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05_1933 (Nr. 339 bis Nr. 361)


Nr. 339, Mittwoch, 03.05.33

Postby Klaus Binder on 3. May 2011, 00:08

Seite 1

Eine Enttäuschung [S. 1, oben, links]
Hitlers Arbeitsprogramm

Die Spannung ist vorüber. Hitler hat sein erstes Jahresprogramm vor eineinhalb Millionen Menschen auf dem Tempelhofer Felde und, wie er selbst sagte, vor fünfzig Millionen Menschen in Deutschland entwickelt. Wir fügen noch einige Millionen hinzu, um die gigantische Kundgebung noch gigantischer zu machen. Es waren viele Millionen im Auslande, die an den Radioempfängern gestern spät abends gesessen sind und endlich hören wollen, was die nationalsozialistische Regierung in Deutschland an konkreten Vorschlägen mitbringt. Nach vielen Hurra- und Heilrufen, nach einer gründlichen Propagandavorbereitung, nachdem der Propagandaminister Goebbels eine Einminutenpause für sieben verunglückte Bergarbeiter in Essen und für zwei in Naumburg und Kiel niedergestochene Arbeiter eingelegt hatte, kommt endlich Hitler zum Wort.
Der Reichskanzler spricht von der neuen Ideologie des Sozialismus, von der Vernichtung des Marxismus, von der Verzweiflung aus Not, die geherrscht hat, er spricht die Sätze „Das deutsche Volk muß sich wieder gegenseitig kennen lernen“, „Deutsche müssen wieder zueinander finden“, er predigt den Satz: „Ehret die Arbeit und achtet die Arbeiter“, er vernichtet mit kräftigen Worten den bisher gestandenen Begriff des Klassenkampfes - man wartet mit klopfendem Herzen auf das Programm - aber immer setzt sich diese Art seines Manifestes fort. „Millionen stehen hinter uns“, verkündet er, „Millionen hoffen“ - aber das Programm, Herr Reichskanzler, das Programm!! - und es geht noch immer fort: „Arbeiter, Bauern, Intellektuelle“ - „Fleiß und Arbeit, aber das genügt nicht, auch die starke Faust muß dabei sein“ - endlich das Programm: „Unverrückbar die Macht festhalten, die Ideen nicht wieder zerdrücken lassen“, trotzdem doch keine positive Anregung, aber Punkt zwei: Arbeitsdienstpflicht, ebenso wie die allgemeine Dienstpflicht des Soldaten, so die Arbeitsdienstpflicht“.
Gut! Etwas ist schon da, aber dann verfällt Hitler wieder in Theorien, allgemein politische Betrachtungen: „Die Nation kann man nicht mehr vergewaltigen, man kann sie nicht mehr in Ketten schlagen, nicht mehr demütigen, also Gleichberechtigung“; weiters, ein neuer, aber alter Grundsatz: „Nirgend entspricht die Mehrheitsabstimmung der Vernunft, sondern stets der Schwäche und der Feigheit“.
Also??? Dann verlangt Hitler Arbeitsbeschaffung, und zwar von privater Seite: jeder Unternehmer, jeder Hausbesitzer und jeder Geschäftsmann muß mithelfen, Arbeit zu schaffen; und dann die staatliche Arbeitsbeschaffung, weiter verkündet Hitler nur im Allgemeinen die Durchführung eines Straßenbauprogrammes und schließlich Aktion gegen die Unerträglichkeit der heutigen Zinsen.
Das ist alles.
Und es folgten die Schlußsätze. Er ist sich der Schwierigkeiten bewußt. „Wir wollen den Frieden, wir wollen unser Recht zum Leben, unser Recht zum Schutze der Heimat“.
Hitler hatte seine Stimme gesteigert:
„Deutschland muß sich diese Rechte erkämpfen“.
Die letzten Sätze waren auf das Vertrauen zum Allmächtigen, der die deutsche Gerechtigkeit stützen wird, gestellt.
Und nun kann die Arbeit losgehen. Ist die Welt nunmehr befriedigt?

Die Rede Hitlers
Berlin, 1. Mai (Tel. des „Tag“). Auf dem Tempelhofer Felde war ein Wagen aufgestellt, der die Nation symbolisieren sollte. Auf dem Wagen war eine Werkstätte eingerichtet, auf der eine Tafel mit folgender Inschrift prangte: „Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich.“
Propagandaminister Goebbels betonte in der Eröffnungsansprache, daß der „Tag der nationalen Arbeit“ sich über alle Standes- und Konfessionsunterschiede hinwegsetze, um die bisherige Ideologie des Klassenkampfes zu zerschlagen und für die Idee der Volksgemeinschaft die Bahn freizulegen.
Es spricht hernach Reichskanzler Adolf Hitler, der u. a. folgendes ausführte:
Endlich ist der Mai unseres Volkes gekommen; das Symbol des Klassenkampfes wird sich nun verwandeln zum Symbol der Erhebung der großen Einigung des Volkes. Wir haben den Tag der erwachenden Nation gewählt als Tag der Wiedergewinnung der Stärke unseres Volkes und der schaffenden Arbeitskraft. Millionen sind tätig wie früher, sitzen an den Drehbänken, an den Schraubstöcken, an den Ambossen, aber Millionen müssen untätig bleiben, weil politische Not herrscht und sich ihre Kräfte im inneren Kampf verbrauchen. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen. Erste Aufgabe muß es sein, daß sich das deutsche Volk gegenseitig wieder kennen lerne. Diejenigen, die vom Klassenwahnsinn befallen sind, müssen den Weg zueinander wieder finden. Ungeheure Aufgaben stehen uns bevor. Was der menschliche Wahn erfunden, kann restliche Einsicht wieder überwinden. Die Zerstörung der Volksgemeinschaft kann aber nicht mit einem Schlag wieder gut gemacht werden. Wir haben den unerschütterlichen Entschluß, diese Aufgabe vor der deutschen Geschichte zu erfüllen. Und wenn sie zueinander nicht finden wollen, so werden wir sie im notwendigen Falle dazu zwingen. Die Nation lebt durch die Arbeit aller, wer die Arbeit ehrt, ist ein wertvolles Mitglied unserer Gemeinschaft. Fleiß und Arbeit, Kraft und Willen müssen zusammenwirken, dazu ist eben die geballte Kraft der deutschen Nation notwendig.
Während der 1. Mai des Marxismus nur eine Theorie war, wollen wir den 1. Mai als Symbol schaffender Arbeit begründen. Wir wollen nicht zerstören, sondern aufbauen. 70 Jahre hindurch und 14 Jahre während ihrer letzten Herrschaft ist es ihnen nicht gelungen, das Volk so zu erfassen, wie wir es an einem Tag fertiggebracht haben.
Unsere Ziele sind: Unverrückbar die Macht halten und dafür sorgen, daß sich die neue Idee siegend über ganz Deutschland erhebt, und daß sie allmählich das deutsche Volk in ihre Gewalt und in ihren Bann zieht. Wir wollen diese Macht gegen jeden verteidigen, der sie niederzuringen glaubt. Wir werden die Arbeitspflicht durchführen, nach dem Muster, wie es eine allgemeine Militärdienstpflicht gibt.
Wir wollen das Selbstbewußtsein im Volk wecken und dauernd steigern. Man hielt das deutsche Volk für minderwertig, weil es ihren Führern entsprach. Wir wollen das deutsche Volk von diesem Vorurteil befreien. Hitler (mit erhobener Stimme): Deutsches Volk! Du bist nicht zweitklassig. Besinne dich auf die Leistung deiner Väter, nicht auf die vierzehn Jahre des Verfalls, besinne dich der 2000 Jahre deutscher Geschichte. Man kann die Nation schlagen, beugen, demütigen kann man sie aber nicht mehr. Wir wollen wieder das Vertrauen gewinnen, um das Volk frei und glücklich zu machen. Die Marxisten erklärten, es handelt sich um einen Angriff gegen da Proletariat. Dieses Vorurteil wollen wir ebenso wie die Vergangenheit ausrotten.
Als weitere Aufgabe wollen wir die Befreiung der schöpferischen Einflüsse auch in der Wirtschaft. Wir wollen eine Synthese dem schöpferischen Geist und Verpflichtung dem Volksganzen gegenüber schaffen. Wir wollen in diesem Jahre die erste Etappe der organisierten Wirtschaftshilfe zurücklegen. Wir wollen die Arbeitslosigkeit durch Arbeitsbeschaffung beseitigen. Wir wollen die Arbeitsbeschaffung in zwei Gruppen einstellen und noch in diesem Jahr ein grandioses Werk in Angriff nehmen.
Zunächst die private: Wir müssen an alle den Appell richten, die deutschen Häuser und Bauten wieder in Ordnung zu bringen, um so Hunderten und Tausenden Arbeitsgelegenheit zu geben. Andererseits die staatliche: Straßenbau ec. Deutsche Männer und Frauen! Glaubet nicht, daß das Problem der Arbeitsbeschaffung in den Sternen gelöst wird. Ihr müsset selbst alles tun und Arbeit schaffen! Kein Mann darf zögern mit der Anschaffung. Jeder Unternehmer, jeder Geschäftsmann hat die Pflicht, in seinem Unternehmen mitzuhelfen, Arbeit zu schaffen und sich der deutschen Arbeit zu erinnern.
Die Welt verbreitet über Deutschland unwahre Behauptungen, überall wird die deutsche Arbeit verpönt. Daher müssen wir erwarten, daß sich der Deutsche selbst seiner Arbeit erinnert. Man soll den Millionen Menschen Arbeit geben. Wir werden eine Reihe von Problemen verwirklichen und unter diesen auch einen Angriff gegen die unerträglichen Zinssätze unternehmen. Wir wollen eine Handelspolitik betreiben, die unsere Produktion sichert. Wir haben gewiß viele Schwierigkeiten [zu] überwinden, und wenn auch die Welt gegen uns ist, müssen wir umsoeher zu einer Einheit werden. Wir wollen den Frieden und müssen unseren Feinden zurufen: Ihr könnet tun, was Ihr wollt. Hoffet nicht auf Verräter, auf Meineidige! Das deutsche Volk ist zu sich gekommen.

(330503w1)


8 Uhr abends auf dem Tempelhofer Felde [S. 1, oben, rechts]
Hitler enthüllt das Regierungsprogramm

Berlin, 1. Mai (Tel. des „Tag“). Der Feiertag der nationalen Arbeit beherrschte das Gesamtbild von Berlin und allen deutschen Staedten. Eine gewaltige Kundgebung mit Massen, die in Millionen gehen, hat es [in] Deutschland nicht früher gegeben.

„Hitler-Wetter“
Eine Fülle von Flaggenschmuck, der auch den Flaggenschmuck des 21. März übertraf, Fahnen und Wimpel, die Hakenkreuzfahne regiert. Die Feier war vom Wetterglück begünstigt, man spricht vom Hitler-Wetter. In der letzten Nacht hat es geregnet, heute früh schien wieder die Sonne. Das markanteste Ereignis des Tages war die Kundgebung der Jugend im Lustgarten. Der Reichsminister Goebbels hielt die Ansprache und begeisterte die Jugend. Hochschüler, Mittelschüler, Fachschüler und Schüler der Arbeiter; Goebbels impfte dieser Jugend Begeisterung für das Hakenkreuz und Haß gegen Marxismus, mit anderen Worten: gegen das Judentum, ein. „Der Klassenkampf ist zu Ende. Ueber den Trümmern des zusammengebrochenen kapitalistischen Staates erhebt sich der Gedanke der Volksgemeinschaft. Der Marxismus ist in die Knie gezwungen, nicht um den Arbeitern seine politischen und wirtschaftlichen Rechte zu nehmen, nein, nur um den Internationalismus auszurotten und an dessen Stelle den Nationalismus zu setzen. Die Arbeit und ihre segensbringende Kraft ehren wir und halten wir hoch. Das Bekenntnis der Jugend zum Hakenkreuz ist die Beruhigung für uns. Sie bekennt damit vor aller Welt, daß die Revolution niemals auf halbem Wege Halt machen, sondern den Weg bis zu Ende gehen wird, bis sie den ganzen Staat und das deutsche Volk so aufrichten wird, wie wir es uns wünschen. Es ist ein siegreicher Durchbruch einer neuen Weltentscheidung und Ihr sollt stolz sein, daß Ihr ihn erlebt. Es ist der Durchbruch einer neuen Lebenshaltung zu Staat, Wirtschaft und Kultur.
Wir leben in einer Zeit der größten geschichtlichen Umwälzung, das nur jedes halbe Jahrtausend sich ereignet. Frühling ist über Deutschland herangebrochen, die Sonne geht auf. Wie legen den Pessimismus ab und wollen gläubig den Optimismus an seine Stelle setzen. Und weil wir es wollen, deshalb wird es uns gelingen“.
Goebbels sang dann ein Loblied auf Hindenburg und schloß mit einem Heilruf auf den Reichskanzler Adolf Hitler.

Hindenburg an die Jugend
Die Fahrt des Reichspräsidenten Hindenburg in Begleitung des Reichskanzlers vom Palais in die Wilhelmstraße zum Lustgarten, inmitten dicht besetzter Spalieren, überall mit Hakenkreuz empfangen, war eine triumphale Kundgebung. Auch viele Diplomaten waren zu dieser Kundgebung erschienen. Hindenburg sagte ungefähr folgendes:
Ich begrüße die deutsche Jugend aus vollem Herzen, die sich hier versammelt hat, um zu dem gemeinsamen Vaterlande und zur treuen Hingabe an die Nation sich zu bekennen. Ihr, unsere Zukunft, Ihr müsset das Erbe der Väter auf Euere Schultern nehmen, um uns zu erhalten, auszubauen. Dieser Aufgabe müsset Ihr gerecht werden, Euch der Verantwortung unterordnen, damit ein Geschlecht ersteht, das der Väter würdig ist. Nur, wer zu gehorchen lernt, kann auch später befehlen. Nur wer die Ehrfurcht vor der Vergangenheit hat, kann die Zukunft meistern. Die Verbundenheit aller schaffenden Kräfte mit dem Vaterlande gibt uns die Hoffnung, daß wir einer glücklichen Zukunft entgegengehen werden. Aus treuem Herzen gedenke ich dieser Stunde der deutschen Frauen und Männer, der Männer, die durch die wirtschaftlichen Verhältnisse von der Arbeit noch immer fern gehalten werden, und wünsche, daß Wege gefunden werden, um dem Heer der Arbeitslosen Arbeit und Brot zu beschaffen. Das ist mein sehnlichster Wunsch und die vornehmste Aufgabe, die ich der Regierung aufgetragen habe. Wir leben in schweren Zeiten, aber wenn wir alle zusammenhalten, dann wird Gott uns auch weiter helfen. Ein Hurra auf das Vaterland!

Arbeiter aus allen Gauen
Durch den Rundfunk ließ der Propagandaminister einen Hamburger Hafenarbeiter, einen Grubenarbeiter aus Schlesien, einen ostpreußischen Landarbeiter, einen Arbeiter aus dem Saargebiet, einen Winzer von der Mosel und einen Oesterreicher sprechen. Sie lasen ungefähr das gleiche ihnen diktierte Konzept ab:
„Vierzehn Jahre haben wir gewartet, vierzehn Jahre hatten wir uns zum Internationalismus bekannt, wir erlebten jedoch nur Enttäuschungen. Wir sind in Elend und Not geraten, jetzt hoffen wir auf die Tat des Nationalismus. Heil Hitler.“

Im Reich
Aus allen Teilen Deutschlands kamen Nachrichten über die Maifeier. Ueberall Fahnen, Wimpel, Hakenkreuz, Zusammenströmen von Zehntausenden Menschen auf den Marktplätzen, dort sind Lautsprecher aufgestellt, und sie hörten vormittags die Kundgebungen von Berlin und am Abend Hitlers Programmrede. Leipzig 200.000, Köln 250.000, Hamburg, 300.000, Duisburg 150.000, Breslau 200.000, überall dasselbe. Auch aus dem Gau Wien kommt die Meldung von der Nazifeier. Schon gestern abends hat eine Veranstaltung im großen Konzertsaale stattgefunden. Die Wohnungen der Nationalsozialisten sind mit Blumen und Fahnen geschmückt. Der deutsche Gesandte hat Hakenkreuz und Schwarz-Weiß-Rot ausgehängt.

Zeppelin über Berlin
Um vier Uhr nachmittags schwebt das Luftschiff „Graf Zeppelin“ über Berlin, und von der Gondel aus sendet ein Redakteur der Nationalsozialisten einen Hörbericht über das, was er soeben (4 Uhr nachmittags) sieht: Die

(von Seite 2 oben, links)
Züge der marschierenden Massen aus allen Teilen Berlins zum Tempelhofer Feld.

In letzter Minute
Englische Juden ersticken im Keime Hakenkreuz-Propaganda
London, 1. Mai (Tel. des „Tag“). Zu großen Skandalen kam es gestern auf dem Piccadilly-Platz. Einige englische Faschisten versuchten, Hakenkreuz-Flugzettel zu verteilen. Eine Menge von 2000 Juden, die rasch auf 6000 angewachsen war, verjagte die Hakenkreuzler. Die Polizei hatte schwere Mühe, die Ordnung wiederherzustellen.

Und doch Enttäuschung
Nur politisch ist die Regierung enttäuscht, daß ihr die politische Gleichschaltung in der Regierung nicht gelungen ist. Sie hatten gehofft, daß die Deutschen mit Hugenberg sich vollständig zu Hitler bekennen werden, aber Hugenberg verteidigt seine Selbständigkeit. Seine Presse ist gegenüber Hitler sehr zurückhaltend, man weiß nicht, was der morgige Tag bringt. Das Schreiben Hindenburgs an den zweiten Bundesführer von Düsterberg, das schmeichelhaft für ihn gehalten ist, wird von den Nationalsozialisten nicht mit Sympathie aufgenommen. Inzwischen haben sich im Laufe der letzten Tage Vorgänge abgespielt, die dem alten bisherigen System entsprechen. Darunter ist die Nachricht, daß Goebbels die Brahmsfeier aus Anlaß des Hundertsten Todestages Johannes Brahms, verboten hat, weil im Blute des Großvaters des Komponisten ein Tropfen jüdisches Blut gewesen ist, die originellste Tat.

Das Feuerwerk
In einer Hinsicht hat Reichskanzler Hitler nicht enttäuscht. Das Feuerwerk, das geboten wurde, war ein märchenhaftes Wunder deutscher Arbeit und deutscher Technik. Flammende Bäume, Blumen, Palmen, Feuerräder, langgeschweifte Kometen, glühende Speere, lange schlangenförmige Gebilde, groteske quallenähnliche Figuren sprühten über den Nachthimmel. Grellblendende Polypenarme griffen in das Nichts der Nacht und erleuchteten das zehn Meter hohe Hakenkreuz, das in der Mitte des Festplatzes aufgerichtet war. Der Horizont war in ein Meer von Farben getaucht. Mit Trommelfeuer und Kanonendonner nahm das Feuerwerk seinen Abschluß.

Nazis in Rußland unerwünscht
Warschau, 1. (Tel. des „Tag“). In der Station Stolbta (polnisch-deutsche Grenze) sind fünf Ingenieure eingetroffen, die aus der Sowjetunion wegen nationalsozialistischer Propaganda ausgewiesen wurden.

Jüdische Gelehrte nach Sowjetrußland eingeladen
Moskau, 1. Mai (Tel. des „Tag“). Der Volkskommissär für Unterricht hat die jüdischen Gelehrten, die Deutschland verlassen haben, eingeladen, nach Rußland zu kommen, wo für sie spezielle Katheder errichtet werden. Es erhielten Einladungen Professor Einstein, der berühmte Radiologe Norder und Professor Dr. Schull.

Selbstmord des Professors Jacobsohn
Der Professor für indogermanische Sprachen an der Marburger Universität, Hermann Jacobsohn, beging Selbstmord, indem er sich unter einen Schnellzug warf. Professor Jacobsohn, der 11 Sprachen beherrschte, war, vor nicht langer Zeit seines Amtes enthoben worden.

(330503w1+w2)


Seite 2

Die Feier des ersten Mai in Cernauti [S. 2, oben, links]
Aus Anlaß des 1. Mai fand wie alljährlich im Arbeiterheim eine sozialdemokratische Versammlung statt, an der wider alles Erwarten eine nahezu tausendköpfige Menge teilnahm.
Nachdem G. R. Dan die Versammlung in rumänischer Sprache eröffnet hatte, sprach in deutscher Sprache G. R. Gaidosch, der u. a. ausführte:
Die Unterdrückungen und Verbote, die wie alljährlich auch heuer geübt worden sind, haben nicht vermocht, die arbeitende Bevölkerung von ihrer heiligen Pflicht abzuhalten. Der Kampf der sozialdemokratischen Idee ist einzig dem Kampf fürs Christentum vergleichbar, das trotz allen Unterdrückungen wie jede große Idee, endlich zum Siege geführt hat. Die Sozialdemokratie dürfe sich durch die Umstellung vieler einstiger Mitstreiter nicht abhalten lassen, weiter für die Idee zu kämpfen, nicht mit Säbel, Gewehr oder Bombe in der Hand, wie es die Nationalsozialisten und ihre Schüler tun, sondern mit der Waffe des Geistes, die zum Siege führen müsse. - In ukrainischer Sprache redete hierauf G. R. Mikitowicz. Als sich der Student Harry Mück zu Worte meldete und die Parteileitung ihm nicht das Wort erteilen wollte, bemächtigte sich der Versammlung große Erregung, die sich in vielen Zwischenrufen äußerte. Herr Mück rief aus: „Das ist ein undemokratisches Vorgehen. Die Versammlung möge bestimmen, ob ich sprechen soll oder nicht.“
Mück wurde gewaltsam am Sprechen gehindert und aus dem Saale gedrängt. Nur mit Mühe gelang es, die Ruhe im Saale wiederherzustellen.
Nachdem Herr Kapaun in polnischer und Herr Stroh in jüdischer Sprache geredet hatte, wurde das Wort als letztem dem Abgeordneten Dr. Radaceanu erteilt. Er sagte: „Seitdem eine organisierte sozialdemokratische Partei besteht, wurde der heilige Feiertag des Proletariats noch nie unter so schweren Umständen gefeiert. Der Vorstoß nationalistischer Strömungen, das Aufflammen des Chauvinismus von rechts und links bedroht die sozialdemokratische Idee. In der heutigen Situation des Sturmlaufens gegen den Sozialismus muß daher der Erfolg der Arbeitskammerwahlen freudig begrüßt werden. Der Nationalsozialismus hat sich gleich nach seiner Machtergreifung wie eine rasende Meute auf alle Arbeiterorganisationen gestürzt. Dieser „Sozialismus des dummen Kerls“ ist nichts anderes als eine Erfindung des kapitalistischen Systems. Hitler gab vor, den Weg zum Heil gefunden zu haben und er fand Unterstützung in der Verwirklichung seiner Idee durch die - Großindustrie. Er lenkte die Bewegung auf ein falsches Geleise, indem er den Kampfruf nicht gegen den Kapitalismus ausstieß, sondern gegen das Judentum ausstieß. Durch den Judenboykott wurden Hunderttausend arbeitender Existenzen, freie Intellektuelle, Kaufleute ec. geschädigt, die Aktiengesellschaften und die Großbanken blieben aber von den Maßnahmen verschont, denn eine Parole Hitlers verbot, sich an ihnen zu vergreifen. Aber nicht nur von dieser Seite droht die Gefahr. Wieder wird heute der Haß gegen andere Völker genährt. Während die Jugend gezwungen wird, blind für die Lehre der sozialdemokratischen Idee aufzuwachsen und erst auf dem schmerzvollen Umweg des Antisemitismus und Nationalismus zu ihr zu gelangen, sucht der italienische Faschismus vor der Unzufriedenheit, die in seinem Inneren laut wird, seine Macht nach außen hin zu festigen. Die außerpolitischen Pläne Mussolinis schaffen den Nährboden für einen neuen Krieg. In dieser Zeit tut doppelte Einigkeit not. Unsere Macht liegt darin, daß wir in einer Zeit der Niederlagen siegesgewiß sind“. Begeisterter Beifall lohnte den Redner für seine Ausführungen.

Der erste Mai verlief in Czernowitz ohne jeden Zwischenfall und in Ruhe. Die Polizei, die drei Tage lang Bereitschaft gestanden war, fand keinen Anlaß zum Einschreiten. Es wurden lediglich mehrere Personen zur Ausweisleistung angehalten.

(330503c2)


Seite 3

Zuckerkartell aufgelöst [S. 3, oben, links]
Verbilligung des Zuckerpreises?

Bukarest, 1. Mai (Tel. des „Tag“). Die Verhandlungen wegen Beibehaltung der Zentralstelle für den Zuckerverkauf (Oficiul) sind im letzten Moment gescheitert. Samstag 12 Uhr wurde die Tätigkeit des Oficiul eingestellt. Nur 82 Prozent der Beteiligten hatten sich für die Aufrechterhaltung des Oficiul ausgesprochen. Besonders war es die Siebenbürger Gruppe, die sich gegen den Oficiul ausgesprochen hat. Mit dem Oficiul erscheint das Zuckerkartell, welches 11 Jahre bestanden hat, aufgelöst. Durch die freie Konkurrenz erwartet man eine Verbilligung des Zuckerpreises.

Erhöhung der Zuckertaxe
In gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß der Finanzminister die Taxe für den Zuckerverbrauch von 10 auf 13 Lei erhöhen wird.

(330503r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 340, Donnerstag, 04.05.33

Postby Klaus Binder on 4. May 2011, 01:58

Seite 1

Das Neueste aus Deutschland [S. 1, Mitte, oben, links]
Unterdrückung der freien Gewerkschaften
Propagandareise des Reichsministers Goebbels

Berlin, 2. Mai (Tel. des „Tag“). In einem Rundschreiben hat Reichsminister Goebbels den Helfern der nationalen Arbeit seinen Dank für den ruhigen Verlauf des 1. Mai ausgesprochen und betont, daß die Arbeiter Disziplin und Kraft bewiesen haben. Der Reichsminister dankte den S.A. und S.S. Formationen für ihre Mithilfe.
Heute fand in ganz Deutschland eine einheitliche Aktion gegen die vereinigten Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen statt. Mehrere Gebäude der Gewerkschaften wurden von S.A.-Leuten besetzt.
In einer Erklärung der Reichsregierung wird auf die Notwendigkeit dieser Aktion verwiesen, um die Organisationen des Marxismus nicht sich selbst zu überlassen. Bei dieser Aktion wurden 50 Gewerkschaftsführer verhaftet. Die Reichsregierung wird in den nächsten Tagen den Apparat der freien Gewerkschaften in eine neue Organisation eingliedern.
In Köln und Berlin wurden eine Reihe von Universitätsprofessoren zur Disposition gestellt.
Reichspropagandaminister Goebbels begibt sich diese Woche nach Wien und im Anschluß daran nach Rom.
Der deutsche Geschäftsträger in Stockholm hat im schwedischen Außenminister[ium] Protest gegen die deutschfeindliche Rede des sozialdemokratischen Handelsministers Eckmann, der scharfe Angriffe gegen Reichskanzler Hitler und die Reichsminister Göring und Goebbels richtete, eingelegt.

(330504w1)


Der Verlauf des 1. Mai im Lande [S. 1, Mitte, rechts, oben]
Manifestationen vor der deutschen Gesandtschaft

Bukarest, 2. Mai (Tel. des „Tag“). Trotz der für den 1. Mai von den Behörden ergriffenen Maßnahmen konnten Zwischenfälle und Demonstrationen nicht verhindert werden.
Gelegentlich einer Versammlung der sozialdemokratischen Partei versuchten Kommunisten die Versammlung zu stören. Die Polizeibehörden schritten ein und führten drei kommunistische Ruhestörer ab.
Um die Mittagsstunde veranstalteten Kommunisten feindliche Manifestationen vor der deutschen Gesandtschaft. Ihr Versuch, ins Innere des Gebäudes einzudringen, mißlang angesichts der verstärkten Polizeiwache. Es wurden einige Verhaftungen vorgenommen.

In Brasov und Cluj versuchten Kommunisten die sozialdemokratische Maifeier zu stören. In Brasov wurden kommunistische Manifeste verbreitet. Es wurden in Cluj 14, in Brasov 6 kommunistische Agitatoren in Haft genommen.

Der Belagerungszustand
Bukarest, 2. Mai (Tel. des „Tag“). Angesichts der Maßnahmen, die die Regierung gegen die rechtsgerichteten extremistischen Organisationen ergriffen hat, herrscht im ganzen Lande vollkommene Ruhe. Auch am 1. Mai kam es nirgends zu ernsten Zwischenfällen. Ueberall verlief die Maifeier in voller Ruhe. In Regierungskreisen erwägt man die Aufhebung des Belagerungszustandes. Diese Frage soll im Laufe der Woche Gegenstand einer Ministerbesprechung bilden. In informierten Kreisen glaubt man, daß der Belagerungszustand noch diese Woche aufgehoben wird.

(330504r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Anläßlich einer Neueinführung [S. 2, oben, links]
Ueber der Kreuzung Calea Victoriei - Boulevard Elisabeta ist ein modernes Verkehrssignal angebracht worden, wie es in Berlin an jeder Straßenkreuzung zu sehen ist, und nun stehen und starren und staunen die Menschenmassen dieses Wunder an und führen diese Siegestrophäe moderner Technik ad absurdum, indem sie, statt danach zu verkehren, stehen und emporstarren.
Ich weiß nicht, wie meine Gedanken von diesem neuen Verkehrssignal zum heutigen Tag, dem 1. Mai abirren; vielleicht drängte sich mir der Vergleich zwischen dem Fortschritt der Technik und dem Rückschritt des Geistes auf? Der 1. Mai 1933, Arbeiterfeiertag sonst auf der ganzen Welt, sieht heute den Sozialismus um Jahre seiner Entwicklung zurückgeworfen, und es ist diesmal ein trauriger 1. Mai, an dem die Frühlingssonne ihre ersten warmen Strahlen sendet. In Deutschland hat die Sozialdemokratie eine furchtbare Niederlage erlitten, an der sie nicht wenig Schuld trägt; in Oesterreich kämpft sie den Verzweiflungskampf um bisher errungenen Besitz; in Ungarn wird sogar am 1. Mai gearbeitet, und auf der ganzen Welt hat der Sozialismus Halbmast gehißt, da Hitler in Deutschland die Maifeier in die Hand nahm.
Ich schlendere beim sozialdemokratischen Parteihaus in Bukarest vorbei und starre, kaum kann ich’s fassen, auf diese armselige Manifestation von kaum 300 Arbeitern, die noch den Mut haben, sich im Flur und im Hof des Hauses zu versammeln und den Rednern zu lauschen. Rings um das Haus aber stehen starke Aufgebote von Schutzleuten in Bereitschaft, Sigurantaagenten haben überall Posto gefaßt, im Hofe der Polizeipräfektur stehen 15 Autobusse bereit, in die sich Polizisten schwingen und ohne Zögern in die Masse fahren werden, sobald sich das geringste Anzeichen einer Demonstration, die aufs strengste verboten ist, zeigt. Beobachtet, bewacht, belagert - so befindet sich die Arbeiterschaft der ganzen Welt, heute, im 20 Jahrhundert, 15 Jahre nach dem Weltkrieg.
Die Menschen starren das neue Verkehrssignal an, Autos rasen vorbei, ein dichtgefülltes Automatenbuffett legt sogar Zeugnis für die Mechanisierung des menschlichen Magens ab, hoch oben am Himmel zieht ein Flugzeug seine Bahn, aus allen Fenstern tönen die Geräusche und Nebengeräusche der Radioapparate heraus, und ich weine dem Fortschritt des Geistes nach, der vor dem Fortschritt der Technik kapituliert.
Es sind trübe Tage, die nun der internationale sozialistische Gedanke durchlebt.
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330504r2)


An die Bukowinaer Juden! [S. 2, Mitte, oben]
In schicksalschwerer Stunde wenden wir uns an Euch Juden in Stadt und Land mit der dringenden Mahnung und tiefernsten Aufforderung, alle Anstrengungen zu machen, um das Aufbauwerk in Palästina zu fördern und zu unterstützen. Es ist gegenwärtig keine Zeit, eine Propaganda für die nationalen jüdischen Fonde von Mann zu Mann und in großen Versammlungen zu machen. Ein großer Teil unserer jüdischen Brüder steht heute vor der schicksalschweren Frage, ihre Heimat zu verlassen und sich eine neue in Erez Israel aufzubauen. Die Juden in den Massensiedlungen Osteuropas und ganz besonders die Juden Deutschlands pochen an die Pforten Erez Israels und verlangen stürmisch Einlaß.
Die Jewish-Agency hat alle Schritte eingeleitet, um nach Möglichkeit die Tore für die Einwanderung nach Palästina weit zu öffnen. Wir erwarten in den nächsten Tagen die Ausgabe von 5500 Zertifikaten, durch welche Tausenden die Möglichkeit gegeben wird, nach Erez Israel einzuwandern. Aber auch die Mittelstandsajiah wächst von Tag zu Tag. Die Hoffnungen der Judenschaft der ganzen Welt sind an unsere Erfolge in Palästina geknüpft.
Damit aber die Einwanderung reguliert und im Lande keine chaotischen Zustände Platz greifen, bedarf es großer Anstrengungen des Keren Hajessod und Keren Kajemeth.
In der Zeit der schwersten Not unseres Volkes rufen wir Euch Bukowinaer Juden zur nationalen Tat auf. Diesmal darf es nicht bei Worten bleiben! Unser jüdisches Verantwortungsgefühl, die viel gerühmte jüdische Solidarität, unser nationaler Stolz gebieten es, Männern und Frauen, uns in den Dienst der nationalen Sache zu stellen und alle Anstrengungen zu festigen.
Juden in Stadt und Land, gehet an die Arbeit, bildet Arbeiterkaders, seid unermüdlich in der Werbe- und Sammelarbeit, löset den Boden aus, bringet Opfer auf dem Altare des Judentums, damit der Wiederaufbau des jüdischen Palästina noch in unseren Tagen zur Tat werde.
Zeichnet alle für den Keren Hajessod, bezahlet restlos Euere Rückstände, erhöhet Euere Zeichnungen und zeiget Euch würdig der großen nationalen Aufgaben, die unser aller harren.
Das Schicksal der deutschen Juden soll uns allen ein Warnungssignal sein! Gebet, so lange Ihr noch könnt und so lange Ihr noch besitzet!
Für das Präsidium und die Exekutive des Buk. Keren Hajessod: Max Anhauch: - Für das Präsidium und die Exekutive der Zion. Landesorganisation: Dep. Dr. Mayer Ebner. Für die Nationalfonds-Landes-Sammelstelle: Dr. Theodor Weißelberger.

