09_1933 (Nr. 432 bis Nr. 456)


Nr. 432, Freitag, 01.09.33

Postby Klaus Binder on 1. September 2011, 00:16

Seite 1

Leitartikel
Duell Maniu-Vaida [S. 1, oben, rechts]
Der Zweikampf zwischen den beiden führenden Persönlichkeiten der nationalzaranistischen Partei, Maniu und Vaida, ist bereits im Gange. Die Vorgeplänkel dauern seit Monaten an. Deutlicher gesprochen: seit dem Tage, da Maniu und Mihalache von der Regierung zurückgetreten sind und Vaida an Stelle Manius getreten ist. Maniu war der scheinbar Besiegte, er tröstete sich zuerst mit einer Reise an die Riviera und dann zog er sich in den Schmollwinkel zurück. Mihalache hatte starke Nerven, er hatte das Band zur Parteileitung, demnach zur Regierung nicht ganz zerrissen. Es war eine Art Kompromiß geschlossen. Mihalache war als offizieller Delegierter Rumäniens bei der Abrüstungskonferenz in Genf und weilte dann als Beobachter bei der Weltwirtschaftskonferenz in London, seine Besprechungen mit Hitler in Berlin waren aber schon ein Seitensprung. Das Verhältnis zwischen Maniu auf der einen Seite und Mihalache auf der anderen Seite zu Vaida war eine Zeit lang, wie man hier sagt, leidlich geblieben. Grau in Grau, nicht heiß und nicht kalt, sondern bloß toleriert, damit nach außenhin die nationalzaranistische Regierung sicher auftrete und ihr Pensum absolviere. Die Einflüsse von oben stärkten noch dieses Verhältnis.

Doch zu tief war der von Vaida und seiner Umgebung gebohrte Stachel im Herzen Maniu’s sitzen geblieben. Maniu verstand aber zu schweigen; man sprach über ihn, man schrieb über ihn, man munkelte, aber Maniu schwieg. Maniu hat sozusagen ein Preisrätsel ausgesetzt, warum er trotz der gegen ihn gerichteten konzentrischen Angriffe schwieg. Eine höhere Gewalt stand, so ahnte man, dahinter, aber wie es im Leben immer ist: weil er schwieg, reizte er die Führer der gegen ihn gerichteten Offensive. Im Seletzkiprozeß fiel die Entscheidung, wonach nunmehr der Schlußpunkt für das Schweigen gesetzt werden müsse. Maniu wurde der Korruption, der Annahme von Bakschisch verdächtigt und die Regierung hatte viele Tage geschwiegen, ohne ein energisches Veto gegen die Beschuldigung einzulegen. Erst der „Patria“-Artikel schuf eine neue Situation um Maniu. Auch Mihalache trat mit eigenen Plänen heraus, die gegen das Vaidasystem gerichtet sind. Nämlich jenes System, das sich gar nicht um die neuzeitlichen Begriffe kümmert, sondern vielmehr in vielen Farben zu schillern scheint, vor allem demokratisch, aber im Grunde genommen reaktionär mit hitlerischer Färbung. Und auch die im Niveau herabgesetzte Wirtschaft spielte ihm einen Streich, das Transfermoratorium fand die Opposition des Auslandes, vor allem Frankreichs. Man kleisterte noch, man suchte die in der Partei eingetretenen Sprünge zu verdecken, aber der Gegensatz war schon so groß geworden, daß man heute selbst einem offiziellen Dementi Tilea’s nicht mehr glaubt. Wie ein Bukarester Blatt richtig sagt: in Badacin wird das Damoklesschwert über Vaida geschwungen. Das Schicksal Vaidas bereitet sich vor. Die parlamentarische Opposition hat es fast nicht mehr notwendig, ein schweres Artilleriefeuer gegen die Regierung zu eröffnen, sozusagen ein scharfes Finish laufen zu lassen. Von Badacin rollt die Lawine heran. Vaida ist bereits verletzt. Er wehrt sich kaum. Noch ein Schuß - der Schuß von Badacin wird ihn niederstrecken.
Vaida’s Tage sind gezählt.
Y.

(330901r1)


Seite 2

Offert-Ausschreibung für öffentliche Plakatierungen [S. 2, oben, Mitte]
Ein Beschluß des Stadtrates

Unter dem Vorsitz des Vizebürgermeisters Kaczmarowski-Weiser fand Mittwoch vormittags eine Stadtratssitzung statt, in der laufende Angelegenheiten erledigt wurden. Es wurde der Beschluß gefaßt, für die öffentliche Plakatierung auf 60 Plätzen eine öffentliche Offertausschreibung zu veranlassen, da dem Reklamebüro „Standard“ das Ansuchen um Exploitierung dieser Plätze mit der Begründung abgelehnt wurde, daß diese Plätze nur im Offertwege vergeben werden. An der Offertausschreibung kann sich auch dieses Reklamebüro beteiligen. Die Bedingungen für die Teilnahme an der Offertausschreibung wurden vom Stadtrat fixiert und können beim Referenten eingeholt werden.
Es wurde hernach die Situation des Wasserwerkes Mahala geprüft. Bekanntlich wurde im Jahre 1927 ein Dieselmotor zur Erzeugung von Strom eingestellt. Die hiezu eingesetzte Kommission, bestehend aus den Stadträten Zawada und Dr. Rosenzweig, stellte fest, daß das Wasserwerk von Mahala den Strom für städtische Unternehmen nicht allein erzeugt, sondern nur einen Teil, während der Rest des Stromes dem Elektrizitätswerk entnommen wird, da das Wasserwerk Mahala nicht allein in der Lage ist, diesen Strom zu erzeugen.
Die Kommission stellte weiter fest, daß der Strom des Wasserwerkes Mahala viel billiger ist als dieser des Elektrizitätswerkes. Während die Stadtgemeinde dem Wasserwerk Mahala für ein Kilowatt Strom 1 Leu 80 Bani zahlt, muß dem Elektrizitätswerk 2.40 Lei per Kilowatt bezahlt werden. Dadurch ergibt sich eine Differenz von mehreren hunderttausend Lei. Es wurde daher der Beschluß gefaßt, dem Elektrizitätswerk zur Kenntnis zu bringen, daß die Stadtgemeinde nicht in der Lage sei, für den Strom mehr zu zahlen als 1.80 per Kilowatt, die gleiche Taxe, wie sie vom Wasserwerk festgesetzt wurde. Nach einem Bericht des technischen Referenten, Oberrat Ingenieur Möbius wurde der Beschluß gefaßt, die budgetäre Frage dieser Angelegenheit der Finanzkommission zur Erledigung zu überweisen.
Der Stadtrat erteilte zum Schluß mehrere Baubewilligungen, unter diesen auch eine für die Ausführung des dem Herrn Weißelberger gehörenden Baues in der Franzensgasse gegenüber dem Tempel.
Die nächste Stadtratssitzung findet kommenden Mittwoch statt.

(330901c2)


Seite 4

Die Hiterlerbewegung in Rumänien [S. 4, Mitte]
Eine französische Pressestimme

Paris, 30. August (Tel. des „Tag“). „Le Temps“ veröffentlich einen langen Bericht seines Bukarester Korrespondenten über die Lage Rumäniens.
Unter anderem befaßt sich der Bereicht mit der hitlerischen Bewegung in Rumänien und gibt mit Genugtuung die Erklärungen, die Grigore Junian in Medias machte, wieder, wonach in Rumänien keine wie immer geartete Annäherung des deutschen Hitlerismus und dem Rumäniens vollzogen werden könne und daß sowohl der Hitlerismus als auch der Kommunismus Bewegungen seien, die der rumänische Volksseele durchaus fremd sind und daher niemals in Rumänien Aufnahme finden können. „Trotzdem“, schreibt „Le Temps“, müssen wir auf der Hut sein und diese Annäherungsbestrebungen an Deutschland aufmerksam verfolgen, damit sie nicht an Boden gewinnen. Die Propagandamethoden des Hitlerismus sind geeignet, Frankreich zu beunruhigen. Es ist bekannt, daß diese Bewegung um Zelea Codreanu, der seine staatsmännische Laufbahn mit einem politischen Mord begonnen hat, gruppiert ist.“


Hitleristische Umtriebe auch in der Czechoslowakei [S. 4, Mitte, unten]
Prag, 30. August (Tel. des „Tag“). Die Polizei von Morawska Ostrawa nahm die Verhaftung eines tschechischen Staatsbürgers deutscher Nationalität vor, der sich im Juni nach Deutschland wandte und mehrere Monate bei den Hitleristischen Truppen gedient hat.
Wie die Presse im Anschluß daran mitteilt, soll in Deutschland eine hitleristische Legion, die aus Deutschen mit tschechischer Staatsbürgerschaft besteht, existieren.
In Morawska Ostrawa sind zur Zeit mehrere rassistische Agitatoren in Haft, unter ihnen ein junger Mann, der nachgewiesenermaßen als Geheimkurier zwischen den antisemitischen deutschen Formationen und der Hauptorganisation der deutschen rassistischen Partei in der Czechoslowakei gewirkt hat.


Neue Verhaftungen in Deutschland [S. 4, Mitte, unten, rechts]
Berlin, 30. August (Tel. des „Tag“). Die Polizei von Worms teilte mit, daß eine größere Anzahl Juden in das Konzentrationslager in Osthofen geschafft worden ist; diese Maßnahme soll eine Repressalie gegenüber einer in einer ausländischen Zeitung veröffentlichen Information darstellen, wonach 300 dort internierte Juden eine unmenschliche Behandlung zu erdulden hatten.
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http://www.projektosthofen-gedenkstaette.de
http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Osthofen Dort liest man: „Die in Mainz geborene deutsche Jüdin Anna Seghers setzte dem Konzentrationslager Osthofen in ihrem im Pariser Exil geschriebenen und in Mexiko 1942 erstveröffentlichten weltbekannten Roman Das siebte Kreuz ein literarisches Denkmal.“



Reichsparteitag der N.S.D.A.P. in Nürnberg [S. 4, unten, Mitte]
Berlin, 30. August (Tel. des „Tag“). Heute fand die Eröffnung des ersten Reichs-Parteitages der Nationalsozialisten im großen 600 Jahre alten Saal des Rathauses statt. Am Reichsparteitag nahmen die Mitglieder der Reichsregierung mit dem Führer an der Spitze, die Reichsstatthalter und Alfred Rosenberg teil. Als der Führer, begleitet von seinen Parteianhängern, um 9 Uhr im Saale erschien, wurde er von Fanfarenklängen begrüßt. Die Feier wurde durch alle Kirchenglocken eingeläutet. Der Oberbürgermeister Liebel begrüßte den Führer mit einer Ansprache, in der er unter anderem sagte:
Die Stadt Nürnberg erachtet sich als glücklich, in ihren historischen Mauern, in denen im Jahre 1649, nach dem großen dreißigjährigen Krieg, die führenden Staatsmänner gesessen sind, den ersten Reichsparteitag des neuen Reiches abgehalten zu sehen. Redner verweist auf die geschichtliche Bedeutung dieser Stadt, die Zeugin historischer Ereignisse war. Zum Gedenken an den ersten Parteitag beschloß der Rat der Stadt Nürnberg, ihrem Führer Adolf Hitler einen Kunstschatz, und war den berühmten Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“, der im Jahre 1513 von Albrecht Dürer gestochen wurde und mit seinem Signum versehen ist, in Anerkennung der Verdienste um die nationale Bewegung zu schenken. Der Oberbürgermeister schloß mit einem Willkommen in der Stadt der Meistersinger, in der Stadt eines Dürer, Hans Sachs und anderer historischer Persönlichkeiten.
Die Ausführungen wurden vom Deutschlandlied, welches von einem Frauenchor gesungen wurde, begleitet.
Hierauf erwiderte Hitler in einer kurzen Ansprache.
Der Frauenchor brachte zum Schluß der Eröffnungsfeier das Horst-Wessel-Lied zum Vortrag.
Der Parteitag wird die ganze Woche fortgesetzt. Ueber Einladung der Reichsregierung nehmen 20 Gesandte und 11 Geschäftsträger, die sich morgen mit einem Separatzug nach Nürnberg begeben, am Parteitag teil.

(330901w4)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Ritter,_Tod_und_Teufel (Dort wird nur das Werk beschrieben. Daß es dem Hitler geschenkt wurde, erfährt man in diesem Artikel -noch- nicht.)
Klaus Binder
 
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Nr. 433, Samstag, 02.09.33

Postby Klaus Binder on 2. September 2011, 07:27

Seite 1

Auslandsgläubiger wollen nicht verhandeln [S. 1, Mitte, links, oben]
Grund: das Transfermoratorium

Paris, 31. August. „Financial News“ melden aus London, daß die Zusammenkunft der rumänischen Delegierten mit den Vertretern der ausländischen Kreditorenvereinigungen nicht stattfinden wird. Diese Vereinigungen glauben, daß die Zusammenkunft keinen Zweck habe und informierten auch die rumänische Regierung in diesem Sinne. Die französischen Kreditoren weigern sich mit den rumänischem Delegierten zu verhandeln, bis nicht das Dekret über die Suspendierung des Transfers zurückgezogen wird.
Die Kreditorenvereinigungen aus England, Amerika, Deutschland und der Schweiz schließen sich der These der Franzosen an, obwohl gewisse Kreise feststellen, daß das Nichtstattfinden der Zusammenkunft gar keinen Einfluß auf ein Uebereinkommen haben kann, das eventuell durch Vermittlung des Völkerbundes zustande käme.

(330902r1)


Theodor Lessing von Nazis ermordet [S. 1, unten, rechts]
Prag, 31. August (Tel. des „Tag“). Aus Marienbad kommt Nachricht, daß dort der Universitätsprofessor Theodor Lessing einem Mordattentat, das aller Wahrscheinlichkeit nach von Nationalsozialisten verübt wurde, zum Opfer gefallen ist.
Professor Theodor Lessing, der jahrzehntelang in Hannover wirkte, war in den letzten Monaten den Verfolgungen der Nationalsozialisten ausgesetzt, da er sich mit großem Eifer für den verhafteten Herausgeber der „Weltbühne“, Curt von Ossietzki, eingesetzt hatte. Professor Lessing, der Jude war und dem es die Nazi nicht verzeihen konnten, daß er die Soldaten als Mörder bezeichnete, wurde die Ehre zuteil, daß seine Schriften dem Scheiterhaufen überliefert wurden. Seit einigen Monaten lebte Lessing als Emigrant in Prag.

In Theodor Lessing verliert die Menschheit einen der originellsten Geister. Er war Philosoph, Kulturpolitiker, Naturapostel, ein Mann, der der Tagespolitik gänzlich fern stand, und ein Rufer in der Wüste, der sich mit Feuereifer für ein ideales Weltbild, das nur in seinen Träumen lebte, durchsetzte. In Hannover hat er jahrzehntelang gemeinsam mit seiner Frau die Volkshochschule geleitet, die er größtenteils aus eigenen Mitteln subventionierte.

(330902w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Lessing


Reichsminister a. D. Hermes unter Anklage [S. 1, unten, rechts]
Berlin, 31. August (Tel. des „Tag“). Die Staatsanwaltschaft hat gegen den ehemaligen Minister Hermes, den Präsidenten des Bauernreichbundes, wegen fortgesetzter Untreue die Anklage erhoben.

(330902w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Hermes


Seite 2

Schrecklicher Autounfall [S. 2, unten, links]
Ein Kaufmann aus Sereth getötet

Heute ereignete sich auf der Strecke Radautz-Solca ein schrecklicher Autounfall, dem folgende Begleitumstände zugrundeliegen:
Der auf der Strecke Radautz-Solca verkehrende Autobus No. 77, welcher vom Chauffeur Abraham Rosner gelenkt wurde, stürzte bei der Ueberfahrt auf der Brücke zwischen Glit und Dealul Ederei einen Abhang herunter, da die schwach gebaute Holzbrücke knapp bei der Ueberfahrt einstürzte. Zwei Passagiere, und zwar der Kaufmann Hersch Merdler aus Sereth und Israel Saver aus Radautz wurden schwer verletzt in das Radautzer Spital überführt. Der Kaufmann Merdler ist zwei Stunden nach der Einlieferung den Verletzungen erlegen.

(330902t2)


Die Situation in der jüdischen Kultusgemeinde [S. 2, Mitte, oben, links]
„Glasul Bucovinei“ schreibt unter dem Titel: „Was geht in der jüdischen Kultusgemeinde vor?“ Der bekannte Politiker Dr. Straucher führt schon seit drei Jahren eine Kampagne gegen die jüdische Kultusgemeinde, respektive gegen den Präsidenten Dr. Gutherz, dem schwere Verfehlungen vorgeworfen werden. Wir haben nicht die Gewohnheit, uns in Angelegenheiten, die unsere Mitbürger anderen Glaubens angehen, zu mengen. Die jüdische Kultusgemeinde ist aber eine öffentliche Institution. Wenn die Anschuldigungen des Dr. Straucher der Wahrheit nicht entsprechen, warum werden die Gerichtsbehörden nicht wegen Verleumdung angerufen? Die Entschuldigung, daß man gegenüber einem alten Mann diesen Weg nicht beschreiten dürfe, ist deplaziert. Wenn aber nur etwas von den Anschuldigungen wahr ist, warum greift nicht das Kultusministerium ein, um den Skandal in der jüdischen Gemeinde zu beenden. Es sind dies einfache Fragen, auf die rasch geantwortet werden muß.

(330902c)


Besuch zweier ausländischer Professoren in Czernowitz [S. 2, Mitte, links]
Wie der „Tag“ bereits vor einigen Wochen berichten konnte, treffen am 2. September zwei bedeutende Persönlichkeiten, hervorragende Vertreter der medizinischen Wissenschaft, in Czernowitz ein: Professor Dr. Petro [Pietro] Capparoni aus Rom und Professor Dr. Laignel-Larastine [Laignel-Lavastine] aus Paris. Dr. Petro [Pietro] Capparoni ist Universitätsprofessor, Direktor des Museums für geschichtliche Medizin in Rom und der Zeitschrift „Dell’ Istotute Storice Italiane dell’ Arte Sanitaria“. Dr. Capparoni begnügte sich nicht allein mit seiner chirurgischen Tätigkeit, er unternahm mehrere Studienreisen, die ihn in alle fünf Kontinente führten; im Jahre 1897 weilte er in Bombay, um gemeinsam mit Professor Haffkin [Haffkine] das Wesen der Pestepidemie zu studieren. Im Jahre 1911 verließ Dr. Capparoni die praktische Medizin und wandte sich dem Studium der Geschichte der Medizin zu, in der er bald eine führende Stellung einnahm. Professor Capparoni, der im Alter von 65 Jahren steht, wurde Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für medizinische Geschichte, Präsident des Kongresses in Rom (1930) und Ehren-Vizepräsident des Internationalen Kongresses in Bukarest (1932). Er ist ferner Ehrenmitglied der königlich rumänischen Gesellschaft für medizinische Geschichte. Professor Dr. Laignel-Larastine [Laignel-Lavastine] ist ein bewährter Freund Rumäniens und seine Brust ist mit den rumänischen Auszeichnungen „Meritul Sanitar“, „Meritul cultural“ und „Steaua Romaniei“ geschmückt. Der Gelehrte weilt nun zum dritten Mal in Rumänien; er ist Professor der medizinischen Geschichte an der Pariser medizinischen Fakultät und genießt als Nervenspezialist und Arzt am Pitié-Spital bedeutenden Ruf. Ueberdies ist der überaus vielseitige Gelehrte auch vielfach schriftstellerisch hervorgetreten. Sein Besuch gilt zunächst den Klöstern der Bukowina und der Moldau (gemeinsam mit Dr. Gomoiu); am 8. September wird er dann im Rahmen der Rumänischen Gesellschaft für medizinische Geschichte, deren Ehrenmitglied er ist, einen Vortrag in Bukarest halten.

(330902c)
Klaus Binder
 
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Nr. 434, Sonntag, 03.09.33

Postby Klaus Binder on 3. September 2011, 01:50

Seite 2

Austausch der Nummernschilder [S. 2, Mitte, links]
Da die in der Sitzung der Interimarkommission vom 5. August 1932 zur Annahme gelangten Straßenbenennungen in Kraft getreten sind, ergeht seitens der Stadtgemeinde an die Hauseigentümer dieser Straßen die Aufforderung, innerhalb eines Monats die Nummernschilder entsprechend den neuen Straßenbenennungen auszutauschen. Auf den Nummernschildern, die der von der Stadtgemeinde angeordneten Type (16X16) entsprechen und aus Email angefertigt sein müssen, müssen nur die Hausnummern, nicht jedoch auch die Straßennamen ersichtlich sein.

(330903i2)


Die ukrainischen Parlamentarier beim Minister des Innern [S. 2, oben, Mitte]
Mittwoch, den 30. August, erschienen die ukrainischen Parlamentarier Senator Dr. Mayer-Michalski und der Deputierte Serbeniuk beim Unterstaatssekretär A. Calinescu und legten einen scharfen Protest gegen das Verbot des Trauergottesdienstes für die Opfer des bolschewikischen Terrors, als auch gegen das Verbot einer Protestversammlung gegen die bolschewistischen Greueltaten und die systematische Aushungerung der ukrainischen Bevölkerung in der Sowjetukraine ein und übergaben auch ein schriftliches Memorandum, in welchem sie den objektiven Tatbestand schildern und die Bestrafung der Schuldigen fordern. Unterstaatssekretär Calinescu erklärte, daß das Ministerium nur eine Straßendemonstration verboten habe, nicht aber die Protestversammlung und noch weniger den Trauergottesdienst.

Aus den Erklärungen des Unterstaatssekretärs geht hervor, daß das Verbot des Trauergottesdienstes und der Protestversammlung lediglich ein Willkürakt des Czernowitzer Präfekten Jacoban ist.

Gestern wurde seitens der Polizei das ukrainische Tagblatt „Czas“, welches einen Artikel über das Verbot der Protestversammlung enthielt, konfisziert und die Präventivzensur für die ukrainische Presse eingeführt.

(330903r2)


Seite 7

Die amerikanischen Juden [S. 7, links, Mitte]
und das Aufbauwerk in Palästina

Prag, 1. September. Ueber den Anteil der amerikanischen Juden an den humanitären und Palästinaaufgaben des Gesamtjudentums berichtet der Mitarbeiter der „Prager Presse“, Herr Abraham Goldberg, Mitglied der zionistischen Executive wie folgt:
In Amerika (Vereinigte Staaten) leben mehr als 4 Millionen Juden. In New York allein beträgt ihre Zahl beinahe 2 Millionen, in Chicago 300 000, in Philadelphia 250 000, die übrigen sind in kleinen und größeren Zentren vom Atlantik bis zum Pazifik zerstreut. In San Francisco und in Los Angeles leben je 50.000 Juden. In der Gesamtzahl sind alle Berufe vertreten. In New York allein gibt es an 250 000 jüdische Industriearbeiter, die vor allem in der Konfektion, aber auch im Baufach beschäftigt sind. Direkt und indirekt sind 90.000 Juden in der Landwirtschaft tätig. Es ist interessant, daß letzthin zur Lösung der Agrarfrage in den Vereinigten Staaten, nämlich Henry Morgentau jun., ein Jude, berufen wurde. Die Mehrzahl der Juden stammt aus Osteuropa und führt bei ausgesprochener Liebe zum neuen Vaterlande und bei vollem Verständnis für modernen Fortschritt und alle gemeinsamen bürgerlichen Aufgaben ihr eigenes jüdisches Leben in religiöser und nationaler Beziehung. Einen Beweis liefern Hunderte von Synagogen, Tempeln und Schulen in New York, wo es 10 große jüdische Theater gibt. Es erscheinen dort abgesehen von anderen jüdischen Zeitungen drei große jüdische Tageszeitungen mit einer Auflage von insgesamt 350.000 Exemplaren.
Die Mehrzahl der amerikanischen Juden bilden die Söhne und Enkel einer in Osteuropa im 19. Jahrhundert unterdrückten jüdischen Generation. Dies ist nebst dem freiheitlichen amerikanischen Milieu der Hauptgrund, warum die amerikanische Judenheit ein so großes Interesse für die soziale und wirtschaftliche Lage der in Europa bedrohten Juden und für die jüdische nationale Wiedergeburt an den Tag legt. Vor dem Kriege äußerte sich diese Teilnahme in jeweiligen Sammlungen, die zum Beispiel für die Opfer in Kischinew drei Millionen Dollar eintrug und in regelmäßiger Unterstützung von Familienangehörigen. Nach Kriegsausbruch wurde das bekannte „Joint Distribution Committee“ in Europa unter dem Namen „Joint“ bekannt, welches seit dem Jahre 1915 bis heute ungefähr

80 Millionen Dollar aufgebracht,
die für das humanitäre und soziale jüdische Hilfswerk in Europa verwendet wurden. Das Aufbauwerk Palästinas wurde dabei nicht vernachlässigt. Abgesehen von Nationalfondssammlungen haben die Vereinigten Staaten für den Keren Hajessod (Aufbaufonds) von den in Palästina angewendeten 5 Millionen Pfund beinahe die Hälfte aufgebracht. Das jüdische Sanitätswesen in Palästina, Spitäler, Ambulatorien, Dispensarien sind zum größten Teile das Werk der amerikanischen zionistischen Frauenorganisation Hadassah, die 40.000 Mitglieder zählt. Die Kolonien Hezlia, Saanane, Val-foria und die Stadt Afuteh sind von den Amerikanern gegründet worden. Hiezu kommen noch andere Gründungen privatwirtschaftlicher Natur, großartige Stiftungen für die hebräische Universität und andere kulturelle Zwecke.
Diese Tätigkeit hat infolge der allgemeinen Krise in den letzten drei Jahren eine gewisse Einbuße erlitten. Noch im Jahre 1929 wurden in Amerika vier Millionen Dollar für die Wiedergutmachung der durch die Araberunruhen verursachten Schäden aufgebracht. Die Verhältnisse bessern sich bereits und es ist zu hoffen, daß wir infolgedessen unsere alte Rolle bald wieder aufnehmen werden.
Die zionistische Idee ist seit dem Rechtsbruch in Deutschland ungemein erstarkt. Die Protestbewegung beschränkt sich nicht auf Juden, sondern sie wird von der Allgemeinheit, besonders auch von den protestantischen und katholischen Kreisen geführt. Die Erbitterung der Juden in Amerika ist groß und wird sich ohne Unterschied der politischen und religiösen Einstellung nicht eher legen, bis das Unrecht gutgemacht ist.
Vorläufig werden alle Energien auf die Durchführung des Palästinagedankens konzentriert. Der Prager Zionistenkongreß hat in diesem Zusammenhange eine historische Aufgabe zu erfüllen.
Wir amerikanische Zionisten, die wir Gelegenheit hatten, den Kampf des tschechoslowakischen Volkes um die Selbständigkeit während des Krieges mit werktätigen Sympathien zu verfolgen, fühlen uns glücklich, daß der Kongreß in der Hauptstadt einer Republik stattfindet, wo wirkliche bürgerliche Freiheit herrscht. Wir haben Tage herzlicher Gastfreundschaft genossen und werden mit wohltuenden Eindrücken an dieses schöne und gerechte Land zurückdenken.

(330903w7)

Kleines Feuilleton
Jüdisches Theater [S. 7, unten, links]
Sidy Thal und ihre Konkurrenz: das Wunderkind Seidy

Sidy Thal spielt eine neue Rolle: Chancie. Wen bezeichnet man im landläufigen Sine als Chancie: das nachlässige Judenmädchen, das nichts von der modernen Kultur geleckt hat, zurückgeblieben im Urzustand der Erziehung, verschlammt, zuweilen verkommen, mit einem Wort eine, die nichts auf sich gibt, aber nicht deshalb, weil sie keinen Sinn für ein sauberes Gesicht und schönes Kleid hat, sondern weil die Sorgen der Familie so mächtig das Haus drücken, daß für Erziehung und Kultur nichts mehr übrig bleibt.
Und trotzdem steckt in mancher Chancie - mit Unrecht zum Spottnamen für Ghettojüdin geworden - ein Kern von Talent, so manche Chancie, durch Zufall in ein gutes Haus gebracht oder in gute Gesellschaft, oder in die Stadt, kann sich schnell äußerlich und innerlich umgruppieren, und was einmal Chancie war, ist in paar Monaten bei Schulung und Disziplin eine moderne Frau geworden. So einen Typ stellt Sidy Thal im Goldfadentheater dar, den Aufschwung von der Chancie des Ostens Europas zur mondänen Amerikanerin.
Die Geschichte, die sie in der Darstellung wiedergibt, ist nicht neu.
Armes Russenmädchen schuftet in Arbeit und Familiensklaverei; ein junger Mann, gleichkalibrig, wirbt um sie. Aber auf einmal wird er durch eine „Mitgift“ abspenstig gemacht und läßt Chancie sitzen. Das wird ihr Glück. Sie hat Courage, die Zunge am richtigen Fleck, sie hat Naturhumor und ist lebenslustig. Sie wandert nach Amerika. Echt amerikanisch ist ihre Umstellung um Chauffeur! Kurz und gut, die amerikanische Chancie versteht es, sich durchs Leben durchzuringen und einen eleganten und modernen Mann zu kappern [kapern].
Wie das Sidy Thal macht, die Wanderung durch die vielen Etappen vom Ghetto bis New York, das ist seltene Kunst einer guten, mit Humor ausgestatteten Schauspielerin.
Selbstverständlich steht und fällt das Stück mit dieser Rolle. Das Virtuosentum der Soubrette Sidy Thal meistert die Chancie, und eine Szene nach der anderen reiht die Künstlerin - wie ein Kabinettstück schauspielerischer Darstellungsgabe an das andere.
So haben wir wieder eine neue Rolle der Sidy Thal kennen gelernt. Es ist bereits bei der ersten Besprechung die Gestaltungskraft und Charakterisierungsfähigkeit der Künstlerin gewürdigt worden. Mit dieser Chancie bringt sei eine Figur, die in das ureigene Fach der Soubrette Sidy Thal gehört, kein außerordentliches Experimentierkunststück, sondern eine echte, flotte und fesche Soubrettenrolle, die nur die Fortschritte innerhalb ihres Faches beweist.

*
Im zweiten jüdischen Theater wird, gleichsam als Konkurrenzstück, der Sidy Thal eine Neunjährige, also ein Kind, gegenübergestellt. Man spricht von ihr, sie wird als Soubrette a là Mali Picon oder Nelly Keßmann angekündigt. Sie heißt Seidy Glück. In der letzten Rolle, die sie hier spielt, gibt die Neunjährige eine Hosenrolle, aber nicht eine Kinderrolle, sondern sie spielt einen echten Liebhaber und ihr Partner, besser gesagt sein Partner, denn die kleine Seidy ist ein junger Mann, der auf hitzige Liebesabenteuer ausgeht, ist eine dreiundzwanzigjährige oder fünfundzwanzigjährige Frau. Zu solchen extremen Mitteln darf die Kunst aus Geschäftsgründen nicht greifen. Die kleine Seidy ist sicher talentiert, vielleicht auch ein Wunderkind, aber aus dem Munde einer Neunjährigen scharfgewürzte Liebesworte zu hören, die kaum eine Zwanzigjährige aussprechen darf, das vertragen doch nicht unsere Ohren. Denn man möchte das Kind als Kind sehen: nenisch-naiv, harmlos, Kinderhumor, Kindertanz, Kindesworte, was dem Ohre gefällt und dem Auge zuträglich ist, aber nicht gewaltsame Exzesse der Schauspielkunst, die auch fürs jüdische Theater nicht passen. Und wenn gar dann diese kleine und herzige Seidy künstlerisch mißbraucht wird, dann tut es leid, weil vielleicht ihre künstlerische Entwicklung gefährdet ist. Wir haben zwei jüdische Theater, und man sieht einen Soubrettenkampf; aber es ist nur ein Kampf der Propagandamittel. Und es wäre besser, die Seidy Kind bleiben zu lassen, anstatt mit falschen Mitteln sie der Sidy Thal als falsche Konkurrentin gegenüberzustellen.
Fango

(330903c7)


Seite 8

Storozynetz. (Todesfall) [S. 8, unten, rechts]
Die Stadt Storozynetz hat einen unersetzbaren Verlust erlitten. Der hierortige Restaurateur Mendel Mauler ist Montag nachts im Alter von 65 Jahren auf tragische Art vom Tode dahingerafft worden. Kürzlich, erst vor wenigen Tagen, hatte man ihn gesehen, der für jedermann einen freundlichen Gruß, ein lebhaftes herzliches Nicken und einen kräftigen Händedruck hatte. Nun trauert man um diesen so plötzlich dahingegangenen Menschen. Mendel Mauler war eine Zierde des Kaufmannstandes, dessen Rat überall, auch außerhalb des Bezirkes, gerne eingeholt wurde, ein Mensch von Herzensgüte. Er war ein Freund der Leidenden und Unterdrückten. Am Leichenbegängnis des Dahingeschiedenen nahmen die zahlreichen Freunde, die sich Mendel Mauler zu Lebzeiten hatte erwerben können, teil. Die Zahl der Trauergäste, die den Dahingeschiedenen Dienstag auf seinem letzten Gang begleiteten, war eine außerordentlich große. Der schwer geprüften Familie wendet sich allgemeine Teilnahme zu.

(330903t8)
Klaus Binder
 
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Nr. 435, Dienstag, 05.09.33

Postby Klaus Binder on 5. September 2011, 00:10

Seite 2

Die Novelle des Tages
Im Fluge beurteilt ... [S. 2, oben, links]
Zuerst kam der Bukarester Journalist Pamfil Seicaru nach Czernowitz, der nach kaum einer Stunde Anwesenheit in Czernowitz konstatieren konnte, daß diese Stadt dem Rumänentum fremd geblieben sei. Er fuhr vom Bahnhof in die Stadt, von hier direkt ins Hotel, wusch sich und stellte fest, daß der Stadt Czernowitz Rumänien, wie gesagt, fremd geblieben sei. Wie hat er nur das gemacht, und zwar so blitzschnell?
Hierauf kam Prof. Iorga hierher, er fuhr im Auto vom Bahnhof in die Stadt, hielt einen Vortrag im Nationaltheater und sagte hierauf: die Stadt ist eine fremde Stadt, die Firmenschilder sind fremd, die Menschen sind fremd ...
Der Historiker Iorga und der Publizist Seicaru haben merkwürdige Ansichten über die Beurteilung einer Stadt. Sie beurteilen sie im Fluge und konstatieren, daß sie fremd geblieben ist. Wie sehr sie irren, ahnen sie nicht. Gerade jetzt, da in Deutschland die Juden verfolgt werden, da Ausländer auf der ganzen Welt zur Arbeit nicht zugelassen werden, klammern sich auch in dieser Stadt alle Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession und Nation an ihr Vaterland, das ihnen Schutz gewährt. Die Menschen in Czernowitz denken nur noch im rumänischen Sinne, sie lernen rumänisch, und die heranwachsende Generation spricht schon viel besser rumänisch als deutsch. Wenn Iorga oder Seicaru glauben, den rumänischen Sinn dieser Stadt nach den Firmenschildern beurteilen zu können, so kann ihnen nur erwidert werden, daß dieser Romanisierungsprozeß sich nicht so im Fluge vollzieht, wie sie die Stadt im Fluge beurteilen.
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330905r2)


Zwei bedeutende Gelehrte in Czernowitz [S. 2, oben, Mitte]
Festlicher Empfang der Gäste

Die Stadt Czernowitz stand Samstag im Zeichen des Besuches zweier hervorragender Persönlichkeiten auf dem Gebiete der medizinischen Geschichtswissenschaft, der Universitätsprofessoren Doktor Petre [Pietro] Capparoni aus Rom und Doktor Laignel-Lavastine aus Paris. Ueber die Persönlichkeit der beiden Gelehrten hat der „Tag“ vor kurzem ausführlich berichtet.
Der Empfang, der ihnen zuteil wurde, war überaus würdig und herzlich. Den Gästen, die aus Polen kamen, reisten Professor Dr. Nandris, sein Bruder Dozent Dr. Nandris und dessen Gattin, die Direktorin des Kinderspitales Frau Direktor Nandris nach Grigore Ghica Voda entgegen. Die beiden Gelehrten, die in Begleitung des Professors Gomoiu aus Bukarest, Präsident der Akademie für medizinische Geschichte, und seiner Gattin eintrafen, wurden am Czernowitzer Bahnhof, der festlich geschmückt war, vom Präfekten Jacoban im Namen der Regierung, vom Bürgermeister Saveanu im Namen der Stadt Czernowitz, von Dr. Kuczinsky im Namen der Polizeibehörde, Doktor Daniil im Namen des Aerztekollegiums, Dr. Steuermann und Dr. Jakob Landau im Namen des Bukowinaer Aerztevereines, von den Apothekern Magister Herschmann und Dr. Guttmann im Namen des Apothekerkollegiums bewillkommt. Ferner waren beim Empfange zwei Delegierte des Sanitäts-Ministeriums in Bukarest, Dr. Pop und Frau Dr. Stanescu, Direktor der Irrenanstalt Dr. Deculescu, Direktor der Gebäranstalt Dr. Jubasch, Direktor des jüdischen Spitals Dr. Meidler, ferner die Aerzte Dr. Petre Branceanu, Doktor Strejac, Dr. Zuflucht, Dr. Saveanu, Dr. Sternlieb, Dr. Schifter, Dr. Goldfrucht, Dr. Tabakar, Dr. Bierer, Doktor Huzar ec. und Dozent der Chemie Dr. Balaceanu anwesend. Frau Doktor Nandris überreichte den eingetroffenen Damen Frau Dr. Capparoni und Frau Dr. Gomoiu Blumenbouquets, worauf eine photographische Aufnahme der Gäste gemacht wurde. Die Gelehrten zeigten sich über das Erscheinen eines Hörers der Pariser medizinischen Fakultät und eines Hörers der Römischen Hochschule, die sie am Bahnhof erwarteten, sichtlich erfreut und zogen sie in ein längeres angeregtes Gespräch. Es erfolgte sodann im Wartesaal der ersten Klasse die Vorstellung der Anwesenden. Die Gäste begaben sich hierauf ins Palace-Hotel, das festlich dekoriert war und neben der rumänischen, die italienische und die französische Flagge gehißt hatte. Auch am Rathaus flatterten die Fahnen der drei Staaten. Im Palace-Hotel fand zunächst eine intime Mahlzeit statt, an der vierzehn Personen teilnahmen. Professor Capparoni hielt eine Ansprache in italienischer, Professor Laignel-Lavastine in französischer Sprache, worauf ihnen Bezirkspräfekt Dr. Jacoban erwiderte.
Um einviertel vier Uhr begaben sich die Gäste mittels Autos nach Cotmani in Begleitung der Herren Präfekt Dr. Jacoban, Dr. Branceanu, Professor Dr. Nandris, Dr. Pop, Frau Dr. Stanescu, Dr. Zuflucht und Doktor Balaceanu. Die Gäste besichtigten das vom Bezirk unterhaltene Spital von Cotmani, durch welches sie vom Amtsarzt von Cotmani, Dr. Cantemir, der ihnen die nötigen Aufklärungen gab, geleitet wurden. Die Gelehrten fanden Worte lobender Anerkennung. Auf der Rückfahrt nahmen die Gäste beim Ambulatorium von Jucica, welches auf Initiative Dr. Branceanus gegründet worden ist und vom Amtsarzt Doktor Ghibel geleitet wird, Aufenthalt. Das Ambulatorium, welches gleichfalls aus Mitteln des Bezirkes erhalten wird, fand die vollste Anerkennung der beiden Gelehrten, welche es als mustergültig für derartige hygienische Einrichtungen auf dem Lande erklärten. Nach Czernowitz zurückgekehrt, hielten sich die Gäste sowie deren Begleiter einige Zeit in der Wohnung des Ministers für die Bukowina, Dr. Sauciuc-Saveanu, auf, und unterzogen sodann die erzbischöfliche Residenz einer Besichtigung. Die Gäste begaben sich von da zum Landesspital, wo Dr. Daniil die Führung innehatte, und in das Kinderspital, wo die Gäste von Frau Dr. Nandris durch die Säle geleitet wurden. Um halb neun Uhr abends fand im Palace-Hotel ein großes Bankett zu Ehren der Gäste statt. Beim Bankett, an welchem inklusiv der Gäste 35 Personen teilnahmen und das durch die Anwesenheit des Ministers Doktor Sauciuc-Saveanu eine besondere Ehrung erhielt, wurden mehrere Reden gehalten. Nachdem Präfekt Dr. Jacoban einen Toast in rumänischer Sprache ausgebracht hatte, hielt Dr. Branceanu in französischer Sprache eine schwungvolle Rede. Professor Dr. Nandris toastierte auf die romanische Völkergemeinschaft, Minister Sauciuc-Saveanu hielt rumänisch und französisch eine Begrüßungsansprache im Namen der Bukowina, worauf Bürgermeister Dr. Saveanu im Namen der Bevölkerung der Stadt Worte der Begrüßung sprach. Allen diesen Rednern dankte Professor Doktor Laignel-Lavastine in einer geistreichen Rede und sprach sich nochmals besonders lobend über die besichtigten Institutionen, namentlich das Ambulatorium in Jucica, aus. Er fand herzliche Worte des Dankes an den Vertreter des polnischen Konsuls für die musterhafte Bewirtung, die ihm in Polen zuteil geworden sei, und den französischen Konsularagenten Honorat, über dessen Tätigkeit er nach seiner Rückkehr in die Heimat der französischen Regierung Mitteilung zu machen versprach.
Die Graniceri-Kapelle spielte nach den Worten des französischen Gelehrten die Marseillaise. Professor Capparoni antwortete den Rednern in italienischer Sprache, worauf die Musikkappelle die Giovinezza und die rumänische Volkshymne anstimmte. Um halb 11 Uhr nachts nahm das Bankett, dessen Arrangement vom Präfekten Dr. Jacoban, dem Generalsekretär der Präfektur Dr. Socoleanu und Dr. Zuflucht getroffen worden war, seinen Abschluß.
Gestern um halb acht Uhr früh reisten die Gäste nach Putna ab, wo sie das historische Kloster besichtigten, von da reisen sie nach Sucevita, Dorna und nach einer größeren Floßpartie nach Piatra-Neamt. Am 7. September werden sie im Rahmen der Rumänischen Akademie für Geschichte der Medizin in Bukarest Vorträge halten.
Czernowitz beherbergte zur gleichen Zeit 6 Professoren und 22 Studenten der Hochschulen für Landwirtschaft und Völkerkunde aus Frankreich, die nach längeren Aufenthalten in der Schweiz, Polen und Rußland nun nach Rumänien kamen, um hier Land und Leute des Landes kennen zu lernen. Die Gäste, die gleichfalls im Palace-Hotel ihre Mahlzeit einnahmen, sind in der Nacht von Samstag auf Sonntag weitergereist.

