Achtung! Forenworld wird in Kürze eingestellt.
Forenworld wird mit Ende 2018 eingestellt und alle gehosteten Foren abgeschaltet. Bitte triff Vorkehrungen und übersiedle dein Forum zu einem anderen Provider.
Weitere Infos im Supportforum: support.forenworld.at


10_1933 (Nr. 457 bis Nr. 481)


Nr. 457, Sonntag, 01.10.33

Postby Klaus Binder on 1. October 2011, 00:20

Seite 1

Wie Rumänien die Auslandsschulden zahlen will [S. 1, oben, rechts]
Ein Kommunique des Finanzministeriums

Bukarest, 29. September (Tel. des „Tag“). Das Finanzministerium hat ein ausführliches Kommunique zur Begründung der Erlassung des Transfermoratoriums ausgegeben. In diesem wird auf die Verhandlungen verwiesen, die mit den Auslandsgläubigern noch am 18. Februar begonnen und am 15. September fortgesetzt wurden. Zu diesen Verhandlungen sind aber nur die tschechoslowakischen Titelbesitzer erschienen. Die rumänische Delegation gab den französischen Gläubigern bekannt, daß sie noch bis zum 25. September warte, innerhalb welcher Zeit sie sich entscheiden mögen, ob sie die Verhandlungen wieder aufnehmen wollen.

Das Kommunique begründet dann die Notwendigkeit der ergriffenen Maßnahmen und betont dabei, daß die Einnahmen aus den ersten drei Monaten dieses Budgetjahres derart waren, daß ein anderer Ausweg nicht möglich war. Es wird an das Jahr 1932 erinnert, in welchem weder Gehälter und Pensionen noch die Schulden an die Staatslieferanten gezahlt wurden, weil es die damalige Regierung für richtig befunden hatte, die Verpflichtungen gegenüber dem Auslande einzuhalten. Aber auch daraus können die guten Absichten Rumäniens ersehen werden, daß das erste Semester vollkommen bezahlt wurde, während lediglich mit 1. Oktober, dem Beginn der neuen Fälligkeit, die Transferzahlungen eingestellt wurden.

Rumänien muß außer den eingesparten 3 einhalb Milliarden Außenschulden noch weitere Ersparnisse in der Höhe von 1.3 Milliarden machen, um das Budget in Gleichgewicht zu bringen.
Angesichts der Unnachgiebigkeit der Auslandsgläubiger ist aber die Regierung trotzdem bereit, die Transfersumme für das zweite Semester in der Höhe von 3 einhalb Milliarden Lei zu 20 Prozent in Devisen oder in bar zu bezahlen, den Rest in Bons, die von der Amortisationskasse ausgestellt werden, verzinsbar mit 4 Prozent, diese Bons sollen am 1. April 1934 ausgegeben werden und im Jahre 1936/37 in Lei einlösbar sein.

Berechnet man, daß die Summe des ersten Semesters voll bezahlt wurde, dazu noch die 20 Prozent, die die Regierung jetzt zu zahlen bereit sei, so ergibt sich noch immer ein Inkasso von 60 Prozent zu Gunsten der Auslandsgläubiger.
Zum Schluß heißt es: Wir sind noch immer bereit, eine Überprüfung der Einnahmen und der Ausgaben zuzulassen. Diese Mission könnte auch der technische Berater, Roger Auboin, durchführen. Erst dann wird das Ausland feststellen, daß Rumänien von den besten Absichten beseelt ist.

(331001r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Um Joseph Schmidts Tonfilm [S. 2, oben, links]
Antwort an die Kritiker

Eine junge Dame überreichte der Redaktion eine Zuschrift, in der Folgendes zu lesen ist:

„Ist es niemandem eingefallen, diese Frau, die Partnerin Schmidts, sich näher anzusehen? Ist es nicht verwerfliche Oberflächlichkeit, einen Mann, der bloß ein hübsches Gesicht hat und Schmidt an Körperlänge überragt, dem jungen feurigen Tenor vorzuziehen? Sind das Beweise für die männliche Minderwertigkeit eines Schmidt? Ich weiß es ganz genau, daß auch kleine Männer geliebt werden und erst recht ein Mann, mit einer Stimme, wie sie Schmidt hat.“

Bravo, ich, der Novellist Fango, habe in dieser Dame eine Mitkämpferin für meine Ansicht gefunden. Nichts anderes ist in der „Novelle des Tages“ von vorigem Sonntag gesagt worden. Das Fräulein Rosa, das sich mit Eifer und Temperament für Schmidt einsetzt, hätte an Stelle der Blonden im Film, wie wir nun sehen, sich für ihn entschieden. Das ist, wie gesagt, natürlich; unnatürlich ist aber der Vorgang im Film, daß die Blonde einem Manne den Vorzug gibt, nur deshalb, weil er ein fescher Kerl ist, die richtige Bügelfalte in der Hose hat, eine Krawatte trägt, die modern ist und auch sonst sich so präsentiert, wie die gewissen jungen Männer, welche im Kaffeehaus und auf der Promenade die sicheren Sieger sind.
Jede Frau, darüber zur Rede gestellt, erklärt: Nein, nicht bloß die Krawatte und Hosenbügelfalte entscheiden, sondern Charakter und Geist des Mannes, wenn er sonst nur ein normaler und gesunder Mann ist. Selbstverständlich ist dieser konventionelle Lehrsatz Frauenlüge, denn der Mann mit der echten Bügelfalte in der Hose genießt doch vor dem Manne mit Geist, auch vor dem mit dem alle Frauenherzen bezwingbaren Tenor den Vorzug.
Uebrigens: dieser Rigo, dargestellt von Viktor de Kowa, ist im Stück nicht einmal Rivale, denn er geht nicht darauf aus, die Frau zu erobern, sondern, wie bereits charakterisiert, die Frau, die dem Mann mit der Bügelfalte und den hübscheren Gesichtszügen sich ergibt, fällt ihm reif in den Schoß, er nimmt sie ihm (Schmidt) weg, wie man, um das Beispiel zu wiederholen, eine Zigarette aus dem Etui des Freundes nimmt. Und das soll sich der berühmte Tenor (im Film), dem alle Welt in Begeisterung zu Füßen liegt, einfach gefallen lassen, er soll widerstandslos dastehen (wie im Film), dem „Freund“ die Hand drücken, sich dazu von Simoni sagen lassen: „Was willst Du denn, schau Dich doch im Spiegel an, Du mußt auf das Leben und die Liebe verzichten!“

*
Nun, mein liebes Fräulein Rosa, wenn Sie mit mir derselben Ansicht sind, warum beschimpfen Sie mich dann und wollen mich „eines Bessern belehren?“
„Ich will die Ehre dieses Mannes (Schmidt) herstellen“, ruft Fräulein Rosa erregt aus.
Die Ehre Schmidts ist aber niemals angetastet worden. Auf Schmidt sind gerade von hier aus Berge von Begeisterung gehäuft worden, - der beste Rundfunktenor der Welt Schmidt in allen Ehren. Lesen Sie doch mal den an leitender Stelle im „Tag“ veröffentlichten Artikel über Schmidt nach!
Aber, nachdem ich in Ihnen, Gnädige, eine intelligente und verständnisvolle Kritikerin sehen möchte, bitte ich Sie nochmals, lesen Sie mit Intelligenz und Verständnis die Novelle „Um Joseph Schmidts Tonfilm“ nach, und wenn Sie bis zum Schlußsatz kommen, wird dieser Sie belehren, daß Sie ein Urteil gefällt haben, das Sie hoffentlich nicht aufrechterhalten können.
„Die Leinwand lügt oft tausendfach“... das heißt, Schmidt ist ein Mann, wenn auch kleiner Statur, den die Blonde im Film nicht verächtlich hätte wegwerfen sollen, wie man es auch aus Ihrer verehrungsvollen Andeutung über Schmidt erkennt, daß Sie an Stelle der Blonden gerne Joseph Schmidt die Hand zum Bund gereicht hätten.
Sie verlangen im Schlußsatz, ich solle Abbitte tun. Meine Abbitte ist die nochmalige Feststellung, daß ich meine Novelle über Schmidt von A. bis Z. aufrecht erhalte.

*
Nur zum Schluß eine Rundfrage nicht nur an die Blonden, sondern An Alle!!
Jede von Euch, an die Stelle der Bonden in den Film gestellt ... wie hättet Ihr gehandelt?!
U. A. w. g.
Fango

(331001c2)


Todesfälle [S. 2, unten, rechts] Am 27. September ist hier der angesehene Kaufmann Mechel Meller im Alter von 62 Jahren gestorben. Herr Mechel [Meller] erfreute sich wegen seiner Hilfsbereitschaft und Güte großer Wertschätzung. Er hinterläßt zwei Söhne, den Kaufmann Nathan Meller und den Rechtsanwalt Dr. Max Meller.

(331001t2)


Seite 6

Wirtschafts-„Tag“
Revolutionäre Erscheinungen in der Wirtschaft [S. 6, oben, links]
Wochenrundschau von Plutus

In der abgelaufenen Woche zeigten sich auf dem weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Horizont Konturen neuer Gestaltungen, welche geeignet sein könnten, die Welt aus der gegenwärtigen unerträglichen Lage zu befreien, oder aber den völligen Zusammenbruch der ökonomischen und sozialen Ordnung herbeizuführen. Die Fortsetzung der vom Präsidenten Roosevelt inaugurierten Planwirtschaft ist geeignet, das bisherige Wirtschaftssystem der ganzen Welt in andere Bahnen zu lenken. Roosevelt hat die ganze gewaltige Industrie der Vereinigten Staaten einer amtlichen Kontrolle unterworfen. Das größte Industrieland der Welt und eines der größten Wirtschaftsgebiete überhaupt werden unter die vollkommene Vormundschaft des Staates gestellt, vom Staate ernannte Direktoren werden jede einzelne Gruppe der amerikanischen Industrie beaufsichtigen und auch die Produktion kontingentieren, das heißt, sie werden die Produktion einem Plane unterwerfen; die freie Produktionstätigkeit, das Produzieren nach dem Gutdünken eines jeden Unternehmers wird aufhören. Der staatliche Kontrollor wird auch den Kredit, welchen das Unternehmen vom Staate in Anspruch zu nehmen beabsichtigt, bestimmen und beantragen. Diese Maßnahme ist für Amerika von umso größerer Bedeutung, als unter dieselbe auch die Eisenbahnen fallen, welche dort bekanntlich Privat-Gesellschaften gehören. Das amerikanische Beispiel wird möglicherweise eine Revolution in der gegenwärtigen Produktions- und Wirtschaftsweise der ganzen Welt hervorrufen, aber die Frage, ob Planwirtschaft im kapitalistischen System möglich ist, ist noch nicht gelöst und deshalb kann der definitiven Gestaltung der Zukunft keine sichere Prognose gestellt werden.
In weltpolitischer Hinsicht ist die durch den Besuch Herriots in Sowjetrußland erfolgte Annäherung zwischen diesem Staate und Frankreich von besonderer Tragweite und die Bedeutung dieses Ereignisses wird bald überall zu verspüren sein. Denn nicht nur eine Neugruppierung in politischer Beziehung, sondern auch eine wirtschaftliche Neuorientierung wird die Folge dieser neuen politischen Kombination sein.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Freundschaft zwischen den genannten Staaten sind noch gar nicht abzusehen. Eine neue Verringerung der deutschen Ausfuhr nach dem bisherigen guten Absatzgebiet Rußland wird Deutschland zwingen, seine Ausfuhr in die anderen Länder zu forcieren und man spricht schon von einem bevorstehenden

deutschen Industrie-Dumping.
Dieses Dumping soll auch valutarisch unterstützt werden; es steht also ein deutsches Valutadumping bevor, - das gefährlichste Dumping für die Konkurrenz-Industrie der anderen Staaten. Gegenmaßnahmen und neue wirtschaftliche und politische Annäherungen und Bündnisse sind zu erwarten. Tatsächlich sind schon in England Strömungen zu verzeichnen, welche einerseits der durch die französisch-russische Annäherung geschaffenen Lage Rechnung tragen und andererseits der zu befürchtenden deutschen industriellen Dumping-Konkurrenz begegnen sollen.

Die faschistische Einstellung Deutsch-Oesterreichs, das Spiel Italien-Oesterreich, Italien-Ungarn, welches von der Einstellung Italiens zu Frankreich stets beeinflußt ist, ist ständig im Gange und man kann nie wissen, wie sich die endgültige Stellungnahme Italiens zum Verhältnisse Deutschland zu den genannten zwei früher miteinander verbunden gewesenen Staaten gestalten wird. Das Ringen des Faschismus mit der Demokratie drückt sich aus in wirtschaftlicher Hinsicht im Ringen zwischen freier Wirtschaft und wirtschaftlicher Diktatur; planmäßig kann man die gegenwärtigen staatlichen Eingriffe in den faschistischen Ländern nicht nennen.
Diese großen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Erscheinungen kommen auch im politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben unseres eigenen Landes immer mehr zum Vorschein, was erklärlich erscheint angesichts der Verbundenheit und Verflechtung der weltökonomischen Verhältnisse. Auch bei uns mehren sich die staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft und auch bei uns spricht man von „Zeitplänen“ für wirtschaftliche Arbeit, die vom Staate inauguriert und kontrolliert werden soll. Von den Ereignissen der abgelaufenen Woche, die sich in unserem eigenen Lande abspielten, sind Sinaia und der Abbruch der Verhandlungen mit den Auslandsgläubigern zu erwähnen.

In Sinaia fanden nicht nur die Feierlichkeiten anläßlich des fünfzigjährigen Jubiläums des Schlosses Pelesch statt, sondern es wurde dort auch die diesjährige Konferenz der Staaten der Kleinen Entente abgehalten. Wieder einmal wurden

die wirtschaftlichen Beziehungen der Kleinen Entente-Staaten untereinander
besprochen und besondere Bedeutung kommt dieser Konferenz deswegen zu, weil sie unter dem Einflusse des Besuches des ungarischen Außenministers Kanya in Paris und der zwischen dem deutschen Vizekanzler Papen und den ungarischen Politikern erfolgten Besprechungen in Budapest stand. Aus dem veröffentlichen Kommunique, in welchem zwar die weitere Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich betont wird, geht eine gewisse Unentschlossenheit in Bezug auf die definitive wirtschaftliche Gefolgschaft dieser Staaten hervor, beziehungsweise es kommt die Haltung der Kleinen Entente in Bezug auf das Verbleiben in der französischen Interessengruppe oder einer Abkehr nach einer italienisch-deutschen Richtung in der Außenhandelspolitik nicht entscheidend zum Ausdrucke. Diese Politik ist wohl opportunistisch, aber ob sie auf die Dauer aufrecht zu halten sein wird und ob sie für die Staaten der Kleinen Entente wichtig ist, mag wohl dahingestellt sein. Die Abkehr von Frankreich ist nicht erfolgt, aber eine gewisse Lauheit im Verhalten gegenüber der bisherigen Politik glaubt man bemerken zu können. Die rumänische Politik muß aber nur von einem einzigen und ausschließlichen Interesse geleitet sein, nämlich der Erhaltung und Entfaltung der Außenhandelsmöglichkeit, wobei selbstverständlich Dankbarkeit und Pflichterfüllung gegenüber den Staaten, welche Rumänien bis jetzt finanziell zur Seiten standen, nicht außer Acht gelassen werden sollen.
Leider zeigt gerade das Verhalten der Auslandsgläubiger in unserer Außenschuldenfrage, daß eine Verstimmung gegen Rumänien vorliegt, denn das Gesuch unserer Unterhändler an das Gläubigerkomitee wegen Reduzierung des Koupons soll nach Zeitungsnachrichten nicht einmal beantwortet worden sein, was mehr als einer glatten Ablehnung gleichkommt. Wir haben bereits unsere Stellungnahme zum Transfer-Moratorium gekennzeichnet und betont, daß Rumänien angesichts der Absperrung der Auslandsstaaten gegen die Einfuhr seiner Produkte, wodurch der Zustrom von ausländischen Zahlungsmitteln sich so außerordentlich verringert hat, keinen anderen Ausweg hatte, als das Transfer-Moratorium zu erlassen. Ob aber die selbständige Proklamierung der Zinsenreduzierung am Platze war, ist eine andere Frage. Uns scheint es, daß die absolute weitere Aufrechterhaltung des Transfer-Moratoriums, was wohl nur eine provisorische, aber auch eine gänzliche Ablehnung der Schuldenzahlung bedeutet, viel vernünftiger ist als die Proklamierung der Zinsenreduzierung. Die Auslandsgläubiger werden sich schon bequemen müssen, mit uns zu unterhandeln, aber wir dürfen natürlich keine Außenhandelspolitik betreiben, welche den wirtschaftlichen Interessen der Gläubiger-Staaten, aber auch unseren außenpolitischen Verhältnissen nicht entsprechen.
Die unglückselige Strömung in unserer Innenpolitik, welche dahin geht, es den anderen Staaten, die wahrlich gar nicht unsere Freunde waren, nachzutun und welche dazu führt, auch in außenpolitischer Hinsicht Neuorientierungen zu schaffen, kann nur verstimmend wirken und ist nicht geeignet, das wirtschaftliche Gedeihen unseres Landes, welches stets auf das Ausland angewiesen war und noch ist, zu fördern. Wohl ist die Regierung selbst nicht schuld an diesen Strömungen und was nur zu bemängeln wäre, ist, daß sie keine rechtzeitige Abwehr getroffen hat.

Die wirtschaftliche Lage in der Bukowina
hat sich auch im Laufe dieser Woche nicht verbessert. Der allgemeine Export, namentlich in Getreide, ist weiter zurückgegangen, ja hat beinahe gänzlich aufgehört, nur in Geflügeleiern gab es einen Aufschwung des Exportes. Etwas Verkehr gab es noch in Oelkuchen, der jedoch von keiner Bedeutung ist.
In der letzten Plenarsitzung unserer Handelskammer, worin die traurige Wirtschaftslage der Bukowina wieder einmal zur Sprache gekommen ist, wurde vom Referenten in zwei Ziffern der ungeheuere Abstand von einst und jetzt bei uns gezeigt. Im Jahre 1927 (nicht wie einige Zeitungen irrtümlich berichteten im Jahre 1929) wurden an der Czernowitzer Börse 54.000 (vierundfünfzigtausend) Waggons Mais gehandelt, in den ersten neun abgelaufenen Monaten dieses Jahres 868 Waggons. Jede weitere Erörterung über den Rückgang des Exportes ist wohl überflüssig.
Angesichts dieser geringen Zahl des bedeutendsten Exportartikels Rumäniens kann man eigentlich nicht mehr von einem Rückgang, sondern muß von einem Aufhören des Geschäftes bei uns sprechen.

(331001w6)

Besuch bei den jungen Vagabunden [S. 6, oben, rechts]
Ein Gespräch mit dem Verwalter der Verbesserungsanstalt
Von Jean Goldberg


In der oberen Wassergasse erhebt sich ein stöckiges, frischgetünchtes Gebäude, von dessen Hofraume man eine Aussicht auf weite Gärten und die Hügel von Rewna hat. Es ist gerade Mittagszeit, als ich den Spielplatz der Anstalt betrete. Ungefähr hundert junge, lustige Buben, im Alter von fünf bis vierzehn Jahren, umringen mich. Alle sind ziemlich sauber gekleidet. Den „neuen Gästen“, die erst einen Tag zuvor von der Polizei eingeliefert wurden, sieht man die Unstetigkeit an. Sie haben sich noch nicht „eingelebt“. So manche bekannte Straßenfigur begrüßt mich hier mit erhobener Hand, um einen Leu bittend. Doch gleich läßt der Bittsteller die Hand sinken, da er die Aufsicht fürchtet.

Pinczek wird erwartet!
Drei andere Buben sind mit klirrenden Ketten an den Händen von der Polizei gebracht worden, denn es sind „Freunde“ des berühmten Pinczek, der, dreizehn Jahre alt, als Fassadenkletterer nicht weniger als 120 Diebstähle verübt hatte. Die Zeitungen haben darüber seinerzeit berichtet. Einer dieses „Dreibundes“ – der Name soll nicht genannt werden – war einmal Zeitungsverkäufer und hat auch diese Arbeit als zu schwer empfunden. War doch die Kameradschaft mit Pinczek viel lohnender.

„Wenn Sie den Pinczek sehen,“ ruft er mir zu, „sagen Sie ihm, daß ich hier bin, er soll ebenfalls herkommen, oder lassen Sie ihn durch die Polizei arrestieren und zu uns bringen.“
Eine Glocke ertönt. Oben im ersten Stockwerk ist der Unterricht zu Ende und Zöglinge stürzen heraus. Bis dahin konnte ich mich ungezwungen mit den jungen Vagabunden unterhalten. Viele unter ihnen sind von der Straße oder aus dem Schanzgraben förmlich aufgelesen worden.

Namenlose, Elternlose ...
Ohne Namen, ohne Eltern, ohne Geburtsort. Für so manchen war nur der Himmel Geburtszeuge, denn es finden sich hier Kinder, die als weggelegte Säuglinge gefunden, der Gebäranstalt übergeben und in der Folge in die Verbesserungsanstalt in der Wassergasse gebracht wurden. Hier erhalten sie Namen und Geburtsort. Nur Eltern nicht. Diese müssen durch die Lehrer und Erzieher ersetzt werden.
Der Verwalter der Anstalt, Coschurba, stellt sich mir freundlich zur Verfügung und macht mir interessante Mitteilungen. In seiner Gegenwart stelle ich an einen funkelnagelneuen Gast, einen achtjährigen immer lustigen Jungen, der im Sommer und Winter in der Herrengasse zu sehen war, die Frage, wie viel er täglich durch Bettelei verdient habe. Er antwortet lächelnd, da er sich der Strafbarkeit dieser Handlung gar nicht bewußt ist: Achtzig bis hundert Lei, die er seiner Mutter, der Hausmeisterin abgeliefert hat. Die zerfetzte Kleidung und den breiten über die Augen gedrückten Hut habe ihm die Mutter hergestellt. In der „dienstfreien“ Zeit hatte er einen ordentlichen Anzug zur Verfügung. Und nun steht mein kleiner Freund ohne Ban da – und aus ist es mit der Promenade in der Herrengasse. Hier wird ihm eine neue Zukunft geschmiedet ...

Auf dem Bahngeleise gefunden
Ein Zwillingspaar wird mir vorgestellt. Zwei Buben, die auf der Straße vagierend angetroffen wurden und über deren Identität nichts bekannt ist. Ein anderer, Vierzehnjähriger, der mehrere Jahre in der Anstalt ist, wurde, wie mir der Verwalter erklärt, als weggelegtes Kind auf der Eisenbahnstrecke gefunden. Er erhielt den Namen Cernautzean, da er in Czernowitz aufgegriffen wurde und den Vornamen des betreffenden Tages.
Zwanzig Zöglinge sind es, die erst in der Anstalt Namen erhielten. Noch nie hat eine Mutter oder ein Vater nach einem verlorenen Kinde hier gefragt.

Fünfmal täglich Essen
„Bei der Einlieferung“, sagt der Verwalter, „mußte man die Kinder photographieren, um zu sehen, was aus verwahrlosten schmutzigen Lebewesen werden kann. Jetzt haben Sie vor sich gewaschene, geschorene und gekleidete Buben; Sie hätten manche bei ihrem ersten Eintreffen ansehen sollen!“ Hier erhalten die Zöglinge fünfmal täglich Nahrung. Jeder hat sein reines sauberes Lager. Nur eines können sie nicht erreichen: die einstige goldene Freiheit. Nur unter Aufsicht können Sie Spaziergänge unternehmen. Die meisten fügen sich ins unvermeidliche, lernen fleißig, sind willig und bringen es von hier zu schönen Existenzen.

Erblich belastet
Manche aber bleiben unverbesserlich und werden rückfällig. Das ist, sagt der Verwalter, die hereditäre Belastung, die eine wichtige Rolle im Leben des Zöglings spielt. Ich habe hier einen Buben, dessen Vater Trunkenbold war, den seine dritte Frau mit einer Hacke getötet hatte. Ein solches Kind verbrecherischer Eltern ist schwer erziehbar. Wenn das Kind sogar seit einem Jahre den Eltern entzogen wird, so kommen die ererbten Anlagen zum Durchbruch.
Der Verwalter sagt weiter:

Die Strafen
Unser Prinzip ist nicht Strenge, sondern Güte. Nur in den seltensten Fällen greifen wir zu drakonischen Mitteln: die Peitschung mit Rute. Diese Strafe kann aber nur durch Konferenzbeschluß verhängt werden.
Die Lehrer der Anstalt genießen eine spezielle Ausbildung. Sie müssen einen besonderen Kurs für Erziehung und psychologische Behandlung verwahrloster Kinder besuchen. Die Anstalt hat eigene Werkstätten zur Heranbildung von Handwerkern. Leider ist ein Fall vorgekommen, daß ein Zögling, der die ganze Zeit ein tadelloses Benehmen an den Tag gelegt hat, als wir Vertrauen zu ihm gewonnen hatten, seinen Meister in der Abwesenheit ausgeplündert und die Flucht ergriffen hatte. Wir haben aber sehr viele ehemalige Zöglinge der Anstalt, die es sogar zu angesehenen sozialen Stellungen in unserer Stadt gebracht haben und uns stets mit Dank begegnen.
Die Anstalt besteht bereits 24 Jahre und blickt auf große Erfolge zurück. Kinder ohne Heim, ohne Obdach, ohne Namen, ohne Eltern, mit einem Worte: Vagabunden, werden zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft gemacht ...

(331001c6)


Seite 7

Theater und Kunst
Die Kunstausstellung Baron Löwendal [S. 7, unten, rechts]
Die ersten Tage der Ausstellung des einheimischen Malers, Baron Löwendal, brachten einen großen Erfolg. Führende Persönlichkeiten der Stadt und viele Personen, die sich auf der Durchreise in Czernowitz aufhielten, besichtigten die ausgestellten Bilder. Der Generaldirektor des Unterrichtsministeriums Bucuta kaufte das Bild „Sucavita“ für den Kulturverein. Der Präsident des Kulturvereines, Universitätsprofessor Dr. Nandris, wurde vom Unterrichtsministerium telefonisch vom Ankauf des Bildes verständigt. U. a. hat auch der bekannte Schauspieler Tanase, der sich hier auf einer Tournee befindet, ein Bild erworben. – Wie wir erfahren, bleibt die Ausstellung bis zum 24. Oktober geöffnet.

(331001i7)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 458, Dienstag, 03.10.33

Postby Klaus Binder on 3. October 2011, 00:50

Seite 1

Eindrücke vom Leipziger Prozeß [S. 1, oben, rechts]
Bisher keine entscheidenden Ergebnisse
(Von unserem Sonderberichterstatter)


Leipzig, Ende September.
Mehr als eine Woche währt nun schon der Prozeß von Leipzig, und man kann sagen, daß die Anteilnahme des In- und Auslandes nicht geringer geworden ist. Der Andrang der Zuhörer bleibt unverändert stark und die langen Reihen der Pressevertreter weisen trotz der langen Dauer dieses Prozesses bislang keine Lücken auf. Die bisherigen Ergebnisse sind der entscheidenden Aufhellung der verbrecherischen Tat vom 27. Februar nicht näher gekommen.
Nach dem bisherigen Verlauf des Prozesses erscheint auch das Bedenken gerechtfertigt, das in dem Verhalten und in der Natur des Hauptangeklagten van der Lubbe begründet ist. Man kann sich nämlich im Augenblick selbst mit den kühnsten Hoffnungen noch nicht vorstellen, wie sein bisheriges Verhalten dazu beitragen könnte, über die eigentlichen Motive seiner verbrecherischen Tat Aufklärung zu geben. Der Schlüssel zur richterlichen Erkenntnis liegt zunächst und immer wieder im Charakter und im Verhalten des Hauptangeklagten van der Lubbe. Was ist das für ein Mensch? Jedenfalls für die kritischen Beobachter des bisherigen Prozeßverlaufes blieb er einfach ein Rätsel. Wird dieses Rätsel jemals zu lösen sein? Leider kann im Augenblick diese Frage von Ihrem Berichterstatter noch nicht bejaht werden. Wie am ersten Tage sitzt im Hauptangeklagten auf der Anklagebank ein Mensch, der völlig entkräftet und buchstäblich in sich zusammengesunken ist, starr wie ein Irrer auf den Boden blickt und dem Vorsitzenden des Gerichtshofes bei noch so kluger und geschickter Behandlung die exakte Beantwortung der an ihn gestellten Fragen verweigert. Kaum daß er bisher auch nur einen einzigen Satz im Zusammenhang ausgesprochen hat, beschränkt sich van der Lubbe darauf, und stets auch nur zögernd und meist sich selbst widersprechend, mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten. Im absoluten Gegensatz zu diesem Verhalten stehen allerdings die Berichte der Voruntersuchung, nach denen er sich anfänglich durchaus lebhaft und gewandt zu der Fragestellung geäußert haben soll. Das Urteil des Psychiaters über van der Lubbe geht dahin, daß er einfach simuliere und es nichts anderes als eine besonders raffinierte Methode der Verteidigung sei.
Mag nun der Psychiater recht haben oder nicht - der Vorsitzende des Gerichtshofes selbst hat sich bisher dazu nicht geäußert und behält seine unerschütterliche Ruhe in der Behandlung des Hauptangeklagten bei -, es steht fest, daß das Verhalten van der Lubbes, falls es sich nicht noch verändern sollte, die Aufklärung gerade der entscheidenden Fragen dieses Prozesses fast unmöglich machen muß. Die Mitangeklagten van der Lubbes bekennen sich rückhaltlos als Kommunisten und sie zögern nicht, zuzugeben, daß sie die bolschewistische Revolution und die proletarische Diktatur erstreben. Mit der gleichen Entschiedenheit bestreiten sie, mit dem Hauptangeklagten van der Lubbe und seiner verbrecherischen Tat auch nur die geringste Beziehung zu haben.
Das Vorleben der bulgarischen Angeklagten ist eine einzige Geschichte revolutionärer Aktionen und der Folgen, die damit für die Beteiligten verbunden sind. Ihr Vaterland scheint überall zu sein und vornehmlich dort, wo derzeitige revolutionäre Aktionen auf sich warten lassen. Einen anderen Typus stellt Torgler dar. Mehr eine literarische als eine aktivistische Erscheinung. Er, der langjährige Parlamentsführer der deutschen Kommunisten, spricht vor dem Gerichtshof mit der Gewandtheit eines Parlamentsredners. Der Vorsitzende des Gerichtshofes, Präsident Dr. Bünger, selbst ehemaliger Ministerpräsident eines deutschen Freistaates und langjähriger Parlamentarier, hört die politischen Deklamationen des Herrn Torgler, als ob er noch von früher her mit ihnen vertraut gewesen wäre.

(331002w1)


Seite 2

Mord in Ober-Lenkoutz [S. 2, unten, Mitte]
Die Rache des angezeigten Diebs

In Ober-Lenkoutz bei Czernowitz gelangte Samstag früh ein gräßlicher Raubmord zur Aufdeckung, zu dem wir folgende nähere Einzelheiten erfahren: Im November vorigen Jahres wurde in die Wohnung des Arbeiters am Wasserwerk von Rohozna Johann Jaworski ein Einbruch verübt, wobei Kleider und Wäsche von höherem Wert entwendet wurden. Als Täter wurde auf Grund von Aussagen der 34-jährigen Frau des Arbeiters, Raista Jaworski, der übelbeleumundete 27-jährige Johann Kauciuk eruiert und zu neun Monaten Kerker verurteilt. Vor etwa sechs Wochen ist Johann Jaworski gestorben und seine Frau Raista wohnte seither allein im Hause. Vor einiger Zeit wurde Kauciuk aus der Haft entlassen und faßte den grausamen Entschluß, sich an Raista Jaworski zu rächen. Er kam stets zur armen Witwe und drohte ihr, sie zu ermorden, falls sie ihm nicht Geld gebe. Auf diese Weise entlockte er ihr immerfort Beträge von verschiedener Höhe und versetzte die arme Frau in einen Zustand unaufhörlicher Angst. Vor einigen Tagen hatte Raista Jaworski von der Primaria den Betrag von 9400 Lei erhalten, ohne daß Kauciuk hievon Kenntnis erhielt. Da sie fürchtete, daß Kauciuk ihr das Geld rauben könne, verlieh sie es und blieb nur im Besitze von 2000 Lei. Frau Jaworski wohnte in der letzten Zeit bei einem ihr benachbarten Verwandten namens Andrusiak, da sie vor einem Ueberfall Kauciuks fürchtete.

Samstag früh kam Andrusiak in die Wohnung der Jaworski. Als er in die Küche trat, fand er seine Verwandte blutüberströmt mit zwei tiefen Verletzungen im Kopfe, die von einem scharfen Gegenstand herrührten. Der Mörder hatte der Frau den Betrag von 2000 Lei, die sie bei sich zu tragen pflegte, geraubt. Wie die Erhebungen nun ergeben haben, ist Frau Jaworski dem Mordstahl ihres unnachgiebigen Verfolgers zum Opfer gefallen. Kauciuk wurde verhaftet und gestand nach kurzem Leugnen die Tat ein.

(331002t2)


Seite 3

Stürmische Generalversammlung der Arbeitskammer [S. 3, oben, links]
Gestern fand im großen Rathaussaal die Generalversammlung der Czernowitzer Arbeitskammer statt. Sie stand im Zeichen eines scharfen Kampfes zwischen den Vertretern der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und der Opposition. Es kam leider zu unliebsamen Szenen, die völlig aus dem Rahmen der parlamentarischen Verhandlungsformen fielen und einen ungünstigen Eindruck hinterließen.
Die Versammlung wurde um 10 Uhr vormittags durch den Präsidenten der Kammer, Dan, eröffnet. Der Präsident begrüßt zunächst die Vertreter der Behörden, Dr. Jeleriu, den Vertreter der Regierung, Inspektor Botez, den Vertreter des Arbeitsinspektorats und Ingenieur Schindler als Vertreter der Handelskammer. Hierauf erstattete Präsident Dan den Tätigkeitsbericht, aus dem hervorgeht, daß seit dem 30. Juli in hundertsechzig Fällen hinsichtlich des Arbeitsruhegesetzes interveniert wurde, daß 38 Urteile vom Gerichte erledigt wurden und zur Zeit 35 Prozesse beim Arbeitsgericht erliegen. Er kam sodann auf das Problem der Arbeitslosigkeit zu sprechen und führte aus, daß die Arbeitslosen-Statistiken nicht exakt und daher unbrauchbar seien; so gibt es z. B. nach Angaben der vorhandenen Statistik in Suczava keinen Arbeitslosen, was in Bukarest gewiß Glauben findet.
KR. Major Dolinski kritisiert scharf die Vorgangsweise des Präsidiums, welches die Opposition nicht zu den Kommissionssitzungen heranziehe.
KR. Gherman (Campulung): Die Arbeitsnachweisstellen müßten eine regere Tätigkeit entfalten.
KR. Salzinger behauptet, daß die Arbeitskammer bisher keinen Erfolg gezeitigt habe.
KR. Grünberg polemisiert mit KR. Salzinger und Dolinschi und wirft diesen vor, daß es ihnen nur darum zu tun sei, Popularität zu erringen.
Dem Antrage des KR. Ionescu auf Schluß der Debatte wird stattgegeben, worauf zur

Wahl des Sekretärs
geschritten wird. Advokat Zoppa, der vom Präsidium vorgeschlagen wird, wird einstimmig zum Sekretär ernannt. Es erfolgt hierauf die Verlesung des Budgets durch KR. Ionescu. KR. Gabriel Silberbusch übt Kritik an der Aufstellung des Budgets, die in dieser Form zu einem Defizit führen müsse. Es kommt zu heftigen Protesten wegen zu rascher Abwicklung der Debatte, die hauptsächlich von KR. Salzinger bestritten werden. Die Debatten nehmen stets heftigere Formen an und arten in

persönliche Kontroversen
aus. Als KR. Salzinger Beschimpfungen ausstößt, wonach er die Antwort erhält, bemächtigt sich aller Anwesenden eine erregte Stimmung, das Auditorium nimmt an den Vorgängen mit lauten Zwischenrufen Anteil, so daß die Versammlung durch den Präsidenten unterbrochen werden muß. Nach einer Pause von 10 Minuten ergreift Präsident Dan das Wort; er ermahnt das Auditorium zur Ruhe, andernfalls er polizeiliche Hilfe in Anspruch werde nehmen müssen, um es gewaltsam aus dem Saal zu entfernen, und fordert von den Kammerräten ein parlamentarisches Betragen.
Als die Budgetvorlage zum Gehalt für den Rechtsberater der Kammer zur Verlesung gelangt, opponiert KR. Salzinger gegen die Einstellung dieses Punktes in das Budget und verweist darauf, daß nach den Bestimmungen der Sekretär Dr. juris zu sein habe und infolgedessen auch gleichzeitig die Funktion eines Rechtsberaters inne haben müsse. Als er mit dem Präsidenten zu polemisieren beginnt, wird er von diesem zur Ruhe ermahnt. Als der Punkt „Rechtsbeistand“ trotz Opposition Salzingers zur Annahme gelangt, ruft dieser dem Präsidenten in provozierender Weise zu: „Genauso wie Hitler, nur mit weniger Verstand!“ Als sich einige Zeit hierauf KR. Salzinger wieder zu Worte meldet, wird ihm dieses vom Präsidenten nicht erteilt. Der Vertreter der Regierung Dr. Jeleriu erhebt dagegen Protest, worauf der Präsident feststellt, daß er von Salzinger unausgesetzt beleidigt worden sei, ohne die Möglichkeit zu haben, gegen ihn aufzutreten. Nur aus dem Grunde erteilte er Salzinger das Wort, weil der Regierungsvertreter sich für ihn einsetze.
Nach einer Reihe weiterer Zwischenfälle wird das Jahresbudget in der Höhe von 1,765.000 Lei (1,335.000 Lei für 9 Monate) approbiert.
Die Sitzung wird unterbrochen und nach dreistündiger Pause um 4 Uhr nachmittags fortgesetzt. Es gelangen zunächst die Anträge der einzelnen Sektionen bezüglich Arbeitslosigkeit, Sozialversicherung, Arbeitsdauer in Industrie und Handel, Zöglingsschutz und Lehrlingsprobleme zur Diskussion. Vizebürgermeister Gaidosch stellte den Zusatzantrag, daß Staatspensionisten von nun an nicht mehr in Handels- und Industrieunternehmungen Aufnahme finden sollen, da es nicht zulässig sei, daß in dieser Zeit krisenhafter Arbeitslosigkeit Doppelverdienertum gefordert werde. Sämtliche Anträge werden approbiert.
Es folgt eine Reihe von

Interpellationen:
KR. Stroh gibt den Wünschen der Gewerbetreibenden nach Notstandsarbeiten Ausdruck und betont, daß alle diese Arbeiten Einheimischen übertragen werden sollen. KR. Fischbach wendet sich gegen die einseitige Bestimmung, derzufolge nur die Unternehmer berechtigt seien, Lehrlingsverträge zu bestätigen. KR. Ostaficiuc spricht sich gegen überlange Arbeitszeit in Staatsämtern, namentlich in der Finanzdirektion, aus. KR. Caileanu regt an, daß die Raseurstuben Sonntag vormittags arbeiten sollen. KR. Melferber fordert die Errichtung von Arbeitsgerichten und die Kreierung von Arbeitskammerfilialen in der Provinz. KR. Grünberg kommt auf den aufsehenerregenden Fall, der sich vor einiger Zeit in der Krankenkasse zugetragen hat, zu sprechen; wie bekannt hat der Chefarzt der Kasse, Dr. Alvirescu, einen Arbeiter, der sich mit einer Beschwerde an ihn wandte, als Bolschewik bezeichnet und ihm angedroht, ihn verhaften zu lassen. Tatsächlich habe Dr. Alvirescu das Mitgliedsbuch des Arbeiters konfisziert und es der Polizei übergeben. Der Arbeiter habe bisher noch nicht das Buch zurückerhalten. Präsident Dan verspricht, diesbezüglich zu intervenieren; KR. Betle rügt die Vorgangsweise der Eisenbahnbehörde gegen die Arbeiterschaft. KR. Steiner wendet sich schließlich gegen das Unbefugtenwesen, das [bei] im Gewerbestand eingerissen sei.
Um acht Uhr abends erst nimmt die Versammlung ihr Ende.

