Achtung! Forenworld wird in Kürze eingestellt.
Forenworld wird mit Ende 2018 eingestellt und alle gehosteten Foren abgeschaltet. Bitte triff Vorkehrungen und übersiedle dein Forum zu einem anderen Provider.
Weitere Infos im Supportforum: support.forenworld.at


06_1933 (Nr. 362 bis Nr. 385)


Nr. 362, Donnerstag, 01.06.33

Postby Klaus Binder on 9. June 2011, 11:15

Seite 1

Kleine Entente zufrieden mit den neuen internationalen Abmachungen [S. 1, oben, links]
Viermächtepakt / Revision / Abrüstung

Prag, 30. Mai (Tel. des „Tag“.) Heute wurde die Konferenz der Kleinen Entente eröffnet.
Nach der ersten Sitzung wurde folgendes offizielle Kommunique ausgegeben:
Der permanente Rat der Kleinen Entente-Staaten, der im Außenministerium unter dem Vorsitz Benesch zusammengetreten ist, tauschte vorerst die Ratifikationsurkunden über das am 16. Februar in Genf zustandegekommene Uebereinkommen betreffend die Reorganisation der Staaten der Kleinen Entente aus. Es wurden hernach die politischen Probleme in Diskussion gezogen und festgestellt, daß der Viermächtepakt umredigiert wurde und der neue Text im wesentlichen dem Memorandum Frankreichs entspreche. Demnach wurde den Forderungen der Staaten der Kleinen Entente entsprochen. Nachdem Sicherheit für eine Unantastbarkeit der Grenzen und für die Beibehaltung der Satzungen des Völkerbundes vorliegen, glauben die Staaten der Kleinen Entente, daß eine Einigung in der Frage des Viermächtepaktes erzielt werden wird und damit ein Fortschritt in den Beziehungen der Zentraleuropäischen Staaten erreicht ist.
Die Staaten der Kleinen Entente prüften hernach die Frage der Revision der Friedensverträge und stellten in vollkommener Uebereinstimmung fest, daß eine Revision der Grenzen ein Hindernis für die weitere ruhige Entwicklung der politischen Situation Europas bilden müßte. Demnach müsse man sich gegen den Versuch einer Grenzrevision aussprechen.
In der Frage der Abrüstung stimme die Kleine Entente dem englischen Vorschlag betreffend die Reduzierung der Rüstungen zu und spreche sich für eine etappenweise Gleichberechtigung für alle Nationen aus. Zum Schluß stellt die Kleine Entente fest, daß Roosevelt viel zur Entspannung der Situation auf der Abrüstungskonferenz beigetragen habe.

(330601w1)


Der Student muß studieren [S. 1, oben, rechts]
und darf nicht den Professoren Lektionen über Patriotismus erteilen
Interview mit dem Unterstaatssekretär Petre Andrei


Der Unterstaatssekretär im Unterrichtsministerium Petre Andrei äußerte sich einem Redakteur des „Tag“ gegenüber auf einige an ihn gestellte Fragen wie folgt:
Was die Unruhen an der Czernowitzer Universität betrifft, so ist die Regierung über alle Vorgänge genau informiert. Die Universität ist aber autonom, und der Rektor und die Dekane müssen selbst alle Maßnahmen ergreifen, um die Ruhe aufrecht zu erhalten. Die Regierung wird unter keinen Umständen Unruhen zulassen. Die Studenten müssen studieren und dürfen nicht ihren Professoren Kollegien über Patriotismus erteilen. Das gilt für alle Staaten und für alle Studenten ohne Unterschied der Konfession.

Kein numerus clausus
- Sie sind gewiß informiert, daß die Studenten die Einführung des numerus clausus verlangen?

Der Unterstaatssekretär:
In den rumänischen Gesetzen gibt es keine Bestimmung, die die Einführung des numerus clausus zuläßt. Ich glaube, daß auch der Universitätssenat in Czernowitz diese Bestimmung nicht kennt.
Auf die Frage, ob die Universität weiter geschlossen bleibt, erklärte der Unterstaatssekretär: Der Universitätssenat hat das Recht, aus eigenem Antriebe auf Grund des Regulamentes die Universität für die Zeit von 15 Tagen zu schließen. Ueber dieses Datum muß die Einwilligung des Unterrichtsministeriums eingeholt werden.
Wenn es notwendig sein wird, die Studenten also bei ihrem bisherigen Verhalten bleiben werden, dann bleibt die Universität auch bis zum Herbst geschlossen und die Prüfungen können nicht abgehalten werden. Es liegt demnach im eigenen Interesse der Studenten, die Prüfungen am 1. Juni abhalten zu lassen, da sie sonst zwei Prüfungstermine verlieren.
Ich betone noch einmal: Die Regierung wird Unruhen an der Universität nicht dulden und ist fest entschlossen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln einen Besuch der Universitätskurse allen Studenten sicherzustellen.
Ueber jene für die Herbstsession vorzubereitenden Gesetze, die in die Kompetenz des Unterrichtsministeriums fallen, erklärte Unterstaatssekretär Andrei, daß die zwei wichtigsten Gesetze, das neue Volksschulgesetz und das Gesetz über die Reorganisation des Unterrichtsministeriums, sich in Vorbereitung befinden. Das neue Volksschulgesetz, welches in der abgelaufenen Parlamentssession nur zum Teile ausarbeitet wurde, soll vervollständigt und definitiv redigiert werden.
Der Unterstaatssekretär äußerte sich weiters lobend über die von Universitätsprofessor Badarau gehaltenen wissenschaftlichen Vorträge.

(330601r1)


Seite 2

Drei Unterstaatssekretäre in Czernowitz [S. 2, oben, Mitte]
Gestern, Dienstag, weilten in Czernowitz die Unterstaatssekretäre Armand, Calinescu vom Innenministerium, Universitätsprofessor Petre Andrei vom Unterrichtsministerium und Mihai Ghelmegeanu vom Ackerbauministerium, um die ihren Ressorts unterstellten Behörden einer Inspektion zu unterziehen. Die Regierungsvertreter, deren Besuch erst im letzten Moment angekündigt worden war, trafen um 7 Uhr früh aus Piatra Neamtz, wo sie gleichfalls zu Inspektionszwecken verweilt hatten, am Czernowitzer Hauptbahnhof ein, wo sich Bezirkspräfekt Jacoban, der Generalsekretär Socoleanu, Polizeiquästor Ghinea und andere führende Persönlichkeiten zum Empfange eingefunden hatten.
Die Gäste begaben sich ins Hotel „Palace“ und von hier in die Bezirkspräfektur, wo eine Konferenz stattfand, an der die drei Gäste, Administrativinspektor Crudu und die leitenden Organe der Czernowitzer Präfektur teilnahmen. Um 11 Uhr vormittags weilte Unterstaatssekretär Calinescu beim Minister für die Bukowina, Dr. Sauciuc-Saveanu, zu einer längeren Besprechung und empfing hierauf den Generalinspektor Crudu, mit dem er gleichfalls eine längere Diskussion pflog. Um 3/4 12 Uhr erklärte der Unterstaatssekretär in einer Besprechung mit dem Herrn Präfekt Jacoban, dem Oberpräsidenten des Revisionsgerichts Stefanescu, den Sektionspräsidenten Chiselitza und Hudescu, den Räten Cercavschi, Cortusan, Popovici und Stoica, dem Primreferenten Dr. Lupu und den Referenten Cilievici und Popescu die Grundzüge des neuen Administrativgesetzes.
Unterstaatssekretär Ghelmegeanu inspizierte die Czernowitzer Ackerbaukammer.
Unterstaatssekretär Andrei inspizierte nach einer Konferenz mit dem Chefschulinspektor Sauciuc die Mittelschulen und hatte dann in der Universität eine längere Konferenz mit dem Rektor der Universität Isopescul-Grecul und dem Universitätssenat. Es kam vor allem der Konflikt der Studentenschaft zur Sprache. Der Unterstaatssekretär gab Richtlinien für die weiteren Maßnahmen.
Unterstaatssekretär Andrei besichtigte die einzelnen Aemter des Schulinspektorats, das Aron-Pumnul-Gymnasium, das orthodoxe Mädchen-Lyzeum, das Lyzeum in Cosmin und die Volksschule in Alt-Mamaesti. Der Unterstaatssekretär in [ist] von den gemachten Feststellungen überaus zufrieden.
Unterstaatssekretär Calinescu weilte längere Zeit in der Polizeiquästur und im Generalinspektorat der Polizei. Nachdem er diese Ämter inspiziert hatte, hielt er mit Generalinspektor Zahiu und Polizeiquästor Ghinea eine Konferenz ab, bei welcher gleichfalls in erster Linie die Universitätsfrage zur Erörterung gelangte.
Nach dem Mittagsmahl, das gemeinsam im Hotel Palace eingenommen wurde, begaben sich die Gäste in Begleitung des Bezirkspräfekten Jacoban und des Generalsekretärs Socoleanu nach Kotzman, wo eine Besichtigung des Bezirksspitals und der Ackerbauschule stattfand. Von Kotzman aus statteten die Gäste der Modellfarm der Czernowitzer Ackerbaukammer bei Crisceatec einen Besuch ab.
Am Abend fand im Palace Hotel ein zu Ehren der Gäste gegebenes Bankett statt. Um halb 11 Uhr sind die drei Unterstaatssekretäre von hier nach Jassy zur Inspektion abgereist.

(330601c2)


Der Zionist Löbel Taubes gestorben [S. 2, unten, rechts]
In Wien ist der Zionist Löbel Taubes, der viele Jahre in Czernowitz gewirkt hatte, kurz nach Vollendung des 70. Lebensjahres gestorben.

(330601t2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 363, Freitag, 02.06.33

Postby Klaus Binder on 9. June 2011, 11:30

Seite 1

Schreckliche Familientragödie [S. 1, oben, links]
Die Frau erhängt sich, der Gatte versucht Selbstmord

In den ersten Nachmittagsstunden des Mittwoch ereignete sich in unserer Stadt eine Familientragödie, die das größte Aufsehen in allen Kreisen der Bevölkerung ausgelöst hat, umsomehr, als im Mittelpunkt des Familiendramas ein junges, in der Stadt gut bekanntes Ehepaar steht.
Um halb 8 Uhr nachmittags wurden die Behörden verständigt, daß auf Piatza Ghica Voda (Austriaplatz) Nr. 7 die 28-jährige Frau Paula Nagler sich erhängt hat. Es erschienen sofort der Erste Staatsanwalt Panu und die Polizeikommissäre Teodorescu und Paraschivescu, um den Tatbestand aufzunehmen.
Nach Abfassung des Proces Verbal wurde die Leiche zur Bestattung freigegeben.

Wie trug sich die Tragödie zu?
Wir erfahren hiezu:

Paula Nagler, geborene Grauer, die Tochter einer sehr achtbaren Familie, steht im Alter von 28 Jahren. Sie heiratete vor ungefähr sechs Jahren den Eisenbahnbeamten Lorenz Nagler. Die ersten Jahre nach der Hochzeit verliefen in voller Harmonie. Es war eine Liebesheirat.
Obwohl Lorenz Nagler drei Jahre nach der Heirat stellungslos wurde und teils von seinen Eltern, teils von seinen Schwiegereltern unterstützt wurde, gab es trotzdem im Hause des jungen Ehepaares keine Zwistigkeiten. Die ersten Differenzen sollen erst entstanden sein, als der Vater Naglers im vergangenen Jahre starb. Erst von diesem Zeitpunkt an ist eine Trübung im Eheleben eingetreten. Es wird erzählt, daß zwischen der jungen Frau Nagler und ihrer Schwiegermutter nicht das beste Einvernehmen waltete.
Die Selbstmörderin wird als eine überaus gute und verträgliche Person geschildert. Auch ihr Mann sollte nie Anlaß zu Unstimmigkeiten gegeben haben, wenn …

Erhängt!
Dienstag abends soll es zwischen den Ehegatten zu einem ernsten Streit gekommen sein. Die näheren Ursachen sind nicht bekannt, jedoch hat der Streit große Dimensionen angenommen.
Es ist weder in der Familie, noch in der Nachbarschaft eine deprimierte Stimmung bei der verstorbenen Frau Nagler beobachtet worden. Niemand hätte ahnen können, welche Pläne die so junge Frau in sich trug.
Mittwoch vormittags bereitete sie noch wie gewöhnlich das Mittagsmahl für ihren Mann, ebenso für ihre Schwiegermutter, die auch bei ihr zu speisen pflegte.
Knapp vor dem Eintreffen des Mannes, es war gegen 2 Uhr, ging Paula Nagler in ihr Zimmer. Als sie dort länger weilte, fiel ihr Ausbleiben den Eltern der Frau auf, und ihr Vater, der 60 jährige Mayer Grauer, wollte das Zimmer betreten. Die Tür war aber gesperrt. Er klopfte nochmals an. Als ihm keine Antwort zuteil wurde, schöpfte er Verdacht und erbrach gewaltsam die Tür. Im Zimmer bot sich ihm ein schrecklicher Anblick dar. Seine Tochter hatte sich an der Klinke des Fensters erhängt. Herr Grauer hatte noch die Geistesgegenwart und schnitt die Selbstmörderin vom Strick ab. Es war aber vergebens. Obwohl Paula Nagler noch Lebenszeichen von sich gab und die sofort herbeigeholten fünf Aerzte, unter ihnen Dr. Sternlieb, Dr. Sternberg und Dr. Schwarz, sich die größte Mühe gaben, gelang es nicht, die Frau am Leben zu erhalten. Um 3 Uhr ist der Tod eingetreten.

Der Mann kommt an
Als wie üblich, Lorenz Nagler mit seiner Mutter zu Mittag kam, erfuhr er von der Tragödie. Er trat ins Zimmer und hörte noch seine Frau röcheln.
Die Mutter der Paula Nagler sagte zu ihrem Schwiegersohn: Hinaus Mörder! Er antwortete: Ja, ich bin der Mörder. Er begab sich mit seiner Mutter nach Hause in die str. Loc. Breaban (Schnirchgasse) Nr. 5.
Inzwischen hatte sich eine große Menschenmenge vor dem Hause der Selbstmörderin versammelt. Es spielten sich im Hause schreckliche Szenen ab.

(330602t1)


Selbstmordversuch Lorenz Naglers [S. 1, Mitte]
Ein Unglück kommt selten allein. Zu diesem Unglück gesellt sich ein zweites, welches die Größe der Tragödie erhöht.

Gegen halb 6 Uhr wurde die Rettungsgesellschaft verständigt, daß sich im Hause Loc. Breaban Nr. 5 ein Selbstmordversuch ereignet hat. Sofort war die Rettungsgesellschaft zur Stelle und stellte fest, daß der junge Lorenz Nager, der im Alter von 29 Jahren steht, als Folge des Selbstmordes seiner Frau Selbstmord versuchte, indem er sich vom zweiten Stock des Hauses, in welchem seine Mutter wohnte, in die Tiefe stürzte und schwer verletzt lieben blieb.

Der Arzt der Rettungsgesellschaft Dr. Sandberg leistete dem Schwerverletzten erste Hilfe. Der Arzt stellte einen komplizierten Unterschenkelbruch und leichte Verletzungen am Schulterblatt fest.
Lorenz Nagler wurde ins jüdische Spital gebracht. Die Chirurgen Dr. Flohr und Dr. Rat nahmen eine Röntgenuntersuchung vor, es konnte aber noch nicht festgestellt werden, ob ein operativer Eingriff notwendig sei. Am Krankenbett des Verletzten befindet sich seine Mutter. Sein Zustand ist nicht ernst.
Polizeikommissär Benescu ist im jüdischen Spital erschienen, um ein Protokoll aufzunehmen. Der junge Nagler gab an, daß seine Frau infolge Familienzwistigkeiten Selbstmord verübt hat, wegen dieses Unglücks habe auch er seinem Leben ein Ende machen wollen.

(330602t1)


Seite 2

Unruhiger Abend [S. 2, Mitte]
Gestern (Mittwoch) abends um halb 11 Uhr ereignete sich im Stadtzentrum wieder einer der bedauerlichen Zwischenfälle, wie sie in letzter Zeit so oft vorkommen. Mehrere Individuen überfielen in der Strada Ion Gramada (Rothkirchgasse) den 63-jährigen Kaufmann Uscher Perlmutter, wohnhaft Strada Eminescu (Stefaniegasse) Nr. 11, und dessen in Lipcani wohnhaften Sohn Isak Perlmutter. Sie mißhandelten die beiden Personen, die sich auf dem Heimwege befanden. Uscher Perlmutter wurde zu Boden geworfen, unter verhöhnenden antisemitischen Schmähreden mit den Füßen getreten und mit Stößen bedacht. Während die mißhandelten Personen auf das erste Polizeikommissariat gebracht wurden, kam es an der Ecke Piatza Unirii - Strada Brancoveanu (Liliengasse) zu weiteren Vorfällen. Die Täter stürzten sich auf mehrere Personen, die vom Hilfegeschrei der Mißhandelten herbeigelockt worden waren und zerrten sie in den Hof der Primaria, in den sie durch den Seiteneingang in der Strada Brancoveanu eindrangen, wo nun eine wüste Schlägerei begann, der erst durch das Einschreiten einer Abordnung der Gendarmerie ein Ende gesetzt wurde. Die Polizei konnte drei Raufbolde fassen, die nach Aufnahme des Nationales wieder freigelassen wurden.

(330602c2)


Todesfälle [S. 2, unten, Mitte]
Dienstag verschied der Bahnbeamte Josif Berladin im Alter von 62 Jahren und wird heute um 4 Uhr nachmittags von der Friedhofskapelle aus bestattet. - In Cluj ist der 32jährige Student der Medizin Roman Hnidey gestorben. Das Leichenbegängnis fand gestern in Cluj statt. Der Verstorbene gehörte der ukrainischen Burschenschaft „Czornomore“ an. - Hier ist im Alter von 80 Jahren der Kaufmann Mendel Sommer verschieden und gestern vom Trauerhause, str. Cuciurulmare 70, zu Grabe geleitet worden.

(330602t2)


Seite 4

Nazis in Rumänien [S. 4, Mitte]
In Jassy sind die in Haft befindlichen nationalistischen Studenten in den Hungerstreik getreten. Sie verlangen, von den Militärbehörden entweder verurteilt oder in Freiheit gesetzt zu werden.
In Cluj wurde die Zeitschrift „Coasta“ beschlagnahmt, weil sie Hitlerpropaganda betrieb.
Nach Buhusi wurden 120 Gendarmen unter Führung des Oberleutnants Fulga entsandt, um die jüdische Bevölkerung gegen Uebergriffe der Eisernen Garde zu schützen. In der Stadt herrscht vorläufig Ruhe.
In Harsova wurden sieben Mitglieder der Eisernen Garde verhaftet, weil sie auf offener Straße Manifestationen veranstalteten.
Nach einer Mitteilung des „Calendarul“ hat die Studentenschaft von Temesvar den Beschluß gefaßt, sich solidarisch mit den Studenten von Jassy, Cluj und Czernowitz zu erklären. Sie verlangen die Aufhebung der Strafen für die christlichen Studenten und Bestrafung der wahren Schuldigen. In einem Telegramm an den König verlangen die Studenten aus Temesvar auch die Freilassung der verhafteten Studenten.

(330602r4)


Die Strafe … [S. 4, Mitte]
Berlin, 30. Mai. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ ist wegen des Leitartikels in ihrer Abendausgabe von Sonntag auf drei Monate verboten worden.

*
Mit der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ verschwindet aus Berlin das einzige Blatt, das in Deutschland noch irgendwie, wenn auch in der Regel in versteckter und indirekter Form, zu wichtigen Fragen seine eigene Meinung zu sagen wagte.

(330602w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 364, Samstag, 03.06.33

Postby Klaus Binder on 9. June 2011, 17:34

Seite 2

Die Familientragödie Nagler [S. 2, oben, links]
Donnerstag, 6 Uhr nachmittags, fand die Beerdigung der auf tragische Weise aus dem Leben geschiedenen jungen Frau Paula Nagler vom Ghica Voda Platz No. 7 unter überaus starker Beteiligung statt.
Wie wir im jüdischen Spital ermitteln konnten, entspricht die Nachricht über einen neuen Selbstmordversuch des Gatten der Verstorbenen, des Herrn Lorenz Nagler, nicht den Tatsachen. Der Zustand Naglers ist anhaltend derselbe und nicht ernst. Heute soll eine Röntgenaufnahme vorgenommen werden. Nagler hatte am Donnerstag starken Blutverlust zu verzeichnen. Es ist wahrscheinlich, daß ein operativer Eingriff an Nagler nicht vorgenommen werden wird.
Die Oeffentlichkeit steht noch immer unter dem Eindruck der furchtbaren Tragödie.
Die Tatsache, daß Paula Nagler keine Abschiedsbriefe hinterlassen hat, beweist, daß sie den Selbstmord in einem Momente des Affektes begangen hat.

(330603t2)


Vortrag Dr. Wladimir v. Zaloziecki über Moses Barasch [S. 2, Mitte, links]
Das Kuratorium der Toynbeehalle in Czernowitz veranstaltet Samstag, den 10. Juni, halb 9 Uhr, abends in der Toynbeehalle einen Vortrag des Herrn Dr. Wladimir v. Zaloziecki über den 12jährigen Maler Moses Barasch. Der Vortrag wird in drei Teile zerfallen:
1. Einführung des Herrn Dr. W. v. Zaloziecki.
2. Ausstellung der neuesten Bilder des jungen Moses mit Unterstützung durch Lichtbilder.
3. Dialog zwischen Moses Barasch und Dr. Wladimir v. Zaloziecki über die Bilder.
An diesem Gespräch, welches zwanglos geführt werden wird, kann sich das Publikum durch mündlich und schriftlich gestellte Fragen und Bemerkungen beteiligen. Platzanweisungen durch: Drogerie „Royal“, Herrengasse 22 und Parfümerie „Elite“, Tempelgasse.

(330603i2)


Seite 3

Strenge Strafen für die Jassyer Studenten [S. 3, links, Mitte]
23 Studenten für immer, 63 von zwei Sessionen ausgeschlossen

Jassy, 1. Juni (Tel. des „Tag“). Der Universitätssenat befaßte sich mit dem Memorandum der Studenten, in welchem die Einführung des numerus nullus für jüdische Studenten verlangt wird. Der Senat beschloß, 23 Studenten mit dem Präsidenten Gavrilescu, die das Memorandum unterzeichnet haben, für immer, und 63 Studenten, die eine kollektive Solidaritätserklärung für Gavrilescu abgegeben haben, für zwei Schuljahre auszuschließen. Die bisher erteilten Strafen bleiben in Kraft. Es wurde auch beschlossen, falls die Studenten die Solidaritätserklärung zurückziehen, die Strafen zum Teil oder ganz aufzuheben.

Hungerstreik der 11 verhafteten rumänischen Studenten
Jassy, 1. Juli (Tel. des „Tag“). Wie bereits mitgeteilt, sind 11 Studenten mit ihrem Präsidenten Virgil Gavrilescu an der Spitze in den Hungerstreik getreten. Hiedurch wollen sie Protest gegen ihre Verhaftung erheben; sie hätten sich nur (!) der Verbreitung eines Manifestes, in welchem sie den numerus nullus für die Jassyer Universität verlangten, schuldig gemacht. Die Studenten sandten an den Ministerpräsidenten ein Telegramm, in welchem es wörtlich heißt:
„Elf Studenten sind in Jassy wegen illegaler Verhaftung und der ihnen zuteil werdenden Behandlung in den Hungerstreik getreten. Wir bitten um ihre Enthaftung, um die Ungerechtigkeit, die in diesem Lande inauguriert wurde, aufhören zu lassen. Wenn auch bei Ihnen die Stimme der Unschuldigen kein Gehör finden sollte, schwören wir, uns bis zum letzten Blutstropfen gegen die Ungerechtigkeit zu verteidigen, die unter der Herrschaft des gerechten und vernünftigen Königs und unter Ihrer Regierung - Sie haben als Rumäne schon oft gegen Unterdrückung gekämpft - vorkommen kann.“

(330603r3)


Schriftsteller der ganzen Welt verurteilen Deutschland [S. 3, oben, Mitte]
Der an Konflikten und stürmischen Vorgängen reiche Penklub-Kongreß in Ragusa hat die Oeffentlichkeit in hohem Maße beschäftigt. Namentlich die Haltung des österreichischen Vertreters Felix Salten hat zu den vielen Erörterungen Anlaß gegeben.
Der Versammlung lagen zwei Anträge vor: Amerika schlug Gegenmaßnahmen gegen die in der letzten Zeit sich häufenden Verfolgungen vor, die im Namen des Nationalismus, des Rassevorurteils und der politischen Duldsamkeit begangen werden; ein anderer, von siebzehn Staaten unterschriebener Antrag wandte sich gegen die deutschen Vorgänge, die als Wahnsinnstat des Nationalismus gebrandmarkt werden.
Die deutschen Vertreter, besonders aber Schmidt-Pauli, legten ein unerwartet friedliches sanftmütiges Wesen zur Schau, bemühten sich in auffallender Weise um die Gunst des Auslandes und gingen darin bis zur Verleugnung der Prinzipien des Nationalsozialismus. Man ging sogar schon daran, den von den 17 Staaten eingebrachten Antrag so zu modifizieren, daß auch Deutschland eine prinzipielle Zustimmung ermöglicht werde.
Die Formel für die Illusion einer Völkerverhöhnung schien gefunden; der Vorsitzende H. G. Wells, von dem es den Anschein hatte, als ob er mit den deutschen Vertretern sympathisiere, wandte sich jetzt, da diese sich zur Internationale zu bekennen schienen, schroff gegen sie. Der dramatische Höhepunkt der Sitzung schien erreicht, als der englische Delegierte, die Haltung des Kongresses nun offen bekennend, an den deutschen Penklub vor der Abstimmung mit zwei Fragen herantrat:
„Was hat der deutsche Penklub gegen die Verfolgung der Schriftsteller in Deutschland getan? und
„Was gedenkt der deutsche Penklub künftighin gegen sie zu unternehmen?“
Die Deutschen, in die Klemme geraten, erklärten nun, diese Anfrage sei gegen die Geschäftsordnung. Wells antwortete, daß er doch die Fragen vor der Abstimmung zulasse und dem deutschen vom englischen Penklub eingeladenen Schriftsteller Ernst Toller, einem Opfer des Hitlerregimes, das Wort erteilen werde. Die deutschen Vertreter drängten nun auf die Abstimmung der Resolution und erklärten, im gegenteiligen Fall den Saal sofort zu verlassen und die Verantwortung dem Präsidenten allein zuzuschreiben.
Wells erklärte mit unerschütterter Ruhe und einem kleinen boshaften Lächeln um die schmalen Lippen: Diese Verantwortung übernehme er.

Daraufhin verließen die Deutschen den Saal, unmittelbar hinter ihnen ging die österreichische Delegierte Grete von Urbanitzky. Die holländische Delegierte Jo van Amers-Kühler sprang auf das Podium und schrie: „Wenn Galsworthy lebte, wäre so etwas nicht geschehen.“ Und dann folgte sie den Deutschen. Schweigend folgte ihnen auch der Schweizer Delegierte Dr. Stickelberg. Der zweite österreichische Delegierte aber, Felix Salten, sprang nun auch aufs Podium und rief: „Ich bin Jude, ich habe jahrzehntelang in Deutschland gelebt, ohne je darnach gefragt zu werden. Das ist der Tod des Penklubs.“ Salten stimmte dann im Namen der österreichischen Delegation für die Resolution.
Die Sensationen des zweiten Tages waren die Reden Schalom Aschs und Ernst Tollers. Schalom Asch erhob Anklage gegen die Verfolgungen der Juden in Deutschland und dankte der christlichen Welt für die Gefühle brüderlicher Sympathie in diesen Tagen der Verfolgung.
Ernst Toller, dessen Rede den Kongreß beschloß, betonte, daß nach dem Krieg gerade die emigrierten Schriftsteller für die Weltgeltung Deutschlands eingetreten seien. In einer Zeit, in der sich immer mehr die brutale Macht vordränge, habe der Penklub die hehre Aufgabe, den Glauben an die Kraft der Menschlichkeit wachzuerhalten. Seine Rede fand begeisterten Beifall.
Die österreichischen Delegierten, zumal Salten und Grete Urbanitzky stimmten für die Resolution, die sich gegen die Verfolgungen des deutschen Geistes ausspricht.

(330603w3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 365, Sonntag, 04.06.33

Postby Klaus Binder on 11. June 2011, 00:18

Seite 1

Die Schicksalsstunde der Welt [S. 1, oben, rechts]
Von Mathias Roll

In der zweiten Hälfte des Jahres 1929 hat die Weltwirtschaftskrise begonnen, und da das erste Halbjahr des Jahres 1933 bald abgelaufen ist, wird die Weltwirtschaftskrise ihr viertes Jahr bald vollendet haben. Jedes Jahr der Weltwirtschaftskrise hatte ihr eigenes Merkmal.
Das Jahr 1929 kann als „Krisendämmerung“ bezeichnet werden. Nach dem großen Aufschwung, welchen die Weltproduktion infolge des ungeheueren technischen Fortschrittes und der Nationalisierung in den vorangegangenen Jahren genommen hatte, kam die Wirtschaftskrise überraschend. Die Welt war sich wohl noch des kommenden Unglückes nicht bewußt, aber schon am Anfang der Wirtschaftskrise zeigte es sich, daß es sich nicht um eine gewöhnliche zyklische Krise handelt, denn der aufs höchste entwickelte Wirtschaftsapparat reagierte in weit empfindlicherer Weise auf das Nachlassen der Konjunktur als in all den vorhergegangenen Wirtschaftskrisen. Das Merkmal des Jahres 1930 war „die Katastrophe der Konjunktur“, denn mit einer Plötzlichkeit sondergleichen krachten und stürzten Riesenunternehmungen der Weltwirtschaft, und nicht das Verschwinden der kleinen und mittleren wirtschaftlichen Gebilde, wie es sonst der Fall war, kennzeichnete die Lage im Jahre 1930, sondern das Zugrundegehen der Großen und Mächtigen, der Konzerne, Truste und der Halbgötter der wirtschaftlichen Beherrscher der Welt.
Das Merkmal des Jahres 1931 war die beispiellose „Vertrauenskrise“, welche die Folge der wirtschaftlichen Zusammenbrüche des vorangegangenen Jahres war. Von Oesterreich ausgehend, überging sie auf Deutschland und auf die anderen mitteleuropäischen Staaten, dehnte sich auf den größten Teil Europas, ja auf die Ueberseeländer aus.
Im Jahre 1932 setzte sich die Vertrauenskrise wohl fort, doch war das Merkmal dieses Jahres die außerordentliche „Schrumpfung“ des Welthandels, der unglaubliche Rückgang des Güteraustausches unter den Völkern. Niemand glaubte, daß eine weitere Schrumpfung noch möglich sei, aber das gegenwärtige Jahr, das Jahr 1933 bewies, die Annahme sei falsch, daß eine Verschlechterung doch noch möglich ist und das Jahr 1933 hat uns gelehrt, daß es nie einen Punkt in der Wirtschaft, im allgemeinen Leid gibt, der als der tiefste bezeichnet werden kann. Es geht der Menschheit im Jahre 1933 viel schlechter als in den vorangegangenen Jahren, und das Kennzeichen dieses Jahres ist „die wirtschaftliche Erschöpfung“.
Das gemeinsame Kennzeichen aller Krisenjahre ist „der drohende Zusammenbruch der gegenwärtigen Wirtschaftsweise“ und mit ihr der Untergang der Zivilisation, soferne es nicht gelingt, die Wirtschaftsweise zu verbessern oder hier durch ein anderes Wirtschaftssystem zu ersetzen. Die ungeheuere Zahl der Arbeitslosen, die hungernden Millionen Menschen in Asien, welche zusammengefaßt mehr als die Einwohnerzahl ganz Europas ergeben, bedrohen im höchsten Grade den sozialen Bestand der Welt. Und darum sieht man der kommenden Weltwirtschaftskonferenz, welche am 12. Juni in London zusammentritt, mit einer Erwartung entgegen, wie dies bisher bei keinem bevorgestandenen Ereignis der Fall war. Vom Ausgang der Weltwirtschaftskonferenz hängt das Schicksal der Menschheit ab. Viele Konferenzen politischer, sozialer und ökonomischer Natur sind in der Nachkriegszeit abgehalten worden. Man braucht nur auf die Weltwirtschaftskonferenz des Jahres 1922 und auf die zahlreichen, in jedem Jahre stattfindenden Konferenzen des Völkerbundes und der Internationalen Handelskammer hinzuweisen, aber keine hat es vermocht, das kommende Unheil, die wirtschaftliche Erschöpfung und die Bedrohung des sozialen und politischen Friedens zu verhindern.
Da es ganz ausgeschlossen erscheint, daß die Weltwirtschaftskonferenz einen völligen Bruch mit dem bisherigen Wirtschafts-System beschließen wird, ist wenigstens zu hoffen, daß sie Verbesserungen desselben in einem solchen Ausmaße vornehmen werde, daß der Zustand von 1929 wieder hergestellt und eine längere Zeit aufrecht gehalten werden kann.
Es handelt sich in aller erster Linie darum, den Weltwirtschaftsverkehr, den Güteraustausch, dessen ungeheuere Schrumpfung, wie erwähnt, im letzten Jahre der Wirtschaftskrise in so schrecklicher Weise zum Ausdruck gekommen ist, auf den Zustand vom Jahre 1929 zurückzubringen und dessen Steigerung dann weiter fortzusetzen. Nur dadurch wird es möglich sein, die eingeschrumpfte Produktion wieder zu steigern und die Anzahl der Arbeitslosen zu verringern, ja die Arbeitslosigkeit abzuschaffen. Es genügt nicht, einen Waffenstillstand in den Zollmaßnahmen zu erzielen, auch für den Anfang ist diese Maßnahme völlig ungenügend, sondern alle Maßnahmen, welche seit Beginn der Wirtschaftskrise zum Zwecke der Absperrung des Importes seitens der importierenden Länder getroffen wurden, müssen sofort und auf einmal ohne jeden Uebergang aufgehoben werden. Die Furcht, daß dadurch Störungen in der Wirtschaft einiger Länder entstehen werden, ist vollkommen unbegründet, denn größer kann das Chaos nur werden, wenn es bleibt, wie es heute ist; im Gegenteil: die Lebhaftigkeit des Verkehres, welcher dadurch zum Ausdrucke kommen müßte, würde eventuelle kleinere Störungen, die sich anfangs ergeben sollten, sofort beheben und wettmachen. Nicht die Regelung der Währungsfrage ist die primäre Aufgabe der Weltwirtschaftskonferenz, sondern die Beseitigung der Zollhindernisse, die Hebung des Güteraustausches, wodurch sämtliche Währungen eher die Möglichkeit zur Gesundung erlangen, als durch primäre Währungsmaßnahmen. Die Weltwirtschaftskonferenz muß das große Ziel verfolgen, die Produktion fortwährend zu steigern, was sie nicht nur durch den angedeuteten Weg der Beseitigung der Zollbarrieren allein erreichen kann, sondern durch die von mir bereits in der vorigen Nummer angedeutete Schaffung einer Weltorganisation zur Verwertung der Ueberschüsse der produzierten Güter in den Ländern, in denen die Bevölkerung hungert und friert. Diese Weltorganisation wird weniger Kosten beanspruchen, als die Vernichtung der Güter, die jetzt vorgenommen wird, und welche das Verkehrteste ist, was Menschen ausdenken können, da diese Maßnahme zur weiteren Schrumpfung der Wirtschaft, zur Vermehrung der Arbeitslosigkeit und zur Erweiterung der Erschöpfung der Wirtschaftskräfte führt.
Ob die Völker, welche an der Konferenz teilnehmen werden, die sittliche Kraft besitzen werden, derartige Maßnahmen zu treffen, muß angesichts der Tatsache, daß an den Beratungen auch Menschen teilnehmen, welche vor den schwersten Grausamkeiten und Verfolgungen der Mitmenschen nicht zurückschrecken, beinahe bezweifelt werden.

(330604w1)


Seite 3

Vom Kriegsschauplatz Universität [S. 3, oben, links]
Prüfungen haben begonnen
Momentbilder von der Alma mater


Während des ganzen Tages herrschte an der Universität Ruhe. Die Stimmung war trotzdem eine gereizte. Man sah noch immer Gendarmeriepatrouillen vor und in den Seitengassen der Universität. Hauptmann Vazu und Oberleutnant Niculescu vom vierten Gendarmerieregiment kommandierten den Sicherheitsdienst. In das Innere der Universität dürfen die Gendarmen aber nicht. Alles beschränkt sich auf den Außendienst, auf das Verhindern größerer Ansammlungen. In einer Entfernung von zwanzig Schritten bivakuieren ungefähr 40 Soldaten, die Reserven.
Auch Polizei ist zur Stelle. Es sind vier Echipen. Der Dienst beginnt um 7 Uhr früh und dauert bis in die späten Abendstunden. Man bemerkt den Quästursekretär Dr. Kuczinski, mit den Polizeikommissären Palievici, Dr. Jaworski, Dr. Popovici, Stefanovici und den Agenten Hartl und Job, dann auch Vertreter der Siguranta. Um 6 Uhr erscheint Polizeiquästor Ghinea, läßt sich kurz über die Situation berichten und begibt sich in das Innere der Universität. Er hat da eine Besprechung mit dem Rektor und den Dekanen. Die vor dem Universitätseingang postierten Studenten, ungefähr 20 an Zahl, grüßen höflich, als sie den Polizeiquästor die Universität betreten sehen. Der Polizeiquästor wird in die Universität vom Sekretär Dr. Kuczinski begleitet. Nach einer halben Stunde kehrt dieser zurück, der Polizeiquästor ist noch bei der Besprechung verblieben.

