07_1935 (Nr. 955 bis Nr. 966)


Nr. 955, Dienstag, 09.07.35

Postby Klaus Binder on 9. July 2013, 00:58

Seite 1

Entscheidende Tage um Abessinien [S. 1, oben, links]
Das diplomatische Ringen um Abessinien hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Es ist kaum zu viel gesagt, dass es sich in diesen Tagen entscheiden wird, ob es in Ostafrika zum Krieg kommen wird oder nicht, selbst wenn dieser Krieg erst nach der Regenzeit Ende September beginnen sollte. Die Engländer tun alles, um diesen Krieg zu verhindern. Im Unterhaus hat Minister Eden den Vorschlag bekanntgegeben, den er in Rom gemacht hat. Danach wollte England einen Streifen Britisch-Somaliland mit dem kleinen Hafen Zeila an Abessinien abtreten, um eine italienisch-abessinische Verständigung zu erleichtern.

Es ist nicht leicht verständlich, wie das englische Kabinett glauben konnte, mit einem solchen Vorschlag Italien oder Frankreich für den englischen Kurs zu gewinnen, Frankreich müsste bei einer Abtretung Zeilas fürchten, dass sein Hafen Dschibuti leiden würde, und Italien wünscht alles andere, als Abessinien durch einen eigenen Zugang zum Meer wirtschaftlich unabhängiger zu machen. Der englische Vorschlag war vielleicht nur erfolgt, um die Bereitschaft zu Opfern zu zeigen und den Ernst zu beleuchten, mit dem man in London die italienischen Aspirationen verfolgt.

Jetzt ist die englische Diplomatie in Paris mit Nachdruck tätig. Sie will Laval dafür gewinnen, zwischen England und Italien zu vermitteln und die Einschaltung des Völkerbundes, auf die England hinarbeitet, zu unterstützen. Laval ist dadurch in eine Zwickmühle gekommen, Mussolini reagiert sehr empfindlich auf alle Schwierigkeiten, die ihm seine abessinischen Pläne stören könnten. Er hat neulich geradezu erklärt, dass er die Freundschaft nach dem Verhalten bewerte, das man in dieser Frage zeige. Ausserdem hat, so wenigstens glaubt die englische Presse behaupten zu können, Laval bei seinem letzten Aufenthalt in Rom Mussolini freie Hand in Abessinien gegeben oder sich wenigstens so verhalten, dass Mussolini annehmen durfte, von Frankreich nicht gestört zu werden. Mussolini hat in den letzten Tagen mit dem französischen Generalstabschef Gamelin verhandelt, und zwar über eine Frage, die den Franzosen am Herzen liegt, über die Freimachung der in der französisch-italienischen Grenzzone gebundenen Truppen. Er hat auch dadurch Laval eine Schwenkung erschwert.

Auf der anderen Seite aber fürchtet man in Frankreich, sich England zu entfremden und den Völkerbundsgedanken vollends zu erschüttern, wenn man sich weigert, der Londoner Anregung zu folgen und den Appell Abessiniens an die Genfer Einrichtung ernst zu behandeln, wie es die Paragraphen des Völkerbundes erfordern, die einen Krieg zwischen Völkerbundsmitgliedern zum Verbrechen stempeln.

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Caveant Consules! [S. 1, Mitte]
Ein Naziemissär wurde an der rumänischen Grenze verhaftet und in seinem Besitze befanden sich größere Summen, welche nach dem eigenen Geständnis des Hitlerapostels dazu bestimmt waren, die Lehren des Dritten Reiches auch nach unserem Vaterlande zu verpflanzen.

Es ist keine Sensation, man weiß, daß vom Hitlerreich aus Agenten nach allen Richtungen der Windrose ausgeschickt werden, um den Geist des Unfriedens, den Gedanken von der Erlösung der Welt durch die Revision der Friedensverträge zu verbreiten und den Boden vorzubereiten für den Krieg aller gegen alle.

Es sieht um das Dritte Reich, um die Verankerung und Befestigung des Hitlerregimes, nicht gut aus. Hitler kann die Geister, die er gerufen hat, nicht mehr los werden, kann die vielen Verheißungen von der Verteilung der Güter, von dem Verbannen des Gespenstes der Arbeitslosigkeit nicht in Wirklichkeit umsetzen. In allen Ecken des Reiches jammert und murrt man. Die "Großen" und Helfershelfer des Führers sind mit Pfründen versorgt, die Massen des Volkes aber darben, die Industrie stockt, Handel und Wandel sind lahmgelegt. Die einzige Industrie, die prosperiert, ist die Kriegsindustrie. Diese aber ist schon so weit, daß die vorbereitenden Gifte und die geschmiedeten Waffen bereits der Verwendung harren. Alle diplomatischen Aktionen sind darauf eingestellt, die Welt zu dupieren, um überraschend und überfallsartig loszuschlagen. Unter diesen Vorbereitungen leidet die Masse des Volkes, die deutsche Diplomatie bemüht sich daher krampfhaft in allen Ländern Stützpunkte zu gewinnen, den Gedanken von der Vereinigung der Deutschen in der ganzen Welt emphatisch zu predigen und durch Korruption und Propaganda die Hitlerlehren nach allen Ecken der Welt zu exportieren.

Auch in unserem Reiche sind diese Strömungen seit langer Zeit bemerkbar. Es sickert dies in die Oeffentlichkeit aus geheimen Konventikeln der Nazideutschen und aus der Nazipresse durch. Man hat sich bis jetzt gewundert, woher die Mittel kommen, um diese sträfliche Propaganda zu betreiben. Durch den letzten Fang an der Grenze ist ein Beweis mehr erbracht worden, wessen man sich zu versehen hat. Rumänien ist ein Land des Friedens und zur Konsolidierung dieses Landes bedürfen wir der ungestörten Ruhe, der friedlichen Arbeit, denn verbrecherische revisionistische Bestrebungen enthalten auch den Todesstoß gegen unser Vaterland.

Es ist gut, daß wir rechtzeitig die Gefahr erkannt haben und unsere Behörden werden sicherlich, durch diesen Vorfall, welcher wie ein Blitzlicht die politische Lage erhellt, aufmerksam gemacht, nichts zu unterlassen, um weitere Wühlarbeit auf rumänischem Boden unmöglich zu machen.
Karl Klüger

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Ankündigung
Der Tag [S. 1 oben, rechts]
Einzelnummer 2 Lei

Nr. 955/IV Cernauti, Dienstag, 9. Juli 1935

Direktor: Dr. Max Schärf
Verlag und Herausgeber: "Der Tag", G. m. b. H., Cernauti

Unabhängiges demokratisches Organ. - Erscheint täglich. - Redaktion und Administration: Cernauti, str. Iancu Flondor 18 (Telefon Nr. 73), Abonnementsbedingungen: In Cernauti und Provinz: Monatlich 40 Lei, Zustellgebühr (per Post oder Bote) 6 Lei, Quartal 110 Lei, (mit Zustellung 125 Lei), halbjährig 250 Lei, ganzjährig 500 Lei. Für Banken und Aemter jährlich 1000 Lei. Ausland monatlich 100 Lei. - Inseratenpreis: für die achtmal gespaltene Millimeterzeile Lei 150. - Zahlbar und klagbar in Cernauti. - Das Abonnement kann mit jedem Tage beginnen, muss jedoch zum Schlusse des Monates enden.

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Französisch-italienisches Militärbündnis? [S. 1 rechts, oben]
London, 8. (Tel d. "Tag".) Die sorgenvollen englischen Betrachtungen über die Entwicklung des abessinischen Konfliktes verdichten sich jetzt immer mehr auf die Frage, welche Haltung die französische Regierung einnehmen wird. Offensichtlich einer Anregung des Auswärtigen Amtes folgend, heben die Morgenblätter heute nachdrücklich hervor, dass die britische Regierung keinesfalls gewillt sei, sich allein für den Schutz der Völkerbundsgrundsätze in die Bresche zu werfen.

"Die britische Politik", so schreibt z. B. die "Morning Post", "stützt sich auf den Grundsatz, dass Grossbritannien als Völkerbundsmitglied kollektive Verpflichtungen für die Aufrechterhaltung des Friedens hat, aber keine individuelle Verpflichtung." Die öffentliche Meinung Britanniens erwarte von der Regierung nicht, dass sie irgend etwas unternehme, was andere Nationen nicht mitmachen wollten. Der Schlüssel der Lage liege allein in Paris.

Verschiedene Blätter, darunter auch der "Daily Telegraph", der sonst sehr franzosenfreundlich ist, erklären heute rund heraus, dass geheime militärische Abmachungen zwischen den beiden romanischen Mächten bestünden, über die man Britannien nicht unterrichtet habe.

Der "Daily Express" schreibt in diesem Zusammenhang: "Frankreich wird im abessinischen Konflikt nicht an der Seite Britanniens stehen, da es seine Hände bereits gebunden hat. Wie wir aus ausgezeichneter Quelle erfahren, hat Paris soeben ein weitgehendes Abkommen mit Italien geschlossen, das als gleichbedeutend mit einem Militärbündnis angesehen wird."

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Mussolinis Söhne an die Front [S. 1, unten, rechts]
Rom, 8. (Tel. d. Tag.) Zwei Söhne Mussolinis, der 18-jährige Vittorio und der 17-jährige Bruno haben sich freiwillig zu den für Ostafrika bestimmten Truppen gemeldet.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Vittorio_Mussolini
http://en.wikipedia.org/wiki/Bruno_Mussolini



Seite 2

Wir sind auferstanden! [S. 2, oben, Mitte]
Der totgesagte und totgeglaubte "Tag" ist wieder auferstanden. Die grosse Schar der Leichenfledderer - sie setzte sich aus prachtvollen Exemplaren zusammen - wollte schon den Leichenschmaus feiern; die Gäste wollten sich jedoch trotz den vielen Einladungen, die an sie ergangen waren, nicht zur Leichenfeier einfinden, und diese Gäste, wir meinen hier die Schar der vielen Freunde und Verehrer. Anhänger, Leser und Abonnenten feiern jetzt mit uns zusammen die Auferstehung des "Tag" und rufen uni sono: es ist wieder Tag.

Im folgenden sollen die Vorgänge, die das Nichterscheinen des "Tag" zur Folge hatten, zusammenfassend geschildert werden:

Die Redaktion des "Tag" wurde am 18. Juni von der Polizei verständigt, daß die Zensurbehörde die Zeitung für die Dauer von zehn Tagen eingestellt habe. Der Grund lag in der Nichteinhaltung der Bestimmungen der Zensur. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wirkte diese Mitteilung, da diese Maßnahme selbstverständlich einen schweren Schaden für das Unternehmen bedeutete. Während in den Kreisen unserer Anhängerschaft große Bestürzung herrschte, wurde diese Maßnahme bei allen jenen, denen der "Tag" ein Dorn im Auge ist, mit Triumph aufgenommen; einer der Herren Zeitungsleute, der mir bei jeder Gelegenheit seine "treue" Kollegenschaft bekundet, hat - ehe noch das Zeitungsverbot bekannt war - eine Notiz veröffentlicht, in der es hieß, daß der "Tag" für zehn Tage eingestellt sei, weil das Blatt ohne Visum der Zensur erschien. Sowohl der Form als auch dem Inhalt nach war diese Mitteilung falsch, weil erstens an diesem Tage, es war der 18. Juni, der "Tag" noch nicht eingestellt war und zweitens nicht das ganze Blatt, sondern nur zwei in ihm enthaltene Artikel ohne Visum der Zensur erschienen waren. Eine andere Zeitung zerbrach sich den Kopf über das "jüdische" Zeitungssterben, ohne jemals ein Sterbenswörtchen über die Statistik der Zeitungseinstellungen im Dritten Reich zu veröffentlichen. Die diesbezügliche Mitteilung wurde mit folgenden Worten gewürzt: Ja, es geht halt schlecht den "jüdischen Zeitungen", die Zeiten der Konjunktur sind vorüber.

Wir geben zu, daß es uns schlecht geht, weil wir nicht auf Subventionen, sondern auf uns selbst und auf die große Zahl unserer Anhängerschaft angewiesen sind; übrigens ist die viertel Million von "Cagero" - diese Summe wurde von einem journalistischen Oberschmock sogar telefonisch "ermittelt" - schon verbraucht. Bei dieser Gelegenheit soll erwähnt werden, daß alle jene Personen, die gegen mich ein verleumderisches Attentat verüben wollten, bald vor den kompetenten Stellen werden Rechenschaft geben müssen. Eine andere Zeitung überging das Verbot des "Tag" stillschweigend, mobilisierte aber unser ganzes Personal, um über die Uebernahme der Abonnenten zu verhandeln. Man wollte in den Petermarkt einen neuen Erwerbszweig einschalten und man begann Kuhhandel mit dem "Tag" zu treiben. Ein anderer Kollege, der sich auf dem Gebiete der Sexualforschung einen Namen erworben hat und als notorischer Ignorant gilt, gratulierte mir zu meiner Aktion, weil es mir gelungen sei, die Zeitung "einzustellen". Noch viele andere "Freunde" erkundigten sich ob wir schon Geld für Papier haben, usw. Es entstand also ein lebhaftes Gerade um den "Tag", man diskutierte, man verhandelte, alle diese Herrschaften haben aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn das Gerede muß angesichts der Tatsache, daß der "Tag" wieder alles ans Tageslicht bringt, verstummen. Der "Tag" ist wieder da, und die in der Stadt herrschende Freude, die aus der großen Zahl der Zuschriften herauszulesen ist, ist außerordentlich groß. Es kommt wieder Leben in das düstere Getriebe dieser Stadt und die vielen Querulanten, Ignoranten und sonstiges Pack müssen nun auch weiter vor ihrer eigenen Türe kehren. Sie werden hoffentlich jetzt die Zwecklosigkeit ihres Bemühens einsehen.

Der "Tag" hätte sein Erscheinen schon am 28. Juni aufnehmen sollen, es ergab sich jedoch ein Lohnkonflikt mit den Buchdruckern, der erst gestern geschlichtet werden konnte. Deshalb die Verspätung nach Ablauf des Erscheinungsverbotes; nun nehmen die vielen Menschen, die unfreiwillig ihre Arbeit niederlegen mußten, ihre Tätigkeit mit umso größerem Elan, mit doppeltem Arbeitseifer und dreifacher Begeisterung wieder auf. Die Spannkraft soll verdoppelt werden, um allen unseren Anhängern, die uns auch weiter treu geblieben sind, wieder zur Seite zu stehen und auch in der Zukunft unerschrocken und mit derselben Sprache für alle Interessen des Tages einzutreten. Der "Tag" wird seine bisherige Einstellung nicht ändern und überall ein offenes Wort führen. Wir hoffen, daß wir auch weiterhin die volle Unterstützung und weitestes Verständnis finden werden. Die Zensurbehörden bitten wir aber, die schwere Arbeit, die wir zu erfüllen haben, nicht zu erschweren.
Marcus Linder

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Berichtigung [S. 2, rechts, Mitte]
Bei der Trauung des Herrn Dr. Wolfgang Fokschaner mit Frl. Tina Brecher assistierte nicht, wie irrtümlich gemeldet, der Bojaner Rabbiner.

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Die Trauerfeierlichkeiten für Erzbischof Nectarie [S. 2, rechts, Mitte]
Die Trauerfeierlichkeiten für Erzbischof Nectarie, die Sonntag vormittags stattfanden, nahmen einen imposanten Verlauf; die überwältigend große Anzahl der Teilnehmer am Leichenbegängnisse bewies, einer wie hohen Wertung sich der vom Tode so jäh dahingeraffte Kirchenfürst in allen Kreisen der Bevölkerung erfreute. Am Leichenbegängnis nahmen u. a. als Vertreter des Königs Hofmarschall General Ilasievici, S. E. Patriarch Miron Christea, Kultusminister Lapedatu, Arbeitsminister Dr. Nistor, der Erzbischof von Beßarabien Gurie, die Bischöfe Nifon Criveanu von Husi, Lucian Triteanu von Roman, Cosma Petrovici von Galati, Dr. Visarion Puiu von Hotin, Weihbischof Ipolit Vorobchievici (Radauti), der erzbischöfliche Vikar der Molda Grigore Leu-Botosaneanu (Jasi), Diacon Luchian aus Jasi, Diacon Christea aus Chisinau, Vikar Vasile Stan aus Sibiu, zahlreiche andere Vertreter der gr.-or. Geistlichkeit aus allen Teilen des Landes, Abordnungen aller Erzbistümer und Bistümer, viele Klosteräbte etc., sowie der röm. kath. Bischof Robu aus Jasi teil. Im Trauerzug sah man weiters den kommandierenden General der 8. Division General Tenescu, General Craioveanu und alle Regimentskommandanten, Deputierter Dr. Marcu, Präfekt Vantu und die anderen Präfekten der Bukowina, Stadtpräsident Professor Dr. Marmeliuc und die Vertreter der Stadtverwaltung, Oberrabbiner Dr. Mark, Stadtpfarrer Hermann, Vikar Szimonowicz, Pfarrer Goebel, die gewesenen Minister Dr. Sauciuc-Saveanu und Isopescul-Grecu, die Dekane sämtlicher Fakultäten der Cernautier Universität, Kultuspräsident Dr. Menczer etc. etc.

Nach einem von Erzbischof Gurie und zahlreicher geistlicher Assistenz im Synodensaal der Residenz abgehaltenen Trauergottesdienst, wurde der Sarg in den Residenzhof getragen, wo sich der Trauerzug formierte und von wo aus er durch die Universitätsgasse, Tempelgasse, die Piata Unirii und die Jancu Flondorgasse zur Kathedrale zog. Während der ganzen Dauer des Leichenbegängnisses brannten in allen Straßen, durch welche sich der Trauerkondukt bewegte, die florumhüllten Bogenlampen, alle Häuser hatten Trauerfahnen gehißt, die öffentlichen Gebäude waren schwarz drapiert.

In der Kathedrale hielt nach dem Gottesdienst Patriarch Christea dem verstorbenen Erzbischof einen tiefempfundenen Nachruf. Vor dem Kathedraleingang sprachen ferner vor dem Mikrophon Kultusminister Lapedatu, Arbeitsminister Dr. Nistor, Senatspräsident Universitätsprofessor Dr. Hacman, Stadtpräsident Dr. Marmeliuc, der Dekan der theologischen Fakultät Professor Spanu, der Generaldirektor des Religionsfonds Isopescu, Chefschulinspektor Dobos, Universitätsbibliothekar Dr. Paunel, Sanitätsinspektor Dr. Teodorescu, Feldkurat Major Lupasteanu und für die Societatea pentru Cultura Schulinspektor Brateanu. Der Leichenzug setzte sich sodann zum Friedhof in Bewegung. Am offenen Grabe hielten Konsistorialrat Dr. Ipolit Tarnavschi und Vertreter der Vereinigungen "Academia Ortodoxa" und "Junimea" Nachrufe.

Bischofswahl am 14. Oktober
In einer Sonntag nachmittags stattgefundenen Sitzung des Eparchialrates, an der auch die Minister Lapedatu und Nistor teilnahmen, übermittelte Patriarch Miron Christea dem Bischof Ipolit Vorobchievici ein Dekret, mit welchem er zum interimistischen Leiter der Bukowinaer Eparchie eingesetzt wurde. Die Wahl des neuen Metropoliten wurde für den 14. Oktober angesetzt und wird in Bucuresti von dem aus 168 Mitgliedern gebildeten Nationalen Kirchenkongreß vorgenommen werden.

Heute früh haben sich Patriarch Miron Christea, Minister Dr. Nistor, zahlreiche geistliche Würdenträger, die an den Trauerfeierlichkeiten teilgenommen hatten, ferner Deputierter Dr. Marcu, der Generaldirektor des Religionsfondes, Ingenieur Mironovici etc. mittels Automobilen zur Besichtigung der Bukowinaer Klöster nach Suceavita, Putna und Dragomirna begeben. Minister Dr. Nistor kehrt abends nach Cernauti zurück und reist morgen früh nach Bucuresti.

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Seite 3

An die Abonnenten, Leser u. Freunde des "Tag" [S. 3, oben, links]
Nach einer uns aufgezwungenen kurzen Ruhepause hat der "Tag" sein normales Erscheinen heute wieder aufgenommen. Wir nehmen an, dass unsere vielen Anhänger Einsicht und Verständnis für die Schwierigkeiten, mit welchen eine Tageszeitung heute zu kämpfen hat, bekunden. Der "Tag" hat oft genug das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen gewusst und war immer bestrebt, in offener Sprache für Recht und Gerechtigkeit einzutreten. Von diesem Grundsatze wird der "Tag" auch weiterhin, unbeachtet der Hindernisse, die ihm in den Weg gelegt werden, und der vielen Miessmacher, die ein kulturelles und soziales Werk zu zerstören suchten, beseelt sein. Es ist selbstverständlich, dass der "Tag" zur Fortführung seines Kampfes der Unterstützung aller gutgesinnten Kreise bedarf. In erster Linie appellieren wir an die grosse Schar der Abonnenten, Leser und Freunde, uns auch weiterhin in unserem Bestreben, eine mutige und offene Sprache zu führen, zu unterstützen. Alle Beschwerden, die sich auf die Probleme des Tages, sei es sozialer, wirtschaftlicher, kultureller, sanitärer und sonstiger Natur, beziehen, mögen der Redaktion mitgeteilt werden. Der "Tag" wird alle, die uns in diesem schweren Kampf beigestanden und uns auch weiter beistehen werden, in jeder Weise entschädigen.
Die Verwaltung

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Seite 4

Ungeschützte Arbeit u. Löhne [S. 4, links, Mitte]
Die Valutenprämie von 44 Prozent und ihre Auswirkungen im Wirtschaftsleben

Ein Faktor von einschneidender Bedeutung, der im gesamten Wirtschaftsleben Rumäniens, sich entwickelt, ist die 44 Prozent valutarische Prämie, die seitens der Nationalbank über dem offiziellen Kurse, bei Ueberweisungen ins Ausland, eingehoben wird.

Das Prager Tagblatt hat sich besonders eingehend vor einigen Tagen mit dieser Frage befasst und verschiedene Kommentare an die Praktizierung dieser Methode geknüpft.

Das Prager Tagblatt meinte, dass diese Valutenprämie eigentlich nichts anderes als eine maskierte Devalorisierung des Leu bedeute. Und leider können auch die gewiegtesten Patrioten Rumäniens dieser These nicht widersprechen, zumal doch effektiv die rumänische Nationalbank die geforderten Devisen zum offiziell-stabilisierten Kurse nicht erteilt, sondern dieselben nur gegen Einhebung der Valutenprämie von 44 Perzent gibt. Selbstverständlich müssen auch nach wie vor, für sämtliche Devisenansuchen, alle gesetzmässigen Unterlagen, die einen regulär-bewilligten effektuierten Importnachweisen, der Nationalbank bei Einreichung, vorgelegt werden.

Leider wirkt sich natürlich diese Valutenprämie schon jetzt bereits im nachhaltigsten Sinne auf unseren gesamten Lebensstandard aus.

Ein guter Anzugstoff, der beispielsweise noch vor wenigen Monaten mit Lei 400-500 pro Meter zu erstehen war, kommt heute in derselben Qualität und Dessin, auf mindestens Lei 550-600, was bei einem Anzug, nur im Stoffe, eine ungefähre Differenz von allein cca. Lei 500 ergibt. Die Zubehöre sind ebenfalls um mindestens 50 Perzent in die Höhe gegangen und kostet dasselbe Material, das man vor wenigen Monate mit cca. 400 Lei bezahlte, heute über Lei 600. Selbstverständlich sind auch die Macherlöhne entsprechend erhöht worden, so dass im Allgemeinen der Anzug von heute um mindestens Lei 1000 gegenüber dem Anzug von gestern sich erhöht hat.

Dies ist natürlich blos ein Schulbeispiel. Dasselbe gilt für sämtliche andere Bedarfsartikel die ausländischer Provenienz sind, resp. auf mindestens ausländische Semi-Produktion angewiesen sind, wie dies bei den Trikotage-Artikeln, etc., der Fall ist.

Das Garn ist für den rumänischen Abnehmer ebenfalls verteuert.

Einwände, dass für Garn auch der allgemeine Weltmarktpreis in die Höhe gegangen ist, stimmen wohl, es stimmt jedoch aber auch, dass dasselbe besonders für den rumänischen Abnehmer infolge der neugeschaffenen Valutensituation, sich besonders verteuert hat.

Der Teuerungsindex schnellt also herauf! Die Bedarfsartikel des täglichen Lebens sind heute nur noch bei einer sogenannten "Teuerungszulage" zu erstehen, während eigentlich die Arbeitslöhne und Gehälter auf derselben Stufe, wie im Vorjahre sich bewegen. Diese Stände, die Schaffenden der Produktion und die Taglöhner der Wirtschaft, sind eigentlich in diesem Falle die am meisten Betroffenen.

Diese Menschen arbeiten im Schweisse ihres Angesichts 9 oder 10 Stunden täglich und sind desinteressiert an der Wirtschaftspolitik. Der kleine Mann berechnet bloss in seiner Bauernmathematik, daß er für Lei 3000 Arbeitslohn sich diesen und jenen dringenden Bedarfsartikel am Monatsende kaufen kann. Seine Ueberraschung ist jedoch nicht die geringste, wenn es sich nun herausstellt, dass seine Kalkulation ihn betrogen hat und er nur die Hälfte dieser Gegenstände erstehen kann, obwohl er den ganzen Monat in diesem Geiste gearbeitet hat.

Die verantwortlichen Wirtschaftsfaktoren müssten sich daher dieser Situation bewusst sein und vor Allem Massnahmen erlassen, damit auch die Löhne und Gehälter entsprechend allgemein und gesetzlich, erhöht werden. Nur so könnte eben ein Chaos vermieden werden, das, wie gesagt in erster Linie, gerade die Aermsten der Armen, treffen könnte.