(331002c3)


Seite 4

Die Synagogen-Katastrophe in Bukarest [S. 4, oben, links]
Wie sich das Unglück ereignet hat
Die behördlichen Feststellungen


Bukarest, 1. Oktober (Eigenbericht des Tag). Der Untersuchungsrichter, begleitet vom ersten Staatsanwalt Dumitrescu und den Sachverständigen der Polizei, haben die Erhebungen über die Vorgänge in der Nacht des Versöhnungsfestes in der Synagoge Poradim in der Calea Grivitei durchgeführt. Die Synagoge war nach dem gräßlichen Unglück gesperrt worden, nun wurden die Siegel entfernt und besonders die Schaltbretter der elektrischen Beleuchtung mit den Sicherungen überprüft. Es wurde festgestellt, daß
die Sicherungen vollkommen unzulänglich waren. Der Draht war zu dick, die ganze Anlage schlecht installiert.
In den Räumen lagen Dutzende von Pelzen, Handtaschen, Schuhen, Kleidern und Hüten verstreut, die von ihren Eigentümerinnen verloren oder ihnen im tödlichen Gedränge weggerissen wurden, insbesonders waren diese Ueberbleibsel auf der Stiege der Balustrade zu finden, die durch ihren Einsturz das Unglück ungeheuer vergrößert hat.
Nach den Erhebungen durch die behördlichen Vertreter und durch die Vertreter der jüdischen Gemeinde hat sich das Unglück wie folgt ereignet:
Während des Gottesdienstes erloschen plötzlich die Lampen des Altars. Es wurde sofort ein Monteur geholt, um das Schaltbrett zu überprüfen und die Verbindung wieder herzustellen. Während der Monteur arbeitete, erlosch das Licht im ganzen Saale. Es flammte aber kurz darauf wieder auf. Bei den Reparaturarbeiten sprang von der Sicherung ein kleiner Funke ab, wie das bei diesen Manipulationen üblich ist. Dieser ganz harmlose Funke, der sonst unbemerkt geblieben wäre, wurde aber, da es dunkel war, wahrgenommen, umsomehr, da in der Nähe der Sicherung die Ventilatoren in Tätigkeit waren. Der Funke hat weiter keinen Schaden angerichtet, von einem Brand war keine Spur. Aber eine Frau, die den Funken bemerkt hatte, geriet in Schrecken und rief: „Feuer!“ Darauf erschrak auch ein Mann, der beim Altare stand, zertrümmerte die Fensterscheibe und stürzte auf die Straße. Nun brach die Panik los. Insbesondere die Frauen, die auf der Galerie waren, waren nicht zu halten. Der Ruf „Feuer!“ verbreitete sich von einer zur andern und da gerade damals von Neuem die Lichter verloschen, war der Schrecken allgemein. Die Frauen suchten die Stiegen hinunterzusteigen, es kam zu einem furchtbaren Gedränge u. unter der ungeheueren Last stürzte die Balustrade und mit ihr eine Menge Frauen in die Tiefe. Viele erhoben sich, aber viele, besonders ältere, wurden von der Menge zertreten.
Viele Männer, die ihre Frauen schreien hörten, wollten ihnen zu Hilfe kommen und drängten gegen die Galerie. Dabei war der Notausgang, der direkt von der Galerie ins Freie führte, unglücklicherweise geschlossen, und da die Türen sich nach innen statt außen öffnen, entstand ein minutenlanges Gewühl vor ihnen.
Draußen hatte man inzwischen die verzweifelten Hilferufe gehört, viele drängten von draußen hinein und die Verwirrung war unbeschreiblich.

Die traurige Bilanz ist bekannt. Sie beträgt 10 Tote (in allen Fällen ist der Tod durch Erstickung eingetreten) und 30 Verletzte. Die meisten der Verletzten sind außer Gefahr.

*
Ein blinder Feueralarm hat ein gräßliches Unglück verursacht, indem er eine Massenpanik auslöste, in welcher niemand mehr Besonnenheit bewahrte und jeder bloß bedacht war, sein eigenes Leben zu retten ohne Rücksicht auf die Nächsten, die man niederstieß und niedertrat, trotzdem man gerade zur Versöhnung mit ihnen in die Synagoge gekommen war.

Tragödie
Zehn Todesopfer, hinter denen sich zehn Tragödien bergen, für die Angehörigen, die Gatten, Eltern und Kinder.
Eine Frau war am Morgen dieses Tages aus Crajova zu ihren Verwandten gekommen. Abends ging sie in die Synagoge. Sie ist nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.
Eine Frau mit zerrissenen Kleidern erzählte: „Ich lag am Boden und andere über mir, mit Mühe erhob ich mich und gelangte zum Ausgang. Irgend jemand faßte mich an der Hand und zog mich hinaus.
Vorher sah ich von der Balustrade zwei schwarzgekleidete Frauen stürzen, eine ist gestorben. Wehe mir, „Ich habe sie nicht getötet!“
Ein Knabe, ohne Kleider mit zerfetztem Hemd, völlig erschöpft, stürzte auf einen Wachmann zu. „Meine Mutter, meine Mutter, mein Mütterchen!“ Seine Mutter ist tot.

Die wunderbare Rettung
Ein Zeuge erzählt den Vorfall wie folgt:
„Ich hatte den Ruf Feuer nicht gehört. Ich hatte auf den Balkon geschaut, wo meine Mutter war. Plötzlich hörte ich oben Geschrei. Ich sah die Mutter von der Balustrade verschwinden. Sie war besinnungslos vor Schreck und lehnte sich an die Mauer zurück. Ringsum drängte alles den Ausgängen zu. Nur sie stand unbeweglich. So fand ich sie, nachdem alle hinausgelangt waren. Als ich sie sah, sah sie mich lange an, ohne ein Wort zu sagen. Sie ließ mich nicht sie umarmen. Sie nahm mich nur an der Hand und so ging sie mit mir die Stiegen hinunter. Sie hat keine ernste Verletzung erlitten, aber sie erinnert sich an nichts.

Vom Augenblick, da die Balustrade einstürzte, bis zur Zeit, als sie die Synagoge verließ, ist ihr die Erinnerung verschwunden. Sie weiß nur, daß der Kantor gesungen hat. Dieser war tatsächlich der Einzige, der seine Ruhe bewahrte und die ganze Zeit über sang. Aber nur wenige ließen sich dadurch beruhigen.

Die Lehre
Das gräßliche Unglück in der Synagoge läßt die Erinnerung aufkommen an ein ähnliches, daß sich im vorigen Jahr in der Kirche in Costesti zugetragen und gleichfalls viele Todesopfer gefordert hat. In der Oeffentlichkeit werden mit Recht Stimmen laut, daß Vorsorge getroffen werden muß für die Sicherheit des Lebens auch in Gotteshäusern. Es ist tatsächlich nicht einzusehen, warum hier die feuerpolizeilichen und anderen Vorschriften nicht genau so streng gehandhabt werden sollen wie in den Theatern und Kinos.

(331002r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 459, Mittwoch, 04.10.33

Postby Klaus Binder on 4. October 2011, 02:38

Seite 2

Todesfälle [S. 2, Mitte]
Sonntag vormittags fand unter überaus starker Beteiligung das Leichenbegängnis des im Alter von 65 Jahren verstorbenen Kaufmannes Nahum Spinner statt. Der Verstorbene genoß, namentlich in orthodoxen Kreisen, großes Ansehen und war Jahrzehnte hindurch Bethausvorsteher im jüdischen Altersversorgungsheim. Unter anderen hielten Rabbiner Schieber, Kultuspräsident Dr. Gutherz, Dr. Straucher und Herr Osias Rosenblatt dem Verstorbenen Nachrufe. - Gestern ist hier im Alter von 58 Jahren Frau Klara Wender gestorben. Das Leichenbegängnis findet heute um 3 Uhr nachmittags von der Leichenhalle des jüdischen Friedhofes aus statt.

(331004t2)


Man requiriert [S. 2, rechts, oben]
In der letzten Zeit werden für die bevorstehenden Manöver allerlei Privatfahrzeuge, Automobile, Motorräder und Fahrräder requiriert. Wenn auch die Bevölkerung diese Requisitionen begrüßt, so herrscht doch Unmut über die Art, wie sie durchgeführt werden.
Aber dieser Unmut ist nicht nur auf Czernowitz beschränkt. Man höre, was z. B. der Bukarester „Universul“ darüber schreibt:
„Die Umstände, unter denen die Requisition der Privatautomobile im Hinblick auf die Manöver begonnen hat, haben zu zahlreichen, leider berechtigten Klagen Anlaß gegeben. Denn wenn die Manöver auch durch ihren außerordentlichen Charakter Ausnahmsmaßnahmen begründen, so besteht doch, wo die Behörden Einsicht haben, die Möglichkeit, den Heeres-Notwendigkeiten nachzukommen, ohne brutal und nutzlos die Privatinteressen zu verletzten.
Die diesmal bei der Requirierung der Automobile angewandte Prozedur hat die Grenzen der Vernunft überschritten. Es wurden Wagen in voller Fahrt auf den Landstraßen requiriert, selbst wenn sie Waren, Geldsendungen oder Passagiere in dringenden Angelegenheiten mit sich führten“, ...
„Die Requisition durch wilde Methoden ist absolut kein Fähigkeits- und Ehrenzeugnis für die Behörde, die sie anwendet. Sie verrät ihren Mangel an Voraussicht in Methoden, wenn nicht gar ein Versagen der Durchführungsstellen.“
So urteilt „Universul“, offenbar in erster Linie nach den Erfahrungen in der Hauptstadt. Da ist es kein Wunder, daß es in der Provinz noch ärger zugeht. Die Massenrequisition von Motorrädern hat es zum Beispiel dahin gebracht, daß anläßlich des Sonntag erfolgten Besuches polnischer Motorradfahrer, die vom Czernowitzer Motorklub her eingeladen waren, den Gästen, die 12 Motorräder mithatten, von Czernowitz aus nur drei Motorräder entgegenfahren konnten - eine geradezu schmächtige „Staffel“, die aber nicht größer sein konnte, weil nicht mehr Motorräder aufzutreiben waren. Sosehr hat hier die Requisition gearbeitet.
Darum wird

der Notschrei der Motorradfahrer
begreiflich, wie er in der Zuschrift eines Herrn F. G. an den „Tag“ zum Ausdruck kommt. Er schreibt:

Die wenigsten Motorradfahrer halten ihre Maschine zum Vergnügen. Die meisten verwenden sie als rasches Beförderungsmittel zur Arbeit, da sie weit von ihrem Arbeitsfelde wohnen.
Ein Motorrad ist immerhin eine schwache Maschine, die nicht viel aushält und fast jedes Jahr trotz der größten Schonung einer Generalreparatur unterzogen werden muß. Vor diesem Augenblicke zittert jeder Fahrer. Denn die Reparaturen kosten viel Geld. Die Bestandteile müssen aus dem Auslande bezogen werden und der Staat nimmt dafür hohe Zölle; oft übersteigt der Zoll das doppelte, ja dreifache des Wertes der Bestandteile.
Und letzten Endes gehört die Maschine mehr dem Staat als dem Besitzer. Kommt ein Manöver, so wird einem die Maschine ganz einfach, wo man angetroffen wird, weggenommen ohne irgend eine Bestätigung. Die Maschinen haben dann verschiedene Behelfe, wie: Lichtanlage, Claxon, Spiegel, Kilometerzähler, Werkzeuge u. a. Warum und aus welchem Grunde wird dem Besitzer nicht eine Empfangsbestätigung über alles, was weggenommen wurde, gegeben? Dies ist doch gewiß ein gerechtes und sehr bescheidenes Verlangen. Bekommt einer seine Maschine wieder, so kann er sie gleich auf den Friedhof führen. Wohlgemerkt, führen, aber nicht mehr hinfahren. Jeder Motorradfahrer erhält vom Militärkommando alljährlich einen Requirierungsschein für den Fall eines Krieges. Jeder Motorradfahrer ist also verpflichtet, seine Maschinen im Falle eines Krieges, der Armee zur Verfügung zu stellen. Das ist ja an und für sich in bester Ordnung. Warum aber werden die Maschinen mit Beträgen geschätzt, die geradezu lächerlich sind. Eine Maschine im Werte von 60.000 Lei wird auf 7.000 Lei, eine Maschine von 30.000 Lei auf 3.000 Lei geschätzt. Das sind Summen, die nicht einmal einen Bruchteil der Beträge ausmachen, welche dem Staate als Einfuhrzoll entrichtet werden mußten.
Dem Motoklub Roman Cernauti kann der gute Rat erteilt werden, sich mit der Bitte an die höheren Militärbehörden, und wenn es sogar sein muß, an unseren König, der selbst ein leidenschaftlicher Motorsportler ist, zu wenden, um unserem Motorsport mehr Aufmerksamkeit zu schenken, diesen Sport zu fördern, nicht aber zu vernichten.

(331004r2)


Feierliche Enthüllung des Grabdenkmals für Eliezer Steinberg [S. 2, rechts, Mitte]
Sonntag, den 8. Oktober, findet am jüd. Friedhof, um 10 Uhr vormittags die feierliche Enthüllung des Grabdenkmals für den allzufrüh verstorbenen Dichter Eliezer Steinberg statt. Das Monument ist nach einem Entwurf des Malers Artur Kolnik, Paris, ausgeführt. Um halb 9 Uhr abends findet im großen Saale der jüd. Gemeinde eine Gedenkfeier statt, bei welcher die Freunde des Verewigten, die Dichter Barbu Lazareanu, J. Sternberg, M. Altmann und Dr. Bickel, Bukarest, wie auch der hier zur Zeit weilende Dichter L. Malach aus Amerika, Mitglied des internationalen P.E.N.-Klubs sprechen werden.

(331004t2a)


Seite 3

Gerichts-„Tag“
„Kommunistische“ Schüler vor Gericht [S. 3, oben, links]
Vorsitzender: OLGR. Dr. Bibring, Beisitzer: Richter v. Tuschinschi, Staatsanwalt Axani.

Gestern fand im Czernowitzer Tribunal in fortgesetzter Verhandlung ein Prozeß statt, der sich gegen einige Jugendliche, drei Jünglinge und zwei Mädchen im Alter zwischen 17 und 19 Jahren, richtete. Den Angeklagten Benno Sternberg, Nachbar und Stein, [in] deren Verteidigung sich die Advokaten Dr. Hotinceanu, Dr. Hausknecht, Dr. Kißmann und Dr. Traian Popovici teilen, wird zur Last gelegt, daß sie im Sommer 1932 im orthodoxen Knabenlyzeum in der Siebenbürgerstraße und im Aron Pumnulgymnasium Manifeste kommunistischen Inhalts verteilt hätten.
Die Gymnasialdirektoren Vitenco und Iliuti sowie Professor Vasilovici gaben an, daß einige Schüler gemeinsam mit dem Schuldiener ihnen eine größere Menge von Manifesten in der Kanzlei übergeben hätten, die sie an einem jüdischen Feiertag, an dem die jüdischen Schüler nicht die Schule besuchten, in den Korridoren, den Klassenzimmern und im Abort der Anstalt gefunden haben. Ein Gymnasiast namens Huber sowie einige andere als Zeugen einvernommene Schüler sagten aus, daß sie gesehen hätten, wie der Angeklagte Sternberg mit einer gefüllten Aktentasche während einer Unterrichtsstunde die Schultreppe hinauflief und wenige Minuten darauf mit leerer Tasche die Anstalt verließ. Bemerkenswert ist, daß Sternberg niemals Schüler dieser Anstalt gewesen ist. Auch in anderen Gymnasien, im dritten Staatsgymnasium usw. wurden ähnliche Manifeste gefunden. Der Verdacht, die Manifeste verteilt zu haben, fiel auf die jetzt Angeklagten. Der Inhalt der Manifeste lautet folgendermaßen:
„Wir wollen nicht länger die Gewalt der Professoren ertragen, wir wollen keine hohen Schultaxen zahlen, wir fordern die unentgeltliche Verteilung der Lehrbücher, wir fordern, daß die Schule von einem Schülerrat in Einvernehmen mit den Professoren geleitet werde!“
Diesem Manifest ist ein Appell folgenden Inhaltes angeschlossen: „Wir revolutionären Schüler wollen uns zusammenschließen, um dieses Programm zu verwirklichen!“
An Hand dieses Manifestes hatte es der Verteidiger Dr. Hotinceanu nicht schwer, die Angelegenheit in’s Lächerliche zu ziehen. Man müsse nur die Worte: „Manifest“ und „revolutionäre Schüler“ entfernen, und die angeblichen Manifeste verlören alles, was nur den leisesten Eindruck einer Ungesetzlichkeit hervorrufen könne. Ueberdies lasse die Form, in der die Manifeste verfaßt sind darauf schließen, daß sie nicht von den Schülern selbst, sondern von politischen Hintermännern herrühren, die die Schüler nur dazu benützten, die Manifeste zu verbreiten. Diese könnten nur als Opfer angesehen werden, wobei man ihnen die jugendliche Unerfahrenheit zugutehalten müsse. Die Verteidigung beantragte daher den Freispruch der Angeklagten.
Luise Huber war bereits vor einem Jahre wegen desselben Deliktes gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher unter Anklage gestellt, jedoch zur Zeit der Prozeßführung geflüchtet. Gestern erst gelangte ihr Fall, konnexiert mit dem bereits geschilderten, zur Verhandlung. Ihr Verteidiger, Dr. Hotinceanu, wies darauf hin, daß keiner der Zeugen die Angeklagte belastet habe und daß die jetzigen Mitangeklagten erklärt hätten, Luise Huber überhaupt nicht zu kennen, daß sie ferner in keinerlei Zusammenhang mit der Verteilung der Schülermanifeste stehe. Sie hätten nur auf Verlangen der Polizeiorgane erklärt, daß die Huber mit ihnen die Manifeste verteilt habe. Was den zweiten Fall betrifft, so sei Luise Huber wohl von den Mitangeklagten beschuldigt worden, die Führerin der Organisation der kommunistischen Jugendzellen am Mädchenlyzeum gewesen zu sein, doch könne sie auf Grund dieser Belastungen nicht verurteilt werden, weil die Erklärungen der Mitangeklagten durch keinen Zeugenbeweis unterstützt wurden. Da die Huber abwesend war, hätten die Angeklagten die ganze Schuld auf sie zu schieben gesucht, damit ihre eigene Schuld geringer bemessen werde.
Auf die Frage des Vorsitzenden, warum sie, Luise Huber, geflüchtet sei, antwortete das Mädchen: „Aus Furcht Herr Präsident!“ Dr. Hotinceanu wartete nun dem Gerichtshof, der dieser Erklärung der Angeklagten keinen Glauben zu schenken schien, mit einer heiteren Anekdote auf; er erzählte: In Rußland erteilte einst ein Pristav den Auftrag, sämtliche Esel der Gemeinde zu kastrieren. Am selben Tage noch traf außerhalb der Gemeinde der Itzig den Jakob und fragte ihn, warum er mit Kind und Kegel aus dem Dorfe geflüchtet sei. Jakob erwiderte: „Ich flüchtete, weil er Pristav den Auftrag erteilt hat, sämtliche Esel zu kastrieren.“ „Bist du denn ein Esel?“, sagte der andere. „Ja, mein lieber Freund, bis ich dem Pristav hätte erklären können, daß ich kein Esel bin, wäre ich schon längst kastriert worden.“ So auch Luise Huber. Bis sie der Polizei erklärt hätte, unschuldig zu sein, hätte sie längst das Schicksal Polja Vaschkautzeanus und der anderen Kommunistinnen geteilt. Aus dieser begründeten Furcht hat Luise Huber Czernowitz verlassen und sich verborgen gehalten.
Da überdies keinerlei direkte Beweise für ihre Schuld vorhanden seien, forderte Dr. Hotinceanu den Freispruch der Angeklagten.
Der Gerichtshof beraumte die Urteilsverkündung für den 9. Oktober an.

(331004c3)


Die Straßenbenennungen und ihre Auswirkung [S. 3, Mitte, oben, rechts]
„Der Tag“ hat wiederholt den Standpunkt vertreten, daß Straßen nicht nach lebenden Persönlichkeiten - es sei denn in ganz außergewöhnlichen Fällen - benannt werden sollen. Da diese Frage bereits oft Gegenstand von Diskussionen und Polemiken, ja sogar von Angriffen seitens der chauvinistischen Presse der Hauptstadt (vgl. die Auslassungen des „Calendarul“) bildete, äußerte sich Bürgermeister Dr. Saveanu über diese Frage. Er sagte:
„Seitens des „Universul“ wurde ich bereits mehrere Male wegen der Straßenbenennungen, die von der früheren Interimarkommission beschlossen wurden, angegriffen. Noch bevor aber diese Angriffe erfolgten, wurde die Durchführung des Beschlusses eingestellt, da tatsächlich einige Fehler unterlaufen sind, die wieder gut gemacht werden müssen. Auch das Innenministerium hat in einem kürzlich an die Stadtgemeinde ergangenen Auftrag angeordnet, daß man bei den Straßenbenennungen vorsichtig vorgehe. Es geht übrigens auch nicht an, daß man Straßen nach lebenden Persönlichkeiten benennt, da heute noch nicht gesagt werden kann, ob diese Persönlichkeiten sich Zeit ihres Lebens wirklich Verdienste erwerben werden.“ Als Beispiel führt Bürgermeister Dr. Saveanu den bekannten traurigen Fall des verstorbenen Generals Mircescu an, nach dem gewiß heute eine Straße nicht benannt werden könnte, während dies bei seinen Lebzeiten doch geschah. Die Einstellung der Durchführung des Beschlusses erfolgte, als Generalinspektor Crudu die betreffenden Akten zur Einreichung einer Kontestation abverlangte. Dr. Nistor hat darauf in einer im „Glasul“ veröffentlichten Notiz auf die Benennung einer Straße nach ihm Verzicht geleistet. Der gleichen Ansicht ist auch der Minister für die Bukowina Dr. Sauciuc Saveanu, der gleichfalls auf eine Straßenbenennung nach ihm verzichtete.
Es bleibt erst einer Gemeinderatsitzung vorbehalten, nach genauer Prüfung zu dieser Frage Stellung zu nehmen und Beschlüsse über die neuen Straßenbenennungen zu fassen.

(331004i3)


Arbeiterbildungskurse „Morgenrot“ [S. 3, rechts, Mitte]
Der Arbeiterbildungsverein „Morgenrot“ veranstaltet im Wintersemester 1933/34 die folgenden Kurse: 1. Sexualbiologie; 2. Vergesellschaftung in der Natur; 3. Dr. Schaffer, Gedichte; 4. Ohrenstein, Aufgaben des Vertrauensmannes; 5. Rubinger, Einführung in den Sozialismus; 6. Gilischenski, Geschichte der Jüdischen Arbeiterbewegung; 7. Gininger, jüdische Sprache und Literatur; 8. Dr. Kißmann, Nationalökonomie für Fortgeschrittene. Die Kurse werden an jedem Montag, Mittwoch und Donnerstag stattfinden.

(331004i3)


Seite 4

Großzügiges Programm für Arbeitslose in Amerika [S. 4, oben, Mitte]
Washington, 2. Oktober (Tel. des „Tag“). Der amerikanische Staatspräsident Roosevelt hat ein Regierungsamt gebildet, dem die Aufgabe zufällt, die Arbeitslosen in diesem Winter mit Lebensmitteln zu beteilen. Diesem Amt stehen 30 Millionen Dollar zur Verfügung.

(331004w4)


Amerikaner intervenieren auf Kuba [S. 4, Mitte]
Neue Unruhen

Havanna, 2. Oktober (Tel. des „Tag“). Auf der mittelamerikanischen Halbinsel Kuba sind neuerliche Unruhen entstanden. Zwischen den im Hotel „National“ stationierenden [stationierten] Offizieren und Soldaten kam es zu einer wilden Schießerei, im Verlaufe welcher viele Personen getötet wurden. Unter den Opfern befindet sich ein amerikanischer Staatsbürger.
In Havanna war heute das Gerücht verbreitet, daß Staatspräsident St. Martin durch den Revolutionären Batistor [Batista] ersetzt wurde.
Die letzten Meldungen besagen, daß bei den Zwischenfällen neun Personen getötet wurden.
Amerikanische Matrosen stehen in Bereitschaft, um im gegebenen Zeitpunkt ans Land zu gehen.

Panzerwagen gegen Offiziere
Hiezu wird uns noch telegraphiert: In späten Abendstunden dauert der Kampf zwischen den Soldaten und den Offizieren, die sich im Hotel „National“ verbarrikadiert haben, an. Vor dem Hotel wurden Panzerwagen aufgestellt. Das Feuergefecht gegen die Offiziere wird immer stärker. Die Zahl der Toten erhöht sich von Stunde zu Stunde.
Vor dem Palais des Staatspräsidenten wurden Maschinengewehre aufgestellt, um sein Leben zu sichern.

(331004w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 460, Donnerstag, 05.10.33

Postby Klaus Binder on 5. October 2011, 00:08

Seite 1

Standrecht über Oesterreich [S. 1, oben, links]
Mißlungenes Attentat gegen Dollfuß
Der Bundeskanzler Dr. Dollfuß nur leicht verletzt

Wien, 3. Oktober (Tel. des „Tag“; Amtlich). Auf den Bundeskanzler Dr. Dollfuß wurde heute um 2 Uhr nachmittags ein Attentat verübt, als er vom Parlament, wo er ein Referat bei einer Sitzung der christlich-sozialen Partei erstattet hatte, den Weg zu seinem Auto nahm.
Der Attentäter gab zwei Schüsse ab. Eine Kugel prallte von der Brust ab, während die andere ihn am Oberarm traf, doch wurden weder Gefässe noch Nerven getroffen; die Kugel drang nur in die Weichteile. Der Bundeskanzler ist leicht verletzt. Er wird noch heute von seiner Wohnung im Radio sprechen und von dort aus die Regierungsgeschäfte weiter leiten.
Der Attentäter heisst Rudolf Ertel [Drtil], ist 22 Jahre alt und in Wien geboren. Er war früher Mitglied des Bundesheeres. Ueber seine Parteizugehörigkeit ist offiziell noch nichts bekannt, es verlautet aber von privater Seite, dass er der aufgelösten nationalsozialistischen Partei angehört hat.
Gegenwärtig findet ein Ministerrat statt, in welchem die Verhängung des Standrechtes über ganz Oesterreich beschlossen werden soll.

Dollfuß spricht vom Krankenbett
„Ich werde meine Pflicht bis ans Ende erfüllen“

Wien, 3. Oktober (Tel. des „Tag“). Bundeskanzler Dr. Dollfuß sprach um 9 Uhr abends von seinem Krankenbett aus im Rundfunk. Der Bundeskanzler sagte u. a.:

„Ich habe Wert darauf gelegt, einige Worte zum österreichischen Volk und meinen Freunden schon deshalb zu richten, weil nach solchen Ereignissen die Dinge aus irgend welchem Grunde gewöhnlich gefährlicher dargestellt werden, als sie sind. Ich bin frisch und munter. Ich will nicht das Vorgefallene schildern; das wird ja die Presse besorgen. Mein Freund, Vizekanzler Fey, wird morgen mit den übrigen Ministerkollegen zu mir kommen, um alles Notwendige zu besprechen. Aller Voraussicht nach und nach den Mitteilungen des mich behandelnden Arztes, des Professors Ranze, und der anderen Herren, die bei mir waren, werde ich schon übermorgen mein Amt wieder übernehmen können. Inzwischen leite ich die Regierungsgeschäfte selbstverständlich von meiner Wohnung aus. Meine Verletzungen sind nicht ernst. Es handelt sich um einen leichten Armschuß, oder wie man das im Kriege nennt, einen Tausendguldenschuß und um einen Prellschuß gegen die Brust. Ich bin also dank der Fügung Gottes einer schweren Gefahr entronnen. Man kann also beruhigt sein. Ich habe meine Pflicht stets erfüllt und werde auch weiterhin mit absoluter Festigkeit die mir gestellte Aufgabe erfüllen. Ich sage allen, die in dieser ernsten Stunde sich um mein Schicksal gekümmert haben, Gruß und Dank.“

*
Die erste Einvernahme des Attentäters
Berlin, 3. Oktober (Tel. des „Tag“). Der nationalsozialistische Pressedienst meldet: Der 22-jährige Attentäter, Rudolf Derkil (?) [Drtil], der heute auf den österreichischen Bundeskanzler ein Attentat verübte, wurde unmittelbar nach dem Anschlag vom Wiener Polizeipräsidenten einem ersten Verhör unterzogen. Auf die Frage, warum er das Attentat begangen hat, antwortete der Attentäter, er habe auf einen Mann aufmerksam machen wollen, dem er die Fähigkeit nicht zutraue, Oesterreichs Führer zu sein; er habe aber den Bundeskanzler nicht töten wollen.
Die Waffe, mit der das Attentat ausgeführt wurde, ist ein alter Trommelrevolver, in dem nur zwei Patronen waren.
Weiters meldet der nationalsozialistische Pressedienst, daß der Attentäter beim ersten Verhör angegeben habe, früher Mitglied des „marxistischen Wehrverbandes“ gewesen zu sein. (Diese Meldung hat zweifellos tendenziösen Charakter. D. Red.).
Reichsaußenminister Neurath und der deutsche Geschäftsträger in Berlin haben dem Kanzler ihre Glückwünsche über das Mißlingen des verbrecherischen Anschlages ausgesprochen.

*
Das Attentat im Echo der Weltpresse
Es liegt ein Terrorakt der Nationalsozialisten vor

London, 3. Oktober (Tel. des „Tag“). Die gesamte europäische Presse befaßt sich mit dem Attentat auf den österreichischen Bundeskanzler. Einmütig wird festgestellt, daß ein neuer Terrorakt der Nationalsozialisten vorliegt. Es werden scharfe Anklagen gegen die Reichsregierung erhoben. Die Pariser Zeitung „Liberte“ verurteilt aufs schärfste den verbrecherischen Anschlag, der sich auf Deutschland sehr ungünstig auswirken werde.

(331005w1)
_____
de.wikipedia.org/wiki/Engelbert_Dollfuß



Gegenrevolution in Havanna niedergeworfen [S. 1, unten, rechts]
Amerikanische Marinetruppen gelandet

London, 3. Oktober (Tel. des „Tag“). Reuter meldet aus Havanna: In den ersten Morgenstunden haben die Regierungstruppen, unterstützt von der Kanonade der Kanonenboote, das Hotel „National“, wo sich die aufständischen Offiziere verbarrikadiert hatten, in Trümmer geschossen. An allen Straßenecken dauerten während der Nacht die Gefechte an, jetzt um zehn Uhr vormittags dauert die Straßenschlacht noch fort. Die Offiziere haben kapituliert und wurden, je fünf gefesselt, abgeführt; fünfzehn von ihnen sind schwer verletzt. Eine weitere Meldung besagt, daß die Regierungstruppen die gefangenen Offiziere niedergemetzelt haben. Die erste Meldung lautet, daß 75 Tote zu zählen waren, die spätere Meldung von Dienstag Mittag gab die Zahl der Toten mit 130 und der Verletzten mit 250 an.
Weiters wird berichtet, daß die kommunistisch eingestellten revolutionären Studenten einen neuen Vorstoß vorbereiten. Die Zahl der Verhafteten beträgt 500. Die Amerikaner haben Marinetruppen gelandet. Diese haben noch nicht in den Kampf eingegriffen.

(331005w1)


Seite 2

Auszeichnung [S. 2, unten, links]
Der Arbeitskammerrat und Vizepräsident der Gewerbetreibendensektion der Arbeitskammer, Herr Elias Grill, wurde vom Arbeitsminister mit dem Orden „Meritul Sanitar clasa I“ ausgezeichnet.

(331005i2)


Seite 3

Der Sachsentag im Zeichen des Nationalsozialismus [S. 3, oben, links]
Zwei Drittel der Teilnehmer hitleristisch
(Eigenbericht des „Tag“ aus Sibiu)


Sonntag fand hier der Sachsentag statt, der das letzte Mal im Jahre 1919 zusammengetreten war. Das Ereignis der Tagung dieser Körperschaft der Deutschen Rumäniens, die angesichts der scharfen Kämpfe, die sich in letzter Zeit im deutschen Lager abspielten, überall mit dem größten Interesse verfolgt wurden, hatte der Stadt den Stempel aufgedrückt. Am Sonntag durchzogen Scharen von sächsischen Jünglingen in Uniform und unter Trompetengeschmetter die Stadt. Als unbefangener Zuschauer mußte man den Eindruck gewinnen, sich in einer Stadt zu befinden, die von Hitler-Deutschland okkupiert ist. Ueberall erschollen die Rufe „Heil Hitler!“, auf allen Straßen und Plätzen wurden nationalsozialistische Zeitungen verteilt.

Hitler-Abgesandte in Sibiu
Uebrigens nahmen an den Kundgebungen auch Reichsdeutsche teil, waschechte Hitleristen, die eigens hiezu aus Deutschland gekommen waren. Die eigentlichen Beratungen wurden geheim durchgeführt, den Zutritt hatten nur Sachsen mit Legitimationen. Weder rumänischen noch ungarischen Journalisten wurde Eintritt gewährt.
Das Programm des Sachsentags bestand darin, Richtlinien für eine vollkommene Volksgemeinschaft aufzustellen. Der Vorentwurf zu diesem Programm wurde vom deutschsächsischen Volksrat von Siebenbürgen zusammengestellt, wobei die Programmvorschläge der Nationalsozialisten (sogenannte „Selbsthilfe“) weitgehendst berücksichtigt wurden.
An den Beratungen nahmen 500 stimmberechtigte Vertreter und zirka 7000 Teilnehmer mit beratender Stimme, die im Hofe des evangelischen Mädchengymnasiums versammelt waren, teil. Die Teilnehmer waren zumindest zu zwei Dritteln Hitleristen. Diese terrorisierten die Minderheit und hinderten ihre Gegner im Sprechen. Der gewesene Unterstaatssekretär Brandsch versuchte nicht einmal zu sprechen, seine Gegner beherrschten die Tribüne und errangen einen fast vollständigen Sieg.
Dem Präsidium gehörten u. a.: Bischofdechant Dr. Glondys und Volksratspräsident Dr. Schnell an. Dr. Schnell begrüßte die Erschienenen und erklärte es als Aufgabe des Sachsentages, die innerpolitischen Meinungsverschiedenheiten zu klären und die Möglichkeit zur Festigung der Volksgemeinschaft zu geben. Eine besondere Bedeutung erfahre - so betonte der Redner - der Sachsentag durch die jüngsten Ereignisse im Mutterlande, womit der Redner Deutschland meinte. Und er sagte wörtlich: „Unser Schicksal liegt in seinem Schoße.“ Hierauf erklärte er den Sachsentag für eröffnet und es wurde die Entsendung eines Huldigungstelegrammes an den König beschlossen.
Als nächste Redner sprach sofort der Führer der Nationalsozialisten Herr Fabritius, der die Ziele seiner Bewegung darlegte: Es müsse eine Gemeinschaft aller Deutschen Rumäniens geschaffen werden und schon die nächste Nationalversammlung solle sie alle umfassen und „Deutscher Tag“ heißen. Seine Rede wurde von den zahlreichen Nationalsozialisten mit „Sieg Heil!“ und „Heil Hitler!“-Rufen aufgenommen.
Es begann die Debatte über den Entwurf zum Volksprogramm, welche gleichfalls von den Nationalsozialisten beherrscht war. Für diese sprachen Dr. Jickeli und Dr. Gust.
Scharfe Zusammenstöße entwickelten sich besonders bei der Frage über die von den Nationalsozialisten geforderte

„moralische Arbeitsdienstpflicht.“
Als einige Redner sich dagegen wandten, daß der Jugend in dieser Hinsicht volles Selbstbestimmungsrecht gegeben werde, wurden sie von den Nationalsozialisten niedergeschrien. Dennoch griff der den Nationalsozialisten nahestehende Abgeordnete Dr. Hans Otto Roth ein mit einem Vermittlungsvorschlag, der schließlich mit knapper Mehrheit angenommen wurde. Dieser lautet:
„Es ist die moralische Pflicht eines jeden Volksgenossen, in seiner Jugend Arbeitsdienst zum Wohle der Volksgemeinschaft zu leisten, daher können die im Jahre 1915 und später geborenen Volksgenossen nur dann in die völkischen Körperschaften gewählt werden, wenn sie die in den von dem Volksrat über die Frage des moralischen Arbeitsdienstes, insbesondere der Arbeitslager, geschaffenen Statuten vorgesehenen Verpflichtungen erfüllen.“

Kontrolle über Banken und Presse
Ueber nationalsozialistischen Antrag wurde verfügt, daß die sächsischen Banken und Geldinstitute unter eine scharfe Kontrolle der sächsischen Volksführung gestellt werden, die das Recht erhält, falls die Banken den völkischen Zwecken nicht Genüge tun, zu erklären, daß die betreffende Geldanstalt mit der sächsischen Volksführung keinen Zusammenhang mehr hat.
Ebenso soll die Presse durch die Volksführung schärfer überwacht und nötigenfalls aus der Volksgemeinschaft ausgesperrt werden.
Ferner wurde über nationalsozialistischen Antrag das passive Wahlalter auf 21 Jahre herabgesetzt.