Um 6 Uhr nachmittags eine größere Ansammlung vor der Universität. Ein Wachmann meldet dem Polizeikommissär, daß die Studenten eine Affiche am Tor der Universität angebracht haben. Der Kommissär nimmt die Meldung zur Kenntnis, darf aber nicht bis zum Tor. Exterritorialer Zustand. Nur Studenten dürfen beim Tor stehen. Schließlich erfährt man auch, was die Affiche beinhaltet.

Sie lautet:
„Die christlichen Studenten sind von den Vorgängen am 12. und 13. Mai, an welchem Tage Blut ihrer Kollegen geflossen ist, noch immer erregt. Sie erklären feierlich, daß sie angesichts dieser Tatsache die jüdischen Studenten zu den Prüfungen nicht zulassen werden.“
Unterschrift: Die christlichen Studenten.

Plötzlich bemerkt man zwei jüdische Studenten. Sie halten vor der Universität kurz Umschau. Nach fünf Minuten ziehen sie ab … Sieg … Triumph …

Eine jüdische Studentin wagt es …
Am Vormittag wollte eine jüdische Studentin die Universität für Naturwissenschaften betreten. Sie bittet Major Aneli-Monti, sie hinzuführen. Die Antwort: Das ist nicht möglich. Polizei hat keinen Zutritt. Nun wagt sie sich selbst hinein. Zwei christliche Studenten kommen auf sie zu und ersuchen höflich, die Universität nicht zu betreten, da sich in diesem Semester Juden nicht stellen dürfen. Die Studentin zieht weinend ab.

Einschreibungen finden statt, auch Prüfungen
Während des ganzen Tages fanden Einschreibungen zu den Prüfungen statt. Auch wurde mit den Prüfungen begonnen. An der Fakultät für Naturwissenschaften prüften bereits die Professoren Badarau und Bujor. Zu den Prüfungen des Professors Netolitzki hatten sich 20 Studenten gemeldet. Dieser Professor hielt aber keine Prüfungen ab.

Ein Student wird verprügelt
Am Vormittag gelang es einem jüdischen Studenten, zu der schriftlichen Physikprüfung zugelassen zu werden. Die rumänischen Studenten hatten Lunte gerochen und erwarteten ihren semitischen Kollegen. Als er den Prüfungssaal verließ, wurde er verprügelt.

Eine jüdische Studentin legt Prüfung ab
Eine jüdische Studentin, Fräulein Alma Albrecht, wurde zur schriftlichen und auch mündlichen Prüfung zugelassen. Sie erzählt zwar, daß ihr zwei Studenten, einer mit einem Schirm, der andere mit einem Stock nachgegangen sind, sie hatten ihr aber nichts getan. Sie wurde von Professor Badarau geprüft und hat die Prüfung auch bestanden. Bei der schriftlichen Prüfung hatte Dozent Campan, der Assistent des Universitätsprofessors Badarau, Aufsicht. Es ist ihr nichts geschehen … Um halb 7 Uhr kommt sie freudestrahlend und mit klopfendem Herzen von der Universität und teilt das große Ereignis mit: „Ich habe die Prüfung bestanden, sogar ohne Prügel!“ Einige Kollegen bringen diesen Erfolg mit ihrem Anfangsbuchstaben in Zusammenhang und glauben, daß, wenn „A“ drangekommen ist, auch „Z“ an die Reihe kommt. Es ist nur die Frage: wann.
Die Studentin war zu den Prüfungen noch vor dem 20. Mai angemeldet. Sie war bei der schriftlichen Prüfung mit ungefähr 12 Studenten und Studentinnen zusammen. Unter diesen befand sich auch die Tochter des Universitätsprofessors Costeanu.

Das junge Fräulein hatte Mut und erklärt, daß sie auch am 16. sich zur nächsten Prüfung melden wird. Sie behauptet, auch Glück zu haben. Wir werden sehen, ob sie recht behält.
M. L.

(330604c3)


Seite 5

Die Vervollkommnung des Krieges [S. 5, oben, links]
Von Bertold Molden (Wien)

In den Beschlüssen, die bei den Abrüstungsverhandlungen in Genf teils gefaßt worden sind, teils noch gefaßt werden sollen, liegt eine nicht zu vermeidende Selbstironisierung. Das Redaktionskomitee des politischen Ausschusses der Konferenz hat schon im Februar eine Resolution angenommen, die den Kellogg-Pakt in noch verstärkter Form zu bekräftigen vorschlägt, und in dem Entwurf MacDonalds steht die gleiche Forderung an der Spitze. Alle Staaten sollen sich also nochmals verpflichten, Gewalt nicht anzuwenden, und andererseits beantragt MacDonald und haben vor ihm schon andere beantragt, daß gewisse Kriegswaffen zu verbieten seien. Man schwört, keinen Krieg zu führen, und will nebenbei dafür sorgen, daß dieses oder jenes Mittel im Kriege nicht verwendet werde, - anders gesagt: man setzt voraus, daß das Ehrenwort, nicht mehr zu kämpfen, nur ein sogenanntes „kleines Ehrenwort“ ist. Es gilt, so lange nicht ein als zwingend empfundener Grund zum Bruch veranlaßt, oder, lateinisch ausgedrückt: rebus sic stantibus. Wenn nun aber die Mächte ihren Mitmächten zumuten, daß sie nur das kleine Ehrenwort geben, so könnten sie dieses Mißtrauen auch auf die Verfehmung jener Kriegsmittel ausdehnen. Freilich nicht aller, denn ob ein Staat Kriegsluftschiffe hält, läßt sich immerhin leidlich überwachen. Das Luftbombardement soll - „außer polizeilichen Gründen für gewisse entfernte Gegenden“, z. B. wenn böse Farbige Unfug treiben - vollständig verboten werden, und da ist man schon auf die Loyalität der etwaigen Kriegsführenden angewiesen. Ganz aber ist man es bei der Ausschaltung des „chemischen“ Krieges, der mit Gasen und Bakterien geführt wird, denn die Laboratorien, in denen für ihn vorgesorgt würde, und zwar erst im Laufe des Kampfes, in dem der bedrängtere Teil zu Verzweiflungsmitteln greift, wären überhaupt nicht aufzuspüren. Diese Chemisierung des Krieges, die man auch die Verteufelung des Krieges nennen könnte, die Satanisierung, ist aber in gewissem Sinne seine äußerste Vervollkommnung. Ungeheure Geschütze und Riesentanks - die gleichfalls gestrichen werden sollen - sind den neuerfundenen Maschinen zu vergleichen, von denen schon eine einzige so viel Brote oder so viel Kleiderstoffe oder Schuhe herzustellen vermag, daß eine große Stadt damit versorgt wird. Eine einzige Maschine reicht aus, um Lebensbedürfnisse vieler Tausender zu befriedigen, und eine einzige Kriegsmaschine reicht aus, um ebensoviel Tötungsbedürfnis zu befriedigen. Der chemische Krieg jedoch, dem vielleicht ein elektrischer folgen könnte, geht noch darüber hinaus, er ist noch vollkommener. Einige wenige kühne Männer, die sich in Feindesland einschleichen oder im Flugzeug es überschweben, können eine ganze Provinz in ein Leichenfeld verwandeln. Höchster Triumph der modernen Wissenschaft!
Man wird einwenden, daß die moderne Industrie Käufer braucht, um so mehr Millionen Käufer, je mehr Maschinen sie aufstellt, und daß sie daher an ihrer Vernichtung kein Interesse habe. Die Friedensmaschine müsse also der Kriegsmaschine halt gebieten. Ormuzd gegen Ahriman, der „Lichtgott“ gegen den Zerstörungsgott. Das könnten sich die Menschen aber eigentlich schon sagen, ehe sie überhaupt zum Kriege schreiten, und könnten sich danach verhalten, wenn sie Politik treiben. Und da drängt sich die Frage auf, ob nicht in unserer Zeit Natur und Zweck des Krieges sich vollständig verändert haben, und ob er nicht, in Europa, sinnlos geworden ist. Ehedem führten die Dynastien, dann die Staaten Krieg gegeneinander; jetzt bekriegen sich die Völker. Den Dynastien war es darum zu tun, irgendeinen Thron oder ein Thrönchen mit einem der ihrigen zu besetzen, und an dem Zustand der Landesbewohner brauchte sich, wenn sie nicht geradezu unter einen Tyrannen gerieten, nicht viel zu ändern, wenn sie statt von dem einen, von dem anderen Fürsten beherrscht wurden. Aus der dynastischen Politik entwickelte sich, in allerlei verschwimmenden Uebergängen, je nachdem da und dort der Blick der Fürsten etwas weiter wurde, die staatliche mit ihren mannigfaltigen Erwägungen, und da waren auch, dem Gang der Zeiten entsprechend, die Zusammensetzung, Bewaffnung und Führung der Heere schon anders. Dann folgten die nationalen Kriege, die an die Begeisterung der Massen ins Feld riefen und mit Leidenschaftlichkeit zu Ende gebracht wurden, weil jede Nation mit dem Ausgang ihr Schicksal verbunden fühlte. Der Weltkrieg, in dem schon die furchtbarsten Mittel in Aktion traten, bildete den Höhepunkt, und die Friedensverträge zogen Erbitterungskonsequenzen bis zur höchsten Unvernunft. Wie wird das künftig sein? Die Erbitterung wird noch heftiger anwachsen und die Kämpfe werden noch schonungsloser verlaufen und all das wird in gar keinem Verhältnis stehen zu dem, was man in ihnen gewinnen kann, zumal sich immer deutlicher gezeigt hat, daß nach dem Friedensschluß die Kämpfenden einander brauchen. Oder sollte der Sieger die Besiegten so wenig brauchen, wie einst Rom die Karthager, die es samt ihrer Stadt vernichtete, um dort ein eigenes Handelsemporium zu gründen? Aber Karthago hatte ein schwaches nationales Hinterland, während man heutzutage, um einer Revanche vorzubeugen, gleich Millionen vernichten müßte, wozu man, mit den vervollkommneten Tötungsmitteln, sehr wohl imstande wäre. Da aber kein Teil weiß, ob nicht er der dermaßen Getroffene sein würde, so hat die Sache ihre bedenkliche Seite. Es könnte sein, daß ein kleines oder militärisch sonst wenig belangreiches Volk, das einen genialen Töter nebst einer genügenden Anzahl verwegener Vollzugsorgane besitzt, mit einem anderen, das vielmehr Kombattanten aufstellen kann, fertig wird - ganz fertig. Wenn die gegenseitige Wut im Laufe eines Krieges sich steigert, werden ganz hervorragende Dinge möglich werden.

Es hat Kriege gegeben, die um Ehrenfragen geführt wurden, sei es auch nur, weil die Ehre keine Nachgiebigkeit zu erlauben schien. Ob aber Ehrenfragen auf chemischem oder elektrischem Wege gebührend ausgetragen werden können, ritterlich ausgetragen, ist doch zweifelhaft. Es hat ferner Kriege gegeben, die geführt wurden, weil der eine Teil glaubte, daß, wenn der Gegner dieses oder jenes Gebiet besitze, daraus eine Gefahr entstehen könnte, weil von dorther Bedrohungen möglich wären; auch solche Kriege verlieren ihren Sinn, wenn aus Lufthöhen tödliche Wirkungen versandt werden können. Die Tatsache, daß der Geist, der wie es heißt, lebendig macht, auch tot zu machen vermag, ändert sehr viel. Vielleicht ist es unter solchen Umständen besser, ganz zum geistigen Krieg überzugehen. Der Krieg verfolgt die Aufgabe, auf den Geist dadurch zu wirken, daß man auf die Körper wirkt, indem man feindliche Körper zerstört und dadurch die Geister der übriggebliebenen Körper zur Annahme gewisser Bedingungen zwingt. Man will das Gefühl der Widerstandslust, der Eroberungssucht, des Hasses in ein Gefühl der Ohnmacht und der Furcht verwandeln. Wenn man sich nun gegenseitig auf geistige Weise, nämlich durch gute Gründe, überzeugt, daß zum Beispiel gewisse Zustände unhaltbar sind, daß aber ein Krieg, bei aller Tapferkeit und Ehrliebe, sehr bald beide Teile in das Gefühl der Ohnmacht und der Furcht versetzen müßte, gar nicht zu reden von dem Gefühl der Beschämung, so wird, möchte man denken, die Probe auf die Wirklichkeit überflüssig. Das wäre dann der geistige Krieg, der Krieg durch Argumente. Dies läßt sich auch so ausdrücken, daß man sagt, der Krieg sei in seiner Fortentwicklung vom Handgemenge bis zur Anwendung von Laboratoriumsmitteln immer mehr wissenschaftlich geworden und die nächste Stufe sei die Anwendung der Vernunft, der Einsicht in das für die Streitenden Zweckmäßigste - dies sei seine höchste Vervollkommnung. Unter den Argumenten würde sich auch das der Gerechtigkeit befinden - seltsam genug, aber doch nicht undenkbar -, und zwar nicht der juristischen, auf den Ergebnissen vorangegangener Gewaltanwendung beruhenden, sondern einer besser fundierten, die sich auch der Zweckmäßigkeit sehr nähert, und es würde sich auf die öffentliche Meinung der Welt, die sich in Gutachten, Ratschlägen und Vermittlungen, teilweise mit Heranziehung der schon vorhandenen internationalen Einrichtungen kundgibt und recht wohl auch Abstimmungen in strittigen Gebieten stützen lassen. Ehe gerechte Neuordnungen geschaffen oder zum mindesten Grundsätze für sie festgelegt sind, schon ein Völkerbundheer zu organisieren, wäre allerdings etwas voreilig.
- Da sollte man wohl hoffen dürfen, es werde schließlich doch dahin kommen, daß innerhalb des mitteleuropäisch-westeuropäisch-nordamerikanischen, also des „atlantischen“ Staatensystems schon die bloße mahnende Möglichkeit eines Zerstörungskrieges genügt, um ihn zu verhindern. So gescheit wird man hoffentlich geworden sein! Und mit Stolz wird man dann darauf hinweisen dürfen, daß man auch dies der Technik und Wissenschaft verdankt, daß es also doch der Geist ist, der am Leben erhält.

(330604w5)


Seite 7

Hitler und die Hebamme von Botosani [S. 7, Mitte, links]
Die „Lupta“ reproduziert aus der tschechoslowakischen Zeitung „Pravo Lidu“ einen Auszug aus den Matrikeln der jüdischen Kultusgemeinde von Polna (Tschechoslowakei). Die genannte Zeitung gibt an, daß Hitler aus dieser Gemeinde stammt und nennt folgende Daten: Die ersten jüdischen Einwohner, die in dieser Gemeinde wohnten, waren Friedmann und Barbara Hitler. Dieses Ehepaar hatte zu Eltern: Michel (geboren 19. Januar 1800) Ester (geboren 12. März 1804) und Herz (geboren 22. November 1806). In dieser Zeit wohnte auch in dieser Gemeinde das Ehepaar Abraham und Rachel Hitler, welches fünf Kinder hatte. Es gab auch eine Frau Elisabeta Hitler, die eine einzige Tochter Klara hatte. Die Tatsache, daß selbst die Rassisten ihren Chef als rassenrein nur bis zum Großvater ansehen, beweist, daß vom Großvater an in der Familie Hitler jüdisches Blut floß. Die „Lupta“ fügt hinzu: In Botosani lebte seinerzeit eine bekannte jüdische Hebamme Hitler, die tschechoslowakischer Abstammung war. Es ist also möglich, daß der große Judenfresser Hitler der Urenkel eines Juden ist. (In Czernowitz wohnt, wie man weiß, ein jüdischer Schneider mit Namen Adolf Hitler).

(330604r7)


Presseprozeß gegen den „Tag“ S. 7, oben, rechts]
Die Entscheidung des Strafsenates bezüglich der Bestreitung der Kompetenz

Vor dem Strafsenat unter dem Vorsitz des Tribunalpräsidenten Doktor Bibring, Beisitzer Bezirksrichter Lega, öffentlicher Ankläger Staatsanwalt Axani fand Freitag 11 Uhr vorm. in fortgesetzter Verhandlung der Strafprozeß gegen den verantwortlichen Redakteur des „Tag“, Marcus Linder, statt. Derselbe hatte sich, wie bereits berichtet, wegen Vergehens der Aufwieglung gemäß Paragraph 300 des Stragesetzes zu verantworten. Die strafbare Tat soll er dadurch begangen haben, daß er einen Artikel, welcher in der Bukarester Zeitung „Calendarul“ unter dem Titel „Wer sind die Parasiten der Monarchie?“ publiziert war, reproduzierte. Die Staatsanwaltschaft stellte sich auf den Standpunkt, daß dieser Artikel geeignet sei, Verfügungen der Behörden herabzusetzen.
Die Verteidiger des Angeklagten, Dr. Karl Allerhand und Eusebius Hotinceanu, hielten den in der vorigen Verhandlung gemachten und eingehend begründeten Einwand bezüglich der Kompetenz des Tribunals aufrecht und verlangten abermals die Abtretung der vorliegenden Strafsache an das Schwurgericht.
Staatsanwalt Axani erklärte, das der vorliegende Strafakt seinerzeit irrtümlich vom Bezirksgericht an das Tribunal geschicht worden sei, sodaß der Staatsanwaltschaft keine Gelegenheit gegeben wurde, bezüglich der Kompetenz sich auszusprechen. Er anerkenne die Berechtigung der von der Verteidigung geltend gemachten Gründe für die Kompetenz des Schwurgerichtes an und beantrage auch seinerseits die Abtretung des Aktes an das Schwurgericht.
Nach kurzer Beratung gab der Gerichtshof diesem Antrage statt.
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 366, Mittwoch, 07.06.33

Postby Klaus Binder on 11. June 2011, 00:21

Seite 1

Modernes Universitätsbild: [S. 1, oben, links]
Einschreibungen und Prüfungen
unter Polizeiassistenz

Die Einschreibungen begannen um 8 Uhr früh. Lange vor Beginn der Einschreibungen war bereits der gesamte Polizei-Gendarmerie- und Sigurantaapparat mit Polizeiquästor Ghinea und dem Subinspektor der Siguranta Pihal an der Spitze aufgeboten, um vor und in der Universität, nachdem der Rektor um Polizeischutz angesucht hatte, in Funktion zu treten.

„Die Studenten, die sich mit Legitimation ausweisen, werden nach den bereits angekündigten Anfangsbuchstaben, der Reihe nach, je zehn auf einmal, zu den Einschreibungen zugelassen.“
Bis zur Stunde, als diese Zeilen in Druck gehen (10 Uhr vormittags), ereignete sich kein Zwischenfall. Die Einschreibungen gehen in Ruhe vor sich. Ansammlungen sind nicht gestattet.

Ein höherer Polizeibeamter teilt uns mit, es liege strenger Auftrag vor, Studenten, die die Einschreibungen stören wollen, zu verhaften.

Es wird uns mitgeteilt, daß auch die Prüfungen unter Polizeiassistenz abgehalten werden.

(330607c1)


Seite 2

Heute beginnen die Inskriptionen an der Universität [S. 2, Mitte]
Wie bereits mitgeteilt, beginnen heute die Einschreibungen an der Universität für die Prüfungen der Junisession. In einer Besprechung, die zwischen dem Rektor der Universität Isopescul-Grecul, dem Generalinspektor der Siguranta Zachiu und Polizeiquästor Ghinea stattgefunden hat, wurden alle Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe getroffen.
Organe der Polizei, Siguranta und der Militärstaatsanwaltschaft werden die Einschreibungen überwachen. Die Studenten, die ihre Kollegen an der Einschreibung hindern sollten, - werden, so wird versprochen - verhaftet und dem Militärgericht nach Jassy überstellt werden.
Den Studenten ist nicht gestattet, in der Universität länger zu verbleiben, als die Einschreibung dauert.
Auch bei den Prüfungen werden die Militär-, Siguranta- und Polizeibehörden anwesend sein, um jede Störung zu verhindern.
Montag fand in der Polizeiquästur eine Beratung statt, in der Polizeiquästor Ghinea die letzten Dispositionen den Beamten erteilt hat. Man glaubt, durch die getroffenen Maßnahmen einen normalen Verlauf der Universitätsprüfungen zu sichern.
Der königliche Kommissär, Major Burada, hat die Verhaftung des Studenten der Theologie Gh. Peticar, der als Autor eines von der Universität affichierten Manifestes identifiziert wurde, angeordnet. Peticar wurde nach Jassy überstellt.

(330607c2)


Seite 3

Abersberg kommt [S. 3, unten, rechts]
In Erwartung von Hitlers Spezialdelegiertem
Was sagt die Regierung?

Bukarest, 5. Mai (Tel. des „Tag“). Im offiziellen Parteiblatt „Tara Noastra“ kündigt Goga die bevorstehende Ankunft des Spezialdelegierten Hitlers, Abersberg, in Rumänien an. Goga schreibt hiezu:
Herr Abersberg ist Mitglied der Sektion für die osteuropäische Politik der Nationalsozialisten und ein intimer Mitarbeiter Rosenbergs. Er kommt mit einer politischen Mission zu den Sachsen. Die Reise hat für unsere offiziellen Stellen sicherlich privaten Charakter, und der Empfang, der Abersberg bereitet werden dürfte, wird gewiß lautlos sein. Herr Fabricius wird bis zur Grenze reisen und den Apostel Hitlers nach Sibiu bringen. Nachdem das Uebereinkommen zwischen Fabricius und Hans Otto Roth in Sibiu abgeschlossen sein wird, soll sich Abersberg nach Beßarabien begeben. Dort wird er von den deutschen Studenten aus Sachsen, die nach Beßarabien entsandt wurden, um Propaganda bei der deutschen Minorität zu machen, empfangen werden. Wie man also sieht, gibt sich Hitler mit der Aktion der rumänischen Nazis nicht zufrieden. Er entsendet einen Spezialinspektor, um die Anarchie in Rumänien zu organisieren. Was sagen die rumänischen „Nationalisten“ dazu?

(330607r3)


Seite 4

Die Kleine Entente als Wirtschaftseinheit [S. 4, oben, links]
Benesch: Zollunion nicht ausgeschlossen

Paris, 5. Juni. Das „Petit Journal“ veröffentlicht eine Unterredung seines Prager Sonderberichterstatters bei der Konferenz der Kleinen Entente mit Außenminister Dr. Benesch über den Pakt vom 16. Februar.

Nach Darlegung der inneren Organisation der Staaten der Kleinen Entente erklärte Dr. Benesch über die geplante wirtschaftliche Zusammenarbeit auf Grund der neuen Konstitution, daß das offizielle Kommunique mehr ist, als ein einfaches Programm. Es ist bereits der erste Schritt zur Verwirklichung. Die technischen Vorarbeiten für die Vereinheitlichung der Verkehrsmittel und für den Austausch der Agrar- und Industrieprodukte haben bereits begonnen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die methodisch fortgesetzten Bestrebungen in einigen Jahren zu einer Zollunion zwischen den Ländern der Kleinen Entente führen werden. Man muß jedoch etappenweise vorgehen.

Von heute auf morgen eine Zollunion zu proklamieren, wäre ein Unsinn. Auch wenn die Londoner Weltwirtschaftskonferenz die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen wird, werden wir unseren Plan weiter verfolgen. Wir sind auf alle Schwierigkeiten gefaßt und nichts kann die logische Entwicklung des Werkes der Zusammenarbeit der Kleinen Entente aufhalten. Unseren Nachbarn gegenüber bleibt unsere Haltung gestern wie heute die gleiche, das heißt, wir reichen ihnen die Hände.
Ueber die Haltung Polens zur Unterzeichnung des Viermächtepaktes befragt, erklärte Dr. Benesch, die Interessen der Kleinen Entente und Polens sind in dieser Hinsicht gleichlautend. Die Kleine Entente hat die notwendigen Versicherungen erhalten, daß jede Tendenz zur Aenderung der Grenze als Störung des Friedens im Keime erstickt wird. Polen wird aus diesen Sicherungen gleichfalls Nutzen ziehen, denn es ist klar, daß die Interpretation des Artikels 19, der sich die Großmächte angeschlossen haben, für alle Staaten Geltung hat. Auf diese Weise aufgefaßt, kann der Viererpakt ein gutes Ergebnis zeitigen und falls er zu einer französisch-italienischen Annäherung führen sollte, so wird sich darüber niemand mehr freuen als wir.

(330607w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 367, Donnerstag, 08.06.33

Postby Klaus Binder on 13. June 2011, 00:00

Seite 1

Restauration des Kreditwesens und Zollabrüstung [S. 1, oben, links]
Vorbedingung für die wirtschaftliche Sanierung

Bukarest, 6. Juni (Tel. des „Tag“). In der Plenarsitzung der Agrarkonferenz befaßte sich Finanzminister Madgearu eingehend mit der Situation der Agrarstaaten. Der Finanzminister betonte die Notwendigkeit einer Restauration des Kreditwesens, die aber nur durch eine Rekonstruktion des internationalen Goldstandards erreicht werden könne.

Wenn die Vereinigten Staaten und Großbritannien den Goldstandard aufgegeben haben, so muß dieser Maßnahme eine Stabilisierung der Währungen folgen, denn von dieser Operation hängt auch die Beseitigung der Devisenbeschränkungen ab.

Es muß eine feste Basis geschaffen werden, um jeder Inflationstendenz aus dem Wege zu gehen. Für die Agrarstaaten ist eine Erreichung dieses Zieles nur dann möglich, wenn genügende Absatzmöglichkeiten für ihre Produkte geschaffen werden. Es muß ein Arrangement in der Frage der kurzfristigen und der langfristigen Außenanleihen getroffen werden.

Aufhebung der Zollschranken - sonst Insolvenz
Des weiteren befaßte sich der Finanzminister mit den bestehenden Zollbestimmungen. Wenn die Zollbarrieren für den Handel nicht aufgehoben werden, dann werden die Agrarstaaten, die bis heute der Krise noch Widerstand geleistet haben, nicht nur insolvent werden, sie werden auch ihren Transferverpflichtungen, der Bezahlung ihrer öffentlichen und privaten Schulden und den ihnen durch die Währungsstabilisierung auferlegten Verpflichtungen nicht nachkommen können.

Wir können nicht noch eine Erntekampagne unter diesen Umständen verstreichen lassen und müssen bei der in London stattfindenden Weltwirtschaftskonferenz für die europäischen Agrarstaaten Vorzugszölle verlangen.

Sonst neue Stabilisierung
Wenn diese Situation noch weiter anhält, werden die landwirtschaftlichen Staaten, ohne zu wollen, eine Entwertung ihrer Währungen über sich ergehen lassen müssen; eine Restabilisierung würde unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein großes Risiko bedeuten.
Der Finanzminister verwies auch auf die Notwendigkeit der Begründung eines internationalen Währungsfondes, wie er in Stresa zur Sprache gebracht wurde. Es müßten auch internationale Kreditinstitute zur Unterstützung der Landwirtschaft ins Leben gerufen werden.

Wenn London keinen Erfolg bringt
Der Generalsekretär des Handelsministeriums, Cesar Popescu, sprach im gleichen Sinne. Er betonte, daß die internen Schuldner ihre Verpflichtungen nicht erfüllen können. Wenn die Weltwirtschaftskonferenz keinen Erfolg bringt, dann wird es Aufgabe der Agrarstaaten sein, im September zu einer Konferenz zusammenzutreten, um über die weiteren Maßnahmen zu beraten.

(330608w1)


Agrarkonferenz geschlossen [S. 1, unten, links]
Bukarest, 6. Juni (Tel. des „Tag“). Die Agrarkonferenz wurde heute geschlossen. Finanzminister Madgearu verlas die von der Konferenz gefaßte Resolution, die u. a. Restauration des finanziellen Gleichgewichtes der Agrarstaaten, Regelung der Kriegsschulden, Erleichterung der Außenzahlungen, Abschaffung der Restriktionsmaßnahmen, gleiche Behandlung für die industriellen und landwirtschaftlichen Produkte, Preferenzzölle auf Grund der Begünstigungsklausel und Erleichterungen für den Export fordert.
Die Delegierten der Agrarkonferenz wurden heute vom König empfangen.

(330608w1)


Der König über die Luftschiffahrt [S. 1, Mitte]
Bukarest, 6. Juni (Tel. des „Tag“). Auf dem Flugfelde „Baneasa“, auf welchem der König vor drei Jahren, als er aus dem Exil zurückkehrte, gelandet ist, wurde heute eine Feier veranstaltet. Der König hielt hiebei folgende Ansprache:
Tief gerührt und mit Freude im Herzen weile ich in Euerer Mitte. Aber auch vor dem besagten 6. Juni, das versichere ich Euch - weilte ich in Euerer Mitte und gedachte Eurer mit der Seele und dem Herzen. Meine Beziehungen zu Euch wurden seither noch mehr ausgebaut. Ich bin mir bewußt, welchen Kampf täglich die Flieger durchkämpfen müssen, denn auch ich habe oft gekämpft. Das ganze Leben bedeutet Kampf. Ich bewundere die Courage und den Mut meiner tapferen Flieger. Ich versichere, daß ich immer für den Ausbau des Flugwesens Sorge tragen werde, um es nicht nur für den Krieg, sondern auch für den Fortschritt und die Zivilisation vorzubereiten.
Im Gedenken an diese herrliche Feier habe ich den Unterstaatssekretär für Flugwesen Radu Irimescu mit der Schaffung eines Flugpokals beauftragt, um welchen in jedem Jahr am 6. Juni konkurriert werden soll. Ich danke noch einmal für die mir zu Ehren veranstaltete Feier und erhebe das Glas mit dem Rufe: Es leben die Flieger!

(330608r1)


Seite 2

Universität [S. 2, oben, Mitte]
Die Einschreibungen unter Polizeiassistenz

Die Einschreibungen an der Universität vollzogen sich gestern unter Polizeiassistenz.
Bis zehn Uhr vormittags konnte jeder Student bis zum Haupttor der Universität erscheinen. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Zugang zur str. Universitatii von beiden Seiten in einer Entfernung von ungefähr zwanzig Schritten gesperrt. Starke Gendarmeriekordone, die unter Leitung des Hauptmanns Vazu standen, bildeten Spalier. Der diensthabende Agent hatte zu entscheiden, wer die Universität betreten darf. Während des Vormittags waren Generalinspektor der Siguranta Zachiu, Polizeiquästor Ghinea und der Kommandant der Gendarmerie, Oberst Topor vor dem Universitätsgebäude, um im notwendigen Falle Ordre an die Subalternen zu erteilen. Es sind, wie wir erfahren konnten, ungefähr 1200 Gendarmen in Bereitschaft. Es kam aber nirgends zu ernsten Zwischenfällen. Lediglich ein Student, der sich zum Kommissar der Siguranta Lucin ungebührlich benommen hat, wurde angehalten und seine Nationale aufgenommen.

Die jüdischen Studenten in Gruppen geführt
Während bis 12 Uhr lediglich christliche Studenten zur Inskription erschienen waren, wurde um diese Stunde eine Gruppe von 22 jüdischen Studenten in corpore, begleitet von Polizeiagenten, zu den Einschreibungen geführt. Am Nachmittag sind dann sechs jüdische Studenten individuell (d. h. ohne Begleitung der Polizei) zu den Einschreibungen erschienen.
Am Nebeneingang der Universität, von wo aus der Einlaß zu den Einschreibungen erfolgt, hat Polizeikommissär Paraschivescu Dienst, der Studenten ohne Legitimation nicht ins Innere des Gebäudes läßt.
Bis 1 Uhr mittags hatten sich insgesamt ungefähr 160 Studenten zu den Prüfungen gemeldet.
Es wird noch einmal betont, daß alle Maßnahmen ergriffen wurden, um die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten; das war umsomehr möglich, als der Rektor den Polizei-, Siguranta- und Gendarmeriebehörden volle Aktionsfreiheit auf akademischem Boden gewährt und angeordnet hat, daß ebenso wie gegen andere Ruhestörer auch gegen Studenten, wenn sie sich den Anordnungen nicht fügen sollten, eingeschritten werden soll.
Es wurde weiters dafür gesorgt, daß zu den Prüfungen Polizeiassistenz beigestellt wird. In jedem Prüfungsraum werden die behördlichen Organe Aufstellung nehmen, um eventuell geplante Unruhen zu verhindern.

Auch am Nachmittag Ruhe
Die Einschreibungen an der Universität gingen auch am Nachmittag, wieder unter Polizeiassistenz, in Ruhe vor sich. Am Dienstag haben sich ungefähr 390 Studenten, unter diesen 46 Juden, zu den Prüfungen angemeldet.

Es wird uns mitgeteilt, daß ungefähr 10 Studenten, die der Eisernen Garde angehören, im Laufe des Tages versuchen wollten, Resistenz zu üben. Als ihnen aber das Wachkorps den Gummiknüttel wies, gingen sie auseinander. Auch im Laufe des nachmittags hatten Generalinspektor Zachiu, Polizeiquästor Ghinea, Quästursekretär Dr. Kuczinski, Oberinspektor Grossar, Inspektor Panaitescu und der königliche Kommissar, Major Burada, Dienst.
Für heute (Mittwoch) wurden die gleichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Die jüdischen Studenten werden um 11 Uhr von den Behörden von der Mensa abgeholt, um zu den Einschreibungen begleitet zu werden.

(330608c2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 368, Freitag, 09.06.33

Postby Klaus Binder on 13. June 2011, 00:02

Seite 1

Viermächtepakt paraphiert [S. 1, oben, links]
Mussolini warnt vor übertriebenem Optimismus

Rom, 7. Juni (Tel. des „Tag“). Der Viermächtepakt wurde um 7 Uhr 30 von Mussolini und den Botschaftern Frankreichs, Englands und Deutschlands paraphiert.

In der Einleitung heißt es, daß sich die Signatarmächte auch bei Abschluß dieses Vertrages von den Gedanken der Abkommen von Locarno und dem Kelloggpakt leiten lassen.

Der erste Punkt des Paktes enthält die Bestimmung, daß sich die vier Mächte, die als Unterzeichner figurieren, ins Einvernehmen setzen müssen, wenn die Frage eines der beteiligten Staaten erörtert werden soll.

Punkt 2 besagt: Die Völkerbundsatzungen, besonders der Artikel 19, der von einem Angreiferstaat spricht, werden durch den Viermächtepakt berührt.

Der Viermächtepakt hat auch den Zweck, die wirtschaftliche Zusammenarbeit der vier Staaten zu ermöglichen.

Im Artikel 3 heißt es, daß die vier Staaten für einen Erfolg der Abrüstungskonferenz eintreten werden. Wenn einige Fragen bei der Abrüstungskonferenz ungelöst bleiben, können die vier Staaten zu einer Beratung zusammentreten, um untereinander die ungelösten Fragen zu prüfen. Die vertragsschließenden Teile wollen auch für einen wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas wirken.

Der Vertrag wird für die Dauer von zehn Jahren abgeschlossen. Er läuft zwei Jahre weiter, wenn der Vertrag nach acht Jahren nicht gekündigt wird.

Der Vertrag tritt nach Austausch der Ratifikationsurkunden in Kraft.

Deutscher Kommentar
Von deutscher Seite wird betont, der gegenwärtige Text unterscheide sich vom ursprünglichen dadurch, daß einige Gedanken klarer zum Ausdruck gebracht wurden. Die Zugeständnisse der Reichsregierung sind mit Rücksicht auf die innerpolitische Situation der anderen Staaten erfolgt.
Mussolini hielt nach der Paraphierung eine Ansprache, in der er auf die Bedeutung des Paktes hinwies.
Vor der Unterzeichnung hielt der italienische Premier im Senat ein Exposee, in welchem er auf das Entgegenkommen der Reichsregierung hinwies. Mussolini warnte vor übertriebenem Optimismus. Der neue Pakt sei lediglich auf einem neuen Idealismus, der sich mehr dem Realismus nähere, aufgebaut. Nach der Rede Mussolinis, die man als seine beste, die er je gehalten, beurteilt, stimmten die Senatoren die Faschistenhymne an.

(330609w1)


Zu viele Studenten? [S. 1, oben, rechts]
Die nachfolgenden Betrachtungen, die mit statistischen Daten operieren, werden umso eher das Interesse wecken, als die Studentenfrage heute nicht nur bei uns, sondern überall in der Welt eines der aktuellsten Themen darstellt. Hier wird nachgewiesen, daß auch in Rumänien die Zahl der Hochschüler nicht über das Prozentverhältnis der anderen zum Vergleiche angeführten Staaten hinausgeht. Die Studentenfrage ist eine Frage der Wirtschaftsnot; es wird bewiesen, daß wir nicht zu viele Studenten haben, sondern daß nur die heutige soziale Struktur des Staates die gegenwärtige Zahl Intellektueller nicht verträgt.
(Die Red.)