Während nämlich der Industrielle oder der Grosskaufmann sich gegen die neugeschaffene Valutenprämie schützen kann, indem er seine Waren entsprechend höher weiterverkauft und also mit dieser Valutenprämie effektiv kalkuliert, müsste der kleine Mann hier um seine Arbeitsleistung betrogen werden. Denn dieser kann seine Waren nicht teuerer verkaufen, er muss dieselbe höchstens bloss teuerer bezahlen, wenn er diese kaufen will. Und diesem Kleinbürger muss eben vor Allem der Schutz der verantwortlichen Faktoren gelten!
E. W.

(350709r4)


Doktor Vranceanu [S. 4, oben, Mitte]
Bezirkschefarzt Dr. Vranceanu stand vor einigen Tagen im Mittelpunkt einer Ehrung die für ihn anläßlich seines 60. Geburtstages veranstaltet wurde. Im großen Saale des Palace-Hotels versammelten sich die Spitzen der Behörden, um an dem von den Aerzten des Bezirkes für den Jubilar veranstalteten Bankett teilzunehmen. Alles was Rang und Namen hat, ist zur Feier dieses verdienstvollen Arztes erschienen. Die Regie des Bankettes, die dem bekannten Arzt Dr. Theodor Zuflucht übertragen wurde, klappte ausgezeichnet und es zeigte sich, daß das Programm weit die Erwartungen übertraf. In den Trinksprüchen, die vom Präfekten Vantu, dem ältesten Bezirksarzt Dr. Moritz (Lujeni), Sanitätsinspektor Teodorescu, Präsident Stefanescu, Erzpriester Avram, Chefingenieur Burstyn, Chefschulinspektor Dobos, Direktor Jubas, Dr. Munteanu (Bucuresti), Rat Stoica, und Professor Sbiera gehalten wurden, wurde auf die besonderen Verdienste des Jubilars hingewiesen und seine Tätigkeit einer glanzvollen Erörterung unterzogen. Redakteur Eugen Popovici skizzierte die Leistungen des Jubilars vom nationalen Standpunkt und wies in seiner bekannten mutigen und unerschrockenen Sprache nach, daß die sanitären Verhältnisse des Bezirkes seit der Tätigkeit des Jubilars um 200 Prozent gegenüber der Nachkriegszeit sich verbessert haben. In schlichten Worten antwortete der ehemalige Senator Vranceanu den Rednern, dankte für die an seine Adresse gerichteten lobenden Worte und erklärte, er werde auch weiterhin seine Tätigkeit im Interesse einer Verbesserung der sanitären Verhältnisse des Bezirkes Cernauti fortsetzen. Dem Jubilar wurden seitens des Präfekten eine Tabatiere, seitens des Bezirksarztes Dr. Moritz eine goldene Uhr und Kette zum Andenken an die erhebende Feier, die bis spät in die Nacht dauerte, überreicht.

(350709i4)
Klaus Binder
 
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Nr. 956, Mittwoch, 10.07.35

Postby Klaus Binder on 10. July 2013, 02:44

Seite 1

Keine Devisenklausel mehr für Pässe [S. unten, Mitte]
Kürzlich erließ das Innenministerium an die Präfekturen die Weisung, Pässe nur noch dann auszufolgen, wenn der Paßbewerber ausdrücklich auf Devisen verzichte. Für einen Großteil der Paßbewerber hatte diese Verfügung keine weitere Bedeutung, da sie auch ohne Abgabe der Verzichterklärung keine Devisen erhielten. Nunmehr hat, wie wir erfahren, das Innenministerium den erwähnten Erlaß wieder rückgängig gemacht, so daß es jedem, der einen Paß besitzt, frei steht, um Devisen anzusuchen und - einen abschlägigen Bescheid zu erhalten.

(350710r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
"Du gemeine Mörderin!" [S. 2, links, oben]
Es ist Samstag. Ein wunderschöner Maimorgen. Peter sitzt an einem Tische im Garten und macht seine Schulaufgaben. Peter ist 16 Jahre alt und Schüler der 6. Gymnasialklasse. Plötzlich taucht seine Schwester Anny im Garten auf. Anny ist 18 Jahre alt. Ein schlankes, brünettes, überaus schönes und ebenso energisches Mädchen. Anny ist Abiturientin und beschäftigt sich jetzt im Elternhause. Sie ist ein Mädchen für - alles, überall da, wo man sie benötigt. Der Mutter hilft sie in der Küche; dem Vater im Büro, den Geschwistern bei den Schulaufgaben. Peter wird von Anny besonders in Mathematik unterrichtet.

Als Peter Anny in Morgenrock und Hausschuhen, mit ihren nackten schlanken Beinen im Garten irgend einem Etwas nachlaufend, erblickte, wurde er von seiner Schularbeit abgelenkt. Peter sah, wie Anny, außer Atem, laufend eine bestimmte Henne verfolgte. Anny strauchelte über ein Reisigbündel, fiel, verletzte sich beide Knie, erhob sich aber schnell. Der Gürtel des Morgenrockes war gerissen. Anny stand eine Weile im geöffneten Morgenrocke da, aus dem ihr wundervoll geformter, halbentblößter Körper und die runden blutenden Knie sichtbar wurden, und versuchte rasch die Reparatur ihres Morgenrockes mittels zweier Sicherheitsnadeln zu bewerkstelligen, um die Verfolgung der Henne sofort wieder aufzunehmen. Anny fing die weiße große Henne und lief mit ihr in die Scheune. Peter sah Annys Treiben zu, ohne das kommende Furchtbare zu ahnen.

Doch schon kam Anny aus der Scheune. Die Aermel ihres Morgenrockes waren hinaufgerollt. Unter dem entblößten, weißen, schön geformten linken Frauenarm hielt Anny die weiße in Todesahnungen gackernde Henne, in der rechten Hand - eine Axt! Als Peter dieses Bild sah, lief er rasch auf Anny zu und schrie: "Anny, um Gottes Himmels Willen, was willst Du machen?!!" Statt einer Antwort erhob Anny mit ihrer schönen, zarten Frauenhand die Hacke und ließ sie auf den Hals der auf einem Holzklotz ausgestreckt liegenden Henne niedersausen! Der Störgeist Peter bewirkte es, daß Anny das Ziel verfehlte und der Henne statt des Kopfes den Schnabel abhackte. "Anny, die Bestie, was treibst du?!" rief jammernd der 16 jährige Peter. Anny erhob zum zweiten Male die Hacke und ließ sie wieder auf die weiße auf dem Holzklotz zappelnde, schnabellose, blutende Henne, deren Füsse Anny mit ihrer linken mit einem - Brillantenring und einem goldenen Armband gezierten Hand hielt, niedersausen, diesmal schon der Henne den Kopf vom Rumpfe abtrennend. Der Kopf flog nach rechts. Die Henne warf Anny nach links, damit sie ausblute. Peter sah, wie der Haushund den blutenden Kopf der Henne zu verzehren begann, diesen Kopf, der vor einigen Minuten noch lebte, auf einem Körper ruhte und es verstand, den Versuch zu unternehmen, sich vor den Verfolgungen einer den Tod bringenden Frau zu retten. Doch homo sapiens, das am höchsten stehende Lebewesen bezw. Tier - siegte. Und so verzehrte da im Hofe der Haushund den Kopf der Henne.

Angesichts dieser blutigen Bilder schrie Peter seine mit strahlendem Gesichte, funkelnden Augen und verschränkten, nackten Armen dastehende und auf das Ausbluten der Henne harrende Schwester an: "Anny, was hast du angerichtet?! Das kannst du, schönes, gebildetes, intelligentes Mädel, du, meine Mathematiklehrerin, auch tun?! Auch - Blut vergießen?!! Naturwissenschaften lehren und höchst eigenständig Tiere töten?!! Ein solches Herz hast du, Angehörige des zarten Geschlechtes, du, gutmütige, feinfühlige Frau?!!! Annys Antwort war ein schelmisches, vielsagendes Lächeln. Sie triumphierte gleichsam ob ihrer gelungenen Tat. Je mehr aber Anny schadenfroh lächelte und strahlte, desto mehr provozierte sie Peter. Und als Anny sich endlich zum Reden entschlossen hatte und ihrem Bruder sagte: "Peter, heute mittags wirst du feinen Braten von der bald in ihrem eigenen Fett schmorenden Henne bekommen", da ergriff Peter, höchst erregt, eine neben ihm auf dem Rasen liegende Gerte und versetzte Anny über ihre nackten, schlanken Beine einige Hiebe, daß sie laut aufschrie. Anny erhob die tote Henne, an der noch immer die Katze das Blut leckte und schleuderte sie Peter ins Gesicht. Peter war nun blutrot getüncht. Peter schrie aus Leibeskräften: "Du Frauenbestie, du gemeine Mörderin, du wirst das heutige Blutvergießen schon bitter büßen." Ein junger Professor trat in den Garten. Peter lief ihm entgegen und rief laut, daß es auch alle Passanten auf der Straße hörten: "Herr Professor, meine Schwester Anny ist eine Mörderin, sie beging früher einen ruchlosen Mord, ihre Frauenhände, mit Schmuck verziert, manikürt und parfümiert, haben unschuldiges Blut vergossen …" Indessen wurde die Henne gebraten.
Bruno Sandhaus

(350710i2)
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http://db.yadvashem.org/names/nameDetai ... anguage=en


Seite 3

Die Befreiung der jüdischen Kultusgemeinde von sämtlichen Steuerschulden u. Steuerstrafen [S. 3, links, oben]
(Zwangsverwaltung aufgehoben*)

Wir erhalten seitens der jüdischen Gemeinde nachstehende Zuschrift:

In der heute am 28. Juni stattgefundenen Plenarsitzung der jüdischen Gemeinde machte der Präsident derselben, Herr Dr. Markus Menczer, nach Eröffnung der Sitzung die Mitteilung, daß die jüdische Gemeinde mit heutigem Tage sämtliche Steuerrückstände und Steuerstrafen aus der früheren vor dem 11. Dezember 1933 datierenden Verwaltung, die mehrere Millionen betrugen und derentwegen die jüdische Gemeinde unter Zwangsverwaltung stand, bezahlt hat. Der Präsident führte ungefähr folgendes aus: Ich habe Ihnen, meine Herren, eine freudige Mitteilung zu machen:

"Die jüdische Gemeinde schuldet am heutigen Tage an rückständigen Steuern und Strafen keinen Ban mehr. Die Existenz der jüdischen Gemeinde stand bis zum heutigen Tage buchstäblich auf dem Spiele, da die Steuerbehörden durch ihr strenges Vorgehen mehr als einmal die normale Verwaltung der Gemeinde sowie die Erhaltung ihrer Wohlfahrtsinstitutionen in Frage stellte. Es handelte sich hier um Beträge, die mehrere Millionen betrugen, für deren Bezahlung man der jüdischen Gemeinde keine Stundung gewähren wollte. Das Nachsehen der Strafen war immer bedingt von der sofortigen effektiven Bezahlung der schuldigen Steuern. Dieser Tag ist ein denkwürdiger und wird in der Geschichte der jüdischen Gemeinde als ein Tag der Befreiung von schweren und existenzbedrohenden Gefahren eingezeichnet werden. Erst heute können wir mit ruhigem Gewissen behaupten: Die jüdische Gemeinde ist gerettet! Die jüdische Gemeinde wird ab heute, so Gott will, nicht mehr unter Zwangsverwaltung stehen. Die Institution der Zwangsverwaltung muß für immerwährende Zeiten von der jüdischen Gemeinde ferngehalten werden. Eine jüdische Gemeinde darf nicht unter Zwangsverwaltung stehen. Die Befreiung der jüdischen Gemeinde von der beschämenden Zwangsverwaltung: das ist die Autonomie, die ich in erster Linie angestrebt habe. Sie ist mir, Gott sei Dank, auch gelungen. Es wäre angezeigt, diesen Tag besonders zu feiern, damit die Erinnerung an denselben sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft warnend und ermahnend wirken soll. Der heutige Tag ist für das Schicksal der jüdischen Gemeinde zu bedeutend als daß wir imstande wären, ihr mit einigen Worten zu würdigen. Ich werde mir daher erlauben, in den nächsten Tagen eine Sitzung hierfür anzuberaumen, damit wir darüber schlüssig werden, wie wir für alle Zeiten diesen denkwürdigen Tag in unserer Erinnerung festhalten sollen."

Der Präsident der jüdischen Gemeinde dankt hierauf allen seinen Mitarbeitern, insbesondere dem Herrn Kultusvorsteher Dr. Efroim Fischer. Ferner dankte derselbe den Vertretern der Einheitspartei für ihre Mitarbeit an der Erreichung dieses Zieles sowie für das Verständnis, das sie seinen Bemühungen für die Befreiung der jüdischen Gemeinde von einer diese erdrückenden Last entgegenbrachten. Die Ausführungen des Präsidenten Dr. Menczer wurden vom Plenum mit großem Applaus und sichtlicher Freude aufgenommen.
*) Wegen Einstellung des "Tag" verspätet erschienen

(350710c3)


Die Bedeutung Palästinas für den rumänischen Aussenhandel
Wichtige Verhandlungen mit den obersten rumänischen Wirtschaftsfaktoren

Palästina importierte im letzten Jahre Waren aus Rumänien im Werte von cca. 1 Million Pfund (cca. 850 Millionen Lei). Es ist nun begreiflich, dass die kompetenten Wirtschaftsfaktoren unseres Reiches dieser überaus bemerkenswerten Erscheinung immer grössere Aufmerksamkeit zuwenden. Der Präsident der Rumänisch-Palästinensischen Handelskammer in Tel-Aviv, Z. A. Chelouche, welcher vor kurzem in einer vielbemerkten Audienz von König Carol empfangen wurde, und andere Wirtschaftsführer in Palästina haben in den letzten Tagen mit unserem Handels- und Industrie-Ministerium und der Nationalbank wichtige Verhandlungen über den Ausbau der Handelsbeziehungen beider Länder geführt, die wichtige Resultate gezeitigt haben. Zunächst wurde erreicht, dass die cca. 29 Millionen Lei, welche palästinensischen Exporteuren geschuldet werden, in Raten zu 2 Millionen Lei täglich zum offiziellen Kurse in Pal. Pfund überwiesen werden. Die palästinensischen Exporteure, welche nach Rumänien um blos 60.000 Pfund exportiert haben, beschwerten sich mit Recht über die mit unserem Devisenregime verbundenen Schwierigkeiten. Ferner werden 5 Millionen Lei, welche von den beiden Fonden Keren Hajessod und Keren Kajemeth gesammelt wurden, in Raten von 1 Million monatlich zum offiziellen Kurse überwiesen. Vom 1. Juli l. J. angefangen werden 2 Prozent des Exportüberschusses für die Ueberweisungen dieser Fonde zum offiziellen Kurse in Devisen zur Verfügung gehalten werden. Es ist Aussicht vorhanden, dass die Importquote erhöht werden wird, denn Palästina hat Anspruch darauf, mehr als 1/15 seines Importes exportieren zu dürfen.

Der bekannte Bucurestier Publizist Dr. A. Mibashan, veröffentlicht in "Palestine Service" interessante Daten über die Möglichkeiten des Ausbaues der rumänisch-palästinensischen Handelsbeziehungen und weist nach, dass Rumänien nicht nur in Holz und Vieh, sondern auch in Frucht- und Gemüsekonserven etc. ein grosses Geschäft nach Palästina entwickeln kann. In den Verhandlungen der beiderseitigen Wirtschaftsführer werden auch die Möglichkeiten erwogen, andere Artikel, wie Obst, Butter, Eier usw. nach Palästina einzuführen, die Errichtung besonderer Wirtschaftszweige für einen grossen Warenaustausch wird hüben und drüben ernstlich erwogen. Es wäre verfrüht, über Details zu sprechen, soviel aber kann schon heute gesagt werden, dass die im Geiste eines gegenseitigen Verständnisses geführten Verhandlungen zu sobald sie Ergebnissen führen sollten, in verschiedenen Teilen unseres Reiches gewisse Wirtschaftszweige mächtig beleben werden. Bemerkt sei noch, dass der Unterstaatssekretär für Luftschiffahrt vor kurzem eine Delegation der rumänisch-palästinensischen Handelskammer in Bucuresti, bestehend aus deren Präsidenten Th. V. Orghidan Vizepräsident A. Bernhardt, Carol Berman und dem Comandor der civilen Luftschiffahrt (A. R. P. A.) empfangen hat, die ihm den Plan der Errichtung einer Luftschiff-Linie Rumänien-Palästina vorgelegt hat. Diese Linie soll über Bulgarien, Griechenland und Syrien nach Palästina führen, oder auch direkt über die Türkei, Kleinasien-Damaskus, mit einem Verkehr dreimal wöchentlich tour-retour. Der Unterstaatssekretär stimmte im Prinzipe diesem Plane zu. Die Geldmittel sollen durch öffentliche Subskriptionen in den obgenannten Ländern und Subventionen der Regierungen aufgebracht werden.

Aus all dem ersieht man, dass unsere massgebenden Stellen die Bedeutung Palästinas für unser Wirtschaftsleben richtig erkennen; es ist zu erwarten, dass die weitausgreifenden Pläne bald konkrete Formen annehmen, zum Segen beider Länder.
Dr. Markus Krämer

(350710w3)
Klaus Binder
 
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Nr. 957, Donnerstag, 11.07.35

Postby Klaus Binder on 10. July 2013, 23:27

Seite 1

Leitartikel
Sind sie vergeblich gestorben? [S. 1, links, oben]
"Lang ist es her", seitdem die vom Grauen des Weltkrieges von Grund aus erschütterten Völker - nicht die Kriegsverdiener-Staaten - eine neue Lebensmöglichkeit in den vierzehn Punkten des "weltfremden" Professors von jenseits des grossen Wassers erblicken zu können glaubten. Glaubten, weil ein neuer Glaube vonnöten war, um aus dem Grässlichen des Massentodes den Weg in das Leben der Menschengemeinschaft wiederzufinden.

"Der Krieg wurde gegen die unersättliche Machtgier geführt. Der Friede stellt das Selbstbestimmungsrecht der Völker wieder her. Die auseinandergerissenen und unterdrückten Völker werden geeint und befreit. Und der Friede hat den Bund der Völker zu schaffen. So sind die Millionen im Schützengraben Gestorbener, im Hinterlande Verdorbener, von Bomben Zerfleischter, von Gasen Verbrannter und Erstickter, von Torpedos in den Meeresgrund Versenkter, zu Wasser, zu Land und in der Luft mit einem letzten Seufzer Verröchelter nicht vergeblich gestorben."

So sagten die Ueberlebenden - denn sie mussten sich klammern an diesen Glauben - denn es wäre unmöglich gewesen, noch den Zufall des Ueberlebens zu geniessen, wenn jene vergeblich gestorben wären. Es scheint aber, dass die "Geschichte" nicht "die Lehrmeisterin der Menschheit" ist.

Der Völkerbund ist eine letzten Endes illustre Versammlung von Berufsdiplomaten geblieben, ohne eine effektive Executivgewalt. Trotz mancher Erfolge reguliert er nicht die wahrhafte Verständigung unter den Völkern, da jedes Mitglied austreten kann, wann es ihm passt. Die Geheimdiplomatie ist nicht abgeschafft. Es wäre denn, dass das raschere Publikwerden der im Geheimen getroffenen Einzelvereinbarungen als Fortschritt zu betrachten wäre. Die sicherlich wahre Friedenssehnsucht der unter der Wirtschaftskrise ächzenden Menschheit - die Wunden des Krieges brechen immer wieder auf - wird durch schrilles Säbelrasseln da und dort übertönt. Wiederum umnebelt die nationalistisch-imperialistische Phrase die öffentliche Meinung, wiederum wird die Jugend in einen Taumel falscher Begeisterung versetzt. Wer hell sehen kann, erblickt über all dem die knöchernen gieriggreifenden Finger der internationalen Kriegsindustrie, die scheinbar nicht genug daran verdient, dass in Südamerika, China usw. im schönsten "Frieden" der tägliche Krieg "effektuiert" wird. Man greift sich an den Kopf und konstatiert, dass es ist, wie anno dazumal, vor 1914. Flottenabkommen, Ententen Drohungen von Kabinett zu Kabinett, Intrigue, Schacher mit "Interessensphären" (siehe Abessinien). Und ein Funke kann irgendwo zünden und im Namen irgend eines "Heiligtums" können Millionen wieder gegeneinander getrieben werden und man wird nur darüber streiten - wir zählen doch glücklich 1935 - ob der glücklicher zu preisen ist, der im Schützengraben von einer Granate zerrissen wird, oder der im Hinterlande durch Giftgas ein qualvolles Ende nimmt!

Zwei Gruppen stehen einander gegenüber Die demokratische und die nazistisch-faszistische. Die Demokratien - mag man noch so sehr über ihren Verfall klagen - sind doch noch Ausdruck von Volkswillen - und Völker wollen leben und nicht sterben. Die anderen aber glauben, den Frieden nicht nur dadurch retten zu können, dass sie immer mehr rüsten. Da dürfen die Demokratien nicht zurückbleiben, denn es geht um ihre Sicherheit. Das ist der verzauberte Kreis. Und es kann sein, dass die Maschine, Werk von Menschenhand, wenn sie immer grösser und grösser wird, plötzlich Eigenleben bekommt und ihren Erbauer verschlingt.

Es erwartet also die wirklichen Staatsmänner, die wahrhaft Voraussehenden, die grosse Aufgabe: Rechtzeitig Einhalt zu gebieten. Alle ihre geistigen und moralischen Kräfte darauf zu richten, diesem Rennen ins Unvermeidliche eine Grenze zu setzen, im rechten Moment die erlösende Formel zu finden.

Wahre Diplomatie beruht nicht auf Dupierung des Gegenparts, sondern auf Erfühlen seines innersten Wesenskerns, um ihm das scheinbar Unmögliche annehmbar zu machen. Und es gibt noch solche grosse Staatsmänner, deren heisses Bemühen auf letzte Ziele gerichtet ist. Auf der Linie, die der zu früh dahingeraffte Barthou zu zeichnen begonnen und die den Anfang einer Konsolidierung Europas gewiesen hat, kann sich ihr Ausbau bewegen. Durch eine mutig herbeigeführte Verständigung mit dem Rätsel-Koloss im Osten ist das drohende Gespenst einer Ueberflutung mit importierter "Weltrevolutions-Ware" eingedämmt. In den Taschen des gutsitzenden Fracks, den man in Genf trägt, ist wohl Platz für auszutauschende Noten, aber kaum für versteckte Bomben. Auf dieser Linie der Völkerverständigung liegt der Weg - wir können es mit Genugtuung sagen - eines der grössten Diplomaten: Nicolae Titulescu. Produkt des friedensliebenden Genius seines Volkes, welches nach Verwirklichung seines nationalen Traumes so sehr des Friedens bedarf, um in Ruhe die mit soviel Blutopfern errungenen Früchte des Sieges zu wahren, zu konsolidieren und den Lebensbedürfnissen aller sein schönes Land bewohnenden Völkerschaften anzupassen, bietet sein Wirken die Hoffnung, dass die von ihm geführte Kleine Entente und ihre Verbündeten die Linie halten werden, die hinwegführt über den Abgrund des Chaos. Hoffen wir, dass sich auch anderswo Gleichgesinnte finden. Vielleicht ist es nötig, dass dort, wo das Schicksal der Völker entschieden wird, hie und da gemahnt wird an die Stimmen, die aus Massengräbern herauftönen und eine Welt, die so leicht in einen neuen Taumel fallen kann, durch ihren mark- und gewissenerschütternden Schrei wachrütteln: "Sollen wir vergeblich gestorben sein?!"
Dr. Markus Krämer

(350711w1)


Schiffsverkehr im nördlichen Eismeer [S. 1, rechts, oben]
Warschau, 10. Juli (Tel. des "Tag"). Zum erstenmal in der Geschichte der Schiffahrt wird heuer nach langjährigen Vorbereitungen eine regelmässige Frachtlinie zwischen Waldiwostok und Leningrad durch das nördliche Eismeer eröffnet. Der erste Dampfer ist bereits aus Leningrad mit 2500 Tonnen Fracht abgegangen.

(350711w1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Der pfiffige Perceptor [S. 2, oben, links]
Der Steuereinnehmer von Vicov de sus ist ein großer Pfifficus, der manchen seiner Kollegen, die sich bloß kleinere oder größere Uebergriffe zu Gunsten des Staates erlauben, bei weitem übertrifft. Dieser Steuereinnehmer hat das Rezept gefunden, wie man sich kostenlos Anzüge anfertigen lassen kann, wenn man nur die notwendige Macht in der Hand hat und es liegt der Gedanke nahe, daß er diese Methode nicht nur auf seine Anzüge beschränkt. Der Herr Steuereinnehmer empfand die Hitze äußerst drückend und hatte daher beschlossen, sich einen Leinenanzug zuzulegen. Ganze hundert Lei hatte das Schneiderlein als Lohn versprochen erhalten, damit muß sich schon heute ein ehrsamer Vertreter seiner Zunft im entlegenen Städtchen zufriedengeben, die allgemeine Not ist groß und die eigene noch größer. Dieser Schneidermeister hatte aber, durch frühere Erfahrungen klug geworden, die Frechheit, von dem Herrn Steuereinnehmer, vor dem jeder Einwohner mit dem durch die Sorge um das tägliche Brot diktierten Respekt den Hut bis zum Boden zieht, auch die Bezahlung des Anzuges zu verlangen und sich nicht bloß mit dem Zahlungsversprechen zufriedenzugeben.