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http://www.persee.fr/web/revues/home/pr ... m_7_1_3382


Todesfälle [S. 2, rechts, Mitte]
Samstag vormittags wurde der Gerichtsoberoffizial i. P. Eugen Samler, als er bei Bekannten zu Besuche weilte vom Schlage gerührt und erlangte nicht mehr das Bewußtsein. Der Verstorbene, der ein Alter von 65 Jahren erreichte, hinterläßt eine Gattin und drei Söhne, von welchen einer der Operateur Dr. Ludwig Samler ist. - Im Alter von 82 Jahren ist hier Herr Schulim Bart, Vater des Ingenieurs Bart und Schwiegervater des Kinobesitzers Reifer gestorben. Der Verstorbene erfreute sich wegen seines redlichen Wesens großer Wertschätzung.
Am 2. d. M. ist der Professor des 4. Staatsgymnasiums Nikolai Pumliuk im Alter von 54 Jahren gestorben. Das Leichenbegängnis findet heute, 4 Uhr nachmittags, von der Friedhofskapelle aus statt.

(330905t2)


Seite 4

„Vernichtet die Schande!“ [S. 4, Mitte]
Die Empörung der Tschechoslowakei über den Nazi-Mord an Lessing

Prag, 3. September (Tel. des „Tag“). Die gesamte Presse, die sich mit dem Mord an Professor Lessing befaßt, erhebt scharfe Angriffe gegen das Hitlerdeutschland, welches des Mordes an einem der bekanntesten Gelehrten Deutschlands angeklagt wird. Das System der Terrorakte wird aufs schärfste verurteilt.

Das Organ des Außenministeriums „Lidove Noviny“, welches bis jetzt eine reservierte Stellung gegenüber Deutschland eingenommen hat, erklärt in der letzten Ausgabe, daß die Großmächte mit der größten Aufmerksamkeit die Entwicklung der Situation in Deutschland verfolgen müssen. Alle müssen gemeinsam wie im Jahre 1914 ausrufen: „Vernichtet die Schande!“

Die Untersuchung über das Mordattentat auf Professor Lessing wird fieberhaft fortgesetzt. Die Behörden glauben, in kurzer Zeit den Komplizen Eckerts auf die Spur zu kommen. In Marianske Lazne wurden 11 Personen verhaftet. Die deutschnationalsozialistische Partei in der Tschechoslowakei leugnet, daß Eckert ihr Mitglied sei. Ebenso stellt sie ihre Verbindung mit dem Mord an Professor Lessing in Abrede.

Fünf Mordbuben
Prag, 3. September (Tel. des „Tag“). Die Ermordung des Universitätsprofessors Theodor Lessing beschäftigt noch immer die gesamte Oeffentlichkeit. Professor Lessing hatte als Ehrengast an der Eröffnung des zionistischen Kongresses in Prag teilgenommen und sich dann nach Marienbad begeben.

Die gesamte Polizeimannschaft von Marienbad wurde aufgeboten, um der Mörder habhaft zu werden. Es wurden alle Grenzen gesperrt.
Die bisherige Untersuchung ergab, daß sich fünf Personen an dem Mord beteiligt haben müssen. Während zwei in das Zimmer des dritten Stockes, in dem Professor Lessing wohnte, gelangten, warteten drei vor dem Hause. Auf Lessing wurden zwei Schüsse abgegeben, von welchen ihn der erste tödlich traf. Gestern wurde der Chauffeur Max Fokert verhaftet, der unter dem Verdacht steht, am Mord beteiligt zu sein.
In hiesigen Kreisen wird betont, daß Professor Lessing in den letzten Tagen Drohbriefe erhalten hatte, in welchen ihm gesagt wurde, daß er wegen der antideutschen Propaganda zum Tode verurteilt wurde. Auch der „Völkische Beobachter“ hat in den letzten Tagen einen scharfen Artikel gegen Professor Lessing veröffentlicht, in welchem ihm Rache angedroht wurde.
Es steht bereits fest, daß die Mörder Nationalsozialisten sind.
Das tschechoslowakische Innenministerium erklärte einem Vertreter der „Ita“-Agentur, daß, wenn es sich zeigen sollte, daß die Mörder direkt oder indirekt im Auftrage von reichsdeutschen Stellen gehandelt haben, die energischesten Schritte gegen Deutschland eingeleitet werden.

Sudetendeutsche verurteilen den Mord an Lessing
Berlin, 3. September (Tel. des „Tag“). In Elbau fand eine Tagung der Sudetendeutschen statt, in welcher der Mord an Professor Lessing verurteilt wurde. Zum Schluß wurde Gleichberechtigung für alle Sudetendeutschen verlangt.

(330905w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 436, Mittwoch, 06.09.33

Postby Klaus Binder on 6. September 2011, 00:39

Seite 1

Transfer-Moratorium stärker als innere Schwierigkeiten [S. 1, oben, links]
Ministerbesprechungen und Audienz Vaidas in Sinaia.
Morgen Ministerrat


Bukarest, 4. September (Tel. des „Tag“). Die Regierungskrise scheint aufgeschoben. Der Regierung sind die äußeren Schwierigkeiten zu Hilfe gekommen, welche gegenwärtig die inneren Schwächen bedeutend überwiegen. Im Vordergrund steht das Transfer-Moratorium und die entschiedene Ablehnung desselben durch die Auslandsgläubiger, welche sich seinethalben bisher weigerten, mit der Regierung auch nur Verhandlungen aufzunehmen.
Diese Frage bildete auch den Gegenstand der Erörterungen in Sinaia, wo sich außer dem Ministerpräsidenten Vaida auch Finanzminister Madgearu, Heeresminister Mirto und der Gouverneur der Nationalbank Anghelescu einfanden und eingehende Beratungen pflogen.

Vaida: Keine Rede von einer Demission
Mittags begab sich der Ministerpräsident ins Königsschloß, wo er vom Monarchen in Audienz empfangen und zum Essen zurückbehalten wurde. Vaida verließ um halb 4 Uhr nachmittags das Palais.
Ueber die Audienz wurde keine Mitteilung ausgegeben; doch erklärte Vaida den ihn bestürmenden Journalisten, daß von einer Demission keine Rede sei.
Die Minister begeben sich hierauf nach Bukarest, wo Dienstag ein Kabinettsrat stattfindet in welchem gleichfalls in erster Linie die Beziehungen zu den Auslandsgläubigern zur Erörterung gelangen sollen.
Finanzminister Madgearu hat erklärt, daß die Verhandlungen mit den Gläubigern in Paris bereits begonnen haben.

Um die Verhandlungen mit den Auslandsgläubigern
Bukarest, 4. September (Tel. des „Tag“). St. Stanescu, der Direktor der autonomen Monopoldirektion ist nach Bad Gastein abgereist, wo er von Titulescu und Ghelmegeanu Instruktionen bezüglich der Verhandlungen mit den Auslandsgläubigern erhalten wird.
Auch Roger Auboiu, der Finanzberater der Nationalbank, begibt sich Montag nach Paris, um mit den Delegierten der Auslandsgläubiger Fühlung zu nehmen.

(330906r1)

Leitartikel
Der Omnibus [S. 1, oben, rechts]
Durch einige Hauptstraßen der Stadt eilt seit einigen Tagen der städtische Omnibus. Der Anfang ist gemacht: Das Verkehrsnetz der Straßenbahn ist um wenige Linien erweitert worden. Daß es nicht Straßenbahnlinien sind, die, die mit der elektrischen Tramway befahren werden, sondern Omnibusse, tut weiter nichts zur Sache, denn nach den äußeren Erfahrungen des Straßenbahnverkehrs ist die Ersetzung von Straßenbahnlinien durch Omnibusse praktisch, rentabel, dem Verkehr zuträglicher und für das Publikum geeigneter. Was seit Jahren angestrebt wurde, nämlich die Erweiterung des Straßenbahnnetzes, ist also endlich durchgeführt, man muß sich über diese Errungenschaft freuen und die Tat soll anerkannt werden.

Aber was wir mit Bedauern sehen, ist, daß das Publikum den Omnibus meidet, jedenfalls zaghaft den Straßenbahnwagen betritt und im großen und ganzen eine abwartende Haltung einnimmt. Seit mehr als dreißig Jahren ruft die Stadt nach der Erweiterung des Straßenbahnnetzes, endlich ist die Ausdehnung erfolgt, aber für den Czernowitzer gilt hier das Wort: Omnibus ist Omnibus und Tramway ist Tramway. Oder im weiteren Sinne: der Omnibus ersetzt nicht die Tramway. Es ist eine Auffassung, die dieser Stadt paßt und es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Aber man darf nicht verzagen, hier muß Erziehungsarbeit geleistet werden, es muß dem Czernowitzer beigebracht werden, daß er endlich das hat, wonach er seit Tag und Jahr schreit, das moderne und billige Verkehrsmittel, das alle Verbindungen kreuz und quer schafft und das berufen ist, den Verkehr und damit auch das wirtschaftliche Leben zu fördern. Es muß auch hier der Grundsatz gelten, daß nicht der Verkehr die Tramway geschaffen hat, sondern die Tramway den Verkehr schaffen muß, und daß das, was heute leider noch nicht zu hören ist, nämlich die Zunahme des Verkehrs mit dem Omnibus, in paar Wochen oder in paar Monaten eintreten wird. Diese Erziehungsarbeit muß die Tramwaydirektion vornehmen. Dazu ist notwendig, daß der Omnibus sich auch an bestimmte Abfahrtzeiten gewöhnt, nicht an einer Station stehen bleibt und eine Ewigkeit wartet, bis genug Gäste kommen, ferner daß die Station genau bezeichnet wird, also richtige Haltestellen etabliert werden, kurz, daß der Verkehr in ein System gebracht wird. Es darf nicht geschehen, daß die Konkurrenz heute und morgen auf den neuen und schönen Omnibus, eine Zier des Stadtbildes, höhnisch und verächtlich weise, als ob Czernowitz in einem Anfalle von Größenwahn sich einen modernen Omnibus angemaßt hat, der ihm nicht gebührt - nein, das darf nicht sein. Der Omnibus ist eine Notwendigkeit, kein Luxusstück, sondern so notwendig wie das Wasser. Es darf die Gemüsefrau von Rosch sich nicht vom Verkehr fernhalten. Der Omnibus ist nicht für die reichen und eleganten Menschen, sondern für das Volk da. Und weil es so ist, muß auch die Tarifbestimmung sich diesen Erfordernissen anpassen. Wir sehen, daß auch die Organe sich mit dem Omnibus nicht richtig befreundet haben. Der Schaffner sitzt im Wagen, wenn die Station kommt, er muß bei der Station aussteigen, beim Aus- und Einsteigen behilflich sein. Es muß also der richtige Dienst am Kunden versehen werden. Es sei das Geständnis abgelegt, daß wir für den Omnibus die größte Propaganda führen wollen, gerade deshalb, weil er noch heute gemieden wird. Der konservative Czernowitzer soll sich zuerst an das neue Verkehrsmittel gewöhnen und bald wird der Omnibus zu dieser Stadt so gehören, wie Czernowitz ohne den alten Rathausturm nicht zu denken ist.
Ego

(330906c1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
„Am Pranger“ [S. 2, oben, links]
Nachdem der „totale Staat“ der Hitler und Göring das öffentliche Leben „gleichgeschaltet“ hat, kommt jetzt das Privatleben der deutschen Frauen an die Reihe. Bis jetzt hat es noch immer deutsche Frauen und Mädchen gegeben, deren erotischer Geschmack so verderbt war, daß sie jüdische Untermenschen den nordischen Lichtgestalten der S. A.-Kneipen vorzogen. Das soll jetzt anders werden. Die „Rassenschande“, wie der gute Geschmack in Liebesdingen bei den Nazi heißt, wird ausgemerzt und in das Liebesleben der deutschen Frau Zucht und Disziplin gebracht werden. Überall richten die national-sozialistischen Blätter besondere Rubriken zu diesem Zweck ein, „Pranger“, in denen die Namen und Adressen der Frauen veröffentlicht werden, die sich noch immer nicht abgewöhnen konnten, nach eigener Wahl zu lieben. Die Oeffentlichkeit wird aufgefordert, Material über den „Rasseverrat“ deutscher Frauen zu sammeln, über jene, die „Rasseverrates“ verdächtig sind, Kontrolle zu üben und sie im „Betretungsfalle“ der öffentlichen Verachtung zu überliefern.
An der Spitze des Kampfes gegen den Rasseverrat steht das Nürnberger Gaublatt der Nazi, „Der Stürmer“, der von dem bayrischen Gauführer Streicher redigiert wird, demselben Mann, der die Leitung des Boykotts gegen die jüdischen Geschäfte innehatte, und der auch die Aktion des nordischen Edelmenschen gegen die jüdische Konkurrenz in der Erotik anführt. In seiner letzten Nummer schreibt „Der Stürmer“:

Es gibt immer noch sogenannte deutsche Frauen und Mädchen, die dem Juden willig sind. Aufklärung allein bringt diese artvergessenen Weiber nicht auf den rechten Weg. Für sie hat der „Stürmer“ ein letztes Mittel hervorgeholt: Er wird künftighin Frauenzimmer, die mit Juden verkehren, an den Pranger stellen. In Wort und Bild! Wenn das Blut jener Weiber sich nicht von selbst gegen den Juden kehrt, dann soll die Angst vor der öffentlichen Schande sie abhalten, mit Fremdrassigen sich einzulassen.

Die 19 Jahre alte Berta Miele, Göppingen, Karlstraße, verkehrt mit dem Juden Griese. Weil ihr ein Jude nicht langt, hat sie sich den Juden Guggenheim auch noch zum Freund gemacht. Man sieht sie nachts des öfteren mit einem der beiden Juden in dunklen Hausecken stehen. Was ihr und dem Juden passiert, wenn sie nochmals dabei ertappt wird, kann sie sich selbst ausmalen.

Der Jude Stephan Guckenheim, Nürnberg, Rennweg 62, gehört zu den Fremdrassigen, die glaubten, nach wie vor ihr rasseschänderisches Treiben ungestört durchführen zu können. Er handelt nach dem talmudischen Grundsatz seiner Rasse. Jüdinnen sind ihm für seine Gemeinheiten zu gut. Also macht er sich an Nichtjüdinnen heran. Nichtjüdinnen sind nach dem Talmud dem Vieh gleichzuachten, der Jude kann sie also ruhig schänden und versauen. Die Nichtjüdin, die sich der Jude Guckenheim[er] (er ist ein ekelhafter, schielender, häßlicher Kerl) herausgesucht hat, heißt Grete Hornfeck und wohnt in der Fennitzerstraße Nr. 14.

Das Mannheimer „Hakenkreuzbanner“:
Warnung an Judenliebchen! Mißratene Frauenspersonen deutschen Blutes, die an ihrem Blut Verrat üben, empfinden es in einigen Fällen noch immer nicht als Schande, öffentlich mit Juden und Judenstämmlingen zu gehen. In einer Zeit, in der das ganze deutsche Volk von dem Willen durchdrungen ist, das Erbgut der deutschen Rasse zu erhalten und zu bewahren, kann nicht genügend nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß es ein Verbrechen am Volke ist, wenn sich deutsche Mädchen an Juden wegwerfen. Die Erregung darüber ist allgemein. Judenliebchen mögen diese Zeilen als bedeutungsvolle Warnung aufnehmen und sich dessen bewußt sein, daß ihr Treiben nicht mehr lange geduldet werden wird.

Was jetzt, nach diesen Greueltaten irrsinniger Kanaillen, über die armen Mädchen, die trotz täglich an ihnen verübten Gemeinheiten an ihren jüdischen Freunden festhielten, was jetzt über Deutschland hereinbricht, kann man sich vorstellen. Ein Kotgewitter beginnt über Deutschland niederzugehen, eine Orgie der [gemeinen] Instinkte bricht los, in der das Schamgefühl des ganzen deutschen Volkes und das Glück tausender junger Menschen beschmutzt, verdorben und zertreten wird. - Deutschland ist nur noch ein geographischer Begriff. Aus den Reihen der gesitteten Menschheit ist es längst gestrichen.
(„W. T“.)

(330906w2)


Mutter wirft ihr Kind vor die Räder eines Autos [S. 2, oben, Mitte]
Wahnsinnstat einer verlassenen Geliebten

Gestern um 12 Uhr mittags, in der Zeit lebhaftesten Verkehrs, verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Nachricht, daß am Ringplatz ein Kind im Alter von drei Jahren von einem Autobus überfahren worden sei. Hunderte Neugieriger eilten zum Schauplatz des Unglücks; in wenigen Minuten war der Ringplatz von einer riesigen Menschenmenge übersät. Sofort erschienen der Leiter der Verkehrspolizei Bilecki, der Chef des ersten Polizeikommissariats Jacoban, die Polizeikommissäre Hahon, Reut, etc. einige Zeit darauf Staatsanwalt von Vlad am Schauplatz. Gerichtsarzt Dr. Dranca konnte nur mehr den Tod des Kindes feststellen.
Während man anfangs glaubte, daß das Kind einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen sei, drang im Laufe der Untersuchung immer deutlicher die Meinung durch, daß es sich um ein grauenhaftes Verbrechen handelt. Das Kind wurde angeblich von seiner eigenen Mutter vor die Räder des Autos geworfen.
Aus den Aussagen der Berichte der mit der Tat in Zusammenhang stehenden Personen und den einvernommenen Zeugen ergibt sich folgender Tatbestand:

Der Streit um die Erhaltung des Kindes
Frau Sanda Mihailiuk lebte seit einer Reihe von Jahren mit dem Chauffeur der Gesellschaft „Autobuzul“, Mischu Miscovici im Konkubinat. Diesem Liebesverhältnis entsproß vor etwa drei Jahren ein Kind, der Knabe Olivier. Vor einiger Zeit hatte nun Mischu Miscovici seine Geliebte verlassen, die ihm seither immerfort nachstellte und in ihn drang, die Erhaltung ihres Kindes zu bestreiten. Nach Aussagen einiger Zeugen soll Frau Mihailiuk Freitag früh ihren untreuen Geliebten in der Garage aufgesucht und mit ihm erregt debattiert haben. Wie aus einigen laut gefallenen Worten zu entnehmen war, handelte es sich wieder um die Erhaltung des Kindes. Frau Mihailiuk hatte auch einen Prozeß gegen Miscovici angestrengt. Aber alle ihre Bemühungen fruchteten nichts. Miscovici erklärte ihr, nur unter der Bedingung für die Erhaltung des Kindes sorgen zu wollen, wenn sie ihm vor einem Notar die Erklärung abgebe, künftighin keine weiteren Ansprüche an ihn stellen zu wollen. (Frau Mihailiuk wandte sich des öfteren an ihren einstigen Geliebten um materielle Unterstützung). Frau Mihailiuk wollte jedoch nicht darauf eingehen und drohte dem Vater ihres Kindes, dieses unter ein Auto zu schleudern, wenn er nicht für das Kind sorgen werde.
Von großer Wichtigkeit sind die Aussagen des Postenchefs von Lipcani, eines Gendarmeriewachtmeisters, der Miscovici seit längerer Zeit kennt. Miscovici war nämlich vor einiger Zeit als Chauffeur in Lipcani beschäftigt und empfing damals häufig den Besuch seiner Lebensgefährtin. Wie der Postenchef berichtet, sei es damals oftmals zu Streitigkeiten zwischen den Liebesleuten gekommen, so daß sich der Postenchef immer wieder zum Eingreifen veranlaßt sah. Er gibt an, oft gehört zu haben, wie Frau Mihailiuk sich dahin äußerte, sie werde das Kind unter ein Auto werfen, wenn sie von ihrem Geliebten keine Unterstützung erhalten werde. Diese Aussagen führen die Polizei zur Annahme, daß es sich um ein mit Vorbedacht ausgeführtes Verbrechen handelt, umsomehr als sämtliche Augenzeugen angeben, daß das Auto langsam, in einer Stundengeschwindigkeit von etwa 10 km. gefahren sei.

Die Aussagen der Mutter
Frau Mihailiuks Aussage lautet folgendermaßen: Zehn Minuten vor dem Geschehnis habe sie mit ihrem Kinde den Ringplatz betreten. In unmittelbarer Nähe der Schuhputzerstandplätze habe sie eine bekannte Frau getroffen und sich mit dieser in ein längeres Gespräch eingelassen. Unweit von ihr habe das Kind zu ihren Füßen gespielt. Da sie in das Gespräch vertieft war, habe sie nicht bemerkt, daß das Kind sich indessen auf den Fahrdamm begeben hatte. In diesem Augenblick kam der Autobus Nr. 53 der Gesellschaft Autobuzul aus der Richtung der Rathausstraße herangefahren. Eines der vorderen Räder habe das Kind zu Boden geworfen, worauf ein rückwärtiges Rad über den Kopf des Kindes hinweggefahren sei. Das Auto habe sofort gestoppt. Das Kind sei auf der Stelle getötet worden.
Das Auto wurde vom Bruder des Taxikobesitzers Traub gelenkt. Da Traub den gleichen Hut trug wie Miscovici und der Autobuswagen Nr. 53 sonst stets von Miscovici gelenkt zu werden pflegt, scheint die Annahme der Polizei berechtigt, daß Frau Mihailiuk den Autolenker mit ihrem treulosen Geliebten verwechselt hat und in der Absicht, ihre so häufig geäußerte Drohung zu verwirklichen, das Kind in dem Moment über die Straße schickte, als das Auto sich näherte.
Frau Sanda Mihailiuk wurde verhaftet und wird der Staatsanwaltschaft überstellt werden.

(330906t2)
Klaus Binder
 
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Nr. 437, Donnerstag, 07.09.33

Postby Klaus Binder on 7. September 2011, 00:09

Seite 1

Leitartikel
Dr. Reifer [S. 1, oben, links]

I.
Mit der Stellungnahme zur deutschen und Weltjudenfrage hat sich Dr. Manfred Reifer den Titel des jüdischen Weltchampions zur Verteidigung der hitlerischen Rassenlehre gegen das Judentum errungen. Es ist unzweifelhaft, daß die Publikation Dr. Reifers die Runde durch die gesamte Nazi-Presse aller Staaten machen wird - ein für sie beweiskräftiges Dokument, daß die Juden sich in den Geist der andern Nationen einschleichen, das Schicksal aller Völker beeinflussen und „Spott mit den heiligsten Gütern des deutschen Volkes und all dem, was der Nation heilig ist“, treiben (das sind wörtliche Zitate aus dem Artikel des Dr. Reifer); ein ewiges Museumsstück, wie ein Jude, den die Nazi-Presse in seiner Bedeutung noch weit überschätzen wird, „eine führende Persönlichkeit und geistige Kraft“ („Tagespost“), ein gewesener Deputierter der rumänischen Kammer, in Momenten, da das Judentum wie kaum je vorher in der Geschichte gleich einem Wilde gehetzt und mit infernalischem Haß verfolgt wird, da es auf Grund von Willkürgesetzen entrechtet und geschändet, als minderwertiges Volk behandelt wird, diesem seinem Volke, dessen Vertretung der Rechte er gepachtet zu haben glaubte, den Dolchstoß in den Rücken versetzt.
Was ist dem Dr. Reifer eingefallen, das Verbrechen an der Sache des Judentums zu begehen, damit die Welt der Judenfeinde ihn als den tapfersten Mitkämpfer betrachtet? Wir hören schon die Antwort, die landläufige Antwort in Stadt und Land, wenn einer eine Gemeinheit begeht und dann die Entschuldigung vorbringt, er hätte es ja nicht so gemeint, worauf nun alle die aufklärenden Kommentare folgen; auch hier haben seine Freunde eine Aktion eingeleitet, um Erklärungen von Mund zu Mund laufen zu lassen, die die Wirkung des gegen das Judentum gerichteten schändlichen Pamphlets abschwächen sollen. Auf solche Vorstellungen hatten wir immer die Antwort und erteilen sie auch jetzt: Männer in führender Stellung wie Dr. Reifer müssen die volle Verantwortung für ihre Handlungen tragen, für jedes Wort, das sie sprechen, und für jede Geste, die sie öffentlich zeigen. Es kommt nicht darauf an, wie er es „gemeint“ hat und was für Kommentare er folgen läßt, sondern vor uns liegt sein Artikel über die Judenfrage und es entscheidet nur die Auffassung, die jeder von uns nach der Lektüre erhält. Auf die Wirkung des Artikels also kommt es an und nicht auf das, was im Kopfe des Herrn Dr. Reifer herumspritzt. Übrigens existiert keine geteilte Meinung hinsichtlich der Wirkung des Artikels, weder bei Freund noch bei Feind. Dr. Reifer hat schon vor Wochen für einen Artikel, der unter dem Titel „Konjunktur-Zionismus“ veröffentlicht war, die Abfuhr verdient, die ihm heute die Öffentlichkeit gibt. Weil er einmal paar zionistische Reden in Carapciu und Cuciurul Mare gehalten hat, glaubt er, Palästina für sich gepachtet zu haben, und der Zionismus sei seine ureigenste Domäne; nun greift aber die Judenfrage, von Hitler in die Weltdiskussion geworfen, weit über den Rahmen zionistischer Grenzlinien hinaus und die Juden, die auf der ganzen Erde zerstreut sind, suchen einen Strohhalm, an den sie sich klammern können; das nächstliegende Ziel ist momentan Palästina. Da springt Dr. Reifer aus der Reihe der Judenführer heraus und beschimpft die von Hitler mit Peitschenhieben verfolgten, nach dem Lande Zion drängenden Massen mit dem: „Zurück, das ist mein Land!“ So ungefähr muß man sich den Gedankengang Dr. Reifers vorstellen, als er den Artikel „Konjunktur-Zionismus“ schrieb. Aber das genügt ihm nicht. Jetzt, vielleicht auf dem Höhepunkt der ersten Kampf-Kampagne, holt Dr. Reifer zum großen Schlage aus und gibt in einer Betrachtung den Juden Lektionen, die buchstäblich aus allen bisherigen antisemitischen Wörterbüchern zusammengetragen sind: Warum habt Ihr Euch Juden in der Wissenschaft, den Kulturzweigen, in der Presse, in der Wirtschaft und in der Politik fremder Nationen betätigt? Warum hat ein Liebermann, von der Welt verehrt, den Triumph eines Künstlers erlebt, warum hat ein Einstein die Relativitätstheorie begründet, warum hat ein Mendelsohn-Bartholdy deutsche Musik geschrieben? Warum gibt es Juden, die sich in der deutschen Literatur Namen von Weltruf errungen haben, warum habt Ihr in der Chemie, in der Physik so großes geleistet, daß Ihr Nobelpreisträger geworden seid, warum habt Ihr, jüdische Journalisten, Euch mit öffentlichen Dingen, die „fremde Nationen“ angehen, befaßt, warum „erfüllt Ihr Juden überhaupt mit einem Geschrei die Gassen Germaniens“, warum „spielet Ihr Euch als die Weltverbesserer“ auf, warum seid Ihr die Vorkämpfer des Bürgertums, warum kämpfet Ihr für Freiheit, Recht und Gleichheit, Zivilisation? … Warum?
Würden wir nicht diese Fragen dem Artikel Reifers entnehmen, den wir vor uns haben, man würde niemals, wenn man es bloß erzählt, glauben können, daß ein Mann in führender jüdischer Stellung, der von dieser Stellung gelebt und seine Existenz gegründet hat, von allen Grundlinien, die bisher das Leben der Einwohner jüdischer Zunge geleitet haben, abwegig geworden ist, daß er so von irgend welchen bösen Geistern irre geleitet wurde, um sich zu der diffamierendsten Beschuldigung gegen die Juden zu versteigen: daß sie mit ihrem Wissen und Können, mit ihrem Streben und ihrer Tüchtigkeit die Rechte fremder Nationen in Anspruch nehmen, Rechte, die wir allen Menschen der Welt zuteil werden lassen. Dahin geht doch der Kampf, dafür sind Barrikaden erbaut worden, dafür ist Blut bei allen Völkern geflossen und dafür sind schwere Kämpfe ausgefochten worden - um das Menschenrecht, das Hitler heute mit brutaler Gewalt den Juden und seinen politischen Gegnern entzieht, zu wahren. Auf einmal taucht aber ein jüdischer Führer auf und zertrümmert das ganze Aufbauwerk der Verteidigungsstellung, die nicht bloß die Juden, sondern alle Kulturvölker gegen Hitler errichtet haben. Es ist verwunderlich, daß das Papier, auf welchem der Artikel Reifers veröffentlicht wurde, sich nicht in Atome zersetzt hat, ehe es die Druckerschwärze aufnahm, noch viel mehr: es ist zu staunen, daß die Maschine, die die Zeilen für diesen Artikel geliefert, sich nicht dagegen gewehrt hat, das Blei für die Beschuldigungen gegen die Juden zu gießen, und es wird ein nicht gelöstes Rätsel bleiben, daß den Kolporteuren die Zeitung nicht aus der Hand gefallen ist, ehe sie an die Leser das Pamphlet weitergegeben haben. Nur krankhafter Geltungstrieb, aus der Normalbahn zu springen, berühmt zu werden, mit welchen Mitteln auch immer, selbst auf Kosten seines eigenen Volkes, das sind die einzig möglichen Motive, die den Artikel diktiert haben.
Ego

(330907c1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Tod eines Kindes [S. 2, links, oben]
Frau Sanda Mihailiuk hat ihr Kind, einen Knaben, der Olivier hieß und drei Jahre alt war, am Montag, etwa um 12 Uhr mittags, vor die Räder eines fahrenden Autobusses geworfen. Das Kind wurde auf der Stelle getötet. Die herbeigeeilten Aerzte konnten nichts mehr ausrichten. Das Motiv der Tat ist, wie die Polizei annehmen zu dürfen glaubt, Not, die es der Frau unmöglich machte, ihr Kind zu ernähren. Weiters hat die Polizei festgestellt, daß die Mutter von ihrem früheren Lebensgefährten, der sie verlassen hat, mehrere Male materielle Unterstützungen gefordert und auch einen Prozeß gegen ihn angestrengt hat, was alles ohne Erfolg blieb. Auch hat sie ihm öfters angedroht, sie werde das Kind vor ein Auto werfen, wenn er sich weigere, dessen Erhaltung zu übernehmen. Diese Drohung hat sie nunmehr - so wenigstens behauptet die Polizei, denn die Beschuldigte leugnet die Tat und erklärt sie mit einem unglücklichen Zufall - wahrgemacht, in einer Art und Weise, die vor Grauen das Blut in den Adern gerinnen macht.
Der Fall erinnert in mancher Hinsicht an die Tragödie Eisenbeißer. Auch dort führte es eine Verwechslung, eine äußere Aehnlichkeit zweier einander völlig fremder Menschen dahin, daß ein Unschuldiger, Unbeteiligter, Ahnungsloser den unglückseligsten Charakterkomplexen des Menschen: Haß, Wut, Leidenschaft und Verwirrung infolge Verzweiflung, zum Opfer fiel. Frau Sanda Mihailiuk wollte - wenn sie es getan hat - ihrem furchtbaren Werk die Krone aufsetzen, indem sie sich die Rolle des Schicksals anmaßte: sie warf ihr Kind, das sie in ihrem Leibe getragen und das sie mit Schmerzen geboren, gerade unter jenen Autobus, den sie von ihrem treulosen hartherzigen Geliebten gelenkt glaubte. Der Chauffeur - denn ein Chauffeur war ihr ehemaliger Geliebter - sah dem Lebensgefährten der Frau irgendwie ähnlich; er trug denselben Hut, hatte dieselbe Figur, lenkte denselben Autobus; er sollte also selbst sein Kind überfahren: so wollte es seine frühere Geliebte.
Es war ein ganz anderer Mann, der den Wagen lenkte. Er ist so unschuldig wie der dreijährige Knabe, der nun mit zerschmettertem Schädel zu Grabe getragen wird. Schuld ist auch nicht die Zeit, zumindest kann man das nicht eine „Tragödie der Zeit“ nennen; seit die Welt besteht, wurden Frauen von Männern und Männer von Frauen verlassen, in bitterstes Elend gestoßen, zu Verzweiflungstaten getrieben; es ist eine Tragödie der urewigen Relationen zwischen Mann und Weib, es ist die Tragödie, die schon mit der ersten Leidenschaft beginnt, sich zusammenzieht wie Gewölk am blauen Himmel und sich parallel mit der Verflachung, Banalisierung, Erkaltung der Gefühle, mit dem herzlosen Abschied restlos vollzieht.
Gebüßt hat diesmal - wie fast immer - der unschuldige Teil: das Kind. Hat es wirklich gebüßt? Kann man den Tod Buße nennen? Werfen wir, die Lebenden, einen Blick um uns: büßen jene, die den Tod erlitten haben, oder jene, die dieses Leben täglich erleiden?
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330907t2)


Der Nazi-Artikel des Dr. Reifer [S. 2, Mitte, links]
Wir werden mitzuteilen ersucht, daß die zionistische Landesparteileitung, deren Mitglied Dr. Reifer ist, den Nazi-Artikel des Autors verurteilt und zu demselben in den nächsten Tagen eine offizielle Stellungnahme zu erwarten ist. Wir besprechen den Artikel an leitender Stelle.

(330907c2)


Mutter erhängt sich vor den Augen ihres Kindes [S. 2, oben, Mitte]
Czernowitz stand gestern vormittags ganz unter dem Eindruck einer erschütternden Selbstmordtragödie. Die 30-jährige Gattin des Malermeisters Osias Welt, Frau Mitzi Welt, beging um halb 9 Uhr vormittags in ihrer Wohnung, Russischegasse 46, Selbstmord, indem sie sich an einer Gardinenstange erhängte. Der Tod der Lebensmüden scheint sofort eingetreten zu sein. Sie hinterläßt außer ihrem Gatten einen 3-jährigen Sohn, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing.

Die Entdeckung der Verzweiflungstat
ging folgendermaßen vor sich: Eine Nachbarin vernahm um 9 Uhr vormittags, als sie auf den Korridor trat, aus der Wohnung des Herrn Welt lautes Weinen, das vom Kinde herrührte. Als ihr auf wiederholtes Klopfen nicht geöffnet wurde, wollte sie in ihre Wohnung zurückkehren, um einen Schlüssel, mit dem sie die Wohnungstüre der Nachbarwohnung öffnen könnte, zu suchen. In diesem Augenblick wurde die Türe von innen geöffnet und heraus trat
das dreijährige Kind der Frau Welt, das der Nachbarin unter Tränen erzählte, daß sich seine Mutter „den Hals zugebunden habe“.
Die Nachbarin trat in die Wohnung ein. Als sie die in das Schlafzimmer führende Türe öffnete, bot sich ihr ein grauenhafter Anblick dar:
Am Fenster hing die junge Frau, die dünne Gardinenschnur um den Hals. Gesicht und Körper waren blau angelaufen, was darauf schließen ließ, daß der Tod schon vor längerer Zeit eingetreten war.
Die entsetzte Nachbarin eilte aus der Wohnung und rief um Hilfe. Der Arzt Dr. Sammler, der sich zufällig im Hause befand, kam sofort herbei und bemühte sich mit größtem Eifer, die Frau ins Leben zurückzurufen; alle Bemühungen blieben jedoch erfolglos. Auch Gerichtsarzt Dr. Zuflucht, der kurze Zeit darauf erschien, konnte nur mehr den Tod der Frau Welt feststellen.

Was ist das Motiv?
Frau Welt wird von den ihr nahestehenden Personen als überaus bescheiden und hilfsbereit geschildert, weshalb sie sich auch bei allen großer Beliebtheit erfreute. Mit ihrem Gatten, den sie vor etwa sieben Jahren geheiratet hatte, lebte sie in gutem Einvernehmen. Auch ihre materielle Lage ließ nichts zu wünschen übrig, da ihr Gatte soviel verdiente, um ihr ein sorgenfreies Dasein zu bieten. mit geradezu abgöttischer Liebe hing sie an ihrem Kinde, und es erscheint vollkommen unverständlich, wie sie es über das Herz bringen konnte, sich vor seinen Augen zu erhängen. Trotz ihres sorgenfreien Lebens hatte Frau Welt öfters den Wunsch geäußert, sich das Leben zu nehmen und hatte bereits mehrmals Selbstmord versucht, doch konnte sie bisher immer rechtzeitig gerettet werden. Da sie sehr reizbar und überempfindlich war und Sonntag abends wegen eines geringfügigen Motivs mit ihrem Gatten gestritten hatte, wird allgemein angenommen, daß sie die Verzweiflungstat in einem Momente heftigster Erregung verübt hat.
Um 7 Uhr früh hatte sie noch einem Arbeiter ihres Mannes die Wohnungstüre geöffnet und auf dessen Wunsch ihren Mann geweckt. Bald darauf hatte dieser die Wohnung verlassen, und war vor dem Selbstmorde seiner Gattin nicht nachhause zurückgekehrt. Erst auf die Schreckensbotschaft hin eilte er heim. Es muß daher angenommen werden, daß Frau Welt zwischen 8 und halb 9 Uhr früh die Verzweiflungstat begangen hat.

(330907t2a)


Todesfälle [S. 2, unten, rechts]
Am Montag ist der pensionierte Universitätsprofessor Dr. Eugen Kozak im Alter von 76 Jahren gestorben. Czernowitz verliert in Professor Kozak eine Leuchte der theologischen Wissenschaft, welche europäischen Ruf genoß. Professor Kozak erfreute sich auch im Privatverkehr wegen seines freundlichen Wesens großer Wertschätzung. Er wurde auch in den Senat gewählt. - Am 31. August ist in einem Sanatorium in Salzburg an den Folgen einer Mageninfektion der Ministerialrat und Rittmeister a. D. Dr. Stefan Graf Wassilko-Serecki, ein Bruder des gewesenen Landeshauptmanns Grafen Georg Wassilko-Serecki gestorben. Er hinterläßt eine Gattin, die eine Tochter des Freiherrn von Krauß ist, und eine Tochter, die bekannte Okkultistin Zoe von Wassilko.

(330907t2b)


Seite 3

Noch immer Budgetdefizit [S. 3, oben, links]
Der neueste Bericht Auboins über die Finanzlage Rumäniens

Bukarest, 5. September (Tel. des „Tag“). Der Finanzberater bei der Nationalbank Roger Auboin hat seinen neuen Bericht über die wirtschaftliche Situation Rumäniens bereits abgefaßt und diesen dem Völkerbund übersandt. Im Bericht wird festgestellt, daß die Staatseingänge im ersten Trimester die Summe von 5.518 Milliarden ausmachen, was gegenüber der gleichen Zeitperiode des vergangenen Jahres ein Mehr von 1.37 Milliarden ergibt. Im Durchschnitt wurde monatlich die Summe von 1.720 Milliarden eingenommen und 1.872 Milliarden ausgegeben. Es besteht somit ein Defizit von 2 Milliarden 280 Millionen Lei. Diese Ziffern sieht Auboin gegenüber dem Jahre 1932 als günstig an.
Auboin spricht aber die Befürchtung aus, daß auch in diesem Jahr Ausgaben gemacht wurden, die im Budget nicht enthalten sind. Der Finanzberater spricht sich entschieden gegen solche Prozeduren aus.
Er verlangt eine Ueberprüfung aller dieser Ausgaben und schlägt Strafmaßnahmen vor, falls sich Unregelmäßigkeiten in den Ausgaben ergeben sollten. Er verlangt auch, daß mit diesen Praktiken ein für alle Mal ein Ende gemacht werde, damit die Staatsfinanzen in Ordnung gebracht werden.

Der Bericht stellt fest, daß die öffentlichen Staatsschulden 20 Prozent des Gesamtbudgets ausmachen, während vor dem Kriege diese Post mit 25 Prozent im Budget eingestellt war.
Zur Verwirklichung des laufenden Budgets schlägt Auboin eine Reihe von Maßnahmen vor und zwar:
Reform der Taxen aus den Petroleinnahmen. Reform der Luxus- und Umsatzsteuern, der direkten Steuereinnahmen und der Automobilsteuern. Auch wird im Bericht darauf verwiesen, daß das Alkoholregime nicht abgeändert wurde. Bei Anwendung aller dieser Maßnahmen sei eine Verbesserung der Staatsfinanzen zu erwarten.

Es wird weiter konstatiert, daß der Rückgang der Zolleinnahmen geschwunden ist. Auch die Einnahmen aus dem Alkoholmonopol sind im Ansteigen begriffen sowie die Einnahmen aus den Umsatzsteuern gestiegen sind. Lediglich die Einnahmen aus den Stempeltaxen sind zurückgegangen.

Ein starker Rückgang ist bei den direkten Steuern, die im Jahre 1932 die Summe von 1.41 Milliarden gegenüber 656 Millionen in diesem Jahre brachten, festzustellen.

Mit den Verhandlungen der Regierung betreffend dem Clearing- und Kompensationsverkehr zeigt sich Auboin unzufrieden. Er äußert die Befürchtung, daß der für Herbst vorgesehene Ankauf von Devisen zur Befriedigung der Auslandsgläubiger nicht den erwünschten Zweck erreichen wird. Diese Frage müßte eingehend im Einvernehmen mit den Auslandsgläubigern studiert werden. Schließlich spricht sich Auboin gegen die Einstellung des Devisentransfers aus.

(330907r3)


Storojinetz [S. 3, Mitte, rechts]
(Wütender Hund infiziert ein ganzes Dorf)
Eine Tragödie, einzig in ihrer Art, spielte sich vor einigen Tagen im Dorfe Krasna, Bezirk Storojinetz ab. Als einige Kinder sich vorigen Donnerstag in die hebräische Schule begaben, fiel sie ein Hund an und biß sie in die Beine. Dann lief der Hund davon und wurde von einem Einwohner erschossen. Nächsten Tag bekam der 10-jährige Knabe Schloime Koffler einen Tobsuchtsanfall. Sein Zustand verschlimmerte sich so sehr, daß er nach wenigen Tagen seinen Verletzungen erlag. Auch die anderen Kinder, etwa 15 an der Zahl, wurden mit Tollwut infiziert und mußten sofort der Czernowitzer Irrenanstalt eingeliefert werden, um einer antirabischen Kur unterzogen zu werden.