Allgemein sind die Klagen über die Überflutung der akademischen Berufe und im allgemeinen über die allzu hohen Hörerzahlen. Dieses Problem ist so eng mit der ganzen politischen und sozialen Entwicklung der Nachkriegsjahre verwachsen, daß eine Lösung auf administrativem Wege nicht gut möglich erscheint. Auch die administrative Eindämmung der Studienfreiheit, der Numerus clausus, hat es, wie das ungarische Beispiel beweist, nicht erreicht, die Zahl der Studierenden wesentlich herabzudrücken. Die Staatsumwälzung hat eine zahlreiche intellektuelle Schicht in die Universitäten geschwemmt, die noch immer jährlich die Zahl der Studierenden oder Studierenwollenden mächtig anschwellen läßt.
Überhaupt dürfen wir dieses Problem nicht mechanistisch auffassen. Zu viel junge Leute für die geringen Lebensmöglichkeiten - dies ist das Übel -, die Überflutung der Hochschulen aber bloß ein Symptom. Auch außerhalb der Hochschulen gibt es keine Unterkunftsmöglichkeiten für den Nachwuchs, und eine Entspannung kann in dieser Hinsicht bloß vom Heranwachsen der gelichteten Kriegsjahrgänge erwartet werden, dessen Wirkung sich bereits sicher spüren lassen würde, wenn die Wirtschaftskrise die Zeichen der Besserung nicht wettmachte. Daß übrigens die Überfüllung der Hochschulen auch bei uns keineswegs abnormal ist, geht aus der folgenden Übersicht hervor, die die Verhältniszahl der Elementar-, Mittel- und Hochschüler in einigen wichtigen Ländern Europas auf je 10.000 Einwohner berechnet zeigt:

Land (Jahr der Zählung) Elem. . . . . . . . Bürger- u. Mittel . . . . . . Hoch-
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Schüler . . . . . . . -schüler . . . . . . . . . schüler
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .(pro 10.000 Einwohner)
Ungarn (1930) . . . . . . . . . . .1072 . . . . . . . . . . .143 . . . . . . . . . . . . . . 18
Oesterreich (1930) . . . . . . . 1002 . . . . . . . . . . 262 . . . . . . . . . . . . . . 38
Deutschland (1927) . . . . . . .1060 . . . . . . . . . . 172 . . . . . . . . . . . . . . 24
Tschecho-Slowakei (1929) . . 994 . . . . . . . . . . 252 . . . . . . . . . . . . . . 20
Rumänien (1928) . . . . . . . . . 1027 . . . . . . . . . . 50 . . . . . . . . . . . . . . . 18
Jugoslawien (1929) . . . . . . . 740 . . . . . . . . . . . 82 . . . . . . . . . . . . . . . 11
Polen (1929) . . . . . . . . . . . . . 1201 . . . . . . . . . 67 . . . . . . . . . . . . . . . 14
Frankreich (1929) . . . . . . . . . 997 . . . . . . . . . . 105 . . . . . . . . . . . . . . 17
Schweiz (1929) . . . . . . . . . . . 1189 . . . . . . . . . 287 . . . . . . . . . . . . . . 28


Von einer im Verhältnis zu den übrigen Ländern abnormalen Überflutung der Hochschulen kann also bei uns keine Rede sein. Das große Elend in den akademischen Berufen zeigt eben, daß das Land seine intellektuelle Oberschicht nicht erhalten kann. Aus diesem Grunde empfiehlt sich eine sorgfältige Selektion der Tüchtigen, nämlich eine Reform der Baccalaureatsprüfung, wodurch nur die wahrhaftig für höhere Studien geeigneten Schüler in den Besitz eines Reifezeugnisses gelangen würden, das zum Universitätsstudium berechtigt, während die minder Begabten sich mit einem Reifezeugnis minderer Sorte, das bloß einen genügenden Fleiß in den Mittelschulfächern attestiert, begnügen müßten.

(330609r1)


Seite 2

Todesfälle [S. 2, Mitte, oben, links]
Dienstag starb hier im jugendlichen Alter von 19 Jahren die Abiturientin des Mädchengymnasiums Fräulein Hildegard Beck. Im Alter von 77 Jahren starb Frau Maria Suk, Witwe nach dem Fleischhauermeister Suk.

(330609t2)


Ruhe an der Universität [S. 2, oben, Mitte]
Die Studenten stellen Forderungen

Auch am Mittwoch gingen die Einschreibugen auf der Universität in voller Ruhe vor sich. Die Beteiligung war eine geringere. Bis um die Mittagsstunde hatten sich ungefähr 200 Studenten, darunter 70 jüdische, zu den Prüfungen angemeldet.
Am Nachmittag meldete sich noch eine kleinere Anzahl von Studenten.
Dienstag abends sind die christlichen Studenten zu einer Beratung zusammengetreten. Es wurde ein neues Memorandum ausgearbeitet, welches dem Rektor überreicht wurde.

In diesem Memorandum wird verlangt:
1. Bestrafung aller jüdischen Studenten, die sich an den Schlägereien vor der Universität am 12. und 13. Mai beteiligt haben.
2. Reduzierung der Prüfungs- und sonstigen Universitätstaxen.
3. Zurückziehung der Polizei- und Gendarmeriegewalt von der Universität.

Sollte der Universitätssenat diese Forderung nicht erfüllen, dann soll die Universität geschlossen werden. Die christlichen Studenten werden zu den Prüfungen nicht erscheinen.

Bemerkenswert ist, daß trotz dieses Beschlusses, der Dienstag abends gefaßt wurde, Mittwoch vormittags doch noch 130 rumänische Studenten zu den Einschreibungen erschienen sind, woraus geschlossen werden kann, daß sich nicht alle Studenten mit dem Beschluß solidarisch erklären.
Der Universitätssenat wird heute oder nach Beendigung der Inskriptionen zusammentreten, um über die weiteren Maßnahmen zu beraten.
Vor der Universität sind noch immer die Polizeiorgane mit Quästor Ghinea an der Spitze postiert.

Am Nachmittag
Auch im Laufe des Nachmittags herrschte an der Universität Ruhe. Es haben sich zu den Prüfungen 33 Studenten an der naturwissenschaftlichen, 24 an der philosophischen und 24 an der juridischen Fakultät zur Prüfung angemeldet.
Infolge des Nationalfeiertags sind die Einschreibungen für heute sistiert. Sie werden am Freitag fortgesetzt.

*
Wir wir noch erfahren konnten, bezeichnen die Studenten in dem dem Rektor überreichten Memorandum mehrere jüdische Studenten, die sich an den „Schlägereien“ beteiligt haben sollen, als Kommunisten.

*
Abgeordneter Ebner bei Unterstaatssekretär Andrei
Bukarest, 7. Juni (Tel. des „Tag“). Abgeordneter Dr. Ebner erschien beim Unterstaatssekretär im Unterrichtsministerium Petre Andrei und intervenierte in Angelegenheit der Vorgänge an der Universität Czernowitz. Der Unterstaatssekretär versicherte, daß die Autorität vollkommen gewahrt werde und die Studenten an dem Besuch der Universität nicht gehindert werden.

(330609c2)


Erklärung [S. 2, rechts, Mitte]
Vor zwei Jahren wurde in Czernowitz von einem Herrn von Knezy die Liga für Menschenrechte gegründet. Ich wurde als Akquisiteur zum Anwerben von Mitgliedern engagiert, habe auch tatsächlich mehrere Mitglieder aufgenommen und zu je Lei 20 als Mitgliedsbeitrag einkassiert, welche Summen ich regelmäßig der Verwaltung obengenannter Liga abgeführt habe. Gestern erkannte mich auf der Straße ein Mann, der mir 20 Lei seinerzeit als Beitrag übergeben hatte, und da ihm die Liga nichts geboten hatte, ließ er mich verhaften. Nachdem sich aber meine Unschuld herausstellte, wurde ich sofort auf freien Fuß gesetzt.
Salomon Kahane

(330609i2)


Interessante Neuerscheinung [S, 2, rechts, Mitte]
Im Verlag für Fachliteratur Berlin-Wien ist kürzlich das Buch eines Czernowitzers, des Dr. Ing. Segalle, erschienen. Es betitelt sich „Die englischen Erdölinteressen in Rumänien“ und gewinnt dadurch an Interesse, daß es über rein wirtschaftliche Fragen hinaus auch die Resultate von Forschungen, die politischen und strategischen Momenten gewidmet sind, enthält. Die Geschichte der britischen Oelpolitik, die für das politische Geschehen der letzten zwanzig Jahre maßgebend wurde, findet in dem Buche unseres Landsmannes eine fesselnde Behandlung.

(330609i2)


Autofahrschule [S. 2, unten, rechts]
Für Palästina-Auswanderer ist das Erlernen des Chauffeurberufes besonders vorteilhaft. Beginn eines neuen Kurses am 15. Juni. Reduzierte Dauer und Taxen. Auskünfte täglich im „Institutul Autotehnic“, von 11-1 und 5-7 Uhr, Cernauti, str. Alba Julia 2.

(330609i2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 369, Sonntag,11.06.33

Postby Klaus Binder on 14. June 2011, 11:53

Seite 1

66 Staaten bei der Weltwirtschaftskonferenz vertreten [S.1, oben, links]
Die ersten Delegierten eingetroffen
„Konferenz darf an Altersschwäche nicht sterben“


London, 9. Juni (Tel. des „Tag“). Die Vorbereitungen für die Weltwirtschaftskonferenz, die am Montag unter dem Vorsitz des englischen Ministerpräsidenten MacDonald eröffnet wird, sind abgeschlossen. Heute sind bereits die ersten Delegierten zur Konferenz eingetroffen. Der amerikanische Staatssekretär und Führer der Delegation, Hull, war der erste Gast. Journalisten gegenüber betonte er die Notwendigkeit der gleichseitigen Behandlung der finanziellen und wirtschaftlichen Fragen bei der Konferenz. Hull hatte heute mit MacDonald eine längere Unterredung.
Von den 67 Staaten, die zur Konferenz eingeladen wurden, haben 66 die Einladung angenommen. Die kleineren Staaten werden durch ihre diplomatischen Vertreter in London an der Konferenz teilnehmen. Der einzige Staat Panama wird an der Konferenz nicht vertreten sein, da er in London einen diplomatischen Bevollmächtigten nicht besitzt.

Frankreichs Stellung
Die französische Abordnung ist heute mit dem Ministerpräsidenten Daladier an der Spitze nach London abgereist. Vor seiner Abreise gab noch Daladier im Parlament eine Erklärung über sein Programm bei der Weltwirtschaftskonferenz ab. Die Hauptpunkte, die er bei der Konferenz vertreten werde, sind:

1. Durchführung großer öffentlicher Arbeiten,
2. Regelung des Arbeitsverhältnisses und
3. Verbesserung der Organisation der Arbeit und des Güteraustausches.

Neben diesen Fragen soll das Währungsproblem angeschnitten werden; Daladier stellt sich auf den Standpunkt, daß die Staaten, die vom Goldstandard abgegangen sind, sich zuerst über die Stabilisierung der Währungen einig werden müssen. Daladier sprach sich für die Aufrechterhaltung des Goldstandards aus. Des weiteren befaßte sich Daladier mit der Situation der landwirtschaftlichen Staaten, die er bei der Konferenz unterstützen und für deren planmäßige Produktion er eintreten werde.
Zum Schluß äußerte sich noch Daladier über den Viermächtepakt u. a. wie folgt:
Man konnte den Plan Mussolinis nicht ablehnen, da sonst Europa in zwei feindliche Teile getrennt worden wäre. Die französische Regierung hätte auf sich die Verantwortung geladen, den Abschluß des Viermächtepaktes, der im Interesse Frankreichs und der Erhaltung des Friedens gelegen sei, verhindert zu haben. Daladier wandte sich gegen eine deutsche Aufrüstung und betonte, er habe darauf gesehen, daß den mit Frankreich befreundeten Völkern kein Unrecht durch den Viermächtepakt geschehe. Die Rechte dieser Völker sind durch den Viermächtepakt garantiert.
Das Abgeordnetenhaus sprach in der zehnten Abendstunde Daladier mit einer Mehrheit von hundert Stimmen das Vertrauen aus.
Die deutsche Delegation unter Führung des Reichsaußenministers von Neurath begibt sich morgen (Samstag) nach London. Ihr gehören noch an: Reichsfinanzminister Krossigk [Graf Schwerin von Krosigk], Reichswirtschaftsminister Dr. Hugenberg, Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der regierungsleitende Bürgermeister von Hamburg Krupmann [Carl Vincent Krogmann] und der Reichstagsabgeordnete Keller. Weiters gehört der deutschen Delegation auch der deutsche Botschafter in London, von Hoesch [Leopold von Hoesch], an.
Die tschechoslowakische Delegation ist heute mit Außenminister Benesch an der Spitze nach London abgereist.
In Konferenzkreisen verlautet, daß gleich nach Beginn der Beratungen gegen lange Reden angekämpft werden wird, um die Konferenz an Altersschwäche nicht sterben zu lassen. Mit gutem Beispiel wird der englische Ministerpräsident vorangehen und seine Eröffnungsrede von nur 15 Minuten halten.

(330611w1)


Seite 2

Die rumänischen Studenten streiken [S. 2, Mitte, unten, rechts]
Heute läuft der Anmeldetermin für die Prüfungen ab. Die Majorität der rumänischen Studenten beschloß, zu den Prüfungen nicht zu erscheinen.

Das Schauspiel wird fotografiert
Polizeiinspektor Grossar hat einen Studenten, namens Topa, dabei betreten, als er die Polizeiwache, die vor der Universität postiert ist, fotografisch aufnehmen wollte. Es wurde dessen Nationale abgenommen und der Apparat konfisziert.
Der Akt wurde dem königlichen Kommissar, Major Burada, überwiesen, der eine Untersuchung gegen den Studenten auf Grund der Bestimmungen des Belagerungszustandes einleiten wird.

Ein publizistisches Organ der Studenten
Wir erfahren, daß die rumänischen Studenten ein publizistisches Organ herausgeben wollen, das für die Rechte der Studenten eintreten wird. Die neue Zeitung soll unter Leitung des Präsidenten des Studentenzentrums, Mircea Ott, stehen.

Ruhe an der Universität
Dank der von den Behörden getroffenen Maßnahmen ereignete sich auch am Freitag bei den Einschreibungen kein Zwischenfall.
Generalinspektor Zachiu und Polizeiquästor Ghinea inspizierten während des ganzen Tages die Polizeimannschaft. Der Dienst war bis 6 Uhr eingerichtet. Um diese Stunde wurden die Polizei- und Gendarmerieposten zurückgezogen. Heute um 6 Uhr früh beginnt wieder der Dienst.
Viele der Studenten traten heute bereits die Sommerferien an.

(330611r2)


Seite 3

Auch ein Bukowinaer ausgeschaltet [S. 3, Mitte, unten, links]
In der Berliner Staatsoper war seit Jahren der Tenor Marcel Noe engagiert. Noe stammt aus Czernowitz. Jetzt erhielt er auf Grund des neuen Beamtengesetzes gleichzeitig mit dem Generalmusikdirektor Otto Klemperer (gebürtiger Jude, seit 14 Jahren überzeugter Katholik, Frau katholisch, zwei Kinder katholisch getauft), mit vier Korrepetitoren, einem Inspizienten, schließlich der berühmten Sängerin Lotte Schöne die Kündigung. Nur der Generalmusikdirektor Leo Blech, ein Jude, der seit 25 Jahren der Oper angehört, blieb von der Kündigung verschont.

(330611i3)


Seite 4

Bei Moses Barasch [S. 4, oben, links]
Man wehrt sich dagegen, es zu glauben, so absurd erscheint der Gedanke, daß in einem Haus, einem alltäglichen Wohnhaus, in dem, wie in Millionen ähnlicher Häuser das Leben gottfremder Menschen öde und ängstlich dahinzieht, daß in diesem Haus, das gewiß vom Lärm Streitender wie vom Seufzen Bedrückter widerhallt, ein Knabe aus Fleisch und Blut seinem gewaltigen Gott, um den er, ohne sich dessen recht bewußt zu sein, mit seiner jungen gläubigen Kraft ringt, von Bränden der Begnadung umloderte Altäre errichtet. Und doch ist es so: eine Treppe hoch, zwei Zimmer mit gewohntem Hausrat, der alltäglichem Gebrauche dient - und dahinter tut sich eine Welt strahlenden Gebetes auf. Hier, in einer kleinen Stube, deren Wände mit brennenden Visionen einer leidenschaftlichen Seele behängt und umstanden sind, hat der zwölfjährige Maler Moses Barasch, kein Wunderkind, sondern schon ein ganzer reifer Künstler, seine Werkstatt. Man erwartet einen kränklichen Knaben, ausgemergelt von der Mühe und Last seines Künstlertums, bleich und schmächtig von der vielen Zimmerluft - und ist angenehm überrascht, einem heiter blickenden, unbefangenen Knaben, dessen Gesicht noch die runde Wangenfülle des Kindes zeigt, die Hand reichen zu können. Und auch im Gespräch ist der begnadete Knabe von der gleichen kindlichen Ungewolltheit, die erfreut, und erkennen läßt, daß die viele ihm offen ausgesprochene Bewunderung den still für sich Schaffenden nicht zu verderben vermocht hat.
Im Frühherbst vorigen Jahres tauchte zum ersten Mal der Name des malenden Kindes auf. Damals stürmte ein anderes begnadetes Kind, aber ein mehr als dreißigjähriges, der Bildhauer und Weltwanderer Opanas Schewtschukewitz mit geröteten Wangen und strahlenden Augen zu mir in’s Zimmer und bekannte zwischen einigen Superlativen, seit dem Greco in Madrid kein größeres Kunsterlebnis erfahren zu haben als - Moses Barasch. Aber der Moses, der ihn damals begeisterte, war ebensowenig der Moses von heute, wie es jener gewesen, zu dessen Bildern man zwei Monate später pilgerte und von dessen großem Künstlertum es laut und kräftig im Blätterwalde zu rauschen begann. Viele der Bilder, die damals - es ist erst ein halbes Jahr seither verstrichen, als die besten und vollendetesten bewundert wurden, sind heute als Zeugnisse eines verheißungsvollen Anfangs in die Ecken geflüchtet, und bei aller Bedeutung nicht nur bildlich, durch andere, neuere, in den Schatten gestellt.
Da thront noch gewaltig das große flammenumtobte „Es werde Licht!“ das man noch aus der Ausstellung her kennt, in der Mitte der jüngeren Schöpfungen. Alttestamentarisch die Wucht dieser Gottesvision, der gegenüber der Gott Michelangelos, welcher hier dem jungen Künstler vorgeschwebt hat, fast milde erscheint. Unverkennbar ist der Fortschritt, den des Knaben Künstlertum von diesem Bilde zum blinden Rabbi zurückgelegt hat, der sich mit großen erloschenen Augen durch die von blauem Mond übergossene Waldnacht tastet, während die mondumfluteten Bäume mit ihrem Gezweig gespenstisch in den Himmel greifen. Gegenüber diesem vom Geiste jüdischer Mystik erfüllten Bilde erscheint der Prophet Daniel beinahe nüchtern und herb in der gesunden Fülle seiner Körperlichkeit. Hier ist der weise vorausblickende Diplomat eine Vereinigung mit dem Magier eingegangen, wobei der Diplomat die Oberhand gewinnt. Indessen deuten die Gestalten, die im Hintergrunde des Bildes aus dem Dunkel tauchen, der Geist des Guten und des Bösen, auf die andere Wesensseite, die des Propheten hin. Der böse Geist ist als Satan in grünem Lichte dargestellt, aber seltsamerweise trägt der gute keine Heiterkeit, keine Freude zur Schau. Die Güte wird den Knaben zum Gespenste der kummervollen Mutterliebe. Was am Apostel Paulus zunächst fesselt und bannt, ist das Antlitz des Heiligen, vor allem seine ragende Stirn, die erhaben aus dem stumpfen Violett des Hintergrundes ragt.
Einen großen Schritt nach vorwärts bedeutet wieder der Moses, der in seiner wuchtigen Kraft mit der Gottesvision des „Es werde Licht!“ Berührungspunkte zeigt. Ein göttlicher Zorn ist in diesem Moses rege, dem man den großen Kampfhahn, das „Gläubiger-Ungetüm“ glauben muß, mit solch panischer Wildheit schwingt es das Beil in der Faust, um seine Gebote in die Tafel, nach der die Finger seiner anderen Hand entschlossen greifen, tobend zu hämmern. Das Haupt flammenumsprüht, das Bein nervig gegen das Grün des Sinau gestemmt, steht dieser Gottesstreiter im Gesang des wild auseinanderstrebenden Feuermeers da. Zwischen dieser Elementarkatastrophe und dem folgenden Bild, Johannes den Täufer darstellend, liegt eine Welt. Aller Aufruhr, aller Sturm ist milde geworden, weggewischt der Taumel der Kraft, der eine Freude den Augen und Sinnen geboten hat, und an deren Stelle ist ein tief die Seele erschütterndes Mysterium getreten, das den Knaben Barasch auf der bisherigen Höhe seines Schaffens zeigt. Dieser Johannes, der groß und hingebungsvoll unter dem Glutenhimmel steht, während in seinem Rücken die Sonne in brodelnden Flammen zischt, ist mehr als Künder eines Kommenden, er ist die Menschwerdung der gläubigen Gottesdienerschaft, die, alle Zweifel überwindend, schon mit der Hand nach dem Gewande greift, um es von der Schulter zu reißen und nackt vor Gott dazustehen. Ein Messias harrt der Vollendung. Er zeigt so recht, wie sehr der Geist des Knaben in den letzten Monaten gereift ist. Nackt, in kraftvoller Männlichkeit, mit einem Antlitz, aus dem heldische Entschlossenheit leuchtet, steht dieser Messias hinter einem Baum, den er, Symbol der sprossenden Natur, mit einer seiner Hände umfaßt, während er die andere Hand einer Schlange entgegenhält, die in schmeichelnder Liebe sie umwindet. Sein Knie ruht auf dem Rücken eines Löwen, der sanft zu seinem Ueberwinder emporblickt; zu seinen Häupten schwingt ein Aar. So sieht dieser Zwölfjährige den Messias - und man fragt sich, woher dem Kinde die Erleuchtung zu dieser großen und reichen Idee kam.
Nur wenige Bilder konnten aus der großen Zahl herausgegriffen werden - man würde gerne bei jedem länger verweilen. Doch an dem „Heimatlosen“, einem kleinen Bilde, möchte man doch nicht vorbeigehen. So zerrüttet und von Leidenschaften gepeitscht, sah man in den wachen Träumen der Knabenjahre die Gestalten E. Th. A. Hoffmannischer Phantastik: Medardus oder Kapellmeister Kreisler.
Moses Barasch ist gewiß auf dem Wege zu größeren künstlerischen Taten. Die Tatsache, daß jedes neue Bild einen Fortschritt gegenüber dem zuletzt geschaffenen bildet, beweist, daß man auf viele neue Ueberraschungen gefaßt sein darf. Unberührt von diesem Erfolg geht der Knabe sicher seinen Weg zur Vollendung, ganz versunken in die ewigen Legenden der Bibel, die ihm immer neuen Stoff bietet; wunderbar tief empfundene Federzeichnungen zur Akolypse [Apokalypse] zeigen, wie tief Moses Barasch in den Geist der Offenbarung eingedrungen und unverdrossen ist er in immer neuen Abwandlungen um die geliebte Figur des Täufers Johannes, die ihn am stärksten anzieht, bemüht.
Am 10. Juni wird Dr. Vladimir Zaloziecky in der Toynbeehalle über Moses Barasch sprechen. Bei dieser Gelegenheit werden auch die neuesten Bilder des jungen Künstlers zu sehen sein.
Alfred Kittner

(330611c4)


Sadagora [S. 4, rechts, Mitte]
(9-jähriger Knabe beim Spiele getötet.) Dienstag, 3 Uhr nachmittags spielten mehrere Schüler der Sadagoraer Volksschule während einer Unterrichtspause im Schulhofe. Durch eine zufällige Bewegung kam eine der beiden Betonsäulen, die beim Hofeingang befindlich und durch ein Drahtgitter verbunden sind, zu Falle und begrub den 9-jährigen Schüler Leiser Blum, Sohn des Kaufmannes Isak Blum, unter sich. Das Kind blieb auf der Stelle tot. Das Verschulden an diesem schrecklichen Unfall trifft die Stadtgemeinde, die, anstatt die in hohem Grade baufällige Gemeindevolksschule zu reparieren, das Geld für die Bepflanzung mit Bäumchen verwendet.

(330611t4)


Seite 7

Todesfall [S. 7, unten, links]
Der Prokurist der Holzindustrie A. G. „Bucovina“, Max Eckstein ist am Freitag nach langem Leiden im Alter von 56 Jahren verschieden. Der Verstorbene erfreute sich wegen seiner Lauterkeit und Pflichttreue größter Wertschätzung.

(330611t7)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 370, Dienstag, 13.06.33

Postby Klaus Binder on 14. June 2011, 12:07

Seite 2

Von der Universität [S. 2, oben, Mitte]
Heute tritt der Universitätssenat zusammen

Wie bereits mitgeteilt, waren für Samstag die ersten Prüfungen an der Universität angesetzt. Die Prüfungen, zu welchen nur wenige Studenten erschienen sind, fanden in voller Ruhe statt. Die polizeilichen Behörden waren auch Samstag bei der Universität zur Stelle.
Die Situation bei den christlichen Studenten ist nach wie vor die gleiche. Wie wir authentisch erfahren konnten, beharren die Studenten auf ihren Forderungen, besonders aber auf der Reduzierung der Universitätstaxen. Sie stützen sich hiebei auf eine Gesetzbestimmung, nach der als Prüfungstaxe nicht mehr als 100 Lei festgesetzt sind. In der Frage der Taxen sollen auch die jüdischen Studenten sich für eine Reduzierung ausgesprochen haben.
Heute tritt der Universitätssenat zusammen, um über das neue, von den Studenten überreichte Memorandum zu entscheiden.
Samstag ist, wie vom „Tag“ bereits angekündigt, das Organ des Studentenzentrums „Das rumänische Gewissen“ erschienen. Die erste Nummer dieser Zeitung publiziert u. a. auch einen Artikel des Universitätsprofessors Braileanu.

Kein Vertrauen zu den Universitätsbehörden
In einem Aufsatz wird ein Ueberblick über die Vorgänge an der Czernowitzer Universität gegeben, und es werden die bereits bekannten Forderungen aufgestellt. Es wird auf die materielle Situation der Studenten verwiesen und behauptet, daß sie außerstande sind, sechs Monate unter allen Entbehrungen zu studieren und dann noch hohe Taxen zu zahlen. Daher seien alle christlichen Studenten in der Forderung nach Reduzierung der Universitätstaxen solidarisch. Die Studentenschaft protestiert auch gegen die Verhaftung ihres Kollegen Piticariu, der am 4. Juni wegen Affichierung eines Appells an die Studentenschaft dem Militärgericht in Jassy überstellt wurde. Es wird weiters betont, daß durch das Verhalten einiger Universitätsprofessoren, durch die Aufhebung der Universitätsautonomie, die Beziehungen zwischen Professoren und Studenten sich so verschärft haben, daß die Studenten das Vertrauen zu den kompetenten Universitätsfaktoren verloren haben. Angesichts dieser Tatsachen beschloß die Studentenschaft zum Zeichen des Protestes, zu den Prüfungen in der Junisession nicht zu erscheinen.

Das Studentenzentrum und Costache
Der Präsident des Studentenzentrums Mircea Ott äußerte sich einem Redakteur des „Tag“ gegenüber über die Einstellung der Studentenschaft zu dem in Jassy in Haft befindlichen Costache u. a. wie folgt:
Wir sind für die Freilassung Costaches, wenn wir auch alle seine Handlungen nicht billigen. Wir verstehen den Kampf zur Verteidigung der nationalen Interessen mit legalen Mitteln und mißbilligen Straßenexzesse und Handlungen, wie sie Costache begangen hat. Man kann nur mit seinesgleichen in einer Frage paktieren, nicht aber mit Personen, die polizeibekannt sind und sich zu jeder Tat hinreißen lassen!

Costache enthaftet
Wie uns aus Jassy gemeldet wird, wurden die Studenten Costache und Galca nach elftägigem Hungerstreik bis zur Verhandlung auf freien Fuß gesetzt.

(330613c2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Rumänien für die Aufrechterhaltung des Goldstandards [S. 3, oben, links]
Bukarest, 11. Juni (Tel. des „Tag“). Zur bevorstehenden Tagung der Weltwirtschaftskonferenz äußerte sich Ministerpräsident Vaida über die Aufgaben der rumänischen Delegation. Rumänien, so betonte Vaida, wird zusammen mit Frankreich, Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien für die Beibehaltung des Goldstandards eintreten. Die rumänische Delegation wird bei Behandlung der wirtschaftlichen Fragen eine abwartende Stellung einnehmen. Nur wenn die Großstaaten es versuchen sollten, sich über die Interessen der landwirtschaftlichen Staaten hinwegzusetzen, dann wird die rumänische Abordnung eine Erklärung abgeben, die nichts anders als den Beginn des Wirtschaftskrieges gegen diese Staaten bedeuten wird, die ihre Plätze für die Agrarprodukte sperren sollten. Dann ist es nicht ausgeschlossen, daß Rumänien Handelsabkommen im Wege der Kompensation mit Italien und Deutschland unabhängig von den politischen Verhältnissen eingehen wird. Rumänien wird sich eben eigene Absatzplätze für die Agrarprodukte suchen müssen.

(330613r3)


Der Jude Max Baer schlägt den Nazi-Schmeling Knockout [S. 3, Mitte, rechts]
Freitag hat, wie berichtet, in New York der Ausscheidungskampf um die Weltmeisterschaft zwischen dem Exweltmeister Max Schmeling und dem amerikanischen Juden Max Baer stattgefunden. Schmeling hätte diesen Umweg nicht gehen müssen, weil ihm von seinem vorjährigen zweifelhaften Besieger Sharkey eine Revanche angeboten worden war, die der Deutsche deshalb ablehnte, weil ihm der angebotene Prozentsatz aus dem Reingewinn dieses Boxkampfes (12.5 Prozent) nicht entsprach. Er entschloß sich vielmehr, vorerst ein Kraftmessen gegen Max Baer, der seit 1932 sensationelle Siege errungen hat, einzugehen und hoffte dann, gegen den Sieger aus dem Ende dieses Monats stattfindenden Kampf Sharkey-Carnera bessere Bedingungen stellen zu können.
Zur allgemeinen Ueberraschung hat Schmeling, für den die Wetten 2:1 standen, den Kampf gegen Baer verloren und kommt als Anwärter auf die Weltmeisterschaft nicht mehr in Betracht. Das harte Messen wurde in der 5. Runde für Baer entschieden, als es ihm gelang, das rechte Auge Schmelings so stark aufzuschlagen, daß es sich durch die Aufschwellung gänzlich schloß und den Exweltmeister an der Entfaltung seiner Fähigkeiten stark behinderte. Von der 6. bis zur 10. Runde wurde Baer immer besser, Schmelings Verteidigung ward schwächer und unsicherer, Baer schlug Schmeling Knockout, was den Ringrichter veranlaßte Baer den technischen K.-o.-Sieg zuzuerkennen.

*
Baer ist 24 Jahre alt, Jude, und in Nebraska geboren. Er begann seine Laufbahn als Boxer mit 18 Jahren, hatte aber dann das Unglück, einen Gegner - Frankie Campbell - derart unglücklich zu treffen, daß dieser starb. Er konnte, wohl unter dem Eindruck dieses Ereignisses, seine Form nicht finden und erlitt später einige Niederlagen. In der letzten Zeit war Baer aber wieder der „Alte“, und sein Sieg über Schmeling rechtfertigte das Vertrauen, das ihm von den Fachleuten, insbesondere von dem ehemaligen Weltmeister Jack Dempsey, entgegengebracht wurde.
Daß Schmeling, der sich vor seiner Abreise nach Amerika den Nationalsozialisten verschrieben, und wie es heißt, sogar bei Hitler um Erlaubnis angesucht hatte, gegen den Juden Baer zu kämpfen, ist natürlich nur ein pikantes Detail. Es beweist nur, wie unsinnig jede Art von Politik im Sport ist. Daß der Nazi Schmeling, Heros des deutschen Boxsports, vom Juden Baer k. o. geschlagen wurde, hat die Sache nur interessanter gemacht. Das Hakenkreuz hat sich für Schmeling als schlechter Bundesgenosse erwiesen.

Dazu wird noch gemeldet: Der Boxkampf stand im Zeichen: hie germanische - hie semitische Rasse! Von Baer wird erzählt, er habe vor dem Kampf erklärt, jeden Hieb, den er Schmeling versetzen würde, sei ein Schlag gegen Hitler. So war es auch gekommen. Nach Meldungen aus New York waren die 65.000 Zuschauer vom Siege Baers begeistert, ein Taumel hatte die Amerikaner erfaßt, wie er noch nie in New York konstatiert wurde.

Max Schmeling und Anny Ondra heiraten. Aus Berlin wird gemeldet: Wie das „Tempo mitteilt, wird auf dem Anschlagsbrett des Standesamtes in Charlottenburg das Eheaufgebot des in New York geschlagenen Ex-Weltmeisters Max Schmeling mit der bekannten Filmschauspielerin Anny Ondra verkündet.

(330613w3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 371, Mittwoch, 14.06.33

Postby Klaus Binder on 14. June 2011, 12:16

Seite 1

König Georg V. eröffnet die Weltwirtschaftskonferenz [S. 1, oben, rechts]
London, 12. Juni (Tel. des „Tag“). London stand heute unter dem gewaltigen Eindruck des welthistorischen Ereignisses der Zusammenkunft von Delegierten aus 68 Staaten. Lange vor dem Beginn der Konferenz sind die Delegierten im geologischen Museum erschienen. Alles ist in feierliches Schwarz gekleidet, lediglich die Vertreter Iraks und der arabischen Staaten tragen goldbedeckte Mäntel, Kopftücher, und diese Exoten bringen in das nüchterne Bild Stimmung. Unter den Journalisten sieht man den früheren Oberbürgermeister von New York James Walker, der einst in goldener Staatskarosse seinen Einzug in London gehalten hatte.

Um 3 Uhr ist alles auf den Plätzen, König Georg, begleitet vom Ministerpräsidenten MacDonald und dem Generalsekretär der Konferenz Avenol, betritt den Sitzungssaal. Zum Gruße des Königs erheben sich alle von ihren Sitzen. König Georg trägt ein schwarzes Kappy und im Knopfloch eine weiße Nelke.

Der König, der stehend seine Begrüßungsrede hielt, beginnt in deutscher, setzt die Rede in französischer Sprache fort und endet seine Begrüßung in englischer Sprache.

König Georg sagte u. a.:
Die ganze Welt ist von wirtschaftlicher Depression ergriffen. Die Delegierten von 68 Staaten sind nun zusammengekommen, um Mittel und Wege zur Beseitigung der Krise zu finden.
Die Nationen haben heute nur ein einziges Ziel, aus diesem Weltchaos herauszukommen. Einen Fortschritt der Zivilisation und der Menschheit würde die erfolgreiche Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bedeuten, und alle Bestrebungen müssen dahin gehen, dieses Problem zu lösen. Er, der König, bete zu Gott, daß der Menschheit endlich der Wohlstand wieder gegeben werde.
Es sprach hernach Ministerpräsident MacDonald. Er betonte, daß die Kriegsschuldenfrage als erstes Problem behandelt werden und als erstes Hindernis aus dem Wege geschafft werden müsse, MacDonald betonte die Notwendigkeit der Lösung des Arbeitslosenproblems, welches nun durch praktische Vorschläge und nicht durch wirtschaftliche Theorien behandelt werden soll.
Um 4 Uhr 40 war die Sitzung zu Ende. Die Konferenz vertagte sich bis morgen nachmittags. Inzwischen wird ein Ausschuß die Prüfung der Begläubigungsschreiben vornehmen.