Blut und Rasse
Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in der nach nationalsozialistischer Terminologie von „gleichem Blute“ die Rede ist und in der es heißt, daß die Ereignisse in Deutschland auch die Sachsen zu einer Tätigkeit veranlassen müssen, die ihnen Ehre macht und das Vertrauen zur „deutschen Rasse“ erhöht. Mit einem Schlußwort des Bischofdechanten Dr. Glondys nahm die Tagung ihr Ende.

(331005r3)


Abgeordneter Dr. Radaceanu über die künftigen Aufgaben der Sozialdemokratie [S. 3, unten, Mitte]
Durch einige Tage weilte hier wieder der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Radaceanu, der im Czernowitzer Bezirk mehrere Versammlungen abgehalten hat. Ein Mitarbeiter des „Tag“ wandte sich an den Abgeordneten mit dem Ersuchen, einige Mitteilungen über die Arbeiten der Pariser Konferenz der Sozialistischen Arbeiterinternationale zu machen, an der Dr. Radaceanu als Vertreter Rumäniens teilgenommen hat. Dr. Radaceanu sagte:
Die Pariser Konferenz der sozialistischen Arbeiterinternationale hat zweifellos eine ungewöhnliche Bedeutung sowohl wegen der weltpolitischen Situation, in welcher sie zusammengetreten ist, als auch weil es sich darum handelte, den Kampf des internationalen Sozialismus gegen den Faschismus neu zu beleben. In zweifacher Hinsicht hat die Konferenz der internationalen Arbeiterbewegung neue Kraftantriebe gegeben: Vor allem, weil gerade in dieser schwersten Zeit der unbeugsame Glaube an die Unbesiegbarkeit der sozialistischen Idee und an ihren Endsieg machtvoll zum Ausdruck kam; dann aber, weil mit aller Konsequenz die Fehler der sozialdemokratischen Taktik in gewissen Ländern erkannt und zum Anlaß richtiger Neuorientierung genommen wurde. Von einem Abrücken der Sozialdemokratie vom demokratischen Standpunkt konnte natürlich keine Rede sein und es brauchte auch nicht erst wiederholt zu werden, daß die Sozialdemokratie sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung in entscheidender Stunde den Boden der Demokratie zu verlassen entschlossen ist. Das Wesentliche und in gewissem Sinne Neue der Pariser Beschlüsse war, daß klar zum Ausdruck gebracht wurde:
Die Sozialdemokratie muß zur Macht streben, aber alle Demokratie hat keinen Wert, wenn sie nicht ausgenützt wird zur energischen Vernichtung ihrer Gegner und zur Vorbereitung des sozialistischen Aufbaues.
Damit ist vor allem die Lehre aus den Geschehnissen im Deutschen Reich gezogen.
Die Konferenz hat sich rückhaltlos dem Boykottbeschluss der internationalen Gewerkschaftskonferenz angeschlossen. Für Anfang November ist die Organisierung einer internationalen Aktion zum Kampf gegen Hitler-Deutschland und zur Weiterführung des Boykotts so wie in allen Ländern auch in Rumänien in Aussicht genommen.
Die Konferenz sprach sich überzeugend dahin aus, daß die Einheitsfront der Arbeiter notwendig ist und daß die Internationale alles tun werde, um diese Front zu ermöglichen. Praktische Voraussetzung dafür ist aber, daß die kommunistische Internationale den gehässigen Kampf gegen die Sozialdemokratie einstelle und zur Mitarbeit wirklich bereit sei. Diese Voraussetzung ist noch nicht gegeben. Es ist aber zu hoffen, daß die kommunistischen Arbeiter aus den Ereignissen in Deutschland doch lernen werden, wie wichtig die Erhaltung der Freiheitsrechte, also der vielgeschmähten Demokratie ist und daß dadurch der Weg zu einer Zusammenarbeit geebnet wird.
Mit diesen Ausführungen war das Gespräch zu Ende. Hervorzuheben ist, daß die vom Abgeordneten Dr. Radaceanu beim Pariser Kongreß zum Ausdruck gebrachten Ideen in Einklang mit der Schlußresolution stehen.

(331005c3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 461, Freitag, 06.10.33

Postby Klaus Binder on 5. October 2011, 22:28

Seite 2

Wiedererrichtung der Berlitzschule in Czernowitz [S. 2, oben, links]
Wie wir erfahren, wird im Laufe dieses Monates in Czernowitz eine Filiale der Berlitzschule errichtet. Von der Zentrale aus ist General-Inspektor Prof. Heinrich Heß eingetroffen, um die Einrichtung vorzunehmen. Wie erinnerlich, bestand schon vor dem Kriege eine derartige Anstalt in Czernowitz. Es handelt sich dabei um die Vermittlung der Sprachkenntnis mit Hilfe des bereits weltberühmt gewordenen Unterrichtssystems der Berlitzschule, die im Jahre 1879 von Professor N. D. Berlitz in den Vereinigten Staaten begründet wurde. In Czernowitz werden alle Weltsprachen: Englisch, Französisch, Rumänisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch sowie die Sprachen des Orients unterrichtet werden. Für die Verbreitung und die Bewährtheit dieses Unterrichtssystems spricht allein der Umstand, daß in der ganzen Welt 450 Anstalten dieser Art bestehen, davon in Deutschland 60 mit dem Hauptsitze in Berlin. Dem Wesen dieses Unterrichtssystems entsprechend treffen in Czernowitz für die einzelnen Sprachen je ein Professor aus Paris, London, usw. ein. Näheres über diese so begrüßenswerte Einrichtung werden wir noch verlautbaren.

(331006c2)


Ein junger Bukowinaer Dichter gestorben [S. 2, unten, rechts]
In Radautz ist der rumänische Dichter Ion Rosca im Alter von kaum 25 Jahren gestorben. Der Verstorbene hatte mehrere Gedichte in der „Junimea Literara“ veröffentlicht und war Mitarbeiter des „Glasul Bucovinei“ sowie verschiedener Zeitschriften.

(331006t2)


Seite 3

Ein Heim für bedürftige Kaufleute [S. 3, rechts, Mitte]
Bukarest, 4. Oktober (Tel. des „Tag“). Der Verwaltungsrat der Handelskammer trat unter dem Vorsitz Staicovici’s zusammen und nahm zur Kenntnis, daß das Handelsministerium den Betrag von 17 Millionen Lei zur Errichtung eines Heimes für zugrundegegangene Kaufleute bewilligt hat. Dieses zu errichtende Heim wird auch bedürftige Kaufleute aufnehmen.

(331006r3)


Seite 4

Minderheitenfrage: [S. 4, oben, links]
Das größte politische Problem Europas
Benesch für die Minderheitenrechte der Juden. -
Weitere Anklagen gegen Nazi-Deutschland


Genf, 4. Oktober (Tel. des „Tag“). In der heutigen Sitzung der Völkerbundkommission für politische Fragen sprach der tschechoslowakische Außenminister Dr. Eduard Benesch zur Minderheitenfrage und führte u. a. aus:
Es gehe nicht an, daß jene Staaten, die ihre eigenen Minderheiten verfolgen, sich als Beschützer der Minderheiten anderer Staaten aufspielen.
Das Nationalitätenproblem ist das größte politische Problem Europas, von dessen Lösung das Einvernehmen unter den Völkern abhängt.
Benesch bezog sich hierauf auf die Ausführungen des deutschen Gesandten Keller, der die Frage, ob die Juden als Minderheit angesehen werden sollen, verneinte. Benesch griff heftig den deutschen Vertreter an.
Die Juden - so betonte der Außenminister - sind, auch auf Grund der Minderheitenverträge als konfessionelle Minderheit anzusehen. Dieses Recht müssen alle Staaten respektieren.
Er schließe sich vollinhaltlich den Vorschlägen der Delegierten Schwedens und Polens an, wonach

eine Erweiterung der Minderheitenverträge
durchgeführt werden müsse. Die Tschechoslowakei ist bereit, ihre vertraglichen Verpflichtungen einzuhalten, wird aber keine einseitige Behandlung der Minderheitenfrage zulassen. Diesen Standpunkt vertrete er schon seit 14 Jahren. Für die Minderheitenfrage müssen allgemeine Kriterien maßgebend sein, wie die perzentuelle Anzahl der Minderheiten- und Mehrheitsschulen auf Grund der Bevölkerungszahl. Im übrigen ist das allgemeine Wahlrecht und die Pressefreiheit die beste Propaganda für das gute Einvernehmen der Minderheiten. Es kommt aber auch auf den guten Willen bei der Behandlung der Minderheitenfrage an.
Zum Schluß sagte Benesch: Die Persönlichkeit des Menschen muß respektiert werden, wer auch immer es sei.
Der deutsche Vertreter Keller trat dagegen auf, daß sich die Kommission noch mit der Beschwerde Bernheim’s befasse.

Völkerbund beschließt Errichtung eines Amtes für die deutschen Flüchtlinge
In der zweiten Kommission stellte heute der Delegierte Hollands den Antrag, ein spezielles Amt für die deutschen Flüchtlinge zu errichten. Er betonte, daß die geflüchteten Juden vorläufig von Privatorganisationen unterstützt werden, später werden sie aber doch auf die Staatskassen angewiesen sein. Daher müsse der Völkerbund sich eingehend mit dieser Frage befassen und auch dafür sorgen, daß die Einwanderungskontingente nach Palästina erhöht werden.
Der deutsche Delegierte Keller erklärte, daß die Juden aus Deutschland geflüchtet sind, weil sie ihre vorteilhaften Stellungen verloren haben. Er lehne die Errichtung dieses speziellen Amtes ab, übrigens sei Deutschland an der Frage desinteressiert.
Der Vertreter der Tschechoslowakei erklärte, daß er im Namen seiner Regierung schon aus Gründen der Menschlichkeit für diesen Antrag stimme.
Der Antrag wurde schließlich angenommen und ein Ausschuß gewählt, der die vorbereitenden Arbeiten durchführen und das statistische Material sammeln wird.

(331006w4)


Abrechnung mit Hitler-Deutschland [S. 4, Mitte]
Einsteins Vortrag in London und Teilnahme Chamberlains an der Diskussion

London, 4. Oktober (Tel. des „Tag“). Albert Einstein hielt in der [Royal] Albert Hall den angekündigten Vortrag, zu dem alle Spitzen der Wissenschaft und der Gesellschaft erschienen waren. Sein Vortrag war nichts anderes als eine sehr scharfe Auseinandersetzung mit der Hitlerpolitik und ihrem Kampf gegen die Demokratie und die Juden.
Noch spannender war die darauffolgende Diskussion, an der der frühere Außenminister Austen Chamberlain teilnahm. Chamberlain rechnete mit dem neuen Deutschland gründlich ab. Da zur Versammlung nur eingeladene Gäste erscheinen konnten, ergab sich auch kein Zwischenfall. Die Polizei, die in starker Gruppierung erschienen war, trat nicht in Aktion.

(331006w4)
_____
youtube: Albert Einstein speaks at the Royal Albert Hall 1933
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 462, Samstag, 07.10.33

Postby Klaus Binder on 7. October 2011, 01:34

Seite 1

Die Presse unter Staatskommando [S. 1, oben, links]
Goebbels über das neue Schriftleitungs-Gesetz

Berlin, 3. Oktober (Tel. des „Tag“). Reichspropagandaminister Goebbels verkündete heute im Journalisten- und Schriftstellerverband das neue Schriftleitungsgesetz. In einer langen Rede pries er diese Errungenschaft der nationalen Revolution als die Höchstleistung der Nationalisierung der öffentlichen Meinung. Die Presse, eines der wichtigsten Instrumente des Staates, - sagte Goebbels - dürfe nicht unter dem liberalen Schlagwort der Freiheit des Geistes und der Meinung verantwortungslosen Verlegern ausgeliefert werden.

Es gebe überhaupt keine absolute Preßfreiheit [Pressefreiheit] mehr. Der Einzelne dürfe nicht auf Kosten der Gemeinschaft Ansichten verbreiten, die den Staat schädigen. Wenn manche jetzt verlangen, daß man die Freiheit der Presse beschränkt, so ist das ein Unsinn, denn der Journalist hatte niemals die Freiheit, zu sagen, was er denkt, er wurde von einem wucherischen, verantwortungslosen, oder unfähigen Verleger geleitet, der aus der öffentlichen Meinung ein Geschäft machte. Heute tritt an Stelle dieses Verlegers der Staat und es müßte dem Schriftsteller doch sympathischer sein, den Staat als Kontrahenten zu besitzen, als einen verstaubten, verschmierten Geschäftsmann, der mit öffentlicher Meinung wie mit niedrigster Ware umgeht. Wenn Millionen Menschen auf die Presse sehen und mit Vertrauen auf sie schauen, dann ist es klar, da diese Presse sich der großen Verantwortung bewußt sein muß. Das neue Gesetz hat deshalb die Aufgabe, die Schriftleiter mit der Verantwortung zu belasten. Wir wollen nicht Gesinnungslumpereien; aber: die Tagesprobleme leidenschaftslos von den höchsten Punkten des Staatsinteresses besprechen - das ist Ihre Aufgabe. Schluß mit den unsauberen Subjekten in der Presse, die sich von unsauberen Verlegern haben kommandieren lassen müssen. Der Schriftleiter muß die nationale Reife besitzen, aber nicht jedes Subjekt soll den Schriftleiter kommandieren dürfen.
Weil ich Ihre Aufgabe so auffasse, werden Sie auch den besondern Schutz des Staates genießen. Jeder, der an der deutschen Presse mitarbeitet, muß Mitglied des Verbandes sein. Die Presse hat ihre eigene Gerichtsbarkeit. Jedes Mitglied erhält die Berufskarte. Die Pressekammer tritt heute ins Leben. Der Berufsstand ist gegründet, das Gesetz ist das modernste der Welt und - so schloß Goebbels - in fünf, sechs oder sieben Jahren werden die andern Länder dieses Gesetz abschreiben. Das Interesse des Standes ist mit dem Interesse des Staates durch dieses Gesetz in Einklang gebracht. Dann verkündete Goebbels, daß der bisherige Führer der Presse Dr. Dietrich zum Präsidenten der Kammer und Führer des Verbandes ernannt wurde.

(331007w1)


Iorga gegen den Rechtsextremismus [S. 1, Mitte]
„Adevarul“ veröffentlicht ein Gespräch seines Berichterstatters mit Professor Iorga, der sich über aktuelle politische Fragen, besonders auch über die gegenwärtig überhandnehmenden Rechtsströmungen äußerte.
Glauben die hitleristischen Sachsen, daß sie sich vollständig vom Staat, in dem sie leben, ausschließen können? Sie sollen es nur tun. Aber dann sollen sie auch alle Konsequenzen ziehen. Bei den Wahlen sollen sie ein Kartell mit Hitler abschließen und Hitler soll Herrn Roth zum Abgeordneten wählen. Wenn sie etwas nötig haben, sollen die Sachsen nach Berlin gehen, der Hauptstadt ihres Staates, da Bukarest für sie die Hauptstadt eines fremden Staates zu sein scheint.
Über die Rechtsströmungen sagte Iorga, daß

ein stupider Mystizismus
im Begriffe sei, die Massen zu gewinnen. Aber es sei dies nicht verwunderlich bei der Kulturlosigkeit, die in den rumänischen Dörfern herrsche.
Iorga bezeichnet eine Diktatur als unmöglich, schon darum, weil hiezu die Voraussetzung fehle: ein König, der nicht regieren wolle, während unser König bis in die kleinsten Einzelheiten des Staatswesens regieren wolle.

Duca kommt zur Regierung
Auf die Frage, was er von der Nachfolge halte, sagte Iorga, er sei überzeugt, daß der König gemäß der von ihm eingeschlagenen verfassungsmäßigen Linie nur die liberale Partei unter der Führung Ducas zur Regierung berufen könne.

(331007r1)


Seite 2

Clujer Finanzgarde in Czernowitz [S. 2, oben, Mitte]
Ein Feldzug gegen die Bäcker

Seit einigen Tagen weilen in Czernowitz sechs Mitglieder der Clujer Finanzgarde, sogenannte „fliegende Brigade“, die überall Kontrollen durchführt, ob man die Umsatzsteuer regelrecht zahlt. Diese Finanzgarde sucht sich jedesmal ein anderes Gewerbe aus und hat es diesmal auf die Bäcker abgesehen. Bei den durchgeführten Kontrollen wurde festgestellt, daß 35 Bäcker die Umsatzsteuer nicht nach den vom Gesetz vorgeschriebenen Normen zahlen. Nun besteht seit kurzem ein Gesetz, welches die Verhängung einer Steuerstrafe von 100.000 bis 150.000 Lei über jeden Steuerträger, der die Umsatzsteuer nicht in der vorgeschriebenen Weise zahlt, vorsieht.
Auf Grund dieses Gesetzes wurden bei den in Frage kommenden Kontrollen Steuerstrafen im Gesamtbetrage von 3,500.000 Lei vorgeschrieben. Es ist zu betonen, daß viele Bäcker, denen Strafen bis zu 100.000 Lei vorgeschrieben wurden, in ihrem ganzen Vermögen nicht diesen Betrag haben. Wie man sieht, wird so ein Ruin eines ganzen Gewerbestandes in die Wege gebahnt. Man kann heute nicht einmal den normalen Steuerverpflichtungen nachkommen und die meisten Steuerträger können bestenfalls Ratenzahlungen leisten, unter keinen Umständen aber so hohe Strafen, die übrigens nur deshalb vorgeschrieben sind, weil nicht alle das Gesetz kennen, nach welchem die Register über Kauf und Verkauf geführt werden müssen. Die Folgen dieser Steuerstrafen sind naturgemäß Pfändungen und langwierige Prozesse, von welchen auch der Fiskus nicht viel profitieren kann.

Umsatzsteuer soll pauschaliert werden
Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, daß für den 7. und 8. Oktober nach Bukarest ein Generalkongreß der Bäcker des ganzen Landes einberufen wurde, in welchem die Hauptforderung aufgestellt werden soll, das Gesetz über die Umsatzsteuer dahin abzuändern, daß diese Steuer pauschaliert wird. Gleichzeitig wird der Kongreß in energischer Weise gegen die Vexationen durch die Vorschreibung der Strafen Stellung nehmen. Als Vertreter der Czernowitzer Bäckergenossenschaft werden die Mitglieder Mathias und Ternbach am Kongreß teilnehmen.

Ein Appell an den Regionaldirektor
Angesichts dieser Vorgänge, die unter den Betroffenen die größte Bestürzung ausgelöst haben, richten diese einen Appell an den Regionaldirektor Dr. Florian, dem die Finanzgarde unterstellt ist. Regionaldirektor Dr. Florian, der in seiner kurzen Amtsausübung die lokalen Verhältnisse zur Genüge kennenlernte, ist in der Lage, dem Finanzminister zu berichten, daß die Bukowina ein Leichenfeld ist, aus welchem nicht viel herausgeholt werden kann.

(331007c2)


Hochherzige Spenden für den Neubau des jüdischen Spitals in Czernowitz [S. 2, links, unten]
Aus Anlaß der hohen jüdischen Feiertage hat Frau Klara Netti Luttinger, Besitzerin des Hotels „Schwarzer Adler“, für den Neubau des jüdischen Spitals den namhaften Betrag von Lei 50.000 gespendet. Aus dem gleichen Anlasse spendeten Herr Dr. Wolfgang Fokschaner Lei 15000, Herr Konsul Direktor Edmund Luttinger Lei 10.000, Herr Generaldirektor Philipp Gredinger Lei 6.000, Herr Berthold Sobel Lei 5.000, Herr Direktor Solomovici Lei 5.000, Herr Karl Leo Rosenmann Lei 3.000, Herr Hermann Abraham Lei 1.000, Herr Dr. Paul Rieber Lei 500, Herr Dr. Erich Lupul Lei 2.250, Herr Dr. Otto Fokschaner Lei 2.250, Herr Direktor Isidor Schwarz Lei 3.000, Herr Emanuel Salter 5.000 Mauerziegel im Werte von Lei 6.250. Das Präsidium der jüdischen Gemeinde drückt den edlen Spendern den innigsten Dank aus.

(331007i2)


Storozynetz [S. 2, rechts, unten]
(Todesfall). Im Alter von 74 Jahren ist hier der hochgeachtete Kaufmann Simon Fleischer verschieden. Der Verstorbene gehörte zu den angesehensten Bürgern der Stadt und wurde mehrmals zum Gemeinderat gewählt. Er hinterläßt mehrere Kinder in geachteten sozialen Stellungen. Die Beerdigung fand am Dienstag, den 3. Oktober, statt.

(331007t2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 463, Sonntag, 08.10.33

Postby Klaus Binder on 8. October 2011, 00:24

Seite 2

Gedenkfeier Eliezer Steinberg [S. 2, unten, Mitte]
Von Seiten des veranstaltenden Komitees, wird uns mitgeteilt, daß am Sonntag, den 8. d. M., 10 Uhr vormittags, eine zeremonielose Besichtigung des vom Maler Artur Kolnik, Paris, entworfenen Grabdenkmales am Friedhofe stattfindet. Um 8 Uhr abends desselben Tages findet anläßlich der Fertigstellung des Denkmales eine Gedenkfeier im großen Saale des jüdischen Hauses statt, bei der die Dichter J. Sternberg und M. Altmann, Dr. Bickel, Bucuresti, und der jetzt hier weilende Dichter L. Malach, New York, sprechen werden.

(331008t2)


Café-Restaurant „Hotel Palace“ [S. 2, Mitte, rechts]
Abendkonzert eines Damen-Jazz-Orchesters

Ab heute, den 5. Oktober 1933, beginnt in diesem vornehmsten Lokal ein allabendlich stattfindendes Konzert eines Damen-Jazz-Orchesters. Die Vorzüge des renommierten Etablissements „Hotel Palace“ sind dem Publikum wohlbekannt. Für Gemütlichkeit und seriöse Bedienung bürgt der Name „Stern“.

(331008i2)


Seite 3

Wenn Polen 70 und Deutschland 40 Millionen Einwohner hat ... was dann? [S. 3, unten, links]
Berlin, 6. Oktober (Tel. des „Tag“). Der Ernährungsminister Darré gab vor der Presse den Ministern und vielen Persönlichkeiten aus der Landwirtschaft eine Art Rechenschaftsbericht über die Agrarpolitik des letzten halben Jahres. Der deutsche Bauer, sagte Darré, ist „aus den Klauen des liberalen Kapitalismus“ befreit worden. Nur der Bauer sei imstande, die bisherige Bevölkerungspolitik, eine Gefahr für das Deutschtum, anders zu gestalten. Was wird geschehen - so fragte der Minister - wenn, sobald die Geburtenziffer die gleiche bleibt wie jetzt, Polen 70 Millionen und Deutschland 40 Millionen haben werde? So weit könne es kommen. Denn, während Deutschland eine Durchschnitts-Geburtenziffer von 14 pro Tag hat, ist die Vergleichsziffer in Polen 35, in Rußland 40, bei den Slaven überhaupt 35 bis 40. Der Bauer hat also eine historische Aufgabe zu erfüllen. Rücksichtslos muß deshalb die Befreiung vom Liberalismus und Kapitalismus erfolgen.
Wir haben feste Preise für Weizen und Roggen geschaffen und damit den Bauern unabhängig von der Laune der Börse gemacht. Die Voraussetzung für die Besserung der Bevölkerungspolitik ist das Erbhofgesetz. Das deutsche Bauernrecht, germanisch-deutsch im Charakter, muß endgültig geschaffen werden, um damit den Bauern und Deutschland im allgemeinen ein kräftiges Rückgrat zu geben. Wenn einer uns sagt, daß dadurch die Eigentumsbegriffe verschoben werden, so antwortet ihm der Nationalsozialismus, daß das Recht des Einzelnen Beschränkungen unterworfen werden muß, wenn es sich um die Existenz der Nation handelt. Dann teilte Darré mit, daß nunmehr durch das neue Erbhofgesetz 500.000 Bauernhöfe gegründet wurden. Eine seelische Entspannung sei unter den Bauern und den Landwirten eingetreten. Das ist die größte bauernrechtliche Tat des Jahrhunderts.

(331008w3)
_____
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/ ... index.html


Ion Pribeagu’s grandiose Revue [S. 3, unten, rechts]
„Ghetto lacht“
kommt nach Czernowitz

„Ghetto lacht“ ist die sensationelle Schlager-Revue von Ion Pribeagu, welche während des ganzen Sommers allabendlich in Bukarest große Triumphe gefeiert hat. Diese Revue ist aber auch ganz ausgezeichnet und übertrifft alles bisher Dargebotene. Der technische und künstlerische Apparat ist von amerikanischem Format. 64 darstellende Personen, 16 reizende Girls, ein erstklassiges Jazz-Orchester, 600 in den Pariser Ateliers hergestellte kostbare Kostüme und eine Menge blendender Dekorationen. Musikalische Schlager, aktueller Witz, geistreiche Handlung und ausgelassener Humor sind die Säulen, die die Revue „Ghetto lacht“ tragen.
Die Revue wird Freitag, den 13. Oktober in der „Skala“ ein einabendliches Gastspiel absolvieren.
Das Arrangement hat die Theater- und Konzertdirektion „Carmen-Sylva“.
Der Kartenverkauf beginnt Dienstag, den 10. Oktober in der Theater- und Konzertdirektion „Carmen-Sylva“.

(331008c3)


Seite 4

Todesfall [S. 4, oben, rechts]
Donnerstag, den 5. d. M. ist der pensionierte Oberst Herr Demeter Edler von Turcan, nach längerem Leiden verschieden. Der Verschiedene wandte sich schon in seiner Jugend der militärischen Laufbahn zu, wo er wegen seiner hervorragenden Eigenschaften und strammen Disziplin bald einer der geachtetsten und beliebtesten Offiziere war. Während des Krieges wurde er auf einen verantwortungsvollen Posten gestellt, avancierte zum Obersten und seine erfolgreiche Tätigkeit wurde wiederholt durch hohe Auszeichnungen gewürdigt. Vor etwa 10 Jahren trat Oberst Turcan in den Ruhestand. Seine Arbeitsfreude und sein vielseitiges Wissen drängten ihn jedoch zu weiterer Betätigung. Der frühere Präsident der chemischen Fabrik „Sapic“ A. G., Herr Minister Iancu Ritter von Flondor, der die guten Eigenschaften und die vielseitige Verwendbarkeit des Obersten Turcan kannte, gewann ihn für die „Sapic“, wo er sich bald eine führende Position schuf. Schon nach kurzer Zeit wurde ihm die Procura erteilt und er besorgte die Administration in mustergültiger Weise. Durch sein zuvorkommendes Wesen, seine hervorragenden Fähigkeiten und seine unermüdliche Arbeitskraft wirkte er in beispielgebender Weise auf alle Beamten und Angestellten der Fabrik, die in ihm einen leutseligen Vorgesetzten verehrten. Die chemische Fabrik „Sapic“, hat durch das Ableben dieses seltenen Menschen einen großen Verlust erlitten und das Andenken an ihn wird von seinen Mitarbeitern stets hochgehalten werden. Er ruhe sanft! Sowohl der Verwaltungsrat, als auch die Beamten und Angestellten der chemischen Fabrik „Sapic“ haben besondere Parte ausgegeben und Kränze auf den Sarg des Verstorbenen niedergelegt. Von der Fabrik weht eine Trauerfahne.

(331008t4)


Seite 5

Um eine Namensänderung [S. 5, unten, rechts]
P. S. meldet aus Bukarest: Ein gewisser Josef Schwarz hatte sich an das Justizministerium mit dem Ersuchen gewandt, ihm zu gestatten, seinen alten Namen aufzugeben und sich in Zukunft Ionel Emilian zu nennen. Das Gesuch wurde vorschriftsmäßig in den rumänischen Blättern veröffentlicht, ob nicht irgend jemand gegen die Namensänderung Einspruch erhebt. Diese erfolgte auch tatsächlich in kurzer Zeit. Der Präsident der Jugendorganisation der cuzistischen Verteidigungsliga und Stabschef der Sturmabteilungen der gleichen politischen Organisation I. Emilian erhob gegen die Namensänderung Einspruch, weil sie tendenziös sei und schädliche Verwirrungen stiften könne. Emilian weist noch besonders darauf hin, daß sein Name „arisch“ sei und eine geschichtliche Ueberlieferung habe, so daß auch von diesem Gesichtspunkt aus das Gesuch eines Nichtariers abzuweisen sei. Das Appellgericht, das in dieser Frage zu entscheiden hat, wird in den nächsten Tagen sein Urteil fällen.

(331008r5)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 464, Dienstag, 10.10.33

Postby Klaus Binder on 9. October 2011, 23:31

Seite 2

Einbrüche [S. 2, links, unten]
Unbekannte Täter drangen in die Wohnung des Schauspielers Max Morison, Schlachthausgasse 3, ein und entwendeten Kleider und andere Gegenstände im Wert von 40.000 Lei. - In der Nacht auf Samstag drangen unbekannte Täter in die Wohnung des Stefan Moldovan, Türkengasse 10, ein und stahlen verschiedene Hausgegenstände im Werte von 4000 Lei.

(331010c2)

Todesfall [S. 2, Mitte, unten, links]
Am Samstag ist hier der hochgeachtete Kaufmann Hermann Grün im Alter von 55 Jahren nach kurzem Leiden verschieden. Der Verstorbene, der noch am Freitag wie gewöhnlich seiner gewohnten Tätigkeit nachgegangen war, mußte sich Samstag einer Operation unterziehen, um einen Knochen, der ihm im Halse stecken geblieben war, entfernen zu lassen. An den Folgen dieser Operation ist Herr Hermann Grün gestern unerwarteterweise verschieden. Herr Grün war auch Gründungsmitglied des Czernowitzer Kommis- und Buchhaltervereins. Er hinterläßt eine gramgebeugte Witwe, zwei Söhne und eine Tochter. Das Leichenbegängnis fand bereits gestern unter großer Beteiligung von der jüdischen Leichenhalle aus statt.

(331010t2)


Wohltätigkeitsvorstellung des Goldfadentheaters [S. 2, unten, Mitte]
Am Dienstag, den 10. d. findet im Goldfaden-Theater eine Operettenaufführung mit Sidy Thal statt, deren Erlös auf Initiative des Theaterdirektors Reisch dem jüdischen Schauspieler Max Morison, der dieser Tage einem Einbruchsdiebstahl zum Opfer gefallen ist und infolgedessen ganz mittel- und obdachlos dasteht, zufließt. Das geehrte jüdische Theaterpublikum wird, da es sich um eine Wohltätigkeitsvorstellung handelt, um zahlreiches Erscheinen gebeten.

(331010c2a)


Zwischen Czernowitz und Timisoara [S. 2, Mitte, rechts]
Von Geographie haben auch Behörden, inklusive die Post, keine Ahnung und dies gilt auch für die Geographie des Landes, was immerhin einigermaßen befremdlich erscheint. Daß diese hierzulande bekannte Tatsache auch anderswo diskutiert wird, beweist nachfolgender Artikel, den wir in einer der letzten Nummern der „Temesvarer Zeitung“ finden und in dem auch die Czernowitzer Post eine Rolle spielt.

Wir befaßten uns schon öfters mit den mangelhaften geographischen Kenntnissen unserer Post, die es nicht selten zustande brachte, einen von Temesvar nach Sackelhausen (in der Nähe von Temesvar) abgesendeten Brief oder Postkarte über Czernowitz oder Kischenew zuzustellen. Man lächelte stets nachsichtig über solche „Schnitzer“, mit dem Bemerken: „Mein Gott, es ist eben ein ungeschultes, in der Geographie des Landes unbewandertes Personal. Da können schon solche Fehler vorkommen.“
Nun aber kam da ein ganz neues Wunderding kürzlich in unserer Redaktion an. Von der „Akademie für hohe Handels- und Industrie-Studien“ aus Bukarest ein Umschlag, auf welchem folgende Aufschrift prangte:

Ziarul „Temesvarer Zeitung“ Cernauti
Also die hohe Akademie für Handels- und Gewerbestudien hatten die „Temesvarer Zeitung“ einfach nach Czernowitz versetzt, wo doch schon der Titel ganz klar sagt, daß es eine Temesvarer Zeitung ist.
Furchtbar, wie einseitig der Unterricht an der Hochschule sein muß, wenn man dort auf Handels- und Gewerbestudien bedacht ist und sich um die Geographie so wenig bekümmert, daß man Czernowitz mit Temesvar verwechselt.

Doch damit auch die Post ihr Scherflein dazu beitrage, finden wir auf dem Umschlag noch einen Vermerk, und zwar von der Czernowitzer Post, welche höchstweise zu der absurden Adresse bemerkt:

„Poate Timisoara“
Was soviel heißt, wie „möglicherweise in Temesvar“. Und auf Grund dieses „möglicherweise“ ist der Umschlag samt Inhalt dennoch glücklich in Timisoara gelandet. Wir haben es in unsere Kuriositätensammlung eingereiht. Es verdient darin einen Ehrenplatz.

*
Soweit die Temesvarer Zeitung. Immerhin muß man zugeben, daß in diesem Fall die Czernowitzer Post noch verhältnismäßig gut abgeschnitten hat, da sie die „Möglichkeit“ in Betracht zog, daß die „Temesvarer Zeitung“ sich in Temesvar befindet, woran die Hohe Akademie anscheinend gar nicht gedacht hat.

(331010r2)


Seite 4

Völkerbund übernimmt den Schutz der Juden [S. 4, oben, links]
Deutschland vollständig isoliert

Genf, 8. Oktober (Eigenbericht des „Tag“) Das Komitee zur Redigierung der Resolution betreffend die Minderheitenfrage hat den französischen Antrag angenommen. Dieser lautet wörtlich:

„Die Völkerbundversammlung bekräftigt feierlich die Empfehlung der Versammlung vom Jahre 1922, dergemäß auch diejenigen Staaten, die in der Frage des Minderheitenschutzes dem Völkerbund gegenüber keine rechtliche Verpflichtung eingegangen sind, verpflichtet sind, für ihre rassenmäßigen, religiösen und sprachlichen Minderheiten jenes Mindestmaß von Gerechtigkeit und Duldsamkeit zu gewährleisten, das durch die Verträge für die kleineren Staaten vorgeschrieben ist.
Die Versammlung lehnt eine derartige Interpretierung der Minderheitenverträge oder der obigen Empfehlung ab, die bestimmte Kategorien der Staatsbürger von dem Schutze ausschlösse, den die Verträge den rassenmäßigen, religiösen und sprachlichen Minderheiten zusichern.“

Während der erste Abschnitt des Antrages einstimmig angenommen wurde, wurde der zweite betreffend den Schutz der Juden mit allen gegen die Stimme Deutschlands angenommen. Es gilt als sicher, daß die Völkerbundversammlung diesen Beschluß bestätigen und Deutschland in dieser Frage vollständig isoliert bleiben wird.
Die ganze Minderheitendebatte in Genf hat einen einstimmigen Protest gegen die Unterdrückung der Juden in Deutschland gezeitigt, dem sich nun auch Italien angeschlossen hat. Mit Rücksicht auf Italien wurde der französische Antrag etwas abgeändert.

Was den polnischen Antrag auf Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes betrifft, muß erwähnt werden, daß seine Verwirklichung in einigen europäischen Staaten eine ganze Reihe von sozialen und politischen Fragen aufwerfen würde, so daß vorläufig keine Hoffnung auf seine Annahme besteht.

*
England lehnt deutsches Regierungssystem ab
Aus der großen Debatte sei noch die Rede nachgetragen, in welcher der englische Unterstaatssekretär Ormsby-Göre den Standpunkt der englischen Regierung zur Minderheiten- und Judenfrage entwickelt hatte: Die englische Regierung lehne ein Regierungssystem, das auf dem Rassengrundsatz aufgebaut sei, von vornherein mit größter Entschiedenheit ab. Eine derartige Auffassung wäre das Ende des englischen Weltreiches. Die von Dr. Goebbels vor der internationalen Presse vertretene Auffassung über den Zusammenbruch des Parlamentarismus stehe in schroffem Gegensatz zu der Auffassung des englischen Volkes. Die Freiheit Englands beruhe auf dem seit 600 Jahren bestehenden Parlamentarismus. Niemals werde das englische Volk dieses System aufgeben. Zur Judenfrage erklärte der englische Vertreter, daß die Rassenthese der deutschen Regierung zur Anerkennung der jüdischen Rassengemeinschaft in der ganzen Welt führen müsse. Die jüdischen Minderheiten müßten in allen Ländern die gleichen Rechte und den gleichen Schutz genießen wie die übrigen Minderheiten.

(331010w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 465, Mittwoch, 11.10.33

Postby Klaus Binder on 10. October 2011, 21:25

Seite 2

Urteil im Prozeß gegen die „kommunistischen“ Mittelschüler [S. 2, Mitte, rechts]
Gestern, Montag, wurde das Urteil im Prozeß gegen die Mittelschüler, über den der „Tag“ ausführlich berichtet hat, verkündet. Benno Sternberg wurde zu fünf Wochen, Nachbar zu drei Wochen verurteilt, die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen.

(331011c2)


Seite 3

Die internationale Eisenbahnkonferenz in Bukarest [S. 3, Mitte, oben, rechts]
Die Konkurrenz zwischen der Eisenbahn und dem Flugzeug

Aus Bukarest, 8. d., wird uns geschrieben: Unter Vorsitz des Generaldirektor der Eisenbahnen, Mereuta, trat hier die internationale Eisenbahnkonferenz zusammen, die nach 
Begrüßung durch den Vorsitzenden vom Delegierten Mugnoit geleitet wurde.

Der erste Gegenstand der Beratung war die Frage, wie die Verkehrsdauer des Simplonzuges möglichst verkürzt werden soll. Es wurde betont, daß das Flugzeug der Eisenbahn Konkurrenz mache, da die Passagiere infolge der kurzen Reisedauer vielfach das Flugzeug vorziehen. Daher müsse alles in Bewegung gesetzt werden, um die Reisedauer des Simplonzuges zu verkürzen, aber auch direkte Waggons in den Verkehr zu stellen.
Man einigte sich dahin, daß jeder Staat für sich Vorschläge in dieser Richtung unterbreiten soll, damit diese dann verallgemeinert und durch eine internationale Konvention festgelegt werden.
Nach dieser offiziellen Aussprache ging man in die Sektionsarbeiten ein.