(330907t3)


Seite 4

Radikaler Umsturz auf Kuba [S. 4, oben, links]
Cespedes gestürzt, kommunistische Regierung gebildet

Kuba, 5. September (Tel. des „Tag“). Eine neue Militärrevolte ist heute hier ausgebrochen. Die Bewegung, die von Offizieren, Soldaten und Mitgliedern der Marine ausgeht, steht unter Leitung des Sergenten Batista. Die Meuterei hat in den Abendstunden ernste Formen angenommen. Die Revolutionäre haben bereits fünf Kommissäre für die provisorische Regierung ernannt.

Amerika entsendet Kriegsschiffe
In den Vereinigten Staaten werden die Vorgänge auf Kuba mit dem größten Interesse verfolgt. Es wurden zum Schutz amerikanischen Eigentums ein Kreuzer und drei Zerstörer nach Kuba entsandt.

Demission der Regierung
Die Regierung Cespedes konnte dem Ansturm der Bewegung nicht standhalten und gab ihre Demission. Es wurde bereits eine provisorische Regierung unter kommunistischer Führung gebildet, der Soldaten, Matrosen und einige radikale Elemente angehören.

Die Situation auf Kuba ist nach wie vor sehr ernst. Man erwartet Unruhen, umsomehr als sich bereits eine Opposition gegen die neue Regierung gebildet hat.

(330907w4)
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Klaus Binder
 
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Nr. 438, Freitag, 08.09.33

Postby Klaus Binder on 8. September 2011, 01:05

Seite 1

Auslandsgläubiger [S. 1, oben, links]
fordern Widerruf des Transfermoratoriums
Die ersten Verhandlungen in Paris


Bukarest, 6. September (Tel. des „Tag“). Die rumänischen Delegierten, die gestern in Paris eingetroffen sind, setzten sich mit den Auslandsgläubigern in Verbindung, die jedoch erklärten, daß sie mit ihnen vorläufig in keinen Kontakt treten können.
Bevor sie in irgend welche Verhandlungen eingehen, stellen die Auslandsgläubiger eine Reihe von Bedingungen, die als condicio fine qua non angesehen werden. So verlangen sie u. a.
1. Die Zurückziehung der Verordnung über die Einstellung der Transferzahlungen,
2. Endgültige Annahme des Abkommens mit dem Völkerbund.
Die rumänische Regierung soll zustimmen, daß eine Delegation der Gläubiger auf Grund von offiziellen Dokumenten und an Ort und Stelle die finanzielle Situation Rumäniens überprüfe.
Während die erste Forderung von der Regierung glatt abgelehnt wird, wird den anderen zwei Forderungen leicht entsprochen werden können, umsomehr als - so heißt es in offiziellen rumänischen Kreisen - Rumänien nichts zu verheimlichen hat und alle Daten über die Finanzlage zur Verfügung stellen kann.

Die Verhandlungen aufgeschoben
Angesichts dieser Tatsache wurden die Verhandlungen um einige Tage aufgeschoben und durften erst Montag, den 11. wieder aufgenommen werden, damit sich die rumänische Delegation inzwischen neue Instruktionen von der Regierung hole. Die Verhandlungen werden ausschließlich von Zauceanu und Stanescu geleitet, während Ghelmegeanu von Bad Gastein direkt nach Bukarest zurückkehrt.
Finanzminister Madgearu dementiert die Nachricht, daß er sich nach Paris zu den Verhandlungen begibt.

Die Regierung ist souverän
Madgearu zum Bericht Auboins

Bukarest, 6. September (Tel. des „Tag“). Dem Bericht Auboins über die finanzielle Situation des Landes, der u. a. auch die Feststellung macht, daß die Einstellung der Transferzahlungen unzeitgemäß erfolgte, wird in politischen Kreisen entgegengehalten, daß die Regierung souverän ist und jene Maßnahmen treffen kann, die sie im Interesse des Landes für notwendig findet.
Finanzminister Madgearu vertrat gegenüber Pressevertretern die gleiche Anschauung und betonte, daß die Regierung die volle Verantwortung für ihre Handlungen übernimmt. ueberdies seien alle Raten bis zum 1. September beglichen worden, während für die Fälligkeit am 1. Oktober die Regierung bereit sei, mit den Auslandsgläubigern weiter zu verhandeln. Daher sehe die Regierung mit Ruhe den Verhandlungen in Paris entgegen, da sie überzeugt sei, daß das Recht auf ihrer Seite ist.

(330908r1)

Ruhe in Kuba [S. 1, Mitte]
Intervention Amerikas „nur im äußersten Falle“

Havanna, 6. September (Tel. des „Tag“). Nach dem Umsturz und der Bildung der neuen revolutionären Regierung ist die Ruhe wieder hergestellt.
Die zwei amerikanischen Kriegsschiffe, die nach Havanna beordert wurden, haben anscheinend Vertrauen erweckt. Staatspräsident Roosevelt hat die atlantische Flotte in die Nähe von Kuba beordert, um im Notfalle das Leben und Vermögen der Amerikaner zu schützen. Das Kriegsschiff „Mississippi“ wurde heute nach Kuba entsandt, um bereit zu stehen. Dem Marineminister wurde vom Staatspräsidenten der Auftrag gegeben, an Bord des Schiffes „Indianapolis“ bereit zu stehen.
Eine direkte Intervention der Vereinigten Staaten soll nur im äußersten Falle erfolgen.

(330908w1)


Leitartikel
Dr. Reifer [S. 1, rechts, Mitte]

II.
Die Verdächtigungen des Dr. Reifer gegen die Juden Deutschlands und der Welt sind so absurd, daß eine Widerlegung als die leichteste Aufgabe erscheint, die einem Journalisten oder Politiker aufgetragen ist. Heute das hohe Piedestal besteigen und das langwierige Assimilationsproblem behandeln, - das ist mit Rücksicht auf den konkreten Fall inopportun, weil unpraktisch. Reifer wollte mit einem Sensenschnitt das Problem radikal lösen und hat sich deshalb zu den Beschuldigungen verstiegen, die die Empörung eines jeden vernünftig denkenden Menschen hervorgerufen haben. Auch sonst ist es bald kein Kunststück, angesichts der seit Monaten anhaltenden Debatte über die Judenfrage sich in den Bereich der großen Politik zu versteigen und mit Hilfe bewährter Motive Reifer gründlich abzufertigen. Heute hören wir aus einer offiziellen Verlautbarung des zionistischen Landeskomitees, daß Reifer schwer krank ist. Es will fast scheinen, daß man, um Reifer zu retten, die Methode anwendet, die man gegenüber den ganz Großen angewendet hat, falls sie außerordentliche Dummheiten gemacht haben. Auch Reifer soll zu diesen „Kranken“ zählen. Nein, daran glauben wir nicht. Die Entartung, die er in seinem Pamphlet begangen, muß ihre Sühne finden. Man kennt noch lange nicht den Schaden, den jene Publikation in der Welt angerichtet hat. Der Schaden wird ungeheuerlich sein. Aber auch die Presse, die der Veröffentlichung falscher Pamphlete Vorschub leistet, ist mitschuldig. Auch dafür gibt es bald keine Ausrede. Leider wird das offizielle Judentum, und es werden auch alle Übrigen, welche heute gegen die Versklavung der deutschen Juden das Wort ergreifen, noch schwere Arbeit leisten müssen, um den Unrat, den der Reifer’sche Artikel auf die Wege der Diskussion geworfen, zu entfernen. Es erscheint jedoch ratsamer, mit Rücksicht auf die „Erkrankung“ des Dr. Reifer vorläufig die Polemik zu schließen.
Ego

(330908c1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Warum? [S. 2, oben, links]
Es herrscht große Aufregung im Volke Israel, soweit es diese Stadt bevölkert, und gewiß wird bald auch, wenn die Kunde von dem hier Vorgefallenen hinaus ins Ausland dringt, die Aufregung wachsen. Es ist an dieser Stelle nicht geboten, sich politisch mit dem Fall, der sich in einem Anfall geistigen Verfalls und verräterischen Abfalls in Form eines gehässigen Ausfalls zugetragen hat, zu beschäftigen; das ist Sache der diversen Leitartikler, der berufsmäßigen Kritiker und der berufenen jüdischen Faktoren. Die Angelegenheit, die Köpfe vor Wut gerötet und sogar die Druckerschwärze gebleicht hat, soll hier novellistisch, tagesfeuilletonistisch behandelt werden. Das geht auf alle Fälle, wir werden gleich sehen.
Also, ich will hier die Feststellung machen, wie wunderschön sich alles, was jüdisch denkt und fühlt, zusammenfindet in gemeinsamer Abwehr, in gemeinsamer Empörung, wenn das Judentum angegriffen wird. Ja, alle jene, die sich längst, wenn auch nicht offiziell, zur Konfessionslosigkeit bekannt haben, entdecken plötzlich ihr gutes altes Herz für ihr Volkstum, für ihre angestammte Religion: wenn irgendwo Juden mißhandelt werden, wenn Hakenkreuzler Unfug treiben und jüdische Geschäftsläden plündern, Juden die Bärte ausreißen, wenn es heißt, den Juden soll irgend ein Recht genommen oder geschmälert werden, wenn der numerus clausus wie ein Gespenst auftaucht - gleich ist das gesamte Judentum einig in der Empörung, in der berechtigten Aufwallung gegen Unrecht, Folter, Schändung der Menschenwürde …
Jawohl, getaufte und nichtgetaufte Juden, solche, die noch Schmachtlöckchen tragen und die anderen wieder, die Schinken essen, Leute, die längst schon vergessen haben, wie ein hebräischer Buchstabe aussieht - alle, alle sind aufgewühlt, wenn dem Judentum Unrecht geschieht. Nicht um den entgleisten Geschichtsprofessor handelt es sich hier, der Meier hieß und sich ausgerechnet in einen Manfred verwandelte, nicht darum, daß Georg Groß [George Grosz] gar kein Jude ist und daß es, rein literarisch gesprochen, Profanierung im höchsten Grade ist, wenn ein Jude, ein Bildungsprotz, über Heine herfällt und ein Meisterwerk, das Georg Groß [George Grosz] geschaffen hat, mit einer Geste abtut, als handle es sich hier um das Produkt eines Zimmermalers; nein, hier geht es ja darum, daß einer aus den eigenen Reihen Verrat zu einer Zeit in einem Augenblick geübt hat, da wir, die Juden, von allen Seiten mit Verrat bedroht sind; und in diesem Augenblick, wie immer in den Stunden und Tagen der Gefahr, der Bedrohung, der Verfolgung, finden sich die Juden. In diesem Augenblick lehnen sie sich alle auf, lodert die Flamme des Selbstbewußtseins empor, jeder fühlt sich getroffen, jeder, ich habe keinen gesehen und keinen gesprochen, der es gewagt hätte, ein Wort der Entschuldigung für den dermaßen getarnten jüdischen Nazi vorzubringen.
Ist dem aber so - und dem ist so -, und halten alle Juden wirklich wenigstens in diesem einen Belange, in der Gefahr oder der Gefährdung, zusammen: warum, bitte, geschieht das nur in solchen Augenblicken? Warum ist eine ganze Stadt einig, wenn ihr was angetan wird, und warum, wenn gerade nichts Besonderes geschehen ist, zerfleischen alle einander und bieten so den Gegnern im eigenen und im feindlichen Lager die beste Angriffsfläche?
Schweigen wir über das Warum …
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330908c2)


Die jüdischen Instanzen gegen Reifer [S. 2, Mitte, links, unten]
Er wird von der jüdischen Reichspartei und der zionistischen Landesorganisation ausgeschlossen

Die Exekutive der Jüdischen Reichspartei sowie der Bukowinaer Zionistischen Landesorganisation haben in einer Mittwoch stattgefundenen gemeinsamen Sitzung zu dem von Dr. Manfred Reifer in der „Allgemeinen Zeitung“ am 3. September 1933 veröffentlichten Artikel zur deutschen Judenfrage Nachstehendes beschlossen:

1. Die beiden Organisationen desolidarisieren sich vollkommen von dieser Publikation, welche sie mit Entschiedenheit und Entrüstung verdammen und welche sogar in dem derzeitigen Gesundheitszustande des Artikelschreibers, der sich zwecks Heilung schwerer Krankheit in einem ausländischen Kurorte befindet, kaum Erklärung finden könnte.

2. Ueber die weiteren dringlich erforderlichen Maßnahmen gegen Dr. Reifer, dessen Zugehörigkeit zu den beiden Organisationen für den Fall, als er den Artikel wirklich geschrieben haben sollte, natürlich nicht mehr in Frage kommen kann, werden die kompetenten Instanzen dieser Organisationen in den nächsten Tagen die erforderlichen Beschlüsse fassen.

Wir erfahren auch, daß Kultusrat Dr. Perl an den Präsidenten der Kultusgemeinde mit der Forderung herangetreten ist, den Kultusrat zu einer außerordentlichen Sitzung einzuberufen, um gegen Dr. Reifer Sanktionen zu treffen. Es verlautet auch, daß ein Antrag auf Ausschließung des Dr. Reifer vom Kultusrat eingebracht werden soll.

(330908c2)
Klaus Binder
 
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Nr. 439, Sonntag, 10.09.33

Postby Klaus Binder on 8. September 2011, 16:44

Seite 1

Kritische Lage in Oesterreich [S. 1, oben, links]
Intrigen gegen Dollfuß
Was kommt: Nationalsozialismus oder Regentschaft Starhembergs?

Wien, 8. September (Tel. des „Tag“). An der Vorarlberger Grenze gegen Deutschland ist die Straße durch einen umgestürzten Omnibus und spanische Reiter zur Hälfte gesperrt worden. Außerdem wurden zwei Kompanien des Bundesheeres an diese Stelle entsendet.
In Oesterreich sind drei Bezirkshauptleute wegen Zugehörigkeit zum Nationalsozialismus ihrer Stellen enthoben worden. In Wien ist ein reichsdeutscher Journalist zu vier Wochen Gefängnis verurteilt worden, weil er beleidigende Aeußerungen gegen Dollfuß machte. Die Gemeindeverwaltung von Meikenbrunn in Steiermark ist aufgelöst worden, weil sie im Geheimen Hitler zum Ehrenbürger ernannt hatte. In allen großen Städten Oberösterreichs und Kärntens dauern die Hausdurchsuchungen fort.
Die „Morning Post“ schreibt in einem Leitartikel über Oesterreich, daß das Reich Dollfuß zweifellos in den Schoß Deutschlands fallen werde, wenn nicht bald die Westmächte für Oesterreich Hilfsmaßnahmen beschließen werden.

Wien, 8. September (Tel. des „Tag“). Englische Blätter brachten vor kurzem die Nachricht, daß Dr. Dollfuß, dessen Nerven und Widerstandskraft im Kampf gegen die Nazis erschöpft sein sollen, die Absicht hege, zu demissionieren.
Die Nachricht wird nun von autorisierten Kreisen energisch dementiert.

Auch ein österreichisches Braunbuch
Wien, 8. September (Tel. des „Tag“). Gestern ist hier ein österreichisches „Braunbuch“ erschienen, welches in Tausenden Exemplaren verteilt wurde. Die Zeitungen betonen, daß das Braunbuch die heftigste Anklage gegen Nazideutschland enthält. Auf Grund offizieller Akte werden eine Reihe von Terrorakten, die von Nationalsozialisten in Oesterreich begangen wurde, aufgezählt.

Letzte Meldung:
London, 8. September (Tel. des „Tag“). Die letzten Privatnachrichten aus Oesterreich rufen den Eindruck hervor, daß die Lage der Regierung Dollfuß von Tag zu Tag schwieriger wird und die nationalsozialistische Gefahr unmittelbar akut geworden ist. Man nimmt an, daß der Bestand der Regierung nur auf wenige Tage beschränkt ist.

Die Ankunft des Prinzen Starhemberg aus Rom und der für ihn vorbereitete Empfang in Verbindung mit den Festlichkeiten anläßlich des 250. Geburtstages der Befreiung Wiens, bei welcher sein Ahne eine Rolle spielte, wird als kritischer Zeitpunkt angesehen. Von einigen Seiten wird das Gerücht kolportiert, daß eine Regentschaft Starhemberg proklamiert werden wird.
Ein Teil der englischen Presse weist auf die zweideutige Rolle hin, welche Mussolini in seiner Eigenschaft als Vermittler zwischen Deutschland und Österreich spielt. Diese kommen auch darin zum Ausdruck, daß er Hofer als politischen Flüchtling erklären und ihn zum nationalsozialistischen Reichsparteitag in Nürnberg reisen ließ.

Die Situation wird noch durch die fortwährenden Rüstungen Deutschlands verschärft. Es wird betont, daß nur ein engster Zusammenschluß zwischen England, Frankreich und den Vereinigten Staaten imstande wäre, in Österreich die Demokratie zu retten.

Inzwischen haben die österreichischen Sozialdemokraten die Einberufung verlangt.
Mehrere Londoner Blätter, welche vom bevorstehenden Sturz Dollfuß sprachen, wurden in Wien beschlagnahmt.

(330910w1)


Italienische Truppenkonzentrationen [S. 1, Mitte]
an der österreichischen Grenze

Rom, 9. September (Tel. des „Tag“). Hier wurde das Gerücht verbreitet, daß italienische Truppen in der Gegend des Brenner an der österreichischen Grenze konzentriert werden. Von offizieller Seite wird erklärt, daß es sich nur um eine Neugruppierung der Effektivstände handelt. Doch scheint es allgemein, daß Truppenverschiebungen in engster Verbindung mit der Lage in Oesterreich stehen.

(330910w1)


Seite 2

Enquete gegen die Kontingentierung [S. 2, oben, links]
Für Donnerstag abends hatte das Gremium der Handelsagenten eine Enquete einberufen, auf deren Tagesordnung die Stellungnahme zum Kontingentierungsgesetz stand.
Den Vorsitz führte der Präsident des Agentengremiums Herr Doregger, das Referat erstattete Direktor Mathias Roll. Es sprachen ferner für die Textilindustriellen Handelskammerrat Doktor Hain, für die Börse der Vizepräsident Held, dann der Industrielle Dresdner, die Handelskammerräte Dr. Rubel, Ingenieur Krässel, Mag. Gläsner, Rudich und König sowie die Herren Rotfeld und Laub. Sämtliche Redner führten die schweren Nachteile des Kontingentierungsgesetzes an, welches für alle Erwerbszweige unmögliche Zustände geschaffen habe.
Am Schlusse wurde eine Resolution angenommen, in welcher die Aufhebung des Kontingentierungsregimes und die Rückkehr zum freien Tauschverkehr gefordert wird. Bis dahin soll die Regierung mit sofortiger Wirksamkeit eine Reihe von Erleichterungen schaffen, so, daß alle Waren, die bis 1. August d. J. in die Zollämter eingelagert wurden, ohne Unterschied des Ursprungslandes zur Verzollung freigegeben werden, daß diese Waren von den Magazinagetaxen befreit werden, daß für alle überreichten Ansuchen gemäß den Forderungen des Petenten Autorisationen ausgefolgt werden u. s. w.
Weiters fordert die Resolution, daß, wenn eine Aufhebung der Import-Kontingentierung nicht erfolgen sollte, zumindest jene Staaten, denen gegenüber Rumänien eine aktive Handelsbilanz aufweist, von der Kontingentierung ausgenommen werden. In den Staaten, die zu Ungunsten Rumäniens eine passive Handelsbilanz aufweisen, soll in näher bezeichneter Weise der private Kompensationsverkehr gestattet werden.
Wir verweisen im übrigen auf den grundlegenden Artikel unseres volkswirtschaftlichen Mitarbeiters Plutus (Mathias Roll) im heutigen Wirtschafts-„Tag“, der alle Argumente gegen die Kontingentierung in erschöpfender Weise zusammenfaßt.


(330910r2)


Kadejewski als Plastiker [S. 2, Mitte, links, unten]
Ein Tempel aus Brot

Viele Menschen stauen sich täglich in der Hauptstraße Nr. 32 vor der Milchhalle Rosalinde, wo der in der Mordaffäre Hirsch ursprünglich zu Unrecht beschuldigte Peter Kadejewski „ausstellt“. Auch ich zählte zu den Neugierigen. Herr Kadejewski führte mich sofort in das Ausstellungszimmer, um mir einen aus Brot geformten, formvollendeten Tempel zu zeigen, vor dem Juden stehen, Gebetbücher in der Hand. Kadejewski hat dieses Werk, wie er selbst erzählt, in einem Jahr im Gefängnis hergestellt. 64 Kilogramm Brot hat Kadejewski dafür verwendet. Er erzählt, daß ihm ein Universitätsprofessor 40.000 Lei für diese Arbeit angeboten hat, die er aber nicht verkauft, da er sie auch in Bukarest ausstellen will. Sein Werkzeug besteht aus einem Taschenmesser und einigen winzigen Holzspänen. Nicht immer macht Gelegenheit Diebe. Man sieht, daß Gelegenheit zum Diebstahl auch Gelegenheit für schöpferische Begabung gibt. Wenigstens bei Kadejewski zeigt sich dies. Das Gefängnis ließ ihn über sein weiteres Schicksal nachdenken, welches er sich durch Formen von Brotfiguren meistern will. Kadejewski will ein anständiges Leben beginnen und nichts mehr vom Gefängnis wissen, wenn er auch diesem sein neues Talent verdankt.
M. L.

(330910c2)


Feststellung [S. 2, unten, rechts]
Der Volkswirtschaftliche Mitarbeiter des „Tag“ Herr Direktor Mathias Roll, der seit etwa zwei Jahrzehnten unter dem Pseudonym „Plutus“ schreibt, legt Wert auf die Feststellung, daß der vor einigen Tagen in der „Czernowitzer Deutschen Tagespost“ veröffentlichte und mit „Plutus“ unterzeichnete Artikel nicht von ihm herrührt.

(330910i2)
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• Damit ist "endlich" klar, wer Plutus ist!


Seite 7

Theater und Kunst
„Die Schikerte“ [S. 7, Mitte, links, unten]
Man müßte, weil es spät nachts ist und die Setzer warten, eigentlich in die Redaktion eilen und die Kritik rasch niederschreiben; aber man kann nicht, man ist zu aufgewühlt, man muß zumindest noch eine halbe Stunde in der frischen Nachtluft herumwandern, um seine aufgepeitschten Nerven ein wenig zu beruhigen.
Wahrhaftig, das ist Sidy Thal: nicht mehr Reklame, die mit viel Phrasen und Schlagworten zur Hand ist, nein, dieses junge, schmächtige Geschöpf ist ein Erlebnis so gigantischer Stärke, daß der Eindruck eines einzigen Abends nachwirken muß in der Seele wie das Schwingen einer Membrane … Sidy Thal als alte Frau mit weißem Haar? Dieses lawinengleiche Temperament, das hunderte von Menschen abendlich begeistert und entzündet und mitreißt - spielt eine alte Frau? Doch, und wie sie das spielt! Und dann kommt der Kontrast, dieser unfaßbare Kontrast, der einzig durch den göttlichen Funken Genie möglich wird: Sidy Thal, die ihre Jugend erzählt, als junges, lebenssprühendes Ding, das einem Mädchenhändler ins Garn geht, tanzt, Männer toll macht, die ihr Vampyr, der Mädchenhändler, dann ausplündert - nein, keine Figur mehr, keine Rolle, keine Schauspielerin: eine Kokotte, ein lasterhaftes, verkommenes Weib, echt bis in die Fingerspitzen; ihre Rolle ist ihr, Sidy Thal, hineingewoben in Adern und Poren …
Aber dann kommt das erschütterndste, das größte, das aufwühlendste Bild: in der Gosse versumpft, versoffen, krank, verludert: so sehen wir sie wieder, und die Szene ist so packend, daß in vieler Augen Tränen blinken. Das ist eine ganz große Klasse, Sidy Thal als besoffenes Straßenweib; das ist ihre Glanzleistung.
Es scheint, daß sie an ihrem Geburtstag - der Freitag war ihr Geburtstag - sich überbieten will; Sidy Thal lebt dem Publikum ein Stück Leben vor, und sie steht jenseits aller Kritik.
Das übrige Ensemble - Herr Wolfensohn, Herr Loznik und alle die andern - wissen den Geburtstag ihres Stars zu würdigen und fügen sich wie am Schnürchen dem harmonischen Ganzen ein. Jeder und jede bringen aus ihren Rollen alles heraus, was gefordert wird. Ueber allen aber strahlt das Geburtstagskind, der Teufelskerl, das schmächtige Mädchen mit dem Flammentemperament: Sidy Thal.
Rom.

(330910c7)


Werbung * Ankündigung
Komplett geschlossener [S. 7, unten, links]
Pavillon im
Goldfaden-Theater
Dr. Reissgasse Nr. 8
Dir. M. Reisch

Gastspiel
Sidy Thal
bei Regiepreisen von
10 u. 20 Lei Entree

Heute Samstag, Eröffnung
des geschlossenen Pavillons mit
der riesenerfolgreichen Operette
Die Schikerte
Morgen, Sonntag und Montag
9 Uhr abends, auf allgemeines Verlangen
Dus Chazendl
Sonntag, 3 Uhr nachm. letzte Auf-
führung bei Regiepreisen von
7 und 10 Lei Entree
Die Schikerte
Der Garten wurde ganz geschlossen

(330910c7)
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http://ro.wikipedia.org/wiki/Sidy_Thal
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Klaus Binder
 
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Nr. 440, Dienstag,12.09.33

Postby Klaus Binder on 9. September 2011, 22:25

Seite 2

Die Novelle des Tages
Max Reinhardt, der Sechziger [S. 2, oben, links]
Max Reinhardt wurde 60 Jahre alt. Das ist weiter kein Verdienst, aber unsere Konventionen lieben nun einmal die runden Ziffern und erheischen „Würdigungen“, wenn Sterne erster Ordnung Feste dieser Art begehen. Zunächst: Reinhardt hat sich selber niemals gefeiert, stets ist er - oft und herzlich - gefeiert worden. Wie er überhaupt, käme es auf ihn an, ausweichen würde allem Getriebe und Trubel, um so intensiv wie möglich der Arbeit hingegeben zu bleiben.
Ein Ueberblick des Weges, den der junge von Otto Brahm nach Berlin verpflichtete österreichische Schauspieler bis zur sechzigsten Wiederkehr seines Geburtstages zurückgelegt hat, zeigt dem betrachtenden Auge den faszinierendsten Aufstieg der einem der Bühne verbundenen Künstler jemals zuteil geworden.
1895 kommt der junge Schauspieler Max Reinhardt nach Berlin und tritt in das berühmte Ensemble Otto Brahms ein, innerhalb dessen er sich bald an erste Stelle spielt. Späterhin schied er mit einigen Kameraden aus; die jungen Leute studierten auf eigene Faust Vorstellungen ein und gastierten, wo man eben die neue Truppe haben wollte. Diese Gemeinschaft bildet gewissermaßen die Urzelle aller Reinhardtschen Theater und Theatergründungen. In mehr oder weniger rascher Folge ging es nun über die einzelnen Etappen - Kabarett „Schall und Rauch“ - die weltbekannte „Nachtasyl“-Aufführung mit Reinhardt als Pilger Luka - das „Kleine Theater“ - das „Neue Theater am Schiffbauerdamm“, in dem seine berühmte Inszenierung des „Sommernachtstraum“, die eine wahre Revolution des Bühnenwesens bedeutete, geboren wurde - in das Haus der Berliner Schumannstraße, in das Deutsche Theater, in Max Reinhardts Deutsches Theater, das er als 32-jähriger junger Mensch eröffnete. Kurz darauf wurden die benachbarten Embergschen Tanzsäle in die „Kammerspiele des Deutschen Theaters“ verwandelt und nun beginnt ein Aufstieg der beiden Häuser, wie er in neuerer und älterer Theatergeschichte kaum seinesgleichen hat.
Sinn, Zauber und Geheimnis des Theaters liegen und lagen für Reinhardt immer nur in der Probenarbeit, im Werden des Kunstwerkes, im gemeinsamen Zusammensetzen, Verwerfen, Aendern, Festhalten. Die Werkstatt, wo die Elemente, die am Abend der Aufführung festlich glänzen und weithin leuchten, ungeordnet daliegen, wo während des Arbeitsvormittags unter Qual und Tränen auf die Welt der Wesentlichkeiten kam, was abends in tänzerischer Leichtigkeit vorübergleitet, das Theater mit dem dunklen Zuschauerraum und der von Lampen und Menschenkraft erleuchteten Bühne ist Max Reinhardts mit allem Glück und allen Schmerzen geliebtes Revier.
Der Schauspieler ist und bleibt Grund von Reinhardts Vergnügen an tragischen Gegenständen. Aus seinen „Spielkameraden“, wie er seine Mitglieder gelegentlich selbst bezeichnete, holt er sich immer und immer wieder frische Kräfte, mit denen er sie und sich zu blühender Entfaltung bringt. Der weitaus größte Teil der heute gerühmten und berühmten deutschen Schauspieler hat von Max Reinhardt entscheidende Förderung und Bereicherung erfahren und bekennt sich mit freudigem Stolz zu ihm als seinem unbestrittenen Führer und Berater.
Horch

(330912w2)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Reinhardt


Neue Mitglieder der Appellkommissionen [S. 2, Mitte, links, unten]
Im Beisein des Finanzadministrators Luca Constantinescu wurden folgende neue Mitglieder der Appellkommissionen für die Zeit vom 10. September bis 10. Oktober ausgelost: Für Kommission eins: Handel: Ingenieur Schenkelbach Delegierter, Ersatz Dr. Leo Greif; Industrie: Dr. Hain, Ersatz Adolf Hart; Handwerker: Kanczucki, Ersatz Schreiber Mihai; Advokaten: Dr. Vasile Vaculinschi, Ersatz Dr. Moses Zimmer; Aerzte: Dr. Bodea Isidor, Ersatz Dr. Tomovici Nicolae; autorisierte Ingenieure: Maximilian Zwilling, Ersatz Josef Kaniuk; Architekten: Wenzel Baumgarten, Ersatz Benno Schäfer, als Delegierte der Steuerträger: Dr. Karl Großdorfer, Ersatz Norbert Lazarus. Für Kommission zwei: Handel: Anton Rosca, Ersatz Marek Fisch; Industrie: Markus Großmann, Ersatz Ilie Naftalison; Handwerker: Dr. Bruno Wiegler, Ersatz Alter Weingast; Advokaten: Dr. Eusebius Hotinceanu, Ersatz Dr. Julius Pariser; Aerzte: Dr. Samuil Patras, Ersatz Dr. Moses Weinreb; Veterinärärzte: Dr. M. Morcianu, Ersatz Alexander Popovici; autorisierte Ingenieure: Theodor Vicol, Ersatz Gottfried Burstyn; Architekten: Benno Schäfer, Ersatz Adolf Weißelberg.

(330912i2)


Selbstmord eines Offiziers [S. 2, unten, rechts]
Der Oberleutnant des 8. Vanatori-Regimentes Kozinschi wurde gestern auf dem Flughafen erschossen aufgefunden. Die Untersuchung ergab, daß der Oberleutnant Selbstmord verübt hat. Ueber das Motiv der Verzweiflungstat ist nichts näheres bekannt.

(330912t2)



Die jüdische Gemeinde in Czernowitz an den weltberühmten Tenor Josef Schmidt [S. 2, oben, rechts]
Das Präsidium der jüdischen Gemeinde hat an Herrn Josef Schmidt folgendes Schreiben gerichtet:

No. 2340 Cernauti, am 11. Sep. 1933

Euer Wohlgeboren!
Sehr geehrter Herr Schmidt!

Namens der Repräsentanz der jüdischen Kultusgemeinde in Cernauti beehre ich mich, Euer Wohlgeboren für Ihre freundliche Bereitwilligkeit, zu Gunsten des Neubaues des jüdischen Spitales in Cernauti ein Konzert in unserer Stadt Cernauti ohne irgendwelches Entgelt zu absolvieren, den herzlichsten und aufrichtigsten Dank abzustatten.
Der großartige materielle Erfolg, der diesem einzigartigen Konzerte allgemein vorausgesagt wird und der im Hinblicke auf Ihre hohe Kunst auch bestimmt zu erwarten ist, wird dazu beitragen, daß der Neubau des jüdischen Spitals in Cernauti um ein bedeutendes Stück wird nach vorwärts gebracht werden können. - Euer Wohlgeboren werden sich durch Ihre hochherzige Tat ein dauerndes Verdienst um die Schaffung dieses schönen Werkes menschlicher Nächstenliebe erworben und den ewigen Dank der armen jüdischen Bevölkerung dieser Stadt, Ihrer Vaterstadt, gesichert haben.
Mit Stolz blickt die jüdische Gemeinde in Cernauti auf Euer Wohlgeboren, mit Stolz und besonderer Genugtuung zählt sie Sie zu ihr gehörig.
Genehmigen Euer Wohlgeboren den Ausdruck der vorzüglichsten Hochachtung.
Der Präsident der jüdischen Gemeinde in Cernauti:
Reg.-Rat a. D. Dr. Karl Gutherz

(330912c2)


Todesfall [S. 2, rechts, Mitte]
Im Alter von 74 Jahren ist hier der Postkontrollor i. P., Herr Leo Gingold, der Vater des in Wien wohnhaften Komponisten Norbert Gingold gestorben. Das Leichenbegängnis hat gestern stattgefunden.

(330912t2a)


Das Leichenbegängnis Dr. Eugen Kozaks [S. 2, rechts, unten]
Samstag fand unter überaus großer Beteiligung das Leichenbegängnis des im Alter von 76 Jahren verschiedenen Universitätsprofessors Dr. Eugen Kozak statt. Außer den nächsten Angehörigen des Verstorbenen befanden sich der Minister für die Bukowina Dr. Sauciuc-Saveanu, die Konsitorialräte Sandru und Dr. Ipolit Tarnavschi, viele Universitätsprofessoren sowie eine große Anzahl führender Persönlichkeiten der Stadt unter den Trauergästen.

(330912t2a)


Seite 3

Rund um den Reifer-Artikel [S. 3, oben, links]
„Der Jude Reifer ringt uns Hochachtung ab“
Das Echo in der hitleristischen Presse

Das, was „Der Tag“ in seinem ersten Artikel vorausgesagt hat, ist bereits eingetreten: Der Artikel Dr. Reifers wird schon jetzt von den antisemitischen Blättern als Waffe benützt, als Stärkung ihrer Rüstzeuge durch die Erkenntnis eines Juden. Da ist zunächst der berüchtigte „Scharfschütze“, der in einem „Bravo, Manfred Reifer!“ mit Balkenlettern überschriebenen Artikel, dessen Ergüsse abdruckt und hiezu bemerkt:

„Achtung, ja Hochachtung ringt uns der Jude Reifer ab, seiner Wahrheit muß Anerkennung gezollt werden“. „Der Scharfschütze“ spricht von der „Unerschrockenheit“ Reifers und stellt fest, daß sein Artikel „Wasser auf die Mühlen der Antisemiten“ ist.

In das gleiche Horn bläst die „Deutsche Tagespost“, welche in diesem Zusammenhang die Czernowitzer nicht-nationalsozialistischen Blätter angreift und dabei die Anmaßung begeht, das deutsche Volk überhaupt mit dem Nationalsozialismus zu identifizieren.

Auch in Bukarest macht sich bereits das Echo geltend. Während „Universul“ über den Fall Reifer rein referierend und ohne Kommentar berichtet, erhebt das Blatt der Eisernen Garde, der hitleristisch-antisemitische „Calendarul“ ein Triumphgeschrei. Er druckt den Reifer-Artikel unter dem Titel „Ein jüdischer politischer Führer rechtfertigt die antisemitischen Strömungen“ ab und schickt ihm eine Bemerkung voraus in welcher es heißt:

„Tatsächlich müssen wir zugeben, daß unsere jüdischen Mitbürger allen Grund haben, über ihren Kampfgenossen und bisherigen geistigen Führer (das soll Reifer sein. d. Red. des „Tag“) erbittert zu sein, weil der Autor dieses Artikels den Mut hatte, nachzuweisen, daß der Antisemitismus in Hitlerdeutschland die logische Folge des übermäßigen Einflusses der Juden auf allen Gebieten des nationalen und öffentlichen Lebens des deutschen Volkes ist. Folglich enthält der Artikel eine klare Rechtfertigung aller antisemitischen Bewegungen durch einen politischen Führer der Juden, der von seinen Konnationalen bisher ausnehmend geschätzt wurde.“

Der Reifer-Artikel und die Einheitspartei
Kultusrat Dr. Ignatz Perl sendet uns eine Zuschrift, in welcher er der jüdischen Oeffentlichkeit folgendes zur Kenntnis bringt:

Einige Kultusräte hatten beim Präsidenten der Kultusgemeinde vorgesprochen und die Einberufung einer außerordentlichen Kultusratssitzung beantragt, in welcher der Fall Reifer zur Sprache gelangen sollte. Auf Grund dieser Vorsprache ordnete der Kultuspräsident die Sitzung für Samstag, den 9. d. M. 8 Uhr abends, an. Behufs Erzielung einer ruhigen und fachgemäßen Debatte wurde Freitag, den 8. d. M. eine Konferenz der Vertreter der Kultusparteien unter dem Vorsitze des Kultuspräsidenten abgehalten, an welcher u. a. namens der Einheitspartei Herr Kultusvorsteher Dr. Theodor Weißelberger teilnahm. Nach einer Aussprache über den Gegenstand einigte man sich einmütig sowohl über die Person des Redners als auch über die in der Plenarsitzung des Kultusrates einzubringende Resolution und zwar sollte der Senior des Kultusrates, der ehemalige Deputierte Dr. Benno Straucher das Wort ergreifen und nach entsprechender Einleitung eine Resolution einbringen, welche die Publikation Reifers brandmarkt und dessen Entfernung aus allen jüdischen Positionen gefordert.
Dr. Perl behauptet nun, „daß Herr Kultusvorsteher Dr. Theodor Weißelberger und seine Kultusratskollegen zu der oben anberaumten Kultusratssitzung wohl erschienen waren, sich jedoch unmittelbar vor Eröffnung derselben entfernten, nur einen „Beobachter“ in der Person des Vizepräsidenten Ing. Maximilian Zwilling zurückließen, die Beschlußunfähigkeit des Kultusrates herbeiführten und die tagsvorher vereinbarte Stellungnahme gegen das hohnsprechende Verhalten des Kultusrates Dr. Reifer vereitelten.“
Die jüdische Einheitspartei bestreitet diese Darstellung.

(330912c3)


Der Rasse-Kurs im Geschäftsleben [S. 3, oben, Mitte]
Bukarest, 8. September (Tel. des „Tag“). Das Berliner Ullsteinhaus war seit Jahrzehnten in Bukarest durch die Bukarester Firma Buchhandlung und Verlagsfirma Ignatz Hertz vertreten. Der rassistische Kurs Deutschlands hat auch hier einen Wandel geschafft. Nach der Gleichschaltung der Firma Ullstein wurde jetzt auch die rumänische Generalvertretung gewechselt. Sie wurde Hertz entzogen und der „Cartea Romaneasca“ zugeteilt. Darüber ist jetzt eine öffentliche Polemik entstanden. Die „Cartea Romaneasca“ hat der Oeffentlichkeit kundgemacht, daß bei der Erteilung der Vertretung an sie „rein kaufmännische Gründe“ maßgebend waren. Demgegenüber stellt Hertz fest - und er belegt dies durch die mit Ullstein geführte Korrespondenz - daß nur Rasse-Motive die Zentrale dazu bewogen haben, ihm die Vertretung zu entziehen. Dies sei über direkte Einflußnahme des Reichsaußenministeriums in Berlin und der deutschen Gesandtschaft in Bukarest geschehen. Ullstein schrieb an Hertz unter dem 14. Juli d. J.:

„Wir können absolut nichts tun, bis wir nicht die Antwort von der deutschen Gesellschaft erhalten haben, mit der wir uns infolge einer offiziellen Intervention unseres Außenministeriums in Verbindung gesetzt haben.“

Und am 18. Juli schrieb die Ullsteinfirma an Hertz neuerlich:

„Wir lenken neuerlich ihre Aufmerksamkeit darauf, daß wir unsere Entscheidung bis zum Erhalt der Antwort der deutschen Gesandtschaft in Bukarest aufschieben müssen.“

Man sieht, daß der rassistische Kurs sich auch in den Geschäftsbeziehungen Deutschlands mit dem Ausland geltend macht. Für Hertz bedeutet die Entziehung der Vertretung der Ullsteinpublikationen (es sind dies die Tageszeitungen „Vossische Zeitung“, „B. Z. am Mittag“ und „Berliner Morgenpost“, ferner die Zeitschrift „Berliner Illustrierte“, „Die Dame“, „Der Uhu“, „Die Koralle“, die Ullsteinmodehefte usw.) einen schweren Schlag, weil das Publikum sich zu wenig diszipliniert gezeigt hat, um die Parole zum Boykott dieser Publikationen zu befolgen.

(330912r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 441, Mittwoch, 13.09.33

Postby Klaus Binder on 10. September 2011, 18:15

Seite 1

Konkordat ratifiziert [S. 1, Mitte]
Berlin, 11. September (Tel. des „Tag“). Das Konkordat mit dem Vatikan ist gestern in Rom ratifiziert worden. Der feierliche Akt fand in den üblichen Formen statt. Den Ratifizierungsakt unterschrieb der deutsche Geschäftsträger in Rom und Kardinal Pacceli [Pacelli].