(330504c2)
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Nr. 341, Freitag, 05.05.33

Postby Klaus Binder on 5. May 2011, 01:17

Seite 1

Raubmord in der Herrengasse [S. 1, oben, links]
Die 66-jährige Hauseigentümerin Rosa Hirsch wurde erdrosselt. - Schmuck im Werte von 300.000 Lei geraubt. - Von den Tätern keine Spur

Gegen die zehnte Abendstunde ging die Alarmmeldung durch die Stadt: Raubmord in der Herrengasse! Bald wusste man es: Die Eigentümerin des Hauses Str. Iancu Flondor 45, Frau Rosa Hirsch, ist einem Raubmord zum Opfer gefallen.
Das Haus war bald von dichten Menschenmassen umlagert.
Es ergab sich Folgendes:

Immer allein
Frau Rosa Hirsch bewohnte im ersten Stock ihres Hauses eine Vierzimmerwohnung. In dieser blieb sie immer allein. Ihre Gesellschaft war ein Hündchen und ein Papagei, den sie von einer Südamerikareise mitgebracht hatte. Ihre Bekannten warnten sie stets vor dem Alleinwohnen. Sie ließ daher seit einigen Wochen die Hausmeisterin oft in der Wohnung schlafen. Im Parterre desselben Hauses wohnten ihre Schwester, Frau Jetti Sußmann ferner ihre Nichte und deren Gatte, der Kaufmann Paul Singer. Die Lebensgewohnheiten der Frau Hirsch waren die einer älteren Dame - sie stand im 66 Lebensjahre -; zurückgezogen, bescheiden, sparsam, die Nachmittage verbrachte sie im Restaurant Friedmann mit einigen Freundinnen, sonst hatte sie keinen Verkehr. Nur ihr Verwalter Ellenbogen kam fast täglich, am Samstag war er ständiger Gast zum Mittagessen.

Frau Hirsch gibt keine Antwort
Gestern um 3 Uhr nachmittags war der Hausverwalter Ellenbogen erschienen und wunderte sich, als er die Türe versperrt fand. Er ging in den Volksgarten und begegnete hier der Schwester der Frau Hirsch, Frau Jetti Sußmann; Ellenbogen machte der Frau Sußmann von seiner Beobachtung Mitteilung. Gegen 7 Uhr abends wollte ein Mieter bei der Hauseigentümerin den Mietzins erlegen. Auch er fand die Türe verschlossen und fragte die Hausmeisterin nach dem Verbleib der Frau Hirsch. Daraufhin wurde die Schwester nochmals benachrichtigt, und sie kam um 9 Uhr zur Wohnung ihrer Schwester. Es wurde nun beschlossen, die Türe gewaltsam zu öffnen.

Erdrosselt und beraubt
Die Frau Sußmann fand die Wohnung unbeleuchtet. Sie rief unausgesetzt „Rosa, wo bist du?“ Man betritt zunächst das Vorzimmer, der Eingangstür gegenüber liegt das Wohnzimmer. Die Frau Sußmann ging aber zunächst in das Speise- und Schlafzimmer und gelangte von hier in das Wohnzimmer. Vor der Türe, die zum Entree führt, erkannte sie in einer Gestalt, die am Boden lag, ihre Schwester. Sie machte Licht, und es bot sich ihr folgender schrecklicher Anblick dar: Ihre Schwester, Frau Rosa Hirsch, lag am Rücken, Hände und Füße waren mit dicken Stricken gefesselt. Im Munde steckte ein Knebel, ein blutiges Taschentuch, das gleichfalls mit einer Schnur befestigt war. Das Gesicht war aufgedunsen, am Halse sah man Strangulierungszeichen. Es war ganz klar, daß die Frau ermordet wurde. Auch die Motive des Mordes waren klar, als man die aufgesperrte Kassa sah, und zwar nicht gewaltsam geöffnet, sondern normal durch den Schlüssel. Die Schwester wußte, daß die Ermordete in der Kassa ihren Schmuck aufbewahrt hielt, und zwar zwei Ringe mit Brillanten im Werte von 70.000 Lei, ferner Butons, eine Kette und vieles andere, außerdem Bargeld, Schmuck allein im Werte von 300.000 Lei, außerdem Bargeld, das aus den Mietzinszahlungen knapp nach dem ersten Mai stammt. Genaue Angaben konnte Frau Sußmann nicht machen.
Der Schlüssel der Kassa ist, trotzdem man nach ihm eifrig suchte, nicht gefunden worden.

Alarm: Mord!!
Die Nichte der Ermordeten, Frau Singer, schlug großen Alarm und verständigte die Polizei. Es erschien bald darauf die Kommission unter Führung des Kommissärs Hahon und des Gerichtsarztes Dr. Dranca. Sie machten die erwähnten Feststellungen. Die ersten Recherchen stellten fest, daß der Schlüssel, mit dem die Kassa geöffnet wurde, von den Tätern offenbar mitgenommen worden ist. Im Zimmer, in dem sich das Drama abgespielt hat, fand man einen Bleistift und einen Knopf, die nach Ansicht der Familienangehörigen der ermordeten Frau Hirsch nicht gehören. Auffallend ist, daß im Zimmer sonst alles in Ordnung war, was darauf hinweist, daß der oder die Täter mit ihrem Opfer leichtes Spiel hatten, und es ist sogar wahrscheinlich, daß die Frau Hirsch eingeschüchtert wurde und den Verbrechern die Kassaschlüssel ausfolgte.

Wer sind die Täter?
Es gehört nicht große Kriminalpraxis dazu, anzunehmen, daß als Täter nur Verbrecher in Betracht kommen, die mit den Verhältnissen im Hause der Ermordeten vertraut sind. Schon vor drei Monaten war ein Einbruchsdiebstahl in der Wohnung der Ermordeten verübt worden. Auch damals wurde Schmuck gestohlen. Die Täter sind bisher nicht eruiert worden. Handelt es sich denn nicht wieder um dieselben Verbrecher, die einmal schon Erfolge hatten, nunmehr sie den Versuch mit Gelingen zum zweiten Mal unternahmen. Es war stadtbekannt, daß Frau Rosa Hirsch eine reiche Frau war und viel Schmuck und Bargeld im Hause hatte. Daß die Täter - es müssen zwei oder drei die Hand im Spiele haben - die Nachmittagsstunde für die Ausübung ihres Verbrechens wählten, in einem Hause im Zentrum der Stadt, zeigt wieder, daß die Täter die Verhältnisse dieses Hauses genau kannten. Man hat angeblich die Frau Hirsch um 6 Uhr in einem benachbarten Buttergeschäft gesehen. Der Kaufmann soll sich mit ihr unterhalten haben, und die Frau Rosa Hirsch soll in Vorahnung der nächsten Stunden die Bemerkung gemacht haben:
Ich habe Angst allein zu gehen.
Sie beklagte sich auch, daß ihr Lieblingstier, der Papagei, bereits alt und gebrechlich sei und sie den Eintritt seines Todes befürchtet. Wenn diese Mitteilung stimmt, kann sich der Mord nur in der Zeit zwischen 6 und 9 Uhr abends ereignet haben.

Die Kommission stellt fest
Der Gerichtsarzt stellte fest, daß der Mord mindestens drei Stunden vorher erfolgt sein müsse, also spätestens um 7 Uhr abends, denn die Kommission hat erst um 10 Uhr abends geamtshandelt.
Am Tatorte waren zugegen: Generalinspektor Costescu, erster Staatsanwalt Cuparencu, Untersuchungsrichter Galis, Oberrat Dr. Hammer, Polizeikommissär Paraschivescu und Kommissär Amster.

Die Persönlichkeit der Ermordeten
Frau Rosa Hirsch ist die Witwe nach dem vor sieben Jahren verstorbenen Kaufmann Wolf Hirsch. Sie hatte mit ihrem Gatten viele Jahre in Südamerika zugebracht. Zurückgekehrt, bauen sie zwei Häuser, darunter das Hotel „Bukowina“ in der Str. Regele Ferdinand und das Haus Ecke Iancu Flondor und Miron Costin, das unter dem Namen „Hirschhof“ bekannt ist.
Die Obduktion der Leiche der Ermordeten findet heute nachmittags statt.
Um 12 Uhr nachts wird uns mitgeteilt:
Die Polizei hat noch keine sichere Spur für die Ergreifung der Täter gefunden.
Die Kassa befindet sich im Schlafzimmer, das gleich links vom Entree zu erreichen ist. Die Täter haben alte Reichsmarkscheine aus der Inflationszeit und einen Betrag von 1300 Lei liegen lassen. Das goldene Gebiß der Ermordeten ist neben der Leiche liegen geblieben. Die Butons wurden den Ohren der ermordeten Frau abgenommen.
Die Eingangstüre war nicht gesperrt, sondern nur ins Schloß gefallen. Eine Außenklinke hat diese Tür nicht.
Bei Redaktionsschluß, (1 Uhr nachts) arbeitet die Untersuchungskommission noch fort.

(330505t1)


Seite 2

Aus der jüdischen Gemeinde [S. 2, oben, Mitte]
Herr Dr. Max Diamant hat seine Funktion als Rat der jüdischen Gemeinde niedergelegt. Als letzte Ursache gibt Herr Dr. Diamant einen Konflikt mit Mitgliedern des Vorstandes an, die verhindern wollten, daß ihm ein Raum im jüdischen Hause für ein jüdisches Museum zur Verfügung gestellt werde.

(330505i2)


Die Novelle des Tages
Bilanz [S. 2, unten, links]
Die systematische Zerstörung der deutschen Kultur
Die große Reinigungsaktion, die mit unheimlicher Heftigkeit in Deutschland eingesetzt hat, entspricht streng dem nationalsozialistischen Programm, welches noch vor seiner Machtergreifung von Hitler bekanntgegeben wurde. Die Nationalsozialisten benutzten die neun Jahre des Ausharrens und des Kampfes, um die Liste ihrer Gegner festzustellen und einen genauen Plan zu deren Unterdrückung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, des administrativen wie auch des intellektuellen, zu entwerfen. Hiefür bietet der im offiziellen Organ, Goebbels „Angriff“, am 1. März veröffentlichte Artikel „Deutsches Volk und deutsche Kunst; wir werden 14 Jahre Kulturbolschewismus auslöschen“, deutlichen Beweis. Seither wird in der Tat mit den im genannten Artikel erwähnten Personen Abrechnung gehalten und das angekündigte Programm ausgeführt. Diese Wertprüfung vom Gesichtspunkt der Zugehörigkeit zur deutschen Rasse wird offenbar durch offizielle Kundgebungen der Regierung, durch Rundschreiben der Verwaltungsbehörden, durch die Aufhebung von Hunderten Zeitschriften und Tageszeitungen, durch aufgezwungene politische Ueberwachung der Verlagshäuser, durch die Vernichtung unzähliger schöngeistiger und wissenschaftlicher Schriftwerke, durch den Ausschluß von Universitätslehrern, die Entlassung von Theaterdirektoren, durch die Absetzung einer Reihe von Theaterstücken, durch das Verbot von Konzerten, die Schließung von Lichtspieltheatern und die Ausweisung zahlreicher deutscher Intellektueller.

Schriftsteller und Dichter
Dieser Kampf gegen die Juden und angeblichen Marxisten verursacht wahre Verwüstungen auf dem Gebiet des Schrifttums. Das Gesamtwerk des Nobelpreisträgers Thomas Mann, eines der edelsten Geister des neuen Deutschland, dessen Bücher ausnahmslos Triumphzüge durch die ganze Kulturwelt machten, fällt unter dieses Verbot des Marxismus in der Literatur, wobei hervorgehoben werden muß, daß Thomas Mann niemals in seinen Schriften politische Tendenzen verfolgte. Im Falle Heinrich Mann, der zum Austritt aus der Akademie genötigt wurde, war die Verurteilung des Marxismus durch die internationalen Bestrebungen verschärft. Unter den Pseudo-Marxisten figurieren ferner Dichter von allgemein anerkannter Bedeutung, wie Leonhard Frank, Arnold Ulitz, Bert Brecht, Hans Fallada, Erich Maria Remarque, dessen Roman „Im Westen nichts Neues“ in mehreren deutschen Städten öffentlich verbrannt wurde, Ernst Glaser, R. J. Becher, Walter Hasenclever, Ludwig Renn ec. Außer diesen arischen Marxisten besteht eine große Phalanx jüdischer Autoren, welche gemäß dem nazistischen Programm und durch einen Eidschwur der deutschen Studentenschaft nur in hebräischer Sprache zu schreiben berechtigt sind. Unter diesen Rassefremden befinden sich u. a. der Oesterreicher Stefan Zweig, Jakob Wassermann, Karl Kraus, Bernhard Kellermann, Franz Werfel, Georg Hirschfeld, Georg Hermann, Ludwig Fulda, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, der Dichter des „Alexanderplatz“, Joseph Roth, Ernst Toller, Max Herrmann-Neiße, Alfred Wolfenstein, Hans Josef Rehfisch, dessen Dreyfus-Drama Welterfolg errungen hat, Heinrich Eduard Jacob, der große Lyriker Alfred Ehrenstein [Albert Ehrenstein], Richard Beer-Hofmann, Julius Bab, Paul Kornfeld, Kurt Tucholsky, Egon Friedell, Alfred Polgar, Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Leo Perutz, Arnold Höllriegel, Arthur Holitscher, Richard Katz, Ernst Lothar, Hans Müller, Felix Salten, Max Brod, Rudolf Fuchs, Sonka, Heinrich E. Poritzki, Rudolf Borchardt ec., von Frauen u. a. Else Lasker-Schüler und Vicki Baum.

Verleger und Journalisten
Unter den in Acht und Bann erklärten „Un-Deutschen“ befindet sich eine Reihe von Verlegern, welche viel zum Riesenerfolg der deutschen Literatur beigetragen haben. In erster Linie muß hier an S. Fischer erinnert werden, ferner an Ullstein, Cassirer, Rowohlt ec. Im Zeitungswesen sind unter den Verfolgten so bedeutende Köpfe wie Theodor Wolff vom „Berliner Tagblatt“, Georg Bernhard von der „Vossischen Zeitung“, Heinrich Simon, Eigentümer der „Frankfurter Zeitung“, die Theaterkritiker Alfred Kerr, Monty Jacobs, ferner Arthur Eloesser, Paul Goldmann und viele andere, die die öffentliche Meinung, selbst noch in der Hugenberg-Presse, beeinflußt haben.

Komponisten, Virtuosen und Bühnenkünstler
Bekanntlich wurden die Konzerte der Dirigenten Bruno Walter, dessen Namen die Nationalsozialisten niemals den Familiennamen Schlesinger anzufügen vergessen, und Otto Klemperer verboten. Andere „undeutsche“ Dirigenten sind Leo Blech, Oskar Fried, Brecher, Stiedry, ec. Von Komponisten werden die Vorkämpfer der modernen Tonkunst Arnold Schönberg und Kurt Weill geächtet, von Virtuosen Hubermann, Fritz Kreisler, Bruno Eisner, Artur Schnabel, Flesch, Ignaz Friedman, Rosenthal ec. Lotte Schöne, Frida Leider, Kipnis u. v. a. wurden aus der Oper entfernt. Das „Deutsche Theater“ in Berlin, welches seine Existenz dem genialen Max Reinhardt verdankt, wurde zur Erklärung gezwungen, nichts mit ihrem Gründer gemein zu haben. Gleichzeitig schwand Victor Barnowsky aus dem Theaterleben, kurze Zeit nach dem einstigen Bühnenbeherrscher, dem Intendanten des Staatstheaters Leopold Jessner, Elisabeth Bergner, Max Pallenberg und seine Gattin Fritzi Massary, Curt Bois, Paul Graetz, Fritz Grünbaum, Siegfried Arno, Felix Bressart, die großen Tragiker Fritz Kortner, Alexander Moissi, Ernst Deutsch, werden nicht mehr auf deutschen Bühnen auftreten dürfen.

Die Architekten und ihr Werk
Ihrer Logik folgend, müßten die Deutschen ihre Theater zertrümmern, denn der größte Teil der Bauten wurde von großen jüdischen Architekten erbaut, die Komödie in der Stresemannstraße, gegenwärtig Königgraetzerstraße, das „Renaissancetheater“ am Kurfürstendamm, die Volksbühne, selbst die „Krolloper“, in der Hitler in Fleisch und Knochen erschien, alle diese Bauten sind das Werk des großen jüdischen Architekten ungarischer Herkunft, Oskar Kaufmann.

Regisseure und Filmleute
In dieser Liste dürfen Dekorationskünstler wie Ernst Stern, Regisseure wie Erik Charell, dessen „Weißes Rößl“ einen Riesenerfolg geerntet hat, auf dem Gebiete des Filmes Ernst Lubitsch und Erich Pommer, der von der „Ufa“ zurücktreten mußte, nicht fehlen.

Jurisprudenz und Medizin
Eine große Anzahl weit über den Durchschnitt sich erhebender Richter wurde entfernt. Zu den Advokaten, die nicht mehr zur Ausübung ihres Berufes zugelassen werden, gehören u. a.: der weltberühmte Dr. Alsberg, Frey, Sinzheimer Frankfurt ec. Die deutsche Medizin verliert unter vielen anderen Professor Hermann Zondek, der als Arzt Stresemanns sich die Mißliebigkeit der Nazis zuzog, Dr. Gordon, Dr. Fränkel, Dr. Cohn, Dr. Jadassohn e. c.

Die schönen Künste und die Hochschulen
Unter den Museen mußte das städtische in Berlin Max Friedländer, das Städelsche Institut in Frankfurt Professor Swarsensky einbüßen. Das Hochschulwesen verliert einen Juristen wie Martin Wolf (Berlin), einen Staatswissenschaftler wie Professor Bonn, von den Philosophen, Chemikern, Physikern, wie James Franck, der aus Solidarität zu seinen jüdischen Kollegen aus freien Stücken seine Lehrkanzel niederlegte, zu schweigen. Von schaffenden Künstlern müssen Max Liebermann, Theod. Theophil Heine, die Arierin Käthe Kollwitz, Eugen Spiro genannt werden.
Auf diese Weise verliert die deutsche Nation durch ihre nationale Revolution eine unzählige Menge von Männern, die das Ausland zu den leuchtendsten Repräsentanten des deutschen Geistes zählt und von welchen ein Albert Einstein mit offenen Armen von den bedeutendsten Hochschulen der gesamten Welt empfangen wird.

(330505w2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
700 Jahre Leipziger Messe [S. 3, oben, links]
Ein Vortrag in der Handelskammer

Mittwoch 5 Uhr nachmittags fand in der Handelskammer ein Vortrag des Beauftragten des Leipziger Messeamtes Dr. Adler aus Leipzig statt.
Vor Beginn des Vortrages begrüßt Herr Brunno Fontin im Namen des Messeamtes die erschienenen Kaufleute.
Unter dem Titel: „Die internationalen Beziehungen“ Deutschlands im Lichte der deutsch-jüdischen Situation erörtert der Vortragende eingehend die Vorgänge in Deutschland und kam auf die Leipziger Messe und die Judenfrage zu sprechen. Der Leipziger Markt, sagte der Vortragende, ist seit Jahrzehnten mit stark jüdischer Mitarbeit entwickelt worden, zahlreiche jüdische Kaufleute des In- und Auslandes stellen in Leipzig aus, und es ist der Zweck der Leipziger Messe, die Beziehungen zu den Nationen aufrecht zu erhalten. Diese Beziehungen dürfen durch die politischen Strömungen in Deutschland nicht gestört werden. Die Boykottbewegung gegen Deutschland hatte auch bei den Juden in Deutschland große Bedenken ausgelöst, und man verfolgte die Ereignisse nur mit großer Besorgnis. Wenn auch die internationale Solidarität für die bedrückten Juden in Deutschland starken Eindruck hervorgerufen habe, fragt es sich, ob die Boykottbewegung den 550.000 deutschen Juden nützlich ist. Für die Auswanderung der Juden in Deutschland bestehen nur geringe Aussichten, da einerseits die Liquidierung der Geschäfte nur schwer vor sich gehen kann, andererseits aber nur reiche Leute oder junge Studenten eine Auswanderung vorziehen.
Wenn im Auslande deutsche Waren boykottiert werden, so sind auch Juden von dieser Maßnahme betroffen, da bekanntlich der Pelz-Rauchwarenhandel und viele Industrien in den Händen der Juden liegen. Es wäre politisch unklug, wenn man, nachdem die Situation der Juden verloren ist, sich weiter um die deutschen Juden nicht bekümmern sollte.
Was die Leitung der Leipziger Messe betrifft, betont Redner, daß die bisherigen Vorstandsmitglieder Dr. Kohler und Voß in ihren Aemtern weiter verblieben sind, und daß keine Kommissäre eingesetzt wurden, was auch künftighin der Fall sein dürfte. Die Leipziger Messe, die seit 700 Jahren besteht, werde auch weiterhin rein wirtschaftlichen Charakter tragen und Treffpunkt aller Kaufleute bilden.
Zum Schluß betonte Redner, daß für die im August stattfindende Leipziger Herbstmesse keinerlei Befürchtungen für die persönliche Freiheit der Fremden bestehen, und betont, daß seine Reise nach Palästina dem Zweck diene, einen ständigen palästinischen Pavillon in Leipzig zu errichten.
Vizebürgermeister Klüger repliziert in ziemlich scharfen Worten. Er findet die Ausführungen des Dr. Adler als Propagandist der Leipziger Messe verständlich, weist aber entschieden die Zumutung zurück, die Situation in Deutschland anders aufzufassen, als sie wirklich ist. Es berühre schmerzlich, wenn man hört, daß „gewisse“ Zugeständnisse vom Reichsbund der Frontkämpfer erwirkt wurden, während offiziell das jüdische Volk als minderwertig bezeichnet wurde, und mit dem gelben Fleck behaftet ist. Kinder kommen jetzt zu ihren Eltern und fragen, warum sie als minderwertig angesehen werden.
Bei uns wurde kein Boykott beschlossen, und die Tatsache, daß wir mit dem Gros der Deutschen in guten Beziehungen leben, beweist, daß eine Reihe führender Kaufleute dem Ruf des Herrn Fontin, von dem aus die Einladung ergangen ist, Folge geleistet hat. Wir sind keine Hasser des deutschen Volkes, wir sind keine Verächter der deutschen Kultur; wir können aber Waren aus einem Lande nicht kaufen, in welchem Barbarei und Tyrannei herrschen.
Was die Begründung des jüdischen Pavillons bei der Leipziger Messe betrifft, verzichten wir darauf. Wir wollen jüdische Pavillons für die Juden aus Deutschland in Palästina errichten.
Die Rede des Vizebürgermeisters Klüger fand starken Beifall.
Nach einer kurzen Replik des Dr. Adler war der Vortrag zu Ende.

(330505c3)


Das Ergebnis der Oster-Verlosung des „Tag“ [S. 3, Mitte, rechts, unten]
Wir haben bereits das Resultat der am 16. l. J. stattgefundenen Verlosung in unserer Ausgabe vom 19. l. J. veröffentlicht. Wir bringen heute die Namen der Gewinner, welche ihre Preise bereits behoben haben:
Sali Barandes, Str. Hormuzachi Nr. 9, Krau Josef, Str. Romana 9, Dumitsch Johann, Adancata, Schmetterling, Bilei 30, Tresser Sabina, Anton Pan 4 a, Neumann Christian, I. Gramada 16 a, Krasnic Stefan, Regina Maria 11, Eugen Eisenscheer, Stefan cel Mare 42 c, Farkasch Josef, Isacescul 30, Auerbach Benno, Str. Iancu Flondor 9, Lisi Hold, Str. Marasesti 10, Rosenzweig Elias, Str. Hormuzachi 9, Gast Dora, Nepolocauti, Hacker Gustav, Str. Cuciurul Mare 15 b, Holouka Modest, Str. Romana 91 m, Engel Julius, Strada Hotinului 89, Heimann Josuah, Str. Dobrogiei 1, Lessing Isidor, Str. J. Zota 26, Schreiner Philipp, Str. Mihai Viteazul 10, Kliegler Wilhelm, Regele Ferdinand 37, Krevanos Tuzia, Str. Iazului 12, Braunstein Arnold, Piata Ghica Voda 1, Ostrovski Romualda, Hotinului 9, Sami Feller, Bucurestilor 5, Blum Emil, Str. Anastasie Crimca 16, Boronski Jadwiga, Str. Alexandru Wasilko 5, Lutwak, Sucevei 10, Klüger Elka, Str. Gen. Mircescu 13 b, Lecker Herbert, Stefan cel Mare 3, Wurmbrand Benno, Dionisie Bejan 8, Bensdorf Aurelio, I. Flondor 24, Wachtel Adolf, Str. Pantei 11, Tillinger Rebeka, Str. Cuciurul Mare 23, Landmann Emanuel, Str. I. Flondor 18, Bensdorf Kazimir, Str. I. Flondor 23, Rennert Jakob, Serban Voda 34, Rintzler Jakob, Str. I. C. Bratianu 18, Miseles Emil, Str. I. Flondor 37, Peretz Alice, Stefan cel Mare 133, Holouka Modest, Romana 91, Taussig Franz, Strada Marasesti 36, Buller Josef, Str. Cogalniceanu 18, Hnidei Aurelie, Strada Iasilor 86, Hermelin Adolf, Str. A. Pumnul 15, Zucker Saul, Plevnei 47, Kurz Hersch Leib, Reg. Elisabeta 16, Parodiuk Johanna, Str. Munteniei 4, Eismann Klara, Str. O. Iosif 4, Scholz Eugenie, Iasilor 4, Lisi Hold, Marasesti 10, Lina Waldmann, Piata Ghica Voda 2, Katz Marcus, Florilor 36, Aschenfeld Hermann, Maramuresului 5, Stenzler Jetti, Str. Wassilko 5, Berta Guttmann, Petru Rares 72, Dauber Zacharias, Principele Carol 1, Kula F., Str. Cuciurul Mare 74, Weber Ludowic, Molnitei 7, Stenzler Jetty, Str. Wassilko 5, Granierer Iancu, Iasilor 25, Popovici Emilie, Gheorghe Lazar 6, Bensdorf Kazimir, Str. I. Flondor 23, Kahn Isidor, Str. Crisanei 7.
Es erliegen noch bei uns 2 Gewinne u. zw. die No. 595 und No. 92. Wir bitten die Inhaber dieser Teilnahmscheine, die Gewinne ehestens abzuholen.

(330505i3)


Seite 4

Rund um das „Rätsel“ von Sovata [S. 4, oben]
Politik auf der Hasenjagd
Von unserem H. G.-Korrespondenten [Heinrich Goldmann]


Bukarest, 1. Mai.
Es scheint, daß es nun unaufhaltsam Sommer werden will; vergebens protestiert ein leichter Wind gegen die Vorboten der sommerlichen Hitze, die ihre Vorbereitungen für den Einzug in die Hauptstadt trifft. Sonntags und Montags, freie Feier- und Ruhetage, sieht man ganz Bukarest auf den Straßen, die Herren haben endgültig ihre Mäntel, Raglans und Ueberzieher abgelegt, die Damen liefern auf der großen Modeparade der Calea Victoriei und der Boulevards den Beweis, daß es in diesem Lande, weiß Gott! noch Geld und keine Sorgen gibt. Oder ist das alles, wie die Kunstmalerei auf den Gesichtern der Bukarester Frauen, Maske, hinter der sich die grausame Wahrheit verbirgt? Ist diese sonnige Sorglosigkeit nur eine unaufrichtige Fratze wie die politische Komödie, die eben in den gellenden Rufen der Zeitungsjungen: „Konzentrationsregierung Titulescu?“ ihren beredten Ausdruck findet? Ein kleines Blatt wirft, sich den Ruhetag der Druckerschwärze zunutze machend, eine „Sonderausgabe“ auf die Straße. Schlau, wie diese Repräsentanten der öffentlichen Meinung sind, wählen sie für ihren „Schlager“ einen Titel der seit Jahren zu nichts verpflichtet und immer gleich richtig wie unrichtig ist; denn stets, wenn die gouvernamentalen Gehirne einander mit Balken belegen und wenn aus der allgemeinen Ratlosigkeit eine Regierungskrise geboren wird, taucht aus einer Versenkung, wie ein deus ex machina, die Gestalt Titulescus auf, der die Krise lösen soll und sie noch nie gelöst hat.
Ans historische Licht gerückt, zeigt die Figur Alexander Vaida Voevods bei weitem positivere Umrisse und konkretere Formen als die seines Kollegen und Rivalen Iulius Maniu, dessen schemenhaftes Wirken in den letzten Jahren von einer Schar blindergebener Adepten vergeblich hochgehalten wird. Unleugbar, daß Maniu die Partei, deren Chef er ist, hochgebracht und an ihrer Entwicklung regsten Anteil genommen hat; unleugbar, daß er in die Geschichte dieses Landes als historische Figur Eingang finden wird, wenn er auch lang nicht an seine großen Vorgänger I. C. Bratianu oder Take Ionescu heranreicht. Aber ebenso unleugbar ist es, daß Maniu durch eigenes Hinzutun und durch das seiner Anhänger, nur noch krampfhaft als Faktor in den Kreis politischer Berechnungen gezogen wird; ebenso unleugbar die Mißerfolge der letzten Jahre, die nicht so sehr aufs Konto der nationalzaranistischen Partei als auf das Manius zu buchen sind. Den größten politischen Fehler begeht er nun dadurch, daß er sich der Kunst zu gehen, wenn die Zeit gekommen ist, durchaus wesensfremd zeigt. Denn sein „intimes“ Schreiben, in welchem er seinen Wunsch äußert, sich ins Privatleben zurückzuziehen, darf nicht ernst genommen werden. Keinesfalls denkt Maniu daran, sich vom politischen Leben endgültig zurückzuziehen und es wird sich zeigen, daß er auf die Ergebenheit seiner Anhänger zählen durfte.
Wird sich das Spiel von neuem wiederholen? Dieses traurige Kuriosum einer chronischen Spaltung innerhalb der Partei, wird es von neuem jene groteske Entwicklung nehmen, wie sie uns noch heute lebhaft vor Augen ist: Maniu kam und Vaida ging, Vaida ging und Maniu kam? Niemals, wenn er nicht selbst das Zepter führte, war Maniu mit den Regierungsgeschäften, beziehungsweise der Art, wie sie geführt wurden, zufrieden; er ist es auch jetzt nicht und sein privates Schreiben, in dem er seinen Rücktritt aus dem politischen Leben ankündigt, bezweckt nichts anderes als die Plattform zu schaffen, auf der man sich „einigen“ könnte; will Maniu wieder regieren?
Sovata, das auserkoren ist, um sich mit dem gekränkten Parteichef auszusprechen und ihn zu versöhnen, sieht in diesen schönen Frühlingstagen ein seltenes Spiel politischer Leichtlebigkeit: Minister sind gekommen, um wichtige politische Gespräche zu führen, aber das Wetter ist so verlockend, daß sich Herr Mihai Popovici in Knickerbockers wirft und in die nahen Wälder auf die Fasanenjagd geht, denn das Leben ist schön und Fasanenbraten macht es noch schöner; Herr Mihalache wirft die Flinte keineswegs ins Korn, sondern im Gegenteil über die Schulter und macht sich ebenfalls auf die Pirsch. Gleichwohl wurde konferiert und vermittelt und man erfährt in Bukarest, Maniu habe gesagt, der Schlüssel befinde sich beim Herrn Ministerpräsidenten Vaida in Bukarest; hingegen sagt in Brasov der Ministerpräsident Vaida zu Journalisten, er könne nichts sagen, denn der Schlüssel befinde sich in Sovata bei Herrn Maniu; unterdessen hofft, insgeheim Mihalache aus ganzem Herzen, daß der Schüssel überhaupt nicht gefunden werde, denn ihn gelüstet es danach, Parteichef zu werden …
Hart, aber gerecht ist die Empörung Iorgas, der er in einem Artikel „Große Angelegenheit“ im „Neamul Romanesc“ Ausdruck gibt, indem er schreibt: „Der Mann von Badacin, der seine Gesundheit pflegt, die von den vielen Beschäftigungen, besonders in der letzten Zeit, am Fenster des Cafes Florian in Venedig oder am Ufer des herrlichen Meeres ruiniert wurde, dieser Mann, der nichts gibt, weder Talent, noch Kenntnisse oder Arbeit, will alles, will Chef einer Partei sein, die ihm nicht restlos Bewunderung zollt für die Qualitäten, die sich der „herumziehende Mönch“ anmaßt …“
Vielleicht ist dieses Urteil der übertriebene Ausdruck einer persönlichen Feindschaft, aber angesichts der „Ereignisse“, die ganz zu Unrecht Presse und Publikum derzeit beschäftigen, muß man erkennen, daß dieses Urteil der Wirklichkeit zumindest sehr nahe kommt …

(330505r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 342, Samstag, 06.05.33

Postby Klaus Binder on 5. May 2011, 22:06

Seite 2

Der König in Cernauti [S. 2, oben, links]
Offizielles Programm zum Empfang des Königs in Cernauti am 24. und 25. Mai

1. Tag: Mittwoch, den 24. Mai
Vormittags:
1. Empfang am Bahnhof. 2. In der Kathedrale, a) Erinnerung an die Vereinigung vor 15 Jahren, b) Messe, c) Einweihung der neuen Pfadfinderfahne. Militärreiterfest. 4. Empfang der Spitzen der Behörden im Synodalsaale der Residenz. 5. Bankett, veranstaltet von der Mitropolie der Bukowina.