*
Anläßlich der Eisenbahnkonferenz, zu der auch eine russische Delegation erwartet wird, wurden sowohl der Nordbahnhof als auch das Gebäude des „Cercul Militar“, in welchem die Konferenz stattfindet, mit den Fahnen aller teilnehmenden Länder, auch mit der Sowjetfahne, geschmückt. Dies hat in der Oeffentlichkeit großes Interesse erregt und die lebhaftesten Diskussionen ausgelöst.

Donaufahrt
Bukarest, 9. Die ausländischen Delegierten, die an der Eisenbahnkonferenz teilnahmen, wurden zu einem Ausflug auf der Donau mit dem Dampfer „Grigore Manu“ eingeladen. Die ausländischen Vertreter hatten dabei Gelegenheit, das Donaudelta zu bewundern. Auf dem Dampfer befanden sich auch der Unterstaatssekretär im Außenministerium Savel Radulescu und mehrere höhere Beamte des Eisenbahnministeriums.

(331011r3)


Seite 4

Schwere Krise in Genf [S. 4, oben, links]
Genf, 9. Oktober (Tel. des „Tag“). Vor der Präsidialsitzung der Abrüstungskonferenz hatte der tschechoslowakische Außenminister Benesch eine Unterredung mit dem Präsidenten Henderson.
Die Lage der Konferenz wird als nicht günstig beurteilt. Die deutschen Gegenvorschläge haben die zwei Staaten, die die Vermittlung übernahmen, und zwar England und Italien, in eine schwierige Situation gebracht. Für ein Einvernehmen unter den Großmächten ist keine Zeit mehr, da der Hauptausschuß am 16. Oktober zusammentritt.
Die deutschen Vorschläge sind, wie gestern schon gemeldet, derart, daß sie zweifellos von Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten als unannehmbar bezeichnet werden dürften. Dies könnte zur Folge haben, daß Deutschland die Abrüstungskonferenz verläßt. In London erwartet man deshalb für die Woche eine schwere Krise in Genf. Deutschland werde vermutlich die Vertagung des Bureaus der Abrüstungskonferenz verlangen und den deutschen Delegierten würde wohl, wenn die anderen Staaten diese Forderung ablehnen, nichts anderes übrig bleiben, als die Konferenz zu verlassen. In meritorischer Hinsicht glaubt man gleichfalls in London, daß die deutschen Forderungen unter keinen Umständen angenommen werden können. Deutschland verlange nicht nur eine große Anzahl Prototypen, sondern soll der britischen Regierung vorgestern sogar erklärt haben, daß es sich weigere, die SA. aufzulösen. In London wird die Meinung vertreten, daß die deutsche Note nicht einmal als Diskussionsbasis dienen kann.
In diesem Zusammenhange rechnet man vor allem auch mit der Möglichkeit, daß MacDonald gewisse Forderungen der Reichsregierung hinsichtlich der qualitativen Abrüstung unterstützen wird. Es ist allerdings fraglich, ob seine persönliche Auffassung die Billigung der konservativen Elemente des englischen Kabinetts finden wird.
Das würde bedeuten, daß Deutschland die Abrüstung der anderen fordert, an der Gleichberechtigung festhält und sie so versteht, daß ihm bestimmte schwere Waffen bewilligt werden, ferner, daß es auf eine allseitige Kontrolle eingehen will, Sanktionen aber ablehnt.

(331011w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 466, Donnerstag, 12.10.33

Postby Klaus Binder on 12. October 2011, 00:43

Seite 2

Die Novelle des Tages
Geistige Freiheit [S. 2, oben, links]
In einem Massenmeeting in der Albert Hall in London sprach Professor Einstein zugunsten eines Hilfswerks für Studenten, Professoren und sonstige Angehörige akademischer Berufe, die infolge politischer Verfolgung ihre Heimat und ihre Existenz verloren haben.

Einstein ging von den Beweisen der Duldsamkeit und Gerechtigkeit aus, durch die das britische Volk sich in jüngster Zeit zu seiner stolzen Tradition bekannt hat. Er äußerte die Hoffnung, daß der Geschichtsschreiber späterer Zeiten, über unser Zeitalter schreibend, einmal feststellen könne, daß die westlichen Nationen in einer schweren Zeit erfolgreich jene individuelle Freiheit verteidigt hätten, die allein jeden Fortschritt des Wissens ermöglicht hat - jene Freiheit, ohne die das Leben für einen sich selbst achtenden Menschen nicht lebenswert ist.
Es kann heute nicht meine Aufgabe sein, fuhr Professor Einstein fort, als Richter die Haltung eines Volkes zu beurteilen, das mich viele Jahre hindurch als seinen Angehörigen betrachtet hat.
Fortfahrend sagte dann Einstein:
- Es ist vielleicht auch zwecklos, Urteile zu fällen in einer Zeit, da die Tat allein zählt. Heute geht uns allein die Frage an: wie können wir die Menschheit und ihre geistigen Errungenschaften retten? Wie können wir Europa vor einer neuen Katastrophe retten? Zweifellos sind die Weltkrise und die von ihr verursachten Entbehrungen bis zu einem gewissen Grade schuld an den gefährlichen Ausbrüchen der Leidenschaft, deren Zeugen wir sind. In solchen Zeiten führt Unzufriedenheit zum Haß, und Haß zu Gewaltakten und Revolutionen oder gar zum Krieg. So erzeugen Not und Uebel neue Not und neues Uebel. Heute sind die führenden Staatsmänner ebenso wie vor zwanzig Jahren mit einer ungeheueren Verantwortung belastet.
- Es geht uns nicht allein das technische Problem der Sicherung und der Erhaltung des Friedens an, sondern auch die wichtige Aufgabe der Erziehung und Aufklärung. Wenn wir den Kräften Widerstand leisten wollen, die die intellektuelle und individuelle Freiheit zu unterdrücken drohen, müssen wir klar vor Augen halten, was auf dem Spiele ist und was wir jener Freiheit verdanken, die für uns durch unsere Vorfahren nach hartem Kampfe gewonnen wurde.
- Zweifellos werden uns die gegenwärtigen Schwierigkeiten schließlich zu einem Punkte führen, wo das Gleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot an menschlicher Arbeit und zwischen Produktion und Verbrauch durch Gesetz geregelt wird. Doch selbst dieses Problem müssen wir als freie Menschen lösen, und wir dürfen uns, um es lösen zu können, nicht in eine Sklaverei hineinjagen lassen, die schließlich jeden gesunden Fortschritt lahmlegen würde.
Einstein sprach sodann von der Stille und Zurückgezogenheit, die der geistig Schaffende für seine Arbeit braucht, und meinte, es wäre gut, wenn Leuchttürme und ähnliche Posten für junge Männer eingerichtet werden könnten, die mit der Ausarbeitung großer Probleme beschäftigt sind. Zum Schluß ging er auf den stürmischen, gefährlichen Charakter unserer Zeit über, die alle menschlichen Ziele, die ganze Stärke und Schwäche von Einzelnen und Völkern unverhüllt zeigt. Routine und Konvention helfen dem Menschen nicht mehr. Der leidende Mensch beginnt über den Bankrott der wirtschaftlichen Praxis und über die Notwendigkeit übernationaler politischer Kombinationen nachzudenken. Nur durch Gefahren und Umwälzungen kann der Weg der Nationen zu weiterem Fortschritt führen. Mögen uns die Erschütterungen der Gegenwart einer besseren Welt entgegenführen.

(331012w2)


Gegen Erhöhung der Kommunalabgaben [S. 2, oben, Mitte]
Eine Protestversammlung im Rathaus

Gestern abends fand im großen Rathaussaal eine von sämtlichen Wirtschaftskorporationen der Stadt einberufene Versammlung der Czernowitzer Kaufleute und Gewerbetreibenden statt, die den Zweck verfolgte, gegen die beabsichtigte Erhöhung der Kommunalabgaben Protest einzulegen. Den Vorsitz der Versammlung, die massenhaft besucht war, führte der Präsident des kaufmännischen Gremiums, Herr Leon König, der die Erschienenen, insbesondere Dr. Benno Straucher, Vizebürgermeister Klüger, den Vertreter der Handelskammer Vizepräsident Dr. Schnee, den Vertreter des Hausherrenvereines Oberlandesgerichtsrat Dr. Gold, den Vertreter der Arbeitskammer Präsident Dan, sowie die Vertreter des jüdischen Gemeinderatsklubs Dr. Grünberg und Dr. Krämer begrüßte, und in seinen Ausführungen darauf hinwies, daß das neue Finanzreglement über die städtischen Abgaben über 50 neue Steuergattungen vorsieht. Die Gemeinderäte sollen nun darüber Aufklärung erhalten, daß die Kaufmannschaft nicht in der Lage ist, diese unverhältnismäßig hoch angesetzten Steuern zu bezahlen und daß es ihre Pflicht sei, die möglichst niedrigen Prozentsätze anzusetzen.

Kammerrat Gläsner führt aus, daß die Gemeinde die Steuern den Verhältnissen anpassen müsse und daß es hinsichtlich der Wassersteuer nicht angehe, für etwas, was man nicht erhalte, Steuern zu zahlen. Die einzige Möglichkeit hier eine gerechte Bemessung vorzunehmen, sei die, Wassermesser einzuführen.
Im Namen der Vereinigung der Gewerbetreibenden schloß sich Kammerrat Caileanu, der die Not der Gewerbetreibenden schilderte, dem Protest an.
Herr Schnapp, der im Namen des Detailhändlerverbandes Protest erhebt, rügt, daß außer Vizebürgermeister Klüger und Vertretern des jüdischen Gemeinderatsklubs niemand seitens der Stadtgemeinde erschienen sei und erklärt, daß die Bemessungen für Lokalsteuern nicht nach dem Schätzwert vorgenommen wurden.
Im Namen des jüdischen Gemeinderatsklubs spricht Dr. Grünberg, der mitteilt, daß das neue Gesetz über lokale Finanzen eine Tabelle über die Einhebung der Steuern enthalte, die vom Finanzdienst zusammengestellt wurde. Dieses Reglement, das als Grundlage für die Steuereinhebung auch in den kommenden Jahren dient, muß vom Gemeinderat auf alle Fälle in den einzelnen Punkten rektifiziert und herabgesetzt werden, da es für die künftigen Steuerbemessungen maßgebend sei. Der Gemeinderat hat, unterstützt vom Präfekt Dr. Jacoban, die Vertagung der für den 17. ds. angesetzten Beratung gefordert, und sei dabei merkwürdigerweise auf Unverständnis bei vielen Gemeinderatsmitgliedern gestoßen.
Im Namen der Hausherren schließt sich OLGR. Dr. Gold dem Proteste der Kaufmannschaft an. Kammerrat Bianovici erklärt, daß die ad valorem-Steuer unter keinen Umständen eingeführt werden dürfe, da das zu diesem Zwecke anzustellende Ueberprüfungspersonal größere Geldmittel verschlingen müsse, als Einnahmen zu erwarten seien, und da ferner durch seine Einführung verschiedenen Chikanen Tür und Tor geöffnet würde.
Kammerrat Rosca verweist auf die geringe Kaufkraft und macht darauf aufmerksam, daß die ganze Bevölkerung zu einer Protestversammlung erscheinen müsse. Kammerrat Dorreger ergeht sich in scharfen Angriffen gegen die maßgebenden Behörden und stellt die Frage, warum die Regierung nicht die 23 Millionen, die sie der Stadt schulde, bezahlt. Das Schlußwort hat Gemeinderat Dr. Krämer, der verspricht, daß der jüdische Gemeinderatsklub mit allen Kräften für die Wünsche der Kaufmannschaft eintreten wird. Zuletzt wurde in diesem Sinne eine Resolution angenommen.

(331012c2)


Seite 4

Es geht uns besser [S. 4, unten, Mitte]
Starke Nachfrage nach Arbeitern

Bukarest, 10. Oktober (Tel. des „Tag“). Offiziell wird verlautet:
Die wirtschaftliche Situation des Landes ist eine solche, daß fast alle Industrien eine starke Aktivität entwickeln. Es herrscht nicht nur keine Arbeitslosigkeit, sondern die Industrien suchen Facharbeiter, die schwer aufzutreiben sind.
Im Bezirk Mures haben auch die Sägeindustrien die Betriebe in vollem Umfange aufgenommen.

(331012r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 467, Freitag, 13.10.33

Postby Klaus Binder on 13. October 2011, 01:12

Seite 2

Die Novelle des Tages
Strafsache Cohn [S. 2, oben, links]
Kulturbild aus dem Dritten Reich

I

„Fuldaer Zeitung“ vom 16. Sept.:
In einer Einzelrichtersitzung befaßte sich unlängst das Gericht mit der Strafsache Cohn. - Herr Cohn, Inhaber eines Manufakturwarengeschäftes, wurde beschuldigt, sich am 21. August d. J., in seinem Geschäft einer Kundin vom Lande, die eine Mütze kaufen wollte, in zudringlicher Weise genähert und

an dem Mädchen unzüchtige Berührungen
vorgenommen zu haben. Die Anklage wegen tätlicher Beleidigung stützt sich auf Aussagen eines 33 Jahre alten Mädchens, das behauptet, bei einem Mützenkauf vom Geschäftsinhaber aus dem Laden in einen im ersten Stock liegenden Geschäftsraum geführt und dort von dem Angeklagten in zudringlicher Weise belästigt worden zu sein. Nach ihren Aussagen vor Gericht hat sie selbst den Wunsch geäußert, die Mütze vor dem im ersten Stock befindlichen Doppelspiegel anprobieren zu wollen.

Herr C. bestritt aufs entschiedenste die Angaben der Zeugin
und betonte, nur die bei einer solchen Anprobe üblichen und täglich häufig vorkommenden Bewegungen ausgeführt zu haben. Auch zwei Zeuginnen, die in dem Geschäft angestellt sind, entlasteten durch ihre Aussagen den Angeklagten. Von einem hiesigen Arzt, bei dem das Mädchen gelegentlich in Behandlung stand, wurde ein Gutachten abgegeben, welches dahingehend lautete,

daß die hysterische Veranlagung der Zeugin, die nachweislich schwer nervenleidend ist,
die Vermutung zuließ, an und für sich harmlose Vorgänge würden sich in ihrer Einbildungskraft aufbauschen und sich so zur fixen Idee ausbilden.

Nach zweistündiger Verhandlung erging folgendes Urteil: Der Angeklagte wird wegen tätlicher Beleidigung statt zu einer verwirkten Gefängnisstrafe von 20 Tagen zu

100 Mk. Geldstrafe
und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt, und zwar mit Rücksicht darauf, daß er noch nicht vorbestraft ist. In der Begründung wird gesagt, das Gericht habe sich nicht davon überzeugen können, ob alle Angaben des Mädchens objektiv wahr seien. Eine tätliche Beleidigung liege immerhin insofern vor, als die Zeugin sich auch die wenn auch harmlosen oder scherzhaften Berührungen eines jüdischen Verkäufers nicht gefallen zu lassen brauche.

II

„Fuldaer Nachrichten“ vom 18. September:
Als vor wenigen Tagen der sattsam bekannte tschechische Jude Cohn, Inhaber des Manufakturwarengeschäftes Becker & Co.,

durch die Straßen der Stadt Fulda geführt
wurde, weil er es gewagt hatte, sich an einem deutschen Mädel zu vergreifen, da war die Oeffentlichkeit gespannt, welche Strafe diesen typischen Vertreter seiner Rasse für seine Unverschämtheit wohl erreichen werde. Am Freitag Vormittag hatte sich nun Cohn

- aus der Schutzhaft vorgeführt -
vor Gericht zu verantworten. Sein ganzes Auftreten war das des frivolen, frechen Judengenossen. Höhnisch grinsend beantwortete er die Verlesung des Protokolls und die Aussagen der Zeugin.

Vor dem Richter leugnete selbstverständlich Jud’ Cohn. Ein „harmloses“ Streicheln der Wange der Zeugin gab er allerdings zu. Die bestimmten und ruhigen Aussagen der Zeugin stehen in krassem Widerspruch zu den Äußerungen des Angeklagten und stempeln ihn zum Lügner. Der Verteidiger des jüdischen Schmutzfinken, Rechtsanwalt Dr. Büttner, versuchte mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten seinen Klienten zu entlasten. Mit juristischen Spitzfindigkeiten gelingt es ihm, das Gericht von der „Unschuld“ des Ostjuden zu überzeugen.

Herr Büttner, Spitzfindigkeiten gibt es im neuen Deutschland nicht mehr.

Heute gilt deutsches Recht!
Was uns Nationalsozialisten an dem gesamten Verlauf der Verhandlung ungeheuerlich anmutet und was eigentlich heute vor einem deutschen Gericht nicht mehr vorkommen dürfte, ist die Tatsache, daß Cohn an einer seiner Angestellten - einem deutschen Mädel - noch einmal das vorführt, was er nach seinen Angaben mit der Zeugin gemacht haben will. Damit kam der Ostjude zu doppeltem Genuß! Hier ergibt sich übrigens die Frage: Wie konnte sich die Angestellte dies gefallen lassen und wie konnte das Gericht dies überhaupt gestatten? Staatsanwalt beantragte wegen tätlicher Beleidigung 3 Monate Gefängnis. Das Gerichte konnte sich aber von der Schuld Cohns anscheinend nicht überzeugen und „verurteilte“ ihn zu der „hohen“ Strafe von 100 RM.

III

Nachricht der Redaktion des „Neuen Vorwärts“
Der Warenhausbesitzer Cohn aus Karlsbad, 30 Jahre in Fulda ansässig, hatte seinerzeit gegen die Boykottierung seines Geschäftes das tschechoslowakische Konsulat mit Erfolg in Bewegung gesetzt. Darum wurde das Unzuchtstheater gegen ihn aufgeführt. Das „deutsche Mädel“, das im Kaufhaus nicht die geringste Spur von Aufregung gezeigt hatte, ging schnurstracks zur SA. Eine Stunde später wurde der unbescholtene alte Mann mit einem Schild: „Ich Jude habe ein deutsches Mädchen geschändet“ durch die Straßen gefahren. Das Warenhaus steht leer - kein Mensch wagt mehr, dort zu kaufen. Der Besitzer befindet sich „in Schutzhaft“.

(331013w2)


Selbstmord [S. 2, oben, links]
Gestern, Dienstag vormittags, hat der 35-jährige Sodawasserfabrikant Kalman Nussenbaum in seiner in der Rathausstraße 17 befindlichen Wohnung Selbstmord durch Erhängen verübt.

Wie die Tat entdeckt wurde
Gegen 9 Uhr vormittags bot sich Passanten der Rathausstraße, deren Blicke auf einen im ersten Stock des Hauses Rathausstraße 17 befindlichen Balkon fielen, ein ungewöhnlicher Anblick. Im Balkonfenster, dessen Jalousien nur teilweise herabgelassen waren, wurde eine Hand sichtbar, die merkwürdige Bewegungen vollführte. Dieser auffallende Anblick veranlaßte eine große Anzahl von Passanten, stehen zu bleiben und hinaufzuspähen. Schließlich betraten der Arbeitskammerrat Czotka und der Raseur Schmetterling das Haus und gelangten bis zur Türe der betreffenden Wohnung, die sie jedoch versperrt fanden. Mit Hilfe des Hausmeisters wurde die Türe aufgebrochen, die Männer eilten zur Balkontüre und gewahrten hier folgendes Bild:
Am Fensterkreuz hing der leblose Körper des Sodawasserfabrikanten Nussenbaum. Er wurde abgeschnitten und auf den Boden gelagert. Die Aerzte Dr. Sternberg und Dr. Sandberg, die am Tatort erschienen, stellten fest, daß der Tod erst vor wenigen Minuten eingetreten sein konnte. Die bald darauf eintreffende Untersuchungskommission, die aus dem Chef des zweiten Polizeikommissariats Dr. Jacoban und mehreren Polizeibeamten bestand, hatte zunächst große Mühe, die den Stiegenaufgang füllende Menge am Betreten der Wohnung zu hindern.

Die Ursachen des Selbstmordes
Aus den Aussagen des Dienstmädchens der Familie Nussenbaum ging hervor, daß der Selbstmörder in den frühen Morgenstunden die Wohnung verlassen hatte und um 9 Uhr zurückgekehrt war. Auf seine Veranlassung sei Frau Nussenbaum gleich nach seiner Rückkehr in die in der Springbrunnengasse befindliche Fabrik gegangen, um dort bis zum Mittag zu verweilen. Da auch das Dienstmädchen in der Stadt weilte, konnte der unglückliche Kaufmann ungestört seine Verzweiflungstat ausführen. Seine Frau wurde erst um 12 Uhr vom Vorgefallenen verständigt und eilte bestürzt nachhause, wo sich nun erschütternde Szenen abspielten. Einige Zeit darauf kehrte auch das 11-jährige Kind Nussenbaums aus der Schule heim. Um die Mittagszeit erschien der Gerichtsarzt Dr. Dranca am Tatort und gab die Leiche zur Bestattung frei.
Da der Lebensmüde keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat, konnte die Selbstmordursache nicht mit Gewißheit festgestellt werden. Den Mitteilungen der Nachbarn läßt sich entnehmen, daß es in der letzten Zeit oft zwischen Nussenbaum und seiner Familie zu Streitigkeiten gekommen war, die wirtschaftliche Schwierigkeiten zur Grundlage hatten. Der Selbstmörder hatte sich auch sehr zu Herzen genommen, daß vor kurzer Zeit sein Bruder an einem Nervenleiden erkrankte und in eine Nervenheilanstalt gebracht werden mußte. Von vielen Seiten verlautet, daß sich Nussenbaum in der letzten Zeit in materiellen Schwierigkeiten befand und seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachzukommen vermochte.

(331013t2)


Todesfall [S. 2, Mitte, unten]
Im Alter von 46 Jahren ist Dienstag abends Frau Mali Linder, geborene Fischer, nach längerem Leiden gestorben. Die Verstorbene, um welche ihr Gatte und ein Kind trauern, erfreute sich besonderer Herzensgüte. Das Leichenbegängnis fand Mittwoch vom Trauerhause, Römergasse Nr. 7, aus, unter starker Beteiligung statt.

(331013t2a)


Werbung * Ankündigung
PALÄSTINA-INTERESSENTEN [S. 2, Mitte, unten]
leset aufmerksam heutiges KEDEM-Inserat!
[siehe Seite 3, unten, rechts]

(331013c2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Höhepunkt der Krise überschritten [S. 3, oben, links]
Fabriken in voller Tätigkeit

Der „Tag“ hat in seiner gestrigen Ausgabe über die Belebung der wirtschaftlichen Situation und besonders der Privatindustrie kurz berichtet.
Hiezu wird uns noch aus Bukarest gemeldet: Wie merkwürdig es auch klingen mag, alle Anzeichen sprechen dafür, daß der Höhepunkt der Krise überschritten ist. Diese Feststellung ist schon dadurch gekennzeichnet, daß die Arbeitslosigkeit unter den qualifizierten Arbeitern ganz verschwunden ist.

Ein Direktor des Industriekredites teilte unserem Gewährsmanne mit: Im Monat September 1931 habe ich einen Urlaub angetreten. Als ich im Oktober zurückkehrte, habe ich unser Institut nicht wieder erkannt. Niemand war gekommen, um seine Schulden oder seine Raten zu bezahlen. Ich sah die Katastrophe herannahen.

Heute aber arbeiten fast alle Fabriken mit erhöhter Spannkraft und viele von ihnen können den an sie gestellten Anforderungen nicht entsprechen.

Die Stoffabrik Scherg in Brasov nimmt keine Bestellung mehr entgegen, obwohl sie in drei Schichten 24 Stunden täglich arbeitet. Das gleiche ist der Fall bei der Textilfabrik in Timisoara, die zur Erledigung ihrer alten Bestellungen noch drei Monate Zeit benötigt. Ein besonderer Mangel zeigt sich an metallurgischen- und Bauartikeln. Selbst wenn man in ein Geschäft mit barem Geld kommt, kann man die Ware nicht erhalten.

Die Kleinindustrien im Sägebezirk Mures, die seit vier Jahren stillstehen, haben ihre Tätigkeit voll aufgenommen.

In der Hauptstadt werden neue Fabriken errichtet. Ueberall herrscht Optimismus. Die erhöhte Tätigkeit wird auch darauf zurückgeführt, daß durch die Beschränkung des Importes infolge der Kontingentierung, an die einheimische Industrie erhöhte Anforderungen gestellt werden.

Und in der Bukowina?
Wenn auch diese Nachrichten überall die größte Genugtuung ausgelöst haben, muß doch die traurige Feststellung gemacht werden, daß in der Bukowina ein Zeichen der erhöhten Tätigkeit der Industrie nicht festgestellt werden kann. Im Gegenteil, in mehreren Protestkundgebungen, wie auch in einigen Interpellationen in der Handelskammer, wurde auf den steten Niedergang der Bukowiner Industrie verwiesen. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu und die Selbstmorde infolge wirtschaftlicher Not sind an der Tagesordnung. Dazu kommen noch der ungeheuere Steuerdruck und die Steuereintreibung, die von den Finanzbehörden rücksichtslos betrieben wird. Die Bukowina merkt von einem Nachlassen der Krise nichts.

(331013r3)


Werbung * Ankündigung
KEDEM [S. 3, unten, rechts]
Fremdenverkehrs- und Reisebüro unter Leitung des Herrn Dr. A. Mibashan, gewesener General-Sekretär der Gemeinde Tel Aviv, Alleinvertretung für den Passagierverkehr in ganz Rumänien mit dem Dampfer „Polonia“, der ersten polnischen Schiffahrtsgesellschaft.

*
Alleinvertretung für die »Levante«-Mustermesse in Tel Aviv, welche vom 26. April bis zum 25. Mai 1934 stattfindet.

*
Regelmässiger Verkehr für Touristen und Auswanderer, Gesellschaftsreisen 1., 2. und 3. Klasse nach Palästina sowohl mit Dampfer „Polonia“ als auch mit Dampfer „Dacia“ zu den billigsten und coulantesten Bedingungen. Nächste Reisetermine für Dampfer »Polonia« am 25. Oktober, Dampfer »Dacia« am 21. Oktober und 6. November ab Constanta.

*
Für das Frühjahr 934 sind grosse Ausflüge nach Palästina in Vorbereitung. Vormerkungen werden schon jetzt entgegengenommen. Zahlungen können schon ab jetzt in Raten erfolgen.

*
Vormerkungen für Stände auf der Levante-Mustermesse sowie für Palästina-Reisen bei dem »Kedem«, Reise- und Touristenbureau, Bucuresti, strada Goltei I, Telefon 3-63/11 sowie beim Generalvertreter für die Bukowina:
Filip Koppelmann
Cernauti, bei „Globus“, Herrengasse 13, Tel. Nr. 31, wo auch sämtliche Auskünfte erteilt werden und Beförderung von Uebersiedlungsgut nach Palästina zu den coulantesten und billigsten Bedingungen übernommen wird.

(331013c3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 468, Samstag, 14.10.33

Postby Klaus Binder on 13. October 2011, 23:25

Seite 1

Eine große Entente auf dem Balkan [S. 1, unten, links]
Wiederaufnahme der Wirtschaftsbeziehungen zu Rußland

Bukarest, 12. Oktober (Tel. des „Tag“). Die gesamte politische Oeffentlichkeit befaßt sich mit den Verhandlungen Titulescus, die angesichts der Tagung der Abrüstungskonferenz von besonderer Bedeutung sind. Die Reise Titulescus nach Sofia verfolgt vor allem den Zweck, die Frage der Begründung einer großen Entente auf dem Balkan, die von der Türkei, Griechenland, Polen und nicht zuletzt von der Kleinen Entente herbeigesehnt wird, zu erörtern. Dadurch soll vor allem ein starker Faktor des landwirtschaftlichen Europa gegenüber dem industriellen Europa geschaffen werden. Die Gründung der neuen Staatenunion stößt aber auf Schwierigkeiten seitens Bulgariens, so daß Titulescu das Terrain beim Ministerpräsidenten Muschanoff sondieren will. Wenn anfangs betont wurde, daß Titulescu in Sofia die Minoritätenfrage, die Frage des gegenseitigen Schulunterrichtes, die Frage eines Luftabkommens Gdynia-Bukarest-Sofia-Athen und andere zwischen Rumänien und Bulgarien schwebende Fragen beilegen soll, so treten diese Angelegenheiten angesichts der Verhandlungen wegen Begründung der großen Balkan-Entente in den Hintergrund.
In der Hauptstadt der Türkei wird Titulescu vor allem Fragen, die die Kleine Entente und Rußland interessieren, mit den führenden türkischen Persönlichkeiten erörtern. Dabei ist auch die Meldung interessant, daß
bei der bevorstehenden Zusammenkunft Titulescu-Litwinow die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Kleinen Entente und der Sowjetunion erörtert werden soll.

(331014w1)


Leitartikel
Universität [S. 1, rechts, Mitte]
Es gibt eine Institution in Bukarest, die sich interuniversitärer Rat nennt, so eine Art interuniversitäre Union aller Universitäten des Reiches, und die einmal im Jahre zusammentritt, um die Bedürfnisse der Hochschulen festzulegen. In diesem Jahre - die Union tagt gerade - war sehr viel von der Universität in Czernowitz die Rede. Es ist schon erfreulich, daß mehr von lehrtechnischen und kulturellen Erfordernissen gesprochen wurde, als von der Politik auf den Universitäten. Es war immer eines der peinlichen Kapitel unseres öffentlichen Lebens, wenn man hörte, daß die Politik auf den Universitäten sich wieder rührt; dann erzitterte man aus Sorge über Gegenwart und Zukunft. Und darum schafft es auch Beruhigung, wenn in der Diskussion der interuniversitären Union bloß von der Ausgestaltung der Universitäten und den Wünschen der Studenten die Rede war.

Weil man aber in der Besprechung der Universitätsfragen die Politik nicht ausschalten kann, ist es angebracht, die immer stärker werdende politische Strömung nicht aus dem Auge zu verlieren, selbst wenn nur von den Notwendigkeiten des wirtschaftlichen Lebens der Studenten und der Besserung der Studien- und Betriebsmittel gesprochen wird. Hier gerade hätte immer der Hebel angesetzt werden sollen, nämlich die Not der Studenten zu lindern, ihnen Lehrmöglichkeiten zu geben, die Lehrbetriebsmittel zu verschaffen, überhaupt der Jugend auch von Staatswegen ein Leben zu gestalten, wie aus höheren Rücksichten die Erziehung der Jugend es erfordert - um gerade mit diesen Waffen die Politik zu bekämpfen. Wenn man Vergleiche ziehen wollte, wie die englische Jugend auf den Universitäten erzogen wird, wie sie in Studentenheimen die Freiheit der Jugend genießt, sich körperlich und seelisch ausbilden kann, oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, wie die Studentenheime in Deutschland ausgestattet sind, die dem Studenten alles bieten, angefangen von der Pension mit den Bibliotheken, den Konferenz- und Studierzimmern, den Kantinen, bis zu den Sportplätzen, Baderäumen, bis zur letzten Zigarette, wenn wir die ganze Serie von Studenteneinrichtungen hier darstellen wollten - von den gigantischen Ausmaßen der amerikanischen Universitäten gar nicht zu reden - im Vergleich zu den armseligen, geradezu düstern Zuständen an unseren Hochschulen, mit dem Mangel von allem, was die andern haben und wir nicht haben: das jämmerliche Leben unserer Studenten, das Kasteien in engen Lehrsälen, nichts von Freiheit, von Einrichtungen, die auf die Ertüchtigung des jungen Menschen hinzielen, aber nicht einmal die Mittel beigestellt, damit der Student nicht hungert und friert, wenn das die Proportion ist, was ist es dann für ein Wunder, daß der pauperisierte Student politisch radikalisiert wird? Die Distanz zwischen dem, was uns als Zukunftsmusik für den Studenten vorschwebt, und der tristen Gegenwart ist gewaltig groß. Wenn nun die Herren in Bukarest, unterstützt vom Unterrichtsminister, daran gehen, die wirtschaftliche Not der Studenten zu mildern, für sie Lebensmöglichkeiten zu schaffen, ihre Zukunft vorzubereiten, dann ist das der beste Weg, die Studenten von heute, die nur infolge ihrer kranken Situation auf Irrwegen sich befinden, auf neue Bahnen zu geleiten.
Ego

(331014r1)
_____
http://ro.wikipedia.org/wiki/Gheorghe_Alexianu


Seite 2

Czernowitzer Universität [S. 2, oben, Mitte]
Beschlüsse des interuniversitären Rates

Bukarest, 12. Oktober (Tel. des „Tag“). Der interuniversitäre Rat, der zu seiner vierten Session zusammentrat, hielt gestern seine Schlußsitzung ab.

Der Czernowitzer Universitätsprofessor Alexianu referierte über die Situation der Czernowitzer Universität, die er als sehr kritisch beurteilte. Er verlangt die Intervention des Rates, damit die Universitäten, die über größere Fonds verfügen, beisteuern, daß an der Czernowitzer Universität ein Ambulatorium (Dispensar) für Studenten errichtet werde, da diese Stadt keine Kliniken wie andere Universitätsstädte besitzt. Viele Studenten sind jedoch auf eine kostenlose Behandlung angewiesen. Weiters verlangt Professor Alexianu eine Intervention beim „Monitorul Oficial“, damit dieser den Studenten das vom Fakultätsrat empfohlene Vortragsmaterial billig drucke, da in Czernowitz nicht wie in anderen Städten die notwendigen Bibliotheken vorhanden sind. Zum ersten Vorschlag verspricht der Rektor der Bukarester Universität, Gheorghiu, die volle Unterstützung, während zum zweiten Vorschlag Unterrichtsminister Gusti seine Intervention verspricht.

Soziale Hilfe für die Studenten
Der Rat befaßte sich hernach mit der sozialen Hilfe für Studenten und beschloß, daß in jeder Universität ein Amt für soziale Hilfe errichtet werde. Dieses Amt wird die Aufgabe haben, den bedürftigen Studenten die notwendigen Medikamente zuzuweisen. Weiters soll von jeder Universität ein Beirat für professionelle Studentenfragen geschaffen werden, der auch die Aufgabe haben wird, die Studenten zu beraten. Weiters sollen Kantinen und universitäre Kooperativen begründet werden; schließlich soll ein Beirat zur physischen und sportlichen Erziehung der Studenten gegründet werden.

Diese Institutionen sollen auf Kosten der Universitäten funktionieren und auf der gegenseitigen Unterstützung der Studenten aufgebaut sein.
Der Czernowitzer Universitätsprofessor Badarau verweist auf den Mangel von Laboratorien universitärer Institutionen in Czernowitz. In keiner Universitätsstadt macht sich dieser Mangel so sehr bemerkbar wie in Czernowitz.

Universitätsprofessor Badarau unterbreitet folgende Resolution, die einstimmig angenommen wurde:

Der interuniversitäre Rat verlangt die Begründung eines Nationalrates zur Aneiferung und Unterstützung der wissenschaftlichen Arbeiten. Dieser Rat wird die Aufgabe haben, die notwendigen Geldmittel, sei es aus Staats- oder Privatinitiative (Industrien, kommerziellen Institutionen) aufzutreiben, die wissenschaftlichen Schöpfungen dienen sollen.

Der Rektor Gheorghiu schlägt vor, da sich die vier Rektoren des Landes mit dem Unterrichtsminister an der Spitze in den Dienst der Verwirklichung des Rates stellen.

Der Rektor der Clujer Universität Stefanescu-Goanca betonte, daß an dieser Universität fast 50 Prozent Minoritätenstudenten studieren. Es handelt sich um Studenten des Landes, die bar jeder Mittel sind. Der Rat müsse sich neben der sozialen auch mit schöpferischen Fragen der Universität befassen.

Zum Schluß wurde das Reglement über den Hochschulunterricht redigiert und das Reglement über die Studentenvereinigungen angenommen.

(331014c2)


Grabsteinlegung [S. 2, rechts, Mitte]
Sonntag, den 15. d. M., um halb 11 Uhr vormittags, findet die Grabsteinlegung nach unserem unvergeßlichen Kinde Bianca Kinsbrunner statt, wozu alle Verwandten und Bekannten geziemend eingeladen werden.

(331014t2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 469, Sonntag, 15.10.33

Postby Klaus Binder on 15. October 2011, 01:13

Seite 1

Heimwehr fordert Verbot des sozialdemokratischen Parteitages [S. 1, Mitte]
Wien, 13. Oktober (Tel. des „Tag“). Unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß, der seine Tätigkeit wieder aufgenommen hat, fand ein Ministerrat statt, der sich mit laufenden Angelegenheiten befaßte. Es wurden neue Maßnahmen gegen österreichische Zeitungen, die aus Deutschland kommen, beschlossen. Weiters wurde der Beschluß gefaßt, die vor einigen Monaten zu den Waffen einberufenen Reservisten noch weiter im Heere zu behalten. Die Wahlen in die Gemeinde- und Bezirksräte wurden auf unbestimmte Frist verschoben.
Der Vorschlag der Heimwehr, den für morgen anberaumten internationalen Parteitag der Sozialdemokraten zu verbieten, finded bei der Bundesregierung geteilte Aufnahme, umsomehr, als bereits ausländische Delegierte, unter diesen der Franzose Leon Blum, eingetroffen sind. Die Entscheidung, ob die Tagung zugelassen werden wird, dürfte erst in später Nachtstunde fallen.


Seite 2

Personalnachricht [S. 2, Mitte, oben, links]
Dieser Tage weilte hier der Wiener Rechtsanwalt Hofrat Dr. Adolf Last, ehemaliger Professor der Czernowitzer Universität. Professor Last ist über Czernowitz nach Falticeni gereist, um am Leichenbegängnis seiner Schwester, Frau Leontine Simionescu, teilzunehmen.

(331015t2)


Todesfall [S. 2, Mitte, links]
Dieser Tage ist in Falticeni Frau Leontine Simionescu, Witwe nach dem Major Josif Simionescu, im Alter von 72 Jahren gestorben. Frau Leontine Simionescu erfreute sich auch in den Gesellschaftskreisen von Czernowitz, wo sie öfter geweilt hat, großer Wertschätzung und Beliebtheit. Die Verstorbene ist eine Schwester des Universitätsprofessors Hofrat Dr. Adolf Last (Wien) und der Sanitätsinspektorswitwe Frau Fanny Flinker.