(330614w1)


Seite 3

Ein Fest der Kaufmannschaft [S. 3, oben, links]
Ehrenabend für Dr. Jaques Schnee

Zu den populärsten und beliebtesten Persönlichkeiten der Stadt gehört unzweifelhaft Herr Dr. Jaques Schnee, welcher schon in sehr jungen Jahren eine Rolle im jüdisch-politischen und wirtschaftlichen Leben spielte und jetzt zu den vornehmsten Repräsentanten der Czernowitzer Kaufmannschaft zählt, die ihm die höchsten Ehrenstellen, welche dieselbe zu vergeben hat, verliehen. Herr Dr. Schnee ist seit vier Jahren Vizepräsident der Handels- und Industriekammer, und wurde erst jüngst zum Präsidenten des altehrwürdigen, mehr als zwei Menschenalter zählenden Kommis- und Buchhaltervereins gewählt. Diese Wahl gab der Kaufmannschaft Anlaß, Herrn Dr. Schnee die gebührende Ehrung zuteil werden zu lassen, indem sie am Samstag einen Festabend in der Halle des Schwarzen Adlers veranstaltete, welcher vom rührigen Kammerrat Max Weißmann arrangiert wurde und einen glänzenden Verlauf nahm.
In der festlich geschmückten Halle fanden sich die Mitglieder der Kaufmannschaft von Czernowitz, die Vertreter der verwandten Berufe, viele politische Persönlichkeiten und Advokaten, Journalisten u. s. w. ein.
Als erster toastierte Herr Max Weißmann auf Dr. Schnee. Dann sprach Herr Leon König als Gremialpräsident, der den Werdegang des Kommis- und Buchhaltervereins und die Tätigkeit des Vaters Dr. Schnees in demselben schilderte. Herr Direktor Roll hob in einer Ansprache die Tatsache hervor, daß Dr. Schnee trotz seiner akademischen Bildung und seines Doktortitels die kaufmännische Tradition seines Vaters fortsetzte und so den Kaufmannsstand hob. Dir. Roll sagte: Drei Dinge gibt es nur in dem Leben der Menschen, die das Höchste und Wertvollste darstellen: Arbeit, Bildung und Anständigkeit. Alles andere sei von minderer Bedeutung. Dr. Schnee besitze alle drei Tugenden in hohem Maße und daraus erkläre sich seine Beliebtheit und deshalb gereiche er der Kaufmannschaft zur Zierde und Ehre. Ich lobe den Mann und seinen Beruf, der von den größten Dichtern und Schriftstellern, wie Lessing, Schiller, Freytag, Rotteck, welche den Kaufmann verherrlichten, in unvergeßlichen Werken als „ehrenwerter Kaufmannsstand“ benannt wurde, sagte Dir. Roll und erhob sein Glas auf das Wohl der ehrenhaften Czernowitzer Kaufmannschaft. Es folgten schöne Reden von vielen anderen Anwesenden, Herrn Gläsner, Hammer, Doregger usw. Besonders hervorzuheben ist die Rede des Dr. Straucher, der mit einem beneidenswerten jugendlichen Temperament den ganzen politischen Werdegang Dr. Schnees, dessen Makellosigkeit, Ehrenhaftigkeit und seine besondere Treue schilderte. Dr. Strauchers Rede machte großen Eindruck.

Eine sehr gehaltvolle Rede hielt Dr. Kassner, welcher anschließend an die Worte des Dir. Roll ebenfalls als Devise Arbeit, Bildung und Anständigkeit der hiesigen Kaufmannschaft empfahl und konstatierte, daß diese Tugenden in reichem Maße heute bei den Czernowitzer Kaufleuten vorhanden seien.

Dr. Schnee dankte in längerer Rede allen Rednern und allen Anwesenden, warf einen Rückblick auf seine kaufmännische Tätigkeit, schilderte die Bedeutung des Kommis- und Buchhaltervereines und gelobt der Tradition treu zu arbeiten. Mit einem begeisterten Appell an die Kaufmannschaft zur Pflege der Nächstenliebe schloß die Feier.

(330614c3)


Todesfall [S. 3, unten, Mitte]
Am Sonntag verschied der pensionierte Bahnbeamte Teofil Branowitzer im Alter von 69 Jahren. Die Bestattung findet heute um 3 Uhr nachmittags von der Friedhofskapelle aus statt.

(330614t3)


Seite 4

Gegen Nazi in Rumänien
Kongreß der Lupisten in Falticeni [S. 4, oben, links]

Sonntag 11 Uhr vormittags fand in Falticeni der Kongreß der Lupupartei statt, an dem mehrere tausend Personen teilnahmen. Die Bukowina war durch Dr. Reut, Dr. Scalat, Advokat Hirschhorn, Professor Vasilache, Procopovici und Gutsbesitzer Rosenblatt vertreten.

Im Namen der Bukowiner Organisation sprach Dr. Reut, der auf die Verarmung aller Bevölkerungsschichten hinwies. Die einzige Rettung für das Land wäre die Abberufung der gegenwärtigen Regierung.

Zum Schluß befaßte sich Dr. Lupu eingehend mit der Situation des Landes, übte scharfe Kritik an der Tätigkeit der Regierung und verwies auf die Ideologie der lupistischen Partei. Redner kam auf die extremistischen Strömungen zu sprechen. Wenn Cuza behauptet, daß das Uebel des Landes ausschließlich die Juden sind, müßte ich an ihn die Frage stellen, ob in die Skodaaffäre außer Ministern und Generälen auch Juden verwickelt sind.

Ueber den Hitlerismus sagte Dr. Lupu:
Die Naziströmung in Deutschland betrachte ich als einen Wahnsinn. Es handelt sich aber um eine Strömung, die außerhalb unserer Grenzen liegt. Was uns betrifft, müssen wir den Hitlerismus entschieden ablehnen, da er nur brutale Methoden kennt.

Die Revision der Grenzen, wie sie die Nazi verlangen, darf und wird nicht erfolgen. Ich und alle gut gesinnten Rumänen werden bis zum letzten Blutstropfen für die Erhaltung der Grenzen kämpfen.

Hitler sucht Verbündete in Rumänien
Zum Schluß sagte Dr. Lupu: Nachdem sich das Nazi-Deutschland die Gegnerschaft der ganzen Welt zugezogen hat, weil es in brutaler und unrechtmäßiger Weise gegen die jüdischen Bürger vorgegangen ist, sucht es nun Bundesgenossen, um der Welt zu zeigen, daß der Hitlerismus nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Fuß gefaßt hat. Zu einem solchen Spiel geben wir uns nicht her. Hitler sucht noch rechtzeitig einzulenken, um jetzt den 600.000 Juden Recht widerfahren zu lassen, es ist aber bereits zu spät. Aber auch die Absichten Hitlers, seine Methoden nach Rumänien zu verpflanzen, haben fehlgeschlagen. Jeder kehre vor seiner eigenen Tür. Herr Hitler möge sich in Deutschland umschauen, in Rumänien hat er nichts zu suchen. (Brausender Beifall). Wir müssen allen Minoritäten Recht gewähren, wir müssen sie gut behandeln, damit sie nicht mit scheelen Blicken über die Grenze schauen. Wir wollen demnach der Million Juden die volle Gleichberechtigung gewähren. Alle Minoritäten wollen wir zu Freunden haben, denn Feinde haben wir genug.
Dr. Lupu befaßte sich des weiteren mit der Tätigkeit des Professors Cuza. Er betonte, daß Cuza derjenige war, der im Jahre 1932 die Mißhandlungen der Arbeiter gutgeheißen hat. Cuza war es auch, der sich für die Demission Manius und Mihalaches ausgesprochen hat, obwohl es richtiger gewesen wäre, wenn seinerzeit der Polizeipräfekt und der Gendarmeriekommandant ihrer Posten enthoben worden wären. Schließlich, als der Redner die Skodaaffäre aufrollte, hatte ihm Cuza gesagt, er habe die Armee kompromittiert. Ich werde auch weiter, so schloß Dr. Lupu, im Interesse des Landes handeln und alle Gaunereien aufdecken. Ich werde auch nicht versäumen, im gegebenen Zeitpunkt das Land auf die unglückliche Politik des Professors Cuza aufmerksam zu machen. (Langanhaltender Beifall).

(330614r4)


Seret [S. Mitte, unten, rechts]
(Beim Spiele getötet). Sonntag nachmittags fand der 13-jährige Knabe Roman Moldovan auf der Wiese ein noch aus der Kriegszeit herrührendes Geschoß, welches ihm beim Spiel aus der Hand fiel und explodierte. Der Knabe wurde in Stücke gerissen.

(330614t4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 372, Donnerstag, 15.06.33

Postby Klaus Binder on 15. June 2011, 02:21

Seite 1

Nazis bestreiten
Oesterreich im Vordergrunde [S. 1, oben, links]

Wien, 13. Juni. (Tel. des „Tag“). Die Spannung wächst von Stunde zu Stunde. Die Aktion der Nationalsozialisten in Oesterreich geht nach demselben Schema vor sich, mit dem sie in Deutschland monatelang vorher die Ordnung und Ruhe gestört haben. Es sind Terrorakte, Einschüchterungsversuche, das Auftischen der Märchen, nicht sie (die Nationalsozialisten) haben das Attentat auf Steidle verübt, sondern Kommunisten und Juden seien Provokateure, sie selbst suchen nur den „legalen Weg“, die Regierung Dollfuß zu stärken, Neuwahlen auszuschreiben und die Macht zu erlangen.

Lähmende Spannung
Die Schließung des Braunen Hauses und aller von den Nationalsozialisten erhaltenen Organisationen im ganzen Reiche ging nicht ohne Blutvergießen vor sich. Ueberall sind die nationalsozialistischen Führer verhaftet und die Parteihäuser geschlossen worden.
Eine lähmende Spannung hat Oesterreich ergriffen. Die Meldungen aus allen Teilen des Landes wissen von schweren Kämpfen zu erzählen.
Dollfuß hat telegraphisch, wie die Blätter mitteilen, Steidle, der in einem Innsbrucker Krankenhause liegt, zum Staatssekretär für Propaganda ernannt.
Die Nationalsozialisten verbreiten die Meldung, Dollfuß werbe in London für Oesterreich. Die Berliner Blätter sind voll von gehässigen Informationen über Dollfuß Tätigkeit in London. Dollfuß wird nicht anders als „Verräter des deutschen Geistes“, der Verräter der deutschen Nation bezeichnet.

Habicht verhaftet
Mittags haben die Berliner Blätter die Sensationsnachricht ausgegeben, daß der deutsche Reichstagsabgeordnete Habicht in Linz verhaftet wurde. Habicht habe Widerstand entgegengesetzt und sich auf seinen Diplomatenpaß berufen. Die deutsche Presse verurteilt die Maßnahmen gegen Habicht und beruft sich darauf, daß er als Presseattache der deutschen Gesandschaft in Wien Exterritorialität in Anspruch nehme.

Weiters wird gemeldet: Gegen vier Uhr nachmittags wurde der Bezirksleiter der S. A. verhaftet.

An allen Ecken und Enden findet man neue Sprengstoffe. Man sieht darin die Einheitlichkeit der Handlungen. In einem Einheitsgeschäft explodierte eine Bombe. Es wurde niemand verletzt. Als Täter wurden zwei junge Leute verhaftet.

(330615w1)


Sie leugnen alles ab [S. 1, links, Mitte]
Juden und Kommunisten sind schuldig

Der Landtagsabgeordnete Frauenfeld erschien im Polizeipräsidium und legte Protest ein, daß die Nationalsozialisten in Wien der Terrorakte beschuldigt werden. Die nationalsozialistische Parteileitung in Oesterreich verurteilt „aufs schärfste“ die Vorgänge und erklärt, sie sei „niemals vom legalen Wege“ abgegangen. Was in den letzten 24 Stunden - sagen sie - geschehen ist, sei nur eine „Folge der ständigen Gewalttaten der Behörden“.
Nachmittags wurde ein Flugblatt verbreitet. Dasselbe spricht von „Provokateuren, die die Unruhe in das Land tragen“. Die ganze Verantwortung wird in diesem Flugblatt auf die Regierung Dollfuß überwälzt.

Der nationalsozialistische Gauleiter veröffentlicht einen Aufruf, in welchem die „Genossen zur Ruhe und Disziplin“ aufgefordert werden. „Wir erheben in scharfer Weise Einspruch gegen die von der jüdischen Presse und der der jüdischen Presse hörigen Parteimitglieder unterstützten Versuche, unsere Bewegung mit den Sprengstoffattentaten in Beziehungen zu bringen. Der Aufruf schließt mit den Worten: „Wir werden ehrlich kämpfen“ und „ehrlich siegen“. Heil Hitler!

(330615w1)


Belagerungszustand soll verhängt werden [S. 1, unten, links]
Wien, 12. Juni (Tel. des „Tag“). Während der ganzen Nacht war das Polizeiaufgebot verstärkt, um eine Wiederholung der Demonstrationen zu verhindern. Es kam hiebei zu Zusammenstößen zwischen Nazimitgliedern und der Polizei. Zwanzig Verhaftungen wurden vorgenommen.
Die Polizei erhielt genaue Informationen, daß die Nazis den Plan gefaßt hatten, mehrere öffentliche Gebäude in die Luft zu sprengen. Diese Dynamitattentate sind schon seit längerer Zeit vorbereitet. In einem Kommunique teilen die Nationalsozialisten mit, daß die Unruhen infolge der von der Bundesregierung ergriffenen Maßnahmen entstanden sind. Die „Nacht-Post“ und die „Wiener Allgemeine Zeitung“ wurde wegen dieser Mitteilung beschlagnahmt.
Das „Oesterreichische Abendblatt“, welches gute Beziehungen zur Heimwehr unterhält, teilt mit, daß in den nächsten 24 Stunden die nationalsozialistische Partei verboten und ihre Organisationen aufgelöst werden.
Um diese Maßnahme durchzuführen, beabsichtigt die Regierung, den Belagerungszustand über ganz Oesterreich zu verhängen.
Bundeskanzler Dr. Dollfuß beglückwünschte Steidle zum Mißlingen des auf ihn verübten Attentats und nennt ihn den „Verteidiger des unabhängigen Oesterreich“.
Es wurde bereits festgestellt, daß das Attentat auf Steidle von einem Nationalsozialisten begangen wurde. Das „Abendblatt“ verlangt die Auflösung der nationalsozialistischen Partei.

(330615w1)


Oesterreich [S. 1, oben, rechts]
Der Alarm ob Oesterreichs Schicksal erfüllt heute die ganze Welt. Die Terrorakte der Nationalsozialisten gegen öffentliche Gebäude und Persönlichkeiten, die das Dollfuß-Regime verteidigen, die Attentate gegen Institutionen der Wirtschaft, die bekannten Nazi-Methoden, die die Verwaltung und Politik der auf die Unabhängigkeit Oesterreichs bedachten Bundesregierung einschüchtern, sie in der öffentlichen Meinung desavouieren, wirtschaftlich schwächen und ihr den Lebensfaden unterbinden sollen, -- das ist im Großen und Ganzen das Hitler-System, vom Reich ins Oesterreichische übertragen. Ein telegrafisch übermitteltes Stimmungsbild aus London informiert uns, daß die Ereignisse in Oesterreich an Interesse den Vorrang vor den großen Aufgaben der Weltwirtschaftskonferenz gewonnen haben. Die Vertreter der sechsundsechzig Nationen, welche gegenwärtig in der Hauptstadt Britanniens versammelt sind, sprechen weniger vom Währungsproblem, der Kriegsschuldenfrage, der Autarkie, als nur von Wien und seinen Nazis.

Wird es der Bundesregierung gelingen, Herr der Nazi-Politik zu werden? Aller Blicke sind auf die österreichische Hauptstadt gerichtet. Und während man auf neue Nachrichten horcht, häufen sich dort die Bombenanschläge, es pfeifen die Kugeln aus Revolvern und Gewehren gegen Heimwehrleute, in die Geschäftslokale werden Bomben zur Explosion gebracht, die Gegend um die Börse wird in Unsicherheit gebracht, die Festeswochen von Wien sind verdüstert - weil die Nazis mit ihrer Taktik den Fremdenverkehr, auf den die Oesterreicher angewiesen sind, unterminieren wollen, um die Wirtschaft zu stören und Profit für ihre Politik zu ziehen. Dazu kommt die Heuchelei ihrer Vorsprachen und in Flugblättern, daß diese Attentate nicht nationalsozialistischen Ursprungs sind, sondern von Provokateuren - wie oft schon haben wir diese Legende gehört, diese mit der Hand zu greifende Lüge, diese Taktik, die darauf ausgeht, nach dem Schema der Greuelpropaganda Ursache und Wirkung ihrer Methoden zu verwechseln. Das ist echte Nazi-Moral, echtes Hitlertum, das ist der neue Geist, der der Welt eingeimpft werden soll, der Geist der Lüge und Unkultur, dieses scheinheilige Beschwören, wir sind unschuldig, die anderen sind die Verbrecher - das ist die Maskerade, in der sich das echtnordische Hitlertum verbirgt.
Oesterreich ist in Gefahr! Das spürt jeder, der sich mit der Notwendigkeit der Erhaltung des Friedens verbunden fühlt, und jeder zittert bei dem Gedanken, daß dieses Nazirowdytum, das nichts neben sich duldet, wie man es soeben an dem Münchner Beispiele gesehen hat, auch nicht die katholischen Veranstaltungen, an denen der Vizekanzler von Papen und Kardinal Faulhaber teilnehmen sollten, nur sich selbst in den Vordergrund stellend, den Sieg über Oesterreich erlangen könnte.
Aber es ist dafür gesorgt, daß die Nazibäume nicht in den Himmel wachsen. Allzusehr ist die Existenz Oesterreichs mit der heutigen Gestaltung Europas verknüpft, und diese heutige Gestaltung gebietet, daß vor allem keine Veränderungen der geographischen Karte erfolgen, daß aber auch nicht der Hitler-Geist über die Reichsgrenzen dringt. Dieser Geist ist Giftstoff mit epidemischem Charakter, und gegen die Gefahr der Verbreitung der Seuche muß bald europäische Hilfe sich regen. Der Kulminationspunkt dieser Gefahr ist erreicht.
Ego

(330615w1)


Seite 2

Familiennachricht [S. 2, Mitte]
Am 1. Juni fand in Tel Aviv die Trauung des Fräulein Ethel Nagler mit Herrn Dr. Adolf Löbel statt.

(330615i2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Die ersten Nachrichten aus London günstig [S. 3, oben, Mitte]
Wichtiger Ministerrat

Bukarest, 13. Juni (Tel. des „Tag“). Ein Ministerrat unter dem Vorsitz Vaidas befaßte sich ausschließlich mit den Vorgängen bei der Weltwirtschaftskonferenz. Alle Regierungsmitglieder sind sich in der Aufrechterhaltung der Stabilisierung einig. Nach dem Ministerrat erklärte Mironescu Journalisten, daß die aus London von der rumänischen Delegation eingetroffenen ersten Nachrichten günstig lauten. Es besteht die Hoffnung, daß die Staaten, die den Goldstandard aufgegeben haben, ihre Währungen stabilisieren werden. Schließlich glaubt Mironescu an die Möglichkeit der Schaffung einer internationalen Währung. Nach dem Ministerrat hat sich Außenminister Titulescu nach London begeben.

(330615r3)


Theater und Kunst
Chamäleon [S. 3, unten, rechts]
im jüdischen Sommertheater „Goldfaden“ am 16. Juni

Nach langer, zu langer Pause wieder Chamäleon-Rampenlicht des uns lieb gewordenen Amateur-Ensembles, das treu seinem frei gewählten Namen uns neue Nuancen seines schillernden Farbenkleides zeigen wird. Alte Volksmotive in neuer Form und künstlerischer Kombination, biedere und groteske Masken, Typen aus jüdischem Einst und Heute, Verse mit und ohne Tendenz der erste Teil des Programmes.
Der zweite eine Revue: jüngste Geschichte unserer Welt, Ereignisse und Personen unserer Stadt, alles und alle bald mit wohlwollendem, bald mit beißendem Spott übergossen, die einzelnen Bilder in Gassenhauermusik eingesackt, Kaleidoskop, dessen Farben einzeln uns so bekannt anmuten, das in seiner Gesamtheit feste, künstlerische Hand und ernsten Kunstwillen bekundet. Wir erwarten mit Interesse das diesjährige Debut der Studie.
Mit den Chamäleon-Vorstellungen wird die Sommersaison des „Goldfaden“-Theaters eröffnet. Das Erträgnis ist für die Kinderkolonie Wizenka bestimmt. Details in den Affichen. Bei Regenwetter geschützt.

(330615c3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 373, Freitag, 16.06.33

Postby Klaus Binder on 16. June 2011, 13:24

Seite 1

Weltwirtschaftskonferenz [S. 1, oben, links]
Die Weltlage ist schlimmer als vor 12 Jahren
Bedeutsame Rede des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß

London, 14. Juni (Tel. des „Tag“). In der heutigen Sitzung der Weltwirtschaftskonferenz nahm zunächst der amerikanische Staatssekretär Hull das Wort. Alle Plätze waren besetzt und die Tribüne gespickt voll, um die Ausführungen des zweiten Delegierten der Vereinigten Staaten, die mit der größten Spannung erwartet wurden, zu hören.

Hull sagte u. a.:
Die von Panik ergriffene Welt erwartet die Klärung der weltpolitischen Situation von den Arbeitern der Weltwirtschaftskonferenz. Die Weltlage ist viel schlimmer als vor zwölf Jahren. Wenn irgend eine Nation aus egoistischen Gründen die Konferenz zum Scheitern bringen sollte, so könnte es ihr vielleicht vorübergehend nützen, sie wird aber die Hilfe für Europa für immer unmöglich machen. Diese Nation müßte von der Menschheit hingerichtet werden.

Der amerikanische Staatssekretär verwies auf die Notwendigkeit der Bekämpfung der übertriebenen Handelshemmnisse und der Lösung der Hauptfragen, die auf der Tagesordnung der Konferenz stehen.
In den Wandelgängen der Weltwirtschaftskonferenz wurde eingehend die Rede Hulls erörtert.

Oesterreich spricht
Im politischen Mittelpunkt des Interesses stand die darauf folgende Rede des österreichischen Bundeskanzlers Dr. Dollfuß, der klar und übersichtlich die weltwirtschaftliche Situation erörterte. Alle Konferenzteilnehmer lauschten mit der größten Aufmerksamkeit den Worten des österreichischen Bundeskanzlers.

Dr. Dollfuß trat in seiner Rede für eine Regelung der wirtschaftlichen und finanziellen Fragen ein, wobei sich Oesterreich bereit erklärt, an allen Problemen mitzuarbeiten.

Der Bundeskanzler betont, daß Oesterreich den Dienst der Staatsanleihen aufrechterhalten, die Währungsstabilisierung und das Budget ins Gleichgewicht gebracht hat. Dollfuß betonte die Notwendigkeit der Regelung der Schuldenfrage, besprach eingehend die Kredithilfe und sprach sich gegen eine Entwertung der Währungen, weiters gegen Inflationsbestrebungen aus. Es müssen alle Handelshemmnisse beseitigt und die Getreideproduktion gut verwertet werden. Oesterreich ist bereit, einem Zollwaffenstillstand beizutreten und erklärt sich bereit, wirtschaftlich mit den anderen Staaten mitzuarbeiten. Denn auch in der Wirtschaft gilt der Grundsatz: Es gibt keinen Frieden im eigenen Staat, wenn es dem Nachbarn nicht gut geht.
Die Rede des Bundeskanzlers wurde mit großem Beifall aufgenommen.
Es sprach hernach der belgische Außenminister Hymans.

Rußland
Dann folgte der russische Außenminister Litwinow. Die Sowjetunion, sagte er, sei bereit, einem Wirtschaftswaffenstillstand beizutreten, ist aber der Ansicht, daß die Staaten die Maßnahmen des Wirtschaftskrieges aufheben müssen. Denn viele Staaten werden trotz dem Wirtschaftswaffenstillstand mit ihren Wirtschaftsbeschränkungen fortsetzen.
Es sprach hernach im Namen der Kleinen Entente der tschechoslowakische Außenminister Benesch und nach ihm der ungarische Finanzminister.

Der englische Finanzminister
Zum Schluß sprach der englische Finanzminister Chamberlain, der einen Ueberblick über die wirtschaftliche Situation nach dem Kriege gab. England ist im Jahre 1925 zum Goldstandard zurückgekehrt, sah sich aber später veranlaßt, den Goldstandard wieder zu verlassen, um der Wirtschaft aufzuhelfen. Er sehe einen Erfolg der Konferenz nur dann, wenn die Frage der Arbeitslosigkeit, der Kriegsschulden und der Erhöhung der Preise der landwirtschaftlichen Produktion gelöst werden wird. Die Zollgrenzen müßten aufgehoben werden und die Emissionsbanken mitarbeiten, um den Kredit wieder zu beleben.
Die Konferenz vertagte sich für morgen.

(330616w1)


Hakenkreuz-Fahne in Österreich verboten [S. 1, Mitte]
Innsbruck, 14. Juni (Tel. des „Tag“). Nach einer Verfügung der Landesregierung ist das Hissen der Hakenkreuz- und der Schwarz-Weiß-Roten Fahne auf österreichischem Gebiet verboten worden. Der deutsche Generalkonsul hat gegen das Verbot der Verwendung deutscher Reichsfahnen Einspruch erhoben.

Säuberung dauert fort
Wien, 14. Juni (Tel. des „Tag“). Die Verhaftungen von Nationalsozialisten gehen weiter vor sich. In Tirol und Kärnten sind sämtliche Führer nationalsozialistischer Organisationen in Haft genommen. In Wien allein sind hundert Nationalsozialisten und Reichsdeutsche mit sofortiger Wirkung ausgewiesen worden.
In [der] Steiermark versucht die dortige nationalsozialistische Gauleitung, eine Kundgebung gegen die Regierung Dollfuß zu veröffentlichen. Das Flugblatt wurde beschlagnahmt, die Führer der Leitung sind verhaftet worden.

„Unverantwortlich“
London, 12. Juni. Bundeskanzler Dollfuß hat gegenüber einem Vertreter des Reuterschen Büros erklärt: Die heute morgens vom C.N.B.-Dienst des Wolff-Büros im Rundfunk verbreiteten Auslassungen über Oesterreich sind „unerhört und unverantwortlich“.

(330616w1)


250 Zeitungen in Deutschland verboten [S. 1, unten, rechts]
Berlin, 14. Juni (Tel. des „Tag“). In Deutschland wurden bis jetzt 250 Zeitungen, darunter 37 österreichische, verboten.

(330616w1a)


Seite 2

Todesfall [S. 2, Mitte, unten, links]
Im Alter von 67 Jahren verschied der Eisenbahnkassier Theofil Branowitzer. Ein tückisches Leiden hatte ihn aufs Krankenlager geworfen, das er nicht mehr lebend verlassen sollte. Der grausame Tod hat den Kindern einen aufopfernden Vater, der Frau ihren Gatten und den kult. Vereinen ihr langjähriges treues Mitglied geraubt. Den Hinterbliebenen des Dahingeschiedenen wendet sich allgemeine Teilnahme zu. Das Leichenbegängnis fand Dienstag, am 13. Juni l. J. von der Friedhofskapelle unter überaus zahlreicher Beteiligung statt.

(330616t2)


Ueberfall [S. 2, Mitte, unten]
Dienstag um halb 12 Uhr nachts überfiel eine Gruppe von fünf Burschen in der strada Romana (Russischegasse) unweit des Kirchenneubaues, die Herren Abraham Zloczower, Eisig Münster, Osias Kamil und J. Katz, die sich auf dem Heimweg vom Vortrage Dr. Deutschländers befanden. Die Burschen stürzten sich auf die vier Herren und mißhandelten sie mit Stöcken und Fäusten. Weit und breit war kein Wachmann zu sehen.

(330616c2)


Ein Opfer der Autoraserei [S. 2, unten, Mitte]
Dienstag nachmittags wurde der 14-jährige Gheorghe Zeleski im unteren Teil der strada Regele Ferdinand von einem in voller Fahrt heransausenden Automobil erfaßt und zu Boden geschleudert. Der schwerverletzte Knabe wurde in das jüdische Spital eingeliefert. Das Auto setzte die Fahrt fort.

(330616c2)


Die Amnestie [S. 2, Mitte, oben, rechts]
König Carol gewährte anläßlich des Nationalfeiertages am 8. Juni Strafnachlässe und Begnadigungen. Laut dem königlichen Dekret werden Geldstrafen, wenn sie 1000 Lei nicht überschreiten und Freiheitsstrafen bis zu höchstens 15 Tagen ganz erlassen. Die Freiheitsstrafen werden wie folgt herabgesetzt: Freiheitsstrafen von 15 Tagen bis zu 3 Monaten werden auf die Hälfte, von 3 Monaten bis zu 3 Jahren auf ein Viertel herabgesetzt. Geldstrafen von 1000 Lei bis 50.000 Lei werden auf zwei Drittel herabgesetzt. Für Kriegsinvalide und Jugendliche bis zu 18 Jahren gelten folgende Bestimmungen: Freiheitsstrafen bis zu 1 Monat und Geldstrafen, die 10 000 Lei nicht übersteigen, werden erlassen. Auf die Hälfte werden Freiheitsstrafen von 1 bis zu 6 Monaten und Geldstrafen von 10 000 bis 20.000 Lei herabgesetzt. Bei der Berechnung der Strafherabsetzung, sowohl bei Gefängnis- wie auch bei Geldstrafen wird die noch abzubüßende Zeit bezw. der noch zu zahlende Betrag in Betracht gezogen. Der Begnadigung und Strafnachlässe werden nicht teilhaftig: 1. diejenigen, die bereits vorher Strafnachlaß bekamen, 2. diejenigen, die wegen Hochverrat, Spionage, Vergehen und Verbrechen gegen die Sicherheit des Staates, Rebellion, Insubordination, Fahnenflucht, Vergehen gegen die öffentliche Ruhe, Raub, Brandstiftung, Unterschlagung von öffentlichen oder privaten Geldern, Fälschung ämtlicher Dokumente, Bestechung, Betrug, falscher Krida, Vergehen gegen das Alkoholgesetz, (Herstellung, Verkauf usw.), Zollvergehen, Spekulation, Vergehen gegen Art. 305 des Sanitätsgesetzes, rückfällige Verbrecher, wie auch diejenigen, die wegen Vergehen gegen das Monopolgesetz verurteilt wurden. Strafnachlässe und Begnadigungen werden nur in dem Falle gewährt, wenn das Urteil rechtskräftig ist.

(330616r2)


Ergreifung eines Diebes [S. 2, Mitte, rechts]
Dienstag um 12 Uhr mittags bemerkte der Polizeiagent Czerny in der Nähe des jüdischen Nationalhauses den polizeiberüchtigten Stefan Baciu, der ein Paket unter dem Arm trug. Als Baciu des Polizeiagenten ansichtig wurde, warf er das Paket fort und ergriff die Flucht in die Universitätsgasse. Czerny eilte dem Flüchtenden nach und konnte ihn mit Hilfe von Wachleuten festnehmen. Im Paket befand sich ein entwendeter neuer Anzug. Baciu blieb in Polizeihaft.

(330616c2)


Verscheuchter Einbrecher [S. 2, Mitte, rechts]
Der Wächter der Wach- und Schließgesellschaft „Argus“, Pistoreanu, betrat in der Nacht auf Mittwoch einen Mann bei einem Einbruch in die Konditorei Nigelski, Nikolausgasse 5. Das Individuum ließ die Einbruchswerkzeuge am Tatort zurück und ergriff die Flucht.

(330616c2)


Einbruch in Manasteriska [S. 2, unten, rechts]
In der Nacht des 13. Juni wurde in die Wohnung des Ignaz Händel, Manasteriska 492, ein Einbruch verübt, wobei den Tätern Damenkleider im Wert von 60.000 Lei sowie die Summe von 100.000 Lei, die sich angeblich in einem Mantelärmel befand, in die Hände fielen. Die Polizei nahm in der Wohnung des Schwiegersohnes des Bestohlenen, des Plutoniers beim 3. Graniceriregiment, Vasile Karghita, in der str. Cuciurul mare, eine Hausdurchsuchung vor und fand die entwendeten Kleider, während das Geld nicht zustandegebracht werden konnte. Karghita wurde verhaftet.

Verhaftet. Die Polizei verhaftete Josef Braunstein, des Diebstahls verdächtig.

(330616c2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 374, Samstag, 17.06.33

Postby Klaus Binder on 17. June 2011, 02:56

Seite 1

Wer zahlt die Kriegsschulden? [S. 1, oben, rechts]
Zum heutigen Fälligkeitstermin

Washington, 15. Juni (Tel. des „Tag“). Der italienische Botschafter teilte der amerikanischen Regierung mit, daß Italien die Rate von einer Million Dollar als Teilzahlung für die Kriegsschulden leisten werde. Diese Summe wurde von der italienischen Staatsbank bereits angewiesen.
Der französische Botschafter erklärte in Washington, daß Frankreich nicht in der Lage sei, die fällige Kriegsschuldenrate zu zahlen.
Der britische Botschafter teilte mit, daß England die fällige Rate zahle.

Auch Rumänien zahlt
Das tschechoslowakische Außenministerium verständigte heute die amerikanische Regierung, daß die Tschechoslowakei vier Millionen Goldkronen, den zehnten Teil der fälligen Kriegsschuldenrate überwiesen habe.
Auch die rumänische Regierung erklärte sich, nachdem die Verhandlungen zwischen Washington und der Nationalbank beendet wurden, bereit, die fällige Kriegsschuldenrate zu begleichen. Der hiezu notwendige Betrag wurde von der Nationalbank nach Washington überwiesen.
Die belgische Regierung verbleibt bei ihrem am 15. Dezember gefaßten Beschluß und betont, daß sie die fällige Kriegsschuldenrate nicht zahlen kann.

(330617r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Für Liebermann! [S. 2, oben, links]

Aus Berlin wird uns geschrieben:
Großes Aufsehen, aber auch herzliche Zustimmung findet in allen Intelligenzkreisen eine Erklärung des durch und durch arischen Malers Oskar Kokoschka, der mit Wärme für den großen Meister Max Liebermann eintritt, dem bekanntlich schweres Unrecht zugefügt wurde und der deshalb auf alle Würden verzichtete. Kokoschka schreibt u. a.: Mit einem lebhaften, mit der Entfernung von Deutschland und der Zeit wachsenden Bedauern sehe ich, daß in den Reihen seiner Kameraden, die Liebermann ein Leben lang gefolgt sind, keiner es empfindet oder, besser gesagt, keiner es zum Ausdruck bringt, daß der 86jährige Greis, wenn er auch jenseits aller Grenzen der Kunstverbände und deren Interessen stehen mag, mit einem bitteren Gedanken an menschliche Unzulänglichkeit scheiden könnte. Mein Leben ist erst zur Hälfte gelebt, mein Werk noch nicht beendet und das von mir Geleistete vielleicht sogar problematisch. Mißverstanden, verfolgt und ausgehungert - so verlief seit meinem achtzehnten Lebensjahr mein Lebensweg. Ein dornenvoller Weg wie der fast aller Künstler. Deshalb sei es mir gestattet, daß ich für Max Liebermann, dessen Werk getan ist, im Namen der deutschen Künstlerkameraden spreche. Ich weiß es, es gehört kein Mut dazu, für Max Liebermann aufzutreten und zu sagen: Wenn sein Entschluß schon unwiderruflich ist, dann sollte diese Trennung in Freundschaft vor sich gehen, damit kein tropisches Mißverständnis entstehe, welches Lehrer und Schüler entzweit und das nur schaden kann beim Aufbau der neuen Kunst im neuen Deutschland. Wir alle wissen es, Max Liebermann war ein Führer ins Freie, ins Licht, in den deutschen Wald und auf die deutsche Wiese. Und wir wissen es ferner: bei allen Bindungen an ein Volksganzes darf die Wurzel nicht verdorren, die Nahrung und Kraft aus dem Ewig-Menschlichen holt, damit sie unseren Wuchs und unsere Krone bedingen. Vergessen wir doch nicht, daß alle Vater-Länder im Schoße der Allmutter Erde verwurzelt sind. Freudenfeuer und nicht Scheiterhaufen seien dieser göttlichen Mutter, der die Aehre, die Rebe und die Rose geweiht sind, angezündet.

(330617w2)


Die Beamten sind für das Publikum da! [S. 2, oben, links]
Ein beachtenswerter Erlaß des Finanzadministrators

Der neue Finanzadministrator für direkte Steuern, Luca Constantinescu, der erst seit einigen Tagen hier seinen Dienst angetreten hat, übersandte an alle Finanzkontrollore und die ihm unterstellten Organe eine Zirkularnote, in der es u. a. heißt:
Obwohl ich mich erst einige Tage im Dienste befinde, konnte ich auf Grund von unangesagten Inspektionen feststellen, daß die Beamten nach eigenem Gutdünken arbeiten, ohne die Bürostunden oder die im Büro einzuhaltenden Usancen zu beachten. In den Büros muß Reinlichkeit herrschen.
Die in den Büros der Finanzadministrationen erscheinenden Petenten müssen mit der größten Aufmerksamkeit behandelt werden.
Den Petenten muß mit Ratschlägen gedient werden, damit, wenn ihr Anliegen auch nicht sogleich erledigt werden kann, sie wenigstens aufgeklärt werden, warum dies nicht geschieht. Ich wiederhole:
Nicht das Publikum ist für die Beamten da, sondern die Beamten für das Publikum. Denn die Beamten werden von den Steuern der Bevölkerung bezahlt.
Ich habe bei der Inspektion einen großen Teil der Korrespondenz unerledigt gefunden. Es sollen daher alle Maßnahmen ergriffen werden, um die rückständige sowie die laufende Post sofort zu erledigen.
Jeder muß den Dienst im Interesse des Staates erfüllen. Niemand wird in der Finanzadministration mit Gewalt gehalten. Wenn ein Beamter, seine Pflicht nicht erfüllen kann oder will, möge er einem anderen Platz machen.
Die Beamten mögen die höheren Organe über alle Arbeiten, über das Inkasso in Bezirk und der Gemeinde auf dem Laufenden halten. Wer seine Pflicht erfüllt, hilft auch sich selbst.