Da kam er aber schön an! Wozu stehen denn dem Herrn Einnehmer die Exekutionsorgane zur Verfügung; sollte man mit diesen nicht einmal seinen neuen Leinenanzug herausholen können? So eine Pfändung geht sehr fix vor sich: ist man Steuern fürs vergangene Jahr nicht schuldig, so wird man sie sicherlich für das nächste Jahr noch nicht bezahlt haben. Für einen Dorfsalrapen Vorwand genug, dem Schneider, wie es heute schon üblich ist, alle in Arbeit befindlichen Anzüge zu pfänden. Eine Stunde später erregt der Herr Einnehmer mit dem neuen Leinenanzug die allgemeine Bewunderung seiner Bekannten. Was nützte es dem Schneider, wenn er eiligst Geld zusammenbrachte und seine Steuer ganz und voll bezahlte? Der Leinenanzug blieb am Perceptor hängen.

Am Abend kann er am Stammtisch, an dem alle Dorfhonoratioren versammelt sind, sich über seine Pfiffigkeit auslassen.

Dröhnendes Gelächter, quittierte sicherlich die Erzählung wie das arme Schneiderlein hineingelegt wurde. Ob dieses mit seiner Strafanzeige gegen einen solchen Stammtisch etwas ausrichten können wird?
-at-

(350711r2)


Die sanitären Verhältnisse unserer Stadt [S. 2, rechts, oben]
Ueber diese Frage wurde in der letzten Zeit sehr viel geschrieben. Eines der wichtigsten Probleme, welches besonders im Sommer aktuell wird, bildet die Tätigkeit des Sanitätsamtes, welches alle Vorkehrungen zu treffen hat, um auch dieser Stadt einen halbwegs zivilisierten Anstrich zu verleihen. Es ist schwer, in der zweitgrößten Stadt des Landes, in der die Behelfe der Stadtgemeinde den anderen Städten des Reiches gegenüber weit zurückstehen, in einer Stadt, in der man noch in Staub und Schmutz watet, die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um die sanitären Verhältnisse auf ein Niveau, das der Bevölkerungszahl entspricht, zu bringen. Die Aerzte des städtischen Sanitätsamtes unter Leitung des Chefarztes Dr. Strejac haben in den letzten Monaten eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die einerseits dazu angetan sind, eine Verbreitung infektiöser Krankheiten zu verhindern, andererseits aber auch die Bevölkerung an mehr Reinlichkeit zu gewöhnen. Alle öffentlichen Betriebe und Fabriken wurden auf ihre hygienischen Verhältnisse überprüft und die notwenigen Maßnahmen angeordnet. Ueber Beschluß des Hygienierates wurde den Bäckereien angeordnet, daß künftighin das Brot nur in hermetisch geschlossenen Wagen transportiert werden dürfe. Die Lebensmittelstände auf den offenen Plätzen werden strenge überwacht und darauf gesehen, daß die sanitären Vorschriften eingehalten werden. Den Sodawasserständen wurde aufgetragen, speziell zu diesem Zwecke hergestellte Apparate für die Spülung der Gefäße zu verwenden. Diese und andere Maßnahmen wurden von den Sanitätsbehörden ergriffen. Es ist zu wünschen, daß diese segensreiche Tätigkeit des Sanitätsamtes, die von jedem Standpunkt aus zu begrüßen ist, im Interesse der öffentlichen Gesundheit auch weiter fortgesetzt wird.

(350711c2)
Klaus Binder
 
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Nr. 958, Freitag, 12.07.35

Postby Klaus Binder on 12. July 2013, 02:11

Seite 1

Leitartikel
Der Judenpunkt im Goga-Cuza-Programm [S. 1, links, oben]
Nach langwierigen Verhandlungen ist nun die Fusion zwischen Cuzas "Liga für nationale Verteidigung" und Gogas "Nationaler Agrarpartei" in feierlicher Weise vollzogen worden.

Der ewige Hassgesang des alten Judenfressers hatte seinen Zauber verloren. Die ewig unerfüllte Ankündigung der Vernichtung der Juden hatte ihre Wirkung auf die mit realem Sinne ausgestatteten Massen verloren und die starke Führerpersönlichkeit Corneliu Codreanus, in dessen Kopfe sich eine eigenartige Staatskonzeption malte, nahm dem alten Talmutinterpreten die Jugend und formierte die Sturmtrupps der "Eisernen Garde". Da aber die letztere nach der Ermordung Ducas aufgelöst wurde, und Cuza bei Wahlen immerhin noch mit seinem antisemitischen Programme Wähler anzog, bot sich Octavian Goga, dessen Partei mit ihren wenigen Anhängern keine Aussicht hatte, bei der Frage einer Regierungsübernahme ernstlich in Betracht gezogen zu werden, in der Cuzapartei ein ihm geeignet erscheinender Partner. Es ist begreiflich, dass in beiden Gruppen Widerspruch erhoben wurde. Den Cuzisten war die Gogapartei, welche bislang auch Juden zu ihren Mitgliedern zählte und der Fama nach auch jüdisches Wahlgeld nicht verschmähte, von deren prominenten Mitgliedern manche enge Verbindungen zu Juden unterhielten, zu wenig verlässlich im Punkto Antisemitismus. Den Gogisten hingegen schient es anfangs doch bedenklich gewesen zu sein, den cuzistischen Tomahawk zu ergreifen und sich auf den Kriegspfad nach Judenskalpen zu begeben. Diese inneren Widerstände sind nun doch beseitigt und wenn auch ein Teil der Cuzisten der Fusion nicht beitreten sollte, scheint es, dass beide Teile in der Uebernahme der wirklichen Präsidentschaft der neuen "christlich-nationalen Partei" durch Goga, der schon als Innenminister die derzeitige Linie gewiesen hat und über gute Beziehungen zu massgebenden Faktoren verfügen soll, die Gewähr erblicken, dass die Partei bei einer künftigen Machtverteilung nicht ausgeschaltet werden wird. In den utopischen Wein der cuzistischen Judenausrottung ist nun das Wasser des numerus valahicus gegossen worden und nur die nach dem Kriege eingewanderten Juden sollen aus dem Lande vertrieben werden.

Wohin diese, keine andere Staatsbürgerschaft besitzenden Juden, transportiert werden sollen, da sie kein Staat über die Grenze lassen wird, darüber macht man sich keine Gedanken und hat nichts dagegen, dass man sich noch immerhin eine Beseitigung derselben vorstellen kann, wenn sie beim Ballspiel an den Grenzen letzten Endes auf unserer Seite zu liegen kommen werden. Die im Lande geborenen Juden sollen nach dem Grundsatz des Proporzes behandelt werden, wobei natürlich ihre Zulassung zum Staatsdienste ausgeschlossen erscheint. Nach dieser Richtung hin wird sich Vaida über das Plagiat beklagen oder die Hand über die Karpathen reichen. Das weitere Programm sieht wohl nicht neue Lebensmöglichkeiten der Entwicklung vor, sondern die Einführung der Todesstrafe und die Aenderung der Verfassung in der Richtung der Einschränkung der Demokratie, wohl mit faszistischen Endzielen. Das neue politische Gebilde ist jedenfalls viel ernster zu nehmen als der Cuzismus bisher. Octavian Goga, dessen "Most noch immer zu gähren" scheint, der Dichter und Politiker, der Redner und Charmeur, wird nicht ruhen, ehe er die in eine gewisse Lethargie versunkenen cuzistischen Massen aufgewühlt hat und alles daransetzen, die Begeisterung der Jugend, die Vaida zujubelt, mit grossen Schlagworten vor seinen Wagen zu spannen. Was auch immer am Regierungsprogramm mangelhaft sein mag, im Jahre des Heiles 1935, mit dem Blicke auf das Dritte Reich, ist der Antisemitismus noch zugkräftiger Programmpunkt genug und die Juden gut genug, den radikalen Elementen zum Frasse hingeworfen zu werden.

Es wird sich zeigen, ob die Judenheit dieses Landes sich mit der frommen Zuversicht begnügen wird, dass sie schon "so viele Bileams und Hamans" überlegt hat, oder ob sie es vorziehen wird, an Stelle des immerhin riskanten Fatalismus zum Zusammenschluss und gemeinsamer Besinnung zu gelangen: Organisierung der eigenen Kräfte, Voraussicht der Gefahr und Bau von Dämmen, Erkenntnis des eigenen Wesens, Entschlusskraft, das eigene Geschick, auf alles vorbereitet, in Würde zu tragen, Besinnung auf die ökonomische Schichtung, Konzentrierung der wirtschaftlichen Kräfte der Selbsthilfe, tieferes Verständnis für den Aufbau des jüd. Nationalheimes. Richten des Blickes nach innen auf die eigenen unerschöpflichen Kräfte der jüdischen Volksseele. Auf das alles sollte sich, wie wir meinen, die Judenheit dieses Lands besinnen, wenn sie die Sturmzeichen versteht, die sich in einem freilich noch nicht jedermann sichtbaren fernen Wetterleuchten ankündigen.
Dr. Markus Krämer

(350712r1)
_____
http://en.wikipedia.org/wiki/A._C._Cuza
http://de.wikipedia.org/wiki/Octavian_Goga



Der "Tag" wird ausgestaltet [S. 1, rechts, unten]
In der ersten Mitteilung an die Abonnenten und Leser des "Tag" wurden die Gründe dargelegt, weshalb eine Unterbrechung des Erscheinens eingetreten sei. Der Verlag hat die von den Zensurbehörden diktierte Suspendierung nicht gewollt.

In der gegenwärtigen Form erscheint der "Tag" nur provisorisch als Notausgabe. Schon im Laufe der kommenden Woche wird das normale Erscheinen des Blattes im früheren Format wieder aufgenommen. Auch sonst werden eine Reihe von Neuerungen eingeführt, die eine Ausgestaltung des "Tag" möglich machen werden. Wenn unsere Anhänger und Freunde uns auch weiter Gefolgschaft leisten werden und uns in unserem schweren Kampfe unterstützen, dann ist eine Vergrösserung des Umfanges in Aussicht genommen.
Der Verlag

(350712i1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Palästina, das Land der Gegensätze [S. 2, links, oben]
Von L. Leventer (Bucuresti)

Gleich bei der Landung in Haifa tritt einem der erste Kontrast vor Augen: Das Mittelländische Meer, in vollem Glanze am Fuße des Berges Karmel. Die arabische Altstadt mit Basaren, Caffees und viel Primitivität in Wohnungen und Erscheinung der Leute, am Rücken des Karmels aber die Neustadt im Aufbau mit Gemeinschaftshäusern aus Stein, mit modernen asphaltierten Straßen, errichtet von jüdischen Einwanderern.

Wir stellen den Sozialgegensatz fest: In den Städten, wo der Intellektuelle sich als Handarbeiter betätigt und wo man nicht selten bei einem Bau den Zuruf hört: "Herr Doktor, reichen Sie mir die Ziegel". Am Lande finden wir beinahe überall Landarbeiter mit akademischen Titeln, der Büchergelehrte führt den Pflug.

Der malerische Gegensatz ist noch deutlicher, wenn man auf den asphaltierten Straßen reist, welche das Land der Länge und der Breite nach durchschneiden und auf steiniges Gebirge stößt, wo nicht ein Halm wächst, um nach zwei Minuten im Abstieg in das Emektal mit seiner überreichen Vegetation zu kommen, wie man sie nur in Palästina sehen kann. Städte auf großer Höhe, Safed, dann Jerusalem auf 800 Meter Höhe, und nach einem Weg von weniger als einer Stunde das Tote Meer, 400 Meter unter dem Meeresspiegel. Herrliche Seen, Tiberias, Hulle usw., entzücken einen, wenn man von den Bergen Galiläas seinen Blick schweifen läßt und vor sich das ganze Panorama des Landes hat, vom Mittelländischen Meere bis zum Toten Meere. Der Tiberiassee, ein See mit süßem Wasser und großem Fischreichtum, bildet einen mächtigen Gegensatz zu dem Toten Meere, voll konzentrierter Salze, ohne Lebewesen, aber ein Quell großer Reichtümer, die erst seit wenigen Jahren ausgebeutet werden.

Arabische Dörfer mit dunklen Hütten, nicht nur ohne Komfort, sondern auch selbst der einfachsten Hygienie ermangelnd, neben neuen Stätten und reichen Kolonien mit Villen und modernen Wohnungen. Eine Reise in Palästina bietet heute die Möglichkeit, unter den vollendetsten Bedingungen des Komforts die Gegenden und Stätten tausendjähriger Kultur zu besichtigen, welche man noch vor einigen Jahren nur mit großen Schwierigkeiten besuchen konnte. Jerusalem - die Altstadt, mit einem Labyrinth von engen und dunklen Straßen, mit arabischen Kaufläden und Kellergewölben, ohne Luft und ohne Licht, ist ein lebhafter Gegensatz zu der Neustadt mit glänzenden Boulevards und Straßen, mit Palästen aus rotem Stein, wunderbaren Hotels, kurz: eine wahrhaft aristokratische Stadt.

Tel-Aviv, eine moderne Stadt, mit breiten Straßen, erbaut zur Gänze nach den letzten Vorschriften des Städtebaues auf Sanddünen des Hafens des alten Jaffa, steht neben Jaffa: in nächster Nähe einer Kultur, die um hunderte von Jahren zurück ist. Fährt man mit dem Zug von Tel-Aviv nach Haifa, so ist dieser Gegensatz noch deutlicher. Links von der Bahnlinie Sanddünen, aber rechts eine Reihe jüdischer Kolonien mit überlegener Ackerbaukultur, von einer Vielfältigkeit und einem Reichtum ohne Gleichen, mit systematischer Bewässerung und einer westlichen, fleißigen Bevölkerung.

Bis auf die Kleidung sogar tritt uns dieser Gegensatz vor Augen. Während die meisten Juden Hemden mit kurzen Aermeln, das Haupt unbedeckt, kurze Hosen und Sandalen ohne Strümpfe tragen, damit der ganze Körper Luft und Sonne ausgesetzt ist, besteht die Kleidung der Araber aus Mantel, Turban, Schleier und langen Hosen, sodass nur ein kleiner Teil des Gesichtes sichtbar bleibt.

Der grosse Gegensatz, den der Neuangekommene beobachtet, ist aber der wesentliche Unterschied zwischen der Mentalität des in das Land eingewanderten Juden und der des Juden, der noch in den anderen Ländern wohnt.

Der Pessimismus hat sich in Optimismus gewandelt, die Enttäuschung in zukunftssichere Hoffnung. Der Palästinensische Bürger weiß, daß er hier, solange er arbeiten will, jedwede Arbeit verrichten und daß ihn nichts in seiner Lebensweise behindern kann. Nirgends (außer den Alten an der Klagemauer) trifft man einen jüdischen Bettler und nirgends sieht man ein von Sorgen für den nächsten Tag vergrämtes Antlitz in diesem Lande, in welchem Arbeit, was immer für eine sie auch sei, als ein wahrhafter Segen Gottes betrachtet wird und wo jeder ein Betätigungsfeld findet.

Man lernt also das Wunder des schnellen Aufbaues Palästinas begreifen, wenn man diese Mentalität der Masse - "alles durch Arbeit" - mit den Interessen derjenigen verbindet, welche Kapitalien in das Land gebracht haben, die zum Aufbau des Landes verwertet werden sollten. Mitten in der Weltkrise, während alle europäischen und amerikanischen Länder mit den schwierigsten ökonomischen Problemen ringen, ohne eine Lösung zu finden, bildet Palästina einen gewaltigen ökonomischen Gegensatz durch seinen Mangel an Arbeitslosigkeit, durch die würdige und gewürdigte Arbeit durch seinen vollen Optimismus, durch das Kapital im Dienste des Allgemeinwohles und durch die täglich immer mehr aufblühende allgemeine wirtschaftliche Lage.

(350712w2)


Seite 3

Kommunistenprozess in Jasi [S. 3, Mitte, unten, rechts]
Wie uns aus Jasi gemeldet wird, wurde der Kommunistenprozeß, in dem 120 Angeklagte aus Cernauti (es handelt sich durchwegs um Intellektuelle) verwickelt sind, für Oktober vertagt. Beim Prozeß werden 400 Zeugen einvernommen. Die öffentliche Anklage vertritt der königliche Kommissär Hauptmann Twers während die Verteidigung die Advokaten Omer, Popovici, Rodos Schreiben, Jancu Popovici und Budac übernommen haben.

(350712c3)


Feldmarschalleutnant Eduard von Vetsey ✝ [S. 3, rechts, unten]
Gräfin Margit und Graf Alexander Wassilko-Serecki haben einen schweren Verlust erlitten. Ihr Vater beziehungsweise Schwiegervater Feldmarschalleutnant Eduard von Vetsey, der vor einigen Tagen aus Ungarn her zu Besuch kam, wurde auf der Reise von einer grippösen Lungenentzündung befallen, der er heute erlag. Feldmarschalleutnant von Vetsey, der das 70. Lebensjahre überschritten hat, ist kein Fremder in der Bukowina. Vor beinahe 40 Jahren war er als Oberleutnant und Rittmeister des 1. Husarenregimentes in Cernauti in Garnison, wo sich der elegante Offizier allgemeiner großer Beliebtheit erfreute. Den Weltkrieg machte er als Divisionsgeneral mit und wurde mehrfach ausgezeichnet.

(350712t3)
Klaus Binder
 
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Nr. 959, Samstag, 13.07.35

Postby Klaus Binder on 13. July 2013, 02:32

Seite 1

Benito Mussolini [S. 1, links, oben]
Kommt es zum Kriege zwischen Italien und Abessinien? Diese bange Frage beherrscht jetzt nicht nur jene Leichtfertigen, welche so gerne wie anno dazumal sich von einem wohligen Schauder kitzeln lassen, wenn es losgeht "weit hinten in der Türkei", sondern auch alle jene, welche sich verantwortlich fühlen für die Geschicke ihrer Völker. Jeder Krieg birgt ungeheuere Gefahren von internationalen Komplikationen in sich. Es ist daher begreiflich, daß aller Augen auf Italien gerichtet sind oder eigentlich auf den Mann, der wie kaum einer der letzten Jahrhunderte, das neue römische Reich repräsentiert: Benito Mussolini.

Aus der Schule von Karl Marx stammend, widerlegt er die Doktrin von der materialistischen Geschichtsauffassung, indem seine überragende Persönlichkeit einer Epoche den Stempel aufdrückt. Daß aus einem Sozialisten sich ein Diktator herausschält, nimmt ebenso wenig Wunder wie in Rußland. Die Menschheit soll glücklich gemacht werden und erkennt sie nicht, was ihr Glück ist, muß es ihr mit Gewalt aufgezwungen werden.

War es nicht fast wie ein Wunder, daß dieser sozialistische Redakteur das im Grunde unmilitaristisch gewordene Gastgebervolk in strenger Zucht disziplinieren, das "dolce far niente" durch den Rhythmus der Arbeit verdrängen konnte?

Trotzdem er die sozialistischen Arbeiterorganisationen zertrümmerte, den ganzen Produktionsprozeß in die corporative Form zwängte, die gesamte Opposition durch eine grundlegende Verfassungsreform knebelte, kann man, wenn man durch Italien reist, doch keinen "Volkszorn" merken. Er ist eben kein Diktator wie jener von der anderen Halbinsel, an den sich nach seinem Sturze der Makel heftete. Unerhörter Wille zur Macht, die er aber nach seiner Ueberzeugung zum Wohle seines Volkes verwendet. Aber nicht den Schein eines Eigennutzes wagen selbst Feinde ihm vorzuwerfen. Den glänzenden Palast voller Schätze, den ihm eine Lady (ich glaube: Montague) testamentarisch vermacht, schenkt er sofort der Stadt Rom.

Man ist überrascht über die Sauberkeit und das Tempo der überall merkbaren Emsigkeit und Arbeitsamkeit. Das merkt man sogar auf der italienisch gewordenen Insel Rhodos, sogar in ihrem orientalischen Teil. Und überall - auf den Wänden der Häuser, den Zäunen, den Trottoirplatten: sein Bild, Mussolini. In den Häusern, in öffentlichen Lokalen: Mussolini. Unter seinem großen Bilde das kleinere seines Königs.

Der korporative Staat ist nun aufgebaut. Rasch aufgebaut. Es fehlt uns die Distanz, diese gewaltige Leistung, die fast ohne Blutvergießen - im Gegensatz zur Diktatur im Osten - vor sich gegangen ist, richtig zu ermessen. Ohne ein Werturteil abgeben zu wollen, müssen wir verstehen, daß sein Volk sich beugt vor der Tat dieses gewaltigen menschlichen Willens.

Italien aber hat immer einen Bevölkerungsüberschuß gehabt, der die Lenker seiner Geschicke nach Erweiterung des Lebensraumes für die Ueberzähligen Ausschau halten ließ. Kolonialbesitz, Interessensphären, da die andere Welt sich gegen die Einwanderung immer mehr abzusperren beginnt.

Und noch eines: Der Faszismus hat das Volk stark militarisiert. Aufmärsche, Paraden, große Reden des Duce in gewaltigen Massenversammlungen. Nicht immer kann es bei einem "eviva!" aus hunderttausend Kehlen bleiben. Einmal muß Begeisterung sich aktiv Luft machen. Einmal muß ein Sieg geboten werden. Der neue Cäsar muß auch für circenses sorgen, noch dazu, wenn es mit panes verbunden sein kann. Und noch eines, zuletzt, doch nicht am Letzten: Ueberproduktion. Wenn Südamerika zuviel Kaffe produziert, werden zehntausende Ballen ins Meer versenkt. Hunderttausende Menschen, die sich nicht den Luxus leisten können, Kaffee zu trinken, stehen starr vor dieser Ungeheuerlichkeit und verstehen sie nicht. Wenn aber zu viel Munition erzeugt wird - muß sie auch versenkt werden, aber nicht ins Meer, sondern … in klopfende Herzen lebendiger Menschen. Wenn zuviele Kanonen erzeugt werden, müssen sie unbrauchbar gemacht werden … durch Gebrauch - und verschütten eine Zivilisation.

Und auf den Weltbörsen wird es Stürme geben. Rüstungspapiere steigen, Renten fallen, man wird verdienen. Auch "Neutrale" werden verdienen, es wird gehandelt werden. Ja, es handelt sich in diesen Kriegen … Darum kann die Taube, die mit dem Oelzweig noch von Kabinett zu Kabinett flattert, sich wie eine gestaltverändernde Wolke plötzlich in ein Bombenflugzeug verwandeln.

Es muß ein Sieg herauskommen, denn zu weit sind die Vorbereitungen für das Schaustück getroffen. Wenn schon die Söhne des Duce an die Front gesandt wurden, können sie nicht ohne Sieg heimkehren. Schon im April sah ich die großen Transportdampfer in Port Said, gespickt voll mit Autos, Lokomotiven, Trains, Kanonen - und auch dem Futter für die des Gegners. Ich kam gerade aus einem kleinen Lande, in dem sich ein unmilitaristisches Volk anschickt, ohne Waffen, ohne Blutvergießen sein altes Land zu erobern - durch Arbeit und in heißem Bemühen, sich mit dem anderen dort wohnenden Volke zu verständigen: Palästina. Ist dies, im Angesicht einer Welt, die ihre Probleme scheinbar nur durch Gewalt lösen kann, nicht ein maßloses Unterfangen - maßlos wie die Leiden dieses alten Volkes? …

In den unwirtlichen Bergen von Abessinien sitzen die Kugeln in den Gewehren bereits sehr locker und hüben und drüben rüsten tapfere Menschen, einander das Lebenslicht auszublasen und einander zu "unbekannten Soldaten" zu machen.
Aus dem marmorenen Denkmals-Gesicht des Duce blicken flackernde Augen auf den Triumphbogen, unter dem die siegreichen Legionen mit Gefangenen und Siegestrophäen vorbeimarschieren sollen. Auf einem zerklüfteten Hange aber der äthiopische Berge, die noch die einander feindlichen Menschen scheiden, die nach dem Ebenbilde desselben Gottes gebildet sind, hockt wimmernd ein verkümmertes längst vergessenes altes Weiblein - humanitas - und verhüllt sein Antlitz.
Dr. Markus Krämer

(350713w1)


Seite 2

Polnische Gäste in Cernauti [S. 2, mitte, links, oben]
Die Ausflügler der "Liga Morska" treffen am 16. d. M. über Snyatin in Cernauti ein. Die Gäste werden am rechten Prutufer (Riviera-Bad) von den Vertretern der zivilen und militärischen Behörden, wie auch von Abordnungen der Cercetasi und der Sportvereine empfangen und begrüsst werden.

Am 17. d. M. werden die Ausflügler Cernauti, mit dem nächsten Ziele Sulita, verlassen.

(350713c2)
_____
http://en.wikipedia.org/wiki/Maritime_a ... ial_League


Der Mann, der Nadeln schluckte [S. 2, rechts, oben]
Jaques Roll wird exhumiert

Vor kurzem starb im hiesigen Spital ein junger Mann, namens Jaques Roll, der Mitglied eines Einbrecherkonsortiums war und im Gefängnis in selbstmörderischer Absicht Nadeln schluckte. Roll wurde vom Gefängnis ins Spital überführt, wo er an den Folgen der inneren Verletzungen starb. Roll ist durch tragische Umstände auf die schiefe Bahn geraten und landete schließlich in der Unterwelt.

Er wurde auf dem jüdischen Friedhofe in der Abteilung für Selbstmörder begraben.

Nachträglich wurde festgestellt, daß Roll katholisch getauft war, sodaß sich wahrscheinlich die Notwendigkeit der Ueberführung der Leiche auf den katholischen Friedhof ergeben wird.

Das Rabbinat vertritt den Standpunkt, daß in einem solchen Falle die Exhumierung und Ueberführung des Toten nur dann erfolgt, wenn das von irgendeiner privaten oder offiziellen Seite gefordert wird.