(331015t2)


Die soziale Fürsorge der Primaria [S. 2, Mitte, oben]
Winterhilfe - Arbeitslosenfürsorge - Kinderfürsorge - Schlichtungskommission - Altersfürsorge - Armenhäuser - Fürsorgeschwestern - Fürsorgerat

Am Dienstag fand unter dem Vorsitz des GR. Dr. Markus Krämer unter Teilnahme des ressortführenden Vizebürgermeisters Gaidosch die Plenarsitzung der städtischen Fürsorgekommission statt, in welcher der Vorsitzende an der Hand der vom Amtsleiter Dr. Barbier vorgelegten Daten einen Bericht über die Tätigkeit in den Sommermonaten erstattete. Entsprechend den geringen Mitteln habe sich diese Tätigkeit bloß auf dringende Armenunterstützung, Wohnungsfürsorge in Fällen von Delogierungen, Unterbringung einiger Findelkinder und Unterbringung einer größeren Anzahl verwahrloster Jugendlicher in der Erziehungsanstalt in der Wassergasse beschränken müssen. Nunmehr müsse man rechtzeitig an die Organisierung der Winterhilfe schreiten, um an der Hand genauer Recherchen die Fürsorgetätigkeit vorbereiten zu können. Aus den zur Verfügung stehenden Mitteln von ca. 540.000 Lei sollen 300.000 Lei für die Ausspeisungen, 200.000 Lei für Holz und 40.00 Lei für Handunterstützungen verwendet werden.

Für die Arbeitslosenfürsorge stünden 150.00 Lei seitens der Primaria zur Verfügung, die Arbeitskammer werde nach Mitteilung des Herrn Vizebürgermeisters Gaidosch wahrscheinlich nichts beitragen können, hingegen seien noch Beträge seitens der Union der Großindustrie (Ugir) zu erwarten. In der Diskussion beteiligten sich die GR. Frau Kißmann, Wiktorczak, Frl. Klinger und Dr. Soniewitzky. Es wurde beschlossen, sofort an den Ankauf des Holzes und die Vorbereitung für die Errichtung der Ausspeisestellen zu schreiten und mit der Winterhilfe in der ersten Dezemberwoche zu beginnen.
Es wurde beschlossen, die Schlichtungskommission in Mietsachen wieder zu etablieren. Die Schlichtungskommission sei eine gute Einrichtung, weil sie viele Streitfälle zwischen Hausherren und Mietern friedlich regeln könne.

Da ein Bericht vorlag, der auf viele Mängel und manche unhaltbare Zustände im städtischen Siechenhause hinweist, beschloß die Kommission, den Bürgermeister um Einberufung einer gemeinsamen Sitzung der Verwaltungskommission und Fürsorgekommission zu ersuchen, um die Mißstände schleunigst abzustellen. Die Armenhäuser beim Schillerpark und in der Pruthgasse werden eingehendst inspiziert und notwendige Vorkehrungen veranlaßt werden.
Die beiden Fürsorgeschwestern (Frl. Lut und Frl. Sinnreich), die nach Absolvierung ihrer 3-jährigen Studien am Bukarester Institut für soziale Fürsorge schon in diesem Monate ihren Dienst in der Primaria antreten werden, werden zunächst zur Einlegung des zentralen Fürsorgekatasters verwendet werden. Die Kommission schlägt auch die Veranstaltung eines Repräsentationsballes der Stadt Cernauti im Jänner 1934 zu Gunsten des Fürsorgefondes vor. Mit den Zuckerfabriken des Konzerns Lujan wird wegen ihres Beitrages zur Winterhilfe durch Errichtung einer Kantine oder Subventionierung der städtischen Kantinen verhandelt werden.
Der vom Gemeinderat beschlossene Fürsorgerat soll demnächst einberufen werden.

(331015c2)


Seite 4

Opferfest auf dem Berge Gerizim [S. 4, oben, links]
Von Arthur Köstler

In der Nähe von Nablus liegt der Berg Gerizim. Dort leben die letzten Rest des biblischen Volkes der Samaritaner und feiern alljährlich ihr Opferfest. Es ist ein sonderbares Volk - und ein sonderbares Fest ...

*
„Lass’ nicht Finsternis in deinen Geist sich senken, o Herr, und bediene dich meines Esels, statt zu Fuß zu laufen!“ „Dir hat Allah zwei Beine gegeben, meinem Esel da aber vier, also, miete ihn Hawadza, für zehn Piaster trabt er mit dir den Berg Gerizim hinauf!“ Die Araber umtanzen uns, schmeichelnd, drohend, johlend und lassen sich nicht abschütteln.
Vor einigen Jahren war hier noch die Hochburg des Fremdenhasses. Aber dann kam das große Erdbeben in Palästina, bei dem Hunderte von Arabern ums Leben kamen und kein einziger Europäer auch nur leicht verletzt wurde. Das erklärt sich zwar höchst einfach durch die solidere europäische Bauart der jüdischen Häuser und die Baufälligkeit der arabischen - aber die Moslems sahen darin einen Fingerzeig Gottes und seither sind sie hier in Nablus zahm geworden. „Allah schützt die Yahudi“ sagen sie, „also lassen auch wir sie in Ruhe und machen lieber Geschäfte mit ihnen. Zehn Piaster der Esel, Hawadza!“
Und so kommt es, daß wir in der Vollmondnacht schließlich doch noch zu Esel die steinigen Schutthalden des Gerizim emporklimmen, um dem nächtlichen Opfer der Samaritaner beizuwohnen. Es ist still, nur manchmal wiehert ein Esel auf; es klingt wie Kinderweinen. Unsere schwarzen Schatten springen grotesk von Stein zu Stein; ein heißer Wüstenwind weht uns feinen Sand ins Gesicht; der Mond schwimmt oben wie eine große Orange. Eine hohe Flammen- und Rauchsäule auf dem Gipfel kündet uns, daß wir uns dem Opfer der Samaritaner nähern.

*
Das kam so: das Volk der Samaritaner wurde zur Zeit des babylonischen Exils von Salmanassar, dem assyrischen König, in der Gegend von Nablus angesiedelt. Sie lebten streng abgeschlossen, diese Samaritaner, sie mischten sich weder mit den Juden noch mit irgendeinem anderen Volk, Inzucht war ihr oberstes Gesetz. Sie bekannten sich zu einem modifizierten jüdischen Glauben, lebten aber in Totfeindschaft zu den Juden und zu allen anderen Nachbarvölkern, eine konservative Insel im Rassenmischkessel des Orients. Sie degenerierten infolge der Inzucht, sie schmolzen immer mehr zusammen, um sie herum loderte die Welt in immer neuen Flammen, das jüdische Reich wurde zertrümmert, das grüne Banner Mohammeds überflutete wie eine rasende Springflut das Land, Kreuzfahrer kamen und starben, die Türken kamen, der Weltkrieg kam, die Zionisten kamen. Die Samaritaner blieben von alledem unberührt, teilnahmslos, ein ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht, feierten alljährlich ihr Opferfest auf dem Berge Gerizim im Stile von anno 2000 vor Christi und starben in antiker Schönheit langsam, aber sicher aus.
Im Jahre 1924 gab es im ganzen nur noch 136 Samaritaner, darunter nur 30 oder 40 Frauen, so daß die jüngeren Burschen immer warten mußten, bis die Alten starben, um dann die Witwen heiraten zu können. Es war ein romantischer Zustand, es kam nicht selten vor, daß ein Jüngling seine eigene verwitwete Großtante heiratete und so zum Urgroßonkel seiner eigenen Kinder wurde, falls er solche hatte - was übrigens gewöhnlich nicht der Fall war. Das war das grotesktragische Ende einer historischen Nation. Forschungsreisende und Journalisten widmeten den romantischen letzten Samaritanern elegische Grabreden und Feuilletons; es wurde berechnet, daß der letzte Samaritaner in spätestens drei Generationen zu seinem alten Gotte heimkehren mußte. Und immer mehr Touristen kamen auf den Berg Gerizim gepilgert, um dem hohen und seltenen Schauspiel beizuwohnen, wie eine Nation rein und Stolz zum Tode rüstet.
- Bis dann eines Tages die Samaritaner erklärten, sie spielten in diesem Schauspiel nicht mehr mit. Sie hatten sich das mit dem Aussterben überlegt, sie gaben plötzlich, zur großen Enttäuschung aller Romantiker, ihre viertausendjährige Tradition auf und zwei samaritanische Jünglinge beginnen den unerhörten, bahnbrechenden Schritt: sie heiraten zwei jüdische Mädchen aus dem fernen Lande Polen, die eine aus Lemberg, die andere aus Lodz.
Ich weiß nicht genau, wie viele dem trivialen Beispiel folgten. Tatsache ist, daß die Zahl der Samaritaner heute wieder über 200 beträgt, was eine Bevölkerungszunahme um mehr als 50 Prozent bedeutet -, die seit Jahrtausenden absteigende Kurve hat einen plötzlichen Schwung nach oben bekommen und mit dem Aussterben ist’s aus.
Doch ehe es zu den beiden historischen Eheschlüssen kam, gab es ein großes Verbrüderungsfest zwischen den 150 Samaritanern und den 150.000 Juden Palästinas. Die alte Fehde wurde begraben und die Samaritaner bekamen einen Lehrer, eine Aerztin und einen Hilfsfonds zum Aufbau ihrer durch Erdbeben zerstörten Häuser von der zionistischen Organisation. Und nachdem unser weiser Führer uns all diese wissenswerten Dinge beigebracht hat, sind wir auch glücklich auf dem Gipfel des Berges Gerizim angelangt.

*
Nun - das Bild, das uns oben auf dem Gipfel erwartet, ist einigermaßen verblüffend und enttäuschend. „Man färbt jetzt die Bäume, wir töten die Träume“ - oh stolze Samaritaner, was ist aus euch geworden! Aus dem antik-blutigen Opfer haben sie ein behördlich, konzessioniertes Schauspiel gemacht. Eierschalen, Sardinendosen, Sodawasserflaschen, dazwischen Familien mit Kind und Kegel gelagert, eine ganze Völkerwanderung mit Rucksack und Thermoflasche - ich schätze 3000 bis 5000 Personen - hat sich auf dem Gipfel des Gerizim breit gemacht, um auch beim Opferfest mit dabei gewesen zu sein. In der Mitte haben Polizisten einen Kreis gezogen und innerhalb dieses Kreises bringen die braven Samaritaner, lauter weißbärtige Charakterkopfe in malerischen Gewändern, dem alten Gott ihr Opfer dar, ihrer Rolle als Akteure eines exotischen Schauspiels wohl bewußt. Neun bejammernswerten Bähschäflein wird feierlich der Hals abgeschnitten. Mit dem noch warmen Blute netzen sich die Samaritaner gegenseitig die Stirn. Inzwischen wurde ein Loch in die Erde gegraben, darin ein Reisigfeuer entzündet, dort kommen die Ex-Bähschafe hinein, dann wird das ganze zugegraben, nach ein paar Stunden wieder aufgegraben und die gargewordenen Schafe, die die Tropennacht mit knusperigen Düften schwängern, werden zeremoniös verzehrt, womit das Fest zu Ende ist.
Währen die Schafe noch in der Grube braten, laden einzelne Samaritaner Gäste in ihre Baracken, erzählen ihnen dort die romantische Geschichte der Samaritaner und kassieren kleine Gaben dafür ein. Auch werden handgeschriebene Bibeln verkauft und ähnliches. Die Romantik ist etwas fadenscheinig geworden ...
Auf der Heimreise sind alle Touristen melancholisch. Erstens vor Hunger, zweitens des Mondes wegen, der von der Orange zur Zitrone verblaßte, und drittens überhaupt ...
Nablus (Hamaria), 1933.

(331015w4)


Seite 7

Einladung [S. 7, oben, Mitte]
zur Protestversammlung, welche Montag, den 16. d. M. um 8 Uhr abends im Festsaale des jüdischen Nationalhauses stattfindet

Das jüdische Theater in Czernowitz in Gefahr
Das seit 15 Jahre hier wirkende jüdische Theater unter der Direktion M. Reisch ist für die bevorstehende Spielsaison ohne Saal geblieben. Das „nationale“ Kuratorium der Toynbeehalle unter Präsidentschaft Dr. Mayer Ebner’s hat es vorgezogen, den Saal einer Kinogesellschaft zu vermieten.
Deutsche Kulturprodukte werden für die Juden von Czernowitz verbreitet, jüdisches Theater paßt den Herren Zonisten des Kuratoriums nicht.
Wir wollen daher in einer Massenversammlung gegen diese schändlichen Vorgänge einer Körperschaft protestieren!
Wir wollen die ganze Hinterkulissenpolitik der Kuratoren beleuchten.
Kommet in Massen! Protestieret gegen dieses unerhörte Todesurteil für das jüdische Theater!
M. Reisch
(Ohne Verantwortung der Redaktion.)

(331015i7)


Violinkonzert Prof. Dr. Lilienthal - Prof. Adler [S. 7, Mitte, rechts]
Dem Kriegswitwenverein ist es gelungen, den hier zu Besuch weilenden Geigenvirtuosen, Professor am „Neuen Wiener Konservatorium“, Dr. Fritz Lilienthal und unseren einheimischen Pianisten Professor Alfred Adler für ein einmaliges Konzert zu gewinnen. Das Konzert findet am Mittwoch, den 18. d. M. um 8.30 Uhr in der Toynbeehalle statt. Der Kartenvorverkauf hat in der Buchhandlung Rosca (Sparkassagebäude) bereits begonnen.

(331015i7)


Radio Wien [S. 7, Mitte, rechts]
Am Montag, den 16. d. M. spielt in der „Jugendstunde“ (Jugend für die Jugend) des „Radio Wien“ um 15.30 Uhr Wiener Zeit (16.30 Uhr unsere Zeit) die elfjährige Ruth Hilde Somer, die Tochter unseres in Wien lebenden Landsmannes Dr. Marem Somer.

(331015i7)


Seite 8

Gewaltiges Himmelsfeuerwerk über Europa [S. 8, Mitte]
Weltuntergangsstimmung in Portugal und Dänemark

Aus Hamburg wird gemeldet: Dienstag abends, kurz nach 8 Uhr, konnte man am Himmel ein seltenes Schauspiel erleben: Hunderttausende von Sternschnuppen flammten in unübersehbarer Fülle auf und zogen ihre Bahn. Aber nicht nur in Deutschland, auch in Spanien, Frankreich, Belgien und Dänemark konnte dieses seltene Himmelswunder beobachtet werden. Nach einem Bericht der Berliner Sternwarte liegt der Hauptausstrahlungspunkt der Sternschnuppen in den Sternbildern Schwan und Leier. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um die Trümmerreste eines ausgelösten unperiodischen Kometen, die bei ihrer Bahn durch den Weltenraum in die Nähe unserer Erde gekommen sind. In einer Zeit von 15 Minuten wurden etwa 200 Schnuppen gezählt.
Auch in Dänemark wurden gestern Abend die Lichterscheinungen im Weltraum als gewaltiges göttliches Riesenfeuerwerk bestaunt. Als die Sternschnuppen nicht aufhörten, wurden viele ängstlich und glaubten den Untergang der Welt für gekommen.
Der gestrige Sternschnuppenfall hat namentlich in vielen Dörfern des nördlichen Portugal große Paniken verursacht. Die Bewohner, die glaubten, der Weltuntergang sei gekommen, verließen ihre Häuser, rannten schreiend und betend im Freien herum und ließen sich erst nach mehreren Stunden zum Glauben an den normalen Fortgang der Dinge bewegen. Mit vieler Mühe brachte man die Menschen in ihre Häuser zurück.
Auch in verschiedenen Gegenden Frankreichs, u. a. in Paris, konnte gestern zwischen 7 und 9 Uhr abends das seltene Phänomen des Sternschnuppenregens beobachtet werden. Auch aus Belgien werden ähnliche Erscheinungen gemeldet.

Stürme auf den britischen Inseln
Als Folgeerscheinung des Schnuppenregens traten auf den britischen Inseln heftige Stürme auf. Der Sturm ist von einem starken Temperatursturz begleitet. Die Stürme haben eine Stundengeschwindigkeit von nahezu 150 Kilometern.

(331015w8)


Anstatt Kulturpalast - lieber Pruthregulierung [S. 8, unten, rechts]
Vor wenigen Tagen machte die Nachricht die Runde durch alle städtischen Blätter, daß in Bukarest
ein wolkenkratzerartiger Kulturpalast um 200 Millionen Lei erbaut werden soll,
der Konzertsäle, Bibliotheken usw. zu beherbergen hätte. Dieser Plan ist aber von der öffentlichen Meinung keineswegs widerspruchslos aufgenommen worden.
Am schärfsten tritt dagegen der „Calendarul“ auf. Dieses Blatt behauptet, daß sich hinter diesem 200 Millionen-Projekt ein ganz faules Geschäft verberge. Der Initiator dieses Planes, Estimiu, wird vom „Calendarul“ als ein ganz gerissener Albanier hingestellt, der aus der Kultur ein Geschäft machen will. Das Blatt fragt, auf Grund welcher Offertverhandlung der Staat eine so teure Parzelle wie die in Aussicht genommene vergeben will, wer eigentlich das ominöse Konsortium sei u. s. w.
Iorga vergleicht einen solchen Plan mit einer ganz komischen Figur, die oben einen eleganten Zylinder mit Frack etc. und unten eine zerrissene Hose, ohne Schuhe, trägt. Wenn man diesen Frack in die Höhe hebt oder auf die bloßen Füße sieht, dann merkt man erst jenes Elend, welches in Wirklichkeit bei uns herrscht und durch den Frack mit Zylinder verdeckt werden soll.
Der „Calendarul“ schließlich meint, wenn der Ministerrat wirklich überflüssige 200 Millionen Lei zur Verfügung hat, so solle er in erster Linie wie in anderen Ländern Arbeiten von öffentlichem Nutzen beginnen, u. zw. auf wirtschaftlichem Gebiete. Als eine solche ersten Ranges wäre die Regulierung des Pruthes anzusehen, was auf die Moldau und das ganze Land segensreiche Rückwirkung haben würde. Ein schiffbarer Pruth von Czernowitz bis zur Donau würde der Moldau neues Leben geben. Ein Kanal könnte Jassy mit dem Pruth verbinden und es würde Tausende von Hektar Ackerland gewonnen werden. Die Kosten würden sich in höchstens 25 Jahren amortisieren.
Das sind Arbeiten, die kulturellen Wert haben, nicht aber ein Kulturpalast, der gerade den Mangel an Kultur verbergen soll.

(331015r8)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 470, Dienstag, 17.10.33

Postby Klaus Binder on 16. October 2011, 20:48

Seite 1

Belagerungszustand jetzt überflüssig [S. 1, oben, rechts]
Dr. Lupu über die politische Lage

Galatz, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). Gelegentlich seiner Anwesenheit in Galatz äußerte sich Dr. Lupu über die politische Lage. Er sagte u. a., daß die Regierung seit dem 23. März, da sie in der Skodaaffäre interpelliert wurde, als gestürzt angesehen werden kann. Was die wirtschaftliche Lage betrifft, so müsse man die Steuern reduzieren, Defraudationen verhindern und schließlich den Leu restabilisieren. Gleichzeitig damit müßte aber ein wirtschaftlicher Aufbauplan abgefaßt werden.

Ueber die extremistischen Strömungen sagte Dr. Lupu: Man mißt diesen Bewegungen zu viel Bedeutung bei. Die Intellektualität des Landes ist von der Sinnlosigkeit der Tätigkeit der Codreanus und Cuzas überzeugt. Die Situation ist nur in den Dörfern schlimm, wo angesichts der Wirtschaftskrise alles für bare Münze genommen wird. Das Volk muß aufgeklärt werden.
Zum Schluß sagt Dr. Lupu, daß der Belagerungszustand nur im Falle eines Krieges oder einer Revolution notwendig ist. In normalen Zeiten müsse die Verhängung des Belagerungszustandes verurteilt werden.

Auf die Frage eines Journalisten, ob Dr. Lupu an die Möglichkeit eines Krieges glaube, antwortete er: Nur aus Angst und aus Geldmangel wird es zu keinem Kriege kommen. Uebrigens hat man die Folgen des Krieges vom Jahre 1914 noch nicht verschmerzt. Es müssen noch einige Jahrzehnte vergehen, bis sich Europa zu einem neuen Todestanz entschließen kann.

(331017r1)


Der König [S. 1, rechts, Mitte]
König Carol II feiert heute seinen 40. Geburtstag.
Das ganze Land nimmt an diesem Feste teil.
In schicksalsschweren Tagen besitzt Rumänien einen Landesherrn, der uns Bollwerk des Friedens, Aufrechterhaltung der Demokratie, gleiches Recht für alle bedeutet.
Die Stadt ist reich beflaggt, an die vielen Glückwünsche schließt sich auch Czernowitz mit voller Herzlichkeit an.

(331017c1)


Seite 2

Todesfälle [S. 2, oben, Mitte]
Hier ist der einst sehr populär gewesene Konzertmeister Josef Binder, ein Künstler von großer Musikalität und hohem technischen Können, im Alter von 45 Jahren gestorben. Das Leichenbegängnis hat Freitag unter großer Beteiligung stattgefunden. - Am Samstag ist hier Herr Lazar Tzimand, der Vater des Eigentümers der Firma „Brüder Tzimand & Co.“, im Alter von 80 Jahren gestorben. Das Leichenbegängnis findet heute in Roman statt.

(331017t2)


Seite 4

Die Isolierung Deutschlands [Seite 4]
Rückwirkung der Berliner Beschlüsse auf die Weltpolitik. -
Vertagung der Abrüstungskonferenz. - Rückkehr zum Versailler Vertrag


Deutschland verläßt Genf
Die Berliner Wolff-Agentur veröffentlicht Samstag mittags ein Kommuniqué mit folgendem Inhalt:
Reichskanzler Hitler hat soeben Pressevertretern mitgeteilt, daß Deutschland aus dem Völkerbund austrete und die Abrüstungskonferenz verlasse. Gleichzeitig wird ein Spezialgesetz vom Reichspräsidenten promulgiert, nach welchem der Reichstag aufgelöst und Neuwahlen für den 12. November ausgeschrieben werden, um das Volk zu befragen, ob es mit der Innen- und Außenpolitik der Reichsregierung einverstanden sei.

Die

Proklamation
schließt mit den Worten:
Die Reichsregierung stellt an die Nation folgende Frage:
Billigt das Volk die Reichspolitik, wie sie in diesem Appell dargestellt wird? Ist das Volk bereit, zu bekunden, daß ihm diese Politik entspricht?

Telegramm Neuraths
Genf, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). Das von Reichsaußenminister Neurath an den Präsidenten der Abrüstungskonferenz Henderson abgesandte Telegramm hat folgenden Wortlaut:

„Die letzten Beratungen der interessierten Mächte bei der Abrüstungskonferenz zeigten, daß die Konferenz ihre eigentliche Mission, eine allgemeine Abrüstung herbeizuführen, nicht erfüllen könne. Dieses Versagen der Konferenz ist der Tatsache zuzuschreiben, daß die gerüsteten Staaten ihr verträglichen Verpflichtungen nicht erfüllen. Da die Gewähr einer Gleichberechtigung nicht gegeben ist, muß die Reichsregierung die Abrüstungskonferenz verlassen.

Auf dieses Telegramm antwortete Henderson:

„Ich habe die Ehre, Ihnen den Empfang Ihres Telegrammes vom 14. ds. zu bestätigen. Das Telegramm werde ich der Generalkommission der „Konferenz zur Reduzierung und Begrenzung der Rüstungen“ vorlegen.“


Erster Eindruck in Genf
Genf, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). In Genf hat die Nachricht vom Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund konsternierend gewirkt. Ein Mitglied der Abrüstungskonferenz soll nach „Reuter“ gleich nach Bekanntwerden dieser Nachricht folgenden Ausspruch getan haben:
„Ich glaubte nicht, sie werden so stupid sein, der Ansicht zu sein, sie könnten die Großmächte untereinander trennen.“

Nochmals Beschluß:
Deutschland darf nicht aufrüsten

Genf, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). In der Samstagsitzung des Abrüstungsbüros wurden folgende Vorschläge eingebracht:

„Die Staaten, die der Abrüstungsklausel unterworfen sind, dürfen unter keinen Umständen aufrüsten. England wird eine sofortige Aufrüstung nicht zulassen. Das neuzutreffende Abkommen kann sich nur auf Abrüstung, keineswegs auf Aufrüstung beziehen.

Das Abrüstungsbüro tagt weiter
Heute Sonntag trat das engere Abrüstungsbüro zu einer Beratung zusammen, in der das von Neurath eingetroffene Telegramm Gegenstand der Beratung bildete. In einigen Kreisen der Abrüstungskonferenz macht sich das Bestreben bemerkbar, eine Intervention bei Deutschland vorzunehmen. Im Mittelpunkt des Interesses steht aber der Vorschlag Frankreichs, der morgen beim Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz eingebracht werden soll. Es handelt sich um einen Entschließungsantrag, der ein weiteres Arbeiten der Konferenz ermöglichen soll.

Vertrauliche Beratung des Abrüstungsbüros
Präsident Henderson berief für heute die Vertreter der Großmächte zu einer vertraulichen Beratung, um die Lage der Abrüstungskonferenz zu prüfen.
Es wurde einmütig festgestellt, daß die Gründe Deutschlands zum Verlassen der Abrüstungskonferenz in keiner Weise gerechtfertigt sind. Auch wurde der Vorwurf Deutschlands, die Konferenz hätte ihre Pflicht nicht erfüllt, aufs energischeste zurückgewiesen.

In der Sitzung wurde die Antwort an die Reichsregierung redigiert. In der morgigen Sitzung des Hauptausschusses der Abrüstungskonferenz soll eine gemeinsame Note der vier Großmächte Deutschland vorgelegt werden. Es soll der Antrag eingebracht werden, die Konferenz für kurze Zeit zu vertagen. Besonders bemüht sich darum der französische Außenminister Paul Boncour. Der italienische Delegierte bei der Abrüstungskonferenz verhielt sich in der heutigen Besprechung reserviert, ohne aber den Standpunkt Deutschlands zu billigen.

Urteil der Weltpresse

Frankreich:
Die Presse verlangt Anwendung des Versailler Vertrages

Paris, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). „Havas“ meldet, die Nachricht aus Berlin sei in Genf eine Stunde nach der Beratung des Abrüstungsbüros, in welchem die Vertreter der Großmächte sich für den britischen Abrüstungsvorschlag ausgesprochen haben, eingetroffen. Die Nachricht hat die größte Sensation ausgelöst. Auch wenn die Unnachgiebigkeit Deutschlands zu erwarten war, so doch für keinen Fall ein so unüberlegter Schritt.
Die französische Presse ist über diesen Schritt nicht erstaunt, aber sehr bissig. Es wird betont, daß das Vorgehen Deutschlands auch seine gute Seite habe: Die Lage werde geklärt, und diejenigen Staaten, die abrüsten wollen, werden nun einen leichtern Standpunkt haben.
„Echo de Paris“ nimmt in scharfer Weise gegen Deutschland Stellung und betont, daß, insolange die Möglichkeit der Anwendung des Versailler Vertrages besteht, jede Aufregung nicht geboten ist. Die Zeitung verlangt die Intervention des Völkerbundes. „Petit Parisien“ verlangt die Anwendung der aus dem Versailler Vertrag sich ergebenden Sanktionen gegen Deutschland.
Die französische Presse meint, daß der Wunsch Deutschlands zur Aufrüstung nun offensichtig [offensichtlich] sei. Der Artikel 5 des Versailler Vertrages müsse daher gegen Deutschland sofort Anwendung finden.
Im „Echo de Paris“ warnt Pertinax vor Verhandlungen mit Deutschland, daß dadurch die Schleusen des Pangermanismus geöffnet würden. Zum Schluß spricht sich Pertinax für eine Fortführung der Verhandlungen und gegen Verhandlungen im Rahmen des Viererpaktes aus, die von Frankreich abgelehnt werden.

England:
Ruhig, gelassen, mit Ueberlegung

London, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). Das Reuter-Büro erhält von amtlicher Stelle die Mitteilung, daß die Regierung die neue Situation ruhig, gelassen und mit Ueberlegung prüfen werden. Das englische Kabinett beginnt morgen die Prüfung der Lage.

Deutschland hielt nicht seine Verpflichtungen
London, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). „Times“ veröffentlichen einen offenen Brief des Generals Morgan, der Mitglied der interalliierten Kontrollkommission in Deutschland war. Morgan stellt fest, daß Deutschland die Klausel des Versailler Vertrages nicht gehalten habe. Die interalliierte Kommission, die im Jahre 1927 zusammengetreten ist, stellt in einem Schlußbericht eine Reihe von Vergehen Deutschlands fest.

Kombinationen
Es geht um Oesterreich

Die englischen Kreise betonen, daß parallel mit dem Schritt Deutschlands in Genf eine faschistisch-hitleristische Aktion in Oesterreich geplant wird, um Bundeskanzler Dr. Dollfuß zu zwingen, die faschistische Herrschaft in Oesterreich zu begründen. Die englischen Zeitungen verurteilen diese Kombination, die nicht nur zu einem Bürgerkrieg in Oesterreich, sondern auch zu einer Verwirrung der politischen Lage in Mitteleuropa führen müßte.

Die Amerikaner:
Alle Brücken sind abgebrochen

Genf, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). Die amerikanischen Delegierten zeigen sich über den Schritt Deutschlands sehr erregt. Sie betonen, daß erst vor zwei Tagen die in Genf weilenden deutschen Vertreter sie ersucht hätten, sich dafür einzusetzen, daß durch die zwischen Norman Davis und Simon geführten Besprechungen nicht alle Brücken einer Verständigung abgerissen werden. Nur aus diesem Grunde war der konziliante Ton der amerikanischen und englischen Delegierten bei der letzten Besprechung zu verstehen. Nun hat aber die Hitlerregierung allein alle Brücken einer Verständigung abgebrochen.

Ein Schlag gegen den Völkerbund
Die Delegierten sehen im Schritt Deutschlands einen Schlag gegen den Völkerbund, der in allen seinen Aktionen nun gestört sein wird.

Es wird auch betont, daß Deutschland nur formell an den Arbeiten der Abrüstungskonferenz teilnahm und die Konferenz nur dazu benützte, um seine politischen Ziele zu verfolgen, keineswegs aber wollte es an einer internationalen Verständigung mitarbeiten. Als sich Deutschland aber gegenüber einer gemeinsamen Front der Großmächte sah und sein Spiel nicht mehr möglich war, zog es sich von der Konferenz zurück. Wie schwerwiegend auch dieses Ereignis sein möge, es ist eine begrüßenswerte Lehre für die ganze Welt.

Wie eine Bombe
Washington, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). In den Vereinigten Staaten hat die aus Genf eingetroffene Nachricht über den Beschluß Deutschlands wie eine Bombe gewirkt. Staatssekretär Hull hatte sofort eine Besprechung aller höheren Beamten einberufen und einen Bericht an den Staatspräsidenten Roosevelt ausgearbeitet.
Die amerikanische Presse zeigte sich über den Schritt Deutschlands sehr besorgt. Es wird betont, daß Hitler dem Weltfrieden einen schweren Stoß versetzt und die europäische Situation, die an und für sich sehr verwirrt ist, noch mehr beunruhigt habe.

Auch die Börse beunruhigt
In Kreisen der New Yorker Börse wird angesichts der von den Vereinigten Staaten an Deutschland gewahrten Kredite die Situation mit großer Besorgnis beurteilt.

Die amerikanische Presse meint, daß nach dem Austritt Japans und nun auch Deutschlands der Völkerbund einen neuen Schlag erlitten hat. Der Jahrhunderte währende Kampf zwischen Frankreich und Deutschland konnte nicht begraben werden. Amerika werde bei den Vorgängen in Europa angesichts der verschärften Situation zwischen Japan und den Vereinigten Staaten um die Vorherrschaft im Stillen Ozean eine neutrale Haltung einnehmen müssen.

Italien:
Abwartend

Rom, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). Die Blätter veröffentlichen eine amtliche italienische Erklärung zur Situation. In dieser wird betont, daß die italienische Regierung mit größter Ruhe die Meldung aus Berlin aufgenommen habe, obgleich sie auch für Italien unerwartet kam. Niemand kann den Ernst in Bezug auf die Möglichkeiten der Entwicklung in Abrede stellen.
Trotzdem muß die Lage geprüft werden, ob es nicht möglich sei, auf dem Wege der Verständigung eine Einigung doch zu erzielen. Die Kundgebung schließt mit der Ansicht, daß die Vertagung der Abrüstungskonferenz notwendig geworden sei.
„Popolo d’Italia“ spricht sich für eine Vertagung der Abrüstungskonferenz aus, um in der Zwischenzeit eine Verständigungsformel, die eine Fortführung der Konferenz möglich macht, zu finden. Gleichzeitig betont die Zeitung, daß Italien bereit sei, mit den Großmächten auf faschistischen Prinzipien mitzuarbeiten.

Die Anderen:
Polen ist besorgt

Warschau, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). Wenn auch die Nachricht vom Rücktritt Deutschlands nicht unerwartet kommt, so übte sie kolossale Wirkung auf die gesamte polnische Oeffentlichkeit. Das rechtsgerichtete Organ „A.B.C.“ meint, daß Deutschland sich nun von allen seinen Verpflichtungen frei machen und ein neues Aufrüsten beginnen will. Das bedeutet aber ein Attentat auf den europäischen Frieden.
Wenn die Großmächte sich nicht zum raschen Handeln entschließen, dann ist ein neuer Weltkrieg unabänderlich.
Die offizielle „Gazetta Polska“ beurteilt die Vorgänge etwas ruhiger und ist der Ansicht, daß der Entschluß Deutschlands nicht ohne Wissen Italiens gefaßt wurde. Es liegt in der Absicht Italiens, die Abrüstungsfrage außerhalb des Völkerbundes und im Rahmen des Viermächtepaktes zu diskutieren.

Oesterreich:
Zurück zu Versailles

Wien, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). Auch die gesamte österreichische Presse befaßt sich mit den Vorgängen in Deutschland und sieht den Schritt der Reichsregierung selbst für Deutschland als einen großen Fehler an. Die „Neue Freie Presse“ meint, daß man wieder zum Versailler Vertrag zurückkehre. „Reichspost“ sieht im Schritt Deutschlands mehr Bewegungsfreiheit für die anderen Staaten.

Schweiz:
Einvernehmen - aber nur mit einem anderen Deutschland

Genf, 15. Oktober. Die gesamte Schweizer Presse meint, daß Deutschland der Welt einen Dienst erwiesen hat, da sie sich endlich vor einer klaren Situation befinde. Aber auch das Volk werde früher oder später einsehen, in welche schwierige Lage es durch dieses Regime versetzt wurde, und die Folge wird sein, daß das Volk ein anderes Regime zur Macht berufen müßte, mit welchem dann ein Einvernehmen möglich sein wird. Deutschland, so wird in Haager politischen Kreisen betont, habe sich freiwillig in die Isolierung versetzt.

Die Czechen:
Prag, 15. Oktober (Tel. der „Tag“). Die Nachricht vom Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund wurde hier durch Extraausgaben bekanntgegeben. Es wird erinnert, daß ähnliche rasche Entschlüsse von den führenden Männern Deutschlands auch während des Krieges gefaßt wurden. Die Presse mahnt zur Zurückhaltung und Wahrung ruhigen Blutes, um die weitere Entwicklung der Dinge zu verfolgen. Die Zeitungen glauben an einen festeren Zusammenschluß der Großmächte, um die Gefahr zu bannen, die aus Deutschland kommt. Man müsse die Entschlüsse, die in der kommenden Woche in Genf gefaßt werden, abwarten. Die czechoslowakische Presse betont, daß die Bestimmungen des Versailler Vertrages in Kraft bleiben.

Belgien:
Die belgische Presse vertritt die Ansicht, daß der wahre Grund für den Schritt Deutschlands die Aufrüstung ist. Die früheren Alliierten des Weltkrieges müssen sich daher angesichts des Ernstes der Sachlage enger verbünden und auf alles vorbereitet sein. Deutschland habe sich auf internationalem Gebiete isoliert und sich hinter die eigenen Grenzen zurückgezogen. Allgemein wird betont, daß nun ein neues Wettrüsten beginnen werde.

Japan:
„Völkerbund, ein lebender Leichnam“

Der japanische Außenminister erklärte, daß nach dem Austritt Deutschlands der Völkerbund als lebender Leichnam angesehen werden könne.

(331017w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 471, Mittwoch, 18.10.33

Postby Klaus Binder on 18. October 2011, 03:31

Seite 2

Plötzlicher Tod eines Untersuchungshäftlings [S. 2, Mitte, unten]
In der Nacht von Sonntag auf Montag ist im Polizeigefängnis der wegen mehrerer Raubüberfälle und Diebstähle in Untersuchungshaft befindliche berüchtigte Einbrecher Stefan Baciu gestorben. Die ärztliche Untersuchung ergab, daß er einem Herzschlag erlegen ist.

(331018t2)


Letzte Woche der Ausstellung Löwendal [S. 2, unten, rechts]
Die Ausstellung Löwendal findet nur noch diese Woche statt. Die kurze Zeit der Ausstellung brachte unserem einheimischen Künstler einen großen Erfolg. U. a. haben Senator Dr. Nistor, Minister Sauciuc-Saveanu, Erzbischof Nectarie, Universitätsprofessor Bacinschi, Universitätsprofessor Nandris für den Kulturverein, Major Gallin, Großindustrieller Fontin, Generalsekretär der Stadtgemeinde Dr. Braileanu für das Stadtmuseum und Generalsekretär Masichievici für die Handelskammer Bilder gekauft.

(331018c2)


Seite 3

„Numerus clausus“ und „Numerus nullus“ [S. 3, rechts, unten]
Wie der Bukarester „Tempo“ erfährt, haben rumänische Hochschüler beschlossen, in diesem Herbste eine scharfe Aktion „zur Behebung der intellektuellen Arbeitslosigkeit“ zu unternehmen. Unter den Forderungen, die sie aufstellen, befindet sich auch der „Numerus clausus“. Sie fordern „Numerus clausus“ für alle „Fremden“ von der ersten Lyzealklasse bis zur Universität. Außerdem fordern sie „Numerus nullus“ für die Richterschaft und für die Armee (Offiziere), das heißt Ausschluß aller Angehörigen der Minderheiten. Wenn diese Forderungen, die auch der Regierung unterbreitet werden, nicht erfüllt werden, wird die Studentenschaft Straßenkundgebungen veranstalten, sowie diese „Fremden“ mit Gewalt aus den Universitäten entfernen. Im äußersten Falle werden die Studenten auch zum Hörerstreik an allen Universitäten greifen. Der Präsident der Union der rumänischen Studenten Ingenieur Campineanu hatte bereits Beratungen mit den Führern der Studentenvereinigungen aus dem ganzen Lande.