(330913w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Pius_XII. (Pacelli)


Seite 2

Reifer dementiert [S. 2, oben, Mitte]
Wir erhalten folgende Zuschrift:

„Löbliche Redaktion, wir ersuchen um Publizierung nachstehenden Telegrammes, welches wir soeben von Herrn Dr. Manfred Reifer aus Franzensbad erhalten haben:
„Von Czernowitzer Freunden über Preßkampagne benachrichtigt und Artikel erhalten. Dementieret sofort Abschnitt zwei, Zeile zwanzig bis zweiundneunzig. Auch sonst enthält Artikel Entstellungen. Aufklärung folgt.“
Hochachtungsvoll
f. d. Präsidium der jüdischen Reichspartei
Region Bukowina
Dr. Krämer Wiznitzer

Anmerkung der Redaktion:
Es scheint, daß die für Reifer eingeleitete Rettungsaktion die entgegengesetzte Wirkung haben wird. Das Telegramm Reifers - wenn es echt ist - spricht schwere Beschuldigungen aus. „Dementieret 72 Zeilen!“ „Der Artikel enthält Entstellungen!“ Wenn Reifer Recht hat, dann ist die Frage berechtigt: Wer hatte Interesse, Reifers Artikel in seinem wichtigsten Abschnitt zu fälschen? Ferner: Wer beging die Entstellungen? Der Vorwurf richtet sich an die Adresse der Ueberbringer des Artikels oder an die Adresse der „Allgemeinen“, die nach dem Inhalt des Reiferschen Telegramms die Fälschungen begangen haben sollen. Die Redaktion der „Allgemeinen“ versendet ein Kommuniqué, in welchem sie den Vorwurf, als ob in der Redaktion Korrekturen vorgenommen worden wären, zurückweist. Die Zeitung schreibt:

Der Artikel des Herrn Dr. Manfred Reifer ist uns von der engsten Mitarbeiterin und der als alten zionistischen Parteigenossin bekannten Sekretärin des Herrn Dr. Reifer, Frau Dr. Lax, mit einem eigenhändig geschriebenen und unterschriebenen Begleitschreiben des Herrn Dr. Reifer zugestellt worden. Das Manuskript des uns von Frau Dr. Lax überreichten Artikels befindet sich in unserer Hand und weist keinerlei übliche Korrekturen, Randbemerkungen oder Zufügungen auf. Wenn also Entstellungen vorliegen, so können diese nur von Seite der Frau Dr. Lax ausgegangen sein, die übrigens selbst die Korrekturen des Artikels vorgenommen hat.

Es bleibt demnach nur die Beschuldigung offen, daß Frau Dr. Lax die Fälschungen vorgenommen hat. Daran glaubt jedoch kein Mensch; denn wie wir weiter erfahren, hat sich Reifer in einem Schreiben zur Autorschaft bekannt. Der Skandal ist mit diesen Feststellungen noch lange nicht erledigt, der Fall Reifer bleibt ein nicht mehr korrekturfähiger Fall, außerdem ist endlich auch die Frage zu prüfen, welche Verantwortung die Zeitung trägt, die den Reifer’schen Artikel, ein Schandmal öffentlicher Betätigung, veröffentlicht hat.

(330913c2)


Bemerkungen zum Nationalismus Dr. Reifers [S. 2, Mitte]
Prof. Karl Schäfer schreibt uns:
Ein seltsames Ereignis zwingt mich, zu einer Frage Stellung zu nehmen, die ihrer Natur nach zwar nicht mit einem Zeitungsartikel erledigt erscheinen kann, deren Prinzipien aber festgestellt werden müssen, um einem verhängnisvollen Irrtum entgegenzutreten. Von vornherein sei bemerkt, daß ich politisch unabhängig bin, gar keiner Partei angehöre und mich streng an das Sachliche halten werde. Meine Einstellung zu dem Artikel Reifers ist also rein theoretisch. Ich will also „sine ira et studio“ folgendes feststellen:
Erstens, daß das Prinzip des Liberalismus und der Assimilation im Sinne antisemitischer Hetzpropaganda behandelt wird, ohne - was ja für diese Kreise charakteristisch ist - auf historisch bedingte allgemeine Tatsachen einzugehen.
Zweitens, daß das Nationalitätenproblem nicht nach modernen Begriffen, sondern etwa nach mittelalterlicher Geschichtsauffassung zur Grundlage genommen wird. Daraus ergeben sich also notwendigerweise alle Fehler und Inkonsequenzen des Reifer’schen Artikels, zu deren Darstellung ich ganz besonders folgendes hervorhebe:
Als Geschichtsprofessor dürften Sie es wissen - das ist nämlich eine Tatsache, die sogar von den Antisemiten nicht geleugnet werden kann - daß Deutschland etwa um ein Jahrhundert später als Frankreich und England in die Geschichte eintritt, daß also die Vormachtstellung, die diese Staaten schon im 18. Jahrhundert erreichten, ausschlaggebend war für die europäische Entwicklung. Kein Geringerer als der bedeutende nationaldeutsche Historiker Leopold v. Ranke schildert uns den ungeheuren Einfluß eines Ludwig XIV. auf fast ganz Europa, und wie erst nach und nach Oesterreich und dann Preußen auf den Plan treten und sich ein deutsches Nationalbewußtsein zu entwickeln beginnt. Deutschland ist also noch im Entwicklungsstadium, es ist also nicht, wie Sie fälschlich behaupten, der Abschluß eines historischen Entwicklungsprozesses, und der wilde deutsche Nationalismus mit seinen grotesken Formen ist ein Anachronismus, gegen den sich die ganze zivilisierte Welt erhebt. Einen solchen Nationalismus zu verherrlichen und ihn mit den antiken Makkabäertaten zu vergleichen, ist wohl ein Sprung, der nur einem „Gelehrten“ von der Bedeutung eines Dr. Reifer möglich ist.
Was den Liberalismus anlangt, so liegt er in der allgemeinen Entwicklung, und wenn Sie mit den deutschen Antisemiten die Demokratie anklagen, daß sie der Nationalismus beeinträchtigt, so möge Ihnen der Hinweis genügen, daß schon Goethe ein Freund der französischen Revolution war und von denselben Kreisen als Nationalfeind betrachtet wurde, die heute das Hitlerregime bilden, dessen Formen Sie zwar geändert sehen möchten, jedoch unter Beibehaltung der Ihnen heilig erscheinenden Prinzipien.
Und nun zum letzten Punkt unserer Betrachtung: Assimilation. Es ist einfach lächerlich, wenn Sie glauben, daß die Juden ohne Assimilation in der Diaspora hätten leben können. Stellen Sie sich vor, Sie würden irgendwo unter Schwarzen in Zentralafrika oder unter Indianern in Amerika leben. Glauben Sie, daß Ihre Nachkommen durch das Milieu unberührt bleiben würden, oder daß Assimilation über Nacht geschieht „auf Kommando“ nach dem Rezept irgend eines Politikers? Im übrigen verstehe ich nicht, wie Sie dazu kommen, „Manfred“ zu heißen, an einer deutschen Universität studiert und sich so assimiliert zu haben und implicite „jüdisches Denken“ in die von Ihnen durch Ihre Dissertation bereicherte deutsche Gelehrtenliteratur zu tragen. Sie schreiben: „Wenn die Juden beispielsweise in die sogenannten internationalen Disziplinen eingriffen, wenn sie auf dem Gebiete der Mathematik, der Physik, Chemie, Medizin, Astronomie und zum Teile auch auf dem der Philosophie Außerordentliches, Hervorragendes leisteten, so konnten sie höchstens den Neid ihrer arischen Kollegen hervorrufen, nicht aber den allgemeinen Haß der ganzen Nation“. Ja, darauf kommt es an. Daß es kollegialen Neid gibt, das ist eine alte Geschichte. Aber warum sollte die Nation, wie Sie es ja richtig zugeben, diese Juden hassen, die durch Entdeckungen in der Wissenschaft ihr Los erleichterten? Hoffentlich werden Sie Ihren Irrtum einsehen. Aus einem falsch verstandenen Nationalismus und einer bizarren Engherzigkeit heraus den Juden politische Lehren zu erteilen und sich obendrein lächerlich zu machen, das hätte man von einem Zionisten auch in nicht leitender Stellung nicht erwartet.

(330913c2)


Seite 3

Warum nicht auch in Czernowitz [S. 3, oben, links]
Verbilligung der Telephontarife in Bukarest

In Bukarest wurden die Telephontarife für Angehörige der freien Berufe von 10200 Lei auf 7800 Lei jährlich reduziert. Der Tarif für zwei gemeinsame Abonnenten auf einer Leitung wurde von 8400 auf 5400 Lei herabgesetzt.
Auch die Czernowitzer Telephonabonnenten beklagen sich mit Recht über die enorme Höhe der Telephontaxen. Die Telephongesellschaft würde durch eine ähnliche Reduzierung wie die in Bukarest vorgenommene Reduzierung einerseits die berechtigten Ansprüche der hiesigen Abonnenten befriedigen, anderseits aber gewiß zur Vergrößerung ihrer Anzahl beitragen.

(330913r3)


Werbung * Ankündigung
Einziges Konzert [S. 3, oben, rechts]
Josef Schmiedt [Schmidt]

Donnerstag, den
14. September
präzise
8 1/2 Uhr abends
Musikvereinssaal

Uebertragung durch
Lautsprecher in den
Festsaal des jüdischen
Nationalhauses
(für Unbemittelte)
Kartenvorverkauf im Präsidium der
jüdischen Kultusgemeinde

(330913c3)


Seite 4

Das Neueste aus Deutschland: [S. 4, oben, links]
Jesus ausgeschlossen
Der Arierparagraph in der Kirche

Aus Berlin wird gemeldet: Die jetzt tagende Generalsynode der protestantischen Kirche befaßte sich u. a. mit der Beratung des Beamtengesetzes, das den sogenannten Arier-Paragraphen enthält. In § 1 des Gesetzes wird u. a. folgendes bestimmt: „Wer nicht-arischer Abstammung oder mit einer Person nicht-arischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher und Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden. Geistliche und Beamte arischer Abstammung, die mit einer Person nicht-arischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Wer als Person nicht-arischer Abstammung zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vorschriften der Reichsgesetze.“
Die Mitglieder der Gruppe „Evangelische Kirche“ lehnten die Zustimmung zu diesem Paragraphen ab und erklärten, daß

die Einteilung der Christen nach ihrem Ursprung dem evangelischen Glauben entgegengesetzt sei. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung. Die Vertreter der erwähnten Gruppe verließen die Arbeiten der Synode.

Die Konsequenzen des Arierparagraphen
Die allgemeine Stimmung in religiösen und kirchlichen Kreisen der evangelischen Schweiz geht aus einem Aufsatz hervor, den Karl Zimmermann in der „Neuen Züricher Zeitung“ veröffentlicht. Er ist vor dem erwähnten Beschluß der preußischen Generalsynode geschrieben worden. Das Schweizer Blatt veröffentlicht ihn aber mit dem Hinweis, daß das darin Gesagte dennoch seine prinzipielle Bedeutung behalte.

In dem Aufsatz heißt es:

„Dringt diese Forderung der deutschen Christen durch, so wird in Zukunft kein Funktionär nichtarischer Abstammung - diese bis auf die vier Großelternteile zurückverfolgt - in der Kirche wirken können. Wie können die evangelischen Kirchen Deutschlands eine solche Entschließung begründen und rechtfertigen? Steht nicht dagegen die Tatsache auf, daß auf den deutschen Kanzeln die Bibel liegt, die wohl so ziemlich ausschließlich von Juden geschrieben wurde? Ist die Kirche nicht dazu da, das Evangelium Jesu von Nazareth zu verkünden, einzig und ausschließlich dazu? Was sagt aber Jesus zu einer solchen auf Rassenzugehörigkeit und Abstammung beruhenden Ausschließung bestimmter Gläubiger von den Aemtern der Kirche? ... Wenn der Arierparagraph in den deutschen Kirchen wirklich durchdringt, dann ergibt sich für diese auf Christus und den Aposteln erbauten Kirchen die merkwürdige geistige Lage, daß weder Jesus, noch einer der Apostel, wenn sie heute in menschlicher Gestalt wiederkämen, das Evangelium verkünden und führend in den Kirchen mitwirken dürften. Geht das an?“

Der Sturm auf die Futterkrippe
Berlin, 9. September (Tel. des „Tag“). Der nationalsozialistische Pressedienst teilt mit, daß zwei Millionen Neuanmeldungen von Mitgliedern für die nationalsozialistische Partei vorliegen. Die Sperre für die Aufnahme von Mitgliedern wird kaum vor April 1934 aufgehoben werden. Die Mitgliederzahl beträgt jetzt 3,900.000.

(330913w4)
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Nr. 442, Donnerstag, 14.09.33

Postby Klaus Binder on 10. September 2011, 18:28

Seite 1

Leitartikel
Mihalache / Schmidt / Reifer [S. 1, oben, links]
Aktuelle Bemerkungen

Mihalache
Die Presse kennt seit Sonntag nur ein Thema: Mihalache.
Er ist heute die interessanteste Figur des innerpolitischen Lebens. In der Parteikonferenz hat er sich für den Ausschluß von Boila und der zwei anderen, die die Parteidisziplin verletzt haben, weil sie für Maniu eingetreten sind, ausgesprochen. Er selbst aber, Mihalache nämlich, verletzt die Parteidisziplin, weil er in seiner Rede in Campulung-Muscel ein Programm entwickelt, das den Grundsätzen der regierenden nationalzaranistischen Partei widerspricht. Mihalache hat von Junian die Forderung nach der Restabilisierung des Leu übernommen. Das ist aber, schon gar bei uns zu Lande, ein Thema, das nicht in Versammlungen breitgetreten werden soll; dafür ist es zu heikel, die Oeffentlichkeit ist zu wenig diszipliniert, deshalb auch die Wirkungen unabsehbar. Ein Politiker im Range von Mihalache hätte diese Gefahren beachten müssen. Die Regierung Vaida ist natürlich über Mihalache indigniert. Das amtliche Kommuniqué, daß an eine Herabsetzung des Leu nicht gedacht wird, sagt alles. So erlebt man demnach in Mihalache ein Paradoxon: Forderung der Disziplin für die anderen, selbst aber disziplinwidrig. Es kracht also im Gebälke der nationalzaranistischen Partei. Und es bleibt jetzt die Beantwortung der Hauptfrage übrig: Wie steht Mihalache zu Maniu? Da erfährt man bloß aus seiner Rede, daß er alle Gewalt in den Händen der Regierung konzentriert sehen will, unbeeinflußt von regierenden Nebenpersönlichkeiten und einflußreichen Hintermännern, die sich zu undefinierbaren Organisationen ausgebildet haben. Da geht Mihalache mit Maniu Hand in Hand. Weg mit dem Senat, „der eine morsche Institution geworden ist!“ Es spricht sich in diesem Programmpunkt der Einfluß von Berlin und Rom aus, die Anwendung des Führerprinzips für Rumänien, die Demokratie eingeschnürt - wieder ein Paradoxon, obgleich Mihalache aus der inkarnierten Demokratie hervorgegangen ist. Ein Rätsel dieser Mihalache, seine Worte wirken werbend für eine neue Partei - aber die Schlußfrage bleibt doch übrig: Wie steht er zu Maniu und wie steht er zu Vaida?

Schmidt
Heute gehört Josef Schmidt in den Leitartikel. Er ist eine Weltberühmtheit. Er führt offiziell den Titel: „der beste Rundfunktenor der Welt“, von den maßgebendsten künstlerischen Stellen also geaicht als Weltgröße. Wenn ein Konzert Josef Schmidt’ in Berlin angekündigt wird, dann ist es in paar Stunden ausverkauft. In Wien hat der große Musikvereinssaal drei Mal die Massen, die zum Konzert geströmt waren, nicht fassen können. Die Heimatstadt Czernowitz konnte sich nur freuen über den Erfolg ihres Landsmannes. Und nun tritt Josef Schmidt zu ersten Mal vor das Publikum seiner Heimat - ein Unterfangen, das kritisch gar nicht betrachtet werden soll, denn man fürchtete fast, daß der alte Satz vom Propheten daheim sich wieder mal verwirklichen könnte. Die sich blasiert gebende Stadt, als ob diese Schmidts in den Nebenstraßen nur so hintereinanderlaufen, diese Manier des Czernowitzers, alles schon gesehen und alles schon gehört und alles gewußt zu haben - wir fürchteten fast, als die erste Ankündigung herauskam. Aber das Geständnis sei abgelegt: Wir haben die Stadt unterschätzt, denn sie ist doch besser als ihr Ruf. Schmidt ist Sensation, jeder will ihn gesehen und gehört haben. Und darum der stürmische Andrang zum Billettkauf. Das Ereignis verdient Beachtung, die Stadt ist stolz auf ihren berühmten Sohn, und deshalb soll der Konzerttag am Donnerstag als historischer angemerkt werden. Selbst Goebbels hat den kleinen Juden aus Czernowitz zunächst nicht ausgeschaltet, der Respekt vor dem Gottesgnadentum der Stimme des Tenors Schmidt hat dem Reichspropagandaminister den Befehlsstab zur Ausschaltung aus der Hand geschlagen. Aber hier in Czernowitz ist der Nazismus, nach dem altbekannten Rezept „päpstlicher als der Papst“, noch zur Potenz gesteigert, und deshalb wird von ihm der Künstler Schmidt abgelehnt. Dafür aber freuen sich die anderen. Es freut sich die kunstfreudige Gemeinde von Czernowitz, daß sie Schmidt wird endlich hören können.

Reifer
Heute sei nur in aller Kürze die allgemeine Ansicht registriert, daß die gestern mitgeteilte Rettungsaktion für Reifer eine schmähliche Niederlage erlitten hat. Es ist charakteristisch für unsere Verhältnisse im öffentlichen Leben, daß die Schuldigen nicht die Konsequenzen ziehen wollen; eher umgekehrt: Es wird versucht, Reifer zu halten. Das Märchen von den 72 Druckzeilen, die in den Reifer’schen Artikel angeblich hineingeschmuggelt wurden, hat einen guten Kaffeehauswitz gezeitigt: „Es fehlt eine einzige Zeile für den zweiten Abschnitt, der entstellt wurde (von wem?), und diese Zeile müßte lauten: „Wir lesen im Völkischen Beobachter.“ Wenn diese Zeile über dem Reifer’schen Artikel gedruckt wäre, dann hätte man Wortlaut und Sinn der Reifer’schen Betrachtungen verstanden. Die Erbitterung in der Oeffentlichkeit gegen Reifer und jene, die sich schützend vor ihn stellen, ist gewaltig groß. Wir wissen, daß Reifer in der Zuschrift an die „Allgemeine Zeitung“ von einem Essay gesprochen hat, dessen Veröffentlichung geeignet ist, die „größte Sensation zu erregen“ und wir wissen auch, daß Reifer gebeten hat, den Satz des Artikels aufzubewahren, damit „diese epochemachende Schrift als Broschüre“ ausgegeben wird. Diese Tatsachen sind bekannt, aber trotzdem sind die Rettungskolonnen für ihn aufmarschiert. Wenn ein Lokomotivführer einen falschen Griff im Hebelwerk der Lokomotive macht, dann ist die Katastrophe fertig ... aber, wenn Herr Reifer mit einem Pamphlet ein Gift verbreitet, das tausendmal schlimmere Folgen hat als eine Eisenbahnkatastrophe, dann gibt es noch Leute bei uns, die darüber zur Tagesordnung übergehen möchten... „In vierzehn Tagen hat man doch den Fall Reifer vergessen ...“, sagte uns heute ein Mann, der Czernowitz kennt ... man hat auch die Presse vergessen, die sinnlos sich zur Publikation des Reiferschen Artikels hergegeben hat. Wer spricht noch da von Verantwortung im öffentlichen Leben dieser Stadt?
Ego

(330914c1)


Geben die Auslandsgläubiger nach? [S. 1, oben, rechts]
Antwort für Donnerstag erwartet. - Der Standpunkt Rumäniens unabänderlich

Bukarest, 12. September (Tel. des „Tag“). Die Antwort der Auslandsgläubiger, ob sie bereit sind, mit Rumänien noch weiter betreffend die Auslandsschulden zu verhandeln, wird erst für Mittwoch oder Donnerstag erwartet, da der Präsident der Vereinigung der französischen Rentenbesitzer Gauthier und der Direktor Rendu erst heute in Paris eintreffen. Beide Finanzpersönlichkeiten haben ein entscheidendes Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen.
In offiziellen Kreisen verlautet, daß die rumänische Regierung auf ihrem Standpunkt unabänderlich beharrt. Es wird darauf verwiesen, daß Rumänien seinen Verpflichtungen immer nachgekommen sei und auch Verständnis für weitere Verhandlungen gezeigt habe. Gegenüber dem Vorwurf, daß Rumänien mit den Auslandsgläubigern vor der Einstellung des Devisen-Transfers nicht verhandelt habe, wird festgestellt, daß die Vorbedingung für derartige Verhandlungen nicht gegeben war, da in diesem Falle verschiedene Lösungen hätten vorgeschlagen werden müssen. Rumänien konnte aber keine andere Lösung als die des Transfer-Moratoriums finden.
Weiter wird betont, daß in Angelegenheit der Auslandsschulden keine Regierungskrise entstanden sei, da auch eine andere Regierung den Auslandsgläubigern Konzessionen, die die Zahlungskraft Rumäniens überschreiten, machen könne.
Nach den letzten Meldungen heißt es, die Auslandsgläubiger seien etwas nachgiebiger geworden und es bestehe Aussicht, daß die Verhandlungen wieder aufgenommen und günstig abgeschlossen werden.

(330914r1)


Seite 3

Ankündigung
Danksagung [S. 3, unten, rechts]
Ausserstande, allen denjenigen, die unseren geliebten Toten,
Herrn

Eugen Sammler
Gerichtsoberoffizial i. P.

das letzte Geleite gaben, persönlich zu danken, tuen wir es auf
diesem Wege, insbesondere danken wir den Miteigentümern des
Hauses Russischegasse No. 46.
Cernauti, im September 1933.
Die tieftrauernde Familie

(330914t3)


Seite 4

Situation in Kuba noch immer unruhig [S. 4, unten, rechts]
New York. 12. September (Tel. des „Tag“). Die Situation in Kuba hat sich weiter verschärft. Der jetzige Präsident San Martin [Ramón Grau San Martín] wurde von der Studentenschaft und von den Offizieren des kubanischen Heeres bekämpft. Auch wird der Militärdiktator, der Unteroffizier Jan Batista [Fulgencio Batista y Zaldívar], von den Offizieren abgelehnt, die in einem Ultimatum seinen Rücktritt fordern.

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Klaus Binder
 
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Nr. 443, Freitag, 15.09.33

Postby Klaus Binder on 13. September 2011, 01:16

Seite 2

Das Elektrizitätswerk entzieht sich der Kontrolle der Stadtgemeinde [S. 2, oben, Mitte]
Wofür Geld da ist: Der aus den Diensten der Stadtgemeinde entlassene Antisemitenführer Costache bezieht die Hälfte seines Gehaltes

Unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Saveanu fand Mittwoch vormittags eine Stadtratsitzung statt. Auf der Tagesordnung stand u. a. auch das Gesuch des früheren Beamten der Stadtgemeinde Costache wegen Rückgängigmachung seiner Suspendierung. Bekanntlich wurde Costache wegen antisemitischer Propaganda, auf Grund welcher er vom Jassyer Militärgericht unter Anklage gestellt wurde, aus dem Dienste entlassen und die Bezahlung des Gehaltes an ihn eingestellt. Nach einem Referat des Generalsekretärs Dr. Braileanu wurde über seinen Vorschlag vom Stadtrat beschlossen, wohl die Suspendierung aufrechtzuerhalten, jedoch bis zum Zusammentritt des Disziplinargerichtes an Costache die Hälfte des Gehaltes zu zahlen. Der Beschluß wurde jedoch nicht einstimmig gefaßt.
Weiters beschloß der Stadtrat, in der Frage des Dienstbotenbüros vorläufig zusammen mit der Polizeiquästur zu arbeiten und erst in das nächstjährige Budget die notwendige Summe einzustellen, um dieses Büro selbständig zu führen.
Hierauf kam es wieder zu einer sehr erregten Debatte in der Kommerzialisierung des Elektrizitätswerkes. Es wurde neuerlich festgestellt, daß das Elektrizitätswerk die Aufträge der Stadtgemeinde nicht respektiere, daß es die Tarife für Autobusse eigenmächtig und ohne Zustimmung der Stadtgemeinde festgesetzt habe, daß die für die ersten drei Monate verlangte Abrechnung der Stadtgemeinde bis heute nicht zugestellt wurde, daß der Tausch eines Privatautos vorgenommen wurde und schließlich, daß die Autobusse zu hoch versichert wurden, ohne daß die Stadtgemeinde vorher befragt worden wäre.
Es wurde daher der einmütige Beschluß gefaßt, Stadtrat Dr. Oberländer mit der Ausarbeitung eines Referates zu betrauen, welches nach Verabschiedung durch den Stadtrat an den höheren Rat für öffentliches Vermögen in Bukarest übersandt werden wird.
Das Referat wird auf die Mängel des kommerzialisierten Elektrizitätswerkes hinweisen und vorschlagen, daß entweder die Kommerzialisierung annulliert oder der Verwaltungsrat abberufen wird, um eine neue Basis für die Verwaltung des Elektrizitätswerkes zu suchen:
Dr. Oberländer wird der nächsten Sitzung des Stadtrates seinen Bericht vorlegen.
Zum Schluß nahm noch der Stadtrat das von Vizebürgermeister Baranai ausgearbeitete Referat über die Feststellungen bezüglich des Erdrutsches in der Winzergasse zur Kenntnis und approbierte die von der Kommission vorgeschlagenen Maßnahmen zur Evakuierung der bedrohten Einwohner.
Die nächste Sitzung des Gemeinderates wurde vom Stadtrat für den 25. September festgesetzt.
Die im Budget für den Sportklub „Makkabi“ vorgesehene Subvention in der Höhe von 20.000 Lei gelangt an den Verein über Beschluß des Stadtrates heute zur Auszahlung.

(330915c2)


Seite 3

Winterhilfs-Programm der Nazi [S. 3, oben, links]
Hitler und Goebbels machen in Fürsorge

Berlin, 13. September (Tel. des „Tag“). Hitler und Goebbels entwickelten heute vor einer Gesellschaft und der Presse das Winterhilfsprogramm. Das eigentliche Programm entwickelte der Propagandaminister Goebbels. Er sagte: Im wichtigsten Punkte des nationalsozialistischen Programmes, dem Kampfe gegen die Arbeitslosigkeit, ist bisher ein Sieg erfochten worden. Die Zahl der Arbeitslosen ist um zwei Millionen zurückgegangen (?). Damit ist die erste Etappe erreicht. Die zweite Etappe beginnt jetzt und hat zum Ziele, während des Winters die Arbeitslosenzahl nicht wieder ansteigen zu lassen. Die dritte Etappe nimmt ihren Anfang im März und soll bis zum Winter 1934 die Arbeitslosenzahl bis auf eine Million reduzieren. Die Winterhilfe darf nicht der Privatgesellschaft überlassen werden, sondern muß vom ganzen Volke getragen sein. Wir haben nicht bloß, sagte Goebbels, rauschende Feste gefeiert; die Reden, die wir dort gehalten, sollen beweisen, daß wir unser Programm auch verwirklichen können. Im kommenden Winter darf niemand hungern.
Dann ging Goebbels auf das Programm über und erklärte: Am ersten Sonntag eines jeden Monates soll jeder Volksgenosse für sich nicht mehr als 50 Pfennig fürs Essen, gleichgültig ob zu Hause oder in der Gastwirtschaft ausgeben, was er erspart, hat er der Winterhilfsaktion abzuführen. Ferner: das Hilfswerk wird von der ganzen Nation durchgeführt, von allen Verbänden, Städten und Kommunen. Es wird ein Reichsbeirat ernannt. Die Sammlungen werden jeden Monat unter einem bestimmten Motto durchgeführt. Betreffs der Kohlenversorgung werden die Kohlenverbände verpflichtet, eine Sonderaktion im Interesse der Notleidenden durchzuführen. Jeder Arbeiter hat den Ertrag einer Arbeitsstunde der Aktion abzugeben. Wer ein Bankkonto oder ein Konto beim Postsparkassenamt hat, muß einen Prozentsatz der Winterhilfe spenden. Es wird eine 50 Pfennig-Straßenlotterie eingeführt. Spender, die Spenden über den vorgeschriebenen Rahmen leisten, erhalten eine Plakette, auf welcher die Inschrift zu lesen ist: „Wir helfen“. Diese Plakette kann der Spender an seiner Haustür anbringen und sie schützt ihn vor weiteren Abgaben. Die Verteilung der Unterstützungen erfolgt durch Zuweisung von Scheinen. Kohle wird nicht unter einem Zentner, auch nicht über zwei Zentner angeboten.

Statt Brot: Kinokarten
Schließlich: Theater, Kinos und Konzerte haben die Arbeitslosen mit Freikarten zu versorgen. Ihre Namen wurden durch Rundfunk verbreitet.
Hitler fügte hinzu: „Ich habe immer meinen Kampf gegen die internationale Solidarität geführt. Ich kenne nur die Solidarität des Blutes und der Rasse. Diese Solidarität soll bei der Winterhilfsaktion zum Ausdrucke kommen. Ich fordere von der ganzen Gemeinschaft Opfer. Es darf nicht einer sich bloß damit abfinden, er habe gegeben, wieviel er kann, sondern er muß mit den Bedürftigen auch mitleiden. Jeder muß einen Teil der Not tragen. Das nenne ich Solidarität.“
Die Industrieverbände haben bereits einen Betrag von 2 einhalb Millionen Mark für die Winterhilfsaktion geleistet, darunter die I. G.-Farben-Industrie allein eine Million.

(330915w3)


Seite 4

Die Regierung und Sovata [S. 4, oben, links]
Vaida will unbekümmert erscheinen

Bukarest, 13. September (Tel. des „Tag“). In Regierungskreisen wird erklärt, daß die Beratung von Sovata keinen Einfluß auf die Regierung oder die Partei haben werde. Von den 28 Abgeordneten (es waren in Wirklichkeit 60. D. Red.), die an der Beratung teilnahmen, seien drei ausgeschlossen und einige nahe Verwandte Manius.

Ministerrat und Vorbereitung der Parlamentssession
Ministerpräsident Vaida hat alle Minister telegrafisch nach Calimanesti eingeladen und sie ersucht, alle vorbereiteten Gesetzesentwürfe mitzubringen. Es handelt sich um die Arbeiten zur Vorbereitung der Parlamentseröffnung. Donnerstag oder Freitag findet in Calimanesti ein Ministerrat statt.
Ueber die Besprechung Manius mit Sever Dan in Badacin verlautet, daß Dan von Vaida die Mission hatte, von Maniu zu verlangen, eine neue Regierungsform vorzuschlagen, die weder Vaida noch Maniu enthalten sollte. Sever Dan ließ verstehen, daß dieser Vorschlag an Maniu von einem höheren Forum ausgehe. Maniu sagte darauf nur:

„Ich habe nichts zu antworten. Ich erwarte die Entwicklung der Dinge in Sovata und werde erst dann sehen, was ich zu tun habe.“
Gegenwärtig heißt es, daß Tilea einen letzten Versuch zu einer Versöhnung zwischen Maniu und Vaida mache.

Die Forderungen der Maniu-Gruppe
Die Resolution von Sovata

Sovata, 13. September (Tel. des „Tag“). Nach der Beratung in Sovata wurde eine Resolution angenommen, die in ihrem wesentlichen Teil folgende Forderungen stellt:

1. Verwirklichung des Programms der nationalzaranistischen Partei, in erster Linie durch eine Wahl- und Verwaltungsreform, wobei das Prinzip der Dezentralisierung und der lokalen Autonomie gewahrt bleibt.
2. Rückkehr zur konstitutionellen Regierungsreform, frei von allen geheimen Einflüssen, welche den Interessen des Landes und dem Prestige der Krone schaden.
3. Getreu den Prinzipien der nationalzaranistischen Partei erklären wir uns vollkommen solidarisch mit den politischen Auffassungen Manius und den Methoden zur Verwirklichung derselben …
4. Wir verurteilen mit tiefer Erbitterung die Verleumdungskampagne, welche gegen Maniu eingeleitet wurde, den wir als den ersten Staatsmann des Landes betrachten.

Diese Resolution wurde unter Hochrufen auf Maniu und Mihalache angenommen. Es wurden zwei Kommissionen gewählt, welche Maniu und Vaida die gefaßte Resolution überreichen sollen.

(330915r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 444, Samstag, 16.09.33

Postby Klaus Binder on 13. September 2011, 01:53

Seite 1

Leitartikel
Schulbeginn [S. 1, oben, rechts]
Heute setzt im ganzen Lande der Schulbetrieb wieder ein. Die Zeiten sind ernst, die Wirtschaftskrise ist größer als im Vorjahre, der politische Horizont umwölkt, man weiß nicht, was der morgige Tag bringen wird. Aber trotzdem darf die Erziehung der Jugend keine Unterbrechung erleiden, eher ist das Gegenteil der Fall, wie man es allerwärts sieht; die geistige und physische Ertüchtigung der Jugend steht als einer der ersten Punkte auf dem Programm der staatlichen Verwaltung.
Siebentausend Lehrer sind angesichts des beginnenden Schuljahres ohne Stellung. Das hat uns der Lehrerkongreß mitgeteilt. Die Reden, die dort gehalten wurden, offenbaren die gewaltigen Mängel des Schulprogramms. Ein Heer von Analphabeten ist noch im Lande, die Statistik zeigt, daß es zwei Drittel der Bevölkerung sind; auf der anderen Seite wächst die Zahl des Proletariates der Intellektuellen. Ein Beweis, daß ein kranker Zustand herrscht, noch mehr Beweis, daß bisher ein Ausgleich nicht geschaffen werden konnte. Wenn jeder glaubt, daß er mit Erreichung des Baccalaureatzeugnisses Anspruch auf eine Staatsanstellung erlangt, und wenn weiter die Praxis dominiert, daß der Kaufmannsberuf, der Beruf des Gewerbetreibenden, des Arbeiters ohne schulmäßige Vorbildung ausgeübt werden kann, wenn diese landläufigen Voraussetzungen nicht geändert werden, dann werden Analphabetismus, tausende postenlose Lehrer und die am Hungertuche nagenden Intellektuellen ein dauernder Zustand bleiben. In diesem Satze ist die Sünde der Verwaltung ausgesprochen; es fehlt hier der ehrliche Wille, einen Wandel zu schaffen. Der Staat tut nichts oder zu wenig, um einen intellektuellen Kaufmannsstand zu gewinnen, Handwerker, die fachlich ausgebildet sein sollen, vor allem eine allgemeine Intelligenz sich angeeignet haben, zu erziehen. Diese Mängel haften auch unserem Landwirt, also dem Bauernstande, an. Die Erziehung auf dem Lande reicht nur bis zum Politikum, den Bauern für eine Partei wahlfähig zu machen. Gleichgültig also, ob Stadt oder Land, es fehlt an der Vorschulung in allen Schichten und Ständen. Den Kampf im Leben kann aber nur der bestehen, der von der Schule aus mit erforderlichem Rüstzeug an Wissen ausgestattet ist. Das sind einfache Sätze, sie werden jährlich wiederholt, heute wieder einmal aus Anlaß der Resolutionen des Lehrerkongresses und des einsetzenden Schuljahres, so daß sie gerade in diesen Tagen mehr Aktualität verdienen als jemals vorher.
Aber unsere öffentlichen Körperschaften, vor allem das Parlament, aber auch die Ständevertretungen vergessen, daß es so etwas wie Pflichten gegenüber den Ansprüchen auf Erziehung, die ersten und wichtigsten Pflichten, die eine Verwaltung ausüben muß. Und deshalb stehen wir heute dort, wo das Land vor zwanzig oder vierzig Jahren noch war. Ringsum geht die geistige Rüstung vor sich, gerade in den Ländern, wo die Diktatur herrscht, dort haben sie auf ihr Panier die Ertüchtigung der Jugend geschrieben, und man hört Tag für Tag, was an materiellen und geistigen Mitteln aufgewendet wird, um die Ertüchtigung zu erzielen, die kommende Generation für den Lebenskampf vorzubereiten - bei uns aber sind siebentausend Lehrer ohne Stellung, obwohl fast zwei Drittel der Bevölkerung noch Analphabeten sind.
Ego

(330916r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Auch Gerhart Hauptmann … [S. 2, links, oben]
Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann hat zu einer Horst-Wesselfeier einen Prolog gedichtet …
Kein Zweifel: derselbe Gerhart Hauptmann, der „Die Weber“, das große Drama des sozialen Elends, den „Florian Geyer“, das Drama der deutschen Bauernnot und Empörung, geschrieben hat.
Kein Zweifel: derselbe Gerhart Hauptmann, der im Jahre 1913 bei der Breslauer Jahrhundertfeier zum Aerger des offiziellen wilhelminischen Deutschlands das „Festspiel in deutschen Reimen“ verfaßt hat, zum Gedenken an die preußischen Freiheitskriege ein pazifistisches, die Segnungen des Friedens preisendes Stück und nicht, wie bestellt, ein militärisches, hurrapatriotisches.
Kein Zweifel: derselbe Gerhart Hauptmann, der in den letzten Jahren keine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich zum Staat von Weimar und seinen Führern zu bekennen.
Kein Zweifel: derselbe Gerhart Hauptmann, der sich vor einem Jahr, als er seinen 70. Geburtstag feierte, von der deutschen Arbeiterschaft bejubeln ließ, offiziell und inoffiziell: bei der Festveranstaltung in Breslau standen Gerhart Hauptmann und der Reichstagspräsident Löbe, wie jener ein Sohn des Volkes und ein Kind Schlesiens, Arm in Arm.
Löbe sitzt mit zehntausenden anderen im Gefängnis … und Gerhart Hauptmann schweigt dazu.
Gerhart Hauptmann hat zu allem geschwiegen.
Er schwieg, als man in Breslau „im Zuge der nationalen Revolution“ die Gerhart-Hauptmann-Straße nach einem Fememörder umbenannte. (Die neuen Machthaber wußten ja noch nicht, daß der Dichter sich so rasch gleichschalten lassen werde.)
Er schwieg, als die sozialistische Arbeiterschaft, von deren Organisationen er sich hatte preisen, von deren Zeitungen er sich hatte hundertfach analysieren und von deren Volksbühnen er sich hatte tausend- und abertausendmal spielen lassen, verfolgt und gepeinigt wurde.
Er schwieg zu den deutschen Judenverfolgungen, obwohl jüdische Regisseure sich zuerst für ihn eingesetzt haben (Max Reinhardt und Otto Brahm), ein jüdischer Verleger sein gesamtes dichterisches Werk publizierte (Samuel Fischer) und ein jüdischer Kritiker sich in einem leidenschaftlichen Kampfe für ihn einsetzte (Alfred Kerr).
Er schwieg, als in jener denkwürdigen Berliner Mainacht die beste deutsche Literatur auf dem Platz vor der Universität auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Er schwieg, als ihn mehrere seiner Freunde in „offenen Briefen“, die in der österreichischen und tschechisch-deutschen Presse abgedruckt wurden, beschworen, nur ein einziges Mal seine immerhin gewichtige Stimme gegen die brutale Nazibarbarei zu erheben.
Er schwieg, obwohl er lange Zeit selbst im sichern Ausland saß und sich unter der Sonne des Südens wärmte.
Er schwieg und - schrieb dann einen Prolog zu einer Horst-Wesselfeier! Wird es ihm nützen?
Wie sprach Hitler auf der nationalsozialistischen Kulturtagung in Nürnberg:
Aber das eine wissen wir, daß unter keinen Umständen die Repräsentanten des Verfalls, der hinter uns liegt, plötzlich die Fahnenträger der Zukunft sein dürfen. Entweder waren die Schöpfungen ihrer damaligen Produktion ein wirklich inneres Erlebnis, dann gehören sie als Gefahr für den gesunden Sinn unseres Volkes in ärztliche Verwahrung, oder es war dies nur eine Spekulation, dann gehörten sie wegen Betrugs in eine dafür geeignete Anstalt.
Es ist der einzige beinahe sympathische Zug an diesem nationalsozialistischen Großverbrechertum, daß es seine tiefe Verachtung für die geistige Prostitution der sich freiwillig Gleichschaltenden nicht verhehlt. Und so endet Gerhart Hauptmann tragisch. Er war einmal ein Dichter, aber kein Held.
E. R. B.

(330916w2)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhart_Hauptmann


Jakob Gedaly plötzlich gestorben [S. 2, oben, links]
Der Inhaber des „Venezia“-Bades und Miteigentümer des Römerbades, Herr Jakob Gedaly, ist gestern früh im Alter von kaum 46 Jahren plötzlich verschieden. Er wurde im Römerbad, wo er ein Bad nehmen wollte, von einem Unwohlsein befallen und war nach wenigen Minuten tot. Herr Gedaly erfreute sich bei der Bevölkerung großer Wertschätzung und sein plötzliches Hinscheiden hat daher allgemeine Teilnahme ausgelöst.

(330916t2)


Ein öffentliches Gericht über Dr. Manfred Reifer [S. 2, Mitte, links]
Samstag, den 23. September l. J. um 8 Uhr abends findet im großen Saale des Arbeiterheimes ein öffentliches Gericht über die Handlung Dr. Reifers statt. Der Gerichtshof setzt sich zusammen aus den Herren Rubinger, Dr. Josef Kißmann, Dr. Horniker, Dr. Albert Silbermann, Dr. Arthur Oberländer, Dr. Bernhard Pistiner, Herz Ghischenschi, Ohrenstein, Sinnreich.

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Fall Reifer und Jüdische Einheitspartei [S. 2, Mitte, links, unten]
Von der Fraktion der Kultusräte der Einheitspartei erhalten wir folgendes Kommunique: „Herr Kultusvorsteher Dr. Perl behauptet in einer in den Czernowitzer Tageblättern lancierten Notiz, daß die Mitglieder des Kultusrates, welche unserer Partei angehören, die Plenarsitzung der Kultusgemeinde vom 9. ds., welche zu dem Zwecke einberufen wurde, um zum Artikel des Dr. Reifer Stellung zu nehmen, beschlußunfähig gemacht haben. Hiezu wird festgestellt, daß diese Sitzung, zu der sämtliche in Cernauti weilenden Mitglieder unserer Partei erschienen waren, um 9 Uhr noch nicht beschlußfähig war und daß sich um diese Zeit nicht einmal der Referent im Saale befand, obwohl diese Sitzung für 8 Uhr einberufen wurde. Es haben sich daher mehrere Kultusräte verschiedener Parteien, unter ihnen auch einige Kultusräte unserer Partei, nach 9 Uhr entfernt. Im Uebrigen ist die Stellungnahme der Einheitspartei sowie der Bukowiner zionistischen Landesorganisation zu der in Frage stehenden Angelegenheit im gemeinsamen Kommunique dieser beiden Organisationen vom 6. September 1933 eindeutig festgelegt worden“.