Nachmittags:
1. Grundsteinlegung des Bukowinaer Pfadfinderheims. 2. Einweihung der neuerbauten Pruthbrücke in Horecea. 3. Pfadfinderfeier im Biwak des Horecea-Wäldchens. 4. Diner mit den Spitzen der Behörden, den Truppenkommandanten und dem Komitee des Reiterfestes im Offizierskasino. 5. Galafeier im Nationaltheater.

2. Tag: Donnerstag, 25. Mai
Vormittags:
1. Einweihung des Flughafens, der Czernowitzer Pilotenschule, der Schule für den motorlosen Flug. 2. Militär-Reiterfest. 3. Empfang des Königs in der Universität. 4. Bankett, veranstaltet von der Stadtgemeinde Czernowitz.

Nachmittags:
1. Inspizierung der Truppen und der städtischen Institutionen. 2. Sportfestlichkeiten auf dem Sportplatz „Großfürst Mihai“. 3. Prämienverteilung für das Reiterfest.

*
Dieser Programmentwurf, der von Minister Sauciuc-Saveanu, dem Erzbischof Nectarie und General Jacob unterzeichnet ist, wurde vom General Jacob dem Hofmarschallamt übermittelt, wo er endgültig mit eventuellen Abänderungen genehmigt und zur Ausführung zurückgestellt werden wird.
Die Vorbereitungen haben bereits begonnen und werden von einem Organisationskomitee geleitet, welches sich aus folgenden Persönlichkeiten zusammensetzt: Minister Sauciuc-Saveanu, Erzbischof Nectarie, Präfekt Jacoban, Bürgermeister Saveanu, Polizeiinspektor Anghelescu, Hauptmann Sidorovici und Kommandant des Flughafens Cicei.

(330506r2)


Der Raubmord in der Strada Flondor [S. 2, oben, Mitte]
Resultat der Erhebungen: Vorläufig Null

Die gräßliche Mordtat, die sich gestern abends im Herzen der Stadt ereignet hat, steht im Mittelpunkt des brennendsten Interesses. Auch im Laufe des gestrigen Vormittags umstanden Menschengruppen das Haus, in dem der Mord verübt wurde, und diskutierten lebhaft über die unheimlichen Geschehnisse.
Währenddessen arbeitet die Polizei mit fieberhaftem Eifer, um das Mysterium, in welches der Mord gehüllt ist, zu klären und einen Anhaltspunkt für die Person der Täter zu gewinnen. Noch im Laufe der gestrigen Nacht wurden Razzien in Lokalen veranstaltet, die als Verbrecherschlupfwinkel bekannt sind. Ferner wurde ein strenger Ueberwachungsdienst bei den Zügen eingeleitet. Die Untersuchung wird von Polizeiquästor Costescu und Regierungsrat Dr. Hammer geleitet, die in ihren Bemühungen vom gesamten Polizeistab unterstützt werden.

Die Rekonstruierung der Tat
Gestern (Donnerstag), um 9 Uhr vormittags, erschien in der Wohnung der Ermordeten, Frau Rosa Hirsch, eine zweite Mordkommission, um einen sorgfältigen Lokalaugenschein vorzunehmen. Die Kommission setzte sich aus Untersuchungsrichter Galis, Erstem Staatsanwalt Panu, Polizeiquästor Costescu, Quästursekretär Dr. Kuczinski, Regierungsrat Hammer, Kriminalkommissär Victor Popescu, den Chefkommissären Teodorescu und Paraschivescu, sowie einer Reihe weiterer Polizeifunktionäre zusammen. Eine genaue Ueberprüfung der Wohnräume ergibt, vervollständigt durch die Angaben der einvernommenen Nachbarn, nach den amtlichen Angaben folgende Tatrekonstruktion:
Frau Hirsch wurde im Vorzimmer von den Eindringlingen überfallen und in das Speisezimmer gezerrt, wo sie an Händen, Füßen und Mund mit einer einzelnen Rebschnur gefesselt und ihr überdies ein Taschentuch als Knebel in den Mund gesteckt wurde. Blutspuren am Kachelofen des Speisezimmers deuten darauf hin, daß die Ermordete einer grausamen Folter unterzogen wurde, indem sie mit dem Kopf gegen die Ofenkacheln geschleudert wurde. Später dürfte sie beim Kassenschrank der gleichen Prozedur unterzogen worden sein. Durch viele Martern gezwungen, gab die Ermordete den Banditen an, wo sich der Kassenschlüssel befinde. Sie wurde dann wieder in das Speisezimmer gebracht, zu Boden geworfen und erwürgt. Die Räuber räumten dann ungestört den Kassenschrank aus, ließen jedoch unbegreiflicherweise 1300 Lei, sowie eine Menge wertloser deutscher Inflationsnoten zurück. Durch welchen Weg die Mörder aus dem Hause flüchteten, ist nicht feststellbar. Auf alle Fälle muß es sich um Personen handeln, die mit der Oertlichkeit vertraut sind. Dies geht daraus hervor, daß die Ermordete, gewitzigt durch den vor drei Monaten in ihrer Wohnung verübten Einbruch, sehr vorsichtig war und niemals die Wohnungstür öffnete, ehe sie nicht eine vertraute Stimme erkannt hatte.

Dem Täter auf der Spur
Aus den Aussagen eines Nachbarn der Ermordeten, Herrn Merlaub, geht hervor, daß sich Frau Hirsch um vier Uhr mit dem Hausmeisterpaar auf dem Dachboden befand. Herr Merlaub konnte noch bemerken, wie Frau Hirsch sich in ihre Wohnung begab und diese vorsichtig abschloß. Auf eine deutlichere Spur weist die Aussage eines Angestellten des Kolonialwarengeschäftes Drafta hin. Dieser läutete um 5 Uhr nachmittags an der Wohnungstür, um der Frau Hirsch ein Päckchen Kümmel, den sie nach dem Mittag bestellt hatte, einzuhändigen. Nachdem er mehrmals vergeblich geläutet hatte, wurde die Türe von einem schlanken Mann jüngeren Alters, der sich hinter der Tür verbarg, geöffnet. Der Fremde nahm den Kümmel entgegen und gab dem Angestellten fünf Lei.
Die Nachforschungen werden auch noch in einer anderen Richtung angestellt. Die Ermordete hatte einen entfernten Familienangehörigen, der auf Abwege geraten war, und der der Tag verdächtig erscheint. Dieser konnte bisher nicht ausgeforscht werden.

Resümee von Donnerstag
Das Resümee über die bisherigen Feststellungen und Ermittlungen in der Mordaffäre Rosa Hirsch kann noch nicht abgeschlossen werden. Es wurde versucht, die Tat zu rekonstruieren. Darüber ist früher eine Darstellung gegeben worden. Will man der Verbrecher habhaft werden, so muß die Kriminalbehörde zunächst über die Details der Tat schlüssig sein. In diesem Falle gibt es nicht viele Rätsel. Die Blutspuren am Kachelofen und an der Kassa sind Beweise, daß die Verbrecher mit dem Opfer wütend-grausam umgegangen sind. Es leuchtet auch ein, daß hiedurch von der Ermordeten die Herausgabe des Kassaschlüssels erpreßt werden sollte. Die Erpressung ist gelungen. Den Kassenschlüssel haben die Verbrecher mitgenommen. Wir haben gestern bereits mitgeteilt, daß die Täter einen Knopf zurückgelassen haben. Heute hört man von diesem Knopf nichts mehr. Warum nicht? Gerade solche Kleinigkeiten, die man zu übersehen glaubt, haben schon oft auf die Spur von Verbrechern geführt. Knopf und Knopf ist ein Unterschied, die Marke des Knopfes könnte doch einen Anhaltspunkt für die Nachforschungen sichern. Dasselbe gilt für den dort aufgefundenen Bleistift. Der Obduktionsbefund stellt eindeutig Erdrosselung als Todesursache dar. Die Verbrecher hatten aber die alte Frau auch gefesselt, und zwar so kompliziert gefesselt, wie es nur furchtsame Täter tun, weil sie den Widerstand des Opfers fürchten. Wenn Frau Rosa Hirsch erstickt worden ist, wozu dann die Fesselung, und wenn sie die Frau zuerst gefesselt haben, wozu dann die Ermordung? Man muß demnach annehmen, daß sie die Frau zunächst fesselten und sie dann, um nicht einen Zeugen ihrer Tat zurückzulassen, erdrosselten. Die Sorge der Verbrecher, die Frau nicht am Leben zu lassen, beweist auch, daß die Täter Bekannte des Hauses waren. Wären es unbekannte Täter oder Täter, die kaum in der Nähe des Hauses bekannt waren, so hätten sie sich sicher nur mit der Fesselung der Frau begnügt.
Der Hausmeister Georg Kulek, 50 Jahre alt und seine Frau Katharina Kulek wurden festgenommen. Es liegt momentan kein anderer Verdacht vor, als daß diese beiden Personen allein den Zutritt zur Wohnung der Frau Hirsch hatten. Das ist allerdings zu wenig Verdächtigung, doch ist der Verdacht gegen sie deshalb gestiegen, weil bei der Hausdurchsuchung in der Wohnung des Hausmeisterpaares alte Reichsmarkscheine gefunden wurden. Andere Beweise liegen nicht vor. Es ist mit höchster Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die Reichsmarkbanknoten aus dem Besitz der ermordeten Frau Hirsch stammen, doch kann man immerhin glauben, daß die Hausfrau der Hausmeisterin ab und zu ein Geschenk in Markscheinen machte. Die Untersuchung wird weitergeführt. Am Abend verbreitete sich das Gerücht, daß zwei Passagiere in Pascani auf der Fahrt nach Bukarest unter dem Verdacht der Täterschaft festgenommen wurden. Sie sollen Valuten bei sich geführt haben, doch der Besitz von Valuten ist geringer Verdacht für die Teilnahme an einem so schweren Verbrechen. Nach dieser Richtung werden sich bald die erforderlichen Feststellungen machen lassen.
Sehr wichtig ist die von dem Angestellten Draftas deponierte Aussage, daß er um die fünfte Nachmittagsstunde ein Paket mit Kümmel in die Wohnung der Frau Hirsch tragen sollte. Nicht Frau Hirsch öffnete die Türe, sondern ein junger Mann. Warum wurde bisher das Signalement dieses jungen Mannes nicht ausgegeben?!

(330506c2)


Seite 4

Die Judenpogrome in Deutschland [S. 4, oben]
Eine Denkschrift der polnischen Regierung

London, 2. Mai. Der „Daily Express“ das konservative Organ Lord Breaverbrooks, veröffentlicht einen Bericht seines diplomatischen Korrespondenten, der darin auf die Verschärfung der Beziehungen zwischen Polen und dem Deutschen Reich hinweist. Die Verstimmung Warschaus gegen Berlin erklärt sich daraus, daß die polnische Regierung durch ihren Berliner Gesandten seit dem 11. März nicht weniger als fünfmal diplomatische Vorstellungen wegen der zahlreichen Fälle von Mißhandlungen polnischer Staatsbürger bei der Reichsregierung erhoben hat.
Die Reichsregierung hat die Beschwerde entgegengenommen und die Untersuchung der einzelnen Fälle in Aussicht gestellt. Weiter ist in der Angelegenheit nichts geschehen, so daß die polnische Regierung mit der Veröffentlichung des offiziellen, von den polnischen Konsulaten in Deutschland beglaubigten und durch eidesstattliche Tatsachenschilderung der Pogromopfer gestützten Materials im „Daily Express“ gewissermaßen die Flucht in die Weltöffentlichkeit antritt.
Die polnische Denkschrift zählt insgesamt 147 Fälle auf, in denen polnische Staatsbürger jüdischen Glaubens in der Zeit vom 5. März bis 5. April mißhandelt worden sind.
In Berlin wurde am 25. März Erwin Wellner in der Linienstraße angehalten und von den S.A.-Männern nach Waffen untersucht. Als sie keine Waffen fanden, begannen sie Wellner zu prügeln. Er wollte davonlaufen, aber die Nazis feuerten ihm ein paar Schüsse nach und zwangen ihn, stehen zu bleiben.
Dann verhafteten sie Wellner und führten ihn in ein Lokal in der Prenzlauerstraße, wo etwa 20 uniformierte Hitlerleute auf neue Opfer warteten. Wellner wurde gezwungen, seine Schuhe auszuziehen. Dann wurde auf die nackten Fußsohlen mit Knüppeln geschlagen. Ueberdies streuten die braunen Folterknechte dem Gepeinigten Salz in die Augen.
In Dresden drangen am 25. März, 6 Uhr abends, fünfzehn bewaffnete S.A.-Männer in das orthodoxe Bethaus in der Sporergasse 2. Die ganze Gemeinde, unter ihnen 25 Juden polnischer Staatsangehörigkeit, wurde festgenommen und in das Braune Haus abgeführt. Dort fielen die S.A.-Leute mit Knüppeln und Gewehrkolben über die Verhafteten her und schlugen auf sie los. Mehrere polnische Staatsbürger erlitten schwere Verletzungen durch Kolbenschläge auf den Kopf. Erst nach vier Stunden ununterbrochener Mißhandungen wurden die Verhafteten freigelassen.
In Berlin überfielen am 1. April, am Tage des Judenboykotts braune Terrortruppen zwischen 7 und 8 Uhr abends die Synagoge in der Blankenfelderstraße 1, und zwangen alle Anwesenden mit vorgehaltener Waffe, sich mit dem Gesicht gegen die Wand zu stellen.
Die Nazi-Leute, unter ihnen mehrere Hilfspolizisten, durchsuchten hierauf die Juden nach ihren Habseligkeiten und nahmen ihnen Uhren und Brieftaschen ab. Sie erbrachen alle Kästen in der Synagoge und vernichteten die rituellen Gewänder. Dann stürzten sie sich mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben auf die an die Wand gestellten Juden, prügelten sie blutig und warfen sie auf die Straße.
Besonders kraß ist der Fall des Kaufmanns Juda Chaim Saffir in Berlin. Saffir wurde von Nazitruppen auf Befehl des nationalsozialistischen Kaufmanns Brusi aus Beuthen am 30. März in seiner Wohnung in der Bismarckstraße verhaftet, weil er sich geweigert hatte, dem Brusi eine Forderung von 850 Mark, die aber nicht zu Recht bestand, zu bezahlen. Saffir wurde von einem Auto, in dem auch zwei verhaftete jüdische Rechtsanwälte saßen, in die Nazikaserne in der General Papestraße gebracht.
Alle drei Männer wurden auf Prügelbänke gelegt, ein Nazimann hielt jeden beim Kopf, ein anderer bei den Beinen, worauf sie mit Lederpeitschen ausgepeitscht wurden. Saffir wurde zwischen zwei Streichen immer wieder gefragt, ob er jetzt endlich die 850 Mark an Brusi bezahlen wolle. Saffir wurde vier Tage lang in der Nazikaserne gefangen gehalten und geprügelt. Er wurde erst auf Intervention des polnischen Konsuls freigelassen, mußte jedoch eine Erklärung unterschreiben, daß ihm nichts zuleide geschehen sei. Kein deutscher Arzt wollte Saffir eine Parere über seine schweren Verletzungen ausstellen. Der Konsulararzt bestätigte schließlich dem polnischen Kaufmann die Spuren der erlittenen Mißhandlungen.

Londoner Enttäuschung über Hitler
London, 3. Mai. Die britische Presse zeigt sich über die Rede Hitlers sehr enttäuscht und stellt fest, daß ein wirklicher Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht vorhanden ist.
„Daily Telegraph“ schreibt, daß Hitler wohl imstande war, einen Eindruck auf die Menge hervorzurufen, daß aber seine Rede keinerlei Präzisionen über die geplante Arbeits- und Brotbeschaffung enthielt. Der Reichskanzler ist durch die Idee der Zwangsarbeit hypnotisiert, sagt das Blatt, aber Deutschland leidet bereits an einem Ueberschuß von Arbeitskräften.
Die „Times“ schreiben, daß man gestern Tausende von Pfund ohne jeden produktiven Zweck verausgabt hat. Hitler sei ein besserer Zirkusdirektor als ein politischer Direktor. Das gestrige Ereignis beweise, daß Deutschland Bauernfängerei einem positiven Programm vorziehe.
Das Blatt „News Chronicle“ bringt unter dem Titel „Der Hitlersche Zirkus“ eine humoristische Darstellung der gestrigen Berliner Mai-Feier und sagt, daß alle Arbeiter, die an dem Zirkus nicht teilnehmen wollten, von vornherein verurteilt waren.
„Daily Herald“ glaubt, daß nunmehr rasch eine Spaltung zwischen den Nationalsozialisten und den Deutschnationalen eintreten wird.

Professor Sauerbruch verläßt Berlin
Der berühmte Chirurg läßt seine jüdischen Assistenten nicht verjagen

Berlin, 2. Mai, In Berliner wissenschaftlichen Kreisen hat die plötzliche Abreise Prof. Sauerbruchs großes Aufsehen erregt. Prof. Sauerbruch, der selbst Arier ist, wurde schon vor Wochen aufgefordert, die jüdischen Aerzte aus seinem Krankenhaus zu entlassen. Prof. Sauerbruch weigerte sich aber bisher, auch nur einen einzigen seiner bewährten Aerzte zu entlassen.

„Die deutsche Frau raucht nicht“
Ulm, 2. Mai. Der Staatskommissar für die Stadt Ulm, Dreher, erließ eine Verordnung, in welcher sämtliche Gaststätteninhaber angehalten werden, in ihren Lokalen Plakate gut sichtbar mit der Aufschrift anzubringen: „Die deutsche Frau raucht nicht!“

(330605w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 343, Sonntag, 07.05.33

Postby Klaus Binder on 8. May 2011, 23:49

Seite 1

Vaida einstimmig gewählt [S. 1, oben, links]
Maniu erscheint zur Sitzung

Bukarest, 5. Mai (Tel. des „Tag“). Um einviertel 7 Uhr ist der Leitungsausschuß der nationalzaranistischen Partei zusammengetreten, um zur Demission Manius Stellung zu nehmen. Von den Ministern nahmen an der Sitzung teil: Vaida, Mironescu, Mirto, Sauciuc-Saveanu und Pan Halipa, schließlich die anderen führenden Mitglieder des Leitungsausschusses u. a. Mihalache, der Präsident, des Senates Costachescu, Kammerpräsident Ciceo Pop. Die Sensation war das Erscheinen Manius zur Sitzung.
Nach Eröffnung der Sitzung, die über zwei Stunden dauerte, hielt Mihalache ein Exposee über die Gründe, die Maniu zur Demission veranlaßt haben. Nach ihm sprach Maniu und betonte, daß er nachwievor die Demission aufrecht halte und ihn nichts davon abbringen könne, von diesem Schritt abzugehen.
Der Leitungsausschuß nahm hernach die Demission zur Kenntnis. Der Vorsitzende Mironescu dankte Maniu für die im Interesse der Partei und des Landes entwickelte Tätigkeit und sprach der Hoffnung Ausdruck, daß Maniu aus nationalen Rücksichten der Partei nicht fernbleiben wird.
Es wurde hernach Vaida zum Parteipräsidenten einstimmig gewählt. Die Wahl Vaida wurde mit Beifall aufgenommen. Vaida dankte in kurzen Worten für das ihm erwiesene Vertrauen.
Morgen tritt das Exekutivkomitee der Partei zusammen, um die Wahl Vaidas zu ratifizieren.
Mit diesem feierlichen Akt scheint die Krise momentan überwunden zu sein.
Im Zusammenhang mit der Lösung der Krise innerhalb der nationalzaranistischen Partei wollen eingeweihte Kreise wissen, daß Mihalache in die Regierung an Stelle Lugojeanus, der einen Gesandtenposten beziehen soll, eintreten wird.
Innerhalb der Anhänger Manius herrscht über die Entwicklung der Krise volle Beruhigung. Es sollen der gegenwärtigen Regierung Vaida keine Schwierigkeiten gemacht werden. Vaida erschien gestern beim König in Audienz:
Die Regierung Vaida dürfte demnach bis zum Herbst am Ruder verbleiben und erst in diesem Zeitpunkt soll die Frage einer Regierungsänderung aufs Tapet gebracht werden.

Vaidas Händedruck
Es wird zuviel um die S. A. in Rumänien herumgedoktort. Dieser Eindruck verstärkt sich von Tag zu Tag. Eine Diskussion hat sich entwickelt, die viele Spalten der Tageszeitungen füllt. Interessant ist dabei, daß beide Teile, die Führer und Förderer der Hitlermannschaft und ihre Gegner, den gleichen Grundgedanken verfolgen: keine Hitler-Politik, vor allem keine Revisions-Politik, vielmehr patriotische Tendenz!! Aus der Zeugenaussage des Gauführers, von Landwehr, hat man übrigens gehört, daß die S. A. in Rumänien auf ein Huldigungstelegramm an den König ein in herzlichen Worten gehaltenes Antwortschreiben erhielt, daß ferner Herr Fabricius aus Siebenbürgen mit dem Ministerpräsidenten Vaida-Voevod sich über die Stellung der S. A. in diesem Staate einigte, daß also nach diesen Angaben die S. A. unschuldige Lämmchen sind, nur nach außenhin dem Geiste Hitlers nachgeahmt, aber sonst sich vollständig den Absichten der rumänischen Politik unterwerfend. Hört man solche Kommentare und liest man die Artikel, die ihre Tagespresse veröffentlicht, so müßte man eigentlich enttäuscht über die Beweggründe des stürmischen Kampfes gegen die Existenz der S. A. sein.
Wenn es so wäre, wenn also diese Hitler-Organisationen bei uns ganz anderer Art sind, als die nach dem Ebenbild kopierten Verbände, so versteht man andererseits nicht, warum sich die besten Männer des rumänischen Volkes, Duca, Goga, Iorga, um nur diese drei zu nennen, warum die gesamte Bukarester Presse, und warum die anderen Nationalitäten, welche in diesem Staate sich Patrioten nennen dürfen, plötzlich Lärm schlagen und die S. A.-Spielereien, pardon die S. A.-Bildungen als Gefahr betrachten und mit allem Ernst die Regierung zum energischen Eingreifen auffordern? Gerade jetzt setzt nochmals die antirevisionistische Strömung im Lande mächtig ein, und die Aktion, welche einmal schon das ganze Land erfaßte, kündet eine Wiederholung auf noch breiterer Basis an. Der Initiator der ersten antirevisionistischen Propaganda, Stelian Popescu, will sogar eine Manifestation in der Hauptstadt durchführen, an der zweihunderttausend Menschen teilnehmen sollen, und diese Kundgebungen sollen sich in dem gleichen Ausmaße auf alle Teile des Reiches ausdehnen. Man kann es der Politik des Reichskanzlers Hitler verdanken, daß der Revisionsgedanke, von dem Titulescu und Benesch vor einigen Tagen sagten, daß es Krieg bedeutet, wenn die Revision praktische Formen annehmen sollte, für den Moment zum alten Eisen gehört. Denn diesem Deutschland, dem Deutschland Hitlers, will die Welt keine Revision gewähren. Solche Worte hat man im englischen Unterhause gehört, solche Ansichten dringen von Paris und Washington herüber, und selbst Mussolini, der Feuer und Flamme für den Revisions-Gedanken war, ist durch die Ereignisse in Deutschland in eine Stimmung der Resignation versetzt worden. Aber unsere Nazis, die von Czernowitz, Temesvar und Hermannstadt, hinken der Berliner Politik um Wochen nach. Dort in Berlin vollzieht sich anscheinend ein Umschwung, noch nicht so weit, daß das Regime für Hitler fällt, - daß aber die Einsicht wach geworden ist, und wenn sie nicht spontan sich eingestellt hat, zumindest von den Deutsch-Nationalen und den Kreisen um Hindenburg erzwungen, daß in der Wirtschaft jeder zur Mitarbeiter herangezogen wird, der sich zu dem Deutschland, wie es war, nach dem Grade seiner bisherigen Kultur und Größe, bekennt. Eine halbamtliche Note verkündet stolz, daß jeder, der mit einem Wirtschaftsprojekt sich herauswagt, jeder der mitarbeiten will, vor Eingriffen Dritter - man versteht, daß diese Dritten die S. A. sind, - geschützt wird. Auch gegen die Eingriffe in das Beamtentum durch die S. A. werden Riegel vorgeschoben. Die Nazis sind in ihrem wilden Draufgehen, das eigene Zerstörung und Zerstörung der Weltwirtschaft bedeutet, über den Berg, sie sind, wenn man diese beiden Mitteilungen über den Umschwung liest, auf der Abstiegslinie. Unsere Nazis aber befinden sich noch im wüsten Hurrageschrei, in dem Geschrei nach Mord und Vernichtung der Juden, in der Aera der Vertreibung aller Künstler, Männer der Wissenschaft, höhere Beamte, in deren Blut, nein, nicht in deren Blut, sondern in dem Blut ihrer Urgroßväter ein Tropfen Judentum vielleicht sich befindet. Der Reichskanzler Hitler hat sogar mit dem polnischen Gesandten in Berlin sich auseinandergesetzt, wie man im Rahmen der Verträge ein Auskommen finden könnte; also nicht vom polnischen Korridor war die Rede, von der Durchführung des großen Revisionsprogrammes, sondern, wie man endlich der Vernichtung Einhalt gebieten könnte, - es geht noch vieles andere vor, aber hieher kommt der Hitler-Rausch mit vierwöchentlicher Verspätung, und die Folge davon ist der S. A.-Wahn mit der Garnierung aus Hitler’s Jungfernzeit als Reichskanzler.
Die Herren reden aneinander vorbei: Vaida hat in Verkennung der Situation dem Herrn Fabricius einmal die Hand gereicht, und nunmehr wollen die großen und die kleinen Hitlers Rumäniens Kapital aus diesem Händedruck schlagen. Die große Oeffentlichkeit sieht aber die drohende Gefahr. Mit Recht fragt heute das Blatt Gogas, ob es im Sachsengebiet Siebenbürgens Juden gibt, gegen die sich die Hitler-Bataillone mit Schlagringen aus Berlin bewaffnen. Nein, diese S. A. sind keine Juden-Spielerei mehr, sie sind eine Staatsgefahr geworden. Aus dem Hitler-Würmchen Rumäniens kann ein Wurm werden, der sich in den Organismus einfrißt und Verheerungen anrichtet. Die Gefahr ist endlich erkannt. Nur die Regierung doktort noch zuviel herum.
Ego

(330507r1)


Umschwung? [S. 1, oben, rechts]
Hugenberg siegt über Hitler

Berlin, 5. Mai (Tel. des „Tag“). Reichspräsident Hindenburg empfing in gemeinsamer Audienz den Reichskanzler Hitler und den Innenminister Dr. Frick, später erschien zum Vortrag der Minister des Aeußeren Neurath. Nachmittags fand eine Ministerbesprechung, abends eine Kabinettsitzung statt, die sich ausschließlich mit Wirtschaftsfragen befaßte.
Die Vorgänge der letzten Tage, soweit sie das Verhältnis der Nationalsozialisten zur Hugenberg-Partei betreffen, kommen in zwei wichtigen Entscheidungen zum Ausdruck. Die deutsch-nationale Volkspartei hat anscheinend in der Kanzlei des Reichspräsidenten den Sieg davongetragen. Wie es heißt, soll Außenminister Neurath entscheidenden Einfluß auf die Sinnesänderung Hitlers genommen haben.
Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, werden künftighin erhebliche Eingriffe in die Wirtschaft unterbleiben. Es wird offiziell festgestellt, daß die Wirtschaft nunmehr die großen Ziele anstreben müsse, die der heutigen Weltsituation entsprechen. Wer mit wirtschaftlichen Maßnahmen kommt, die zu diesem Ziele führen, kann auf die Unterstützung der Reichsregierung rechnen. Die deutsche Wirtschaft bedarf nunmehr, nachdem auch die marxistischen Gewerkschaften gleichgeschaltet wurden, vorsichtiger Behandlung und Ruhe. Industrie und Wirtschaft werden also ungestört weiter arbeiten können.
Die zweite Nachricht, die die Hebung der Wirtschaft betrifft, und die nichts anderes als eine Absage an alle bisherigen Gewaltakte in der inneren Politik bedeutet, lautet:
Der preußische Ministerpräsident Göring hat an sämtliche Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten, sowie an die Polizeipräsidenten folgenden Funkspruch gerichtet:
„Alle Angelegenheiten der Gemeinden unterstehen fortab meiner Aufsicht. Zwangsweise Angriffe über Aufstellungen und Entlassungen, Neubesetzungen, Kündigungen von Beamten entscheide ausschließlich ich. Bereits bestellte Kommissare sind mir namhaft zu machen. Im Bericht ist zu erwähnen, ob die Bestellung oder Entlassung dieser Kommissare im Interesse der Gemeinden ist. Vor Ablauf von Verträgen ist, falls die Wiederaufstellung der Beamten erfolgen soll, ein Einvernehmen mit mir zu pflegen. Ueber nach dem 30. April 1933 erfolgte zwangsweise Entlassungen und Beurlaubungen sind Berichte mit eingehender Begründung zu erstatten.“
Aus diesen beiden Mitteilungen ist klar zu ersehen, daß die Deutschnationalen sich die gewaltsame Entfernung ihrer Anhänger in den Aemtern nicht gefallen lassen wollten. Es wird betont, daß diese beiden Mitteilungen offiziellen Charakter tragen.
Großen Einfluß auf die Umstellung der deutschen Regierung hatten auch die letzten Verhandlungen der Vertreter der Schwerindustrie mit dem Reichskanzler. Für die Reichsindustrie war Krupp v. Bohlen beim Reichskanzler erschienen. Die Schwerindustrie äußerte Bedenken gegen die Auflösung der Gewerkschaften und sie befürchtete, wie sie es dem Reichskanzler in einem Memorandum erklärte, daß nunmehr eine Aktion gegen die Aktiengesellschaften und die großen Konzerne einsetzen wird.

Auch das Zentrum tagt
Berlin, 5. Mai (Tel. des „Tag“). Die Zentrumspartei ist zu einer entscheidenden Beratung über die Neuorganisationen und über die Stellungnahme zum neuen Deutschland zusammengetreten. Die Mitglieder der Reichstagsfraktion sind gleichfalls zusammengetreten, ferner sind die Mitglieder des preußischen Landtages anwesend. Die Beratungen sind geheim und werden heute noch nicht abgeschlossen sein.