Im jüdischen Matrikenamt ist tatsächlich vermerkt, daß Roll sich vor einigen Jahren hat taufen lassen. Nach den jüdischen Vorschriften könne der Tote trotzdem auf dem jüdischen Friedhofe weiter belassen werden. Nun heißt es, daß von anderer Seite die Ueberführung auf den katholischen Friedhof, der ebenfalls eine eigene Abteilung für Selbstmörder hat, gefordert wird.

Der ganzen Affäre sollen noch interessante Einzelheiten folgen.

(350713t2)


Die keinen Regenmantel besitzen [S. 2, Mitte, rechts]
Spätherbst im Hochsommer. - Der Städter ist unzufrieden. - Der verwaiste Pruth.

Seit acht Tagen begiesst der Himmel einen, allerdings kleinen, Teil seines irdischen Tiergartens: aus der ganzen Bucovina wird hässliches Wetter, ungewohnte Kühle und werden andauernde Regengüsse gemeldet. Cernauti selbst hat ein Wetter, dass zur Gesamtverfassung dieser Stadt so richtig passt. Zeitweilig durchbrechende Sonne huscht rasch hinter gigantische Wolkenwände, es regnet und regnet und wenn es schön wird, dann regnet es gleich wieder. Es gibt kaum einen Berufszweig, der nicht infolge dieses, um diese Jahreszeit ungewohnten Wetters geschädigt wäre oder sich nicht zumindest geschädigt fühlte. So haben die "Wolkenkratzer" jetzt viel zu tun, aber leider nicht in ihren Sommerbetrieben, sondern mit dem Kratzen ihrer Schädel, sobald Wolken am Himmel auftauchen. Da aber die Wolken am Himmel in diesen Tagen permanent sind, kommen die armen Besitzer der Strandbäder, Gartenrestaurants und Gartenkaffees aus dem Kratzen gar nicht heraus! Aber Scherz bei Seite: fast kein Berufszweig ist infolge der ungünstigen Witterung so empfindlich geschädigt worden wie die spezifischen Sommerbetriebe. Der Pruth ist verwaist, die Strandbadanlagen liegen öde da und deren Besitzer werden, selbst wenn mal bessere Tage kommen, an dem durch dieses "verrückte" Wetter verursachten materiellen Verlust leider lange zu tragen haben. Der Rest der Badesaison müsste schon glänzend verlaufen, um diesen Schaden halbwegs wettzumachen. Nicht minder getroffen sind die Besitzer der Gartenrestaurants und Kaffees die nun schon seit acht Tagen so gut wie gar keine Besucher aufzuweisen haben. Was diese materiellen Verluste bedeuten, können nur jene ermessen, die ganz genau wissen, dass selbst "gute Wochentage" von noch besseren Samstagen und Sonntagen sekundiert sein müssen, um einen richtigen Verdienst möglich zu machen!

Die unzufriedenen Hausfrauen wissen, warum sie ewig unzufrieden sein müssen. Ist es heiss, sagen sie, und die Hitze währt einige Tage, so lassen die Bäuerinnen und Schwäbinnen am Platze die Preise ihrer Lebensmittel sprunghaft in die Höhe schnellen, denn, führen sie an, ein Teil der Ernte ist infolge der Hitze verdorben und was gut geblieben ist, ist selten und daher teuer. Bei schlechtem Wetter kommen viele der "vornehmen" Ländlerinnen gar nicht in die Stadt, während jene, die kommen, sich die Situation zunutze machen und für ihre Waren, um die sich die Hausfrauen nun selbstverständlich reissen, enorme Preise verlangen. So hat das schlechte Wetter auch eine Verteuerung des Lebensstandards zur Folge, eine Tatsache, die uns in dieser schweren Zeit gerade noch gefehlt zu haben scheint. Ganz besonders unglücklich sind jene "Luftmenschen" und Pflastertreter die - der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb - sich fast den ganzen Tag über auf den Strassen aufhalten. Arbeitslos, ist ihnen keine andere Beschäftigung geblieben als, gelehnt an eine Häusermauer oder stundenlang auf- und abgehend, die I. Flondorgasse zu durchmessen und zu warten, dass etwas geschieht. Aber es geschieht nichts, die Zeiten werden von heute auf morgen nicht besser, den "Luftmenschen" bleibt nun sogar das kostenlose Sonnenbad im Volksgarten versagt und der Regen regnet jeglichen Tag. Ein Unglück für die, die keinen Regenmantel haben und denen selbst der Wintermantel nicht zu Hilfe kommen kann, weil er versetzt ist. Aber auch schlimm für uns alle: ein Regen, der - wie gesagt - zur Situation und Stimmung in dieser Stadt gerade noch gefehlt hat…
- sp. -

(350713c2)


Seite 3

Die Wirtschaftsverhandlungen mit dem Ausland [S. 3, oben, rechts]
Bucuresti, 11. Juli (Tel. des "Tag"). Trotz dem die jetzige ökonomische Politik durch ein von Vertretern der Nationalbank, des Handels- und des Finanzministeriums gebildetes Triumvirat geleitet wird, fällt doch Herrn […] […] des Handelsministeriums die schwierigste Aufgabe zu.

Gestern empfing Dr. Costinescu den italienischen Gesandten in Bucuresti, Ugo Sola, welcher die Mitteilung machte, dass Italien geneigt wäre, grosse Getreideeinkäufe in Rumänien zu tätigen. Nachher wurde der griechische Gesandte Colas empfangen, mit welchem nichts Besonderes abgeschlossen werden konnte, da die Handelsbilanz für Rumänien, wegen des völligen Rückganges des Holzexportes nach Griechenland, sehr ungünstig ist.

Dr. Costinescu hatte auch Besprechungen mit den Handelsvertretern Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz.

Um 6 Uhr nachmittags fand eine Besprechung der Kommission zur Regelung des Aussenhandels statt und wurde im Prinzipe beschlossen, dass die Einfuhrbewilligung gleichzeitig mit dem Transfervisum der Banca Nationala ausgefolgt werden soll. Ferner wurde die Herabsetzung der Frachttarife für Exportgetreide beschlossen.

Im Finanzministerium
Um 8 Uhr fand eine Besprechung einiger Mitglieder der Kommission zur Regulierung des Aussenhandels im Finanzministerium statt, bei welcher hauptsächlich die Handelsverträge mit England geprüft wurden. Gleichzeitig wurden dem Unterstaatssekretär Gh. Leon die nötigen Aufschlüsse nach London übermittelt.

Die Verhandlungen in London
In London werden unsere Delegierten auf schwere Hindernisse stossen, da England bei einem eventuellen Nichteinhalten der früheren Uebereinkommen die Arierate betreffend, entschlossen ist, die rumänischen Importwaren mit einem "embargo" (Zusatzzoll) zu belegen. Es ist aber zu hoffen, dass Titulescu die Handelsverhandlungen für ein günstiges Resultat beeinflussen wird.

In Paris
Die anhaltende Unruhe im politischen Leben hat unsere Wirtschaftsverhältnisse zu Frankreich ungünstig beeinflusst, doch bleibt es abzuwarten, wie die weiteren Meldungen Stellung nehmen werden, oder aber Victor Antonescu mit seinem Optimismus nicht fehlgegangen ist.

In Berlin
sieht es so aus als würde Deutschland die Resultate aus London und Paris abwarten.

Reiseverkehr Rumänien-Russland
Bucuresti, 12. Juli (Tel. des "Tag"). Der russische Gesandte Ostrovski hatte mit dem Unterstaatssekretär Titeanu eine Besprechung, die sich auf den Reiseverkehr zwischen Rumänien und Russland bezog.

(350713r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 960, Sonntag, 14.07.35

Postby Klaus Binder on 14. July 2013, 10:21

Seite 2

Die Novelle des Tages
Querschnitt durch ein Hinterhaus [S. 2, Mitte]
Die Mystik des Nationalismus, von der so viel gesprochen wird, ist eine höchst reale Angelegenheit. Sie wird weniger an den Glauben an Wotan und seinen Statthalter Hitler auf Erden, als durch jenes irdische Manna genährt, das tatsächlich dank zweifelhaftester Finanzmethoden und ohne Rücksicht auf die katastrophalen Folgen des Verfahrens bisher zur Verteilung gelangt ist.

In der "Neuen Weltbühne" wird von der soziologischen Schichtung eines Hinterhauses in Berlin N. O. sehr interessant berichtet. Die Menschenschicksale dieser Mietskaserne sind typisch und zeigen, wo das braune System Proselyten gemacht und Rekruten gefunden hat. Die Statistik ergibt für eines von vielen tausend Häusern folgendes Bild:

Zahl der erwerbstätigen Männer (16 bis 60 Jahre) 12
Davon in den letzten fünf Jahren erwerbslos gewesen 11
Es haben in den letzten zwei Jahren Arbeit erhalten 7
Davon in der unmittelbaren Rüstungsindustrie 4
in den durch Staatssubventionen belebten Zweigen der Wirtschaft 2
in den übrigen Zweigen der Wirtschaft 1
Es sind noch erwerbslos 5

Sieben von zwölf erwerbstätigen Männern haben während des Regimes also Arbeit bekommen. Für sie ist es gleichgültig, ob sie die Rüstungsindustrie oder staatssubventionierte Betriebe aufgenommen haben. Sie fragen auch wenig nach der Katastrophe von morgen. Ebenso unwichtig werden ihnen Tarife und absolute Lohnhöhe. Die Tatsache des Arbeitenkönnens ist zunächst ausschlaggebend und entscheidend. Wieder Mensch sein, dessen Hände schaffen, das bedeutet unendlich viel, jedenfalls mehr als Theorien und Doktrinen. Daneben versinken für breite Massen auch die Schwächen des nationalsozialistischen Systems. Die künstliche Arbeitsbeschaffung, bis zur Unvernunft forciert und in den Dienst des kommenden Krieges gestellt, schafft in Wirklichkeit die wichtigste irrationale Kraftquelle des Dritten Reiches und diese ökonomischen Motive erheben den "Reichsführer" noch immer zum Idol. So fliessen im zwanzigsten Jahrhundert mystische und materialistische Geschichtsvorstellungen lieblich ineinander.
M. Humbert, ("Pr. Tgbl.")

(350714w2)


Seite 3

Promotion [S. 3, rechts, Mitte]
Advokat-Stagiar Otto Neuborn wurde am 10. d. M. an der Universität Milano zum Doktor beider Rechte promoviert.

(350714i3)


Seite 5

Schwanengesang des numerus [S. 5, rechts, oben]
Auch V. Tillea, die rechte Hand des Numerus-Apostels Vaida, hat diesem seinen Austritt aus der neuen Partei angezeigt.

Seine letzten Freunde alle
Machen nun mit Vaida Schluss.
Stiller wird es in dem Stalle …
Falle endlich und verhalle,
Numerus valachicus!

Deine früheren Genossen
Haben Dich - Dir zum Verdruss,
Armer Vaida! - ausgeschlossen,
Weil Dir aus dem Hirn geflossen
Numerus verkrachikus!

So ist die Kultur zu heben?
Mit dem alten Rassenschmus?
Einen andern Namen eben
Müsst' man Deinem Einfall geben:
Numerus verflachikus …

Numeruse sah man werfen
Dich in Deinem Redefluss -
Ach, was nützt Dein Zungenschärfen
Furchtbar ging schon auf die Nerven
Numerus schwachmachikus!

Kein Geschenk und keinen Orden
Kriegst Du, und das zeigt zum Schluss
Was aus Deinen Freundeshorden
Und dem Numerus geworden:
Numerus verlachikus …
HEGO.

(350714r5)

Seite 6

Feuilleton
Aus meinem Palästina-Tagebuche [S. 6, unten, links; S. 3, unten, links]
(Zweiter Teil.)
Von Dr. Markus Krämer


I.

Ueber Daganiah zum Ruthenberg-Elektrizitätswerk

Den leuchtenden Kinereth-See entlang geht es nach Daganiah, einer Kwuzah, die einer Richtung angehört, welche vom Kibuz-Hamuchad und von der Kwuzah arzith in gewissem Sinne abweicht. Der Jordan fließt hier aus dem See heraus und der Jarmuk mündet hier in den Jordan. Hier ist auch die erste Schleuse für das Elektrizitätswerk, das das ganze Land mit Licht- und Kraftstrom versorgt. Das ist also der Jordan! Erinnerungen fliegen von allen Zeiten heran! "Die Tränen fließen in den Jordan hinein". "Der Jordan strömt in dumpfem Brausen". "Mischmar Hajarden" (die Wacht am Jordan). Er ist hier nicht groß, unser Jordan, und strömt nicht in dumpfem Brausen. Aber es ist auch nicht mehr "der öde verlassene Strand". Seine Wasser werden eingefangen und nutzloses, klagendes Brausen ist in lebenspendende Energie verwandelt. Ruthenberg! Anfang 1919 - in Paris tagt die Friedenskonferenz, die Welt wird verteilt, die jüdischen Nationalräte schicken die Träger ihrer Goluthforderungen in die Sonnenstadt, die Welt anerkennt unser historisches Recht auf Erez-Israel - da informiere ich mich bei Weizmann, der von der ersten Nachkriegsaussprache mit Hantke in Engelberg bei Luzern nach Bern gekommen ist. Damals hat unser Universitätsprofessor Ehrlich (er war, wie wir zu wissen glaubten, getauft) mich in Zürich gebeten, zu erheben, ob nicht Platz für seinesgleichen in Erez Israel wäre, eine Anzahl Eisenbahner wollte helfen, unser Eisenbahnwesen auszubauen, andere damals aktuelle Fragen lagen mir am Herzen.

An einem Nachbartisch fällt mir ein interessanter Mensch auf. Starkes Gesicht, verschlossen, starker Nacken. Einsam. Das war Pinchas Ruthenberg. Man sagt mir später, abenteuerliche Dinge seien um ihn gewesen in Rußland, Dinge, die Juden interessieren. Unter Kerensky soll er Polizeimeister von Petersburg gewesen sein. Und jetzt habe er eine fixe Idee: er werde Palästina elektrifizieren! Der Schweizer Freund, der mir das sagt - es war 1919 und in Palästina noch alles im ersten Werden - noch vor Entsendung der Kommission mit Ussischkin - lächelt ein wenig über diese Phantasterei, die nur im Kopfe eines russischen Juden habe entstehen können. Ich habe das Lächeln nicht ganz verstanden, als ich die tiefernsten Züge des Mannes anblickte. Er hat erfüllt, was er sich zum Ziele gesetzt hat! Die kleinste Siedlung - von den Städten nicht zu reden - hat bereits elektrisches Licht, die kleinste Fabrik und Werkstätte elektrischen Strom und er baut und baut und sein Netz dehnt sich über das Land und bald wird er die Nachbarländer versorgen. Eine Aktien-Neumission von 600.000 Pfund, die kürzlich in London zur Zeichnung aufgelegt wurde, soll mit 18 Millionen Pfund überzeichnet worden sein! Das erhofft die Welt von ihnen. Als ein Mann von Daganiah merkt, daß ich ein wenig erstaunt bin, wie wenig Wasser im Jordan ist, sagt er "Ruthenberg hat sein Wasser soeben abgesperrt durch seine Schleußen". Ruthenberg macht den Jordan groß, wenn er will, er macht ihn klein, wenn er will. Es ist nicht das mechanische Elektrizitätswerk, an das die Menschen hier denken, die das Glück der Geburtsstunden des neuen Werdens miterleben, die erleben eben noch die lebendige Emanation des Geistes, den sie wandeln sehen unter sich in Fleisch und Blut - und da es Fleisch ist von ihrem Fleische und Blut von ihrem Blute, empfinden sie im Unterbewußtsein - die Alten und die Jungen - die Glückseligkeit des Schaffens und der Zeugung neuen Lebens mit. Einmal wird das Land groß sein und strahlen in Licht und die elektrische wird überall menschliche Arbeitskraft freimachen und Neues produzieren helfen. Dann wird die Gestalt von Pinchas Ruthenberg von der Glorie der Legende umgeben sein und die Phantasie der Juden, besonders im Galil, wird ein Kranz von Sagen über ihn weben. Heute aber ist er allen gegenwärtig und bildet eine der stärksten Adern, in denen das Blut des sich aufbauenden Erez-Israel pulsiert.

Daganiah, Alef und Beth sind wunderschöne Siedlungen in Form eines Kollektivs. In Daganiah-Alef führt uns Baratz. Grau ist schon sein Haar, aber jugendlich ist seine Gestalt und seine Stimme. Und wie er erzählt und erklärt, leuchtet Freundlichkeit aus seinen Augen und Fröhlichkeit ob dem, das er mitzuteilen so froh ist. Riesenpalmen rauschen im Park, Zypressen stehen da, unbewegte dunkle Kerzen. Man wollte die Siedlung, da sie schon jenseits des Jordans liegt, schon zu Transjordanien schlagen, aber Weizmann hat es durch Allenby gerichtet. 200 Personen leben da, auch 15 deutsche Kinder werden hier erzogen. Vom transilvanischen Hanoar sind Leute da auf Hachscharah, auch 3 Bukowinaer gab es, die gerade nach Jabniel übersiedelt sind. Neben Bananen ein Blumengarten mit wundervollen Rosen. Eine Schule gibt es hier, in der alles gelernt wird, was die Kinder brauchen, um moderne Landwirte zu werden. Botanik z. B. wissen sie mehr als mancher Student der Hochschule. Das Ideal der Heranbildung eines russischen Muschiks, das einmal in manchen Köpfen gespuckt hat, ist vorüber. Ein moderner Farmer soll der Junge werden. Vom 13. bis zum 17. Lebensjahre wird einen halben Tag bereits gearbeitet. Auch vorher haben die Kinder schon manche wirtschaftliche Aufgaben. Was man mit besonders talentierten Kindern mache? Wenn man darnach fragen würde, würde jeder Vater bald das seine präsentieren. Aber wenn es solche geben wird, wird man sie ausbilden lassen. Anläßlich der 25-Jahrfeier der Gründung von Daganiah wurde ein naturwissenschaftliches Museum auf den Namen Gordons errichtet, gebaut in freiwilligen Arbeitstagen aller Kwuzoth und aus manchen Spenden.

Die Einrichtung der Wirtschaft ist wie in Merchawjah, nur vielleicht konsolidierter. Wir gehen durch Blumenfelder an den Jordan. Da werden wir mit Irma Singer bekannt gemacht, sie wehrt schüchtern ab, als man sie "berühmte Dichterin" nennt, die so Schönes für Kinder geschrieben hat und wieder schreibt. Seit 15 Jahren ist sie hier Kindergärtnerin und glücklich. Sie will uns die Kinder nicht zeigen, das irritiert die Kleinen, sie dürfen sich nicht als Objekt des Anstaunens fühlen. Sie erlaubt auch nicht, zu photographieren, das wirke nicht gut, erzeuge Eifersüchteleien.

An einem kleinen Hang am Jordanufer liegen bescheiden einige Gräber. Gordons Grab ist mit Blumen bestreut. Herzls Secretär, Redakteur des "Jewish Chronikle", Leopold Grünberg, liegt hier begraben. Sein Wahlspruch "Erez Israel, dein Volk Israel" ist in den Grabstein eingraviert. Ein Grabstein berichtet, daß hier eine durch Selbstmord ihrem Leben ein Ende gemacht hat, eine an Cholera gestorben ist, einer durch Ertrinken den Tod gefunden hat. Kein Zaun grenzt das Feld ab von den Lebenden. Der Tod ist hier ein natürliches Punktzeichen nach einem zu Ende geschriebenen Satz.

Der Weg der einen ist zu Ende und das Leben geht weiter für die anderen. Es ist kein Gespensterglaube hier und sicherlich sitzen die Chawerim und Chaweroth in einer Mondnacht hier am Ufer des Jordans und fühlen keine Schauder vor den Abgeschiedenen, höchstens umweht sie kameradschaftliches Erinnern. Und wieviel Wahrheitsliebe ist in diesen Grabinschriften! Was gibt es für ein Getue bei uns im Golus um einen Selbstmörder, wie versucht man, ihn beim Planken zu verscharren, wie versucht die Kehille, umsomehr Geld für das Grab zu bekommen, als Strafe gleichsam für die Hinterbliebenen! Ohne Rabbiner wird er beerdigt - und der Volksglaube hört tagelang den Wind in den Bäumen heulen und die Raben krächzen. Hier aber wird die Todesursache klar und wahr in Stein geschrieben: Selbstmord, ertrunken, an Cholera gestorben. Eine Konstatierung, wahr wie die hier jedem zugänglichen Bilanzen, die Diagramme und Statistiken. Ein Vermerk über die ungewöhnliche Art des Endes eines Weges - jeder andere ist eben normal gestorben , darum nur Datum des Ereignisses. Man sucht nach Wahrheit hier im Leben und auch der Tod soll nichts anderes sein. Wer kann es nicht verstehen, dass dieser offene kleine Friedhof im Garten am Ufer des Jordans in der Kwuzah Daganiah Alef, mit seinen wahrhaften und nicht heuchlerischen Grabinschriften, tiefer erschüttern und ergreifen kann, als andere Friedhöfe mit den Zeugnissen menschlicher Eitelkeiten, Nichtigkeiten und Unaufrichtigkeiten?

Nun fahren wir zu Ruthenberg, zum arabischen Zemach mit seinen Lehmhäusern und an schwarzen Fellachenzelten vorbei (jüdischer Bauer - arabischer Bauer!) und erreichen Aram Naharajm, die Ruthenbergstation mit der Arbeitersiedlung Tel-Or (Eisenbahn). Rechts die transjordanische, links die palästinensische Polizeistation. Ingenieur Ruthenberg, seinem Bruder Pinchas Ruthenberg ziemlich ähnlich, führt und erklärt. "Die Konzentrierung des Wassers des Jordans und des Jarmuk, um Dämme zu bilden und so die Kraft zur Bewegung der Turbinen zu bekommen, das ist das ganze Kunststück." Nur muss man es eben treffen! Das Kunststück kann sich der Welt zeigen mit seinen Schleusen, Kanälen, Turbinen, Dynamos, u. s. w. 25.000 H. P. zur Erzeugung von 60-70 Millionen Kilowattstunden. Das leisten momentan die 3 Turbinen, eine vierte soll aufgestellt werden. Wir hören als Laien alle Erläuterungen.

Alle Hochachtung, alter Jordan! Wohl wollen manche arabische Stadtverwaltungen noch des Segens nicht teilhaftig werden von unserem Jordan, unserem Ruthenberg: Habeant sibi! Lange werden sie es im Finstern nicht aushalten und einmal wird auch ihnen unser Licht strahlen, wenn sie einsehen, daß wir nichts anderes tun, als Licht zu bringen in die dunkle Welt, damit der Mensch auch des Nachts sein Leben fortführen kann, als Kraft zu spenden, und beizutragen zu einer höheren Glückseligkeit der Menschen.

(350714w6+w3)


Seite 8

Strenges Urteil gegen jugendliche Arbeiter [S. 8, links, Mitte]
Im Jahre 1932 hat der Student Süßmann Romulus der Siguranza zur Anzeige gebracht, daß eine Gruppe jugendlicher Arbeiter eine kommunistische Zelle zu gründen versucht. Die Siguranza hat auf Grund der Anzeige eine ganze Reihe von Verhaftungen junger Arbeiter vorgenommen und nach Beendung der Untersuchung sie der Staatsanwaltschaft übergeben. Am 11. d. M. wurde das gerichtliche Verfahren vor den Cernautier Gerichtsinstanzen abgeschlossen und folgendes Urteil ausgesprochen:

Elias Kelmer, Sarah Dickelboim zu je 3 einhalb Jahre schweren Kerker, 10.000 Lei Geldstrafe und 5 Jahre Verlust der bürgerlichen Rechte. Die übrigen Angeklagten zu je 2 Jahre schweren Kerker, 5000 Lei Geldstrafe und 5 Jahre Verlust der bürgerlichen Rechte.

(350714c8)
Klaus Binder
 
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Nr. 961, Dienstag, 16.07.35

Postby Klaus Binder on 16. July 2013, 02:15

Seite 1

Leitartikel
Offener Brief an den Herrn Ministerpräsidenten Gh. Tatarescu [S. 1, links, oben]

Herr Ministerpräsident!
Seit langer Zeit leidet die Bevölkerung unserer Stadt, insbesondere die Industrie und die Kaufmannschaft, unter einer Landplage!

Nicht genug, daß diese Berufsstände unter der schweren Steuerlast ächzen und unter dem beständigen Wechsel der Import- und Exportregime leiden, werden sie fast unausgesetzt von "Agenten" diverser Zeitschriften und Zeitungen aus Bucuresti heimgesucht, welche, gestützt auf Empfehlungen verschiedener Chefs von lokalen Behörden, die sich wiederum auf Interventionen von Ministerien berufen, und werden gezwungen, große Summen an Subventionen und Abonnements zu geben.

Es ist möglich, daß mancher dieser Agenten Empfehlungen nur vorschützt, es ist wahrscheinlich, daß die hiesigen Behördenchefs in Kenntnis der Wirtschaftskrise nur ungern dem Drucke von oben folgen, es ist sogar wahrscheinlich, ja sicher, daß kein verantwortlicher Leiter eines Ministeriums sich dazu hergibt, für publizistische Erzeugnisse oft zweifelhafter Natur Empfehlungen zu geben.

Die geplagten Industriellen und Kaufleute aber, welche schon von jedem Steueragenten eingeschüchtert werden, knicken vor solch "leisem Nachdruck" zusammen, mit dem sich diese Agenten ausstatten und wenn sogar manchmal ein Steuerkontrollor solch einen "Agenten" auf seinen Streifzügen begleitet, ist es verständlich, daß ein Widerstand schwer ist.

Daß hiebei auch - gelinde gesagt - manchmal die Geschmacklosigkeit vorkommt, daß ein jüdischer Industrieller gezwungen wird, ein Blatt zu abonnieren, das antisemitische Tendenzen verficht, sei nur nebenbei bemerkt.