(330916c2)


Seite 3

Theater und Kunst
Josef Schmidt
Das überfüllte Haus des Musikvereines ehrte gestern abends den berühmten Landsmann, wie man es erwartet hatte. Was sind Berlin und Wien, was das internationale Scheveningen - überall Sensation - hier in Czernowitz jedoch sitzen Vater und Mutter im Saale, hier sind die Geschwister, hier horcht Schmidt’s erster Chormeister aus dem Tempel, hier sind die vielen Jugendfreunde, hier sind wir alle, die Landsleute und sind stolz auf ihn - eine einzige große Familie, die den nach Hause gekommenen Sohn ein einziges Mal bewundern und sich an seiner durchbildeten, feinkultivierten Gesangskunst erfreuen konnte. Mehr ist bald da nicht zu sagen. Ein Virtuose an Technik und Modulationsfähigkeit seines Tenors, vollständig italienisch ausgebildet - am wirkungsvollsten auch in den italienischen Liedern. - Josef Schmidt, jetzt auch im Auftreten weltmännisch diszipliniert, - ein Stern am künstlerischen Himmel, der noch nicht am Zenit ist. Das Akkompagnement besorgte stilvoll und mit Delikatesse Frau Dr. Bianca Krämer-Neuberger. Frau Dr. Flora Weingartner-Milch spielte mit Intelligenz Chopins Phantasie F-Moll und bewies viel Musikalität.
r.

Josef Schmidt gibt heute (Freitag) 12 Uhr mittags anläßlich der Enthüllung einer für ihn gestifteten Tafel im jüdischen Spital Autogramme.

(330916c3)
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Nr. 445, Sonntag, 17.09.33

Postby Klaus Binder on 16. September 2011, 20:55

Seite 1

Leitartikel
Die Folgen [S. 1, links, Mitte]
Der Universitätsprofessor Dragos Protopopescu, ständiger Mitarbeiter des Bukarester „Calendarul“ , hat schon wiederholt der Stadt Czernowitz Nasenstüber versetzt. Er ist noch heute Mitglied unserer Universität, war mehrere Jahre Direktor des Nationaltheaters in Czernowitz, sein Spezialgebiet oder, besser gesagt, sein Sport ist die dramatische Kunst, auf diesem Gebiete verweilt er gerne, und es ist deshalb kein Wunder, daß er wieder mal von Bukarest aus einen Ausflug in die Sphäre der zehnten Muse unternimmt. Selbstverständlich stattet er sein Ausflugs-Unternehmen mit der ihm so wertvoll gewordenen Waffe des Chauvinismus aus.
Sein Lieblingsthema ist seit einigen Tagen Dr. Reifer.
Zuerst hat er sich in ein Gebiet verirrt, in das wir ihm nicht folgen wollen. Aber die Tendenz, aus den Pamphletsätzen Dr. Reifers ein Unglück für den rumänischen Staat zu konstruieren - das trifft er mit Trugschlüssen ausgezeichnet.
Heute bleibt er in der Domäne des Theaters und schafft den Kausalnexus (Kausalnexus - Dr. Reifer!!) zwischen den Predigten des Dr. Reifer über das Eindringen jüdischen Geistes in das Theater aller Nationen und der Berufung des weltbedeutenden Theatermannes Viktor Barnowsky nach der Hauptstadt, dem das Theater Maria Ventura die Mission übertrug, Shakespeares „Wie es euch gefällt“ zu inszenieren.
Die Bukarester Bühnen hatten schon wiederholt Meister der Inszenierung eingeladen, ins Land zu kommen und durch die Führung der Regie eines Stückes sozusagen ein Kolleg über moderne Inszenierungskunst zu halten. Der reisende Gastspielregisseur vom Range eines Max Reinhardt, Viktor Barnowsky, Karl Heinz Martin ist nichts Neues. Auch die junge rumänische Oper verschreibt sich jedes Jahr einem Meisterregisseur aus Wien oder Berlin. Was ist also daran, daß ein rumänisches Theater sich Herrn Viktor Barnowsky kommen läßt und von seiner Gestaltungskraft und Regiekunst ein Lehrbeispiel erhält? Aber Viktor Barnowsky ist deutscher Emigrant, er gehört zu der Gruppe der nichtarischen Künstler, die das Hitler-Deutschland in seinen Mauern nicht mehr verträgt. Viktor Barnowsky steht nicht allein da, er teilt das Schicksal mit so vielen Großen des Künstlerfaches, die kaum, weil sie Herr Goebbels nicht mag, in der Welt an Bedeutung verlieren werden. Der berühmte Geiger Bronislaw Hubermann gibt gerade in dieser Woche in einem Schreiben an Furtwängler, jetzt Direktor der Berliner Staatsoper, der eine Reihe nichtarischer Künstler nach Deutschland eingeladen hat, eine Lektion, die gerade nicht an die Adresse Furtwänglers, aber an die Adresse der Nazisten gerichtet ist, und in welcher er (Hubermann) nichts weniger feststellt, (das heißt: die Feststellung ist überflüssig, weil die Tatsache nicht aus der Geschichte zu streichen ist) als daß Richard Wagner halbjüdischer Abkunft war.
Auch Viktor Barnowsky gehört in die Reihe der ganz Großen dieses Faches, und das Theater muß sich glücklich schätzen, das einen Mann dieses Ranges für einige Wochen als Gastregisseur buchen kann.
Weil aber Dr. Reifer die unverantwortliche Heldentat mit seinem Artikel über das Schicksal der deutschen Juden vollbracht, muß der Chauvinismus selbstverständlich zunächst den Rahm aus diesem Pamphlet schöpfen - und gerade ist Viktor Barnowsky in Bukarest, dieser Viktor Barnowsky, der für die deutschen Heroen, wie Gerhart Hauptmann, mehr getan als die Deutschen vom Schlage Goebbels es in diesen Jahren werden zustande bringen können, und Dragos Protopopescu ruft Himmel, Sonne und Sterne zum Kampfe „gegen die Verjudung des rumänischen Theaters“ an.
Das haben wir Ihnen zu verdanken, Herr Dr. Manfred Reifer, das haben wir der Presse zu verdanken, die den Reifer’schen Artikel in die Welt gesetzt, und unter dieser Sünde, die gedankenlose Menschen begangen haben, werden wir noch lange leiden müssen.
Ego

(330917c1)


Seite 2

Soldatentragödien [S. 2, Mitte, oben, rechts]

Selbstmord im Schillerpark
Gestern vormittags stand Czernowitz unter dem Eindruck einer Selbstmordtragödie, die eine große Menschenmenge zum Schillerpark strömen ließ, wo die Verzweiflungstat vor sich gegangen war. Gegen halb 8 Uhr früh stieß der Wächter des Schillerparks auf einem Plateau auf die blutüberströmte Leiche eines jungen Mannes, der durch Erschießen Selbstmord verübt hatte. Die ersten Erhebungen, die vom Chef des zweiten Polizeikommissariats Dr. Jacoban, dem Subkommissär Malos und dem Polizeiagenten Fedoras geleitet wurden, ergaben, daß es sich um den 23-jährigen Soldaten Titus Welicz aus Czernowitz handelt, der bei der Betriebseskadron in Buzau den Militärdienst versehen hat. Beim Toten wurde der Umschlag eines an seine Mutter gerichteten Briefes sowie ein schon am 6. September abgelaufener Urlaubsschein gefunden. Der Tod wurde durch die Kugel eines kleinkalibrigen achtschüssigen Revolvers, Marke „Etna“, die in das Herz eingedrungen war, herbeigeführt. Oberst Popovici, der am Tatort erschien, veranlaßte die Ueberführung der Leiche in die Totenkammer des Militärspitals. Die Akten wurden den Militärbehörden, welche die weitere Untersuchung führen werden, übergeben.
Wie das Garnisons-Kommando mitteilt, erhielt es vor einigen Tagen eine Verständigung der Garnison Buzau, daß ein Soldat namens Welicz, der als Offiziersdiener bei einem Oberleutnant Dienst gemacht hatte, diesem 4000 Lei entwendet hatte und nach Czernowitz geflüchtet sei. Dem Garnisonskommando war also, als es vom Vorfall verständigt wurde, bereits die Flucht des Soldaten aus Buzau bekannt. Es wurde nun die Mutter des Selbstmörders, die in der strada Dunarii 2 wohnt, einvernommen. Sie gab an, von ihrem Sohne vor einiger Zeit einen Brief erhalten zu haben, in welchem er sie ersucht, seinen Pelz vorzubereiten, da er nach Polen flüchten wolle. Er sei nicht mehr imstande, die schlechte Behandlung, die ihm sein Vorgesetzter zuteil werden lasse, zu ertragen. Welicz scheint nun aus Furcht davor, daß ihn der Geliebte seiner Mutter, mit dem er in Feindschaft lebte, anzeigen könnte, die Verzweiflungstat verübt zu haben.

Desertiert und verunglückt
Wie mitgeteilt wird, wurde in Constanta der Soldat Nathan Mauthner, Sohn des Kaufmannes Abraham Mauthner in Czernowitz, aus dem Meer als Leiche geborgen. Man nimmt an, daß Mauthner desertiert und beim Versuch, zu einem Dampfer zu schwimmen, verunglückt ist. Er hatte vorher einen Brief an seine Eltern gerichtet, in welchem er die Gründe angab, warum er desertiert ist.

(330917t2)


Universitätsprofessor Dr. Erik Roll [S. 2, unten, Mitte]
(Hull England) spricht Samstag, den 16. d. M. um halb 9 Uhr abends im Saale des „Alten Stadttheaters“ als Gast der akad. Sektion der Bildungsgemeinschaft über „Die politischen Parteien in England“.

(330917i2)


Eine Gedenktafel für Josef Schmidt [S. 2, Mitte, unten, rechts]
Freitag, um 12 Uhr mittags, wurde im Neubau des jüdischen Spitals in Anwesenheit des Kultuspräsidenten Dr. Gutherz, des Stadtrates Dr. Rosenzweig, GR. Dr. Krämer, der Kultusvorsteher Dr. Brenner und Dr. Zimmer, Kultusrates Dr. Perl, Dr. Kaßner, Spitalsdirektors Dr. Ohrenstein und anderer Ärzte des Spitals und einer großen Menschenmenge die Gedenktafel für den Tenor Josef Schmidt enthüllt. Es sprachen Kultuspräsident Dr. Gutherz, Direktor Dr. Ohrenstein und Dr. Krämer. Josef Schmidt dankte für die ihm zuteil gewordene Ehrung. Gleichzeitig versprach er, bei seiner Rückkehr aus London ein Konzert zu Gunsten der Stadtarmen zu geben. Im Namen der Stadtgemeinde dankte ihm hiefür GR. Dr. Krämer.

(330917c2)


Neueste Attraktion für Czernowitz [S. 2, rechts, Mitte]
Perserteppiche werden ausgestellt

Verwundert fragt man sich, ob es nicht mehr als ein Jahr her ist, daß die hierortige Webeschule „Salome“ wundervolle Arbeit leisten konnte. Ein monumentales Werk steht vor unseren Augen und man kann es kaum glauben, daß im Jahrhundert der Technik Handarbeit doch kunstvollere Werke schaffen kann.
Damen der besten Gesellschaft sitzen im Arbeitssalon, knüpfen wertvolle Perserteppiche, solid und gemütlich, als würde es sich um eine Bridgepartie handeln.
Die vollendeten Erzeugnisse liegen nun vor unseren Augen. Die Unternehmer der Kunstschule „Salome“ entschlossen sich, eine Ausstellung zu veranstalten, um der großen Oeffentlichkeit die in diesem Salon künstlich hergestellten Teppiche zu zeigen. Die Ausstellung wurde bereits in der Franzensgasse Nr. 2 eröffnet und dauert zehn Tage.
In betonter Formenstrenge und Einfachheit einerseits, in üppiger Farbigkeit, die zwischen Malerischem und Architektonischem die Mitte hält, andererseits sieht man Werke der Frau Zalik wie „Kerky“, „Ladik-Gebet“ und „Mudjur“, von welchen Teppichen namentlich der zuletztgenannte auffällt. Der wunderbare Perserteppich „Belludschistan“ von Frau Oberst Diamandi reiht sich würdig an die erstgenannten an. Man sieht ferner einen „Kirman“ von Frau Muskatbiit, einem „Ispahan“ von Frau Dr. Branceanu, einen „Kirman“ von Frau Dr. Albu, einen „Hamedan“ von Frau Dr. Laufer, einen „Teheran“ von Frau Berl, einen „Kylim“ gewebtes schönes Loterbett (französischer Gobelin) und viele andere buntfarbige Musterstücke, die, Reihe auf Reihe, mit Täfelchen geordnet, den Namen der Erzeugerin aufweisen.
Alles Gesehene kann man nur schlaglichtartig beleuchten, niemals aber ganz umfassen, denn zu viel an kunstvoller Arbeit ist in allem vorhanden, was den Besuchern der Ausstellung vorgeführt wird.
Die Kunstwebeschule „Salome“ hat sich in der kurzen Zeit ihres Bestandes einen Namen erworben; das nimmt aber auch weiter nicht Wunder, denn es handelt sich nicht mehr um einen Namen, sondern um einen Begriff.
Am 20. ds. sollen vor einer Jury, der auch Baron Löwendal angehört, die schönsten Teppiche ausgelost werden.

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Seite 3

Rassenauslese und Kultur [S. 3, oben, links]
Streiflichter auf das Dritte Reich
(Berliner Sonderbericht des „Tag“)


Bronislaw Hubermann an Furtwängler
Der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der sich rechtzeitig gleichgeschaltet und es daher bis zur Würde eines preußischen Staatsrates gebracht hat, hat an eine Reihe von Musikern außerhalb Deutschlands, darunter auch Juden, ein Schreiben gerichtet, in welchem er unter Berufung auf ein Exposee des preußischen Kultusministers Rust erwähnte, daß jeder wirkliche Künstler in Deutschland tätig sein könne und die Adressaten zur Wiederaufnahme der künstlerischen Beziehungen zum Reiche einlud. Unter den Künstlern, an welche sich Furtwängler wandte, war auch der aus Polen stammende, seiner Abkunft nach jüdische berühmte Geiger Bronislaw Hubermann. Hubermann hat nun an Wilhelm Furtwängler einen Antwortbrief gerichtet, in welchem er die Einladung glatt ablehnt. Er hebt hervor, daß, wenn sich die Reichsregierung auch angeblich entschlossen hat, das Selektionsprinzip der Höchstleistung für die Kunst anzuerkennen, sie doch zugegebenermaßen willens sei, auf allen übrigen Kulturgebieten die Rassenauslese weiter gelten zu lassen. Es sei ihm nicht bekannt geworden, daß die Wiedereinstellung jener Museumsdirektoren, Kapellmeister und Musiklehrer beabsichtigt sei, welche wegen ihrer jüdischen Abstammung oder abweichenden politischen Einstellung entlassen wurden. In Nazi-Deutschland würden die Künstler von den bestellten Hütern deutscher Kultur in ihrer Menschenwürde mit Füßen getreten und ihnen rassenmäßig die Fähigkeit zum Verständnis der „reindeutschen Musik“ abgesprochen, wobei die ziemlich einwandfrei nachgewiesene halbjüdische Abstammung Richard Wagners und die historische Rolle eines Mendelsohn, Anton Rubinstein usw. geflissentlich unterschlagen würde. Es gehe um die elementaren Voraussetzungen der europäischen Kultur: Die Freiheit der Persönlichkeit und ihre vorbehaltlose, von Rassenfesseln befreite Selbstverantwortlichkeit.

Juden sollen den Gastod sterben
Wie Recht Hubermann hat, zeigt jeder Tag Herrschaft des Dritten Reiches.
Da erfährt man, daß ein „nationaler Luftschutzverband“ gegründet wurde, der die Luftverteidigung in Deutschland organisiert. Dieser halboffizielle Verband nimmt nur Arier als Mitglieder auf, und seine Statuten besagen ausdrücklich, daß Juden und Judenstämmlinge sowie Häuser, welche Juden gehören, von allen Schutzmaßnahmen gegen eventuelle feindliche Fliegerangriffe ausgeschlossen sind, d. h.: Juden sollen ungeschützt dem Gastod durch Fliegerbomben ausgeliefert sein

Adolf Hitler und Paul Cohn
Aber anderseits machen die hohen Herren des Dritten Reiches für sich selbst Ausnahmen, insbesondere, wenn das Geschäft es verlangt. In Paris hat die Naziregierung auf eine deutsche Zeitung, die „Neue Pariser Zeitung“, Einfluß genommen, indem sie eine Interessengemeinschaft mit dem bisherigen Eigentümer, einem gewissen Paul Cohn, einging. Jetzt sitzt Herr Adolf Hitler mit Herrn Dr. Paul Cohn im Verwaltungsrat, trotzdem Dr. Cohn weder eine arische Mutter noch eine arische Großmutter hat.

„Ebertstraße“ - „Göringstraße“
Herr Göring, der in Paris als Brandstifter des Reichstages bezeichnet wurde, ließ sich dafür in Berlin ehren, wo die bisherige „Friedrich Ebertstraße“ in eine „Hermann Göringstraße“ umgetauft wurde. Dafür macht er wieder scharf gegen die Kommunisten und hat anläßlich der Untersuchung einer im Jahre 1931 von einigen Kommunisten begangenen Bluttat erklärt, daß diese keine Einzelaktion war, sondern von der obersten Parteileitung planmäßig vorbereitet und durchgeführt wurde.

Goebbels maßregelt die Presse
Sein Freund und Ministerkollege Goebbels befaßt sich, soweit ihm die Propaganda für die mit erpresserischen Methoden arbeitende „Winterhilfe“ - diese bedeutet indirekte Besteuerung zu Gunsten der Arbeitslosen - noch Zeit läßt, mit der Verwarnung der Presse. Weil das „Berliner Tageblatt“ es gegenüber dem „Angriff“ an der pflichtschuldigen Ehrerbietung hat fehlen lassen, hat Goebbels an diese Zeitung ungeachtet ihrer Gleichschaltung ein Schreiben gerichtet, in welchem er ankündigt, er werde ihm und ähnlichen Organen „ein für allemal die Luft nehmen, unter Außerachtlassung ihrer schmählichen Vergangenheit“ gegen die Nationalsozialisten zu Felde zu ziehen. Und die Modezeitung „Elegante Welt“ wurde von Goebbels gemaßregelt, weil sie es gewagt hatte, einen Mann in SS.-Uniform neben einer Modedame abzubilden, worin Goebbels eine Schändung der SS.-Uniform erblickt!

(330917w3)


Seite 4

Werbung * Ankündigung
Eduard Bong [S. 4, Mitte, oben, links]
erteilt französischen Sprachunterricht. Auskünfte: Franzensgasse 8, täglich von 1-3 Uhr nachmittags.

(330917i4)


Seite 7

Filmschau [S. 7, oben, Mitte]
Die Tonfilmsensation unserer Stadt
Josef [Joseph] Schmidt singt
„Ein Lied geht um die Welt“


Ein Tonfilm geht um die Welt, ein Tonfilm mit allen Vorzügen der fortgeschrittensten Tonfilmproduktion. Nach langer Zeit eine vollwertige künstlerische Arbeit, nach langer Zeit eine Tonfilmoperette von idealster Vollendung.
Der Inhalt ist die Geschichte des Aufstieges eines jungen Sängers aus einem venezianischen Boheme-Milieu zu künstlerischem Ruhm, nicht ohne daß er als Mann eine bittere Enttäuschung erleben und gegen den von Natur äußerlich bevorzugten Freund zurückstehen muß. Wer konnte anders dieser kleine Sänger mit der hinreißend schönen und großen Stimme sein als der gefeierteste Tenor des Rundfunks, Joseph Schmidt. Lange hat sich Joseph Schmit in Unsichtbarkeit gehüllt. Nur der Rundfunk und die Schallplatte verschafften einer herrlich strahlenden, weichen, mühelos alle Höhen erreichenden Tenorstimme Weltruhm. Alle möglichen Legenden vom Äußeren dieses gottbegnadeten Sängers erwiesen sich in „Ein Lied geht um die Welt“ als unbegründet, denn Joseph Schmidt überstrahlte mit den Brillanten seiner Kehle die Mängel seiner Statur.
Die kleine Gestalt des Sängers ward im Sujet des Tonfilmes als Motiv genommen und dieses Motiv war äußerst wirkungsvoll. Joseph Schmidts kleine Gestalt wird sogar gegen zwei körperlich große Schauspieler kontrastiert, wodurch eine Menge interessanter Wirkungen erzielt wird. Die Hauptsache ist möglichst viel Situationen zu finden, in denen zwanglos Josef Schmidts Stimme gehört werden kann.
Richard Oswalds geschickte Regie findet sie und gibt dem Sänger Gelegenheit, aus dem klassischen Opernrepertoire, deutsche Lieder und bezaubernde italienische Gassenhauer und Canzonetten zu singen. Und Joseph Schmidt singt sie mit der ganzen Glut seiner Stimme und wir horchen diesen himmlischen Tönen. Wir hören sie, werden berauscht und in eine andere, in eine schönere Welt versetzt.
Als seine Partnerin spielt im Film Charlotte Ander das junge Mädchen, das für den Sänger wohl Bewunderung, für den Freund des Sängers aber Liebe empfindet. Diskret und sympathisch verkörpert Viktor de Kowa den in der Liebe erfolgreichen Freund und Fritz Kampers malt sichtlich mit schauspielerischem Behagen die lustige, herzensgute Figur eines halbverbummelten Sängers.
Richard Oswalds Regie verrät Liebe und Hingebung zur Sache. Die Inszenierung ist meisterhaft und die Originalbilder Venedigs, wo der ganze Film gedreht wurde, entzücken das Auge.
Die feinsinnige durch und durch musikalische Untermalung und eine Reihe sangbar schöner Nummern, von denen die süße Melodie des Liedes „Ein Lied geht um die Welt“ bald jeder singen wird, stammt von dem begabten Komponisten Hans May.
„Ein Lied geht um die Welt“ erlebt in Czernowitz, der Heimatstadt Joseph Schmidts die Uraufführung für Rumänien und ist die ehrende Huldigung für ihn und seine große Kunst.

(330917c7)


Seite 8

Die Regierung und die Arbeitslosigkeit unter den Intellektuellen [S. 8, oben, links]
Vorbereitete Maßnahmen: Abschaffung der ersten Klasse in allen Lehrerbildungsanstalten und Einschränkung des Universitätsstudiums

Bukarest, 15. September (Tel. des „Tag“). Wie bereits berichtet, hat sich der in Calimanesti stattgefundene Ministerrat u. a. auch mit der Frage der Arbeitslosigkeit, speziell unter den Intellektuellen, befaßt. Nach den Referaten des Unterrichtsministers Gusti und des Unterstaatssekretärs Andrei über die bisher getroffenen Maßnahmen wurde beschlossen, daß u. a. noch folgende Maßnahmen ergriffen werden:
1.) Abschaffung der ersten Klasse an allen Lehrerbildungsanstalten.
2.) Schaffung eines zweimonatigen Verwaltungskurses für stellenlose Lehrer, welche dann im dörflichen Verwaltungsgebiet untergebracht werden sollen.
Ebenso werden Maßnahmen getroffen werden, um die Zahl der Universitätsprofessoren im Verhältnis zu den gegenwärtigen Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Universitäten einzuschränken.
Den Journalisten wurde keine weitere Mitteilung gemacht, nach welchem Gesichtspunkt diese Selektion der Studenten erfolgen wird.
Faktisch handelt es sich somit um einen numerus clausus, aber nicht konfessioneller Natur, sondern wahrscheinlich nach der Befähigung. Es ist nur die Frage, ob die Praxis nicht zu Mißbräuchen Möglichkeit geben wird.

(330917r8)
Klaus Binder
 
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Nr. 446, Dienstag,19.09.33

Postby Klaus Binder on 18. September 2011, 21:20

Seite 2

Die Novelle des Tages
„Jud Einstein“ [S. 2, oben, links]
Der nationalsozialistische „Gau“ Czernowitz gibt ein Wochenblättchen heraus, das den blutrünstigen Titel führt: „Der Scharfschütze“. Dieses Blättchen wird von niemand gelesen, wird in keinem Zeitungsgeschäft verkauft, niemand denkt an seine Existenz und nur einmal wöchentlich hört man die Titel seiner Aufsätze mit großem Geschrei in den Straßen ausrufen. Auch diese Titel sind sonst schon am nächsten Tag vergessen: aber dieser Tage habe ich ausrufen gehört: „Jud Einstein spielt den Märtyrer.“
Wir wissen nicht, was in diesem Artikel steht und es interessiert uns auch nicht. Es ist ja nur die Meinung irgend eines sehr dummen Artikelschreibers, - das zeigt ja schon dieser Titel. Diese Dummheit ist diesmal so außergewöhnlich groß, daß man sich nicht einmal über sie ärgern kann. Vielleicht ist der Schreiber jenes Artikels sogar so dumm, nicht zu wissen, daß Einsteins Lehre hell leuchten wird, wenn schon lange kein Scharfschütze, keine Gaue und keine Nationalsozialisten mehr sein werden. Wir können von diesem Artikelschreiber keine Einsicht verlangen und wollen mit ihm nicht rechten - aber der Titel des Artikels ist gestern in den Straßen laut ausgerufen worden.
Wir haben ja in diesen Zeiten manches erfahren. Wir mußten sehen, wie jene, mit denen wir gemeinsam für unsere Sprache und unsere Heimat gestritten haben, uns in entscheidender Stunde verlassen haben. Wir mußten es erleben, wie jene, die wir für unsere Freunde gehalten haben, uns in den Rücken gefallen sind, und darunter waren leider auch solche, die klug genug sind, um zu wissen, daß der „Gau“ Bukowina eine kindische Lächerlichkeit ist. Wir wissen auch: wenn die Umkehr kommen wird, werden jene, die dem Hakenkreuz jetzt am lautesten ihre Gefolgschaft versichern, die Ersten sein, die ihr jetziges Geschrei vergessen werden: Wenn jene Schreier und Hetzer einmal zur Vernunft kommen, werden wir ihnen wieder glauben, daß sie friedfertige und vollwertige Bürger unserer Heimat sind.
Die Wenigen aber, die nicht so leicht vergessen können, werden noch lange an der Schande zu tragen haben, daß in unserer Heimatstadt, die sich oft gerühmt hat, ein Bollwerk der Kultur und der Menschlichkeit zu sein, die sich gerühmt hat, für jeden Einfluß von Wissenschaft und Kunst stets empfängnisbereit zu sein, daß in dieser Stadt gerufen werden konnte: „Jud Einstein spielt den Märtyrer.“
R.
(330919c2)


Todesfall [S. 2, links, Mitte]
In Wien ist der Czernowitzer Kaufmann Adolf Nimhäuser im Alter von 54 Jahren gestorben.

(330919t2)


Die Zahlungsfähigkeit und die Auslandsschulden Rumäniens[S. 2, oben, rechts]
Die Denkschrift Madgearus

Aus Bukarest wird gemeldet: Finanzminister Madgearu hat die Denkschrift über die Zahlungsfähigkeit und die Auslandsschulden Rumäniens fertiggestellt. Der Finanzminister legt eingehend die Geschichte der Auslandsschulden dar, weist nach, wie Rumänien immer größere Anstrengungen machen mußte, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, und gelangt zum Schluß, daß die Anpassung des Auslandsschuldendienstes Rumäniens an seine Zahlungsfähigkeit die einzig mögliche Lösung ist, sowohl aus budgetären Gründen als auch wegen der Unmöglichkeit, ein Transfer durchzuführen.
Aus Paris liegen keine zuverlässigen Nachrichten über die weiteren Verhandelungen bezw. Nichtverhandlungen mit den Auslandsgläubigern vor.

(330919r2)


Seite 3


Rückblick auf die Leipziger Herbstmesse 1933 [S. 2, oben, rechts]
Offizielle Mitteilung

In der Zeit vom 27. bis 31. August fand die Leipziger Herbst-Messe 1933 statt, die als erste Messe unter der Regierung Hitler im Mittelpunkt des Interesses der internationalen Geschäftswelt stand. Die Ausstellerzahl ist gegenüber der Herbstmesse 1932 um 331 gestiegen. Es stellten insgesamt 5.633 Firmen aus. Diese Zunahme, die erfreulicherweise in fast allen Branchen beobachtet wurde, ist doppelt bemerkenswert, als in diesem Herbst erstmalig die Möbelmesse nicht durchgeführt wurde und damit etwa 300 Aussteller von vornherein ausfielen.
Von den 5.633 Ausstellern entfielen 5.315 auf Deutschland, während das Ausland mit 318 Firmen aus 18 verschiedenen Ländern vertreten war.
Der Besuch der Messe gestaltete sich überraschend gut. Er überschritt die Zahl 100 000 und war damit um etwa 40.000 größer, als im Herbst 1932. Das Hauptverdienst an dieser Steigerung des Interesses an der Leipziger Messe dürfte der Heranziehung der deutschen Einzelhändler an die Messe zuzuschreiben sein. Aus dem Ausland kamen diesmal 3.697 Einkäufer. Geringer war die Anzahl der Einkäufer aus Polen und vom Balkan, insbesondere aus Rumänien.
Das geschäftliche Bild war in mancher Hinsicht neu. Viele deutsche Firmen versuchten ihre Erzeugung mehr den sich anbahnenden Geschmacksverschiebungen in aller Welt Rechnung zu tragen. An der starken Nachfrage des Auslandes war der Wille zu erkennen, sich nach der Krise aufs Neue in Deutschland einzudecken. Während jedoch der Inländer die geforderten Preise im allgemeinen ohne Zögern bewilligte, versuchten die ausländischen Einkäufer auf die Preise zu drücken, um angesichts der vielfältigen Handelshemmnisse doch noch zum Geschäft zu kommen. Nach Urteilen von Vertretern sowohl der deutschen Industrie als auch der deutschen und ausländischen Einkäuferschaft ist die Herbstmesse als die Messe der bereits vollzogenen Krisenwende anzusehen. In einzelnen Branchen wurden Steigerungen von 30 bis 50 % des Umsatzes beobachtet. Die Einkäuferschaft war seriös und disponierte wieder mit einer gewissen Großzügigkeit, die in den letzten Jahren kaum beobachtet wurde.

(330919w3)


Seite 4

Schade um die Druckerschwärze [S. 4, oben, links]
Reifer rechtfertigt sich

Von Franzensbad aus versendet Dr. Manfred Reifer an die Presse sein Peccavi-Schreiben. Wenn diese Erklärung unter dem Titel „Meine Schuld“ aufrichtig und ehrlich, nur mit Berufung auf das schematische „Ich habe es anders gemeint … ich bin schlecht verstanden worden -“ abgegeben worden wäre!! Aber Reifer will auch heute keine Verantwortung tragen, er klagt diese Stadt an und stellt sich noch immer als die verfolgte Unschuld in die Positur des Märtyrers.
Was erzählt er nun in seiner Erklärung?
Zunächst die Beteuerung, daß er sich auch während des Kurgebrauchs mit dem Schicksal der deutschen Juden befaßt habe … dann kommt er zum Thema, das uns interessiert.
„Das Schicksal wollte es, daß ich mein handschriftliches Manuskript in losen Blättern, Zitaten und Notizen an einen Vertrauensmann in Czernowitz, der auch früher manchmal diese Arbeit besorgte, zur Umschrift und Uebermittlung an die Zeitung einschickte. Leider sind in der Zusammenfassung meiner Manuskripte Irrtümer, Weglassungen und Fehler gemacht worden. Sicherlich ohne jede böse Absicht. Besonders im zweiten Abschnitt des ersten Artikels waren die meisten Stellen über die Wirksamkeit der deutschen Juden als Zitate, d. h. als Ansichten unserer Gegner gedacht.“
Kein Wort in diesem Passus ist wahr. Die Oeffentlichkeit darf sich von Reifer nicht zum Dummkopf stempeln lassen. Gerade der zweite Abschnitt, auf den sich Reifer beruft, und den wir nochmals genau nachgelesen haben, enthält nicht eine einzige Stelle, und schon gar nicht die Stellen, die unter Anklage stehen, die als Zitate (Reifer sagt übrigens bloß, er habe es sich „gedacht“) in den Artikel hineineskamotiert werden könnten. Also mit dieser naiven Entschuldigung ist nichts anzufangen. Schlimmer ist es jedoch, wenn Reifer von seinem Vertrauensmann als einem Fälscher spricht. Wer ist dieser Vertrauensmann, der „ohne böse Absicht“, „Irrtümer, Weglassungen und Fehler“ begangen habe? Etwa Dr. Th. Weißelberger oder Frau Dr. Lachs? Dann liegt eine neue Verdächtigung vor. Heraus mit den „losen Blättern, Zitaten und Notizen“! Diese werden wohl noch vorhanden sein … Doch wozu die Polemik, wenn der Dreh mit dem „Vertrauensmann“ so plump ist, daß keine Katz ihm hereinfallen kann…

Hören wir weiter den Dr. Reifer. Er beruft sich auf die „Zerstückelung des Artikels“, infolgedessen der „Kontinuität Abbruch getan“ wurde. Da sei Reifer geantwortet, daß nur der zweite Abschnitt die verhängnisvolle Wirkung übte. Man bekam von den 72 Zeilen, die er als „gefälscht“ erklärt, gleich die Nase so voll, daß die Betäubung mit dem verleumderischen Gift jede weitere Lektüre verhinderte, die Abschnitte III, IV, V und VI haben also nichts mit der Diskussion über Reifer’s Verleumdung zu tun. Daß in der zweiten und dritten Veröffentlichung Streichungen oder Kürzungen vorgenommen wurden, daran glauben wir gerne, weil entweder die „Vertrauensmänner“ oder vielleicht die Redaktion nach der ersten Veröffentlichung das Verhängnis - endlich!! - merkten. Sie wollten Schlimmeres noch ersparen. Wozu war aber dann die Fortsetzung der Publikation notwendig?!
Jetzt folgt in der Erklärung der echte Reifer:
„Nur mir ganz unverständliches Uebelwollen und niedrigste Mißgunst kann mir Motive unterschieben, die einen jeden ehrlichen Menschen erschaudern lassen müßten“.
Die ganze Stadt ist also schuld, daß Reifer eine Gemeinheit begangen hat. Das sagt uns heute ein langjähriger Führer, von dem man doch voraussetzen sollte, daß er weiß, was Taktik im Kampfe bedeutet, und daß diese Taktik gerade im jetzigen Augenblicke, in einem so heiklen Weltstreite Vorsicht geboten hätte, nicht aber dem Gegner eine Waffe in die Hand zu spielen, die er, wie man sieht, auch tatkräftig gebraucht. Aber die Herren, oder bleiben wir nur bei Reifer, - er setzt die ganze Sache aufs Spiel, wenn nur die Eitelkeit durch einen Zeitungsartikel befriedigt wird. Und diesem Führer vertraut ein Volk die Vertretung seiner Rechte an …!
Daran schließt sich der große Widerruf, aber, wie schon charakterisiert, nicht offen, als ehrlicher Sünder, sondern mit Verklausulierungen, Verdächtigungen, Beschimpfungen, wie es eben unser „Großer“ vermag.

„- - für das, was ich geschrieben habe, mache ich niemand anderen verantwortlich und widerrufe jedenfalls alles, jedes Wort, das nur im entferntesten dazu angetan sein könnte, von unseren Feinden gegen uns mißbraucht werden.“
Schön!
Und nun die Demission von den Ehrenstellen.

„Ich bin auch Manns genug, aus dem, was entstanden ist, wenn ich mich auch rein von Schuld weiß, die Konsequenzen zu ziehen: Ich lege hiemit meine sämtlichen Stellen in der zionistischen Landesorganisation, Jewish Agency, jüdischen Reichspartei, Kultusgemeinde, und im Keren-Hajessod, sowie meine Mitgliedschaft im Verbande der jüdischen Journalisten und Literaten, im jüdischen Klub „Hassada“, „Safah Ibria“, „Emmunah“ etc. etc., zurück. Es war selbstverständlich, daß die zionistische Organisation und die politische Partei sich von meinem Artikel desolidarisieren müßten und ich will sie durch diesen meinen Schritt von jeder ihnen von böswilliger Seite angedichteten Verantwortung befreien“.

Zum Schluß den letzten Seitenhieb:

„Daß manche Leute an der Sache ihr Süppchen kochen, nimmt mich nicht Wunder - - “

- - - die Oeffentlichkeit auch nicht, es ist kein Süppchen mehr, das gekocht wird, sondern eine Suppe, deren Genuß vielleicht gesundheitsfördernd sein wird. Das Publikum hat - das soll anerkannt werden - zunächst mit gesunden Instinkten, dann mit bewundernswertem Verständnis auf den Reifer-Artikel, ebenso auf die Vorgangsweise jener, die dem Artikel zur Veröffentlichung verholfen haben, reagiert - und das ist das einzige positive Ergebnis, das man buchen kann.
Zum Schlußsatz der Erklärung, die die Resignation Reifers wiedergibt,

„- - ich habe in der ganzen Polemik zu meiner tiefsten Trauer vergebens nach einer Spur von Menschlichkeit gesucht und bin zutiefst erschüttert von der Unterschiebung von Motiven - - “

ist nichts hinzuzufügen. Sentimentalitäten sind angesichts dieses Kampfes, des schwersten Kampfes, den ein Volk seit Jahrtausenden führt, nicht am Platz. Wer nicht Pulver riechen kann, darf sich nicht in die vorderste Reihe der Schlacht vordrängen. Wer sich jedoch eingedrängt, muß die volle Verantwortung für seine Bosheit oder seinen Leichtsinn tragen - auf das Motiv kommt es nicht mehr an, sondern auf die Wirkung. Die Wirkung des Reifer-Artikels kennt man zur Genüge.
Pagat

(330919c4)
Klaus Binder
 
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Nr. 447, Mittwoch, 20.09.33

Postby Klaus Binder on 20. September 2011, 01:13

Seite 2

Zu den Bakkalaureatsprüfungen [S. 2, Mitte]
Die unerschwinglichen Prüfungstaxen

In Kürze beginnen die Bakkalaureatsprüfungen. Tausende junger Menschen im ganzen Reiche werden sich den Prüfungskommissionen stellen, um von ihnen das Reifezeugnis, das Dokument, welches sie offiziell befähigt, den Kampf ums Dasein aufzunehmen, zu erlangen.
Man weiß, daß das Reifezeugnis heute keinen Freibrief für eine gesicherte Lebensstellung bietet; man weiß es aus den Berichten über das stete Ansteigen der intellektuellen Arbeitslosenziffer, man weiß es vom Kongreß der 7000 postenlosen Lehrer her. Man weiß, daß das Reifezeugnis heute im besten Falle eine Basis bildet, eine Plattform, welche der junge Intellektuelle bei einem gewissen Stadium seiner Entwicklung erreicht und die ihm gestattet, einen Augenblick Umschau zu halten und Kräfte zu sammeln für den weiteren Lebenskampf.
Und trotzdem werden den Bakkalaureatskandidaten die größten Schwierigkeiten in Gestalt der unerschwinglichen Prüfungstaxen in den Weg gelegt. Diese Prüfungstaxe beträgt 1300 Lei und ein ganz minimaler Prozentsatz der Kandidaten kann durch Armutszeugnisse, Gesuche usw. eine teilweise Reduzierung der Taxe erlangen. Und die anderen?
Gibt es heute wirklich noch eine Schulbehörde, die nicht weiß, daß die Prüfungstaxe für 90 Prozent der Kandidaten unerschwinglich ist? Kennt sie nicht die konkreten Fälle, wo Kandidaten, welche bereits komplett vorbereitet waren, zurücktreten mußten, weil sie die Taxen einfach nicht aufbringen konnten? Weiß sie nicht, daß das Begleichen der Taxe für 99 Prozent der Kandidaten das Kernproblem der Reifeprüfung darstellt? Die Taxen wurden in den letzten Jahren von Session zu Session erhöht. Ist diese Tatsache durch die Veränderung in der materiellen Situation der Schülerschaft wirklich gerechtfertigt?
Es ergeht der dringende Appell an die kompetenten Schulbehörden und das Unterrichtsministerium:
Nehmet eine weitgehende Reduzierung der Bakkalaureats Prüfungstaxen vor! Machet nicht einer großen Anzahl von Kandidaten das Präsentieren bei der Prüfung unmöglich und befreiet diejenigen, welche nicht wissen, wo sie das Geld hernehmen sollen, von dem Alpdruck, der auf ihnen lastet!

(330920r2)


Seite 3

„Ein Lied geht um die Welt“ [S. 3, Mitte, rechts]
Heute, Dienstag, Uraufführung für Rumänien

Tonfilmtheater „Capitol“ (Dom Polski) u. Klangfilmtheater „Zentral” (Musikverein) zeigen ab heute Dienstag und täglich die Tonfilmoperette “Ein Lied geht um die Welt“ mit folgender Besetzung: Joseph Schmidt, Charlotte Ander, Viktor de Kowa, Fritz Kampers. Die Regie führt der bekannte Regisseur Richard Oswald, die Musik stammt vom populären Komponisten Hans May. Das Czernowitzer Publikum erwartet diese Uraufführung mit größtem Interesse.

(330920c3)


Jeder zwanzigste Wiener beim Joseph Schmidt-Film [S. 3, unten, rechts]
Beim Joseph Schmidt-Film „Ein Lied geht um die Welt“ im größten Tonfilmtheater Wiens „Apollo“, wurde das erste Hunderttausend der Besucher überschritten. Es hat somit jeder zwanzigste Wiener den Schmidt-Film gesehen. In Czernowitz, der Heimatstadt Joseph Schmidts, wird es wohl keinen geben, der „Ein Lied geht um die Welt“ nicht gesehen haben wird.

(330920c3)


Seite 4

Lettland gegen die Minderheiten [S. 4, Mitte]
Riga, 18. September (Tel. des „Tag“). Der lettische Nationalrat, der heute eine Tagung abhielt, sprach sich dafür aus, daß der russischen, jüdischen, polnischen und deutschen Minderheit der politische Einfluß im Lande entzogen werde.