(330617c2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 375, Sonntag,18.06.33

Postby Klaus Binder on 17. June 2011, 23:53

Seite 2

Grabsteinlegung [S. 2, Mitte, unten]
Sonntag, den 18. ds. findet die Grabsteinlegung nach Hermann Rosenheck um 11 Uhr vorm. statt, zu welcher Verwandte, Freunde und Bekannte geziemend eingeladen werden. 7848

(330618t2)


Grabsteinlegung [S. 2, Mitte, unten]
Sonntag, den 18. ds. findet die Grabsteinlegung nach Hermann Weißmann um 11 Uhr vorm. statt, zu welcher Freunde und Bekannte geziemend eingeladen werden. 2556

(330618t2)


Seite 4

Nahrungssorgen in Russland [S. 4, Mitte, oben]
(Von unserem Berliner Korrespondenten)

Die Nachrichten aus Rußland über die Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigsten Artikeln des Lebensbedarfes lauteten schon seit geraumer Zeit höchst ungünstig. Die ungeheure Anstrengung, mit der im Sinne des Fünfjahresplanes die Kräfte auf die Herstellung von Produktionsmitteln konzentriert wurden, sowie die forcierte Kollektivierung der Landwirtschaft haben Störungen erzeugt, die bereits auf Jahre zurückreichen und über deren einzelne Phasen wiederholt berichtet wurde. Die Lage, wie sie sich im Sowjetreich in der allerletzten Zeit gestaltet, wird jetzt besonders anschaulich im Economist dargelegt, einem Organ, dem das Auftischen von Sensationen und Greuelnachrichten fernliegt, und dem es vor allem auf die objektive Feststellung der wirtschaftlichen Tatsachen ankommt. Der Moskauer Korrespondent des Blattes schreibt, daß, obwohl Moskau als politisches Zentrum hinsichtlich der Versorgung weit besser als die Provinz bestellt ist, die Not auch dort stark vordringt. Die Sowjetbürger erhalten in der Regel Karten auf durchschnittlich ein Pfund Brot pro Tag, auf 1.5 Pfund Zucker pro Monat und auf minimale Mengen von Grütze und Tee. Diese rationierten Portionen sind billig erhältlich, aber sobald jemand die kargen Rationen zu ergänzen wünscht, muß er auf dem offenen Markte exorbitante Preise für die Nahrungsmittel auslegen. Besonders mangelhaft ist die Versorgung mit Fleisch, das selbst in den Läden, die die Mitglieder des diplomatischen Korps zu versorgen haben, schwierig aufzutreiben ist. Das Pfund Butter kostet auf dem offenen Markt 16 Rubel, ein Stück Ei 80 bis 90 Kopeken, Kartoffeln 40 Kopeken das Stück, das Stück Karotte sogar bis 1.50 Rubel. Diese Preise besagen uns wenig, wenn sie nicht [in] Beziehung mit den üblichen Löhnen und Einkommen gestellt werden. Nun wird aber berichtet, daß in Moskau der durchschnittliche Arbeitslohn sich zwischen 100 und 120 Rubel pro Monat bewegt. Dies bedeutet nichts weniger, als daß der Arbeiter für ein Pfund Butter, das er sich über die Nahrungsmittelmenge hinaus, die auf Karten erhältlich ist, zulegen wollte, etwa den Erwerb von vier Tagen, für ein Stück Ei einen Viertel Tageslohn, für ein Stück Karotte etwa das Drittel eines Taglohnes herzugeben hat. Verhältnismäßig günstig sind noch die Arbeiter und Angestellten solcher Großbetriebe daran, die die Versorgung ihrer Leute selbst in die Hand genommen und eigens zu diesem Zwecke sich sogar landwirtschaftliche Betriebe zur Erzeugung von Nahrungsmitteln angegliedert haben. Die große Zahl von Betrieben und Aemtern ist aber nicht auf Eigenversorgung eingerichtet, und die Massen, die von diesen beschäftigt werden, haben daher ihre Ergänzungsrationen zu jenen Phantasiepreisen zu bezahlen.
Moskau ist, wie schon erwähnt, ungleich besser als die übrigen Teile des Reiches versorgt, dort ist zumindest Brot regelmäßig erhältlich. Die Hauptstadt zieht daher wie ein Magnet die minder versorgte Bevölkerung, insbesondere aus den Hungergebieten, der Ukraina und Nordkaukasien, heran. Die Zahl der Bettler und Vagabunden in den Straßen der Hauptstadt hat sich auffällig vermehrt. Gelegentlich wird da von den Behörden Brot auch zu „kommerziellen Preisen“, d. h. für vier Rubel das Kilogramm, außerhalb der Rationen verkauft. Es bilden sich dann schnell lange Schlangen vor den Läden, viele Leute aus der Provinz legen sich das teuer erstandene Brot in trockenem Zustande als Reserve für die Zukunft beiseite.
Für die Nachwirkungen des Fünfjahresplanes scheinen die Verhältnisse, wie sie über die neuerbaute ukrainische Hauptstadt Charkow berichtet werden, charakteristisch zu sein. Riesige öffentliche Bauten, wie auch Fabriksbetriebe wurden hier angelegt, die berühmte Traktorenfabrik der Stadt beschäftigt 11.000 Arbeiter und erzeugt in je fünfeinhalb Minuten einen Traktor. Vor vier Jahren war die Fläche, auf der die Fabrik steht, Ackerland. Aber der Anblick der Bevölkerung erinnert, mehr noch als in Moskau, daran, daß jede Kopeke zum Ausbau des maschinellen Apparats verwendet wurde. Auch von amtlichen Sowjetkreisen wird es anerkannt, daß die materielle Lage der Arbeiterschaft ungünstiger ist, als vor vier Jahren. Es besteht ein akuter Mangel an fast allen Konsumartikeln, die Arbeiter gehen sehr schlecht gekleidet herum, die Ernährungsrationen sind ungleichmäßig und karg.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß sich auf der anderen Seite gewisse Anzeichen einer Ueberproduktion bemerkbar machen. Man sieht beträchtliche unverkaufte Vorräte an Schuhen, Bekleidungsartikeln und Möbeln in den Moskauer Läden. Die Absatzkrise, die mehr und mehr in Erscheinung tritt, erklärt sich einerseits damit, daß in letzter Zeit eher die Erzeugung von Gebrauchsartikeln forciert wurde, andererseits durch die sinkende Kaufkraft der Bevölkerung, als Folge des Personalabbaus an vielen Stellen und der Kürzung von Gehältern. Trotz Planwirtschaft treten somit Erscheinungen auf, die als ausschließliche Gebrechen der so unermüdlich geschmähten individualistischen Wirtschaft hingestellt wurden.
Was die Versorgungslage im kommenden Erntejahr betrifft, so gibt den Sowjetbehörden die Tatsache, daß die mit Getreide bebaute Fläche größer ist, als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres, einigen Grund zum Optimismus. Bis zum 15. Mai wurden rund 53 Millionen Hektar bebaut, gegen 44 Millionen Hektar im vorigen Erntejahr. Ob tatsächlich eine Besserung der Situation durch eine günstigere Ernte eintreten wird, hängt aber natürlich auch noch von mannigfachen anderen Umständen ab. Eine neuerliche Mißernte müßte, nach Auffassung des Korrespondenten des Economist, zu einer weitverbreiteten Hungersnot führen.

(330618w4)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/The_Economist


Seite 6

Von Station Volksgarten bis Baneasa [S. 6, oben, rechts]
Eine Flugfahrt Czernowitz-Bukarest

Ein Traum von Stahl und Marmor: das ist der Flughafen in Station Volksgarten bei Czernowitz - der weitaus schönste in Rumänien und einer der schönsten in Europa überhaupt. Es ist überflüssig, seine wahrhaft grandiosen und imponierenden Einrichtungen näher zu beschreiben, da dies anläßlich seiner Einweihung im Mai reichlich geschehen ist. Hier hat sich ein modernes Märchen erfüllt, man kann sagen dank der Tatkraft und unermüdlichen Arbeit eines einzelnen Menschen, des Kommandanten Hauptmann Ciceiu, der in kurzer Zeit ein Werk geschaffen hat, bei dessen Errichtung in erster Linie militärische Gründe maßgebend gewesen sein mögen, das aber auch der Zivilbevölkerung zu großem Nutzen und der Stadt zur höchsten Zierde gereicht.
Der Reisende, der nach Bukarest fahren will, erfährt, daß er in einem Flugzeug der rumänischen Gesellschaft „Lares“ für diese Reise, deren Route über Jassy und Galatz geht, im ganzen 4 Stunden braucht. Die Formalitäten sind in wenigen Minuten erfüllt, bald hat man im bequemen „Junkers“ Platz genommen, das Flugzeug erhebt sich, schon liegt Czernowitz weit unter uns und mit 200 Kilometer Stundengeschwindigkeit geht es ostwärts.
Aber von dieser großen Geschwindigkeit ist im Innern des Flugzeuges nichts zu spüren. Der Reisende lehnt sich bequem in den weichen Ledersitz zurück, genießt den herrlichen Ausblick, liest ruhig seine Zeitung, verläßt in Jassy und Galatz, wo gelandet wird, das Flugzeug, nimmt ein Frühstück zu sich und raucht eine Zigarette, und ehe er sichs versieht, ist er am Ziel angelangt.
Denn - man muß es immer wieder sagen - das Reisen im Flugzeug ist nichts weniger als eine Unannehmlichkeit, geschweige eine Gefahr. Vielen fällt es viel leichter als die mühsame Fahrt in der Eisenbahn. Man bedenke: man verläßt das Flugzeug mit unversehrter Bügelfalte und kommt, nachdem man in Czernowitz gefrühstückt hat, noch zu früh nach Bukarest, um sich sofort zum Mittagessen zu begeben. All dies für einen Betrag, der dem für eine Eisenbahnfahrt zweiter Klasse entspricht.
Wenn man Zeit hat, benützt man gerne die Gelegenheit, sich den Bukarester Flughafen Baneasa, der unter bewährter Leitung des Hauptmannes Josipescu steht, näher anzusehen und kann dabei die Aufwallung eines gewissen lokalpatriotischen Stolzes nicht unterdrücken, weil man sieht, daß trotz der musterhaften Einrichtungen, die auch Baneasa aufweist, der Flughafen von Czernowitz doch schöner ist.
Nun noch einige Worte über die „zivile Luftschiffahrt Rumäniens“, der auch die Gesellschaft „Lares“ untersteht, welche den Binnenverkehr im Lande betreibt; sie steht unter Leitung der Herren Oberst Cantacuzino-Pascanu und Ionescu-Desandre, zweier hochkultivierter modern denkender Fachleute, die sich in der Führung der Agenden durchaus von den Prinzipien möglichster Erfüllung aller Bedürfnisse des Publikums leiten lassen. Im gleichen Sinne wirkt der Abteilungsleiter Herr Naumescu und der ganze Betrieb ist von fachlicher Arbeit erfüllt. Auch darin zeigt sich, daß der Flugverkehr ein modernes Kommunikationsmittel ist, daß auch für die administrative Führung nur höchstqualifiziertes Personal verwendet wird. Nicht nur am Flughafen, sondern auch in den Büros befindet man sich in der zivilisiertesten Großstadtatmosphäre, die auf den Reisenden so wohltuend wirkt, daß, wer einmal geflogen ist, es immer wieder tut.
Dr. E. M. Flinker

(330618r6)


Seite 7

Die Verschönerung des Stadtbildes [S. 7, oben, Mitte]
Die letzten Sitzungsbeschlüsse des Verschönerungsvereines

Letzten Mittwoch hielt der Verschönerungsverein seine diesmonatliche Sitzung ab, bei welcher eine Reihe überaus interessanter und für die Stadt bedeutender Fragen besprochen und diesbezügliche Beschlüsse gefaßt wurden.
Den Vorsitz führte Bürgermeister Dr. Saveanu.
Um endlich den Plan der Verlegung des Marktes vom Theaterplatz auf den vor dem Schillerpark gelegenen der Universität gehörenden Platz verwirklichen zu können, wurde beschlossen, sich gemeinsam mit dem Stadtmagistrate an den Senat der Universität mit dem Ersuchen zu wenden, diesen Platz, auf welchem sich gegenwärtig eine Ziegelbrennerei befindet, mietweise für die Dauer von 10 Jahren der Stadtgemeinde zu überlassen, welche ihn pflastern und zu Marktzwecken verwenden wird.
Weiters wurden die Verdienste des Herrn Vizebürgermeister Baranai um die Verschönerung und Bepflanzung der früheren Engengasse lobend hervorgehoben. Es wurde die Anregung gemacht, an die Hauseigentümer dieser Straße den Appell zu richten, die Anlagen zu schonen und zu überwachen. Dort sollen auch Bänke angebracht werden.
Um das Verschleppen und Stehlen der Bänke in öffentlichen Anlagen zu verhindern, wurde die Einführung eines neuen Systems beschlossen und zwar sollen die Bänke künftighin aus Eisen, Beton und Holz hergestellt werden.
Der Verschönerungsverein bewilligte einen Beitrag von 5000 Lei zur Fortsetzung der in der Siebenbürgerstraße begonnenen Anlagen von Blumenbeeten mit Betonumrandung.
Es wurde beschlossen, an das Schulinspektorat mit dem Ersuchen heranzutreten, dem Lehrkörper aufzutragen, daß vor Schulschluß den Schülern die Ueberwachung und Schonung der öffentlichen Anlagen ans Herz gelegt werde.
An die Direktion des Elektrizitätswerkes soll das Ersuchen ergehen, an jeder Haltestelle der Tramway Papierkörbchen anzubringen.
Vizebürgermeister Baranai legte hierauf dem Verschönerungsverein folgende edilitäre Maßnahmen größeren Stils zur Begutachtung vor:
1. Niederreißung der Buden in der Kuczurmarerstraße und eventuell ihre Ersetzung durch Schaffung einer Markthalle auf dem linksseitig gelegenen Garten gegenüber der Polizeiquästur;
2. Umwandlung des früheren Franz-Josefparks gegenüber dem Regierungsgebäude in eine englische Parkanlage durch Entfernung der Bäume, wodurch die monumentalen Gebäude (Landesregierung, Kathedrale, usw.) besser zum Vorschein kämen;
3. Entfernung der Buden vom Theaterplatz.
Der Verschönerungsverein wird sich in seinen nächsten Sitzungen mit diesen Plänen befassen und sein konsultatives Gutachten abgeben.

(330618c7)


Die Gewerbeschulen „Morgenrot“ [S. 7, Mitte, unten]
Wir erhalten folgende Zuschrift: Es ist eine bekannte Tatsache, daß sich die Morgenrotschulen durch konsequente, zielbewußte Arbeit ihren Platz im Schulwesen unserer Stadt erobert haben. Trotz der namenlosen Schwierigkeiten finanzieller Natur, mit denen diese Schulen ihren täglichen aufreibenden Kampf führen, wird die Lehrtätigkeit in normaler, einwandfreier Weise und mit bestem Erfolg für die Schüler und Schülerinnen, fortgesetzt. Die Mädchenschule (Schneiderei), der im kommenden Schuljahre noch andere Fachzweige angegliedert werden, hat eine bald zehnjährige Tradition; die Knabenschule (Bau- und Feinmöbeltischlerei) tritt in das 7. Jahr des Bestandes. Die in diesen Jahren gewonnene pädagogische und technische Erfahrung eines geschulten und disziplinierten Lehrkörpers ist ausreichende Gewähr, daß die erzieherische Arbeit in den Gewerbeschulen des Vereines Morgenrot den in dieser Schultype noch vielfach vorhandenen Dilettantismus schon seit langem und zur Gänze überwunden hat. Eltern, denen es ernstlich daran gelegen ist, ihre Kinder zu berufstüchtigen Menschen heranwachsen zu sehen, sind die Gewerbeschulen des Vereines „Morgenrot“ wärmstens zu empfehlen.

(330618c7)


Jüdisches Ideengut in der Weltliteratur [S. 7, oben, Mitte]
Herr Ministerialrat Dr. Deutschländer hat es sich als Abgesandter der Weltorganisation „Agudas Israel“ zur Aufgabe gemacht, in ganz Europa die Zusammenhänge, die zwischen dem Gedankengut der Bibel und des Talmud und der allgemeinen Kulturentwicklung sämtlicher Völker bestehen, aufzuzeigen. Mit viel Liebe hat dieser Wanderprediger an vielen Orten Rumäniens für seine Ideenwelt zu werben vermocht. Den Höhepunkt seiner Tätigkeit in Rumänien kennzeichnet der Vortrag, den Dr. Deutschländer am Mittwoch, den 14. Juni im Festsaale des jüdischen Hauses in Czernowitz gehalten hat.
Nachdem der Kultuspräsident Dr. Gutherz den Gast im Namen der Kultusgemeinde begrüßt hatte, nahm Dr. Deutschländer das Wort. Sein Vortrag war eine wissenschaftlich ebensosehr wie künstlerisch bedeutsame Darstellung des Zusammenhanges zwischen spezifisch-jüdischem Ideengut mit der Geistes- und Kulturentwicklung der abendländischen Völker. Es wurde betont, daß dieser Zusammenhang der einer Durchdringung der Kulturkreise der anderen Völker durch die Ideenfülle der alttestamentarischen Bibel und des Talmud sei. An einigen bedeutsamen Beispielen weist Dr. Deutschländer die Wirkung der Bibel auf Kunst, Philosophie und Literatur anderer Völker nach. Er zitiert den Jenenser Philosophieprofessor Rudolf Eucken, der in seiner Schrift über die “Geistesgeschichtliche Mission der Bibel“ sagt: „Man streiche aus ihnen, was von jener angeregt ist, und man steht vor einer unerträglichen Lücke, ja Leere“. Die Philosophie Kants ist in ihren erhabensten Manifestationen von der Bibel beeinflußt. Besonderen Eindruck machte die Erörterung der Beeinflussung Goethes durch die Bibel. Dr. Deutschländer wies in glänzender Weise auf die zahllosen Parallelismen hin, die zwischen dem Faust und der Bibel bestehen.
Die Bibel sei ein Gefäß, in das ein ungeheuerer Gedankeninhalt gelegt sei, ein Gehalt von solcher Vielseitigkeit und Tiefe, daß die Goetheschöpfungen aller folgenden Zeiten sich nur als Variationen des in der Bibel Gesagten darstellen. Darum sei die Verbreitung des Bibelgutes in diesem Sinne höchste Kulturarbeit und höchste sittliche Erfüllung.
Der außerordentliche Vortrag des Dr. Deutschländer, der die Zuhörer von Anfang bis zu Ende in Bann gehalten hatte, wurde mit unbeschreiblicher Begeisterung aufgenommen. Dr. Deutschländer erhielt zahlreiche Aufforderungen, ähnliche Vorträge in anderen Städten zu halten, was er auch zusagte.

(330618c7)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 376, Dienstag, 20.06.33

Postby Klaus Binder on 20. June 2011, 18:03

Seite 1

Hugenberg verlangt [S. 1, oben, links]
Ermächtigung Deutschlands
zu einem Kreuzzug gegen Rußland

Ein Ansinnen an die Wirtschaftskonferenz, das allgemein Befremden erregte

Aus London wird uns gemeldet: Der Reichswirtschaftsminister Hugenberg hat als Führer der deutschen Delegation der Londoner Wirtschafts-Konferenz ein Memorandum unterbreitet, welches wörtlich folgenden Vorschlag enthält:
Wenn die Welt geheilt werden will, dann muß sie uns auch erlauben, uns zu heilen. Es gibt zwei Mittel, welche Deutschland erlauben werden, die Möglichkeit zu gewinnen, die auswärtigen Zahlungen zu leisten:
1. Deutschland das Kolonialreich zurückzugeben, welches es in Afrika hatte, und wo große Arbeiten durchgeführt werden können.
2. den Völkern, denen ihr Gebiet zu eng ist, Territorien zu geben, welche einer energischen und schöpferischen Rasse ein Kolonisationsgebiet bieten würden, wo sie große Arbeiten im Interesse des Friedens durchführen könnten. In Rußland und in großen Teilen des Orients dauert der Zerstörungsprozeß an. Dieser Prozeß müßte aufgehalten werden.

Dieser Abschnitt des von Hugenberg unterzeichneten Memorandums rief das größte Aufsehen in der Konferenz hervor. Der Korrespondent der Agentur Havas bemerkt, niemand hätte erwartet, daß die Absichten Deutschlands gegen Rußland die Form eines Gesuches um Erteilung eines Mandates, einen Freizug gegen den Kommunismus einzuleiten, annehmen könnten. Andererseits - so schreibt der erwähnte Korrespondent - ist es zweifelhaft, ob Forderungen mit ausgesprochen politischem Charakter wie diese bei der Wirtschafts- und Währungskonferenz überhaupt in Unterhandlung gezogen werden können.

„Phantastisch und verrückt“
Daily Herald erklärt, daß das von Hugenberg der Wirtschaftskonferenz überreichte Memorandum das verblüffendste Akt war, der sich jemals ereignete. Das Ansuchen Deutschlands, ihm Aktionsfreiheit gegen Osteuropa und in Rußland zur Kolonisierung dieser Gebiete einzuräumen, sei phantastisch und verrückt.

Das Memorandum zurückgezogen
Hiezu wird aus London noch gemeldet: Das Sekretariat der Wirtschaftskonferenz teilt mit, daß das von Hugenberg im Namen der deutschen Delegation überreichte Memorandum zurückgezogen wurde. Die deutsche Delegation teilte dem Büro mit, daß das Memorandum nur die „persönliche“ Ansicht des Reichswirtschaftsministers darstelle. Aber es scheint, daß die Dinge folgenden Verlauf genommen haben:
Tatsächlich wurde das Memorandum im Namen der deutschen Regierung überreicht. Als die Delegation sich aber über den ungünstigen Eindruck des Dokumentes klar wurde, stellte sie seine Verteilung ein und erklärte, daß dieses nur die Privatmeinung des Herrn Hugenberg enthalte.
So wurde auch aus Berlin von offizieller Seite erklärt, daß das Memorandum nur privaten Charakter habe, und man dürfe aus ihm nicht den Schluß ziehen, daß Deutschland eine imperialistische Politik betreibe.

Abreise Hugenbergs
Hugenberg hat London verlassen.
Es heißt zwar, daß seine Abreise schon früher geplant war, da für ihn in Berlin anläßlich seines Geburtstages Feierlichkeiten vorbereitet werden, trotzdem wird von vielen Seiten begreiflicher Weise seine Abreise mit dem von ihm überreichten Memorandum in Verbindung gebracht, von welchem die Reichsregierung offiziell abgerückt ist.

Litwinow über das Memorandum: ein Heiterkeitserfolg
Der Londoner Korrespondent der russischen offiziösen „Pravda“ veröffentlicht ein Interview mit Litwinow über das Memorandum Hugenbergs. Der russische Volkskommissär für Auswärtiges erklärt darin, daß öfter der Reichsregierung nahe stehende Personen in letzter Zeit Erklärungen abgaben, welche die öffentliche Meinung der Welt für extravagant befand. Die Reichsregierung habe aber mehrmals verlangt, daß solche Pläne nicht ernst genommen werden. (Seiner Meinung nach, schloß Litwinow, haben die Urheber des deutschen Memorandums, wenigstens was die Sowjetunion anlangt, ein komisches Element in die Debatten bringen wollen.

(330620w1)
_____
Hugenberg trat jedoch schon am 26. Juni 1933 von allen Minister- und Parteiämtern zurück. Hintergrund seines Rücktritts war, dass die Nationalsozialisten ihn und seine Partei politisch ausschalten wollten. Um dies zu erreichen, wurde ihm gestattet, am 12. Juni 1933 auf der Weltwirtschaftskonferenz in London Forderungen vorzutragen, die die Rückgabe der deutschen Kolonien zum Inhalt hatten. Nachdem die Teilnehmer der Konferenz sein Anliegen vehement zurückgewiesen hatten, wurden seine Forderungen sogleich als seine private Meinung ausgegeben...http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Hugenberg



Seite 2

Für die frdl. Aufmerksamkeit [S. 2, rechts, Mitte]
bezüglich meines neuen Heims danke ich auf diesem Wege meinen Schülern und Schülerinnen, besonders Herrn M. Barasch, herzlichst.
Violinprofessor Leon Zimbler.

(330620i2)


Seite 3

Verkehrsminister Mirto und Generaldirektor Mereuta in Czernowitz [S. 3, oben, links]
Feierliche Fahnenweihe der Eisenbahner

Wie angekündigt, fand Sonntag aus Anlaß der Fahnenweihe des Eisenbahnvereines „Lokomotiva“ eine Reihe von Feierlichkeiten statt, zu welchen auch Verkehrsminister Mirto, der Generaldirektor der Eisenbahnen Cezar Mereuta, der frühere Generaldirektor Teodorescu, der Generalsekretär der Eisenbahn, Ingenieur Apostolescu, der Generaldirektor der Casa Muncii der Eisenbahnen Vogtberg und Subdirektor Cambureanu, die Direktoren Panaitopol, Ion Miclescu, Macovei, Bruckner, Paunescu, Haluceanu, Halusescu, Codreanu, Maxim, Petrescu, Gheorghian, Margulescu, die Subdirektoren Russu und Andronescu, weiters der Kabinettchef des Verkehrsministers Florescu, Kommissär Bratinescu, Advokat Alexandrescu und 25 Mechaniker aus der Hauptstadt, weiters die Stationsvorstände der Moldau nach Czernowitz kamen.
Zum Empfang hatten sich am Bahnhof Minister Sauciuc-Saveanu, Generalinspektor Crudu, Präfekt Jacoban, Bürgermeister Dr. Saveanu und der Generalinspektor der Siguranta Zachiu eingefunden. Der Minister begrüßte die Gäste, die um halb 8 Uhr in einem Sonderzug kamen, und hieß sie willkommen, worauf der Präsident der Eisenbahnervereinigung Wojciechowski eine kurze Ansprache an den Minister Mirto und den Generaldirektor der Eisenbahnen Mereuta hielt.
Die Gäste versammelten sich hernach im Empfangssaal des Bahnhofes, um an einem ihnen zu Ehren veranstalteten Frühstück, welches vom Besitzer des „Lucullus“, Romankievici, serviert wurde, teilzunehmen.
Die Gäste begaben sich um 10 Uhr, nachdem Minister Mirto die Lehrlingsschule der Eisenbahner besichtigt hatte, in die Residenz, um der feierlichen Fahnenweihe beizuwohnen. Den Gästen voran ritten einige Arcasi aus Rosch, ihnen folgte eine Abteilung von Radfahrern der Eisenbahner, die Musik der C.F.R. und des 3 Graniceriregimentes, der Sportverein der C.F.R. mit allen Sektionen und eine Pfadfinderabteilung. Dem Zuge folgte eine große Menschenmenge.

In der Residenz
wurde ein Gottesdienst von Erzbischof Nectarie, assistiert von der hohen Geistlichkeit zelebriert, worauf die Fahnenweihe stattfand. Unter den Anwesenden bemerkte man neben den bereits am Bahnhof erschienenen Persönlichkeiten noch u. a. den gewesenen Minister Senator Nistor, Rektor Isopescul-Grecul, Sanitätsinspektor Teodorescu, Brigadier Alexandrescu, Platzkommandant Oberstleutnant Popovici, Handelskammerpräsident Vihovici, die Ingenieure Posner, Greipel, Adelstein und Ciszoglu, Stoianovici und Eisenbahnchef Barbulescu, Börsepräsident Jacoban, Vizepräsident der Handelskammer Dionys von Anhauch mit den Handelskammerräten Ingenieur Schindler, Procopovici und dem Sekretär der Industriellenvereinigung Baltinister, Vizebürgermeister Klüger und Stadtrat Treß, Oberrabbiner Dr. Mark, Kultuspräsident Dr. Gutherz, Honorarkonsul Luttinger, Spitalsdirektor Ohrenstein, Subinspektor der Siguranta Pihal, Direktor der Sparkasse Dorreger, Präsident des Verwaltungsrates des Elektrizitätswerkes Dr. Nicoara, Chefarzt Dr. Daniil, Industrieinspektor Bocancea und viele andere.
Im Hofe der Residenz war ein Podium errichtet, wo die Fahnenweihe durch den Metropoliten Nectarie vorgenommen wurde. In einer kurzen Ansprache erläuterte der Erzbischof Sinn und Zweck dieser Feier und drückte seine Fahne einzuweihen.
Die Tatsache, daß auch die Eisenbahner den religiösen Grundsatz, daß alles mit Gott beginne, hochhalten, solle ihnen zum Ansporn in ihrer weiteren Tätigkeit dienen. Die Fahne möge den Eisenbahnern als Symbol zur Arbeit und zur Ehrlichkeit in der hohen Mission, die sie erfüllen, dienen.
Der Präsident der Eisenbahner-Vereinigung Wojciechowski dankte für die schönen Worte des Erzbischofs, die sich die Eisenbahner zu Herzen nehmen würden. Nach der Fahnenweihe wurde die Königshymne angestimmt. Hierauf brachte der Cozminer Bauernchor unter Leitung des Priesters Jancovschi einige nationale Lieder zum Vortrage.
Mit dem traditionellen Nagelschlagen in eine Fahne, bei welcher Gelegenheit größere Geldspenden entgegengenommen wurden, fand der feierliche Akt sein Ende. Es folgten die Eintragungen ins goldene Buch der Eisenbahner. Als erster trug seinen Namen Verkehrsminister Mirto ein, der bei dieser Gelegenheit den Eisenbahnern den Dank für die Einladung aussprach und sie zur Feier beglückwünschte.
Um 12 Uhr mittags wurde den Eisenbahnern am Plateau des Piata Unirii der Eid abgenommen.

Das Bankett
Um 2 Uhr fand zu Ehren der Gäste ein Bankett statt, an dem 250 Personen teilnahmen. Dabei hielt Minister für die Bukowina Sauciuc-Saveanu eine kurze Ansprache. Der Minister betonte, daß die Fahne den Eisenbahnern ein Symbol für die Liebe zu König und Vaterland bedeute. Die Anwesenheit des Ministers Mirto möge den Eisenbahnern ein Ansporn in ihrer weiteren verantwortungsvollen Tätigkeit sein.

Gegen die extremistischen Richtungen
Bürgermeister Dr. Saveanu führte u. a. aus:
Wenn die Eisenbahner noch enger ihre Reihen schließen werden, dann wird es nicht möglich sein, das extremistische Elemente subversiven Charakters bei ihnen Einlaß finden. Ich erhebe das Glas auf das Wohl der Eisenbahner und wünsche Ihnen Kraft zur Arbeit.
Generaldirektor der Eisenbahnen, Ingenieur Cezar Mereuta betonte, daß die Seele der Eisenbahner die Maschine sei. Seit nahezu vier Jahrzehnten besteht die Eisenbahnervereinigung in der Bukowina und man merkt, welchen Aufschwung seit dem Jahre 1896 diese professionelle Vereinigung genommen habe. Nur durch ein Zusammenarbeiten der Führer und der Geführten kann die Eisenbahn ihren Dienst erfüllen.
Direktor Panaitopol verurteilt aufs schärfte die extremistischen Richtungen und stellt mit Befriedigung fest, daß diese bei den Eisenbahnern keinen Boden haben. Was aber die Minoritäten betrifft, so betone er, daß man ein guter Rumäne, ein guter Bürger des Staates sein kann, ohne genau den rumänischen Akzent zu beherrschen.
Der Präsident der Vereinigung „Lokomotiva“ Wojciechowski dankt dem Minister Mirto und den anderen Gästen für ihre Anwesenheit und für ihre dem Verein entgegengebrachte Förderung.

Die Bedeutung der Bukowina für den Export
Der Direktor der Jassyer Regionaldirektion der Eisenbahn Nitescu verweist auf die besondere Bedeutung der Bukowina als Exportumschlagsplatz, als ein Zentrum, von welchem aus sich die Geschäftstätigkeit nach Danzig, Wien, Prag, ec. abgespielt hat und benützt die Gelegenheit der Anwesenheit des Verkehrsministers Mirto, um zu betonen, daß infolge des bestehenden Wirtschaftskrieges der Zollbarrieren und sonstigen restriktiven Handelsmaßnahmen, der Export in der Bukowina fast ganz aufgehört habe. Die Bukowina ist verarmt und es ist Zeit, daß die Behörden sich mit diesem einst so schönen Landstrich befassen.
Hierauf spricht der Subchef des Czernowitzer Depots Vasiliu und betont, daß nicht alle Eisenbahner loyale Bürger des Staates sind. Redner schlägt die Absendung eines Huldigungstelegramms an den König vor. Dieser Vorschlag wird unter lebhaftem Beifall angenommen.
Der Mechaniker Pojansevschi hebt die Bedeutung des Besuches des Verkehrsministers Mirto hervor, da er nach dem Kriege der erste Verkehrsminister sei, der diese Stadt besucht.
Worte des Dankes für den Ministerbesuch spricht auch der Präsident der Eisenbahnvereinigung Dumitrescu; hebt die Bedeutung der Eisenbahner hervor, die im Kriege wie im Frieden auf ihrem verantwortungsvollen Posten stehen müssen.
Der Generaldirektor der Casa Muncii Vogtberg verspricht den Eisenbahnern volle Unterstützung. Im gleichen Sinne spricht auch der frühere Generaldirektor Teodorescu.
Erzbischof Nectarie stellt mit Befriedigung die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Führern und den Geführten bei den Eisenbahnen fest.

Rede des Verkehrsministers Mirto
Verkehrsminister Mirto dankt zunächst dem Erzbischof Nectarie für die der Feier verliehene seelische Erhöhung. Zu den Eisenbahnern sagte der Verkehrsminister: Ihr habet heute vor Gott und der Menschheit den Treueid geleistet und ich bin davon überzeugt, daß ihr diesen Eid auch halten werdet.
Zwischen uns allen besteht eine innige Zusammenarbeit, einer ist ohne den anderen nicht möglich, denn erst alle zusammen bilden wir die Maschine. Was soll ich hier viel über die extremistischen Strömungen sprechen? Ich wünsche nur, daß sich diejenigen Kreise, die sich außerhalb Euerer Vereinigung befinden, ein Beispiel an Euch nehmen.

Die Maschine ist aber dazu da, um alles Faule, alles, was sich in den Weg stellt, auszumerzen und mit Gewalt wegzuschaffen. Hier ist die logische Auffassung über den Begriff der extremen Richtungen und über unsere Einstellung zu ihnen. Eine Bitte habe ich aber an die Eisenbahner: Glaubet mir, daß ich Euch alle liebe. Und wenn ihr davon überzeugt sein wollt, so könnt ihr mich auf die Probe stellen. Wenn jemand irgend einen Wunsch hat, mag es der kleinste Beamte, mag es ein Angestellter oder ein Weichensteller sein, vergesset nicht, daß ihr einen Verkehrsminister habet, der Eduard Mirto heißt. (Langanhaltender Beifall).
Unter den Klängen der Musik und dem Absingen der Königshymne nahm die Feier ihr Ende.
Am Nachmittag besichtigten die Gäste die Räume der Residenz.

(330620c3)


Verkehrsminister Mirto an die Presse [S. 3, Mitte]
Gegen Hitlerismus und Antisemitismus

Verkehrsminister Mirto empfing am Bahnhof die Vertreter der Presse, denen gegenüber er sich über einige aktuelle Fragen äußerte.
Die Wahlreform - so betonte der Minister - ist gegenwärtig nicht aktuell und die Regierung findet den Zeitpunkt nicht opportun, das bestehende Gesetz zu ändern.
Was die Umbildung der Regierung betrifft, wurde diese bereits durchgeführt, indem Ministerpräsident Vaida an Stelle Jugojeanus das Handelsministerium übernahm und Gasencu zum Unterstaatssekretär dieses Ministeriums ernannt wurde. Der Minister betonte, daß die in den Zeitungen verbreitete Nachricht über eine Zusammenkunft zwischen Vaida-Maniu den Tatsachen nicht entspreche.
In Piatra-Neamti fand eine Besprechung der nationalzaranistischen Mehrheitsparlamentarier der Moldau statt, an der auch er und die Minister Ioanitescu und Nitescu teilgenommen haben. Es wurden Maßnahmen zur Bekämpfung der extremistischen Richtungen beschlossen. Die extremen Strömungen sind dem Lande schädlich und werden mit allen Mitteln von der Regierung bekämpft werden. Besonders in den Dörfern soll eine Aktion eingeleitet werden, um die Massen aufzuklären. In dieser Hinsicht besteht zwischen allen Regierungsmitgliedern vollste Einmütigkeit.
Der Hitlerismus verträgt sich nicht mit den Interessen des rumänischen Staates.
Was den Antisemitismus betrifft, so müsse der Minister auf die Liebe und Toleranz der rumänischen Bevölkerung gegenüber allen Mitbürgern ohne Unterschied der Nation hinweisen. Das beweise, daß der Antisemitismus in Rumänien eine Verirrung ist. Zum Schluß äußerte sich noch der Verkehrsminister über die Weltwirtschaftskonferenz, deren Resultat man jetzt noch nicht voraussehen könne. Es wäre zu wünschen, daß diese Konferenz besser als die bisherigen verlaufe.

