßnahmen der Primaria, durch welche verhütet werden soll, daß Czernowitz ohne Brot bleibt.
(Die Vorgeschichte des Bäckerstreits ist auf Seite 3 dargestellt.)


[Attentat auf jüdisches Heim] [S. 1. Mitte]
Berlin, 14. September (Tel. des „Tag“). In Kottbus wurden fünf Nationalsozialisten wegen eines mit Sprengstoff verübten Attentats auf ein jüdisches Heim verhaftet.


Der „Irrtum“ der Gendarmen [S. 1, unten, Mitte]
Nicht der Dynamitdieb, sondern ein Unschuldiger wurde erschossen

Wir berichteten in unserer vorgestrigen Nummer von der Festnahme zweier Dynamitdiebe, von denen einer auf der Flucht erschossen wurde. Nun stellt es sich heraus, daß das Opfer gar nicht der Dynamitdieb, sondern ein ganz Unbeteiligter ist, daß es sich also um eine sinnlose Bluttat zweier Gendarmen handelt, welche einem unschuldigen Menschen das Leben kostete.
Der Tatbestand ist folgender: Zwei Gendarmen, die auf der Straße Valea-Putnei-Pojorita patroullierten, erblickten plötzlich zwei junge Bauern, die den Eisenbahnschienen entlang gingen. Da dies den Gendarmen verdächtig erschien, riefen sie ihnen zu, stehen zu bleiben, doch die Bauern erschraken und liefen davon. Die Gendarmen gaben darauf Schüsse ab; dabei wurde der eine der Bauern verletzt. Er starb kurz darauf. Die Gendarmen geben an, daß sie nicht auf die Bauern gezielt hätten und daß die Kugel an irgend einem Stein hat abprallen und so die tödliche Wunde verursachen müssen.
Die Obduktion der Leiche wird feststellen, ob diese Angabe wahr ist.


Seite 2

Einbrecher und Rettungsgesellschaft [S. 2, links, unten]
Zwei Uhr nachts. Menschenauflauf in der Dreifaltigkeitsgasse. Schrille Pfiffe der Wachorgane tönen durch die nächtliche Stille. Menschen werden aus dem tiefen Schlafe geweckt, eilen im Nachtgewande auf die Straße, mit Kerzen in der Hand beugt man sich vor einer schwarzen Gestalt, einem Einbrecher, der gerade bei der Tat erwischt wurde. Die Kugel des diensthabenden Wachmannes hat ihn getroffen, so daß er blutüberströmt zusammenbrach und bewußtlos liegen blieb. Inzwischen wird es der Menschen immer mehr, auch die Wachorgane sind bereits verstärkt, das Polizeiorgan und schließlich die Rettungsgesellschaft werden vom Vorfall verständigt. Halb drei Uhr. Der Angeschossene windet sich noch immer im Schmerz, kann nicht sprechen, aber auch seine Identität konnte zu diesem Zeitpunkt nicht festgestellt werden, da er nicht vernehmungsfähig war. Die Uhr schlägt bereits eine neue Stunde, als endlich die Rettungsgesellschaft am Tatort erscheint. Ein Bewohner des Hauses Dreifaltigkeitsgasse Nr. 23 fragt einen Mann der Rettungsgesellschaft, warum der Wagen so spät gekommen sei, der Fall sei doch noch vor einer Stunde gemeldet worden. Die Antwort wird mit einer Gegenfrage gegeben: „Warum hat man uns schon seit drei Monaten kein Gehalt gezahlt?“ Ohne Kommentar.
M. L.

(320915c2)


Werbung * Ankündigung
Das UFA-Programm für Czernowitz [S. 2, oben, rechts]
Die gesamte Produktion von den vereinigten Kinotheatern „Regal“ und „Gloriapalast“ erworben. - Das Beste, was der deutsche Filmmarkt hervorgebracht hat. - Das Czernowitzer Publikum hat nun das Wort.

Wie erhalten von der Universum-Film-Gesellschaft (Ufa) Berlin, folgende Mitteilung: Wir geben hiermit bekannt, daß unsere gesamte Produktion für das Jahr 1932/33 für Czernowitz an die vereinigten Kinotheater „Regal“ und „Gloria-Palast“ vertreten durch Herrn Fabian vergeben wurde. Entscheidend für unsere Wahl war die Tatsache, daß die erwähnten Kinotheater mit dazu beigetragen haben, unseren Filmerzeugnissen auch in Czernowitz die ihnen gebührende Beachtung zu sichern. Das Programm, das wir den Kinobesuchern für die Saison 1932/33 bieten ist das erlesenste Repertoire, das je von einer Filmgesellschaft zusammengestellt wurde. Grosse Opfer materieller Natur, gehören dazu, diese reichhaltige Produktion, die beste, die Deutschlands Filmmarkt aufzuweisen hat, zusammenzustellen. Alles, was Rang und Namen hat, die besten Regisseure und Produktionsleiter, die hervorragendsten und beliebtesten Schauspieler, sie wirken in unserer Produktion mit und werden dazu beitragen, dass der Name „Ufa“ auch weiterhin Wahrzeichen für die Qualität und Popularität bleiben wird.

Ufa bringt 1932/1933 folgende Filme:

„Der Sieger“, mit Käthe von Nagy und Hans Albers,
„Quick“, mit Lilian Harrey [Harvey] und Hans Albers,
„Der Frechdachs“, mit Willi Fritsch und Camilla Horn
„Ein blonder Traum“, mit Willi Fritsch, Lilian Harvey und Willi Forst,
„F. P. I. anwortet nicht“, mit Hans Albers,
„Ich bin bei Tag und Du bei Nacht“, mit Käthe von Nagy und Willi Fritsch,
„Das Vermächtnis des Marquis von S.“, mit Lilian Harvey und Conrad Veidt,
„Schuss im Morgengrauen“, mit Ludwig Diehl und dem neuen Ufa-Star Ery Bos,
„Der Stern von Valencia“, mit Käthe von Nagy und Wolf Albach-Retty,
„Strich durch die Rechnung“, mit Heinz Rühmann und Toni van Eyck,
„Das schöne Abenteuer“, mit Käthe von Nagy und Wolf Albach-Retty,
„Morgenrot“, Produktion Erich Pommer,
„Saison in Kairo“, mit Renate Müller und Willi Fritsch,
„Wie sag ich's meinem Mann?“, mit Renate Müller,
„Alarm für Gleis B“, mit Rudolf Forster und Toni van Eyck,
„Die Kameradin“, mit Toni van Eyck und Wolf Albach-Retty,
„Dauerwellen“, mit Renate Müller und Otto Wallburg,
„Der schwarze Huzar“, mit Mady Christians, Ursula Grablny [Grabley], Conrad Veidt,
„Rauschgift“, mit Hans Albers, Trude von Molo und Gerda Maurus,
„Champagnerkrieg“, mit Heinz Rühmann,
„Und es leuchtet die Puszta“, mit Rose [Rosy] Barsony,
„Mensch, ohne Namen“, mit Werner Kraus und Maria Bard,
„Der Hochtourist“, mit Otto Wallburg.

Überdies befinden sich eine ganze Serie von Kurztonfilmen in unserem Programm, durchwegs saubere Arbeiten, die das Repertoire bereichern werden.

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Tja, denn mal los mit google...
die Filme (nur einer):
„Das Vermächtnis des Marquis von S.“ (lief auch unter anderen Titeln)
„Wenige Monate nach der Erstaufführung am 22. Februar 1933 im Gloria-Palast in Berlin emigrierten die beiden Komponisten Franz Wachsmann und Friedrich Hollaender in die USA. Auch für Erich Pommer war es die letzte Filmproduktion.“ aus:

http://www.djfl.de/entertainment/djfl/1060/106493.html
die Schauspieler:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Albach-Retty
http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Albers
http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Bard
http://de.wikipedia.org/wiki/Rosy_Barsony
http://de.wikipedia.org/wiki/Ery_Bos
http://de.wikipedia.org/wiki/Mady_Christians
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Ludwig_Diehl
http://de.wikipedia.org/wiki/Toni_van_Eyck
http://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Forst
http://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Fritsch
http://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Grabley
http://de.wikipedia.org/wiki/Lilian_Harvey
http://de.wikipedia.org/wiki/Camilla_Horn
de.wikipedia.org/wiki/Werner_Krauß_(Schauspieler)
http://de.wikipedia.org/wiki/Gerda_Maurus
http://de.wikipedia.org/wiki/Trude_von_Molo
de.wikipedia.org/wiki/Renate_Müller
de.wikipedia.org/wiki/Käthe_von_Nagy
http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Pommer
de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Rühmann
http://de.wikipedia.org/wiki/Conrad_Veidt
http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Wallburg


Seite 3

Brotpreis-Erhöhung abgelehnt [S. 3, rechts, Mitte]
Die Bäcker drohen mit dem Streik

In ihrer Sitzung befaßte sich die Interimarkommission mit den Forderungen der Bäcker nach Erhöhung der Brotpreise von 7 auf Lei 8.50.
Das Mitglied der Interimarkommission Herr Mohr erläuterte die vom „Tag“ aufgestellte Kalkulation und vertrat den Standpunkt, daß höchstens eine Erhöhung um 50 Bani gerechtfertigt erscheine, was auch den von ihm in Fachkreisen über die Getreide- und Mehlmarktlage eingeholten Gutachten entspreche.

Der Stadtpräsident Dr. Saveanu sowie die anderen Mitglieder der Interimarkommission traten für die Beibehaltung der gegenwärtigen Brotpreise ein, zumal die Bevölkerung unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht durch eine neue Verteuerung des Brotes belastet werden könne.
Die hierauf erfolgte Abstimmung ergab folgendes Resultat: Dem Ansuchen der Bäcker um Erhöhung der Brotpreise wird vorläufig nicht stattgegeben, hingegen soll ein Gutachten sowohl von der Handelskammer als auch von der Börse abverlangt werden, ob eine Erhöhung unter den gegenwärtigen Verhältnissen notwendig erscheine.

Die Bäcker erklären sich mit dieser neuerlichen Aufschiebung nicht zufrieden und behaupten, bei den gegenwärtigen Preisen ihre Betriebe nicht einmal wenige Tage aufrechterhalten zu können.
Wie es heißt, haben die Bäcker die Absicht, den Streik zu proklamieren, um die Primaria zu zwingen, sobald als möglich die Preisregulierung vorzunehmen.

Wir sind informiert, daß die Stadtgemeinde auf den Streik der Bäcker gleich reagieren und Brot in Eigenregie zu einem geringen Preis erzeugen wird.
Das Marktamt macht alle Bäcker aufmerksam, daß jedes Brot, welches weniger als 95 Dkg. im warmen Zustande und 90 Dkg. im kalten Zustande wiegt, konfisziert werden wird.


Trotzki kommt Donnerstag nach Pistyan [S. 3, unten, rechts]
Wie nunmehr bekannt wird, wird Leo Trotzki, der ehemalige sowjetrussische Volkskommissar Donnerstag in Bad Pistyan eintreffen. Er reist mit dem Expreßzug Konstantinopel-Ostende über die Türkei, Bulgarien, Jugoslawien und Ungarn. Alle diese Staaten haben bereits die Durchreisebewilligung an Trotzki erteilt, Ungarn nur unter der Bedingung, Trotzki müsse in einem separaten Kupee reisen und dürfe sich nicht am Fenster blicken lassen. Bulgarische, jugoslawische und ungarische Kriminalbeamte werden Trotzki begleiten. Trotzki ist schwer leidend und kann sich nur auf zwei Krücken bewegen. Er hofft, daß er in Pistyan wieder genesen wird. Trotzki hat mit der Badedirektion für seinen Aufenthalt eine Pauschalsumme abgemacht.

(320915w3)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Trotzki
de.wikipedia.org/wiki/Piešťany
http://newspapers.nla.gov.au/ndp/del/article/2304079


Seite 4

Ein Delegierter des Handelsministeriums über die Bedeutung von Czernowitz als Exportzentrum [S. 4, oben, links]
Am Samstag ist hier ein Delegierter des Handelsministeriums, der Direktor des nationalen Export- und Importinstitutes Smârdu eingetroffen, um mit den lokalen Wirtschaftsfaktoren Kontakt zu nehmen.
Von einem Mitarbeiter unseres Blattes über den Zweck seines Besuches befragt, äußerte sich Direktor Smârdu wie folgt:

Ich wurde vor allem vom Handelsministerium, respektive vom nationalen Exportinstitut nach Czernowitz delegiert, um mich über verschiedene wirtschaftliche Fragen, die in Zusammenhang mit dem Export stehen, zu informieren. Ich habe auch die Mission, eine Kontrolle bei den zwei Markierungstellen, Zuczka und Grigore-Ghica-Voda, die den

Eierexport
betreffen, durchzuführen. Die Kontrolle ergab, daß sich der Eierexport klaglos abgewickelt und die verladenen Waggons den Bestimmungen des Standardisierungsgesetzes entsprechen.

Über die Bedeutung unserer Stadt als Exportzentrum sagte der Delegierte: Die Zentralregierungen haben die Wichtigkeit der Stadt Czernowitz als Exportzentrum nie unterschätzt. Im Gegenteil, diese Stadt gilt im Reiche als eine der wichtigsten Vermittlerinnen im Export zwischen dem Osten und Westen. Diese Tatsache geht schon daraus hervor, daß über Czernowitz jährlich 1000 - 1200 Waggons Eier, hauptsächlich nach Deutschland, exportiert werden. Durch die Reduzierung der Zolltaxe auf 10 Bani pro Ei wurde dem Export dieses wichtigen Artikels Entwicklungsmöglichkeit geboten. Auch das Gesetz über die Standardisierung wirkt sich sehr günstig aus, da wir in der Lage sind, prima Ware, die als solche auch geschätzt wird, ins Ausland zu liefern. Die rumänischen Eier nehmen - was Qualität betrifft - eine der ersten Stellen im Ausland ein. Während vor der Standardisierung auch mindere Ware exportiert werden konnte und dadurch der gute Ruf der einheimischen Produkte geschmälert wurde, ist dies jetzt nicht mehr der Fall.

Wie stellt sich der Getreideexport dar?
Über diese Frage äußerte sich der Delegierte des Handelsministeriums nicht sehr befriedigt. Besonders die Weizenernte ist es, die in diesem Jahre einen starken Ausfall aufweist und im Durchschnitte ungefähr 35% weniger beträgt als im vergangenen Jahr. Wir werden in diesem Jahr kaum Weizen exportieren können, weil zuerst der Inlandskonsum gedeckt werden muß. Hingegen werden wir andere Agrarprodukte, wie Mais, Roggen und Gerste exportieren können. Durch die Gewährung von Präferenzzöllen, über welche soeben in der Wirtschaftskonferenz in Stresa verhandelt wird, soll dem Exporte der Agrarstaaten größere Prosperität gesichert werden.

Warum werden die Exportprämien nicht bezahlt?
In dieser Frage sagte Direktor Smârdu: Eigentlich gehört diese Angelegenheit mehr in die Kompetenz der Regierung. Soviel ich aber informiert bin, sollen im Budget auch genügende Beträge für diesen Zweck vorgesehen sein. Die Exporteure werden gewiß zu ihrem Rechte gelangen.

Montag hat der Delegierte des Handelsministeriums Czernowitz wieder verlassen und sich nach Bukarest begeben, um dem Ministerium einen Bericht über seine Feststellungen zu erstatten.


„Fliegende Familie“ in Gefahr [S. 4, Mitte]
Seit geraumer Zeit verfolgt die Öffentlichkeit mit dem größten Interesse das Schicksal der fliegenden Familie. So betitelt sich ein Flugzeug, in welchem der Amerikaner Oberst Hutchinson mit seiner ganzen Familie von New York einen Etappenflug nach Europa unternommen hat. Im Flugzeug sind acht Personen aufgestiegen und zwar Oberst Hutchinson, seine Frau, seine beiden Töchter im Alter von 10 u. 8 Jahren und 4 Mann Besatzung. Nun hat das Flugzeug auf der Etappe Grönland - Island eine Notlandung auf offenem Meer vornehmen müssen. Die Maschine schickte verzweifelte S.O.S. - Rufe aus. Sofort wurden Nachforschungen nach dem Flugzeug aufgenommen, der englische Frachtdampfer „Talbot“ und der deutsche Flieger Udet beteiligten sich an der Suche, die aber bisher vergeblich geblieben ist. Der Kapitän des „Lord Talbot“ gab durch Funkspruch bekannt, daß er genau an der im S.O.S. - Ruf bezeichneten Stelle eingetroffen sei, aber keine Spur von dem Flugzeug entdecken konnte.

Gesund aufgefunden
Tomse, 14. September (Tel. des „Tag“). An der Küste Ostgrönlands wurde der vermißte Flieger Hutchinson mitsamt seiner Familie gesund aufgefunden. Das Flugzeug ist zertrümmert.

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Drei kleine Filmchen aus dieser Zeit über das Ereignis:
http://www.britishpathe.com/record.php?id=3145
http://www.britishpathe.com/record.php?id=2760
http://www.britishpathe.com/record.php?id=2742


Theater und Kunst
„Was sich Liebe nennt“ [S. 4, unten, Mitte]
Ein heiteres Spiel aus dem ernsten Leben
von Otto Indig

Hinter diesem ziemlich willkürlich gewählten Titel verbrigt sich die Draußen mit dem großen Publikumserfolge in der vorigen Saison in Szene gegangene „Braut von Toroczko“ unseres Landsmannes Otto Indig, der mit fast beispiellosem Elan durch dieses Erstlingswerk gleich alle Hindernisse eines Anfängers überwand. Es ist das leuchtende Schulbeispiel eines in die heutige Zeit ausgerechnet hineinpassenden, bürgerlichkitschig verlogenen Machwerkes, ein Dokument taufrischer Gesinnungslosigkeit*). Bei uns fand das Stück beste Aufnahme. Maurice Sekler, der an den deutschen Bühnen bereits einen guten Namen hat, gelang es, mit einer Reihe bewährter heimischer Schauspieler unter Hinzuziehung ungeschulter Dilettanten, von denen viele zum erstenmal auf einer Bühne standen, eine ausgezeichnete Ensemblearbeit zu leisten. Das Stück wurde in flottem Tempo gespielt, die einzelnen teilweise gut gezeichneten Charaktertypen plastisch herausgearbeitet und die schwierigen Dialogszenen durch richtige Pointierung lebhaft und witzig gestaltet. Sekler selbst hat im letzten Jahre noch viel mehr dazugelernt und die Rolle des alles verstehenden, alles verzeihenden Herschkowitz gestaltet. Nach ihm sei gleich Frl. Alice Engel genannt, die außer ihrer bildhaften Erscheinung für die überaus schwere Partie des jungen Bauernmädchens, das an einem Abend drei Religionsbekenntnisse zu tragen hat, eine Reihe bemerkenswerter, dramatische Akzente und natürlichen Charme mitbrachte. Prachtvoll in Maske, gewohnt bewährt, Herr Klimesch, ausgezeichnet die lebenswahre Frau Grünau - Marbach. Den Vertreter der Nazis mimte Herr Fitz Sievers-Sammler, der den „aufrechten Mann aus dem Dorfe“ sympatisch und glaubhaft zu machen verstand. Igo Schorr als idealer Dorfschullehrer, Pia Goldschmidt aks uneheliche Mutter, Jurmann: stupider Gemeindediener und die anderen, jeder auf seinem Platze, trugen (wie sagt man nur in einem solchen Falle?) zum Gelingen der amüsanten Vorstellung bei. Es gab viel Beifall.
Ioro

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*) Damit ist vermutlich nicht das Stück gemeint. Vielmehr spiegelt das Stück diese "heutige Zeit" wider...
- Über Otto Indig findet man nicht viel. Vermutlich ist es dieser Autor:
http://www.hollywood.com/celebrity/5817 ... ig_Credits
- Man suche (mittels google) unter "„Die Braut von Torozko“: Komödie von Otto Indig"
- Über dieses Stück: ->Nr. 148,11.09.32, Seite 3, Mitte
Klaus Binder
 
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Nr. 152, Freitag, 16.09.32

Postby Klaus Binder on 14. September 2010, 23:55

Seite 1

Leitartikel
Nazihetze gegen Hindenburg [S. 1, oben, links]
Göring beschimpft den Reichspräsidenten

Verfassungsstreit
Die letzten Vorgänge in Deutschland seit der Auflösung des Reichstages weisen auf Sturm, Windstärke 9 hin. Der Reichstagspräsident Göring übermittelt dem Reichspräsidenten von Hindenburg ein Schreiben, ohne die Form zu beachten, die man in einer Mitteilung an das Staatsoberhaupt, den greisen Marschall von Hindenburg, zu wahren gezwungen ist. Es ist die Abneigung, vielmehr der Haß der Hitlerianer gegen das Regime Hindenburgs soweit gediehen, daß das Staatsoberhaupt nach dem gerade von dieser Seite bisher geübten Prinzip des Rühr-mich-nicht-an bei der höchsten Instanz des Staates nicht mehr beachtet wird. Der Reichspräsident hat in gleicher Form dem Reichstagspräsidenten, dem verkörperten Ausdruck der Volkssouveränität, geantwortet. Damit beginnt zunächst in der Form der Streit zwischen Reichspräsident und Reichstagspräsident; in der Sache selbst will der Reichstagspräsident die Auflösung, als verfassungswidrig erfolgt, nicht anerkennen und beruft sich hiebei auf die Vorgänge in der Montagssitzung, daß das Mißtrauensvotum, in der Geschichte aller Parlamente als einzig dastehend, mit allen 513 gegen zweiunddreißig Stimmen angenommen wurde, daß also die Auflösungsordre von einer Regierung gegengezeichnet ist, die das Volksparlament abgelehnt hat. Hier passiert nur dem Nazipräsidenten - auch nach der Interpretation der auf demokratischer Basis stehenden linksgerichteten Zeitungen, selbst der sozialdemokratischen - ein grober Irrtum. Dieser „Irrtum“ wird von den Nazis zu Demonstrationszwecken mit der Tendenz: Schutz der Verfassung gebraucht. Faktisch liegt der Fall folgendermaßen: Der Reichstagspräsident hat dem Reichskanzler nicht das Wort erteilt, als er darum gebeten hatte. Der Reichskanzler kann aber nach der Verfassung auch außerhalb der Tagesordnung und in jedem Augenblick das Wort erbitten und muß es erhalten. Der Reichstagspräsident hat demnach schon hier die Verfassung verletzt. Die Parteien, welche sich auf die Verfassung immer berufen, das sind das Zentrum, die Sozialdemokraten, die Staatspartei, haben anscheinend unter der Hypnose der dramatischen Vorfälle jener Sitzung das von den Nationalsozialisten inszenierte Theater - gemeint ist der Staatsstreich „die Abstimmung ist bereits im Gange“ - mitgemacht. Die Verfassung ist demnach, wie auch gestern spät nachts in einem amtlichen Kommunique mitgeteilt wurde, von Seiten der Nazis verletzt worden. In dem Schreiben Göring’s an Hindenburg und Hindenburg’s an Göring handelt es sich eben um diese Verletzung der Verfassung. Göring hätte gerne den Reichstag noch weiter tagen gesehen, und er hatte auch die nächste Sitzung anberaumt, vorher sogar den Aeltestenrat einberufen. Auch die Sozialdemokraten, in Erkenntnis der Verfassungswidrigkeiten am Montag, hatten die Beschickung des Aeltestenrates abgelehnt. Den äußeren Ereignissen nach - darüber stimmen heute alle demokratischen Elemente überein - haben also der Reichspräsident und seine Regierung verfassungsmäßig gehandelt. Auch darüber darf kein Irrtum obwalten, daß der Reichspräsident das Recht hat, jederzeit mit Berufung auf den Paragraph 25, wenn er die Ordnung und Ruhe im Staate gefährdet glaubt, den Reichstag nach Hause zu schicken und einen Appell an das Volk zu richten.

Anders liegt der meritorische Teil der Auflösung und die durch die Auflösung bedingte Ausschreibung von Neuwahlen. Man sieht heute ein reserviertes Verhalten der demokratischen Parteien. Ein anderesmal hätte unter ähnlichen Erscheinungen jedes linksgerichtete Blatt, auch das der Sozialdemokraten, Zeter und Mordio wegen Verletzung der Verfassung und Nichtbeachtung des Volkswillens geschrien. Diesmal tolerierten diese Kreise die Auflösung. Und darin ist eben der Kern der Parlaments- und Regierungs-, wie überhaupt der deutschen Krise zu sehen. Wenn der Reichspräsident die Auflösungsurkunde unterschrieben hat, und die er vielleicht, wie man droht, nochmals und ein drittes Mal unterschreiben wird, dann bedeutet es nur, daß ein krankhafter Zustand im politischen Leben obwaltet, der durch ein Wahlergebnis nicht zu heilen ist. Die Deutschen befinden sich eben, wie gesagt, in einer bedrohlichen Lebenskrise, die längere Zeit zur Heilung benötigt. Diese Zeit will die Regierung von Papen nützen. Ihr Heilmittel ist die Notverordnung über die Ankurbelung der Wirtschaft. Sie soll das Schlagwort für die Neuwahlen sein. Die Wähler sollen unter diesem Schlagworte zu den Parteien zurückfinden, von denen sie abgefallen, zu den Deutschnationalen, deren Führer Hugenberg in Harzburg gesündigt hat, als er gemeinsame Sache mit Hitler machte. Die Millionen Wählermassen, die von den Deutschnationalen fahnenflüchtig wurden und zu Hitler gingen, sollen durch die Notverordnung zurückgeführt werden.

Vorläufig sind die Zustände in einer derartigen Verwirrung, daß in diesem Moment gar keine positive Voraussage gestellt werden kann, auch nicht, daß der Wahltermin verfassungsmäßig für die erste Hälfte November anberaumt werden wird.
Ego

(320916w1)


Görings Brief an Hindenburg [S. 1, oben, rechts]
Des Reichspräsidenten Antwort

Berlin, 14. September (Tel. des „Tag“). Das Schreiben des Reichstagspräsidenten Göring an Hindenburg, in welchem er die Auflösung des Reichstages als verfassungswidrig erklärt, hat großes Aufsehen hervorgerufen, weil es in einer Form gehalten ist, welches die Würde des Staatsoberhauptes verletzt. Die Antwort Hindenburgs an Göring ist im gleichen Tone gehalten. Im Schreiben des Reichspräsidenten wird die entsprechend der Verfassung erfolgte Auflösung des Reichtages nachgewiesen und festgestellt, daß - umgekehrt - der nationalsozialistische Reichstagspräsident die Verfassung verletzt habe, weil er den Reichstag weiter tagen ließ, trotzdem ihm das Auflösungsdekret bereits übergeben war. Es wurde noch nachts über diesen Schriftwechsel ein amtliches Kommunique ausgegeben.

In Kreisen des Reichskanzlers heißt es, daß der an den Reichspräsidenten gerichtete Brief Görings nicht persönlicher Natur sei, es handelt sich nur um die Notifizierung eines Beschlusses des Reichstagsausschusses der nach der Geschäftsordnung dem Reichspräsidenten zu übermitteln war.

Sie wollen Strafausschuß spielen
Der Überwachungsausschuß des Reichstages will beim Reichspräsidenten Schritte unternehmen, um ihn von der Rechtsgültigkeit der vom Reichstag gefaßten Beschlüsse zu überzeugen. Der Ueberwachungsausschuß soll sich eventuell in einen Untersuchungsausschuß verwandeln und die Vorgänge am Tage der Reichstagsauflösung prüfen. Hiebei sollen der Reichskanzler, der Reichstagspräsident, der Reichsinnenminister sowie der Schriftführer des Reichstages als Zeugen geladen werden.
Die Reichsregierung steht aber auf dem Standpunkt, daß der Ueberwachungsausschuß kein Recht habe, sich in einen Untersuchungsausschuß zu verwandeln.

(320916w1)


Wahltermin: 6 November [S. 1, rechts, Mitte]
Gestern fanden bereits Beratungen statt, um darüber schlüssig zu werden, ob sich der Ueberwachungsausschuß in einen Untersuchungsausschuß verwandeln kann. Lediglich die Nationalsozialisten und die Kommunisten stimmten für den Antrag, der angenommen wurde, während die Vertreter der anderen Parteien gegen den Antrag stimmten.
In politischen Kreisen heißt es, daß die Reichsregierung bei Ausschreibung von Neuwahlen verfassungsmässig vorgehen werde. Die Wahlen werden doch an dem bereits angesagten Termin, am 6. November, stattfinden.

(320916w1)


War ein Attentat der Kommunisten gegen den Reichstag geplant? [S. 1, rechts, Mitte]
Berlin, 14. September (Tel. d. „Tag“). Eine Abteilung von 50 Polizisten hat nachts eine genaue Haussuchung in den Kellerräumlichkeiten des Reichstagsgebäudes sowie in den für die kommunistische Fraktion reservierten Büroräumen vorgenommen. Der Vorsteher der politischen Polizei gab an, er habe diese Haussuchung auf Grund einer Anzeige angeordnet, daß die Kommunisten ein Bombenattentat gegen das Reichstagsgebäude planen; doch habe man nichts gefunden, was diese Anzeige begründet erscheinen ließe.

(320916w1)


Kurs gegen die Nationalsozialisten [S. 1, rechts, unten]
Die Regierung trägt sich mit der Ansicht, das Uniformverbot für politische Parteien wieder einzuführen und die nationalsozialistischen Sturmabteilungen aufzulösen. Dies würde bedeuten, daß die von Brüning verordneten Maßnahmen, welche Papen kurz nach seinem Regierungsantritt aufgehoben hat, wieder in Kraft gesetzt werden.
Es bestand ursprünglich die Absicht, den Belagerungszustand über Deutschland zu verhängen, wenn der von der Regierung aufgelöste Reichstag versuchen sollte, seine Tagungen fortzusetzen. Infolge der nachgiebigen Haltung des Reichstages aber ist die Regierung von dieser Absicht abgekommen.


Kommunistische Geheimdruckerei aufgedeckt [S. 1, rechts, unten]
Berlin, 15. September (Tel. des „Tag“). Die politische Polizei hat eine geheime kommunistische Druckerei aufgedeckt, in welcher eine Zeitung an Stelle des eingestellten kommunistischen Organs „Die Rote Fahne“ gedruckt wurde. Diese Zeitung trug die Bezeichnung „Die Rote Sturmfahne“ und wird seit mehreren Jahren als illegales Organ der Kommunisten herausgegeben. Nur in der Zeit, als „Die Rote Fahne“ verboten wird, erscheint dieses Organ in verstärkter Auflage. Es wurden 50.000 Exemplare beschlagnahmt. Die beschlagnahmte Nummer forderte zum Massenstreik auf und beschimpft den Reichspräsidenten, sowie die Mitglieder der Regierung. Insgesamt wurden sieben Personen verhaftet, die wegen Hochverrates unter Anklage gestellt wurden.

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->Kommunistisches Monatsblatt "Rote Sturmfahne" (1932)


Sachsenbischof Teutsch 80 Jahre alt
Am 16. September vollendet der Bischof der Siebenbürger Sachsen, Dr. Friedrich Teutsch, in Hermannstadt sein 80. Lebensjahr. 1852 als Sohn des Rektors des Schäßburger Gymnasiums, späteren Sachsenbischofs G. D. Teutsch und als Enkel eines Schäßburger Seifensieders geboren, studierte er in Heidelberg, Leipzig und Berlin Theologie und Geschichte. Seit 1907 leitet er als Bischof die siebenbürgisch-sächsische Landeskirche. In seinem organisatorischen und schriftstellerischen Schaffen verband sich Hingabe an die Wissenschaft mit steter Berücksichtigung der Anforderungen des wirklichen Lebens. Unter seinen etwa 100 wissenschaftlichen Arbeiten sind die „Geschichte der Siebenbürger Sachsen für das sächsische Volk“ und die „Geschichte der evangelischen Kirche in Siebenbürgen 1150 - 1917“ die bekanntesten. Auch hiermit vollendete er das vom Vater begonnene Werk. Hatte der Vater bei dem Uebergang der siebenbürgischen Deutschen aus dem österreichischen in den ungarischen Staat mitgewirkt, so fiel dem Sohn, unter allerdings weit schwierigeren Umständen, die Ueberführung aus dem ungarischen in den rumänischen Staatsverband zu. Im Jahre 1928 wurde Bischof Teutsch die höchste Ehrung des Deutschen Auslandsinstituts, der Deutsche Ring, verliehen.

(320916r1)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Teutsch
http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Daniel_Teutsch


Seite 2

Kein Brot [S. 2, unten, rechts]
Empfindlicher Brotmangel in der Stadt. - Die Primaria kündigt Gegenmassnahmen an.
„Der Tag“ hat schon gestern über den Ausbruch des Bäckerstreiks in Czernowitz berichtet. Die Auswirkungen des Streiks waren Mittwoch in der ganzen Stadt zu spüren. Die Bäckereien hatten die Verschleißer zuerst nur mit ganz geringen Vorräten beliefert und diese Belieferung bald vollständig eingestellt. Sie begründeten dies damit, daß sie den den Bäckern gewährten Rabatt sparen müßten. Die Folge war, daß das konsumierende Publikum, welches gewohnt ist, bei den Verschleißern seinen Brotbedarf zu decken, dies nicht tun konnte und zum größten Teile ohne Brot geblieben ist.
Wohl hatten die Bäckereien ihre eigenen Verkaufsstellen beliefert, aber es ist klar, daß diese nicht die ganze Stadt mit Brot versorgen können, zunächst schon aus rein technischen Gründen und dann, weil das Publikum gewöhnt ist, bei den Verschleißern zu kaufen. Man kann nicht von einem Tag auf den anderen die ganze Organisation des Brotverkaufes umstellen.

Es ergibt sich
die paradoxe Situation, daß in den Bäckereien eine Menge Brot ist, welches nicht oder nur zum kleineren Teil verkauft wird, während die Verkaufsstellen leer sind und die Bevölkerung kein Brot hat.

Außer den Konsumenten sind dadurch die Brotverschleißer betroffen, für welche der Gewinn aus dem Brotverkauf - sie haben einen Rabatt von 50 bani bis 1 Leu pro Brot - eine bedeutende Einnahmspost darstellt. Die Verschleißer und Greisler sind auch schon an die Primaria herangetreten und haben sie um Berücksichtigung ihrer Situation ersucht.

Die Bäcker freilich behaupten, daß von einem Streik nicht die Rede sein könne und daß genügend Brot in den Bäckereien vorhanden sei. Aber ob man nun ihr Vorgehen Streik, passive Resistenz oder wie immer nennen mag: die Bevölkerung ist der leidende Teil, weil sie ohne Brot geblieben ist. Die Konsumenten mußten, so weit ihnen dies möglich war, Semmeln kaufen, die natürlich viel teuerer sind und das tägliche Budget stark belasten, während die Bäcker daraus einen stark erhöhten Gewinn haben.

Die Primaria kündigt Broterzeugung und -verkauf in Eigenregie an.
In der Interimarkommission gibt man zur Situation folgende Erklärungen:

Die Stadtgemeinde hat bereits alle Vorkehrungen getroffen, um im Falle der Notwendigkeit Brot in eigener Regie zu erzeugen. Die Primaria hat einige Waggons Mehl aufgekauft und stellt dieses den Kleinbäckern zum Preise von Lei 6.30 (Milchmehl) zur Verfügung, damit diese Betriebe nicht stillgelegt werden. Unabhängig davon aber wurden Vereinbarungen abgeschlossen, die es ermöglichen, Brot in Eigenregie zu backen und dieses zu einem geringeren Preise abzugeben. Bei der Broterzeugung der Stadtgemeinde werden Arbeitslose beschäftigt werden, die sich bereits beim Ressortchef, dem Mitglied der Interimarkommission Herrn Mohr, melden können. Mit der Erledigung der Brotfrage wurden nebst Herrn Mohr Dr. Nicoara und Gavril Baranay betraut. Das von der Primaria erzeugte Brot soll durch Arbeitslose zum Verkauf gebracht werden. Diese Arbeitslosen werden einen täglichen Lohn von 40 Lei erhalten und das Brot in öffentlichen von der Primaria zu errichtenden Buden feilbieten. Auch die Militärbäckerei steht der Primaria zur Verfügung und dortselbst könnten mehrere tausend Brote täglich erzeugt werden, was im Bedarfsfalle geschehen wird.

Die Primaria kann vor Eintreffen des Gutachtens der Handelskammer und der Börse einer Brotpreiserhöhung nicht zustimmen.
*
Hiezu ist zu sagen, daß die Primaria sofort hätte eingreifen müssen, da gerade in einem solchen Falle, in dem es sich um die Approvisionierung der ganzen Bevölkerung mit dem wichtigsten Lebensmittel handelt, jede Stockung von Uebel ist.

(320916c2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Die neue Devisenverordnung [S. 3, oben, links]
Anstatt der erwarteten Erleichterung im Devisenverkehr, welche übrigens von der Regierung für den Herbst in Aussicht gestellt wurde, kommen immer neue Verschärfungen. Eine solche Verschärfung ist der neue Gesetzentwurf des Herrn Mironescu, welchen er der Deputiertenkammer vorgelegt hat. Der Gesetzentwurf enthält einen Motivenbericht und besteht außerdem aus 10 Artikeln. In den ersten zwei Artikeln wird bestimmt, daß die Regierung, je nachdem die Verhältnisse es verlangen werden, berechtigt ist, den Devistenhandel zu regeln oder einzuschränken, entweder für eine bestimmte oder unbestimmte Zeit und daß die Banca Nationala die Beschlüsse der Regierung ausführen und die Normen der Durchführung festsetzen wird. Die eigentlichen und wichtigsten Bestimmungen der neuen Devistenverordnungen sind in den Artikeln 3 und 5 enthalten. Der Artikel 3 bestimmt, daß die Banca Nationala autorisiert ist, jede Art von Kontrolle in den Aufzeichnungen der Banken, der Finanz-Institute, sowie jedweder Handels- und Industriefirma, wie überhaupt jeder Privatperson vorzunehmen, damit sie sich von dem Vorhandensein fremder Zahlungsmittel, sowie von der Art der durchgeführten Geschäftsoperationen überzeuge. Die Banca Nationala kann die Führung spezieller Bücher für derartige Operationen, sowie jede Art Mitteilung und Information verlangen. Die Verweigerung der Vorlage der Bücher und der Dokumente wird als Vergehen gegen die Bestimmungen der Devisenverordnung angesehen und mit den in derselben festgesetzten Strafen geahndet. Der Artikel 5 setzt die Strafen mit Lei 5.000 bis 3.000.000 und Gefängnis von 14 Tagen bis 3 Monaten fest. Die Exportleute, welche der Banca Nationala irreführende Deklarationen überreichen, werden mit Gefängnisstrafen von 1 - 3 Monaten und mit Geldstrafen von Lei 10.000 bis 500.000 bedroht. Die Ausfuhr von fremden Gelde und Noten der Banca Nationala ohne Bewilliung wird mit Lei 10.000 bis Lei 100.000 und mit Gefängnis von 1 - 6 Monaten bestraft. Der bloße Versuch, fremde Valuten auszuführen, wird mit einer Strafe von Lei 50.000 belegt. Diejenigen aber, welche, die Verordnung übertretend, Handel mit fremden Gelde betreiben, werden mit Gefängnis von 3 Monaten bis einem Jahr und mit Geldstrafe von 50.000 bist Lei 100.000 belegt. Der Artikel 10 hebt neuerdings das Recht für die beschränkte Anzahl von Banken zum Betriebe des Handels mit Devisen gemäß der Verordnung vom 23. Feber [österr. für Februar] 1923 gänzlich auf.