Herr Ministerpräsident!
Die Bevölkerung dieser Stadt glaubt, ein Recht darauf zu haben, Sie bitten zu dürfen, ihr Ihren Schutz gegen diese Ungeheuerlichkeiten angedeihen zu lassen. Wir können nicht Einzelfälle publizieren, da die Betroffenen fürchten, sich Verfolgungen auszusetzen, wenn sie konkrete Einzelheiten unter ihrem Namen bekanntgeben.

Eine Anfrage aber an die hiesigen Behörden wird unsere Angaben vollauf bestätigen.

Wir meinen, daß auch die hiesigen Behörden dankbar wären, wenn sie aus Bucuresti nicht mit solchen "Aufträgen" belastet würden.

Die armen Steuerträger aber, welche froh wären, wenn sie die ihnen von staatswegen auferlegten Lasten tragen könnten, werden unendlich dankbar sein, wenn durch einen Circular-Erlaß der höchsten Regierungsstelle sämtliche Behörden des Landes angewiesen werden, derlei "Empfehlungen" nicht mehr zu geben, vielmehr den Industriellen und Kaufleuten zur Seite zu stehen, wenn sie sich eine solche Ausbeutung nicht mehr gefallen lassen.

Herr Ministerpräsident!
Die betroffene Bevölkerung erhofft von Ihrem Gerechtigkeitsgefühl eine baldige Abhilfe des geschilderten Uebels und wird Ihnen zu stetem Danke verpflichtet sein.
"Der Tag"

(350716r1)


Brigitte Helm nach England geflohen? [S. 1, unten, links]
Eine Pariser Privatagentur meldet aus Berlin, dass die bekannte deutsche Filmschauspielerin Brigitte Helm, die von einem deutschen Gericht zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden war, da sie mit ihrem Auto eine Frau überfahren hatte, vor dem Antritt der Strafe nach England geflohen ist. Die deutschen Behörden haben verboten, dass die Helm künftig in Deutschland filmen darf, auch wenn sie später zur Verbüssung der Strafe zurückkehren sollte.

(x)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Brigitte_Helm


Wegen jüdischen Bluteinschlages [S. 1, Mitte]
Berlin, 15. - In einem Aufsatz in der Zeitschrift des Reichsverbandes deutscher Schriftsteller "Der Schriftsteller" schreibt der Reichsverbandsleiter Götz Otto Stoffregen unter anderem, dass nach einer dreimaligen Aenderung der Nichtarierbestimmungen insgesamt 1628 deutsche Schriftsteller wegen jüdischen Bluteinschlages aus dem Reichsverband deutscher Schriftsteller ausgeschlossen wurden, damit sei ihnen die Möglichkeit, durch schriftstellerische Arbeiten ihren Lebensunterhalt zu verdienen, überhaupt genommen worden. Weitere 1500 Aufnahmegesuche von Schriftstellern, die nicht rein arischer Abstammung sind, sei nicht Folge gegeben worden.

(350716w1)


Dr. Richard Strauss enthoben [S. 1, Mitte, rechts]
Der unangenehme Stefan Zweig

Berlin, 15. Juli. Das DNB meldet: Der Präsident der Reichsmusikkammer Dr. Richard Strauß hat den Präsidenten der Reichskulturkammer Reichsminister Dr. Goebbels gebeten, ihn mit Rücksicht auf sein Alter und seine augenblicklich stark angegriffene Gesundheit von seinen Aemtern als Präsident der Reichsmusikkammer und als Vorsitzenden des Berufsstandes der deutschen Komponisten zu entbinden.

Die hohen Ehren, mit denen Strauß durch die nationalsozialistische Regierung ausgezeichnet worden war, haben ihn nicht behindert, seine jüdischen Beziehungen aufrechtzuerhalten, was man mit Stillschweigen tolerierte. Erst vor kurzem hat Strauß durch seine Oper "Die schweigsame Frau" das Propagandaministerium in eine arge Verlegenheit gebracht, denn das Textbuch hatte einen recht erheblichen Schönheitsfehler, da es von dem Juden Stefan Zweig verfaßt ist. Strauß konnte sich diese Freiheit erlauben. Die Presse erhielt sogar den Auftrag, die Tatsache, daß Zweig Jude ist, zu ignorieren.

(350716w1)


Die Kongresswahlen in der Bukowina, [S. 1, Mitte, rechts]
die gestern im ganzen Lande abgehalten wurden, ergaben nach der bisherigen Stimmenzählung ein unerwartetes Resultat. Es wurde wohl darüber gemunkelt, daß die linken Gruppen es mit der Einhaltung des Grundsatzes von reinen Wahlen nicht so genau nahmen, daß sie Schekel massenhaft gratis verteilen und sich anschicken, mit allen Mitteln die Mehrheit zu erlangen, was sie sich bis gestern besonders in Cernauti, an Manipulationen und Machinationen geleistet haben, konnte nach Ansicht der Allgemeinen Zionisten niemand erwünschen. Es ist daher wie letztere meinen nicht verwunderlich, daß die Linken bisher 2500 Stimmen, die Allgemeinen Zionisten cca 2000, die Mizrachi cca. 1300 und die Judenstaatspartei cca 530 Stimmen erringen konnten. Das Auffallendste war die schwache Beteiligung der erwachsenen bürgerlichen Zionisten und dieser Indolenz ist es zuzuschreiben, daß sie in Cernauti 940 und die linken 1200 Stimmen erlangen konnten. Diese und die Wahlen in anderen Ländern wird zu weitgehenden Konsequenzen führen müssen: Reform des Kongreßwahlrechtes und Neugestaltung der lokalen zionistischen Organisationen. Darüber und über Manches andere wird noch zu reden sein.

(350716c1)


Der "Tag" in seinem früheren Format [S. 1, rechts, Mitte]
Wie wir bereits angekündigt haben, erscheinen wir ab heute im früheren bei unseren Lesern beliebt gewordenen Format. Wir werden auch unser Versprechen, den "Tag" auszugestalten, halten und bitten unsere geschätzten Abonnenten und Leser, um ihr weiteres Wohlwollen.

(350716i1)


Seite 2

Exhumierung Jacob Rolls? [S. 2, Mitte, links, oben]
Wie wir vor einigen Tagen mitteilten, beharrt die Kultusgemeinde nicht auf die unbedingte Exhumierung des Selbstmörders Roll, da es den jüdischen Sitten nicht widerspricht, dass ein Andersgläubiger am jüdischen Friedhof begraben wird. Die Kultusgemeinde wird sich jedenfalls heute mit einer Zuschrift an die Primaria wenden, um in dieser Angelegenheit eine Aufklärung zu verlangen.

(350716t2)


Die nationalsozialistische Maskerade der Deutschen in Rumänien [S. 2, Mitte]
Das Wiedererscheinen des Hitlerismus

Der Cernautier Korrespondent des Curentul, Eugen Popovici, schreibt seinem Blatte:

Alle rumänisch - politischen Kreise der Bukowina verfolgen mit besonderem Interesse die Ereignisse, welche sich innerhalb der national-deutschen Partei, der Repräsentanz des Bukowinaer Deutschtums, abspielen. Diese Partei funktioniert seit den Volksratswahlen im Februar als eine wirkliche hitleristisch-deutsche Partei, indem sie sich dem Vorbilde, in Aktivität und Taktik, der deutschen nationalsozialistischen Doktrin und Praxis, das bestehende öffentliche Leben des rumänischen Staates untergrabend, anpasst.

In dieser Beziehung wäre genügend festzustellen, dass der gegenwärtige deutsche Regionalpräsident, ein vollkommen, auf politischem Gebiete der Provinz, fremder Mensch, der Turnprofessor Millanicz, nur wegen seiner ausgiebigen nazistischen Propaganda, unter Mitarbeit des Terrors aller hitleristischen Dilettanten gegen die festen und zielbewussten Konnationalen, welche eine, den Interessen des rumänischen Staatslebens angepasste Politik forderten, gewählt wurde.

Erhoben aus der absoluten Obskurität der epidemischen Psychose des deutschen Naz.-Sozialismus, führte der hitleristische Führer von Cernauti, Millanicz, die Diktatur und den Terror im Parteileben ein und gefiel sich nicht als rumänischer Bürger, sondern als Exponent des hitleristischen Programms in Rumänien.

Der Wagemut dieses deutschen Pseudo-Diktators, von einigen unfähigen Sinnesgenossen unterstützt, ging soweit, dass eines Tages der Ausschluss einiger unangenehmer Elemente unter Führung des E. Landwehr, erfolgte. E. Landwehr ist eine Persönlichkeit die nicht nur von der deutschen Minderheit der Bukowina, sondern von der ganzen Bevölkerung geschätzt wird.

Diese überextremistische Strömung des genannten Millanicz, welcher es verweigert zu verstehen, dass der Hitlerismus keine Importware ist und dass die nazistischen Streiche nichts in Rumänien zu suchen haben, wird von allen massgebenden Faktoren der rumänisch-politischen Parteien heftig kritisiert, welche das energische Eingreifen des Innenministeriums zum Zwecke der Auflösung dieser Maskerade verlangen, da wir die Fortsetzung dieser als eine wahre Provokation an die Adresse der Souveränität und der rumänischen Staatsautorität ansehen müssen, umsomehr als das Bestehen dieser Maskerade im offensichtlichen Widerspruch zum Gesetze für die Auflösung aller extremistischen Parteien in Rumänien steht.

(350716r2)


Seite 4

Der "Tag" meldet [S. 4, oben, links]
Abrechnung mit Arnold Schwarz *)
Zerstörung einer Legende
Von Dr. Max Schärf


Herr Arnold Schwarz hat mich, seinen ehemaligen Sozius, in der Lokalpresse angegriffen und Abrechnung mit mir gehalten. Ich hielt nicht dafür, seine Schmutzwäsche in aller Oeffentlichkeit zu waschen, da er aber den tollen Mut hat, in die Sonne zu gehen und Selbstmord an mir zu begehen, so sehe ich kein moralisches Hindernis mehr, mit ihm abzurechnen.

Arnold Schwarz hat es verstanden, die Oeffentlichkeit durch mehr als drei Jahre glauben zu lassen, er habe den "Tag" aufgebaut. Das ist falsch. Aufgebaut haben ihn die Buchdrucker und deren Organisation, die ihm Geld und Arbeitskräfte zur Verfügung stellten und dafür von ihm schmählich verraten wurden; die jungen Redakteure und Angestellten der Administration, die im fanatischen Idealismus monatelang, Tag und Nacht, gearbeitet haben, ohne einen Bani hiefür zu bekommen; sie leisteten mehr als ihnen vorgeschrieben war, sie warben Abonnenten und Inserenten und propagierten die Zeitung mit einer Leidenschaft, die Schwarz gewissenlos auszubeuten verstand, um sie dann gegeneinander auszuspielen und sie von sich zu stossen, wenn er sie nicht mehr brauchte.

Aber Arnold Schwarz genügten die Bezüge, die der stets kämpfende "Tag" - bei dem jede beendete Woche eine gewonnene Schlacht war - ihm bot, bei weitem nicht und der Appetit kam ihm mit dem Essen. So inaugurierte er das System der Kautionäre, bei denen er stattliche Summen, die insgesamt in die Hunderttausende gehen, schluckte wie ein Aspirin und dann mit diesen Kautionären so verfuhr, dass sie froh waren, mit heiler Haut herauszukommen. Schmerz, Nussenbaum, Dankner, Soibelmann wissen ein Lied davon zu singen. Nussenbaum, ein armer Teufel, der seine Gutgläubigkeit mit 50.000 Lei an Schwarz noch billig bezahlte, erhielt auf seine mit berechtigter Empörung gestellte Forderung die klassische Antwort des Schwarz:

"Was wollen Sie? Sie waren drei Monate Direktor des "Tag", das hat Ihren moralischen Kredit gehoben, jetzt können Sie eine gute Partie machen ...!"

Nussenbaum hat die gute Partie nicht gemacht, aber 50.000 Lei verloren.

Den Höhepunkt der Kautionsschwindeleien, begangen von Arnold Schwarz, bildete der Fall des Bessarabiers Soibelmann. Dieser verlor über 60.000 Lei an Schwarz und als er Krach machte und mit Selbstmord drohte und sagte, man solle ihm wenigstens etwas geben, er sei kein Cernautier und müsse in dieser fremden Stadt doch wohnen und essen, liess ihm Schwarz sagen:

Man werde ihm einen Schweinetrog hinstellen und Futter hineintun, daraus solle er fressen ...

Hier trat ich auf den Plan.

Nach längeren Verhandlungen erlegte ich - ich habe eine Quittung hierüber in meinem Besitz - am 24. Februar 1934 volle 100.000 Lei, übernahm ferner eine Schuldenlast von weiteren 150.000 und rettete zuletzt Schwarz vor dem Staatsanwalt, indem ich Soibelmann erledigte, dessen Anwalt, Dr. Moses Grünberg, bereits eine von Soibelmann gefertigte Strafanzeige gegen Schwarz vorbereitet hatte, die am nächsten Tag erstattet werden sollte.

Sehr bald hat Arnold Schwarz nur sein wahres Gesicht und seine Dankbarkeit gezeigt. Er behauptet, ich sei kontraktbrüchig geworden und habe "ihn überredet", seinen Anteil auf seinen Sohn Franz zu übertragen. Ich muss seinem sehr geschwächten Gedächtnis nachhelfen: Arnold Schwarz hat in Abwesenheit seines Sohnes Franz dessen Motorrad verkauft, in Abwesenheit und ohne Zustimmung seiner von ihm geschiedenen Frau Karoline Schwarz deren Klavier auf dieselbe Manier "verzuckert", von seiner geschiedenen Gattin noch vor Jahresfrist 100.000 Lei genommen, angeblich um sie für die Zeitung zu verwenden, noch eine Reihe anderer unangenehmer Schulden gemacht: so war es nicht nur die Abtragung einer Ehren- und materiellen Schuld, sondern auch eine zwingende Notwendigkeit für ihn, seinen Geschäftsanteil auf seinen Sohn zu übertragen, um sich unangenehmen Verpflichtungen zu entziehen.

Arnold Schwarz hat im Laufe der Zeit viele direkte und indirekte Erpressungen am Publikum begangen; er hat 15.000 Lei vom Hefekartell genommen, um eine Artikelserie nicht zu veröffentlichen, er hat vom Gutsbesitzer R. 3000 Lei genommen unter einer ähnlichen Drohung, er hat einem armen Buffetbesitzer in einem Amt in schamlosester Weise 1000 Lei erpreßt - dies nur einige Beispiele, herausgegriffen aus der großen Masse seiner Schandtaten, er hat, bauend auf den Respekt, den man seinem Namen, und auf die Angst, die man seiner Tätigkeit entgegenbrachte, in zahlreichen Geschäften, Unternehmungen, Kinos etc. Fakturen des "Tag" kassiert, Waren genommen, Schulden in beträchtlicher Höhe gemacht - alles auf Konto des "Tag" natürlich, aber da man ihn in der Buchhaltung ordnungsgemäß mit diesen Beträgen belastete (soweit man daraufkam), behauptet heute Schwarz, sein Gehalt sei auf ein "totes Konto" gesetzt worden, während er in Wahrheit - und das kann ich jederzeit bücherlich nachweisen - bis zum September 1935 voll bezahlt wurde. Jetzt erst, als er infolge seiner Erkrankung in ein Sanatorium reiste, habe ich ihm, obwohl unsere Beziehungen schon längst abgebrochen waren, 10.000 Lei beschafft, die ich noch heute abzahle!

Vor Vertragsabschluß hat mir Schwarz eine gefälschte Bilanz vorgelegt; laut dieser hatte er einen Anspruch an die Buchdrucker von zirka 59.000 Lei, während diese tatsächlich von ihm 160.000 Lei fordern! Lügen die Buchdrucker, lügt die ganze Organisation, während bloß Schwarz der Edelmann ist? Schwarz scheut sich nicht, sogar das Schreiben des Notars Burla zu veröffentlichen, in welchem ihm sein Sohn Franz die Vollmacht entzieht; warum wundert sich dieser Ehrenmann, daß sein eigener Sohn ihn kaltstellte, da er doch, wie seine Familie behauptet: als Hauptzeuge in einem Prozeß, den seine geschiedene Frau und sein Sohn Franz gegen einen hiesigen Verlag führten, für die Frau und den Sohn ungünstig auszusagen wußte, so daß sein eigen Fleisch und Blut um den Prozeßgewinn gebracht wurde?

Da ich mir seine Backschischwirtschaft und die ins Unendliche gehenden Geldentnahmen nicht gefallen lassen konnte, schlug ich vertragsgemäß ein Schiedsgericht vor. Zuerst bestellte er, um Zeit zu gewinnen, mehrere Schiedsrichter "zur Auswahl", und als endlich das Schiedsgericht beisammen war und von Schwarz seine Legitimation als Anteilbesitzer verlangte, welche er nicht mehr besaß, erklärte ich, daß ich trotz der fehlenden Legitimation mich dem Urteilsspruch des Schiedsgerichtes unterwerfen würde und bereit sei 50.000 Lei als Garantie hiefür zu erlegen - obwohl selbst im günstigsten Falle nicht viel zu holen war. Ich setzte es schließlich durch, daß dann sein Sohn Franz und der Herr Notar Burla die entzogene Vollmacht drei Tage lang zur Verfügung stellten, damit er mit mir vors Schiedsgericht gehen könne - er machte hievon keine Gebrauch! Zuletzt verlangte er von mir, ich solle ihm 20.000 Lei Gehaltsvorschuß geben, dann werde er vors Schiedsgericht gehen. Zeugen für seine beabsichtigte Hintertreibung des Schiedsgerichtes und die Ablehnung der zur Verfügung gestellten Vollmacht sind Herr Dir. Terner, Herr M. Liquornik, Dr. Feller und Herr Notar Burla. Während Arnold Schwarz im Sanatorium saß und an seinem "Brandartikel" gegen mich arbeitete, bezahlte ich und bezahle ich noch heute die Kosten seiner Kur und nicht minder zahle ich noch heute seine von mir übernommene Privatschuld an Miete für seine Wohnung in der str. Iancu Flondor No. 18. Wieviel kann und soll man eigentlich für einen Kompagnon tun, der einen belogen und betrogen hat, der den, der ihn vor der Staatsanwaltschaft rettete, andauernd in den Kot zog und ihn verleumdete, wie er mich heute verleumdet?

Zuletzt, um die richtige, rührselige Stimmung und das Wohlwollen des Publikums zu gewinnen, verabschiedet sich Arnold Schwarz in seiner von Ordinärheit stinkenden Attaque gegen mich mit einer Träne im Knopfloch "von der Stadt, die ihm so sehr ans Herz gewachsen ist." Das klingt gut, das macht Eindruck, aber wieviele wissen es, daß Schwarz immer und immer wieder, auf der Straße und im Kaffeehaus, in der Redaktion und zu Hause, den von vielen vielen Zeugen bestätigten Satz prägte: "Die Stadt kann mich am A...., ebenso die Abonnenten!" Als er aber krank wurde, da forderte er diese Stadt, die ihm so sehr ans Herz gewachsen ist", nicht mehr auf, ihn zu lecken, sondern schickte Helfershelfer und Bekannte und Ergebene von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, von Geschäft zu Geschäft, um für ihn Geld zu schnorren - dazu war ihm die Stadt in diesem Augenblick gut genug!

Für heute sei diese Antwort an Schwarz beendet, da sie ohnehin schon länger ausgefallen ist, als ursprünglich beabsichtigt war. Ich wollte bloß in großen Umrissen ein Individuum zeichnen, das jahrelang mit unterirdischem Terror, mit angeborener Herz- und Charakterlosigkeit und mit einer Tageszeitung im Rücken schamlos mit dem Publikum Schindluder getrieben hat. Seinen "Kultur- und Sittenroman" mit mir, dem Gangster Schärf, als Haupthelden darf er ruhig schreiben, er hat dazu mehr Zeit als ich, der wenigstens versuchen will, ein von ihm systematisch zerstörtes Werk wieder aufzurichten.
Dr. Max Schärf

P. S. Die Strafanzeige, von der er spricht, hat Schwarz gegen mich natürlich nicht erstattet; er würde sich, glaube ich, auch schwer hüten, denn was man vielleicht mir nicht glaubt - dem Staatsanwalt wird man's wohl glauben müssen! Daß mit seinem Namen heute noch Abonnenten oder Inserenten geworben werden, ist natürlich genau so Größenwahn und Lüge, wie sein "Brandartikel" gegen mich von A bis Z erlogen ist.

*) Für Form und Inhalt dieser Einschaltung übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.

(350716i4)


Leichenbegängnis des Feldmarschall-Leutnants Vetsey [S. 4, unten, Mitte]
Sonntag nachmittags um 3 Uhr fand das Leichenbegängnis des österreichischen Feldmarschallleutnants i. r. Eduard von Vetsey in Cernauti von der Wohnung des Grafen Alexander Wassilko-Serecki in der str. Iancu Flondor statt. Eduard von Vetsey ist aus Ungarisch-Komoru, wo er die letzten Jahre seines Lebens wohnte, nach Cernauti zum Besuche seiner Tochter Margit, die an Grafen Wassilko verheiratet ist, gekommen. Nach sechs Tagen starb hier der Feldmarschall infolge einer Lungenentzündung. Eduard von Vetsey war nach 40 Jahren wieder nach Cernauti gekommen, wo er einmal einige Jahre hindurch als Offizier gedient hatte. Und hier ereilte ihn nun der unerbittliche Tod. Am Leichenbegängnisse nahmen die Spitzen der Bukowinaer Aristokraten teil. Eine rumänische Ehrenkompagnie begleitete ebenfalls den Kondukt. Aus Ungarn sind eingetroffen: der Sohn des Verstorbenen und noch andere Familienangehörige. Auf dem Friedhofe hielt der evangelische Stadtpfarrer Herrmann dem Verblichenen einen ehrenden und ergreifenden Nachruf.

(350716t4)
Klaus Binder
 
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Nr. 962, Mittwoch, 17.07.35

Postby Klaus Binder on 17. July 2013, 00:17

Seite 1

Nachruf nach Alfred Dreyfuss und seiner Epoche [S. 1, oben, links]
Oberst Alfred Dreyfus ist im 75. Lebensjahre gestorben. Mit diesem Namen verbinden die Menschen, die älter sind als 45 Jahre, die Erinnerung an eine der stärksten Erschütterungen, die sie in ihrer Jugend erlebten. Wer denkt nicht an die Zeit, als der Prozeß, in welchem der jüdische Kapitän wegen Hochverrates zur Degradierung und Deportation auf die Teufelsinsel verurteilt wurde, revidiert wurde? Wer erinnert sich nicht an die ungeheueren Kämpfe, die für und gegen diesen Mann in der ganzen Welt ausgefochten wurden? Wohl waren die zwei Lager, in die die Welt - nicht nur Frankreich - geteilt war, das der Reaktion und Finsternis einerseits und das der Geistigkeit, Humanität und des Gerechtigkeitssinnes andererseits. Aber in Wahrheit war das Judentum als solches auf der Anklagebank und eine herzlich unbedeutende Persönlichkeit, wie Beilis und Hilsner in den Ritualmordprozessen, war vom Geschicke auserkoren worden, daß der Pfeil, der noch immer im Köcher für das Judentum bereitgehalten ward, durch ihr zuckendes Herz gejagt werde. So gelangt ein Mensch, der sicherlich seine mittelmäßige Karriere gemacht hätte, ohne sich jemals seines Judeseins bewußt geworden zu sein, zu einer passiven Berühmtheit und zieht in die Galerie der Märtyrer ein, denen das Volk Erinnerung bewahrt, weil sie wegen ihrer Zugehörigkeit zu ihm gelitten haben. Dieses Gedenken aber gilt auch der Epoche - der fast verklungenen Zeit - in welcher die edelsten Geister der großen französischen Nation und mancher anderer Völker es wagen durften, gegen eine Welt von Feinden, gegen eine fanatisierte Masse, gegen ein Netz von Intriguen und eine Phalanx mächtiger interessierter Cliquen, für Wahrheit und Recht zu kämpfen, unbeirrt von den Gefahren, denen sogar ihr Leben ausgesetzt war.

Mit Alfred Dreyfus gehen ein in die jüdische Geschichte Emile Zola, Jaures, Labori, Clemenceau und alle andern, welche sich um die Ehre der französischen Nation unsterbliche Verdiente erworben haben. Das jüdische Volk ist dankbar und wenn das Eingehen in die Geschichte Lohn ist, so lohnt es reich all diese, denen es Dank weiss.

Das Pantheon, in das diese Grossen eingezogen sind, ist von Menschenhand, das Judenvolk aber, das alte ewig junge, besitzt ein dauerhaftes Pantheon, das ist sein Herz, das schlägt an allen Ecken und Enden der Welt und seine Ueberlieferung, die fortlebt von Generation zu Generation wie seine Lehre, die fortlebte auch als die sie fassenden Rollen im Feuertode Genossen ihrer Märtyrer waren.

Denken wir heute an jene Zeit zurück, in der es möglich war, im Kampfe um die Wahrheit eine Welt aufzurütteln, kommt uns erst recht zum Bewusstsein, wie sehr in unserer Zeit all die Quellen verschüttet sind, aus denen jene Kämpfer ihre Kraft schöpfen konnten: Wahrhafte Herzensbildung, Gerechtigkeitssinn, heiliger Glaube an das Gute im Menschen, das nur geweckt werden muss, Glaube an die Wirkung des Appells an die Vernunft und den Edelmut der Menschen. Heute, wo wir allenthalben die Verhetzung, den Bruderkampf, die Wachrufung niedrigster Masseninstinkte, durch Verdummung bewirkte Massenpsychose blühen sehen, wundern wir uns nicht, dass sich kein Finger rührt, keine Stimme sich erhebt, wenn Massen diffamiert und entrechtet werden. Und die Welt ist schon ganz abgestumpft und glaubt, dies sei so natürlich und schickt sich ins Unvermeidliche.