(330620c3)


Die extreme Rechtsströmung - eine Staatsgefahr [S. 3, oben, rechts]
Interessante Debatten auf der nationalzaranistischen Konferenz in Piatra Neamt

Piata Neamt, 18. Juni. Hier tagte eine Konferenz der nationalzaranistischen Parlamentarier der Nord-Moldau, an der u. a. die Minister Voicu Nitescu, Mirto und Ioanitescu sowie die Moldauischen Parteiführer Virgil Potarca und Vasile Lepadatu teilnahmen. Senatspräsident Costachescu, der den Vorsitz innehatte, brachte die Sprache auf die extremistischen Bewegungen und gab der Meinung Ausdruck, daß diese nur als vorübergehend anzusehen seien und daß sie durch eine lebhafte Gegenpropaganda in der Bauernbevölkerung eingedämmt werden könnten.
G. Macarescu erwiderte darauf, daß er diesbezüglich anderer Ansicht sei. Der Erfolg Corneliu Codreanus in der Moldau sei ein deutlicher Beweis dafür, daß die extremistische Bewegung tief in der Bauernschaft Wurzel gefaßt habe. Codreanu durchziehe, auf einem weißen Pferd reitend, alle Dörfer und verspreche der Landbevölkerung, mit dem Knüttel die Frage der Bodenverteilung zu lösen. In Buhusi habe ein Priester am 10. Mai den Gottesdienst mit einer codreanistischen Hymne eröffnet. Die Regierung habe, trotzdem sie vom Präfekten verständigt wurde, gegen diesen Pfarrer nichts unternommen. 10 Prozent der rumänischen Priesterschaft seien im Banne des Cuzismus befangen. Wenn die Regierung keine Maßnahmen dagegen treffen werde, sei ein schlimmes Ende zu erwarten.

(330620r3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 377, Mittwoch, 21.06.33

Postby Klaus Binder on 21. June 2011, 03:46

Seite 2

Todesfall [S. 2, Mitte, oben, links]
Am 18. Juni verschied plötzlich der angesehene Czernowitzer Kaufmann Hersch Chacham infolge eines Schlaganfalls im 63. Lebensjahr. Das plötzliche Hinscheiden dieses allseits geschätzten Mannes, der als Filialleiter der Postavaria Romana tätig war und dem Verwaltungsrat der Banca Centrala Evreiasca angehörte, hat große Anteilnahme in der Bevölkerung ausgelöst. Das Leichenbegängnis fand gestern statt.

(330621t2)


Bergrennen für Motorräder [S. 2, Mitte, links]
Der Motoclub roman, Cernauti, veranstaltet am 2. Juli ein Bergrennen am Tetinaabhang. Das nähere Programm wird demnächst veröffentlicht.

(330621c2)


Die polnisch-rumänische Pressekonferenz [S. 2, oben, rechts]
Man erkennt die Objektivität der Bukowinaer Minoritätenblätter

Warschau, 18. Juni (Tel. des „Tag“). Die polnisch-rumänische Pressekonferenz trat im Saale des Journalistenklubs im Palais der Abgeordnetenkammer zusammen. Sie stand im Zeichen herzlichsten Einvernehmens zwischen den Teilnehmern beider Staaten. Der erste Weg der rumänischen Delegation führte zum Grabe des Unbekannten Soldaten.
Seitens der rumänischen Delegation wurde hervorgehoben, daß die polnischen Journalisten sich in einer günstigeren Situation befänden als ihre rumänischen Kollegen. In Bukarest erscheinen Zeitungen in französischer Sprache, die über alle politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Vorgänge informieren. Ueberdies können sich die polnischen Journalisten jederzeit der in deutscher Sprache erscheinenden und objektiv berichtenden Minoritätenblätter der Bukowina bedienen.
Der rumänischen Presse hingegen fehle jede Möglichkeit, sich über die Geschehnisse in Polen zu informieren, da die wenigen in deutscher Sprache erscheinenden Minoritätenzeitungen nicht zu Rate gezogen werden können, weil sie in tendenziöser Weise die Tatsachen entstellen. Die rumänische Delegation ersuche daher die Vertreter der polnischen Presse, Maßnahmen zu treffen, daß in dieser Hinsicht Abhilfe geschaffen werde und die rumänische Presse exakte Nachrichten über die polnischen Geschehnisse erhalte.

(330621r2)


Seite 3

Ankündigung [S, 3, unten, rechts]
Anlässlich des schweren Verlustes, den wir durch das Ableben unseres Gatten und Vaters

Teofil Branowitzer
erlitten haben, sind uns sehr viele Beweise der Anteilnahme an unserem Schmerze zugekommen.
Da wir ausserstande sind, jedem einzelnen dafür zu danken, bitten wir auf diesem Wege solchen entgegenzunehmen.
Die tieftrauernde Familie

(330621t3)


Seite 4

Deutschlands Aspirationen auf die Ukraine [S. 4, Mitte]
Im Memorandum, welches, wie „Der Tag“ in der gestrigen Nummer ausführlich berichtet hat, von der deutschen Delegation der Wirtschaftskonferenz unterbreitet und später zurückgezogen wurde, wird als Grundlage für die auswärtige Zahlungsfähigkeit Deutschlands „die Rückgabe seiner afrikanischen Kolonien oder Ueberlassung eines europäischen Gebietes“ verlangt, „wo große Arbeit im Interesse des Friedens durchgeführt werden könne“.
In diesem letzten Passus erblickt man eine direkte Anspielung auf die Sowjet-Ukraine und es wird in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß der Leiter der Außenpolitik der Nazipartei Alfred Rosenberg anläßlich seines letzten Aufenthaltes in London mit Deterding Beratungen hatte, deren Gegenstand die Besetzung der Ukraine durch Deutschland war.

(330621w4)


Alle Staaten gegen die Nazi [S. 4, Mitte]
Die deutsche Delegation hat die Genfer Arbeitskonferenz verlassen

Genf, 19. Juni (Tel. des „Tag“). Die deutsche Abordnung bei der Genfer internationalen Arbeitskonferenz hat heute wegen der im Verlauf der Besprechungen gegen Deutschland und die Delegierten erhobenen Angriffe und Beleidigungen Genf verlassen. In einer Erklärung, die dem Präsidenten der Konferenz überreicht wurde, wird darauf verwiesen, daß zu Beginn der Konferenz in einer Gruppensitzung die Arbeitnehmer gegen Deutschland und seine Delegierten Beleidigungen ausgesprochen haben, ohne daß diese Beleidigungen vom Vorsitzenden zurückgewiesen wurden.

Es wurde behauptet, daß Dr. Ley bei offiziösen Tagungen nach wie vor eine feindliche Stellung gegenüber den südamerikanischen Staaten eingenommen habe. Die deutsche Regierung habe diese Nachricht dementiert und betont, daß sie darauf Wert lege, auch mit den südamerikanischen Staaten freundschaftlich zu verkehren. Die deutsche Delegation sehe sich daher veranlaßt, die Konferenz zu verlassen. Sie bedauere diesen Schritt, betont aber, daß sie an den sachlichen Arbeiten insolange nicht werde teilnehmen können, bis ihren Forderungen entsprochen werde.

(330621w4)


Württembergischer Staatspräsident Bolz in Schutzhaft [S. 4, Mitte]
Berlin, 19. Juni (Tel. des „Tag“). Der ehemalige Württembergische Staatspräsident Bolz ist wegen seiner Salzburger Rede in Stuttgart in Schutzhaft genommen worden. Beim Verlassen des Polizeipräsidiums ist Bolz von S.A.-Männern festgenommen und auf eine Festung bei Ludwigsburg gebracht worden.

(330621w4)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Bolz


Politische Gefangene werden vergiftet [S. 4, Mitte, unten]
Prag, 20. Juni (Tel. des „Tag“). Der Prager „Sozialdemokrat“ veröffentlicht aufsehenerregende Einzelheiten über die Vorgänge in den deutschen Konzentrationslagern, wo die politischen Gefangenen der grausamsten Behandlung unterworfen sind. Aus vielen Anzeichen sei zu schließen, daß die Häftlinge systematisch durch in die Speisen geschmuggeltes Gift, ermordet werden. Auffallend sei, daß in der verhältnismäßig kurzen Zeit seit Bestand dieser Lager in ihnen 270 Personen gestorben sind. In den meisten Fällen seien Leichen in aller Heimlichkeit bestattet worden. Die Angehörigen der Toten wurden erst später vom erfolgten Ableben in Kenntnis gesetzt.
Der offizielle Pressedienst der Nazi, dem diese grauenhaften Enthüllungen begreiflicherweise sehr unangenehm sind, veröffentlicht ein Dementi dieser Nachrichten, die er dadurch zu entkräften sucht, daß er sie von der „Prager Lügenzentrale“ herrührend bezeichnet.

(330621w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 378, Donnerstag, 22.06.33

Postby Klaus Binder on 22. June 2011, 00:47

Seite 1

Leitartikel
Noch kein Galgen [S. 1, oben, links]
Das Verbot der nationalsozialistischen Partei in Oesterreich hat alle Ereignisse von Aktualität in den Hintergrund gedrängt. Das Verbot war die Antwort der Regierung Dollfuß auf das Attentat von Krems. Mit dem Handgranatenanschlag auf eine Gruppe von Hilfspolizisten hat die Serie der Terroraktionen den Höhepunkt erreicht. Der Justizminister Schuschnigg hatte unmittelbar nach dem Beschluß des Ministerrates eine Erklärung abgegeben, und man hat seinen Worten entnommen, wie schwer der Regierung der entscheidende Entschluß gefallen ist. Noch ist es Zeit mit dem Galgen, rief der Justizminister aus, noch halten wir mit der Verhängung des Standrechtes und der Einführung der Schnellgerichte zurück, noch glauben wir, daß die Besonnenheit rückkehren und die Drahtzieher von Berlin mit ihrem Spiel mit dem Feuer aufhören werden. Der Justizminister hat es rund herausgesagt, wer die moralischen Urheber der Verbrecherbanden sind, die jetzt unter dem Mantel einer nationalen Bewegung Mord auf Mord häufen. Am Schlusse fand der Justizminister ein prächtiges Wort, daß die Sympathien der ganzen Welt für Oesterreich verstärken wird. Er sagte, Oesterreich habe die historische Mission, Hüter der deutschen Kultur zu bleiben. Das ist die Ansicht aller Kreise, die sich zur Zivilisation bekennen, denn nicht nur die Taten der Hitler-Regierung sind rechts- und kulturwidrig, auch die Methoden, wie sie jetzt ihre Brutalitäten gegen Deutschland verteidigen, wie sie, um nur ein Beispiel zu nennen, aus dem Adjutanten des „Presseattaches“ Habicht, Kroß, der gleichfalls als Agitator Hitlers in Oesterreich verhaftet wurde, einen „Diplomaten“ konstruieren, gegen die die österreichische Regierung einen „Völkerrechtsbruch“ begangen hat, das dauernde Ableugnen, daß sie sich in die innerpolitischen Angelegenheiten Oesterreichs „nicht einmischen“, während ein Heer von Nazi-Agenten das österreichische Land überschwemmte, das Nazi-Lamento von der Greuelpropaganda, gegen die sie sich „wehren“ müssen, dieses lächerliche Altweibergeschrei, das dem mit tausenden Fanfaren verkündeten Heroismus schlecht zu Gesichte steht - alle diese Dinge haben den letzten Rest von Verständnis für die „nationale Bewegung“ verscheucht. Das Nazi-Deutschland ist vollkommen isoliert. Von der Gömbös-Reise nach Berlin wird heute berichtet, daß es tatsächlich die Absicht des ungarischen Ministerpräsidenten war, vermittelnd zwischen Wien und Berlin einzugreifen, um die Gefahr eines Uebergreifens des Brandes zu beseitigen, denn nicht nur Ungarn als der nächste Nachbar befürchtet die Wirkungen der Naziepidemie für Oesterreich, alle Staaten in Europa stehen, wie man es heute zweifellos beurteilt, Gewehr bei Fuß und bereiten sich für eine diplomatische Aktion vor, falls nicht morgen oder übermorgen endgültig mit den Naziaktionen Schluß gemacht wird. Wir haben es erst am Sonntag hie bei uns in Czernowitz gehört, daß der Minister Mirto bei einer Feier der Lokomotivführer gegen die Hitlerbewegung im Lande sprach. In Jassy war dasselbe, und in Piatra Neamt, wo die Mitglieder der Regierungspartei versammelt waren, ist aus den Reden die Gefahr des Hitlerismus für Rumänien herausgeklungen. Ueberall dasselbe! In London oder in Paris - man wartet noch ab, weil man Dollfuß vertraut und er eine Intervention beim Völkerbund doch vermeiden will; aber wenn bald die Handgranatenpolitik Hitlers nicht aufhört, die Sucht der Nazi-Agitation, die Wirtschaft Oesterreichs zu schwächen, indem sie durch die Terrorakte den Fremdenverkehr unterbinden, wenn also nicht bald Einhalt diesem politischen Verbrecherhandwerk getan wird, dann wird aus den großen Konferenzen in London und in Genf eine Konferenz für die Erhaltung des selbständigen Oesterreich, mit anderen Worten gegen den den Frieden bedrohenden Hitlerismus werden.
Ego

(330622w1)


Belagerungszustand über Krems [S. 1, Mitte, oben]
Wien, 20. Juni (Tel. des „Tag“). Ueber Krems wurde der Belagerungszustand verhängt. Die Haupttore müssen um 8 Uhr geschlossen sein. Der Verkehr auf den Straßen ist nur bis 9 Uhr gestattet. Die Brücken werden militärisch bewacht. Vor allen öffentlichen Gebäuden stehen Doppelposten.

Dr. Pfrimer verhaftet
Wien, 20. Juni (Tel. des „Tag“). Dr. Walter Pfrimer einer der Führer der nationalsozialistischen Organisationen, ist auf der Reise von München in Salzburg verhaftet worden. Bei ihm wurde viel kompromittierendes Material vorgefunden. Er konnte dann die Weiterreise nach Steiermark fortsetzen. (Dr. Pfrimer ist durch einen vor etwa zwei Jahren unternommenen und kürzlich gescheiterten Putschversuch berüchtigt.)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Pfrimer

Wien, 20. Juni (Tel. des „Tag“). Der Sicherheitskommissär in Kärnten erließ an die Kärntner einen Aufruf, in welchem er erklärte, daß er in soldatischer Ueberparteilichkeit sein Amt verwalten und für die Sicherheit des Landes sorgen werde.

Die Bundesregierung garantiert für Ruhe und Ordnung [S. 1, Mitte, links]
London, 20. Juni (Tel. des „Tag“). Handelsminister Stockinger empfing heute Vertreter der englischen Presse und gab ihnen eingehende Erklärungen über die österreichische Handelspolitik, über die Wirtschaft Oesterreichs und den Fremdenverkehr. Die österreichische Regierung übernehme jede Garantie, daß die Ruhe und Ordnung unbedingt aufrecht erhalten werde.
Dann kam der Handelsminister auf die Auflösung der nationalsozialistischen Organisationen zu sprechen, die nicht geduldet werden können, da sie ungesetzliche Handlungen begehen. Die österreichische Regierung steht auf dem Standpunkt, daß alle Fragen, die sich zwischen Oesterreich und Deutschland abspielen, rein österreichische Fragen seien.

Europa ist nicht gleichgültig [S. 1, Mitte]
London, 20. Juni (Tel. des „Tag“). „Manchester Guardian“ erklärt in Bezug auf die Vorgänge in Oesterreich, daß Oesterreichs Unabhängigkeit unbedingt erhalten werden müsse; das sei die Forderung Europas. Die Berliner Politik, die geglaubt hat, daß sie selbständig das Schicksal Europas bestimmen könne, habe sich geirrt, sie sei auch im Irrtum, wenn sie geglaubt habe, daß die britische Oeffentlichkeit Gleichgültigkeit üben werde. Auch Italien werde Deutschland nicht unterstützen. Berlin habe das endlich eingesehen, und man kann heute behaupten, daß Oesterreich eine geschichtliche Mission erfülle.

(330622w1)


Klara Zetkin gestorben [S. 1, Mitte]
Berlin, 20. Juni (Tel. des „Tag“). Die deutsche Kommunistin Klara Zetkin ist in Moskau im Alter von 76 Jahren gestorben. Sie war Alterspräsidentin im vorletzten Reichstag.

(330622w1)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Clara_Zetkin


Seite 2

Die Novelle des Tages
Steckbrief [S. 2, oben, links]
Der Gewinner des Loses Nr. 613 wird gesucht

Da läuft jemand in diesem Lande herum, hat irgendwo einen zerknitterten Zettel in der Tasche, hat ihn vielleicht in eine Tischlade gelegt, mag sein, daß dieser Losschein zwischen einem Liebesbrief und einem Schuldschein in der Brieftasche sich verborgen hält, vergessen, ganz vergessen von seinem Inhaber, der irgendwo in einem Dorf haust, keine Zeitung liest - und dieser hat den Haupttreffer von fünftausend Lei gewonnen! Jeder weiß es bereits, nur er nicht, er allein, der, wenn er es wüßte, glücklich sein könnte.
Solche Merkwürdigkeiten sollen schon vorgekommen sein, hier ist ein Fall, der in diese Sonderklasse gehört.
Und die Kasse wartet mit dem Couvert, das fünf echte Tausendleischeine enthält, auf den Gewinner des Loses Nr. 613.
Oder - - - Gibt es in diesem Falle ein „oder“?
Kann es jemand geben, der den Haupttreffer von 5000 Lei kassieren soll und ihn liegen lassen will?
Für wohltätige - - - - - -
Für irgend andere soziale oder kulturelle Zwecke?
Mit dem Oder war ein solcher Fall gemeint, der Fall eines Wohltäters, eines Mäcenas, eines Menschen, der nicht in unsere Zeit gehört, der es etwa als ungerecht empfindet, fünftausend Lei von jemand zu bekommen, ohne daß er hiefür eine Leistung geboten hätte, ein Mann, der mit ethischen Grundsätzen, die in die Aera der Philosophen und Bibelforscher gehören, ausgestattet ist!
Nein, so etwas existiert heute nicht.
Und doch! Es sei also hier konstatiert, daß jemand in der Bukowina mit der Losnummer 613 (aus der Pfingstverlosung des „Tag“) umherspaziert und sich bis heute zum Empfang der 5000 Lei noch nicht gemeldet hat.
Der Steckbrief sei hiedurch ausgegeben.
Einer frage den anderen, ob er nicht Besitzer des Pfingstloses mit der Nr. 613 ist. Und wenn er ihn gefunden, soll er eine Extraprämie erhalten. Wer den Gewinner entdeckt, hat überdies Anspruch auf einen Teil des Gewinnes. Seit acht Tagen wird der Inhaber von No. 613 kurrendiert.
Er darf nicht länger im Versteck bleiben.
Mut gefaßt, edler Gewinner!
Treten Sie vor, die Steuerbehörde wird Ihnen nicht auf den Hals gehetzt. Beruhigen Sie die erregte Jury der Verlosung, welche Ihnen die 5000, sage und schreibe: fünftausend Lei überreichen will.
Oder …..
Also doch ein Oder …..
Setzen Sie mich zum Erben der 5000 Lei ein.
Pagat

(330622c2)


Landes-Chirurgenkongreß in Bukarest [S. 2, oben, rechts]
Bei dem am 17. d. in Anwesenheit des Königs eröffneten Chirurgenkongreß Rumäniens wurde Herr Dozent Dr. Johann Philipowicz zum Vizepräsidenten gewählt. Die Wahl des bekannten Bukowinaer Chirurgen bedeutet eine Ehrung des bekannten Arztes und auch eine Auszeichnung der Bukowinaer Aerzteschaft.

(330622r2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 379, Freitag, 23.06.33

Postby Klaus Binder on 23. June 2011, 05:52

Seite 2

Appell [S.2, rechts, Mitte]
Wir erhalten folgenden Aufruf: Die “Ferien-Kolonie Vijenka“, die seit 14 Tagen ihre segensreiche Tätigkeit in den Kreisen der notleidenden Bevölkerung entfaltet und für diese einen unentbehrlichen Anker darstellt, befindet sich in der unglücklichen Lage, in diesem Jahre ihre, sich selbst gestellte Aufgabe, die sie bisher getreulich ausgeführt hat - sie hat schon mehr als 2000 arme, erholungsbedürftige Kinder aus ihren modrigen Kellerwohnungen, wo sie mit jedem Atemzuge unzählbare Mikroben in sich aufnehmen, in die reine Gebirgsluft hinausgeführt - nicht erfüllen zu können. Bei guter Ernährung und sorgfältiger Obhut haben die halbverhungerten Kinder neue Kräfte gesammelt, um so den schweren Lebenskampf führen zu können. Die mit ungeschwächter Vehemenz anhaltende Krise, die alltäglich neue Massen in den Abgrund des Elends stürzt, trifft die armen Kinder doppelt schwer. Mehr als 200 Kinder haben in diesem Jahre um Aufnahme in die Kolonie angesucht. Leider fehlen aber die erforderlichen Geldmittel, um auch nur ein Drittel der Angemeldeten hinauszuschicken. Die Behörden und Institutionen, die in früheren Jahren beträchtliche Summen beisteuerten, haben infolge Einschränkung der Budgets ihre Subsidien eingestellt, so daß der Bestand der Kolonie nur von der Unterstützung, die ihr die weite Oeffentlichkeit gewähren wird, abhängt. Es tue daher jeder seine Pflicht und spende für die Aermsten der Armen. Spenden nimmt die Administration entgegen.

(330623c2)


Seite 3

Moskau gegen die deutschen Aspirationen der Sowjetukraine [S. 3, links, Mitte]
Schwere Drohungen an die Adresse Hitlers

Aus Paris wird gemeldet: Das Organ der kommunistischen Partei, die Moskauer „Prawda“, nimmt sehr scharf gegen das von Hugenberg der Weltwirtschaftskonferenz überreichte Memorandum Stellung, in welchem die Aspirationen der Naziregierung auf die Sowjetukraine zum Ausdruck kommen. Die „Prawda“ weist zunächst die Versuche der deutschen Delegation, die jetzt die Verantwortung für die Denkschrift, bloß auf Hugenberg abzuwälzen suchen als unhaltbar zurück. Hugenberg habe lediglich das ausgeplaudert, wovon die gegenwärtigen Machthaber Deutschlands träumen, wonach sie streben und was zu ihrem Programm gehöre. Die deutschen Faschisten suchen, nachdem sie die Macht ergriffen haben, zurückzubringen, was unwiederbringlich entschwunden ist, und in der Expansion nach dem Osten einen Ausweg aus der kritischen Lage zu finden, in der sich der deutsche Imperialismus befindet.
„Prawda“ schreibt dann wörtlich: „Die deutschen Faschisten mögen sich belustigen, so viel sie wollen. Wir haben diese Scherze satt. Wohin wollt Ihr, Herrschaften, mit 7 Millionen Erwerbsloser, mit der ersterbenden Industrie und mit der zusammenbrechenden Wirtschaft? Hat man denn im faschistischen Deutschland vergessen, wie schmachvoll der erste Versuch endete, sich der Sowjetukraine zu bemächtigen, im Jahre 1918, als unser Land schwächer war? Werden sich die Hugenbergs nicht die Mühe geben zu begreifen, was eintreten könnte, jetzt, da unser Land Riesenfortschritte gemacht hat und eine mächtige, unbesiegbare und unbezwingliche Zitadelle des Sozialismus geworden ist? Mögen nun diese Herren, die jedes Maß verloren haben, an unsere Macht denken, mögen sie gut wissen, daß sich unser Land zu verteidigen weiß, daß es gut verstehen wird, jenen, die von der Aneignung des Sowjetgebiets schwätzen und träumen, einen heftigen Schlag zu versetzen. Mögen die Herren Faschisten nicht vergessen, daß unser Land es verstehen wird, einen Gegenschlag zu organisieren, der nicht nur die Integrität unseres Territoriums schützen wird, sondern auch die Folge haben könnte, daß in unsere Hände ein Stück vom Territorium jener gelangt, die versuchen, durch einen Raubangriff unseren Sowjetboden anzutasten.

(330623w3)


Monstreprozeß über Grivita [S. 3, Mitte]
Aus Bukarest wird gemeldet: Wie verlautet, steht die Voruntersuchung über die bekannten Zwischenfälle bei den Eisenbahnwerkstätten Grivita im Winter dieses Jahres vor dem endgültigen Abschluß. Es sollen ungefähr 100 Arbeiter als Anstifter der blutigen Zwischenfälle unter Anklage gestellt werden. Der Prozeß wird in den ersten Tagen Juli in einem großen, zu diesem Zweck besonders hergerichteten Raum des Kriegsgerichtes stattfinden. Gegenwärtig sind in Jilava noch 81 Arbeiter in Haft. Es steht noch nicht fest, ob von ihnen noch einige auf freien Fuß gesetzt werden.

(330623r3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 380, Samstag, 24.06.33

Postby Klaus Binder on 24. June 2011, 00:15

Seite 1

Zahle Europa! [S. 1, unten, rechts]
Amerikanische Note an Rumänien

Washington, 22. Juni. (Tel. des „Tag“). Die amerikanische Regierung hat an Lettland, Rumänien, die Tschechoslowakei, Frankreich und Estland Noten wegen der Kriegsschulden gerichtet. Den ersten drei Staaten wird in der Note erklärt, daß die amerikanische Regierung bereit sei, zur Regelung der Gesamtschulden Vorschläge entgegenzunehmen, dagegen erhielten die anderen Staaten die Note mit dem Zusatz, sie werden darauf aufmerksam gemacht, die am 15. Dezember 1932 fällig gewesene Rate zu bezahlen.

London, 22. Juni (Tel. des „Tag“). Die Stimmung in der Weltwirtschaftskonferenz ist auch heute sehr gedrückt. Das Gerücht, daß die Franzosen entschlossen sind, eine Vertagung der Konferenz bis November zu beantragen, findet Nahrung an den geheimen Besprechungen, die unausgesetzt zwischen den Franzosen und den Engländern stattfinden. Das Gerücht wird offiziell jedoch nicht bestätigt. Die „Morgenpost“ bringt die sensationelle Nachricht von der Gründung einer Zollunion, die vom Adriatischen bis zum Baltischen Meer reichen soll. Litwinow hat ein Memorium für den Abschluß eines ökonomischen Nichtangriffspaktes überreicht.

Aus Paris kommt die Nachricht, Deutschland habe die Absicht, bei der erstbesten Gelegenheit die Wirtschaftskonferenz zu verlassen. Bis zur Ankunft des amerikanischen Delegierten Moley - so glaubt man - wird die Konferenz unter diesem Eindruck bleiben.

(330624r1)


Seite 2

Selbstmord eines jungen Czernowitzer Dichters [S. 2, oben, links]
Aus Bukarest kommt die erschütternde Kunde, daß Siegfried Laufer, ein begabter junger Czernowitzer, der sich hier großer Wertschätzung erfreute, im Alter von 24 Jahren auf tragische Weise aus dem Leben geschieden ist. Samstag, um 6 Uhr abends wurde er am Boden seines Wohnhauses am Bulevard Carol 51, erhängt aufgefunden. Aus hinterlassenen Briefen geht hervor, daß er die Verzweiflungstat aus unglücklicher Liebe zu einem Czernowitzer Mädchen, mit welchem ihn seit einer Reihe von Jahren ein inniges Freundschaftsband verknüpfte, verübt hat. Auf eine letztwillige Verfügung hin wurde sein Leichnam im Bukarester Krematorium eingeäschert.
Die Nachricht traf alle, die diesen Menschen näher kannten, völlig unerwartet. Vor wenigen Monaten erst übersiedelte der Verstorbene mit seiner Familie zum dauernden Aufenthalt nach Bukarest. Sein Vater ist der Gerichtsoberoffizial i. R. Hermann Laufer, dem sich allgemeine Teilnahme zuwendet.
Namentlich in den literarisch interessierten Kreisen von Czernowitz hat das tragische Schicksal Siegfried Laufers große Bestürzung hervorgerufen. Er hinterläßt eine große Anzahl tiefempfundener origineller Gedichte, die einen ansehnlichen Band füllen könnten. Letzens hat er sich auch mit Erfolg auf dem Gebiet der dichterischen Erzählung versucht. Das Fragment einer größeren Novelle: „Iwan der Narr“ hat Hermann Hesse zu Worten vollsten Lobes veranlaßt, eine andere Erzählung wurde im „Wiener Tag“ veröffentlicht und erregte beim Feuilletonredakteur dieser Zeitung, Goetz, reges Interesse für weitere Beiträge des begabten Dichters. Im „Prager Tagblatt“, in der „Lesestunde“ und anderen Blättern waren öfters Gedichte von Laufer erschienen.
Ein weher Klang von frühem Welken und Vergehen klagt aus den zarten schwebenden Rhythmen seines „Wanderliedes“, das durch das unerwartet frühe Ableben seines Dichters umso ergreifender wirken muß:

Der Himmel schlägt sein Auge zu
und blutet stumm ein Lied.
Dein armes Herz ist ohne Ruh
und deine Sehnsucht glüht.
Nun flattert keine Schwalbe mehr,
an’s Nest der Regen blüht.
Du wanderst alle Wege leer,
von bangem Traum umsprüht.
Und weißt vom Tag, da singest du
ein leises Sterbelied.
Dann geht dein armes Herz zu Ruh
und keine Sehnsucht glüht.

(330624t2)


Junian in Czernowitz [S. 2, oben, Mitte]
Feierliche Einweihung des radikal-zaranistischen Heimes

Gestern vormittags traf der gewesene Justizminister und Führer der radikal-zaranistischen Partei, Deputierter Grigore Junian, aus Bukarest in Czernowitz ein, um an der Einweihung und Inaugurierung des Klublokals der radikal-zaranistischen Partei in Czernowitz teilzunehmen. Er wurde vom Leiter der Bukowiner Parteiorganisation, Universitätsprofessor Dr. Costeanu, sowie anderen Parteimitgliedern am Bahnhof empfangen und nach längerem Aufenthalt im Palace-Hotel im das reizvoll geschmückte neue Heim der Organisation geleitet, wo ihm ein herzlicher Empfang zuteil wurde. Unter den zur Feier Erschienenen befanden sich die Universitätsprofessoren Dr. Costeanu, Dr. Culescu und Dr. Mihailescu, der Universitätsdozent Meran, der gewesene Abgeordnete Ropceanu, Cooperator Orest Marcu, Dr. Cococinschi, die Advokaten Zeno de Herbay und Berlescu, Ingenieur Krässel, Apotheker Mandelbaum, die Industriellen Segall und Grabscheid.
Die Feier, die einen erhebenden Verlauf nahm, wurde durch einen religiösen Gottesdienst eingeleitet, der vom Pfarrer Chelariu zelebriert wurde, der hierauf die Weihe des Lokals vornahm.
Nach einleitenden Worten des Pfarrers Chelariu, die mit dem Wunsche schlossen, daß in dem geweihten Heime recht viele Pläne zum Wohle des Staates entstehen und zum Erfolge gelangen mögen, begrüßte Professor Dr. Costeanu die Erschienenen und sagte im Verlaufe seiner Ausführungen u. a.:

In einer Zeit, wie der jetzt herrschenden, sei jeder verpflichtet, sich für das politische Leben zu interessieren. Durch die Regierungstätigkeit der national-zaranistischen Partei sei die Politik unseres Landes in einen chaotischen Zustand versetzt worden. Menschlichkeit und Ehrlichkeit seien aus dem politischen Leben geschwunden und Demagogie an ihre Stelle getreten. Eine unvorbereitete Partei, wie es die heute am Ruder befindliche ist, bedeute eine Gefahr für den Staat. Handlungen, die jeder Moralität Hohn sprechen, wie die Skoda-Affäre, haben das Ansehen der Regierungspartei vernichtet. Sie hat das Land auch extremistischen Strömungen in die Arme geworfen. Wir benötigen einsichtige und aufrichtige Kämpfer und ein Vertrauen einflößendes Programm. Ein solches bietet uns der Führer unserer jungen Partei, Junian, dessen Bestreben dahingeht, eine Revalorisierung des Leu durchzuführen. In Amerika hat diese Finanzgebarung einen großen Erfolg erzielt.
Als nächster Redner sprach Ingenieur Krässel: Sechs Monate sind verstrichen, seit Deputierter Junian, dem Rufe des Universitätsprofessors Costeanu folgend, zum ersten Mal nach Czernowitz kam, um den ersten Impuls zur Gründung einer Bukowinaer Organisation der radikal-zaranistischen Partei zu geben. Bei der ersten am 22. Februar stattgefundenen Versammlung sah man die Notwendigkeit eines eigenen Klubheimes ein, welcher Wunsch nun endlich seine Erfüllung gefunden hat. Unser Dank gehört unserem Führer Junian, der unermüdlich alle Winkel des Landes besucht, um für sein Programm zu werben.

Advokat de Herbay hob hervor, daß Grigore Junian es verstanden hat, im Laufe weniger Monate die Partei in sämtlichen Landeswinkeln zu organisieren. Seine Finanzpläne entsprechen den Wünschen der Bevölkerung. Die Partei setzt sich über alle Unterschiede von Rasse und Konfession hinweg und sei als einzige berufen, das Land vom Abgrund zu retten. Es sprachen dann der Delegierte aus Suczawa Herr Rosca und der Delegierte aus Dorohoi Herr Stroici.
Hierauf führte Parteichef Junian u. a. aus:
Vier Monate sind verstrichen, seitdem unsere Partei zum ersten Male Fühlung mit der öffentlichen Meinung genommen hat. Prüfen wir im Lichte der Erfahrungen, die wir in diesen vier Monaten gemacht haben, unsere Situation, so müssen wir mit dem Ergebnis zufrieden sein. Vor allem konnten wir unser politisches Programm auf seine Zweckdienlichkeit prüfen. Unser Bestreben ging dahin, ein Programm zu schaffen, das das Wohl des Landes im Auge hat. Wir gingen vom Standpunkt aus, daß ein Programm auf drei Grundbedingungen sich stützen müsse: erstens auf das Parteiprogramm, zweitens auf den Parteikader und drittens auf das Vertrauen der Massen. Wir sind die einzige Partei, die heutzutage ein richtiges Programm aufweist. Unser Programm ist ein radikales und ein auf die Lösung der gegenwärtigen Bedürfnisse bedachtes,
und zwar sieht es als ein Ziel die Devalorisierung des Leu an, da wir so am ehesten den Bedürfnissen der Bauern und Arbeiter Rechnung zu tragen glauben. Wir treten für einen sofortigen Aufschub der Auslandzahlungen ein, weil wir überzeugt sind, daß das ökonomische und moralische Element die eigentliche Grundlage des Staates ist. Das Land darf nicht an der Zahlung seiner Auslandsschulden verbluten.
Durch die prompte Auslandsschuldenzahlung, so versprach man uns, werde vom Auslande eher Hilfe kommen. Aber bisher haben wir von dieser Hilfe noch nichts zu fühlen bekommen. Die Inlandsschulden wurden von uns nicht gezahlt. Ich verweise ferner auf die Erfolge der Dollarrevalorisierung in Amerika, die bedeutende Erfolge verzeichnet hat. Wir hoffen trotz des Sträubens Madgearus, unseren Wirtschaftsplänen zum Durchbruch zu verhelfen. Was den zweiten Programmpunkt betrifft, so konnte ich auf meinen Reisen durch das Land die erfreuliche Feststellung machen, daß eine große Anzahl hochgestellter Persönlichkeiten aus ihren Parteien ausgeschieden sind und sich uns angeschlossen haben. Es befinden sich Persönlichkeiten mit bevorzugten Stellungen darunter, die nicht aus persönlichen Gründen in unsere Reihen kamen, sondern weil sie die Aufrichtigkeit unseres Programmes empfanden.
Nach den Ausführungen Junians, der großen Beifall erntete, begab sich die Gesellschaft in den Speisesaal des Palace-Hotels, wo ein Bankett stattfand. Zu diesem war auch der Generalkassier der Junian-Partei, Deputierter Protopopescu aus Dolj erschienen. Es sprachen u. a. Advokat Berlescu, Beer, der Delegierte von Cozmeni, Popovici in ukrainischer Sprache, und der Delegierte von Suceava [Suczawa], Rosca. Parteipräsident Junian dankte den Rednern in einer oratorisch glänzenden Rede, die großen Eindruck hinterließ.

(330624c2)


Tanzprofessor Boris gestorben [S. 2, unten, rechts]
In Targu-Ocna ist nach langem schwerem Leider im Alter von 44 Jahren Tanzprofessor Albin Boris gestorben. Mit Professor Boris ist ein Mann aus dem Leben geschieden, der durch seine jahrelange Tätigkeit in Czernowitz sich bei uns Heimatrechte erworben hatte und sich in der Czernowitzer Gesellschaft großer Beliebtheit erfreute.