Wie wir sehen, handelt es sich in dieser neuen Devisenverordnung in der Hauptsache um Strafbestimmungen für die Übertretung der Vorschriften und wir müssen das wiederholen,was wir schon bei Erlassung der ersten Devisenverordnung gesagt haben, daß davon nur der Schleichhandel in Devisen profitierten wird. Wenn der Finanzminister in seinem Motivenbericht feststellt, daß der Schwarzhandel mit Devisen blüht und daß in den letzten Monaten von den drei Milliarden eingegangenen Devisen bloß zwei Milliarden der Banca Nationala abgeführt wurden, während eine Milliarde im Schleichhandel zur Verwendung gelangte, so wollen wir dies nicht bestreiten, aber wir meinen, wenn das wirklich wahr ist, so ist der Grund hiefür wohl hauptsächlich dem Umstande zuzuschreiben, daß seitens der Banca Nationala dem legitimen Importhandel nicht reichlich und nicht schnell genug die beanspruchten Devisen zugeteilt werden. Es ist bekannt, welche ungeheuere Schwierigkeiten mit der Erlangung von Devisen verbunden sind und gerade diese Schwierigkeit lockt und reizt den Exporteur dazu, einen Teil seiner Deviseneingänge zurückzubehalten, um denselben an die Importeure direkt zu besseren Kursen zu verkaufen. Diese Schwierigkeit weist den Importeur auf den unlegalen Weg zur Beschaffung der Devisen bei Exporteuren anstatt auf die Erledigung seines Gesuches bei der Banca Nationala monatelang zu warten, um dann nur einen geringen Teil von dem, was er braucht, zu bekommen. Wir müssen immer wieder an die Verordnung vom Jahre 1923 erinnern, welche einen vollkommen klaglosen Verkehr mit dem Auslande ermöglichte und die in ihrer Einfachheit genial war. Trotz der furchtbaren Erschütterung, welche unser Lei gerade zu jener Zeit erlitt, ist es durch die Devisenverordnung vom Jahre 1923 vollkommen gelungen, den Kurs des Leu wieder herzustellen und alle Ansprüche der Importeure, des Reiseverkehrs, wie aller derjenigen, welche Zahlungen an das Ausland zu leisten hatten, klanglos zu befriedigen. Die Devisenverordnung vom Jahre 1923 basierte bloß auf einem einzigen Grundlatz, nämlich darauf, daß alle Ansprüche für wirtschaftliche Zwecke ohne weiteres bewilligt wurden. Allerdings war der Devisenhandel auf eine Anzahl von Banken beschränkt. Es ist wirklich nicht notwendig, daß wir uns nach dem Beispiele des Auslandes richten sollen, gerade dort wo die Verhältnisse ein selbständiges Vorgehen verlangen. Ein Land wie Rumänien, dessen Export weitaus größer ist, als der Import, wo übrigens der Import von Nahrungsmitteln, der allein der gefährlichste ist, gar nicht in Betracht kommt, hat es nicht nötig, drakonische Devisenverordnungen zu erlassen. Wir wissen wohl, daß Devisen für die Bezahlung der Auslandsschulden notwendig sind, aber sie können nicht durch künstliche Maßnahmen beschafft werden, sondern nur durch Exportüberschuß. Durch Gesetze und Verordnungen vermehren sich Devisen nicht um einen Bani; durch eine kluge Exportpolitik allein verbessert sich unsere Handelsbilanz und infolgedessen auch die Zahlungsbilanz. Unsere Armut ist leider die beste Gewähr für eine Einschränkung des Importes. Wir sehen ja, wozu die Kontingentierungen und die Deviseneinschränkungen geführt haben: Zur fortwährenden Schrumpfung des Güteraustausches und zur Verarmung der Länder.

Plutus

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Die in der Zeitung durch (dünne) Fettschrift hervorgehobenen Passagen wurden zwecks besserer Lesbarkeit durch Kursivschrift ersetzt.


Tereblesti [S. 3, rechts, unten]
(Selbstmord des Professors Sauer). Der im Kimpolunger Gymnasium beschäftigte 48 Jahre alte Professor Jakob Sauer, der auch im Czernowitzer Gymnasium längere Zeit tätig war, beging Selbstmord, indem er sich eine Kugel in die Schläfe jagte. Motiv der Tat soll ein unheilbares Leiden sein.

(320916t3)
Klaus Binder
 
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Nr. 153, Samstag, 17.09.32

Postby Klaus Binder on 15. September 2010, 12:31

Seite 1

Leitartikel
Brot [S. 1, oben, links]
Die Stadtgemeinde zeigt zu wenig Energie. Hat sie sich mal mit den Bäckern in den Kampf eingelassen, dann muß sie auf alle Folgen gefaßt sein, das heißt den Krieg auszufechten, bis der Sieg errungen ist. Ein Schwanken darf es nicht geben. Es ist müßig zu streiten, ob die Vorgänge im Bäckereigewerbe Streik, passive Resistenz oder Zurückhaltung im Verkauf der Backwaren heißen, auf den Titel kommt es nicht an; das Publikum ist zum Herumlaufen gezwungen und muß in diesem Kampfe den Spielball abgeben. Von einer Autorität, als die man den Magistrat hinstellen müßte, verlangt man jedoch in einem solchen Streite, daß sie das Vollgewicht ihrer Macht, Würde und Stellung in die Schlacht wirft. Entweder - oder; entweder ist der von den amtlichen Sachverständigen ermittelte Preis der autoritative, dann ist, wie gesagt, das Vollgewicht der Kampfmittel zur Belassung des alten Brotpreises anzuwenden, den [dann ist der] Gegner zur Strecke zu bringen und für die Interessen der Bevölkerung den [der] Sieg zu erreichen - oder die Errechnung der Sachverständigen ergibt das Resultat, daß die Mehlrpeise gestiegen, die Regie in die Höhe gegangen ist, demnach der von den Bäckern geforderte erhöhte Brotpreis motiviert ist, dann soll sie Mut haben, es zu bekennen und nicht auf sich die Blamage einer Niederlage zu laden. Ein drittes gibt es nicht. Lord Grey, der englische Minister des Äußeren beim Kriegsausbruch, sagte einmal im Unterhause: wenn eine Großmacht ein Ultimatum stellt, dann muß sie von vornherein überzeugt sein, daß sie verpflichtet ist, falls das Ultimatum vom Gegner nicht angenommen wird, die Annahme der Bedingungen mit Waffengewalt zu erzwingen. Falls die Großmacht nach Ablehnung der Bedingungen schwankt, dann verliert sie Autorität und Ansehen. Der Magistrat befindet sich in diesem Stadium. Für den Magistrat fürchten wir fast, daß er den Kampf, den er selbst gesucht, nicht durchführen wird. Die Herabsetzung der Autorität ist bereits im Gange, denn die Vorbereitungen für den Kampf sind nicht getroffen; sie hätten eben noch während der Verhandlungen getroffen sein sollen, und ein Marktamt, das auf seine Ehre etwas hält, müßte den Mobilisierungsplan derzeit in einer geheimen Schublade zur Verfügung haben. Das ist leider auch in dieser Sache nicht der Fall, und darum schwankt jede Operation, wie man überhaupt konstatieren muß, daß die Bewegung der Teuerung in allen Lebensmittelarten zu Ungunsten der Bevölkerung vor sich geht. Es ist darüber zweimal an dieser Stelle Klage geführt worden. Der Herr Marktdirektor scheut aber die Verantwortung und gibt keine Antwort.*) Der Krieg mit den Bäckern ist im Gange. Bei den offensichtlichen Mängeln der Führung des Marktamtes wird der Herr Marktdirektor kaum Sieger bleiben. Nicht der Magistrat würde jedoch der Besiegte sein, sondern das Publikum, weil es ein Marktamt ohne strategische Fähigkeiten besitzt.
S-r.

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*)Im Tag Nr. 145, 7.09.1932 (noch nicht abgetippt) auf Seite 1 fragt ein Ego den Marktdirektor und im ->Tag Nr. 147, 10.09.32, Seite 2 fragt ein Pagat abermals. Eventuell verbirgt sich hinter S-r, Pagat, Ego dieselbe Person?
- Ansonsten hebt dieser „S-r“ hier völlig ab. Es geht doch um die Ernährung, speziell der "Armen" und nicht um die Ehre eines Marktamtes. Auch kann man wohl kaum von "Krieg" sprechen (und wenn: es gab/gibt neben den Scharfmachern und Haudegen auch noch sowas wie "Pazifisten")
- Die Ungeduld des Schreibers (und wohl einiger anderer Bürger, darunter der Bäcker) ist nachvollziehbar: man findet bereits im ->Tag Nr. 16, 31.03.32, Seite 2, den Artikel "Bäcker verlangen Erhöhung des Brotpreises * Sie drohen mit Streik"



Parlament [S. 1, rechts, unten]
Die Nöte der Bukowina
Interpellation des Abgeordneten Roznovan

In der Kammersitzung vom 14. d. M. brachte der Abgeordnete von Kimpolung Theodor Roznovan (Sozialdemokrat) eine Interpellation ein, in welcher er sich mit den Verhältnissen in der Bukowina befaßte und hervorhob, daß dieses Land mehr noch als die anderen Teile des Reiches unter der Wirtschaftskrise leide und daß die Bevölkerung hier am meisten verelendet sei.
Er brachte dann einige der wichtigsten Fragen, welche die Bukowina tangieren, vor und erklärte es als Pflicht der Regierung, seinen Vorschlägen gemäß Maßnahmen zu treffen.

Nach dem Kriege habe man die Regulierungen der Flußläufe vollständig beiseite gelassen und so sei die Bevölkerung fast alle Jahre den katastrophalsten Ueberschwemmungen ausgesetzt, die furchtbare Not hervorrufen.
Die Bukowinaer Bauernschaft beklagte sich noch heute über die Art, in der ihr der enteignete Boden zuerteilt wurde. Sowohl bei der Enteignung wie bei der Verteilung herrschten Willkür und Ungerechtigkeit. Den wenigen Boden, den die Bauern bis heute bekommen hätten, hätte man ihnen bis jetzt auch nicht einmal im Grundbuch auf ihren Namen eingetragen.
Durch das Gesetz von 1924 über den Erwerb der rumänischen Staatsbürgerschaft wurde vielen Menschen das Staatsbürgerrecht geraubt.
Den in kompakten Massen in der Bukowina lebenden ethnischen Minderheiten wurde das Recht genommen, in ihrer Muttersprache unterrichtet, verwaltet und gerichtet zu werden.
In der Bukowina leben eine große Zahl von Bauern durch den Anbau der Zuckerrübe für die Zuckerfabriken in Itzkani, Jucica und Lujeni. Infolge der Stiefmütterlichkeit, mit der diese Provinz behandelt werde, ist dieser Zweig der Landwirtschaft so gut wie eingestellt.
Die Sparkasse von Czernowitz wurde durch eine korrupte und kenntnislose Führung von Anhängern der jetzigen Regierung zugrunde gerichtet; auf diese Weise gingen die Ersparnisse tausender arbeitender Menschen verloren und die Bevölkerung wurde eines Kreditinstitutes beraubt, dessen Notwendigkeit sich im Laufe der letzten Dezennien erwiesen hat.
Auch mit der Banca regionala wurde die Bukowinaer Bevölkerung eines wertvollen Kreditinstitutes beraubt.

Die Kriegsentschädigungen, die sich auf hunderte von Millionen belaufen, wurden, obwohl sie die Regierung in Empfang genommen hatte, nicht ausgezahlt. Auch die Einleger der ehemaligen österreichisch-ungarischen Postsparkasse sind nicht zu ihrem Gelde gekommen.
Redner schlug konkrete Lösungen aller dieser Fragen im Sinne der gerechten Forderungen und der Bedürfnisse der Bevölkerung vor und erklärte am Schlusse:

„Wir verlangen, daß die Regierung die nötigen Maßnahmen in höchster Eile trifft, denn nur so kann der Bukowina geholfen werden.
Wenn die Regierung fortfahren wird, diesen Problemen auszuweichen, darf sie sich nicht wundern, wenn die Geduld der verarmten Bevölkerung ein Ende nimmt.“


Im weiteren Verlauf der Sitzung kündigte der Abgeordnete Pompiliu Ioanitescu eine Interpellation über die Wirtschaft bei den Eisenbahnen an und griff heftig den Generaldirektor Ionescu an. Redner verlangte, daß seiner Interpellation die Dringlichkeit zugebilligt werde. Trotzdem der Verkehrsminister Mirto gegen diesen Antrag war, bewilligte die Kammer die Dringlichkeit dieser Interpellation.

Der Abgeordnete Mischie wandte sich gegen die Steuerbarbareien und der Abgeordnete Landau brachte einen Gesetzentwurf aus parlamentarischer Initiative zur Abänderung des Gesetzes über den Erwerb und Verlust der rumänischen Staatsbürgerschaft ein.

(320917r1)


Seite 2

Die Situation auf dem Brotmarkt [S. 2, oben, links]
Wo bleibt das Brot der Primaria?

Der Konflikt zwischen der Stadtgemeinde und den Bäckereien spitzt sich immer mehr zu. Der Leidtragende aber ist das konsumierende Publikum, sowie die 600 Greisler, die von den Bäckereien nicht beliefert werden. Die Greisler, welche hohe Steuern und sonstige Abgaben zu leisten haben, sehen sich schwer geschädigt. Das Publikum aber kann von den Großbäckereien allein nicht in genügendem Maße beliefert werden, wenn auch die Betriebe zum Teil aufrecht erhalten werden.
Die Kleinbäcker sind bereits nicht imstande, auch weiter dasselbe Brotquantum wie bisher zu erzeugen, da sie kein Mehl zur Verfügung haben. Hingegen wurde bei den Großbäckereien die Erzeugung nicht eingeschränkt. Eine hiesige Großbäckerei, die in ihrem Betriebe täglich ungefähr 2000 Brote herstellte und in der eigenen Verkaufsstelle bisher kaum 200 verkauft hat, erhöhte gestern ihre Erzeugung auf 4000, wobei fast das ganze Quantum in der eigenen Bäckerei abgegeben wurde. Es herrschte geradezu ein Sturm auf die Bäckerei.
Inzwischen macht sich aber eine Mangel an Mehl fühlbar und die Mühlen verhalten sich beim Mehlverkauf sehr reserviert.

Nach einem Bericht der Börse ist auch das Getreide wieder gestiegen. Es notierte gestern 4.70, während es noch am Vortage 4.50 notiert hat.
Auf Grund dessen fand gestern um 5 Uhr nachmittags in der Bäckergenossenschaft eine Beratung statt, an welcher fast alle Bäcker teilnahmen. Es wurde beschlossen, die weiteren Maßnahmen der Primaria, besonders die angekündigte Probebackung, abzuwarten. Davon wird das weitere Verhalten der Bäcker abhängen.
Die Mühlen der Primaria mahlen, wie es sich zeigt, sehr langsam und das Backen in Eigenregie schiebt sich immer mehr hinaus, obwohl die Stadtgemeinde nach den vorangegangenen Vorfällen auf diese Entwicklung der Ereignisse gefaßt sein mußte.
Die Verhandlungen mit zwei Bäckereien haben sich zerschlagen und die Verhandlungen mit der Militärbäckerei gehen nur sehr schwierig vor sich, weil diese Bäckerei für das Militär backen muß und der Forderung der Primaria, mehrere tausend Brote herzustellen, nicht nachkommen kann.
Gestern hat die Primaria einen Waggon Mehl gekauft und ihn den Kleinbäckereien zum Preise von 6.50 abgegeben, damit diese die Betriebe nicht stillegen. Die Stadt Czernowitz benötigt aber zwei Waggons täglich und so ist mit dieser Maßnahme natürlich nicht viel geholfen.
Die Primaria hätte aber, wenn sie der Situation gewachsen wäre, gewiß die Möglichkeit, Brot in Eigenregie abzugeben und dieses sogar billiger auf den Markt zu bringen, umsomehr als die hohen Regiespesen, Steuern, etc. hier wegfallen. Auch sind die Arbeitslosen viel billiger zu beschäftigen als die von den Bäckern beschäftigten Gehilfen, die nach dem Kollektivvertrag bezahlt werden müssen. [fett v.m.]


Theater und Kunst
Gastspiel M. Lampe und Frau Schoischanu im Goldfadentheater [S. 2, rechts, unten]
Zuvorerst sei richtiggestellt, daß die Künstlertruppe nur aus den zwei genannten Schauspielern besteht, zweitens haben beide nichts mit der „Habimah“ gemein, außer das Lampe ein Schauspieler großen Formats ist und gestern in der Premiere „Parnusse“ als „Tewie der Milchiger“ das Reisch-Theater mit einer Kunst geadelt hat, wie sie dieser Bühne noch nie zuvor geschehen ist. Von Frau Schoischanu hat man nur kleine Flämmchen ihres Könnens aufleuchten gesehen, sie hatte wohl auch nicht die zusagende Beschäftigung. Aber Lampe darf uneingeschränkt und ohne Hinzutun besonderen Wohlwollens als virtuoser Charakterdarsteller bezeichnet werden. Den „Tewie“, diese Gestaltung unzerstörbarer Gläubigkeit und einer Wundergüte, wie sie nur ein Schulem Aleichem schaffen konnte, hat Lampe in allen seinen Nuancen gezeigt, stellenweise war er monumental: er, der arme Fuhrmann Tewie, Rollenträger aller großen Schmerzen und kleinen Freuden des kernechten, proletarischen, gottvertrauenden Judentums, lehrt uns, daß über allem Konfessionalismus der Mensch allein steht. Lampe, der durch alle Flammen der Leiden geht, erhebt sich immer wieder mit neuer Seelenstärke zur allesverstehenden Menschlichkeit und allesverzeihenden Vaterliebe.
Ein tosender Beifallsturm durchbrauste den Raum des Goldfadentheaters in der Russischengasse, und Lampe wurde unaufhörlich und mit wahrem Jubel vor die Rampe gerufen.
H. H.

(320917c2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Moratorium [S. 3, oben, links]
Zum neuen Konvertierungsentwurf

„Der Tag“ hat bereits vom neuen Konvertierungsprojekt des Herrn Mironescu berichtet, welches im Einvernehmen mit allen Mitgliedern der Regierung, mit dem Chef der National-zaranistischen Partei Maniu und mit dem ausländischen Delegierten, - worauf übrigens die Regierung das größte Gewicht legte - zustande gekommen sein soll.
Das, was die Bukarester Zeitungen über den Inhalt des Projektes berichten, halten wir nicht für vollständig, aber aus dem bisher bekannt gewordenen läßt sich feststellen, daß in mancher Hinsicht das gegenwärtige Projekt über das frühere Gesetz hinausgeht, daß aber jedenfalls für alle landwirtschaftlichen Schuldner eine Atempause von achtzehn Monaten gewährt wird. Es ist schwer, das Gesetzesprojekt zu besprechen, bevor seine endgültige Fassung bekannt ist, aber der Grundgedanke einer Atempause - oder, offen gesagt, eines Moratoriums - kann als vorläufige Lösung bezeichnet werden. Die Bestimmung, daß ein gütlicher Ausgleich zwischen Schuldner und Gläubiger innerhalb der anderthalbjährigen Frist erfolgen muß, ist neben der {betreffend die} Einführung des Moratoriums die wichtigste und interessanteste*). Es ist bloß nicht klar, wie und vor welchem Forum die Ausgleichverhandlungen stattfinden sollen, denn eine direkte Verständigung zwischen Schuldner und Gläubiger wird ja wohl trotz der Androhung von Sanktionen schwerlich zu erzielen sein. Die Sanktionsandrohungen können doch wohl nur so zu verstehen sein, daß der an dem Nichtzustandekommen des Ausgleiches schuldtragende Teil mit einer Sanktion belegt werden wird und eine solche Schuld kann, wenn überhaupt, doch nur von einem eigenen Forum festgestellt werden. Über das frühere Gesetz hinaus geht die Begünstigung für diejenigen Schuldner, welche innerhalb der Moratoriumsfrist Zahlungen leisten werden, da diese nach dem vorliegenden Meldungen dem Schuldner doppelt angerechnet werden; mit anderen Worten: die Schuld wird bis zu 50% gestrichen. Auch hier fehlt eine nährere Präzisierung, was innerhalb der Frist zu verstehen ist, da dies ja auch unmittelbar vor Ablauf des Termines sein könnte.
Ob die Konvertierung der landwirtschaftlichen Schulden von Rechts wegen - das ist für diejenigen Schuldner, deren Besitz bis 10 ha. umfaßt - ebenfalls aufgehoben ist, geht zur Zeit als diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht klar hervor; doch glauben wir wohl, daß, wenn eine Atempause gegeben wird, also wenn das Prinzip des Moratoriums angenommen wurde, diese sich wie eingangs erwähnt auf alle Kategorien der Landwirte beziehen müßte, um eine einheitliche Maßnahme zu erzielen. Wir kommen {auf} [in] unserem Wochenbericht auf diese Angelegenheit noch zurück.

Es heißt, daß die ausländischen Delegierten und Sachverständigen und Sachverständigen ihre Arbeiten bereits beendet haben und demnach vor dem Verlassen unseres Landes stehen.

Die letzten Finanzgesetze der Regierung
die von uns bereits besprochen wurden, und das neue Schuldnergesetz für die Landwirte sind demnach über Wunsch und mit Zustimmung der ausländischen Experten zustandegekommen, und haben keine ungetrübte Freude bei unserer Bevölkerung ausgelöst. Trotzdem ganz hervorragende Männer wie Sir Otto Niemayr [Niemeyer] und die Franzosen Denis und Dayras an der Ausarbeitung der Gesetze mitgewirkt haben, ist wohl der Zweifel berechtigt, ob dieselben den Verhältnissen unseres Landes und auch seinen wirtschaftlichen Interessen sich werden anpassen lassen.
Inzwischen geht der Ruf der anderen Schuldnerkategorien nach Erleichterung ihrer Schuldenlast weiter; er wird jetzt angesichts des den Landwirten gewährten Moratoriums sicherlich noch stärker erschallen.
Plutus

Richtigstellung. Im Artikel von gestern: „Die neue Devisenverordnung“ soll es bei den Strafbestimmungen richtig heißen: zehntausend bis eine Million und fünfzigtausend bis eine Million und nicht zehntausend bis hunderttausend und fünfzigtausend bis hunderttausend. Das Versehen ist beim Setzen unterlaufen.

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*) Hier liegt vermutlich ein Druckfehler vor. Die in "{ }" gesetzen Worte gehören da nicht hin.
http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Ernst_Niemeyer


Die Hinrichtung vor den 20.000 [S. 3, rechts, oben]
Wie der Präsidentenmörder Gorgulow starb

Aus Paris wird gemeldet: Noch in der Nacht auf Mittwoch hatten sich in der Nähe des Gefangenhauses Sante, wo am nächsten Tag um 6 Uhr früh die Hinrichtung des Präsidentenmörders Gorgulow stattfinden sollte, viele tausende Neugierige angesammelt, um dem grausigen Schauspiel beizuwohnen. Die Menge, die auf 20.000 geschätzt wurde, mußte durch einen besondern Wachdienst gehindert werden, ganz nahe zum Schauplatz der Hinrichtung zu drängen. Inzwischen hatte Gorgulow die letzte Oelung genommen. Als man ihn fragte, was man nach einer Stunde als seinen letzten Wunsch seiner Frau sagen sollte, erwiderte er: „Ich bitte sie um Verzeihung für die Kränkungen, die ich ihr zugefügt habe. Sie soll unser Kind gut und in den antibolschewistischen Ideen erziehen.“
Als man ihn zur Guillotine abführte, war Gorgulow vollständig gefaßt. Auf dem Wege sagte er noch seinen Begleitern: „Ich bin weder Kommunist noch Monarchist. Ich sterbe für meine Ideen.“ Noch einmal, schon vor dem Schafott, umarmt er dann den Priester und seinen Verteidiger Geraud.
Ruhig und lächelnd besteigt er das Schafott, wo bereits der Henker Deibler wartet. Von hier ruft er noch einmal zur angesammelten Menge: „Ich bitte euch alle um Verzeihung; Rußland - Vaterland!“
Er hat nicht Zeit, mehr zu sagen, denn schon saust das Fallbeil auf seinen Schädel und das grausige Schauspiel, dem viele Tausende beigewohnt hatten, ist zu Ende.

(320917w3)


Radautzer gewinnen einen Haupttreffer bei der Klassenlotterie [S. 3, rechts, Mitte]
Donnerstag hat die „Banca Comerciala Nationala“ in Czernowitz von der Klassenlotterie die Verständigung erhalten, daß das von ihrer Filiale in Radautz verkaufte Los Nr. 52244 bei der Ziehung der fünften Klasse in Bukarest einen Treffer von 750.000 Lei gemacht hat. Das Los war in Vierteln und Achteln verkauft worden und zwar an den pensionierten Major und Delegierten der Diskont Ion Matasaru, den Eisenwarenhändler Markus Rosenblatt, den Manufakturwarenhändler Schaje Stenzler, den Kaufmann Alter Wassermann und ein Fräulein Polzer. Der Betrag wurde durch die „Banca Comerciala Nationala“ den glücklichen Gewinnern sofort zur Auszahlung gebracht.

(320917lotterie3)


Seite 4


Für Reduzierung der europäischen Kriegsschulden an Amerika [S. 4, Mitte]
Aus Berlin wird gemeldet: Die „B.Z. am Mittag“ veröffentlicht ein Telegramm ihres Newyorker Korrespondenten, in welchem es heißt, daß die europäischen Finanzsachverständigen den Vereinigten Staaten den Vorschlag unterbreitet hätten, daß die Kriegsschulden Europas an Amerika von 11 Milliarden auf eine Milliarde herabgesetzt werden.


Offiziersverschwörung gegen Stalin? [S. 4, Mitte]
Aus Warschau wird gemeldet: Nach hier vorliegenden Meldungen aus Moskau ist dort eine weitverzweigte Verschwörung gegen das Leben Stalins aufgedeckt worden. 120 Personen, darunter viele Offiziere der Roten Armee, sollen von der GPU verhaftet worden sein, Wie verlautet, steht auch Kriegsminister Woroschilow unter dem dringenden Verdacht, an der Verschwörung beteiligt zu sein.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Kliment_Je ... oroschilow


Gandhis Hungerstreikdrohung [S. 4, Mitte, unten]
Große Erregung in Indien
Aus Bombay wird gemeldet: Der Entschluß Mahatma Gandhis, aus Protest gegen die Wahlordnung in den Hungerstreik zu treten, hat in ganz Indien große Erregung hervorgerufen. Angesichts des Fanatismus des greisen Führers ist damit zu rechnen, daß er sich tatsächlich zu Tode hungern wird. Man glaubt, daß die englische Regierung die Verantwortung für seinen Tod nicht übernehmen und ihn am 20. September, dem Tage des Antrittes des Hungerstreikes, nach Sabarmati Ashram abschieben wird. Die Führer der verschiedenen indischen Kasten haben auf die Ankündigung von Gandhis Hungerstreik hin sofort neue Verhandlungen aufgenommen und streben eine Kompromißlösung an, die Gandhi annehmen könnte.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Mohandas_Karamchand_Gandhi
Klaus Binder
 
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Nr. 154, Sonntag, 18.09.32

Postby Klaus Binder on 16. September 2010, 14:13

Seite 1

Deutschland kommt nicht zur Abrüstungskonferenz [S. 1, oben, links]
Berlin, 17. September (Tel. des „Tag“). Reichsaußenminister v. Neurath sandte an den Präsidenten der Abrüstungskonferenz Henderson im Namen der Reichsregierung folgendes Schreiben:

Herr Präsident! In den Verhandlungen der Generalkommission Abrüstungskonferenz vom 23. Juli, hat der Vertreter der Reichsregierung den Standpunkt Deutschlands bekanntgegeben und mitgeteilt, daß die Frage der Abrüstung der entwaffneten Staaten nicht ohne Lösung bleiben könne. Ehe nicht die deutsche Forderung auf Gleichstellung der Rüstungen gelöst wird, kann Deutschland an den weiteren Verhandlungen nicht teilnehmen. Die Frage der Abrüstung muß so gelöst werden, wie sie der Versailler Vertrag vorschreibt. Alle Staaten müssen gleich behandelt werden und es darf nicht Regeln und Gesetze geben, die ein diskriminierendes Ausnahmsregime für gewisse Staaten schaffen. Diese Voraussetzung zu verwirklichen, hat sich die Reichsregierung auf diplomatischem Wege ergebnislos bemüht. Daher bedauert es die Reichsregierung, der an sie ergangenen Einladung an der Eröffnungssitzung der Konferenz am 21. September teilzunehmen, nicht Folge leisten zu können. Sie wird aber mit dem größten Interesse den Verlauf der Konferenz verfolgen.
Durch weitere schriftliche Noten werde sich auch kaum ein Ergebnis erzielen lassen, daher wird die Reichsregierung die Französische Note nicht beantworten: sie erklärt sich aber bereit, auf mündlichem, diplomatischen Wege die Verhandlungen fortzusetzen, müsse aber schon jetzt betonen, daß der in der Denkschrift vom 29. August dargelegte Standpunkt von der Reichsregierung nicht aufgegeben werden wird.

Der Reichsaußenminister empfing gestern den französischen Botschafter Francois Poncet, dem er hievon Mitteilung machte.
Auch den anderen Staaten, die an der Frage der Abrüstung interessiert sind, wurde eine Verständigung in diesem Sinne abgesandt.

(320918w1)

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de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Abrüstungskonferenz
http://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin ... on_Neurath
http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Henderson
de.wikipedia.org/wiki/André_François-Poncet


Litwinow kommt nach Berlin [S. 1, Mitte]
Moskau, 17. September (Tel. des „Tag“). Auf seiner Reisen nach Genf wird der Volkskommissär für Außenangelegenheiten Litwinow sich einen Tag in Berlin aufhalten.

(320918w1)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Maxim_Maxi ... h_Litwinow


Hindenburg beglückwünscht Bischof Teutsch [S. 1, unten, rechts]
Berlin, 17. September (Tel. des „Tag“). Anlässlich des 80. Geburtstages des Siebenbürger Bischofs Dr. Teutsch sandte Reichspräsident Hindenburg dem Jubilar ein Glückwunschschreiben und sein Bild. Die gesamte deutsche Presse würdigt in langen Artikeln die Bedeutung des Bischofs Teutsch und zählt seine Werke sowie seine Verdienste für die Siebenbürger Rumänen auf. Bischof Teutsch ist Ehrenmitglied der preussischen Akademie sowie Ehrendoktor der Universität Jena.

(320918r1)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Teutsch
http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Daniel_Teutsch


Seite 2

Heute: Städtisches Brot [S. 2, Mitte]
Der Konflikt mit den Bäckern soll Dienstag beigelegt werden

Der Konflikt zwischen der Primaria und den Bäckern ist noch immer nicht beigelegt. Die Besprechungen in dieser Richtung dauern an, es konnte aber noch nicht eine Formel gefunden werden, die alle Teile befriedigt. Inzwischen ist das konsumierende Publikum wie die Greisler, denen der Brotverkauf entzogen wurde, der leidtragende Teil. Während des gestrigen Tages machte sich erhöhter Brotmangel fühlbar und die Bäckereien konnten die an sie gestellten Anforderungen nicht erfüllen, obwohl die Großbäckereien die Erzeugung nicht eingeschränkt haben, doch haben die kleinen Bäckereien die Erzeugung reduziert, sodaß sich der Hauptkonsum auf die Großbäckereien beschränkt.
Eine Delegation der Bäcker unter Führung des Obmannes der Bäckerorganisation Bilgrey erschien gestern um 12 Uhr vormittags beim Vizepräsidenten der Interimarkommission Dr. Nicoara sowie beim Vorsitzenden des Approvisitionierungsamtes Mohr. Sie verwies darauf, daß die Mühlen Kornmehl nur in geringen Mengen, Brotmehl überhaupt nicht abgeben wollen. Die Primaria müsse daher raschest eingreifen und eine Lösung finden.
Die Mitglieder der Interimarkommission teilten mit, daß diese Angelegenheit am Dienstag in einer Sitzung der Interimarkommission Gegenstand der Beratung bilden und entschieden werden werde, da bis zu diesem Tage auch das von der Primaria angesuchte Gutachten der Handelskammer eingetroffen sein werde.
Inzwischen ist die Antwort der Börse in der Stadtgemeinde eingelangt, darin heißt es, daß die Börse kein Gutachten abgeben kann, weil an ihr nur der Getreidepreis, nicht aber der Mehlpreis notiert, außerdem könne die Börse keinen direkten Einfluß auf die Berechnung der Gestehungskosten nehmen, da es ihr nicht obliege, eine Überprüfung der Kalkulation vorzunehmen.

Städtisches Brot um 7 Lei
Ungeachtet der Verhandlungen mit den Bäckern hat die Stadtgemeinde mit zwei Bäckereien einen Vertrag für ein Jahr abgeschlossen, auf Grund welchem sich diese Bäckereien verpflichten, Brot für die Primaria herzustellen. Der Backlohn wurde mit ungefähr 70 Bani per Brot festgesetzt. Heute werden bereits die ersten 3000 Brote in den Verkauf gebracht. Das von der Primaria hergestellte Brot wird vollgewichtig sein und 7 Lei kosten. Unabhängig vom Resultat der Verhandlungen mit den Bäckern wird die Primaria auch weiter in eigener Regie Brot erzeugen, um den ärmeren Schichten der Bevölkerung ein billiges Brot verabreichen zu können.
Vorläufig werden, wie erwähnt, täglich 3000 Brote zum Verkaufe gebracht. Dieses Quantum wird aber im Bedarfsfalle - und es ist anzunehmen, daß dieser eintritt, weil der Konsum größer ist - erhöht werden.

Drei Verkaufsstellen
Das städtische Brot wird zunächst in drei Verkaufsstellen feilgeboten und zwar: im Hofe der Primaria, am Theaterplatz und am Decebalplatz.

Dienstag: Brotpreiserhöhung?
Nach allen Anzeichen wird der dienstägige Beschluß der Interimarkommission unter Berufung auf das auch in den letzten Tagen anhaltende Steigen der Getreidepreise eine Erfüllung der Forderungen der Bäcker nach Erhöhung des Preises auf 8 Lei 50 für 1 kg Brot bedeuten. Doch erhofft die Stadtverwaltung, durch die fortzusetzende Broterzeugung in Eigenregie eine freiwillige Ermäßigung des Preises zu erreichen.


Seite 3

Sonntagsmorgen
Sonntagsglocken und Sonnenschein,
rings ist Jubel und Singen.
Mädel wandert zum Stelldichein.
Wird es ihr Frohes bringen?

In sich trägt sie ein Herz voll Lieb'
»Nimm, ich schenk Dir's zu Eigen«
Doch er verlangt's nicht und wehdurchtränkt
Liest sie das Nein in dem Schweigen.

Sonntagsglocken und Sonnenschein,
Rongs ist Jubel und Singen.
Langsam, müde wankt sie heim
Mit zerbrochenen Schwingen . . .
Dorata

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Wer mag "Dorata" sein?


So ist das Leben [S. 3, unten; S. 4, unten, links]
Das Kino ist am Nachmittag fast ganz leer. Dann ist es am sympathischsten. In einer Loge sitzt ein Herr, der hält ein Mädchen umschlungen und beide sehen nicht zur Leinwand hin. Irgendwo in den vorderen Reihen sitzt ein einsamer Mensch, ein Eindecker [?], und knackt geistesabwesend Kürbiskerne.

Auf der Leinwand Foxens tönende Wochenschau. Fox weiß alles, sieht alles. Schönheitskönigin von Kalifornien in Palm-Beach. Der Ozeanflieger Gronau beim Empfang in . . . Militärparade vor dem königlichen Schloß in London . . . Schwimmkonkurrenz in San Nemo . . . Die Taufe des jungen Prinzen in Mödling . . . Exkönig Alfonso als Taufpate . . .

Eine Totenfeier für Briand. Paris. Rund um das Grab stehen Menschen. Jemand hält eine Rede. Dann gehen sie, einer nach dem andern, am Grabe vorbei und legen Blumen nieder. Dabei sagen sie: Pour la paix! Mädchen und junge Burschen, der Reihe nach, legen ihre Blumen hin und sprechen die Formel: Pour la paix! Auch Deutsche sind darunter, die sagen: Für den Weltfrieden! Und dann gehen sie weiter. Einer nach dem andern, nachdem Reden gehalten und Blumen niedergelegt wurden. Der Friedhof leert sich.
Allein bleit der, dem die Reden, die Blumen gelten. Es ist still und ruhig ringsum, der Himmel ist unergründlich blau, ein leiser Wind spielt mit den Gräsern und Halmen, die sich wiegen und bewegen, eine Spätsommersymphonie, Leben auf der Stätte des Todes.
Hier ist Friede.
In der Welt ist Krieg.