Für den Betroffenen aber aus der Dreyfusaffäre, für das Judentum, ergibt sich aus der Erinnerung an diese noch eine, eine tröstende Erkenntnis: In jener Zeit fühlte es, im Irrwahn einer möglichen vollkommenen Assimilation befangen, sich glücklich, daß seine Ehre gerettet wurde. Was es Großes geschaffen hatte, schuf es ja unter fremdem Namen, dem Namen des "Wirtsvolkes". Verallgemeinert aber wurde nur, wenn es einen schlechten Kerl aufzuweisen hatte, denn den ließ man ihm gerne. Begreiflich also, daß es überglücklich war, wenn dieser von der Welt als schlechter Kerl Bezeichnete sich als edler Mensch erwies, wenn ein jüdischer Angeklagter sich als Unschuldiger entpuppte. Fast jedes andere Volk hat schon einen Hochverräter hervorgebracht und verurteilt und keinem Menschen fiel es ein, dies Volk deshalb zu diffamieren. Nur wenn ein Jude des Hochverrates bezichtigt wurde, kam sein Volk auf die Anklagebank. Deshalb der ungeheuere Jubel, als Dreyfuß rehabilitiert wurde.

Ueber diese Epoche ist das Judentum glücklicherweise hinaus. Seit Entstehung des Zionismus, dessen politischer Realisator Theodor Herzl gerade an der Dreyfussaffäre seine prophetische Sendung entzündete, hat das Judentum sich gewandelt, innerlich und äusserlich. Heute, wo es sich anschickt, wieder ein normales Volk zu werden auf eigener altneuer Erde, wo es wieder originär Eigenes schafft, wo es, wenn Völker die Bilanz über ihren Beitrag zu Kultur und Fortschritt ziehen, bereits auf Aktiva hinweisen kann, hat es sich gewöhnt: Seine Nervosität vor jeder lächerlichen Beschuldigung abzulegen, sein Geschick mit Würde zu tragen und sein Leben auch mitten unter Hass und Verfolgung zu gestalten. Zu erkennen, dass ein Volk nicht von der Grossmut und dem Edelsinn überragende Geister der Anderen leben kann, dass man sein Leben nicht aufbaut, indem man verteidigt wird, sondern, indem man Positionen schafft, die man gestaltet aus dem Urquell der eigenen Kraft. Dass es nicht genügt, wenn man als unschuldig erkannt wird im Mitgefühl der Menschheit, sondern, dass man sich aufschwingt zur Gleichheit mit den anderen - durch eigene Leistung, die eine solche Verteidigung überflüssig macht. Dass man das erringt, ohne das ein Zusammenleben von Völkern nicht denkbar ist: Achtung, Respekt.

Auch hierin liegt der Unterschied in den Epochen: In der Reaktion auf das Erleben liegt er - die die besten Geister verkörpern: damals "Abwehr des Antisemitismus", heute Rückkehr zu sich selbst und stolzes Bekenntnis zu einer Zukunft, die für viele Millionen in der Verwurzelung im altneuen Lande liegt und für das ganze Volk in einem Zentrum originaler Wesensart und in der Auswirkung der Schöpfungen liegen wird, die aus der Verwurzelung mit der alten Heimatserde für das Volk erstehen und für die Welt zur Bereicherung der menschlichen Kultur beitragen werden.
[b|Dr. Markus Krämer[/b]

(350717w1)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Dreyfus


Marseillaise statt Schlachtruf [S. 1, oben, rechts]
Der vielgefürchtete 14. Juli, der französische Nationalfeiertag, ist in mustergültigster Ruhe verlaufen. Vergeblich hat die Welt am Abend des kritischen Tages in die Lautsprecher gehorcht, vergeblich am nächsten Tag in den Zeitungen die Berichte über blutige Zusammenstöße und Tausende von Toten gesucht; auf der Place de la Republique hat das Volk von Paris am 14. Juli nicht im Bruderblut gewatet, sondern getanzt und die Marseillaise gesungen. Und die festliche Stimmung wurde nicht dadurch getrübt, daß neben der Nationalflagge die roten Fahnen mit Sichel und Hammer und Sowjetstern wehten, daß sich in die Klänge der Nationalhymne hie und da auch der Rhythmus der Internationale mengte. Von den Radikalsozialisten und der Bourgeoisie bis zu den Kommunisten war das französische Volk an diesem Tage ein geschlossenes Ganzes. Kein Schlachtruf ertönte und kein Revolverschuß knallte, das Volk von Paris sang die Marseillaise ...

Nicht nur die Tatsache, daß dieser Tag, an dem man blutige Ereignisse befürchtete, in glänzendster Ruhe verlaufen ist, sondern auch der Beweis, den unsere große Schwesternation für Ihre Disziplin und Kultur wieder einmal erbracht hat, bietet allen, die sich dem französischen Volke bluts- und seelenverwandt fühlen, restlose Genugtuung. Die Verantwortlichen für die Geschicke der Nation hatten alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen, Militär und Polizei war aufgeboten worden - aber nirgends bot sich ein Anlaß zum einschreiten, die Männer und Frauen, die an diesem Tage nichts kannten als ihre Zugehörigkeit zur großen französischen Nation, zogen es vor, Arm in Arm durch die Straßen und Boulevards zu tanzen als einander das Messer in die Brust zu stoßen und das Straßenpflaster mit ihrem Blut zu tränken.

In dieser politisch hochgespannten Zeit, in diesen von inneren und äußeren Konflikten zerwühlten Tagen ist die wundervolle Disziplin des französischen Volkes von doppelter Bedeutung; von Bedeutung auch für jene Staaten, in denen die Monopolisierung des Patriotismus und dessen Verwandlung in zerstörendsten Chauvinismus gerade das Land, das diese Hypernationalisten immer wieder vor "Gefahren" retten wollen, in die größten Gefahren bringt. Die Staatsautorität in Frankreich hat an das französische Volk appelliert und das Volk hat dieser Autorität bedingungslos Folge geleistet; es galt, den Gegnern ringsum, die auf diesen Tag lauerten und schon mit innerlichem Triumph die Tausenden Toten zählten, hoffend, die Ereignisse würden auch politische Folgen zeitigen, die ihren dunklen Absichten wie Wasser auf die Mühle kämen - es galt an diesem Tage, der Welt neuerlich zu beweisen, daß der wahre Patriotismus zunächst darin besteht, die Staatsautorität zu respektieren und nichts zu tun, was das Land nach aussenhin diskreditieren und politisch und wirtschaftlich schwächen könnte.

Der 14. Juli muss und soll daher als ein Schulbeispiel für alle jene Hypernationalisten und Chauvinisten bei uns und anderwärts gelten, die ihre persönlichen und falschen politischen Ambitionen vor die Staatsinteressen setzen. Die politische Konstellation ist - und nicht seit gestern, sondern seit die Weltgeschichte präzise Daten verzeichnet - immer so gewesen, dass jedes Land und jedes Volk von Gegnern umlauert war, deren stärkster Vorteil im aufreibenden Kampfe um die Macht und Expansion noch immer die innere Zerklüftung des Gegners war. Nicht Verhetzung und Hass und sinnloser Chauvinismus und Unterdrückung ergebener Volksgenossen hat je zum Siege geführt, sondern verantwortungsbewußtes Zusammenhalten und Zusammenschliessen aller Kräfte eines Landes, ohne blinde Rassentheorien und verfolgungswahnsinnigen Hypernationalismus, der die Untertanen eines Staates gegeneinander hetzt und so die innere und die äussere Schlagkraft eines Volkes in ihrem Lebensnerv trifft. Dies sei auch in das Stammbuch unserer, alten und neuen, politischen Heroen geschrieben, die mit Schlagworten und, kranken Gehirnen entsprungenen, Theorien und Programmen ihr Vaterland in den Abgrund stürzen wollen.
Der 14. Juli hat wieder einmal die Wahrheit des Wortes erwiesen: La France marche a la tete de la civilisation.
Heinrich Goldmann

(350717w1)


Völkerbund und Strassenverkehr [S. 1, rechts, Mitte]
Aus Genf wird gemeldet: Das Sekretariat des Völkerbundes hat allen Mitgliedsstaaten einen Fragebogen über Lichtsignale an den Straßenkreuzzungen zugesandt. Der Fragebogen wurde auf Grund der Empfehlungen des Ständigen Ausschusses für den Straßenverkehr ausgearbeitet. Die Regierungen der Mitgliedstaaten sollen dem Völkerbund bis zum 15. September ihre Bemerkungen mitteilen, damit ehestens an eine internationale Regelung der Lichtsignale an Straßenkreuzungen geschritten werden kann.

(350717w1)


Zum Tode Alfred Dreyfus' [S.1, unten, rechts]
Der Tod Alfred Dreyfus', mit dessen Namen die Erinnerung an einen atemraubenden Kampf in der Welt der Geister wachgerufen wird, ist Gegenstand von Besprechungen in der gesamten, auch der rumänischen Presse. Im "Adevarul" behandelt Th. Branisteanu das Thema vom Gesichtspunkte des Kampfes um Freiheit und Recht, im "Curentul" weist Pamfil Seicaru auf die unerhörte Solidarität des Judentums hin, welches es verstanden hat, auch durch Geldmittel und mit Hilfe der Freimaurerlogen eine Bewegung zu entfachen, die die Einheit des französischen Volkes bedrohte. So sieht jeder durch seine Brille und das Weltbild färbt sich auf dem Hintergrunde ab, den die eigene Weltanschauung bildet.

(350717w1)


Seite 2

Das Fotografieren [S. 2, Mitte, unten]
auf der Strasse untersagt

Wir erhalten vom Arbeitsinspektorat folgende Zuschrift:

Es wird zur Kenntnis gebracht, daß durch Ministerialerlaß Nr. 21500 1935 das Fotografieren auf der Straße sowohl den Fotografen als auch den Amateuren untersagt ist.

In diesem Sinne werden auch die Polizeistellen angewiesen, gegen Zuwiderhandelnde einzuschreiten.

(350717r2)


Seite 3

Ein Zehnjahresplan für Moskau [S. 3, rechts, oben]
Moskau, 16. Juli. Der Zentralausschuß der Kommunistischen Partei hat gemeinsam mit dem Rat der Volkskommissäre einen Zehnjahresplan für die Ausgestaltung Moskaus zu einer modernen Großstadt mit Lebensraum für fünf Millionen Menschen angekündigt. Das Bauprojekt, das an den gigantischen Ausbau von Paris nach 1789 durch Napoleon erinnert, will an Stelle der gegenwärtigen, unhygienischen und übervölkerten Stadt, in der fast vier Millionen in unerträglicher Enge hausen - der heutige Flächenraum der Stadt beträgt nur 28.500 Hektar -, eine neue Metropole von 60.000 Hektar Umfang errichten.

Dies soll durch Erweiterung der Stadt in der Richtung nach den Leninhügeln und nach dem Flughafen Kunzewo an der Moskwa geschehen, wo 15 Millionen Kubikmeter neuen Wohnraumes zu schaffen sind, darunter 2.500 Neubaublocks mit 6-14 Stockwerken. Gebäude und Plätze von historischem Interesse sollen erhalten bleiben; die Vergrößerung des "Roten Platzes" um das Doppelte ist vorgesehen.

Gegenüber der alten "Chinesenstadt" soll sich ein riesiger Gebäudekomplex für das Kommissariat der Schwerindustrie erheben; die Wohnhäuser der Innenstadt sollen völlig verschwinden, um Ministerien Platz zu machen. Ausserdem ist die Anlage von 10 neuen Lichtspieltheatern, neun Warenhäusern, ausgedehnten Parks und weiten Boulevards, Kindergärten und schließlich sechs Hotels für 6.000 Gäste vorgesehen. Nebenbei sieht das Programm die Modernisierung der Wasser- und Luftversorgung sowie der Kanalisierung vor.

(350717w3)


Seite 4

Der Vertreter der Jewish Agency in Cernauti [S. 4, Mitte]
(Presseempfang bei Dr. Werner Senator)

Bekanntlich findet Dienstag, den 16. d. M. die Versammlung der Delegierten der Kerenhayessod-Zahler statt, welche den Delegierten des nichtzionistischen Teiles der Jewish Agency für den für den 3. September l. J. nach Luzern einberufenen Council zu wählen haben. Auch die Vertreter der jüdischen Gemeinden der Bukowina nehmen an dieser Wahl teil.

Als einziger Kandidat ist das bisherige Mitglied des Administrativ-Komitees der Jewish Agency, Generalrat Max R. v. Anhauch nominiert, als dessen Ersatzmann Herr Spitalsdirektor Dr. Josef Ohrnstein fungieren wird. Aus Anlaß dieser Wahl wurde das Mitglied der Exekutive, Herr Dr. Werner Senator nach Cernauti entsendet, welcher vorher auch andere europäische Länder aus Anlaß der bevorstehenden Council Tagung besucht hat.

Herr Dr. Senator, eine äußerst sympathische Erscheinung der jüngeren Führergeneration im Zionismus, ein eifriger Verfechter des Gedankens der Zusammenarbeit von Zionisten und Nichtzionisten am Palästina-Aufbau, empfing gestern nachmittags in der Halle des Palace-Hotels die Vertreter der Cernautier Presse, welchen er ein lichtvolles Exposee über Aufgaben und Pläne der Agency erstattete. An der Konferenz nahmen der Präsident der Zionistischen Landesorganisation Dr. Mayer Ebner und der Präsident der Stadtorganisation der Allgem. Zionisten Dr. M. Krämer mit den Vizepräsidenten M. Gold und S. Eisenberg teil. Man gewann hiebei einen klaren Einblick in das Wesen dieser Körperschaft und konnte interessante Details über den Aufbau Palästinas erfahren. Auf die gerade stattgefundenen Wahlen zum 19. Zionistenkongreß zu sprechen kommend, unterstrich Dr. Senator die Bedeutung von einer Million Schekelzahlern und dieser großen Demonstration des Judentumes, bemerkte aber, daß eine noch so große Zahl von Wählern noch nicht bedeute, daß sie Verpflichtungen zur Mitwirkung am Aufbauwerke übernehmen. Die Pflichten müssen auf alle Juden gelegt werden, die in der Agency eine Plattform gefunden haben.

Auf Grund interessanter Fragestellungen seitens der Pressevertreter entwickelte sich eine Diskussion über die Araberfrage, Transjordanien, die politische Lage Palästinas, Reform des Kongreßwahlrechtes u. a. Man erfuhr, daß die zionistische Exekutive tatsächlich eine Reform des als unzeitgemäß erscheinenden Kongreßwahlrechtes plane. Zur Frage der Einführung des Parlamentes in Palästina, des sog. Legislative Council, konnte Dr. Senator beruhigende Aufklärungen geben.

Ingenieur Zwilling, der Vizepräsident des Keren Hayessod, der als Einberufer der Konferenz gezeichnet hat, schloß mit einem Dank an den Referenten die Pressekonferenz.

(350717c4)
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http://www.jewishvirtuallibrary.org/jso ... 18024.html


Aus Anlass des Todes des Divisionsgenerals Eduard de Vetsey [S. 4, rechts, unten]
spendete Herr Max Ritter von Anhauch der Primaria Cernauti 500 Lei als Kranzablöse für Stadtarme. Für diese grosszügige Spende übermittelt die Primaria Herrn Max Ritter von Anhauch den aufrichtigsten Dank.

(350717t4)
Klaus Binder
 
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Nr. 963, Donnerstag, 18.07.35

Postby Klaus Binder on 18. July 2013, 00:01

Seite 1

Leitartikel
Wenigstens eine Schlacht ... [S. 1, oben, links]
Die von Tag zu Tag zunehmende Verschärfung des italienisch-abessinischen Konfliktes und das abessinische Problem überhaupt haben den politisch-interessierten Beobachter schon seit einiger Zeit veranlaßt, sich nicht nur mit der politischen, sondern auch mit der wirtschaftlichen und geographischen Situation dieses, dem Europäer bisher sehr unbekannten Landes vertrauter zu machen. Die einschlägige Literatur läßt die italienischen Aspirationen in Abessinien sehr bald verständlich erschienen.

Abessinien mißt 1.149.000 Quadratkilometer, daher etwa drei Mal soviel als Italien; hingegen beträgt die Bevölkerungsziffer Abessiniens etwa ein Sechstel der Ziffer Italiens. Parallel mit dem Wunsch Mussolinis, der Arbeitslosigkeit in dem nicht weniger als die anderen europäischen Staaten bedrängten Italien durch Expansion in den riesigen Gebieten Aethiopiens zu steuern, läuft die wirtschaftlich zwingende Notwendigkeit, dem italienischen Mangel an Rohprodukten durch Eroberung des an Rohprodukten immens reichen Abessinien abzuhelfen. Diese ungeheueren Reichtümer sind nahezu völlig unausgenützt. Kaffee - der besser sein soll als jener von San Domingo oder Portorica - Weizen, Taff (eine Reisart), fetthaltiger Sorgo, eine proteinreiche Getreideart, Dagussa, ein schwarzes Getreide, Baumwolle, Tabak, Zitronen und Orangen, Gemüsearten, Gummiarabikum, medizinische Pflanzen etc., ferner eine für die zootechnische Industrie wundervoll geeignete Tierwelt, sowie Metalle und Edelmetalle machen dieses Land zweifellos zu einer begehrenswerten Beute, auf die Mussolini nun sein Auge geworfen hat.

Das ist im großen Ganzen das wirtschaftliche Interesse, das Italien an der Unterwerfung Abessiniens nimmt. Aber der Duce hat ein nicht minder starkes politisches Interesse daran, das reiche Abessinien unter die faszistische Botmäßigkeit zu bringen. Denn der Faszismus in Italien trägt, wie jede Diktatur, das Stigma der Mangelhaftigkeit und Gewalt auf der Stirne, Mangelhaftigkeit und Gewalt aber sind Fehler, die das Volk stutzig und sehr bald unzufrieden machen und es auf sich selbst besinnen lassen. Schon lange machen sich in Italien unterirdische Strömungen bemerkbar, von eiserner Faust und abolutistischer Strenge in Schach gehalten, Strömungen, die vielleicht nicht das Ausmaß der feindlichen Bewegungen im Reiche der Hitlerdiktatur erreichen, die aber jedenfalls vorhanden sind. Wohl jubelt das Volk dem Duce noch zu, wohl vergöttert es seinen Führer und unterwirft sich seiner machtvollen Persönlichkeit; aber wie der Schauspieler, der auf der Bühne immer wieder Pathos und Pose aufwenden und immer wieder Höchstleistungen vollbringen muß, um neue Erfolge zu erringen und den alten Ruf zu wahren: so muß der römische Diktator wieder einmal eine Tat vollbringen, um dem auffrischungsbedürftigen Faszismus neue Lebenssäfte zuzuführen und das italienische Volk zu überzeugen, daß nur der Faszismus alleinseligmachend ist.

Diesmal wird es der Feldzug gegen Abessinien zu beweisen haben. Das Klima in diesem Lande läßt das Märchen vom ewigen Frühling zur Wahrheit werden: ein ewig blauer Himmel deckt das weite Territorium, ein paradiesischer Windhauch temperiert die Wärme der Sonne, keine Schiffe platzen mit ihrer Zivilisationsflagge in die Stille dieser Naturschönheit hinein: hier, auf diesem gesegneten Flecken Erde, muß und wird Mussolini seine Diktatur festigen.

Die Zuspitzung des italienisch-abessinischen Konfliktes läßt keine gütliche Einigung mehr erhoffen; zehn Divisionen hat Mussolini für die afrikanische Expedition mobilisiert, wenigstens 180.000 Menschen stehen ihm für den "Prestigekampf" zur Verfügung. In ganz Italien wurde gestern ein offizielles Kommunique affichiert, in dem die Mobilmachung der zehn Divisionen verkündet wird. Genug Menschen, um die reine Luft mit dem Wehgeschrei der Verwundeten und Sterbenden zu füllen, genug Waffen, um die Bergwände Abessiniens unterm Kanonendonner erzittern zu machen, und soviel Erde, um es mit Menschenblut zu tränken!

Während die Großmächte ohnmächtig nach einer Form und Möglichkeit suchen, um den Konflikt beizulegen, weiß man es in Rom schon ganz genau, daß Mussolini fest entschlossen ist, seine Truppen wenigstens eine Schlacht schlagen zu lassen. Der Duce hofft, wie die Meldungen besagen, daß diese Schlacht einen glänzenden Sieg bringen und in ganz Italien gefeiert werden wird, ein Sieg, der Mussolini noch fester in den Sattel seiner diktatorischen Majestät heben und den Faszismus von neuem glorifizieren wird.

Daß Tausende von Menschen daran werden glauben müssen, wird den Gang der Geschichte nicht beeinflussen ...
Heinrich Goldmann

(350718w1)
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https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserreich_Abessinien


Seite 2

Fräulein Rosa Winkler, [S. 2, links, unten]
Tochter des Kaufmannes Aron Winkler aus Cernauti, wurde an der Pariser Universität am 8. Juli zum Doktor der gesamten Heilkunde mit dem Vermerk "Tres honorable" promoviert.

(350718i2)


Seite 4

Die Spielhöllen zahlen keine Steuern [S. 4, links, oben]
Ein aufsehenerregender Artikel in den "Zorile"

Die hauptstädtische Zeitung "Zorile" schreibt unter dem Datum vom 18. d. M.:
Das Jahr 1935 ist für die Steuerzahler des ganzen Landes ein Jahr der wahren Vernichtung. Es gibt kein Haus, kein Stückchen Boden, keinen Handwerker oder verbitterten Fabriksarbeiter, die nicht den schrecklichen Steuerterror kennengelernt hätten. Aber mitten in dieser riesigen Katastrophe, die den Anblick des stets heiteren und sonnigen Landes verwandelt hat in ein Jammertal, haben einzig und allein die Spielhöllen der Hauptstadt, unter der Patronanz des Polizeipräfekten Marinescu, einer bis aufs Blut revoltierenden Duldung begegnet. Was den öffentlichen Wohlfahrtsinstituten und den Spitälern, den Kultusgemeinden und den Schulen, was dem unglücklichen, hungernden Handwerker nicht gestattet wurde - das wurde mit freigiebiger Hand jenen verbrecherischen Spelunken gewährt, in denen soviele Leben zerstört und soviele Seelen vernichtet wurden.

Wie schon einmal berichtet, kamen am 11. Juli die Steueragenten mit der ganzen Steuergarnitur: Trommel Bajonette, Register usw. in einen bekannten Spielklub den Eigentümer der Spelunke, der ihnen erklärte, er habe kein Geld und könne nicht zahlen. Mit einem unvergleichlich verächtlichen Lächeln rief der Inhaber sofort das Kabinett des Polizeipräfekten Marinescu an, den er um Hilfe gegen die Vertreter des Gesetzes anging.

Als wäre die Rede einer grossen Katastrophe gewesen, von einem Brand oder einem Attentat, so schwang sich der Polizeipräfekt in ein Auto und raste zum Spielklub. Kein anderer Polizeipräfekt hätte den Gang der Dinge aufhalten können, aber die "Mystik" Marinescus, die ihm den Glorienschein eines Allmächtigen verleiht, bewirkte es, dass sich die Fiscalagenten furchtsam zurückzogen und die Exekution Exekution sein liessen.

Warum ist nicht auch die unglückliche, arme Schneiderin aus der Vorstadt der Protektion des Herrn Polizeipräfekten teilhaftig geworden, die, von ihrem Mann verlassen, mit einem kleinen Kind in der furchtbaren Einöde ihres Lebens vegetiert, als man ihr das Letzte, das ihr ein Stück Brot verschaffte, hinaustrug: ihre Nähmaschine? Warum stand nicht der Schatten des schützenden Polizeipräfekten hinter dem armen Alten Ioan, dem man seinen Stolz und seine einzige Erwerbsquelle pfändete: die Kuh und den Pflug - für 2000 Lei Steuerschuld?

Der noble Spielklub funktionierte unter dem Schutz des Polizeipräfekten weiter als gestern, um 10 Uhr vormittags, die Steuerbrigade wieder an die Pforte der Spielhölle pochte. Es kamen der Steuerinspektor Stanciulescu und Gheorgiu in Begleitung von drei Gendarmen und des unvermeidlichen Trommlers. Wie auch das letzte Mal, stürzte einer der Klubverwalter ans Telephon und rief den Polizeipräfekten an. Das Spiel wiederholte sich in der gleichen Form: nach einigen Minuten verliessen die Agenten den Klub mit der vagen Versicherung, die sie erhalten hatten, dass bis zum Nachmittag des gleichen Tages 50.000 Lei als Teilzahlung erlegt werden würden. Es ist sicher, dass kein Steuerzahler Rumäniens derartige Stundungen erhalten hätte, denn es gibt keinen Aufschub, wenn nicht wenigstens ein Drittel der Steuerschuld, das wären in diesem Falle 160.000 Lei bezahlt wird. Aber der noble Spielklub hat nicht nur nicht ein Drittel, sondern auch die 50.000 Lei nicht bezahlt.

Hier aber erfolgt erst die grosse Sensation: Gestern nachmittags lief im Steueramt, in welchem die Spielhölle 50.000 Lei zu bezahlen hatte, ein Schreiben des Finanzministeriums ein, mittels welchem dem noblen Spielklub ein neuerlicher Zahlungsaufschub gewährt wird.

Und um die gleiche Zeit streichen um die Mauern des Finanzministeriums alle die zerstörten Existenzen umher: arme Bauern, die Zahlungsaufschub bis zur neuen Ernte erbetteln wollen, Arbeiter, Kaufleute, Angestellte, alle mit den verhängnisvollen roten Zetteln in den Taschen; sie streichen in den Korridoren des Ministeriums umher, aber sie werden nicht vorgelassen - ja, wenn sie den Polizeipräfekten Marinescu ans Telefon rufen könnten, wie der Spielklubbesitzer!