(330507w1)


Seite 7

Man muß sich das merken [S. 7, unten, links]
Wir haben gestern über den Naziprozeß in Radautz berichtet. Es waren vier S. A. Leute, durchaus Grundwirte aus Tereblestie, wegen Vergehens gegen das Marzescu-Gesetz angeklagt, weil sie am Kongreß der „Eisernen Garde“ am 23. v. M. einen Hakenkreuz-Wimpel mitgeführt hatten. Die Angeklagten beriefen sich zu ihrer Verteidigung auf die Einladung durch den Gauführer der S. A. von Landwehr. In der ersten Verhandlung debattierte man darüber, ob die Angeklagten den Begriff S. A. kennen. In der Verhandlung am Mittwoch wurde der „Gauführer“ Ingenieur von Landwehr als Zeuge einvernommen, und er gab eine Definition für den S. A. Begriff in Rumänien. Wir reproduzieren seine Aeußerungen, die für die künftige politische Gestaltung im Lande von großer Wichtigkeit sind, nach dem Bericht der „Tagespost“. Landwehr erklärte, die Selbsthilfe sei eine auf der Weltanschauung der nat.-soz. Bewegung basierende politische Partei. Ihre Hauptziele seien: Herstellung der wahren Volksgemeinschaft durch Ausschaltung der Klassengegensätze, Betätigung des Grundsatzes „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. Die Jugendorganisation der Selbsthilfe-Arbeitsmannschaft (SA) bezweckt die Erziehung der Jugend nach diesen Grundsätzen durch ihre Verwendung zu gemeinnützigen Arbeiten, die von den Angehörigen aller Klassen gleicherweise geleistet werden, weiter auch durch geistige Schulung, die Unterricht in Vaterlandskunde, Heimatkunde und Geschichte des deutschen Volkes umfaßt. Die Selbsthilfeorganisation ist den Behörden bekannt und durch sie anerkannt, wiederholt haben die verschiedenen Präfekturen die Abhaltung von Versammlungen der Selbsthilfe bewilligt. Auf ein Huldigungstelegramm, das von einer Versammlung der Selbsthilfe in Czernowitz am 5. Februar l. J. an S. M. den König abgeschickt wurde, ist eine huldvolle Antwort des Herrschers eingetroffen. Der Herrscher hat weiter ein Album mit Lichtbildern von den von den Selbsthilfearbeitsmannschaften ausgeführten Arbeiten, das Landesführer Fabritius Seiner Majestät widmete, mit Dank angenommen. Herr Fabritius habe ferner vor kurzem den Herrn Ministerpräsidenten in Gegenwart des Innenministers über die Organisation der Partei und namentlich über die SA, die keine Sturmabteilungen, sondern Arbeitsmannschaften seien, informiert und
der Herr Ministerpräsident hat daraufhin an die Behörden den Auftrag erteilt, die Arbeit der SA überall in wohlwollender Weise zu fördern.
Was den Wimpel anbelangt, so sie derselbe der SA in Tereblestie von privater Seite gespendet worden. Der Adler auf demselben sei nicht der deutsche Reichsadler, wie behauptet wurde, sondern eine Phantasiegestalt, ähnlich der, wie man sie aus verschiedenen Zeitschriften sowie auf der amerikanischen und anderen Fahnen sieht. Es fehlen ihm alle Embleme, wie sie ein Adler im reichsdeutschen Wappenbilde aufweist.
Das Urteil lautete, wie bereits mitgeteilt: zwanzig Tage einfachen Arrestes für alle 4 Angeklagten. Man wird sich, wie bereits bemerkt, die Aussage des Herrn Landwehr gut merken müssen.

(330507r7)


Mordfall Hirsch: Noch immer unaufgeklärt [S. 7, Mitte]
Der Mörder der Frau Rosa Hirsch ist noch immer nicht gefunden. Das Resümee des heutigen Tages lautet: In der Untersuchung nichts Neues. Hatten wir gestern als Ueberschrift für den Kriminalfall Hirsch: „Vorläufig Null“ gewählt, so kann man heute das Ergebnis als Null bezeichnen.
Der Verdacht der Täterschaft lenkt sich
1. auf das Hausmeisterpaar Kulek,
2. den Neffen der Nichte Max Steg,
3. gegen die beiden in Pascani verhafteten Kaufleute,
4. gegen den Kreis der Familie der Ermordeten, und
5. gegen unbekannte Täter.
Wir bleiben zunächst bei Punkt 5.: Unbekannte Täter. Ein Bursche, der Gebäck trägt, Ion Narvra, ungefähr 17 Jahre alt, hatte um halb 1 Uhr mittags an der Türe der Wohnung der Frau geläutet, es wurde nicht gleich geöffnet, sondern erst nach einer halben Stunde. Es öffnete dann ein junger Mann. Dieser Narvra hatte also mit einem der Täter eine Begegnung.
Wir fragten schon gestern, warum das Signalement dieses jungen Mannes, der an der Tür erschien, noch nicht ausgegeben wurde. Der junge Narvra ist demnach der einzige Mensch, der einen der Verbrecher gesehen hat. Wir fragten heute selbst den Burschen, wie der Mann aussieht, der an der Tür war: Er sagte:
Der Mann war schlank, mittelgroß, sehr gut gekleidet, hatte dunkelblondes hinaufgekämmtes Haar und einen kleinen Schnurrbart. Mir fiel die Gesichtsröte dieses Mannes auf. Er trug einen dunklen Anzug. Weiters fiel mir auf, daß der Mann sehr gut deutsch sprach. Er war überhaupt sehr freundlich.
Ich überreichte das Päckchen Kümmel und sagte: Das sei für die Frau Hirsch bestimmt. Er erwiderte darauf: Ich danke. Der Fremde hatte die Tür nicht ganz geöffnet, sondern stand im Spalt der Türöffnung. Die ganze Unterredung dauerte kaum eine Minute. Mir war auch nichts weiteres aufgefallen.
Es ist nun verwunderlich, - es sei nochmals gesagt -, warum die Polizei von diesem Zeugen nicht die Personalbeschreibung herausgeholt hat. Wenn die Angaben des Narvra stimmen, dann hat sich das Verbrechen schon um die Mittagszeit abgespielt, und alle übrigen Kombinationen, daß die Frau Hirsch noch am Nachmittag gesehen wurde, sind unrichtig. Uebrigens hat auch ein Dienstmädchen um 12 Uhr mittags einen Mann im Stiegenaufgang gesehen, der eine Aktentasche trug, und der nach der Beschreibung identisch mit dem Manne sein konnte, mit dem Ioan Narvra sprach.
Zu Nr. 4 hören wir: Der Untersuchung muß sich selbstverständlich auf den Kreis der Familie Hirsch erstrecken, doch ist irgend ein positiver Verdacht nicht zustandezubringen.
Zu Punkt 3. Die beiden in Pascani verhafteten Kaufleute sind dringend verhört worden. Es wird noch behauptet, daß der eine von ihnen ein Verwandter der Frau Hirsch ist. Doch hören wir aus den Kreisen der Kriminalpolizei, daß der Verdacht gegen diese beiden sich kaum wird aufrecht erhalten lassen. Welcher Verfehlungen sie sich sonst schuldig gemacht haben, das gehört auf ein anderes Blatt, mit der Mordaffäre hat dieser Verdacht nichts zu tun.
Zu Punkt 2. Dieser Max Steg soll übel beleumundet sein. Wir hören, daß ihm der Alibi-Beweis gelungen ist. Er war um die kritische Zeit bei einem Schneider, um sich den einzigen Anzug, den er besitzt, reparieren zu lassen.
Bleibt nur noch Punkt 1.: Das Hausmeisterpaar Kulek, und dieses ist durch den Besitz der Reichsmarkscheine verdächtig. Selbstverständlich hat dieses Hausmeisterpaar noch den Verdacht gegen sich, weil es über die Verhältnisse im Hause der Frau Hirsch genauestens informiert war.
Es werde noch eine Reihe von Versionen ausgegeben, aber der Vorstand der Untersuchungsbehörde sagt uns: Wir haben ein handgreifliches Resultat bis jetzt nicht erzielt. Wir müssen jeder Spur nachgehen, aber, ehrlich gesprochen: unsere Recherchen blieben bisher ohne Erfolg.
Das Leichenbegängnis der Frau Hirsch fand gestern um 5 Uhr nachmittags von der Totenhalle des jüdischen Friedhofes aus statt. Herr Oberrabbiner Dr. Mark hielt den Nachruf. Es war sehr viel Publikum erschienen.
Das Testament der Frau Rosa Hirsch ist gestern geöffnet worden. Die Verstorbene hat für wohltätige Zwecke sehr große Summen gespendet. Das Verzeichnis der Legate kann sich sehen lassen. Wir schließen die interessante Liste hier an:
Als Universalerben figurieren der Bruder der Ermordeten Isac Süßmann in Budapest und die beiden Schwestern Jetti Süßmann und Jüdes Stegmann geborene Süßmann. An Legaten hatte die Ermordete vermacht: Ihrer Nichte Ester Steg 300.000 Lei. Genia Bohr 50.000 Lei. Sara Guber 50.000 Lei. Ruchel Münz 100.000 Lei. Sophie Ellenberg 20.000 Lei. Genia Gottlieb 20.000 Lei. Eisig Steg 50.000 Lei, ferner dem jüdischen Kinderschutzverein 150.000 Lei, dem jüd. Tuberkulosenverein (Dr. Schifter) 75.000 Lei. Jüdisches Altersversorgungshaus 100.000 Lei. Jüdisches Waisenhaus 100.000 Lei. Talmud Thora 20.000 Lei. Machsiki Sabbath 20.000 Lei. Ose 10.000 Lei. Bikor Cholim 15.000 Lei. Jüdischer Bethausverein 100.000 Lei.

(330507c7)
Klaus Binder
 
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Nr. 344, Dienstag, 09.05.33

Postby Klaus Binder on 9. May 2011, 00:21

Seite 2

Selbstmord des Ostbankdirektors Blum in Botosani [S. 2, links, Mitte]
Der frühere Direktor der Czernowitzer Ostbank-Filiale, Herr Albert Blum, hat Samstag früh in Botosani Selbstmord verübt, indem er sich in seinem Hotelzimmer erhängte.
Der auf so tragische Weise ums Leben Gekommene hat ein Alter von 64 Jahren erreicht. 20 Jahre hindurch war er als Subdirektor der Banca Generala a Tarii Romanesti in Giurgiu tätig gewesen. Er kam sodann als Direktor der Ostbank nach Czernowitz und war bis zum Jahre 1928 Filialleiter der Ostbank in Botosani. Nach Zusammenbruch der Ostbank postenlos geworden, kehrte er nach Czernowitz zurück, von wo er vor einigen Tagen nach Botosani zurückgereist ist.
Freitag abends gelangte ein vom 4. Mai datiertes Schreiben Blums an den Czernowitzer Rechtsanwalt Dr. Presser. In diesem Briefe teilt der Lebensmüde dem Empfänger sein Vorhaben, durch einen Freitod seinem Leben ein Ende zu setzen, mit, und gibt als Ursache die völlige Zerrüttung seiner materiellen Lage an.

(330509t2)


Von der jüdischen Gemeinde [S. 2, Mitte, oben, links]
Dienstag, den 9. Mai 1933, als dem Jahrzeitstage des Philanthropen und Stifters des jüdischen Waisenhauses, Herr Heinrich Wagner, findet um 11 Uhr vormittags eine Trauerfeier im Betsaale des jüdischen Waisenhauses statt.

(330509t2a)


Um den Mordfall Hirsch [S. 2, Mitte]
Das Interesse für den Mordfall Hirsch ist ein so reges, daß jeder zum Sherlock Holmes in der Westentasche geworden ist.

*
„Ach, ich fürchte mich nicht“,, sagt die alleinstehende Dame, „denn ich habe kein Geld, die Verbrecher wissen, wohin sie sich wenden sollen“.
Diesen Ausruf hört man Schritt auf Schritt. Wer Geld zu Hause hat, ist beunruhigt, wer kein Geld hat, der schläft ruhig daheim.
Also: Wer hat es heute besser?
Jene, die Geld haben, oder die Armen, die aus der Glücksbahn entgleisten, die fost (gewesenen) Reichen. So sieht man also, daß es auch eine Kehrseite von reich gibt. Man ist in Czernowitz zumindest vor einer Ermordung sicher, oder man fühlt sich sicher, wenn man kein Geld hat. Apropos, was heißt reich? Auch der Begriff Reichtum ist ein relativer, und vielleicht fängt bei manchem Verbrecher, der die Wahl seines Opfers sucht, der Reichtum schon bei der Fünfhundert-Leinote an. Doch es soll kein Schrecken verbreitet werden. Wer einmal was hatte und jetzt nichts hat, verkündet es stolz: Sehen Sie, mir kann nichts passieren.

*
Beim Hausmeisterpaar Kulek wurden Reichsmarkscheine aus der Inflationszeit gefunden. Kulek behauptet, daß ihm ein fremder Mann Reichsmarkscheine geschenkt hätte, daß sie also nicht aus dem Besitze der ermordeten Frau Hirsch stammen. Wenn nun festgestellt würde, daß die bei Kulek gefundenen Reichsmarkscheine doch aus der Kassa der Frau Hirsch herrühren, dann wäre der Beweis erbracht, daß Kulek gelogen hat, und dann ... dann wäre ein starkes Indiz für die Schuld Kuleks geschaffen. Herr Dr. Albrecht aus der str. Romana Nr. 16 gibt uns nun eine Information, die bei richtiger Anwendung zur Feststellung führen kann, ob die bei Kulek gefundenen Marknoten aus dem Besitz der Frau Hirsch stammen. Er (Dr. Albrecht) habe unmittelbar nach der Inflationszeit eine Aktion eingeleitet, um die Bukowinaer, welche durch die Inflation zu Schaden gekommen sind, entschädigen zu lassen. Damals habe er an das Publikum die Aufforderung gerichtet, bei ihm die Zahl der Markscheine mit Wert und Nummer anzumelden. Dr. Albrecht habe damals ein solches Verzeichnis zustande gebracht. Wie er sich erinnere, befindet sich auch die Liste der Markscheine der ermordeten Frau Hirsch in jenem Verzeichnis. Es läßt sich also leicht eruieren, ob Kuleks Markscheine die Nummern der Markscheine tragen, die die Frau Hirsch bei Dr. Albrecht angemeldet hat. Hokus-Pokus - eins, zwei, drei! Kulek kann leicht durch diese Feststellungen der Schuld überwiesen werden, oder - Albrechts Liste zwingt die Kriminalbehörde, Kulek als unschuldig freizulassen.

*
Unsere Kriminalbehörde arbeitet nicht mit den modernsten Mitteln. Entschuldigen Sie den Irrtum: Ich wollte schreiben: mit den modernen Mitteln; denn zu den modernen Mitteln gehört die Ausschreibung einer Prämie.
Warum wurde die Prämie nicht ausgeschrieben für den, der mithilft, daß die Täter eruiert und verhaftet werden, der überhaupt durch zweckdienliche Angaben die Behörden in ihrer Arbeit unterstützt? Man weiß, wie gerade so ein Kardinalverbrechen in der Hauptstadt das Publikum zu Mitarbeitern der Polizei macht, und die Erfahrung lehrt, daß eine Prämie, mag sie noch so klein sein, die Leute aus den Verstecken herausholt und ihnen die Sprache gibt. Um der Prämie willen scheuen sie auch nicht, wie es im Volksmund heißt, „ein Protokoll.“
S oft ein Verbrechen geschieht, der Täter nicht rasch gefaßt wird, schreibt die Polizei eine Prämie aus. Das ist die Behörde der Oeffentlichkeit schuldig. Und in diesem Falle hätte auch die Familie mitgeholfen, sie hätte sicherlich einen Betrag für die Prämie zur Verfügung gestellt. Noch ist es Zeit! Auch die Kundmachung mit den Signalements fehlt. Wir eruieren diese Kundmachung nunmehr zum dritten Mal!
Spitz

Mordfall Hirsch noch immer unaufgeklärt
Das Dunkel, in welches die Mordaffäre Hirsch gehüllt ist, hat noch immer keine Klärung gefunden. Wie man erfährt, führen wichtige Spuren nach Bukarest.
Indessen hat der verhaftete Neffe der Ermordeten, Max Steg, durch ein lückenloses Alibi seine Unschuld zu beweisen vermocht.

(330509c2)


Seite 3

Wichtige Ereignisse in Innsbruck [S. 3, oben, links]
Studenten und Nazis wollen das Regierungsgebäude besetzen
Gerüchte über italienische Truppenkonzentrationen an der österreichischen Grenze


Innsbruck, 7. Mai (Tel. des „Tag“). Heute veranstalteten Studenten und mehrere tausend Nazis Manifestationen vor dem Regierungspalais als Protest gegen das Uniformverbot. Die Manifestanten versuchten mit Gewalt das Regierungspalais zu stürmen. Polizei und Feuerwehr ist ausgerückt und zerstreute die Manifestanten. Vor dem Stadtmagistrat kam es zu Zusammenstössen, wobei mehrere Personen verletzt wurden. Die Polizei stellte die Ruhe wieder her und blieb Herr der Situation. 36 Manifestanten wurden verhaftet. Trotzdem drei Gendarmeriekompagnien sofort ausgerückt waren, wiederholten sich die Zusammenstösse und die zurückgedrängten Manifestanten gruppierten sich zu einem neuen Angriff. Es wurden einige Maschinengewehre aufgestellt. Ungefähr 5000 Manifestanten umzingelten die Kaserne der Heimwehr, die nur von 20 Soldaten bewacht war. Es wurde das Lied „Deutschland über alles“ angestimmt und Angriffe gegen die Regierung Dollfuß erhoben. Nachdem sich die Manifestationen wiederholt hatten, schritten die Behörden wieder ein und nahmen neuerliche Verhaftungen, unter diesen 34 Frauen, vor. Es wurde festgestellt, dass die Unruhen von ungefähr 2000 Universitätshörern als Protest gegen die Auflösung der Studentenverbindungen ins Innsbruck provoziert wurden.
Gestern waren hier Gerüchte verbreitet, dass Italien an der österreichischen Grenze Truppen konzentriere. Die Stefanieagentur dementiert diese Nachricht.

Scharfe Absage Dollfuß an Berlin:
„Oesterreich ist keine Kolonie für Deutschland“

Bundesparteitag der Christlichsozialen in Salzburg
In Anwesenheit aller Führer der österreichischen Christlichsozialen hat der Parteiobmann Vaugoin den Bundesparteitag der österreichischen Christlichsozialen eröffnet. In seiner Begrüßungsrede erklärte u. a. der Vertreter der deutschen Zentrumspartei, der gewesene württembergische Staatspräsident Dr. Bolz: „Erlassen Sie mir, etwas über die deutschen Verhältnisse zu sagen. Ich wünsche Ihnen nur die nötige Energie und Entschlußkraft, um rechtzeitig die nötigen Reformen durchzuführen. Dann wird die christlichsoziale Partei auch in Zukunft in Oesterreich herrschen“.

*
Wien, 7. Mai (Tel. des „Tag“). Heute wurde in Salzburg der Kongreß der christlichsozialen Partei zu Ende geführt. Das Schlußwort hatte Bundeskanzler Dr. Dollfuß, der sich in einem längeren Exposee mit der internationalen Lage und mit der Situation in Deutschland befaßte.
„Oesterreich, sagte der Bundeskanzler, sehe es ein, daß den Deutschen viel Unrecht geschehen ist, und stehe auf dem Standpunkt, daß ihm die Kolonien zurückgegeben werden müssen. Er müsse aber gleichzeitig betonen, daß Oesterreich keine Kolonie ist, und daß alle für die Erhaltung der Integrität dieses Staates kämpfen werden. Wir wollen nicht noch einmal unsere Heimat verlassen und werden mit aller Energie für die Zukunft Oesterreichs arbeiten“.
Bundeskanzler Dr. Dollfuß ist aus Salzburg heute hier wieder eingetroffen.
Nach den Vorfällen in Innsbruck herrschte heute vollkommene Ruhe. Die Polizeitruppen in Tirol wurden inspiziert. Es wurde festgestellt, daß genügende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung ergriffen wurden.

Naziorgan in Oesterreich wurde konfisziert
Die österreichischen Behörden haben heute zum ersten Mal das Organ der deutschen Nationalsozialisten, den „Völkischen Beobachter“ konfisziert. Es ist wahrscheinlich, daß die Bundesregierung dieses Organ für Oesterreich verbieten wird.

(330509w3)


Seite 4

Hitlerismus in Rumänien [S. 4, oben, links]
Eiserne Garde in Cluj aufgelöst
Mehrere Verhaftungen


Cluj, 7. Mai (Tel. des „Tag“). Auf Grund einer Verfügung des Innenministeriums haben die Lokalbehörden bei der Organisation der Eisernen Garde Freitag und Samstag Hausdurchsuchungen vorgenommen. Im Zusammenhang mit diesen Hausdurchsuchungen, gibt die Polizeiquästur folgende interessante Aufklärungen.
Als die Vertreter der Polizei- und Siguranzabehörden in das Lokal der Organisation der Eisernen Garde eindrangen, trafen sie dort sechs Studenten, unter ihnen auch den Führer der Eisernen Garde, Banica Dobre. Der Leiter der Polizeibehörde wies den Auftrag der Staatsanwaltschaft vor, die ihn zur Hausdurchsuchung berechtigte.
In einem gegebenen Moment lief Banica Dobre, der Präsident der Eisernen Garde, zur Tür, sperrte sie ab und steckte den Schlüssel zu sich, indem er rief:
„Gardisten, ziehet die Messer! Ein Mitglied der Eisernen Garde läßt sich nicht entwaffnen, er wird lieber sterben!“
Die anwesenden Studenten zogen die Messer und verlangten die Zurückgabe des konfiszierten Materials von den Polizeibehörden. Diese Forderung wurde abgelehnt. Banica nahm die Uhr in die Hand und sagte:
„Ich gebe Euch fünf Minuten Zeit, das konfiszierte Material zurückzugeben. Ist das aber nicht der Fall, so sind die Studenten der Eisernen Garde bereit, zu sterben, aber auch die Vertreter der Behörden werden nicht mit dem Leben davonkommen.“
Die Behörden gaben nicht nach. Sie wurden zwei Stunden lang von den Studenten mit den Messern bedroht. Während dieser Zeit sangen die Studenten patriotische Lieder und beendeten den Cantus mit einem Todeslied.
Die Polizisten sahen die Gefahr ein, und, um ein Blutvergießen, welches unvermeidlich schien, zu verhindern, wandten sie einen Trick an, um von den Waffen keinen Gebrauch machen zu müssen. Sie übergaben den Studenten das konfiszierte Material und wurden nun nicht länger bedroht. Sie begaben sich sofort auf das Polizeikommissariat, wo sie dem Quästursekretar Clonta Bericht über den Vorfall erstatteten.
Um 3 Uhr nachts haben die sechs Studenten unter Führung ihres Präsidenten Banica Dobre in Nachthemden und mit Messern in der Hand eine Straßenmanifestation veranstaltet.
Sie begaben sich zur Polizeiquästur, veranstalteten vor dem Gebäude eine Manifestation und wollten Aufklärung verlangen. Sie wurden aber umzingelt, es kam zu Zusammenstößen, ohne daß jemand verletzt wurde.
Die Demonstranten wurden schließlich verhaftet und auf die Polizei gebracht, wo sie eine aggressive Haltung gegenüber den Polizeibeamten einnahmen und Protest gegen ihre Verhaftung einlegten.
Gleich darauf erschien der erste Staatsanwalt Piraescu und Untersuchungsrichter Pastia, die die Ueberführung der Verhafteten in die Staatsanwaltschaft anordneten. Um 4 Uhr nachts begaben sich die Polizeibehörden zur Organisation der Eisernen Garde, wo sie zwei weitere Verhaftungen vornahmen und eine Reihe von Manifesten, einige Messer, die Stampiglie der Eisernen Garde und anderes Material beschlagnahmten. Die Räume der Organisation wurden versiegelt.
Hernach wurde eine Kundmachung der Polizeibehörde affichiert, in der bekanntgegeben wird, daß die Organisation der Eisernen Garde über Auftrag des Innenministers aufgelöst wurde.
Die Verhafteten werden wegen Störung der Amtsgewalt und Vergehen gegen das Marzescugesetz unter Anklage gestellt.
Dem Innenministerium wurde ein Bericht über die Vorfälle erstattet.

Cuzistische Ausschreitungen in Chisinau
Chisinau, 7. Mai (Tel. des „Tag“). Eine Gruppe von Hörern der theologischen Fakultät in Chisinau nahm um 12 Uhr nachts in der Nähe des Kulturpalais Aufstellung. Von hier aus stürzten sich die cuzistischen Studenten auf alle jüdischen Passanten, die sie unter den Rufen: „Es lebe Cuza!“, „Heil Hitler!“ und „Nieder mit den Juden“ grausam mißhandelten. Auch das Erscheinen der Polizei vermochte nicht ihrem Wüten Einhalt zu tun. Erst als sich eine große Menschenmenge angesammelt hatte, nahm die Polizei die Verhaftung von 10 Cuzisten vor und brachte die Aussagen von 15 mißhandelten Passanten zu Protokoll.

Vereinigung der Eisernen Garde mit Cuza
Bukarest, 7. Mai (Tel. des „Tag“). Innerhalb der Parteien der Eisernen Garde und der christlichen Liga sind Bestrebungen im Gange, beide Parteien zu vereinigen. Zu diesem Zwecke finden bereits Verhandlungen statt, und es wurde ein Komitee gewählt, welches die Bedingungen, unter welchen diese Vereinigung vor sich gehen soll, festsetzen soll.

Ein interessantes Zeitdokument
Was sagt die Regierung dazu?

Bukarest, 7. Mai (Tel. des „Tag“). Das führende Mitglied der Siegenbürger Nationalzaranisten, Mihail Pop, schreibt:
Das erste Mal seit Kriegsende mußte ich nach Sibiu, meine Vaterstadt, reisen. Nicht klein war meine Verwunderung, als ich in allen Trafiken aus Deutschland importierte Zeitungen mit hitleristischer Tendenz sah.
In der Str. Printul Carol No. 14 sah ich aber zwei große Auslagen, in denen Hitlers Fotografien und diverse Zeitschriften feilgeboten wurden. Ich fragte bei diesem Anblick einige rumänische Bürger, ob ich, wenn ich rumänisch spreche, nicht Gefahr laufe, von den lokalen Nazis verfolgt und sogar mit Prügeln, bedacht zu werden, und zwar Prügeln a la Berlin.
Ich fragte weiters, ob ich, falls ich noch einmal nach Sibiu kommen sollte, das Visum des Kommandos der hitlerischen Sturmtruppen von Sibiu benötige oder wo ich mir bei der Ueberfahrt in Brasov dieses Visum zu holen habe.
Ohne jeden Kommentar!!

*
Auch in Jassy Zusammenstöße
Jassy, 7. Mai (Tel. des „Tag“). Hier kam es wieder zu Zusammenstößen zwischen christlichen und jüdischen Studenten. Die rumänischen Studenten nutzen die Ferien dazu aus, ihre jüdischen Kollegen anzugreifen und zu verletzen.
Die „Lupta“ erhebt scharfe Angriffe gegen die Ausschreitungen und fragt, ob es sich um irgend eine patriotische Tat handle, die die Studenten zu Exzessen und Ausschreitungen veranlaßt.
Die „Lupta“ schreibt hiezu: Das Innenministerium hat angesichts der Vorfälle einige Veränderungen in der Polizei vorgenommen. Was bietet uns aber Gewähr, daß ein Polizeifunktionär, der in Jassy seine Pflicht nicht erfüllt hat, diese Pflicht in Czernowitz erfüllen wird? Es handelt sich nur um Versetzungen, die dem Staatsinteresse schaden. Daher müssen die Behörden schon etwas strengere Maßnahmen ergreifen, denn mit Versetzungen allein ist der Sache nicht gedient.

(330509r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 345, Mittwoch, 10.05.33

Postby Klaus Binder on 10. May 2011, 12:27

Seite 1

Endlich eine Spur der Frauenmörder [S. 1, oben, rechts]
Ist es die richtige? - Verbrecher in Großformat

Der Raubmord in der str. Iancu Flondor, der vergangenen Mittwoch an der Witwe Rosa Hirsch begangen wurde, scheint, wenn nicht alle Anzeichen trügen - nach fünftägiger fieberhafter Arbeit der Polizei- und Siguranzabehörden seiner Klärung entgegenzugehen.
Jede Kombination und Vermutung, die bis heute im Zusammenhang mit dem Frauenmord angestellt wurde, ist angesichts der Sonntag erfolgten Verhaftung von zwei polizeibekannten Individuen hinfällig geworden. Bei diesen letzten Verhaftungen handelt es sich, wie uns Oberrat Dr. Hammer mitteilt, um die letzte, und vielleicht auch die richtigste Spur, die auf die Mörder oder zumindest Helfershelfer bei dem an Frau Hirsch verübten Raubmord hinweist.

Wer sind die Verhafteten?
Ueber die in der Mordaffäre verhafteten zwei Personen konnten wir folgendes erfahren: Es handelt sich um Mitglieder der Edi-Wolf-Bande, und zwar um die polizeiberüchtigten Petre Kadejewski und Mihai Tulea. Letzterer war Lehrer und Beamter und hatte sich gemeinsam mit Kadejewski wegen der von der Wolf-Bande verübten Raubtaten zu verantworten. Während Kadejewski zu einem Jahr Kerker verurteilt wurde, ist Tulea freigesprochen worden.
Eine Hausdurchsuchung bei beiden Verhafteten, die Sonntag um die Abendstunde aus ihren Schlupfwinkeln ausgehoben wurden, ergab kein belastendes Material. In ein kurzes Verhör genommen, leugnen die Verhafteten, in Zusammenhang der Mordaffäre zu stehen.

Trotzdem der Tat verdächtig
Die Polizeibehörden werden in ihrer Annahme, daß es sich um die Täter handelt, dadurch bestärkt, daß das bei Frau Ebner (Herrengasse Nr. 45) bedienstete Mädchen bei einer Konfrontation mit den Verhafteten eindeutig erklärte, in den beiden jungen Leuten jene Männer zu erkennen, die sie am kritischen Tage vor und in dem Hause der Ermordeten gesehen hat. Das Dienstmädchen erinnert sich sogar, daß es diese Männer waren, die an der Tür der Frau Hirsch geläutet und Einlaß verlangt haben. Es handelt sich also um eine Angabe, die die Verhafteten sehr belastet.

Die Konfrontierung
Wie die Konfrontierung des Dienstmädchens mit den beiden Verhafteten vor sich gegangen ist, meldet unser Berichterstatter:
Polizeibeamte begaben sich mit Tulea in das Mordhaus. Er wurde hier genötigt, eine Aktentasche, die bei ihm gefunden wurde, unter den Arm zu nehmen und die Treppe hinaufzugehen. Währenddessen wurde die Hausgehilfin unter einem Vorwand aus dem Hause geschickt. Als das Mädchen den Mann im Stiegenhause erblickte, schrak sie zusammen, bekreuzigte sich und gab hierauf an, daß der Mann mit jenem identisch sei, den sie am Mordtag gesehen habe. Aber auch mit dem Mädchen konfrontiert, leugnete Tulea hartnäckig, mit dieser Mordtat in Zusammenhang zu stehen.
Im Gegensatz hiezu erkannte Ioan Navra, gleichfalls konfrontiert, nicht Tulea. Diese Konfrontation fand gestern vormittags statt. Tulea wurde dem Diener des Buttergeschäftes Rennert, Ioan Navra, gegenübergestellt. Navra bestritt, daß Tulea der Mann sei, der ihm um halb 1 Uhr vormittags die Tür geöffnet habe. Die Gattin Kadejewskis soll vor dem Hause während des Verbrechens Schmiere gestanden sein. Die im Hause wohnende Frau Merlaub gab zumindest an, eine Frau bemerkt zu haben, die ihr irgendwie aufgefallen ist. Warum? Weil sie vor dem Hause auf- und abgeschritten sei. Gestern abends sollte Frau Merlaub mit der Gattin des Tulea konfrontiert werden. Die Konfrontation wurde für heute verschoben.

Eine interessante Feststellung
Die Behörden stellten weiter fest, daß Tulea zusammen mit anderen Kollegen mehrere größere Einbrüche und Ueberfälle in der letzten Zeit geplant und sie auch versucht hat. In allen Fällen scheiterte ihr Vorhaben.
So versuchten sie vor ungefähr einem Jahre bei einer gewissen Frau Brandes in der str. Vasile Conta einen Raubüberfall, der ihnen mißlang. Einen zweiten Ueberfall versuchten sie bei einer reichen Gutsbesitzerswitwe in der str. General Averescu (Morariugasse). Hier wurde ihr Vorhaben dadurch vereitelt, daß im Hause sich eine elektrische Alarmglocke befindet, die die Einbrecher verscheuchte. Schließlich versuchten sie auch einen dritten Einbruch größeren Stils in der str. George Lazar (Stefan Wolfgasse). Aber auch hier konnten sie nichts ausrichten.

Die Zentrale hält die Filiale im Laufenden
Im Laufe der Untersuchung wurde die sensationelle Feststellung gemacht, daß Kadejewski und Tulea, während sie noch im Gefängnis saßen, über alle größeren Einbrüche informiert waren. So wußten sie, daß im Februar bei Frau Hirsch ein Einbruch verübt werden wird, was auch tatsächlich der Fall war. Aber auch von allen anderen Einbrüchen waren sie unterrichtet, was darauf schließen läßt, daß es sich um eine weitverzweigte und gut organisierte Einbrecherbande handelt, die überall ihre Emissäre hat.
Die Polizeibehörden bemühen sich nun, den Mordfall zu klären.
Es waren Gerüchte verbreitet, daß die bekannten Einbrecher Huß und Czech in die Mordaffäre verwickelt [sind] und sogar verhaftet wurden. Czech war wohl verhaftet worden, nicht aber im Zusammenhang mit der Mordaffäre, sondern wegen eines Hühnerdiebstahls, während Huß sich im Altreich mit einem gewissen Kopczak, dessen „Adjutant“ er ist, befindet und dort Gips- und Bronzefiguren verkauft.