Zu gleicher Zeit, als die Jungen und Alten am Grabe des großen Europäers vorbeimarschierten, Blumen niederlegten und Pour la paix! riefen, zu gleicher Zeit marschiert in Deutschland der Stahlhelm auf, wird der Eid in einer Formel geleistet, die Krieg der Völkerverbrüderung, Krieg dem Pazifismus, Krieg dem Frieden ankündigt.
Zu gleicher Zeit hält General Schleicher eine waffenstarrende Rede und suggeriert den leicht Begeisterten, die Provinz Ostpreußen fühle sich bedroht. Wer bedroht sie? Nicht der müde Feind von gestern - der eigene Chauvinismus, falsche Nationalismus, Militarismus.
„Nationale Selbstverteidigung“ - die Phrase klingt und umgarnt zähnefletschende Generale, die „Wacht am Rein [Rhein]“ ertönt und das Deutschlandlied, schon flimmern Tränen der Begeisterung in den Augen der Leute - Musik, Kriegsmusik, Märsche - die haben nicht wenig zum großen Völkermorden beigetragen. Man ahnt es kaum. Damit hat man sie gepackt, begeistert, berauscht; Fanfarenklänge, Trompetenwirbel: das hat die Hundertausenden angetrieben, in Blutrausch versetzt, so zogen sie hinaus zum großen Schlachten, die jauchzenden Klänge der Marschmusik in den Ohren - bis sie, zu spät, Kanonendonner und Pfeifen der Granaten aufstörte, herausriß aus ihrer Extase, bis der Mund nicht mehr Hurrah schreien konnte, weil Blut ihm entquoll und die Erde tränkte.
Pour la paix! - , spät, sehr spät erwachte die Selbstbesinnung. Damals, als Millionen Leichen Anklage erhoben, weil man sie getäuscht, belogen und betrogen, verhetzt und hineingehetzt hatte in einen sinnloses, bestialisches Brudermorden, damals, als Tausende von Müttern um ihre Söhne, Gattinnen um ihre Männer, Bräute um ihre Liebsten jammerten: damals kamen sie zu sich und sahen, was geschehen war.

Am Grabe Briands rief man: Pour la paix! Zu gleicher Zeit rüsten die Staaten um die Wette, Krieg steht vor der Türe, in Laboratorien wird an der Vollendung der letzten technischen Errungenschaften zur Ausrottung der Menschheit gearbeitet, mit Autarkie beginnt es, mit Zollkriegen, mit der Phrase von der Sicherheit des Staates und seiner Grenzen - kein Volk der Welt bedroht sie, kein Volk der Welt will den Krieg, aber die Staatsmänner wollen ihn, und sie bereiten ihn vor, mit aller Verlogenheit und Schliche der Diplomatie finden sie immer das Mittel, um an der möglichen Lösung der Konflikte, die sie künstlich konstruiert haben, vorbeizukommen, ihr auszuweichen. Und immer sind es noch Hundertausende, die nicht genug haben, eine neue Generation ist im Werden, sie ist empfänglich für die Schlagworte Vaterland und Heldenmut und heroische Selbstverteidigung, denn was weiß sie vom Krieg? Unter der Maske von Sportverbänden regt sich allerorten der Militarismus, in Deutschland hat der Kyffhäuserbund kriegerische Kundgebungen veranstaltet - die Athmosphäre wird systematisch geschaffen.
Blauer, unergründlicher Himmel spannt sich über dem Grabe des Friedensfanatikers, Mädchen und Jungens gehen vorüber, legen Kränze und Blumen nieder und sagen zaghaft, gedrückt, still: Pour la paix. . .

Dr. Heinrich Dehmel [fett v.m.]*), Sohn des verstorbenen Dichters Richard Dehmel, hat Selbstmord begangen. Er war Arzt, gab den anderen Heilmittel und sich Veronal. Er half andern zum Leben, sich zum Tod.
Der Arzt Dr. Heinrich Dehmel war einer jener unglücklichen, vom Schicksal gezeichneten Menschen, die es sich in den Kopf gesetzt haben, ihren Mitmenschen Freund, Helfer und Berater zu sein. Sein Herz schlug für alle in gleich rührender, gleich warmer Lebendigkeit, er lebte für die Menschheit und starb an ihr. Er stritt und focht für die unentgeltlichen ärztlichen Beratungsstellen, schuf für ratlose Liebende, die nicht wußten, was sie mit ihrer Liebe zueinander anfangen sollten, weil sie davon nicht leben konnten, Eheberatungstellen, und war, nehmt alles nur in allem, ein Mann. Ihr werdet keinen seinesgleichen sehn.
Zuletzt richtete er eine Beratungsstelle für Selbstmörder ein. Hier vollzieht sich die Tragik seines Geschicks, zeichnet sich die blutige Ironie, die ein erbarmunsloses Jahrhundert an seinen Kindern übt, mit aller Deutlichkeit ab. Der Mann, der von armen, gehetzten, ohnmächtigen Menschenkindern die letzte Konsequenz, die sie aus ihrem verpfuschten Leben ziehen wollten, abzuwenden suchte, unterlag eben dieser Konsequenz, weil er immer nur vom Gedanken erfüllt war, anderen zu helfen, ohne daran zu denken, daß er sich selbst helfen müsse.
Er fand für die Selbstmörder alle Trostworte, die imstande sind, einer schon fast erloschenen Seele neues Leben einzuhauchen, gebrochenen Mut wieder aufzurichten, zu zeigen, daß das Leben, dieses furchtbare Leben doch lebenswert sei, sprach von Mannesmut und der Feigheit, die sich darin offenbart, daß die Angst vor dem Leben in den Tod flieht, gab Hoffnung und Hilfe, soviel ein großes Herz und zwei offene Hände geben konnten.
Bei ihm selbst versagten all diese Argumente. Sich selbst konnte er nichts weis machen. Er sah seinen wirtschaftlichen Verfall langsam, aber unaufhaltsam sich vollziehen, die Räder des Schicksals erfaßten ihn, er machte verzweifelte Anstrengungen, um ihnen zu entfliehen, und als er sah, daß es unmöglich war, schloß er schaudernd vor dem zähnefletschenden Hungergespenst, das nach ihm griff, die Augen und nahm Veronal, um sie nicht mehr öffnen zu müssen.

(Fortsetzung von Seite 4)
Er hatte nicht bedacht, daß, wer andern hilft, allein bleibt und hilflos. Menschenschicksal eines erbarmungslosen Jahrhunderts.

Unterdessen treibt eben dieses Jahrhundert sein blutiges Possenspiel mit Menschenschicksalen weiter, gibt dem einen das, was es Hunderten, Tausenden genommen, entrissen, vom Leibe geschnitten hat. Müde senkt sich der Kopf über Manusskripte, Zeitungen, Meldungen, die kalaidoskopartig grauenvolles Elend, Not, Hunger und qualvollen Tod auf der ganzen Welt zeigen - da bleibt das Auge an einem großen, auffallenden, in Balkenlettern gedruckten Titel haften:

„Alfons XIII. ißt ein Fünf- Pengö-Menü“
Und darunter: „Budapester Gesellschaftssensationen“. Wenn die Not am höchsten, ist das „Neue Wiener Journal“ am nächsten. Wenn der Arbeitlose, ohnmächtig vor Hunger, vor einer mit herrlichen, durftenen Dingen vollgespickten Auslage eines Delikatessengeschäftes zusammenbricht, so hört er, mit grausamer Schärfe in sein schwindendes Bewußtsein geschmettert, eine Dame im Geschäfte sagen: „Und dann eine Dose Kaviar, aber nur vom echten, russischen . . .“
Wenn ein armer Verzweifelter in seinen nackten, düsteren vier Wänden zu Pistole greift, weil er das Leben nicht mehr ertragen kann, vermischen sich mit der Schußdetonation die Klänge der Jazzmusik im Lautsprecher, Übertragung aus dem Café Esplanade . . . Und wenn der Proletarier gebrochen in seine Behausung wankt, seine Kinder mit vor Hunger fiebernden Augen ihm ihre Hände entgegenstrecken und nach Brot schreien, so darf er ihnen vorlesen:

„Die größte gesellschaftliche Sensation von Budapest ist die Anwesenheit des Königs von Spanien . . . Infantin Isabella ist eine schöne, elegante Frau . . . lud beide zum Diner ein, das im öffentlichen Speisesaal des Hotels vor aller Welt eingenommen wurde . . . die Sensation des Tages aber ist, daß König Alfons sich ein Fünf-Pengö-Menü bestellte und daß auch seine Tischgnossen diesem Beispiel folgten. Nach den Hors d'oeuvres . . . der Kellner entgegnete, daß heute Paprikahendel im Menü serviert wird, worüber König Alfons sehr erfreut . . . gegen 7 Uhr abends erschien der König, der einen dunkelgrauen Anzug trug, in der Hall [Halle?] und kaufte die neuesten Pariser und Wiener Blätter, darunter auch das „Neue Wiener Journal“ . . . der König scheint es besonders den Budapester Frauen angetan zu haben, denn sie sind unter den Zuschauern stark vertreten . . .“

Nicht vertreten sind die Millionen Hungernden, Elenden, Arbeitslosen, Krüppeln, Waisen, Witwen, Gestrandeten, Unglücklichen, von Gott und Menschen Verlassenen, denen es Sensation bedeutete, könnten sie sich ein Stück Brot um den hundertsten Teil des sensationellen Fünf-Pengö-Menüs kaufen.

So ist das Leben

Heinrich Goldmann

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• Fox:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wochenschau
• Briand "Vater der Europäischen Union"?:
http://de.wikipedia.org/wiki/Aristide_Briand
de.wikipedia.org/wiki/Kyffhäuserbund
• Veronal:
http://de.wikipedia.org/wiki/Barbital
• Eheberatungstellen (nicht viel):
http://de.wikipedia.org/wiki/Eheberatung
• Pengö (ungarische Währung):
de.wikipedia.org/wiki/Pengő
de.wikipedia.org/wiki/Alfons_XIII._(Spanien)
Neue Wiener Journal (ab 1934)

*) Dr. Heinrich Dehmel: Über ihn gibt es (noch) keinen Wikipedia-Artikel, nur über seine Eltern, bzw Vater:
http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Dehmel
http://de.wikipedia.org/wiki/Paula_Dehmel
Heinrich Dehmel war anscheinend mit Else Lasker-Schüler befreundet:
„Dehmel, Heinrich • (gest. 1932). Der einzige Sohn Richard Dehmels • Nachruf: «Anonym:» Selbstmord Heinrich Dehmels. Mit Veronal vergiftet. In: Vossische Zeitung (Berlin). Nr. 441 (Morgen-Ausgabe) vom 14. September 1932, 1. Beilage.

Gedicht: »Die Erkenntnis« • Berliner Tageblatt. Jg. 61, Nr. 444 (Sonntags-Ausgabe) vom 18. September 1932: »Else Lasker-Schüler widmet dieses Gedicht ihrem verstorbenen Freunde Heinrich Dehmel« • Werner Kraft-Archiv (Manuskript): »meinem Freunde Heinrich Dehmel«.“
aus:
http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_048.htm

Über den Selbstmord Heinrich Dehmels, bzw die allgemeinen Umstände, erfährt man etwas aus dem Buch:
"Der Zeitzeuge" von Joachim Dyck * Wallstein Verlag, 2006 - 464 Seiten
Es geht um die Misere der Ärzte in der Weimarer Zeit, speziel um 1930, Zitat, Seite 21:
„Ab Juli 1930 mußte der Arzt zudem jedem Patienten fünfzig Pfenning in bar abnehmen, was einen Rückgang der Patientenzahlen zur Folge hatte. Es ist keine Frage, daß die Ärzte »below or near the existential minimum« lebten [19] und das politische und wirtschaftliche Klima der Weimarer Republik als feindlich empfanden. Die Zeitungen berichteten von Medizinern, die sich mit Nebenjobs als Barmusiker oder Wachmänner über Wasser zu halten versuchten. Ärzte standen als Würstchenverkäufer am Berliner Hauptbahnhof. Auch der Ärztestand war von einer hohen Selbstmordrate betroffen. «Doppelselbstmord aus Wirtschaftsnot« betitelte die «Vossische Zeitung« am 12. Oktober 1932 ihren Bericht über eine Selbstötung mit Gift: »Die Praxis ging so zurück, daß sich die Hausbewohner wunderten, wovon der Arzt überhaupt lebte. Ein promintes Opfer war Dr. Heinrich Dehmel, der Sohn Richard Dehmels, der sich mit Veronal vergiftete«[20]. Der »Hartmannbund« beschloß im Juni 1930, wegen der Misere zur Unterstützung der bedürftigen Kollegen von jedem seiner Mitglieder eine Einmalspende von einhundert Mark einzuziehen.“ aus:
books.google.de



Seite 4

Werbung * Ankündigung
Rucksäcke [S. 4, rechts, Mitte]
Brotsäcke, Regenmäntel im Sport-Atelier Frantii Adler & Riegler, Landhausgasse 17 (En gros En detail) 2030


Ein Vortrag Dr. Erich Rolls [S. 4, rechts, Mitte]
auf dem Kongreß der Britischen Akademie der Wissenschaften

Herr Dr. Erich Roll, Dozent an der Nationalökonomischen Fakultät in Hull (England) wurde von der Britischen Akademie der Wissenschaften eingeladen, vor dem von ihr alljährlich veranstalteten Kongreß, welcher diesmal in York stattfand, einen Vortrag zu halten. Wie die englischen Zeitungen berichten, hat Dr. Roll am 6. ds. vor einer außerordentlich zahlreichen Teilnehmerschaft, bestehend aus den größten englischen Universitäts-Professoren, diesen Vortrag gehalten.
Der Vortragende wählte das Thema „Die Weltwirtschaftskrise und die Mitteleuropäischen Banken“ und behandelte ausführlich die Wirkungen der Krise auf das Banksystem, wobei er die Vorfälle in Oesterreich, Deutschland, der Czechoslovakei, Ungarn und Rumänien besprach; am ausführlichsten wurden von ihm die Bankereignisse in Deutschland behandelt, da dort die Eingriffe des Staates am stärksten hervortraten, welche möglicherweise zu einer bedeutsamen Aenderung des Bankensystems führen können.

Der Vortrag dauerte eine Stunde lang. Am Schlusse erntete Dr. Roll minutenlangen Beifall.
Unter den Anwesenden befand sich auch eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, Sir Yosua Stamp [Joshua Stamp], der sich außerordentlich lobend über den Vortrag äußerte.
Insbesonders der „Manchester Guardian“ und die „Times“ bringen lange Auszüge des Vortrages, was für das außerordentliche Interesse spricht, welchem der Vortrag des Herrn Dr. Roll begegnete.

Wir freuen uns, diese unseren Landsmann und auch unser Land ehrende Nachricht bringen zu können und erinnern bei dieser Gelegenheit, daß Herr Dr. Roll mit seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch über die Industrieorganisation in England ganz außerordentlichen Erfolg hatte. Dieses Buch wurde von bedeutenden Zeitungen Englands, Irlands, Schottlands, Amerikas, Kanadas, ja sogar Australiens sehr lobend besprochen.

(320918i4)

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http://en.wikipedia.org/wiki/Eric_Roll, ... _of_Ipsden
http://czernowitz.ehpes.com/stories/roll/roll.html
http://www.trumanlibrary.org/oralhist/rolle.htm
->Sir Joshua Stamp (1880-1941)


Seite 6

Wirtschafts-„Tag“
Kongreß der Kaufleute in Czernowitz
Wochenrundschau von Plutus

In der weltwirtschaftlichen Situation sind in der abgelaufenen Woche Ereignisse von besonderer Wichtigkeit nicht zu verzeichnen; was die Beurteilung derselben jedoch anbelangt, so kann man leider wieder die Neigung zum Pessimismus beobachten. Anlaß hiezu geben die uneinheitlichen Börsentendenzen und der Rückgang der Metallpreise, deren Aufstieg vor einiger Zeit gemeldet wurde und von welchem hauptsächlich die optimistische Beurteilung augegangen ist.

Die Konferenz in Stesa,
welche vor dem Abschlusse steht, hat wohl eine Einigung der Agrarstaaten untereinander gebracht, doch bleiben wir noch immer bei unserer Auffassung, daß auch
die Beschlüsse von Stresa keine wesentliche Beeinflussung zum Bessern der wirtschaftlichen Lage der Südosteuropäischen Staaten und somit Europas überhaupt bringen werden.
Der Zusammenschluß der Agrarstaaten kann nicht von besonderer Bedeutung sein, solange die Weltstaaten nicht untereinander vollständig einig sind, wie und in welchem Ausmaße sie den Agrarstaaten Hilfe bringen wollen.
Im letzten Augenblick hat auch England, offenbar wegen seiner Gebundenheit durch die Beschlüsse in Ottava [Ottawa], erklärt, wohl kein Gegner der Abmachungen in Stresa zu sein, aber selbst an diesen Maßnahmen nicht teilnehmen zu können. Die Präferenzfrage soll durch die Bildung des gemeinsamen Fonds gelöst, bezw. ersetzt werden, wogegen die Meistbegünstigungsklausel weiter in Geltung bleibt.

Bei uns war die Woche ausgefüllt von den Verhandlungen und Mitteilungen über den

Stand der Konvertierungsfrage
Die allerletzten Nachrichten von heute lauten, daß das Moratorium von allen Landwirten in Anspruch genommen werden kann; von denjenigen, welche mehr als 10 ha besitzen, jedoch nur dann wenn ihr Einkommen aus der Landwirtschaft mindestens 6% beträgt, und wenn ihre Verschuldung per Hektar 20.000 bezw. 40.000 Lei nicht übersteigt. Gegenüber den gestrigen Mitteilungen ist hervorzuheben, daß die Moratoriumsfrist sich in zwei Teile spaltet. Die eine Frist beträgt sechs Monate, innerhalb welcher Zeit ein gütlicher Ausgleich zwischen Schuldner und Gläubiger zustande kommen kann und innerhalb welcher Zeit 4, beziehungsweise 5 Prozent Zinsen vom Schuldner zu bezahlen sind. Der zweite Teil von 12 Monaten fällt den Besitzern bis 1 Hektar bedingungslos, denjenigen über 1 Hektar unter den obenerwähnten Bedingungen zu. Die Exekutionen haben während der ganzen Dauer des Moratoriums suspendiert zu werden. Hervorzuheben ist die Bestimmung, daß auch Kreditinstitute, welche landwirtschaftliches Wechselportefeuille in der Höhe von 4 Prozent ihres Gesamtportefeuilles besitzen, das Moratorium in Anspruch nehmen können, jedoch hat die Banca Nationala das Ausmaß zu bestimmen, welches für die Rückzahlung der Schulden dieser Institute beziehungsweise der dem Moratorium unterliegenden Verpflichtungen in Betracht kommt.
Wir glauben nicht, daß durch diese Modifikation viel gegenüber dem früheren Gesetze für die Gläubiger gewonnen wurde. Jedenfalls stellt auch dieses Gesetz wie wir schon so oft behauptet haben, eine starke Bevorzugung einer einzelnen Wirtschaftsklasse gegenüber allen anderen Schuldnerkategorien und Wirtschaftszweigen dar.

Was

die allgemeine Wirtschaftslage in unserem Lande
anbelangt, so ist leider auch in der abgelaufenen Woche eine Besserung nicht zu verzeichnen. Der Getreidemarkt ist schwach, die Preise geben etwas nach, der Export läßt viel zu wünschen übrig, namentlich ist dies was den Export über Czernowitz anlangt, der Fall.

Die in der vorigen Woche infolge Beeinflussung durch die Weltmärkte aufgetretene Befestigung einiger Aktien an der Bukarester Börse konnte zu Wochenschluß nicht mehr ganz aufrecht gehalten werden. Die Stabilisierungsanleihe hielt sich die ganze Woche hindurch fest und schloß 46.75 - 47. Von den Industrie-Aktien konnte Refitza ebenfalls den Kurs behaupten.

Zu verzeichnen sind
die Bestrebungen zur Errichtung von Kompensationsanstalten und zum weiteren Ausbau der Clearing-Einrichtungen im internationalen Verkehr.

In der Czechoslowakei ist bereits ein Kompensationsamt errichtet, doch stellt sich dasselbe als eine große Behinderung des Güteraustausches dar. Und trotzdem sind auch bei uns derartige Bestrebungen im Zuge. Wir werden auf die Rückständigkeit und Schädlichkeit dieser Anstalten für den internationalen Güteraustausch noch bei anderer Gelegenheit zu sprechen kommen.
Auch das geplante Clearing-House zwischen Deutschland und Rumänien halten wir für ein vollkommen überflüssiges, ja handelstörendes Unternehmen. Im Grunde genommen schafft sich der internationale Verkehr selbst sein Clearing.

Die Not unserer Kaufmannschaft verschärft sich von Tag zu Tag, und sie hat den Plan zu einer Aussprache, zu einer groß angelegten Beratung gezeitigt. Der am Sonntag zusammentrende

Kongreß der Kaufleute
veranstaltet von den hiesigen Detailhändlern wird sich mit sehr wichtigen Fragen des Handels, wie unserer Wirtschaft überhaupt befassen. Die brennende Frage der Besteuerung und Steuereinhebung wird sicherlich den Mittelpunkt der Diskussion bilden. Auch die Frage der Entschuldung wird zur Sprache kommen und es wäre sehr zu wünschen, daß dieser Kongreß Beachtung im ganzen Reiche finde, daß seine Beschlüsse der Regierung zur Richtschnur dienen mögen. Es wäre auch zu wünschen, daß dieser Kongreß von allen kaufmännischen Vereinigungen des Landes zahlreich beschickt werde, damit die Kundgebung sich eindrucksvoll gestaltet.
Eines ist besonders hervorzuheben, daß sämtliche kaufmännische Organisationen dieses Landes darnach streben müssen, Forderungen und beachsichtigte Interventionen durch die einzig hiefür in Betracht kommende Zentralstelle, die Handelskammer, zum Ausdrucke zu bringen.

Wir gebrüßen die Sonntagstagung des Kongresses der Kaufleute und wünschen seinen Arbeiten und Beschlüssen vollsten Erfolg im Interesse des fleißigen, tüchtigen Standes und im Interesse der Gesamtwirtschaft unseres Landes.

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->Konferenz von Ottawa
- Der "Mitteleuropäischer Wirtschaftstag" gehört nicht ganz hier hin, aber neben der allgemeinen Weltwirtschaftslage wird auch der Versuch deutscher Industrieller in Südosteuropa Einfluß zu gewinnen erwähnt:

de.wikipedia.org/wiki/Mitteleuropäischer_Wirtschaftstag
de.wikipedia.org/wiki/Meistbegünstigungsprinzip
http://de.wikipedia.org/wiki/Clearing


Seite 7

„Der Sieger“ [S. 7, oben, links]
Pressevorführung im Gloria-Palast

Das Manuskript ist von Liebmann und Leonard Frank. Leonard Frank schrieb das Buch „Der Mensch ist gut“ und er weil er gut ist, schließt er auch den Film mit dem üblichen happy end ab.
Die Regie voller geistreicher Einfälle, die Musik, von R. Heymann, in klassischer Weise den Handlungen angepaßt.
Hans Albers, der Sieger, siegt auf der ganzen Linie. Mit ihm siegt Käthe von Nagy, ein kaproziöses, aber blendend schönes Gesicht. Man kann gut verstehen, daß diese Frau Männer verrückt macht und sie zum Selbstmord treibt.
Julius Falkenstein ist ein wunderbarer amerikanischer Millionär; zittrig, launenhaft, generös bis zur Bewußtlosigkeit.
Die übrigen: Hans Brauseweter, Friede Richard u. s. w., alle auf der Höhe, die ihnen ihr Rang in der Theaterwelt unerläßlich macht.
Die Handlung interessant, abwechslungsreich, anregend.
Der Massenbesuch war gerechtfertigt.
Hego


Werbung * Ankündigung
Die Czernowitzer Herbstsensation: [S. 7, unten, links]

Die Eintrittskarte als Gewinnmöglichkeit
Grosse Vorbereitungen für das „Fest der 100.000“ am Sonntag, den 18. September 1932.

Das Tagesgespräch der Stadt ist das bevorstehende „Fest der 100.000“, die Herbstsensation von Czernowitz. Dieses grossartige Fest, dessen Reinerträgnis allerdings einem wohltätigen Zweck, der Winterhilfsaktion des offiziellen Arbeitslosenkomitees, zugeführt wird, appelliert trotzdem nicht an die Mildtätigkeit der Czernowitzer, es hat es nicht notwendig, denn

hier ist die Veranstaltung der Gebende, nicht der Besucher, wenn man bedenkt, dass man die Möglichkeit hat, für nur 10 Lei sich einen Sonntag lang ausgezeichnet zu amüsieren, wie noch nie.
Sonst sind die Sonntage wegen ihrer feierlichen Langeweile gefürchtet, dieser Sonntag wird aber ein unvergessliches Fest für alle, Arm und Reich, Gross und Klein, bleiben

Und darüber hinaus erhält man als Eintrittskarte (je 10 Lei) ein Los, mit welchem ein Radioapparat, ein Pathefon oder Schallplatten (2000 Gewinne) gewonnen werden kann.

Die Vorbereitungen für dieses grossartige Fest sind in vollem Gange, ein grosses Komitee hat alle Hände voll zu tun, um dieses Fest zu dem zu machen, was es werden wird: Die Herbstsensation von Czernowitz! Das Fest

der „100.000“ am Sonntag, den 18. d. M.

Das Programm:
Beginn 11 Uhr vormittags, Feierliche Eröffnung durch die Behörden. - Ein Freilichtfest, wie es bei uns noch nie gesehen wurde.

Am Sonntag, den 18. d. geht die Czernowitzer Herbstsensation in Szene. Es findet ein Massenkonzert (150 Musiker unter Leitung von Prof. Krämer) statt.

Aus dem Programm:

1. Jubiläumsmarsch von Prof. Krämer.
2. Meyerbeer: Fackeltanz.
3. Strauß: Walzer.
4. Beethoven: Die Schlacht von Vitorio.
5. Kinderjazzorchester (100 Kinder mit einem besonderen Schlagerprogramm).
Tanzparkett mit Salonmusik, Freilichtkino.
Schönheitskonkurrenz. (Die schönste Besucherin wird prämiiert).
Tombola der 2000 Gewinne.
Kabarett: Eine Revue der Czernowitzer Theaterleute mit originellem Programm
Konfettischlacht, Juxbazar, Juxpost, Petermarkt, Schaubuden: kurz:

Ein Volksfest wie noch nie.

Abends: Fanfarenmusik, Feuerwerk, bisher noch nie gesehene pyrotechnische Vorführungen.
Massenturnen der Sportvereine: Stafettenlauf, Gruppenübungen, rhythmisches Turnen.

Zum Eintritt berechtigen nur an den Tageskassen des Volksgartens gekaufte, mit einem besonderen Vermerk versehene Lose (für die Arbeitslosenwinterhilfsaktion) à 10 Lei. Mit dem Eintrittslos erhalten Sie die Möglichkeit, einen Radioapparat, ein Grammophon oder eine wertvolle Schallplatte zu gewinnen. Kartenvorverkauf nur in der Primaria, Tür 77.

Mit diesem Los das als Eintrittskarte für das grosse Volksfest gilt können Sie ein Radio Patephon oder Schallplatten gewinnen! *)

(320918c7)

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*) Rechts neben diesem Satz ist ein Los abgebildet. Auf dieser Abbildung ist ein arbeitsloser Vater mit vier hungrigen Kindern zu sehen. Der Text darauf ist rumänisch.
Diese Aktion wurde u.a. im ->Tag Nr. 142, 03.09.32, Seite 2 im Artikel "Winterhilfsaktion für die Arbeitslosen" vorgestellt. Dort wurde in der Anmerkung die Frage gestellt, ob es nur um Arbeitslose in Czernowitz geht, ob das zentrale Ministerium in Bukarest solche Lotto-Aktionen in jeder Stadt einzeln "genehmigt" usw. Dem Text auf dem abgebildeten Los entnimmt man, daß dies tatsächlich der Fall ist. Die Aktion wurde also in Bukarest speziell für Czernowitz genehmigt/unterstützt. Mutmaßlich gab es für andere Städte, z.B. Bukarest, ähnliches.
Klaus Binder
 
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Nr. 155, Dienstag, 20.09.32

Postby Klaus Binder on 18. September 2010, 12:09

Nr. 155, Dienstag, 20.09.32

Seite 1

Leitartikel
Der Kongreß [S. 1, oben, links]
Der Stadtpräsident hat gesprochen, der Arbeitsinspektor hat den Kongreß begrüßt, die Politiker und die Prominenten, welche zur Kaufmannschaft gute Beziehungen unterhalten wollen, haben miteingestimmt in das große Klagelied der Repräsentanten des heimischen Commerz. Es hat sich auf diese Weise eine Symphonie der städtischwirtschaftlichen Lokalkrise ergeben, in welcher man das ganze große Leid vernahm, welche den Handel durchzieht. Es bleibt nur die Frage, ob dieser Chor endlich gehört werden wird, und ob die Wirkungen, die man sich nach dem reichlichen Redefluß erhofft, auch eintreten werden.

Schon das einleitende Referat gruppierte das Thema in zwei Teile: die Krise, die von der Weltwirtschaft ausgeht und sich auf das Reich und auch auf die Stadt Czernowitz hinzieht, und die Krise, für die man Lokalmotive sucht. Die Gruppierung ist richtig. Eine Krise gibt es heute mal überall. Daß für diese Stadt das Privileg der Nichtkrise nicht geschaffen werden konnte, ist erklärlich. Der große Jammer kann sich also auf die Weltkrise allein nicht berufen; er muß schauen, warum es hier schlechter ist als im Reiche. In diesem Falle dürften eben bisher Fehler angehäuft sein, die man schon früher hätte beseitigen müssen, was man aber nur durch Lamentos zu erreichen glaubte, gegen die man aber erst jetzt durch Solidarität, die wahre Geschlossenheit unter den Kaufleuten, zu Felde zu rücken entschlossen ist. Wenn in diesem Sinne der Kongreß hiezu beitragen wird, dann ist ein gutes Stück Weges für das Ziel der Sanierung zurückgelegt. Die Kaufleute seien aber davor gewarnt, es beim Kongreß allein bleiben zu lassen, berauscht oder dupiert durch die phrasenreichen Reden der Volkvertreter aller Schattierungen, die sich an einem solchen Tage, der die Popularität bereichert, gerne hören lassen. Es lassen sich Korrekturen vornehmen; diese sind vor allem in den eigenen Laboratorien, die den Verlauf des Geschäftes bestimmen, vorzunehmen. Die Devise muß immer noch heißen: „Alles für die Kundschaft“, „nur gut und billig“. Es ist ebenso die Betonung auf das Wort gut, wie auf das Wort billig zu legen. Das wäre die Tätigkeit »pro foro interno«. Darüber hinaus kommt schon die Mitwirkung der Helfer und Retter der Kaufmannschaft in Betracht. Das wäre ein konzentrierter Angriff gegen die Übergriffe des Steuerfiskus, gegen die Chikanen [franz: Schikanen]*) der Zollämter, gegen die Mechanismen der Devisenordnung, gegen alles, was mit Verwaltung, vor allem mit der staatlichen Verwaltung, zusammenhängt. Es darf nicht das alte Schema bleiben, das immer noch hier Trümpfe feiert, daß der Kaufmann ein Wurzobjekt der Obrigkeit ist. Dieser Obrigkeit müßte mit Faustschlägen eingedrillt werden, daß sie nur für die Kaufmannschaft da ist, für den Handel und damit auch fürs Publikum. Dafür sollen die Herren Vertreter des Volkes die Mandate besitzen, sie sollen sich nicht hinter Verantwortungen verschanzen, sondern die Kaufleute vor den Gewalttaten und Willkürakten, gleichgültig bei welcher Behörde, schützen.

Ein einziges Mal zu einem Kongreß kommen und eine Rede halten, das ist keine praktische Unterstützung; aber mit den Kaufleuten und für den Handel mitgehen, eingreifen gegen die Brutalitäten einer dünkelhaften Bürokratie, die Schädlinge des Staates, das wären heroische Interventionen, die man hoch anschlagen würde. Der Kongreß hat bewiesen, wie notwendig die Solidarität ist, aber was noch wichtiger ist, wie notwendig die Führung und Unterstützung durch die Stellen und Persönlichkeiten, welche für den Handel und für das Volk da sind, wären.
Ego

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*) Im „Tag“ wird öfter Chikane geschrieben: ->chikane


Ausgeburten des Chauvinismus [S. 1, rechts, Mitte]
Angriffe gegen Minderheitenschulen der Bukowina in der Bukarester Presse

Fast gleichzeitig erscheinen in großen Zeitungen der Hauptstadt Artikel, die sich gegen bestimmte Schulen in Czernowitz richten, zum Teil ausgesprochene Minderheitsschulen, zum Teil allgemeine Privatschulen, die aber größtenteils von Schülern der Minderheiten besucht sind, was auch im betreffenden Artikel hervorgehoben wird. Der chauvinistische Charakter dieser Hetze springt daher in die Augen, wobei es freilich möglich, ja sogar wahrscheinlich ist, daß sich hinter diesem unangebrachten Chauvinismus Geschäftsinteressen und Konkurrenzneid bergen.

Der „Viitorul“ veröffentlicht in seiner Nummer vom 18. d. unter dem Titel

„Der Skandal an den Minderheiten-Privatgymnasien in Cernauti“
einen Artikel folgenden Inhaltes:
„In Czernowitz ist seit einigen Jahren das Knabenlyzeum Emanoil Grigorowitza in Betrieb, das von den Professoren Hodel und Silberbusch, und das Privatmädchengymnasium Hofmann, das von Professor Hofmann geleitet wird.
Der hauptsächliche Zweck dieser Privatanstalten ist es, die Schüler der Minderheiten dem Unterricht an den rumänischen Staatsschulen zu entziehen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ohne entsprechende Kenntnisse in Sprache, Literatur, Geschichte und Geographie von einer Klasse in die andere aufzusteigen.
In dieser Hinsicht genügte es zu erwähnen, daß bei den rumänisch Empfindenden der Eindruck obwaltet, daß bei diesen Minderheiten-Privatschulen die Studienqualifikationen und Zeugnisse nicht in direkter Beziehung zum Fleiß und zur Fähigkeit der Schüler stehen sondern von gewissen anderen Interessen abhängen, welche im Schulwesen nichts zu suchen hätten.
Aber diese Schulen haben auch den Mangel, daß sie das Leben der Schüler nicht kontrollieren, so daß sich diese verschiedene Gewohnheiten angeeignet haben, welche für die Moral der Kinder sehr schädlich, teilweise sogar für die öffentliche Ordnung und die Sicherheit des Staates gefährlich sind.
So stellen sich die Schülerinnen des Hofmann-Gymnasiums oft auf den Parketts der Bars und Kabarette von Cernauti zur Schau, während ihre Kollegen vom Gymnasium Emanuel Grigorowitza gewöhnlich die Kaffeehäuser und Spielklubs besuchen.
Ja nochmehr: die Polizei und Siguranza hat entdeckt, daß einige Schüler und Schülerinnen dieser Anstalten den lokalen kommunistischen Organisationen angehören und gegen den rumänischen Staat und die öffentliche Ordnung arbeiten.“

Am Schlusse drückt der Artikelschreiber seine Verwunderung darüber aus, daß diese Schulen das Oeffentlichkeitsrecht erhalten haben, und fordert das Unterrichtsministerium auf, „zur Beruhigung und Aufklärung“ ein Kommunique auszugeben.
Wir haben diesen Artikel darum so ausführlich wieder gegeben, weil er gegen zwei im Bukowiner Schulwesen eine bedeutende Rolle spielende und überaus angesehene Anstalten, die überdies seit Jahren unter Kontrolle der staatlichen Schulbehörden stehen, Vorwürfe erhebt, die auch das landesübliche Maß beträchtlich übersteigen und, wenn nicht vom dümmsten Chauvinismus, so nur von den Einflüsterungen interessierter Konkurrenz eingegeben sein können. Es ist nur die Frage, ob die Redaktion des „Viitorul“ davon Kenntnis hat oder das Opfer ihrer Informatoren geworden ist.
*
In der Nummer vom 19. d. befaßt sich der Bukarester „Calendarul“ in einem Artikel unter dem Titel: „Die Bukowinaer Polen mißachten die Gesetze des Landes“ gleichfalls hauptsächlich mit Schulfragen. Zielpunkt der Angriffe ist diesmal die polnische Minderheit. Besonders wendet sich der Artikel gegen den Schulinspektor Plewinski, der als die Seele der polnischen chauvinistischen Bewegung bezeichnet wird, welche „zur Mißachtung des Rumänentums“ aufforderte. Es wird da erzählt, daß kürzlich in Czernowitz in der Heinegasse Nr. 9 ein Kurs für polnische Geschichte, Sprache und Literatur eröffnet wurde, der vom Ministerium nicht autorisiert war. Die Czernowitzer Siguranza habe dies entdeckt und das Schulinspektorat verständigt. Der damalige Schulinspektor Iliuti habe am 27. August bei einer Kontrolle den Kurs in voller Tätigkeit gefunden. Er verlangte die Vorweisung einer Autorisation, die man ihm aber nicht zeigen konnte.
Aus der Abhaltung eines Kurses für polnische Sprache und Literatur, welche der Verein als in den Rahmen seiner statutarischen Aktivität gehörig ausgibt, wird so von einem sinnlosen Chauvinismus eine Verschwörung gegen den Staat konstruiert.

(320920r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Abschied vom Sommer [S. 2, oben, links]
Im Volksgarten und am Flugfeld

Diesmal lebt und pulsiert der Sonntag, zum Unterschied vom „Sonntag unter Leichen“. Von früh an ist alles auf den Beinen, ein unablässiges Gehen ist auf den Straßen; dieser Sonntag gleicht den Sonntagen auf der ganzen Welt.
Das Wetter ist willkommenes Gesprächsthema. „Was sagen Sie zu diesem Wetter heute?“ „Tagerl heute, was?“ In der Tat, der Himmel ist von atembeklemmender Reinheit, die Sonne angenehm, wohlig, ohne müde, träge zu machen; heute ist alle Welt auf den Straßen, das Pruthpublikum spürt trotz dem herrlichen Wetter, den vor der Türe stehenden Herbst und hat nicht mehr die Courage, sich unten, beim Wasser, auszuziehen. (Vielleicht wegen der „Oberluft“, wie?) Auch zu Ausflügen ist man nicht zahlreich erschienen; wie gesagt, die Majorität erfüllt und belebt in auffallender Weise die Stadt.
Vormittags Volksgarten, mittags Herrengasse, Promenade. Auf und ab, auf und ab, leichter Flirt, hoch geht es da nicht her. Von der Konditorei her der Duft der mondänen Elegance (nicht Eleganz, bitte: Elegance…), Zigarette in lässig und graziös hängenden, manikürten Händen, parlez vous francais…

(Vaters Weingarten!)

Dann, nachmittags, Fest der Hunderttausend im Volksgarten*). Es sind nicht einmal Zehntausend. Die Küchen- und Stubenbeherrscherinnen im Festgewand, Arm in Arm mit den Kriegern, promenieren in der Mehrzahl rings um den Garten, entlang des Gartens, schwindeln sich zeitweilig hinein: zehn Lei sind viel Geld, ach Gott, und jene, die’s haben, haben es nicht für die Arbeitslosen. Abgesehen davon: Volksgarten am Sonntag Nachmittag hat so etwas Diffamierendes, Vulgäres… Sie verstehen: odi profanum vulgus.