(330624t2a)


Seite 4

Kein Pardon mehr den Sozialdemokraten [S. 4, oben, links]
Sie werden fortab wie Kommunisten behandelt

Berlin, 22. Juni (Tel. des „Tag“). Die Spaltung der Führerpersönlichkeiten der sozialdemokratischen Partei Deutschlands hat heute zu Maßnahmen der preußischen Regierung Anlaß gegeben, die den der kommunistischen Partei gegenüber angewendeten ähnlich sind.
In einer Bekanntmachung des nationalsozialistischen Pressedienstes wird von „verräterischem Treiben“ der im Ausland weilenden Sozialdemokraten gegen Deutschland gesprochen. Diese „Verräter“ - heißt es weiter - schrecken vor nichts zurück. Führende Persönlichkeiten, wie Wels (Parteivorsitzender), Dr. Breitscheid (Vorsitzender der Reichstagsfraktion), und Stampfer (Chefredakteur des „Vorwärts“) befinden sich in Prag, um von dort aus den Kampf gegen das Deutsche Reich zu führen. Allerdings hat sich die Parteileitung in Berlin von den „Verrätern“ zu distanzieren versucht; sie hat es aber unterlassen, wegen des Landesverrates die einzig richtigen Schlüsse zu ziehen und die Emigranten aus der Partei auszuschließen. Geheime Versammlungen der Sozialdemokraten fassen „verräterische Beschlüsse“. Das zwingt zum Schlusse, daß die Sozialdemokraten als Staats- und Volksfeinde anzusehen sind. Die Maßnahmen, die gegen die kommunistische Partei angewendet wurden, werden nunmehr auch auf die sozialdemokratische Partei angewendet werden. Der preußische Ministerpräsident Göring hat die Landesregierungen ersucht, auf Grund der Verordnung zum Schutze von Staat und Volk die notwendigen Maßnahmen gegen die S.P.D. anzuwenden.

Die Sozialdemokraten gehen ihrer Mandate in allen Körperschaften verlustig. Versammlungen der sozialdemokratischen Partei werden nicht mehr erlaubt. Das Vermögen der Gewerkschaften bleibt konfisziert. Sozialdemokratische Zeitungen und Zeitschriften dürfen nicht mehr herausgegeben werden. Mit der Auflösung der mit der Gewerkschaft in Verbindung stehenden Organisation ist sofort vorzugehen. Mit der Erklärung des Landesverrates der Sozialdemokraten ist die weitere Zugehörigkeit von Beamten, Angestellten und Arbeitern, der Bezug von Zuwendungen und Unterstützungen selbstverständlich unvereinbar.

Goebbels: Es beginnt erst ...
Frankfurt a. M., 22. Juni (Tel. des „Tag“). Goebbels hielt vor der Presse eine Ansprache, in der er unter anderem sagte: Wir haben mehr geleistet, als der Marxismus in 14 Jahren. Der Nationalsozialismus hat die historische Mission, den Kommunismus zu unterbinden. Wir sind erst an der Arbeit.

Selbstmord, der letzte Ausweg im Dritten Reich
Wie der „Temps“ aus München meldet, hat der gewesene Direktor der Münchener Alten Pinakothek, der Kunsthistoriker Professor August L. Mayer, der vor drei Monaten von den Nazis verhaftet worden ist, im Gefängnis Selbstmord verübt. Professor Mayer hat sich mit einem Rasiermesser die Kehle durchschnitten und die Pulsadern geöffnet. Sein Zustand ist hoffnungslos.
Professor Mayer, der als Autorität auf dem Gebiet der spanischen Malerei Weltruf genoß, ist jüdischer Abstammung.

In Frankfurt a. M. hat der angesehene Juwelier Moritz N. Oppenheim, Inhaber der bekannten Firma M. N. Oppenheims Nachfolger, mit seiner Gattin Selbstmord verübt. Herr Oppenheim stand im 85. Lebensjahre. Seine Familie ist seit 300 Jahren in Frankfurt a. M. ansäßig und hat in der Juwelierbranche eine hervorragende Stellung eingenommen. Oppenheim war ein besonderer Mäzen der Frankfurter Universität.

Gegen die Katholiken
Berlin, 22, Juni (Tel. des „Tag“). Die Verhaftung von Katholiken dauert fort. Der Pfarrer Wagner wurde in Eßlingen verhaftet. Zwei andere Pfarrer wurden verhaftet, weil sie „politische Zersetzungsarbeit“ in Predigten geleistet hätten.
In Stuttgart wurden mehrere katholische Priester in Schutzhaft gesetzt. Bei Mitgliedern der bayrischen Volkspartei dauern die Hausdurchsuchungen fort. Es wird nach Material gesucht, daß die Katholiken Bayerns mit den Christlichsozialen in Verbindung stehen.

Sie geben langsam nach
Berlin, 21. Juni (Tel. des „Tag“). Der Kommissär für Kunstpflege, Hinkel, erklärte heute: Wir beabsichtigen nicht, ausländische Autoren und Komponisten von den deutschen Bühnen auszuschließen. Auch die leichte Musik soll gepflegt werden. Nur der Grundsatz muß gelten: Deutsche Kunst voran.

(330624w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 381, Sonntag, 25.06.33

Postby Klaus Binder on 25. June 2011, 06:26

Seite 1

Frage der Aufhebung des Belagerungszustandes wird geprüft [S. 1, unten, rechts]
Bukarest, 23. Juni (Tel. des „Tag“). Ein Kabinettsrat befaßte sich mit der Frage der Aufhebung des Belagerungszustandes und beschloß, den Justiz- und Kriegsminister mit dem Studium dieser Frage zu beauftragen. Beide Minister sollen entscheiden, ob der Belagerungszustand total oder nur teilweise aufgehoben werden soll. Die Entscheidung soll schon in den nächsten Tagen fallen.

(330625r1)


Seite 2

Tödlicher Wagenunfall [S. 2, unten, rechts]
Der Chotiner Einwohner Vasile Adam fuhr Mittwoch nachts mit seinem Wagen durch eine enge Straße in Kaliczanka. Der Wagen stürzte in einen tiefen Graben. Der unglückliche Lenker kam unter den Wagen, der eine schwere Eisenwarenladung enthielt, zu liegen und erhielt schwere Verletzungen, welchen er auf dem Transport in das Zentralspital erlag.

(330625t2)


Seite 5

Wirtschafts-„Tag“
Schlechte Aussichten [S. 5, oben, links]
Von Mathias Roll

Die Zeitungen der ganzen Welt befassen sich mit der Weltwirtschaftskonferenz, und es ist eine wahre Inflation in der Literatur über die zur Behandlung stehenden Fragen zu verzeichnen. Schon die zweite Woche der mit so großer Sehnsucht erwarteten Weltwirtschaftskonferenz, welche das Schicksal der Menschheit bestimmten sollte, zeigt aber, daß die Aussichten derselben in umgekehrtem Verhältnis stehen zur Menge der produzierten Zeitungsartikel, Abhandlungen, Broschüren, zu der Anzahl der Reden und zu der Zahl der Völker, welche an der Konferenz teilnehmen.

Schlechte Aussichten
Die Währungsfrage, welche als der wichtigste Punkt der Tagesordnung der Konferenz bezeichnet wurde, hat gleich zu Beginn der Verhandlungen (von der Kriegsschuldenfrage gar nicht zu reden, zu deren Regelung eine besondere Konferenz einberufen werden soll) auf ungeheure Schwierigkeiten für eine Einigung unter den drei wichtigsten Staaten Amerika, England und Frankreich gestoßen. Die Vereinigten Staaten wollen sich vorläufig nicht binden, sie wollen sich auf einen bestimmten Kurs des Dollars nicht festlegen, also sie lehnen die Stabilisierung des Dollars auch als Provisorium ab. Das ist begreiflich, denn solange das Ergebnis der Weltwirtschaftskonferenz nicht feststeht, wollen die Vereinigten Staaten von Amerika freie Hand in der Währungsfrage behalten, damit sie ihre Wirtschaft von der Währungsseite aus dirigieren können. Solange eine Einigung in den anderen Hauptwirtschaftsfragen nicht zustande kommt, kann das Hauptziel der Amerikaner, eine Preissteigerung der wichtigsten Waren und Rohstoffe im Inlande zu erzielen und die Ausfuhr zu beheben, nicht anders als von der Geldseite her erreicht werden. Wenn nun die Verhandlungen auf der Weltwirtschaftskonferenz sich bloß lange hinziehen, so würde schon Amerika einen großen Schaden darin erleiden, wenn es einen Währungsstandard beibehalten würde, der mit seiner Wirtschaft nicht mehr im Einklange stünde. Kurz gesagt, ein Land mit einer solchen breiten Wirtschaft, wie es die Vereinigten Staaten sind, kann nicht eine höhere Währung aufrecht halten, wenn andere große Wirtschaftsländer einen niedrigen Währungsstandard besitzen. Wir haben deshalb schon vor Monaten geschrieben, es sei ein großer Fehler, die Währungsfrage in den Vordergrund der Verhandlungen zu stellen, weil diese Frage erst nach Ordnung der wichtigsten Wirtschaftsfragen, namentlich nach der Wiederherstellung des Weltverkehrs oder gleichzeitig mit derselben, geordnet werden kann. Sieht man, wie sehr die eine Frage schon einen so großen Pessimismus ausgelöst hat, so kann man sich wohl keinen großen Hoffnungen in Bezug auf das Schicksal der Konferenz überhaupt hingeben.

Die beinahe zwei Wochen dauernden Beratungen haben auch erwiesen, daß die Weltwirtschaftskonferenz sehr schlecht vorbereitet wurde. Es ist kein Versuch gemacht worden, ein Minimalprogramm vorerst aufzustellen, worüber schon vor Zusammentritt der Konferenz eine Einigung in den wichtigsten Fragen des Minimalprogrammes unter den wichtigsten Staaten hätte erlangt werden sollen. 66 Staaten sind zusammengetreten, um die Weltwirtschaft zu retten, aber nicht die geringste Annäherung ist vorerst erfolgt. Wie kann man sich also dem Glauben hingeben, daß nun eine Klärung der Ideen und gar eine Einigung zustande kommt? Ja man muß sich fragen, ob es denn überhaupt notwendig war, 66 Staaten zusammenzurufen, ob es wirklich nötig ist, einige Tausende Delegierte aus allen Weltteilen zusammenzubringen, damit man in London neuerdings Ansichten kundgibt und Reden hört, die schon tausendmal vernommen wurden. Es wäre viel praktischer gewesen, die wichtigsten Staaten der Welt, und diese sind das Fernöstliche Reich, die Vereinigten Staaten von Amerika, das Britische Weltreich, Sowjetrußland und Frankreich zusammenzurufen und vorerst untereinander zu beraten und zu versuchen, eine Einigung in den Hauptwirtschaftsfragen zu erzielen. Es gibt auf der ganzen Welt nur die fünf großen Weltwirtschaftsmächte, zu welchen noch die europäischen zwei Mächte, Italien und Deutschland, hätten zugezogen werden können. Alle anderen Staaten der Welt gehen in den Interessensphären der ersten fünf Weltwirtschaftsgruppen auf. Es ist freilich auch zu bezweifeln, ob die erwähnten Staaten, so klein ihre Anzahl auch ist, im Stande gewesen wären, eine Solidarität in der Lösung der Weltwirtschaftsprobleme zu bekunden. Namentlich ist dieser Zweifel in der heutigen Zeit, bei der Zuspitzung der nationalistischen, autarkistischen und faschistischen Bestrebungen berechtigt.
Die größte Ueberraschung in der abgelaufenen Woche bildete das

deutsche Memorandum auf der Weltwirtschaftskonferenz,
welches nichts weniger als einen Kreuzzug gegen Sowjet-Rußland in unverhüllter, ganz undiplomatischer Form verlangte. Die großen Staaten waren über diese Offenheit ganz konsterniert, und wenn auch das deutsche Verlangen den innersten Wünschen manches anderen Staates außer Deutschland entsprochen haben mag, so wurde doch allgemein die Offenheit des Herrn Hugenberg als eine Ungerechtigkeit sondergleichen bezeichnet, was zur Folge hatte, daß das offizielle Deutschland erklärte, daß Hugenberg auf eigene Faust gehandelt hat. In der Zeit der ungeheueren Arbeitslosigkeit ist als wichtigstes Ziel die Produktionssteigerung zu bezeichnen, welche allein die Verminderung der Arbeitslosigkeit bringen kann, und man kann sich deshalb lebhaft vorstellen, wie sehr die großen Industriestaaten die vom russischen Vertreter Litwinow angekündigten Milliarden-Bestellungen sehnsüchtig erwarten, und da kann man es auch verstehen, daß man einen derartigen Zeitpunkt nicht gerade für geeignet hält, einen Kreuzzug gegen diesen großen Besteller zu führen. Im Gegenteil, es werden Handelsabkommen mit Rußland erneuert, was Deutschland zur Verwunderung der Welt erst kürzlich tat und neue abgeschlossen.

Auch Rumänien steht vor einer günstigen Neuordnung seines Verhältnisses zu Sowjet-Rußland
Die Zustimmung der Kleinen Entente zum Abschlusse des Viermächtepaktes ist für unseren geschickten Außenminister Titulescu Anlaß gewesen, entsprechende Garantien in unserer wichtigsten Frage mit Sowjet-Rußland zu erlangen, was die erwähnte Annäherung ermöglicht. Es ist ja auch ganz selbstverständlich, daß man nicht auf der einen Seite die Steigerung des Weltwirtschaftsverkehres in Angriff nehmen kann und gleichzeitig ein großes Wirtschaftsgebiet aus diesem Weltverkehr ausschließt.

(330625w5)


Seite 7

Zirkus Karl und Rudolf Kludsky in Czernowitz [S. 7, oben, rechts]
Am Mittwoch, den 28. d. M., trifft mittelst dreier Extrazüge der Zirkus Karl und Rudolf Kludsky in Czernowitz ein, um hier ein nur wenige Tage dauerndes Gastspiel zu absolvieren. Der Zirkus, der jetzt kommt, ist das Stammunternehmen, jenes, das vor sechs Jahren auf den Trichter’schen Gründen in der Nähe der Mühle mit seinem riesengroßen Dreimanegen-Zeltbau das größte Aufsehen hervorgerufen hat. Man erinnert sich noch, welches Massenpublikum das gewaltige Unternehmen in seine Vorstellungen gezogen hat. Es sei gleich erwähnt, daß der jüngst in dieser Stadt gewesene Zirkus Gottlieb Kludsky keineswegs identisch ist mit dem großen Zirkus Kludsky, der sich jetzt ankündigt. Gottlieb Kludsky ist einer aus der Familie Kludsky, der sich vor Jahren selbständig gemacht hat, kaum zu einem kleinen Unternehmen sich entwickeln konnte und daher nicht zu vergleichen ist mit den echten Kludskys, die wir diese Woche zu bewundern Gelegenheit haben werden. Der Wanderzoo Kludskys, den die Hauptstadt als städtischen Zoo erwerben will, umfaßt über 600 Tiere, darunter 26 Elefanten - der Stolz des Hauses - Giraffen, Raubtiere aller Art und vor allem einen Marstall, der auch Weltstädten imponiert hat. Außerdem kommt Kludsky mit einer Heerschar der hervorragendsten Artisten. Die Kludsky’sche Spezialität, mit der er diesmal aufwartet, ist die Arena in Ellipsenform, eine Neuschöpfung der modernen Zirkusse. Das Zuschauerzelt bietet 8000-10.000 Personen Platz. Die Tierschau ist ein Sonderunternehmen. Der Zirkus kommt über Galati-Iasi-Chisinau aus Bukarest, wo er durch zwei Monate das größte Interesse hervorrief.

(330625c7)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 382, Dienstag, 27.06.33

Postby Klaus Binder on 25. June 2011, 07:54

Seite 2

Die Novelle des Tages
Der Löwe ist los [S. 2, oben, links]
Von Roda Roda

Der Zirkus Kludsky ist altberühmt; hat sogar seinen Geschichtsschreiber gefunden, Suchodosky.
Gründer des Unternehmens soll der Urgroßvater der gegenwärtigen Besitzer sein. Anton Kludsky; er spielte in den Wirtshäusern Okarina und ließ von einem Affen den Lohn einsammeln. Aus dem Reingewinn kaufte er einen Papagei ... dann ein Pony ... eine Schlange ... einen Fuchs ... Als Anton Kludsky starb, hinterließ er schon fünf Wagen voll Tiere, darunter ein Zebra, einen Hirsch.
Sein Sohn, Anton II., geboren 1808, gestorben 1895, aber hinterließ ... 22 Söhne. Drei davon sind von Raubtieren zerfleischt worden.
Anton III. sollte ursprünglich Geistlicher werden; erst später schlug er die Laufbahn des Dompteurs ein. Die Brüder vertrugen sich nicht mit ihm; es gab bald vier Menagerien gleichen Namens.
Einmal raffte die Seuche alle Tiere hin. Kludsky stopfte die Felle aus, zeigte sie den Leuten im Panoptikum und erwarb so neues Geld, neue Bestien.
Im Krieg verhungerte der ganze Bestand ... Die Brüder Karl und Rudolf, Antons III. Erben, fingen unverdrossen von vorn an.
Jetzt aber wissen sie nicht weiter:
die Konkurrenz des Tonfilms - die Lustbarkeitssteuern drücken zu mächtig. Die Brüder gedachten, die Tiere der Tschechischen Republik zu schenken, zur Gründung eines Zoologischen Gartens, gegen eine Leibrente; der Staat wies das Angebot zurück.
- - - Soweit der Historiker.

Nun aber kommt eine Episode, die nicht in seinem Buch steht. Sie ist so interessant als Beitrag zur Psychologie des Menschen, daß sie die Aufzeichnung lohnt. Ich habe die Geschichte von einem Herrn Artur Pächter - er wieder hat sie von Anton II. Kludsky selbst:

Es war vor vielen Jahren, auf dem Münchner Oktoberfest.
Eines Abends stolpert ein Stallbursche in Kludskys Wohnwagen, totenbleich und kreischt:
„Herr - Sultan ist los!“
Nun, daß ein Löwe ausrückt, kommt in einer Wandermenagerie mal vor. Aber doch nicht gleich Sultan, der gefährlichste. Und auf dem Oktoberfest - inmitten von Myriaden Menschen. Die Kunde allein vom ausgebrochenen Löwen wird eine Panik geben von unabsehbaren Folgen. Der alte Kludsky stürzt hinaus:
„Wo, wo ist Sultan?“
Er hat sich unter seinen Wagen verkrochen.
„Na, dann kriegen wir ihn bald.“
Rasch einen flachen Käfig herangerückt - Pferdefleisch als Lockspeise!
So freßgierig aber die Tiere einer Wandermenagerie sonst sind - und Sultan vor allen: er läßt im Dunkeln seine Lichter glühen - er knurrt wütend und schlägt gewaltige Reife - aus seinem Versteck rührt er sich nicht.
Der alte Kludsky kennt seine Pappenheimer: Auf den eigenen Schultern holt er ein Löwenjunges herbei und setzt es ans Pferdefleisch.
Und was kein Zureden vermochte, nicht Lockung und nicht Peitsche - eine bange halbe Stunde lang - der Futterneid schafft es im Nu: Sultan springt mit einem Satz hervor. Die Falltür schnappt - Sultan ist gefangen.

Bis hierher ein Begebnis, wie es sich in dieser Umgebung täglich wiederholen kann. Der Schluß aber:
Natürlich war - Oktoberfest, Menschenauflauf - die Polizei verständigt worden. Berittene und Wache zu Fuß hatten alsbald den Schauplatz des Abenteuers abgesperrt. Die Menschenmassen zurückzudrängen konnte man sich sparen - Sie waren, entsetzt, schon auf und davongelaufen.
Zwei Kommissare traten, als der Löwe erst gesichert war, in amtlichem Gleichschritt an und wollten mit dem alten Kludsky „das Protokoll aufnehmen“.
Kludsky, bebend an allen Gliedern, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sprach höflich:
„Meine Herren! Ich muß Sie bitten mich erst in Ohnmacht fallen zu lassen. Hierauf werde ich Ihnen gerne zur Verfügung stehen.“
Und so geschah es: Kludsky fiel in Ohnmacht; erlangte nach vieler Bemühung seiner Leute das Bewußtsein wieder - und diktierte nun geläufig das Protokoll.

(330627c2)


Als Opfer seiner Dienstpflicht getötet [S. 2, Mitte, links]
Der Beamte der Wach- und Schließgesellschaft „Fiducitate“, Andri Popencu, der bekanntlich in der vorigen Woche von einem bisher nicht eruierten Individuum durch einen Halsschuß schwer verletzt wurde, ist in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni seinen Verletzungen erlegen. Vor einigen Tagen wurde an Popenco eine Operation vorgenommen; er hatte sich bereits soweit erholt, daß die behandelnden Aerzte der Hoffnung Ausdruck gaben, ihn am Leben zu erhalten. Der Zustand verschlimmerte sich jedoch von Neuem und Popenco erlag den Verletzungen. Das Kriminalbüro befaßt sich mit der Eruierung des Täters noch immer erfolglos.

(330627t2)


Beim Baden ertrunken [S. 2, Mitte, links, unten]
Die heurige Badesaison hat in Czernowitz bereits sein zweites Todesopfer gefordert. Samstag um 3 Uhr nachmittags badete in Klokuczka das 15-jährige Mädchen Eugenia Mitra in einem Bade, das Eigentum des Klokuczkaer Einwohners Johann Repcinschi ist. Das Mädchen geriet in eine Untiefe und ertrank. Ihr Leichnam wurde in die Wohnung ihres Dienstgebers Anton Wagner, strada Urechia 3, geschafft.

(330627t2a)


Promotion [S. 2, Mitte]
Samstag, den 24. Juni fand an der deutschen Universität in Prag die Promotion unserer Landsmännin, Frl. Alice Fischbach, Tochter des Herrn Ing. Edmund Fischbach, zum Magister der Pharmazie statt. Frl. Fischbach hat die Prüfung mit Auszeichnung bestanden.

(330627i2)


Wieder Bauexzesse [S. 2, Mitte, rechts]
Dringende Anfrage an das Baudepartement

Vor nicht allzulanger Zeit wurde mit grossen Lettern verkündet, es sei eine aus Fachleuten zusammengesetzte Kommission gebildet worden, welcher die bedeutende Aufgabe zufalle, künftighin alle wichtigeren Baupläne zu überprüfen, damit die im Stadtzentrum zu errichtenden Bauten das Stadtbild nicht irgendwie ungünstig beeinflussen. „Von jetzt an gibt es keine Bauexzesse mehr“, verkündete der Stadtverschönerungsverein.
Und doch wird ein neuer Exzeß geplant, im Herzen der Stadt sogar: die Bauunternehmer des gegenüber dem Tempel gelegenen Neubaues haben es sich in den Kopf gesetzt, die Baulinie um ungefähr einen halben Meter auf die Straße zu verlegen. Angeblich soll dies zur architektonischen Bessergestaltung des Baues nötig sein. Dieser Plan setzt allen bisherigen Bauexzessen die Krone auf.
Die Herren Unternehmer wollen die Ecke Universitätsgasse - frühere Franzensgasse keilartig, in konkaver Form gestalten, wobei sie die Konkavlinie bis auf die Straße verlegen. Dasselbe könnte auch geschehen, wenn der Bau um einen halben Meter auf Kosten der eigenen Bauparzelle zurückgelegt wird, was allerdings den Herren nicht Recht ist. Wir aber glauben, daß sich gerade die gegenteilige Form eignen würde: eine kleine Ausbuchtung in konvexer Linie zu schaffen, damit für die Zukunft die Möglichkeit erhalten bleibt, vor dem Tempel eine Piazetta zu schaffen, wobei alle im Umkreis gelegenen Bauten in gleicher Linie geführt werden sollen.
Doch gibt es etwas, was ein Bauunternehmer bei unserem Bauamte noch nicht durchgesetzt hätte? Wie lange ist es denn her, daß gegen das Bauamt Sturm gelaufen wurde, weil es zu jeder Schweinerei die Zustimmung hergab? Aber was schert die Herren, ob ein Bau so oder so aussieht; wenn es durchaus sein muß, wird ein Auge zugedrückt, und ehe es jemand gemerkt hat, ist über Nacht eine stockhohe Mauer aufgerichtet, welche man doch nicht mehr niederreißen kann!
Diesmal aber werden sie auf Granit beißen.
Wir fragen:
Was sagt der Leiter des Baudepartements, Herr Vizebürgermeister Baranai dazu?
Wo ist die Ueberwachungskommission?
Was tut der Verschönerungsverein, um diesen Anschlag gegen die Stadt zu vereiteln?
In Bukarest wird jetzt das berühmte Hotel Frascatti abgetragen, weil es einen Meter über die Baulinie ragt. Die Stadt Bukarest zahlt Millionen dafür. Das mächtige Hotel Bulevard, ein schöner Bau, ist das nächste Opfer, weil die Straße verbreitert werden soll. Bei uns wollen die Bauspekulanten, und dazu mit Hilfe der Stadtämter, auf der Straße bauen.
Es sollen zwei Czernowitzer miteinander eine Wette abgeschlossen haben. Der eine verpflichtete sich, die Bewilligung zur Aufführung eines Gebäudes auf dem Ringplatz zu erlangen.
Er soll die Bewilligung schon in der Tasche haben ...
I.D.E.

(330627c2a)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Katastrophale Lage der rumänischen Petroleumindustrie [S. 3, Mitte, unten, links]
Aus Bukarest wird gemeldet: Gestern erschien eine Deputation der Petroleumproduzenten bei Handelsminister Vaida und Unterminister Gasencu. Sie brachten vor, daß sie infolge des großen Preissturzes der Petroleumprodukte in eine katastrophale Lage gelangten. Sie verlangten die Unterstützung der Regierung. Vaida und Gasencu versprachen, die Lage zu studieren.

(330627r3)


Makkabi-Kampfspiele [S. 3, Mitte, unten, rechts]
Offizielle Verlautbarungen

Lord Melchett, Ehrenpräsident des Makkabi-Weltverbandes, welcher bekanntlich bei den Kampfspielen persönlich anwesend sein wird, äußerst sich in einem für die Festschrift bestimmten Beitrag über Rumänien wie folgt: „Ich hatte bereits einmal Gelegenheit, Gast dieser freundlichen Stadt und ihrer liebenswerten Menschen zu sein, und es ist kein Zufall, daß der Makkabi-Weltverband die Gastfreundschaft des Czernowitzer Makkabi, der Stadt Czernowitz und des rumänischen Volkes freudig in Anspruch nimmt. Wir können die Zeichen einsichtsvollen Verständnisses und Mitgefühls, die von diesem Lande und seinem König seit langem für unsere Regenerationsbewegung ausgegangen sind und wir sind dankbar dafür.“
Die „Hasmonaea“ Lemberg organisiert für die Kampfspiele einen Motorraid mit einer 30 Mann starken Radfahrergruppe aus Polen.
England entsendet für die Kampfspiele ein Tennisteam und mehrere hervorragende Einzelkämpfer in den athletischen Disziplinen sowie einen Meisterboxer.
Danzig entsendet eine Handballmannschaft, eine Turner- und Athletengruppe.
Ing. Pazofski, Prag, Vorsitzender des Turn- und Sportausschusses des Weltverbandes, hat von Prag aus die Reise in alle größeren Makkabizentren angetreten, um sich über den Fortschritt der technischen Vorbereitungen, insbesondere der Freiübungen persönlich zu informieren und trifft in der zweiten Hälfte des Monates Juli in Czernowitz ein.
Mit dem Umbau des Makkabiplatzes, welcher zu einem modernen Stadion mit einem mehr als 10.000 Personen fassenden Zuschauerraum ausgestaltet wird, wurde bereits begonnen.
Der Vorsitzendes des Propagandaausschusses: Dr. Rubel

(330627c3)


Seite 4

Hitlers Bestialitäten gegen die S.P.D. [S. 4, links, oben]
Verzweiflungsakt der Nazis

Prag, 23. Juni. Der in Prag tätige Parteivorstand der S.P.D. hat unter dem Vorsitz des Abgeordneten Wels zu dem Parteiverbot in Deutschland eine Erklärung abgegeben, in der es heißt:
„Das Verbot der S.P.D. kommt hier nicht mehr überraschend. Seit Tagen wußte man, daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands und die Spannung innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung so stark geworden sind, daß die gewaltsame Unterdrückung aller politischen Parteien als Ablenkungsmanöver in Aussicht genommen wurde.
Mit der gewaltsamen Entfernung der am 5. März rechtmäßig gewählten sozialdemokratischen Volksvertreter aus den öffentlichen Körperschaften ist der letzte Schein demokratischer Legalität vernichtet. Zwölf Millionen Arbeiter und wahlberechtigte Menschen sind ohne jegliche Vertretung. Von den heutigen Machthabern in Deutschland verfolgt beschimpft und verleumdet zu werden, ist für ehrenhafte und aufrichtige Menschen nur eine Ehre. Kein Verbot kann die S.P.D. töten. Sie lebt und sie regt sich kräftiger als zuvor. Jetzt ist klare Bahn für die Arbeit im neuen Geist geschaffen.
Die taktischen Differenzen zwischen Berlin und Prag sind durch das Eingreifen der rohen Gewalt beendigt. Unser rücksichtsloser Kampf, der von glühender Leidenschaft für das hohe Ziel der Befreiung Deutschlands von dem Joch des zurzeit regierenden Verbrechertums erfüllt ist, findet nun keinerlei Hemmungen mehr. Er wird innerhalb der deutschen Grenzen ein millionenfaches Echo finden, das Ende der verbrecherischen Herrschaft beschleunigen und das deutsche Volk vor dem Untergang bewahren.“
Wels erklärte weiter:
Auf keinen Fall werde aber die S.P.D. Methoden anwenden, wie sie von Berlin aus gegen den österreichischen Bruderstaat angewendet werden. Mit dem Kampfe gegen das gegenwärtige Regime in Deutschland gehe es nicht nur um die Rettung Deutschlands, sondern um die Rettung ganz Europas.
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Wels

Sadistische Nazi-Exzesse
Wie die Sozialdemokraten gequält werden

Berlin, 23. Juni. Der „Lokalanzeiger“ veröffentlicht nachfolgenden Bericht aus Breslau:
Die Einlieferung des in Berlin verhafteten früheren Oberpräsidenten der Provinz Niederschlesien, des Sozialdemokraten Lüdemann, im Breslauer Konzentrationslager gestaltete sich zu einem ungewöhnlichen „Schauspiel“. Lüdemann mußte, seinen Koffer in der Hand, vom Polizeipräsidium zum Konzentrationslager zu Fuß gehen in Begleitung von zehn S.A.-Männern. Der Polizeipräsident, Obergauführer Heines, hielt bei Lüdemanns Ankunft im Konzentrationslager vor den Insassen eine Ansprache, in der er das Treiben dieses „Bonzen“ schilderte. Zehn Lagerinsassen wurden aus Anlaß der Einlieferung Lüdemanns entlassen.
Lüdemann mußte sofort mit Erdarbeiten beginnen.

Keine jüdische Reklame
In Glatz (Waldenburg) erhielten die Zeitungen den Auftrag, künftighin keine jüdischen Inserate mehr zu publizieren.

Goebbels: Nur eine einzige Partei darf es geben
Berlin, 25. Juni (Tel. des „Tag“). Goebbels sprach heute in seiner Heimatstadt über die Aufgaben der nationalen Revolution. Man muß jeder politischen Partei die Existenzberechtigung absprechen. Der ganze Staat muß erobert werden, und dazu ist die Vereinigung aller Elemente in einer einzigen Partei notwendig.
Ueber die Eingliederung des Stahlhelms in die nationalsozialistische Partei sprach Reichsminister Seldte. Er werde es nicht dulden, daß die Feinde des Staates aus dem Dunkel heraus eine zweite Revolution über dem Haupt der Jännerrevolution bilden.

Nazis - die reinen Unschuldsengel
Berlin, 25. Juni (Tel. des „Tag“). Die von der Sowjetregierung überreichte Protestnote gegen das von Hugenberg in der Weltwirtschaftskonferenz überreichte Memorandum ist hier eingetroffen. In Kreisen der Reichsregierung wird betont, da diese Note als nicht eingetroffen angesehen werden kann, da sie inhaltlich einen Protest Sowjetrußlands nicht rechtfertigte.

Auch die Kirchen werden gleichgeschaltet
Der Preußische Kultusminister Rust ernannte zum Spezialkommissar für die evangelischen Kirchen Preußens das Mitglied der Nationalsozialisten Jäger.

Gegen die christlichen Syndikate
Nationalsozialistische Sturmtruppen haben gestern die christlichen Gewerkschaften besetzt. Diese Syndikate sollen demnächst der deutschen Arbeitsfront eingegliedert werden.

(330627w4)


Aus dem Tscheka-Deutschland [S. 4, Mitte]
Die Nazis brauchen Geld

Berlin, 25. Juni (Tel. des „Tag“). Die offizielle Darstellung über die Verhaftung des Führers der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, Löbe und anderer Mitglieder der Partei geht dahin, daß die Nationalsozialisten die Fonde der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion sicherstellen wollten.

Eine gute Gelegenheit
In Kreisen der Nationalsozialisten verlautet, daß die deutsche Delegation bei der Abrüstungskonferenz auf die mangelhafte Ausrüstung Deutschlands verweisen wird. Diese Tatsache ist auch beim Abwurf deutschfeindlicher Manifeste durch ausländische Flugzeuge zum Ausdruck gekommen.

Neuer Leiter des „Ullstein“-Verlags
Eduard Stadler, der von der deutschnationalen Front zurückgetreten ist, wird künftighin die politische Leitung des Ullsteinverlages innehaben.

Der Staatssekretär des Innenministeriums erklärte Pressevertretern, daß der Typ des Flugzeuges, welches deutschfeindliche Manifeste abgeworfen hat, in Deutschland unbekannt ist. Diese Aktion wird mit Personen im Auslande in Zusammenhang gebracht, die in Deutschland eine friedliche Propaganda betreiben. Der Staatssekretär erklärte, daß Deutschland der einzige Staat sei, der Kriegsflugzeuge nicht besitzt.
Es wird mitgeteilt, daß ähnliche Flugzeuge auch über Mannheim gesichtet wurden.

Verhaftungen dauern fort
Gestern wurden in Berlin 200, in Dresden 150 neue Verhaftungen, hauptsächlich von Sozialdemokraten, vorgenommen.
Das „Neue Münchener Tageblatt“ wurde bis zum 30. Juni verboten.
In Stuttgart wurden 60 Kommunisten wegen Verbreitung aufreizender Manifeste in Schutzhaft genommen.

(330627w4)


Nahrungsmittelsorgen der deutschen Juden [S. 4, Mitte, unten]
London, 23. Juni. In hiesigen informierten Kreisen liegen über die Lage der Juden in Deutschland folgende neue Berichte vor:

Die Organisation der deutschen „Engros-Nahrungsmittel-Händler“ hat den Entschluß gefaßt, nicht mehr an Juden weiterzuverkaufen. Da nun die früheren jüdischen Engros-Nahrungs-Händler sozialisiert wurden, wird wahrscheinlich in kurzer Zeit der Fall eintreten, daß sich jüdische Kreise nur schwer Lebensmittel beschaffen werden können, denn auch die Detail-Nahrungsmittelgeschäfte werden nun gedrängt, keine Waren an Juden mehr abzugeben, und man deutet ihnen an, daß man sie sonst auch vom Warenbezug ausschalten werde ... Auch hört man bereits davon, daß gewisse jüdische Kaufmanns-Detailläden Schwierigkeiten haben, gewisse Waren (besonders Markenartikel) aufzutreiben.

Infolgedessen beginnt jetzt auch eine Art Wanderbewegung der Juden von den kleinen Provinzstädten nach Berlin einzusetzen, weil dieselben dort in Berlin nicht so bekannt sind und auch daher beim Einkauf nicht weiters besonders auffallen. In Berlin glaubt man daher auch, daß dieser Zustrom von Juden weiter anhalten wird.
Viele Juden, die wenig bemittelt sind und denen die deutsche Regierung die Pässe verweigert, obwohl sie um Auswanderung bitten, ziehen nach dem Saargebiet, weil dort Juden und andere politische Flüchtlinge nicht so molestiert werden (wegen der französischen Behörden).
Saarbrücken ist bereits überfüllt mit Juden, die von Preußen und Bayern geflüchtet sind.

(330627w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 383, Mittwoch, 28.06.33

Postby Klaus Binder on 25. June 2011, 17:31

Seite 2

Budenitz bleibt noch ein Jahr [S. 2, oben, Mitte]
Die Enquete in der Stadtgemeinde

Unter dem Vorsitz des Vizebürgermeisters Baranai fand Montag eine Enquete statt, in der die Frage der Abtragung der Buden am Alexandriplatz erörtert wurde. An der Enquete nahmen u. a. teil: Bürgermeister Dr. Saveanu, Polizeiquästor Ghinea, der Kommandant der Feuerwehr, Oberst Cantemir, der Vertreter des Kulturvereines Dr. Mateiciuc, der Chef des Sanitätsamtes Dr. Strejac und Dr. Zuflucht, Generaldirektor Dr. Nicoara, Ingenieur Hildebrand, der Vertreter der Handelskammer Magister Gläsner, der Mieter des Platzes Piata Vasile Alexandri Dr. Grigorovici, die Polizeikommissäre Jaworski und Biletzki, Ingenieur Popovici, der Referent des technischen Dienstes Herr Bucevschi, Ingenieur Stübchen-Kirchner, Dr. Presser und Dr. Einhorn.