(331018r3)


Seite 4

Der Verbündete Hitlers: [S. 4, oben, links]
Die internationale Rüstungsindustrie

Die durch den Rücktritt Deutschlands vom Völkerbund neugeschaffene Situation bringt das Rüstungsproblem als das aktuelle Thema in den Vordergrund aller Besprechungen. Es wird sicherlich allgemein interessieren, was von dem Stand der Rüstungen Deutschlands ein sehr seriöses ausländisches Blatt mitteilt.

Die Hitlermacht sucht nach Verbündeten. Einen glaubt sie in Italien gefunden zu haben, einen anderen in Ungarn. Sehr sicher ist sie sich dieser beiden Länder allerdings nicht. Denn Italien sucht vor allem seinen Vorteil. Am Brenner wie in Oesterreich wie überall. Dann ist es auch nicht allzu selbständig, sondern hat einmal Rücksicht auf England zu nehmen, das noch immer das Mittelmeer beherrscht, und dann auf Amerika, von dem die Finanzen Italiens nicht ganz unabhängig sind, schließlich ist - zumindest noch gegenwärtig - Frankreich ein sicherer und mächtigerer Bundesgenosse als Deutschland. Ungarn kann sich gegenüber Deutschland nicht allzusehr festlegen. Es ist einmal in sehr hohem Maße von Italien abhängig, und dann von dem jüngsten Pufferstaat Italiens, Oesterreich, und weiter von den Mächten der Kleinen Entente eingekeilt. Schließlich muß es, aus sehr verschiedenen, vor allem finanziellen Gründen, auf Frankreich Rücksicht nehmen. Die Hitlermacht sucht Bundesgenossen zur Verteidigung ihrer tatsächlichen wie geplanten Wiederaufrüstung vor dem Genfer und überhaupt Weltforum. Und daß die Schneiderwerke einer Aufrüstung - auch Hitlerdeutschlands - weniger feindlich gegenüberstehen als mancher Diplomat, sowas muß nicht bewiesen werden.
Wenn Hitler unter den Machtfaktoren dieser Erde einen Bundesgenossen hat, auf den er sich, geht es um die Aufrüstung Deutschlands, unbedingt verlassen kann, dann ist es die „nationale“ Rüstungsindustrie der verschiedensten Länder.

„Es ist für niemanden ein Geheimnis, daß die Kanonen- und Munitionsfabrikanten internationale Differenzen wie überhaupt Streitfälle heraufbeschwören, um sich so Aufträge und Gewinne zuzuschanzen“.

Diesen Satz sagte der französische Luftfahrtminister Pierre Cot, allerdings zu einer Zeit, als er noch nicht Minister sondern lediglich Député war.
Heute sind manche Hintergründe, (nicht zuletzt infolge des nationalsozialistischen Siegen in Deutschland) die die Rüstungsskandale der letzten Jahre charakterisieren, wohl weniger dunkel, aber umso gefahrvoller.
Wie gefahrvoll sie sind, das möge aus folgenden Zahlen erhellen: Allein im Jahr 1932 sind an Ungarn geliefert worden: 34 Schwarzlose-Maschinengewehre, 124 Schnellfeuergeschütze (Kaliber 7 cm), 4 Waggon Munition, 128 Flugzeugräder und 500.000 Gasmasken. Lieferant: Deutschland. Ebenfalls im Jahre 1932 und ebenfalls von Deutschland her hat Ungarn noch einmal je 4 Schwarzlose-Maschinengewehre für jedes seiner Regimenter erhalten. Besonders umfangreich gestaltete sich gegen Ende 1932 der Waffen- und Munitionstransport. Ungarn erhielt um diese u. a. über den Gotthard 96 Panzerwagen. Teilweise aus England, teilweise aus Italien. Dann 3000 und dann noch einmal 400 leichte Tanks, Type „Balilla“. Lieferant: Italien. Außerdem erhielten die Horthy, Gömbös und Genossen - und zwar fast um dieselbe Zeit große Mengen von Rohmaterial und von Halbfabrikaten, die heute zur Herstellung von Gewehren, Maschinengewehren und Kanonen dienen. Die Waffenfabriken von Hisvoe, Csepel und Diosgyoer sind in vollem Betrieb. Nimmt man zu diesen Mengen noch die „Hirtenberger“ Waffen hinzu (102.000 Gewehre, 128.000 Pionierhacken, 480 Maschinengewehre, 120 Kanonen), außerdem die legalen Ausrüstungs-Bestände der ungarischen Armee, so ist ohne weiteres ein Heer von 300.000 Mann damit kampffähig zu gestalten. Aber Ungarn darf offiziell nur 3500 Mann als Soldaten herumlaufen haben ... Wie also muß es Deutschland verstehen und versuchen ihm beizustehen!

Deutschland rüstet
Bei sich zuhause wie im Ausland. Es verfügt über Tanks wie über Flugzeuge. Ueber leichte wie über schwere Artillerie (Leichte Artillerie: 4800 Geschütze statt 292 nach dem Versailler Vertrag. Schwere: 2400 Geschütze, die nach dem Friedensvertrag überhaupt nicht vorhanden sein dürften, über Giftgase, U-Boote wie über eine ganze Reihe anderer, ihm nicht erlaubter Kriegsmittel).

Wenn die deutsche Diplomatie heute, weil sie es für opportun hält, friedlich auftritt und um Bundesgenossen wirbt, dann sollte nicht vergessen werden, sie, außer an die deutsche Aufrüstung und an die verschiedenen Provokationen, auch an die hier wiedergegebenen Tatsachen zu erinnern, die, alle zusammen genommen, eine ganze Welt von Tag zu Tag mehr in Waffen erstarren lassen.

Wie sehr, das mag aus ganz wenigen Zahlen erkennbar werden. Schon bis Mai 1933 war

die Weltproduktion an Roheisen in einem Vierteljahr um 28% gestiegen, die von Rohstahl um 56 Prozent.

Von August 1932 bis zum Juli 1933 steigerte sich die Rohstahl-Weltproduktion um 90 Prozent. Deutschland allein produzierte - nach eigenen Angaben - im Juli 1933 63 Prozent Rohstahl mehr als im September 1932. England erhöhte seine Rohstahlproduktion vom Juli 1932 bis zum August 1933 um 57 Prozent. Italien in der gleichen Zeit um 46 Prozent, die Saar um 54 und Frankreich schließlich um 31 Prozent. Daß Deutschland außerdem große Mengen Roheisen und Eisenerze einführte, vom 1. Januar bis zum 1. Juli 1933 das Dreifache des Vorjahres, ist bekannt und vervollständigt lediglich das Bild, das wir und die Welt von den deutschen Kriegsvorbereitungen haben. Daß die Eisen-, Erz- und Stahlmengen nicht zur Spielzeug- oder Häuserkonstruktion verwandt werden, ist eine Tatsache, die sich jedermann bei der gegenwärtigen Lage der deutschen wie der Weltwirtschaft, fernerhin der deutschen wie der weltpolitischen Situation, selber und ohne viel Kopfzerbrechen ausrechnen kann.

Sucht also die Hitlermacht heute nach Verbündeten, sie, die die stärkste Verbündete einer ganzen internationalen Rüstungsindustrie - Krupp, Rheinmetall, Schneider, Skoda, Vickers usw. - ist, dann wissen wir nur zu gut, um was es geht: um die gewaltsame Aenderung der geographischen Karte Europas, Asiens und Afrikas. Und wer es heute auch sein mag, der sich zum Bundesgenossen des Nationalsozialismus hergibt, er steuert mit vollem Bewußtsein auf den Krieg hin, der von einer machttollen „Führer“-Gruppe gegen eine halbe Welt vorbereitet wird. Der Völkerbund hat also gegenwärtig Entscheidungen zu fällen, von denen das Schicksal ganzer Kontinente abhängig sein wird.

(331018w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 472, Donnerstag, 19.10.33

Postby Klaus Binder on 18. October 2011, 20:38

Seite 1

Nichtangriffspakt Rumänien-Türkei [S. 1, rechts, Mitte]
Bukarest, 17. Oktober (Tel. des „Tag“). Heute wurde in Angora der rumänisch-türkische Nichtangriffs-, Schlichtungs- und Freundschaftsvertrag abgeschlossen. Der Pakt enthält 22 Artikel und tritt sofort in Kraft. Die Unterzeichnung fand im Außenministerium statt. Für Rumänien zeichnete Titulescu, für die Türkei Außenminister Ruchdy Bey.

(331019w1)


Die Bedeutung des Nichtangriffspaktes [S. 2, rechts, unten]
zwischen Rumänien und Rußland

Oradea, 17. Oktober (Tel. des „Tag“). Gestern weilte hier der rumänische Gesandte in Warschau, Victor Cadere. Pressevertretern gegenüber äußerte er sich über die Bedeutung des zwischen Rumänien und Rußland abgeschlossenen Nichtangriffspaktes und sagte u. a.:

Vom Standpunkt der internationalen Politik ist das Abkommen mit Rußland von größter Bedeutung. Es handelt sich um die Einleitung einer politischen Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten; der erste Schritt zur Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen wäre getan. Es wurde nicht nur die Definition des Angreifers festgelegt, sondern auch die territoriale Staatsidee begründet, die nicht anders sein kann, als wie sie heute in uns lebt.
Cadere, der zusammen mit Titulescu bei der russischen Botschaft in Warschau die Ratifikationsurkunde hinterlegte, betonte noch die Bedeutung der Verhandlungen des Außenministers, die den Zweck haben, im Osten Europas einen mächtigen und soliden Staatenblock zu begründen, in welchem Rumänien eine bedeutende Rolle spielen wird.

(331019r1)


Seite 3

Theater und Kunst
Bilder aus Dämmerwelten [S. 3, unten, rechts]
Maurice Fischer

Ein Schaufenster der Buchhandlung Bernfeld in der Herrengasse zieht die Vorübergehenden an und zwingt sie zu längerem Verweilen. Ein junger Künstler, Maurice Fischer, dessen Namen man sich wird merken müssen, hat hier eine Reihe von suggestiv wirkenden Bleistiftskizzen und Federzeichnungen ausgestellt, die größte Aufmerksamkeit verdienen.
Eine düstere traumhafte Welt wird in ihnen offenbar. Es müssen nicht gerade phantastische Vorwürfe sein, wie der Mann, der mit schreckverzerrtem Antlitz aus dem nächtlichen Wald flüchtet, während die gespenstischen Arme der Baumäste von allen Seiten nach ihm greifen - auch wenn er Stoffe zeichnet, die dem Alltäglichen entnommen sind: Holzfäller etwa, die mit ihren Aexten in den Stamm eines Baumes einhauen, oder der lange Zug der Waisenmädchen, der sich düster durch eine schmale Gartenallee windet, immer haftet den Zeichnungen dieses jungen Künstlers das Stigma eines zwittrigen Dämmerreiches an.
Man wird unwillkürlich an das seltsame Werk Alfred Kubins gemahnt, mit dem diese Zeichnungen das eine gemein haben, daß das triebmäßig, fast schlafwandlerisch aus dem Quellreich des Unterbewußten sprossende Dämmerdunkel seine Wurzeln in das Leben des Alltags senkt. „Dämmerungswelten“ hat Kubin selbst die Bereiche genannt, aus denen sein finsteres Werk wuchs. „Dämmerungswelten“ sind es, denen auch die Zeichnungen Fischers ihr Entstehen verdanken. Von suggestiver Kraft sind auch seine Bildnisskizzen erfüllt, namentlich die Frauenköpfe, die voll verinnerlichten Lebens sind.
Die Zeichnungen Fischers sind weit von allem Karikativen entfernt; sie wirken etwa wie in halbwachen Augenblicken erspäht oder wie Erinnerungen bedrückender Träume. Der Zecher, der mit vorgerecktem Haupt über sein Glas hinweg in die Ferne stiert, ist hiefür besonders bezeichnend. Es ist noch zu erwähnen, daß Fischer ein Relief des Tenors Joseph Schmidt während dessen Czernowitzer Aufenthalt gemeißelt hat, das im ganzen als gelungen bezeichnet werden muß.
Die ausgestellten Schöpfungen Fischers bedeuten gewiß erst einen verheißungsvollen Anfang, oft wird man einer gewissen Verlegenheit in der Behandlung des Räumlichen, eines Mangels an künstlerischer Bändigung gewahr; aber es ist so viel Eigenes, Ursprüngliches in diesem jungen Künstler, daß ihm bedeutendes künstlerisches Wachstum vorausgesetzt werden kann.
A. K.

(331019c3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 473, Freitag, 20.10.33

Postby Klaus Binder on 19. October 2011, 23:35

Seite 1

Alarm im Fernen Osten [S. 1, oben, rechts]
Man spricht ernstlich von einem neuen russisch-japanischen Krieg

Der Konflikt um die ostchinesische Bahn, der seit vielen Jahren zwischen Rußland und seinen östlichen Nachbarn nicht zum Abschluß kommen will, scheint jetzt in eine neue, und in eine sehr gefährliche Etappe einzutreten. Die Bahn ist einst von der zaristischen Regierung gebaut worden, um die russische Küstenprovinz, vor allem den wichtigsten Hafen im Norden des Stillen Ozeans, Wladiwostok, mit Sibirien zu verbinden. Um einen großen Umweg in diesen weit ausgedehnten und wenig besiedelten Gebieten zu vermeiden, hatte man sich entschlossen, einen Teil der Bahn über chinesisches Territorium zu führen. Vor einigen Jahren hatten schon die chinesisch-mandschurischen Machthaber die Rechte der russischen Verwaltung beengt und gegen die russischen Beamten Gewalt angewendet. Sowjetrußland hat damals gegen die angrenzenden chinesischen Provinzen in aller Form einen drei Monate dauernden Krieg geführt, der mit einer vollen Genugtuung für Sowjetrußland endete. Inzwischen ist das chinesische Gebiet, über das die russische Bahn läuft, zum „unabhängigen“ Staate Mandschukuo geworden. Seit dieser Zeit mehren sich die Konflikte von Tag zu Tag. Sie haben in der vergangenen Woche einen kritischen Punkt erreicht, als die Regierung von Mandschukuo einen Teil der russischen Beamten verhaftete, oder in anderer Weise an der Ausübung ihrer Funktion verhinderte. Sowjetrußland hat diesen Schritt mit scharfen Noten beantwortet, in denen die sofortige Einstellung der Maßnahmen gegen die russischen Direktionsmitglieder gefordert wurde und der russische Leiter der Bahn hat alle Anordnungen der von der mandschurischen Regierung eingesetzten Funktionäre für ungültig erklärt. Dadurch ist nicht nur im Betrieb der Bahn ein wüstes Durcheinander entstanden, sondern auch eine sehr gefährliche politische Situation. Zum ersten Male nach einem Jahr äußerster Zurückhaltung ist Sowjetrußland den japanischen Provokationen mit der entsprechenden Schärfe entgegengetreten. Es hat sich nicht an die Regierung des Mandschukuo gewandt, die es, wie die meisten Staaten des Westens, nicht anerkennt, sondern an Japan als die verantwortliche Macht. Zugleich hat die Sowjetpresse Dokumente veröffentlicht, aus denen hervorgehen soll, daß Japan sich mit Gewalt in den Besitz der Ostchinesischen Bahn setzen will. Die japanische Regierung hat auf diese Veröffentlichung die Forderung folgen lassen, daß der Inhalt der angeblichen Geheimdokumente von der russischen Regierung als Fälschung erklärt werden soll, und verlangt weiter von Rußland eine formelle Entschuldigung. Die Antwort Moskaus steht noch aus, aber schon heute melden sich Stimmen, die einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Tokio und Moskau als unvermeidlich bezeichnen. Aus anderen Quellen wird berichtet, daß die japanischen Militärbehörden bereits eine Teilmobilisierung veranlaßt hätten, während nach einer Information des „Daily Telegraph“ eine offene Uebernahme der Regierungsgewalt in Tokio durch Admiralität und Armee bevorsteht, was unmittelbar den Krieg mit Rußland bedeuten würde. Es ist nicht zu verkennen, daß die Lage heute gespannter ist als je. Hinge der Ausbruch offener Feindseligkeiten von Rußland allein ab, so hätte man keinen Anlaß, die schlimmsten Erwartungen zu hegen, denn Rußland verbietet es sowohl die wirtschaftliche Lage im Innern des Landes, wie die strategische an der mandschurischen Grenze, zu Gewaltlösungen zu greifen. Dagegen haben die letzten zwei Jahre japanischer Politik zur Genüge bewiesen, daß es in Tokio an politischen und moralischen Hemmungen gegen militärische Abenteuer fehlt. Glücklicherweise stehen wir vor Beginn des Winters, und Winter ist in der Mandschurei das letzte und wirksamste Hindernis gegen Krieg.

(331020w1)


Seite 2

Bewegte Gemeinderatssitzung [S. 2, oben, links]
Annahme des neuen Steuerprojektes

Die Gemeinderatssitzung von gestern, die unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Saveanu stattfand, und an der Administrativinspektor Crudu und Präfekt Jacoban teilnahmen, wurde mit der Verlesung der von der Budget- und Finanzkommission gemachten Abänderungsvorschläge für das Steuerreglement durch den Vorsitzenden der Budgetkommission GR. Dr. Grünberg eröffnet.
Stadtrat Dr. Oberländer stellte den Antrag, daß die vorgeschlagenen Steuertaxen im Laufe des Budgetjahres Abänderungen nach Maßgabe der Verhältnisse erfahren sollen. Nach einer lebhaften Debatte, an der sich GR. Dr. Krämer, der den Antrag stellte, die Forderung Dr. Oberländers erst nach der Verlesung des Reglements zur Abstimmung zu bringen, GR. Wiznitzer, der sich gegen den Antrag Dr. Oberländers aussprach, GR. Dan und GR. König beteiligten, gelangte schließlich der Antrag Dr. Oberländers zur Annahme.
Es wurde dann zur Verlesung des Reglements durch Direktor Iliut geschritten, worauf die einzelnen Punkte zur Abstimmung gebracht wurden.
Vizebürgermeister Gaidosch stellte den Antrag, die von der Kommission beantragte Steuertaxe in der Höhe von 20 Prozent für Kabaretts und Tanzbars aufrecht zu erhalten. Gegen diesen Antrag wendet sich GR. Dr. Krämer, der darauf hinweist, daß durch eine Erhöhung der Steuer für diese Unterhaltungsstätten nicht nur das Publikum, sondern auch der ganze Angestelltenstab, die Künstler, Kellner usw., leiden müßten. Aus diesem Grunde müsse er gegen den Antrag des Vizebürgermeisters Gaidosch opponieren.
Vizebürgermeister Gaidosch bezeichnet die Unternehmer und die Angestellten der Kabaretts und Tanzbars als Nutznießer des Elends und als Zutreiber der Bummler und hält seinen Antrag aufrecht. Der Antrag Vizebürgermeisters Gaidosch auf eine Steuertaxe für diese Unternehmungen von 20 Prozent wird gegen die Stimmen der meisten Mitglieder des jüdischen Gemeinderatsklubs angenommen.
Als es zur Besprechung des Punktes: Steuertaxen für möblierte Zimmer kommt, macht GR. Dr. Grünberg aufmerksam, daß es sich hier in den meisten Fällen um die mittellose Bevölkerungsschichte handle, die ihr Los durch das Vermieten von Zimmern besser zu gestalten bemühe. Vizebürgermeister Gaidosch stellt diese Behauptung Dr. Grünbergs dahin richtig, daß es sich nur um berufsmäßige Zimmervermietungsunternehmungen, wie Hotels und Pensionen handle. Auf Antrag des GR. Dr. Krämer wird die Streichung der Bezeichnung „möblierte Zimmer“ aus dem Reglement vorgenommen.
Referent Dr. Grünberg verliest sodann die Steuerbemessung für Kaffeehäuser, Bars und Gartenrestaurants, die mit 5 Prozent, Bierhallen, Schenken und Zuckerbäckereien, die mit eineinhalb Prozent, Spielklubs, die mit 10 Prozent und Milchhallen, die mit eineinhalb Prozent bemessen wurden. Auf Antrag des GR. Ruptasch wird die Steuerbemessung für Spielklubs auf 20 Prozent erhöht. GR. Dan stellte den Antrag, die Steuern für Milchhallen, da es sich um die primitivsten Gaststätten handle, von eineinhalb auf 1 Prozent herabzusetzen. Der Antrag Dans gelangt zur Annahme.
Von der Finanz- und Budgetkommission wurden Hotels mit 5 Prozent, Banken, Wechselstuben und Versicherungsgesellschaften mit 10 Prozent, Automobilhandlungen, Champagner- und Spiritusfabriken, Bonbon- und Schokoladefabriken und -Handlungen, größere Warenlager, Trikotagefabriken ec. mit 3 Prozent, alle übrigen, kleineren Handels- und Industrieunternehmungen mit eineinhalb Prozent bemessen. GR. Ruptasch stellt den Antrag, daß Kleinhandlungen und Ateliers kleiner Gewerbetreibenden und Handwerker, wie Raseure, Schneider ec. mit nur 1 Prozent bemessen werden. Als das Auditorium diesen Antrag GR. Ruptasch mit großem Beifall und Händeklatschen aufnimmt, muß es der Bürgermeister zur Ruhe gemahnen.
Ein Antrag des GR. Dan, daß statt dessen Bankhäuser und größere Unternehmungen auf 4 Prozent erhöht werden, gelangt gleichfalls zur Annahme.
Als die Frage der Steuern für die Leichenbestattung zur Sprache gelangt und es sich erweist, daß zwischen der Bemessung christlicher und jüdischer Leichenbestattungen Unterschiede bestehen, kommt es zu einem heftigen Wortwechsel zwischen GR. Dr. Krämer und GR. Spataru, welcher die Bemerkung fallen läßt, daß die Juden sich von der Bezahlung der Steuern für Leichenbestattungen zu entziehen pflegen. Als daraufhin Dr. Krämer diese Anwürfe als nicht den Tatsachen entsprechend zurückzuweisen sucht, ruft ihm GR. Spataru: „Halten Sie das Maul!“ zu:

Wieder ein Sprachenkonflikt
Schließlich wurde über Vorschlag des Vizebürgermeisters Baranai beschlossen, für die ärmere Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens die Leichenbestattung taxenfrei zu gestatten.
Es wurde hernach das Kapitel Schildersteuer erörtert und die Taxen von 50 bis 200 Lei pro Firma, unabhängig davon wieviel Schilder sie hat, entsprechend dem gezahlten Mietzins festgesetzt.
Referent Dr. Grünberg verliest hernach den Bericht über den Beschluß der Kommission, die Taxen für Knechte und Mägde festzusetzen. Aus diesem Bericht geht hervor, daß die Taxen für Dienstpersonen, wenn es sich um eine Dienstperson handelt, mit 50 Lei festzusetzen ist, für jeden weiteren Dienstboten 100 Lei. Diese Taxen sind von den Dienstgebern zu zahlen. Bei diesem Kapitel entwickelte sich eine lebhafte Debatte, an der sich Präfekt Jacoban, Vizebürgermeister Kaczmarowski-Weiser, Stadtrat Dr. Oberländer, Stadtrat Treß und GR. Ruptasch beteiligen. Als Stadtrat Treß in deutscher Sprache zu diesem Punkt referiert, wird er vom Bürgermeister aufmerksam gemacht, daß er rumänisch sprechen müsse, damit seine Ausführungen auch protokolliert werden können. Darauf Stadt Treß: Ich erinnere mich, Herr Bürgermeister, daß sie in Wahlversammlungen deutsch gesprochen haben, vielleicht stehen wir bald wieder vor Wahlen. Der Bürgermeister: Dann werden wir wieder deutsch sprechen. Schließlich gelangen die Taxen für Dienstboten zur Annahme, ebenso die Taxen für Fuhrwerke, wobei Landwirte mit einem Ackerboden bis zu 10 Hektar von dieser Taxe befreit werden, wenn sie ihre Pferde ausschließlich für die Landwirtschaft verwenden.

Heute ad valorem Steuer
Die Sitzung wurde hernach geschlossen. Heute wird sich der Gemeinderat mit der ad valorem-Taxe befassen.


(331020c2)


Seite 3

Fanny Fleischer gestorben [S. 3, Mitte, rechts]
Aus Wien erhalten wir die betrübende Nachricht, daß dort Frau Fanny Fleischer am 15. Oktober nach einem langen und qualvollen Leiden verschieden ist. Die Verstorbene gehörte früher zu den Zierden des gesellschaftlichen Lebens von Czernowitz, sie war eine der ersten Frauen dieser Stadt, welche die Konvention mit dem Kodex der bis dahin konservativ gebliebenen Gesellschaft brach und sich künstlerisch betätigte. Sie ließ es jedoch nicht beim Dilettantismus bewenden, sondern widmete sich, mit großen musikalischen Qualitäten begabt, in Wien ausgedehnten Studien dieses Faches, sie eignete sich eine umfassende künstlerische Bildung an, ihr Sopran war von faszinierendem Klang, und sie wirkte auch vielfach in Opern- und Operettenaufführungen mit, aber, wie gesagt, nicht in der Form der Dilettantin, denn sie hätte es mit jeder Sängerin von Beruf leicht aufnehmen können. Fanny Fleischer war übrigens eine feinkultivierte Dame und genoß deshalb hier und in Wien den Rang einer Frau von Format. Sie betätigte sich in den letzten Jahren mit Erfolg als Gesangslehrerin. Sie war die Gattin des ihr in den Tod vorangegangenen Advokaten Dr. Jakob Fleischer. Wie wir der uns zugegangenen Parte entnehmen, wurde die Leiche über ihren Wunsch im Krematorium der Stadt Wien eingeäschert.

(331020t3)


Seite 4

Das Resultat der Baccalaureatsprüfungen [S. 4, Mitte, oben, rechts]
Bukarest, 18. Oktober (Tel. des „Tag“). Das Unterrichtsministerium gibt das Gesamtresultat der Baccalaureatsprüfungen des ganzen Landes in der Herbstsession bekannt. Nach diesem haben von den 4519 angemeldeten Kandidaten 2817, somit über 60 Prozent, die Prüfung bestanden.

(331020r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 474, Samstag, 21.10.33

Postby Klaus Binder on 20. October 2011, 23:28

Seite 2

Genf und Palästina [S. 2, Mitte]
Die Beziehungen zwischen Arabern und Juden

Das Mitglied der zionistischen Weltexekutive, Abgeordneter Itzchak Grünbaum ist gestern in Czernowitz eingetroffen und empfing nachmittags die Vertreter der Presse, denen gegenüber er sich über verschiedene aktuelle Fragen äußerte.
Ausgehend von den Forderungen, die die jüdischen Vertreter in Genf aufgestellt haben, betonte Dr. Grünbaum, daß es sich um die Frage der Juden im allgemeinen und im besonderen um die rechtliche Lage der deutschen Juden handelte. Damit im Zusammenhang wurde die Einstellung der Mächte zu Palästina erörtert.
Angesichts des Berichtes der Mandatkommission über die Entwicklung Palästinas und die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten konnte man tiefen Eindruck, Sympathie und Interesse bei allen Staaten für das palästinensische Aufbauwerk feststellen. Wir haben 25.000 Einreise-Zertifikate für das nächste Jahr gefordert und diese Forderung damit begründet, daß das Land die Einwanderung benötigt, umsomehr, als neue Wasserquellen entdeckt wurden und Orte, in welchen bis jetzt Wassermangel herrschte, die Aufnahmsfähigkeit gesteigert haben. Sehr interessant entwickelt Dr. Grünbaum die Entdeckung einer Wasserader, die nach eingeleiteten Forschungen von einem unterirdischen Fluß herrührt. In Palästina hat sich in der letzten Zeit die Kleinindustrie stark entwickelt, es ist sogar ein Export nach Syrien und Mesopotamien möglich. Dadurch ist der Bedarf an Produkten der Kleinindustrie gestiegen, und die nächste Zukunft bietet kleinindustriellen Ansiedlungen günstige Perspektiven. Die Aufnahmefähigkeit Palästinas wächst somit von Jahr zu Jahr.
Bezüglich der Schaffung des Völkerbundkommissariats für Flüchtlinge verwies der Delegierte Hollands darauf, daß diese Institution jetzt mehr denn je notwendig erscheint. In Frankreich befinden sich heute als Folge der Verhältnisse in Deutschland 25.000 deutsche Juden, Belgien und Holland sind von deutschen Flüchtlingen überfüllt, die Staaten haben also eingesehen, daß hier etwas geschehen müsse. Ein Ausweg kann nur gefunden werden, wenn die rechtliche Einwanderung nach Palästina vergrößert wird. Man einigte sich daher auf einen Kompromißvorschlag zur Berufung eines Völkerbundkommissars, also eine inoffizielle Institution des Völkerbundes.
Ueber die Pläne der Exekutive erklärte Dr. Grünbaum, daß das Hauptziel die Vergrößerung der Einwanderung nach Palästina sei. In dieser Richtung werden gegenwärtig Verhandlungen geführt. In den letzten Tagen wurden 3000 Zertifikate, darunter 350 für Rumänien, als Vorschuß für die künftige Einwanderungsquote der Weltjudenheit zugeteilt.
Zum Schluß ist Dr. Grünbaum der Ansicht, daß die Beziehungen zwischen Arabern und Juden sich nicht tragisch gestalten. Die Demonstrationen gegen die jüdische Einwanderung haben keinen bedeutenden Charakter, denn schließlich ziehen die Araber aus der Vermehrung der jüdischen Einwanderung Nutzen. Ein Beweis hiefür ist, daß eine Abordnung von Transjordanien bei den Juden vorstellig geworden ist, sich in Transjordanien anzusiedeln.
Auf eine Frage erklärte Dr. Grünbaum, daß die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen eine überaus ungünstige ist und daß die Emigrationsbestrebungen sich immer mehr bemerkbar machen. Wenn ein Auswanderungszug von Warschau nach Palästina abgeht, so sieht man erst, mit welchem Enthusiasmus das jüdische Volk in das Heilige Land fährt.

*
Vor dem Presseempfang hatte Dr. Grünbaum eine Besprechung mit einer Abordnung der Handwerker unter Führung des Präsidenten Freiberg, wobei die Frage der Gründung einer Bukowinaer Handwerkerkolonie in Palästina erörtert wurde.

(331021w2)


Theater und Kunst
Der Arbeitsplan für die kommende Saison des Nationaltheaters [S. 2, rechts, Mitte]
Eröffnung am 31. Oktober

Bei einer Dienstag abends in der Direktion des Nationaltheaters stattgefundenen Zusammenkunft der Pressevertreter machte der Direktor des Nationaltheaters, Universitätsprofessor Badarau, Mitteilung über das Arbeitsprogramm des Theaters in der kommenden Saison.
Die Saison wird am 31. Oktober mit der Aufführung der Oper „Crai Nou“ von Ciprian Porumbescu (Text von Vasile Alexandri) eröffnet werden. Für die ganze Saison sind 22 Premieren vorgesehen; bis zu den Weihnachtsferien gelangen folgende Stücke zur Aufführung: die Lustspiele „Die Doktorin“ von Fodor Laszlo, „Die Bujurestier“ von Caton Teodorianu, „Der Herr von Pourceaugneac“ von Moliere, sowie die Schauspiele „Die Tragödie von Mayerling“ von Sidney Garrick, „Grand Hotel“ von Vicky Baum, „Peripherie“ von Frantisek Langer und „Die Quadratur des Kreises“ von Katajew. Außer den 22 Premieren werden 8 bis 9 Klassikeraufführungen, die für die Schuljugend gedacht sind, vorbereitet.
Direktor Badarau hat den ehemaligen Leiter des Czernowitzer Nationaltheaters, Herrn Victor Ion Popa, für die Inszenierung von sechs Premieren engagiert. Anläßlich des Eröffnungsabends wird Herr Popa einen Vortrag über das Theater der Bukowina halten. Aus Anlaß des fünften Todestages des einstigen Direktors Berariu und des 70-jährigen Bestandes des rumänischen Theaters in der Bukowina sind zwei Festabende vorgesehen. Als Gäste wurden die Herren Florescu, Cretzoiu, Gheorghe Chirileanu und Frl. Corfescu gewonnen.
Um der eventuellen Gefahr einer Auflösung des Theaters entgegenzutreten, ergeht an das Czernowitzer Publikum der Appell, durch materielle und moralische Unterstützung das Theater zu unterstützen. Die Eintrittspreise, besonders die Abonnements, sind derart niedrig gehalten, daß der Theaterbesuch jedem möglich ist.

(331021c2)


Seite 4

Sibiu [S. 4, unten, rechts]
(Aus dem deutschen Lager)
Um einen Einblick in die politischen Verhältnisse der Deutschen Siebenbürgens zu gewinnen, sei eine Erklärung des Abg. Brandsch reproduziert, die lautet: „In der Nummer vom 15. Oktober veröffentlicht der „Ostdeutsche Beobachter“ eine Erklärung, die von verschiedenen „Landes- und Gauführern“ der NSDR unterschrieben ist und sich mit mir befaßt. Es fällt mir natürlich nicht ein, mit Herren, die so wirklichkeitsfremd sind, daß sie den abgelaufenen Sachsentag für einen „überwältigenden Sieg“ ihrer volksverderblichen und den Nationalsozialismus kompromittierenden Tätigkeit halten, ernstlich zu polemisieren. Da sie jedoch immer wieder die Unwahrheit verbreiten, daß ich es abgelehnt hätte, die gegen mich gerichteten Verleumdungen vor einem völkischen Schiedsgericht verhandeln und aburteilen zu lassen, erkläre ich zum letztenmal: 1. daß ich mich mit jedem, von wem immer eingesetzten Schiedsgericht einverstanden erkläre; 2. daß dieses Schiedsgericht meine ganze politische und persönliche Tätigkeit, soweit sie mit der politischen zusammenhängt, verhandeln kann, daß ich aber 3. weder auf die gerichtliche Bestrafung meiner Verleumder, noch darauf verzichten werde, daß alle Volksgenossen mit demselben Maß gemessen werden, wie ich. Nebenbei bemerke ich, daß meines Wissens der Antrag über das Schiedsgericht vom Sachsentag einstimmig angenommen worden ist, doch wie sollten das die „Führer“ wissen, deren Aufmerksamkeit ja auch noch viel wichtigere Dinge auf dieser Welt entgehen.“ Wen Brandsch unter „wirklichkeitsfremden Herren“ meint, ist ein offenes Geheimnis - den Dr. Hans Otto Roth und Fabrizius.

(331021r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 475, Sonntag, 22.10.33

Postby Klaus Binder on 22. October 2011, 00:32

Seite 1

Eine Lektion der Extremisten [S. 1, Mitte]
Akademie für Landwirtschaft geschlossen

Bukarest, 20. Oktober (Tel. des „Tag“). Der Professorenrat der landwirtschaftlichen Akademie trat heute zusammen, um die Maßnahmen zu besprechen, die als Folge der letzten Ereignisse an dieser Akademie zu ergreifen sind. Bekanntlich sind die Studenten der Akademie in den Streik getreten. Sie erschienen nicht zu den Prüfungen und stellten eine Reihe von Forderungen, unter diesen auch mehrere antisemitischer Natur.
In der Beratung, die über drei Stunden dauerte, wurde festgestellt, daß alle Forderungen der Studenten ungerechtfertigt sind, und daß die Akademie es nicht weiter dulden werde, daß anarchische Strömungen in dieser Kulturkörperschaft einreißen. Es wurde daher der Beschluß gefaßt, die Akademie auf unbestimmte Zeit zu sperren und die Studenten, die sich gegen das Reglement vergingen, zur Verantwortung zu ziehen. Diejenigen Studenten, die sich zu den Prüfungen nicht stellen, verlieren das Studienjahr. In diesem Sinne verlautbarte die Akademie ein amtliches Kommunique.