Hinauf zum Flughafen. Die Straßenbahn verkehrt nur bis zur Maut, von da bis zum Flughafen, etwa fünf Minuten, geht es durch den Staub und Kot. Kot, heute, an diesem schönen Tag? Doch, doch, die städtische Spritze hat ganze Arbeit geleistet: bloß: was ist unangenehmer, Staub oder Kot?
Das Flugfeld, weit, riesengroß, ist voller Menschen. Man sieht erst hier, wie dieser Stadt Initiative fehlt und dem Publikum jene, die es anfeuern, aufrütteln aus seiner ungesunden Lethargie, fehlen. Hier wurde etwas unternommen, für Czernowitz etwas Neuartiges, ein Flugmeeting, mit Flugzeugproduktionen, und das Publikum ist da, in großer Masse sogar, ist nicht zu Hause geblieben, und das alles hat etwas sehr Großstadtartiges an sich. Der Hangar ist zum improvisierten Restaurant verwandelt, Stimmengewirr von vielen Hunderten erfüllt die Luft; unterdessen kreist ein Junkers-Passagierflugzeug in der Luft, majestätisch, Passagiere sind darin und fühlen sich zehn Minuten lang erhaben über die kleinen Menschlein da unten…
Dann steigen drei leichte Flugzeuge in die Höhe, die sind wie intelligente Menschen, die sich auf den Wink verstehen; denn man vergißt, daß dies fliegende Metall von Menschen gelenkt wird, man sieht nur drei Flugzeuge, ganz hoch oben, wie die Schwalben in selten schöner Harmonie nebeneinander, untereinander und übereinander die Luft durchschneiden. Mit fabelhafter Präzision beherrschen sie die Luft, haben sie ganz unterworfen, machen mit ihr, was sie wollen: Saltos von gewagtester Kühnheit, elegante Schleifen, Gleitflüge und jäher Sprung in die Höhe.
Die Menge schaut gespannt. Elegante Damen, Herren, Offiziere - allen imponiert dieses Schauspiel höchster artistischer Leistung. In der Nähe des Hangars parkt eine stattliche Autokolonne - man ist nicht mehr in Czernowitz, das Flugfeld von Aspern**) oder anderswo im Westen ist nicht schöner. Das Gebäude des Flugkommandos das modernste der Stadt Czernowitz; einige solcher Häuser im Zentrum und das Stadtbild sähe bedeutend moderner, großstädtischer aus.
Dieser Sonntagsabschied vom Sommer ist besonders schön. Man entfernt sich langsam, nachdenklich vom Flugfeld und ist in der richtigen Stimmung, um an einen Fünfjahrplan zu denken, der aus dieser Stadt doch noch etwas machen könnte [fett v.m.].
In zwölfter Stunde…
H. G.

(320920c2)

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*) Siehe Ausgabe von vorgestern ->Tag Nr. 154, 18.09.32, Seite 7, "Die Czernowitzer Herbstsensation"
**) „Im Jahre 1912 wurde der Wiener Flughafen in Aspern errichtet, der zu den größten und modernsten in ganz Europa zählte. . . " aus: ->www.wat-aspern.at



Der Kampf um das Brot [S. 2, unten, Mitte]
Das städtische Brot. - Zwischen Interimarkommission und Bäckern

Seit zwei Tagen haben wir städtisches Brot. Sowohl Samstag als auch Sonntag wurden je 3000 Brote auf den Markt gebracht. Das Brot hat ein Gewicht von 90 dkg und wird um 7 Lei verkauft*). Seine Qualität läßt noch zu wünschen übrig.
Ein Mitglied der Interimarkommission teilte einem Mitarbeiter des „Tag“ zur Brotfrage mit: Wir geben uns die größte Mühe, das Brot in entsprechender Qualität zu erzeugen. Der Anfang ist gewiß schwer. Wir werden aber dafür Sorge tragen, daß das Brot immer besser wird. Sollte die Bevölkerung sich gegen die Broterzeugung durch die Stadtgemeinde aussprechen, so werden wir die Erzeugung selbstverständlich einstellen.

Arbeitsinspektor Botez über den Konflikt mit den Bäckern
Zum Bäckerkonflikt äußerte sich Arbeitsinspektor Botez: „Das Arbeitsinspektorat ist über die Vorgänge im Bäckerkonflikt schon deshalb informiert, weil an dieser Angelegenheit viele Arbeiter interessiert sind. Die Stadtgemeinde muß, so bald als möglich, eine Lösung finden, wobei sie bei Berechnung der Gestehungskosten des Brotes darauf bedacht sein muß, daß die Bäckergehilfen nach einem in Kraft stehenden Kollektivvertrag bezahlt werden müssen und nicht wie die von der Primaria beschäftigten Arbeitslosen, die sich gewiß auch mit einem niedrigen Lohn zufrieden geben.
Es muß auch in Betracht gezogen werden, daß die Stadtgemeinde bei der Broterzeugung keine Regie hat. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß der Brotpreis entsprechend der Getreidemarktlage festgesetzt werden muß“.

Brotkonfiskationen
Wir erfahren, daß am Samstag die Ackerbaukammer auf Grund einer einlaufenden Anzeige zirka 200 städtische Brote konfisziert hat, weil sie nicht den Brotstempel trugen. Diese Brote wurden aber, nachdem sie auf dem Polizeikommissariat am Ringplatz nachgestempelt wurden, zum Verkauf wieder freigegeben.

Morgen Entscheidung
Wie erfahren, daß die Handelskammer heute zur Anfrage der Stadtgemeinde Stellung nehmen und ihr Gutachten abgeben wird. In der Bäckerei Bilgrey soll durch die Handelskammer ein Lokalaugenschein aufgenommen werden, um die Gestehungskosten der Broterzeugung festzustellen.
Morgen (Dienstag) wird sich die Interimarkommission mit der Brotpreisfrage befassen und die Forderungen der Bäcker prüfen. Die Bäcker erklären, daß, falls ihre Forderungen nicht erfüllt werden, sie am Dienstag die weitere Broterzeugung einstellen.

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*) Druckfehler? Unglaublich! Seit Wochen wird nicht nur um den Preis gerungen, zusätzlich wird (als "Trost" für die jeweilige "Gegenpartei") am Gewicht herumgedoktort. Mal soll das Brot 1 kg wiegen, dann, wie jetzt das "Stadtbrot", 900 g. Es wog auch schon 950 g. Eine (bis heute) beliebte Methode Preisänderungen zu verstecken. Das Gewicht muß nun auch noch regelmäßig kontrolliert werden und schließlich ist nasses" (frisches) Brot schwerer ist als trockenes. Vielleicht hätte man sich erst mal auf das Gewicht einigen sollen? Das Kilo kostet jedenfalls jetzt 7.78 Lei.
Was die Qualität des Stadtbrotes betrifft, haben wir in früheren Tag-Ausgaben schon gelesen, daß auch das "Brotmehl" recht verschiedenartig sein kann. Es gab keine "Definition" für Brotmehl: alles was zu Brot verbacken wird, ist eben dann Brotmehl. Sehr merkwürdig, daß ausgerechnet die Stadtgemeinde Vorreiter im Manipulieren und Kaschieren zu sein scheint. (Man denke auch an die "Löhne", wo ebenfalls "beschissen" wird).



Keine Einreise Trotzkis in die Czechoslowakei [S. 2, Mitte, rechts]
Das tschechoslovakische Generalkonsulat in Konstantinopel gab den zuständigen Prager Regierungsstellen bekannt, daß es Trotzki, der sich bekanntlich mit der Absicht trug, in Pistyan einen längeren Kuraufenthalt zu nehmen, kein Einreisevisum erteilen kann, weil sein Paß nicht in Ordnung ist. Der Ministerrat, dem Innenminister Dr. Slavik über die Sachlage referierte, hat den Bericht zur Kenntnis genommen.

(320920w2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Der erste Kongreß der Kaufleute im Detailhandel [Seite 3]
Der Stadtpräsident verspricht Erleichterungen gegen die Kartelle

Gestern um 10 Uhr wurde im Jüdischen Nationalhaus der erste Bukowiner Kongreß der Kaufleute im Detailhandel eröffnet, an welchem Delegierte aus allen Städten der Bukowina sowie auch des Altreiches teilnahmen. Der Kongreß tagte ununterbrochen bis abend.

Von offiziellen Persönlichkeiten waren erschienen: Stadtpräsident Dr. Saveanu, Skalat, Mohr, Arbeitsinspektor Botez, die Handelskammerräte Dir. Roll*), Mag. Gläsner, Weißmann, Karl Klüger, u.a. der Vertreter des Sfatul Regustoresc Adv. Manifali, Abgeodneter Dr. Mayer Ebner, u.a.

Der Kongreß wurde vom Präsideten der Kaufleute im Detailhandel Herrn Tannenbaum mit einer Loyalitätserklärung an den König sowie Absendung eines Telegrammes, in welchem um königlichen Schutz für die Kaufleute ersucht wird, eröffnet. Nachdem die Kongreßteilnehmer vom Sekretär Weltmann begrüßt worden waren, hielt Stadtpräsident Dr. Saveanu eine Ansprache, in welcher er dem Kongreß viel Erfolg wünschte und ausführte: Die Stadtgemeinde, welche immer Sinn für die Lage der Kaufmannschaft bekundet hat, hat schon im Jahre 1931 die Abgaben sowie die Taxen für das elektrische Licht reduziert. Der neue Gemeinderat, der sich bald konstituieren wird, wird gleichfalls eine Reduzierung aller städtischen Abgaben für alle Bürger der Stadt vornehmen. Das wird die erste Aufgabe des neuen Gemeinderates sein. (Starker Applaus.) Eine weitere Ursache der Krise sind die Kartelle und die Monopole. Das Hefekartell, das Papierkartell und alle anderen Kartelle richten die Bevölkerung sowie den Staat zugrunde. Man muß an die Regierung mit der Forderung herantreten, die Kartelle aufzulösen und die Zolltaxen zu reduzieren.

Der Vorsitzende Tannenbaum dankt dem Stadtpräsidenten für diese Ausführungen.

Es erstattet hernach Herr Weltmann ein Referat, dem wir folgendes entnehmen:
In zwölfter Stunde machen die Kaufleute im Detailhandel die Regierung aufmerksam und ersuchen, rasche Maßnahmen zu ergreifen, um den Kaufmannsstand vor dem drohenden Ruin zu bewahren.

Das Zollwesen muß einer Überprüfung unterzogen werden. Die Monopole und die Kartelle schaden der Wirtschaft, die brach daniederliegt.

Die Frage der privaten Schulden muß in einer Weise gelöst werden, daß nicht der eine Teil gegenüber dem anderen benachteiligt wird.

Das Steuerproblem, eines der schwersten unseres Landes, muß gleichfalls in einer Art gelöst werden, daß es dem Kaufmanne möglich ist, auch weiter zu existieren. Zum Schlusse fordert der Redner die Kaufleute zur Schaffung einer Organisation auf, um mit vereinten Kräften die Erfüllung ihrer Forderungen zu erreichen.

Als Delegierter der Handelskammer spricht Herr Dr. Greif, der den Dank an Senator Vihovici und Abgeordneten Roznovon ausspricht, weil sie für die Interessen der Kaufmannschaft eingetreten sind.

Wir müssen verlangen, daß die Zwangsverkäufe sofort eingestellt, ein einjähriges Moratorium für Kaufleute, eine Reduzierung der Steuern sowie der Mieten für Geschäftslokale sowie schließlich, daß die Arbeiten an öffentlichen Ämtern hier und nicht in Bukarest vergeben werden.

Im Namen des Gremiums Gruppe II spricht Herr König, im Namen des Sfatul Herr Mag. Gläsner. Er verlangt die Beibehaltung des Liquidierungsgesetzes unter Ausschaltung des Paragraphen 21 sowie Änderung des Konkordatsgesetzes, wobei die Mindesquote auf 25% festgesetzt werde.

Herr Brandmann geißelt die Nichtauszahlung der Beamtengehälter und Pensionen, durch welche die Kaufmannschaft in Mitleidenschaft gezogen werde.

Ein sehr eindrucksvolles Referat hielt K R. Direktor Roll, der die Weltwirtschaftskrise von allen Gesichtspunkten aus beleuchtet.
Ein kleiner Silberstreifen mache sich jetzt am Horizont bemerkbar und wenn nicht alles trügt, so stehen wir vor einer Krisenwende, einer Belebung des Wirtschaftsmarktes. Wer wird aber von dieser Konjunktur, die jetzt anbrechen soll, profitieren, wenn die Kaufmannschaft bereits fallit ist. Unser Export ist um 40%, der Import um 65% zurückgegangen. Die Handelskammer ist immer für die gerechten Forderungen der Kaufmannschaft eingetreten und wird es auch weiter tun.

Der Delegierte aus Suczawa, Herr Ellenbogen erklärt, daß die Kaufmannschaft in Suczawa Schulter an Schulter mit der Czernowitzer Organisation kämpfen werde. Redner gibt ein trauriges Bild der Situation in Suczawa, welche Stadt ein wirtschaftliches Leichenfeld sei.

Im Namen der Stadt Radautz erklärt Herr Wassermann, solidarisch mit den Czernowitzer Kaufleuten zu sein.

In sehr scharfer Weise kristisiert der Vertreter der Wirtschaftsfront Eugen Popovici die Maßnahmen der diversen Regierungen: Es herrschen anarchistische und chaotische Zustände in unserem Lande. Der Bakschisch triumphiert und die öffentlichen Gelder werden gestohlen.

Präsident Klüger verlangt Zusammenschluß der Kaufleute, um die Lethargie, die überall Platz gegriffen hat, erfolgreich bekämpfen zu können. Unsere Worte dürfen nicht eine schwerhörige Regierung treffen. Das Echo muß bei den kompetenten Faktoren Widerhall finden. Im Namen des jüdischen Parlamentsklubs erklärt Redner, daß die Abgeordneten immer die Interpreten der Kaufmannschaft im Parlamente sein werden.

Die Nachmittagssitzung
Der gewesene Abgeordnete Dr. Reifer hält ein längeres Exposee über die Mißwirtschaft in unserem Lande:
In zehn Jahren wurden in unserem Lande 50 Milliarden gestohlen. Der Schuldenstand des Staates beträgt heute 145 Milliarden und der Stand der Beamten ist auf über 300.000 angewachsen.
Es ist himmelschreiend, wie die Regierungen gewirtschaftet haben, und da darf es niemanden Wunder nehmen, wenn wir heute am Rande des Abgrundes stehen.

Der Vorsitzende Herr Tannenbaum spricht im Namen des Kongresses den Abgeordneten Dr. Mayer Ebner die Glückwünsche zu seinem Geburtstag aus.

Es erstattet hernach Herr Schächter ein Referat über die Lage der Detailhändler in Czernowitz und Herr K R. Wender ein ausführliches und lichtvolles Referat über das Steuerwesen und die Bemessungs- und Appellkommissionen. Er schlägt eine Resolution vor, in welcher eine radikale Reform des Steuerwesens gefordert wird; bis dahin mögen aber mildernde Maßnahmen ergriffen werden.

Deputierter Dr. Mayer Ebner erklärt, daß auch der jüdische Parlamentsklub immer für die Interessen der Kaufmannschaft eingetreten sei. In diversen Wirtschaftsfragen, die die Börse betreffen, so in der Frage des Nüssesyndikates habe Redner selbst im Parlamente interpelliert.

Herr Rauch referiert über die Kartelle, die er als den Krebsschaden unseres Landes bezeichnet. Das Hefekartell hat schon viel die Öffentlichkeit beschäftigt und es ist unerhört, wie die Bevölkerung ausgewuchert wird. Ein Kg. Hefe kostet inklusive aller Abgaben im Gestehungspreis 19 Lei, wird aber um 67 - 85, im Detail sogar bis zu 100 Lei verkauft. Das Hefekartell hat einen Reservefond von 250 Millionen Lei, dazu kommt noch die Tatsache, daß durch hohe Ablöse mehrere Fabriken stillgelegt und so das Heer der Arbeitslosen noch vermehrt wurde.**)

Herr Emil Gutherz meint, daß die Kaufmannschaft nur durch Solidarität Erfolge erzielen kann. Redner beantragt die Bildung eines Provinzausschusses der Kaufleute der Bukowina sowie Fühlungnahme mit den kaufmännischen Körperschaften des Landes.

Hierauf wird der Kongreß geschlossen.

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*) Es handelt sich um Mathias Roll, der auch ab und zu Artikel im „Tag“ veröffentlicht.
**) Berichte über das „Hefekartell“ findet man -> Tag Nr. 126, 14.08.32, Seite 7, in „Hefe-Wucher“ und ->Tag Nr. 146, 08.09.32, Seite 3 in „Der Skandal um die Hefe“.



Seite 4
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Nr. 156, Mittwoch, 21.09.32

Postby Klaus Binder on 19. September 2010, 02:33

Seite 1

Wolf oder Lupu - Blüma oder Floare? [S. 1, oben, rechts]
Eine Ueberraschung bei Ausgabe der Populationsbüchel:
Vornamen müssen romanisiert werden


In unserer Redaktion erscheint ein Herr Klepsch und führt darüber Klage, daß sein Name bei Ausfolgung des Bürgerbüchels romanisiert wurde. Er heiße Wilhelm Klepsch, im Bürgerbüchel aber {so} sei sein Vorname mit Guilem eingetragen. Er legt gegen dieses Vorgehen Protest ein und meint, er könne es nicht zulassen, daß der Name, den er Zeit seines Lebens trage, auf einmal geändert werde.

Wir wandten uns in dieser Angelegenheit an den Vorsteher des Populationsamtes der Stadtgemeinde Dir. Levescu, der uns folgendes mitteilte:

Im Jahre 1924 wurde ein Gesetz geschaffen, welches die Romanisierung der Vornamen vorsieht. Die Stadtgemeinde wurde am 24. Juni 1924 mit Zirkularerlaß No. 1391 hievon verständigt. Im Jahre 1929 wurde das Gesetz abgeändert, jedoch die Bestimmung über die Romanisierung der Vornamen beibehalten. Hievon wurde die Stadtgemeinde am 19. Oktober 1929 mit Zirkularerlaß No. 19631 verständigt und sie muß sich nun streng an diese Verordnung halten. Während die Zunamen immer beibehalten werden, auch wenn sie mit „K“ beginnen - obwohl es im rumänischen nur ein „C“ gibt - müssen die Vornamen geändert werden. Im vorstehenden Fall wird der Name „Wilhelm“ in „Guilem“ - so ist die rumänische Übersetzung - geändert. Wenn einer mit Vornamen „Wolf“ heißt, wird dieser Name in „Lupu“ geändert, wenn eine „Blüma“ heißt, wird sie in „Floara“ umgetauft. u.s.w.
Es bestehe in der Stadtgemeinde nicht die Absicht, jemanden zu kränken. Aber die Anordnungen des Ministeriums müssen respektiert werden.

Der Generalsekretär der Stadtgemeinde, Herr Dr. Braileanu, der {wir} über den Fall gleichfalls informiert wurde, ersuchte Herrn Klepsch, ein Gesuch einzureichen, welches er als Ausnahmsfall im Sinne des Bittstellers bei der Interimarkommission befürworten werde.

Wie wir aber erfahren, wird, falls dies geschehen sollte, der Leiter des Populationsamtes beim Gericht gegen eine solche Vorgangsweise als ungesetzlich Kontestation erheben.

(320921r1)


Für Verkürzung der Arbeitszeit [S. 1, rechts, Mitte]
Genf, 20. September (Tel. des „Tag“). Der Verwaltungsrat des internationalen Arbeitsamtes tritt am 21. zu einer Sitzung zusammen, um über den Vorschlag Italiens [fett v.m.] auf Einberufung einer speziellen Session der internationalen Arbeitskonferenz zwecks Herabsetzung der Arbeitszeit infolge der herrschenden Weltwirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit zu beraten.

(320921w1)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Internatio ... ganisation


20 Millionen Lei Lösegeld [S. 1, rechts, Mitte]
Chinesisches Verbrechertum an der Arbeit

Shanghai, 20. September (Tel. des „Tag“). Chinesische Banditen, die vor 12 Jahren ein junges Ehepaar geraubt haben, verlangen von ihren Eltern ein Lösegeld von 25.000 englischen Pfund. Sie drohen, die Frau zu ermorden, dem Gatten aber die Ohren abzuschneiden, falls ihnen das Lösegeld nicht hinterlegt werden sollte.


Seite 2

Werbung * Ankündigung
Tanase kommt! [S. 2 + S. 3 + S. 4]

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• Die Werbung besteht nur aus den beiden Worten „Tanase kommt!“, die jeweils zweimal auf den Seiten 2, 3 und 4 erscheinen, auch in vorherigen und in den folgenden Ausgaben. Es gibt mindestens zwei berühmte „Tanase“, einmal der Schauspieler ->Constantin Tănase. Dieser „kommt“ nach Czernowitz.
• Es gibt auch eine rumänische Sängerin ->Maria Tănase. Sie ist nicht gemeint.



Das Innenministerium greift ein [S. 2, oben, Mitte]
Eine spezielle Kommission zur Prüfung der Brotfrage kommt nach Czernowitz

Die Stadtgemeinde hat gestern über 3000 Brote erzeugt und diese auf den Markt gebracht. Die Qualität hat sich zwar gebessert, läßt aber noch immer zu wünschen übrig; der Absatz ist trotzdem groß, weil die Bevölkerung auf dieses Brot angewiesen ist. - Vor den Bäckereien gab es gestern einen Sturm der hungernden Bevölkerung. Schon in den ersten Morgenstunden konnte man viele Menschen angestellt sehen und um 10 Uhr gab es kein Brot mehr. Es herrschte fühlbarer Brotmangel. Inzwischen ist das Mehl im Preise weiter gestiegen. Gestern notierte Brotmehl 7.50 Lei, während es noch am Vortage auf kaum 7 Lei stand. - Bei dieser Gelegenheit sei die Stadtgemeinde an ihr Versprechen erinnert, ein billiges Brot um zwei oder drei Lei herzustellen, um es an Arbeitslose abzusetzen. Es wäre an der Zeit, daß dieses Versprechen verwirklicht werde. - Heute 12 Uhr vorm. findet eine Sitzung der Interimarkommission statt, in welcher die Brotfrage geregelt werden soll.

Wie wir erfahren, haben sich die Großbäcker an das Innenministerium gewendet und ihren Standpunkt in der Brotfrage dargelegt. Sie verwiesen auf das fortwährende Steigen der Getreide- und Mehlpreise und auf das Anwachsen der Regie und erklärten, außerstande zu sein, zum gegenwärtigen Preis das Brot weiter zu erzeugen. Sollte ihren Forderungen nicht entsprochen werden, so lehnen sie jede Verantwortung für die weitere Brotversorgung ab.
Gestern abends ist nun vom Innenministerium die telefonische Nachricht an die Bäcker herabgelangt, wienach eine spezielle Kommission nach Czernowitz entsandt wird, die eine Ueberprüfung des Brotpreises vornehmen wie auch die Qualität sowohl des städtischen als auch des von den Bäckern erzeugten Brotes untersuchen soll.
Damit ist die Brotfrage in eine neue Phase getreten.

(320921c2)


Bäckerstreik auch in Bukarest [S. 2, Mitte]
Bukarest, 20. September. (Tel. des „Tag“). Durch mehrere Tage fanden hier Verhandlungen zwischen der Stadtgemeinde und den Bäckern wegen Erhöhung der Brotpreise statt. Im Memorandum der Bäckergenossenschaft an die Stadtgemeinde wird die Forderung nach Preiserhöhung damit motiviert, daß das Getreide sowie das Mehl in den letzten drei Wochen um fast 25 Prozent im Preise gestiegen seien.
Gestern fand wieder eine Besprechung zwischen den Vertretern der Bäcker und dem Bürgermeister statt, die aber resultatlos verlief. Gleich darauf wurden die Betriebe eingestellt. Durch die Stillegung der Broterzeugung wurde die Stadtgemeinde von den Bäckern vor ein fait accompli gestellt, sodaß heute mit einem starken Brotmangel zu rechnen ist. Es ist nicht abzusehen, wie lange der Bäckerstreik dauern wird.

(320921c2)


Seite 3

Warum ist es so teuer? [S. 3, oben, links]
Alle Lebensmittel im Preise gestiegen. -
Die Erklärungen der Primaria


Das Interesse auf dem Lebensmittelmarkt hat sich in den letzten Tagen auf die Brotfrage konzentriert. Und auf den Konflikt zwischen Primaria und Bäckern, der sich aus dieser Frage ergeben hat und noch immer nicht beigelegt wurde.
Aber nicht nur das tägliche Brot, dessen Erlangung mit soviel Schwierigkeit verbunden ist, bereitet der Bevölkerung Sorge, sondern auch die seit einigen Tagen zu verzeichnende steigende Tendenz auf dem ganzen Lebensmittelmarkt.

Alle Preise für die wichtigsten Artikel sind innerhalb ganz kurzer Zeit stark in die Höhe gegangen, wodurch das Budget des Konsumenten über den Haufen geworfen wurde. Die Bevölkerung fragt sich anläßlich dieser Sachlage, worin die Preissteigerungen ihre Ursache haben und ob das Marktamt nicht die Möglichkeit hat, hier regulierend einzugreifen.

Das Marktamt - ein Amt ohne Büro und ohne Personal
Wenn man diese Frage zu beantworten sucht, dann kommt man zu ganz eigenartigen Feststellungen, zunächst was das Marktamt selbst betrifft. Dieses ist ganz unzulänglich eingerichtet: Es ist ein Amt ohne Büro und ohne entsprechendes Personal. Der Direktor ist zweifellos überlastet, weil ihm die Leute fehlen, mit denen er arbeiten könnte. So ist innerhalb der Gemeindeverwaltung der Plan aufgekommen, zur Kontrolle der Preisverhältnisse auf dem Lebensmittelmarkt Pensionisten heranzuziehen; aber es ist noch die Frage, ob sich ein solcher Versuch mit Leuten ohne Schulung und Erfahrung bewähren wird. Eine bessere Ausgestaltung des Marktamtes scheint unter den gegenwärtigen Verhältnissen undurchführbar, weil das Budget der Stadtgemeinde dies nicht zuläßt.

Die Situation auf dem Lebensmittelmarkt
stellt sich nach den uns erteilten Informationen wie folgt dar:
Die Kompetenz des Marktamtes ist sehr beschränkt, weil ein großer Teil der Lebensmittel von der Maximalisierung ausgeschaltet ist. So zum Beispiel Hefe und Zucker, deren Preisbestimmung den betreffenden Kartellen unterliegt. Der Anregung des „Tag“ Folge leistend, hat sich der Stadtpräsident bemüht, eine Regulierung des Hefepreises in die Wege zu leiten. Er hat sich an das zuständige Ministerium gewandt, aber von diesem bisher keine Antwort erhalten. Auch eine ganze Reihe anderer Artikel sind der Kompetenz des Marktamtes entzogen. Und gerade diese sind im Preise stark gestiegen.

Butter, welche noch vor kurzer Zeit 40 Lei pro Kilogramm kostete, kommt heute auf 68 Lei zu stehen. Die Ursache hiefür ist der schwunghafte Handel, der mit diesem Artikel von Czernowitz nach Bukarest getrieben wird, wo die Preise viel höher sind. Agenten von Bukarester Firmen fahren durch die ganze Bukowina und kaufen überall bei den Erzeugern Vorräte auf.

Die Ursache für die Verteuerung der Eier (von 1.20 auf 2 Lei) wieder liegt im Export, der meistens nach Deutschland geht. In Berlin haben die Eierpreise stark angezogen und daher hat die Ausfuhr dieses Artikels, welcher während der heißesten Zeit eingeschränkt war, in verstärktem Maße wieder eingesetzt.
Man befürchtet ein weiteres Ansteigen, dem nur dann ein Riegel vorgeschoben werden kann, wenn sich die Regierung dazu entschließen wird, den ausgezeichnet organisierten Export einzudämmen.

Auch Geflügel wird in großen Quantitäten nach Deutschland ausgeführt. Es sind besonders die Schlachthäuser von Noua-Sulita und Bardujeni, welche hier Geflügel aufkaufen, schlachten und ausführen.

Was die Situation auf dem

Obstmarkt
anlangt, ist diese durch den Hagel bestimmt, der in der ganzen Umgebung von Czernowitz die Obstkulturen vernichtet hat. Der Czernowitzer Obstmarkt weist nicht einmal ein Zehntel der Vorräte vom vorigen Jahre auf. Hingegen sind Trauben im Preise etwas heruntergegangen, während die Zitronen stark gestiegen sind (3-4 Lei). Der Grund liegt in den starken Käufen seitens Amerikas, das infolge einer schlechten Zitronenernte großen Bedarf nach diesem Artikel hat.

Gemüse ist billiger geworden. Man erhält für einen Leu: Gelbe Rüben 5, Petersilien 3-5, rote Rüben 5. Die Kartoffeln sind noch immer ziemlich teuer; 1 Kilogramm kostet 1.50 Lei.

Schließlich noch eine Frage, mit welcher sich der „Tag“ befaßt hat:

das Menu im Restaurant
Die Primaria hat am 3. September eine Verfügung getroffen, nach welcher in sämtlichen Restaurants tarifierte Speisen angeboten werden müssen, welche von 12 bis halb 3 und von 7 bis 9 Uhr den Konsumenten verabreicht werden und auf den Speisekarten ersichtlich gemacht sein müssen. Nach diesem Tarif stellt sich eine Suppe in einem Restaurant erster Klasse auf 5 Lei, in einem solchen zweiter Klasse auf 4 Lei und dritter Klasse auf 3 Lei; Rindfleisch (150 Gramm mit Kartoffelbeilage) auf 10, bezw. 9 und 8 Lei; Rindsbraten (150 Gramm mit Kartoffelbeilage) 14, bezw. 13 und 12 Lei; Gemüse 5, bezw. 4 und 3 Lei.

Aufgabe des Publikums ist es, die Durchführung dieser Verordnungen zu überwachen. Da aber muß man feststellen, daß die Konsumenten dieser in ihrem eigenen Interesse gelegenen Pflicht nicht immer nachkommen. So hat unlängst ein Käufer im Marktamt ein Brot gezeigt, daß ein bedeutendes Gewichtsmanko aufwies. Er wußte aber nicht zu sagen, wo dieses Brot gekauft wurde. Eine Frau brachte schlechte Milch, welche, wie die Untersuchung ergab, 70 Prozent Wasser enthielt. Als man sie aufforderte, anzugeben, wo sie die Milch gekauft habe, verweigerte sie dies, um sich, wie sie sagte, „die Scherereien bei Gericht zu ersparen“. Wenn in solchen Fällen das Publikum nicht selbst mithilft, dann werden alle Verfügungen der Behörde illusorisch und es darf sich nicht wundern, wenn sich Willkür und Unfug auf dem Markt breitmachen.

(320921c3)


Gerichts-„Tag“ [S. 3, rechts, Mitte]
Ewige Tragödie

Ein Fabrikmädel geht müde, abgearbeitet, freudlos nach Hause. Der Chef hat heute gesagt: der Betrieb leidet täglich immer mehr unter der Krise, er wird abbauen müssen. Und dabei hat er sie, sie mehr als die anderen, angesehen. Sie wird die erste sein, die fliegt.
Karla will weinen, aber sie beherrscht sich. Ach was, es wird schon irgend etwas kommen, das sie befreit. Oder irgendwer. . .
Dieser Irgendwer steht plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, vor ihr. In der oberen Hauptstraße. Er ist schlank, gut gekleidet, und sagt: er habe sie unlängst im Volkgarten gesehen, sie gefalle ihm gut und sie sei doch nicht böse, daß er es gewagt habe, sie anzusprechen. . .
Karla, mit soviel Takt selten behandelt, weiß nicht, warum es bedenklich sein soll, die Begleitung des netten Herrn anzunehmen. Zumal, da er sich ihr als Bankbeamter vorstellt und mit ihr heute abends ins Kino gehen will. Ins Kino geht Karla selten, denn das Geld, das sie verdient, gibt sie ihrer Mutter nach Hause. Von dieser stiehlt es der Vater und geht saufen. Zuhause gibts daher auch meistens Krach, Skandal und stundenlanges Weinen der Mutter.

Sie sind gute Freunde geworden, er hat es verstanden, der junge Mann. Bubi nennt sie ihn, eigentlich heißt er Paul. An einem Sonntag fuhren sie nach Kimpolung, stiegen auf die Dea hinauf, da kommt stundenlang kein Mensch hin, wenn man die richtigen Stellen findet. Der Himmel war blau, die Luft herrlich, das Grün einladend, in keinem Liebesroman kanns schöner sein. Karla war Jungfrau, als sie Arm in Arm mit ihm, den Berg bestieg.

Dann kam der Abstieg. . .
Weg des Lebens, der hinunter führt. Kreuzweg des Weibes. Das war im vorigen Jahr.
Karla hat ein Kind bekommen. Sie liebt es, aber der Vater hat sie verprügelt, der Chef entlassen, die Mutter wäscht mit ihren alten, treuen, guten Händen in fremden Häusern Wäsche, spart sich den Bissen vom Mund und trägt heimlich in das trübe Zimmerchen Karlas, das sie mieten mußte, etwas Geld und Essen; denn Karla kann keine Arbeit finden.
Und er, Bubi, der nette, liebe Kerl - auf einmal kennt er sie nicht mehr, hat nie mit ihr einen Ausflug gemacht, will für das Kind nicht sorgen, auch nichts dazu beitragen, daß es nicht verhungert.
Man kanns ihm schwer beweisen; dennoch vertagt der Richter die Verhandlung, weil Karla ihm Beweise bringen will, daß sie mit ihm, auf seine Lockungen und Versprechungen hin, auf die Dea gegangen sei. Und bis dahin war ihr Ruf makellos, das werden Chef und Kollegen jederzeit bestätigen.
Im Korridor geht Karla, das Kind der Liebe auf den Armen, langsam an ihm vorbei; sieht ihn so seltsam an.
Aber er - blickt zu Boden. Was bleibt von der Liebe? Das Kind.*)
Ewige Tragödie.
Hego

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*) Dieses Kind ist heute - sofern es alle nachfolgenden Schrecken überstanden hat - 79 Jahre alt. . .


Seite 4

Rücktritt der schwedischen Regierung [S. 4, oben, rechts]
Stockholm, 20. September (Tel. des „Tag“). Die schwedische Regierung hat dem König die Demission überreicht, die angenommen wurde. Der Überreichung der Demission ging ein Ministerrat voran, der sich mit derm Resultat der Parlamentswahlen befaßte. Bei den Parlamentswahlen erhielten die zwei kommunistischen Parteien ein Zwölftel aller Stimmen, während die neue nationalsozialistische Partei Schwedens kaum 1 Prozent der Stimmen auf sich vereinigte.
Der König begann bereits die politischen Besprechungen mit den Parteiführern und empfing als ersten den Führer der Bauernpartei Olten. Man glaubt, daß die Regierungskrise von kurzer Dauer sein wird.

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de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Schwedens


Die Reorganisation der Eisenbahnen [S. 4, Mitte]
Aus Bukarest wird gemeldet: Die Vertreter der Presse wurden in der letzten Woche vom Ingenieur Codreanu zu einer Besichtigung der im Gange befindlichen Eisenbahn-Arbeiten eingeladen. Zu gleicher Zeit machte er sie mit den schon vollbrachten und noch vorgesehenen Arbeiten bekannt.
Er führte aus, daß vor dem Kriege die rumänischen Bahnen sehr gut gewesen seien und sich auch im Auslande eines gutes Rufes erfreuten; dies alles aber hat der Krieg zerstört. Zugleich mit der Wiederherstellung dieser Schäden wurde an eine Reorganisierung der Bahnverbindungen mit und zwischen den angeschlossenen Gebieten geschritten, da diese andere Zentren als Bukarest hatten.

Für die vollkommene Renovierung wurde eine Summe von 21 Milliarden Lei vorgesehen. Durch das Fallen der Materialpreise in letzter Zeit scheint sich dieser Betrag um 20 - 30 % vermindern zu lassen. Es wurden bis jetzt nur 6 1/2 Milliarden Lei und zwar {in} [aus] der Stabilisierungsanleihe zur Verfügung gestellt.

Vor allem schritt man an das Auswechseln von Schienen und Schwellen. Es wurde auf diese Weise 2000 Km. verbessert, so daß auf diesen Linien die Schnelligkeit der Züge erhöht werden kann.
Die meisten Bahnhöfe werden mit einer modernen Sicherungsveranlagung ausgestattet und da jetzt die Züge viel länger sind als vor dem Kriege, wurden die Schienen, die den Zugverschiebungen dienen, verlängert.

Nach Möglichkeit wurden auch neue Linien konstruiert.
So entstand die Linie Chisinau - Catnari, die besonders wichtig ist, da sie eine Verbindung Chisinau - Galatz ermöglicht, ohne den Dnjester zu berühren.
Ferner entstanden die Linien Bukarest - Est - Pantelimon, die schon seit 25 Jahren projektiert wurde und Konstanza - Techirghiol.
Der Bau der Bahnlinien Brasov - Mediasi - Buzau und Bundesti - Livereni ist begonnen, erwartet aber zur Vollendung bessere Zeiten.

Verdoppelt wurden folgende Linien: Cernavoda - Constanza, die schon vor dem Kriege doppelt war, aber von den Okkupationsarmeen eingleisig gemacht wurde, die Linie Adjud - Maresesti und Maresesti - Tecuci, die eine schnellere Verbindung von Nord und Süd ermöglichen werden. Zur Verbesserung der Traktionsmöglichenkeiten wurden Lokomotiveremisen, Wassertürme, Dockscheiben etc konstruiert.
Ferner wurde an die Verbesserung der telegrapgischen und drahtlosen Verbindung geschritten. So wurden sieben drahtlose Funkstationen errichtet.
Allein für den Umbau eines Teiles der Brücken wurden 400 Millionen Lei ausgegeben.

Einer besonderen Aufmerksamkeit erfreut sich aber der Bukarester Nordbahnhof, der nun vollständig modernisiert wird.

Alle diese Arbeiten wurden mit Hilfe der französischen Sachverständigen [und des Sachverständigen] der rumänischen Staatseisenbahnen, Herrn Gaston Leverol, ausgeführt.