Im Namen des Kulturvereines erklärte Dr. Mateiciuc, daß gegenwärtig der Prozeß zwischen dem Kulturverein und den Besitzern des Platzes im Gange ist und daß der Kulturverein kein wie immer geartetes Interesse an der Sache habe.
Chefarzt Dr. Strejac erklärt, daß auch das Sanitätsministerium auf eine Abtragung der Buden dränge. In der neuen Markthalle (die erst erbaut werden wird - wird!) könnten die evakuierten Kaufleute untergebracht werden.
Oberst Cantemir berichtet: Die Buden sind nicht nur unhygienisch und befinden sich in Einsturzgefahr, sie können auch jederzeit Anlaß zu Bränden geben. Es handelt sich hier nicht nur um die Buden vom Vasile Alexandri-Platz, es sind auch ambulante Buden, wie diese in der Str. Poincare, beim Musikverein und bei der Finanzadministration, die bei größeren Bränden die Löschaktion der Feuerwehr erschweren. Auch vom verkehrstechnischen Standpunkt müßten die Buden abgetragen werden.

Ing. Popovici spricht als Vertreter des Bauamtes und stellt fest, daß die Buden sich im baufälligen Zustand befinden und so bald als möglich abgetragen werden müssen. Die zu erbauende Markthalle soll den Kaufleuten zur Verfügung gestellt werden. Ing. Popovici stellt fest, daß das Bauamt seine Zustimmung für den Bau der Buden seinerzeit nicht gegeben habe.
Im Namen des Verschönerungsvereines spricht Ingenieur Hildebrand, der sich dafür einsetzt, daß die Buden nur in dem Falle abgetragen werden sollen, wenn an ihrer Stelle ein anderes Gebäude, welches zur Verschönerung der Stadt beitragen könnte, errichtet wird. Vom sozialen Standpunkt aber müßte man zuerst für eine Unterkunft der 64 Kaufleute durch Errichtung einer großen Markthalle sorgen.
Der Vertreter der Handelskammer, Magister Gläsner, gibt seiner Verwunderung Ausdruck, daß gegenwärtig die Baufälligkeit und die Feuergefährlichkeit der Buden festgestellt wurden, während sich die Buden schon bei ihrer Errichtung im selben Stadium befanden. Jetzt sei nicht der Zeitpunkt neue Existenzen zu vernichten.
Man dürfe aber auch nicht vergessen, daß es sich um 64 Staats- und städtische Steuerträger handelt, die, wenn sie vernichtet werden, auch ihren Verpflichtungen nicht werden nachkommen können. Es liegt somit im Interesse der Gemeinde, wohlüberlegt zu handeln und auch daran zu denken, daß im Falle einer Abtragung der Buden eine Hausse in Geschäftslokalen entstehen wird. Die vertriebenen Kaufleute werden neue Geschäfte suchen müssen und so werden die Mieten steigen, während sie inzwischen infolge sporadischen Freiwerdens irgendwelcher Lokale um ein Minimum gefallen sind. Als Vertreter der Handelskammer müsse er daher verlangen, daß den Kaufleuten auf der Piata Vasile Alexandri eine gewisse Zeit zum Abbau gewährt werde.
Im Namen des Mietervereines verlangt Herr Weber die Verschiebung der Budenabtragung bis zum 1. Mai 1934.
Polizeiquästor Ghinea spricht sich für die Abtragung der Buden vom sanitären und verkehrstechnischen Standpunkt aus; man müsse aber auch human vorgehen und den Kaufleuten Gelegenheit geben, ihre Situation zu ordnen. Die Behörden müßten den evakuierten Kaufleuten volle Unterstützung gewähren. Was ihn betrifft, wird er jede Erleichterung, die in die Kompetenz der Quästur fällt, gewähren.

Bürgermeister Dr. Saveanu meint, daß die Budenfrage einmal gelöst werden müsse. Es sind viele Geschäfte frei und er glaube, daß die Kaufleute um den gleichen Mietpreis Geschäfte beziehen werden können. Die Buden wurden zur Zeit der Konjunktur im Jahre 1922 errichtet und damals mangelte es an Geschäftslokalen. Heute ist aber die Situation eine andere: Man dürfe auch nicht vergessen, daß es sich um Steuerträger handelt, die die Stadtgemeinde schützen muß. Er schlage daher vor, daß ein gewisser Zeitraum den Kaufleuten zur Verfügung gestellt werde, innerhalb welches sie andere Geschäftslokale mieten können. Es muß aber ein unaufschiebbarer Termin festgesetzt werden.

Dr. Grigorovici spricht als Gesellschafter der Mieter des Platzes Vasile Alexandri und meint, daß der Vertrag am 4. September 1932 um weitere zehn Jahre automatisch verlängert wurde. Die Mietergesellschaft wird gewiß die Gerichtsbehörden anrufen, und er könne es nicht verstehen, daß die Stadtgemeinde Maßnahmen trifft, ohne die Mieter des Platzes zu befragen.

Herr Bucevschi spricht als Vertreter des technischen Dienstes und meint, daß der Vertrag mit den Kaufleuten schon im Jahre 1928 abgelaufen sei.

Der Vorsitzende, Vizebürgermeister Baranai, resümiert und stellt fest, daß sich ein Einvernehmen erzielen lassen wird. Die Stadtgemeinde werde dafür sorgen, daß ein anderer Platz den Kaufleuten zur Aufführung eines Baues zur Verfügung gestellt wird, anderseits wird man sich ernst mit der Errichtung einer Markthalle am Piata Ghica Voda (Austriaplatz) befassen. Auch besteht ein Plan, längs der Jesuitenkirche kleine Kioske für Kaufleute zu errichten. Er stelle daher den Antrag, daß der Termin für die Abtragung der Buden auf der Piata Vasile Alexandri folgendermaßen verschoben wird: Für die baufälligen Buden möge als Abtragungstermin der 1. November, für die besseren und tragkräftigen Buden der 1. Mai 1934 festgesetzt werden.
Die Delegierten der kaufmännischen Organisationen, ebenso die Vertreter der Behörden erklärten sich mit diesem Vorschlag, der einstimmig angenommen wurde, einverstanden.

Der grosse Circus Karl Kludsky Söhne trifft mittelst dreier Extrazüge Mittwoch, den 28. Juni, aus Chisinau in Czernowitz ein. Die Zeltstadt wird auf dem Heumarkt aufgeschlagen. Die Eröffnungsvorstellung ist für Donnerstag, den 29., 8 Uhr abends, festgesetzt.

(330628c2)


Seite 3

Gründung eines Filmstudio [S. 3, oben, links]
Wir erhalten einen Aufruf, dem wir u. a. entnehmen:

Die gewaltsame Veränderung der politischen Verhältnisse - die Herrschaft des Faschismus stürzte Deutschland in ein unentwirrbares Chaos. Alle Gebiete und Äußerungen des öffentlichen Lebens werden durch die „Gleichschaltung“ unterdrückt.

Hervorragende und berühmte Wissenschaftler und Künstler, Juden sowie auch Nichtjuden, die durch ihr Schaffen an der Weltgeltung Deutschlands bedeutenden Anteil haben, wurden gezwungen, ihren Wirkungskreis zu verlassen und müssen in anderen Ländern Möglichkeiten zur Weiterführung ihrer Arbeit suchen. In großzügiger Weise wurden in allen Ländern die Verfemten und Verfolgten aus Deutschland aufgenommen. Die Filmkunst und -Produktion, wie auch das Theater liegen in Deutschland vollkommen darnieder, die Ateliers sind größtenteils geschlossen, viele der besten Regisseure und Schauspieler haben Deutschland verlassen. Frankreich, die Tschechoslowakei, Österreich u. v. a. haben daher freudig die Gelegenheit zur Schaffung einer eigenen und bedeutenderen Filmerzeugung ergriffen. Der nationale Ehrgeiz und der wirtschaftliche Gewinn sind die treibenden Faktoren.

Eine Gruppe Filmschaffender, rumänische Staatsangehörige, die bisher in Deutschland arbeiteten, gründen in Rumänien mit dem Sitze in Czernowitz eine Filmindustrie zur Herstellung von künstlerischen Filmen.

Der Zweck und die Aufgabe dieses Filmstudios besteht darin, durch hingebungsvolle Arbeit aller Beteiligten den Gemeinschaftsfilm zu schaffen.

Die Darsteller sind begabte, talentierte Leute, die mit Feuereifer und Begeisterung zur Mitarbeit bereit sind. Die Wahl der Filmthemas, die Form und Art der Ausführung unterscheidet sich grundlegend von der üblichen Produktion.

Die Avantgardisten (in einigen Ländern, wie Frankreich, Holland, Amerika), Pioniere der neuen Filmgestaltung, schaffen in ernster unermüdlicher Arbeit neue Möglichkeiten in inhaltlicher, filmischer und darstellerischer Hinsicht. Diese Filmschöpfungen wurden allgemein begeistert aufgenommen und einige sogar Publikumserfolge. Die gleichen Ziele erstrebt auch dieses Filmstudio an.

Wir rufen alle an der Filmkunst Interessierten auf, Schriftsteller, Musiker, Maler, sowie auch Damen und Herren jeden Alters und Berufes, die als Darsteller mitarbeiten wollen, sich schriftlich in der Redaktion des „Tag“ unter dem Kennwort „Filmstudio“ anzumelden.

Das Datum der ersten Sitzung der Mitglieder, beziehungsweise Mitarbeiter wird rechtzeitig bekanntgegeben werden.
Das Initiativkomitee

(330628i3)


Bukarest bei 40 Grad Celsius gesehen [S. 3, oben, rechts]
Es ist gewiß kein Vergnügen, unserer Hauptstadt zu Beginn der Sommerzeit einen Besuch abzustatten. Lediglich eine dringende Angelegenheit kann die Veranlassung zu einer Reise geben.
Eine tropische Hitze herrschte dort in den letzten drei Tagen; nicht nur in den Kaffeehäusern und den Restaurants, selbst auf den Straßen sieht man Herren, die sich ihrer Röcke entledigt hatten. Der Zweck wird aber kaum erreicht. Nur in den Strandauen findet man vorübergehende Erholung. Diese Erholung gönnen sich aber nur die Einheimischen, die Ansässigen, nicht die Zugereisten, die in einer wichtigen Mission nach Bukarest kommen.
Es wurde schon so viel von Bukarest als Klein-Paris gesprochen. In der Tat steht diese Stadt in verkehrstechnischer Hinsicht den Großstädten des Westens nicht nach. Tausende Automobile, Taxis, unzählige Fiaker und Straßenbahnen kreuzen die wichtigsten Verkehrsstraßen. Bewundernswert ist vor allem der von den Wachorganen organisierte Verkehrsdienst. Alles klappt, und man merkt, daß die Weisungen von einem Pariser Verkehrsfachmann, der vor einiger Zeit die Hauptstadt besucht hatte, stammen.

Sens unic
Das beste Geschäft machen in Bukarest die Autos. Besonders die Fremden fallen auf ihre Methoden herein. Wenn man ein Auto besteigt, wird die automatische Uhr gleich auf zehn Lei eingestellt. Es ist die sogenannte fixe Taxe. Jede weitere Strecke von vierhundert Schritten kostet vier Lei. Verlangt man, in irgend ein Ministerium gefahren zu werden, wählen die Chauffeure immer den weitesten Weg, um auf ihre Rechnung zu kommen. Ich fiel am ersten Tag arg herein und mußte blechen. Erst am zweiten Tag kam ich darauf und stellte den Chauffeur zur Rede, warum er denn nicht den kürzeren Weg fahre. Die Antwort war kurz: Sens unic! Es sind gewisse Straßen, die nur in einer Richtung befahren werden dürfen. Also wegen dieses Sens unic mußte ich blechen. Viel billiger fährt man schon mit Fiaker, noch billiger aber mit der Straßenbahn!

Bakschisch abgeschafft
Ich suchte einen Friseur auf und wollte meinen Augen nicht trauen, als ich ein Schild mit der Aufschrift: „Bakschisch abgeschafft“! zu lesen bekam. Ich wurde aber bald eines Besseren belehrt. Als es zum Zahlen kam, mußte ich für Rasieren und Haarwaschen sage und schreibe 60 Lei bezahlen. Nun wurde mir klar, warum der offizielle Bakschisch abgeschafft wurde. Da zahle ich schon lieber Bakschisch ...

Der alte Vorrat
In einer Trafik verlange ich eine Schachtel Streichhölzer. Zu meiner Verwunderung mußte ich drei Lei für die Schachtel zahlen. Meine Entgegnung, der Preis wäre auf zwei Lei reduziert, half nichts. „Drei Lei und nicht weniger!“, war die Antwort. Als ich aber darauf bestand, nicht mehr als zwei Lei zu zahlen, wurde mir entgegnet, daß diese Zünder noch „vom alten Vorrat“ stammen. Ich mußte eine andere Trafik aufsuchen, um Streichhölzer vom „neuen Vorrat“ zu verlangen.

Ein Bukowinaer Soldat
Man fühlt sich überall wie zu Hause. Nicht nur, daß man auf den Gassen zuweilen Czernowitzern oder Bukowinaern begegnet, auch in den Ämtern stößt man auf Landsleute. Und da stellte ich fest, daß beim Finanzministerium ein Czernowitzer Soldat mit Namen Hluscu Mihai den Dienst versieht. Er wohnt hier in der Str. General Averescu (Morariugasse) und erklärte mir, daß sein Bruder Portier bei der Stadtgemeinde in Czernowitz sei. Also überall ist man zu Hause, selbst im Finanzministerium.
Das Ministerium für die Bukowina befindet sich im früheren Innenministerium in der Str. Academiei No. 34. Ich suchte den Minister auf und stellte fest, daß das Zentrum der Bukowiner Offizialität sich in diesem Ministerium befindet. Es fand gerade eine Besprechung statt, an der Minister Saveanu, der Czernowitzer Abgeordnete Professor Bacinschi und der Radautzer Abgeordnete Dr. Klaus teilnahmen. Der Kabinettschef des Ministers, Negura, empfing mich sehr höflich. Er war gerade mit der Ausarbeitung einiger Akten, die die Bukowina betreffen, beschäftigt.

Im selben Hause ist auch das Zentralrevisionskomitee untergebracht, und da hört man den Bürgermeister Dr. Saveanu gegen den Beschluß des Revisionskomitees, das der Stadtgemeinde die Bezahlung der 50 Wachleute aufgetragen hat, plädieren.

Warum auch nicht bei uns?
Die Sommersaison setzt in Bukarest mit einem großangelegten Obstmarkt ein. Ich mußte feststellen, daß das Obst in Bukarest um ein Drittel bis zur Hälfte billiger als bei uns ist. Die schönsten Erdbeeren kosten hier nicht mehr als zwanzig Lei pro Kilogramm, bei uns jedoch noch heute 40 Lei.
M. L.

(330628r3)


Seite 4

„Diese Idioten!“ [S. 4, oben, links]
Dr. Ley nimmt Rache für Genf
Die letzte große Aktion der Nationalsozialisten war das Verbot der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Dieser neueste Steg über den Marxismus ist eine Entschädigung für den beschämenden Hinauswurf, den die „Arbeitervertreter“ des Dritten Reiches in Genf erlebt haben. Herr Ley hatte, wie das so nationalsozialistische Art ist, die Welt mit Deutschland verwechselt. Er trat auf der Arbeiterkonferenz so auf, als ob er in einer S.A.- oder in einer Nazibetriebszellenversammlung gewesen wäre. War sehr verwundert, daß sich nicht gleich sämtliche Ländervertreter gleichschalteten, und machte seinem Aerger in einer Pressekonferenz Luft, was den Deutschen schließlich den vollen Boykott eintrug und sie zum Verlassen Genfs bewog. Was Herr Ley auf dieser Pressekonferenz gesagt, verdient wörtlich zitiert zu werden:

„Wir haben denen einen Parlamentarismus vorgezeigt, wie sie noch keinen erlebt haben. Bei jeder neuen Abstimmung schlugen wir, der Italiener und ich, abwechselnd einander vor. Das machte die Kerls ganz nervös. Wir haben uns köstlich amüsiert. Unsere Ueberlegenheit zu zweien gegenüber dieser stupiden Majorität von 28 Ländervertretern war einfach ungeheuer. Das muß energisch gebrandmarkt werden: daß solche Idiotenstaaten hier dieselbe Rechte mit der gleichen Stimme haben sollen wie Deutschland und Italien. Stellen Sie sich vor: Kuba! Uruguay! Bolivien! Was weiß ich, wie sie alle heißen, diese Idioten von Südamerikanern! Ich glaube, der Faschist und ich, wir hatten mehr Millionen Bevölkerung hinter uns, als die ganze übrige Blase zusammen. Und was für eine Sorte von Menschen haben die! Gegenüber uns Kulturvölkern, Deutschen und Italienern! Und so was soll die gleichen Rechte haben wie wir! Das ist doch Marxismus in Reinkultur, diese verrückte Phrase, daß alles, was Menschenantlitz trägt, gleich sei! Wissen Sie, wenn wir früher die kommunistische Reichstagsfraktion betrachteten, dann hatten wir das Gefühl, daß sie aus lauter ausgesuchten Exemplaren von Zuchthäuslern bestand. Genau so war das heute in der Arbeitergruppe. Diese Typen! Wenn ich nicht meine handfeste Gruppe hinter mir gehabt hätte, dann hätte mir Angst und bange werden können.“

Das haben sich die Südamerikaner und die übrigen „Idioten“ nicht gefallen lassen, doch als Herr Ley ihre nicht gerade zurückhaltende Antwort erfuhr, flüchtete er zum Herrn Lehrer. Der Präsident der Arbeitskonferenz sollte ihm Genugtuung verschaffen. Da er die nicht bekam, kehrte er mit seinen Handfesten heim und ließ mit echt nationalsozialistischer Handfestigkeit die heimische Arbeiterpartei, die sich nicht wehren, ja nicht einmal reden kann, auflösen.

(330628w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 384, Donnerstag, 29.06.33

Postby Klaus Binder on 25. June 2011, 17:42

Seite 2

Wahlen in den Verwaltungsrat der Versicherungskassen [S. 2, Mitte, links]
Gestern um 4 Uhr nachmittags fand eine Sitzung der Handelssektion der Handels- und Industriekammer statt, in welcher die Mitglieder und Zensoren in den Verwaltungsrat der Versicherungskassen Czernowitz und Radautz gewählt wurden. Das Präsidium lag in den Händen des Kammerrates Dr. Schnee. Als Skrutatoren wurden Magister Dr. Greif und Herr Gottlieb ernannt. Es wurden 30 Stimmzettel abgegeben. Es wurden für Czernowitz die Herren Dr. Marcu, Bär, Dr. Schnee und Ing. Schenkelbach als Vertreter in den Verwaltungsrat und die Herren Magister Gläsner und Apotheker Perlstein als Zensoren, für Radautz die Herren Wassermann und Ausländer als Mitglieder und die Herren Kreisel und Zurcan als Zensoren gewählt.

(330629c2)


Vor grossen Ereignissen [S. 2, Mitte]
Goga beim König

Bukarest, 27. Juni (Tel. des „Tag“). Die Situation innerhalb der Regierung ist nach wie vor durch die Nachricht, daß Madgearu zur Demission entschlossen ist, sehr ernst. Die „Epoca“ will wissen, daß die Regierung in der nächsten Zeit ihre Demission geben wird.
Die Tatsache, daß die Liberalen eine Kampagne zum Sturz der Regierung eingeleitet haben, der sich auch Dr. Lupu, Argetoianu, Junian und Averescu angeschlossen haben, hat die innerpolitische Situation noch verschärft.
Goga wurde gestern vom König in Audienz empfangen.
Gegenüber diesen Gerüchten stellt die Regierung fest, daß kein Grund für eine Aenderung in der Regierung besteht, umsomehr als die finanzielle Situation sich gebessert und die Staatseingänge im Monat Juni täglich durchschnittlich 40 Millionen Lei betragen.

(330629r2)


Seite 4

Sofia unter Belagerungszustand [S. 4, oben, links]
1100 Verhaftungen. - Kampf gegen die revolutionären Umtriebe

Sofia, 27. Juni (Tel. des „Tag“). Die bulgarische Regierung hat zur Bekämpfung der revolutionären Strömungen in einem geheimen Ministerrat Ausnahmsmaßnahmen beschlossen. Es wurde festgestellt, daß nur infolge der dreißigjährigen Indolenz der Regierung die von den Mazedoniern verübten Attentate nicht aufgehört haben. Zu diesem Zwecke hat der Regierungschef im Einvernehmen mit den anderen politischen Parteiführern als erste Maßnahme über Sofia den Belagerungszustand verhängt. Die Hauptstadt Bulgariens war 20 Stunden isoliert. Niemand, selbst die Mitglieder der Regierung, die Parlamentarier und die ausländischen Diplomaten, durften die Wohnung verlassen. Wer sich dieser Anordnung nicht fügte, wurde sofort verhaftet. 7000 Soldaten haben unter Leitung höherer Offiziere Hausdurchsuchungen bei verdächtigen Personen vorgenommen und eine Reihe Sprengstoffmaterial, Revolver und automatische Pistolen beschlagnahmt. Ueber 1100 Personen wurden verhaftet, jedoch konnte es den Behörden nicht gelingen, die eigentlichen Führer der revolutionären Bewegung ausfindig zu machen.
Innenminister Ghirghinoff erklärte Pressevertretern, die Regierung sei entschlossen, noch strengere Maßnahmen zu ergreifen, falls die Ruhe und Ordnung nicht aufrecht erhalten werden soll. Im Parlament gab der Regierungschef Musanoff eine Erklärung über die getroffenen Maßnahmen ab. Alle Parteien erklärten sich mit dem Regierungschef solidarisch. Der Ministerpräsident war Gegenstand lebhafter Akklamationen.
Die von der Regierung getroffenen Maßnahmen wurden auch auf die Regierungsmitglieder ausgedehnt. Selbst der Ministerpräsident konnte am Tage des Verbots die Wohnung nicht verlassen und Lebensmittel für seine Familie verschaffen. Interessant ist, daß selbst die telefonischen Leitungen und die Bahnverbindungen für die Zeit von 20 Stunden stillgelegt waren. Gegenwärtig herrscht in Sofia Ruhe. Die Regierung ist Herr der Situation.

(330629w4)


Nazi-Exzesse in Wien hören nicht auf
Aus Wien wird gemeldet:
Obwohl die Leitung des „Deutschen Turnerbundes 1919“ den Behörden und dem Bundespräsidenten das Versprechen gegeben hatte, daß sie ihr für Sonntag anberaumtes Turnfest nicht zu politischer Propaganda benützen würde, artete die Veranstaltung im Stadion in eine Naziversammlung aus. Im Stadion waren 40.000 Personen, hauptsächlich Frauen und Kinder, anwesend, die den Turnübungen in voller Ruhe zusahen.
Als jedoch die deutschnationalen Wehrturner einmarschierten, begannen sofort politische Kundgebungen. Sobald die Musik die Melodie der österreichischen Bundeshymne spielte, sang ein großer Teil der Zuschauer den Text des Deutschlandliedes, viele erhoben sich zum Faschistengruß. Auch die Festleitung setzte sich über alle Versprechungen hinweg und beteiligte sich lebhaft an den Kundgebungen für die verbotene Nazipartei.
Der Gauturnwart hielt eine rein politische Rede, in der er anknüpfend an das Wort des Turnvaters Jahn „Ein Volk, ein Reich“ die Auflösung der Republik Österreich und ihre Eingliederung in das Dritte Reich Hitlers forderte.
Ein Festspiel wurde zu wüsten Verspottungen der Bundesregierung und der österreichischen Arbeiterschaft mißbraucht.
Den Höhepunkt erreichten die nationalsozialistischen Kundgebungen, als fünfhundert Fackelträger mitten in der Arena ein brennendes Hakenkreuz bildeten.
Nach Schluß der Veranstaltung im Stadion kam es in vielen Teilen der Stadt zu wilden Radauszenen. Trupps von jugendlichen Nationalsozialisten durchzogen die Straßen und riefen im Sprechchor:

„Heil Hitler!“ „Juda verrecke!“
und andere nationalsozialistische Parolen. Insbesondere im zweiten Bezirk, aber auch auf dem Petersplatz und auf dem Stephansplatz sowie auf der Landstraße randalierten größere Gruppen ehemaliger Nazi.
Auch von den Straßenbahnwagen aus demonstrierten Teilnehmer der Stadionveranstaltung für Hitler und gegen die Republik Österreich.
Der Polizei gelang es 30 der Demonstranten zu verhaften.

Nazitummelplatz auf dem Semmering
In den großen Hotels am Semmering machten sich starke Naziumtriebe bemerkbar; in der Restauration „Einsiedel“ fanden in der letzten Zeit häufig Zusammenkünfte statt. Die Landesregierung verfügte die Verhaftung des Portiers Dumkowsky vom Südbahnhotel und des Portiers Lettmayer vom Sporthotel Panhans. Auch in Gloggnitz wurden mehrere Verhaftungen, darunter der nationalsozialistische Führer, Bahnbeamter Richard Seama und Ing. Senkel vom Bergwerk in Hart, vorgenommen.

Brandstiftung bei der „Hakoah“
In der Nacht zum Mittwoch drangen sechs Männer auf den Hakoahplatz in der Krieau ein und versuchten, mit petroleumgetränkten Fetzen das Holzhaus, das die Garderobe und Kanzleien des Vereines beherbergt, in Brand zu stecken.
Der Hund des Platzmeisters störte die Brandstifter mit seinem Gebell bei ihrer Arbeit. Daraufhin feuerte einer der Brandleger einen Revolverschuß auf das Tier ab und verletzte es schwer. Trotzdem konnte der Hund noch zur etwa hundert Meter entfernten Wohnung des Platzmeisters laufen und seinen Herrn wecken.
Als der Platzmeister zum Klubhaus kam, waren die Eindringlinge schon geflüchtet. Der Mann löschte mit einigen Eimern Wasser den Brand.
In den frühen Morgenstunden mußte der treue Hund durch einen Gnadenschuß getötet werden.
Einer der Täter stellte sich selbst der Polizei und nannte die Namen seiner Komplizen. Vier von ihnen konnten verhaftet werden. Zweien gelang es zu flüchten.

Bombenattentat auf den Bürgermeister von Gmunden
Samstag nach dreiviertel 11 Uhr nachts wurde auf das Haus des Bürgermeisters, des Landtagsabgeordneten Dr. Thomas, ein Bombenattentat verübt, das glücklicherweise kein größeres Unheil anrichtete, sondern nur ein Stück der Fassade wegriß.

(330629w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 385, Freitag, 30.06.33

Postby Klaus Binder on 25. June 2011, 18:15

Seite 1

Der Rücktritt Hugenbergs [S. 1, oben, links]
Hitler zu Hindenburg berufen

Berlin, 28. Juni (Tel. des „Tag“). Staatssekretär Meißner ist heute in Neudeck mit dem Rücktrittsgesuch des Reichswirtschaftsministers, Geheimrat Dr. Hugenberg, eingetroffen. Der Staatssekretär informierte den Reichspräsidenten über die Gründe, die Hugenberg zur Demission veranlaßt haben. Über den ganzen Fragenkomplex der durch die Demission Hugenbergs im Innern Deutschlands geschaffenen Lage findet in den allernächsten Tagen zwischen dem Reichspräsidenten und Reichskanzler Hitler, der nach Neudeck berufen wurde, eine Aussprache statt.

(330630w1)


Leitartikel
Hugenberg [S. 1, links, Mitte]
Der nachfolgende Artikel ist geschrieben, noch bevor die Mitteilung bekannt war, ob Reichspräsident Hindenburg das Demissionsgesuch des Reichsernährungsministers Hugenberg angenommen hat.
Die Redaktion

Falls der Reichspräsident das Rücktrittsgesuch des Geheimrates Hugenberg als Reichsminister annimmt, entsteht in Deutschland eine Situation, die imstande sein könnte, eine völlige Umstellung der bisherigen, durch das Hitler-Regime geschaffenen Situation zu bewirken. Die erste Frage, welche angesichts des entscheidenden Ereignisses vom Rücktritt Hugenbergs auftaucht, ist: Was wird Hindenburg machen?
Man muß paar Monate in der innerpolitischen Geschichte Deutschlands zurückgreifen, um die Bedeutung der Vorfälle von heute verstehen zu können. Als Hitler nach seinem großen Wahlsieg, bei dem er zwölf Millionen Stimmen errang, als Führer der größten Partei ins Reichspräsidentenpalais berufen wurde und von Hindenburg die Mission erhielt, ein Koalitionskabinett zu bilden, erklärte Hitler: Mir gehört die ganze Macht. Er berief sich damals auf das Exempel Mussolini. Hindenburg antwortete ihm: „Nein, ich kann es vor meinem Gewissen nicht verantworten, einer einzigen Partei, die nicht einmal die Majorität bei den Reichstagswahlen erlangt hat, die ganze Regierungsmacht zu übergeben“. Der Satz Hindenburgs, in welchem er „von der Verantwortung vor seinen Gewissen“ sprach, hat tiefen Eindruck gemacht. In fünfzehn Minuten war die Audienz zu Ende. Hindenburg hatte sein eisernes Nein gesprochen. Dann kam eine Serie Intrigen: Papen; Papen und Schleicher; Schleicher, Papen und Hugenberg, und als das Intrigenbukett dem Reichspräsidenten überreicht wurde, mit dem Ratschlag, ein Koalitionskabinett mit Hitler als Reichskanzler zu ernennen, glaubte man, Hitler wäre zur Rechten und zur Linken gefesselt, mit Papen als Vizekanzler, mit vier Mitgliedern der deutschnationalen Volkspartei als Reichsministern, und vor allem - was der Reichspräsident von Hindenburg gegenüber Hitler betonte, - mit dem Vorbehalte, daß der Reichswehr- und der Außenminister durch Vertrauensmänner Hindenburgs besetzt werden. Diese zwei Posten wurden von Neurath und General Blomberg übertragen.
Nun begann die Koalition ihr Werk. Hitler, der zuerst nicht gewagt hatte, in ein Koalitionskabinett zu treten, hatte mit der reservatio mentalis nachgegeben, daß er Stück für Stück der Koalition zertrümmern und zum Schluß selbst an der Macht bleiben werde. Das Phantom vom politischen Totalitätsprinzip gewann langsam Farbe und Gestalt. Wie sie, die Mitglieder der Koalition Stück auf Stück fielen, das ist in den letzten Tagen reichlich besprochen worden. Der Stahlhelm, eine Stütze der Hugenbergpartei, ist Nazi-Helm geworden, sein Kommandant, der Reichsarbeitsminister Seldte, hat auf Hitler geschworen. Das Zentrum fiel, die Katholiken sind zu Scherben geschlagen worden, ihre Führer sitzen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern. Juden, Marxisten und Kommunisten waren schon längst beim Teufel. Aus Deutschland ist, wie die Weltpresse heute unisono urteilt, ein Tollhaus geworden. Und schließlich mußte auch Hugenberg an Hitlers Gottesgnadentum glauben. Heute schwebt bereits die Frage auf aller Lippen: Wann wird Hugenberg in Schutzhaft genommen? Hitler ist also Herr über Deutschland, und das Wort Hindenburgs „von der Verantwortung vor seinem Gewissen“, die er nicht tragen kann, wenn er Hitler allein die Macht überläßt, ist Wirklichkeit geworden. Hitler hat auf Umwegen alle drangekriegt, zum Schluß Hugenberg selbst.
Und jetzt gilt die Frage: Hat er auch Hindenburg drangekriegt? Was ist „mit der Verantwortung vor dem Gewissen“? Diese Frage wird heute oder morgen beantwortet werden müssen. Wird Außenminister Neurath weiter ein Strohmann für Hitlers Außenminister Rosenberg bleiben? Nur die Reichswehr ist noch nicht gleichgeschaltet. Sie ist die letzte Hoffnung. Hitler verfügt über eine Armee von achthunderttausend uniformierten und dressierten S.A.-Männern. Es bereiten sich große Dinge in Deutschland vor, die leider nicht innerpolitischen Charakter tragen, weil die Wirkungen dieser Politik auf ganz Europa und damit auf alle aktuellen Weltfragen hinübergreifen. Schon steht das Abrüstungsproblem wieder im Vordergrunde, denn Deutschland will den Viermächtepakt nicht unterzeichnen, weil die Abrüstungskonferenz auf den Spätherbst vertagt wurde. Papen ist nach Rom geeilt. Wie gesagt, wir stehen am Vorabend ernster Ereignisse.
Ego

(330630w1)


Selbstauflösung der Staatspartei [S. 1, Mitte, oben]
Berlin, 28. Juni (Tel. des „Tag“). Die Reichsführung der Staatspartei erläßt einen Aufruf, in welchem sie ihre Selbstauflösung mitteilt. Mit heutigem mögen sich alle Nebenorganisationen der Staatspartei gleichfalls als aufgelöst betrachten.

(330630w1)


Neue Verhaftungen [S. 1, Mitte]
Berlin, 28. Juni (Tel. des „Tag“). In Westfalen wurden heute 86 Kommunisten verhaftet. Bei Hausdurchsuchungen wurde Waffenmaterial beschlagnahmt.

(330630w1)


Vizekanzler Papen in Rom [S. 1, Mitte]
Rom, 28. Juni (Tel. des „Tag“). Vizekanzler Papen ist heute hier eingetroffen. In seiner Begleitung befand sich der deutsche Botschafter in Rom.

(330630w1)


Der neue Präsident der Wiener Kreditanstalt [S. 1, Mitte]
Wien, 28. Juni (Tel. des „Tag“). Zum neuen Präsidenten der Kreditanstalt wurde Bundesminister a. D. Dr. Weidenhofer gewählt.
Die Generalversammlung der Kreditanstalt findet am 22. Juli statt.

(330630w1)


Goebbels an das Zentrum: [S. 1, oben, rechts]
„Sperret den Parteiladen zu!“

Berlin, 28. Juni (Tel. des „Tag“). Reichspropagandaminister Goebbels ist heute in Stuttgart gelandet. Im Gebäude des Württembergschen Landtages sprach der Reichsminister zur Presse über die Auflösung des deutschen Parteistaates.
Wenn die Deutschnationale Front ihre Selbstauflösung beschlossen hat, sei dies nur die logische Folge der neuen Situation in Deutschland.
Bezüglich des Zentrums würde er diesem einen guten Rat erteilen, nämlich, daß es den Parteiladen zusperre; denn die Nationalsozialisten würden nicht weiter mit verschränkten Armen dem Treiben des Zentrums zusehen. Wenn sich das Zentrum als Vertreter der Belange der Katholiken aufspiele, so können wir ihm sagen: „Was den Katholiken dient, wissen wir selbst. Ihre Interessen ruhen bei uns in besseren Händen als bei Euch. (!) Wenn wir das Zentrum entfernen, so tuen wir damit der Kirche einen Dienst. Wir müssen den deutschen Einheitsstaat begründen.“
Zum Schluß sprach Goebbels über die Wiederkehr des Jahrestages des Versailler Vertrages.

(330630w1)


Seite 2

Promotion [S. 2, oben, links]
Frl. Fany Polesiuc, Tochter des Herrn Efroim Polesiuc, wurde am 24. Juni an der Prager Universitätsfakultät für Pharmacie mit Auszeichnung promoviert.

(330630i2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“

Weitere Einschränkung der Devisenbewilligungen [S. 3, links, Mitte]
Der Finanzminister hat an die Nationalbank ein Schreiben gerichtet, in dem darauf hingewiesen wird, daß die Regierung sich bemühe, ausländische Kurgäste und Touristen in die einheimischen Bade- und Luftkurorte zu ziehen. Aus den gleichen Gründen empfehle sie auch Inländer zu veranlassen, die den ausländischen gleichwertigen rumänischen Bade- und Kurorte aufzusuchen. Die Nationalbank wird daher gebeten, die Regierung zu unterstützen und zu geringen Beträgen Valuten für Auslandsreisen zu bewilligen. Die Nationalbank bringt auf Grund dieses Schreibens zur allgemeinen Kenntnis, daß Valuten für Auslandsreisen nur im Falle nachgewiesener dringlicher Notwendigkeit gewährt werden.

(330630r3)


Makkabi Kampfspiele 3-6 August [S. 3, unten, links]
Offizielle Verlautbarungen

1. Für Fußball haben bisher die Makkabikreise Deutschland, Oesterreich, Bulgarien, Polen, Palästina und Rumänien ihre Beteiligung angemeldet. Die Wettspiele finden auf dem Dragos-Vodaplatze am 3., 4. und 5. August nach dem Cupsystem statt.

2. Der tschechoslowakische Makkabikreis entsendet seine Meisterläufer Engel und Heksch, welche auf der Olympiade in Los Angeles für die Tschechoslowakei achtunggebietende Erfolge erzielt haben. Sie werden in den Wiener Meistern der Hakoah Blödy und Schneider und den deutschen Meistern Löwy und Gelber ebenbürtige Gegner finden. Der tschechoslowakische Kreis entsendet überdies eine erstklassige kampferprobte Mannschaft für den turnerischen Zwölfkampf.

3. An den Tenniswettkämpfen beteiligen sich der deutsche Meister Daniel Prenn, der tschechoslowakische Davis-Cup Spieler L. Hecht, ein hervorragendes englisches Team und mehrere rumänische Spitzenspieler.

4. Jugoslawien entsendet eine 20 Mann starke Turnergruppe, welche auch turnerische Sondervorführungen bringen wird.

5. Die Wohnungskommission ersucht dringendst um unverzügliche Rücksendung der zur Versendung gelangten Formulare zur Bereitstellung von Quartieren für die an den Kampfspielen teilnehmenden Aktiven.

(330630c3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male


Return to 1933

Who is online

Users browsing this forum: No registered users and 1 guest

cron