Aber sie können nicht ...

(350718r4)


Profanierung des christlichen Friedhofes [S. 4, unten, links]
Die Verwaltung des christlichen Friedhofes konnte in der letzten Zeit feststellen, daß verschiedene Pärchen durch intime Zusammenkünfte am Zentralfriedhof diese Stätte profanieren. Die Primaria gibt bekannt, daß alle jene, welche sich dieses Vergehen zuschulden kommen lassen, ohne weiteres der Staatsanwaltschaft überstellt werden.

(350718c4)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Profanierung


Namensänderung [S. 4, unten, Mitte]
Dem Justizministerium sind eine Reihe von Ansuchen um Namensänderung überreicht worden. Darunter befinden sich auch folgende Ansuchen: A. David Grünberg will seinen Namen in Alerandru D. Gorun umändern, Alfred Josif Bercovici in Alfred Bradescu, B. S. Berger-Löbel in Bruno Bran, Jacon Hendler in J. Florescu, Jose J. Goldstein in J. Goldesteanu, Pincas D. Margulies in Marius Miteanu, C. Jonas Taubmann in Carol Toma, Gherson S. Goldstein in G. Claudian und Avrum J. Schmil in A. Marcovici.

(350718i4)
Klaus Binder
 
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Nr. 964, Freitag, 19.07.35

Postby Klaus Binder on 19. July 2013, 01:06

Seite 2

Notschrei aus Jucica [S. 2, links, oben]
Eine interessante Zuschrift an den "Tag"

Wir erhalten folgende Zuschrift, der wir umso eher gerne Raum geben, als sie auf verschiedene Missstände treffend hinweist:

"Sehr geehrter Herr Redakteur! Erlauben Sie mir zunächst, dass ich Ihnen herzlichst zum Wiedererscheinen des "Tag" gratulieren, es war mir und vielen anderen wirklich eine Freude, den "Tag" wiederzusehen. Ich bin - das muss ich betonen - ein Siebenbürger und an gute Zeitungen gewöhnt. Dennoch muss ich feststellen, dass der "Tag" die einzige Zeitung in Cernauti ist, die man noch lesen kann. Sie haben noch den Mut, hie und da über Dinge zu schreiben, über die die andern schweigen.

Ihr Artikel über die Wassermisere war vortrefflich. Wirklich, man findet nirgends eine solche Wassermisere wie hier. Es ist ganz unerhört, dass es von 10 Uhr abends bis 6 Uhr früh und von 1 Uhr mittags bis 6 Uhr abends in vielen Häusern kein Wasser gibt; im II. Stock ist die Einteilung anders, und am III. Stock wieder ganz anders.

Die Strassenbahn ist unmodern, schmalspurig, die Schienen nicht zusammengelötet, so dass die Wagen schleudern, es braucht wirklich starke Nerven, um eine solche Fahrt mitzumachen. Aber hat man schon je einen Bürgermeister oder Stadtrat in der Tramway gesehen?

Die Strassenpflasterung in Cernauti ist eine Spezialität. Nebengassen kennen überhaupt keine Pflege und Pflasterung. So eine Gasse nach zweitägigem Regen zu passieren, ist wirklich ein Hauptvergnügen! In Siebenbürgen werden alle Strassen - nicht nur die Trottoirs - asphaltiert.

Ihr Artikel über den Petermarkt ist herrlich, aber noch viel zu wenig. Städte, wie Timisoara, Arad u. a. arrangieren Mustermessen nach echt westlichem Stil, in Cernauti stellt man ein paar Buden auf und dazu gratuliert man noch und findet Worte voll des Lobes. Bloß die Industrieausstellung war sehr schön, aber viel zu klein; und wer hat sie sich schon angesehen?

Ich bitte Sie sehr, etwas über die Pflasterung in Jucica zu schreiben. Das müßten Sie sich ansehen! Die Straße ist ständig zum Teile gesperrt. Wie sollen die Fabriken, Depots etc. eigentlich ihre Waren hereinbekommen? Sechs Tage war die Brücke gesperrt. Ueber welche Verbindung gelangt man also nach Jucica? Ueber Mahala-Horecea? Mein Wagen fuhr neulich um 3 Uhr früh weg und kam um 6 Uhr abends zurück. Sind solche Zustände haltbar? Kann man so Ware liefern? Dann war der Weg Mosi - Kreuzung Sadaguraerstraße zwei Wochen gesperrt und jetzt fängt man an, die Strecke Brücke - Mühle Fränkel zu pflastern. Wird man die Brücke wieder für zwei Wochen sperren? Kann ich meinen Kunden in Cernauti sagen, daß ich die Ware erst in 2-3 Wochen liefern kann? Der Kunde wird natürlich sofort bei der Konkurrenz kaufen. Auf diese Weise werden die Unternehmungen in Jucica - es sind 8-10 Fabriken und viele Holz- und Petroleumdepots - zugrundegerichtet. Als man beim Chefingenieur für Straßenwesen reklamierte, erwiderte er der Deputation: "Schmiert Euch den Kopf, kauft Euch ein Flugzeug und Transport die Waren per Avion!"

Was würde der Herr Arbeitsminister sagen, wenn alle Unternehmungen in Jucica für 2 Wochen den Betrieb schließen werden? Und die Arbeiter entlassen? Hunderte von Arbeitern würden brotlos werden. Das ist also die "Förderung der einheimischen Industrie"! Ist es nicht möglich, die Straßen so zu pflastern, daß man die Kommunikationswege nicht absperrt? In Siebenbürgen werden die Straßen nachts gepflastert, da geht die Arbeit auch viel besser und rascher vor sich als tagsüber in der Sommerhitze.

Ich bin sicher, daß Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, sich unserer annehmen werden und grüße Sie mit dem Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung.
N. K."

(350719c2 )


Werbung * Ankündigung
Kinder-Erholungsheim Dr. Hacken [S. 2, rechts, oben]
Vijnicioara (Viczenka)

Ideales Höhenklima. - Komfortabelster Aufenthalt. 5 Mahlzeiten täglich. Spezialbehandlung für schlechte Esser. Fachärztliche Beobachtung u. pädagogische Beaufsichtigung. - Mässige Preise. - Prospekte auf Wunsch. - Beginn: 15. Juni 1935

Anmeldungen und Informationen:

Kinderarzt Dr. Emanuel Hacken
Cernauti, str. Eminescu 11a - Tel. 1092
täglich von 10-12 vorm. und 4-6 nachm.

(350719i2)
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• Es scheint sich um den hier erwähnten Emanuel Hacken zu handeln:
Vera Hacken: Kinder- und Jugenjahre mit Elieser Steinbarg (pdf)



Seite 4

Die Tragödie der Frankfurter Juden [S. 4, oben, Mitte]
Auch in Berlin ständig wachsender Antisemitismus

Paris, 18. Das "Pariser Tageblatt" meldet:
Der Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der soeben von einem Besuch der Stadt Frankfurt a. M. hierher zurückgekehrt ist, teilt im folgenden seine in dieser Stadt empfangenen Eindrücke mit:

In den letzten 6 Monaten, in denen der Einfluß Julius Streichers in Frankfurt a. M. stärker spürbar geworden ist, hat sich die Lage der Juden sogar schlimmer gestaltet als die der Juden in Streichers Feste Nürnberg. Quer über allen Hauptverkehrsstraßen sind Transparente gespannt mit Riesenaufschriften: "Juden sind keine Volksgenossen." "Die Juden müssen aus Frankfurt heraus." "Frankfurt ist eine deutsche Stadt." u. s. w.

Der systematisch ausgeübte Druck zur Anbringung des Schildes "Deutsches Geschäft" seitens arischer Firmen hat den Erfolg gehabt, daß bisher 90 Prozent aller arischen Geschäfte solche Schilder sichtbar angebracht haben. Bei den wenigen arischen Geschäften, die das nicht taten, handelt es sich um solche, die in Stadtteilen mit dichter jüdischer Bevölkerung gelegen sind und auf jüdische Kundschaft reflektieren.

Die meisten Restaurants und Cafes haben an den Eingängen Schilder angebracht mit Aufschriften wie "Juden, die dieses Lokal betreten, werden hinausgeworfen." "Juden werden hier nicht hereingelassen", "Juden sind hier unerwünscht", "Hier werden Juden nicht bedient". Ein Cafe, das einem früheren fortschrittlichen Abgeordneten gehört, der sich zuweilen auch jetzt für Juden einsetzt, wurde kürzlich an einem Abend von mit Lastwagen eingetroffenen SA.-Leuten umringt, die eine volle Stunde lang "Wenn's Judenblut vom Messer spritzt" sangen und im Sprechchor Judenhetzerische Losungen ausriefen.

Die geschäftlichen Aspekte für die Juden Frankfurts werden immer düsterer. Die meisten jüdischen Ladeninhaber bringen nicht mehr das Existenzminimum auf. Infolge des Terrors wagen die Kaufwilligen nicht mehr jüdische Läden zu betreten. Der katholische Bevölkerungsteil ist gegen die Judenverfolgungen, auch unter den Protestanten werden schüchterne Einwendungen laut. Die Jugend aber läßt sich im allgemeinen von der antisemitischen Welle mittragen. Niemand wagt es, offen seine Stimme zugunsten der verfolgten Juden zu erheben.

Berlin, 17. Juli. Der Antisemitismus entwickelt in Berlin eine Stoßkraft, die sich von Tag zu Tag zu verstärken scheint. In Neukölln und anderen Quartieren im Osten und Südosten Berlins wiederholen sich kleinere Zwischenfälle, Zusammenrottungen und Steinwürfe gegen Schaufenster jüdischer Geschäfte.

In der Nähe des Alexanderplatzes herrscht in den Abendstunden ein geschäftiges Treiben von Hitlerjungen. Passanten, deren Aussehen als nicht rein arisch taxiert wird, erhalten Zettel in die Hand gedrückt mit der Aufforderung, sich nach zehn Uhr abends nicht mehr außerhalb ihrer Wohnungen blicken zu lassen, wenn sie keine Prügel riskieren wollen. In den westlichen Vierteln ist außer den Plakaten des "Stürmer", die allerdings immer häufiger und blutrünstiger werden, nichts Auffälliges zu bemerken. Am Kurfürstendamm und an der Tauentzienstraße wo die ausländischen Registermarkreisenden spazieren gehen und die Schaufenster der dort besonders zahlreichen jüdischen Kaufläden betrachten, ist dafür gesorgt, daß der Verkehr seinen normalen Gang nimmt.

Ein "Halbarier" klagt
Köln, 17. Juli. Vor dem Arbeitsgericht Köln klagte ein Halbarier auf Widerruf der gegen ihn ausgesprochenen Kündigung. Er begründete seinen Einspruch mit der Bemerkung, daß seine Eigenschaft als Halbarier kein Grund zur Kündigung sein könne, nachdem das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht die Möglichkeit der Zulassung der Halbarier zum Heeres- und Arbeitsdienst ausdrücklich vorsehe.

Der Vertreter des beklagten Unternehmens wandte ein, daß der Geschäftsrückgang die Kündigung einer Reihe Angestellter notwendig mache, und da habe man entsprechend der nationalsozialistischen Auffassung mit der Entlassung der Nicht- und Halbarier begonnen. Das Gericht schloß sich diesem Standpunkt an. Man könne dem Beklagten nicht zumuten, einen Arier zu kündigen, solange noch ein Nicht- oder Halbarier im Geschäft tätig sei.

(350719w4)


Urteile mit Musikbegleitung [S. 4, rechts, unten]
Bucuresti, 17. Juli. Fünfzig Kilometer von Bucuresti entfernt befindet sich eine Zigeunerrepublik. Es handelt sich um das Dorf Fantanele, dessen Einwohner fast alle das gleiche Handwerk ausüben, nämlich das des Musikers. Sechs Tage in der Woche ist das Dorf allein den Frauen überlassen. Am Freitag Morgen gehen die Männer nach Bucuresti und in die benachbarten Orte, um dort ihre Melodien zum besten zu geben, die sehnsüchtig und leidenschaftlich zugleich sind. Am Mittwoch abends kommen sie zurück, die Taschen mit Münzen gefüllt, die sie mit ihrem Talent verdient haben. Diese merkwürdige Republik wird von einer Art Senat regiert; der Senatsälteste, ein Greis von 99 Jahren, gibt die Verordnungen heraus, die für die Aufrechterhaltung der Ordnung nötig sind. Urteile, so wird erzählt, werden mit Musikbegleitung gefällt und diese gehört auch sonst zu allen Ereignissen des öffentlichen und privaten Lebens. Mit Musik lebt man, liebt man und stirbt man. Wenn ein Einwohner von Fantanele seinen letzten Seufzer aushaucht, begleitet ihn der ganze Zigeunerstamm auf seinem letzten Gang und spielt all die Weisen, die er bei Lebzeiten am meisten liebte.

(350719r4)
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http://adevarul.ro/news/societate/Tigan ... index.html
Klaus Binder
 
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Nr. 965, Samstag, 20.07.35

Postby Klaus Binder on 20. July 2013, 00:20

Seite 1

Leitartikel
Das Haus der Nationen [S. 1, links, oben]
Der neue Völkerbundpalast geht seiner Fertigstellung entgegen und am 1. Jänner 1936 dürften die Büros des Völkerbundes dort untergebracht werden. Man kann nicht umhin, diese Meldung mit schmerzlicher Ironie aufzunehmen.

Die Institution des Völkerbundes, vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Gvodrow Wilson geschaffen, hat seine hohe Mission bisher nicht erfüllt. Vergeblich haben Friedensfanatiker wie Aristide Briand im Hause der Nationen für Freiheit und Frieden, für Gleichheit und Brüderlichkeit der Völker untereinander gefochten und in zündenden Reden auf die entscheidende, ausschlaggebende Bedeutung hingewiesen, die dem Völkerbund hätte zukommen sollen und müssen.

Aber es wär' zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein. Die Welt ist heute weniger befriedet, weniger ruhevoll und ausgeglichen als je vor der Schaffung des Völkerbunds. Die Führer und Vertreter der Staaten haben einander nicht verstanden und nicht verstehen wollen; sie haben aneinander vorbeigeredet und so die Energie und Schlagkraft der Institution, die berufen war, die Völker zu versöhnen und eine bessere Zeit zu inaugurieren, gehemmt, geschwächt und zuletzt zu einer Farce gemacht, die sich vergeblich bemüht, durch gewichtige fakultative Gutachten, wertlose Urteile und Verurteilungen und Austausch diplomatischer Konventionen den Anschein zu erwecken, als käme ihr noch eine Bedeutung zu.

Wer geglaubt hat, der Weltkrieg und seine zehn Millionen sinnlos geopferter Menschen würden den Völkern und ihren Lenkern ein lehrreiches und zugleich warnendes Beispiel sein, hat einsehen müssen, dass der erschütternde, aus voller Brust sovieler Millionen Menschen kommende Ruf: "Nie wieder Krieg!" ein frommer, aber aussichtsloser Wunsch sein muss, weil die einzige Institution, die ihn zu verwirklichen berufen war, der Völkerbund, ihn sich nicht zu eigen gemacht oder ihn zumindest nicht mit der nötigen Energie, mit dem unerlässlichen Feuereifer verteidigt hat. Denn was nützen alle Friedensreden und rhetorischen oder diplomatischen Schachzüge, wenn weder Mut noch ernstlicher Wille, weder der Nachdruck drohender Sanktionen noch das eiserne Nein einer um jeden Preis zum Frieden entschlossenen Völkervertretung jenen Kriegshetzern entgegentreten konnte, die heute die Welt in neue Gefahren, in neue Schrecken, in neue Butopferungen zu stürzen im Begriffe sind! In der Welt der grünen Tische löst man die Probleme am leichtesten, indem man ihnen aus dem Wege geht; die Abrüstungskonferenzen brachten wahnsinnige Aufrüstung, die Friedenskonferenzen brachten Konflikte und an Schärfe täglich zunehmende Spannungen, die Weltwirtschaftskonferenzen haben das Elend u. den Jammer dieser Welt um nichts gemildert - und heute, da internationale Geschehnisse ersten Ranges nach Lösung vor einem hohen Weltforum schreien, erweist sich erst die ganze Schwäche und Ohnmacht dieses Völkerbundes: Wenn Japan China, Deutschland Oesterreich oder Italien Abessinien annektieren wollen, so werden sie annektieren, und kein Völkerbund wird die eroberungsdurstigen Staaten daran hindern können. Wie lächerlich und nichtssagend das Spiel geworden ist, daß dieser Völkerbund fast ausgespielt hat, erhellt am besten aus der Tatsache, daß er sich nun ernstlich mit dem italienisch-abessinischen Konflikt befassen, also eingreifen will - aber worin besteht diese plötzliche Völkerbundinitiative? Ein Genfer Telegramm schafft Klarheit: die Großmächte, die das "entscheidende" Wort haben, werden eine detaillierte Untersuchung einleiten, um festzustellen, ob Abessinien seine Verpflichtungen, die es bei Aufnahme in die Staaten-Gesellschaft eingegangen ist, erfüllt hat! Seit 15 Jahren sitzt der abessinische Vertreter in Genf neben den Vertretern so vieler Staaten, aber keinem einzigen ist es bisher eingefallen, zu fragen, ob Abessinien würdig ist, im Völkerbund Sitz und Stimme zu haben! In der großen Frage, ob Krieg geführt werden soll und darf, fangen die Staatenlenker bei den Formalitäten an, die Abessinien dem Völkerbund gegenüber erfüllt hat oder nicht!

Am 1. Jänner 1936 also werden die Männer, die das Schicksal der Völker bestimmen, in das neue Haus mit der alten Mentalität einziehen. Das Gebäude wird gewechselt statt des Geistes, der im alten, verstaubten und luftdicht abgeschlossenen Hause regierte. Aber noch ist es Zeit, die alten Fehler gutzumachen und statt ihrer Taten zu setzen, die dem Gang der Geschichte eine andere, bessere Wendung geben, als die bisherige Tatenlosigkeit. Oder werden sich die Mitglieder des Völkerbunds im neuen Palais wieder aufs Ohr legen und träumen, bis der unbekannte Soldat an das Portal des Palastes pocht, bis der Blutdurst des japanischen Imperialismus, das Säbelgerassel des Nationalsozialismus oder die Expansionsgier des Faszismus die Männer, die es "nicht gewollt haben werden", aus ihrem Dornröschenschlaf reißt?
Es wird dann zu spät sein.
Heinrich Goldmann

(350720w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Palais_des_Nations


Seite 2

Grossgrundbesitzer Karl Bilgrey zum Ehrenpräsidenten der jüdischen Gemeinde ernannt [S. 2, Mitte, rechts, oben]
Aus Vijnita wird uns gemeldet: Sonntag hielt der Rat der jüdischen Gemeinde Vijnita eine Plenarsitzung unter dem Vorsitze des Kultuspräsidenten Israel Scharfstein ab. Nach Eröffnung der Sitzung würdigte der Vorsitzende die Verdienste des Gutsbesitzers Karl Bilgrey und unterstrich seine Leistungen auf charitativem Gebiete zu Gunsten der notleidenden jüdischen Bevölkerung. Der Vorsitzende unterbreitete hierauf dem Plenum den Vorschlag, Herrn Gutsbesitzer Bilgrey zum Ehrenpräsidenten der jüdischen Kultusgemeinde zu proklamieren. Der Antrag wurde per Akklamation angenommen. Morgen wird eine Deputation des hiesigen Kultusrates dem neuen Ehrenpräsidenten das diesbezügliche Diplom überreichen.

(350720r2)


Direktor Gheorghe Bancescu ✝ [S. 2, rechts, unten]
Am 17. d. M. verschied der frühere Direktor der Regionalbank Gheorghe Bancescu. Der Verblichene, der sich nach dem Kriege der Politik zuwandte, wurde Deputierter und bemühte sich Erspriessliches für die, die in ihn das Vertrauen setzten, zu leisten. Eine besondere Charakterbildung, aufrichtige Wesensart und besonderer Pflichteifer erwarben dem Verblichenen die Sympathien aller, die ihn kännten. Der trauernden Familie wendet sich die allgemeine Teilnahme zu.

(350720t2)


Seite 4

Abrechnung mit Arnold Schwarz [S. 4, links, Mitte]
Zerstörung einer Legende

Die Redaktion des "Tag" gibt, obwohl Dr. Max Schärf seine Behauptungen in dem Artikel "Abrechnung mit Arnold Schwarz" aufrecht erhält, und auch die im "Morgenblatt" und in der "Allgemeinen Zeitung" veröffentlichen Angriffe des Herrn Schwarz berichtigt, im Nachfolgenden einer Presseberichtigung Raum, die uns Herr Arnold Schwarz zukommen liess. Die Redaktion tut dies in der Erwägung, dass sie damit eine persönliche Abrechnung u. Polemik beendet, die weder in der Oeffentlichkeit ausgetragen zu werden noch die Spalten einer Tageszeitung zu füllen hat. Zur Feststellung, wer ein Ehrenmann und wer es nicht ist, sind die Gerichte berufen, nach deren Entscheidung sich die Oeffentlichkeit richten wird.

Nachstehend die Berichtigung des Herrn Arnold Schwarz:

Cernauti, 17. Juli 1935.

An den verantwortlichen Redakteur des "Tag", Herrn Markus Linder

Ich fordere Sie hiemit auf Grund des Paragraphen 19 des Pressegesetzes auf nachstehende Berichtigung in der nächsten oder nächstnächsten Nummer des "Tag" zu dem von Ihnen auf Seite 4 der Nr. 961 am Dienstag, den 16. Juli 1935 veröffentlichten Artikel "Abrechnung mit Arnold Schwarz, Zerstörung einer Legende von Dr. Max Schärf" an derselben Stelle und mit denselben Lettern ungekürzt und ohne Zusatz zu veröffentlichen:

Es ist nicht wahr, wie es in diesem Artikel heißt, Herr Arnold Schwarz habe die Oeffentlichkeit durch mehr als drei Jahre glauben lassen, er habe den "Tag" aufgebaut. Das ist falsch: aufgebaut haben ihn die Buchdrucker und deren Organisation, die ihm Geld und Arbeitskräfte zur Verfügung stellte; wahr hingegen ist, daß ich allein der Gründer des "Tag" bin und allein die technische, redaktionelle und administrative Ausgestaltung vorgenommen habe. Die Buchdruckerorganisation hatte mir nur einen Vorschuß von Lei 10.000 bewilligt, den ich rückgezahlt habe, die Arbeitskräfte wurden nach einem von mir und der Organisation vereinbarten Schlüssel bis in die letzten Wochen, da ich den Betrieb aus der Hand geben mußte, bezahlt. Es ist nicht wahr, wie es an einer anderen Stelle heißt, daß ich eine gefälschte Bilanz vorgelegt habe, laut der ich einen Anspruch an die Buchdrucker von ca. Lei 50.000 hätte, während diese tatsächlich von ihm Lei 160.000 fordern"; wahr ist hingegen, daß die Buchdruckerorganisation niemals eine Forderung an mich oder den "Tag" von Lei 160.000 oder eine ähnliche oder wenn auch gleichhohe Forderung aufgestellt hat, ferner daß ich laut einer Verrechnung vom 14. Juni 1933 auf Grund des mit der Organisation bestehenden Vertrages eine Forderung von Lei 59.000 erhoben hatte. Trotz wiederholter Urgenzen hat die Buchdruckerorganisation dieses Schreiben nicht mehr beantwortet.

Es ist nicht wahr, daß die Beamten, Redakteure und Angestellten der Administration ohne einen Bani zu bekommen, gearbeitet hatten, wahr ist vielmehr, daß alle pünktlich ihre Bezüge, solange ich die Geschäftsführung hatte, erhielten (Beweis die Geschäftsbücher). Es ist nicht wahr, daß Daniel Nußbaum 50.000 Lei beim "Tag" verloren hat, wahr ist hingegen, daß Nußbaum lange vor Vertragsschluß Rückerstattung seiner Kaution mit der Begründung verlangte, daß er nach Amerika rückkehren wolle und ich ihm durch vorzeitige Rückzahlung zur Gründung einer neuen Existenz verhelfen solle. Ich intervenierte in Bucuresti für einen Paß beim amerikanischen Konsulat, später gab ich ihm eine Empfehlung für die Erreichung einer Einreisebewilligung nach Palästina und kam mit ihm schriftlich überein, daß er als Entschädigung für die vorzeitige Entlassung auf einen Anspruch von 15.000 Lei bei sofortiger Auszahlung der restlichen Kaution verzichte. Herr Nußbaum hat mir daraufhin eine Bestätigung gegeben, in der er mir tausend Dank aussprach, daß ich ihm keine Schwierigkeiten bereitete, eine neue Existenz begründen zu können. Es ist nicht wahr, daß der Beßarabier Soibelmann bei mir 60.000 Lei verloren hat, wahr hingegen ist, daß ich besonders Entgegenkommen diesem Soibelmann beim Abschluß des Vergleiches zeigte, indem er für Verluste, die er dem Unternehmen nachweisbar beigebracht hatte und die sich bis zu einer Summe von 150.000 Lei beliefen, nur eine Entschädigung für die effektiv von ihm begangenen mutwilligen und sinnlosen Fehler leistete. Die Verhandlungen über den Ausgleich hat ausschließlich Max Schärf allein geführt. Auch dieser Soibelmann gehörte zu der Gruppe von Angestellten, die ohne jede Fähigkeiten sich um leitende Posten bewarben und dann auf diesen Posten Unmögliches leisteten. Es ist nicht wahr, daß Max Schärf als Geschäftsanteil 100.000 Lei erlegt hat. Wahr ist hingegen, wie ich nachzuweisen in der Lage bin, daß sich die 100.000 Lei aus Provisionen, Verlosungen, Gehältern etc. zusammensetzten. Es ist nicht wahr, daß ich vom Hefekartell für nicht erschienene Artikel "Lei 15.000 bekommen habe, wahr ist vielmehr, dass Artikel des Hefekartells gar nicht zu erscheinen hatten und dass auch dafür gar nicht gezahlt worden ist. Es ist nicht wahr, dass ich von einem Gutsbesitzer R. Lei 3000 genommen habe, wahr ist hingegen, dass ich niemals von einem Gutsbesitzer R. Lei 3000 erhalten habe. Es ist nicht wahr, dass ich "von einem Buffetbesitzer Lei 1000 erpresst" habe, wahr ist vielmehr, dass ein Freund des Schärf diesen Buffetbesitzer in der Zeitung anprangern wollte, ich diese Veröffentlichung, die zu Erpresserzwecken gedacht war, verhütete und dass dieser Buffetbesitzer mir hiefür schriftlich tausend Dank aussprach. Es ist nicht wahr, dass ich ordnungsgemäss meine Bezüge bis September 1935 bekommen habe, ich habe bis September 1934 erhalten, und meine Forderung beträgt aus diesem Titel heute noch ca. Lei 80.000. Es ist nicht wahr, dass für sich die "zwingende Notwendigkeit" bestanden hatte, meinem Sohn infolge angeblichen Verkaufes von Klavier, Motorrad und anderen Transaktionen, die mit dem "Tag" nichts zu tun haben, meinen Anteil zu übertragen, wahr ist vielmehr, dass solche Transaktionen Max Schärf für Netti Schärf versuchte, aus diesem Titel mich auch beredete, meinem Sohn Franz diesen Anteil zu übertragen. Es war ein effektiver Scheinvertrag, bei der Dr. Neuborn, den ich auch als Zeugen berufe, abzuschliessen. Es ist nicht wahr, dass meine geschiedene Frau Karoline Schwarz mir vor Jahresfrist Lei 100,000 geliehen hat, wahr ist, dass sie mir einen solchen Betrag oder einen anderen nicht geliehen hat.