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de.wikipedia.org/wiki/Căile_Ferate_Române
Klaus Binder
 
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Nr. 157, Donnerstag, 22.09.32

Postby Klaus Binder on 19. September 2010, 10:50

Seite 1

Leitartikel [noname]
Erschütternde Ziffern [S. 1, oben, links]
Anstatt 16 Milliarden Lei, die der Staat bei dem reduzierten Budget von 25 Milliarden jährlich für die dringensten Ausgaben in den ersten acht Monaten des Jahres 1932 benötigt, betrugen die Einnahmen während dieser Zeit, also in der Zeit vom 1. Jänner bis 1. September, bloß über rund 9 eindrittel Milliarden. Das Defizit in dieser Zeit war demnach auf 6 einhalb Milliarden Lei gewachsen. Mit den 9 eindrittel Milliarden konnten selbstverständlich die notwendigen Zahlungen nicht vorgenommen werden. Der Staat war infolgedessen nicht imstande, die vollen Gehälter der Staatsbeamten auszuzahlen, und zwar zunächst deshalb, weil er die Annuitäten der Auslands- und Inlandsschulden decken wollte. Er konnte auch die Lieferanten nicht befriedigen, die Verpflichtung der Truppen nicht ordentlich durchführen, die Miete für die Gebäude, in denen Behörden und Kasernen untergebracht sind, nicht bezahlen. Der Staat konnte auch keine Anschaffungen machen, die im Interesse der Ordnung und der Sicherheit des Staates liegen, er konnte seine sozialen Verpflichtungen nicht erfüllen, es schwankt das ganze wirtschaftliche Gebiet, weil das Defizit bereits 6 einhalb Milliarden beträgt und bis Jahresende auf zehn Milliarden angewachsen sein wird.

Diese Ziffern entnimmt der gewesene Abgeordnete Radu Matei einem Exemplar des ordentlichen Budget für 1932, und er setzt unter den Titel „Dem finanziellen Bankrott entgegen“, seine interessante, auf amtlichen Daten beruhende Betrachtung fort. Er erzählt unter anderem, daß er selbst im Finanzministerium eines schönen Tages die maßgebenden Herren wie verrückt umherlaufen sah, als von der Nationalbank die Meldung erstattet wurde, daß bloß vier Millionen zur Verfügung stehen. Wie soll man, fragt er, vier Millionen auf 71 Judetze verteilen? Was sollte man zuerst bezahlen? Gehälter, Pensionen, Offiziersgagen, Lieferanten oder die Verköstigung der Truppen? Um ein Bild zu gewinnen, wie es um die Staatswirschaft steht, teilt Matei mit:

Im Grundriß sind im ordentlichen Voranschlag folgende hauptsächliche Ausgaben eingetragen:

1. Personal (Militär und Zivilbeamten ohne die autonomen Verwaltungen) 11.337.120.133 Lei.

2. Materialien (einschließlich der Auslands- und Inlandsschulden) 9.463.443.607 Lei.
Die Auslands- und Inlandsschulden des Staates belaufen sich auf 6.86.984.703 Lei.
Die inneren Schulden allein betragen 929.818.942 Lei.

3. Der Zuschuß des Staates an die Pensionskassa: 1.651.592.000 Lei. Demzufolge braucht der Staat, um die Annuitäten der Auslandsschuld, die Gehälter und den Zuschuß für die Pensionen bezahlen zu können: 22.452.155.740 Lei, wenn man annimmt, daß auf die übrigen Ausgaben (öffentliche Sicherheit, Subventionen usw.) verzichtet wird, die sich auf weitere 3 Milliarden belaufen.

Aus den Zahlen, die vom Finanzministerium zur Verfügung gestellt wurden, geht hervor, daß vom 1. Jänner bis 1. September d. J., an direkten und indirekten Steuern 7.932.802.055 Lei einkassiert wurden, d.h. ungefähr eine Milliarde Lei monatlich während der ersten acht Monate. Zu dieser Summe werden noch 1.421.500.000 Lei gerechnet, das ist die Annuität, die dem Staate von der Monopolverwaltung auf Konto der Stabilisierungsanleihe vom 1. Jänner bis 1. September d. J. zur Verfügung gestellt wird.
Insgesamt verfügte der Staatsschatz in diesen acht Monaten über 9.354.392.055 Lei, zur Deckung sämtlicher Bedürfnisse, anstatt der ungefähr notwendigen 16.000.000.000, die für die ersten acht Monate im Staatsvoranschlag vorgesehen sind.

Es sind traurige Schlüsse, die aus diesen Ziffern gezogen werden: Entweder Auslandshilfe oder radikale Änderung der Wirtschaft des Staates. Die Regierung hat beide Wege betreten. Darüber nächstens mehr.


Um den Nichtangriffspakt mit Rußland [S. 1, unten, Mitte]
Aus Bukarest wird gemeldet: Nach den Informationen der Zeitungen ist Frankreich entschlossen, den Nichtangriffspakt mit Rußland zu ratifizieren. Maßgebend dafür ist sowohl die unruhige politische Lage infolge der deutschen Aufrüstungsbestrebungen als auch das Bestreben der französischen Industriekreise, neue Absatzgebiete zu erwerben.
Mit Rücksicht auf diese Situation hat auch das rumänische Außenministerium in der letzten Zeit eine regere Tätigkeit entfaltet und Schritte eingeleitet, damit die in Genf einzuleitenden Verhandlungen zwischen Rumänien und Rußland einen günstigen Abschluß finden und der Nichtangriffspakt zustande kommt.


Seite 2

Die Novelle des Tages
Das Dilemma [S. 2, oben, links]
Es heißt, der Kulminationspunkt der Weltwirtschaftskrise ist erreicht. So wenigstens schreiben die Zeitungen der Welt, und zwar nicht alle, sondern einige, besonders optimistisch angehauchte. Gut, wie das da draußen aussieht und ob dieser Optimismus in irgendwelchen Tatsachen und plötzlichen Erscheinungen seine Erklärung und Berechtigung findet, können wir nicht so ganz genau kontrollieren; unsere Volkswirtschaftler sind sich übrigens auch noch nicht darin einig: ja oder nein, Besserung oder keine Besserung?

Allenfalls herrscht diese Ungewißheit über eine eventuelle Krisendämmerung nur dann, wenn von der übrigen Welt die Rede ist. Was uns, unser Land betrifft, so sind Zweifel durchaus unberechtigt: die Krise ist da, genau so, wie sie war, nicht schwerer, nicht leichter - sie ist da. Und von Besserung keine Spur. Deswegen keine Leichenstimmung: einmal wird es schon besser werden, und mit Wehgeheul werden wir’s gewiß nicht ändern. Es sei bloß festgestellt, daß die ganze Staatskunst unserer regierenden Herren zuschanden wird an dem Problem: was tun? Konvertierung oder Moratorium, Sachverständige hin und her, Finanzprojekte und Steuerreform - Mumpitz. Man muß sich seine Diäten verdienen, oder - es ist ja möglich, daß sich die Köpfe oben, die ja wirklich gescheit und geschult sind, damit plagen, wie dem Lande zu helfen wäre. Damit aber, den Willen für die Tat zu nehmen, ist uns nicht gedient. Es ist noch nichts geschehen, was uns eine Besserung der allgemeinen ökonomischen Lage im Lande erhoffen ließe. Es ist ein Fortwursteln von Tag zu Tag.
Nun muß doch aber etwas Positives geschaffen werden, nicht wahr? Etwas, wovon der Bürger gleich sieht und am eigenen Leibe spürt: das ist da, das wurde geschaffen von der Regierung und in die Tat umgesetzt. Und in die Tat umgesetzt wurde das Gesetz vom Jahre 1924, abgeändert im Jahre 1929, das da sagt, alle Vornamen der im rumänischen Lande wohnenden Staatsbürger müßten geändert werden und zwar ins Rumänische übersetzt.

Die Gemeinde Czernowitz, die ja auch sonst viel Ersprießliches für die Stadt getan hat, ergriff nun dieser Tage die Initiative - zum Ausbau der Straßenbahnlinie nach Zucka? zur Pflasterung der eine Kulturschande darstellenden Straßen? zur besseren Beleuchtung der finsteren Stadtgegenden? zur Reduzierung der Kommunalsteuern? Nein, bitte, so weit geht die Initiative nicht. Diese wurde nur ergriffen, um einen Erlaß an alle Sektionen des Gemeindeamtes herauszugeben, in welchem aufgefordert wird, daß alle Vornamen der Bürger geändert, ins Rumänische übertragen und die Personaldokumente dementsprechend korrigiert oder ausgestellt werden. Resi oder Rosa wird „Trandafira“ heißen, und der Hirsch Wasserdampf wird sich plötzlich „Cerb“ Wasserdampf nennen müssen; sein Frauchen wird ihn „Cerbelein“ oder „Cerbi“ kosen, der Wolf wird zu einem Lupu und im Leben mit der Angst herumlaufen, die Lupuskrankheit zu bekommen; Wilhelm neigt zum Französischen und nennt sich „Guilem“, aber er befindet sich in steter Gefahr, einem Druckfehler zum Opfer zu fallen und „Goilem“ genannt zu werden, was in heimatlichen Gefilden besondere Bedeutung erhielte; Mendel kennt keine Uebersetzung und wird sich’s gefallen lassen müssen, Mihai genannt zu werden; hingegen wird Freide über den Umweg Frieda den beruhigenden Namen „Pacea“ erhalten, usw.
Das Dilemma ergibt sich nun sowohl für Obrigkeit als auch für den Bürger: der Erlaß beruht auf dem Gesetz, und dieses steht in krassem Widerspruch zur Verfassung.
Was also soll und muß respektiert werden: Konstitution oder Gesetz? Die Konstitution ist so beschaffen, daß sie in der gewaltsamen Umänderung der Vornamen einen Entzug, ja sogar eine Vergewaltigung der persönlichen Freiheit des Bürgers sieht. Die Verfassung hat vollständig Recht, daher hat das Gesetz Unrecht.
Was also tun?
Die „Gelehrten“ haben das Wort.
H. G.

(320922c2a)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Mumpitz
http://de.wikipedia.org/wiki/Golem


Polizeinachrichten [S. 2, oben, Mitte]
Wie wir bereits meldeten, wurden am vergangenen Mittwoch in der Dreifaltigkeitsgasse 23 drei Banditen bei einem Einbruch überrascht. Der diensthabende Wachmann schoß auf die Flüchtenden, einer der Banditen, namens Ossipow, wurde schwer verletzt und brach blutüberströmt zusammen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er gestern, Dienstag, seine Verletzungen erlegen ist.

(320922c2)


Seite 3

Eine Würdigung des rumänischen Königs in der „Berliner Morgenpost“ [S. 3, oben, rechts]
Aus Berlin wird dem „Tag“ unter dem 20. d. telegraphiert: Die „Berliner Morgenpost“ widmet einen langen Artikel dem rumänischen König Carol und schreibt: „König Carol, der vor kaum zwei Jahren den rumänischen Thron bestiegen habt, gibt sich alle Mühe, das Land ganz neu aufzubauen und die herrschenden Sitten zu ändern. Seine Beziehungen zum jungen Prinzen Mihai sind die allerbesten und der König beschäftigt sich viel mit der Erziehung seines Sohnes. An jedem Morgen, bevor er seine Arbeit beginnt, muß er schauen, daß seinem Sohn die notwendige physische Erziehung zuteil wird. Der König liest sehr viele Zeitungen, besonders die ausländischen, und ist über alle Ereignisse besser als ein Staatsminister informiert. Besondere Aufmerksamkeit widmet er der Bauernschaft und sucht oft Gelegenheit mit ihr in Kontakt zu kommen.“

(320922r3)


Der Verein der Verbrecher-Nachkommen [S. 3, rechts, Mitte]
In Melbourne (Australien) wurde vor kurzem ein Verein gegründet, der einzigartige Aufnahmsbestimmungen hat. Mitglied kann nur derjenige werden, der in der Lage ist, einwandfrei nachzuweisen, daß er von englischen Schwerverbrechern abstammt, die nach Australien deportiert wurden. Bekanntlich war Australien früher englische Strafkolonie und die ältesten australischen Familien (natürlich unter Ausschluß der Eingeborenen, die aber bis auf wenige tausend ausgestorben sind) sind zweifellos auf englische Schwerverbrecher zurückzuführen. Es mutet grotesk an, wenn man erfährt, daß ein Mitglied kürzlich Gegenstand besonderer Ehrung war, das nachweisen konnte, daß es ein direkter Nachkomme eines berüchtigten Straßenräubers ist, der auf Lebenszeit in die Strafkolonie verbannt wurde. Nach den Vereinssatzungen des merkwürdigen Vereines ist stets derjenige der Vorsitzende auf einen Monat, der ein direkter Nachkomme des abgefeimtesten Verbrechers nach dem damaligen englischen Gesetz ist. Wie man hört, soll es in diesem Zusammenhang bereits mehrfach zu einem edlen Wettstreit um den Ruhm, der Vorsitzende zu werden, gekommen sein. Auch in Sydney, der zweiten Millionenstadt Australiens, ist übrigens nach dem Muster Melbournes ein solcher Klub ins Leben gerufen worden.

(320922w3)

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de.wikipedia.org/wiki/Sträflingskolonie_Australien


Seite 4

Vornamen - vogelfrei [S. 4, oben, rechts]
Der Erlass über die Namensänderungen
Der Artikel in der gestrigen Nummer des „Tag“ über die Namensänderungen bei Ausfolgung der Bürgerbüchel hat überall die größte Sensation ausgelöst.
Ein Mitarbeiter des „Tag“ sprach in dieser Sache neuerlich mit dem Vorsteher des städtischen Populationsamtes, Direktor Levescu, der sich auf eine ministerielle Verordnung berief und sogar mitteilte, daß beim Appellgerichte bereits 800 Kontestationen gegen die Namensänderungen eingebracht und alle abgewiesen wurden. Sogar der Kassationshof in Bukarest habe sich bereits mit solchen Kontestationen befaßt und diese mit der Begründung abgewiesen, daß irredentistische Kreise sich dem rumänischen Staatsgedanken nicht anpassen und sich gegen eine gesetzliche Maßnahme, die für alle Kreise gelte, auflehnen.
Es scheint aber, daß hier ein großes Mißverstehen auf Seiten der Primaria obwaltet, da die zitierte Verordnung des Ministeriums sich ausdrücklich auf den Beschluß einer siebenbürgischen Kirchenbehörde beruft; daraus ist auf die Tendenz zu schließen, die in Ardeal häufigen magyarisierten Namen von Rumänen wieder zu ändern. Dies kann sinnvoll sein, insofern es mit Einwilligung der Namensträger geschieht. Diese Bestimmung aber gegen die Minderheiten und noch dazu zwangsweise anzuwenden, bedeutet Unsinn und Willkür.
Nachstehend der Wortlaut des famosen Erlasses:

Czernowitz, den 5. November 1929

Rumänien.
Primaria des Munizipiums Czernowitz
No. 17232/929
IV

Registrierung und Eintragung der Namenkorrekturen

Zirkular-Verordnung
An alle Sektionen, Dienststellen und der Direktion des Elektrizitätswerkes Czernowitz
Mit Datum vom 19. Oktober 1929 teilt das Innenministerium (Gemeinde-Direktion) mit Adresse No. 19631 der Stadtgemeinde folgendes mit:
Mit Adresse No. 8446/929 gibt der Consiliul Dirigent der reformierten Eparchie von Ardeal uns bekannt, daß die Staatsbehörden sowie hauptsächlich die zivilen Standesämter eigenmächtig die Namen der reformierten Gläubigen ändern. Durch die falsche Eintragung dieser Namen wird das heilige Recht auf Beibehaltung des Originalnamens mißachtet und werden viele Konfusionen angerichtet werden, die sich vor allem bei Ausübung des privaten Rechtes sowie hauptsächlich bei Geltendmachung von Erbforderungen einstellen.
Indem wir Ihnen dies zur Kenntnis bringen, ersuchen wir Sie, alle Maßnahmen zu ergreifen, daß die Standesämter, die von dieser Primaria abhängen, die Familiennamen der Bürger nicht ändern und diese genau so eintragen, wie sie von den Familien gebraucht werden. Eventuelle in dieser Richtung gemachte Fehler mögen sofort gutgemacht werden.
Indem wir Ihnen dies zur Kenntnis bringen und Darnachrichtung verlangen, machen wir gleichzeitig auf unseren Auftrag No. 1391 vom 21. Juni 1924 aufmerksam, mittels welchem wir folgendes anordneten:
Der Taufname (Geburtsname) darf nur rumänisch geschrieben werden, so z. B.: Alexandru und nicht Alexander, Vasile und nicht Bazil, Ioan und nicht Iohann, ec.
Die Familiennamen werden aber weiter auch so geschrieben, wie sie aus den Dokumenten der Standesämter hervorgehen.

Für die Interimarkommission:

Der Präsident:
(m. p.) Dr. N. Saveanu

Der Generalsekretär:
(m. p.) Dr. St. Braileanu

(320922c4)
Klaus Binder
 
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Nr. 158, Freitag, 23.09.32

Postby Klaus Binder on 22. September 2010, 18:09

Seite 1

Vor einem Petroleummonopol? [S. 1, Mitte]
Aus Bukarest wird gemeldet: Bekanntlich hatten die rumänischen Vertreter auf der Pariser Petroleumkonferenz dem Abkommen nur unter dem Vorbehalt der Ratifizierung durch die rumänischen Petroleumgesellschaften zugestimmt. Den rumänischen Gesellschaften wurde eine einmonatige Frist gesetzt, in welcher Zeit sie sich über die Anwendbarkeit des Pariser Abkommens in Rumänien einigen sollten. Nach langwierigen Verhandlungen kam eine Einigung über folgende Punkte zustande: Drosselung der Förderung, inländisches Kartell und Verteilung der Ausfuhrmengen, sowie Festsetzung der Einflußgebiete. Auf Grund dieses Uebereinkommens haben sich C. Oficeanu und M. Constantinescu als Vertreter des Petroleumverbandes nach Paris begeben, um an der Konferenz teilzunehmen, die endgültig über die Anwendung des internationalen Abkommens beschließen soll.
In Regierungskreisen soll man im Zusammenhang mit diesem Abkommen Hoffnungen auf eine große Anleihe hegen. Auf Grund des Abkommens wäre der einmal bereits erwogene Plan einer Monopolisierung der Petroleumförderung möglich; gegen Konzession dieses Monopols oder zumindest bei Sicherstellung durch die Erträgnisse dieses Monopols wäre eine große Auslandsanleihe erhältlich. Eine Bestätigung dieser Pläne von amtlicher Seite steht noch aus.

(320923r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Mädchenhändler!!! [S. 2, oben, links]
Schlaf liegt noch in den Augen, der Versuch, durch Nachmittagsschlaf teilweise wieder aufzuholen, was lange Nachtarbeit versagte, wird schnöde zunichte gemacht durch ohrenbetäubendes Gebrüll der modernen Nachrichtenübermittlung: die Lausejungen haben einen neuen Schlager. Einen Schlager um halb vier Uhr nachmittags, und das kostet mich meine Ruhe, meinen Schlaf. Sie brüllen: Aine Mädchenhändlerbande vahaftääät! Naieste Telegramme! Ain Leu! Mädchenhändler in Czernowitz varhaftääät!

Schaum fließt dem schmierigen Kolporteur von den Lippen, seine Stimme ist heiser und überschlägt sich, zwar weiß er nicht, was das ist: Mädchenhändler, aber man hat ihm das so beigebracht, und nun schreit er wie ein Tollgewordener, als ob die Welt bereits im Untergehen begriffen wäre.

Die Stadt und ihre Bewohner sind aus dem Häuschen. Ha! Mädchenhändler: Das hat uns noch gefehlt. Und dazu zahlen wir Steuern, damit uns die Töchter entführt werden? Es ist ein Tohuwabohu*), in jedem einsamen Spaziergänger vermutet man auf einmal einen Händler lebender Ware. Junge Mädchen rennen angsterfüllt nach Hause, und mit dem Ruf: „Mädchenhändler!“ fallen sie schwer aufatmend, herzklopfenhabend über die Jause**) her. Die diversen Bräutigämer treffen bereits drakonische Maßnahmen, die Braut darf nicht mehr allein auf die Straße, Gott ist verhältnismäßig groß und ehe man nichts versieht, ist ein Mädchenhändler da, raubt die Braut und damit die schwer erkämpfte, aber noch nicht erhaltene Mitgift. Dem muß vorgebeugt werden!

In der Bar verfolgt die Mutter, beobachtet der Vater scharf den jungen Mann, der da mit dem Töchterchen tanzt - er hat ein ziemlich verdächtiges Aussehen - Jettischka, woher kennst du den jungen Mann, ich muß dir sagen, er kommt mir nicht so ohne vor, sein Kinn ist mir höchst verdächtig - woher ist er? Ein Politischer? Da hast du es, ich hab dir gleich gesagt, der Mann ist nicht koscher, sicher hat er Dich nach Polen verführen wollen, ein Glück, daß ich da bin . . .

Aufregung zur höchsten Potenz, der Korso ist schon viel weniger belebt, ich bitt Sie, Mädchenhändler, das ist doch kein Spaß, da muß man sich schon in Acht nehmen . . .

Unterdessen habe ich mir die gefährlichen Mädchenhändler im Kommissariat Ringplatz angesehen. Ein bekowedtes***) Ehepaar, er ist zum Überfluß taubstumm, sie weint andauernd und mit wachsender Begeisterung, und der Kommissär - Burcutean ist sein Name - lächelt. Warum auch sollte er nicht lächeln, da die Zeitungen aus diesem Ehepaar gefährliche Mädchenhändler machen? Der Polizeikommissär hat in seiner Laufbahn viel gesehen und die Verbrechertypen sämtlicher Nuancen und Branchen studiert, und er sagt: Wenn diese zwei Leute Mädchenhändler sind, dann lasse ich mich hängen!

Nun, im Interesse der Männlichkeit und des Nachwuchses, der für den Staat lebenswichtig ist, muß gefordert werden, daß die Zeitungen nicht solche alamierende Mädchenhändlernachrichten kolportieren. Denn die Mädchen verstecken sich alle bei Müttern daheim und kommen nicht mehr auf die Straße.
Was soll daraus werden?
H. G.

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*) http://de.wikipedia.org/wiki/Tohuwabohu
**) http://de.wiktionary.org/wiki/Jause
***) gemütlich, angenehm; aus einem kleinen "Glossar" ➞ arche-verlag.com (pdf-Datei)



Administrativinspektorat vermittelt im Brotkonflikt [S. 2, oben, Mitte]
Heute Sitzung der Preisprüfungskommission

Die Krise in der Brotversorgung dauert noch immer an und die Stradtgemeinde hat bis jetzt keine Lösung gefunden, da sie ein neuerliches, präziseres Gutachten von der Handeskammer verlangt hat. Inzwischen geht die Approvisionierung mit Brot nur sehr schleppend vor sich, da die Kleinbäcker nicht backen, die Großbäcker aber den an sie gestellten erhöhten Anforderungen nicht entsprechen können. Die Stadt hat immer ungefähr 18.000 - 20.000 Brote täglich konsumiert und dieses Quantum wird jetzt nicht erzeugt. Daher macht sich ein

fühlbarer Brotmangel
bemerkbar.
Nun hat das Administrativinspektorat eingegriffen und man hofft, daß eine Einigung zustandekommen wird.
Gestern 11 Uhr vormittags erschien eine Delegation der Bäckergenossenschaft beim Generaladministrativinspektor Crudu. Sie informierte ihn über die Situation auf dem Brotmarkte und die zwischen der Stadtgemeinde und den Bäckern geführten Verhandlungen, sie verwies schließlich darauf, daß die Existenz von 72 Bäckern bedroht sei. Außerdem seien mehr als 600 Greisler betroffen, die nicht beliefert werden können, weil die Bäcker außerstande seien, den Rabatt zu gewähren. Der Generaladministrativinspektor hörte die Delegation an und setzte für 5 Uhr nachmittags eine Besprechung an, an welcher auch ein Delegierter der Stadtgemeinde teilnehmen sollte.
Zu dieser Besprechung, die unter Vorsitz des Administrativinspektors Cudru, um 5 Uhr nachmittags stattfand, erschienen von Seiten der Bäcker die Industriellen Bilgrey und Mathias sowie der Vertreter der Großbäckerei Weißmann, von Seiten der Stadtgemeinde der stellvertretende Stadtpräsident Baranay. In dieser Besprechung wurde sowohl das städtische Brot der Primaria als auch das von den Bäckern erzeugte einer Prüfung unterzogen. Der Generaladministrativinspektor gab zu, daß das von der Primaria erzeugte Brot an Qualität zurückstehe.

Die Bäcker erklärten, daß sie nur noch für kaum drei Tage Mehl zur Verfügung haben und eine Eindeckung bei den steigenden Mehlpreisen sowie bei den gegenwärtigen niedrigen Brotpreisen unmöglich erscheine. Sollten diese Mehlvorräte verbraucht sein, so würden sie ihre Betriebe einstellen müssen, wenn nicht bis dahin ihren Forderungen entsprochen worden wäre.
Administrativinspektor Crudu teilte der Delegation mit, daß er sowohl die von der Primaria als auch die von den Bäckern aufgestellte Kalkulation prüfen und dann ein gütliches Einvernehmen werde herzustellen suchen. Bis morgen soll die Entscheidung fallen.
Vizepräsident Baranay erklärte sich bereit, noch einmal eine Kalkulation aufzustellen, um dann in der am Freitag stattfindenden Sitzung der Interimarkommission referieren zu können.

Inzwischen tritt heute um 10 Uhr vormittags die Preisprüfungskommission zu einer Sitzung zusammen, da der Termin, bis zu welchem die alten Brotpreise Geltung haben, abgelaufen ist. Die Preisprüfungskommission wird aller Wahrscheinlichkeit nach keine festen Beschlüsse fassen, sondern der Vorsitzende Mohr wird hierüber in der Interimarkommission, die am Freitag zusammentritt, referieren und eine Erhöhung um 50 Bani pro Brot verschlagen. Die Bäcker beharren aber auf ihrer Forderung, daß der Preis für 1 kg Brot mit 8 Lei 50 festgesetzt werde.


Seite 3

Wieder Selbstmordversuch eines Soldaten [S. 3, Mitte]
Aus Furcht vor Strafe, weil er am Wege zusammengebrochen ist

Nachdem erst vor einigen Tagen der Soldat Vasile Cioban des dritten Graniceriregimentes einen Selbstmord durch Erschießen begangen und angeblich in einem hinterlassenen Brief als Motiv der Tat ständige Mißhandlungen durch einen Feldwebel angegeben hat, hat gestern wieder ein Soldat des gleichen Regimentes Selbstmord versucht.
Gegen halb vier Uhr nachmittags wurde in der unteren Brückenstraße der Soldat Grigore Mitrica aus dem Bezirke Soroca, der dem Czernowitzer dritten Graniceriregiment zugeteilt ist, mit einem Bauchschuß bewußtlos aufgefunden. Er wurde auf die Polizeiwachstube in der Brückenstraße gebracht. Da es aber hier - eine ganz merkwürdige Erscheinung - kein Telefon gibt, dauerte es geraume Zeit, bis die Rettungsgesellschaft verständigt werden konnte.
Als Mitrica für kurze Zeit zum Bewußtsein kam, erklärte er, er sei bei einer Marschübung seiner Kompagnie in aller Früh aus Uebermüdung zusammengebrochen. Da er deshalb Strafe fürchtete, habe er den Selbstmordversuch verübt. Der Unglückliche lag viele Stunden mit seinen schweren Verletzungen, bis er schließlich aufgefunden wurde.
Die Rettungsgesellschaft verfügte seine Ueberführung ins Militärspital. Seine Verletzungen sind so schwerer Natur, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird.

(320923c3)


Seite 4

Vaida wird mit Russland verhandeln [S. 4, links]
Reise des Ministerpräsidenten nach Genf

Aus Bukarest wird uns gemeldet: Ministerpräsident und Außenminister Vaida wird in einigen Tagen als Führer der rumänischen Delegation für die Vollversammlung des Völkerbundes nach Genf reisen.
In informierten Kreisen heißt es, daß Vaida die Verhandlungen mit dem russischen Delegierten Litwinov führen wird, welche bekanntlich durch französische Vermittlung aufgenommen werden sollen.
Es wird erklärt, daß Vaida, der schon im Jahre 1921 mit Rußland verhandelt hat, sich die größte Mühe geben wird, die Verhandlungen diesmal möglichst bald zu einem günstigen Abschluß zu bringen. Angeblich sind bereits jetzt aus Genf Meldungen eingelaufen, welche zu einer optimistischen Auffassung dieser Verhandlungen berechtigen.

Aeußerungen Zaleskis
Aus Warschau wird uns gemeldet: Der polnische Minister des Auswärtigen Zaleski hat vor seiner Abreise aus Genf der Presse Erklärungen gegeben, in welchen er auch auf den Nichtangriffspakt mit Rußland zu sprechen kommt.
Zaleski äußerte sich dahin, daß der polnisch-russische Pakt im Sinne einer Pazifizierung erst dann in vollem Maße wirken werde, wenn Rußland auch mit Rumänien einen gleichen Vertrag abgeschlossen haben wird. Bis dahin dürfe Rußland aber von der internationalen Mitarbeit nicht ausgeschlossen werden, bloß deshalb, weil in Rußland ein anderes Regime bestehe.

(320923w4)


Kleiner Anzeiger [S. 4, rechts]
Montessori Spielgruppe
bereits eröffnet -
Leitung: Gerda Maurüber, Montessori-Lehrerin (Praxis in Wien)
Gisa Melzer, Absolventin des Montessori-Kurses in Braschov
- Rumänisch, deutsch, französisch. -
Anmeldungen u. Auskünfte täglich von 4 - 6 nachm. bei Maurüber, Herreng. 18, 2. Stock
6093

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http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Montessori


Ameldungen für
Handschuhkurse
werden bei Gina Greif
Splenygasse 3 entgegengenommen 1021

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• Handschuhkurse?


Todesfall [S. 4, unten, rechts]
Gestern starb hier im Alter von 65 Jahren der pensionierte Schuldirektor Simion Medvighi. Der Verstorbene hat sich in allen Kreisen der Czernowitzer Gesellschaft des größten Ansehens erfreut. Er war mit dem Orden „Coroana Romaniei“ ausgezeichnet. Das Leichenbegängnis findet morgen (Freitag) um 3 Uhr nachm. von der Kirche „Unirea“ neben dem Militärspital aus, woselbst der Leichnam aufgebahrt ist, statt.

(320923t4)
Klaus Binder
 
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Nr. 159, Samstag, 24.09.32

Postby Klaus Binder on 23. September 2010, 09:58

Seite 1

Untersuchungsausschuß über Reichstagsauflösung [S. 1, Mitte, links]
Rekonstruktion der Vorgänge durch Schallplatte. - Vorladung der Regierung

Berlin, 23. September (Tel. d. „Tag“). Der Reichstagsausschuß zur Wahrung der Volksinteressen, der sich als Untersuchungsausschuß konstituiert hatte, trat gestern zu einer Beratung zusammen, in welcher auch mehrere Zeugen einvernommen wurden. Es wurde eine Darstellung der Vorgänge am 12. September, dem Tage der Reichstagsauflösung, gegeben. Göring hielt eine längere Ansprache und verwies darauf, daß er am historischen Tage alles versucht habe, um die Rechte der Volksvertretung zu schützen und ihnen zum Siege zu verhelfen. Ganz besonders wollte er es verhindern, daß ihm der Reichskanzler vor der Abstimmung über den Mißtrauensantrag und über die Aufhebung der Notverordnung mit der Auflösung zuvorkomme.
Schließlich wurde die Rekonstruktion der Vorgänge mittels einer Schallplatte versucht, auf welcher die Ereignisse im Reichstag am Tage der Auflösung aufgenommen wurden [fett v.m.]. Dies genügte aber nicht, um ein klares Bild von den Vorgängen zu gewinnen, sodaß beschlossen wurde, am Dienstag das Beweisverfahren fortzusetzen.
Für diesen Tag wurden nach der Form der Prozeßordnung der Reichskanzler, der Reichsinnenminister, ein Staatssekretär sowie je vier Kommunisten und Nationalsozialisten vorgeladen. Ob die Staatsminister der Vorladung Folge leisten werden, ist bis jetzt ungewiß.

(320924w1)


Seite 2

Todesfälle [S. 2, oben, Mitte]
Mittwoch abends starb hier Erzpriester, Professor Alexander Morariu. Der Verstorbene war eine in allen Gesellschaftskreisen geachtete Persönlichkeit. Seine Veröffentlichungen über kirchliche Themen wurden in Fachkreisen geschätzt. - Das Leichenbegängnis findet heute (Freitag) um 3 Uhr nachmittags vom Trauerhause str. 10 Mai aus statt. - Gestern vormittags ist hier die Frau Honora Silbermann, Gattin des Chefredakteurs des „Vorwärts“ nach längerem Leiden im Alter von 42 Jahren gestorben. Die Verstorbene eine pensionierte Lehrerin, war eine gebildete Frau, welche bei allen die sie kannten, angesehen und beliebt war. Den Hinterbliebenen wendet sich allgemeine Teilnahme zu. Das Leichenbegängnis findet heute (Freitag) um 11 Uhr vormittags vom Trauerhause Isopeskulgasse 11 b aus statt.

(320924t2)

Heute Entscheidung in der Brotfrage [S. 2, Mitte]
Die Tagung der Preisprüfungskommission

Gestern um 10 Uhr vormittags trat die Preisprüfungskommission unter Vorsitz des Präsidenten Mohr und in Anwesenheit des Mitglieds der Interimarkommission Zawada, Marktdirektors Edelstein sowie in Beisein der Herren Dr. Trichter und Weißmann für die Mehlhändler, Industrieller Bilgrey, Mathias und Ruggendorf für die Bäcker und schließlich Hauptmann a. D. Karl Bauer als Vertreter der Pensionisten zu einer Sitzung zusammen. In dieser erstatteten die Vertreter der Mehlhändler einen Bericht über die gegenwärtige Preismarktlage und teilten mit, daß die Getreide- und Mehlpreise im Ansteigen begriffen sind. Auf Grund der vorgelegten Kalkulation ergibt sich ein Preis von Lei 6.50 pro kg. für das von den Bäckern verwendete Mischmehl.

Hierauf äußerten sich die Vertreter der Bäcker über die Situation und erläuterten noch einmal ihren Standpunkt. Sie erklärten sich außerstande, unter diesen Bedingungen die Betriebe noch weiter aufrecht zu erhalten, da sie mit Verlust arbeiten. Selbst aus den von der Primaria angenommenen Regiespesen ergebe sich, daß der gegenwärtige Brotpreis zu niedrig und eine Erhöhung gerechtfertigt sei. Man müsse den Brotpreis auf 8.50 bei einem Kilogrammgewicht oder aber auf 8 Lei beim gegenwärtigen Gewicht erhöhen. Dr. Trichter als Vertreter der Mühlenbesitzer erklärt, daß diese Forderung berechtigt sei.

Der Vertreter der Pensionisten, Hauptmann a. D. Karl Bauer, führte aus: Er habe zu Hause eine Probebackung vorgenommen und festgestellt, daß ein Kg. Brot ohne jede Spesen 6 Lei koste. Dazu kommen noch je 50 Bani für Stempel und Rabatt an die Verschleißer sowie ein Leu pro Kilogramm Regiespesen, wie sie von der Primaria errechnet wurden und schließlich noch 20 Bani für die Zufuhr. Die Gesamtsumme ergebe also 8.20 Lei für ein Kg. Brot, wozu noch die anderen Abgaben, wie Krankenkassen und sonstige Spesen der Bäcker zuzurechnen seien.

Die Bäcker erklärten, daß diese Kalkulation richtig sei, und sie ersuchten, auf ihrer Grundlage die Preise festzusetzen.

Nun teilte der Vorsitzende mit, daß er in der Freitag um 12 Uhr vorm. stattfindenden Sitzung der Interimarkommission Bericht erstatten werde. Bis dahin dürfte auch schon das Gutachten des Generaladministrativinspektors Crudu wie der Handelkammer vorliegen, sodaß die Entscheidung werde gefällt werden können.
Die Bäckerorganisation hat für Samstag nachmittags eine Sitzung einberufen, um zur Situation auf dem Brotmarkte Stellung zu nehmen und weitere Beschlüsse zu fassen.

Der Brotmangel in der Stadt dauert noch immer an. Während des gestrigen Tages gab es wieder Sturm auf die in Betrieb stehenden Bäckereien. Bei einer Bäckerei wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Die wenigen Bäcker sind außerstande, soviel Brot zu erzeugen, als die Stadt konsumiert. Auch die Primaria kann den Verpflichtungen nicht nachkommen. Das erzeugte Brot reicht nicht aus, um die Bevölkerung zu versorgen.


Eine Stunde zurück [S.2, unten, Mitte]
Ab 1. Oktober - Wiedereinführung der normalen Zeit

Vom 1. Oktober angefangen wird die Zeit wieder normal. Wir kommen auf die Bukarester (osteuropäische) Zeit nach zwei Versuchen, die Wiener Zeit im Jahre 1931 und die Zeit von Trapezunt (Kleinasien) im Jahre 1932 einzuführen, zurück.
Die Experimente haben nicht die Erwartungen erfüllt. Das Wechseln der Zeit geschah nicht auf Initiative des astronomischen Observatoriums. Den Plan zur Einführung der mitteleuropäischen Zeit verdanken wir der Eisenbahndirektion und die asiatische wurde von der letzten „Regierung der Fachleute“ zustandegebracht. Das astronomische Observatorium war gegen diese Veränderung, doch den Interessen der Eisenbahnen nachgehend, ließ es die mitteleuropäische Zeit zu, ohne sich um die von dem Amerikaner Allen aufgestellte Zeiteinteilung zu kümmern oder unsern geographischen Meridian zu berücksichtigen.
Unsere Erde dreht sich mit ihren 360 Längegraden in 24 Stunden um die Achse. Die Sonne hat alle 4 Minuten auf einem anderen Meridian ihren Kulminationspunkt, so daß bei Umdrehung von 15 Graden eine Stunde vergeht, das heißt, daß in zwei Ortschaften, die 15 Grad voneinander entfernt sind, die Sommerzeit um eine Stunde variiert. So hat jede Ortschaft ihre Zeit. Dies geht aber im Leben nicht ohne Komplikationen ab, die in der heutigen Zeit bei den heutigen Verkehrsverhältnissen natürlich Störungen verursachen. So ist auch das Bestreben unserer Eisenbahndirektion verständlich gewesen, sich den mitteleuropäischen Fahrplänen zeitlich anzugleichen.
Unser Globus ist in 24 Sektionen eingeteilt, um die Berechnung der Zeit auf diese Zahl zu beschränken. Wir liegen im 3. europäischen Sektor. Die Versuche, die Wiener, und dann die Trapezunter Zeit einzuführen, haben gezeigt, daß es das Beste ist, bei unserer guten alten Zeit zu bleiben.
Zu dieser Zeit zurückkommend [zurück kommt], werden wir scheinbar 60 Minuten gewinnen. Am 1. Oktober 1 Uhr früh werden wir noch September 12 Uhr nachts haben. Hoffen wir, daß dies der letzte Zeitwechsel war und, daß unsere Uhren nicht wieder zweimal jährlich gestört werden.