(331022r1)


Warum hat Lubbe gelacht? [S. 1, oben, rechts]
Spannender Verhandlungstag

Berlin, 20. Oktober (Tel. des „Tag“). Die Blätter kündigten schon gestern den heutigen Verhandlungstag, an welchem die Polizeipräsidenten Heines (Breslau) und von Helldorf (Potsdam) als Zeugen erscheinen sollten, als Großkampftag im Brandprozeß an. Zur Verhandlung sind 22 Zeugen geladen. Der Vorsitzende hält an sie eine auffallend lange Ansprache über die Bedeutung des Eides. Heines ist zur Verhandlung nicht erschienen, weil er sich auf einer Propagandafahrt befindet und sich entschuldigte. Zunächst werden der Hotelier, der Portier und der Zimmerkellner des Hotels von Gleiwitz einvernommen, in welchem Heines in der Zeit vom 25. - 27. Februar gewohnt hat. Die Zeugen sagen aus, daß Heines am 27. abends, also zur Zeit des Reichstagsbrandes, eine Wählerversammlung abhielt.
Dann wird von Helldorf aufgerufen. Er erzählt, daß er am 27. Februar 7 Uhr abends an einer Sitzung der Gruppenführer teilgenommen hat, um halb 8 Uhr ging er ins Restaurant, dort hörte er, daß der Reichstag brenne, er fuhr zum Reichstag, nachdem er gesehen, daß seine Anwesenheit dort nicht vonnöten ist, fuhr er um 11 Uhr in die Wiedemannstraße, wo das Parteilokal ist, und von dort aus traf er gewisse Maßnahmen, die mit dem Brande in Zusammenhang standen.
Vors.: Ich muß Sie fragen, sind Sie an dem Brande beteiligt?
Zeuge: Alles aus der Luft gegriffen!
Der Verteidiger Lubbes: Sind Sie am 26. mit Lubbe durch den unterirdischen Gang gegangen?
Zeuge: Nein.
Vors.: Kennen Sie Lubbe?
Zeuge: Nein.
Vert.: Was taten Sie in der Wiedemannstraße?
Zeuge: Ich habe die Verhaftung von Kommunisten und Sozialdemokraten angeordnet. Ich habe das aus eigener Veranlassung unternommen. Hiezu fühlte ich mich berechtigt, weil der Staat in Gefahr war.
Dimitroff: Was für Unterlagen hatte der Zeuge, anzunehmen, daß das Feuer von Kommunisten oder Sozialdemokraten gelegt wurde?
Der Vorsitzende nickt dem Zeugen zu, daß er hierauf Antwort geben muß.
Zeuge: Der Brand ist von verbrecherischen Elementen gelegt worden, verbrecherische Elemente sind nach unserer Auffassung die Marxisten, infolgedessen mußten wir nur gegen die Marxisten eingreifen.
Dimitroff: Was für Verdacht hatten Sie, daß ein Aufstand geplant war, weil Sie so erregt Verhaftungen vornehmen ließen? Worin bestand der Verdacht?
Zeuge: Der Brand sollte der Auftakt für die Revolution sein. Wir mußten die Führer festnehmen, das ist geschehen.
Dimitroff: Wer waren die maßgebenden Führer?
Der Präsident versucht, Dimitroff die Frage abzuschneiden.
Dimitroff: Sie sagen, Sie haben nichts gesehen, nichts gemerkt, sondern Sie haben angenommen …
Der Präsident unterbricht Dimitroff: Der Zeuge ist lediglich dazu da, in der Brandsache einvernommen zu werden.
Dimitroff: Ich möchte beantragen, daß der Zeuge noch hier bleibt.
Vorsitzender unterbricht …
Dimitroff: Ich will an den Zeugen noch wichtige Fragen stellen.
Es kommt zu einem scharfen Zwischenfall. Dimitroff läßt sich nicht unterbrechen. Der Präsident schreit Dimitroff an: Ruhe, ich verwarne Sie, schweigen Sie, wenn ich Ihnen das Wort entziehe.
Graf Helldorf will sich auf die Zeugenbank setzen. In diesem Momente lacht Lubbe laut auf. (Heiterkeit auf den Bänken der Presse.)
Vors. (sehr erregt). Sie, Lubbe, warum haben Sie gelacht, was kommt Ihnen hier lächerlich vor? Der Graf Helldorf kommt zur Präsidententribüne zurück.
Präs.: Herr Zeuge, Lubbe hat gelacht. Dimitroff verlangt die Gegenüberstellung zwischen Helldorf und Lubbe.
Der Vorsitzende redet minutenlang auf Lubbe ein, er soll den Kopf hochheben und den Zeugen ansehen. Der Verteidiger nähert sich Lubbe, auch der Generalreichsanwalt. Der Dolmetscher interveniert. Diese Szene zieht sich fünf Minuten hin, während der Vorsitzende unausgesetzt auf Lubbe einwirkt, er soll den Zeugen ansehen. Vors. (zu Lubbe): Na, los, los, Kopf hoch! Kennen Sie diesen Mann?
Lubbe lacht etwas vor sich hin, der Dolmetscher erklärt, er sage nein. Schließlich wird die Gerichtsszene zum Theater, der Vorsitzende bemerkt verärgert: Diese Komödie mit dem Kopfherunterhängen spielt er uns doch nur vor.
Dann wird die Verhandlung abgebrochen.

(331022w1)



Seite 6

Eindrücke vom Leipziger Prozeß [S. 6, oben, Mitte]
(Von unserem Spezialkorrespondenten)
K. L. Berlin, 14. Oktober


Drei Wochen dauert nun schon der große Prozeß, in dem wir umfangreiche Vernehmungen und zahlreiche Zeugenaussagen gehört haben, ohne daß man in wesentlichen Punkten dem eigentlichen Prozeßziel schon näher gekommen wäre. Denn immer noch erscheinen jene beiden Hauptfragen ungeklärt:

Ob und wen der Hauptangeklagte van der Lubbe zum Helfershelfer gehabt hat, und ob überhaupt zwischen ihm und seinen vier Mitangeklagten gemeinsame Beziehungen zu dem Verbrechen der Reichstagsbrandstiftung bestehen.

Jedenfalls erscheint in dieser Beziehung die prozessuale Ausbeutung auch der abgelaufenen Verhandlungswoche als nur gering. Allerdings kann man vermuten, daß der Prozeßverlauf der nächsten Woche einiges mehr bringen wird, wenn die Reihe jener Zeugen aufmarschieren wird, die einiges über die Beziehungen zwischen dem Hauptangeklagten und seinen Mitangeklagten auszusagen haben. Doch das bisherige Ergebnis könnte auf verschiedenen Seiten einige Enttäuschungen ausgelöst haben, denn entscheidende Ergebnisse liegen noch nicht vor und große Sensationen sind ausgeblieben.
Man neigt nach dem Eindruck vom Prozeßverlauf dieser Woche allmählich überhaupt der Ansicht zu, daß sich das allgemeine Prozeßbild in seinen Grundzügen vielleicht überhaupt nicht ändern wird und daß große Sensationen auch in Zukunft ausbleiben werden. Natürlich ist das letzte Wort in diesem Prozeß längst noch nicht gesprochen und kein Mensch kann mit absoluter Sicherheit voraussagen, was gerade in diesem einzigartigen Prozeß noch herauskommen wird. Denn wenn z. B. van der Lubbe wirklich noch zu entscheidenden Aussagen den Mund öffnen würde, dann wären sicherlich schon alle Prophezeiungen über den weiteren Verlauf dieses Prozesses völlig über den Haufen geworfen. Doch wir glauben kaum, daß van der Lubbe seiner Mitwelt noch ein solches Wunder bereiten wird. Wir möchten allen Ernstes die Frage erheben, wie lange wird der Hauptangeklagte physisch überhaupt noch am Prozeß teilnehmen können? Offensichtlich ist sein allgemeiner Zustand noch kläglicher geworden, als er es schon vorher war. Van der Lubbe sitzt nun schließlich gänzlich in sich zusammengesunken da und hat, wie es der Bericht des amtlichen Wolff-Telegraphenbureaus bemerkt, seinen Kopf schon buchstäblich auf den Knien liegen. Man muß meinen, daß er jeden Augenblick völlig auf den Boden schlagen müsse. Auch der kühnste Optimist wird nicht glauben können, daß der Hauptangeklagte überhaupt noch irgendwelchen Anteil an den Prozeßverhandlungen nimmt.
Mit lebhaftestem Interesse und geistiger Wachsamkeit verfolgen dagegen die Mitangeklagten van der Lubbes die Verhandlungen und insbesondere die Aussagen der Zeugen. Ihre Aktivität steht in einem bemerkenswerten Kontrast zur Passivität des Hauptangeklagten. Die Aktivität des Bulgaren Dimitroff hat sich auch in der abgelaufenen Woche zu neuen Explosionen gesteigert. Dimitroff wird für kleinere Sensationen sorgen können. An solchen fehlte es bisher nicht, und sie werden auch im weiteren Verlaufe des Prozesses sicherlich in Erscheinung treten.
Obwohl mit aller Gründlichkeit und selbst noch mit Hilfe eines Lokaltermins zur nächsten Stunde die tragischen Ereignisse des Brandtages vor dem Gericht rekonstruiert wurden, die zahlreichen Zeugen in der genauesten Weise schilderten, welche Beobachtungen sie damals machten und man sich schließlich danach ein genaues Bild machen konnte, so blieb dennoch manch ein Fragezeichen stehen. Mehrere Sachverständige und Zeugen: Feuerwehrmänner und Reichstagsbeamte, bekundeten, daß nach ihrer Meinung unmöglich der Hauptangeklagte in dem kurzen Zeitraum, der ihm für die Brandstiftung als zur Verhaftung zur Verfügung stand, das Verbrechen allein ausgeführt haben konnte. Es ist fernerhin zeugenmäßig bestätigt, daß van der Lubbe nur mit äußerst primitivem Feueranzündungsmaterial ausgerüstet gewesen ist. Nur von dem schwachen Schein einer Brandfackel begleitet, muß er in dem Labyrinth des Reichstagsgebäudes geradezu wie ein Wahnsinniger hindurchgerast sein. Nach den ersten Aussagen eines Zeugen, dem allerdings sämtliche anderen Tatzeugen widersprechen, sollte er einen Begleiter gehabt haben. Doch nach dem Ergebnis des Lokaltermins scheint es festzustehen, daß sich dieser Zeuge geirrt haben muß. Sollte er den Teufel allein zum Bundesgenossen gehabt haben?
Schweißtriefend und halb entkleidet, mit dem Antlitz eines Wahnsinnigen wurde der Hauptangeklagte unmittelbar an der Brandstätte verhaftet. Den Polizeibeamten erklärte er auf deren Frage nach den Motiven lediglich: „Protest - Protest!“ Protest gegen sich selbst - Protest gegen menschliche Vernunft, gegen den menschlichen Geist und gegen sein eigenes Dasein?

(331022w6)


Seite 7

Mißbrauch der Idee [S. 7, Mitte]
Eine Klarstellung zur Aufforderung zum Boykott des Jan-Kiepura-Films

Es soll hier gleich vorweggenommen werden: Jede Idee hat ihre Kampfmittel, sich durchzusetzen, und es gibt wieder Kampfmittel gegen diese Idee, deren Wahl vorzuschreiben nicht hier der Platz ist.
Aber diese Mittel für Mißbraucher zum materiellen Schaden des einen oder zum Nutzen des anderen, das kann von unabsehbarem Schaden werden.
Ein drastisches Beispiel: Ein hiesiges Tonfilmtheater hat unter großen materiellen Opfern den Jan-Kiepura-Film „Ein Lied für Dich“ erworben. Ein Film von Weltmarke, der von Erfolg begleitet war.
Kaum rollte dieser Film, als in der Stadt Flugzettel zu kursieren begannen, die ihn als eine Produktion der „Ufa“, also eines gleichgeschalteten Naziunternehmens bezeichneten und zu seinem Boykott aufforderten.
Solche Propaganda kann natürlich bei einem Teil des jüdischen und auch nichtjüdischen Publikums, das gegen die brutale Politik der Nazis ist, nicht ohne Wirkung bleiben, und ein Unternehmen, das sich müht, trotz gewaltigen Risikos Erstklassiges zu bieten, steht vor Verlusten, die heutzutage schwer zu tragen sind.
Ganz ohne Berechtigung und Ursache. Denn der Kiepura-Film ist kein Nazifilm. Er ist ein Produkt des „Cine-Allianz-Films“, deren drei Besitzer - es klingt wie Ironie auf die im Flugzettel enthaltene Aufforderung - Rabbinowitsch, Preßburger und Bloch heißen. Sind das vielleicht Nazis?

Das Libretto des Films stammt von Fritz Rotter, die Musik von Jurmann, für die Regie zeichnet Joe May. Wo ist da auch nur ein Nazi?
Kiepura selbst ist aus Preußen ausgewiesen, seine Konzerte in Sachsen sind verboten worden, weil er ein Gegner der Nazis ist.
Der Film ist im April 1933 in Rumänien im Bukarester Ton-Filmtheater „Trianon“ erstaufgeführt worden. Die Zensurkarte, als Dokument vielleicht das stichhältigste, bezeichnet den Film als Produkt des „Cine-Allianz-Films“.
Das Material, welches das eben Vorgebrachte klar beweist, steht jedermann zur Einsicht frei.

(331022c7)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 476, Dienstag, 24.10.33

Postby Klaus Binder on 23. October 2011, 19:12

Seite 1

Roosevelt anerkennt Sowjetrußland [S. 1, oben, links]
Das größte Ereignis des Tages ist die Aufnahme der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Sowjetrußland. Das Ereignis ist desto bemerkenswerter, als die Initiative von Washington ausging. Roosevelt richtete ein Schreiben an Kalinin und dieser beantwortete es sogleich, Litwinow reist schon in den nächsten Tagen nach Washington, um die Verhandlungen für Moskau zu führen. Es gehört nicht besonders großer Scharfsinn, den Beschluß Roosevelts politisch zu deuten. Der Imperialismus Japans trifft ebenso die amerikanischen wie die russischen Interessen; deshalb das rasche Zugreifen der Amerikaner und Russen zur Abwehr gegen den gemeinsamen Gegner.
Nachstehend die eingetroffenen Meldungen:

Die Einladung Roosevelts
Die Antwort Kalinins

New York, 21. Oktober (Tel. des „Tag“). Präsident Roosevelt hat dem Vorsitzenden des Zentralexekutivkomitees der Sowjetregierung Kalinin Vorschläge bezüglich der Anerkennung Sowjetrußlands durch die Vereinigten Staaten gemacht.
Weiters wird offiziell mitgeteilt: Heute abends wurde ein Schriftwechsel zwischen Roosevelt und Kalinin veröffentlicht. In einer Botschaft vom 10. Oktober Roosevelts an Kalinin führt der Präsident der Vereinigten Staaten u. a. aus:
Es sei bedauerlich, daß die beiden großen Nationen, die länger als ein Jahrhundert durch eine überlieferte Freundschaft miteinander verbunden waren, gegenwärtig keine Möglichkeit hätten, unmittelbare Beziehungen zu unterhalten.
Kalinin antwortete, der abnormale Zustand, den Roosevelt mit Recht hervorhebe, habe einen ungünstigen Einfluß nicht nur auf die Interessen der beiden Länder, sondern auf die allgemeine internationale Lage, indem sie das Werk der Konsolidierung des allgemeinen Friedens erschwere und die Strömungen ermutige, die die Störung des Friedens anstreben. Ich nehme gerne, erklärt Kalinin, Ihr Angebot an, einen Vertreter der sowjetrussischen Regierung in die Vereinigten Staaten zu entsenden, um die Fragen zu verhandeln, die unsere beiden Länder interessieren. Litwinow wird sich zu einem später festzulegenden Datum als Vertreter Sowjetrußlands nach Washington begeben.

Borah wird amerikanischer Botschafter in Moskau
Paris, 21. Oktober. Es wird gemeldet, daß unverzüglich nach der Anerkennung Sowjetrußlands durch die Vereinigten Staaten, Senator Borah zum amerikanischen Botschafter in Moskau ernannt werden wird.

Das Verhandlungsprogramm
Washington, 22. Oktober (Tel. des „Tag“). Aus gut informierten Quellen verlautet, daß Litwinow in zwei Wochen nach Washington reist. Ueber die Fragen, die zur Diskussion gelangen, heißt es, soll vor allem die amerikanischen Ansprüche auf die von Rußland früher aufgenommenen Anleihen und schließlich über die Aufnahme der Handelsbeziehungen zwischen beiden Staaten verhandelt werden.

Englische Pressestimmen
London, 22. Oktober (Tel. des „Tag“). In Pressekommentaren wird dem Ereignis die größte Bedeutung beigemessen. Es heißt, daß die Vereinigten Staaten der Sowjetunion bedeutsame Konzessionen auf wirtschaftlichem Gebiet gewähren werden. Außerdem handelt es sich Rußland vor allem darum, die Anerkennung durch die Vereinigten Staaten zu erlangen. Eingeweihte Kreise wollen wissen, daß die Vorarbeiten für diese amerikanisch-russische Besprechung noch in London gelegentlich der Tagung der Weltwirtschaftskonferenz vorbereitet wurden.

Die Börse
Washington, 22. Oktober (Tel. des „Tag“). Die Börse stand gestern unter dem Eindruck der an Rußland ergangenen Einladung zur Wiederaufnahme der Beziehungen. Alle Titel wiesen eine Steigerung von drei Punkten auf.


(331024w1)


Seite 2

Englischer Journalist in Czernowitz [S. 2, Mitte, oben, rechts]
Samstag ist hier der Redakteur des „Manchester Guardian“, Henry Philip Bernard Baerlein, eingetroffen. Der Journalist befindet sich auf einer Studienreise durch Bessarabien und die Bukowina. Sonntag erschien Herr Baerlein in Begleitung des Polizeiquästors Ghinea beim Minister Sauciuc-Saveanu und beim Präfekten Jacoban. Von hier begibt sich Baerlein nach Jassy und reist von dort nach Bukarest, wo er vom König in Audienz empfangen werden wird. Herr Baerlein hatte auch eine Studienreise in Siebenbürgen unternommen und seine gewonnenen Eindrücke in einem Buch veröffentlicht.

(331024r2)


Zum Zwischenfall zwischen den Gemeinderäten Dr. Krämer und Prof. Spataru [S. 2, Mitte]
Ueber den Zwischenfall, von dem wir aus der vorletzten Gemeinderatssitzung berichteten, erhalten wir seitens des GR. Dr. Krämer nachstehende Information: Als Kollege Dr. Grünberg eine Ermäßigung der II. Klasse der Begräbnistaxen für Juden beantragt, weil die Primaria für die Erhaltung des jüd. Friedhofes nichts beitrage, rief Herr GR. Spataru: „Die Juden wollen die Zahlungen hinterziehen.“ Darauf protestierten Dr. Grünberg und ich heftig und ich bemerkte: „Unsere Toten zahlen mehr, als bei anderen die Lebenden.“ Darauf repostierte Herr Spataru: „Ich verstehe Sie nicht, reden Sie rumänisch.“ Da ich auch sonst im Gemeinderat fast ausschließlich rumänisch rede, rief ich ihm rumänisch zu: „Sie glauben, Sie rufen Ihre jüdischen Schüler zur Tafel, denen Sie sagen, komm her, damit ich Dir einen Schabeskoiletsch gebe?“ Herr Spataru, der wohl nicht leugnen kann, daß er jüdische Schüler so zur Tafel ruft, rief dann erregt „taci din gura“, worauf ich ihm im entstehenden Lärm auch die Antwort nicht schuldig blieb. Da der Herr Primar Herrn Spataru pflichtgemäß zur Ordnung gerufen hat, wovon wir uns aus dem Sitzungsprotokolle überzeugt haben und also den parlamentarischen Usancen entsprochen hat, haben wir uns nicht veranlaßt gesehen, dieser Angelegenheit größere Bedeutung beizumessen und betrachten den Zwischenfall als erledigt. Dies umsomehr, als sie nicht die Macht haben, uns in Ausübung unserer schweren Pflicht, jüdische Interessen zu vertreten, provozieren zu lassen, sondern im Interesse der von uns vertretenen Bürgerschaft unsere Besonnenheit zu behalten.

(331024c2)


Zum Geburtstag des Ministers Sauciuc-Saveanu [S. 2, oben, rechts]
Aus Anlaß des 49. Geburtstages des Ministers Sauciuc-Saveanu haben in der Vertretung der jüdischen Bevölkerung von Czernowitz der Kultuspräsident Dr. Karl Gutherz sowie der Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde Dr. Mark dem Minister Saveanu in dessen Wohnung die Glückwünsche der jüdischen Bevölkerung der Stadt Czernowitz überbracht. Präsident Dr. Gutherz hob in seiner Ansprache an den Herrn Minister hervor, daß die jüdische Bevölkerung das vollste Vertrauen in die Person des Herrn Minister Saveanu setze, und daß die jüdische Bevölkerung glücklich sei, in diesen schweren Zeiten, da der Antisemitismus sich emporhebe, zu wissen, daß Minister Dr. Sauciuc-Saveanu der jüdischen Bevölkerung wohlwollende und freundschaftliche Gefühle entgegenbringt. Der Minister antwortete, sichtlich gerührt, in herzlichen Worten und versicherte, der jüdischen Bevölkerung auch weiterhin sein Wohlwollen und freundschaftliche Gefühle zu bewahren, und ersuchte die bei ihm erschienenen jüdischen Vertreter, der jüdischen Bevölkerung des Munizipiums Czernowitz seinen innigsten Dank für die im Namen derselben ihm dargebrachten Glückwünsche zu übermitteln.

(331024i2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 477, Mittwoch, 25.10.33

Postby Klaus Binder on 24. October 2011, 23:38

Seite 2

Storojinetz [S. 2, Mitte, unten]
(Versammlung der jüdischen Reichspartei)

Am Sonntag, den 22. Oktober l. J. fand im „Deutschen Hause“ von Storojinetz eine von der dortigen Ortsgruppe der jüdischen Reichspartei einberufene und von deren Obmann Dr. Erwin Menczer präsidierte, überaus stark besuchte jüdische Volksversammlung statt, bei der die Herren Deputierten Dr. Ernest Marton und Dr. Mayer Ebner über die gegenwärtige Lage der Juden in Rumänien sowie über die Judenpolitik der Regierung referierten, und über die Interventionen des jüdischen Parlamentsklubs beim Ministerpräsidenten Vaida und dem Unterstaatssekretär Calinescu berichteten. Gegenstand der wiederholten Interventionen der jüdischen Parlamentarier war die von Hitler-Deutschland aus genährte und geförderte antisemitische Bewegung in Rumänien, von der der Deputierte Dr. Marton auf Grund glaubwürdiger Informationen sagte, daß die Regierung keine ernsten Schritte unternehme, um die [der] mit besonders reichlichen Mitteln betriebene verhetzende Agitation zu steuern, so daß der Eindruck hervorgerufen wird, als bestünde ein stillschweigendes Uebereinkommen, demzufolge die Regierung die Agitation dulde, sofern sie derzeit zu exzessiven Ausschreitungen nicht führe. Diese Annahme wird durch Aeußerungen des Ministerpräsidenten unterstützt. Die beiden Referenten sprachen auch über die deutsche Judenfrage, über die Bestrebungen zur Schaffung einer einheitlichen Front gegen die antisemitischen Umtriebe, sowie über die für den 7. und 8. November l. J. angesetzte Einberufung des in Bukarest stattfindenden Kongresses der jüdischen Reichspartei. Am Montag bereiste Dr. Marton seinen Wahlbezirk und sprach auch in einer jüdischen Versammlung in Wiznitz.

(331025r2)


Appell der jüdischen Kultusgemeinde [S. 2, Mitte, oben, rechts]
in Czernowitz an die jüdischen Landwirte der Bukowina

Der Winter steht vor der Türe. Groß ist die Not und das Elend der armen jüdischen Bevölkerung unserer Stadt. Je größer die Not, desto größer werden die Aufgaben, die die jüdische Kultusgemeinde im kommenden Winter auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge zu erfüllen hat. Die jüdische Kultusgemeinde kämpft in dieser schweren bitterbösen Zeit der wirtschaftlichen Krise einen heroischen Kampf um die Erhaltung ihrer Wohltätigkeitsanstalten. Das jüdische Spital, in welchem der größte Teil der Kranken unentgeltlich behandelt und operiert wird, das jüdische Waisenhaus, das gegenwärtig die doppelte Anzahl von Waisenkindern beherbergt als es sonst in der früheren guten Zeit der Fall war, das jüdische Altenversorgungshaus, in welchem ungefähr 90 Greise und Greisinnen untergebracht sind, verschlingen ungeheure Summen Geldes, welche die Kultusgemeinde im Hinblick auf die geschwächte Steuerkraft der jüdischen Bevölkerung nur schwer aufzubringen vermag. Dazu kommt noch, daß die jüdische Gemeinde im kommenden Winter die Ausspeiseaktion und die Holzverteilungsaktion zu reaktivieren beabsichtigt, wofür gleichfalls große Geldsummen erforderlich sind.
An die jüdischen Landwirte unserer Bukowina, an deren gutes Herz die Gemeinde nie vergebens appelliert hat, ergeht nunmehr auch diesmal die dringende Mahnung, die Wohlfahrtsaktion der jüdischen Gemeinde nach Kräften zu unterstützen. Jüdische Landwirte, gedenket Euerer notleidenden und darbenden Volksgenossen und spendet für das Hilfswerk der jüdischen Gemeinde, das ist, für die obgenannten drei Wohlfahrtsanstalten sowie für die Ausspeiseaktion: Kartoffel, Zwiebel, Erbsen, Fisolen, Maismehl und sonstige Cerealien, die den Aermsten der Armen zugute kommen sollen. Spendet rasch und ausgiebig und dirigieret Euere Sendungen unter gleichzeitiger Verständigung des Präsidiums der jüdischen Kultusgemeinde in Czernowitz direkt an das jüdische Spital, das jüdische Waisenhaus und das jüdische Altenversorgungshaus. Sendungen für die Ausspeiseaktion sind direkt an das jüdische Haus zu leiten.

Das Präsidium der jüdischen Gemeinde:
Der Präsident: Dr Karl Gutherz
Der Oberrabbiner: Dr. Mark

(331025c2)


Seite 4

Dollar wird wieder aufgewertet [S. 4, Mitte, oben, rechts]
Washington, 23. Oktober (Tel. des „Tag“). Roosevelt sprach in einer Rundfunkrede über wirtschaftliche Dinge:
Unsere Wirtschaftsaktion hat gesiegt, denn von zwölf bis dreizehn Millionen Arbeitslosen sind vier Millionen wieder zur Arbeit rückgekehrt. Wir verfolgen die Wiederherstellung des Preisniveaus; wenn wir so weit sind, wird der Dollar aufgewertet werden.

(331025w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 478, Donnerstag, 26.10.33

Postby Klaus Binder on 25. October 2011, 23:11

Seite 1

Hitler klagt die ganze Welt an [S. 1, oben, rechts]
Alle sind schuld, nur die Nazi sind unschuldig

Berlin, 24. Oktober (Tel. des „Tag“). Die Propagandarede, die Hitler abends im Sportpalast hielt, strotzt von Angriffen gegen die Weltmeinung, die führenden Staatsmänner aller Nationen, gegen die Presse, in einem Tone und mit einem Schwung vorgetragen, wie man es von einem führenden Ministerpräsidenten noch kaum je gehört hat. Seine Ausführungen laufen auf die Behauptung hinaus, die ganze Welt sei an Deutschlands Unglück schuldig, nur die Deutschen selbst nicht, die ganze Welt wolle Deutschlands Untergang, ein Strom von Haß ergieße sich unausgesetzt über Deutschland. Er, Hitler, sei dazu ausersehen, so klingt es aus seinen Worten, Deutschland aus den Sklavenketten zu befreien.

Nur einige kräftige Stellen sollen hier wiedergegeben werden, sie sprechen für sich selbst.

Zunächst Rückblick auf die Vergangenheit, auf den Friedensschluß von Paris im Jahre 1870, Frankreich wurde seine Selbständigkeit belassen, sein Leben wurde nicht angetastet. Hitler sagt: der Friedensvertrag von Versailles ist wertlos, weil er 1.) erzwungen wurde, 2.) weil das deutsche Volk gegen ihn protestierte und 3.) weil die Gegner selbst mißtrauisch waren gegenüber der Möglichkeit der Erfüllung. Hitler zitiert die abgebrauchten Sätze, die von der Notwendigkeit seiner Bewegung sprechen, die Gefahr des Bolschewismus zu bannen. Was wäre, ruft er, mit Europa geschehen, wenn wir nicht eingegriffen hätten? Die Welt steht auf dem Standpunkt, das Unglück des Einen ist das Glück des Anderen, das Bekenntnis zu diesem Grundsatz ist jedoch das wahre Unglück von heute. Die großen Nationen haben mit Absicht im Friedensvertrag den polnischen Korridor geschaffen, um dauernde Unruhe zu stiften. Warum ist dieser Zankapfel geschaffen worden? Die Großmächte wollten eben den Unfrieden stabilisieren. Dann spricht Hitler von den sogenannten prominenten Reportern, die in den deutschen Großstädten sich aufhalten, und die deshalb keine Ahnung von der deutschen Not auf dem Lande bekommen. Was sie schreiben, ist nur dazu da, die Völker aufzuhetzen. Wir wollen nichts anderes, als das Vertrauen in unserem Volk wieder herstellen, die Gottlosigkeit bekämpfen, um die Priester aus der Niederung des politischen Parteistreites hinauszuführen und sie wieder der Kirche zuzuführen. Wir schuften Tag und Nacht für die Verwirklichung unseres Programmes, es handelt sich aber um einen Prozeß, der längere Zeit dauern muß. Die Welt beschimpft uns seit acht Monaten, was haben wir der Welt getan und warum gibt sie uns keine Ruhe? Sie spricht von Greueln, während die größten Greuel im Namen des Friedensvertrages von Versailles begangen wurden. Unsere Revolution kostete keine 50 Menschenköpfe, und wenn ja, dann waren es Halunken. Die Revolutionen in England und Irland waren weit gefährlicher. Wir haben niemals Hoheitszeichen anderer Staaten abgerissen, während von unsern Konsulaten die Hoheitszeichen in anderen Staaten abgerissen wurden. Es ist schön, wenn England offene Arme für die aus Berlin Ausgewanderten hat, schöner wäre es aber, wenn es keine tausend Pfund als Taxe für die Einwanderung vorgeschrieben hätte.

Hätten wir in den letzten 30 Jahren eine so hohe Taxe vorgeschrieben, was wir leider, ich betone: leider nicht taten, dann wären zu uns nicht so viele Juden eingewandert. Dann sind wir eben bessere Menschen gewesen als die Engländer. Wir sind heute noch großzügig und gewähren den Juden einen viel höheren Prozentsatz an Lebensmöglichkeit als wir selbst ihn haben.

Ist das Greuel? Das Volk ist heute glücklicher als je zuvor. Das Unglück ist nur der Haß der Gegner. Es ist gewiß sehr schön für die Wucherer und Schieber, daß sie mit dem Nimbus der zum Tode Bedrohten in London, Paris oder Brüssel herumwandeln. Wir verlangen nicht ihre Auslieferung, insofern es sich um politische Flüchtlinge handelt, sondern wir rufen diesen Staaten zu: Behaltet sie, je länger, umso besser: Es ist nur bedauerlich, daß dieser Abschaum, dieser Abhub der Nation öffentliche Meinung bei den Großstaaten macht. Wenn dadurch die Veröffentlichung eines Braunbuches in England möglich war, dann ist das noch bedauerlicher. Was würden die anderen Staaten sagen, wenn in Deutschland gegen einen anderen Staat so ein Pamphlet veröffentlicht worden wäre. Schon sehe ich die Gesandten und Botschafter im Namen ihrer Regierungen protestieren. Was würden sie sagen, wenn wir behaupten, Baldwin ist ein Verbrecher, er habe das englische Parlament angezündet. Wir haben das gleiche Ehrgefühl und wollen uns von diesen Halunken nicht beschimpfen lassen. Man hat in England und Amerika den Boykott gegen uns propagiert. Wohin führt das, doch nur zur Verewigung der Diskriminierung des deutschen Volkes. Wenn wir heute kein Vertrauen genießen, so ist das nicht unsere Schuld. Wir warten 15 Jahre auf Gleichberechtigung, wir hatten Vertrauen in die 14 Friedenspunkte des Präsidenten Wilson, wir hatten in den Völkerbund und die Abrüstungskonferenz Vertrauen, aber wir warten vergebens auf unsere Gleichberechtigung. Man behauptet, dieses kann uns jetzt nicht gegeben werden, weil wir militärischen Geist propagieren, weil wir militärisch diszipliniert sind. Sind wir also Wilde oder Disziplinierte?! Hitler (mit lauter Stimme): Was sollen wir also tun? Wir sind bereit, dem französischen Volk die Friedenshand zu reichen, wir machen aber diese Methoden der Abrüstung nicht mit. Wir wollen Frieden mit England und Polen, ebenso wie wir mit Italien Frieden haben, aber die Staaten müssen aus diesem Friedenswillen die Konsequenzen ziehen.
Zum Schluß sagt Hitler: Nie habe ich um Stimmen gebeten, nun aber zum ersten Mal in meinem Leben bitte ich Euch: Gebet uns die Stimmen, nicht für mich, sondern für das deutsche Volk.

(331026w1)


Vom Brandprozeß [S. 1, unten, rechts]
Berlin, 24. Oktober (Tel. des „Tag“). Der Sachverständige für Chemie, Dr. Schatz, berichtete heute über ein von ihm gestern vorgenommenes Experiment, das beweisen sollte, daß ein Mann imstande ist, sich mit dem selbstentzündlichen Stoff die Hände zu befeuchten, ohne daß andere Personen, die in dessen Nähe kommen, einen Geruch spüren. Er, Dr. Schatz, rieb die Hände mit dieser Petroleumart ein und ging auf das Portal 5 zu. Er begegnete zwei Schutzmännern und dem Portier, beide machten keine Miene, als wenn sie einen unangenehmen Geruch verspürt hätten. Daraus zieht der Sachverständige die Folgerung, daß Torgler (der sich damit verteidigt, beim Ausgang aus dem Reichstag habe der Portier keinen besonderen Geruch gespürt) hätte sich doch mit einem selbstentzündliche Stoffe beschmieren können und wäre anstandslos passiert. Dann wurde die Sekretärin Torglers einvernommen.

(331026w1)


Seite 2

Oberst Cantacuzino-Pascanu in Czernowitz [S. 2, unten, links]
Der Generaldirektor der rumänischen Luftschiffahrt, Oberst Cantacuzino-Pascanu, weilte dieser Tage in Czernowitz und nahm an der Begrüßung der polnischen Escadrille teil, welche auf ihrem Rückflug aus Rumänien am hiesigen Flughafen gelandet war. Oberst Cantacuzino-Pascanu hat ferner der Trauung des Czernowitzer Flughafenkommandanten Cicei mit Frl. Stela Boldur beigewohnt. Herr Oberst Cantacuzino-Pascanu hat es verstanden, in der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit an der Spitze des rumänischen Flugwesens dieses auf eine hohe Stufe zu bringen, so daß Rumänien heute mit allen westlichen Ländern ruhig konkurrieren kann. Ein Mann von hoher Kultur und gediegener Fachbildung, die er in den westlichen Zentren des Flugverkehres genossen hat, genießt Herr Cantacuzino-Pascanu heute die allgemeinste Wertschätzung in allen Kreisen.

(331026c2)


Seite 3

Todesfall [S. 3, rechts, Mitte]
Sonntag nachts ist hier Frau Sylvia Jeleriu, Gattin des ehemaligen Abgeordneten Jeleriu und Tochter des früheren Landesschulinspektors Simionovici, gestorben. Das Leichenbegängnis fand Dienstag 3 Uhr nachmittags vom Trauerhause Armeniergasse Nr. 9 aus statt. Ein zahlreiches Trauerpublikum folgte dem Sarge. Man bemerkte u. a. Minister Sauciuc-Saveanu, Generalstaatsanwalt Braileanu, Bürgermeister Dr. Saveanu, Vizebürgermeister Baranai, Generalsekretär Dr. Braileanu, Professor Retica, Stadtrat Dr. Oberländer, Gemeinderat Dan; die Advokaten Vasilovschi, Hosciuc, Gemeinderat Diacon; Direktor Strugaciu, Kammerrat Doregger, Generalsekretär Topa, Vizepräsident des Senates Simionovihi, Notar Dolinschi, Oberst i. R. Neamtu, Advokat Bantu, Oberinspektor Grossar und viele andere.

(331026t3)


Seite 4

Wer unterstützt die extremistischen Strömungen? [S. 4, Mitte]
Schwere Angriffe des „Viitorul“ gegen den Ministerpräsidenten

Bukarest, 24. Oktober (Tel. des „Tag“). Die Diskussion über die extremistischen Strömungen hält in der Oeffentlichkeit an. „Viitorul“ befaßt sich in seiner letzten Nummer neuerlich mit dieser Frage und beschuldigt den Ministerpräsidenten, daß er die extremistischen Bewegungen unterstützt. Das liberale Hauptorgan schreibt: „Die öffentliche Meinung des In- und Auslandes ist über die Vorgänge in Rumänien aufs Aeußerste besorgt. Es herrscht die Ueberzeugung, daß das Land vor Erschütterungen stehe, welche es von einem normalen Verlauf der Entwicklung abdrängen werden.

Trotzdem die Situation so ist, bestraft Vaida nicht nur nicht die Unruhestifter, sondern fühlt sich nicht einmal verpflichtet, die Situation zu klären.

Hier sowie im Ausland wird der Ministerpräsident als Urheber der anarchischen Bewegung bezeichnet, welche gegen die öffentliche Ordnung ins Werk gesetzt wird.

Gleichzeitig verteidigt Sever Bocu, obwohl von der Jugend der Organisation, deren Präsident er ist, desavouiert, auch weiter die Idee, Sturmbataillone zu organisieren. Hiezu schreibt „Adeverul“: Weil Sever Bocu keine anderen Argumente hat, greift er die demokratischen Elemente an, welche seine Haltung nicht billigen. Wir verstehen sehr wohl, daß in der Zeit der Ruhe zwischen den verschiedenen Prozessen, die gegen ihn angestrengt sind, Herr Bocu das Bedürfnis nach nationalistischer Betätigung hat, damit seine Affären vergessen werden. Es wäre aber besser, wenn er ein Arbeitsfeld fände, welches für das Land weniger schädlich ist.

(331026r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 479, Freitag, 27.10.33

Postby Klaus Binder on 26. October 2011, 23:44

Seite 1

Enquete in der Kontingentierungsfrage [S. 1, unten, rechts]
Bukarest, 25. Oktober (Tel. des „Tag“). Auf Grund der vielen Beschwerden, die im Handelsministerium in der Frage der Kontingentierung eingebracht wurden, beschloß Unterstaatssekretär Gasencu, eine Enquete einzuleiten, um festzustellen, inwiefern die eingebrachten Beschwerden berechtigt sind. Der Unterstaatssekretär will die Anordnung treffen, daß die Kontingente gerecht aufgeteilt werden.