(330920w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 448, Donnerstag, 21.09.33

Postby Klaus Binder on 20. September 2011, 20:09

Seite 1

Minderheitenkongreß über Judenfrage [S. 1, oben, links]
Resolution Dr. Roth: Juden in Deutschland werden als Minderheit behandelt

Die These Dr. Roth
Die Tagung des Minderheitenkongresses interessiert die Oeffentlichkeit von zwei Gesichtspunkten: vom Standpunkt der Behandlung der Judenfrage und von der Stellungnahme zu den tieftraurigen Ereignissen in der Ukraina. Die Vertreter der russischen Minderheiten entwarfen auf dem Kongreß erschütternde Bilder vom maßlosen Elend der hunderttausenden ukrainischen Bauern, die den schrecklichsten Qualen preisgegeben sind. Wir berichten über diesen Teil der Tagung an anderer Stelle.
Die Stellungnahme des Kongresses zur deutschen Judenfrage und damit zur Judenfrage überhaupt ist nicht anderes als eine kaum verhüllte Augenauswischerei, wobei zugegeben werden muß, daß der deutsche Abgeordnete Dr. Roth aus Rumänien, der der Wortführer der deutschen Minderheiten war; äußerst geschickt operierte. Wir veröffentlichen die Erklärung des Dr. Roth im Wortlaute. Diese Erklärung spricht „Gottbehüte“ den Juden nicht die Rechte ab, die sie nach den Minderheitsbestimmungen für sich in Anspruch nehmen dürfen, aber sophistisch erklärt die Stellungnahme, daß ein Volk das Recht habe, die Minderheiten aus seinem Volksganzen „auszugliedern“; erst der „ausgegliederte“ Teil - in diesem Falle die Juden Deutschlands - dürfen für sich die Minderheitsrechte geltend machen. Deutschland, einer der großen Protektoren der Minderheitsbestimmungen, würde, wenn es sich die These Dr. Roths aneignen sollte, den Juden in Deutschland dieselben Rechte zugestehen, wie sie den Minderheiten durch die Friedensverträge in den anderen Staaten „gesichert“ sind. Sind wir so weit? Nein, denn vorläufig sind das nur akademische Floskeln. Den Juden in Deutschland wurde im Hitler-Regime weder eine zweit-, noch eine drittrangige Position eingeräumt; sie sind einfach aus allen öffentlichen und auch aus Privatstellungen „legal“ entfernt worden. Die Gesetze, die Hitler auf Grund des Ermächtigungsgesetzes des Hitler-Reichstages in die Welt gesetzt hat, enthalten die Bestimmungen über die Erniedrigung des jüdischen Staatsbürgers, aber nicht bloß keine Spur von Staatsbürgerrecht, sondern viel mehr: keine Spur eines Rechtes des Bürgers, der das Minderheitsgesetz für sich in Anspruch nimmt, und das ihm dieselben Rechte einräumt, wie dem Staatsbürger der Mehrheitsnation. Der Beschluß des Minderheitenkongresses von Bern steht in so krassem Widerspruch zu der in Deutschland geübten Praxis gegenüber den Juden, daß es sich wirklich nur um die Anwendung von Scheinmanövern handelt, von Minderheitsbestimmungen für die deutschen Juden zu sprechen, wenn ihnen bisher alles an Recht genommen wurde, was nicht bloß ein europäischer Volksstamm, sondern ein Eingeborenenstamm in Afrika besitzt.
Doch für die Dauer kann es nicht bleiben, daß Deutschland den Schutz der Minderheiten für seine fünfzehn Millionen betragenden Stammesangehörigen in den andern Staaten verteidigt, während es den Juden - sie müssen sich als Minderheit organisieren - die gleichen Rechte, die sie für sich in Anspruch nehmen, vorenthält. Das geht auch nicht nach den Beschlüssen des Minderheitenkongresses in Bern. Die Anwendung der Dr. Rothschen Resolution in der Praxis wäre ein Notanker, an den sich die deutschen Juden in ihrer Verzweiflung heute sicherlich gerne klammern möchten.
Ego

(330921w1)


Seite 2

Presseschau [S. 2, oben, rechts]
„Glasul Bucovinei“ befaßt sich in seiner letzten Nummer mit dem Fall Reifer. Indem er ausdrücklich hervorhebt, daß er sich nicht in die innern Streitigkeit der Juden einmengen wolle, bemerkt er, daß der Fall Reifer den engen Rahmen der Minderheitenpolitik überschreite und weitere Kreise zu interessieren beginne. „Glasuls“ verurteilt den Artikel Reifers und erklärt die Bestürzung im jüdischen Lager für begründet. „Wir glauben, daß ein Mann mit aufrichtigen nationalen Gefühlen nicht gegen die Seinen zu Felde ziehen durfte, gerade im Augenblick, da ihre ethnische Existenz aufs schwerste gefährdet ist.“
In der gleichen Nummer befaßt sich „Glasul Bucovinei“ an leitender Stelle auch mit der Kommerzialisierung des Elektrizitätswerkes, bespricht die Frage der Bestellung und der Versicherung der Autobusse, die unter schwerster Schädigung der Gemeindeinteressen erfolgt seien. In diesem Zusammenhang zitiert „Glasul“ die „Bukowinaer Volkszeitung“, welche behauptet, daß Dr. Reifer als Mitglied des Verwaltungsrates und Direktionskomitees des kommerzialisierten Elektrizitätswerkes monatlich Lei 50.000 beziehe.
„Universul“ bringt in der letzten Nummer einen Leitartikel unter dem Titel: „Die Ruthenisierung der Bukowina“. „Universul“ behauptet, daß die in der österreichischen Zeit begonnene Ansiedlung von Ukrainern im Norden der Bukowina zur Ruthenisierung dieses Gebietes geführt habe. Die Schuld der bisherigen Regierungen sei es, daß auch jetzt noch Schule und Administration in diesem Landesteil in Händen der Ukrainer verblieben seien. Es sei dies eine tragische Situation für die Rumänen und könne nicht länger geduldet werden.

Der Fall Reifer
Das gefertigte Präsidium des jüdischen Klubs „Massadah“, Cernauti, ersucht uns um die Veröffentlichung folgender Mitteilung: „Bezugnehmend auf die in Ihrer gesch. Zeitung vom 18. d. M. publizierte Erklärung des Herrn Dr. Manfred Reifer, in welcher er nach Richtigstellung seines in der „Allgemeinen Zeitung“ vom 3. September l. J. veröffentlichten Artikels bekanntgibt, daß er seine Mitgliedschaft auch im Klube „Massadah“ niederlegt, teilen wir Ihnen mit, daß unser Klub in seiner Sitzung vom 18. d. M. einstimmig beschlossen hat, diese Demission nicht zur Kenntnis zu nehmen.“

(330921c2)


Selbstmord [S. 2, rechts, Mitte]
Die in der Baltinestergasse 5 wohnhafte Frau Maria Totoescu hat gestern nachmittags durch Trinken von Lysol Selbstmord verübt. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Der Grund der Verzweiflungstat liegt in familiären Zwistigkeiten.

(330921t2)


Seite 3

Studenten dürfen keine Politik machen [S. 3, Mitte, links, unten]
Jassy, 19. September (Tel. des „Tag“). Der Universitätssenat beschloß, daß die in diesem Jahre inskribierten Studenten eine Erklärung unterschreiben müssen, nach welcher sie keiner politischen Gruppe oder Partei, die vom Universitätssenat nicht anerkannt ist, angehören dürfen. Diejenigen Studenten, die diese Erklärung nicht unterschreiben, werden von der Universität eliminiert.

(330921r3)


Theater und Kunst
Joseph Schmidt [S. 3, unten, links]
Premiere des Tonfilms „Ein Lied geht durch [um] die Welt“.) Der Film erbringt auch dem letzten Skeptiker den Beweis, warum Joseph Schmidt sich den unbestreitbaren Ruf des besten Rundfunktenors der Welt erobert hat. Keiner der prominenten Tenöre, auch nicht Kiepura, konnte seine Stimme dem Mikrophon so anpassen wie Schmidt. Hier durch den Apparat gewinnt der an und für sich in der Höhe strahlende Tenor Schmidts noch mehr an Wärme, Schmelz und Volumen, er steigt zu einer Kraft, die, vereinigt mit dem seelischen Empfinden und dem herzhaften Vortrag, jedes Publikum, auch das verwöhnteste und schikanöseste, besiegen muß! Der Film ist ein ausgesprochener Schmidt-Film - unseres Joseph Schmidt Tenorschicksal, mit der Tendenz, angesichts seiner kleinen Statur auf alles, auch auf Liebe zu verzichten, um nur der Kunst zu dienen. Prächtige Venedig-Bilder rauschen vorbei. Die Gondel Venedigs, das italienische Lied und Schmidt: sie gehören zusammen, das Symbol der ineinander greifenden Wirkung. Die große Wirkung stellt sich siegreich ein. Auch Napoleon hatte eine kleine Statur - so heißt es im Film - und wurde ein Großer. Schmidt ahmt es ihm nach.
r.

(330921c3)
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Nr. 449, Freitag, 22.09.33

Postby Klaus Binder on 22. September 2011, 01:31

Seite 2

Die Novelle des Tages
Drei Minuten [S. 2, links, oben]
Die deutschen Dichter und Lyriker, die nach Kriegsende die deutsche Republik in dicken Büchern, in Romanen und schmetternden Versen besangen, haben nun seit der Machtergreifung durch Hitler aus dem Deutschen Reiche flüchten müssen und leben jetzt als Emigranten in Paris, in der Schweiz, in der Tschechoslowakei oder anderswo, wohin der Terror der nationalsozialistischen Amokläufer nicht dringt. Aber es ist still um sie geworden; man hört nichts von ihnen, man liest nichts Neues von ihnen, sie sind verschollen und vergessen, ihre Freiheitslieder sind verklungen und vertan. Und die lautesten unter ihnen, die rebellischsten, wenn es galt, gegen das veraltete Bonzentum die Peitsche zu führen und die Arbeiterschaft aufzurütteln, die Tucholsky, Mehring, Kästner, die revolutionären Proletarierdichter, die pazifistischen Schriftsteller, Remarque, Tomas Mann, Unruh, aber noch hunderte anderer: wohin, wohin seid ihr entschwunden?
Sie leben alle im Ausland, sie sind ganz still geworden und lassen ihre Hände im Schoße ruhen. Es ist ein wonnevoller geistiger Feierabend, den sie nun alle feiern; als es ihnen niemand verbot und die Mode der Zeit es diktierte, wurden sie Proletarierdichter, obwohl sie nie Proletarier waren; „Drei Minuten Gehör will ich von euch, die ihr arbeitet!“ dröhnte Tucholsky in den Tumult, und „Nie wieder Krieg!“ dröhnte es von den Massen zurück. „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten - zum Glück gewannen wir ihn nicht!“ durfte Kästner dichten, und man sah, daß er Recht hatte.

Aber was ist mit diesen Helden der Feder heute? Sie fürchten auch im Ausland die langen Arme der Hitlerregierung; sie schweigen. Ist das ihr ganzes Heldentum? Darf ein Dichter, ein Schriftsteller, der sich einem politischen oder sozialen Ideal gewidmet hat, Angst haben? Muß nicht gerade bei ihm die Heiligkeit der Sache und der Kampf für sie seinem leiblichen Wohl und Wehe vorangehen? Sie reden nicht, sie schreiben nicht, sie bombardieren nicht das Weltgewissen mit all den aufpeitschenden Protesten, die ihnen einst so leicht von der Feder flossen, mit den satirischen, bissigen Versen, mit den Kampf- und Haßgesängen, und kein Mann wagt es, drei Minuten Gehör von der Menschheit zu verlangen, um ihr zu sagen, was alle früher so gut und so viel zu sagen verstanden. Die einzigen, die auch im Exil die Sache nicht verraten haben, sind die aus Deutschland geflüchteten Journalisten; sie geben Zeitungen, Broschüren und Kampfblätter heraus und tragen wenigstens dazu bei, die Massen außerhalb des Dritten Reiches über den deutschen Wahnsinn am Laufenden zu halten.
Aber die Geistesheroen von ehedem schweigen. Sie haben es mit der Angst gekriegt. Und ein Schriftsteller, der Angst hat, darf kein Gehör mehr finden. Auch nicht drei Minuten.
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330922w2)


Spende [S. 2, Mitte, links, oben]
Aus Anlaß der Feiertage haben für den Neubau des jüdischen Spitals gespendet; Dr. Max Adlersberg 8000 Lei, Richard Adlersberg 2000 Lei, Marcu Großmann 5000 Lei.

Aus der Gesellschaft. Herr Konrad R. v. Stupnicki hat sich am 20. d. M. mit Frl. Eugenie Hawrysiewicz vermählt.

(330922i2)


Vor der Auflösung des Czernowitzer Konservatoriums? [S. 2, Mitte, links]
„Glasul Bucovinei“ berichtet in der letzten Nummer, daß der Unterstaatssekretär im Unterrichtsministerium Andrei um jeden Preis das Konservatorium für Musik und dramatische Kunst in Czernowitz auflösen wolle, obwohl der Bericht des Generalinspektors Breazu sich für die Beibehaltung des Konservatoriums ausspricht und auch Minister Gusti und Generaldirektor Chiritescu in Czernowitz das Konservatorium behalten möchten. „Glasul Bucovinei“ appelliert an den Minister der Bucovina, Sauciuc Saveanu, seine Pflicht zu erfüllen und die Pläne des Unterstaatssekretärs Andrei zu durchkreuzen.

(330922c2)


Selbstmord eines Kaufmannes [S. 2, rechts, oben]
Gestern um 2 Uhr nachmittags hat in Czernowitz der 49-jährige Kaufmann Osias Gottesmann in einem Groß Hotel Selbstmord verübt, indem er sich eine Revolverkugel in die rechte Schläfe jagte.

Gottesmann, der hier in der Merangasse wohnte, kam gestern früh in das Hotel und mietete ein Zimmer. Dem Hotelpersonal war es aufgefallen, daß Gottesmann bis zum Abend sein Zimmer nicht verlassen hatte. Als abends die Tür des Zimmers geöffnet wurde, fand man Gottesmann tot auf. Die Kugel war unterhalb des linken Auges herausgetreten. Gerichtsarzt Dr. Dranca konnte nur mehr den Tod Gottesmanns feststellen. Beim Toten wurden zwei Notizblätter gefunden, in denen er ersucht, die Verwandten zu verständigen, sowie ein an seine Frau gerichteter verschlossener Brief.

Am Tatort waren ferner der erste Staatsanwalt Panu, Polizeiinspektor Palievici und Polizeikommissär Martin erschienen. Nach den bisherigen Erhebungen soll Gottesmann die Verzweiflungstat wegen finanzieller Schwierigkeiten verübt haben.

(330922t2)


Todesfälle [S. 2, rechts, Mitte]
Montag ist der Großgrundbesitzer von Nepolokoutz, Herr Berisch Silberbusch nach langem Leiden verschieden. Herr Silberbusch erfreute sich wegen seiner menschlichen Würde und seiner Bescheidenheit bei allen, die ihn kannten, weit über die Grenzen seiner engeren Heimat, größter Wertschätzung. Das Leichenbegängnis fand Dienstag in Nepolokoutz statt. Den Hinterbliebenen wendet sich allgemeine Teilnahme zu. - Im Alter von 62 Jahren ist hier der Gerichtsoberoffizial i. P. und Leiter der Versicherungsgesellschaft „Agronomul“, Herr Karl Engel, im Alter von 62 Jahren gestorben. Der Verstorbene hinterläßt eine Witwe, einen Sohn und eine jungverheiratete Tochter. - Hier ist die Bahninspektorswitwe Frau Eugenie Singer, 71 Jahre alt, gestorben. - Mittwoch starb hier der Taxi-Besitzer Herr Leopold Holynsky im Alter von 52 Jahren.

(330922t2a)


Seite 4

Die Feierlichkeiten in Sinaia [S. 4, rechts, Mitte]
Bukarest, 20. September (Tel. des „Tag“). Am 22. ds. treffen in Sinaia der Prinz von Hohenzollern mit seinem Kabinettchef Baron Halberg ein. Königin-Mutter Maria, Prinz Nicolae und der jugoslawische Außenminister Jestici treffen Ende der Woche ein. Für die Teilnehmer an der Feier wird ein spezieller Salonwagen zur Verfügung gestellt.

Das Hofmarschallamt veröffentlicht das genaue Programm der Feier und teilt mit, daß sich alle Teilnehmer direkt im Hofmarschallamt anmelden müssen, damit ihnen im Salonwagen, dem auch Speisewagen beigeschlossen werden, Sitze reserviert werden.

(330922r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 450, Samstag, 23.09.33

Postby Klaus Binder on 23. September 2011, 00:02

Seite 2

Leichenbegängnis Osias Gottesmanns [S. 2, oben, links]
Das Leichenbegängnis des auf so tragische Weise ums Leben gekommenen Kaufmannes Osias Gottesmann hat gestern um halb 4 Uhr nachmittags von der Leichenhalle des jüdischen Friedhofes aus stattgefunden. Der Verstorbene genoß in der Czernowitzer Geschäftswelt wegen seines konzilianten und reellen Wesens große Wertschätzung und sein jähes Ende hat große Teilnahme ausgelöst.

(330923t2)


Todesfall [S. 2, Mitte, links]
Mittwoch ist hier der Kaufmann Hermann Merlaub im Alter von 45 Jahren gestorben.

(330923t2a)


Theater und Kunst
Gemäldeausstellung Georg Baron Löwendal [S. 2, Mitte, oben, rechts]
Sonntag, den 24. September, um 11 Uhr vormittags, findet im „Palatul National“, Ringplatz Nr. 3, die Eröffnung einer Ausstellung von Bildern Georg Baron Löwendals statt. Die Ausstellung gewinnt dadurch an Interesse, daß die zur Schau gestellten Bilder zum größten Teil Klöster, Landschaften und Volkstypen der Bukowina darstellen.

(330923c2)


Hausherren und Mieter [S. 2, rechts, Mitte]
Bukarest, 21. September (Tel. des „Tag“). Das Finanzministerium ordnete neuerlich an, daß die Mieter bei Bezahlung des Mietzinses von den Hausherren den Nachweis zu verlangen haben, daß sie mit den Steuern im Laufenden sind. Sollte dies nicht der Fall sein, dann müssen die Mieter für die Hausherren Steuern bezahlen und diese Beträge vom Mietzins in Abzug bringen.

(330923r2)


Seite 4

Van der Lubbe sagt aus [S. 4, oben, links]
Der Reichstagsbrand-Prozeß in Leipzig hat begonnen

Leipzig, 21. September (Tel. des „Tag“). Unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Dr. Bünger hat heute vormittags um 9 Uhr vor dem vierten Strafsenat des Reichsgerichts in Leipzig der Prozeß gegen die fünf Personen begonnen, die unter der Anklage stehen, bei dem Anschlag auf das Reichstagsgebäude, in dessen Gefolge der ganze Sitzungssaal und die Kuppel ein Raub der Flammen wurden, mittelbar oder unmittelbar beteiligt gewesen zu sein.

Die Angeklagten
Die Anklage, die vom Oberreichsanwalt Werner und seinem Sachbearbeiter, Landsgerichtsdirektor Parisius, vertreten wird, lautete auf Hochverrat und andere Verbrechen, für welche das Gesetz die Todesstrafe vorsieht. Sie richtet sich gegen fünf Angeklagte, von denen nur der frühere kommunistische Fraktionsführer im Reichstag, Ernst Torgler, die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Im übrigen sitzen auf der Anklagebank der holländische Maurer Marinus van der Lubbe, der am 13. Januar 1909 in Leyden geboren wurde, der 1882 in Radomir (Bulgarien) geborene Georgi Dimitroff [Dimitrow], der 1902 in Drjan [Dren] bei Sofia geborene Student Blagoi Popoff [Popow] und der 1897 in Gevgeli [Gevgelija] (Mazedonien) geborene Schuhmacher Wassil Taneff [Tanew]. Alle drei sind bulgarische Staatsangehörige.
Für die Durchführung des Prozesses ist eine Fülle von Maßnahmen getroffen worden, deren umfangreicher Charakter sich teils aus der politischen Art des Prozesses und teils aus der außerordentlich regen Anteilnahme des Auslandes erklärt.
Die Kartenausgabe war durch das Reichsgericht erfolgt. Es wurden 121 Sitze an die Vertreter der in- und ausländischen Presse vergeben.
Auch mehrere Botschafter und Gesandte wohnten als Zuhörer dem Prozesse bei.

Das Bild des Verhandlungssaales
Der Verhandlungssaal im Reichsgericht war stark bewacht. Jeder Eintretende wurde strenge nach Waffen durchsucht. Vor dem Vorsitzenden und den Mitgliedern des Reichsgerichtes stehen Mikrophone.
Der Hauptangeklagte van der Lubbe wurde gefesselt in den Verhandlungssaal geführt.
Der Angeklagte van der Lubbe ist apathisch, der Zweitangeklagte Torgler bleich und abgemagert.
Der Vorsitzende teilt mit, daß der Prozeß am 11. Oktober in Berlin im Reichstagsgebäude fortgesetzt werden wird.
Der Vorsitzende erklärte vor Eingang in die Verhandlung, daß der Prozeß ohne jede Beschränkung vor sich gehe. (!) Betreffend die Zulassung von ausländischen Verteidigern berief sich der Senatspräsident auf die Gesetzesbestimmungen, die nur in Ausnahmsfällen die Zulassung solcher vorsehen.

Van der Lubbe findet die Verhandlung komisch
Die heutige Verhandlung drehte sich um die Person des Hauptangeklagten van der Lubbe. Er macht den Eindruck eines geistig Minderwertigen, gibt auf die an ihn gestellten Fragen unzusammenhängende Antworten und sagt zu allem abwechselnd Ja und Nein.
Die ganze Verhandlung, so sagt van der Lubbe, kommt ihm komisch vor. Er betonte noch einmal, daß er auf einen Verteidiger verzichte. Der Vorsitzende erklärte daraufhin, daß sämtliche Gerüchte, wonach diese Erklärung erpreßt worden wäre, nicht auf Wahrheit beruhen.
Daraufhin wird

das Vorleben des Angeklagten
erörtert. Van der Lubbe ist der Sohn eines Manufakturisten im Haag, er absolvierte die Volksschule mit gutem Erfolg, mußte jedoch später in eine Erziehungsanstalt gehen. Hierauf lernte er das Maurerhandwerk, das er bis zum Jahre 1928 ausübte. Durch eine Augenkrankheit infolge eines Kalkspritzers mußte er diesen Beruf aufgeben. Er betrat im Jahre 1928 zum ersten Mal deutschen Boden, kehrte jedoch bald nach Holland zurück. Im Jahre 1930 hatte er die Absicht, den Aermelkanal zu durchschwimmen, gab diese jedoch infolge ungünstiger Witterung auf. Im Jahre 1931 faßte er die Absicht, mit einem Freunde eine Fußtour durch Europa zu unternehmen, die ihn auch nach Rußland führen sollte. Da sein Freund nicht mithalten wollte, unternahm er diese Tour allein.
Die Einvernahme van der Lubbes ging sehr schwer vor sich. Als die aus Holland eingetroffenen Schriftstücke über sein Vorleben verlesen wurden, erklärte er auf eine an ihn gerichtete Frage, daß er darauf nichts zu erwidern habe.
Während seiner Aussage lacht van der Lubbe mehrere Male laut auf. Er bestreitet weiter, gegenwärtig der kommunistischen Partei anzugehören. Er sei aber auch nicht Anarchist, auch nicht mit den Nationalsozialisten in Verbindung gestanden.
Der Vorsitzende verliest hierauf ein Schreiben der kommunistischen Partei Hollands, aus welchem hervorgeht, daß van der Lubbe der kommunistischen Partei nicht angehört, jedoch im Jahre 1929 - 30 als kommunistischer Agitator tätig war.
Die nächste Sitzung des Gerichtes findet morgen statt.

(330923w4)


Das Urteil des Weltgerichtes [S. 4, Mitte]
„Der Brand ist durch führende Mitglieder der Nationalsozialisten gelegt worden“

London, 21. September (Tel. des „Tag“). Das Juristenkomitee, welches sich mit dem Reichstagsbrand befaßte, übersandte heute seinen Bericht nach Leipzig. Im Bericht heißt es, ernste Gründe zwängen zur Ueberzeugung, daß der Brand durch führende Mitglieder der Nationalsozialisten oder mindestens durch von ihnen vorgeschobene Individuen gelegt wurde.
Auf Grund der gepflogenen Erhebungen stellt der Bericht fest, daß keiner der fünf Angeklagten schuldig sei.
Das internationale Juristenkomitee hat seine Feststellungen wie folgt zusammengefaßt:
1. Van der Lubbe kann nicht als Kommunist angesehen werden, sondern als Provokateur der Gegner dieser Partei.
2. Torgler, Popoff [Popow], Dimitroff [Dimitrow] und Taneff [Tanew] sind vollkommen unschuldig.
3. Van der Lubbe hat nur mit Komplizen zusammenarbeiten müssen.
Das internationale Komitee erklärt weiters, daß jede juridische Körperschaft, die sich mit dieser Materie befaßt, den aufgekommenen Verdacht, daß der Reichstag von führenden Persönlichkeiten der Nationalsozialisten oder über deren Auftrag in Brand gesteckt wurde, überprüfen müßte.
Sollte während oder nach dem Leipziger Prozeß sich die Notwendigkeit zeigen, daß das internationale Juristenkomitee wieder zusammentreten muß, um die in Leipzig festgestellten Tatsachen oder sich ergebende neue Momente zu erörtern, dann werden alle Anstrengungen gemacht werden müssen, damit dies geschehe.

(330923w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 451, Sonntag, 24.09.33

Postby Klaus Binder on 24. September 2011, 00:21

Seite 2

Die Novelle des Tages
Um Josef [Joseph] Schmidts Tonfilm [S. 2, oben, links]
Soll die Tendenz des Schmidt-Films „Ein Lied geht durch [um] die Welt“ unwidersprochen bleiben, daß ein Sänger von Gottes Gnaden, den das Schicksal mit einer kleinen Statur ausgestattet hat, nicht Anspruch auf Leben und Liebe hat und sich nur mit dem Applaus des Publikums begnügen soll? Gerade in Czernowitz, dem Heimatort des Tenors Joseph Schmidt, sei diese Frage öffentlich gestellt und beantwortet. Wir verteidigen in diesem Falle nicht bloß Schmidt allein, sondern auch das Männergeschlecht, dann die Hauptstadt der Bukowina, Lokalpatriotismus zwingt den Novellisten, sich gegen die Absichten des Filmautors zu wenden.
„Es handelt sich doch nur um einen Film, nur um das Geschäft des Films“ - die Einwendung der Filmleute ist sofort zur Hand; ein ironisches Schmunzeln, daß man die Tendenz eines Films überhaupt ernst nimmt, aber, wie unerforscht bisher die Motive der Filmfabrikation auch sein mögen, diesmal - nochmals betont aus Lokalpatriotismus! - ist die Anklage gegen das Sujet des Schmidt-Films angebracht.

*
Also: Ein kleiner Mann, dieser junge Schmidt, aber mit einer Stimme, die in umgekehrter Proportion zur Körperlänge steht, an Intensität und Qualität, überragend die gesamte Tenoristenkonkurrenz, weil Joseph Schmidt, vom Schicksal begünstigt, eine Stimme mitbekommen hat, die den technischen Schallplatten- und Tonfilmwirkungen, wie nach einem bestellten Maß geliefert, entspricht. Darüber sind sich alle Gelehrten des Tonfilmfaches bereits einig.
Und nun nützt ein Filmautor dieses reziproke Verhältnis zwischen Statur, Stimme und dem Gesichte - einem Czernowitzer Gesichte - aus und degradiert einen jungen, netten, auch charmanten Sänger zu einem häßlichen Nebbich, der überall bedauert, bemitleidet und als Mann angezweifelt wird, der, von der Empfindung seines liebenden Herzens getrieben - man vergesse nicht, ein Tenor von Weltruf!“ - und vom Sinnesrausch erfaßt, sich für eine Blonde entscheidet, die ihn übrigens auch gar nicht verachtet, aber der sich gefallen lassen muß, daß sein Kollege und Freund ihm hintenherum die Geliebte wegnimmt, nicht anders, als ob dieser Freund ihm eine Zigarette aus der Tasche gezogen hätte, daß die anderen, der Theaterdirektor, der zweite Kollege, jeder, auch das Publikum das alles sehen und für selbstverständlich finden, daß also dieser junge Mann, - ah, wie entsetzlich, unser Schmidt! - auf eine Frau verzichtet, also auf Liebe und Leben, und fortab als armseliges Geschöpf in der Welt herumlaufen soll, um nur in den Ehren eines Tenoristenbeifalls Kompensation zu finden.
Ein kerngesunder Mann, zufällig Tenor, soll sich gefallen lassen, daß hunderttausende Menschen ihn täglich auf der Filmleinwand als Kastraten an Männerstolz und Männerwürde bedauern, weil der Film ein Sujet braucht und der Tenor mit der Aberkennung seiner männlichen Würde ein großes Honorar dafür einsteckt.
Der künstlerische Erfolg ist die einzige Entschädigung für die angeprangerte Diminution als Mann.

*
Nein! Damit findet sich kein Mann ab. Für Geld macht man zuweilen alles, man läßt sich auch die Blonde im Film wegnehmen, aber so etwas, wenn es auch im Theater spielt, muß doch mal an die zarten Saiten des Menschen greifen, - - das Ideal ist zwar längst beim Teufel, aber die Leinwand spricht hier hart auf hart stündlich und täglich über den Manneswert des Schmidt.
Die Leinwand lügt oft und diesmal tausendfach. Mag das Honorar für diese Aufopferung noch so groß sein, selbst im Bilde läßt sich ein Mann ums Geld nicht entmannen.
Fango

(330924c2)


Grabsteinlegung [S. 2, Mitte, links]
Sonntag den 24. d. M., um 10.30 vorm. findet die Grabsteinlegung für Frau Jetti Schrager, geb. Gläsner, statt, zu der alle Verwandten und Bekannten geziemend eingeladen werden.

Grabsteinlegung Donnerstag, den 28. d. M., um 11 Uhr vorm., findet die Grabsteinlegung für Feibel Dollberg statt, zu der alle Verwandten und Bekannten geziemend eingeladen werden.

(330924t2)


„Nationalismus und Faschismus“ [S. 2, unten, Mitte]
Ein öffentliches Gericht über dieses Thema findet am Samstag, den 2. ds. M. um 8 Uhr abends im großen Saal des Arbeiterheims unter der Mitwirkung folgender Herren statt: Fähndrich, Gilischenski, Hammer, Dr. Kißmann, Koifmann, Dr. Arthur Oberländer, Dr. Bernhard Pistiner, Rubinger, Dr. Silbermann. Diese Herren teilen sich in die Rollen als Verteidiger, Staatsanwalt, Experten und Gerichtspersonen. Es handelt sich, wie uns geschrieben wird, um eine in der beliebten Form einer Gerichtsverhandlung abzuführende öffentliche Diskussion über die Ideologie des Nationalismus und Faschismus - eine „Gerichtsverhandlung“, welche die berüchtigte Veröffentlichung Dr. Reifers zum Substrat hat, jedoch unter Ausschaltung jedes persönlichen Momentes durchgeführt werden soll.

(330924i2)


Seite 3

Ein Künstler entdeckt die Bukowinaer Landschaft [S. 3, links, Mitte]
Zur Eröffnung der Löwendal-Ausstellung

In einer Zeit, da die Straße vom lauten Streit um politische Meinungen widerhallt, da jedes freie künstlerische Schaffen von der allgemeinen Diskussion um politische Probleme aufgesogen scheint, stellt der Maler Georg Baron Löwendal eine große Anzahl von Gemälden, meist Bukowinaer Landschaften und Volkstypen aus. Alle diese Werke sind in einer kunstfeindlichen Zeit entstanden, da - nicht nur im Dritten Reich - der Künstler nicht nach seinem Können, sondern nach seiner Zugehörigkeit zu Nation und Rasse gewertet wird und da wieder einmal die Kunst gewaltsam politisch-propagandistischen Zwecken dienstbar gemacht werden soll. Vergebliches Bemühen! Alles Große verdankt stets der Stille sein Entstehen, und auch heute kann man zum Glücke beobachten, daß der hohle Lärm der Straße die Kantilene auf Orpheus’ Leier wohl zu überschreien, keineswegs jedoch zu ersticken mag.
Werke der Stille sind im Grunde auch die Gemälde Löwendals. Aber einer Stille, in der es unbändig von wilder Schaffenslust und ungebärdigem Künstlerwillen bebt. Die Probleme, die hinter den Bildern verborgen weiterleuchten, sind aus Kämpfen geboren, die tief im Blute aus Urzeiten her verankert sind. Ost und West, Asien und Europa, Morgenland und Abendland, Helle und Finsternis stehen unablässig bei diesem schaffensfreudigen Künstler im Kampfe und prägen manchem seiner Bilder, gewiß aber seinem Werke als ganzes betrachtet, den Stempel auf. Im Bilde „Mein Schutzengel“ ist dieser Kampf reinste Allegorie geworden. Hinter dem Heiligen Georg der christlichen Legende, der, streitender Bote des Lichtes, mit selbstherrlichem Mut gegen den geiferspeienden Drachen der Finsternis zu Felde zieht, bleibt immer noch der heidnische Lichtgott Mitra sichtbar, wie der altertümliche Helm mit der Gloriole der christlichen Heiligenwelt eine symbolhafte Vereinigung eingeht.
Ueber Löwendals Bukowinaer Landschafts- und Klostergemälde ist schon viel gesprochen und geschrieben worden. Löwendal hat den Beweis erbracht, daß es der wahre Künstler nicht nötig hat, an die Riviera oder gar bis zu den Maoris zu fahren, um eine neue Welt für die Landschaftsmalerei zu entdecken. Er hat so recht die eigentümliche Landschaft der Bukowina für das Kunstschaffen entdeckt. Seit mehr als einem halben Jahrtausend erheben sich allerorten in der Bukowina, mitten in einer Landschaft voll wilder Romantik, Klöster von einer Eigenwilligkeit und Seltsamkeit des Stils, die stets von Neuem Fremde aus aller Welt zu ihrer Besichtigung lockt. Es war ein glückliches Geschick, daß Löwendal diese Klöster entdecken ließ. Löwendal ist, wenn man von einigen Versuchen des Czernowitzer Graphikers aus dem verflossenen Jahrhunderts, Knapp, absieht, der erste, der diese Landschaften mit genialem Pinsel auf die Leinwand gebannt hat. Alles Dekorative, das den Maler zu ornamentalen Spielen verleitete, alles Groteske, das ihm mit den Formen von Bäumen und Pferden schalkhaft-gespenstisch spielen ließ, ist hier einer liebevollen und tiefen Versenkung in die zauberhafte Sprache der einsamen urtümlichen Landschaft gewichen. Auch hier bleibt Löwendal der phantastische Hexenmeister, als den man ihn aus seinem bisherigen Schaffen kennt. Den, der diese Gegenden nicht durch Augenschein kennt, muten viele dieser Bilder wie Märchen- oder Traumlandschaften einer verschollenen Sagenwelt an. Hinter versponnenem Gezweig steigt eine alte Kirche zum lodernden Himmel empor, ein einsames Kreuz ragt aus hartem trotzdem Feldland, unendliche Fülle von zauberischen Naturvisionen lockt den Beschauer in seinen Bann.
Den Bildnismaler Löwendal kennt man schon aus seinem bisherigen Schaffen. Unter seinen neuen Kopfstudien sind einige vorhanden, aus denen man einen neuerlichen Fortschritt zu erkennen glaubt. Das ganze Innenleben dieser Bauern und Siechenhäusler tritt in den mit kühnem Pinsel auf hellen Grund gemalten Bildern in ihre Gesichter, ihre Haltung, ihre Hände. Die Bildnisse Löwendals sind Zeugnisse eines von aller Verkrampftheit und allem Experimentellen erlösten Expressionismus. Vom karikaturhaften ausgehend, gelangt Löwendal dazu, Tragödien, die Menschenantlitze formten, nachschaffend aufzuzeigen.
Am Sonntag, den 24. September, vormittags, wird die Ausstellung der neueren Kunstschöpfungen Löwendals im Palatul National eröffnet. Es ist zu wünschen, daß diese Veranstaltung ein dem Wert der zur Schau gestellten Gemälde entsprechendes Echo finde.
Alfred Kittner

(330924c3)


Brandsch warnt [S. 3, oben, Mitte]
Ein Appell an die Volksgenossen

Der gewesene Unterstaatssekretär Rudolf Brandsch ist seit längerer Zeit das Ziel heftiger Angriffe seitens der nationalsozialistisch eingestellten Kreise der Sachsen, deren Wortführer ein gewisser Neugeboren ist, dem in diesem Streit aber auch der Führer der deutschen Parlamentsfraktion Rumäniens, Dr. Hans Otto Roth, assistiert. Neugeboren hat unlängst eine Broschüre gegen Brandsch herausgegeben, welche den bekannten Politiker prinzipiell angreift, aber auch persönlich verleumdet. Rudolf Brandsch hat angekündigt, daß er gegen seinen Verleumder den Klageweg betreten werde, hat aber zugleich in seinem Organ „Die neue Zeitung“ (Sibiu) unter dem Titel „Gegen Volksschädigung, politische Torheit und Verleumdung“ eine Artikelserie veröffentlicht, in welcher er seine ganze politische Tätigkeit darlegt und die gegen ihn erhobenen Angriffe entkräftet. Ohne auf die persönlichen Fragen und die Einzelheiten einzugehen, sei hier der am Schluß der Artikelserie enthaltene Appell Brandsch’ an seine Volksgenossen wiedergegeben, in welchem er sie warnt, sich von den nationalsozialistischen Schreiern ködern zu lassen. Er sagt:
„Wir müssen verhindern, daß wir durch hemmungsloses Schreiertum in diesem Staate zu komischen Figuren werden, daß an Stelle sachlicher Auseinandersetzung schimpflicher Terror tritt, und an die Stelle aufbauender Arbeit belanglose Aeußerlichkeiten, nationale Phrasen hohlster Art und die Beschimpfung derer, die jahrzehntelang im Volksdienst gestanden und für ihre Arbeit wenigstens das Recht haben, zu fordern, daß man ihre persönliche Ehre in Frieden läßt.
Alle Volksgenossen, Bürger und Bauern, fordere ich in letzter Stunde auf, sich auf das bessere Selbst in uns zu besinnen, und unser Volk von einer der ernstesten Gefährdungen seiner Zukunft zu bewahren! Wir erfüllen dadurch eine geschichtliche Aufgabe für unser Volk und damit auch für unsere deutsche Gesamtnation!“

(330924r3)


Seite 6

Hungersnot in Rußland [Seite 6]
Grauenhafte Erfahrungen einer Hilfsexpedition

Rußland befindet sich zurzeit wieder in den Klauen einer unbeschreiblichen Hungersnot. Zuverlässige Meldungen, die, trotz aller Absperrungsmaßnahmen, aus Rußland einlaufen, lassen über diese Tatsache keine Zweifel mehr übrig. Die Ursache der gegenwärtigen Hungersnot liegt in der überstürzt durchgeführten Kollektivierung der ländlichen Wirtschaften. Der auf primitiver Kulturstufe stehende russische Bauer hat sich, jedes wirtschaftlichen Impulses beraubt, den von der Sowjetmacht an ihn gestellten Forderungen mit aller Macht widersetzt. Die rücksichtslosen Methoden, die die Sowjetmacht im Laufe der letzten zwei Jahre bei der Eintreibung des Getreides anwandte, erreichten nur das Gegenteil. Die Landbevölkerung verzehrte ihre letzten Kornbestände, schlachtete all ihr Vieh aus und säte vor allem kein neues Getreide mehr. Das Ergebnis ist nun diese Hungersnot, die, allem Anschein nach, selbst die Katastrophe von 1921 noch bei weitem übertrifft. Denn zurzeit sind vom Hunger nicht nur, wie damals, allein das Wolgagebiet, sondern auch die Ukraine, der Nord-Kaukasus und die zentralen Gouvernements der Sowjetunion betroffen. „Bereits im Februar starben in diesen Gebieten“, berichten geflüchtete Kolonisten, „Hunderttausende, ja, Millionen von Menschen elendiglich dahin; entkräftet und von Krankheiten heimgesucht, sind sie ohne alle Proteste, ohne jede Gegenwehr zu Grunde gegangen; so erklärt sich das völlige Fehlen von Unruhen und die Tatsache, daß die Kunde von diesen Vorgängen nur langsam ins Ausland, ja selbst bis nach Moskau gedrungen ist …“ Zu all dem weigert sich die Sowjetmacht neuerdings, ausländische Zeitungskorrespondenten nach den vom Hunger betroffenen Gebieten zu lassen. Doch wer sich von all dem Grauen einer russischen Hungerkatastrophe einen Begriff machen will, der lese die dokumentarischen Berichte von Augenzeugen der Vorgänge von 1921 nach.