(320924r2)


Billy Lee tödlich abgestürzt [S. 2, rechts, Mitte]
Tragisches Ende des Todesfahrers

Wie uns aus Jassy gemeldet wird, ist dortselbst der Motorradfahrer Billy Lee tödlich verunglückt. Gelegentlich einer seiner vor kurzem auch in Czernowitz viel angestaunten Fahrten auf der Todesmauer stürzte er ab und zog sich so schwere Verletzungen zu, daß er diesen sofort erlegen ist. Billy Lee war schon früher zweimal abgestürzt und nicht unerheblich verletzt worden. Jetzt aber hat ihn sein Schicksal ereilt.
Gelegentlich seiner Anwesenheit in Czernowitz vor einigen Wochen erklärte der junge Sportler, nur noch ein Jahr diesen Beruf ausüben zu wollen, um sich dann einem ungefährlicheren Beruf zu widmen. Das Schicksal hat es aber anders gewollt.

(320924c2)

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• Diese Show wurde öfter beworben, z.B. im Tag Nr. 137 am 28.8.32, Seite 5:
10 Lei * Letzte Tage! Todesmauer
(Piața Vasile Alexandri - Eislaufplatz)
mit dem Amerikaner Billi Lee
Täglich von 6 - 12 h



Tollgewordener Korporal teilt Säbelhiebe aus [S. 2, unten, rechts]
Dem „Tag“ wird unter dem 23. d. telegraphiert: Im Tolaner (?) Gebiet hat gestern ein berittener Amokläufer 24 Stunden lang die Gegend unsicher gemacht. Ein Korporal des Husarenregimentes raste wie ein Besessener auf den Straßen und verletzte mehrere Personen mit Säbelhieben. Erst nach einer rasenden Treibjagt gelang es, den toll gewordenen Korporal zu fangen.


Werbung * Ankündigung
Französischer Unterricht [S. 2, unten, rechts]
Lizenziatin [Lizentiatin] Hedwig Flinker, diplomiert an der Universität in Dijon, erteilt französischen Unterricht. Einzeln und in Kursen, auch Kinderkurse. Auskünfte: Kathedralgasse 6, erster Stock, täglich 2 - 4 Uhr. 6095

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http://de.wikipedia.org/wiki/Lizenziat
http://www.inp-fc.fr/dijon.php
• Eventuell ist Hedwig Flinker mit dem momentanen „Verantwortlichen Redakteur“ Dr. Ernst Maria Flinker verwandt.
Klaus Binder
 
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Nr. 160, Sonntag, 25.09.32

Postby Klaus Binder on 23. September 2010, 23:53

Seite 1

Leitartikel
Die Stadt [S. 1, oben, links]
Der Mann, der zuerst den Gedanken gefaßt hat, die Stadt in den scharfen Gegensatz zum Land zu bringen, für den wird einmal der Sündenpfuhl in seiner höchsten Entartung nicht genug Strafe bieten. Aus diesem Gegensatz ist dann auch mit suggestiver Wirkung der falsche Glaube von der minderen wirtschafltichen Leistungsfähigkeit des Landes und in weiterer Folge von den größeren Verpflichtungen der Städte aus der Wirtschaft einstanden. Langsam sickerte der in das Land eingeträufelte Giftstoff von seinem Privilegienanspruch durch, und wer die Resultate einer Suggestion erforscht und geprüft hat, wird wissen, daß nichts leichter zündet als die Zusage: Du hast mehr Rechte als der andere. Daß sie beide, Städte und Ländler, einen einzigen Komplex der Wirtschaft bilden, der erst in richtiger Abtönung und Abstufung von Interesse und Pflichten einen gesunden Wirtschaftsklag ergibt, das hatte man vergessen. Es ist beiläufig wie nach dem Kriege zwischen den Staaten, die Einteilung in Sieger- und Besiegtestaaten, gleichgültig, ob Sieger oder Besiegte von einander in der Wirtschaft abhängen, und daß das Sterben des einen Lebensgefahr für den anderen bedeutet. Das hat man dann in kleinerem Maßstab in der Periode der hochgeschraubten Konjunktur von Kapitalismus und Versklavung der Arbeiter erfahren, und hier hat sich auch gezeigt, daß die Gegensätze, die entstanden sind, um aus der Welt geschafft zu werden, eine ausgleichende Gerechtigkeit erfahren müssen. Hier, bei uns im Agrarstaat, haben sie dann plötzlich während des Studiums des Sanierungsproblems - da das Reich infolge der Wirtschaftskrise und einer schlechten Verwaltung verfällt - sich auf das Allheilmittel der Rettung der Landwirtschaft versessen, ohne zu bedenken, daß der Städter auch in diesem Reiche lebt, und daß ein inniger Wirtschaftskonnex zwischen Land und Stadt existiert, daran nicht genug, auch noch den Städter herunterzudrücken, mit der falsch unterschobenen Tendenz, auf dessen Kosten den Landwirt zu fördern - - - eine Verwirrung, in die man hineingeraten, und aus dessen Chaos man nicht mehr den Weg ins Freie finden kann. Der Präsident der nationalzaranistischen Partei, Maniu, hat endlich gestern den Mut besessen, zu versprechen, er werde die Städter nicht vergessen. Auch noch andere Zusagen gibt es, und wir finden, daß die Städter bis auf wenige Fürsprecher auch im Parlamente verlassen sind. Wo ist eine kräftige Organisation der Städter zu spüren, wo die starken Hände, die sich von den Städten regen müssen, in denen alles, was Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft Bedeutung hat, konzentriert ist? Sie machen in Bukarest einen schlechten Dienst dem Reiche, daß sie den Städter noch immer als zweit- oder drittrangig bezeichnen, während sie in den Gesetzen nur der Landwirtschaft den Vorzug geben.
Ego


Gandhi fastet [S. 1, oben, links]
Seit 70 Stunden

Genf, 23. September (Tel. d. „Tag“). Die Blätter teilen mit, daß sich ein Kompromiß zwischen der Regierung und Gandhi vorbereitet. Gandhi fastet bereits 70 Stunden. Er nimmt nur Limonade zu sich. Das Gefängnis ist von Menschenmassen belagert.
Gandhi empfing eine Deputation seiner Anhänger, die ihm nahelegen wollten, auf das Fasten zu verzichten. Dann empfing er seine Frau, die vom Gefängnis in Ahmedabad nach Yearavda übergeführt wurde. Die gestrige Nacht verbrachte Gandhi im Garten des Gefängnisses. Sein Gesundheitszustand ist geschwächt, jedoch zeigt er geistige Frische.

Eine Botschaft Gandhis
London, 24. September (Tel. des „Tag“). Gandhi richtete an das englische Volk eine Botschaft, in der es heißt, daß die Bewegung, die er leite, nicht irgend einen politischen Zweck verfolge. Er erstrebe nur die Erreichung seines Ideals, für welches er schon seit 50 Jahren kämpfe.
Zwischen den höheren und den niederen Kasten, den Parias, ist eine Einigung zustandegekommen. Sollte sich der englische Ministerpräsident mit dieser Einigung einverstanden erklären, so wird Gandhi seinen Hungerstreik aufgeben. Inzwischen dauert der Hungerstreik Gandhis schon drei Tage.

(320925w1)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Mohandas_Karamchand_Gandhi
• Geboren 1869, d.h. Gandhi war 1932 cirka 63 Jahre alt.



Parlament [S. 1, rechts, Mitte]
Regierungs-Entwurf zur Regelung der Brotfrage
Interessante Anfragen in der Kammer

Bukarest, 24. September (Tel. des „Tag“). In der Kammersitzung vom 22. d. interpelliert der sozialdemokratische Abgeordnete Janczek die Regierung wegen der

Verschleppungen bei den Gerichtsverhandlungen.
Die Bevölkerung der Bukowina habe schon oft darüber Klage geführt. Durch dieses Vorgehen wird nicht nur der Bevölkerung großen Schaden zugefügt, sondern es wird auch eine ungünstige Atmosphäre für die Gerichtsbehörden geschaffen. Obwohl das Gesetz über die Reorganisation des Gerichtswesens sowie über das beschleunigte Verfahren die rasche Prozeßabwicklung vorsieht, sind ungeheure Verspätungen die Regel. Die einzelnen Richter müßten verpflichtet werden, allmonatlich einen Bericht über die Abwicklung der Prozeßführung dem Justizministerium einzuschicken. Geschieht dies nicht, so müsse der betreffende Richter zur Verantwortung gezogen werden.

Hierauf richtet der jüdische Abgeordnete Josef Fischer an die Regierung eine Anfrage wegen

Nichtbezahlung der im Budget des Jahres 1930 für den jüdischen Kultus bewilligten Subeventionen.
Auch für das Jahr 1931 wurde dem jüdischen Kultus nichts gezahlt.
Cuza: „Man soll den Juden keine Subventionen bewilligen“.
Kammerpräsident Pop: Dann dürften wir von den Juden auch keine Steuern verlangen.

Der Liberale Iuca führt darüber Klage, daß

die Gehälter der Postbeamten
bis jetzt nicht ausgezahlt wurden. Auch verlangt er für diese Beamten Reduzierung der Eisenbahntarife.
Minister Mirto erklärt, daß nur eine dreitägige Verspätung in der Auszahlung erfolgt sei und daß den Beamten kein Unrecht geschehen werde. Auch arbeite er an einem Regulament, welches für die erwähnten Beamten eine Reduzierung der Eisenbahntarife vorsieht.

Als der Abgeordnete Vasiliu-Oituz den Minister Mirte wegen der

Erhöhung der Brotpreise
interpelliert, überreicht ihm der Minister ein Projekt, welche diese Frage betrifft.
Der Entwurf der Regierung sieht vor, daß auf Grund eines Referates der Handels-, Ackerbau- und Finanzministerien die Regierung ermächtigt wird, den Getreidehandel sowie die Fabrikation und den Handel mit Mehl und Brot zu reglementieren, alle bezüglichen Maßnahmen zu treffen und auch die Brotpreise festzusetzen.
Minister Mirto hielt dann eine längere Rede, in welcher er sich zu dieser Frage äußert: „Während der Abgeordnete Vasiliu-Oituz diese Frage hier zur Sprache bringe, beschäftigen wir uns schon längst mit dem Mehl-, Getreide- und Brotproblem. Was den Getreidepreis betrifft, so müssen wir dafür sorgen, daß die Landwirte ihre wenigen Produkte zu einem guten Preis absetzen können.“
Auch Dr. Josef Fischer kündigt eine Interpellation über die Verteuerung des Brotes an. Infolge der hohen Importtaxen beginne das Brot ein Luxusartikel zu werden. Weiter teilte Fischer mit, daß die Bäcker sehr schwer kämpfen, weil sie allein die Stempeltaxen zu tragen haben.

In der Nachmittagssitzung wurde der Gesetzentwurf über die Regelung der Weinpflanzungen erörtert und angenommen.
Dann brachte der Justizminister Popovici den vom Senat bereits angenommenen Entwurf über den Zwangsausgleich (Präventionkonkordat) ein. Dem Entwurf wurde Dringlichkeit zuerkannt.


Seite 2

Nicht die Bäcker sind schuld, sondern das Mühlenkartell [S. 2, oben, links]
Wir haben mitgeteilt, daß die Handelskammer über Aufforderung ein Gutachten in der Sache der Brotfrage abgegeben hat. Es wurde hinzugefügt, daß das Gutachten nicht klar sich über die Preisgestaltung ausgesprochen hat. Der Magistrat hat eine Rücksprache an die Handelskammer gerichtet. Wir hören, daß das Gutachten der Handelskammer auf Grund eingehender Informationen nach allen Richtungen erstattet wurde. Die sechs Herren der Kommission, welche von der Handelskammer für die Ausarbeitung des Gutachtens eingesetzt waren, ließen in einer der größten Bäckereien, ohne vorher die Fabrik verständigt zu haben, ein Probebacken vornehmen und nahmen an Ort und Stelle die Überprüfung der Regie vor. Es ergibt sich aus diesem Gutachten, - zwar nicht offen, aber die Tendenz liegt zwischen den Zeilen, - daß die Bäckereien für die Erhöhung der Brotpreise nicht verantwortlich gemacht werden können. Hiezu wird uns von sehr maßgebender Seite*) mitgeteilt, daß sowohl die Primaria als auch die Bäcker die Argumente für die Einhaltung ihrer Standpunkte nicht richtig anführen. Die Primaria irrt, wenn sie die Schuld wegen der Erhöhung auf die Bäcker schiebt, und die Bäcker irren, wenn sie sich in der Preisgestaltung von der Primaria gedrückt sehen. Das Übel scheint, wie unser fachmännischer Berater uns mitteilt, bei der Mühlenindustrie zu liegen. Gerade die Mühlenindustrie, welche für den Czernowitzer Markt in Betracht kommt, erzielt nach einer sehr sachgemäßen Berechnung viel zu hohe Preise. Diese beeinflussen die Mehlpreise und diese schrauben dann die Brotpreise hinauf. Die Mühlenbesitzer unterstehen jedoch dem Mühlenkartell. Wenn man dieser Tatsache sich nicht verschließt, hat man den Schlüssel für den Zusammenhang mit der Erhöhung der Brotpreise. Dort ist also der Hebel anzusetzen, wenn über die Preisgestaltung der Bäcker ehrlich gesprochen werden soll.
_____
*) Bei dieser „sehr maßgebender Seite“ könnte es sich um Mathias Roll handeln, der zu diesem Zeitpunkt immerhin Direktor der Handelskammer war. Infos zu ➞ Roll, Mathias (hier im Forum).


Noch immer keine Entscheidung in der Brotfrage [S. 2, oben, Mitte]
Die Getreidepreise gefallen - Offerte auf Brotbeliederung aus den Nachbarstädten.

Gestern um 12 Uhr vormittags trat die Interimarkommission zu einer Sitzung zusammen, um sich mit der Brotfrage zu befassen. Der Sitzung der Interimarkommission gingen Besprechungen zwischen zwei Mitgliedern der Interimarkommission und dem Generaladministrativinspektor Cudru voran, die sich gleichfalls auf die Festsetzung des Brotpreises bezogen.
Gestern ist auch das Gutachten der Landwirtschaftskammer an die Interimarkommission herabgelangt. Das Gutachten spricht sich für eine Erhöhung des Brotpreises aus.
Zur Grundlage der Beratung über die Regulierung des Brotpreises diente der Interimarkommission ein Bericht über die Getreidepreise, in welchem es heißt, daß Roggen von 3.20 auf 2.90, Weizen von 4.40 auf 4.20 gefallen ist.
Auf Grund dieser Preismarktlage des Getreides nimmt die Interimarkommission an, daß in der Folge auch das Mehl um mindestens 25 Bani gefallen sein muß. Es wurde daher beschlossen, erst am Dienstag in der Sitzung der Interimarkommission die Frage der Brotpreisfestsetzung zu erwarten, momentan aber den Forderungen der Bäcker auf Erhöhung des Brotpreises im Prinzipe nicht stattzugeben.

Mit der Erzeugung des Brotes setzt die Stadtgemeinde fort und sie will schon in kommender Woche ungefähr 10.000 Brote täglich erzeugen, um so die Bevölkerung versorgen zu können. Den Brotverkäufern auf den Plätzen wurde nur in dem Falle gestattet, Weißgebäck zu verkaufen, wenn sie auch Brot verschleißen. Die Primaria erklärt sich bereit, auch die Standplätze mit Brot zu versorgen. Die Mitglieder der Interimarkommission erklärten, daß die Qualität des städtischen Brotes immer besser wird. Es wird in einem Gewichte von 92 Dkg zu einem Preise von 7 Lei verkauft*).
Die Primaria hat auch Offerte aus Radautz, Storojinetz und Sadagura auf Brotlieferungen erhalten. Sollte es notwendig sein, wird die Stadtgemeinde von diesen Offerten Gebrauch machen.
_____
*) Das macht 7,60 Lei pro kg, wobei unklar ist, wozu die "gequetschten" 2 Dkg (92 statt 90) gut sein sollen. Genaugenommen müßte jetzt jeder Brotkäufer eine Brotwaage dabei haben. (So eine Waage kostet auch etwas.)


Seite 4

Nachdruck verboten
Ich verlade Elefanten [Seite 4]
Von Arnold Schwarz

„Verladen Sie meine Elefanten!“
Scherz oder Ernst? Auf dem Übersiedlungs-Avis, das sich wie ein Mobilisierungsbefehl liest, steht es schwarz auf weiß: „Die Verladung der Elefanten leitet der Pressechef“.
Dieser Pressechef hat aber noch niemals Elefanten verladen. Er hat über die Verladung der Elefanten geschrieben, noch mehr über das Leben und das Schicksal der Elefanten, über gute und schlechte, dumme und gescheite, zornige und liebenswürdige. Er hat Vorträge über Elefanten gehalten, er hat die Elfanten von klein zu groß und von groß zu klein in allen Nuancen ihres Dickhäuterlebens verfolgt. Er kennt ihre Stammbäume, die er, je nach Fantasie und in Ziffern und Daten immer anders zu geben versteht: kurz, er ist ein Meister der Elefantenhistorien, alles nur mit der Feder. Aber Elfanten verladen, daran hat er nicht gedacht. Umgekerht, trotzdem er so tut, als ob er mit den Elefanten auf Du und Du stehe, und die Leute meinen könnten, daß ihn jeder Elefant mit dem Vornamen ansprechen darf, geht der Pressechef den Elefanten weit im Bogen aus dem Wege; es bedarf zuminstest der Entfernung der nochmaligen Rüssellänge, daß er an den Elefanten ohne Herzklopfen vorbeigehen kann.

*
Und nun der Befehl: „Der Pressechef verladet die Elefanten“. Er, dem bisher alles geläufig war, was über die Elefanten gesprochen und was mit ihnen operiert wird, möchte gerne, weil es sich um seine eigene Haut handelt, eine Definition für das Wort „verladen“ haben.
Lassen Sie einen berühmten Chirugen, der Tag für Tag ein halbes Dutzend Operationen vollführt, Kaiserschnitt, Amputationen von Armen und Beinen, Bloßlegung des Gehirnes und ähnliche Dinge mehr, lassen Sie also diesen Chirurgen mal migränekrank sein und er soll ein Pulver nehmen! Oder aber, wenn dieser Chirurg Gottbehüte Fieber bekommt, und er soll eine Injektion erhalten; dann packt diesen Ärtzeheld ein Schütteln, und er, der mit scharfem Messer und mit kaltem Herzen jeden Patienten wie eine Nummer bearbeitet, gleich nervös wird, wenn der Kranke mit Schaudern den Operationssaal betritt, wird leichenblaß, wenn sich ihm die Krankenschwester mit der Injektionsnadel nähert, um ihm den schmerzlosen Fliegenstich zu versetzen.
Das wäre ein Beispiel aus der ärztlichen Kunst. Es gibt eine Menge derartiger Vergleiche. Helden des Wortes, der Feder, keine Arbeit ist ihnen groß genug, sie können es viel schneller machen, aber wenn es einmal dazu kommt, daß sie eine Tat vollbringen, dann erschauern sie in Schreck vor der winzigsten Funktion, die sie in Riesenmaßen den andern zutrauen.

*
Der Herr Pressechef, der vor und in der Presse viel über die Elefanten zu sagen hat, wird jetzt faktisch leichenblaß. Warum fragt er auch heute den Oberstallmeister und die Elefantendresseure nach Kommentaren über „das Verladen“, er, der immer hundertmal besser Bescheid wußte, als die Fachleute, die sich bloß auf die Praxis beriefen, die Literatur hierüber wenig kannten. Er, der Pressechef, kannte aber nur die Literatur.

*
Der „Verlade“ - Befehl war schließlich doch nur ein Anschlag der Direktion gegen den Preßleiter. Sie wollten im Direktionswagen bloß mal richtig sich auslachen.

*
Um Mitternacht ist der Pressechef im Elefantenstall. Jagt mit den Autos zur Bahnrampe, wo die Waggons stehen. Er muß nachsehen, ob im Innern der Wagen die Schlagbäume richtig angebracht wurden. Er hat das noch nie gesehen, schweigt deshalb und glaubt, es wäre richtig. Dann läuft er auf den Zikusplatz und meldet dem Oberstallmeister, daß die Wagen zur Aufnahme der zwei Dutzend [fett v.m.] Elefanten bereit seien. Der Pressechef, der die Verantwortung für die Verladung hat, muß mit dem Oberstallmeister dem Elefantenzuge voran gehen. Der Zug beginnt mit den Riesenelefanten, die die Straße, ohne mit dem Rüssel auszuschlagen, nicht sehen können. Je drei sind hintereinander mit schweren Ketten gefesselt. Angstschweiß steht auf der Stirne des Pressechefs. Er geht vorne zwischen dem Oberdompteur und Oberstallmeister, knapp hinter ihm die Riesenelfantin Fanny, die mit ihrem Rüssel die drei Männer erfassen kann. Der Dompteur spendet dem Tier nicht einen Blick, er hält nur mit der linken Hand immer den Rüssel, der sich auf senen Rücken legt, in Schach. Auch der Oberstallmeister hat Routine für den Elefanten; sobald der Rüssel nach vorne greift, gibt er ihm ein Stückchen Zucker. Aber was soll der Pressechef machen? Das laute Trotten der Elefanten, das Aufschlagen des Presseleiters. Doch Mut! Zwischen den zwei Männern kann ihm nichts passieren. Den Hut, den ihm der Elefantenrüssel vom Haupte schlägt, läßt er von der ganzen Elefantengarde zertreten. Als ihm der im rückwärtigsten Teil des Zuges befindliche Tierwärter den Hut wiederbringt, vollständig plattgedrückt, nimmt er ihn kaum an sich, obgleich ihn der Gedanke sympathisch berührt, daß er eine Kriegstrophäe besitzen wird, die er nicht um viel Geld abgeben würde. Sie erreichen endlich die Rampe, und der Pressechef muß hier das machen, was der Direktor sonst auf der Rampe tut. Denn gewöhnlich heißt es, auf dem schwarzen Brett: „Der Direktor“ verladet die Elefanten.“ Er muß sich also bei jeder Wagentür hinstellen, dem Elefanten Naschwerk geben, ihm ein paar süße Schmeichelworte laut zurufen, gute Nacht wünschen, und versuchen, das Tier, das nicht gern in den Waggon geht, hineinzuschmuggeln.
In einer Ecke steht der Direktor mit seiner Garde, und sieht sich dieses tragikomische Bild der Elefantenverladung an.
Einer der Riesenelefanten ist störrisch geworden. Will nicht in den Waggon. Der Pressechef läuft im Kreise herum. Der Dompteur arbeitet mit Peitsche und Eisenhaken. Auch dem Pressechef reicht der Tierwächter Haken und Peitsche. Was Tierwächter, Dompteur und Stallmeister nicht zustande bringen, ein Kommandoruf des verantwortlichen Verlademeisters, hier des Pressechefs, soll es bewerkstelligen. Der Pressechef scheint seekrank zu werden. Nachdem er zwanzigmal im Kreise herumgelaufen, genügt, als die Not am größten, ein Zuruf des Direktors an seine Berta, und gemächlich gelassen marschiert das Tier auf seinen Platz. Die Waggons werden auf der Rampe verschoben. Entsetzensschreie, gerade die zwei Elefantenwaggons sind entgleist, die Tiere müssen zum Stall zurückgeführt werden. Sie müssen dort so lange warten, bis neue Waggons herangeschafft werden können, da diese Spezialwaggons sind, die nicht am Orte ersetzt werden können. Es regnet, dann stürmt es. Der Pressechef marschiert mit der Elefanten-Garde in den Zirkusstall zurück. Nach zwei Stunden führt er die Elefanten wieder auf die Rampe. Aber, o weh, ein falsches Signal. Die Waggons sind noch nicht auf der Rampe! Telefonischer Anruf an die Direktion. Die Direktion ist wütend. Die Elefanten dürfen nicht im Regenguß bleiben, sie müssen zurück. Nochmals wird die Kilometer lange Strecke zu Fuß zurückgelegt. Eine Stunde später kommt die amtliche Bestätigung: die Waggons sind bereit. Es dämmert schon der Morgen. Der Pressechef ist mit seinen Elefanten zum drittenmal auf dem Wege zur Bahnrampe. Seine Stiefel sind voll Wasser, der Körper durch den Regen bis auf die Haut durchnäßt. Den „geplätteten“ Hut hat ein Tierwärter, seinen Mantel mußte er einem Elefanten überhängen, der sich an einem hervorstehenden Nagel verletzt hatte.

Als er soweit war, daß die Tiere in den Waggons sicher untergebracht waren, kommt der Direktionswagen an. Er fürchtet die Auseinandersetzung. Drückt sich in eine Ecke. Der Direktor sieht ihn aber und spricht zu ihm in Güte: „Sie haben noch nicht genug Liebe für meine Elefanten. Nun, wir wollen in die nächste Stadt fahren; Sie müssen auch beim Ausladen helfen!“

*
Das nennt man Literatur in die Sprache des Zirkus übersetzt. Wer Zirkusliteratur kennen lernen und betreiben will, muß auch Elefanten verladen können, oder deutlicher gesagt, muß den Launen eines Direktors gefügig sein.
_____
• Dieses sonderbare Stück ist wohl nur interessant, weil der „Berliner K. L. - Korrespondent“ Karl Lemke „plötzlich“ Pressechef bei einem Zirkus Busch (vermutlich in Berlin) geworden ist. Infos zu ➞ Lemke, Karl (hier im Forum).


Seite 6

Der Silberstreifen hat sich verflüchtigt [S. 6, links]
Wochenrundschau von Plutus

Die weltpolitische und weltwirtschaftliche Lage, welche sich nach der Konferenz von Lausanne gebessert zu haben schien, hat in den letzten Tagen eine bedeutende Verschlimmerung erfahren.
Der wirtschaftliche Impuls, welcher von Lausanne ausgegangen ist und welcher zu einer Börsenhausse in Amerika und auf den wichtigsten europäischen Börsen führte, der auch eine Steigerung wichtiger Rohstoffe folgte, hat eine starke Dämpfung erfahren. Der schmale Silberstreifen am internationalen wirtschaftlichen Horizont hat sich nicht, wie man gehofft hat, zu einem breiten Band, zu einer Erhellung des ganzen Firmamentes, ausgeweitet, sondern ist dunkelgrau geworden und zeigt so die schwere Sorge, den großen Kummer und die tiefste Trauer der schwer geplagten Menschheit an.
Schon meldet Wallstreet, schon berichten die anderen Börsen von starken Kursrückgängen, von ausgesprochener Baisse.

Das Ergebnis von Stresa: Empfehlungen
Die Stimmungsmache ist rasch, wie eine Seifenblase, geplatzt und auch Stresa hat nicht die erwarteten Lösungen gebracht, hat vielmehr - man will sich dies noch nicht offen eingestehen, - enttäuscht. Das Einverständnis, das dort in Bezug auf die Aufwertung des Getreides erzielt wurde, kann von keiner großen Bedeutung für die ost- und mitteleuropäischen Staaten werden. Auch dort haben wir neue Empfehlungen gehört, was die Staaten tun müßten, um sich aus der Krisennot zu befreien; wir haben gehört, daß die Absperrungsmaßnahmen, welche vorerst von den großen Industrie-Staaten über Einfluß ihrer Agrarier und infolge der Gefahren für ihre Währungen vorgenommen wurden und denen dann Gegenmaßnahmen der anderen Staaten folgten, das größte Unglück für die Wirtschaft Europas und der Welt bedeuten, aber während der Tagung dieser Konferenz sind fast in allen Ländern neuerliche Erschwerungen des Güteraustausches erfolgt. Das Ergebnis von Stresa wird, so befürchten wir, das Ende des freien Handels bedeuten. Alle Anzeichen weisen darauf hin, daß die staatlichen Eingriffe in die Privatwirtschaft sich weiter fortsetzen werden, daß Regelungen des inländischen und ausländischen Handels versucht werden, und dies wird nicht zu einer Erweiterung des Güteraustausches, sondern zu einer weiteren Schrumpfung desselben und zu einer

weiteren Verarmung der Welt
führen.
Schon werden von ausländischen großen Firmen auch unserer Regierung Pläne vorgelegt, nach welchen der Außenhandel geregelt werden soll. Daß aber eine solche Regelung nicht den Interessen der Allgemeinheit, auch nicht den Interessen unserer Staatswirtschaft, sondern bloß den eigenen Interessen dieser Handelsfirmen entsprechen, kann derjenige beurteilen, welcher die Vorgänge in der Wirtschaft mit Aufmerksamkeit verfolgt. Alle Ideen der Monopolisierungen entspringen nur den Köpfen der Abenteurer und derjenigen, welche die wirtschaftlichen Schätze des Landes für sich allein ausnützen wollen. Schon denkt man auch bei uns an die Errichtung eines großen Kompensationsunternehmens und des allgemeinen Clearings und mit Schrecken hört die gesamte Kaufmannschaft diese Nachrichten. Die deutsche Mais-Reichseinfuhrstelle, welche im Jahre 1930 gegründet wurde, hat nicht nur vielen deutschen Händlern das Geschäft aus den Händen genommen, sondern den vollständigen Zusammenbruch unseres Maisexportes über Czernowitz bewirkt. Das jetzt errichtete czechoslowakische Kompensationsamt hat unseren Güteraustausch mit der Czechoslowakei fast vernichtet. Unsere eigenen Devisenmaßnahmen haben unseren Import erdrosselt und das wird sich selbstverständlich auch ungünstig auf unsere Ausfuhr, welche ohnehin eine beklagenswerte Tiefe erreicht hat, auswirken. Unsere aktive Handelsbilanz der letzten zwei Jahre ist nicht als Zeichen unserer vermehrten Warenausfuhr, sondern als Folge unseres zurückgegangenen Importes zu werten. Von 32 Milliarden Lei, welche unser Import noch vor zwei Jahren ausmachte, ist derselbe auf 15 Milliarden im Jahre 1931 gefallen und dieser Rückgang hat sich im Jahre 1932 noch weiter verschärft. Jede Einschränkung des Importes ruft Gegenmaßnahmen der betreffenden Staaten hervor und muß schließlich zu einer Senkung der eigenen Ausfuhr führen. Tatsächlich ist auch unsere Ausfuhr im ständigen Rückgange begriffen, namentlich seit Anfang dieses Jahres. Verschuldete Länder können aber nur ihre Schulden zurückzahlen, wenn sie fortwährend ihre Ausfuhr steigern.

Präferenzverkehr Deutschland - Rumänien
Ein Hoffnungsschimmer in Bezug auf den Auslandsverkehr bedeutet die Nachricht, daß Deutschland wieder bereit ist, mit Rumänien sofort in den Verzugshandels-Verkehr zu treten. Deutschland hat nämlich in Stresa erklärt, seinen Beitrag zum allgemeinen Getreideaufwertungsfond in der Form von begünstigten Zollsätzen an die südost-europäischen Agrarstaaten zu leisten. Da schon von früher her bezügliche Abmachungen mit Deutschland bestehen, welche aber aus bekannten Gründen bisher nicht realisiert werden konnten, besteht die Hoffnung, daß nunmehr tatsächlich der Handelsvertrag mit Deutschland in Kraft gesetzt werden wird. Allerdings verlautet nichts über die Außerkraftsetzung der Maiseinfuhrstelle für den Verkehr mit Rumänien und dies wäre ja vor allem notwendig; ja ohne die Aufhebung der Wirksamkeit der Maiseinfuhrstelle uns gegenüber wird der Handelsvertrag mit Deutschland für uns vom problematischen Werte sein.

Was will Junian?
Die Rückkehr des Herrn Junian, welche diese Woche erfolgte, hat, wie wir vorausgesagt haben, zu einer lebhaften Auseinandersetzung in der nationalzaranistischen Partei über die Finanzpolitik der Regierung geführt. Die Reise des Herrn Junian ins Ausland und sein dortiger Aufenthalt haben ihn von seinen früheren Ansichten in Bezug auf die Notwendigkeit der Leuabwertung nicht abgebracht; im Gegenteil, Herr Junian ist mehr als je davon überzeugt, daß sowohl die Verschuldungsfrage als auch die Frage der Ankurbelung der Wirtschaft nur durch eine Abwertung des Leu bezw. durch eine Restabilisierung gelöst werden können. Herr Junian ist der Ansicht, daß weder das Konvertierungsprojekt des Herrn Argetoianu noch der Modifizierungsentwurf des Herrn Mironescu geeignet sind, das Schuldenproblem günstig zu lösen, daß aber eine Abwertung des Leu das Konvertierungsgesetz vollständig überflüssig macht. Vorläufig ist Herr Mironescu Sieger geblieben. Sein Gesetzentwurf über die Abänderung der Konvertierung der landwirtschaftlichen Schulden dürfte im Parlament angenommen werden. Aber damit kommt die Sache noch nicht zur Ruhe. Namentlich die Frage der

Schuldenregulierung der städtischen Bewohner
wird jetzt noch viel drängender zur Sprache kommen. Eine Maßnahme der Regierung in Bezug auf die Einstellung der Verfolgungen aller Art, mit welchen die Gläubiger jetzt die Schuldner bedrängen, erscheint umso notwendiger und dringender, als gerade durch das Moratorium für die Landwirte die Lage der Kaufmannschaft, der Industrie und des Gewerbes sich verschlechtert hat und die Ungleichheit der Behandlung gerade dann zum Vorschein tritt, wenn es sich um ein Moratorium für einen Teil der Bevölkerung handelt.

Ueber die allgemeine Wirtschaftslage sowohl im Reiche als auch in der Bukowina bezw. in Czernowitz ist nur zu melden, daß Anzeichen von einer Besserung nicht vorhanden sind. Wenn an einem Tage sich doch etwas in den offenen Läden zu rühren scheint, wenn etwas Losung kommt und dadurch Hoffnungen auf Besserungen entstehen, so zeigt der Verlauf der nächsten Tage, daß es nur ein Schein war.

Der Import ist, wie wir schon ausgeführt haben, durch die neue Deviseneinschränkung beinahe vollkommen unterbunden, der Export liegt noch immer darnieder, die Devisenzuteilungen auch in den Importstaaten werden immer geringer. Diese Tatsache bringt natürlich auch einen Rückschlag auf die Preise bei uns. So ist das Eiergeschäft in den letzten Tagen infolge der rigoroseren Devisenzuteilungen in Deutschland etwas flau geworden. Die Bukarester Effektenbörse ist nach einem Anlauf zur Festigkeit wieder flau geworden, die Stabilisierungsanleihe ist von 47 auf 46 zurückgegangen.

Der Silberstreifen am wirtschaftlichen Firmament, den einige Wirtschaftsastronomen bei uns schon zu sehen vorgaben, hat sich rasch wieder verflüchtigt.
[Plutus]

(320925r6)


Kein Petroleummonopol [S. 6, Mitte]
Aus Paris wird gemeldet, daß dort die internationale Petroleumkonferenz die Verhandlungen über den endgültigen Abschluß des Petroleum{s}abkommens mit Rumänien wieder aufgenommen hat. Von rumänischer Seite nehmen Ossiceanu und Otto Stern an der Konferenz teil. Einer der rumänischen Vertreter erklärte, daß alle Fragen sehr leicht gelöst werden und die Gerüchte über ein Petroleummonopol in Rumänien nicht der Wahrheit entsprechen.

(320925r6)


Diskontsenkung in Aussicht [S. 6, Mitte]
Wie der „Argus“ meldet ist mit einer baldigen Diskontherabsetzung zu rechnen. Es wird nur die Rückkehr des Nationalbankkonzerneurs erwartet, damit Beschlüsse über den geeigneten Zeitpunkt gefaßt werden.

(320925r6)


Oesterreichisch-rumänischer Clearingverkehr [S. 6, Mitte, unten]
Wie uns aus Bukarest gemeldet wird, begegnet die Anwendung des zwischen Rumänien und Oesterreich abgeschlossenen Clearingverkehrs großen Schwierigkeiten. Die Exporteure konnten bis jetzt die ihnen zukommenden Beträge nicht erhalten. Die Nationalbank teilte ihnen nun mit, daß sie in zehn Tagen das Geld erhalten werden. Außer den bereits bei der Nationalbank hinterlegten Akten müssen sie noch eine Deklaration betreffend den Export in unser Land sowie den Import nach Oesterreich vorlegen. Diese Deklarationen sind zur Verifizierung der Forderungen notwendig.

(320925r6)


Das Makkabi-Sportfest [S. 6, unten, rechts]
Sonntag findet auf dem Makkabiplatze das traditionelle Sportfest des Makkabi statt, zu welchem sämtliche Sektionen auf den Plan treten. Das Programm der heurigen Veranstaltung wurde besonders sorgfältig zusammengestellt und stützt sich hauptsächlich im turnerischen Teile auf die Erfahrungen, die unsere Delegierten auf der Makkabiah in Tel-Aviv gesammelt hatten. Die Turngruppen treten mit ganz neuen, in Czernowitz noch nicht gesehenen Attraktionen vor das Publikum. Die Leichtathletikschar wird in fast sämtlichen Disziplinen an den Start gehen und Beweise ihrer Fortschritte liefern. Eine originelle Darbietung wird zweifellos der Fußballkampf Alt-Makkabi gegen den jüngsten Nachwuchs sein.
Die musikalische Leitung hat der bewährte Kapellmeister Hackmayer inne.
Das Sportfest beginnt präzise 3 Uhr.
Die Oldboy-Mannschaft des Makkabi setzt sich aus einstmals vielbejubelten Czernowitzer Fußballstars zusammen und wird das Spiel in folgender Aufstellung bestreiten: Tor: Ehrlich, Verteidigung: Dr. Brittmann, Kamil, Half: Glatter A. Kriegsmann, K. Sandmann, Sturm: Klüger, Kligler, Rosengarten, Katz, Sandmann, B., Ersatz: Rottmann, Dr. Mosberg, Semmel, Schiedsrichter: Ing. Batinester, Linienrichter: Dr. Rubel, Prof. Fränkl. Zu dieser Veranstaltung sind sämtliche Karnette ungültig.