Am Abend
Der Verdacht verstärkt sich
Im Laufe des gestrigen Abends hat der Polizeikommissär Paraschivescu die Verhafteten Kadejewski und Tulea einem neuen Verhör unterzogen. Es wurden auch Zeugen einvernommen, deren Aussagen belastend für die Verhafteten sind.
Wie wir erfahren, dürften das Hausmeisterpaar Kulek und der Neffe der Ermordeten, Steg, auf freien Fuß gesetzt werden.
Der Sonntag verhaftete Einbrecher Czech wurde gestern abends den Polizeibehörden in Storojinetz überstellt, da er sich dort eines Diebstahles von 14 Gänsen und mehrerer Hühner schuldig gemacht hat.
Über Auftrag der Polizei hat die Gendarmerie die Frau Kadejewskis gestern aus Zuczka der Quästur vorgeführt. Sie wurde in Haft gehalten.
Vorläufig wurden alle anderen Spuren fallen gelassen und die Polizeibehörden beschränken sich auf die Untersuchung gegen Tulea und Kadejewski.

(330510c1)


Seite 2

Der Selbstmord des Bankdirektor Blum [S. 2, oben, Mitte]
Der Abschiedsbrief Blums an seine Gattin

Ein erschütterndes Dokument ist der Abschiedsbrief des Bankdirektors Albert Blum, der, wie gestern mitgeteilt, durch Selbstmord in Botosani seinem Leben ein Ende gemacht hat. Blum ist ein Opfer unserer Zeit. Er besaß einmal ein großes Vermögen, war in ausgezeichneter Stellung - er verlor Geld und Stellung. Eine Zeitlang rackerte er sich noch mühselig durch, er war aber den Kämpfen nicht gewachsen und beschloß, aus diesem Leben zu gehen. Dienstag abends nahm er Abschied von Czernowitz, er reiste nach Botosani, wo er viele Freunde hatte. Einer derselben, Direktor Kostiner, traf ihn Donnerstag nachts am Bahnhof. „Ich expediere Briefe“, gab er zur Antwort auf die Frage, was er beim Zuge suche. Freitag mittags wollte ihn die Familie Kostiner zum Mittagessen zurückbehalten. Direktor Blum gebrauchte eine Ausrede. „Wann sehen wir uns wieder?“ fragte Frau Kostiner. „In besseren Zeiten“, war Blums Antwort. Noch ein türkischer Kaffee, das Stubenmädchen machte ein verdutztes Gesicht, als sie den Gast betrübt sah und sie den Auftrag erhielt, der Herr Direktor Blum soll um drei Uhr geweckt werden. Als es pünktlich erscheint, hängt Blum am Fensterkreuz.
Der Brief, den wir weiter unten folgen lassen, trägt das Datum von Donnerstag, den 4. Mai!

*
Botosani, 4. Mai 1933

Liebste Maus,

Ich bin seelisch und körperlich völlig gebrochen. Ich bin mir selbst und auch Dir - überhaupt Dir - nur eine Last. Ich sehe von nirgends den kleinsten Schimmer einer Hoffnung. Ich bin auch zur Ueberzeugung gekommen, daß ich in meinem gebrechlichen Zustande nichts zu erwarten habe. Wozu mich und Dich noch weiter plagen und Dir Kummer bereiten? Du hast ja in den letzten paar Jahren keine frohen Stunden an meiner Seite gehabt. Wozu diese qualvolle Situation noch weiter hinausziehen, ich habe ja nichts Gutes mehr zu erwarten.
Ich weiß sehr gut, welch großen Schmerz ich Dir bereite, aber der liebe Herrgott wird Dir Kraft verleihen, diesen Schmerz zu überwinden.
Die Zeit heilt alle Wunden. Glaube ja nicht, daß ich so leicht und unüberlegt das Leben von mir werfe, aber ich habe keine Kraft zum Widerstande mehr und leide mehr, wenn ich Dich leiden sehe, wie Du neben einem hilflosen Menschen Deine Jugend, Deine Kraft, Deine Energie verlierst, Dich plagst und abrackerst und nur Kummer und Aerger erntest.
Nimm Deinen ganzen Mut und Kraft zu Hilfe, raffe Dich auf, Gott wird Dich nicht verlassen, ich lasse Dich in Gottes Obhut. Du bist noch verhältnismäßig jung, stark, fleißig und arbeitsam, Du wirst Dich mit Gottes und der guten Menschen Hilfe schon durchschlagen.
Vertraue Dich Herrn und Frau - - - sowie den Geschwistern - - - an, es sind gutherzige und edeldenkende Menschen, die Dir hilfreich zur Seite stehen werden und Dich nicht verlassen werden.
Mir blutet das Herz, da ich Dir diese Zeilen schreibe, und nicht aufhören wollen die Tränen während des Schreibens. Wenn Du jetzt einen Blick in mein Inneres tun könntest, Du würdest Mitleid mit meiner armen Seele haben, ich bin ja kein Mensch mehr, sondern nur noch ein Schatten, der sich kaum auf den Füßen hält und jeden Augenblick zusammenzubrechen droht.
Habe tausend Dank für Deine Aufopferung für mich, für Deine große Plage, die Du mit mir hattest und vor allem: Verzeihe mir, bete für meine arme Seele, mein letzter Gedanke bist Du!
Dein unglücklicher Albert

(330510t2)


Seite 3

Die Bedeutung der neuen Telefonzentrale für das Land [S. 3, oben, links]
Die Eröffnung des Riesengebäudes in Anwesenheit des Königs

Sofort nach Abschluß des Vertrages mit dem rumänischen Staat trachtete die neue rumänische Telefongesellschaft, einen geeigneten Bauplatz für eine Telefonzentrale zu finden, der im Mittelpunkt der Stadt gelegen sein mußte. Als geeigneten Ort fand man den in der Calea Victoriei neben dem Nationaltheater gelegenen Bauplatz, auf dem sich ehemals die Terrasse Otetelesanu befand. Er wurde für den Betrag von 39,5 Millionen Lei käuflich erworben. Den Bauplan entwarf der amerikanische Ingenieur Wecks [Weeks] aus New York, ein bewährter Fachmann für den Bau großer Telefonzentralen. Sein Mitarbeiter war Architekt E. van Saanen Algi. Im Herbst 1931 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, die nahezu 17 Monate währten. Ein Rekord der bisher hierzulande bekannten Bauweise gegenüber und ein Beweis des besonderen Fleißes bemerkenswerter Tüchtigkeit der Ingenieure des Unternehmens.
Der Bau erhebt sich auf einer Oberfläche von 2280 Metern und hat nach der Calea Victoriei und Str. Matei Milo hin je eine Front von 35 Metern. Es wurde schon während des Baues in Betracht gezogen, daß sich die Zahl der Abonnenten bedeutend vergrößern werde, so daß entsprechende Anbauten vorgenommen werden können. Das Gebäude ist 52 Meter hoch und somit das höchste Gebäude von Bukarest. Der Flächenraum sämtlicher Räume beträgt 7402 m², ihr Kubikinhalt 31.280 Kubikmeter.
Das ausschließlich im Lande hergestellte Stahlgerippe wiegt 872 Tonnen, der zum Ausbau verwandte Sandstein 530 Kubikmeter. Der Gesamtkostenpreis des Gebäudes beläuft sich auf 96 Millionen Lei. Außer dem Lift, den nach einem besonderen Patent angefertigten Fensterrahmen, den Türverschlüssen und einigen Sondereinrichtungen wurde sämtliches Material aus dem Inlande bezogen. Für den Lift bestehen in Rumänien, was seinen Bau und seine Geschwindigkeit anbelangt, keine Vergleichsmöglichkeiten. Die Geschwindigkeit beträgt 2.50 m in der Sekunde, oder 150 m in der Minute, so daß man aus dem Untergeschoß in den neunten Stock in 18 Sekunden gelangen kann.
Nach Fertigstellung des Automatensystems und der Ueberlandzentrale werden in dem Gebäude über 700 Beamte beschäftigt sein.
Die Automaten im 1. Stock werden anfänglich 12.000 Nummern umfassen und die gegenwärtigen 8000 Nummern vielfach ergänzen. Die Einrichtung kann auf 40.000 Nummern erweitert werden. Nach Errichtung dieser Höchstzahl wird die Kabelleitung in der Weise abgeändert, daß in den verschiedenen Stadtteilen neue Automatenzentralen, wie die schon bestehende auf dem Bul. Dacia errichtet werden.
Die Neueinrichtung ermöglicht die Herstellung von Verbindungen für Ortsgespräche in spätestens drei Sekunden. Die dafür geschaffenen Anlagen, sowie die Interurbanverbindungszentrale und alle übrigen Einrichtungen des neuen Gebäudes kosten ungefähr 170 Millionen Lei.
Auch Verbindungen für Ueberlandgespräche werden durch die Neueinrichtung so rasch hergestellt werden können, daß der Großteil der Gespräche noch während der Anrufende den Hörer in den Händen hält, begonnen werden kann, unter am wenigsten günstigen Umständen aber in spätestens 10 Minuten.
Gegenwärtig betragen die Ueberlandgespräche durchschnittlich 3800 täglich mit inländischen Stellen und 500 mit dem Ausland. Die Neueinrichtungen ermöglichen die Steigerung der Gespräche auf mehr als das Doppelte. Um der Fortschritte, die in den letzten zwei Jahren erzielt wurden, zu gedenken, sei nur erwähnt, daß es am 1. Januar 1931 56 Ueberlandleitungen gab, von denen bloß eine einzige international war, während es gegenwärtig 113, davon 12 internationale gibt.
In Kilometern ausgedrückt beträgt die Länge der freien Stadtleitungen der Telefongesellschaft 40.707 km., der frei geführten Kabel 21.239 km., der unterirdischen Kabel 126.78 km. Die Neuorganisation des automatischen Telefons erforderte die Anlegung von 223.173 m unterirdischer Leitungen mit 283.820 m Kabeln, die eine Länge von 140 Millionen m Kupferdraht führen, was einem Gewicht von 210.000 kg. gleichkommt. Unter diesen Kabeln befindet sich auch das größte Kabel der Welt, das allein in der Bleiwickelung von 2424 Doppelleitungen umfaßt, die der gleichen Zahl von Abonnenten zur Verfügung stehen. Die Bleihülle dieser Kabel wiegt allein 615.000 kg. Die Stadtleitung in Bukarest kostete 434.400 Lei.
Die Einrichtungen und die Telefonzentrale werden fortlaufend Verbesserungen nach modernsten Systemen erfahren. Die Maschinen der automatischen Stadtzentrale sind die ersten dieser neuen Type, die bisher irgendwo in Gebrauch gegeben wurden und es kann füglich angenommen werden, daß das Publikum in Zukunft einen besseren Telefondienst haben wird, als der der [die] meisten Städte der Welt.
Gerade deswegen muß auf jene Abonnenten, die gegen die erhöhten Taxen Beschwerde führen, Bezug genommen und gesagt werden, daß die Ausgestaltung und Modernisierung unseres Telefonwesens, die Kabelleitungen und sonstigen Arbeiten, die in der letzten Zeit durchgeführt wurden und hunderte Millionen Lei kosteten, eben undurchführbar gewesen wären, wenn die Gesellschaft die ungeheuren Investitionen mit einem billigen Tarif hätte verbinden wollen. Gleichwohl ist nach genauester Berechnung eher eine Verbilligung als eine Verteuerung des Tarifs erzielt worden.
Am 24. April vormittags fand im Rahmen einer besonderen Feierlichkeit die Einweihung des neuen Hochhauses der Telefongesellschaft in der Calea Victoriei statt. An der Feierlichkeit nahmen der König, die Minister Mirto, D. R. Ioanitescu und General Samsonovici, Unterstaatssekretär Radulescu, Korpskommandant General Uica, Polizeipräfekt Oberst Marinescu, ferner Senator Grigore Filipescu als Präsident des Verwaltungsrates, Generaldirektor Oglivie und die übrigen höheren Beamten der Telefongesellschaft teil.
Nach Abhaltung eines Gottesdienstes hielt Senator Dr. Filipescu eine Ansprache, in der er die Fortschritte darlegte, die die Telefongesellschaft seit der Uebernahme der Konzession auf dem Gebiete des Fernsprechwesens in Rumänien bewerkstelligt hat. Verkehrsminister Mirto wies in einer Rede darauf hin, daß die Zusammenarbeit des rumänischen Staates mit der Telefongesellschaft eine Verbesserung des Fernsprechdienstes gebracht habe. So sei u. a. die Anzahl der interurbanen Verbindungen von 55 auf 113 erhöht, worunter sich 12 internationale Verbindungen befänden. Im Laufe von zwei Jahren habe die Telefongesellschaft 681,7 Millionen Lei investiert.
Abschließend ergriff Se. M. der König das Wort. Mit der Einweihung der neuen Zentrale der rumänischen Telefongesellschaft, so führte er aus, werde dem Wirtschaftsleben des Landes ein neuer Aufschwung gegeben. Alle Welt habe sich davon überzeugen können, daß dem Rhythmus des modernen Lebens der wichtigste Fortschrittsfaktor die Verbindungen sind. Daher sei die Zusammenarbeit zwischen dem rumänischen Staat und der Telefongesellschaft zu begrüßen. An Kritiken habe es nicht gefehlt. Es müsse jedoch anerkannt werden, daß die aufgewandten Bemühungen bei gleichem Rhythmus und gleichem Fortgang einmal alle Welt zufrieden stellen. Wenn die Telefonverbindungen in Bukarest und im Inneren des Landes noch manchmal zu wünschen übrig ließen, so müsse anerkannt werden, daß die internationalen Verbindungen, und darin bestünde der Erfolg für das Wirtschaftsleben des Landes, zu den besten gehören. Er danke der Telefongesellschaft für diese Bemühung und wünsche ihr weiter das beste.
Nach seiner Ansprache beauftragte der König den Verkehrsminister Mirto, Senator Filipescu, Generaldirektor Oglivie u. a. hohe Ordensauszeichnungen zu überreichen.

(330510r3)


Seite 4

Bibliothek des Institutes für Sexualforschung konfisziert um verbrannt zu werden [S. 4, unten, links]
Berlin, 7. Mai (Tel. des „Tag“). Eine Studentengruppe, die einen Kampf gegen alles, was nicht-germanisch ist, unternommen hat, erschien heute im Institut für Sexualforschung, welches von Professor Magnus Hirschfeld geleitet wird, und konfiszierte einen Teil der Bibliothek, der am Mittwoch vor der Oper verbrannt werden soll.
Die Studenten erklärten, daß sie es nicht weiter zulassen werden, daß ein Institut, welches wissenschaftliche Ziele vorgibt, das deutsche Volk vergiftet.
Auch andere Werke, die die Volksmassen „vergiften“, wurden von den Studenten konfisziert.

(330510w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 346, Freitag, 12.05.33

Postby Klaus Binder on 11. May 2011, 23:59

Seite 1

Scheiterhaufen-Justiz auf dem Opernplatz [S. 1, oben, links]
Wider Vernunft und Kultur
Berlin, 10. Mai (Tel. des „Tag“). Das nächtliche Schauspiel auf dem Opernplatz Unter den Linden wird ein historisches genannt werden können. Das Programm lautete: Die deutsche Studentenschaft verbrennt zur Stunde alle Akten und Bücher „Wider den deutschen Geist“. Es sind, wie es im Programm heißt, „Schriften und Bücher der Unmoral und Zersetzung“.
Ein Scheiterhaufen ist errichtet. Die Feuerwehr hat alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Ringsherum stehen tausende Studenten und Studentinnen, viel Publikum, auch eine Reihe Autoritäten, an ihrer Spitze der Reichspropagandaminister Dr. Goebbels.

Das Werk der Verbrennung beginnt unter „Feuersprüchen“ der Studenten.

Der Führer der Studenten ruft: „Uebergebet nun alles Undeutsche dem Feuer“.

Der erste tritt vor. Wirft einige Bände in die Flammen und sagt: „Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und ideales Lebensgefühl“.

Der Zweite: „Uebergebet dem Feuer die Bücher von Karl Marx und Karl Kautsky“.

Der Dritte: „Gegen Dekadenz und Verfall“.

Der Vierte: „Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Heinrich Mann, Kurt Kläber und Ernst [Erich] Kästner“.

Der Fünfte: „Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat. Für Hingabe an Volk und Staat“.

Der Sechste: „Ich verbrenne die Schriften des Friedrich Wilhelm Foerster“.

Der Siebente: „Gegen das seelenzersetzende Schrifttum und die Uebertreibung des Trieblebens. Für den Adel der menschlichen Seele“.

Der Nächste: „Gegen den Juden Sigmund Freud“.

Der Neunte: „Gegen die Verfälschung unserer Geschichte, Herabwürdigung unserer großen Gestalten“.

Der Zehnte: „Für die Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit“.

Der Elfte: (mit laut erhobener Stimme): „Wider Emil Ludwig Cohn“. (Stürmische Zustimmungsrufe.) „Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung“.

Der Zwölfte: „Pfui Theodor Wolff! Gegen literarischen Verrat an den Soldaten des Weltkrieges. Für die Erziehung des Volkes im Geiste der Wahrheit“.

Der Dreizehnte: „Ich übergebe dem Feuer die Schriften des Erich Maria Remarque“. (Stürmische Zustimmung). „Gegen die Verhunzung der deutschen Sprache“.

Der Nächste: „Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Alfred Kerr. Gegen Frechheit und Anmaßung. Für Achtung und Ehrfurcht“.

Der Fünfzehnte: „Verschlinge, O Flamme, die Schriften von Tucholsky und Ossietzky“!

Dann spricht Dr. Goebbels. Er sagte ungefähr folgendes: „Kommilitonen! Deutsche Männer und Frauen! Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist zu Ende. Der Durchbruch der deutschen Revolution hat auch hier die Gasse frei gemacht“. Dann überging Goebbels zur Darstellung der Geschichte der deutschen Revolution, die man von ihm so oft gehört hat. Am meisten bezauberte Goebbels die Zuhörer mit dem Loblied auf das Tempo und den Elan, mit dem die Nazis die Revolution durchgeführt haben. Da verriet er manches aus dem eigenen Handwerk: „Man staunt über die Schnelligkeit unserer Handlungen, daß wir Gesetze nur so aus den Aermeln schütteln. Aber wir haben das alles lange vorbereitet“. Was er weiter sagte, „das ist nicht eine Revolution von oben, sondern eine von unten, nicht ein Diktat, sondern der Ausdruck des Volkswillens, der Arbeiter neben dem Bürger, der Student neben dem Bauern, der Intellektuelle neben dem Proletarier“ - das alles hat man von ihm schon gehört. Dann entfachte er die Leidenschaft der Studenten. „Auch Ihr“ sagt er „habt verspürt, was es heißt, zurücktreten zu müssen vor dem echten deutschen Geist. Ihr wurdet vom Gummiknüttel geschlagen, wenn Ihr das Deutschlandlied sanget. Ihr wurdet vierzehn Jahre lang gedemütigt. Ihr habet den mit rasendem Schmutz der jüdischen Asphaltliteratur befleckten deutschen Geist aufnehmen müssen. Euere Professoren verschanzen sich hinter angeblicher Wissenschaft, hinter Akten und Paragraphen, hinter Pandekten, um den deutschen Geist nicht aufkommen zu lassen. Nun hat sich die Zeit geändert. Nun seid Ihr selbst Staat geworden. Man täusche sich nicht. Revolutionen machen nirgends Halt. Es gibt nicht Revolutionen nur für die Wissenschaft, nur für die Politik, für das Kulturleben. Revolutionen sind Durchbrüche neuer Weltanschauungen. Und wenn eine Weltanschauung Anspruch erheben kann auf diesen Titel, dann ist es unsere. Das Alte ist niedergerissen. So wie Ihr das Falsche, das Undeutsche dem Feuer übergebet, so habet ihr die Pflicht, jetzt den Staat zu tragen und ihm neue Würde und neue Geltung zu verschaffen. Ein Revolutionär muß alles können. Wie er Faules entfernt, Gebrechliches niedergerissen, so muß er imstande sein, die Welt wieder aufzubauen. Wenn Ihr Studenten Euch das Recht nehmet, den geistigen Unflat in die Flammen zu werfen, dann habet Ihr auch die Pflicht, an die Stelle des Unflats einen wirklich deutschen Geist zu setzen. In diesen Flammen sehet nicht bloß das Symbol des Niederganges, sondern erkennet den Geist des Aufstieges. Das Alte liegt in den Flammen, das Neue wird emporsteigen. Schließen wir mit diesem Schwur und mit dem Schwur: es lebe das Reich, es lebe die Nation, es lebe unser Führer Adolf Hitler“!
Das Mitternachtsdrama war zu Ende.
Die Feuerwehr löschte die Flammen.
Ist der Geist der verbrannten Werke ausgelöscht?

(330512w1)


Seite 2

Die Feier des 10. Mai in Czernowitz [S. 2, oben, links]
Gestern fanden unter Beisein aller geistlichen, militärischen und zivilen Würdenträger die Festlichkeiten anläßlich des großen historischen Gedenktages statt. Das wundervolle heitere Frühlingswetter trug besonders zum vollendeten Gelingen der Feier bei. Bereits am Dienstag abends hatten viele Häuser Fahnen und Teppichschmuck ausgehängt. Gestern, am Tage der Feier, stand die Stadt in prächtigem Flaggenschmuck da und bot ein festliches farbenfrohes Bild. Schon in den frühen Morgenstunden waren die Straßen von Schaulustigen erfüllt, und namentlich die Piata Unirii wies ein Kopf an Kopf gedrängtes Publikum auf.
Um halb 10 Uhr vormittags setzte die offizielle Feierlichkeit mit einem Festgottesdienst in der Kathedrale, wo Erzbischof Nectarie die Messe zelebrierte, ein. Von hier begaben sich die Festteilnehmer zur Piata Unirii, wo sie in der zu diesem Zwecke errichteten Tribüne ihre Plätze einnahmen. Indessen hatten sich Abordnungen sämtlicher Schulen, sowie Vertreter der Burschenschaften auf der Piata Unirii versammelt und standen während der nun folgenden Defilierung der Sportvereine und Truppen Spalier. Die Defilierung ging in folgender Reihenfolge vor sich: Cercetasi, Arcasi, Abordnungen der Sportvereine Dragos-Voda, Jahn, Polonia, Dowbusch und Makkabi, die Vertreter der Burschenschaften; es folgten sodann die Ehrenkompanien der hier garnisonierten Truppenkörper Vanatori, Graniceri, Pionieri, Tunari und Rosiori, in ihren neuen schmucken Uniformen. Die Defilierung dauerte länger als eine halbe Stunde.
Um halb 12 Uhr fand im Festsaal der Landesregierung ein offizieller Empfang statt, der von Erzbischof Nectarie, Divisionskommandanten General Jacob und Minister für die Bukowina Sauciuc Saveanu entgegengenommen wurde. Die Vertreter der Institutionen brachten hier der Regierung ihre Glückwünsche entgegen. Es sprachen für den Klerus Konsistorialrat Dr. Sandru, für die Garnison General Alexandrescu für das Konsularkorps der deutsche Konsul Drubba, für die Magistratur Oberlandesgerichtspräsident von Tusinschi, im Namen der Bevölkerung Bürgermeister Saveanu, Universität Rektor Isopescul-Grecul, für das Schulinspektorat Inspektor Valerian Sauciuc, für das Advokatenbarreau Dr. Radulescu, für die Finanzbehörde N. Floreanu, für die Vereinigung rumänischer Frauen und die Kriegswaisen Frau GR. Gramatovici, für die Sociatate de lieratura si cultura Direktor Vitenco, für die Uniunea Resesilor Prof. Cuparenco, für das technische und landwirtschaftliche Korps Forstinspektor Boldur, für die jüdische Kultusgemeinde Präsident Dr. Gutherz, für die Vereinigung der Mittelschulprofessoren Prof. Dobos, für die Cercetasi Prof. Ratiu, für den deutschen Volksrat Dr. Kohlruß, für die Studentenschaft Ott, für die Legionäre Staatsanwalt Axani, für den Ateneul Popular Cuparenco, für den polnischen Nationalrat Dr. Szymonovicz, für die Handelskammer Dr. Jaques Schnee, für die evangelische Gemeinde Pfarrer Hermann, für die ukrainischen Kulturinstitutionen Dir. Haras und Cupcenco, für die Pfadfinderinnen Fräulein Maria Morrys, für das Nationaltheater Regisseur Nello Bucevschi, ferner Regierungsrat Dr. Bujor.
Der festliche Empfang fand mit einer eindrucksvollen Rede des Ministers Sauciuc-Saveanu seinen Abschluß. Nachdem der Minister auf die große historische Bedeutung des Festtages hingewiesen hatte, führte er u. a. aus: Die beste Formel, eine Milderung der tristen Zeitverhältnisse herbeizuführen, sei der enge Zusammenschluß aller Bevölkerungsschichten um Thron und Dynastie.
Die traurige Zeit des Krieges habe die Geister verwirrt gehabt. Nach Friedensschluß sei die schwer erkämpfte Idee der Völkerverbrüderung überall wachgeworden. Nach kurzer Zeit folgte eine Zeit der Reaktion, die sich in gewissenlosem Prassen und der Aufgabe aller idealen Bestrebungen auswirkte. Die Menschheit sei des satten Lebens müde. Die ganze Menschheit finde sich heute in der Suche nach den Sonnenstrahlen einer neuen Idee. Ein neuer Romantismus werde wach, der verheißungsvoll in die Zukunft deute. Die extremistischen Bewegungen, die sich bemerkbar machen, müssen als die letzten Todeszuckungen einer versinkenden Epoche angesehen werden. Dessen ungeachtet sprächen alle Anzeichen dafür, daß man vertrauensvoll in die Zukunft blicken dürfe. Mit Hochrufen auf den König und die Dynastie schloß der Minister seine Rede.
An der Tafel brachte Erzbischof Nectarie einen Toast aus.
Am Abend fand ein Fackelzug statt.

(330512c2)


Todesfall [S. 2, Mitte, rechts]
Polizeibeamter Andreas Aschenbrenner ist nach langem Leiden im Alter von 46 Jahren gestorben und wurde gestern beerdigt.

Jakob Kozower gestorben [S. 2, Mitte, rechts, unten]
Hochbetagt ist am 5. Mai l. J. der gew. kaiserl. Rat Jakob Kozower in Wien gestorben und am 8. d. M. im Wiener Krematorium eingeäschert worden. Mit Jakob Kozower scheidet ein Rest des alten Czernowitz. Ein Elitekaufmann im wahrsten Sinne des Wortes, wurde er nicht nur von seinen Berufskollegen hoch geachtet, er fand auch Würdigung an allerhöchster Stelle und es wurde ihm eine Auszeichnung zuteil, deren nur wenige seiner Berufskollegen sich in der verflossenen Monarchie rühmen konnten.

(330512t2)


Seite 3

Folgen der Nazi-Politik [S. 3, oben, links]
Selbstmord Oberfohren

Der gewesene Führer der deutschnationalen Reichstagsfraktion Dr. Oberfohren hat sich in Kiel erschossen; über die Gründe des aufsehenerregende Selbstmordes wird offiziell mitgeteilt, daß er die Tat in einem Anfall von Nervenzerrüttung verübt habe.
Die wahren Gründe sind aber anderswo zu suchen:
Oberfohren stand bekanntlich in der letzten Zeit in schwerem Gegensatz zu Hugenberg: man hatte bei Oberfohren eine Reihe kompromittierender Schriftstücke gefunden, die den Beweis lieferten, daß Oberfohren hinter dem Rücken Hugenbergs versucht hatte, die deutschnationale Partei den Nationalsozialisten zuzuführen und mit ihnen zu verschmelzen. Die jetzige wesentlich geschwächte Position Hugenbergs ist nicht zuletzt auf Oberfohrens Umtriebe zurückzuführen, der eine Reihe von Intimitäten Hugenbergs den Nationalsozialisten zugetragen hat.

*
Bürgermeister vom Bruch erschießt sich
Der frühere Bürgermeister der Stadt Leer, Dr. vom Bruch, hat Selbstmord durch Erschießen verübt. Dr. vom Bruch, der seines Amtes enthoben worden war, hätte sich in dieser Woche wegen eines gegen ihn eingeleiteten Verfahrens verantworten sollen.

*
Die Tennismeisterin Neppach vergiftet sich
Nach einer Meldung der Berliner Montagblätter hatte die mehrfache deutsche Tennismeisterin Nelly Neppach am Samstag in ihrer Wohnung im Westen Berlins durch Einnehmen von Gift Selbstmord verübt. Nelly Neppach war Jüdin. Vor kurzem sind bekanntlich alle Juden aus den deutschen Tennisvereinen ausgeschlossen worden.

Die Tochter Scheidemanns und ihr Mann tot aufgefunden
Doppelselbstmord durch Leuchtgas

Der 46 jährige Bankbeamte Ernst Katz und seine 44 jährige Ehefrau Lina wurden Sonntag früh in ihrer in Friednau gelegenen Wohnung durch Gas vergiftet tot aufgefunden. Lina Katz ist eine Tochter des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten und ehemaligen Reichskanzlers Scheidemann.

Rücktritt Oskar von Millers
Der 78 jährige Oskar von Miller hat den Vorsitz des von ihm geschaffenen Deutschen Museums niedergelegt. Oskar von Miller hat seinen Posten beinahe 30 Jahre innegehabt.

Kaplan Klinkhammer im Konzentrationslager
Der bekannte Essener Kaplan Klinkhammer, einer der berühmtesten Kanzelredner des deutschen Katholizismus, wurde vor 14 Tagen in Essen verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt. Die Verhaftung erfolgte, weil Klinkhammer gefordert habe Hitler müsse, wenn er schon die „Gotteslästerer“ in Konzentrationslager steckte, auch die Gotteslästerer Rosenberg und Ludendorff in einem Konzentrationslager internieren.

Den Verletzungen erlegen
Wie die Polizeipressestelle mitteilt, ist im Krankenhaus der seit dem 28. Februar in Schutzhaft befindliche Führer der sozialistischen Arbeiterpartei, Rechtsanwalt Dr. Ernst Eckstein, an Lungen- und Nierenentzündung gestorben.

Jüdische Privatbeamte und Arbeiter sollen vernichtet werden
In einer neu erschienenen Verordnung wird erklärt, daß die Bestimmungen des Berufsbeamtengesetzes über Parteibuchbeamte, Nichtarier und politische Unzuverlässige auf die Angestellten und Arbeiter ebenfalls Geltung habe.

(330512w3)


Kampf gegen Hitlerismus in Rumänien [S. 3, oben, rechts]
Protestversammlung in Chisinau

Chisinau, 10. Mai (Tel. des „Tag“). Hier fand eine Versammlung der Intellektuellen Bessarabiens statt, in der gegen die Hitlerexzesse in Deutschland und die Revisionsbestrebungen scharf protestiert wurde. Es wurde beschlossen, den Boykott deutscher Waren zu verschärfen, und gleichzeitig ein Telegramm an den Verband abzusenden, in welchem um Intervention gegen die Judenverfolgungen in Deutschland und gegen die Revisionsbestrebungen verlangt wird. An der Versammlung nahmen 5000 Personen teil.

Offizielles Kommunique der Regierung
Bukarest, 10. Mai (Tel. des „Tag“). Das Organ der Regierung „Dreptatea“ publiziert in seiner letzten Nummer unter dem Titel „Wird die Ruhe und Ordnung aufrechterhalten“ einen Aufsatz, der als offizielles Kommunique angesehen wird.
In diesem heißt es u. a.:
„Der Alarm, der von der Opposition in tendenziöser Weise über die letzten Unruhen im Lande verbreitet wird, darf niemanden veranlassen, die Ruhe zu verlassen und seinem Temperament die Zügel schießen zu lassen. Die Regierung ist über alle Geschehnisse im Klaren. Die Regierung verfügt nicht nur über alle Mittel, um jede Tendenz, die Unruhe anstrebt, zu unterdrücken, sie ist auch vom starken Willen durchdrungen, alle wie immer gearteten Ausschreitungen zu verhindern. Die Regierung und ihre Organe werden ihre Pflicht zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung erfüllen.“
Innenminister Mironescu erklärte Pressevertretern, die Regierung sei fest entschlossen, mit aller Energie jede Aktion, die den Zweck hat, Unruhe im Land zu stiften, zu unterdrücken. Mit aller Strenge werden die von der Regierung beschlossenen Ausnahmsmaßnahmen angewendet werden.

(330512r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 347, Samstag, 13.05.33

Postby Klaus Binder on 12. May 2011, 23:09

Seite 1

Deutschlands Ultimatum an Genf: [S. 1, oben, links]
Entweder Abrüstung - oder es wird aufgerüstet

Berlin, 11. Mai (Tel. des „Tag“). Zu Deutschlands Politik in Genf veröffentlicht der Außenminister von Neurath eine längere Erklärung, die die kritische Situation, in der sich Deutschland und die europäische Politik befinden, grell beleuchtet. Die Aeußerungen von Neuraths sind diktiert von den Vorgängen bei der Abrüstungskonferenz. Wenn in diesen Tagen gesagt wird, alles hänge von der Abrüstungskonferenz in Genf ab, so erkennt man die Wahrheit dieses Satzes an der Erklärung des deutschen Außenministers.