Auf offener Straße verhungernde Menschen
Der Verfasser dieser Zeilen selbst nahm im Winter 1921/22 an der Hilfsexpedition der „American Relief Administration“ teil und hat das damalige Elend im Gebiet der Wolga und des Urals mit eigenen Augen gesehen. Die folgenden Schilderungen stellen eine kurze Zusammenfassung seiner damals in Rußland gewonnenen Eindrücke dar und mögen dem Leser einen ungefähren Begriff von all jenen Schrecken vermitteln, die heute in diesen und anderen Gegenden Rußlands wieder vor sich gehen. Der erste Ort, den wir damals besuchten, war die zwischen der Wolga und dem Ural gelegene Stadt Ufa. Es war im Januar. Am Tage einige Stunden lachender Sonnenschein. Das verschneite Ufa stellte äußerlich ein Bild des wunderbarsten Friedens dar. Doch welche Hölle war dieser Ort in Wirklichkeit! Das erste, was mir am Morgen begegnete, als ich die Straße betrat, war folgender Vorfall: ein zum Skelett abgemagerter Bauer trabt mit seinem Söhnchen den Weg entlang: plötzlich stürzt der vom Hunger völlig Entkräftete vornüber und bleibt wie tot im Schnee liegen; einige Zeit vergeht, bis ein Schlitten zur Stelle ist; es kostet Mühe, die gleichgültigen und durch eigenes Elend völlig abgestumpften Passanten zu einer Hilfeleistung zu überreden. Endlich richtet man den Ärmsten auf. Sein Gesicht ist von Blut überströmt. „Der lebt nicht bis zum Abend!“, sagt trocken einer der herumstehenden Bauern. An einer Straßenecke werfen einige Bauern mit großen Schneeschaufeln zwei Leichen auf den bereitstehenden Schlitten: vom Hunger Zermürbte, die in der Nacht auf offener Straße zusammengebrochen und im Schnee erfroren sind. An einer anderen Stelle liegen mehrere Kinderleichen auf dem Wege. Niemand kümmert sich um sie …

Kannibalen im Lande der Sowjets
Eine zwei Tage währende Schlittenfahrt von Ufa nach Sterlitamak (160 Kilometer) gab uns weiterhin Gelegenheit, unterwegs ein Dutzend Dörfer zu besuchen, von deren trostloser Lage wir uns leicht überzeugen konnten. Denn man erhält zweifellos erst ein rechtes Bild von der Katastrophe, wenn man sich von den großen Eisenbahnlinien abwendet und sich ins Innere des Landes begibt. Die verschneiten Dörfer mit ihren malerischen russischen Hütten liegen idyllisch und friedlich inmitten der bewaldeten Abhänge. Doch wie scharf kontrastiert auch hier dieses äußerliche Bild des Friedens mit der erschütternden Wirklichkeit, die im Innern dieser idyllischen Häuschen herrscht! In dumpfen Stuben sitzen oder liegen dicht beieinander skelettartige Gestalten und nagen an einer schweren harten Masse. Es ist jenes Brot, das durch Vermahlen der Melde gewonnen wird. Das Mehl aus diesem wilden Gewächs, das auch als „Gänsefuß“ bekannt ist, dient im ganzen russischen Hungergebiet als wesentlichstes Nahrungsmittel! Es wird auf allen Märkten offen feilgeboten. Das hieraus gebackene Brot ist ungewöhnlich schädlich. Ueberall sieht man zahlreiche Kinder, deren Körper durch den Genuß dieses Hungerbrotes unnatürlich angeschwollen sind. In einer Hütte bietet sich uns folgendes abstoßende und zugleich erbarmungswürdige Bild dar: In einer Ecke sitzt eine schmierige, gespenstisch dreinblickende Gestalt und nagt an einem Stück Leder; das Weiß der Augen sticht sonderbar unheimlich von der unnatürlich blauschwarzen Farbe des Körpers ab; im Blick ein irres Flackern. Eine Erscheinung, die jedes menschliche Aeußere verloren hat. Auf der Erde liegt der halbverweste Kadaver eines Hundes, daneben die noch warmen Eingeweide irgendeines anderen Tieres. In der Luft ein pestartiger Geruch. Wer eine solche Behausung einmal betreten hatte, der begriff ohne weiteres, daß die Berichte über Mütter, die ihre Kinder töten und sich von menschlichem Fleisch nähren, nicht ins Reich der Fabel gehören. Ich hatte eine Anzahl jener Protokolle gelesen, die, von Dorfschreibern verfaßt, in bureaukratisch-bäurisch-naiver Form mit lakonischen Worten die erschütternden Tatsachen berichten. Auf Grund sorgfältiger Erkundigungen glaube ich behaupten zu können, daß damals im Gouvernement Ufa in jedem fünfzigsten Dorf wenigstens ein Fall von Kannibalismus verzeichnet worden ist. Die Bauern berichteten uns mit der unerschütterlichsten Ruhe über diese entsetzlichen Akte menschlicher Verzweiflung …

Menschen, die sich von Baumrinde nähren
Andere Fälle der Hungerwirkung wurden uns genannt und weitere Opfer gezeigt: Menschen, die in ihrer Hoffnungslosigkeit durch Selbstmord ihrem Leben ein Ende gemacht hatten. Andere, die dem Wahnsinn verfielen - vor Hunger! Menschen, die sich vom Baumrindenbrot nährten. Die Bauern zeigten uns dieses Brot, das wie schmutzige Erde aussah. Und in der Tat - unterwegs während unserer bei strengstem Frost durch Eis und Schnee zurückgelegten Schlittenfahrt, bemerkten wir in endloser Reihe zahlreiche Bäume, deren Rinde sorgfältig entfernt worden war. Man hatte zu dieser Beobachtung reichlich Gelegenheit, denn der Weg von Kasan über Ufa, Sterlitamak nach Orenburg gleicht einer fast ununterbrochenen einzigartigen Birkenallee. Die russische Kälte ist im Bunde mit dem Hunger eine unbarmherzige Macht. Die vom Hunger Entkräfteten verfallen rettungslos ihren würgenden Armen … Auf dem Markt von Sterlitamak wurden wir Zeugen einer Szene, die uns weiter erläuterte, weshalb die Hungernden in diesen Städten die wenigen Lebensmittelläden nicht plünderten. Ueber einen zerlumpten Baschkir, der soeben bei einem Diebstahl ertappt worden war, fiel die wütende Menge der Händler in brutaler Wut her und richtete ihn innerhalb weniger Minuten so entsetzlich zu, daß er blutüberströmt am Boden liegen blieb. Wir trafen öfters nachher in allen Städten des Hungergebietes diese Gestalten, deren Gesicht und Kleider mit Blut bedeckt waren und die wie trunken durch die Straßen wankten. Auf diese bestialische Weise schützt sich hier in diesem Reiche des Elends der Besitzende vor der Verzweiflung des Hungernden.

Die Massengräber des russischen Volkes
Die Friedhöfe der Städte des Hungergebietes waren die grauenvolle Endstation auf dem Leidenswege dieses großen, nie dagewesenen Sterbens. Der Kirchhof von Ufa liegt an der Peripherie der Stadt. Der Kirchhof ist recht groß. Doch viele hundert verschneite Grabhügel ziehen sich außerhalb des Kirchhofes in endloser Reihe hin. Bereits im Herbst - so wird uns berichtet - als in den ersten Wochen nach der Mißernte schon Tausende ihr Leben hingeben mußten, war der Friedhof zu eng geworden. Man bestattete nun die Verstorbenen außerhalb der Umzäumung, auf freiem Felde. Zwei frische Gräber sind eben geöffnet, ihre Tiefe beträgt kaum zwei Meter. Dennoch liegen in jedem gegen 100 unbekleidete blaugefrorene Leichen, meistens Kinder. Zwei Totengräber, gutmütige, jedoch gegen jedes fremde Leid abgestumpfte russische Bauern, sind ruhig bei der Arbeit. Sie schütten die Gräber mit einigen Schaufeln zu Klumpen gefrorenen Sandes zu, den Rest füllen sie mit Schnee an. Man traut seinen Augen kaum.

Die Notwendigkeit einer schleunigen Hilfsaktion
Währen der Hungerjahre 1921/22 sind in Rußland, wie die „American Relief Administration“ damals feststellte, etwa 5 Millionen Menschen zugrunde gegangen. Die neue Katastrophe ist, wie gesagt, von weit größeren Ausmaßen: was heute in Rußland vor sich geht, entspricht genau den obigen Schilderungen. Vom Hunger ist heute ein weit größeres Gebiet mit einer Bevölkerung von 65 Millionen Menschen betroffen worden. Nach dem Urteil hervorragender landwirtschaftlicher Sachverständiger, vor allem der den diplomatischen Vertretungen in Moskau zuattachierten Experten, sind bereits im ersten Halbjahr 1933 in allen Hungergebieten der Union zusammen etwa 10 Millionen Menschen Hungers gestorben. Der kommende Winter jedoch, sagen sie, wird alles bisher dagewesene Elend und Grauen völlig in den Schatten stellen - wenn nicht in letzter Stunde an eine groß angelegte Hilfsaktion geschritten wird. Eine solche sollte jedoch gerade jetzt um so leichter zu verwirklichen sein, als zurzeit bekanntlich eine ganze Reihe von Ländern an einem wahren Ueberfluß von Agrarprodukten förmlich ersticken und eine Hilfeleistung für die in Rußland Hungernden, d. h. eine Verwertung von Tausenden von Tonnen sonst verfaulenden Kornes, eine außerordentliche Entspannung der Krise der Agrarwirtschaft und Schiffahrt dieser Länder mit sich bringen würde. Entscheidet man sich für die Hilfeleistung, so darf keine Stunde mehr gewartet werden.
George Popoff

(330924w6)


Seite 7

Bühnentournee Joseph Schmidts in einer Operette [S. 7, Mitte]
Joseph Schmidt wird, wie die Wiener Blätter mitteilen, noch im Laufe dieser Spielzeit zum erstenmal in der Hauptrolle einer für ihn geschriebenen Operette auf der Bühne erscheinen. Das Sujet der Operette wird dasselbe sein wie das des Tonfilms „Ein Lied geht um die Welt“ und die Autoren dieses Films, Ernst Neubach und der Komponist Hans May, werden selbst die Bearbeitung für die Operettenbühne vornehmen. Sobald das Werk fertiggestellt ist, wird Joseph Schmidt in der aus dem Tonfilm bekannten Rolle des kleinen Sängers mit der großen Stimme eine Tournee mit einem eigenen Ensemble antreten.

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Klaus Binder
 
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Nr. 452, Dienstag, 26.09.33

Postby Klaus Binder on 25. September 2011, 22:50

Seite 1

Hetzrede Tartarescus im deutschen Rundfunk [S. 1, oben, links]
Deutsche Sender vermitteln eine Schmährede gegen die Regierung und die Juden

„Ueber die Wirkung des Nationalsozialismus auf Rumänien“

Der deutsche Reichspropagandaminister Goebbels hat am Samstag den deutschen Rundfunk dem Chef der nationalsozialistischen Partei in Rumänien Stefan Tartarescu für eine halbe Stunde am Abend zur Verfügung gestellt, damit dieser auf diesem Wege der Welt verkündet, welchen Einfluß Hitler auf Rumänien ausgeübt habe. Das Thema des Vortrages ist in den ersten zwei Zeilen angegeben.

Tartarescu sprach deutsch und entwickelte den historischen Werdegang der Judenfrage in Rumänien. Im Großen und Ganzen hörte man nichts Neues: altgebackene Phrasen von dem „das rumänische Volk beherrschenden Einfluß der jüdischen Finanz, der Industrie, des Handels und der Presse“, von der Zuwanderung von 400 000 Juden aus Galizien seit dem Jahre 1918“, „von der im Verhältnis zur Bevölkerungszahl viel zu großen Macht der acht Prozent der Juden, die in Rumänien wohnen“, man hörte die abgeleierten Sätze „über den Zusammenbruch des Parlamentarismus, der hiedurch entstandenen seelischen Anarchie und der Korruption in Staat und Gesellschaft“ - an allem sind die Juden schuld!! „Als Goethe“ - sagte Tartarescu - „beim Ausbruch der französischen Revolution aussprach, daß nunmehr in der Geschichte eine neue Epoche beginnt, hat er richtig voraussehend die Wahrheit gesagt,“ - aber - so kommentiert Tartarescu - die Freiheit und Brüderlichkeit, die die bisher unter fremder Herrschaft seufzenden Völker Europas erlangten, haben sich negativ für den Staat ausgewirkt, - denn die Juden mißbrauchten die Freiheit und Brüderlichkeit. Auf Rumänien angewendet: die Juden hatten bis zum Jahre 1918 nicht die politischen Rechte, die Friedensverträge haben sie ihnen gegeben, und nun die Folge: „Rumänien ist unter das Joch der Juden geraten“ und Tartarescu schließt diesen Gedanken: „der Grundsatz der französischen Revolution führte hier zum Marxismus und Kommunismus.“ In dieser Gedankenfolge geht es weiter, auf die wilden Instinkte des Volkes spekulierend, auf die Verdummung der Massen gerichtet - „das internationale Judentum regiert in Rumänien, Rumänien wird ausgeblutet kein Wunder, daß es sich jetzt aufzulehnen beginnt.“
Nachdem er nun soviel Antisemitenmaterial verzapft, wendet er sich dem eigentlichen Thema zu und sagt, daß „Hitler heute eine Weltanschauung ist, der sich kein Volk mehr entziehen könne.“ „Rumänien ist ein typisches Land, in dem sich der Riesenkampf zwischen dem Marxismus und der neuen nationalsozialistischen Weltanschauung abspielt.“ „Das rumänische Volk wendet sich Hitler zu.“
„Es ist eine geschichtliche Bestimmung, daß Rumänien sich noch unter dem Einfluß der französischen Revolution befindet; es ist aber ebenso eine geschichtliche Bestimmung, daß Rumänien seinen Platz an der Seite Deutschlands finden muß.“ Tartarescu erinnert an die Politik Carols I., durch die Deutschland mit Rumänien verbündet war. „Diese Politik muß jetzt fortgesetzt werden. Hitler-Deutschland und Rumänien gehören zusammen.“

Das ist nur ein Auszug aus dem Vortrage eines Rumänen im deutschen Rundfunk. Es ist hier nicht die Aufgabe, sich mit Herrn Tartarescu auseinanderzusetzen, denn jedes Wort, das er sprach, ist tausendfach widerlegt worden, die Behauptung, um nur ein Beispiel zu geben, daß die Juden den rumänischen Parlamentarismus untergraben haben, daß sie verantwortlich für die Korruption sind - also, es hieße Zeit und Raum verschwenden, die Polemik zu eröffnen.
Es geht jetzt bloß um die Feststellung, die geradezu konsternierend wirken muß, daß die deutsche Regierung offiziell einer maßlosen Hetzrede gegen die Juden Rumäniens zur Publikation verholfen hat. Ist die Frage da nicht berechtigt, ob die rumänische Regierung Pflicht hätte, in Berlin einen energischen Schritt zu unternehmen, weil dieses Zwischenspiel Tartarescus nicht irgend ein Fall von nebensächlichem Charakter ist, sondern ein Unternehmen, das darauf ausgeht, im Lande Unruhen zu schaffen und das rumänische Volk gegen die Regierung aufzuwühlen? Uebrigens richten sich die Worte Tartarescus auch gegen die Regierung Vaida.
Das alles - nochmals betont - vermittelt der deutsche Rundfunk Europa.

(330926w1)


Sinaia begrüßt die Festgäste [S. 1, unten, rechts]
Die Vorbereitungen zur 50-Jahrfeier für Schloß Pelesch
(Eigenbericht des „Tag“ aus Sinaia)


Von schönem Herbstwetter begünstigt, werden die Vorbereitungen für die großen Feierlichkeiten im Schloß Pelesch unter den besten Auspizien durchgeführt. Sinaia bietet heute ein prächtiges Bild, welches durch die strahlende Sonne noch verschönert wird. Alle Arbeiten sind beinahe beendet und die ersten Festgäste finden bereits eine Stimmung, welche des historischen Tages vor 50 Jahren würdig erscheint.
Exkönigin Elisabeth von Griechenland, Prinz Friedrich von Hohenzollern in der Uniform eines Obersten des Braschower Jägerregimentes unter der Begleitung seines Privatsekretärs, Oberst Sturdza, sind als erste eingetroffen. Der Empfang war überaus herzlich. Am Bahnhof erschienen König Carol, Voevode Mihai, Palastmarschall Ilasievici und andere Würdenträger. Der König umarmte den Hohenzollern-Prinzen überaus herzlich. Der Prinz von Hohenzollern wird im Schloß Pelesch beherbergt.
Die Behörden haben alle Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe ergriffen. Aus Bukarest ist eine Gendarmeriegarde unter Leitung des Obersten Dimiu eingetroffen. Es wurde ein spezielles Pressebüro zur Erleichterung der Arbeiten der Pressevertreter eingerichtet.
Ministerpräsident Vaida ist, begleitet von seinem Sohn und dem Privatsekretärs eingetroffen.
Titulescu wird für heute, Benesch und Iestici für morgen zur Teilnahme an der Kleinen Entente-Konferenz erwartet.
Von den ausländischen Würdenträgern ist als erster der Delegierte Italiens, der frühere Finanzminister Graf Volpi, begleitet von seiner Tochter, Prinzessin Ruspoli, eingetroffen.
Sonntag in den ersten Vormittagsstunden ist der frühere Minister, Professor Nistor, der Samstag von Czernowitz abgereist war, nach Sinaia gekommen.
Die führenden Mitglieder der politischen Parteien sind bereits fast vollzählig anwesend.

Das jugoslawische Königspaar und Prinz Nicolae eingelangt
Sinaia, 24. September (Tel. des „Tag“). Das jugoslawische Königspaar ist, begleitet vom Prinzen Nicolae, dem Palastminister Ciolac Antic, General Dimitrievici und mehreren Ehrendamen, hier eingetroffen, um an den Feierlichkeiten in Schloß Pelesch teilzunehmen. Im Hofwagen befanden sich auch der rumänische Gesandte in Belgrad Guranescu und der bulgarische Außenminister Iestic mit seinem Kabinettchef Marinkovic.
In Jimbolia wurden die Gäste vom Verkehrsminister Mirto und mehreren Würdenträgern empfangen. In Timisoara überreichte der Bürgermeister der Königin Marioara einen Blumenstrauß.

Das Festprogramm
Die Feierlichkeiten beginnen heute, Montag vormittags mit einem Gottesdienst im Kloster; es folgt eine Besichtigung des Erinnerungssaales, dann eine Militärparade; mittags die feierliche Einweihung einer Gedenktafel am Eingang des Schlosses Pelesch, wobei Goga einige Verse sprechen wird, anschließend Gala-Diner. Nachmittags findet ein Konzert Enescus statt, anschließend Tee, abends Militärmusik und Fackelzug. Dienstag vormittags findet die Enthüllung des Denkmals König Carols I. und der Königin Elisabeth statt. Das Mittagessen wird in einem großen Zelt, das bei der königlichen Sennhütte aufgestellt wird, eingenommen. Abends findet ein Orgelkonzert statt mit anschließendem philharmonischen Konzert unter G. Georgescu. Um 10.30 beginnt in Schloß Pelesch ein festlicher Empfang, gleichzeitig wird ein großes Feuerwerk abgebrannt werden.

(330926r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Literarisches Gericht über Doktor Reifer [S. 2, oben, links]
Wer einen Begriff haben wollte, wie tief einschneidend der Fall Reifer auf die Oeffentlichkeit gewirkt hat, der mußte am Samstag abends die Straßen, die zum Alten Stadttheater führen, beobachten.
Ein Strom von Menschen, diesmal nicht die Stammkundschaft der literarischen Abende, sondern ein Publikum, das sich aus allen Gesellschaftskreisen zusammensetzte, wirklich Massen - jeder war neugierig und wollte durch seine Anwesenheit beim Gerichtstag seiner Empörung Luft machen.
Der Andrang war so gewaltig, daß um die neunte Abendstunde - der Saal war längst überfüllt - eine Abteilung Gendarmen im Eilschritt herangeholt werden mußte, damit die peinlichen Szenen an den Eingängen zum Stillstande kommen. Leider war die Organisation nicht auf der Höhe - wer hätte übrigens auch den Zustrom von tausenden Menschen vorausgesehen? - und viele, die Billetts hatten, mußten unverrichteter Dinge rückkehren.
Das Gericht selbst, das unter dem Vorsitz des Dr. Silbermann tagte, brachte einige interessante Momente.
Nur hielten sich die Herren des Gerichtes und die übrigen Mitwirkenden, der Staatsanwalt, der Verteidiger, die Zeugen zu sehr an das Wort „literarisch“ - es hätte ein der Gerichtspraxis nachgebildetes Verfahren einen viel größeren Effekt erzielt. Hier hätte nur die Frage in den Mittelpunkt gestellt werden sollen: „Inwieferne ist Dr. Reifer schuldig?“ - weniger war jedoch auf den Nachweis Gewicht zu legen, daß die Juden in Deutschland und in der Welt für Wissenschaft, Kunst und Literatur viel beigetragen haben. Dieser Nachweis ist längst und in vollem Maße erbracht.
Trotzdem gab es, wie gesagt, äußerst packende Szenen, und das Gericht kam zum einstimmigen Urteil, daß Doktor Reifer schuldig ist.
So hat sich denn wieder mal gezeigt, daß die Volksstimmung, von den richtigen Instinkten getrieben, sich eruptiv entlädt. Es muß dazu nur einmal Gelegenheit geboten werden. Diese Stimmung, sagen wir besser: Mißstimmung entlud sich sowohl gegen Reifer als auch gegen das Blatt, das gedankenlos den Artikel Reifers veröffentlicht hatte. Es gab im vollbesetzten Hause stürmische Entrüstungsrufe, sooft Reifer und die ihm ergebene Zeitung genannt wurden.
Spezi.

(330926c2)


Was sagt Dr. Ebner zum Falle Reifer [S. 2, oben, Mitte]
Der Fall Dr. Reifer hat sich zu einer Volksbewegung entwickelt. Die Vermutung, die an dieser Stelle ausgesprochen wurde, daß mit einer lokalen Abfuhr die Sache nicht abgetan sein wird, hat sich leider bestätigt. Nach dem, was wir sehen, hören und wissen, befürchten wir viel Schlimmeres.
Es hatte den Anschein, daß die Organisationen, denen Reifer angehört hat, am liebsten das Gras über die Sache wachsen lassen möchten. Die Dr. Reifer nahestehende Zeitung hat bisher noch kein kritisches Wort über die Angelegenheit veröffentlicht. Wie es hieß, wartete man auf die Rückkehr des Dr. Ebner. Nun ist Dr. Ebner in Czernowitz eingetroffen, und er sendet in Form eines Zeitungsartikels der Presse seine Stellungnahme zu. Leider ist sie nicht eindeutig genug, wie sie sein müßte um die Oeffentlichkeit zu beruhigen, denn auch Dr. Ebner stellt fest, daß „der Sturm weiter tobt“.
Nun folgen paar Sätze, die die auf strenge Objektivität sehende Presse nicht gleichgültig aufnehmen kann.
Es werden dieser Presse Motive unterschoben, die absolut zurückgewiesen werden müssen. Dr. Ebner beschuldigt einen Teil der Oeffentlichkeit, die sich von Dr. Reifer abwendet, daß sie „politisches Kapital aus der Sache schlagen will“. Diese Beschuldigung fordert ein strenges Kontra heraus. Hier in diesem Falle kann nur Einmütigkeit aller von der Politik des Nationalsozialismus bedrängten Juden und Nichtjuden einen Erfolg in der Verteidigung erzielen. Die Angelegenheit Reifer ist zu groß und zu wichtig, als daß Freunderlwirtschaft und Parteirücksichten in den Vordergrund geschoben werden.
Nach diesen einleitenden Zeilen ist die Stellungnahme des Dr. Ebner dem Artikel Reifers gegenüber korrekt und würdig. „Ich bin aufs tiefste erschüttert“ - ruft Ebner aus - nur die Erklärungen, die er für die Ursachen sucht, die Dr. Reifer zur Niederschrift veranlaßt haben, sind irrelevant; denn wir haben es oft betont, daß es bei Männern in führender Stellung nicht auf die Motive ankommt, sondern auf die Folgen - und die Folgen des Reifer’schen Artikels sind katastrophal. Dr. Ebner macht zum Beispiel den Vergleich, daß Reifer „Feuer mit Feuer löschen wollte ,weil er gehört hat, daß Licht Licht auslöscht“ - oder: der andere Vergleich, „es erging ihm wie dem Bären, der mit einem Steinwurf die Fliege auf der Stirne seines schlafenden Herrn treffen wollte und dabei den Herrn erschlug. Reifer wollte die jüdisch-deutsche Assimilation treffen und hat dabei der jüdischen Sache einen schweren Schlag versetzt.“
Man spürt es in der Lektüre, daß Dr. Ebner dem „verunglückten“ Reifer Milde zuteil werden lassen möchte, aber - leider ist es diesmal nicht zu helfen. Der Widerruf genügt nicht, er hätte vielleicht genügt, wenn Reifer nicht im „Telegramm“ und in der „Erklärung“ 72 Zeilen als gefälscht erklärt hätte. Man glaubt ihm jetzt nichts mehr. Darum ist der Versuch des Dr. Ebner, vom Widerruf der Behauptungen des Dr. Reifer „insoweit er sich zu ihnen als Autor bekennt“, (Wozu eine Komödie gutheißen?!) als einer sich selbst auferlegten Buße zu sprechen, hinfällig.
Weiters wird mitgeteilt, daß die Exekutive der jüdischen Reichspartei in der Sitzung von Samstag die Demission des Dr. Reifer angenommen hat - wieder fehlt der von der Oeffentlichkeit erwartete Zusatz, daß die Reichspartei den Artikel zurückweist.

(330926c2a)
Klaus Binder
 
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Nr. 453, Mittwoch, 27.09.33

Postby Klaus Binder on 26. September 2011, 23:07

Seite 2

Gemeinderat beschließt: [S. 2, oben, Mitte]
Ueberprüfung der Lebensmittelpreise

Finanzreglement aufgeschoben
Unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Saveanu trat Montag der Gemeinderat zusammen. Generaldirektor Scalat erstattet Bericht über die Abfassung des neuen Reglements zur Reorganisation der lokalen Finanzen und teilt mit, daß auf Grund des bestehenden Gesetzes das Reglement schon längst hätte approbiert werden sollen. Es handelt sich nicht, wie fälschlich angenommen wird, um die Vorschreibung neuer Abgaben, vielmehr um die bereits bestehenden Taxen mit nur kleinen Veränderungen.

Ein Sprachenkonflikt
G. R. Dr. Soniewicki erklärt, daß er, obwohl er Mitglied der Budget- und Finanzkommission ist, zu diesen Sitzungen nicht eingeladen wurde. Als Redner seine Ausführungen in deutscher Sprache macht, macht ihn der Vorsitzende darauf aufmerksam, daß er in rumänischer Sprache referieren müsse, da seine Ausführungen sonst nicht protokolliert werden können. Redner fährt in deutscher Sprache fort: „Ich kenne kein Gesetz, welches den Gebrauch der deutschen Sprache im Gemeinderat verbietet. Ich spreche hier in einer Angelegenheit, die die ganze Bevölkerung interessiert“. Schließlich erklärt Redner, daß die Steuerlasten der Zahlungsfähigkeit der Bevölkerung angepaßt werden müßten. Das Reglement solle der Kommission zum neuerlichen Studium überwiesen werden.
Der Vorsitzende der Budget- und Finanzkommission Dr. Grünberg referiert über die Beratungen dieser Kommission und stellt den Antrag, das Gesetz noch weiter in Beratung zu ziehen, da infolge der anhängigen Steuerappelle der Mietwert der Wohnungen durch die Finanzbehörden noch nicht festgestellt worden sei.
Bürgermeister Dr. Saveanu steht auf dem Standpunkt, daß das Gesetz nicht weiter aufgeschoben werden kann, umsomehr als es bereits bei der Finanz- und Budgetkommission war.
Vizebürgermeister Gaidosch stellt fest, daß kein Gesetz es verbietet, die deutsche Sprache im Gemeinderat zu gebrauchen.
Präfekt Jacoban teilt mit, daß wohl ein solches Gesetz nicht bestehe, nach der Verfassung aber die offizielle Sprache bei derartigen Sitzungen die Staatssprache sei. Bürgermeister Dr. Saveanu will festgestellt haben, daß er den Gebrauch der deutschen Sprache nicht verboten, sondern nur mitgeteilt habe, daß im Protokoll die Ausführungen des Dr. Soniewicki nicht verzeichnet werden können.
In Angelegenheit des Finanzreglements stehen Vizebürgermeister Gaidosch und G. R. Dan auf dem Standpunkt, daß das Gesetz in Diskussion gezogen werden soll.
Dagegen wenden sich die Mitglieder des jüdischen Gemeinderatklubs. So stehen sich zwei Gruppen mit gegenteiligen Ansichten gegenüber und es besteht wenig Aussicht auf ein Einvernehmen. Präfekt Jacoban legt sich ins Mittel und stellt den Antrag, daß man der Budgetkommission noch 14 Tage zur Beratung Zeit lasse, innerhalb welcher dem Gemeinderat konkrete Vorschläge gemacht werden sollen. Dieser Antrag wird einstimmig angenommen.
Der Präfekt erklärte auch, daß man alles tun müsse, um die notwendigen Mittel für die Bedürfnisse der Stadt aufzutreiben. Es geschehe nichts auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge, es werde nichts für die Verbesserung der Lebenshaltung der Bevölkerung getan und gerade aus diesem Grunde müsse man das Gesetz annehmen, um die Einnahmen so zu verteilen, daß etwas für die Stadt getan werden könne.
In einem längeren Exposee befaßt sich Stadtrat Dr. Oberländer mit den hohen Lebensmittelpreisen, mit der Willkür, der die Bevölkerung ausgesetzt ist und mit der

kontrollosen Wirtschaft auf dem Lebensmittelmarkt.
Redner schlägt vor, daß aus dem Gemeinderat eine Kommission gewählt werde, die zusammen mit dem Marktamt die Lebensmittelpreise überprüfen und für die Zukunft Maßnahmen gegen eine willkürliche Erhöhung der Preise ergreifen soll.
Präfekt Jacoban begrüßt diese Initiative und erklärt, sich dem Antrag voll und ganz anzuschließen.
Der Antrag wird einstimmig angenommen und es werden zu Mitgliedern dieser Kommission Vizebürgermeister Baranai und die Gemeinderäte Schwab, Awner und Schmerz gewählt. Die Kommission wird unter dem Vorsitz des Stadtrates Dr. Oberländer schon in den nächsten Tagen ihre Tätigkeit aufnehmen.
Schließlich genehmigt der Gemeinderat den Parzellentausch mit dem katholisch-deutschen Volksbund sowie die unentgeltliche Ueberlassung je einer Parzelle an den deutschen Kulturbund und das jüdische Tuberkuloseheim.
Die Sitzung wird heute fortgesetzt.

*
Die angesagte Besprechung zwischen dem Stadtpräsidium und den Mitgliedern des jüdischen Gemeinderatsklubs zur Beilegung des innerhalb des Gemeinderates entstandenen Konfliktes wurde für heute verschoben.

(330927c2)


Neue deutsche Blätter [S. 2, unten, rechts]
Monatsschrift für Literatur und Kritik. Redaktion: O. M. Graf, W. Herzfelde und Anna Seghers. Die „N. D. Bl.“ wollen der Weltöffentlichkeit den Nachweis erbringen, daß die deutschen Schriftsteller von Rang - bei aller Verschiedenheit ihrer sonstigen Ueberzeugungen - fast ausnahmslos entschiedene Gegner des „Dritten Reiches“ sind. Die „N. D. Bl.“ veröffentlichen Novellen, Romane u. Dramenfragmente, Reportagen, Gedichte, Kurzgeschichten, Satiren, ferner literatur- u. kulturgeschichtliche Aufsätze, Essays, Buchkritiken, Glossen, etc. Die Arbeiten stammen nicht nur von Emigranten, sondern auch von Schriftstellern, die auch heute noch in Deutschland leben und dort für den Fortbestand der täglich von den Nationalsozialisten geschändeten deutschen Kultur kämpfen. Ihre Mitarbeit haben bisher u. a. zugesagt: Nexö, B. Brecht, Joh. Becher, von Brentano, Ilja Ehrenburg, A. Holascher, Alfred Kerr, Kisch, Georg Lukács, Walter Mehring, Ottwalt, Plievier, Polgar, Toller, Wassermann. - Umfang jeder Nummer 64 Seiten. Preis 35 Lei. Die Auslieferung für Rumänien besorgt die „Libraria Populara“, Czernowitz, str. I. Flondor Nr. 28. Bis zum 15. September subskribierte Halbjahresabonnements kosten bloß Lei 180.

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Seite 4

Zum zweiten Bericht Madgearus an die Auslandsgläubiger [S. 4, oben, rechts]
Der Streit um das Budgetdefizit

Bukarest, 25. September (Tel. des „Tag“). Die Verhandlungen mit den Auslandsgläubigern sind dadurch verschärft worden, daß sich Schwierigkeiten bei der Durchführung des Abkommens über eine technische Mitarbeit mit dem Völkerbund ergeben haben. Die Auslandsgläubiger drängen, daß die Völkerbundexperten sofort ernannt werden.

Die Regierung unternimmt aber alle Schritte, um bei den Auslandsgläubigern eine günstige Atmosphäre zu schaffen. Der zweite Bericht, der vom Finanzminister Madgearu an die Auslandsgläubiger übersandt wurde und in welchem die finanzielle Situation Rumäniens dargelegt wird, anders als sie vom Sachverständigen Roger Auboin geschildert wird, beweist dies zur Genüge. In diesem Bericht wird darauf verwiesen, daß das Budgetdefizit viel höher ist, als es von Auboin angenommen wurde. Während im Bericht Auboins das Budgetdefizit im Jahre 1932/22 mit 3500 Millionen angegeben wird, behauptet die Regierung, daß das Defizit in Wirklichkeit 7232 Millionen ausmacht. Das Defizit des laufenden Budgetjahres wird von Auboin mit einer Milliarde, von der Regierung aber mit ungefähr drei Milliarden beziffert. Im Bericht Madgearus wird auch darauf verwiesen, daß aber auch keine neuen Einnahmsquellen durch Vorschreibung von Steuern geschaffen werden können, daher sei Rumänien außerstande, die Auslandsschulden, die 25 Prozent des Budgets ausmachen, weiter zu zahlen.

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Räuberbanden in Kuba [S. 4, Mitte]
London, 25. September (Tel. des „Tag“). Reuter meldet aus Havanna: Die Situation in Kuba hat sich verschlechtert. Räuberbanden durchziehen das Land und begehen zahlreiche Verbrechen. Das Eingreifen der internationalen Kriegsschiffe ist unvermeidlich geworden. Es heißt, daß die Organisation für Raub und Mord in Moskau geschaffen wurde.
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Nr. 454, Donnerstag, 28.09.33

Postby Klaus Binder on 27. September 2011, 20:55

Seite 1

Schuldenverhandlungen abgebrochen [S. 1, oben, links]
Bukarest, 26. September (Tel. des „Tag“). Heute traf aus Paris die telegrafische Nachricht von den Delegierten bei den Schuldenverhandlungen ein, daß die Auslandsgläubiger weitere Verhandlungen ablehnen, bis nicht die Maßnahme der Erlassung des Transfermoratoriums zurückgezogen werde. Somit können die Verhandlungen als abgebrochen angesehen werden.

Angesichts dieser Tatsache befaßt man sich in Kreisen der Regierung mit der Situation und mit den zu ergreifenden Maßnahmen.

Zu den Schwierigkeiten, die sich in den Verhandlungen mit den Auslandsgläubigern ergeben haben, kommt noch die Tatsache, daß der frühere Innenminister Mihalache sich entschieden gegen die Ernennung der Völkerbundexperten ausspricht. Diesen seinen Standpunkt hat er gegenüber der Regierung präzisiert. Somit ist auch die Anwendung des Völkerbundabkommens über eine finanzielle Mitarbeit mit Rumänien in Frage gestellt.
Die hier eingetroffene Nachricht hat auf die Regierungskreise sehr konsternierend gewirkt. Man erwägt die Einberufung eines außerordentlichen Ministerrates, um zu dieser Frage Stellung zu nehmen.
Morgen finden Besprechungen zwischen Titulescu, Vaida, Madgearu und Mihalache statt. Man erwartet in politischen Kreisen mit Spannung die weitere Entwicklung der Dinge, da nicht abzusehen ist, welche Folgen die Unnachgiebigkeit der Auslandsgläubiger nach sich ziehen wird.

Ablehnung der rumänischen Forderung durch die Auslandsgläubiger
Die schwierigste Komplikation erwächst der Regierung aber vom Auslande her und zwar durch die Frage der Schulden sowie der Durchführung des Genfer Abkommens.
Was die Schuldenfrage anbelangt, so ist die für heute erwartete Antwort der Gläubiger eingetroffen. Sogar offizielle Kreise sehen darin eine Ablehnung der rumänischen Auffassung durch die Gläubiger und heben hervor, daß dem gegenüber die Regierung auf ihrem Standpunkt beharre. In den nächsten Tagen müssen entscheidende Beschlüsse gefaßt werden, um die Konsequenzen aus dieser Situation zu ziehen.
Betreffend das Genfer Abkommen steht im Vordergrund die Frage der Ernennung der Völkerbundsachverständigen, gegen welche sich bekanntlich in erster Linie Mihalache sträubt. Es heißt, daß er, falls die Regierung auf Grund des Genfer Abkommens der Ernennung der Sachverständigen zustimmen wird, seinen Rücktritt als Vizepräsident der nationalzaranistischen Partei geben werde. Auch in dieser Hinsicht finden noch rege Verhandlungen statt. Inzwischen arbeitet das Telefon und Titulescu konferiert ununterbrochen mit Genf. Man behauptet, daß er namens der Regierung um einen

Aufschub für die Bestellung der Sachverständigen
ansuchen werde.
Wie man sieht, ist die Situation vielfach kompliziert und der Optimismus Vaidas, von dem eingangs die Rede war, erscheint in mehr als einer Hinsicht unbegründet.

(330928r1)


Vortrag Einsteins in London über Deutschland [S. 1, unten, Mitte]
Chamberlain hat sein Erscheinen zugesagt

London, 26. September (Tel. des „Tag“). „Daily Mail“ wendet sich in einem Leitartikel gegen die Ankündigung des Professors Einstein, in der nächsten Woche in der Albert Hall einen Vortrag über Deutschland zu halten. Insbesondere regt sich das Blatt auf, daß Chamberlain sein Erscheinen zu diesem Abend zugesagt habe.

(330928w1)


Konzentrationslager in Oesterreich [S. 1, oben, rechts]
Wien, 26. September (Tel. des „Tag“). Die amtliche „Wiener Zeitung“ veröffentlicht die von den Blättern bereits angekündigte Notverordnung über die Einrichtung von Verwahrungsorten für solche Personen, die die Sicherheit des Staates gefährden. Das Wort Konzentrationslager kommt in der Verordnung nicht vor. Die Wirksamkeit der Verordnung ist bis Oktober 1934 befristet.

Was nun?
Autoritäres Regime und Nazigefahr
(Von unserem Wiener Korrespondenten)


Die Umgestaltung des Kabinett Dollfuß, die eine weitere Hinwendung zur autoritären Staatsführung bedeutet, ist vom österreichischen Volke mit vollster Gelassenheit, fast könnte man sagen, mit einer an Gleichgültigkeit grenzenden Ruhe aufgenommen worden. Wie auch nicht? Der in Geschwätz, Intrigenspiel und Parteiegoismus versunkene Parlamentarismus hat sich so sehr in Grund und Boden hinein kompromittiert, daß kein Hahn mehr nach ihm kräht. Aber der Gedanke der Selbstbestimmung durch ein Repräsentantivsystem ist an sich gesund, ist unzerstörbar und ist nur wegen seiner Entartung aus dem politischen Bewußtsein der Massen geschwunden. Das Volk wird noch erfahren müssen, daß die im Parlamentarismus gegebenen Bürgschaften der staatsbürgerlichen Freiheitsrechte nicht so leicht zu entbehren sind. Auch bei weitester Selbstbeschränkung gerät ein von allen Hemmungen parlamentarischer Kontrolle befreites Regime leicht in den Fehler einer Ueberspannung des Machtgefühls, die den Staatsbürgern auf die Nerven gehen kann. Man darf Dr. Dollfuß das Zeugnis ausstellen, daß er im großen und ganzen, von wenigen kleineren Entgleisungen abgesehen, jeden Mißbrauch der fast schrankenlosen Machtfülle sorgsam vermieden hat, und es ist zu hoffen, daß er von dieser Linie nicht abweichen werde. Aber die Gefahr liegt nicht in der Person, sie liegt im System und - auch das sei bedacht! - in der verantwortungslosen Umgebung der verantwortlichen Staatslenker, die von eben dieser Umgebung gern zu einem blinden Drauflosregieren animiert werden.
Heute und morgen aber läßt sich das Volk von solchen grauen Bedenken nicht anfechten. Dieses kranke Land - krank sind ja mehr oder minder alle anderen auch - will und ersehnt nur eines: die Heilung, und nach welchem Rezept sie versucht wird, ist Nebensache, wenn sie nur gelingt. Die Sorgen sind groß, und ihrer sind viele. Die allernächste ist die ununterbrochene, in tausend Verwandlungen arbeitende Wühlarbeit der Hakenkreuzler, die es offenkundig darauf angelegt haben, das Land keinen Augenblick zur Ruhe gelangen zu lassen. Allmählich erkennt man, wie tief das Uebel eingefressen und wie weit es vorgeschritten ist. Auffallend ist vor allem die Vergiftung im Beamtenkörper. Jeden Tag liest man Berichte über Verhaftungen von Bundesangestellten, darunter auch solchen des Konzeptsdienstes. Es wäre sehr irrig, anzunehmen, daß es sich bei diesen Herren und Herrchen stets um einen gesinnungsmäßigen Uebergang ins nationalsozialistische Lager handle. Bei vielen ist es reinste Konjunktursache. So ein junger Adjunkt oder Kommissär sieht, wie im Reiche draußen hunderte und tausende alter erprobter Beamter davongejagt und durch blutjunge Leute ersetzt werden, die keine andere Qualifikation für sich haben, als die aktive Betätigung im Dienste der Partei. In amtlichen Kundmachungen wurde ja geradewegs und ohne schamhafte Verhüllung ausgesprochen, daß opfervolle Arbeit für die nationalsozialistische Partei den Anspruch auf eine Vorzugsbehandlung im öffentlichen Dienste verleiht, und die kaum dreißigjährigen Statthalter, Ministerialdirektoren, Amtspräsidenten usw., die der Gilde bewährter Parteikämpfer entnommen wurden, liefern hiefür die grellste Illustration. Ist es da zu verwundern, wenn auch in Oesterreich so manches junge Herrchen bemüht ist, beizeiten den erforderlichen Ausweis hakenkreuzlerischer Gesinnung und womöglich gar die Vorzugslegitimation als Märtyrer der Partei zu erwerben? Im ganzen Lande laufen ja die geheimen Agenten herum, die den Leuten zuflüstern, morgen, übermorgen, spätestens in drei Wochen oder Monaten „werde Oesterreich drankommen“. Dann das Heer der arbeits- und aussichtslosen Jugend!
Es wird darum eine der ersten und ernstesten Sorgen der Regierung sein müssen, die Jugend von der Straße wegzubringen und irgendeiner vernünftigen Beschäftigung zuzuführen, in der sie vor den raffinierten Verführungen gefeit ist.
Es ist der große Erfolg des Bundeskanzlers Dollfuß, daß das österreichische Problem zu einer internationalen Frage geworden ist, und bei aller verhängnisvollen Selbstüberschätzung müssen sich die deutschen Machthaber das überaus gefährliche Wagnis einer Politik des Handstreiches und der Herausforderung ganz Europas versagen. Was sie augenblicklich wollen und anstreben, ist nur eine „innere Gleichschaltung“ Oesterreichs, und ist einmal diese Angleichung vollzogen, dann, so meinen sie, kommt das übrige von selbst. In diesem Sinne fordern sie unausgesetzt Neuwahlen in Oesterreich, damit die Nationalsozialisten das „nach allen Regeln der Demokratie“ ihnen zukommende Recht ausüben können. Dieselben Nationalsozialisten, die bei sich zu Hause alle anderen Parteien, darunter solche mit Millionen von Wählern, mundtot gemacht, aufgelöst, beinahe physisch ausgerottet haben, fordern für ihre österreichischen Genossen die Ausübung der demokratischen Rechte! Es ist doch wirklich erstaunlich, welche schreienden Widersprüche, welche flagranten Herausforderungen der Logik sich eine Partei leisten darf, die im Besitze der Maschinengewehre und Kanonen ist! Schießprügel sind eben ein stärkeres Argument als die Vernunft...
A. R.