(320925c6)
Klaus Binder
 
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Nr. 161, Dienstag, 27.09.32

Postby Klaus Binder on 24. September 2010, 03:40

Seite 1

Verzweiflungs-Resolution [S. 1, oben, links]
An anderer Stelle berichteten wir über die große Versammlung, die Landwirte, Kaufleute etc. gegen das Konvertierungsgesetz abgehalten haben. Zweck und Charakter dieser Kundgebung ist an jener Stelle wiedergegeben. Auf den sachlichen Teil kommen wir noch zurück, wir setzen an diese Stelle nur die Beschlüsse der Versammlung und einen Teil des Telegrammes an den König, die - alles andere abgesehen - die Verzweiflung dieser Provinz illustrieren.

Die Beschlüsse lauten:
1. Der Kongreß protestiert mit aller Energie gegen die Intentionen der Regierung, eine effektive Suspendierung und Änderung des landwirtschaftlichen Entschuldungsgesetzes durchzuführen und erklärt, sebst mit dem Einsatze des Lebens für die Verteidigung der durch das landwirtschaftliche Entschuldungsgesetz bereits erworbenen Rechte zu kämpfen, vor keinem Mittel zurückzuschrecken und ihr Heim und ihr Hab und Gut zu verteidigen.

2. Protestiert mit aller Energie gegen die beleidigende Zurücksetzung der Gesamtbevölkerung der Bukowina unter Mißachtung der von derselben im Weltkriege gebrachten Opfer an Gut und Blut.

3. Verlangt beharrlich von der Regierung die Erweiterung des Konvertierungsprinzipes auf Basis der Umrechnung der Zinsen und der Reduzierung von 50 Prozent des Kapitals auf alle Kategorien von Schuldnern von Land und Stadt ohne Rücksicht auf die Natur und Charakter dieser Schulden.

4. Bis zur Votierung eines Projektes einer generellen Konversion aller Kategorien von Schuldnern verlangt die Versammlung, die Regierung möge sofort im Gesetzeswege einen allgemeinen Zahlungsaufschub ohne Zinsen und Gebühren erlassen und noch jetzt vor Schluß der Parlamentssession die Aufhebung sämtlicher Exekutionen und Zwangsverkäufe beschließen.

5. Die Versammlung stellt sich direkt unter den hohen Schutz und das Protektorat des Königs, indem sie bittet, Seine Majestät möge der Regierung auftragen, im ureigensten Interesse des Wirtschaftslebens, im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und des sozialen Gleichgewichtes, die Votierung des Gesetzes unter Zugrundelegung der obigen Prinzipien, die vom ganzen Lande verlangt werden, im Parlamente zur Abstimmung zu bringen.

*
An den König wurde ein Telegramm gerichtet, das u. a. folgenden Satz enthält:

Die Bevölkerung der Bukowina, welche{s} alle Härten einer Fremdenherrschaft kennen gelernt hat, verurteilt mit Entschiedenheit die gegenwärtige Politik und bringt respektvollst Euerer Majestät zur Kenntnis, daß es denjenigen Repräsentanten, die im Gegensatze zum gegebenen Worte Euerer Majestät die Interessen des Volkes nicht zu verteidigen wissen, das Vertrauen entzieht, und stellt die ergebenste Bitte, Euere Majestät möge diese Regierung auf dem richtigen Weg weisen oder derselben die Führung der Staatsgeschäfte entziehen.


China zum Kampfe entschlossen [S. 1, Mitte]
Tokio, 26. September (Tel. des „Tag“). Der chinesische Finanzminister erklärte, daß China die Unabhängigkeit der Mandschurei gegen Japan zu verteidigen wissen werde.
Chinesische Freischärler haben - wie eine unbestätigte Nachricht wissen will - die Beamten der mandschurischen Regierung hingerichtet und die politischen Gefangenen aus dem Arrest befreit.

(320927w1)


Herriot: Deutschland rüstet zum Angriff [S. 1, oben, rechts]
Scharfe Rede des französischen Ministerpräsidenten

Paris, 26. September (Tel. des „Tag“). Der französische Ministerpräsident Herriot hielt gestern bei einem Festessen in Gramat die angekündigte politische Rede, die überall die größte Sensation ausgelöst hat. Herriot sagte:

„Die Bestrebungen Deutschlands bei der Forderung nach Rüstungsgleichheit gehen offenkundig darauf hinaus, eine Aufrüstung vorzunehmen. Deutschland will sich nicht nur für eine Verteidigung vorbereiten, sondern auch für einen neuen Angriff, um im gegebenen Moment seinem Gegner in den Rücken fallen zu können.
Deutschland strebt weder eine moralische noch eine materielle Abrüstung an. Schon die neueste Verordnung über Ertüchtigung der deutschen Jugend bezweckt eine militärische Ausbildung.“

Herriot führte weiter aus: Frankreich könne die ganze Welt als Zeugen anrufen, daß es ehrlich friedensliebend sei. Die französische Republik habe dies bereits zur Genüge bewiesen. Frankreich berufe sich auf den Versailler Vertrag wie die gesetzlichen Bestimmungen des Völkerbundpaktes. Frankreich habe sich Deutschland gegenüber immer freundschaftlich gezeigt und nur in Ehre, Arbeit und Friedenswillen wetteifert. Im Gegensatz hiezu habe aber Deutschland schon am Tage, nachdem der Youngplan in Kraft getreten war, Differenzen provoziert. Der fünfte Abschnitt des Versailler Vertrages lege Deutschland Abrüstung auf, auch wenn die anderen Staaten nicht abrüsten sollten. Trotzdem aber wolle Frankreich gleich abrüsten, wie alle anderen Mächte. Deutschland wolle aber die Grundfesten dieser Verträge nicht beachten.


Seite 2

Erwünschte Suggestion [S. 2, oben, links]
Das Schicksal sorgt dafür, daß irgendetwas die Gemüter stets in Erregung hält. Daß Konferenzen und Beratungen stattfinden; daß Parteien entstehen, Heerlager sich bilden; daß Schmutzwäsche in das öffentliche Leben getragen wird; das Schicksal sorgt schon dafür.

Bäckerfrage: eine schleichende Krankheit, übel wird einem davon; sie verläßt uns nicht, sie ist stationär, und es will der Chirurg nicht kommen, der das Uebel mit dem Messer radikal wegoperiert. Nunmehr will der Magistrat den Chirurgen machen; ein schlechter Chirurg, das muß man leider sagen! Er hüllt sich in den Mantel der Nächstenliebe, desinfiziert seine Hände im Wasser seiner Autorität, sagt Guten Tag und die schwere Geburt ist vollzogen: das Primariabrot erblickt das Licht der Welt und bald darauf die finsteren Wände des menschlichen Magens. Der Magen ist unzufrieden, weil das Brot schlecht ist.

Also ist die Lösung nicht glücklich. Aber sie ist nicht gerade der minderen Brotqualität wegen [un]glücklich, sondern wegen des ganzen Wie und Wann, Um und Auf und des Gesamtresultates dieser Geburt. Zu den drei Faktoren in der Brotfrage: Bäcker, Verkäufer, Magistrat, kommt nun noch ein vierter Faktor: die Mühlenbesitzer. Alle bezeichnen sich als die am meisten Getroffenen, Leidenden; das Kind, das mit dem Bade ausgegossen wird, ist natürlich die Bevölkerung der Stadt. Sie vertritt der Magistrat; und der muß, als Inhaber einer so verantwortungsvollen Vertretung, Kraft seiner Autorität überzeugend wirken: er muß wirkliche Fachleute heranziehen und die Standpunkte überprüfen, und dann, wenn er seine Entscheidung getroffen hat, diese mit aller Energie durchführen, nicht aber als Konkurrenz der Bäcker auftreten, um diese für einige Tage „Mores zu lehren“*) - wir werden ihnen schon zeigen! -, nein, hier handelt es sich um prinzipielle Entscheidungen, die ein für allemal das Krebsübel „Brotfrage“ aus dem Körper des öffentlichen Lebens ausmerzen soll: so oder so, aber eine Entscheidung muß fallen, diese muß vom Magistrat ausgehen und Gesetzesgewalt haben! Denn die Folgen, die sich da aus diesen Ofenkämpfen ergeben, erstrecken sich leider nicht nur auf das Brot: die Differenz von einem Leu spielt keine so ungeheure Rolle, als daß Beratungen, Sitzungen, Konferenzen abgehalten werden müßten, die die Aktivität des Völkerbundes in den Schatten stellen. Es handelt sich hier um leider nicht kleine Kreise von Kaufleuten und Händlern, auf die die Brotschlacht wie eine Suggestion wirkt, und zwar wie eine, seien wir ehrlich: erwünschte Suggestion. Gleich sind die Mitheuler und Mitweiner zur Stelle: Weh geschrien, das Brot wird teurer! Und schon lassen sie auch ihre Preise sprunghaft in die Höhe schnellen! Vom Fiakerkutscher angefangen, der sich auf das Brot beruft und seinen „Lauf“ verteuert, bis hinauf zu den größten Lebensmittelhändlern, Konfektionären und allen anderen Vertretern des Gewerbes, benützen sie diese Brotfrage als Argument für ihre erhöhten Preise: Das Brot ist schuld! Das Brot ist teurer geworden!
Auf der ganzen Welt unternimmt man alles Erdenkliche, um eine Preissenkung und damit Anziehung des Publikums zu bewirken; bei uns wird nach den Argumenten gesucht und ein solches freudig begrüßt, um Preiserhöhung zu rechtfertigen! Der Kragenknopf verteuert sich durch das Brot, der Hut durch das Brot, die Hosenträger durch das Brot: ja Herr, das Brot ist auch teurer…!
Und daher muß diese Brotfrage aufhören, Frage zu sein.
H. G.

(320927c2)
_____
*) http://de.wikipedia.org/wiki/Mores_lehren


Brotkrise dauert fort [S. 2, oben, links]
Mehr als eine Woche dauert nun die Brotkrise und die Stadtgemeinde hat noch immer nicht die Lösung gefunden.
Es zirkuliert das Gerücht, daß die Broterzeugung der Stadtgemeinde zwei Privatpersonen vergeben wurde. Die Bevölkerung will auch Aufklärung über die Verwendung des Gewinnes bei dieser Broterzeugung; wir wurden informiert, daß sich ein täglicher Gewinn von mindestens 3000 Lei ergibt. Die Stadtgemeinde hat seinerzeit versprochen, daß aus diesem Plus billiges Brot für die arme Bevölkerung erzeugt wird. Dieser Plan muß aber in die Tat umgesetzt werden.

Welches Gewicht muß ein Brot haben?
Wir erhalten täglich Beschwerden, daß das Brot, abgesehen von seiner schlechten Qualität, auch mindergewichtig ist. Eine Stichprobe ergab, daß Brote 85, höchstens 90 Dekagramm haben.

Das Ministerium läßt sich berichten.
Das Innenministerium hat von der Stadtgemeinde einen Bericht über den Verlauf der Broterzeugung abverlangt. Auch wurde der Stadtgemeinde die Eröffnung eines ordentlichen Kredites von 300.000 Lei für die Broterzeugung bewilligt. Von diesem Kredit macht aber die Stadtgemeinde momentan keinen Gebrauch, da sie mit nur 40.000 Lei, der zuerst bewilligten Summe operiert.

Ist eine Einigung mit den Bäckern nicht möglich?
Die Bäcker hielten Samstag, nachmittags in ihrer Organisation eine Beratung ab, in welcher die Situation geprüft wurde.
Am Dienstag tritt die Interimarkommission zu einer Beratung zusammen, um neuerlich die Brotfrage zur Sprache zu bringen.

(320927c2)


Seite 3

Chinesen entführen sechs japanische Flugzeuge
London, 25. September (Tel. des „Tag“). Aus Charbin wird gemeldet: Einen verwegenen Streich verübten Chinesen in der Mandschurei. Plötzlich erhoben sich auf einem japanischen Flugplatze sechs Apparate in die Luft. Die Wachposten waren überrascht. Sofort wurde Alarm geschlagen. Die japanischen Piloten wollten mit den noch verbliebenen Flugzeugen die Jagd nach den immer weiter verschwindenden Flugzeugen aufnehmen, jedoch fanden sie diese Maschinen defekt. Es handelt sich um einen Streich chinesischer Flugoffiziere, die sechs japanische Flugzeuge entführten.

(320927w3)


Seite 4

Parlament [S. 4, oben, links]
Raub und Betrug an öffentlichen Geldern - ein System
Debatte zum Gesetzentwurf über die Vermögenskontrolle

Aus Bukarest wird gemeldet: In der Kammersitzung von Freitag protestiert der Sozialdemokrat Radaceanu dagegen, daß sein vor drei Wochen aus parlamentarischer Initiative eingebrachter

Gesetzentwurf zum Schutz der Mieter
noch nicht auf die Tagesordnung gesetzt worden sei, obgleich ihm Dringlichkeit zuerkannt wurde.
Kammerpräsident Cicio Pop verspricht Abhilfe. George Bratianu, Leonte Moldovan, Landwirtschaftsminister Voicu Nitescu und Kammerpräsident Cicio Pop richten Worte der Begrüßung an die im rumänischen Hafen landenden englischen Kriegschiffe. Teodor Popa (Mehrheitler) bittet um Unterstützung der Landwirtschaft. Landwirtschaftsminister Voicu Nitescu erklärt, daß die Regierung ihr Hauptaugenmerk auf die Förderung der Landwirtschaft richte. Für Saatgetreide seien 46 Millionen Lei zur Verfügung gestellt worden. Der Brotstempel könne leider nicht abgeschafft werden, da man sonst die Ausfuhrprämie nicht bezahlen könne. Dr. Costinescu (liberal) wendet sich gegen den Staatsinterventionismus.

In der Tagesordnung wird der
Gesetzentwurf über die Vermögenskontrolle
in Verhandlung genommen. Der Liberale Iuca erklärt, daß der nunmehr von Perieteanu in seine endgültige Form gebrachte Entwurf durchaus brauchbar sei. Redner richtet dann Angriffe gegen die nationalzaranistische Partei und Romulus Boila. Der Justizminister verteidigt Boila.
Hierauf wird die Verhandlung des Gesetzentwurfes über die Vermögenskontrolle fortgesetzt. Es sprechen Holban, Vasiliu-Oituz, Solomon, Dr. Lupu und V. Grossu. Auch Justizminister Popovici greift öfter ein. Zwischen Dr. Lupu und Dr. Solomon kommt es zu einem sehr heftigen persönlichen Wortwechsel.

Wovon lebt Dr. Lupu?
Dr. Solomon fragt Dr. Lupu, wovon er lebe. Er habe einen Brief erhalten, in welchem es heißt, daß Dr. Lupu 2000 Lei täglich von Spielklubs bezieht, welche er protegiere.

Ein falscher Doktor der Medizin?
Darauf antwortete Dr. Lupu, er werde Solomon solange nicht Rede und Antwort stehen, bis dieser nicht in der Kammer sein Doktordiplom vorgewiesen habe. Denn er, Lupu, sei informiert, dass Solomon, obwohl er zwei Stellen als Primararzt innehabe, nicht einmal das Doktorat gemacht habe.
Dr. Solomon erklärt, zur nächsten Sitzung das Diplom zu bringen.

Vermögenskontrolle - ein spezifisch rumänisches Problem
Der Cernauter Abgeordnete Dr. Lothar Radaceanu (Sozialdemokrat) führt aus:

„Das Problem der Vermögenskontrolle gehört zu den spezifisch politischen Fragen Rumäniens. Die Tradition der Fanarioten, als die Würdenträger sich Aemter kauften und sich auf Kosten des Volkes ungeheuer bereicherten, wurde auch in der modernen Aera fortgesetzt.
Die Ausbeutung des öffentlichen Vermögens, Raub und Betrug sind in Rumänien ein System geblieben. Die Parteien wechseln in der Regierung ab, aber alle ihre Anhänger bereichern sich.

Die Liberalen haben ihren Tankred, die Nationalzaranisten ihren Taslauanu. In der Wahlzeit wird Bestrafung der Diebe versprochen, aber dieses Versprechen wird niemals gehalten.“

Redner glaube daher nicht, daß das Gesetz überhaupt angewendet werden würde. Damit es Effekt habe, müßte eine Systemänderung kommen, zu der aber die nationalzaranistische Partei unfähig sei.

Namens der jüdischen Partei verliest Abg. Marton eine Erklärung, in der er vorbehaltlos für den Gesetzentwurf eintritt.
Finanzminister Mironescu bringt den vom Senat verabschiedeten Gesetzentwurf über die Devisenkontrolle, den bereits verhandelten Gesetzentwurf über dringende Finanzmaßnahmen mit den vom Senat angenommenen Abänderungen und einen Gesetzentwurf über Erhöhung des Fonds für Zusatzkredite ein.

In der Sitzung vom 24. ds. ergreift Dr. Lupu in persönlicher Sache das Wort und verteidigt sich gegen die in der vorigen Sitzung vom Abgeordneten Dr. Solomon gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Dr. Lupu erklärt, daß diese auf ihn keinen Eindruck machen, weil er schon an ärgere Verleumdungen gewöhnt sei. So habe man ihm seinerzeit vorgeworfen, daß er Gelder aus Moskau beziehe und man habe auch seine Mutter beschimpft. Er werde für den Gesetzentwurf über die Vermögenskontrolle stimmen und verlangen, daß zu allererst sein, Lupus Vermögen, kontrolliert werde. Er lebe in einem bescheidenen Zimmer und sei seit zehn Jahren nicht im Theater gewesen.

Für Fasanenzucht ist Geld da, für Pensionen nicht
Dr. Lupu richtet hierauf an die Regierung eine Anfrage wegen Nichtzahlung der Pensionen im ganzen Lande. Der Staat müßte die von ihm übernommenen Verpflichtungen einhalten. Die ganze Frage sei umso schwerwiegender, als
zu einer Zeit, in welcher die Pensionisten um den Erhalt ihrer Bezüge betteln müssen, der Minister des königlichen Palastes im Finanzministerium den Betrag von fünf Millionen Lei für die Bewirtschaftung des Fasanenparkes in Arad erhalten habe. Man müsse fragen, ob Fasanen notwendig sind, wenn man den Kindern das Stück Brot vom Munde nehmen müsse.

Im weiteren Verlaufe der Sitzung richtet der Ukrainer Serbeniuk eine Anfrage an den Ackerbau- und Justizminister, in welcher er verlangt, strenge Maßnahmen gegen die Verwaltung des gr. or. Religionsfondes in der Bukowina zu ergreifen. Die schlechte Verwaltung des Fonds habe dazu geführt, daß die Angestellten sowie die Pfarrer und Pensionisten, Witwen und Waisen seit Monaten ihre Bezüge nicht erhalten.
Es wird hierauf in die Debatte zum Gesetzentwurf über die Reglementierung der Glücksspiele eingegangen.
Dr. Lupu erklärt, es wäre besser, statt die Glücksspiele zu reglementieren, sie ganz abzuschaffen.
Auch der Liberale Negura spricht sich in ähnlichem Sinne aus.
Nachdem der Minister den Entwurf verteidigt hatte, wird er vom Hause angenommen.
In der Nachmittagssitzung wird die Debatte über den Gesetzentwurf zur Vermögenskontrolle fortgesetzt. Der deutsche Kasper Muth begrüßt den Entwurf: um aber seinen Zweck zu erreichen, müßten die Sitten des Landes geändert werden.
Hiezu sprechen noch der Sozialdemokrat Uzum, der Mehrheitler Popa und Zelea Codreanu.

(320927r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 162, Mittwoch, 28.09.32

Postby Klaus Binder on 26. September 2010, 16:00

Seite 1

Leitartikel
Die Resolution der Verzweiflung [S. 1, oben, links]
Sie nannten ihn Kongreß, wir nannten die Kundgebung eine Versammlung. Es darf darüber keinen Streit geben. Im Worte „Kongreß“ offenbart sich nur eine größere Feierlichkeit. Das wirkt imposanter, wie man früher sagte, majestätischer. Nehmen wir an, ein Fremder käme zu uns und läse den Bericht mit seinen Überschriften und den Reden. Welches krasse Bild entsteht da vor seinem geistigen Auge angesichts der Warnungen, Beschwörungen, Drohungen, dem elementaren Ausbruch von Haß und Zorn gegen eine Verwaltung, die durch ihre Maßnahmen Serien von Berufen in der Existenz gefährdet? Wollte man den Maßstab anlegen, den sonst die Autorität für diese Extasen von Demonstationen anwenden muß, so kämen sie alle samt und sonders, die am Sonntag ihrer Erbitterung Luft machten, ins Kriminal. Der Fremde, von dem wir eingangs sprachen, dürfte nicht einen anderen Eindruck empfangen als den revolutionärer Umtriebe. Aber das sind keine Revolutionäre im Sinne der bisher geläufigen Definitionen. Es sind Bürger, Landwirte, Kaufleute, Arbeiter, Agrarier und Städter, alle durcheinandergewürfelt, endlich zueinandergeschweißt aus Not und Verzweiflung, weil ihnen das Wasser bis zum Munde reicht. Darum ist es auch vernünftiger, ihre Worte nicht auf die Goldwage [Goldwaage]*) zu legen, unvernünftig wäre es sogar, die einzelnen Sätze, die Drohungen mit der Heugabel und ähnlichen schönen Dingen mit den Paragraphen der Ordnungsmaschine in Einklang bringen zu wollen. Das wäre weit gefehlt; diese Masse suchte ein Ventil und fand es. Die Gegensätze ihrer Interessen beachteten sie gar nicht: daß das, was der eine anstrebt, dem andern zum Nachteil werden muß. Sie schrien nur aus vollem Herzen ihren Jammer in die Luft. Sie telegrafierten dem König und stellten sich als Märtyrer einer von den Regierungen zum Stiefkind degradierten Provinz hin. Wer will da noch in diesem Falle Analysen mit den Hilfsmitteln der Argumente und Logik machen? Ihr Beschluß ist zur Resolution der Verzweiflung geworden. Sie ist nichts anderes.
Ego
_____
*) Ein "Fehler" (Wage statt Waage) der sich, wie man mit google sieht, letztlich durchsetzen wird.
http://de.wikipedia.org/wiki/Wage



Gandhi hat den Hungerstreik eingestellt [S. 1, Mitte]
England genehmigt das Einigungsabkommen

Aus Poona wird gemeldet, daß bereits eine vollständige Einigung zwischen dem Hinduführer und den Vertretern der Parias über das Wahlrecht der unterdrückten Kaste erreicht wurde und daß Gandhi diese Einigung grundsätzlich genehmigte.
Die Bedingungen des Abkommens werden telegrafisch Macdonald mitgeteilt werden. Wenn dieser es genehmigt, wird Gandhi den Hungerstreik einstellen. Der Arzt Gandhis erklärt, daß dieser so geschwächt sei, daß eine sofortige Einstellung des Hungerstreiks notwendig ist, wenn Gandhi mit dem Leben davonkommen will.

Bombay, 27. September. (Tel. des „Tag“). Die englische Regierung hat das indische Parlament telegrafisch verständigt, daß sie die Forderungen Gandhis über den Modus für die Wahlvertretung der Unberührbaren (Parias), somit das Abkommen zwischen Hindus und Parias, akzeptiere. Das indische Parlament nahm diese Nachricht mit großem Enthusiasmus auf. In der gesamten Oeffentlichkeit herrscht Jubel.
Infolge dieses Schrittes der englischen Regierung hat nun Gandhi den Hungerstreik, den er sechs Tage und 5 Stunden durchhielt, eingestellt. Die Aerzte haben Gandhi angeraten, vorläufig wenig zu essen. Gestern, am ersten Tag nach dem Hungerstreik, nahm Gandhi nur ein wenig Orangensaft und etwas Ziegenmilch zu sich.

(320928w1)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Kaste
http://de.wikipedia.org/wiki/Mahatma_Gandhi



Wieder Hochbetrieb in Genf [S. 1, oben, rechts]
Abrüstungsfrage im Vordergrund
(Von unserem Berliner - K. L. - Korrespondenten)

Schon heute steht fest, daß der deutsche Schritt auf Gleichberechtigung in der Abrüstungsfrage das Interesse der ganzen Welt auf Genf erneut gelenkt hat und daß die Vertreter der Staaten unter einem schwerem Druck der öffentlichen Meinung der Welt gekommen sind, die tatsächlich die Abrüstung will. Die ablehnende Note Englands an Deutschland und die praktisch vorsichtige Politik Italiens bedeutet trotz aller Zusicherungen, den deutschen Standpunkt zu unterstützen, tatsächlich eine gewisse Isolierung Deutschlands in der Abrüstungsfrage.

Wie dem auch sei, daß eine steht fest, daß die Abrüstungskonferenz in Genf nun über die deutsche Forderung in das entscheidende Stadium getreten ist und daß die Siegerstaaten des Weltkrieges nun den Beweis dafür zu erbringen haben, daß es ihnen mit der Abrüstung ernst ist. Sollte ihnen dieser Nachweis nicht gelingen, so tritt damit die gesamte politische Entwicklung nicht nur Europas, sondern der Welt in ein sehr ernstes Stadium, in dem für die Politik des Völkerbundes wenig Platz mehr ist.

Die Geschichte lehrt es
Es könnte scheinen, daß die Lehren der Geschichte für die praktische Politik der Völker schwer anwendbar sind. Sonst wäre es unbegreiflich, daß die Deutschen so sehr über die englische Antwort enttäuscht sein konnten. Schon immer haben die deutschen Außenminster in Genf die deutsche Gleichberechtigung verlangt. Stresemann, Curtius und Brüning, ebenso wie der Hauptdelegierte in der vorbereitenden Abrüstungskonferenz, Graf Berstorff, haben immer wieder auf die gleichen Rechtsgrundlagen zurückgegriffen und erleben müssen, daß gerade vor dem Forum des Völkerbundes, da das Recht die Grundlage der Politik sein soll, die Macht stärker war als das Recht. Trotz aller juristischen Darlegungen des englischen Außenminsters Sir John Simon, die seinem großen Ruf als Rechtsanwalt alle Ehre machen, sind wir in Deutschland der Ansicht [fett v.m.], daß das deutsche Verlangen juristisch berechtigt und politisch notwendig ist*).

Warum England als Vermittler versagt
Die Entwicklung der englischen Außenpolitik seit der Jahrhundertwende ging trotz kleiner Reibungen und Abweichungen, trotz der angeblich neuen Außenpolitik der Gerechtigkeit durch den Völkerbund immer in enger Anlehnung an Frankreich. Ja, bei der Neuordnung der Dinge in Versailles hat England der französischen Politik mehr Zugeständnisse gemacht als für seine eigene Politik, die heute mehr als noch vor vierzehn Jahren von Wirtschaftsfragen und weniger von Militärfragen beherrscht ist, zweckmäßig erscheinen möchte. Wir sind in Deutschland leicht geneigt, uns von freundschaftlichen Worten führender englischer Staatsmänner betören zu lassen und übersehen dabei, daß wir sie meistens besser als Bekenntnisse einer schönen Seele betrachten würden, nicht aber in die reale Politik einrechnen sollten. Daran ändern alle schönen Worte Lloyd Georges und Macdonalds nichts. Lloyd George hat Versailles nicht zu verhindern vermocht; Macdonald hat immer um seine Ideale gerungen und Deutschland Verständnis entgegenzubringen gesucht, aber die Bürokratie des Foreign Office ist stärker als der Schwung des jetzt siebzigjährigen Premierministers. Man sollte endlich in Deutschland aus den Erfahrungen mit England seit Versailles, dem Ruhrkampf und der Zollunionsfrage lernen und sich vergegenwärtigen, daß das Foreign Office, gleichviel wer Außenminister ist, durch Tradition im Banne Frankreichs steht und stets geneigt ist, für dieses Partei zu ergreifen.

Nur der direkte Weg Berlin - Paris kann helfen
Umweg über London ist falsch

Man hat in vielen politischen Kreisen Deutschlands die Lehre aus dieser grundsätzlichen Haltung Englands bei allen deutsch-französischen Streitfragen wegen der Sympathie für England nicht gezogen und den direkten Weg nach Paris verworfen. Die Verständigungspolitik, die von Stresemann und Briand ernstlich eingeleitet war und durch die Verschüttungen von Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht rasch vorwärts kommen konnte, sondern immer wieder empfidliche Rückschläge erlebte, wurde lächerlich gemacht. Sie steht heute, da neue Männer am Ruder sind und die Dinge sich erheblich versteift haben, sehr schlecht im Kurs. Aber die Frage bleibt trotzdem, ob bei allen Sekundantendiensten Italiens nicht doch der Weg über Frankreich führt. Weder die Räumung der Ruhr und des Rheinlandes, noch die Beseitigung der Reparationen, noch die Abrufung der interalliierten Militärkontrollkommission aus Deutschland konnten ohne die entscheidende Zustimmung Frankreichs erfolgen. Englands Wunsch und Haltung kann solche Verhandlungen wohl fördern, aber nicht entscheiden. Dieser direkte Weg nach Paris ist nicht leicht und vielen Mühsalen ausgesetzt, aber allein geeignet, uns aus der völligen Isolierung herauszubringen, in die Deutschand seit Lausanne geraten ist.
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*) Ein sonderbares "wir": Die "Gleichberechtungsforderungen" aus dem Munde Papens, Schleichers und nichtzuletzt Hitlers, wurden von vielen in Deutschland durchaus als Aufrüstungsbestrebung und Vorbereitung eines neuen Krieges verstanden. (Der ganze Artikel ist recht "geistesabwesend"; vielleicht war K. L. zu sehr mit dem Verladen der Elefanten beschäftigt?).
http://de.wikipedia.org/wiki/David_Lloyd_George
http://de.wikipedia.org/wiki/Ramsay_MacDonald



Seite 2

Die Interimarkommission entscheidet heute im Brotkonflikt [S. 2, Mitte, links]
Heute um 12 Uhr vormittags findet eine Sitzung der Interimarkommission statt, welche sich mit der Brotfrage befassen wird. Um 11 Uhr erscheint im Stadtpräsidium eine Delegation der Bäckerorganisation, um neuerlich ihre Forderungen vorzubringen und die Interimarkommission zu ersuchen, eine Lösung zu finden, damit der Brotkrise ein Ende gesetzt wird. Die Bäcker erklären, nichts dagegen einzuwenden, wenn die Stadtgemeinde eine soziale Tat vollbringen und für die ärmere Bevölkerung billiges Brot erzeugen will. Das Gros der Bevölkerung sei aber mit diesem Brot nicht zufrieden und zahle gerne etwas mehr, wenn die Qualität besser sei. Die Bäcker erklären sich auch bereit, 1000 oder sogar 2000 Brote für die Pensionisten um den gegenwärtigen Preis zur Verfügung zu stellen, für die Arbeitslosen sogar ein Brot zweiter Qualität, welches aber erstklassig ist, um 5 Lei zu verkaufen; für die Gesamtbevölkerung aber seien sie außerstande, ein vollgewichtiges und qualitativ gutes Brot um 7 Lei abzugeben. Diese Wünsche werden heute die Bäcker der Interimarkommission vertragen.
_____
• Merkwürdig, daß sonst niemand solche Vorschläge (wie die Bäcker) gemacht hat. Die Erhöhung des Brotpreises betrifft verschiedene Menschen (Einkommensgruppen) verschieden.


Die Vereinigung jüdischer Schriftsteller und Journalisten [S. 2, Mitte, rechts]
veranstaltet am Mittwoch den 29. l. M. um 8 Uhr abends im kleinen Saale der jüdischen Gemeinde eine Gedenkfeier anläßlich des Hinscheidens des jüdischen Lyrikers Mische Leib Halpern. Nach der Eröffnung durch den Vorsitzenden werden seine Gedichte von Sprechchören, den Herren Surkis und Schwarz vorgetragen. Zum Schlusse spricht der Dichter Itzchok Manger über „Der Poet Moische Leib“.

(320928t2)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Moyshe-Leyb_Halpern
http://en.wikipedia.org/wiki/Moyshe-Leyb_Halpern
http://de.wikipedia.org/wiki/Itzik_Manger
http://czernowitz.ehpes.com/stories/lev ... levin.html
http://www.ruthlevin.com



Seite 3

Der erste Kongreß der rumänischen Musiker [S. 3, oben, links]
23 Musiker aus Czernowitz, unter Leitung Professors Pavel, nehmen am Kongreß teil

Die ungeheuere Not, die in allen Berufsschichten herrscht, haben auch die Musiker zu spüren. Auch diese Berufsklasse leidet schwer unter der wirtschaftlichen Krise und es werden Mittel und Wege gesucht, um die Not wirksam bekämpfen zu können. Daher hat sich die Musikerorganisation entschlossen, einen Kongreß aller Musiker des Landes nach Bukarest einzuberufen, um Standesfragen zu besprechen, vor allem aber gegen Unbefugte sowie gegen ausländische Musiker aufzutreten.

Der Kongreß, der am 22. ds. in den Räumen des Journalistensyndikates in Bukarest stattfand und zwei Tage dauerte, nahm einen würdigen Verlauf.
Der Kongreß wurde am 22. ds. in Anwesenheit des Inspektors aller Militärmusikkapellen, Legicio Massini, unter dem Vorsitze des Präsidenten des Musikersyndikates Professor Nitulescu, mit einer Kirchenpredigt sowie der Absendung eines Huldigungstelegramms an den König eröffnet. Nachdem die Präsidenten der Organisationen des Landes begrüßt und der Zweck des Kongresses dargelegt worden war, begannen die Referate der Delegierten.

Professor Lipovan (Arad) sprach über das ethnische Minoritätenproblem und verlangte die Einbeziehung der Minoritäten in die Syndikatsrechte. Pawlov (Chischinau) verlangte Ausbau der Organisation und Anerkennung dieser Körperschaft durch die Regierung. Voicu (Braschov) forderte die präzise Festsetzung der Engagementspreise.
Der Führer der Czernowitzer Organisation, Professor Pavel, hielt ein längeres Exposee, in welchem er sich sehr scharf gegen die Engagements ausländischer Musiker aussprach. Er verlangte, daß die rumänischen Konsulate im Ausland die Erteilung von Visa an ausländische Musiker verweigern. Er geißelte weiters die Konkurrenz der Militärmusiker und wies an Hand einer Photographie nach, daß die Musiker des 8. Vanatoriregimentes in Czernowitz in Zivilkleidung im Volksgarten spielen. Der Generalinspektor Massini versprach, Maßnahmen zu treffen, damit den Berufsmusikern kein Unrecht geschehe.

Die Ausführungen des Professors Pavel fanden beim Kongreß starken Beifall und wurden von Hochrufen begleitet. Die Erklärungen der Czernowitzer Vertreter waren für den Verlauf des Kongresses richtunggebend. (Interessant ist auch, daß Herr Morbach die Sekretariatsarbeiten des Kongresses leitete).
Goriantz (Timisoara) sprach sich gegen Dilettantismus im Musikergewerbe aus und verlangte, daß die Berufsmusiker mit Carnets versehen werden. Zum Schlusse sprach noch der Vertreter aus Ploesti, Vontila.

Am zweiten Kongreßtag sprachen Professor Dan Simionescu und Professor Pavel über Musikkapellen. Eine Resolution, in welcher die Wünsche der Musiker dargelegt sind, wurde den zuständigen Ministerien überreicht.

Der König wohnt dem Musikerkonzert bei
Am Abend des zweiten Kongreßtages fand in den „Arenele Romane“ im Park Carol ein Konzert statt, welches von 520 Musikern ausgeführt wurde und von 20 000 Personen besucht war. Dem Konzert wohnten der König, Exkönigin Elisabeta sowie die Minister Gusti und Ioanitzescu bei. Unter Leitung des Meisters George Georgescu wurde folgendes Programm gespielt: Wagner: Tannhäuser-Ouvertüre; Berlioz: Phantasie fantastique; Enescu: Rumänische Rhapsodie und Tschaikowski: 1812. Das Konzert nahm einen grandiosen Verlauf. Beifallsstürme dankten den ausführenden Musikern für den gelungenen Abend.

(320928r3)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Carnet


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„Renaissance“ und „Intim“ als Gotteshäuser [S. 3, rechts, Mitte]
Wir erhalten vom Präsidium der jüdischen Gemeinde die folgende Zuschrift: Die Abhaltung des gemeinsamen Gottesdienstes an den diesjährigen hohen jüdischen Feiertagen in den Lokalitäten des „Kaffee Renaissance“, Dr. Rothgasse und des Kino „Intim“, Landhausgasse, ist von der jüdischen Gemeinde nicht bewilligt worden, weil die Lokale sich vom religiösen Standpunkte für den besagten Zweck nicht eignen.

(320928c3)


Seite 4

Was wollte der amerikanische Generalstabschef in Bukarest? [S. 4, links, Mitte]
Rückendeckung für Rußland bei einem Krieg mit Japan? - Moskauer Kommentare zum Besuch des Generals Mac Arthur

Der Chef des amerikanischen Generalstabes, General Mac Arthur, befindet sich seit mehreren Wochen auf einer Fahrt durch Europa. Längere Zeit hatte er in der Czechoslowakei und in Polen geweilt und hielt sich jetzt einige Tage in Bukarest auf, wo er vom König empfangen wurde und mit den Mitgliedern der Regierung konferierte. Sonntag ist General Mac Arthur von Bukarest abgereist. Es war merkwürdig still um den Zweck seines Besuches, so als ob es sich um einen bloßen Höflichkeitsakt handelte. Umso interessanter ist daher nachfolgende Meldung aus Moskau:

„Dem Besuch des amerikanischen Generalstabschef Douglas Mc Arthur in Polen und Bukarest wird große Bedeutung beigemessen, da er mit der Möglichkeit eines Krieges im Fernen Osten in Verbindung gebracht wird.
Man hält es für offensichtlich, daß die Washingtoner Regierung nach Mitteln sucht, um sicherzustellen, daß Rußlands westliche Nachbarn neutral bleiben, im Falle, daß es im Fernen Osten zu einer Explosion kommt.
Washington hat ein Interesse daran, die Befürchtungen der Sowjetunion vor einem Angriff aus dem Westen zu zerstreuen, damit Rußland dem Ansturm aus dem Fernen Osten stand halte oder Hilfe zu leisten vermag, wenn die Situation es erfordert.*)
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*) Wo das "Zitat" aufhört, ist nicht ersichtlich.
http://de.wikipedia.org/wiki/Douglas_MacArthur



Bukarester Presserevue
Unerhört hohe Schultaxen [S. 4, Mitte, unten]
Auf Grund der Konstitution ist der Volksschulunterricht gratis und obligatorisch. Trotzdem aber gibt es viele Volksschulen, die unerhört hohe Taxen einheben. Wir verstehen, daß bei einem stark eingeschränkten Budget der Staat nicht genug Mittel für die Erhaltung der Schulen hat, aber die erste Aufgabe des Staates ist es, für die Schule zu sorgen. Wenn aber die Konstitution unentgeltlichen Unterricht vorschreibt, wie kommt es, daß die Schulen obligatorische Taxen einheben? Wir verstehen, daß die Schulkomitees an begüterte Eltern herantreten und Beiträge für die Erhaltung der Schulen verlangen, können es aber nicht verstehen, daß gewisse Schulen 600 Lei als Jahrestaxe für Volksschüler vorschreiben und dazu noch andere monatliche Taxen für Tinte einheben. Auf Grund welcher Gesetze werden diese Taxen eingehoben und wer überwacht die Verwendung dieser Beträge?
Für die Mittelschulen werden Taxen zwischen 2000 - 6000 Lei vorgeschrieben. Diese Taxen, deren Legalität erst überprüft werden muß, sind zu hoch. Die Frage muß sowohl vom gesetzlichen als auch vom wirtschaftlichen Standpunkt überprüft werden. Wenn ein Beamter z.B. ein Jahresgehalt von 48.000 Lei hat und von diesem Gehalt drei Kinder in die Schule schicken muß, so zahlt er bloß an Taxen ein Drittel seines Gehaltes.