Deutschland befindet sich heute in Genf vollständig isoliert
Noch hatte MacDonald den letzten Versuch unternehmen wollen, die Konferenz zu retten, er hat ihn aber aufgegeben, weil ihm von seinen Bevollmächtigten in Genf abgewinkt wurde. Die Vertreter der vier Großmächte, England, Frankreich, Italien und Amerika, hatten gestern nochmals den Versuch unternommen, mit Nadolny, dem Repräsentanten Deutschlands in Genf, ein Einvernehmen zu erzielen, um irgend eine Formel zu finden, damit für die herannahende Weltwirtschaftskonferenz eine Ruhepause geschaffen werde; aber die Sprache Nadolnys war scharf und hart und sie verkannte die außenpolitische Situation des deutschen Reiches angesichts der argen Verstimmung, von der jetzt die Welt beherrscht wird. Das schlimmste Zeichen, daß die Deutschen den für sie ungünstigsten psychologischen Moment gewählt haben, um mit der Faust auf den Tisch in Genf zu schlagen, beweist auch das Abrücken des Botschafters der Vereinigten Staaten, Norman Davis, von der in den letzten Monaten Deutschland kundgegebenen Sympathie. Deutschland - diese Ansicht herrscht in diplomatischen Kreisen - war näher denn je, der Abrüstungsfrage, vielleicht auch in der Revisionsfrage einen Erfolg zu erzielen, aber einem Hitler-Regime in dem Ausmaße, wie es heute die ganze Kulturwelt verurteilt, kann nicht das Entgegenkommen in der Gleichberechtigungsfrage mehr bewiesen werden. Der frühere Finanzminister des Kabinettes Tardieu, Reynand, wiederholt heute neuerlich die Aufforderung an die Regierung, die Abrüstung jetzt unter keinen Umständen vorzunehmen, denn, wie er sagt: Abrüstung bedeutet Krieg! Daß die Rechtsparteien in Frankreich der gleichen Ansicht sind, weiß man aus ihrer Presse, übrigens ist ganz Frankreich heute in einem Lager bezüglich der Abrüstungsfrage, weil es in Deutschland schon jetzt einen Militärstaat sieht.

Neurath schiebt die Schuld auf die Großmächte
Die Erklärungen, die infolgedessen von Neurath abgibt, werden die beabsichtigte Wirkung erzielen. Was Neurath sagt, ist nichts anderes als die Drohung mit der qualitativen und quantitativen Aufrüstung. Diesmal ist die deutsche Erklärung eindeutig. Neurath verhöhnt die bisherigen Arbeiten der Abrüstungskonferenz. „Nach fünfzehn Monaten steht die Konferenz dort, wo sie war, und weil kein Erfolg da ist, soll Deutschland der Sündenbock sein. Die Mächte wollen sich mit der Verantwortung über das Scheitern der Konferenz nicht belasten.“ Gegenüber diesem Vorwurf legt von Neurath zwei grundsätzliche Fragen vor, von denen ausgegangen werden muß, um die gegenwärtige Lage zu beurteilen.

Zwei Fragen
Die erste muß dahin lauten, ob durch eine vollständig ausgedehnte Begrenzung der Rüstungen eine Einheitlichkeit zwischen besiegten und unbesiegten Staaten zu erzielen ist, oder ob wir in Zukunft Völker haben werden, die souverän bestimmen können, wie sie rüsten sollen, die anderen aber dieser Souveränität unterworfen werden sollen.
Die zweite Frage: ob auf Grund der Friedensverträge bereits abgerüstete Staaten das Recht zur Aufrüstung haben oder nicht.
Der deutsche Außenminister kommt auf die einzelnen Fragen der Verhandlungen zu sprechen und erklärt, daß Deutschland an allen Vorschlägen mitgearbeitet und selbst Vorschläge unterbreitet habe. Sie [Deutschland?] habe die Forderung auf Gleichberechtigung erhoben und diese wurde ihr [ihm] zugestanden. Trotz aller schönen Reden sei man ja doch nicht vorwärtsgekommen und heute sei man hinsichtlich der qualitativen und quantitativen Verbote für Deutschland dort, wo wir vor anderthalb Jahren waren. Deutschland habe auch den englischen Plan als Basis für Verhandlungen angenommen - und was ist geschehen?? Nichts.

(330513w1)


Das Ultimatum Deutschlands [S. 1, Mitte]
Neurat erklärt, Deutschland sei genötigt, falls durch das Festhalten in den Fragen der Abrüstung die Konferenz mangels des guten Willens gewisser Staaten scheitern sollte, nach der Bestimmung des Versailler Vertrages selbständig zu handeln:
Wenn die anderen Staaten Bombenflugzeuge und eine Luftschifffahrtsflotte besitzen, muß Deutschland zu seiner eigenen Sicherheit seine Luftflotte um den entsprechenden Grad aufbauen;
wenn die anderen Staaten Geschütze besitzen, die über den Grad der Deutschland bewilligten Kaliber hinausgehen, so bedeutet das den Zwang für Deutschlands Sicherheit, Geschütze im gleichen Kaliber anzuschaffen.
Dasselbe gilt für die Personalbestände.
Was anderen Recht sei, müsse auch für Deutschland billig sein. Lebensrecht eines Volkes könne für Deutschland nicht mit anderen Maßen gemessen werden, als diese Maße, die für die anderen Völker in Anwendung gelangen.

Deutsche S.A., S.S. Militärverbände
Genf, 11. Mai (Tel. des „Tag“). Der Effektivausschuß der Abrüstungskonferenz faßte heute nach längerer Beratung den Beschluß, die deutschen Wehrverbände als militärische Verbände anzusehen. Hernach kam es zu einem sehr erregten Zwischenfall. Der Delegierte Frankreichs, ein Oberst, machte sensationelle Mitteilungen über die Stärke dieser Wehrverbände. Der deutsche Vertreter, General Schönheim, erhob gegen diese Ausführungen Protest und erklärte, daß sich die Konferenz auf willkürliche Schätzungen nicht einlassen dürfe. Lediglich die Regierungen können hierüber Auskunft geben. Auch er selbst sei nicht in der Lage genaue Daten über diese Verbände zu geben, da es sich um private Formationen handelt.
Unter dem Vorsitz Hendersons traten heute die Vertreter der fünf Großmächte zu einer Beratung zusammen, die am Abend fortgesetzt wird. Ueber den Verlauf der Aussprache wird Stillschweigen bewahrt.

(330513w1)


Seite 2

„Täter gesucht“! [S. 2, oben, Mitte]
Der größte Kriminalfall, den Czernowitz bis jetzt erlebt hat, vor seiner Aufklärung

Ein Mord ist geschehen. Die Behörden arbeiten fieberhaft, um dieses mysteriöse Morddrama aufzuklären. In der Zeit, wo der Mordfall in der Herrengasse den allgemeinen Gesprächsstoff unserer Stadt bildet, um die Täter hinter Schloß und Riegel zu bringen, befaßt man sich mit einem zweiten Mordfall, der im engsten Zentrum der Stadt sich abspielt. Die Kriminalbehörden stehen vor einem Rätsel. Wer ist der Täter? Man ist auf der Suche nach den Tätern, die bis zur Stunde nicht eruiert werden konnten. Täter gesucht … ist jetzt das Schlagwort, das die Bevölkerung in großer Spannung hält.
Angesichts der letzten Ereignisse ist es der Direktion des hiesigen Tonfilmtheaters „Roxy“, Landhausgasse 22, gelungen, des Täters dieses mysteriösen Kriminalfalles habhaft zu werden. Diese Nachricht von der Aufklärung des Verbrechens hat das größte Aufsehen in der ganzen Stadt hervorgerufen. Das Schlagwort „Täter gesucht“ ist endlich gelöst worden. Täter gesucht, ist der größte Kriminaltonfilm des Jahres 1933. In den Hauptrollen dieses Filmes Karl Ludwig Diehl, Gerda Maurus, Harry Harth, Harry Frank, Rosa Valetti, und viele andere bekannte Schauspieler. Es versäume daher kein Czernowitzer, dieses größte Ereignis auf dem Gebiete der Kriminalistik zu sehen, das ab heute im Tonfilmtheater „Roxy“, Landhausgasse 22, zur Vorführung gelangt.

(330513c2a)


Die Konstituierung der Arbeitskammer [S. 2, Mitte]
Gestern vormittags fand im Rathaussaale die feierliche Konstituierung der Arbeitskammer statt. Arbeitsminister Dr. R. Ioanitescu war aus Bukarest eingetroffen, um diesem feierlichen Akt persönlich beizuwohnen. Der Arbeitsminister befand sich in Begleitung des Generaldirektors des Arbeitsministeriums Enescu, des Generalinspektors Gheorghiu, des Generaldirektors Dumitrescu, des Pressechefs im Arbeitsministerium Gheorge Axenti und des Präsidenten der Gewerbetreibendenunion Alexandru Samuila. Der Konstituierung wohnten ferner der Minister für die Bukowina Dr. Sauciuc-Saveanu, Generaladministrativinspektor Crudu, die Vizebürgermeister Baranay und Kaczmarowski-Weiser, Präfekt Jacoban, Generalinspektor Stroja und die leitenden Beamten der Czernowitzer Bezirkskrankenkasse bei, die nach den neuen Gesetzesbestimmungen in eine Sozialversicherungskasse umgewandelt wird.

Der Primpräsident des Tribunals, Camil Ionescu, nahm die Konstituierung der Kammer vor. Sämtliche Arbeitskammerräte legten hierauf zu seinen Händen den Treueid ab. Nach Beendigung dieser feierlichen Prozedur übergab Präsident Ionescu den Vorsitz dem Arbeitsminister Ioanitescu. Nachdem Generaldirektor Enescu den Konstituierungsakt der im Anschluß an die Arbeitskammer neugegründeten Sozialversicherungskasse, welcher Frau Dr. Tatiana Grigorovici vorstehen wird, zur Verlesung gebracht hatte, sprach im Namen der Gewerbetreibenden das Mitglied der bürgerlichen Wahlliste, Schneider Caileanu. Er hob das große Verdienst hervor, das sich Minister Ioanitescu durch die Schaffung der Arbeitskammer erworben habe und knüpfte daran die Hoffnung, daß sich der Arbeitsminister, der sich stets in wirklich väterlicher Weise für die arbeitenden Klassen eingesetzt hat, auch weiterhin für das Wohl der Institution einsetzen werde. Den Wünschen der bürgerlichen Gewerbetreibenden sei zwar durch eine Einordnung mit den Angestellten in eine Kammer nicht Genüge getan worden, da ein harmonisches Zusammenarbeiten kaum zu erzielen sein werde, doch sei ein Schritt vorwärts zur erwünschten Schaffung einer Gewerbekammer getan worden.

Die Sozialdemokraten protestieren
Als nächster nahm namens der Angestellten und Arbeiter Herr Romulus Dan das Wort zu längeren Ausführungen, in denen er sich in scharfer Weise gegen die Zusammenstellung der Arbeitskammer aussprach. Wenn auch eingestanden werden müsse, daß die Schaffung der Kammer als ein großer Fortschritt in der lokalen Sozialpolitik zu gelten habe, darf es nicht verhehlt werden, daß der Erfolg nur teilweise Zufriedenheit ausgelöst habe. Es sei den Wünschen der wenigsten Rechnung getragen worden. Die Interessen des kleinen Angestellten und Heimarbeiters seien durchwegs von jenen der Atelierbesitzer, deren es viele in dieser neugeschaffenen Kammer gebe, verschieden. Es müsse die Möglichkeit geschaffen werden, daß die Vertreter der Arbeiter selbst die Aufrechthaltung der Arbeitsbestimmungen überwachen und gegen Zuwiderhandlungen Schritte unternehmen können. In erster Linie müsse auf die Wahrung der Autonomie und Demokratie, zumal in der Sozialversicherungskasse, geachtet werden.
Gegen die kritischen Erörterungen Dans wandte sich der Präsident der Gewerbetreibenden-Union, Samuila. Er fand Worte begeisterter Anerkennung für die gesetzgebende Tätigkeit des Ministers Ioanitescu, der durch die Schaffung der Arbeitskammer und der Sozialversicherungskasse einen seit Jahrzehnten gehegten Traum der Angestellten verwirklicht habe. Die Tätigkeit der Kammer habe weder mit bürgerlichen, noch mit sozialistischen Doktrinen etwas zu schaffen, sie müsse einzig und allein den Interessen der gesamten arbeitenden Bevölkerung ohne Rücksichtnahme politischer Einstellung dienen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Mitglieder der Kammer unter Hinwegsetzung von Unterschieden der Klassen und Konfessionen verständigen werden.
In einer langen Rede befaßte sich hierauf Minister Ioanitescu mit den jüngsten Reformen sozialer Gesetzgebung und ging auf die Wünsche und Beschwerden seiner Vorredner ein, welchen er nachwies, daß das von ihm geschaffene Gesetz, das der Arbeitskammer zugrunde liege, nicht bloß reale Autonomie, sondern mehr als dies, völlige Unabhängigkeit gewährleiste. Er wies darauf hin, daß die Umstände, die eine Interessenspaltung zwischen den kleinen, in der Arbeitskammer vertretenen Arbeitgebern und den Angestellten und Arbeitern verschwindend klein seien gegenüber dem gemeinsamen Interesse gemeinsamer Mühen und Bedürfnisse, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß ein gemeinsames Arbeiten zum Wohle der arbeitenden Klasse zu erzielen sein werde. Am Schluß seiner Ausführungen wandte er sich an Frau Dr. Tatiana Grigorovici, der er als erster Frau, die einer Sozialversicherungskasse in Rumänien vorstehe, seinen Glückwunsch und seine Hoffnung auf ein ersprießliches Wirken zum Ausdruck brachte.
Frau Dr. Tatiana Grigorovici dankte dem Minister für dessen Glückwünsche und berief sich auf ihre langjährige Tätigkeit im Dienste der Volkswohlfahrt, die in ihr Hoffnung erwecke, ihrer Aufgabe erfolgreich nachkommen zu können.
Zuletzt sprach Minister Sauciuc-Saveanu im Namen der Bukowiner Region dem Arbeitsminister seinen Dank für dessen Werk aus und wies auf die eifrige Tätigkeit der Bukowiner Parlamentarier hin, die viel zur Durchsetzung des Werkes beigetragen haben. Er schloß mit dem Wunsch, daß die Arbeit von Erfolg begleitet sein möge.
Nachdem Minister Ioanitescu, gefolgt von seinen Begleitern, Minister Sauciuc-Saveanu, Generalinspektor Crudu und den Vizebürgermeistern den Saal verlassen hatte, wurde zur

Wahl des Präsidiums
geschritten.
Den Vorsitz übernahm als ältestes Mitglied Herr Elias Grill, der die Herren Romulus Dan und Heinrich Baum zu Skrutinatoren einsetzte.
Von den 47 abgegebenen Stimmen für die Präsidentenwahl entfielen 31 auf die sozialdemokratische und 16 auf die bürgerliche Liste. Somit erschien Herr GR. Romulus Dan zum Präsidenten der Arbeitskammer gewählt. Zu Vizepräsidenten des Plenums wurden gleichfalls die Vertreter der sozialdemokratischen Liste: Ioan Betle (für die Arbeiter), Emilian Ostaficiuc (für die Angestellten) und Moritz Stroh (für die Gewerbetreibenden), zum Kassier der Vertreter der sozialdemokratischen Arbeiterliste, Herr Adolf Kling, gewählt.
Zu Präsidenten der einzelnen Sektionen wurden gewählt:
Für die 1. Sektion (Arbeiter): die Vertreter der sozialdemokratischen Liste, Herr Rudolf Gaidosch zum Präsidenten, Herr Cornel Capek zum Vizepräsidenten.
Für die 2. Sektion (Angestellte): gleichfalls die Vertreter der sozialdemokratischen Liste, Herr Ewald Ehrenkranz zum Präsidenten und Herr Sami Tropper zum Vizepräsidenten.
Für die 3. Sektion (Gewerbetreibende): die Vertreter der bürgerlichen Liste, Herr Max Weißmann zum Präsidenten und Herr Karl Moskaliuk zum Vizepräsidenten.

(330513c2)


Grabsteinlegung [S. 2, rechts, Mitte]
Sonntag, den 14. d. M. um 10 Uhr vormittags, findet die Grabsteinlegung nach den im Jänner-Februar l. J. verstorbenen Schwestern Susi Rosenrauch und Fanny Bernstein statt.

(330513t2)


Seite 3

Hausdurchsuchungen bei der „Eisernen Garde“ [S. 3, Mitte, oben]
Bukarest, 11. Mai (Tel. des „Tag“). Die Behörden haben in Kimpolung (Muscel) eine Hausdurchsuchung bei der Organisation der Eisernen Garde vorgenommen und einiges belastende Material beschlagnahmt. In der Gemeinde Raul Doamnei wurde bei der Eisernen Garde eine Menge Dynamit gefunden. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet.
In der Gemeinde Robesti-Balaceanca wurden sieben Mitglieder der Eisernen Garde verhaftet und wegen Verbreitung aufrührerischer Manifeste unter Anklage gestellt.

(330513r3)


Sensationelle Verhaftung in der Mordaffäre Hirsch [S. 3, rechts, Mitte]
Die Indizienkette, welche die Schuld beider der Tat verdächtiger Mitglieder der Edi Wolf-Bande, Kadejewski und Tulea, beweisen soll, schließt sich immer enger. Noch immer leugnen sie hartnäckig mit der Mordtat in Zusammenhang zu stehen. Die Polizei hat jedoch in den letzten Stunden einige Feststellungen gemacht, welche die Teilnahme dieser Verbrecher an der Ausführung des Raubmordes immer möglicher erscheinen lassen.

Der gelbe Faden und der Hosenknopf
Bekanntlich wurde in der Wohnung der Ermordeten beim ersten Lokalaugenschein ein Hosenknopf gefunden. Es wurde nun die sensationelle Feststellung gemacht, daß an der Hose Tuleas ein Knopf fehle. Eine nähere Betrachtung des Knopfes ergab, daß an ihm noch ein gelber Fadenrest vorhanden sei. Da man an der Hose Tuleas gelbe Fadenreste fand, muß man annehmen, daß der gefundene Knopf von Tulea herrühre.

Die Rebschnur
Die Polizei hatte schon vor einigen Tagen Anstellungen über den Ursprung der Rebschnur, mit der Frau Hirsch gefesselt und erdrosselt worden war, gemacht. Gewissenhafte Auskünfte führten zur Feststellung, daß am Mordtag in zwölf Geschäften Rebschnur von der gleichen Sorte gekauft wurde. Die Polizei lud die Inhaber der zwölf Kaufläden in das Kriminalbüro und stellte ihnen etwa zwanzig Menschen gegenüber. Einer der Kaufleute erkannte nun in einem der verhafteten Verbrecher den Käufer der Schnur.

Der braune Mantel
Bekanntlich verübten unbekannte Täter vor drei Monaten einen Einbruch in die Wohnung der Frau Hirsch. Sie öffneten damals eine Holzkiste, die mit einem sehr komplizierten Schloß versperrt war und entnahmen ihr einige Gegenstände. Seither pflegte Frau Hirsch einen Persianermantel darin aufzubewahren. Als nun gestern die Behörden die versiegelte Wohnung der Ermordeten öffneten, ergab es sich, daß auch diesmal die Kiste geöffnet worden [war], der Persianermantel wurde geraubt und an seine Stelle ein brauner Bauernmantel im Inneren der Kiste zurückgelassen. Es scheint damit festgestellt, daß die Mörder mit den nicht festgestellten Tätern identisch seien, die vor drei Monaten den Einbruch verübt hatten. Die Polizei fahndet nun nach dem Besitzer des Bauernmantels und dem Ort, an dem sich der Persianermantel gegenwärtig befindet.

Die Frau im Mantel
Die Polizei legte große Wichtigkeit der Angabe einer Einwohnerin des Hauses Strada Iancu Flondor 45, Frau Merlaub, bei, die ausgesagt hatte, daß am Mordtage eine Frau in einem dunklen Mantel an ihre Türe geklopft und ihr gesagt habe, sie sei von einer Frau Spiegelblatt an ihre Adresse gewiesen worden, um bezüglich einer Anstellung als Hausgehilfin nachzufragen. Da sich dieser Vorfall um die kritische Zeit ereignet habe, müsse man annehmen, daß die Unbekannte Frau Merlaub in ein längeres Gespräch gezogen habe, um ihre Aufmerksamkeit von den im darunterliegenden Stockwerk vor sich gehenden Ereignissen abzulenken.
Nun hat die Polizei unter dem Verdacht der Mittäterschaft die Konkubine Kadejewskis, Julia Majekowska verhaftet. Majekowska wurde nun der Frau Merlaub gegenübergestellt und diese behauptet, in ihr die Frau im Mantel wiederzuerkennen. Da die Majekowska leugnet, sich im Besitz eines Mantels zu befinden, sucht die Polizei nach dem in Frage stehenden Mantel, um die Majekowska der Schuld überführen zu können.

Wo ist die Beute?
Erscheint die Schuld Tuleas und Kadejewskis durch die genannten Indizien bereits nachgewiesen, so kann das letzte Wort nicht eher gesprochen werden, als bis nicht die Beute ausfindig gemacht worden ist. Nun hat die Polizei die sensationelle Feststellung gemacht, daß ein ehemaliger Komplize der Verhafteten am Tage nach der Mordtat im Wiener Zug Czernowitz verlassen hat. Er befand sich im Besitze eines Reisepasses. Ueber seine Person darf im Interesse der Untersuchung nichts verlautet werden. Es besteht die Annahme, daß diese Person sich im Besitz der Beute befindet und sie mit sich führt. Die Czernowitzer Polizei hat diesbezüglich mit der Wiener Kriminalpolizei Fühlung genommen. Ferner wurde gestern ein in Czernowitz bereits aus anderen Fällen als Hehler bekannter Geschäftsmann einer Untersuchung unterzogen.

Eine neue Verhaftung
Gestern nachmittags wurde von der Polizei neuerlich die Verhaftung einer der Tat verdächtigen Person vorgenommen. Der Verhaftete, der auch Mitglied der Wolfbande ist, wurde Kadejewski gegenübergestellt. Er behauptete, ihn nicht zu kennen. Hingegen gibt Kadejewski an, noch vor fünf Jahren seine Bekanntschaft gemacht zu haben.

(330513c3)
Klaus Binder
 
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Nr. 348, Sonntag, 14.05.33

Postby Klaus Binder on 13. May 2011, 23:23

Seite 1

Zuspitzung der internationalen Lage [S. 1, oben, links]
Der französische Außenminister:
Aufrüstung bedeutet Krieg

Der englische Kriegsminister:
Versailler Vertrag wird verletzt

Die Bombe in Genf ist geplatzt. Die gestern im Tag veröffentlichten Erklärungen des deutschen Außenministers von Neurath, die nichts anderes als ein Ultimatum an die Abrüstungskonferenz bedeuten, haben die Bombe zur Explosion gebracht. Deutschland läßt durch seine offiziellste Persönlichkeit in außenpolitischen Fragen verkünden, daß die Deutschen unmittelbar vor der Aufrüstung stehen, falls nicht die anderen Staaten abrüsten. Die Franzosen haben den Deutschen noch gestern die Antwort erteilt, indem einer ihrer Generäle den Deutschen nachwies, daß sie nicht erst ihre Drohung verwirklichen müssen, weil sie durch die Verbände der S.A. und S.S. außerdem die Wehrsportverbände die Aufrüstung bereits vorgenommen haben. Auch über diesen Zwischenfall konnte der „Tag“ gestern ausführliche Mitteilungen machen.
Heute hört man das Echo auf Neuraths Ultimatum. Der englische Kriegsminister sagte im Oberhause eindeutig: Falls Deutschland aufrüstet, kommen die Bestimmungen des Versailler Vertrages in Anwendung, d. h. Deutschland hat den Vertrag gebrochen und die Sanktionen treten in Kraft. Die Sprache Frankreichs ist noch energischer. Wir haben gestern den Satz eines französischen Ministers zitiert. Paul Boncour wiederholt diesen heute: Aufrüstung bedeutet Krieg!
Die Situation hat sich demnach sehr zugespitzt. Aus den Vorgängen in Berlin ist die Wirkung der Genfer, Pariser und Londoner Ereignisse zu erkennen: Neurath bei Hindenburg - Göring und Blomberg wurden mit Flugzeug herbeigeholt - großer Kabinettsrat - Einberufung des Reichstages zu einer außerordentlichen Tagung. Die Stunden, die wir jetzt erleben, erinnern an die Julitage 1914. Paris und London schieben die ganze Verantwortung auf das, was kommen kann, auf das Deutschland Hitlers.
Y.

(330514w1)


Unerwartete Einberufung des Reichstags [S. 1, links, Mitte]
Berlin, 12. Mai (Tel. des „Tag“). Reichsaußenminister von Neurath erschien heute bei Hindenburg zum Vortrag über die außenpolitische Lage in Audienz. Neurath berichtete über den Stand der Abrüstungskonferenz.

Ein Kabinettsrat, an welchem auch die Reichsminister Blomberg und Göring, die hier mit Flugzeug eingetroffen sind, teilnahmen, befaßte sich mit der Genfer Abrüstungskonferenz. Reichsaußenminister Neurath erstattete Bericht, worauf Reichskanzler Hitler zur Lage sprach.
Reichstagspräsident Göring hat im Einvernehmen mit dem Reichskanzler den Reichstag für Mittwoch, den 17. Mai einberufen. Die Sitzung, die um 3 Uhr nachmittags beginnt, ist ausschließlich Genf gewidmet. Es soll eine Regierungserklärung über den Stand der Abrüstungskonferenz entgegengenommen werden.

England pessimistisch
London, 12. Mai (Tel. des „Tag“). Heute befaßte sich das englische Kabinett mit der schwierigen Lage, in der sich die Abrüstungskonferenz befindet. Man sieht dem weiteren Verlauf der Konferenz mit Pessimismus entgegen.

(330514w1)


Der französische Außenminister über die Rede Neuraths [S. 1, Mitte]
Paris, 12. Mai (Tel. des „Tag“). Paul Boncour äußerte sich heute gegenüber Pressevertretern über den Eindruck, den der gestrige Artikel des Reichsaußenministers von Neurath gemacht hat. Nachdem der französische Außenminister erklärte, daß die Haltung Deutschlands die Konferenz gefährde, fuhr er fort: Man habe der französischen Regierung vorgeworfen, sie hätte die Akten über die deutschen Rüstungen nicht ausgeliefert. Man müsse, so sagte Boncour, auch die Stunde abwarten, in der diese Dokumente veröffentlicht werden können. Gestern ist nun dieser Zeitpunkt gekommen. Die Mehrheit der Abrüstungskonferenz schloß sich dem Standpunkt des französischen Delegierten an.

Im übrigen müsse er auch auf die Ausführungen des englischen Kriegsministers im Oberhaus verweisen und betonen, auch Frankreich werde dafür sorgen, daß der Versailler Vertrag angewendet wird, falls Deutschland auf seinem Standpunkt in der Frage der Gleichberechtigung verharren wird.

(330514w1)


Deutschland wird verantwortlich gemacht [S. 1, unten, Mitte, links]
London, 12. Mai (Tel. des „Tag“). Im Oberhaus hielt Kriegsminister Lord Hailsham eine Rede über den Stand der Abrüstungskonferenz und betonte, dass für das Scheitern der Konferenz nur Deutschland verantwortlich gemacht werden kann. Der Kriegsminister erklärte dass für den Fall einer Aufrüstung Deutschlands die Bestimmungen des Versailler Vertrages sofort angewendet werden müssen.
Es verlautet, dass in dieser Richtung hin die englische und französische Regierung Hand in Hand vorgehen werden.

(330514w1)


Seite 2

Grabsteinlegung [S. 2, unten, Mitte]
Sonntag, den 14. d. M., um halb 10 Uhr vormittags, findet die Grabsteinlegung nach den im Jänner-Februar l. J. verstorbenen Schwestern Susi Rosenrauch und Fanny Bernstein statt.

(330514t2)


Seite 3

Mediasch - unter der Diktatur Hitlers [S. 3, oben, links]
Der Berichterstatter der „Dimineata“ in Mediasch, Vasile Munteanu, berichtet seinem Blatte:
Hitlers Taten in Deutschland führten bereits zu einer formellen Diktatur in unserer Stadt. Zwischen Mediasch und dem durch Rassenterror verunstalteten Reich besteht heute fast gar kein Unterschied mehr.
Der Berichterstatter teilt mit, ein Professor habe ihm erzählt, daß in der Primaria ein Diener ihn gefragt habe, ob er deutsch könne. Denn er (der Diener) sei nicht verpflichtet, eine Minoritätensprache (die rumänische) zu verstehen …
Ein Advokat erzählte gleichfalls dem Berichterstatter, daß er von einer Hitlerbande überfallen worden sei. Der Berichterstatter: Wenden Sie sich an die Behörden. Darauf der Advokat: Es gibt keine Behörden in Mediasch, und als ich nach Bukarest eine Beschwerde machte, wurde mir gesagt, es wäre gut, wenn wir uns mit Herrn Hedrich (sächsischer Abgeordneter) verständigen …
Derartige Beschwerden hat täglich die rumänische Bevölkerung gemacht, und gerade die rumänischen Intellektuellen sind es, die als erste auf die Arroganz der Nazis stoßen.
Der Nationalsozialismus in Sachsen trägt in sich einen ungeheuren Haß. Ihr Losungswort ist: Krieg gegen Alle!
Die Hitleristen in Mediasch sind damit beschäftigt, möglichst viele Fonde zu sammeln. Die Erhaltung der Sturmbataillone kostet viel Geld, und da die Taschen der Sachsen ziemlich zugeschnürt sind, sinnt man nach Mitteln und Wegen, um diese Fonde zu sammeln, wobei Methoden angewendet werden, die sich nicht einmal der Fiskus erlaubt.
Es wurde eine Volkssteuer eingeführt, und das bedauerliche ist, daß diese Steuer gerade diejenigen zahlen müssen, die Gegner des Hitlerismus sind.
Die sächsischen Fabriken haben die Neuerung eingeführt, die Arbeiter in Bons zu bezahlen, eine Prozedur, die die Arbeitgesetzgebung verbietet. Bei Einlösung dieser Bons wird aber den Arbeitern ein Beitrag für die Sturmbataillone zurückbehalten, und so wird ihnen vom Schweiße ihrer Arbeit ein Betrag für die Banden des Herrn Fabricius abgezogen. Ein Vorgang, den nicht einmal Hitler gegenüber den deutschen Arbeitern angewendet hat.
Der rumänische Arbeiter muß also eine Steuer für die Nazis zahlen, um nachher als minderwertiges Volk, das beherrscht werden muß, deklariert zu werden.
Die Ausgabe dieser Bons verfolgt aber auch einen wirtschaftlichen Zweck. Der Beschluß, gewisse Waren zu boykottieren, wirkt sich bereits in Mediasch aus. Diese Bons werden an Geldes statt nicht überall angenommen, nur in gewissen, von den Nazis angewiesenen Geschäften, um die Arbeiter so zu zwingen, nur dort Waren zu kaufen, wo es den Nazis beliebt.
Diese Tatsache ist aber noch dadurch erschwert, daß man diese Vorfälle niemandem zur Kenntnis bringen kann, denn selbst die Behörden stehen unter der Diktatur der Hitleristen.
Der Chef der Industriebehörden ist ein gewisser Binder, der sein Büro in einen Hitlersitz umgewandelt hat. Für Herrn Binder gelten nur die Befehle seines Kommandanten Fabricius. Was die Primaria betrifft, fehlen nur die Farben Hitlers, um diese städtische Institution zu einem Hitlerklub zu machen. Bezeichnend ist, daß der Führer der Nazis in Mediasch der Chefingenieur der Primaria, Römer, ist. In der Primaria werden Beiträge für die Nazis geleistet und auch Aufnahmen in die Sturmbataillone vorgenommen.

Hitler baut die Landkarte um
Ein rumänischer Advokat hat in Mediasch eine sensationelle Feststellung gemacht. Er stieß auf eine Karte, in der die Aenderung der Grenzen Zentraleuropas verzeichnet sind.
Was enthält der Plan? Ungarn soll durch Dualismus mit Oesterreich vereinigt werden.
Siebenbürgen wird unabhängiger Staat unter dem Protektorate Deutschlands, mit einem sächsischen Gouverneur aus Sibiu, das alte Regat eine annektierte Provinz des preußischen Imperiums.

(330514r3)


Frankreich und die Tschechoslowakei für die deutsche Kultur [S. 3, unten, links]
Paris, 10. Mai. Ein Komitee, in dem Romain Rolland und Charles Vildrac als führende Mitglieder fungieren, veröffentlicht einen Aufruf an die französische Oeffentlichkeit, in dem diese aufgefordert wird, Exemplare jener Bücher, die heute in Deutschland öffentlich verbrannt werden, einzusammeln und den französischen öffentlichen Bibliotheken zu übermitteln. Sie sollen dortselbst gewissermaßen eine eigene dokumentarische Abteilung bilden und auf diese Weise öffentlich zugänglich gemacht werden.

(330514w3)


Regenrauschlied … [S. 3, unten, rechts]
Von Alfred Kittner

Der Regen rinnt im Trausenrohr,
im Nachtwind schwankt ein Licht.
Ins Dunkle lauscht mein müdes Ohr
und hört den trägen Tropfenchor …
dein Singen hört es nicht. -

Es stöhnt ein Zecher wund beim Wein,
sein Blick im Glase bricht …
Die Nacht ist wie ein Stern so klein,
dein Lied, das wie sein Wein so rein,
dein Lied, er hört es nicht. -

Der Regen trommelt auf das Dach,
im Winde seufzt ein Baum,
Mein Blut trabt deinem Rufe nach
und hämmert tote Worte wach.
Dein Singen klagt im Traum.