Seite 2

Polnische Palästinareisende passieren Czernowitz [S. 2, oben, links]
Dienstag abends haben 500 polnische Emigranten, die sich nach Palästina begaben, Czernowitz passiert. Den polnischen Bürgern, die sich in Palästina ihre neue Heimat aufbauen wollen, wurde ein Sonder-Pullmanwagen zur Verfügung gestellt. Auch 60 Ausflügler waren im Zuge.

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Bei den Juden von Buchara [S. 2, unten, links]
Von Artur Köstler

Eines Tages erschien in dem Hotelzimmer, das ich in Buchara bewohnte, ein Mitarbeiter der Zeitung Bajrok Michnat. Ich erfuhr, Bajrok Michnat heiße „Das Banner der Arbeit“, und zwar im tadschikischen Jargon. Daß Tadschikisch, die Sprache der Tadschikischen Räterepublik ist, und daß es eine solche gäbe, wußte ich bereits; aber daß es auch einen tadschikischen Jargon gibt, und daß dieser die Sprache der mittelasiatischen Juden ist, aus arabischen, persischen, türkischen, russischen und hebräischen Worten zusammengesetzt, und mit lateinischen Lettern geschrieben wird, und daß sogar mehrere Zeitungen in dieser Sprache erscheinen, zwei in Buchara und zwei in Samarkand - das war mir neu.

Durch den Mitarbeiter des Bajrok Michnat wurde ich mit der berühmten bucharischen Judengemeinde bekannt. Es gibt viele Legenden über dieses vom Schleier der Romantik umwobene Volk; eine dieser Legenden besagt, daß die bucharischen Juden die Hüter altjüdischer Traditionen seit dem Fall Jerusalems, und eine zweite, daß sie ein wildes, kriegerisches Volk sind. Ich habe mich bemüht, einige Tatsachen an Ort und Stelle über dieses sagenhafte Volk zu sammeln, was nicht ganz leicht war - insofern über die Geschichte der bucharischen Juden niemand weniger Bescheid weiß als sie selbst.

Wann sie nach Mittelasien eingewandert sind, läßt sich nicht feststellen. Die einen behaupten vor zweihundert, die andern sagen vor zweitausend Jahren. Woher sie kamen, weiß man auch nicht. Die einen behaupten, direkt aus Palästina über Mesopotamien und Persien, die anderen sagen über Spanien, Mitteleuropa, Kaukasus und Kaspisches Meer. Ihre rechtliche und soziale Lage unter den Mohammedanern war bis zur Revolution durch eine Reihe von Verboten und Sonderbestimmungen charakterisiert, die brutal waren und die Juden in ihrer Freiheit beschränkten.

Diese armen Juden von Buchara! Sie leben so vollständig abgeschlossen von der Welt, daß sie erst vor zirka 100 Jahren erfuhren, daß es auch anderswo Juden gibt. Bis dahin hatten sie geglaubt, sie seien die letzten Mohikaner vom Stamme Israels. Erst zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kam ein russischer Kaufmann nach Buchara, von dem sie erfuhren, daß „im Lande der Franken“ - so nannten sie die Welt westlich vom Amu-Darja - auch noch andere Juden lebten. Die Nachricht wirkte wie eine Botschaft vom Mars - die Aufregung muß groß gewesen sein. Und die Gemeinde versammelte sich im Gotteshaus, und verfaßte einen langen Brief in hebräischer Sprache, adressiert an: „Die Herren Juden in der Stadt Berditschew, im Lande der Franken“ - denn in jener Stadt, so hatte der Kaufmann berichtet, lebten jene. - Und nach Jahr und Tag kam tatsächlich eine Antwort, adressiert an „den Rabbi der Juden in der Stadt Buchara, bucharisches Emirat, Asien“. Und darinnen stand, gleichfalls in hebräischer Sprache: Jawohl, das Volk Israel lebt, und wir kennen die Sprache der Väter.

*
Selbstverständlich hatten auch die mittelasiatischen Juden ihren Jud-Süß, ihre Rothschilds und Bleichröder. Selbstverständlich galten für sie alle Verbote und Sonderbestimmungen nicht; die Kleinen kamen durch die Tyrannei des Emirs zu Schaden, den Großen kam die Korruption des Hofes zugute. Sie besaßen Bierbrauereien, Baumwollfabriken und Schafzuchtgüter; Jussup Dawidow zum Beispiel gehörte „halb Taschkent“, wie mit sanfter Uebertreibung berichtet wird; und eine „ganze Straße“ trägt noch heute seinen Namen.

Das ist aber auch alles, was von der jüdischen Finanzplutokratie übriggeblieben ist. Sie wurde ebenso erbarmungslos „liquidiert“ wie die altgläubigen Kulaken, die orthodoxe Aristokratie, die mohammedanischen Bays und die mennonitischen Großhändler. Die Dawidow, Jussupow, Poteljachow und die anderen mittelasiatischen Rothschilds sind nach der Revolution größtenteils emigriert, nach Europa, Palästina und ins benachbarte Afghanistan. Die bucharischen Juden aber haben in den letzten Jahren eine durchgreifende Aenderung ihrer sozialen Struktur erfahren. Sie wurden als nationale Minorität anerkannt. Da die Revolution den Privathandel und das Kleinhandwerk gleichfalls „liquidiert“ hat, haben sich die ehemaligen Handwerker in Produktivgenossenschaften zusammengeschlossen: die meisten Händler und Gewerbetreibenden aber sind zu Fabrikarbeitern geworden, oder in der Landwirtschaft angesiedelt worden. In den Kollektivwirtschaften des Rayons Misratschul zum Beispiel, vier Eisenbahnstunden von Taschkent entfernt, wo die Juden die Majorität der Bevölkerung ausmachen - der Rest besteht aus kasakischen und usbekischen Bauern - ist der tadschikisch-jüdische Jargon die offizielle Sprache der Rayons-Behörden.

Dieser seltsame Jargon, der früher mit arabischen Lettern geschrieben wurde, wird neuerdings mit lateinischen Lettern geschrieben. Durch die vereinfachte Schreibweise ist der Analphabetismus im rapiden Schwinden begriffen - 70 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen können bereits lesen und schreiben - eine Kunst, die früher ein Privileg der Gelehrten und Großkaufleute war. Es gibt jüdische Zeitungen und Zeitschriften, einen jüdischen Buchverlag und sogar ein jüdisches Staatstheater - in Buchara ...
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http://de.wikipedia.org/wiki/Bucharische_Juden

(330928w2)


Selbstmord durch Erhängen [S. 2, oben, rechts]
Die Liebestragödie eines verheirateten Eisenbahners

Montag abends ereignete sich in Czernowitz ein Selbstmord, der großes Aufsehen hervorgerufen hat. Der in der alten Bahnhofstraße 38 wohnhafte 33-jährige Eisenbahnbremser Marin Dinca, der erst vor einigen Wochen aus Beßarabien nach Czernowitz versetzt worden war, beging Selbstmord, indem er sich mit seinem Hosenriemen am Türstock seiner Wohnung erhängte.
Der Kellnerin Anna Siderenco, einer Wohnungsnachbarin des Selbstmörders, war es aufgefallen, daß die Wohnung Dincas, der abends stets dienstlich am Czernowitzer Hauptbahnhof weilte, beleuchtet war. Durch eine Türritze gewahrte sie den am Türstock hängenden Körper Dincas. Sie eilte auf die Straße, um von ihrer Entdeckung Mitteilung zu machen, und traf zufällig den Polizeiagenten Mlesnita, der die Wohnungstüre Dincas gewaltsam öffnete und die Leiche abschnitt. Er verständigte den Gerichtsarzt und die Staatsanwaltschaft und bald erschien die Untersuchungskommission am Tatort. Auf dem Tische Dincas wurde dessen Identitätsschein gefunden, auf welchen der Selbstmörder folgenden Satz geschrieben hatte: „Ich wünsche mit der Eisenbahnmusik zu Grabe getragen zu werden.“
Ueber die Ursachen, die Dinca zum Selbstmord führten, wurde auf Grund der Erhebungen folgendes bekannt: Dinca, der in Beßarabien Frau und Kinder hatte, knüpfte in Czernowitz Beziehungen zu einem Mädchen an, die nicht ohne Folgen blieben. Wie bekannt wird, mußte die Geliebte Dincas vor einigen Tagen in die Gebäranstalt gebracht werden, wo sich ihr Zustand ständig verschlimmerte. Dinca scheint sich dies nun so zu Herzen genommen zu haben, daß er beschloß, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Er war Montag in mehreren Schenken gesehen worden und scheint in bezechtem Zustand seinen Entschluß ausgeführt zu haben.

(330928t2)


Seite 3

Grabsteinlegung [S. 3, Mitte, rechts]
Donnerstag, den 28. September um halb 10 Uhr vormittags, findet am Friedhofe in Sadagura die Grabsteinlegung für Apotheker Josef Focsaneanu statt.

(330928t3)


II. billige Palästina-Reise [S. 3, oben, rechts]
Abfahrt von Czernowitz am 25. Oktober. - Mit dem Luxus-Dampfer „Polonia“

Diese II. billige Palästina-Reise bietet allen Teilnehmern eine Reihe einmaliger großer Vorzüge. Zunächst ist die Fahrt mit dem Luxus-Dampfer „Polonia“ an und für sich ein unvergeßliches Erlebnis, so prächtig und verschwenderisch komfortabel ist dieses Schiff eingerichtet. Dann sieht das grandiose Programm höchst interessante und sehenswerte Einzelheiten vor, wie sie bisher noch keine Gesellschaftsreise nach Palästina geboten hat. Der 14-tägige Aufenthalt im Lande wird die Reiseteilnehmer in jeder Weise ganz zufrieden stellen. Ueberdies ist auf der Rückfahrt ein ganztägiger Aufenthalt in Athen mit Besichtigung der Stadt und ebenso in Konstantinopel vorgesehen. Last non least wäre die besondere Billigkeit dieser Gesellschaftsreise zu unterstreichen.
Nähere Auskünfte bei der bukow. zion. Landesorganisation und Wagons Lits Cook, Herrengasse 1.

(330928c3)


100.000 Lei-Spende für den Neubau des jüdischen Spitals [S. 3, rechts, oben]
Wir erhalten folgende Mitteilung: Aus Anlaß der jüdischen Feiertage hat das Ehepaar Noe und Lotte Lehr eine hochherzige Spende für den Neubau des jüdischen Spitals geleistet. Sie haben dem Präsidium der jüdischen Gemeinde den Betrag von 100 000 Lei für diesen Zweck übermittelt. Es ist zu wünschen, daß dieses schöne Werk der Nächstenliebe Nachahmung finde, damit der Neubau, um den sich die Gemeinde so sehr bemüht, bald vollendet werde.
Es haben weiters für den Neubau des jüdischen Spitals gespendet: Herr Carl Moskaliuk, Steinmetzmeister: Lei 2144, Frau Karoline Schenkelbach: Lei 1000, Herr Ing. Bruno Schenkelbach Lei 968, Herr Advokat Dr. Paul Rieber Lei 1100, Herr Hermann Kern Lei 500, Herr Mendel Harnik Lei 300, Herr Dir. Hellenberg, Lei 200, Fa. Druckmann & Sand in Frumoasa: Lei 1000, Fa. Molidul durch Herrn Dr. Schauer in Molid: Lei 1000, Dir. Josef Schieber in Kimpolung: Lei 500, Hausbesitzer Schäffer in Kimpolung: Lei 500, Moritz Hermann, Lei 240, die Buchdruckereibesitzer Birnbaum und Wiegler, gratis Drucksorten, die Plakatierungsinstitute Fuhrmann und Riemer je 400 Lei (Plakatierungskosten).

(330928i3)


Seite 4

Dimitroff lehnt den Gerichtshof ab [S. 4, oben, links]
Einvernahme van der Lubbes über die Brandstiftungen

Leipzig, 26. September (Tel. des „Tag“). Der Präsident teilte zu Beginn mit, daß er die Untersuchungsrichter, die die Protokolle mit van der Lubbe aufnahmen, zur Verhandlung zugezogen habe; sie sollen kontrollieren, ob die Aussage van der Lubbes von heute mit dem Verhalten und seinen Depositionen im Untersuchungsverfahren übereinstimme. Falls Lubbe, erklärte der Präsident weiter, auf Anfragen schweigen sollte, werden die Untersuchungsrichter an seiner Stelle die Antworten geben, die er im Vorverfahren erteilt hat.
Dann werden

die vier Brandstiftungen van der Lubbes
erörtert: die Brandstiftung im Hause des Wohlfahrtsamtes in Neukölln, am Berliner Rathaus, im königlichen Schloß und zum Schluß im Reichstagsgebäude. Auf Einzelheiten wird noch nicht eingegangen.
Es wird nun dargestellt, wie Lubbe nacheinander angezündete Kohlenpakete in die Gebäude hineingeworfen hat. Vom ersten Attentat in Neu-Kölln fuhr er mit [der] U-Bahn auf den Alexanderplatz.

„Van der Lubbe simuliert“
Bei der heutigen Einvernahme zeigte sich van der Lubbe sehr apathisch. Der Vorsitzende Bünger befragte den Sachverständigen Dr. Schütz nach seiner Ansicht über das Verhalten van der Lubbes. Der Sachverständige vertrat den Standpunkt, daß van der Lubbe simuliere, um sich eine sichere Verteidigungsposition zu schaffen.

Fragen Dimitroffs
Schon während dieser Einvernahmen macht sich der Bulgare Dimitroff sehr bemerkbar. Dimitroff bittet um das Wort und erklärt: Die einzige mögliche Hypothese, die das Verhalten van der Lubbes erklären kann, ist, daß er im Sinne der Proletarier zu handeln glaubte; er sehe jedoch jetzt sein großes Verbrechen, das er beging, und versuche nunmehr, durch Schweigen Buße zu tun.

Der Vorsitzende läßt Dimitroff seine Ansichten entwickeln. Dieser wird aber immer schärfer. Der Vorsitzende lehnt weitere Fragen Dimitroffs ab. Dimitroff (bittend): Eine letzte Frage! Warum hat Lubbe das Verbrechen gegen die Arbeiterklassen begangen? Der Vorsitzende energisch: Diese Frage lehne ich ab. Dimitroff (sehr erregt): Ich protestiere. Vorsitzender: Ich lasse weitere Fragen nicht zu. Sie wollen hier nur kommunistische Propaganda treiben. Dimitroff:
Ich sehe in Ihnen nicht einen Richter, sondern ein Exekutivorgan des faszistischen Kapitalismus und protestiere dagegen. Ich will einen kommunistischen Richter, da der Präsident auch bei größter Objektivität sich in die kommunistische Weltanschauung nicht hineindenken kann.
Vorsitzender: Schweigen Sie endlich.
Dimitroff setzt sich.
Dann wird die Einvernahme van der Lubbes fortgesetzt. Wie in den ersten beiden Tagen sind seine Antworten: Ja oder Nein, zum größten Teil schweigt er. Er läßt den Kopf hängen und sinkt in sich zusammen.

Schwerer Konflikt zwischen Rußland und Deutschland
Sowjetregierung ergreift Gegenmaßnahmen gegen Verhaftung russischer Pressevertreter

Berlin, 26. September (Tel. des „Tag“). Der nationalsozialistische Pressedienst meldet: Im Zusammenhang mit dem Verbot der Anwesenheit der kommunistischen und sozialdemokratischen Pressevertreter am Leipziger Prozeß wurde auch den Berichterstattern der Sowjetunion verboten, an den Verhandlungen teilzunehmen. In Umgehung dieser Maßnahmen sind zwei russische Berichterstatter trotzdem nach Leipzig gekommen, wurden aber am 22. September festgenommen und nach einigen Stunden wieder in Freiheit gesetzt.

Alle deutschen Pressevertreter aus Rußland ausgewiesen
Die Sowjetregierung hat nun Gegenmaßnahmen ergriffen und den deutschen Pressevertretern in Moskau aufgetragen, sofort das Gebiet der Sowjetunion zu verlassen. Außerdem wurde den russischen Pressevertretern in Deutschland von der Regierung aufgetragen, binnen drei Tagen Deutschland zu verlassen.

Die Reichsregierung gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die getroffene Maßnahme von der Sowjetunion zurückgenommen werden wird, umsomehr als Deutschland Interesse habe, mit Rußland in guten Beziehungen zu leben.

Englische Sozialisten für die Angeklagten
London, 26. September (Tel. des „Tag“). „Manchester Guardian“ veröffentlicht zwei Schreiben von englischen Sozialdemokraten, in welchen die Intervention der Regierung für den Holländer van der Lubbe und die drei bulgarischen Angeklagten verlangt wird.

(330928w4)


„Wir wollen deutsche Künstler“ [S. 4, unten, rechts]
In der Uraufführung des Filmes „Das häßliche Mädchen“ ereigneten sich nach der Vorführung des Films folgende Vorfälle: Dolly Haas wurde begeistert begrüßt. Als sie Max Hansen bei ihrem Wiedererscheinen mit auf die Bühne brachte, ertönten von mehreren Seiten Pfiffe. Das Publikum beendete sofort die Beifallskundgebungen. Die Pfiffe dauerten an, der Vorhang blieb geschlossen, weil auf die Bühne mit faulen Eiern geworfen worden war. Dann hörte man vom Rang Rufe: „Wir wollen deutsche Filme, wir wollen deutsche Schauspieler. Wir brauchen keine jüdischen Schauspieler, wir haben genug deutsche. Schämt ihr euch nicht, deutsche Frauen, jüdischen Schauspielern zu applaudieren? Fort mit dem Juden Max Hansen, der noch vor einem halben Jahr im Kabarett ein Couplet von Hitler und dem kleinen Cohn gesungen hat.“ („Berliner Filmkurier“)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Hansen

(330928w4a)
Klaus Binder
 
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Nr. 455, Freitag, 29.09.33

Postby Klaus Binder on 29. September 2011, 00:03

Seite 2

Die Novelle des Tages
Ein Arier über „Arier“ [S. 2, oben, links]

Mister S. C. Bose, früherer Bürgermeister von Kalkutta, einer der tapfersten Vor-Kämpfer Indiens und Präsident des Allindischen Gewerkschaftskongresses, stammt aus der indischen Kriegerkaste (Gschatrya) [Kshatriya]. Er hatte die Liebenswürdigkeit, einige Fragen über das „Rassenproblem“, wie es im neuen Deutschland formuliert wird, zu beantworten.
„Kennt man den Begriff „Arier“ in Indien?“
„Ja. Wir glauben selbst, Nachkommen der Arier zu sein, heißt doch Indien mit seinem Sanskritnamen Aryawarta [Aryavarta], das ist: Land, in dem die Arier leben.“
„Würden Sie sich selbst als Arier bezeichnen?“
„Ja. Aber ich weiß nicht, ob in der mehr als tausendjährigen Geschichte meiner Familie eine fremde Blutzumischung stattgefunden hat. Alle Leute, die sich in Indien als Arier bezeichnen können, stammen von einem der bekannten Arierhäuptlinge, z. B. Gautama, Bisvamitra oder anderen Häuptlingen ab. Meine Familie stammt von dem genannten Gautama ab, der vor ein paar tausend Jahren gelebt hat.“
„Betrachten Sie jemanden, der nicht Arier ist, als Angehörigen einer minderwertigen Rasse?“
Mister Bose lächelt und sagt: „So dachten die Arier zur Zeit der Vedas und sie betrachteten damals die Nichtarier als Barbaren, Unzivilisierte usw. Diese Gefühle leben heute noch in manchen orthodoxen Kreisen, die ein Bad nehmen, wenn sie einem Europäer die Hand geschüttelt haben.“
„Welches sind die Rassenmerkmale der indischen Arier?“ „Diesen äußeren Merkmalen wird keine Bedeutung beigelegt, weil sie sich durch die klimatischen Verhältnisse im Laufe der Jahrhunderte ändern.“
„Erkennt ein indischer Arier einen deutschen Arier als arisch an?“
„Nein! Erstens weil die deutschen Arier die Vedas nicht anerkennen. Zweitens, weil in Europa so viele Blutmischungen vorgekommen sind, daß man von keinem sagen kann, woher er stammt. Wir würden deutsche „Arier“ unsere heiligen Gebäude nicht betreten lassen.“
„Sind Sie der Meinung, daß in Indien nur die Arier herrschen sollen?“
„Nein! Wenn wir auch zur Zeit der Vedas diese Meinung hatten, haben wir später aus der Philosophie, zum Beispiel dem Buddhismus und Vaishnavismus, Liebe zur Humanität gelernt und den Grundsatz, daß in allen Menschen der gleiche Gott lebt.“
„Könnten also in Indien Parsi und Juden vollberechtigte Staatsbürger sein?“
„Ja, solange sie sich zu Indien bekennen. Wir haben in der „Hohen Exekutive“ der Nationalpartei ein Mitglied, das Parsi ist.“
„Ist es möglich, daß der Allindische Kongreß jemanden seiner Rasse oder Religion wegen verfolgt?“
„Nein! Er beurteilt die Menschen nur nach ihren Diensten für die Allgemeinheit.“
„Ist es möglich, daß ein Mensch wegen seiner Rasse oder Religion vom Hochschulstudium ausgeschlossen wird?“
„Nein! Im Uebrigen bin ich davon überzeugt, daß es in Europa keine reinen Rassen gibt. Wir Indier haben durch Heiratsverbote in extremer Form durch ein paar tausend Jahre hindurch versucht, die Rassen, ja sogar Kasten rein zu erhalten. Ich bin aber durchaus nicht sicher, daß das gelungen ist. Wenn man überhaupt von arischer Rassenreinheit und Rasse reden kann, dann kann sich das nur auf Indien und überhaupt nicht auf Europa beziehen.“
„Halten Sie die Reinheit der Rasse für notwendig?“
„Nein! Im Gegenteil! Rassenmischung ist als Auffrischung gut, das haben gewisse Perioden der Geschichte gezeigt. Die ganze Rassentheorie, wie sie heute betrieben wird, ist unwissenschaftlich. Die Bewegung in unserem Lande geht dahin, die Kasten und Rassen zum Verschwinden zu bringen. In dieser Richtung haben wir viel erreicht. Die nationalsozialistische Rassentheorie halte ich für falsch. Der indische Arier strebt danach, Philosoph und Humanist zu sein und verachtet alles Niedrige und Brutale.“
Dr. F. B. - Wien

(330929w2)


Wie kann die Arbeitslosigkeit bekämpft werden? [S. 2. oben, Mitte]
Eine Enquete der Arbeitskammer

Gestern abends fand eine Enquete der Arbeitskammer statt, die dem Problem der Arbeitslosigkeit und den zu deren Verminderung gebotenen Maßnahmen gewidmet war.
Der Präsident der Arbeitskammer Dan wies auf die brennende Bedeutung dieses Problems hin und hob hervor, daß die von der Regierung angegebene Arbeitslosenstatistik nicht den Tatsachen entspreche. Durch eine Verkürzung der Arbeitsdauer könnte eine große Anzahl Arbeitsloser in die Betriebe eingestellt werden; ebenso muß darauf gesehen werden, daß Minderjährige nicht zur Arbeit herangezogen werden. Der Volksschulunterricht soll bis zum 15. Lebensjahr obligat sein. Ferner müssen alle ausländischen Arbeiter, die als Spezialisten in hiesigen Betrieben tätig sind, entlassen und durch einheimische Arbeitskräfte ersetzt werden. Die Behörden müssen eine Delegation zum Ministerium entsenden, um die Aufhebung der Kontingentierungsmaßnahmen zu fordern, da durch diese die Textilindustrie und damit auch das Schicksal einer Unzahl von Arbeitern gefährdet ist. Der Redner wies ferner auf die große Arbeitslosigkeit im Buchdruckergewerbe hin. Es muß Aufgabe der Gemeinde sein, die Arbeitskammer in der Sammlung der notwendigen Fonds zu unterstützen. Ferner muß ein Komitee ins Leben gerufen werden, das aus je einem Repräsentanten der Arbeitskammer, der Handelskammer, des Arbeitsinspektorats und der Gemeinde zusammengesetzt sein und dessen erste Aufgabe darin bestehen soll, die hilfsbedürftigen Arbeitslosen festzustellen und sie in Kategorien einzuordnen.
Bürgermeister Saveanu wies auf die Arbeitsscheu hin, die er in seiner Tätigkeit festzustellen Gelegenheit hatte. Die Arbeitskammer müsse daher mit großer Vorsicht darauf achten, eine Definition für die wirklichen Arbeitslosen zu finden. Auch müsse sie in Betracht ziehen, daß Saisonarbeiter nicht in die Arbeitslosenkategorie einbezogen werden. Der Bürgermeister vertrat in seinen weiteren Ausführungen den Standpunkt, daß Arbeitszuweisung, nicht jedoch Arbeitslosenunterstützung, die demoralisierend wirken müsse, zu üben sei. Die Schaffung eines Komitees müsse als überflüssig zurückgewiesen werden, da ein Komitee zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der Primaria besteht und nun, unterstützt durch die Initiative der Arbeitskammer, ihre Tätigkeit intensiver gestalten kann.
Der Arbeitskammerrat Caileanu lenkt die Aufmerksamkeit darauf, daß die menschliche Würde des Hilfsbedürftigen berücksichtigt werden müsse und es nicht angehe, qualifizierte Arbeiter mit Almosen zufriedenstellen zu wollen. Der Sekretär der Arbeitskammer Dr. Artur Oberländer betont, daß zwischen sozialer Wohltätigkeit und Arbeitsbeschaffung deutlich unterschieden werden müsse, und macht den Vorschlag, an alle Gemeinden Formulare zu versenden, die mit Anzahl, Namen, Berufsangabe, Angabe der Einnahmen etc. etc. aller dort wohnhaften Arbeitslosen an die Arbeitskammer zurückgesandt werden mögen, um auf diese Weise eine approximative Statistik der Arbeitslosenanzahl zu erhalten und eine individuelle Behandlung der Arbeitslosen zu ermöglichen. Der Vertreter der Regierung Dr. Ieleriu betonte die Wichtigkeit der Ausschaltung ausländischer Arbeiter aus den Betrieben und schlug die Schaffung von Arbeitslosenhilfsmarken und einen für diesen Zweck zu fordernden Zuschlag für Restaurant- und Kaffeehauskonsumationen und beim Kauf von Luxusartikeln vor. Ferner müsse den Arbeitslosen die Möglichkeit geboten werden, Lebensmitteleinkäufe mit Umgehung des Händlers direkt beim Produzenten billiger zu tätigen. Es sprachen ferner im Namen des Arbeitsinspektorats Dir. Sireteanu, Arbeitskammerrat Herr Tropper und die Direktorin der Zentralversicherungskasse Dr. Tatjana Grigorovici, die mit den Zentralbehörden polemisierte.

(330929c2)


Seite 3

Feste und Arbeit [S. 3, oben, rechts]
Pelesch-Feier und Kleine Entente-Konferenz

Zwei Könige defilieren
Bukarest, 26. September (Eigenbericht des „Tag“.) Sinaia widerhallt von rauschenden Festen, welche Montag ihren Anfang genommen haben und bis Mittwoch noch dauern werden. Zwei Könige verleihen den Feiern ihren Glanz, der Kronprinz, Prinz Nicolai, mehrere Erzherzöge, Minister, unzählige Gesandte und andere Würdenträger. Bei der großen Parade defilierten König Carol und König Alexander, begleitet von ihren Ministerpräsidenten auf dem Wege zum berühmten Kloster an der Spitze ihrer Ehrenregimenter bis zur Tribüne, wo sie Halt machten und von wo aus sie dann die Defilierung der Truppen abnahmen. Dann wurde die marmorne Gedenktafel enthüllt, welche Verse Octavian Goga’s über die Fünfzigjahrfeier enthält, welche vom Dichter persönlich vorgetragen wurden. Hierauf verlas der Hofmarschall General Ilasievici eine Urkunde, durch die König Carol eine Erinnerungsmedaille „Pelesch“ mit dem Bildnis der drei ersten Herrscher Rumäniens stiftete. Um 1 Uhr fand dann in Schloß Pelesch ein Galaessen statt, an dem außer den Mitgliedern der königlichen Familie und dem jugoslawischen Herrscherpaar Prinz Friedrich von Hohenzollern, die Prinzessin von Wied, die Mitglieder der Regierung, darunter Minister Sauciuc-Saveanu, die Außenminister Benesch und Iestisch, I. G. Duca, O. Goga, Dr. Nistor und zahlreiche andere Politiker, Generäle, die Vertreter der hohen Geistlichkeit, darunter auch Bischof Dr. Viktor Glondys, Hofbeamte usw. teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit hielten der Ministerpräsident und der König die (vom „Tag“ wiedergegebenen) Reden. Um 5 Uhr nachmittags fand dann im Schloß Pelesch das Konzert Enescu statt, bei dem auch Papazoglu mitwirkte. Der Abend wurde durch ein feenhaftes Feuerwerk vor dem Schloß Pelesch und einen Fackelzug durch die Straßen der Stadt abgeschlossen. Im Mittelpunkt der Festlichkeiten des nächsten Tages stand die feierliche Enthüllung der Denkmäler König Carols des Ersten, und der Königin Elisabeth, bei welcher Gelegenheit der König wieder eine Ansprache hielt. Den Abschluß der Feierlichkeiten bildete ein Festessen im Freien auf der königlichen Alm bei Sinaia unter Teilnahme von ca. 600 Gästen.

Die Aufrüstung Deutschlands erregt Besorgnisse
Aber Sinaia ist nicht nur der Sitz rauschender Festlichkeiten, sondern zugleich auch emsiger Arbeit. Gleichzeitig mit der Feier im Schloß Pelesch findet nämlich auch die Konferenz der Kleinen Entente statt, der unter den gegenwärtigen Verhältnissen entscheidende Bedeutung für die europäische Politik überhaupt zukommt. So beurteilt auch die Weltpresse die Konferenz und der Pariser „Le Temps“ kommentiert in diesem Sinne die Ereignisse von Sinaia als unter der Wirkung der Wirrnisse der Abrüstungskonferenz stehend, der Ereignisse in Oesterreich und besonders der Haltung Ungarns in der Frage einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Staaten im Donaubecken. „Le Temps“ hebt hervor, daß die Aufrüstung Deutschlands auch bei der Konferenz der Kleinen Entente-Staaten große Besorgnisse auslöse und daß eine einmütige Stellungnahme geboten ist.

Ein Interview des Königs Carol
Die genannte französische Zeitung veröffentlicht in diesem Zusammenhang ein Interview, das König Carol ihrem Sonderberichterstatter in Sinaia Pierre Lyautey gegeben hat. König Carol hebt in diesem hervor, daß nach seiner Auffassung die wirtschaftlichen Fragen vor den politischen den Vorrang haben und sagt bezüglich der Frage der großen Herrscher der Epoche wörtlich folgendes:

„Ich glaube nicht so sehr an den Glanz unmittelbarer Erfolge. All dies ist zu rapid. Wenn der Wind wechselt, muß alles geändert werden. Ich glaube mehr an eine langsame und kontinuierliche Aktion.“

Eine Mission Benesch’ in Rom
Die Pariser Zeitungen besprechen auch den Besuch, den Benesch für die nächste Zeit in Rom angekündigt hat. Indem dieser mit den Beratungen von Sinaia in Verbindung gebracht wird, wird der Vermutung Ausdruck gegeben, der tschechoslowakische Außenminister habe von seinen Ministerkollegen der Kleinen Entente die Mission erhalten, mit Mussolini die Fragen zu erörtern, welche Rumänien, Jugoslawien und die Tschechoslowakei interessieren.

Solidarität mit Polen
Besonders hervorgehoben wird, daß der Gesandte Polens in Bukarest, Herr Aruzischewski, eine längere Beratung mit den drei Außenministern der Kleinen Entente hatte. Diesem Umstand wird erhöhte Bedeutung beigemessen, zumal nach dem kürzlichen Besuch des polnischen Außenministers Beck in Paris, bei welcher Gelegenheit die Grundlagen einer engen Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Polen in der gegenwärtig in Genf zur Diskussion stehenden Frage der Abrüstung gelegt wurden. Es heißt, daß in dieser Hinsicht Frankreich und die Kleine Entente zusammengehen werden und daß auch die Rußlandpolitik dieser Mächtegruppe einvernehmlich bestimmt werden soll.

Gegen Revision der Verträge, aber für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Ungarn
Ueber die Montag stattgefundene Sitzung des Rates der Kleinen Entente wurde der Presse ein lakonisches Kommuniqué gegeben, das aber die Gegenstände der Beratung nicht anführt. Nach privaten Informationen aus diplomatischer Quelle wurden außer politischen Fragen auch wirtschaftliche erörtert, besonders die Haltung Ungarns gegenüber den ökonomischen Projekten der Kleinen Entente und dabei wurde dem Wunsche Ausdruck verliehen, eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Ungarn anzubahnen. Nochmals wurde die Solidarität der Mitgliederstaaten der Kleinen Entente festgestellt und hervorgehoben, daß eine Revision der Verträge nicht möglich sei.

Warum Iorga an der Feier nicht teilnahm
Bukarest, 27. September (Tel. des „Tag“). Es ist bekannt, daß Professor Iorga an den Feierlichkeiten in Pelesch nicht teilgenommen hat. Der Adjutant des Königs, Oberst Condeescu, sprach Montag von Sinaia aus mit Professor Iorga telefonisch und ersuchte ihn, wenigstens am zweiten Tage den Feierlichkeiten beizuwohnen. Iorga antwortete wörtlich:

„Sagen Sie seiner Majestät, daß Nicolae Iorga nicht mit denjenigen Menschen an einem Tische sitzen kann, die im Jahre 1926 König Carol seiner natürlichen Rechte beraubt haben.“

(330929r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 456, Samstag, 30.09.33

Postby Klaus Binder on 30. September 2011, 00:32

Seite 1

In Genf: [S. 1, oben, rechts]
Ein anderer Goebbels

Genf, 28. September (Tel. des „Tag"). Zwischen Goebbels und Motta, dem Präsidenten der Schweizer Republik, hat heute eine längere Aussprache stattgefunden. Motta berichtete von einer Interpellation zweier Nationalräte über die Grenzzwischenfälle, die der Schweizer Oeffentlichkeit große Besorgnis einflößt. Goebbels erwiderte darauf: Die deutsche Regierung hat eine strenge Untersuchung über die bisherigen Fälle eingeleitet. Uebrigens sind Bestrafungen bereits erfolgt. Die deutsche Regierung hat auch das lebhafte Bedauern ausgesprochen und erklärt, daß diese Zwischenfälle eine schwere Verletzung der deutschen Disziplin bedeuten und gegen die Anschauungen der Nationalsozialisten verstoßen.
Dann besprach Goebbels mit dem Schweizer Präsidenten das Presseproblem. Der deutsche Minister erklärte, die deutsche Regierung sei bereit, die Kritik der Schweizer, übrigens auch der übrigen ausländischen Presse anzunehmen, nur dürfe sie nicht von vorneherein feindselig gegen Hitler eingestellt sein. Die Schweizer Presse werde keineswegs mehr behindert werden, wenn sie die Grenze der Objektivität einhalte. Die Meldungen, daß die Hitler-Regierung die deutsche Schweiz annektieren wolle – das wäre (Goebbels lächelte) doch nur Abenteuerpolitik.

Goebbels gibt Uebergriffe gegen die Juden zu
Genf, 28. September (Tel. des „Tag"). Reichspropagandaminister Dr. Goebbels empfing heute die Presse, der gegenüber er die Friedensliebe Deutschlands beteuerte.
Weiters sagte Goebbels: Alle Nachrichten, daß die Nationalsozialisten durch Gewalt und Terror gegen ihre politischen Gegner zur Macht gekommen sind, entsprechen nicht den Tatsachen. Die Nationalsozialisten wurden „legal“ zur Macht berufen.

Zur Judenfrage gibt Goebbels vereinzelte Uebergriffe gegen die Juden zu, betont aber, daß die Reichsregierung die Lösung dieser Frage auf gesetzlichem Wege als die humanste und loyalste Methode ansieht.
Der Rückgang der Arbeitslosigkeit im Monat August um 80.000 ist als ein Fortschritt in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit anzusehen, umsomehr als die Vereinigten Staaten im Monat August noch immer 11 Millionen Arbeitslose hatten.

Zur Judenfrage sagte weiter Goebbels: im Auslande wird behauptet, daß die gegen die Juden ergriffenen Maßnahmen den Gesetzen der Humanität widersprechen. Wenn ich auch zugebe, daß Uebergriffe von unkontrollierbaren Elementen vorgekommen sind, so ist das nicht ausschlaggebend. Während andere Weltereignisse viel stärkere Erschütterungen nach sich ziehen, ist unsere Revolution ein Akt der Ordnung und der Disziplin unter autoritativer Führung gewesen.
Die Nationalsozialisten haben sich gegen eine jüdische Vorherrschaft noch vor ihrer Machtergreifung ausgesprochen. Das geistige Leben wurde von den Juden beherrscht, die Presse und die Literatur wurde von ihnen beeinflußt. In größeren Städten, wie z. B. in Berlin, waren Aerzte und Juristenberufe zu 75 Prozent von Juden gestellt. Das Parlament und die Presse stand unter ihrer Obhut. Und nun frage man sich, welches andere Volk hätte dieses Ueberhandnehmen des jüdischen Einflusses widerspruchslos erduldet?
Unverständlich scheint uns aber, einerseits gegen diese Maßnahmen zu protestieren, andererseits den jüdischen Ueberschuß aus Deutschland im Ausland nicht aufnehmen zu wollen.

(330930w1)


Seite 2

Reifer ohne Ende [S. 2, oben, links]
Die Glücklichmacher und Besserwisser sterben nicht aus, insbesondere jene nicht, welche glauben, daß das Ohr der Welt verschlossen wird, wenn ein Gescheiter von hier mit Pathos verkündet: Nunmehr ist der Fall Reifer erledigt. Leider ist er nicht erledigt.

Hier wieder ein Beweis: Am Mittwoch abends hat der Südwest-Rundfunk (Frankfurt-Trier-Kassel) in der Presseschau die Affäre Reifer behandelt und unter anderem erklärt (in kurzem Auszuge):

Wie begründet die deutschen Maßnahmen sind, geht aus einem Sensationsartikel hervor, der vor kurzem in der "Czernowitzer Allgemeinen Zeitung" von dem bekannten Czernowitzer Abgeordneten Dr. Manfred Reifer veröffentlicht worden ist. Es ist erfreulich, daß ein jüdischer Führer soviel Mut aufgebracht hat, seinen Rassegenossen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. In dem Artikel wird ausführlich dargelegt, daß die jüdische Rasse ihre Vorherrschaft in die Gassen Germaniens getragen hat. Soviel Wahrheiten hat wirklich der jüdischen Rasse wohl noch niemals ein Rassengenosse gesagt.

Der Wunsch des Herrn Doktor Ebner, daß die Sache Reifer endlich einmal ein Ende nimmt, geht also nicht in Erfüllung. Da nützen weder die Jeremiaden jener, welche es beklagen, daß man hinter den Fall Reifer nicht einen Schlußpunkt setzt, das sind die Freunderl und engsten Parteimänner, noch können die zu jeder Zeit auf den Plan tretenden Beschwichtigungsmeier sich Gehör verschaffen, weil diese nie einen richtigen Blick haben; hier kann nur das dauernd angewendete offene Wort nützen. Uebrigens reißt der Fall Reifer wie eine Sturmflut alles weg, was sich ihm als Hindernis in den Weg stellt. Der Fall Reifer kann nur auf natürliche Art liquidiert werden, das heißt, daß die berufenen Stellen sich von Reifer und seinem Artikel, aber auch von den Reifers in Zukunft endgültig lossagen.
Spitz

(330930c2)


Todesfälle [S. 2, Mitte, unten, rechts]
Am Dienstag, den 25. September, ist hier Frau Lotti Ebner, geb. Blum, die Gattin des Kaufmannes Emanuel Ebner, nach kurzem Leiden verschieden. Das Leichenbegängnis hat gestern unter großer Beteiligung stattgefunden. Mittwoch fand unter großer Beteiligung das Leichenbegängnis der Apothekersfrau Pavlowski statt, die im Alter von über 70 Jahren gestorben war. Ihr Hingang hat in allen Kreisen ihrer Bekannten Trauer ausgelöst.

(330930t2)


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Spenden für den Neubau des jüdischen Spitals [S. 3, Mitte]
Die Herren Nathan Meller und Dr. Max Meller haben anläßlich des Ablebens des Herrn Mechel Meller den Betrag von 5000 Lei, Herr Großgrundbesitzer Karl Bilgrey den Betrag von 2000 Lei und 1 Waggon Brennholz für das jüdische Spital, Herr Leon Wiener den Betrag von 200 Lei für den Neubau des jüdischen Spitals gespendet.

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Polnische Schiffahrtslinie Konstantza - Jaffa [S. 3, unten, Mitte]
Aus Konstantza wird gemeldet: Donnerstag fand die Einweihung der neuen polnischen Schiffahrtslinie Konstantza - Jaffa statt. An den Feierlichkeiten nahmen der polnische Gesandte in Bukarest Artschizewski und der Direktor des polnischen Schiffahrtsdienstes teil. Die neu errichtete Schiffahrtslinie hat eine besondere wirtschaftliche Bedeutung für die rumänische und polnische Zusammenarbeit und wird besonders zur Hebung der Handelsbeziehungen Polens nach Palästina beitragen.

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Klaus Binder
 
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