Außer diesen Taxen werden aber von den Schülern noch andere Abgaben verlangt, die ins Ungeheuere ansteigen. Viele Schüler müssen allen für Tinte 200 Lei im Schuljahr zahlen. Es ist aber unmöglich, daß ein Schüler vier Kilogramm Tinte im Jahre verbraucht, denn bekanntlich kostet ein Kilogramm Tinte 50 Lei.
Die Eltern, die ihre Kinder in die Schule schicken, müssen direkte und indirekte Taxen zahlen.“
(Cal.)
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• Ob das ein Zitat aus einer Zeitung ist (es fehlen die Anfangs-Gänsefüße) und wer oder was "(Cal.)" ist, ist unklar.
Klaus Binder
 
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Nr. 163, Donnerstag, 29.09.32

Postby Klaus Binder on 27. September 2010, 02:30

Seite 1

Rücktritt des Gesandten Titulescu? [S. 1, oben, links]
Der Konflikt wegen des Nichtangriffspaktes

Paris, 28. September (Tel. des „Tag“). Im Zusammenhang mit den Unstimmigkeiten, die sich in den letzten Tagen zwischen Titulescu und der Regierung ergeben haben, schreiben zu gleicher Zeit eine französische und eine Bukarester Zeitung, Titulescu habe sich geäussert, dass er unter keinen Umständen die Führung der Delegation, die Rumänien bei den Verhandlungen mit Russland wegen eines Nichtangriffspaktes vertreten wird, übernehmen könne. Er sei der Ansicht, dass Rumänien aus Prestigegründen solche Verhandlungen nicht führen dürfe, obwohl Polen einen Nichtangriffspakt mit Russland unterzeichnet hat und Frankreich im Begriffe ist, das gleiche zu tun.

Es heisst auch, Titulescu habe erklärt, er werde, falls seine Regierung seinen Standpunkt nicht zu dem ihren machen wird, seine beiden Posten als Gesandter in London und als Vertreter Rumäniens beim Völkerbund der Regierung zur Verfügung stellen.

(320929r1)
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http://en.wikipedia.org/wiki/Nicolae_Titulescu


Seite 2

Der Brotkonflikt vor der Beilegung [S. 2, links, oben]
Ein Vorschlag der Bäcker, über den die Interimarkommission am Samstag entscheidet

Der Konflikt der Bäcker mit der Stadtgemeinde, der heute genau vierzehn Tage anhält, scheint seinem Ende entgegenzugehen. Es wird selbst unter den Mitgliedern der Interimarkommission zugegeben, daß die Brotversorgung durch die städtische Broterzeugung mangelhaft und unfachmännisch ist. Man habe aber - so wird im Rathause erklärt - der Bevölkerung zeigen müssen, daß im äußersten Fall die Brotversorgung, wenn auch unter ungünstigen Umständen, aufrechterhalten werden kann.

Eine Delegation der Bäckerorganisation erschien gestern vormittags im Stadtpräsidium und legte neuerlich den bekannten Standpunkt der Bäcker dar. Es wurde ein neuer Vorschlag gemacht, der bei den führenden Mitgliedern der Interimarkommission Zustimmung gefunden hat.

Der Vorschlag der Bäcker
Die Bäcker erklären sich bereit, für die Pensionisten das Brot zum gegenwärtigen Preis, für die Stadtarmen wie bisher 60 Brote täglich gratis zu liefern, für die ärmere Bevölkerung ein zweitklassiges Brot um 5 Lei, verlangen aber, daß der Preis für Brot erster Qualität auf 8 Lei erhöht wird.
Dieser Vorschlag wurde von den Mitgliedern der Interimarkommission als akzeptabel befunden und es wurden zwei Delegierte der Bäckerorganisation eingeladen, bei der um 12 Uhr stattfindenden Sitzung der Interimarkommission ihren Standpunkt im Plenum klarzulegen.
Um 12 Uhr vormittags fand die Sitzung unter Vorsitz des Stadtpräsidenten Dr. Saveanu und im Beisein des Generaladministrativinspektors Crudu statt. Nachdem die Sitzungsarbeiten erschöpft waren, wurde der Vorschlag der Bäcker zur Kenntnis genommen, die Beschlußfassung aber auf Samstag aufgeschoben, da sich sowohl der Stadtpräsident als auch Dr. Nicoara nach Bukarest begeben.

(320929c2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Rapides Steigen der Devisen [S. 3, oben, links]
Die Auswirkungen der Devisenverordnung
Ein Dollar 185 Lei


Die letzte Devisenverordnung wirkt sich für den gesamten Verkehr, für den Handel und die Industrie, besonders aber für diejenigen Kaufleute, die ihre Waren aus dem Auslande beziehen, sehr ungünstig aus. Der Spekulation ist Tür und Tor geöffnet und die Folge ist, daß in den letzten 24 Stunden eine auffallende Steigerung der Devisen zu verzeichnen ist. Die Maßnahme der Nationalbank, wienach Devisenautorisationen erst drei Monate nach Fälligkeit der Faktura erteilt werden, ist gleichfalls eine Ursache für dieses Anschwellen der Devisenpreise. Die Kaufleute, die ihren Verpflichtungen nachkommen wollen, besorgen sich ihre Devisen im Schleichhandel und es muß nicht erst gesagt werden, daß dadurch ein ungesunder Zustand geschaffen wird. Der Laie geht nicht direkt in die Gründe dieser Preissteigerung ein, sondern ermittelt andere Motive für die Devistenhausse, die für ihn maßgebend sind. Interessanterweise ist aber der Leu in Zürich auf 3.06 gestiegen, obwohl, wenn andere Motive für die Devistensteigerung maßgebend wären, gerade das Gegenteil hätte eintreten müssen.
Auf der hiesigen Börse wurde gestern der Dollar mit 185 gehandelt, während er noch am Vortage 182 notiert hat. Das Pfund Sterling wurde um 640, der Schweizer Frank um 86 Lei verkauft. Selbstverständlich sind die offiziellen, von der Nationalbank herausgegeben Kurse weit niedriger, im Schleichhandel werden aber diese Kurse erzielt, wobei ein schwunghafter handel betrieben wird.
Es ist Sache der Nationalbank, das Zentrum zu informieren, wie schädlich besonders auf dem Czernowitzer Markt, sich die Devisenverordnung auswirkt.

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Der rumänische Staat und das Petroleumabkommen
Mehrere Zeitungen hatten gemeldet, daß der rumänische Staat dem in Paris abgeschlossenen Petroleumabkommen beigetreten sei. Dazu stellt das Regierungsblatt „Deptatea“ fest, daß diesem Abkommen bloß eine aus dem größten Teil der rumänischen Petroleumsgesellschaften bestehende Gruppe beigetreten sei, während die Politik des rumänischen Staates diesem Abkommen gegenüber noch nicht festgelegt worden sei.


Kommunistischer Gemeinderat in Sofia [S. 3, links, unten]
Die Regierung will die Wahl annulieren

Sofia, 27. September (Tel. des „Tag“). Bei den Gemeinderatswahlen in Sofia, die am Sonntag stattfanden, errangen die Kommunisten einen kolossalen Erfolg. Von 35 Mandaten erhielten sie 12, ebenso erhielt der Regierungsblock 12 Mandate, die Partei Tankoffs mußte sich mit 4 Mandaten begnügen. Sollte sich der Gemeinderat konstituieren, so wäre es nicht ausgeschlossen, daß ein Kommunist Bürgermeister wird. Angesichts dieser Tatsache hat der Ministerrat beschlossen, die Wahl zu annullieren und eine Abänderung des Wahlgesetzes durchzuführen.
Die Kommunisten versuchten gestern angesichts der neugeschaffenen Situation, das Rathaus in Sofia zu erobern und es mit roter Farbe anzustreichen. Die Polizei blockierte alle Straßen, die zum Rathaus führen, und verhinderte so die Absicht der Kommunisten.
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de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Bulgariens


35 Millionen Rundfunkhörer [S. 3, Mitte, unten, rechts]
Nach einer Statistik des Handelsministeriums der Vereinigten Staaten gibt es auf der ganzen Welt 35 Millionen Rundfunkhörer. Davon entfallen 16 Millionen auf Europa, 17 Millionen auf die Vereinigten Staaten von Amerika und der Rest auf die übrigen Weltteile. Auf 1000 Einwohner kommen demnach durchschnittlich etwa 18 Rundfunkhörer. In Nordamerika ist das Verhältnis 124 Rundfunkhörer auf 1000 Einwohner, in Mittel- und Südamerika 8, in Asien 0.9 und in Afrika 0.7. In Europa ist die Zahl der Rundfunkteilnehmer mithin verhältnismäßig geringer als in Oceanien und Australien. In den Vereinigten Staaten gibt es aber auch die meisten Sendestationen. Zu Beginn des heurigen Jahres zählte man dort über 900, in der restlichen Welt etwa 300 solcher Stationen.

(320929w3)
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• 1927 lebten etwa 2 Milliarden Menschen auf unserem Erdenrund ➞ de.wikipedia.org/wiki/Weltbevölkerung#Neuzeit


Sauerwein über den Fall Titulescu [S. 3, Mitte]
Ueber den Fall Titulescu schreibt der bekannte französische Journalist Jules Sauerwein in einem Bericht aus Genf:

„Rumänien weigert sich, einen Vertragstext zu unterschreiben, aus dem hervorgeht, daß es noch eine beßarabische Frage gibt. Litwinow hingegen liegt sehr viel daran, daß diese Angelegenheit erwähnt wird.“

Nachdem er dann die Bemühungen Frankreichs erwähnt, die guten Beziehungen zwischen Frankreich und Rumänien aufrecht zu erhalten, fügt er hinzu:

„Die Anwesenheit Titulescus in Genf ist erwünscht, besonders von der französischen Delegation, da Herriot unmittelbar vor Besprechungen mit den anderen Mächten über die deutschen Rüstungen steht. Titulescu wäre für Herriot darin von größtem Nutzen.“

Zum Schlusse warnt Sauerwein noch die öffentliche Meinung Rumäniens vor der deutschen Propaganda, welche die guten Beziehungen zwischen Frankreich und Rumänien zu stören versuche.

(320929r3)
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• Eine kleine Biografie zu Sauerwein ➞ biographien.kulturimpuls.org


Werbung * Ankündigung
[Helios Hecht] [S. 3, oben, rechts]
Die von mir mit praktischem Erfolge geleiteten Vortragskurse für angewendete Graphologie und Menschenkenntnis haben in den intellektuellen Kreisen Anklang gefunden. Ein neuer Kurs mit nur fünf Teilnehmern wird demnächst eröffnet.
Helios Hecht
Dreifaltigkeitsg. 12 B
(Sackgasse)

(320929a3)


Rose Ausländer [S. 3, oben, Mitte]
aus Amerika, erteilt Unterricht in Englisch, deutscher u. englischer Stenographie sowie Maschinen-Blindschrift nach origineller Methode. Einzel- und Gruppenunterricht. Anmeldungen: Dreifaltigkeitsgasse 12 B (Str. Sft. Treimii) von 10-1, 4-7.

(320929a3)
Klaus Binder
 
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Nr. 164, Freitag, 30.09.32

Postby Klaus Binder on 27. September 2010, 11:04

Seite 1

Zwischen Genf und Bukarest [S. 1, oben, links]
Verlegenheiten der Regierung

Die rumänische Innenpolitik wurde immer, mehr noch als dies in anderen Ländern der Fall ist, durch die Ereignisse im Auslande mitbestimmt. Klar tritt dies jetzt in Erscheinung, da sich das Schwergewicht der Innenpolitik von Bukarest aus nach Genf verschoben zu haben scheint.

Bericht der Experten vor dem Völkerbund
Donnerstag werden dort die Experten vor dem Völkerbund den Bericht über ihre Feststellungen in Rumänien erstatten und es werden auch die Beschlüsse erörtert werden, welche in der Konferenz der Agrarstaaten in Stresa gefaßt wurden. Es ist dies somit ein entscheidender Tag für Rumänien, für das Schicksal des Landes und in weiterer Folge auch für das Schicksal der Regierung. Denn es besteht kein Zweifel darüber, daß eine Befreiung von den Wirtschafts- und Finanznöten, welche in letzter Zeit immer drückender werden, nur durch die Hilfe des Völkerbundes möglich ist. Interessant ist, was in dieser Hinsicht der Genfer Sonderberichterstatter der „Dimineata“, B. Branisteanu schreibt:

„Unser Appell an den Völkerbund, die Berufung der Experten und die künftige Mitarbeit mit ihnen hätten nur dann einen Zweck, wenn sie die Notwendigkeit verkünden, uns finanziell zu helfen und Vorschläge erstatten zur Herabsetzung der Annuitäten unserer Auslandsschuld; dadurch würde die Finanzwirtschaft des Staates zu Atem kommen. Ohne das hätten wir uns vergebens bemüht und vergebens alle unsere Nöte enthüllt.
Dies ist der Knoten der Genfer Aktion.
Es ist wenig wahrscheinlich, daß wir eine Anleihe erhalten könnten, ja es ist nahezu sicher, daß wir sie nicht erhalten. Aber eine Herabsetzung der Annuitäten der Auslandsschulden durch Verlängerung der Amortisationsfrist und Reduzierung des Zinsfußes, zugleich mit einem zweijährigen Moratorium, liegt im Bereiche der heutigen Möglichkeiten. Es ist dies eine Lösung,
mit welcher sich theoretisch alle Fachmänner vertraut gemacht haben. Und wenn man in Stresa in den Finanzfragen zu keinem praktischen Ergebnis gelangt ist, so konnte eines festgestellt werden, nämlich, daß niemand mehr glaubt, daß auch nur einer der mittel- und osteuropäischen Staaten die Finanzverpflichtungen erfüllen kann, welche er unter wesentlich anderen Bedingungen eingegangen ist.“

Aber die Beratungen in Genf haben auch höchste, außenpolitische Bedeutung, da im Anschluß an sie

die Verhandlungen zwischen den Vertretern Rumäniens und Litwiniow
über den Abschluß eines Nichtangriffsvertrages eingeleitet werden sollen.

Beratungen mit den Parteiführern. - Titulescus Demission abgelehnt
Diese Verhandlungen haben ihre Schatten bereits vorausgeworfen. Der bisherige Führer der rumänischen Delegation und Gesandte Rumäniens in London, Herr Titulescu, hat infolge der vom „Tag“ bereits angeführten Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und der Regierung alle seine Würden niedergelegt und seine Demission nun auch offiziell zur Kenntnis gebracht. Der Regierung bereitet dieser Schritt des hervorragendsten Exponenten Rumäniens im Auslande begreiflicherweise arge Verlegenheit. Sie hat das Rücktrittsgesuch vorläufig abgelehnt und beschlossen, daß Minister Mihalache nach London fährt, um Titulescu zu bewegen, von seinem Entschluß Abstand zu nehmen.
Die Regierung will in der Frage der Verhandlungen mit Rußland ihre Initiative durch die Zustimmung aller Parteien stärken, um so den nationalen Charakter dieser wichtigen Angelegenheit zu bekunden. Der Unterstaatssekretär Gafencu hat daher namens des Ministerpräsidenten Vaida mit sämtlichen in der Hauptstadt weilenden Parteiführern Fühlung genommen und sie über den Stand der Angelegenheit und die Intentionen des Kabinetts informiert. In Regierungskreisen wird erklärt, daß diese Schritte Gafencus größtenteils erfolgreich waren.
Daß die Situation der Regierung nicht rosig ist und ihre Aktionen fort und fort unter den zwiespältigen Auffassungen innerhalb des Kabinetts zu leiden haben, trat auch in der

Frage der Gehälter
zutage. Wie der „Tag“ bereits gestern gemeldet hat, wurde von der bereits beschlossenen Kürzung der Gehälter und Pensionen vorläufig Abstand genommen und für September die Zahlung der ungekürzten Bezüge verfügt.

Mihalache gegen Mironescu
Man erfährt jetzt interessante Einzelheiten über die Vorgänge hinter den Kulissen dieser Erledigungen: Der Finanzminister Mironescu hatte im Einvernehmen mit dem Ministerpräsidenten Vaida die sofortigen Gehaltskürzungen als aus Sparsamkeitsgründen dringend notwendig verfochten. Die anderen Minister widersprachen ihm, besonders Mihalache, der Vortags vom König in Audienz empfangen worden war. Mihalache richtete später einen Brief an den Finanzminister, in welchem er erklärte, der Kürzung der Gehälter und Pensionen nur unter der Bedingung zustimmen zu können, wenn sie im Zusammenhang mit einem ganzen Ersparnisprogramm erfolge, welches u. a. Entlassungen der Beamten, Abschaffung der autonomen Regien und Erhöhung der Steuern vorsehen sollte. Würde aber die Kürzung der Gehälter und Pensionen in der vom Finanzminister vorgeschlagenen Form sofort in Kraft treten, dann - so drohte Mihalache - würde er seinen Rücktritt geben. Mihalaches Auffassung gewann dadurch an Gewichtigkeit, daß sich ihr Maniu anschloß. Die Folge war, daß Mironescu auf die Kürzung der Gehälter wenigstens vorläufig verzichten mußte.

Keine Finanzermächtigungen und keine Erhöhung der indirekten Steuern
Mit diesen Vorgängen scheint auch in Zusammenhang zu stehen der Entschluß der Regierung, auch auf die vom Senat bereits angenommenen Aenderungen des Finanzgesetzes zu verzichten, durch welche sie ermächtigt wurde, die Zahlung der Gehälter und Pensionen nach Maßgabe der Steuereingänge zu reduzieren, und ebenso die Aufgabe des Planes, die indirekten Steuern zu erhöhen.

Der „Universul“ schreibt diesen plötzlichen Umschwung der Angst der Nationalzaranisten vor einem ungünstigen Abschneiden bei den bevorstehenden Gemeindewahlen zu; daß der entscheidende Entschluß vom Parteipräsidenten und vom Minister des Innern ausging, gibt dieser Vermutung den Anschein einiger Berechtigung.

Daß die Regierung oder vielmehr die Partei, welche sie trägt, Grund hat, den Wahlen mit Besorgnis entgegenzusehen, das hat ja

der Ausgang der Nachwahlen ins Parlament
bewiesen.
Wohl haben in beiden Bezirken, in denen solche Wahlen stattfanden, die Regierungskandidaten gesiegt, aber der Stimmenrückgang, den die Nationalzaranisten im Vergleich zu den allgemeinen Wahlen vom Juli erlitten haben, springt in die Augen. Im Bezirk Hunedoara sind sie von 34.358 auf 23.655 Stimmen zurückgegangen.

Schwierigkeiten auf der ganzen Linie: dies ist das Kennzeichen der augenblicklichen Lage der Regierung und diese scheint sich über ihre Situation auch keine Illusionen zu machen. Sie sieht ihre Position selbst als stärkungsbedürftig an, was ja die in den letzten Tagen erfolgten Annäherungsversuche an die Partei Steres bekunden. Aber die Bessarabier haben die vorgeschlagene Wiedervereinigung mit der nationalzaranistischen Partei abgelehnt, worauf man sich allerdings - vergebens - bemüht, den Versöhnungsversuch als eine private Aktion des Ministers Mirto und des Unterstaatssekretärs Andrei hinzustellen.
Die Verlegenheiten der Regierung sind augenfällig - die in Genf und die in Bukarest.

(320930r1)


Rußland will Nichtangriffspakt mit Rumänien abschließen [S. 1, oben, rechts]
Berlin, 29. September (Tel. des „Tag“). Der „Berliner Börsenkourier“*) veröffentlicht ein Telegramm der Telegrafen-Union aus Genf, wonach russische Kreise behaupten,daß vom bevorstehenden Abschluß des russisch-französischen Abkommens sowie der Ratifizierung des russisch-polnischen Abkommens nicht die Rede sein, könne, weil hiebei Rumänien eine große Rolle spiele und es zuerst zu einem Einvernehmen zwischen Rußland und Rumänien kommen müsse. Dieselben russischen Kreise behaupten, daß die Bessarabienfrage offen gelassen werden kann, weil aus der Natur des Nichtangriffs-Vertrages sowie des Litwinow-Paktes hervergeht, daß diese zwischen Rußland und Rumänien nur auf friedlichem Wege gelöst werden kann.
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*) Gemeint ist vermutlich der ➞ „Berliner Börsen-Courier“ (eine wissenswerte Zeitung).


Rücktritt Snowdens und Samuels [S. 1, unten, rechts]
Die Nachfolger bereits ernannt

London, 29. September (Tel. des „Tag“). Gestern fand unter Vorsitz MacDonalds ein Ministerrat statt, der ziemlich heftig verlief. Die erwartete Demission Snowdens und der liberalen Minister ist erfolgt. Gleich nach Beginn des Ministerrates überreichten Schatzkanzler Snowden, Innenminister Sir Herbert Samuel sowie der Staatssekretär für Schottland Sinclair ihre Demission. Weiters haben neun Unterstaatssekretäre ihre Demission gegeben. Die aus dem Kabinett ausgetretenen Minister sind Vertreter des Freihandels und haben die Konsequenzen aus der Unzufriedenheit mit dem Ausgang der Ottawaer Konferenz gezogen.

MacDonalds erschien gleich nach der Demission beim König in Audienz und überreichte ihm die Vorschläge für die neu zu ernennenden Minister, die vom König genehmigt wurden. Zum Innenminister wurde Wilmar, zum Schatzkanzler Welle Eliot und zum Staatssekretär für Schottland Sir Gottfried ernannt.

(320930w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Louis_Samuel
http://de.wikipedia.org/wiki/Philip_Sno ... nt_Snowden



Seite 2

Ein Wort zum Musikerkongreß [S. 2, oben, links]
Bemerkungen eines Wirtes
Wir werden um Veröffentlichung folgender Zuschrift gebeten:

Sehr geehrter Herr Chefredakteur! Ich rechne mit Ihrer Loyalität und bin gewiß, daß Sie auch einigen Bemerkungen von mir zum Musikerkongreß in Bukarest, dem ich nicht beiwohnen konnte, gerne Raum geben werden.
In medias res! Herr Professor Pavel schilderte - und das ist schließlich für ihn als Präsidenten eines Musikerverbandes heilige Pflicht - die Not der Musiker und die verhängnisvolle Wirkung der ausländischen Konkurrenz.
Ich muß dem Herrn Professor Pavel einen Vorwurf machen. Einen ganz schweren Vorwurf: er kennt die Situation nicht, er verkennt sie mit Absicht!
Denn:
die Czernowitzer Musiker sind nicht in Not - im Gegenteil: es geht ihnen - erlauben Sie, daß ich, verehrter Herr Chefredakteur, der jedem ein offenes Wort gestattet, das hier dezidiert erkläre: es geht den Czernowitzer Musikern ausgezeichnet, zu gut, viel zu gut, ja!
Gestatten Sie weiter, daß ich Ihnen und damit der breiten Oeffentlichkeit die leidvollen Erfahrungen eines von allen andern Schikanen ohnehin geplagten Wirtes in puncto Musik schildere. Vielleicht werden Sie und mit Ihnen die Oeffentlichkeit, die Sie vertreten, begreifen, daß meine Kollegen, an einer Möglichkeit guten Einverständnisses verzweifelnd, zu dem Mittel, ausländische Musiker zu engagieren, greifen müssen.
Ich sehe, das will ich vorausschicken, alles mit neuen Augen, ich bin weder blasiert noch resigniere ich, ich bin noch ganz jung in der Branche.
Vor ca. zwei Monaten habe ich ein Abendlokal zu leiten begonnen. Erste Bedingung für das relative Prosperieren eines solchen ist ein leistungsfähiges Orchester. Man versteht darunter: Musikalität, Stimmung, Repertoire.
Vorausgeschickt sei: ein Orchester gab es nicht. Es hieß also einzelweise zusammensuchen. Man fand schließlich drei, jeder von ihnen mit andern Ansprüchen, andern Wünschen, untereinander nicht einig, jedoch eines Sinnes: dem, der ihnen aus der Arbeitslosigkeit zu Brot verhalf, soviel Steine als möglich in den Weg zu legen. Hier will ich Ihnen bemerken, daß jeder von den Dreien, es waren durchwegs Menschen unter 24 Jahren, mehr als ein Oberlandesgerichtsrat verdiente. Zwei von ihnen waren Dilettanten, (siehe das Kapitel „arbeitslose Musiker“ in Ihrem Bericht über den Musikerkongreß), alle drei scherten sich den Teufel um einen Verdienst, sie waren bei der leisesten Aufforderung oder einem schattenhaften Tadel glatt bereit, ihre Instrumente einzupacken und abzuziehen. Sie betonten mit geradezu sadistischer Freude ihre Unabhängigkeit, oder, was schlimmer ist, die Abhängigkeit ihres Brotgebers von ihnen.

Ich will aus der Fülle dessen, was ich gelitten habe, nur zwei Episoden herausgreifen, sie mögen Ihnen als Illustration dienen:
Eine Studentenverbindung hat mit ihrer weiblichen Anhängerschaft das Lokal aufgesucht. Es sind ca. 100 Menschen, die (an einem Wochentage!) das an sich nicht große Lokal füllen. Der Wirt ist nicht nur froh, daß ihm eine Einnahme winkt, sondern daß er überhaupt in seinem Lokale Betrieb sieht. Doch der Wirt denkt, die Musik lenkt! Hundert junge Menschen, die tanzen wollen, aber die Musik will nicht zum Tanze spielen! Trotz wiederholter Aufforderung seitens der Gäste, und nachdrücklichster Vorstellungen seitens des Wirtes: sie will nicht, das Orchester will nicht, denn, das ist wörtlich die Antwort des Stehgeigers, der im Sinne seiner Kollegen sprach: Wir spielen nicht in einer Tanzschule, wir spielen in einer Bar und wollen verdienen! (gemeint ist hier der Teller, Um und Auf, Seele des Berufes, - das Trinkgeld!) Und es blieb, wie die Herren Musiker wollten, sie spielten, wie und wann sie wollten und vertrieben hunderte Gäste aus dem Lokal, das Renommee und die Arbeit ernster Menschen vernichtend.

Samstag Abend - die Hoffnung, die Rettung. - Das Orchester hat Sabotage beschlossen. Es spielt, aber wie! Absichtlich einschläfernd, zwanzig Takte und dann Pause, endlose Pausen. Ein Tisch nach dem andern wird leer, eine Gesellschaft nach der andern verschwindet, kaum ein Viertel der für einen Samstag erwarteten Losung ist gemacht, die Musiker, ihnen kann nichts geschehen, denn sie sind ja im Vorschuß, unterhalten sich köstlich, während dem Wirte sich angesichts dessen, was er verliert, das Herz zusammenschrumpft. Da erscheint eine Gesellschaft, sie könnte die Rettung des Abends sein, gut gelaunte, wohlhabende Menschen, die sich, nicht so sehr beim Wein, als bei Musik und Tanz unterhalten möchten. Einer von Ihnen verlangt, nicht nötig zu ergründen warum, einen „Schlager“. Mein Gott, jedes Werkel hat ihn schon gespielt: „Was macht der Mayer am Himalaya“. Unser Orchester braucht eine längere Konferenz, um sich dieser Melodie zu entsinnen. Sie haben sie zwar lange gesucht, aber schlecht gefunden, es klang fürchterlich, wollten sie nicht oder konnten sie nicht, eines schlimmer als das andere.
Es ist klar, daß dieser wunderbaren Musiker Bleibens nicht länger war. Der Vorschuß wurde rückgezahlt, und für den geplagten Wirt, der mit seinem guten Willen und der offenen Hand dastand, begann das qualvolle Suchen. Es gab im Zeitraume von zehn Tagen vier verschiedene Kombinationen von Orchestern, sie wurden pünktlich bezahlt, auch der „Teller“ brachte stattliche Verdienste, aber weiß Gott, irgendetwas ging immer den „feinnervigen“ Künstlernaturen gegen den Strich, sie waren gleich dabei, ihre Instrumente hinzulegen und nicht mehr zu spielen.
Jetzt habe ich ein Orchester, das heißt, es hat mich, denn ich habe resigniert, ich habe eingesehen, daß die Musik doch nicht eine Kunst ist, die nach Brot geht, daß Musikern, wenn es ihnen darum geht, eine noch so extreme Laune zu befriedigen, der Verdienst vollkommen gleichgültig ist und daß ganz besonders die Czernowitzer Musiker eine Klasse für sich sind. Sie pfeifen aufs Geld, sie haben soviel, daß sie mit den Wirten machen können, was sie wollen, daß sie spielen können, wann und wie es ihnen paßt.

Herr Professor Pavel! Bevor Sie zu einem Kongreß gehen und über die Not der Czernowitzer Berufsmusiker sprechen, informieren Sie sich, bitte! Und haben Sie das getan, dann halten Sie den Czernowitzer Musikern einen kleinen, aber eindringlichen Vortrag über Broterwerb, Geschäftsinteressen und - Disziplin. - Erzählen Sie ihnen, daß im Westen große Künstler, deren Namen in der Welt Klang haben, glücklich sind, wenn ihnen durch Vermittlung ihrer Organisationen zwei- bis dreimal in der Woche, die Möglichkeit geschaffen wird, gegen ein lächerlich kleines Entgelt spielen zu dürfen, um nicht verhungern zu müssen.

Schaffen Sie, Herr Professor Pavel, eine Organisation, die der Nachfrage nach guten und vor allem disziplinierten Musikern gerecht wird (Stellenvermittlung); Einseitigkeit ist zwecklos und macht böses Blut.
Ich danke Ihnen, Herr Chefredakteur für die Veröffentlichung dieser Zeilen.
Ein vielgequälter Wirt

*
Anmerkung der Redaktion: Beide Teile haben Recht, sowohl Pavel als der heutige „Amateur-Novellist“. Der Masse der Musiker geht es gewiß ebenso schlecht, wie der Masse der Schauspieler, Sänger, Maler und überhaupt der Künstler. Nur einige bevorzugte Prominente fallen aus dieser Reihe. Von diesen, bei uns in Czernowitz aber keineswegs besonders Prominenten, gibt es einige Glückliche, die, durchaus nicht Virtuosen von Rang, das Glück einer Stellung zu schätzen wissen. Sie verkennen, daß sie nicht Privilegierte in diesem Sturm des Daseins sind. Sie sind schuld, wenn die Mißstimmung sich auf die notleidenden Musiker überträgt. Andererseits muß der Unternehmer gegen maßlose, in die heutige Zeit nicht passende Uebergriffe der sogenannten „Prominenten“ geschützt sein. Das Publikum aber noch mehr. Ein Jazzbandist von Durchschnittsmarke ist noch lange nicht ein Stern von Raritätswert. Der „Teller“, von dem gesprochen wird, ist älteste Zigeunerei, schädlich für Unternehmer und Publikum, eine Schande für den seriösen Musikerberuf, wenn er Wert darauf legt, als seriös betrachtet zu werden. Er wird mit einer für die heutige Zeit großen Gage bezahlt und darf nicht die verkalkte orientalische Manier des Bettlers annehmen.

(320930c2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Handelskammer [S. 3, oben, links]
Mittwoch fand eine Handelskammersitzung statt. Nach Eröffnung durch den Vizepräsidenten Herrn Dr. Schnee und Verlesung des Protokolles der vorangegangenen Sitzung sowie der Präsidialmitteilungen, aus welchen die Interventionen der Kammer in verschiedenen Angelegenheiten, die in der vorigen Sitzung im Dringlichkeitswege verlangt wurden, hervorgehen, ergreift zum ersten Punkt der Tagesordnung Herr Kammerrat Direktor Mathias Roll das Wort und erstattet ein ausführliches, sehr interessantes Referat über den

Rückgang des Exportes über Czernowitz.
Herr Direktor Roll erwähnt einleitend, daß es drei Gründe sind, welche die Kammer bewogen haben, das sooft besprochene Thema zur Debatte zu stellen:
1. Die Tatsache, daß der Export einen Tiefpunkt erreicht hat, wie er noch nie verzeichnet wurde. 2. die neuen Bedrohungen, die dem Export bevorstehen und 3. daß nach der Konferenz in Stresa möglicherweise eine Neuorientierung des Exportes stattfinden wird, weshalb wir gerüstet dastehen müssen. In Bezug auf den Rückgang des Exportes liest Dir. Roll die Exportziffern der letzten fünf Jahre vor, aus welchen hervorgeht, daß von 47500 Waggons im Jahre 1927 der Export im Jahre 1931 auf cirka 8000 Waggons gesunken ist. Was die weiteren Bedrohungen anlangt, so weist der Redner auf die Errichtung von Kompensationsanstalten hin, welche auch bei uns geplant werden und welche den Export sowie den gesamten Güteraustausch völlig unterbinden. In Bezug auf das Ergebnis von Stresa weist Redner darauf hin, daß der Valisierungsfond völlig ungenügend ist und stellt folgende Anträge:

Sofortige Verhandlungen mit Deutschland wegen Inkraftsetzung des bereits im vorigen Jahre abgeschlossenen Vertrages, wobei auszubedingen ist, daß jede Monopoleinrichtung und Organisation zu entfallen hat. Er verlangt ein Kontigent für die Trockengrenze für den Verkehr mit Deutschland von 2000 Waggons Mais, für den Verkehr mit der Czechoslowakei, mit welchem Lande ebenfalls sofort Verhandlungen aufzunehmen sind, von 1000 Waggons. Er verlangt ferner das Fallenlassen des Planes bezüglich der Importkontigentierung, da dies nur Repressivmaßnahmen hervorruft, und [des Planes] der Errichtung von Kompensationsanstalten, und schließlich die Rückkehr zur Devisenordnung vom Jahre 1923. Er schließt mit den Worten, welche der Sekretär der Prager Handelskammer jüngst in seinem Radiovortrag in Bezug auf die Kompensationsanstalten gebracht hat, und die lauten: „Um die Schwierigkeiten des Güteraustausches in natura zu beseitigen, haben vor mehreren tausend Jahren die Phönizer [Phönizier], das älteste Handelsvolk der Welt, den Geldverkehr erfunden und eingeführt. Wir sind nach tausenden von Jahren soweit, zum rückschrittlichen Gartenaustausch in natura zurückzukehren und den Geldverkehr, diesen großen Fortschritt, zu opfern.“

Zu diesem Punkte sprach noch Herr Held, Vizepräsident der hiesigen Börse, in längerer Rede und schloß sich den Ausführungen des Vorredners vollinhaltlich an.
Zum zweiten Punkt der Tagesordnung:

Deviseneinschränkungen
referierte Herr Kammerrat Awner und stellte zahlreiche Anträge, namentlich in Bezug auf Beseitigung der letzten Verfügungen wegen des Importes, welche von der Handelskammer angenommen wurden.
Zu diesem Punkte sprach auch Herr Dir. Roll und beantragte folgende Änderung des Art. 37 unserer Wechselordnung bezw. Anhang zu demselben.
„Lautet der Wechsel auf eine fremde Währung, so kann während der Dauer der Devisenverordnung, um die Protestlevierung*) zu vermeiden, die Wechselsumme in Lei-Noten zum offiziellen Kurse gezahlt werden, ohne daß die Ansprüche des Wechselbesitzers auf Schadensersatz für eventuelle Kursdifferenzen bezw. der Wechselsumme in fremder Währung berührt werden. Der Empfang der Leinotensumme und der Verrechnungskurs sind an Wechsel zu bestätigen, welcher nebst der empfangenen Lei-Summe gegen Zahlung der Währungssumme auszuzahlen ist.“
Zu diesem Punkte sprachen noch mehrere Redner.
Zum dritten Punkte:

Änderung der Fiskalgesetze
sprach Herr Bianovici und stellte interessante Anträge bezüglich der Verbilligung des Wechselstempels und der Kreditvergebührung.

Nach Annahme einiger Dringlichkeitsanträge schloß der Präsident die interessante Sitzung.
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*) Protestlevierung findet man (via google) derzeit nur einmal in einem "google"-Buch ("Das österreichische Wechselrecht, Theodor Theumann, Hölder, 1891")


Seite 4

Hitler prophezeit blutige Revolution in Deutschland [S. 4, Mitte]
Aus Berlin wird gemeldet: In einer Unterredung mit einem Vertreter der „Daily Mail“ richtete Hitler scharfe Angriffe gegen die Reichsregierung. Er habe es gar nicht nötig, so erklärte er, gegen die Regierung zu agieren. Die gegenwärtige Regierung sei auf Sand gebaut und nicht auf dem Felsen des Volkswillens. Deutschland sei eine Autokratie geworden, die mit dem zaristischen Vorkriegsrußland zu vergleichen sei. Keine Regierung in Deutschland könne jedoch ihre Macht gegen den Willen des Volkes behaupten. Die jetzige Regierung müsse wie ein Kartenhaus zusammenbrechen.
Abschließend erklärte Hitler: Ich kann versichern, daß die an der Macht Befindlichen, falls sie versuchen, das Volk so zu behandeln, wie es vor der französischen Revolution behandelt wurde, einer Sache sicher seien, nämlich, daß sie eine Revolution hervorrufen werden, die möglicherweise noch heftiger sein wird als die französische Revolution.
Klaus Binder
 
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