(331027r1)


Seite 2

Die Räuberbande [S. 2, oben, links]
Die Prozeßberichte sprechen von der Bande Bercu Drach, der Volksmund setzt an Stelle Drach den viel populäreren Feldhammer. Die Unterwelt nennt ihn aber nicht Feldhammer, sondern kurz Herschale.
Sie sprechen demnach vom „Herschale“-Prozeß.
Eine ganz nette feine Gesellschaft, Typen unserer Zeit, zusammengewürfelt, wenige mit der Intellektualität, die irgendwie den anderen aus der Schablone der Verbrechergilde herausheben könnte, viele unter ihnen aber mit einer natürlichen Intelligenz ausgestattet, mit dem Spürsinn des genial veranlagten Menschen, der diese Qualitäten für das Verbrecherhandwerk verwendet. Einmal auf die schiefe Bahn geraten, kann keiner mehr zurück. Das ist der Fluch unserer Einrichtungen, daß das Kriminal den Verbrecher nicht mehr aus seinen Klauen läßt: er sinkt nur noch tiefer.
Selbst der Hauptangeklagte Bercu erzählt es: „Als ist das erste Mal das Gefängnis verlassen hatte, konnte ich nie mehr einen Posten bekommen, ich mußte in der schlechten Gesellschaft bleiben.“
Bercu Drach ist schon Routinier und appelliert in diesem Augenblick an das Sentiment der Geschworenen ...
„Ich bekenne mich zu sämtlichen dreizehn Delikten ...“ Vorsitzender unterbricht: vierzehn. - - - Angeklagter: Nein, dreizehn. Angeklagter: Schauen Sie, Herr Präsident, wenn ich dreizehn zugebe, so würde ich auch das vierzehnte eingestehen. Vorsitzender: Sehen Sie, Drach, dreizehn ist doch eine Unglücksziffer. Angeklagter: Nun, entscheiden Sie selbst. Der Vorsitzende (verärgert): Du bist doch ein großer Bandit.
Drach will also auf die Geschworenen wirken: „Nur eines tut mir leid,“ - er beschwört die Geschworenen - nur eines tut mir leid, meine Mutter, die aus Gram über den Fall ihres Sohnes in Irrsinn verfallen und gestorben ist ... Vorsitzender (unterbricht): Du spricht jetzt nicht wie ein Angeklagter, sondern wie ein Advokat. -
Noch einer ist da, der einmal in das Netz des Verbrechens geraten und nicht mehr aus dessen Fangarmen hinaus kann.
Das ist Mucha. Wenigstens beteuert er es so vor Gericht und motiviert seinen Rückfall. Zuerst ist er sechs Jahre gesessen; das muß schon ein schweres Verbrechen gewesen sein, mit dem er sich in die Strafjustiz eingeführt hat. Aber dann kam er doch heraus. Er blieb trotz Kerkerluft ein fescher Bursche, aber, wie er erzählt: „Ich wollte mich bessern, ein Stückchen Brot auf anständige Art verdienen. Es ging nicht. Ich lernte Turcu und Profir kennen und da mußte ich wieder herein.“
Zuletzt ging er noch zur Polizei. Er dachte, hier werde er als Konfident nützlich sein können! „Aber sie haben mir nichts gezahlt. Dann sagte mir ein Polizeikommissär, als ich der Banditenüberfälle mitverdächtig wurde, Du hast nur mitgemacht, um der Polizei zu dienen, bleibe drei Monate pro forma sitzen, Du wirst dann frei. Aber ich sitze schon einundeinhalb Jahre und es rührt sich nichts! Ich habe also auch bei der Polizei nichts verdienen können!

*
Der Schwurgerichtsfall Drach-Feldhammer bringt Typen, Episoden, zeigt Schwächen der Menschen und schafft Einzelhandlungen, die Musterbeispiele der Charakterisierung sind.
Ein Konfident, jetzt Angeklagter, bricht plötzlich in Zorn aus, weil er sich erinnert, daß in den Zeitungen zu lesen war „... es ist der wachsamen Polizei gelungen ...“ „wachsam“, höhnt der Angeklagte, „ich habe der Polizei die Winke gegeben und sie gibt die Meldung aus, daß sie, die Polizei, den Erfolg hatte!“
Der Ehrgeiz des Konfidenten ist hier schwer verletzt.

*
Ein Zeuge wird gefragt: Hatten Sie Schaden? - „Nein“, antwortete er, „aber meinen Franz Josefs-Orden will ich zurück.“
Einer der Zeugen, der nachts überfallen wurde, soll aussagen, auf welche Weise er die Verbrecher erkannt hat. „Ein Bandit lag auf mir, seine Taschenlampe leuchtete auf, da bemerkte ich das Gesicht des andern, der auf meiner Frau lag - -“

*
Herschale hat nachts Quartier bei einem Schuster gesucht, der mitangeklagt ist, und drohte, ihn zu erschießen, - er zeigte ihm den Revolver - wenn er hievon irgend wie Mitteilung machen sollte! „Ich bekam Angst“, so beteuert der Schuster „und übersiedelte nur aus diesem Grunde in einen andern Stadtteil. Wie habe ich mich jedoch erschrocken, als Herschale auch dort mit aufsuchte und Nachtquartier forderte.“ Vorsitzender: Erzählen Sie uns doch keine Unwahrheiten. Angeklagter: Herr Vorsitzender, Sie wundern sich über Herschale? Er weiß die Adressen der ganzen Stadt, soll er mich nicht aufsuchen können?

*
Ein Bandit hatte einem in der Nacht überfallenen jungen Mädchen die Hand geküßt. Der Vorsitzende ist darüber überrascht. Da setzt sich der junge Bandit in Positur und erzählt: „Ich sagte dem Mädchen, wir wollen nur Geld, wir tun Ihnen nichts ... wir bleiben trotz aller Banditenstreiche noch immer Kavaliere.“
Der 18-jährige Janusievici ist so recht ein krankes Kind unserer Zeit. Er ist mit drei Jahren Kerker vorbestraft, seit einundeinhalb Jahren sitzt er jetzt neuerlich in Haft. Er ist der einzige unter den Verbrechern, der auf die Ueberfallenen geschossen hat. Der Angeklagte erzählt mit geradezu phantastischer Klugheit: „Ich stieg auf das Dach, ich hatte Alkohol getrunken und fiel unvermutet durch den Kamin ins Schlafzimmer. Dabei ging der Revolver los! Ich bin total unschuldig, es war ein Zufall.“
Diese Darstellung erinnert an die Verteidigung des Pferdediebes, der erzählte: Ich wollte über einen Graben springen, dort lag ein Pferd, und gerade als ich den Sprung machte, erhob sich das Pferd, und so blieb ich sitzen und kam zu einem Pferde.“
Janusievici ist eine solche Art Pferdedieb.

*
Zum Schluß die kleine Sensation: Eine Angeklagte sitzt vor den Richtern. Heute früh meldet ihr Verteidiger: Die Angeklagte kann nicht herkommen, weil sie in der Nacht ein Kind geboren hat. Der Gerichtshof beschließt, daß vorläufig die Angeklagte nicht vor ihren Richtern erscheinen soll.
Die Natur spiel zuweilen der Justitia ein Schnippchen.
Und die Hauptsache! Wer sind Turcu und Profir? Eine Pause ist in den Prozeß eingeschoben. Der Sensationsprozeß Herschale trägt nicht unverdient diesen Titel.
Edi

(331027c2)


Aus dem Rathaus: [S. 2, oben, Mitte]
Pflasterung der Russischengasse

In einer Sitzung des Stadtrates, die Mittwoch unter dem Vorsitz des Bürgermeisters stattfand, gelangte u. a. auch die Pflasterung der Straßen zur Debatte. Stadtrat Dr. Rosenzweig verwies auf die Notwendigkeit der Pflasterung der Russischengasse, die eine wichtige Verkehrslinie darstellt, die Verbindung nach Beßarabien herstellt und schließlich auch zu den Friedhöfen aller Nationen führt. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Demnach werden die anderen Pflasterungsarbeiten aufgeschoben und die Pflasterung der Russischengasse sofort begonnen.

(331027i2)


Seite 4

Neue „schwarze Liste“ im deutschen Buchhandel [S. 4, Mitte, oben]
Berlin, 23. Oktober. Heute ist eine neue schwarze Liste für den deutschen Buchhandel fertiggestellt worden, die jene Werke enthält, die künftig von deutschen Buchhändlern weder auf Lager gehalten noch verkauft werden dürfen.
Von der älteren Literatur findet man Heinrich Heine auf der Liste, ferner alle psychoanalytischen und sexualwissenschaftlichen Werke von Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld. Verboten sind von der schönen Literatur alle Werke von Alfred Kerr, Lion Feuchtwanger, Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch, von den Ausländern Upton Sinclair, die Bücher von Traven und alle Werke von Franz Werfel mit Ausnahme des Romanes „Barbara“.

(331027w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 480, Sonntag, 29.10.33

Postby Klaus Binder on 28. October 2011, 21:00

Seite 1

Blutige Zusammenstöße in Palästina [S. 1, links, oben]
Araber demonstrieren gegen die jüdische Einwanderung
Polizei schießt. - 40 Tote


London, 27. Oktober (Tel. des „Tag“). Aus Palästina liegen Nachrichten über bedauernswerte Zwischenfälle zwischen Arabern und Polizei vor, die viele Todesopfer forderten. Die Nachrichten, die um die Mittagsstunde eingetroffen waren, haben großes Aufsehen hervorgerufen. Der bereits früher angekündigte Generalstreik der Araber gegen die zunehmende jüdische Einwanderung wurde heute in Jerusalem und in Jaffa durchgeführt. In Jaffa waren die Araber in der Moschee versammelt und beteiligten sich scheinbar an einem Gottesdienst. Plötzlich stürzten sie auf ein gegebenes Zeichen, wie man jetzt erkannte, mit Eisenstangen, Waffen und anderen Mordwerkzeug bewaffnet, auf die Straße und versuchten gegen die Juden Ueberfälle zu unternehmen.
Die Polizei war rechtzeitig informiert und auch im gegebenen Moment zur Stelle. Den Demonstranten wurde Halt geboten.
Der Kampf dauerte zwei Stunden. Die Polizei mußte von der Waffe Gebrauch machen. Auch die Demonstranten schossen. Die Zahl der Toten und Verletzten ist noch unbestimmt, die Korrespondenten der Pariser Blätter schätzen die Zahl der Toten auf mindestens 40.
Die Sicherheitsbehörden haben nach Zuziehung von Verstärkung das Feld behauptet, die Demonstranten wurden außer Gefecht gesetzt. Viele sind verhaftet. In Jaffa herrscht beängstigende Ruhe. Auch in Jerusalem wurden besondere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen.
Englische berittene Polizei patrouilliert. Die Stimmung ist sehr gereizt.

(331029w1)


Seite 2

Promotion [S. 2, links, unten]
Samstag, den 21. Oktober l. J. fand in der Klausenburger Universität die Promotion des Herrn Adv. Berthold Brandmarker zum Doktor der Rechts- und Staatswissenschaften statt.

(331029i2)


Die Feier des 27. Oktober [S. 2, oben, links]
1918 - 1933
Wie der Gedenktag begangen wurde

Aus Anlaß der Wiederkehr des 15. Jahrestages, an welchem die Konstituante der Bukowinaer Rumänen die Vereinigung der Bukowina mit dem Mutterlande beschloß, fanden eine Reihe von Feierlichkeiten statt, die einen sehr würdigen Verlauf nahmen.
Die Feierlichkeiten begannen Freitag um 11 Uhr mit einem Gottesdienst in der Kathedrale, der vom Erzbischof Nectarie, den Konsistorialräten Tarnavschi und Sandru und sechs Priestern zelebriert wurde. In der Kathedrale bemerkte man u. a. Minister Sauciuc-Saveanu, den Vizepräsidenten des Senates Simionovici, Polizeiquästor Ghinea, Präfekt Jacoban, Vizebürgermeister Baranai, die Universitätsprofessoren Nandris, Gheorghiu, Stoilov, Procopovici, Garnisonskommandant Alexandrescu, den Präfekten von Storojinetz Russu, Oberst Iliesi vom Militärlyzeum, Oberst Ciobanu Nicolau, den früheren Präfekten Neamtu, Vertreter der Studentenvereine, des Militärlyzeums usw.
Nach dem Gottesdienst wurde eine Seelenmesse für die verstorbenen Mitglieder des früheren Nationalrates, Dionisie Bejan, Iancu Flondor, Dr. Octavian Gheorghian und Vasile Bodnarescu gelesen.
Das ehemalige Mitglied des Nationalrates, Konsistorialrat Ipolit Tarnavschi, hielt hiebei eine Ansprache, in welcher er die Verhältnisse schilderte, die zur Bildung des Nationalrates führten. Er sagte dann: „15 Jahre sind vergangen, Rumänien hat sich entwickelt und nimmt heute innerhalb der Staaten der Kleinen Entente und in Europa überhaupt eine hervorragende Stellung ein. Es ist ein reiches Land und bietet allen das Land bewohnenden Völkern Lebensmöglichkeiten. Es ist nur notwendig, daß wir nicht streiten und alle einvernehmlich für Thron und Land wirken.“
Nach dem feierlichen Gottesdienst begaben sich alle Honoratioren unter Führung des Präsidenten des Kultusvereines, Professor Nandris, auf den Friedhof, wo Blumen an den Gräbern der verewigten Mitglieder des früheren Nationalrates Dionisie Bejan, Bodnarescu und Gheorghian niedergelegt und Gebete verrichtet wurden. Es folgte eine Fahrt nach Storojinetz, wo am Grabe Iancu Flondors, des Präsidenten des früheren Nationalrates, ein Kranz niedergelegt wurde.

Die Feier im Kulturverein
Um 6 Uhr abends fand die Festsitzung im Kulturverein statt, an der außer den bereits genannten Persönlichkeiten, die am Gottesdienst teilnahmen, noch anwesend waren: Alle noch am Leben befindlichen Mitglieder des früheren Nationalrates, wie der Vizepräsident des Senates Simionovici, Rektor Isopescul-Grecul, Direktor Bucevschi, die Konsistorialräte Sandru und Ipolit Tarnavschi, Aurel Turcan, Corneliu Klein, Dr. Reut, Direktor Bancescu, der frühere Senator Jemna, Hofrat Homiuca, Dr. Bodea, Dr. Bodnarescu, Direktor Voronca, Nastasi Mateiciuc. Weiteres bemerkte man Minister Sauciuc-Saveanu, Generalinspektor Crudu, Vizebürgermeister Baranai, Präfekt Jacoban und Russu, Brigadegeneral Alexandrescu, den Kommandanten des Cercul de Recrutare, Oberst Georgescu, Oberst Iliesi, Oberstleutnant Nicolau, Major Gallin und viele andere höhere Offiziere, die Richter Pelin und Rotar, Generalarzt a. D. Maniu, die Universitätsprofessoren Alberti, Badarau, Parvulescu, Gramada u. a., den hier weilenden Vertreter des „Manchester Guardian“, Henry Bärlein, die Direktoren Vitencu, Bujor, Florescu, Stratilescu und Tudan, Chefarzt Dr. Strejac, den früheren Abgeordneten Dr. Alvirescu, den früheren Präfekten Zaharie Popovici, Neagoe und Stefan Flondor, usw.
Die Festsitzung wurde vom Präsidenten des Kulturvereines, Universitätsprofessor Dr. Nandris mit einer schwungvollen Rede eröffnet, in der [er] in chronologischer Folge die Ereignisse schilderte, die sich vor und knapp nach der Vereinigung abspielten.
Nachdem Redner noch den Einmarsch der rumänischen Truppen am 11. November und die definitive Vereinigung am 28. November behandelt, schließt er seine eindrucksvolle Rede mit den Worten: „Diese Vereinigung wird ewig währen und wir werden die Wiederkehr des Tages immer feierlich begehen.“
Ueber Vorschlag des Universitätsprofessor Nandris wurde ein Huldigungstelegramm an den König abgesandt.
Es sprach das frühere Mitglied des Nationalrates, Universitätsprofessor Procopovici der persönliche Erinnerungen an den Akt der Vereinigung gibt.
Sehr interessant schildert Redner die Vorgänge vor dem Anschlusse der Bukowina an das Mutterland, erzählt über die Mission, die die Abgesandten der Bukowina bei der Regierung in Jassy zu erfüllen hatten und nennt neben anderen Persönlichkeiten auch den Senator Nistor, der damals in Chisinau eine bedeutende Rolle für die Vereinigung gespielt hat.
Rektor Isopescul-Grecul legt die Rolle der rumänischen Parlamentarier im österreichischen Reichstag dar.
Der Minister für die Bukowina Dr. Sauciuc-Saveanu spricht vom historischen Ereignis, durch welches die Bukowina mit dem Mutterlande vereinigt wurde. Heute haben wir, so führt der Minister [aus], am Grabe der verstorbenen Mitglieder des Nationalrates unseren Dank denjenigen ausgesprochen, die den langersehnten Wunsch verwirklichen halfen.
Das Schlußwort hat Universitätsprofessor Dr Nandris, der allen Erschienenen seinen Dank ausspricht.
Damit fand die imposante Feier ihr Ende.

(331029r2)


Todesfall [S. 2, unten, rechts
Im Alter von 78 Jahren ist hier der allseits beliebte und geschätzte Kaufmann Adolf Allerhand verstorben. Der Verstorbene erfreute sich nicht nur bei der Bukowinaer Kaufmannschaft, sondern in weitesten Gesellschaftskreisen dank seines unerschütterlichen Humors großen Ansehens und gehörte vielen Wohltätigkeitsvereinen an. Er war der Gründer der Firma S. und Adolf Allerhand und Ehrenmitglied des Handelsagentengremiums, zu dessen Gründern er gehörte. Herr Adolf Allerhand hinterläßt drei Töchter, von denen eine an den Oberbaurat Ingenieur Burstyn, eine zweite an den Tribunalpräsidenten Dr. Rozan und die dritte an einen in Wien wohnhaften Bankdirektor verheiratet ist, einen Sohn, Dr. Karl Ludwig Allerhand und einen Bruder, Herrn Moritz Allerhand. Der angesehene Advokat Dr. Josef Allerhand, gleichfalls ein Bruder des Verstorbenen, ist ihm um einige Monate im Tode vorangegangen.

(331029t2)


Seite 3

Nach fünfzehn Jahren [S. 3, oben, links]
Die Bukowina feiert heute einen bedeutsamen Gedenktag: Vor 15 Jahren, am 27. Oktober 1918, fand im rumänischen Nationalhaus in Czernowitz eine Versammlung der Rumänen statt, welche sich als Konstituante der Rumänen in der Bukowina erklärte und die Vereinigung dieses Landes mit dem Mutterland beschloß.

Die Ereignisse jener Zeit liegen bereits genug lange zurück, um unter historischer Perspektive betrachtet zu werden.

Man erinnert sich an die stürmischen Tage des Zerfalls der Monarchie, an das Manifest des Kaisers Karl und die Reaktion, welche jene Kundgebung bei den schon lange von Wien wegstrebenden Nationalitäten hervorrief. Die Rumänen der Bukowina hatten die „Vereinigungspartei“ gebildet, und damals wurde als ihr Organ „Glasul Bucovinei“ gegründet, der schon in seiner Nummer vom 22. Oktober für die Vereinigung mit dem Mutterlande eintrat. Zweifellos gehörte ein gewisser Mut zu diesem Bekenntnis, da damals im Administrativpalais noch der österreichische Landespräsident residierte, die Ukrainer Aspirationen erhoben, die Verhältnisse überhaupt völlig ungeklärt waren. In dieser Atmosphäre traten die Vertreter aller rumänischen Parteien der Bukowina zusammen und beschlossen die Einberufung der Versammlung in den Saal des rumänischen Kulturvereines im Nationalhaus, an der alle rumänischen Abgeordneten des Parlamentes, die gewesenen Landtagsabgeordneten und die rumänischen Bürgermeister der ganzen Bukowina teilnahmen. Die Versammlung wurde vom ehrwürdigen Erzpriester Dionisie Bejan, dem Präsidenten des Kulturvereines eröffnet, der Iancu Flondor zum Vorsitzenden vorschlug. Nach mehreren Ansprachen wurden die denkwürdigen Beschlüsse gefaßt, durch welche sich diese Versammlung als Konstituante und Inhaberin der nationalen Souveränität erklärte und den Anschluß der ganzen Bukowina an Rumänien beschloß. Es wurde der Wunsch nach Herstellung eines Einvernehmens mit den mitwohnenden Völkern ausgesprochen und schließlich ein Nationalrat aus 50 Mitgliedern gewählt, der unter dem Präsidium Iancu Flondors stand. Vizepräsidenten waren Dionisie Bejan, Dori Popovici und Sextil Puscariu, Sekretäre Vasile Bodnarescu, Radu Sbiera und Laurentie Tomojaga, Kassier Georghe Bancescu. Dem Nationalrat gehörten ferner noch an: Balmos, Bucevschi, Nicu Flondor, O. Georgian, G. Grigorovici, T. Homiuca, A. und C. Hormuzachi, M. Jacoban, Isopescu Grecu, Marcu, E. Popovici, A. Procopovici, R. Reut, G. und A. Sandru, Sarbu, Scalat, Simionovici, Vasiloschi u. a.
Die Beschlüsse der Konstituante wurden dem Landespräsidenten Etzdorf überreicht durch eine Deputation, der eine tausendköpfige Menge folgte. Unter den Rumänen der Stadt herrschte Feststimmung und so wurde die Situation vorbereitet, welche mit dem Einmarsch der königlichen Truppen am 11. November besiegelt wurde.
Eine Rückschau nach 15 Jahren bestätigt, daß der aus nationalen Aspirationen der Bukowinaer Rumänen entsprungene Beschluß der Vereinigung der Bukowina mit dem Mutterland auch in jeder praktischen Beziehung opportun und zweckmäßig war. Während ringsum Stürme brandeten, im Osten die Gefahr des Bolschewismus drohte, nationale Aspirationen aneinanderprallten, blieb die Bukowina, an Rumänien angeschlossen, ein Gebiet der Ruhe und des Friedens. Die Vereinigung, die von den Rumänen der Bukowina gemacht wurde, ist heute auch in den Herzen der Minderheiten verankert und die 15-jährige Gedenkfeier konnte darum von allen Bewohnern des Landes ohne Unterschied der Nationalität mitgefeiert werden.

(331029r3)


Seite 4

Attentate … [S. 4, oben, links]
Der Mann, der den Kaiser Franz Josef erschießen sollte. - Vergiftete Revolverkugeln. - Strychnin im Siegelring. - Eine Höllenmaschine für Reichskanzler Bismarck

Aus den Erinnerungen eines Gerichtschemikers
Von Jean Goldberg


Gelegentlich eines Gespräches über das Attentat auf den österreichischen Bundeskanzler Dr. Dollfuß, das in der ganzen Welt Gegenstand lebhafter Erörterungen war, stellte mir der bekannte Gerichtschemiker und Schriftsteller Prof. Dr. Neumann Wender aus seiner langjährigen Praxis Erinnerungen an hochinteressante Fälle von geplanten Attentaten zur Verfügung, wobei er als Gerichtschemiker Gelegenheit hatte, an den geheimen Untersuchungen teilzunehmen. Es waren geplante Anschläge auf Kaiser Franz Josef, auf Reichskanzler Fürst Bismarck ec. Die Untersuchung in beiden Fällen war geheim geführt, so daß wohl kaum etwas davon in die Oeffentlichkeit gedrungen ist.

Sensation in Czernowitz
Professor Dr. Wender erinnert zunächst an das geplante und vorbereitete Attentat, das in den neunziger Jahren auf Kaiser Franz Josef verübt werden sollte. Eines Tages schoß sich nämlich im Hotel „Zentral“ in Czernowitz ein Feldwebel eines in Stanislau stationierten Regimentes, mit Namen Grubenski in selbstmörderischer Absicht an. Der sofort herbeigeholte Stadtphysikus Dr. Flinker fand Grubenski noch lebend vor. Nach der Ursache seiner Tat befragt, erklärte der Feldwebel der Gerichtskommission folgendes: er gehöre einer nihilistischen Organisation an, von der er beauftragt wurde, den Kaiser Franz Josef zu erschießen. Zu diesem Zwecke wurde ihm von der Organisation ein Revolver mit vergifteten Kugeln übergeben. Anstatt aber nach Wien zu fahren, begab er sich zunächst nach Czernowitz, da er in seinem Entschlusse schwankend geworden war. In Czernowitz stiegen in ihm Bedenken auf und er zog es vor, sich selbst das Leben zu nehmen, um der Rache der Nihilisten zu entgehen. Denn es hieß ausdrücklich, daß er im Falle der Nichtausführung des Attentates zum Tode verurteilt sei. Ueber den Sitz der geheimen Organisation wollte der Unteroffizier nichts verraten. Bei der Durchsuchung seines Gepäckes fand man tatsächlich einen geladenen Revolver, ferner eine Landkarte von Europa, auf welcher die Porträts aller regierenden Häupter in den einzelnen Ländern, darunter auch des Kaisers Franz Josef, eingezeichnet waren. Das Bildnis des Kaisers Franz Josef war mit einem Kreuz versehen, was bedeuten sollte, daß der Monarch zum Tode verurteilt sei. Der Unteroffizier trug auch einen goldenen Siegelring mit einem grünen Stein. Als man ihm denselben abnehmen wollte, weigerte er sich, ihn auszufolgen, mit der Motivierung, er sei für ihn ein teueres Andenken. Der Ring wurde aber trotzdem abgenommen und der verwundete Militärist ins Garnisonsspital überführt. Ueber das weitere Schicksal Grubenskis weiß Dr. Wender nichts mehr zu erzählen.
Dr. Wender erhielt von der Gerichtskommission den Revolver sowie den konfiszierten Ring zur chemischen Untersuchung. „Ich konnte feststellen“, erklärt Dr. Wender, „daß die Revolverkugeln an der Spitze angebohrt waren und daß in der Oeffnung fein gepulvertes Strychnin - ein sehr heftiges Gift, das Starrkrampf erzeugt - enthalten war. Die Oeffnungen der Kugeln waren mit Paraffin verklebt. Diese Maßnahme hatte offenbar den Zweck, neben der Wirkung des Geschosses gleichzeitig das der Gifte zur Geltung kommen zu lassen, für den Fall, als nur unedle Organe getroffen würden. Auch im Ringe konnte ich beim Durchschneiden im inneren Hohlraum unterhalb des Steines etwa ein halbes Gramm Strychnin nachweisen. Dieses hatte wohl den Zweck, dem Attentäter im Falle der Verhaftung die Möglichkeit zu geben, sich durch Vergiftung der gerichtlichen Strafe zu entziehen.
Die Feststellung, daß bei Attentaten vergiftete Revolverkugeln verwendet werden, sind aus diesem Grunde von Bedeutung - erklärt Prof. Wender - daß man rechtzeitig diesem Umstande die Aufmerksamkeit zuwenden sollte. In der Tat ist einige Jahre später bei einem Revolverattentat auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten in der Weltpresse die Frage aufgetaucht, ob nicht das Projektil vergiftet war. Ich habe damals im „Neuen Wiener Journal“ in einem Artikel ausgeführt, daß ich in meiner Praxis vergiftete Revolverkugeln feststellen konnte.“

Eine Kiste „Radieschen“
Ein anderes geplantes Attentat, das gegen den damaligen Reichskanzler Fürst Bismarck ausgeführt werden sollte, ist dem Professor Wender aus der Berliner Praxis in Erinnerung. „Ich war damals im gerichtschemischen Institute des Dr. Bein als junger Assistent tätig. Eines Tages überbrachte die Polizei ein geschlossenes Holzkistchen mit der Deklaration „Radieschen“, das durch die Post an den damaligen Reichskanzler Bismarck adressiert und in der französischen Stadt Orleans aufgegeben war. Man schöpfte Verdacht und ließ die Kiste im gerichtschemischen Institute untersuchen. Nach vorsichtiger Oeffnung der Kiste bemerkten wir zu unserem Erstaunen, daß der Inhalt nicht aus Radieschen, sondern aus einer primitiv konstruierten Höllenmaschine bestand, die mit Schwarzpulver gefüllt war. Wir konnten feststellen, daß das Pulver mit französischem Jagdpulver identisch war. Die Höllenmaschine war so konstruiert, daß bei unvorsichtigem Oeffnen eine Explosion unvermeidlich war. Es ist mir nicht bekannt, ob man den Aufgeber eruiert hat. Jedenfalls wurden diplomatische Verhandlungen zwischen Berlin und Paris eingeleitet, um den Absender festzustellen, da die Kiste auf französischem Boden aufgegeben wurde.
Diese Affäre hatte noch ein kurioses Nachspiel. Etwa ein Jahr später erhielt Professor Wender, der inzwischen nach Czernowitz zurückgekehrt war, vom Amtsgericht Berlin 1 alle Akten über den Fall zugeschickt, mit dem Ersuchen, sich als Außenstehender zu äußern, ob die Liquidation des Honorars für die chemische Untersuchung der Höllenmaschine nicht zu hoch bemessen sei. Professor Wender antwortete, daß mit Rücksicht auf die mit Lebensgefahr verbundene Untersuchung und den außerordentlich wichtigen Fall, das vom Institute gewünschte Honorar sogar als bescheiden anzusehen wäre.
Professor Wender öffnet zum Schlusse des Gespräches eine Tischlade, in der sich vergilbte Akten befinden, die er mir als „Beweisdokumente“ zeigen möchte, darunter die Kopie des Gutachtens über jene giftigen Kugeln, die für den Kaiser Franz Josef bestimmt waren …

(331029c4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 481, Dienstag, 31.10.33

Postby Klaus Binder on 30. October 2011, 19:30

Seite 1

Verbotene Versammlung der Sozialdemokraten [S. 1, links, Mitte]
Gestern sollte eine vom Czernowitzer sozialdemokratischen Gewerkschaftsbund einberufene Protestversammlung gegen die in Deutschland herrschenden Zustände stattfinden; die Polizei hatte die Abhaltung der Versammlung unter der Bedingung gestattet, daß nicht zum Boykott deutscher Erzeugnisse aufgefordert werde. Als dessen ungeachtet sowohl im Saale als auch vor dem Arbeiterheim Flugzettel zur Verteilung gelangten, die zum Boykott deutscher Waren und deutscher Erzeugnisse aufforderten, erschien eine große Anzahl von Cuzisten und Nationalsozialisten, um die Abhaltung der Versammlung zu verhindern. In Anbetracht der unruhigen Stimmung, die durch das Erscheinen der Cuzistengruppe entstanden war, veranlaßten Polizeiquästor Ghinea und Quästursekretär Dr. Kuczynski, die im Arbeiterheim mit einem großen Stab von Polizeifunktionären weilten, das Versammlungsverbot. Zur Aufrechterhaltung der Sicherheit wurde eine Kompanie Gendarmen zum Arbeiterheim beordert. Der Saal wurde geräumt, ohne daß es zu Störungen gekommen wäre. Bis in die späten Nachmittagsstunden durchzogen Militärpatrouillen die Stadt.

(331031c2)


Liberale proklamieren bürgerliche Resistenz [S. 1, unten, links]
Schonungsloser Kampf gegen die Regierung

Bukarest, 29. Oktober (Tel. des „Tag“). Gestern trat der Leitungsausschuß der liberalen Partei unter dem Vorsitz Ducas zusammen. Es wurde der Beschluß gefaßt, mit allen Mitteln die Regierung zu bekämpfen.
Nach der Sitzung wurde folgendes Kommunique ausgegeben:
Es wird festgestellt, daß die allgemeine Situation des Landes sich immer mehr verschlechtert, und daß die nationalzaranistische Regierung die Staatsinteressen gefährde, indem sie weder die erforderliche Autorität besitzt, noch die Unterstützung der brauchbaren Kräfte verzeichnen kann. Die Regierung wird von keiner Einheit geleitet. Unter diesen Umständen wird die Eröffnung der gesetzgebenden Körperschaften als Provokation des gegenwärtigen Regimes angesehen.
Durch die Zersplitterungen innerhalb der Partei ist die Parlamentsmehrheit zerstört und sie stellt nicht mehr den legalen Willen des Landes dar.
Es wird weiter festgestellt, daß die Parlamentsmehrheit ein anderes Programm durchführen will, als sie es während der Wahlen ausgearbeitet hat. Dadurch würde das Mandat der Wähler verletzt sein. Der Konflikt zwischen Minister und Deputierten kann nur durch Auflösung des Parlamentes und Ausschreibung von Neuwahlen gelöst werden. Angesichts dieser Tatsachen beschließt der Leitungsausschuß:

Die Parlamentarier, die Mitglieder der liberalen Partei sind, werden an den Parlamentsarbeiten nicht teilnehmen. Sie werden nur in der Kammer und im Senat verbleiben, um dem Lande die Illegalitäten, die Mißbräuche und das gefährliche Zerstörungswerk der nationalzaranistischen Partei zur Kenntnis zu bringen.

Der Leitungsausschuß der Liberalen proklamiert „die bürgerliche Resistenz gegen die Regierung“ und beruft das Zentralparteikomitee zu einer Beratung ein, um über die Mittel zur Durchführung dieses Beschlusses zu beraten.

Schließlich wird die große Volksversammlung für den 15. November, den Tag der Parlamentseröffnung, einberufen.

(331031r1)


Das große weltpolitische Ereignis: [S. 1, oben, rechts]
Litwinow auf dem Wege nach Washington
(Von unserem Genfer Korrespondenten)

Litwinow ist auf dem Wege nach Washington. Die Sowjetpresse feiert die Einladung der Amerikaner als einen großen diplomatischen Erfolg.
Das ist er zweifellos, schon deswegen, weil Amerika von Rußland gar nichts, Rußland aber von Amerika sehr viel erwarten kann. Es ist bekannt, daß die Sowjets sich seit sehr langer Zeit um die Anerkennung durch Amerika bemühten, ohne daß es ihnen während der Herrschaft der Republikaner in Washington gelungen wäre, die Angelegenheit auch nur um den kleinsten Schritt vorwärtszubringen. Im Grunde war die Frage der Anerkennung seit dem Augenblicke von sekundärer Bedeutung, indem man der russischen Handelsgesellschaft Amtorg bei ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit in Amerika keine Hindernisse mehr bereitete und die Hoffnung auf große amerikanische Kredite nicht aus politischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben war. Praktisch hätte die Anerkennung an dem bestehenden Zustande kaum etwas geändert, und daß Hoover sie immer konsequent ablehnte, war eher ein Ausdruck der Politik starrer außenpolitischer Ueberlieferung als Folge einer konkreten politischen Ursache. Das demokratische Regime hat in dieser Beziehung eine Aenderung, wenn auch bisher keine allzu weitgehende, gebracht. Etwas mehr Sympathie für Rußland gehörte schon zu den Nebenpunkten der Rooseveltschen Wahlpropaganda, und der Abschluß von Handelsgeschäften mit der USSR zu dem Programm des Farmboards seit Roosevelts Regierungsantritt. Die erste praktische Entscheidung ist vor einigen Wochen getroffen worden, als ein größerer Posten Baumwolle an Rußland auf Kredit geliefert wurde. Der Kreditgeber war in diesem Falle der amerikanische Staat. Es ist sehr leicht möglich, und sogar wahrscheinlich, daß die Fortsetzung solcher Kreditgeschäfte einer der Gegenstände und der Anlässe der bevorstehenden Konferenz sein wird, die, wie man sich in Washington zu bemerken beeilt, noch immer keine formelle Anerkennung Rußlands bedeutet.
So gut der Schuldner Rußland in die Konzeption der augenblicklichen amerikanischen Wirtschaftspolitik auch hineinpaßt, so können Baumwollgeschäfte, und wenn es auch die größten und riskantesten sind, den demonstrativen Charakter der jetzt arrangierten Konferenz nicht erklären. In einer Zeit, in der politische Konferenzen offiziell mit Vorliebe als wirtschaftlich bezeichnet werden, ist es zum mindesten unwahrscheinlich, daß eine Unterhaltung, die nicht einmal in der Sprache der Diplomatie „wirtschaftlich“ heißt, in Wirklichkeit sich ausschließlich mit Baumwolle und ähnlichem beschäftigen sollte. Darum schließt die ganze Welt übereinstimmend auf Japan als die eigentliche Ursache der Fühlungnahme von Washington. Der Geist der japanischen Politik, und noch mehr ihre Praxis, ist für alle Länder, die in wirtschaftlicher oder politische Berührung mit Japan stehen, seit Jahren eine Quelle steter Beunruhigung. Nach der praktischen Unterwerfung des größten Teils von China, wachsen von Tag zu Tag die Spannungen mit dem nächstbenachbarten Rußland, verschärfen sich auch die Beziehungen mit dem großen Gegenüber am Stillen Ozean, den Vereinigten Staaten. Rußland fürchtet für Sibirien, Sachalin und Kamtschatka, die Vereinigten Staaten, deren Handel in China bereits empfindlich getroffen ist, fürchten einen weiteren Machtzuwachs des Reichs der aufgehenden Sonne, weil er den alten Schreckenstraum von dem Kampf um die Vorherrschaft am Stillen Ozean zwischen Weißen und Gelben zur Wirklichkeit machen kann. Die Spannung mit Amerika liegt in der Luft und äußert sich praktisch vorläufig nur in dem Wettrüsten der beiden Staaten zur See. Die japanische Spannung mit Rußland hat viel gefährlichere Formen angenommen, immer wieder erreicht sie Grade, bei denen man ernstlich Explosionen befürchtet. Dabei ist Rußland der schwächere Gegner, nicht nur schwächer als Amerika, sondern militärtechnisch und strategisch Japan im Fernen Osten unterlegen. Seit Monaten bemüht es sich mithin um die Unterstützung der Westmächte in seinem ungleichen Kampf. Bisher hat es nicht allzuviel erreichen können, da das Mittel diplomatischer Vorstellungen im Falle Japans wirkungslos geworden ist. Solche Verhandlungen sollen, ohne daß man von ihnen viel erfahren hätte, im August mit Frankreich geführt worden sein, wahrscheinlich auch mit Amerika. Die jetzige Geste Roosevelts ist wohl eine entgegenkommende Antwort darauf, die Japan um so mehr zu denken geben sollte, als die Interessen der beiden Länder, die sich in Washington bald an den Konferenztisch setzen werden, am Stillen Ozean wirklich die gleichen sind.

(331031w1)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Amtorg_Trading_Corporation
http://de.wikipedia.org/wiki/Maxim_Maxi ... h_Litwinow



Seite 2

Adolf Allerhand zu Grabe getragen [S. 2, Mitte, links]
Das Leichenbegängnis des hochangesehenen und allseits geschätzten Kaufmanns Adolf Allerhand fand gestern, Sonntag um 1/2 11 Uhr vormittags, vom Trauerhause, Korngasse, aus statt. Eine unübersehbare Menschenmenge folgte dem Trauerzuge bis zum Friedhof. Das beweist, welcher Popularität und Achtung sich der Verstorbene erfreute. Am offenen Grabe sprach Oberrabbiner Dr. Mark, der in zu Herzen gehenden Worten die Verdienste des Verstorbenen würdigte. Der frühere Abgeordnete Dr. Straucher hob in seiner Trauerrede hervor, daß Adolf Allerhand seinen Freunden, seinen Mitmenschen, und allen, die ihn kannten, Treue bis zum Grabe gehalten habe. Es sprach auch ein aus Bukarest delegierter Vertreter der Firmen „Savoya“, Oelfabrik Phönix und Schicht-Aussig. Vor dem Eingang in den Friedhof nahm K. R. Dorreger als Präsident des Handelsgremiums von seinem engsten und treuen Mitarbeiter in bewegten Worten Abschied.
Mit Adolf Allerhand ist ein Stück Alt-Czernowitz zu Grabe getragen worden.

Spende. Aus Anlaß des Ablebens des Herrn Adolf Allerhand hat die Familie Allerhand-Burstyn den Betrag von 2000 Lei für den Neubau des jüdischen Spitales gespendet, wofür den geehrten Spendern seitens des Präsidiums der jüdischen Gemeinde hiemit der aufrichtigste Dank ausgesprochen wird.

(331031t2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male


Return to 1933

Who is online

Users browsing this forum: No registered users and 1 guest

cron