Die Nacht verhüllt mein sternlos Leid,
dein Schatten schwebt im Raum.
Du flatterst kalt im Sterbekleid
und singst dein Lied so märchenweit,
dein Totenlied im Traum …

(330514a3)


Seite 5

Musikverein [S. 5, unten, rechts]
Orchesterkonzert. Russische Musik

Das Orchesterkonzert des Musikvereines (am Dienstag d. 9. d. M.) erweckte besonders reges Interesse durch die Mitwirkung der Pianistin Frau Aranowicz. Sie trat zum ersten Male bei uns auf und gewann sofort die Sympathien des anwesenden Publikums für sich. Frau Aranowicz spielt das schwierige Klavierkonzert von Tschaikowsky [Tschaikowski], das hohes pianistisches Können voraussetzt, mit schönem sattem Ton, fließender Technik und viel Temperament. Als charakteristisches Merkmal fiel Natürlichkeit in der Interpretation auf, bedingt durch urwüchsige Musikalität. Das Programm brachte uns noch Tschaikowskys [Tschaikowskis] 4. Symphonie und die symphonische Dichtung „Antar“ von Rimsky-Korsakoff [Rimski-Korsakow]. Beide Werke strömen echte russische Volksseele - Schwermut, gepaart mit bewußtem Freudengefühl - und Steppenluft aus und fanden in Dr. Hrimaly, dem Kenner der russischen Musik, den geeigneten Dirigenten. Das Orchester hielt sich namentlich bei Rimsky-Korsakoff [Rimski-Korsakow] sehr gut. Konzertmeister war Prof. Krämer.

Kinder-Symphonie-Konzert
Die alljährlich stattfindenden Kinderkonzerte unter ihrem Leiter und Gründer Herrn Prof. Krämer finden immer mehr Anklang, der Saal ist von einem Male zum anderen stärker gefüllt. Hier ist der Beweis erbracht, daß bei systematischer Musikpflege schon im zartesten Alter Lust und Liebe für die Tonwelt gewertet werden können. Wenn auch von all den Kleinen späterhin nur wenige wirkliche „Musiker“ werden, bleiben bei den meisten Sinn und Verständnis für Musik, Freude am Schönen erhalten.
Beim letzten Kinderkonzert konnte man wieder sehen, wie ernst und selbstverständlich die kleinen Ausübenden ihre Aufgabe, öffentlich aufzutreten, nahmen, wie herzlich ihrerseits die kleinen Zuhörer mitgingen, wie stolz sie auf die Leistungen ihrer Freunde waren. Natürlich können nur unter gediegener Anleitung schon bei Kindern musikalische Erfolge erzielt werden und man muß Herrn Prof. Krämer, sowie Fr. Tauber-Wallstein und Herrn Dr. Hrimaly vollste Anerkennung für ihre pädagogische Wirksamkeit zollen. Frl. Rella Kürschner stellte sehr hübsche Tanzeinlagen.
-a. -g.

(330514c5)


Russische Zeitungsziffern [S. 5, unten, rechts]
Anläßlich des „Tages der Presse“ veröffentlichen die Moskauer Blätter Angaben über das Anwachsen des Presse- und Buchwesens in der Sowjetunion im ersten Fünfjahrplan. Darnach erschienen im Jahre 1928 in der Sowjetunion 577 Zeitungen mit einer Auflage von 9 Millionen Exemplaren, während im Jahre 1932 6683 Zeitungen mit einer Auflage von 35 Millionen Exemplaren herausgegeben wurden. Die Zeitungen der Sowjetunion erscheinen in 63 Sprachen. Im Jahre 1928 bstanden 205 Blätter in den Sprachen der Nationalitäten, die die Sowjetunion bewohnen. Ende 1931 waren es ihrer 1620.


Seite 8

Für die Würde des Geistes [S. 8, Mitte, rechts]
Prag und Paris antworten

Paris, 12. Mai (Tel. des „Tag“). Das tschechoslowakische Komitee zur Unterstützung der deutschen Emigranten hat folgenden Appell erlassen:
An die Besitzer und Leser von Büchern!
Die gegenwärtigen Beherrscher des deutschen Reiches beschlossen, am 10. Mai Tausende von Büchern, die aus den Bibliotheken geholt wurden, zu verbrennen. Auch auf andere Weise sollen die Leser von diesen Büchern ferngehalten werden. Unter den Autoren, die im Index verzeichnet sind, befinden sich auch tschechoslowakische Schriftsteller. (Hasek, Olbracht ec)
Als Antwort auf diese herostratische Aktion bittet das Komitee über Initiative französischer Schriftsteller und im Einvernehmen mit der gesamten zivilisierten Welt, ihm alle proskribierten Bücher, sei es im Original oder in Uebersetzung, zur Verfügung zu stellen. Das Komitee wird diese Bücher den öffentlichen Bibliotheken der Tschechoslowakei zur Verfügung stellen. Das Komitee hat auch eine Liste aller Schriftsteller, deren Bücher verbrannt wurden, angelegt.

Ausstellung deutscher Bücher
Die „Prager Presse“ bringt hernach folgende Mitteilung:
Während in Berlin die „Bücher bedeutender Schriftsteller dem Scheiterhaufen“ übergeben werden, veranstaltet die städtische Bibliothek eine Ausstellung aller dieser Bücher. Wenn auch der Raum der Bibliothek klein ist, so ist die Ausstellung angesichts der geistigen Bedeutung ungeheuer.
Die meisten der deutschen Bücher liegen in tschechoslowakischer Uebersetzung auf. Die Eröffnung der Bibliothek steht unter dem Motto: „Rückkehr zum Mittelalter“. Es befinden sich in der Ausstellung Bücher von Barbusse bis zu Stefan Zweig.
Unter den verbrannten Büchern befinden sich auch Werke des indischen Nationalisten Gandhi.
An Stelle der verbrannten Bücher liegen nun in Deutschland auf: „Der junge Hitlerist Onex“ von Schenziger (vier Exemplare), „Das Volk am Kreuz“ von B. Keinser und „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. (Mindestens zehn Exemplare).

(330514w8)
Klaus Binder
 
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Nr. 349, Dienstag, 16.05.33

Postby Klaus Binder on 16. May 2011, 01:53

Seite 2

Hakenkreuzfahne im belgischen Parlament [S. 2, oben, links]
Brüssel, 14. Mai (Tel. des „Tag“). Nach einer Sitzung im Abgeordnetenhaus, die 30 Stunden dauerte und in der über das Budget beraten wurde, ereignete sich folgender Zwischenfall:
Der kommunistische Abgeordnete Lahaut erhob sich mit einer Hakenkreuzfahne in der Hand und erklärte, daß diese Hitlerfahne vom deutschen Konsulat gelegentlich der Feier des 1. Mai herabgerissen worden sei.
Der deutsche Geschäftsträger Bauer erschien sofort beim Außenminister Hymans und brachte ihm diesen Vorfall zur Kenntnis, wobei er gleichzeitig im Namen Deutschlands protestierte. Der Außenminister ersuchte Bauer, am kommenden Tag zu kommen, da er nach einer Sitzung von 30 Stunden in der Kammer ermüdet sei. Diese Antwort des belgischen Außenministers hat größte Sensation ausgelöst.
Am nächsten Tag erschien der deutsche Geschäftsträger wieder bei Hymans. Der Außenminister erklärte, daß es sich um einen Zwischenfall ohne jede Bedeutung handelt.

(330516w2)


Die Sonderaktionen sind peinlich [S. 2, oben, links]
Hitler hat seine Leute nicht mehr in der Hand. Trotzdem Göring schärfste Maßnahmen gegen selbständige Aktionen angedroht hatte, kümmern sich seine Nazis nicht mehr um die Befehle von Oben. Der „Tag“ hat in der Sonntagsnummer vom Streik bei Ullstein berichtet. Das Hitler’sche Amtsblatt weiß hiezu zu melden:
Unter dem Druck der gesamten Belegschaft gab die Geschäftsleitung die Zusicherung, sämtliche jüdischen Schriftleiter zu entlassen, worauf sofort in „vollständiger Ruhe“ die Arbeit wieder aufgenommen wurde.
Inzwischen war folgendes geschehen: Der Anzeigechef der „Grünen Post“, Lindner, ist von der Kriminalpolizei in „Schutzhaft“ genommen worden. Er hat einer Angestellten gedroht, daß sie entlassen werde, wenn sie sich am Streik beteiligt.
Das Haus stand vollkommen unter dem Terror der Streikenden, die zum Teil in braunen Uniformen die Gänge durchstreiften. Im Hause waren große Plakate angebracht, die in der Druckerei soeben hergestellt wurden und folgende Inschriften trugen:
„Juden heraus! Herunter mit den Direktionsgehältern! Fort mit Direktor Müller! Fort mit dem Personalchef Kobylewski!“

Außerdem Sonderaktion im Warenhaus „Epa“
Aus Berlin wird gemeldet: Zu einer eigenartigen Selbsthilfe sind die Angestellten aller Berliner Filialen des Einheitspreisgeschäftes EPA geschritten. Als Protest gegen die jüdische Leitung des Unternehmens hat gestern 4 Uhr nachmittags das gesamte Personal der 14 Berliner Verkaufsstellen die Arbeit niedergelegt, so daß die Warenhäuser geschlossen werden mußten. In den Schaufenstern wurden Schilder mit folgendem Inhalt ausgehängt: „Wir EPA-Angestellten fordern den Rücktritt des jüdischen Vorstandes. Wir wollen ein deutsches Unternehmen sein!“ (Bekanntlich ist eigenmächtiges Vorgehen der Betriebszellenorganisationen strengstens untersagt. A. d. R.)
Und schließlich „Sonderaktion“ im eigenen Hause:
Auch der nationalsozialistische „Angriff“ ist wegen eines Streiks nicht erschienen. Die Bewegung ging von den Händlern und Austrägern aus, denen man die Löhne kürzen wollte. An die Bewegung der Händler und Austräger schlossen sich auch die Setzer an, welche die Forderung stellten, daß man den durch die Stilllegung der sozialdemokratischen und vieler linksbürgerlicher Zeitungen arbeitslos gewordenen Setzern wieder Arbeit geben müsse. Die Arbeitslosigkeit unter den Setzern sei eine außerordentlich große und es sei deshalb nicht angängig, so viele Druckereien still liegen zu lassen.

Sie warnen, aber es nützt nichts
Berlin, 14. Mai (Tel. des „Tag“). Wirtschaftskommissar Dr. Wagner hat eine strenge Verfügung erlassen, in der mit aller Energie Aktionen im Wirtschaftsleben von Organen, die keinen offiziellen Charakter haben, verboten werden.
Hauptsächlich wird den nationalsozialistischen Organisationen der Kleinindustrie, die sich zu einem Kampfbund zusammengeschlossen haben, verboten, ihren Einfluß die Festsetzung der Preise geltend zu machen oder nationalsozialistische Kommissare für Wirtschaftsinstitutionen zu ernennen.

(330516w2)


Abfuhr auf Abfuhr für Rosenberg [S. 2, links, Mitte]
London, 14. Mai (Tel. des „Tag“). Gelegentlich des Tee-Nachmittags im Hotel „Claridge“, an welchem auch der Emissär Hitlers, Alfred Rosenberg, teilnahm, erhob sich eine Dame aus der britischen Gesellschaft und verteilte Zettel mit der Aufschrift:

„Herr Rosenberg, der Emissär des Arbeiterhenkers in Deutschland.“

Ein junger Mann, der diese Dame begleitete, stellte sich auf einen Tisch und führte u. a. aus:
„Die Syndikalisten Londons würden gerne erfahren, wie es möglich sei, daß die Direktion des Hotels „Claridge“ eine Repräsentanten Hitlers beherbergt. Die Regierung Hitlers ist befleckt mit dem Blut einer großen Masse von Arbeitern. Diese Regierung hat die Arbeitersyndikate und die sozialdemokratische Partei aufgelöst. Diese Regierung hat in brutaler Weise die Juden verfolgt.“
Nur mit schwerer Mühe konnte das Hotelpersonal den jungen Mann aus dem Saal entfernen.
Am gleichen Abend versammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Hotel, in welchem Rosenberg wohnte und schrie: „Nieder mit Hitler!“ Im Museum Waxwork, in welchem Figuren bekannter Persönlichkeiten ausgestellt sind, wurde eine Statue Hitlers rot bemalt und darauf die Inschrift gesetzt: „Hitler, der Mörder!“

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan ...
Alfred Rosenberg hat bereits London verlassen. Die unerwartete Abreise wird mit der Einberufung des Reichstages in Zusammenhang gebracht.

Nach Rosenberg erhält ein zweiter Emissär Hitlers eine Abfuhr
Paris, 14. Mai (Tel. des „Tag“). Der Berliner Korrespondent der Havasagentur berichtet seinem Blatte: In der gleichen Eigenschaft wie Rosenberg in London befindet sich jetzt das Mitglied der Nationalsozialisten Boghs, in Schweden, um die Sympathie dieses Staates für Hitler zu gewinnen. Die Aufnahme Boghs in Schweden war aber eine sehr reservierte. Boghs mußte sogar Zeuge eines unangenehmen Zwischenfalls gelegentlich der Anwesenheit des schwedischen Königs in Berlin sein. Er erschien nämlich beim schwedischen Gesandten in Berlin und beklagte sich, daß der schwedische König mit dem Juden Prenn Tennis gespielt habe. Der Botschafter ließ Boghs wissen, daß sich der König von Nazis keine Ratschläge erteilen lasse. Dieser Zwischenfall wird in der skandinavischen Oeffentlichkeit lebhaft erörtert.

(330516w2)


Hitleriana [S. 2, oben, Mitte]
Der tschechoslowakische Unterrichtsminister Dr. Derer sagte in einem Vortrage mit dem Thema „Schule und Politik“:

„Es ist ausgeschlossen, daß die tschechoslowakische Schule einem Geiste dient, der die höchste Unduldsamkeit gegen Andersdenkende zur Regel erhebt, der dem herrschenden Parteigeist nicht genehme literarische und wissenschaftliche Werke dem Scheiterhaufen überantwortet, der Geistesarbeiter nur deshalb verpönt, weil sie anderer Herkunft sind, der die Freundschaft und Verbindung eigenen Blutes mit dem Blute anderer Menschenrassen für volksfeindlich und Verrat am eigenen Volke erklärt, der Rassenhaß schon in die junge Kinderseele hineintragen und die Jugend nicht zur Wahrheit erziehen will, sondern zur rücksichtslosen Förderung egoistischer Rasseninteressen, wenn notwendig auch durch Fälschung und Entstellung historischer Tatsachen“.

Dort in Prag wird aber nicht bloß gesprochen, sondern auch gehandelt.

*
Der „Manchester Guardian“, ein linksstehendes und weit verbreitetes englisches Blatt, ist schon vor Wochen von der Nazi-Regierung in Deutschland verboten worden. Sämtliche englische Zeitungen, ohne Unterschied ihrer politischen Einstellung, haben - ein schönes Zeichen der Solidarität - gegen die Verfügung der deutschen Faschisten protestiert. In Wahrheit hat die deutsche Regierung jedoch durch das Verbot sich selbst viel mehr geschädigt als den „Manchester Guardian“ oder gar die Richtung, die er vertritt. Das englische Blatt hat die Berichterstattung aus Nazi-Deutschland keineswegs eingestellt, im Gegenteil, eine Artikelserie über die Zustände im Dritten Reich folgt auf die andere und die gesamte Weltpresse druckt diese Berichte ab. Insbesondere die amerikanischen Zeitungen, die in den letzten Tagen hier eingetroffen sind, von den New Yorker Blättern mit den Millionenauflagen, bis zu den Zeitungen von lokaler Bedeutung, die irgendwo im wilden Westen erscheinen, alle reproduzieren sie auf vielen Spalten und Seiten die Deutschland-Artikel des „Manchester Guardian“. Die Deutschen selbst dürfen nicht erfahren, wie es in ihrem Land zugeht und wie die Welt über das Berliner Regierungssystem denkt, aber immer wieder zeigt es sich, daß der Terror, insbesondere jener Terror, der sich gegen die Presse wendet, an der Grenze seine Macht verliert. Das Verbot des „Manchester Guardian“ ist eine der Nazi-Maßnahmen, die sich gegen Nazi-Deutschland gekehrt haben, dieses Verbot trägt viel dazu bei, daß die ungeschminkte Wahrheit über den Hitlerismus auf der ganzen Welt von der Londoner City bis zum letzten amerikanischen Farmhaus verbreitet wird.

*
Wie groß ist Hitler?
In einer Rede für das neue Regime in der Budapester Außenpolitischen Gesellschaft führte der deutsche Propagandist Edgar v. Schmidt-Pauli u. a. aus: Hitler führte durch, was nicht einmal Bismarck gelang: er einte das ganze deutsche Volk. Daher ist Hitler größer als Alexander der Große, Julius Caesar, Napoleon, Luther und Bismarck.

(330516w2)


Die Vorgänge an der Universität [S. 2, unten, rechts]
Nach den Vorfällen am Freitag Nachmittag, da es zu einem Ueberfall auf jüdische Studenten kam, weil sie im Korridor der Universität deutsch gesprochen haben sollen, ereigneten sich am Samstag vormittags bedauerliche Zwischenfälle, die das Einschreiten stärkerer Polizeikräfte und Gendarmerie zur Folge hatten. Die rumänischen Studenten hatten zumeist einigen jüdischen Kollegen den Eintritt in die Universität verweigert. Die jüdischen Studenten erschienen in großer Zahl. Auch diesen gelang es nicht, in die Universitätsräume zu gelangen, sie wurden durch allerlei Gewaltmittel ferngehalten und dann verjagt. Der Vorfall hatte großes Aufsehen hervorgerufen.

Zusammentritt des Universitätssenates
Dienstag tritt der Universitätssenat zusammen, um zu den Vorfällen Stellung zu nehmen. Da es sich um einen Zwischenfall auf akademischem Boden handelt, dürfte der Senat Disziplinarstrafen gegen die Schuldigen verhängen. Der Senat hat gegen 24 Studenten die Disziplinaruntersuchung eingeleitet.

(330516c2)


Seite 4

Gegen den Hitlerismus in Rumänien [S. 4, oben, links]
Die Liberalen verlangen die Macht

Bukarest, 14. Mai (Tel. des „Tag“). Im Exekutivkomitee der liberalen Partei verwies Duca auf die extremistischen Strömungen der letzten Zeit und betonte, daß die Regierung die Situation nicht beherrschen könne, nachdem sie in der Opposition mit diesen extremistischen Strömungen paktiert habe. Die Liberalen werden nicht zulassen, daß die Sicherheit des Staates gestört und gefährdet werde. Methoden eines Stalin aus Moskau und eines Hitler aus Deutschland werde das Land nicht dulden. Wir haben immer auf ein friedliches Zusammenarbeiten mit den Minoritäten hingearbeitet, wir müssen sie aber aufmerksam machen, daß sie sich im Rahmen der Gesetze halten müssen, um nicht mit Hilfe der Rezepte von jenseits der Grenzen, mit den Interessen des Staates, in welchem sie wohnen, in Konflikt zu kommen.
Duca befaßt sich schließlich mit der Demission Manius, die er „ein trauriges Kapitel“ nennt. Es handelt sich da nur um Manöver, um eine bereits verurteilte Regierung noch länger am Ruder zu erhalten.
Im gleichen Sinne sprachen Dinu Bratianu, Anghelescu, N. Saveanu, Safu, Lapedatu, Oromolu, Bentoiu und der Führer der Bukowiner Liberalen, Senator Nistor, der sich mit der Situation der Bukowina befaßte und eingehend die extremistischen Strömungen beleuchtete. Er verwies auf die hitleristische Gefahr in Rumänien und besonders in der Bukowina und sagte, daß ein neues Element in der rumänischen Politik, ein Element des Terrors, welches das öffentliche Leben degradiere, eingeführt wurde. Angesichts der Schwäche der Regierung sei es Pflicht der politischen Parteien, gegen die grausamen, wilden und rohen Sitten anzutreten. Die bewaffneten Sturmbataillone, die von Minoritäten und auch rumänischen Kreisen gebildet wurden, haben nur den Zweck, Unruhen zu provozieren, Ansprüche revisionistischer Natur zu erheben, unter dem Vorwand, zu beweisen, daß der Staat nicht die Autorität besitze, die Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten.

Die Hitleristen träumen
Bukarest, 14. Mai (Tel. des „Tag“). Sowohl bei der Presektenkonferenz als auch bei der Beratung des Exekutivkomitees der liberalen Partei wurden über die extremistischen Strömungen im Lande folgende interessante Feststellungen gemacht.
1. Von einer eigentlichen rechtsgerichteten Bewegung ist nicht die Rede. Diese Benennung resultiert nur daraus, daß die Agitatoren immer im Namen des Patriotismus sprechen, dabei aber Rassenhaß predigen. Es ist nur von einer Bewegung mit sozialem Charakter die Rede. Das Thema lautet: Keine Zahlung der Schulden. Aufteilung des Vermögens einer gewissen Kategorie von Bürgern, demnach eine neue Enteignung. Beseitigung der gegenwärtigen Herrschaft.
2. Unter der Maske einer hitleristischen Bewegung, die den Charakter des Rassenhasses in sich trägt, versteckt sich in der Tat eine Bewegung, die den Zweck hat, dem Lande internationale Schwierigkeiten zu bereiten, um denjenigen jenseits der Grenzen Gelegenheit zu geben, im Trüben fischen zu können.
Man soll sich daher nicht wundern, wenn die Hitleristen Träume und Hoffnungen hegen. Wenn der Bayrische Justizminister Franck sagen konnte, daß die deutsche Rasse die lateinische und griechische Rasse annektieren wird, warum sollen dann gewisse Hitleristen auch nicht die Hoffnung hegen, daß sich die „deutschen Grenzen bis zu uns nach Rumänien ausdehnen könnten“.
Angesichts dieser Tatsache macht sich bereits die Reaktion der politischen Parteien bemerkbar. Man hörte Worte der Mißbilligung von Vaida, Mironescu und zuletzt auch von Duca.

*
Die Sozialdemokraten und der Hitlerismus
Eine Erklärung Radaceanus

Bukarest, 14. Mai (Tel. des „Tag“). Der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Radaceanu äußerte sich in der „Lupta“ über die Hitlerbewegung wie folgt: Die braune Pest, die in Deutschland eingerissen ist, bietet uns zur Genüge Beispiele der Barbarei, die auch zur Besorgnis über das Uebergreifen dieser Pest auf andere Länder Anlaß gibt. Die Sozialdemokraten sind durch ihren demokratischen Geist gewiß gegen den Hitlerismus und seine Ableger in Rumänien. Daß sich die bürgerlichen Parteien aber keine Rechenschaft geben, daß der Hitlerismus nicht nur gegen die Arbeiter, sondern auch gegen die Bourgeoisie gerichtet ist, nimmt mich Wunder. Nachdem der Hitlerismus in Rumänien keine ernste Form angenommen hat, ist noch genügend Zeit zur Ergreifung von Maßnahmen. Es ist nur erfreulich, daß der Antisemitismus und der Faschismus bei den Arbeitern keine Wurzeln faßt. Der Kongreß der Sozialdemokraten wird auch die zu ergreifenden Maßnahmen, die sich nicht nur auf die Arbeiter, sondern auch die Dorfbewohner beziehen wird, beschließen. Die Arbeiter sind zu einer Front geeint. Auch in Deutschland sind die Arbeiter trotz des Hitlerterrors um Otto Wels geschart.

(330516r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 350, Mittwoch, 17.05.33

Postby Klaus Binder on 17. May 2011, 17:31

Seite 2

Die Universität bringt zur Kenntnis [S. 2, Mitte, rechts]
Zufolge des Beschlusses des Universitätssenates, der in einer am Samstag, den 13. Mai, stattgefundenen Sitzung gefaßt wurde, wird den Studenten zur Kenntnis gebracht:

1. Diejenigen Studenten, von denen erwiesen ist, daß sie am 12. und 13. d. M. an den Unruhen in der Universität teilgenommen haben, werden der Disziplinarkommission der Universität überfürwortet. Die Schuldigen werden strenge bestraft werden.

2. Im Falle der Wiederholung derartiger Vorfälle wird der Senat genötigt sein, die Universität zu schließen und die Prüfungssession aufzuheben.

(330517c2)


Seite 3

Wirtschafts-„Tag“
Die Krise des rumänischen Staates [S.3, oben, links]
Der Stände-Staat
Vortrag, gehalten vom Senator Professor Mihail Manoilescu, gewesener Minister


Samstag vorabends hatten wir nach längerer Zeit Gelegenheit, einen Vortrag des gewesenen Handelsministers Herrn Manoilescu anzuhören, welcher, wie er selbst sagte, über das etwas subversiv klingende Thema: die „Krise des rumänischen Staates“ sprach. Nach den einleitenden Worten, mit welchen er seiner großen Freude Ausdruck gab, wieder einmal in Czernowitz zu sprechen und auf den besonderen Charakter der Bukowina in sozialer, ökonomischer, geographischer und moralischer Hinsicht, hinwies - die Bukowina ist keine Provinz, keine Region, sondern viel mehr als das, die Bukowina ist ein Land mit Eigenart, mit alter Kultur und Bildung - sagte Herr Manoilescu - begann der Vortragende seine Ideen über die Notwendigkeit der Reorganisation des Staates zu entwickeln. Der heutige Staat erfülle nicht mehr seine Aufgabe, weil seine Organisation eine falsche ist. Es gibt einen doppelten Patriotismus, den kritischen und den konstruktiven. Die Kritik ist ebenso notwendig, wie der Aufbau, weil die Kritik das schlechte aufdeckt und zeigt, was an dessen Stelle zu setzen ist. Der heutige Staat wird von politischen Parteien regiert, denen das Parteiinteresse höher geht als die Notwendigkeiten des Gesamtvaterlandes. Indem Manoilescu von den Ideen des Liberalismus ausging, die Lehre Rousseaus, Montesquieus, Karl Marx über den Staat kurz streifte, entwickelte er seine Ideen über den neuen Staat, dessen Funktion heute eine wirtschaftliche ist. Die Hauptaufgabe des Staates bestehe darin, der gesamten Bevölkerung eine angemessene Lebenshaltung zu sichern. Dies sei aber bei der heutigen Zusammensetzung der gesetzgebenden Körperschaften nicht möglich, da in denselben die Interessen der einzelnen Wirtschaftskörperschaften ungleich vertreten seien. Im rumänischen Parlament, welches 643 (eine viel zu hohe Zahl) Abgeordnete zählt, sind 80% der Bevölkerung, die Landwirte, im Ganzen mit 78 Mitgliedern vertreten, während 0,007 Prozent der Bevölkerung, die Advokaten, 243 Mitglieder entsenden. Und nun begann Herr Manoilescu über sein angekündigtes Thema

„Rumänien, ein korporativer Staat“
zu sprechen. Herr Manoilescu ist bekanntlich ein jahrelanger Vertreter der Idee des korporativen Staates, des Staates, in welchem die Innungen und Zünfte regieren. Herr Manoilescu hat unlängst im Verlage der „Lumea noua“ eine Broschüre unter dem Titel: „Romania stat corporativ“ veröffentlicht, in welcher er die Ideen über diese Staatsorganisation ausführlich entwickelt. Wir werden in der Sonntagnummer Gelegenheit nehmen, diese Ideen, bezw. seinen Vortrag und seine Broschüre, eingehend zu besprechen, da der heutige uns zur Verfügung stehende Raum das unmöglich macht, für heute sei nur noch bemerkt, daß Manoilescu zu den glänzendsten Rednern Rumäniens zählt, was bei der großen Anzahl der guten Redner Rumäniens sehr viel heißen will. Manoilescu hat aber auch in der wissenschaftlichen Welt - Welt im wahren Sinne des Wortes - einen schönen Namen. Seine Bücher sind in viele Weltsprachen übersetzt und sehr günstig beurteilt -, ins Englische, Deutsche, Französische, ja Portugiesische. - Erst jüngst ist in der von der „Royal Economy Society“ in London herausgegebenen Quartalsrevue eine sehr lobende Besprechung über die auch vom Schreiber dieser Zeilen rezensierte Arbeit Manoilescu’s erschienen. Seine Rede wirkt faszinierend, seine Stimme ist äußerst modulationsfähig und verliert bis zum Schlusse nichts von ihrer Frische und ihrem Wohlklang. Manoilescu war, wie erwähnt, Handelsminister, Gouverneur der Nationalbank und schon vor mehr als 10 Jahren Generalsekretär im Finanzministerium. Er verfügt also über viel Wissen und Kenntnis der Staatsverwaltung. Als Mitglied der Internationalen Handelskammer, er ist Präsident der rumänischen Delegation, erfreut er sich in internationalen Wirtschaftskreisen großen Ansehens.
Der Vortrag war glänzend besucht, man sah fast alle Universitätsprofessoren, Männer der Wissenschaft, Advokaten, Ingenieure, Kaufleute, Aerzte u.s.w. Reicher Beifall lohnte den Vortragenden.
M. R.

(330517r3)


Die Vorgänge an der Czernowitzer Universität [S. 3, Mitte]
Die geladene Atmosphäre, die in den letzten Tagen bemerkbar war, hielt auch im Laufe des gestrigen Tages an. Der Eingang zum Universitätsgebäude war von einer großen Anzahl rumänischer Studenten besetzt, um ihren jüdischen Kollegen den Eintritt zu verwehren. Division und Polizei hatten weitgreifende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe ergriffen. Die jüdischen Studenten blieben unter dem Zwang der herrschenden Atmosphäre den Vorlesungen fern.
Als der Dekan der Advokatenkammer, Prof. Dr. Cost. Radulescu, einige Worte an die Studentenschaft zu richten begann, um ihnen über ihr Verhalten Vorwürfe zu machen, wurde er von der versammelten Studentenschaft ausgepfiffen und mit höhnischen Zurufen bedacht. Prof. Dr. Radulescu begab sich hierauf in das Dekanat und trug in das Präsenzbuch ein, er sei gezwungen, die Vorlesung abzusagen, da ein großer Teil der Hörer auf widerrechtliche Weise vom Besuch der Fakultät ferngehalten worden sei. Er überreichte auch eine in diesem Sinne gehaltene Eingabe an das Universitätsrektorat.

(330517c3)


Plötzlicher Tod [S. 3, Mitte]
Gestern vormittags ist der 58-jährige Geschäftsführer der Firma Scherz & Co,. Herr Maxim Rafalowicz, in seinem Geschäfte am Ringplatz einem Herzschlage erlegen. Der plötzliche Tod dieses geachteten Kaufmanns, der aus Rußland stammte, hat große Teilnahme hervorgerufen.

(330517t3)


Seite 4

Deutschlands Antwort an den englischen Kriegsminister [S. 4, Mitte]
Rede des Vizekanzlers v. Papen

Vizekanzler von Papen hat seine Rede auf der großen Stahlhelmkundgebung in Münster eingeleitet mit einer Darstellung der außenpolitischen Situation, die er mit den Worten kennzeichnete, daß aus Mißverstehen ein außenpolitischer Ring um Deutschland geboren werde, der vollkommen den Augusttagen des Jahres 1914 gleiche, und durch den nicht nur eine militärische, sondern auch eine moralische Isolierung Deutschlands erreicht werden soll. Vizekanzler von Papen meinte, es wäre kindlich und unwürdig, aus Ueberhebung oder aus Schwäche die Augen vor der Gefahr zu verschließen, die das nationale Leben zu bedrohen scheint. Papen verwies auf die kommende Regierungserklärung im Reichstag, die die Welt aufhorchen lassen werde. Der Vizekanzler sagte dann u. a.:
Es wäre kindlich und der Stunde, in der wir leben, nicht würdig, wenn wir aus Ueberhebung oder aus Schwäche die Augen vor der Gefahr verschließen wollten, die unser nationales Leben zu bedrohen scheint.
Der Kriegsminister einer fremden Macht hat dieser Tage von „Sanktionen“ gesprochen. Das Gedächtnis der Welt und einiger Staatsmänner scheint erstaunlich kurz. In Lausanne beglückwünschten sie mich - und sich selbst - daß nach vierzehn Jahren bitterer Irrtümer auf der Siegerseite nun endlich der Wahnsinn der Reparationen beseitigt sei, der die ganze Welt an den wirtschaftlichen Abgrund gebracht hatte und daß mit dem Ende des Traums „Deutschland wird alles zahlen“ nun auch der phantastische Gedanke ein klägliches Ende gefunden habe, man könne Zahlungen mit militärischen Sanktionen erpressen!
Diesem Kriegsminister ist es offenbar nicht bewußt gewesen, welche Hypokrisie darin liegt, den Völkerbund zu Sanktionen aufzufordern - gegen eine Macht, die nichts tut, als einen moralischen Kampf gegen unsittliche Verträge zu führen, während doch dieser gleiche Völkerbund es nicht einmal fertig brachte, irgendeine Maßnahme gegen solche Mächte zu ergreifen, die sich nicht mit moralischen Protesten begnügten, sondern zu den Waffen griffen und Krieg führten.
Weiters: So oft wird heute die Frage an mich gerichtet, ob die Partner, die am 30. Januar die Regierung der nationalen Erhebung bildeten, nicht gleichberechtigt seien und die gleichen Aufgaben hätten.
Die drei Partner der nationalen Regierung hatten seit jeher den glücklichen Willen zu einer neuen inneren Erhebung. Aber es kann nicht verkannt werden, daß die Art des Anteils an der Neugeburt der Nation entsprechend dem Werdegang dieser Kräfte ein vollkommen verschiedener ist. Ohne den ungeheuren Schwung der nationalsozialistischen Bewegung würde es niemals gelungen sein, das ganze Deutsche Volk unter diese Fahnen des Idealismus aufzureißen. Wir können dieser Bewegung nicht gedenken, ohne die Augen auf den Mann zu richten, der diese Sturmfahne vorantrug und der heute die Hoffnung der ganzen Nation ist: Adolf Hitler.