Es ist nicht wahr, daß ich in einem Prozeß gegen Frau Karoline Schwarz als "Hauptzeuge" gegen die Frau "ausgesagt hätte", wahr ist viel mehr, dass ich als Zeuge nicht berufen wurde, da der Antrag, mich als Zeugen zu berufen, abgelehnt wurde, und ich also als Zeuge gar nicht erscheinen konnte. Es ist nicht wahr, daß Max Schärf mir Lei 10.000 beschaffen hat; wahr hingegen ist, daß mir der Tag Lei 10.000 a Cto. meiner Ansprüche ausgezahlt hat. Es ist nicht wahr, daß ich "Geldeinnahmen" vornahm; wahr hingegen ist, dass Zahlungen nur über Ueberweisung Schärf erfolgten. Es ist auch nicht wahr, dass ich allein Inkassos bei verschiedenen Firmen durchführte, wahr ist viel mehr, daß ich solche Manipulationen niemals durchführte. Es ist nicht wahr, daß das Schiedsgericht hätte zusammentreten können und daß Franz Schwarz mir die Vollmacht geben wollte, wahr hingegen ist, daß Notar Burla, der Berater meines Sohnes, mir die Vollmacht nur unter zwei Bedingungen geben wollte, und zwar 1) ich solle anerkennen, daß die Uebertragung des Anteils nicht auf Grund eines Scheinvertrages erfolgt ist, und 2) ich solle notariell erklären, daß alles, was ich im Leben noch verdienen werde, zur Hälfte dem Franz Schwarz gehört. Ich habe diese Bedingungen ablehnen müssen.

Es ist nicht wahr, daß ich von Schärf einen Gehaltsvorschuß von Lei 20.000 gefordert habe, wahr hingegen ist, daß ich a Konto meiner Rückstände vom "Tag" die Auszahlung von 20.000 Lei, die ich zur Heilung der im Dienste mir zugezogenen Krankheit notwendig hatte, forderte. Schärf hat diesen Antrag abgelehnt, auch daß ich in eine Heilanstalt komme, die "Der Tag" durch Kompensationen von Annoncen bezahlen könne.

Es ist schließlich nicht wahr, daß ich die Strafanzeige gegen Max Schärf nicht erstattet habe, wahr ist vielmehr: die Strafanzeige ist am 15. d. M. überreicht worden.
Arnold Schwarz

(350721i4)


Sensationelle Enthüllungen des Sträflings Penciu [S. 4, rechts, Mitte]
Die Mordpläne der Verbrecher auf der "schwarzen Liste"

Die vom Polizeikommissär Iuliu Popovici geleiteten Verhöre mit Penciu und seinen Komplizen führten zur Feststellung, daß die Bande auch in der Bukowina eine Reihe von Raubmorden geplant hat. Die Informatoren der Bande stellten dieser eine schwarze Liste der zu beraubenden Leute zur Verfügung, auf welcher sich die Namen des Generalrates Max Ritter von Anhauch, Dr. Fokschaner, der Witwe Buxbaum, des Hausbesitzers Simon Groß u. a. befanden.

Durch die Enthüllungen Pencius ist es auch gelungen, die in der Moldau geplanten Mordanschläge festzustellen. So planten die Banditen verbrecherische Anschläge gegen den Großindustriellen Fildermann in Bacau, gegen den Industriellen Segall in Barlad und gegen noch andere, als reich geltende Kaufleute.

Durch das rechtzeitige Eingreifen der Cernautier Polizei wurden eine ganze Reihe von Mordanschlägen vereitelt und schon begangene Morde, die teils unaufgeklärt blieben, teils anderen Verbrechern zugeschrieben wurden, ihrer restlosen Aufklärung zugeführt.

Der Mord an Rechter
Die Polizei ist augenblicklich an der restlosen Aufklärung des Mordes an dem Besitzer der Spiritusraffinerie in Jucica, Rechter, bemüht.

Im Falle als die von Penciu angegebene Mordbande den Mord an Rechter eingestehen wird, so wird das Verfahren gegen die Mokrinskibande, deren Führer zu Kerkerstrafen zwischen 10 und 18 Jahren verurteilt wurden, wieder aufgenommen werden.

(350720c4)
Klaus Binder
 
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Nr. 966, Sonntag, 21.07.35

Postby Klaus Binder on 21. July 2013, 00:09

Seite 1

Leitartikel
Rumänen u. Nichtrumänen [S. 1, oben, rechts]
Auf der freien Universität von Valeni de Munte hielt der Historiker des rumänischen Volkes, Professor Nicolae Jorga, einen von tiefer Kultur und vergeistigtem Europäertum getragenen Vortrag über "Rumänen und Nichtrumänen Rumäniens".

In seiner bekannt treffsicheren Art hielt er vernichtende Abrechnung mit der die Welt verdummenden Rassentheorie:

Es gibt keine reinen Rassen. Die Deutschen von heute wollen sich von den anderen Völkern absondern und bekunden einen außerordentlichen Haß gegen alle, die nicht germanischer Rasse sind und versuchen, einen gewissen physischen germanischen Typus zu kreieren, was eine Unmöglichkeit bedeutet. Schon die alten Griechen haben sich im Rassendünkel isoliert und wurden von den Römern aufgesaugt, welche das Rassenmoment bewußt ausgeschaltet haben und die Maxime vertraten, das Gute zu nehmen, woher es auch immer komme.

Hitler, der die Gedankenfreiheit aufgehoben hat, will jetzt die Natur zwingen, deutsche Söhne mit einer bestimmten Nase, einem bestimmten Haar, etc. zu schaffen. Das alles nur, um die Deutschen von den andern Völkern zu scheiden. Niemand wird am Urrumänentum Octavian Gogas zweifeln. Vor der deutschen Rassentheorie könnte er aber nicht bestehen, wenigstens seinen Gesichtszügen nach. Wir wollen nicht einen Typus von Rumänen schaffen mit bestimmten Gesichtszügen etc. sondern wir wollen die seelische Erziehung. Wir dürfen die Minoritätler nicht Fremde nennen, sondern Nichtrumänen, sie tragen seelisch und materiell zur Hebung unseres Landes bei und es ist uns nicht erlaubt, sie zu verletzten, wir müssen versuchen, sie in unseren Kulturkreis einzuordnen. Bei uns hat die Lehre von der Rasse nichts zu suchen!

Das sind in Kürze die edlen Gedankengänge dieser repräsentativsten Figur rumänischer Geistigkeit und wenn wir auch leider wissen, daß der Prophet in seinem Lande nicht alles gilt, so wissen wir doch die ungeahnte Kraft zu schätzten, welche in solchen in dieser Zeit als überaus mutig zu bezeichnenden Aeußerungen liegt, in ihrer Wertung sub specie aeternitatis. Als Samen, der Früchte zeitigen soll, wenn auch in einer erst herannahenden Zeit, wenn von außen hereingetragene und von Demagogen gerne verwertete Verhetzung den klaren Sinn eines demokratischen Volkes nicht mehr umnebelt. Jorgas Stellung zu den Minderheiten ist umso interessanter, als wir ihn aus der Vorkriegszeit nicht gerade als begeisterten Freund z. B. der jüdischen Minderheit kennen. Hier aber wird klar der Beweis erbracht, daß man nur höher gewertet werden kann, wenn man sich eine gewisse Achtung erringen kann. Professor Jorga kannte vor dem Kriege nur seine eigenen Juden, in ihrer großen Masse Nichtbürger seines Königreiches "Tartani" (vom Worte "Untertan", fremder Untertan) war der wenig freundliche Beiname dieser Menschen. Als aber Großrumänien erstand, mußte man sich auch zu den Juden anders stellen, die wie die andern Minderheiten auch als ethnische Eigenart gewertet werden müssen mit einem kulturellen Eigenleben. Man mußte feststellen, daß auch sie ein Recht auf ihr Dasein haben, da sie wie ihre Väter und die früheren Generationen ihre Lebenskraft in die Heimaterde versenkten, um sie zu befruchten und blühen zu lassen.

Ueber die Verlegenheit mit den Juden des Regates, die manche aus verschiedenen Gründen "Rumänen mosaischer Konfession" nennen möchten, wird der große Historiker, vor dessen durch Vertiefung in die Jahrtausende des Werdens und Vergehens geschärftem Blick Opportunismus nicht bestehen kann, doch hinwegkommen, wenn es gilt, eine historische Wahrheit aufzuzeigen.

Der Historiker Jorga, wenn auch vielleicht nicht immer der Politiker Jorga (und der Historiker ist Aufdecker und Schöpfer von Ewigkeitswerten) wird klar erkennen:

Auch die Juden, ebenso wie die anderen Minderheiten dieses Landes, sind eine ethnische Gruppe mit einem kulturellen Eigenleben, das man nicht ausrotten muss, um die seelische Vereinigung mit dem Staatsvolke herbeizuführen und es dem rumänischen Kulturkreis anzunähern. Eine gedankenlose Assimilation, unter Verleugnung der eigenen Art, könnte dazu führen, dass einmal über "Verjudung" des heiligsten Gutes geklagt werden wird, der rumänischen Kultur. Wir glauben, dass gerade der Jude, der sich der Kultur seines Volkes bewusst ist, mit tiefem Respekt die grossen kulturellen Werte des rumänischen Volkes wird würdigen können. Und wenn die historisch bedeutsamen Enunziationen Jorgas Eingang finden werden in das Leben seines Volkes und Einfluss gewinnen werden auf die Lenker seines Schicksales, werden die Juden beweisen, dass sie sich der Zubilligung einer der modernen Staatsmaxime entsprechenden Gleichberechtigung würdig erweisen. Die Juden, die sich der Schicksalsgemeinschaft bewusst sind, in der sie mit dem Staatsvolke dieses grosse schöne Land bewohnen, lieben die heimatliche Scholle und haben allenthalben auch mitgefochten, wo es galt, sie zu verteidigen. Das Ideal, Teile des auf der ganzen Welt zerstreuten Volkes, die in manchen Ländern keinen Lebensraum mehr haben, in ihrem alten Heimatlande als Volk zu verwurzeln, was nicht nur eine Lösung der Lebensfrage für grosse Massen bedeuten, sondern auch befruchtend und veredelnd auf die Judenschaft in allen Ländern wirken und von ihnen den Fluch nehmen wird, dass es nirgends in der Welt ein Land gibt, wo sie beweisen können, dass sei ein normales Volk sind, steht keinesfalls in Widerspruch zur Vaterlandsliebe und zu den Bürgerpflichten.

Der grosse Historiker wird dies umsomehr verstehen, als es ja keinen Irredentismus zu Gunsten Palästinas geben kann, dieweil doch Meere zwischen den Ländern liegen.

Die Stimme des Propheten gilt nicht im eigenen Lande? Aber Professor Jorga ist kein Prophet, sondern ein geistiger Führer als Historiker. Und der rumänische Historiker. Das will sagen, was wir immer als grosse Wahrheit erkannt haben: Er ist Produkt des Genius seines Volkes. Und all die Massen seines Volkes, die schaffenden und leidenden, sind eines Sinnes mit ihm, auch wenn sie für seine Volksuniversität nicht vorgeschult sein sollten wie die Demagogen und Politiker, welche trotz ihrer Vorschulung nicht empfänglich sind für seine Lehren.

Diese Erkenntnis, die durch die Erscheinungen des Tages nicht getrübt werden darf, gibt den Mut, an die Zukunft aller dieses Land bewohnenden ethnischen Minderheiten zu glauben.

In den Zeiten einer würgenden Wirtschaftsnot, in den Zeiten, wo das chauvinistische Schlagwort die Gasse beherrscht, ist das Wort des mutigen Wahrheitssuchers von Valeni de Munte eine tröstende Verkündung für alle jene, welche noch fähig sind, hinüberzuhören über die wirren Stimmen, die unseren Tag verzerren.
Dr. Markus Krämer

(350721r1)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Nicolae_Iorga
http://en.wikipedia.org/wiki/Nicolae_Iorga (sehr ausführlich!)



Seite 2

Generalrat Max Ritter von Anhauch [S. 2, Mitte, links]
wurde bei der am Donnerstag stattgefundenen Konferenz der Keren Hajessodzahler und Vertreter der jüd. Gemeinden des Landes in den Council der Jewish Agency als Vertreter des nichtzionistischen Teiles derselben einstimmig wiedergewählt. Als Ersatzmann wurde Herr Spitalsdirektor Dr. J. Ohrenstein gewählt. Es besteht kein Zweifel, daß Herr Generalrat von Anhauch bei der für den 3. September l. J. nach Luzern einberufenen Counsil-Tagung wiederum in die höchste Verwaltungsinstanz der Agency, in das Administrativkomitee entsendet werden wird, ein Amt daß er nicht nur im Interesse des Aufbaufondes sondern auch - wie seine letzte Palästinareise bewiesen hat, in vielen wichtigen Belangen im Interesse Palästinas erfüllt.

(350721i2)


Gustav Weisselberg: [S. 2, oben, Mitte]

Abend
Streckt des Baches Lust die Glieder
Summt ein Wiegenlied durch graue Strähnen,
Fällt der letzte Schimmer nieder,
Wie einer Mutter Abschiedstränen.

Und zu Grabe tragen Wald und Wiesen
Einer ganzen Welt entlaufen,
Einen alt und schwach geword'nen Riesen,
Durch dessen Tod sie werden nur ein schwarzer Haufen.

Trauer, dass Natur den Tod uns gab,
Lacht's im Tausendsternegeflimmer;
Denn aus der toten Mutter Grab
Kommt morgen schon ein neues Kind, ein neuer Schimmer.

(350721i2a)


Frau Pilsudska passiert Cernauti [S. 2, oben, Mitte]
Gestern passierte Frau Marschall Pilsudska auf ihrer Rückreise vom Aufenthalte am Schwarzen Meere Cernauti. Auf dem Bahnhofe fand sich der hiesige polnische Konsul Uzdowski ein, der die Frau Marschall, die mit ihren beiden Töchtern reist, bis zur Grenzstation Grigore Ghica Voda begleitete.

Ueber den letzten Besuch der Frau Marschall in Cernauti bringt die "Neue Freie Presse" von ihrem Korrespondenten Jean Goldberg folgenden interessanten Bericht:

Frau Marschall Pilsudska inkognito in Rumänien
"Die rumänischen Ehrenposten vor dem polnischen Konsulat sind verstärkt. Die polnische Nationalfahne auf Halbmast weht in kühlem Windhauch, der aus dem Park der erzbischöflichen Residenz kommt. Feiertagsstille ringsumher. Menschenleer die stille Dominikgasse, im Fensterrahmen des ersten Stockes wird eine Frau in tiefem Schwarz sichtbar. In ihren Gesichtszügen ist noch großer Schmerz eingezeichnet. Es ist dies Frau Alexandra Pilsudska, die Witwe des kürzlich verschiedenen Marschalls Josef Pilsudski. Auf der Reise ans Schwarze Meer hat Frau Pilsudska die Fahrt von Warschau nach Rumänien in Cernauti unterbrochen und einen Tag im Konsulat Aufenthalt genommen. Der polnische Konsul Uzdowski war nämlich Major in der Armee Pilsudskis und daher ein Bekannter der Familie. In Warschau waren bei der Frau Pilsudska der polnische Ministerpräsident Slawek, Außenminister Beck und die hohe Generalität auf dem Bahnhof zum Abschied erschienen. Die Unterbrechung der Fahrt in Cernauti war vorgesehen. Die Witwe des Marschalls reist inkognito. Daher auch kein offizieller Empfang. Das polnische Konsulat ist für Besucher geschlossen. Man erfährt von einem Funktionär des Konsulats, daß Frau Pilsudska in stiller Zurückgezogenheit mit ihren beiden Töchtern Wanda und Jadwiga, die die Mittelschule in Warschau besuchen, nach jenem Orte reise, wo ihr verstorbener Gemahl einmal auf Ferien weilte. Ein idyllischer Meerwinkel, dessen Schönheit der große polnische Dichter Adam Mickiewicz besungen hat. In Begleitung der Frau Pilsudska befinden sich ausserdem Frau General Ruppert und Frau General Bulhakow aus Warschau, die eine Nichte des verstorbenen Marschalls ist. In dem kleinen bessarabischen Kurorte Burnas in der Nähe von Akjermann ist eine bescheidene Villa für den Gast reserviert."

(350721c2)
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http://en.wikipedia.org/wiki/Aleksandra_Piłsudska


Seite 3

Aus meinem Palästina-Tagebuch [S. 3, links, unten]
(II. Teil.)
von Dr. Markus Krämer


II.
Unsere Bucovinaer in Palästina.
Wandlungen


Während der Londoner Jahreskonferenz 1920 sah ich mir mit einem anglisierten Bukowinaer Winfield, dem Bruder des Cernautier Tischlers Weinfeld, die Pedical Lane (Schürzenstraße) in Whitechapel an, wo auch am Sonntag Handel getrieben werden darf. Als wir bei einem der Verkaufsstände vorbeikamen und deutsch sprachen, hielt uns eine Verkäuferin mit den Worten an: "Sagen Sie meinem Cousin, dem Professor Dr. Ephraim Brenner, er soll nicht so stolz sein, daß er Landesschulinspektor ist und uns doch schreiben!" Ich selber, der ich seit Ende 1918 nicht daheim war, erfuhr dies also erst von einer Bukowinaerin in der Fremde. Sie waren wohl immer ein bewegliches Völkchen, die Bukowinaer u. besonders die Cernautier und wenn mich in der Elektrischen von Preßburg Herr Morgenstern aus der Brückenstraße begrüßt, durfte ich ebensowenig erstaunt sein, wie über das schallende "Schalom!" unseres alten Zionisten Harry Reicher aus Suceava, im Cafe: "Gallej Hajam" in Haifa. In Palästina dürften bereits 1000 und mehr Bukowinaer Juden leben. Die ersten waren die jungen Chaluzim, zumeist aus der Jugendbewegung "Haschomer Hazair" und anderen Gruppen, die wirkliche Pionierarbeit geleistet haben und jetzt zum großen Teile bereits im Emek und anderswo angesiedelt sind. Zwi Huber, Nussenbaum und andere Jugendführer sind heute in verschiedenen Funktionen ebenso bekannt, wie Polesiuk, der Lehrer von Mischmar Haemek.

Selbstverständlich ist im Laufe der Zeit die Zahl der Chaluzim auf viele Hunderte angewachsen und finden wir unsere Bukowinaer Jugend in den meisten Städten und Kolonien Palästinas. Leider scheinen manche von ihnen nicht das Talent gehabt zu haben, ihre Interessen bei der Ansiedlung hervorragend wahrzunehmen und eine Bukowinaer Siedlung gibt es bis heute nicht. Im Allgemeinen ist dieser Umstand nicht zu beklagen, denn die Aufrechterhaltung von Landsmannschaften kann oft zu Separierung führen und hindert die Assimilierung an die Eingesessenen und die Heranbildung der Typs des Palästinensus an Stelle des vielfältigen Juden aus der Diaspora.

Aber nicht nur junge Arbeiter und Arbeiterinnen hat die Bukowina nach Erez geschickt. Alle Berufsstände sind vertreten.

In Jeruschalajim besitzt mein Universitätskollege Advokat Dr. Pino Salziger ein Kaffee-Großhandelshaus, sein Bruder ist ein vielgesuchter Arzt, dessen Kollege Dr. Druckmann aus Frumosa leitet das Röntgenlaboratorium der Universität. Die Cernautier Familie Stark ist durch einen Arzt und einen Ingenieur vertreten, welch' letzterer sich gerade nach London begibt, um als Beamter bei Post und Telegraf Spezialstudien zu absolvieren. Daß der junge Grünberg arbeitet und außerdem auf der Universität studiert, ist kein Einzelfall. In Tel-Aviv wimmelt es von Bukowinern. Der Verband, den Dr. Ebner und ich haben mit ins Leben rufen helfen, hat Ingenieur Klier zum Präsidenten, Brettschneider, Morgenstern, Frl. Hasenfratz, Dr. Josef Ebner u. a. bilden den Vorstand. Das Sekretariat arbeitet bereits und wird hoffentlich viel zur Pflege des Gemeinschaftslebens und Ausbau von Selbsthilfsorganisationen für die Bukowiner beitragen.
Frühstücken kann man bei Pächt in der Nähe der Montifiorestraße, ins Cafe "Nizza" kann man bei Tänzer in der Nachlath Benjaminah. Als Anwalt ist Dr. Philipp Fleischer bekannt, etwas älter geworden, aber immer noch herzlich und schlank.

In Petech Tikwah ist Fräulein Sperber, Tochter von Srul Sperber und Schwester Dr. J. Sperber aus Cotmani, Lehrerin. In Haifa trifft man Moses Abisch aus Storojineti, der seine Seifenfabrik in Akko betreibt, den Hausherrn Rippl, die Tochter von Direktor Schaff, deren Mann als Ingenieur bei Ruthenberg arbeitet, Dankner aus Radauti, dem Palästina zu wenig sozialistisch ist, wahrscheinlich wie dem Baumeister Schwarzmann. Oskar Schächter, von dem ich schon mitteilte, daß er so eine Art Konsul und wirtschaftlicher Vertrauensmann für Bukowina und Polen ist u. v. a.

Eines Tages frage ich in Tel-Aviv beim Autobus, wann es nach Herzliah gehe. "Sie werden nicht nach Herzliah fahren, sondern nach Rananah", sagt hinter mir eine Stimme. Ich wende mich um und begrüße Professor B. Fränkel, den gewesenen Herausgeber des "Abend", eines Käseblättchens, von dem man sagte, daß es manchmal revolvere. Ich begleite ihn auf seinem Wege in Viktualenhandlungen und auf den Gemüse- und Früchtemarkt und helfe natürlich tragen, denn er kauft für die Greislerei ein, die seine Frau in Rananah führt. Er selbst, der seit zwei Jahren schon alle schwarzen Arbeiten gemacht hat, Chausee, Pardes, Bau, Ausführen von Butter usw., ist derzeit Mitarbeiter am Handelsadreßbuch und hat eine ihm halbwegs zusagende Tätigkeit. Ich bin Gast bei ihm für einen Tag und lerne staunend, wie das Land die Menschen wandelt. Ich lerne, wie es bewirkt, daß Menschen all' ihr früheres Tun als nichtig empfinden, sich an ein bescheidenes Leben schwerer Arbeit gewöhnen, ihr Glück im Kreise der eigenen Familie in den bescheidenen vier Wänden finden, endlich einmal zur Ruhe kommen, wenn es auch nicht Ausruhen bedeutet, sich allmählich verwurzeln und das Gefühl der Heimatlosigkeit, das manchen Intellektuellen oft auch in der "Heimat" befällt, mit dem Gefühle tiefster Verbundenheit vertauschen können. Aller Tand, alles Eitle fällt ab von ihnen und ich gestehe, daß die beiden, arbeitende, offenherzige Frau Fränkel, die in ihrer Greislerei täglich darüber nachsinnt, wie man die Produktion Palästinas verbessern und verwerten könne, mir in ihrem billigen Sommerkleid mehr imponierte, als manche Granddame in der sogenannten großen Welt. Die Kinder sind schon hebraisiert, sie erzählen mir in gebrochenem Deutsch von den Sternen am Haschamaim und von Adonai, der sie täglich anzündet. Und der Mutter sagen sie "wir sprechen schon ivrith, uns wird niemand mehr wegschicken können".

Ueber die Kolonien um Rananah werde ich im nächsten Kapitel berichten. Ueber die Bukowinaer in Palästina nur Folgendes: Sie sind Menschen der Arbeit, akklimatisieren sich und fühlen ihre Bestimmung: Eins zu werden mit allen, die ausersehen sind, das neue jüdische Volk zu bilden aus alter Erde.

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Klaus Binder
 
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