(330517w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 351, Donnerstag, 18.05.33

Postby Klaus Binder on 21. May 2011, 01:01

Seite 1

Deutschland rüstet [S. 1, oben, links]
England befürchtet neuen Weltkrieg

London, 16. Mai (Tel. des „Tag“). Die Rede des Vizekanzlers Papen und die von französischen Zeitungen übernommenen Meldungen, daß die deutsche Industrie mit der Erzeugung schwerer Geschütze betraut wurde, veranlaßt die englische Presse zu einem neuen Sturmangriff gegen das Hitler-Deutschland.

Alle englischen Zeitungen kommentieren die ernste Situation bei der Abrüstungskonferenz, wie sie durch das Verhalten Deutschlands entstanden ist, und sagen, daß ein europäischer Krieg nicht ausgeschlossen ist. „Daily Telegraph“ nennt die kriegerisch alarmierende und drohende Haltung Deutschlands ein gemeines Verbrechen. Die Zeitung verlangt die Wiederaufnahme des Studiums des Viermächtepaktes, wie er von England abgeändert wurde, denn nur durch eine Ausgleichung der Kräfte kann Europa gerettet werden.

Die Tatsache, daß die öffentliche Meinung Englands gegen das Hitlerregime ist, läßt darauf schließen, daß Deutschland eine große Gefahr darstellt. Es wird betont, daß der englische und französische Außenminister im gegenwärtigen Zeitpunkt im vollsten Einvernehmen über die Politik, die gegenüber Deutschland einzuschlagen ist, sich befinden.

Die englischen Kreise behaupten, daß die Situation heute ernster ist als im Jahre 1914, und daß Hitler weit gefährlicher ist als Bethmann-Hollweg und Wilhelm II. In dieser Situation werde England unter keinen Umständen die geringste Revision der Friedensverträge zulassen.

Säbelrasseln der Nazis
London, 26. Mai (Tel. des „Tag“). „Sunday Referee“ gibt im Zusammenhang mit der internationalen Situation ein Gespräch mit Reichskanzler Hitler wieder. Der Reichskanzler hat sich geäußert:

„Es ist eine Verrücktheit anzunehmen, daß zwischen Deutschland und Frankreich eine Einigung möglich ist. Der Säbel muß noch das letzte Wort sprechen“.

Die genannte Zeitung knüpft an die Ausführungen folgenden Kommentar:

Das nationalsozialistische Deutschland will Krieg unter allen Umständen, und der bevorstehende Abbruch der Abrüstungskonferenz rückt den Zeitpunkt des Krieges immer näher.

Die liberale Zeitschrift „Economiste“ verlangt von der englischen Regierung die sofortige Ergreifung energischer Maßnahmen, um Hitler zu sagen, daß der Versailler Vertrag in seiner Gänze angewendet werde. Wenn wir heute die Augen vor den Drohungen Deutschlands schließen würden, so hieße es, daß wir die Verurteilung der Kultur und der persönlichen Freiheit zum Tode auf den europäischen Kontinent mit unterschreiben.

Auch Amerika gegen Hitler
Washington, 16. Mai (Tel. des „Tag“). Die gesamte amerikanische Presse verurteilt die Haltung Deutschlands bei der Abrüstungskonferenz, ebenso wie sie das Regime Hitlers im allgemeinen verabscheut. „New-York Herald“ schreibt u. a.: Durch die Sicherung des Wahlerfolges glaubten die Nationalsozialisten, alle Ketten zerrissen zu haben, und die Regierungsübernahme durch Hitler bedeutet, den Versailler Vertrag zu Grabe zu tragen. Gerade die Aktion Hitlers hat aber den Versailler Vertrag wieder auferstehen lassen.

Die Sicherheit der Welt steht auf dem Spiel
„New-York Times“ sagt: Das Programm Hitlers ist die Revision des Versailler Vertrages. Nun an die Macht gelangt, ist die gesamte Welt gegen eine Revision und zu dieser Ueberzeugung sind selbst die Amerikaner deutschen Ursprunges gekommen.

„New-York Evening Post“ betont, daß sich Deutschland alle bisher erworbenen Sympathien verscherzt habe. Deutschland verfolge den einzigen Zweck, eine Revision des Versailler Vertrages zu erreichen, auch wenn diese Revision einen Krieg provoziert. Es ist hier nicht nur die Sicherheit Frankreichs, sondern die Sicherheit der ganzen Welt im Spiele, wenn Deutschland seinen Standpunkt in Genf nicht ändert.

Norman Davis, der Hauptdelegierte Amerikas bei der Abrüstungskonferenz, erklärte Pressevertretern, daß die weitere Entwicklung der Abrüstungskonferenz von den Erklärungen Hitlers, die er im Reichstag abgeben wird, abhängt.

Die Sozialdemokraten im Reichstag
Berlin, 16. Mai (Tel. des „Tag“). In politischen Kreisen vertritt man die Ansicht, daß dem Ansuchen Löbes, des Vorsitzenden der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, stattgegeben wird und dadurch die Abgeordneten in der Lage sein werden, an der Sitzung des Reichstages teilzunehmen.

(330518w1)


Carol II., Ehrendoktor der Czernowitzer Universität [S. 1, oben, rechts]
Fortab: „Universität Carol II.“

Ein Aufruf des Rektors an die Studentenschaft
Der Rektor der Czernowitzer Universität, C. Isopescul-Grecul, richtet an die Studentenschaft folgenden Aufruf:
Der König wird in der Zeit seines Aufenthaltes in Czernowitz, am 24. und 25. Mai, auch der Universität seinen Besuch abstatten. Der Universitätssenat hat in seiner Sitzung vom 9. Mai beschlossen, den König um die Gewährung seiner Patronanz anzugehen, damit die Universität den Namen: „Universität König Carol II“ trage. Der König gab seine Genehmigung. Der Universitätssenat beschloß, daß die feierliche Proklamierung der Patronanz, welche die Czernowitzer Universität in alle Ewigkeit mit dem Namen unseres geliebten Königs verknüpfen wird, am 25. Mai in der Universitätsaula begangen werde. Bei dieser Gelegenheit wird auch die feierliche Promotion des Königs zum Ehrendoktor der Czernowitzer Universität stattfinden. Aus Anlaß der seltenen Ehre, welche unser harrt, richte ich an die Studentenschaft einen ernsten Appell, daß sie durch ein würdiges und akademisches Betragen sich der hohen Gönnerschaft würdig erweise.
Die Unruhen, die sich in der letzten Zeit in studentischen Kreisen zugetragen haben und welche das Prestige der Universität tief herabsetzten, müssen verstummen.
Ohne an die Disziplinaruntersuchung, die eine sehr strenge sein wird, erinnern zu wollen, ermahne ich Euch als Euer Rektor, die studentische Ehre zu wahren und nicht von dem einzigen Wege abzuweichen, der Euch vorgeschrieben ist, dem Weg gemeinsamer Arbeit und ernsten Studiums.
Der Rektor Isopescul-Grecul

(330518c1)


Seite 2

Ein Sitz des P.E.N.-Klubs in Czernowitz [S. 2, unten, links]
Der internationale P.E.N. Klub, die vornehmste Vereinigung der Schriftsteller aller Nationen, wird auch in Czernowitz einen Sitz haben, und zwar für die jüdischen Schriftsteller in Rumänien. Bisher gibt es nur zwei P.E.N.-Klub-Gruppen in Rumänien, die Zentrale des rumänischen P.E.N.-Klubs unter Vorsitz von Victor Estimiu, Bukarest, der Zweig des ungarischen P.E.N.-Klubs in Cluj und nunmehr den jüdischen P.E.N.-Klub, der hier in Anlehnung an jüdische Schriftsteller und Journalisten-Vereinigung arbeiten wird. Die Verhandlungen wegen Gründung des jüdischen P.E.N.-Klubs wurden seit etwa einem Jahre von Herrn Dr. Diamant geführt, der auch hier den P.E.N.-Klub repräsentieren wird. Der Hauptsitz der jüdischen Gruppe ist in Wilna, außerdem gibt es bisher Zweigsitze nur in Warschau und New York.

(330518i2)


Helios Hecht [S. 2, unten, rechts]
Psychographolog, gerichtlich beeideter Experte, ist in die str. Maresalul Foch 22 (Pitzelligasse) übersiedelt.

(330518a2)


Seite 3

Der Kongreß der Sozialdemokraten [S. 3, Mitte, rechts]
Bukarest, 16. Mai (Tel. des „Tag“). Im Palais des Journalistensyndikats wurde Sonntag der Kongreß der sozialdemokratischen Partei unter Vorsitz des Sekretärs Dr. Radaceanu eröffnet. Zum Präsidenten des Kongresses wurde Titel Petrescu, zu Vizepräsidenten u. a. Romulus Dan, zu Sekretären Solomon und Dr. Oberländer gewählt.
In seiner Eröffnungsrede verweist Petrescu auf die hitleristische Gefahr und betont, daß alle Mittel angewendet werden müssen, um diese Gefahr zu bekämpfen. Redner erinnert, daß seit dem letzten Kongreß im Jahre 1930 die sozialdemokratische Partei den traurigen Verlust des Dr. Pistiner und einiger Kämpfer der Demokratie zu verzeichnen habe. Zum Zeichen der Trauer wird eine Pause von einer Minute eingeschaltet.
Bartalici und Josef Mayer überbringen die Grüße der deutschen und ungarischen Arbeiter.
Titel Petrescu verlangt die Enthaftung Bujors und eine allgemeine Amnestie.
Payor überbringt die Grüße der ungarischen Sozialdemokraten und entwickelt ein Bild über die traurige Situation der Arbeiter. Flueras begrüßt den Kongreß im Namen der Generalföderation der Arbeiter.
Deleanu spricht im Namen der weiblichen und jugendlichen Arbeiter.
Der Sekretär der Partei Dr. Radaceanu erstattete Bericht über die Tätigkeit des Aktionskomitees, während Mirescu über die Arbeiten der sozialdemokratischen Abgeordneten referiert.
Der Kongreß wird fortgesetzt.

(330518r3)


Die Kommunistin Anna Pauker wurde in Rußland vergiftet [S. 3, unten, rechts]
Bukarest, 15. Mai (Tel. des „Tag“). Die Generalsigurantza wurde verständigt, daß die in Rumänien bekannte Kommunistin Anna Pauker in Sowjetrußland vergiftet wurde. Die Sowjetbehörden glaubten, daß sie einer Organisation, die gegen Stalin gerichtet war, angehörte, und versuchten nun mit allen Mitteln, sie aus dem Wege zu schaffen. Um sie nicht erschießen zu müssen, mischte man ihrem Essen Gift bei, so daß sie nach zwei Tagen starb.

(330518r3a)
Klaus Binder
 
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Nr. 352, Freitag, 19.05.33

Postby Klaus Binder on 22. May 2011, 18:22

Seite 1

Hitler hat gesprochen [S. 1, oben, links]
Abrüstung erst in 5 Jahren
Hilfspolizei wird aufgelöst
Der Reichskanzler klagt den Versailler Vertrag an


Berlin, 17. Mai (Tel. des „Tag“). Der dritten Sitzung des neuen Reichstages wird in Kreisen der Nationalsozialisten historische Bedeutung beigemessen. Schon zwei Stunden vor der angesetzten Zeit hatten sich fast alle Abgeordneten in der Krolloper versammelt. Am Vormittag fanden Beratungen der einzelnen Fraktionen statt. Alle Abgeordnetensitze waren besetzt, lediglich in der Reihe der Sozialdemokraten bemerkte man Lücken. Die Diplomatenloge und die Tribüne waren voll besetzt. Auch der deutsche Delegierte bei der Abrüstungskonferenz, Botschafter Nadolny, war zur Sitzung erschienen. Die Regierung erschien vollzählig. Der Reichspräsident Göring sagte einleitend: Wir sind in einer ernsten Stunde versammelt, es ist die Schicksalsstunde unserer Nation. Kaum vorher war in solch ernster Frage der Reichstag einberufen. Die deutsche Regierung wünschte ihre Ziele dem ganzen Volke bekanntzugeben. Der Herr Reichskanzler hat das Wort.

Hitler spricht
Reichskanzler Hitler erklärt einleitend, er wolle vor diesem Forum zum Volke und zur Welt sprechen. Der erste Teil seiner Rede war eine Abrechnung mit dem Völkerbund. Hitler erklärte: Alle Unruhe in der Welt stammt von den Mängeln der Friedensverträge. Diese Unruhe habe ihre Ursachen in den politischen und wirtschaftlichen Fehlern der Verträge. Darum wurde auch der Gedanke einer Revision schon bei der Abfassung der Verträge in Betracht gezogen. Der Reichskanzler geht dann kurz auf die Probleme ein, die die heutigen Schwierigkeiten heraufbeschworen haben, in erster Linie auf die wirtschaftlichen Bestimmungen und erklärt: Die politischen Probleme sind eine Folge der wirtschaftlichen Zerstörung. Durch viele Jahrhunderte habe Europa in der Auffassung gelebt, daß die Grenzführung nur mit siegreichen Durchbrüchen möglich sei. Erst dann kam der nationale Gedanke auf, und allmählich ist die Grenzführung den nationalen Motiven entsprechend berücksichtigt worden. Es konnte nach Beendigung des Weltkrieges keine höhere Aufgabe für eine Friedenskonferenz geben, als in klarer Erkenntnis dieser Tatsachen eine Neuordnung der europäischen Staaten vorzunehmen, die allen Gerechtigkeit gebracht hätte. Je klarer die Volksgrenzen mit den Staatsgrenzen sich decken, desto weniger Konfliktmöglichkeiten sind geschaffen. Tatsächlich entschloß man sich aber, teils aus Unkenntnis, teils aus Leidenschaft, zu Lösungen, die den ewigen Keim neuer Konflikte in sich tragen. Die Folgen liegen bereits vor. Statt den Gedanken der Vernichtung zu prägen, wäre eine Neuordnung mit Sicherung der Existenz der Völker erforderlich. Die Meinung, daß die Wirtschaft sich bessern könne, wenn andere Völker emporsteigen auf Kosten der Vernichtung eines 65-Millionenvolkes, diese falsche Auslegung von Ursache und Wirkung führt zur Katastrohe. Das erweist die Reparationspolitik. Der Gedanke, daß die laufenden Verdienste des Staates, die ganze deutsche Wirtschaft als eine Exportunternehmung verwendet werden kann, um damit die Reparationen zu tilgen, die Arbeit eines ganzen Volkes den anderen also zu Gute kommt, die Verwertung dieses Grundgedankens bildete den Keim eines Verhängnisses, das sich zum Schaden auch auf diejenigen auswirkt, die den Verdienstexport in Anspruch nahmen. Das schuf Milliarden Arme und Arbeitslose. Deutschland hat aber trotz alledem, trotz der unvernünftigen existenzmörderischen Politik gewaltige, ihm aufgezwungene Leistungen vollbracht.

Die Schrecken des Krieges
Ewig kann jedoch die fortdauernde Unruhe nicht währen. Der Völkerbund hat bisher darauf nicht Rücksicht genommen. Verträge haben erst dann einen Sinn, wenn sie Gleichberechtigung für alle Staaten beinhalten. Die endgültige Lösung ist noch lange nicht gefunden. Kein neuer europäischer Krieg wird in der Lage sein, an Stelle des gegenwärtigen unbefriedigten Zustandes etwas Besseres zu schaffen. Weder politisch, noch wirtschaftlich kann die Anwendung von Gewalt den Frieden schaffen. So oder so, ein Krieg trägt in sich den Keim für neue Verwicklungen. Ein neuer Krieg fordert neue Opfer, schafft neue Unsicherheit, wird das Gleichgewicht zerstören, den Zusammenbruch der neuen Gesellschaftsordnung bewirken und das kommunistische Chaos vergrößern, würde also von unabsehbaren Folgen sein und mit unbegrenzter Dauer das Unglück steigern. Es ist der Wunsch der nationalen Regierung, aufrichtig mitzuarbeiten, daß sich diese Umwälzung nicht vollzieht. Die Anwendung der drei Gesichtspunkte der nationalsozialistischen Partei fördert nur diese Politik, das ist 1. die Verhinderung des kommunistischen Umsturzes, 2. die Zurückführung der Arbeitslosen in eine nützliche Gemeinschaft, 3. die Wiederherstellung einer stabilen Staatsführung, damit das deutsche Volk wieder vertragsfähig werde. In diesem Augenblick bekunde ich im Namen der nationalen Regierung, daß das junge Deutschland die gleichen Gefühle und Gesinnungen für den Lebensanspruch auch anderer Völker hat wie für uns selbst. (Stürmischer Beifall).
Wir können auch die Mentalität früherer Jahrhunderte, da man aus Deutschen Franzosen und aus Franzosen Deutsche machte, nicht mehr anerkennen. Es wäre ein Glück, wenn der Versailler Vertrag die Realitäten, gegenüber Frankreich und Polen angewendet, auch auf Deutschland angewendet hätte.

Gegen den Versailler Vertrag
Der Vertrag von Versailles hat diese Lösung nicht gefunden.
Dennoch wird keine deutsche Regierung den Bruch einer Vereinbarung durchführen, insolange an Stelle des gegenwärtigen Zustandes nicht etwas Besseres tritt. Allein das Recht kann nicht nur der Sieger in Anspruch nehmen, auch der Besiegte fordert es. Er hat also ein Recht auf Revision. Leider hat aber die Ansicht überhand genommen, daß es eine Zweiteilung von Staaten gibt: Sieger und Besiegte. Die Definition blieb, und so ist auch die Wehrlosigkeit des einen Teiles erzwungen worden. Deutschland fordert aber nur Gleichberechtigung, und zwar Gleichberechtigung der Anwendung der Moral, Gleichberechtigung in der Durchführung der Friedensverträge, Gleichberechtigung in der Anerkennung der Abrüstung. Dem Sechzigmillionenvolke der Deutschen gegenüber wird aber Gewalt angewendet. Sein moralisches Recht wird nicht geachtet, denn Deutschland hat abgerüstet unter internationaler Kontrolle. Der Reichskanzler gibt die bekannten statistischen Daten wieder, wie Deutschland abgerüstet hat: Mannschaft, Munition, Artillerie, Kriegsschiffe, Tanks, Flugzeuge ec. Wenn heute versucht wird, diese ungeheueren Tatschen durch Ausreden und Ausflüchte, als wenn Deutschland den Vertrag nicht erfüllt hätte, abzuleugnen, so muß man diesen Versuch als unfair zurückweisen (stürmischer Beifall). Die unverantwortliche Leichtfertigkeit dieser Behauptungen beweist der Reichskanzler an dem Beispiel des in Brünn im Vorjahre stattgefundenen Prozesses gegen nationalsozialistische Anhänger in der Tschechoslowakei. Es wurde damals die Beschuldigung erhoben, daß die tschechoslowakischen Nationalsozialisten deutscher Zunge von Berlin ausgerüstet werden. Damals aber waren die deutschen Nationalsozialisten ohne jede Macht, und trotzdem wurden die Angeklagten zu schweren Kerkerstrafen verurteilt.

Sind S.A. und S. S. militärisch ausgebildet?
Der Reichskanzler geht dann weiters zur Verteidigung der Behauptung über, daß die S.A. und S.S. und Stahlhelm militärische Verbände wären. Der Reichskanzler behauptet, daß sie nur innenpolitischen Zwecken dienen, daß sie nur gegen die kommunistische Gefahr eingesetzt werden, sie haben keine militärische Ausbildung, mit einem Wort: sie waren dringend notwendig gegen den kommunistischen Terror, sie sind eine Institution für Erziehung.
Daß die S.A. und S.S. im Kampf gegen kommunistischen Terror ihren Mann gestellt haben, beweist, daß sie bis jetzt 350 Tote und 40.000 Verletzte aufzuweisen hatten. Wenn versucht wird, aus S.A. und S.S. militärische Verbände zu schaffen, dann könnte man ebenso die Turnvereine und die Wach- und Schließgesellschaften in die Wehrverbände einbeziehen. Aber es ist mal Methode, auf Deutschland Unrecht zu häufen.
Nochmals: Deutschland hat abgerüstet. Die Stärke seiner Polizeimannschaft ist international geregelt.
In den Tagen der Revolution ist die Hilfspolizei mit ausschließlich innenpolitischem Charakter eingestellt worden. Nun, da sich bereits die Lage beruhigt hat, wird die Hilfspolizei vollständig aufgelöst.
Deutschland habe den Anspruch, daß der Versailler Vertrag bezüglich der Verpflichtungen ihm gegenüber erfüllt wird: Vor allem, daß die Deutschland im Dezember zugestandene Gleichberechtigung auch in die Praxis umgesetzt wird. Deutschland hat Sicherheitsgarantien Frankreich gegenüber durch den Locarno-Vertrag, den Kelloggpakt, den Kriegsächtungsvertrag gegeben. Welche Sicherheiten hat demgegenüber Deutschland? Der Reichskanzler wendet neuerlich die Statistik zum Beweis an, daß Frankreich zum Beispiel in der Zahl der Flugzeuge (abgesehen von den Flugzeugen der mit ihm verbündeten Staaten) Sicherheit besitzt. Und Deutschland? Hat es nicht mehr Berechtigung, Sicherheit zu verlangen als diese Koalition? Dennoch ist Deutschland jederzeit bereit, noch weitere Sicherheitsgarantien zu liefern, wenn die anderen Staaten dasselbe machen.

(330519w1)


Leitartikel
Die Rede des Reichskanzlers [S. 1, oben, rechts]

Was hat Hitler gesagt? Ist die Entspannung eingetreten? Die ganze Welt horchte heute auf Berlin. Hitler sprach länger als eine Stunde, das Pathos blieb weg, er las die Rede schnell vom Blatt, er wartete nicht einmal an bestimmten Stellen auf die Wirkung, und nur zum Schluß beherrschten ihn sentimentale Anwandlungen, und seinem Organe gab er den Klang, als ob er eine seiner großen Propagandareden gehalten hätte. Im ersten Teil dieser Rede wartete man vergeblich auf einen Satz, der mehr sagt, als was man aus seinen bisherigen Reden zu hören gewohnt war. Allgemeines über den Versailler Vertrag, Anklagen gegen den Völkerbund, Begründung der Notwendigkeit einer Revision. Dann verteidigte er sich gegen die schweren Beschuldigungen, daß die S.S., S.A. und Stahlhelm militärische Verbände seien. Er negierte diese Vorwürfe: nur ein Kampfmittel gegen den kommunistischen Terror in den Tagen der Revolution, das ist alles. Uebrigens noch ein Argument: Institution für Jugenderziehung. Am Schlusse parierte er den Hieb von Genf, indem er die Hilfspolizei als aufgelöst erklärte. Das war der erste Umfall. Dann beschäftigte er sich mit dem Polizeikorps, das die Abrüstungskonferenz in die Heeresbestände einbezogen haben möchte. Darüber - so scheint es - wird sich ein Kompromiss noch erzielen lassen. Man wartet aber noch immer auf die entscheidende Frage: Hält die Reichsregierung das Ultimatum Neuraths aufrecht? Und man hört fortwährend aus Hitlers Mund: Deutschland ist bereit .... es ist bereit abzurüsten in aller und jeder Hinsicht, selbst die 100.000 Mann Reichswehr, die es jetzt besitzt, wenn es auch die anderen tun. Hitler schreit in die Welt hinaus: die nationalsozialistische Regierung ist die friedliebendste der Welt. Neuraths Drohung mit der Aufrüstung, falls die anderen nicht abrüsten, kann er jedoch nicht aufrechterhalten. Deutschland gewährt eine Frist von fünf Jahren ... und damit ist die Spannung gelöst. Hitler hat den Rückzug in schöne Worte garniert, herauszulesen ist die Kapitulation, alles andere, was nach einem Kompromiss schreit, wird sich bald finden.
Trotzdem bleibt der Gesamteindruck: Hitler hat für heute nur die Schärfe seiner bisherigen Regierungsmethode abgeschliffen, und wenn er selbst noch friedfertiger gesprochen hätte, man wird ihm nicht glauben, weil das Vertrauen zu ihm und seinen Nationalsozialisten fehlt. Sie künden wieder Gleichberechtigung an, aber nur dort, wo es ihr Interesse erfordert, die Kultur schreit aber nach einer Gleichberechtigung in jeder Hinsicht; und solange diese nicht gewährleistet ist, wird auch Hitlers Ankündigung, daß das Hitlerregime Frieden erstrebt, keinen Glauben finden.
Ego

(330519w1)


Deutschland ist bereit ... [S. 1, unten, rechts; S. 4, oben, links]
Deutschland ist sogar bereit, seine gesamten Waffen zu zerstören, wenn das gleiche die anderen Staaten tun. Die Regierung sieht im englischen Plan die Grundlage für Verhandlungen. Sie muß aber verlangen, daß auch Frankreich in gleichem Maße abrüstet. Deutschland ist im Wesentlichen damit einverstanden, eine Uebergangsperiode von fünf Jahren bis zur Durchführung der Abrüstung anzunehmen. Die Umwandlung der von Deutschland gewünschten militärischen Organisationen wird Zug um Zug gegen die Abrüstung der anderen Staaten erfolgen.
Deutschland ist bereit, auf die Zuteilung von Angriffswaffen Verzicht zu leisten, wenn innerhalb einer bestimmten Frist auch die Waffen der anderen Staaten vernichtet werden. Die Anrechnung der Polizeikräfte Deutschlands in die Heeresstärke muß zurückgewiesen werden.

Was ist mit der Polizei?
Der Reichskanzler beruft sich hiebei auf den Ausspruch des französischen Kriegsministers,

(Fortsetzung von Seite 4)
der sich in diesem Sinne ausgesprochen hat. Deutschland unterwirft sich einer Kontrolle, falls die anderen Staaten dieselbe Kontrolle annehmen. Deutschland ist demnach nur im Rahmen der Gleichberechtigung zu allen einschneidenden Abrüstungsmaßnahmen bereit. Nicht Aufrüstung auf der einen Seite, sondern Abrüstung auf der anderen Seite!
Hitler beruft sich weiters auf die weitausschauenden Blicke des Planes Mussolinis bezüglich des Viermächte-Paktes, der die Brücke der Verständigung schlagen könnte. Er nimmt auch die Vorschläge Roosevelts an und erklärt, er schließe sich der Ansicht an, daß ohne Lösung der Rüstungen kein Wiederaufbau der Wirtschaft möglich ist. Wenn Polen und Frankreich unter dem Titel der Furcht vor einer deutschen Invasion die Abrüstung nicht vornehmen wollen, so muß man demgegenüber erklären, daß diese Furcht nicht berechtigt ist, denn Deutschland besitzt nicht die modernen Angriffswaffen, es hat nicht einmal die Mittel einer modernen Verteidigung. Gerade diese Mängel berechtigen Deutschland, zu sagen, daß die einzige Nation, die Furcht vor einer Invasion äußern dürfte, nur Deutschland ist, weil es eben keine Verteidigungswaffen hat. Die Schlußsätze der Rede des Reichskanzlers griffen ins Sentimentale. Er sprach von der politischen Katastrophe, die der Welt droht, er sagte, wenn nicht die Gleichberechtigung einzieht in die Gesinnung der Völker, könne es kein anderes Ende geben als das Chaos, und schließt: Seit dem Versailler Vertrag herrscht in Deutschland Elend und Not, trostloser Jammer. Mit dem Versailler Vertrag ist der Grundstein für die Zerrüttung gelegt worden. Seit 1918 haben 224.000 Deutsche in Deutschland ihrem Leben aus Not ein Ende gemacht: Männer, Frauen, Greise und Kinder. Diese Opfer sind die Anklage gegen Versailles!

Einstimmig angenommen
Reichstagspräsident Göring: Die nationalsozialistische Partei, die Deutschnationale Partei, das Zentrum und die bayerische Volkspartei haben folgenden Antrag eingebracht:

„Der deutsche Reichstag als Vertreter des deutschen Volkes billigt die Erklärung des Reichskanzlers und stellt sich in dieser für das Leben des Volkes entscheidenden Schicksalsstunde, die die Gleichberechtigung des deutschen Volkes ausspricht, hinter die Reichsregierung.“

Nach der Abstimmung erklärte Göring:
Die Welt hat gesehen, das deutsche Volk ist einig, wenn es sich um Schicksalsfragen des Reiches handelt. Ich stelle fest und lasse diese Feststellung im Protokoll aufnehmen, daß die Annahme des Antrages einstimmig von sämtlichen Parteien erfolgt ist.

(330519w1 + 330519w4)


Das Echo im Auslande [S. 4, Mitte]
Nach einer Darstellung des deutschen Pressedienstes

Berlin, 17. Mai (Tel. des „Tag“). Der Pressedienst teilt mit, daß bereits das erste Echo aus dem Auslande über den Eindruck, den die Kanzlerrede gemacht hat, vorliegt. Roosevelt hat im Radio die Rede des Reichskanzlers angehört. Auch das Staatsdepartement ist im Laufenden über die Ausführungen Hitlers.
Die amerikanischen Zeitungen bringen Auszüge aus Hitlers Rede mit der Ueberschrift: „Hitler stimmt Roosevelt zu“. „Hitler verdammt den Krieg“!
Auch die englischen Zeitungen befassen sich in Extraausgaben mit der Kanzlerrede, die sie entgegenkommend nennen. Eine Aufschrift in einem englischen Blatt lautet: Hitlers Samthandschuh.
Man sieht in der Rede des Reichskanzlers Hitler eine Entspannung der Situation und die Möglichkeit zu weiteren Verhandlungen in der Abrüstungsfrage.
MacDonald ließ sich über die Rede Hitlers informieren. Abends findet eine Besprechung der an der Abrüstungskonferenz beteiligten Minister statt.
Auch im Ruhrgebiet wurde die Hitlerrede mit Interesse verfolgt.
In den Wandelhallen des Völkerbundes war heute die Kanzlerrede das einzige Gesprächsthema. Noch niemals hat ein Ereignis in Deutschland so sehr die Kreise des Völkerbundes beherrscht, wie die heurige Kanzlerrede.
Vor der Kanzlerrede wurde im englischen Unterhaus ein Antrag zum Verbot der deutschen Wareneinfuhr für den Fall der Ergreifung von Sanktionen eingebracht. Nach Bekanntwerden der Rede wurde dieser Antrag vom Unterhaus zurückgezogen. Hingegen kam es zu einer scharfen Rede des früheren Außenministers Chamberlain gegen Deutschland.
Aus Frankreich liegen noch keine Meldungen vor. Auch die anderen Staaten haben die Kanzlerrede noch nicht kommentiert.

(330519w1 + 330519w4)


Seite 2

Tod auf der Straße [S. 2, unten, links]
Der 76 Jahre alte Kaufmann Josef Bartfeld, strada Sft. Treimi 24 wohnhaft, erlitt Mittwoch vormittags beim Verlassen seines Hauses einen Herzschlag und brach tot zusammen.

(330519t2)


Verhaftung eines Czernowitzer Advokaten [S. 2, Mitte, unten, rechts]
Dienstag wurde Advokat Dr. Siegmund Taler verhaftet, da er im Verdachte kommunistischer Betätigung steht.

(330519c2)


Seite 3

Der Geist am Scheiterhaufen [S. 3, unten, links]
Rumänische Intellektuelle verurteilen das Mittelalter-Regime Hitlers

Bukarest, 17. Mai (Tel. des „Tag“). Eine Reihe führender Intellektueller, Mitglieder der Akademie für Wissenschaft, nehmen zur Vernichtung des deutschen Geistes Stellung und verurteilen in scharfen Worten das Regime Hitlers, welches Bücher, die von der internationalen Wissenschaft anerkannt wurden, dem Scheiterhaufen übergab.
Der Bibliothekdirektor der Akademie, Bianu, sagte: Ich anerkenne das Deutschland Hitlers nicht mehr an. Denn, was jetzt dort vorgeht, ist unerhört. Wie kann man sich vorstellen, daß eine tausendjährige Kultur, die ihre eigenen Direktiven hat, vernichtet wird. Auf der Basis der klassischen Kultur, verbunden mit der mosaisch-christlichen Kultur, wurden die Völker an die Spitze der modernen Zivilisation gestellt. Dieser Rausch im Hitlerdeutschland, das - ich wiederhole es - ich nicht anerkenne, ist eine Gefahr für die Zivilisation.
Das rumänische Gewissen kann bei diesen Vorgängen nicht ruhig bleiben. Der Stolz des deutschen Volkes, Einstein, mußte das Land wie die Pest verlassen. Das hätte niemand erwartet. Jetzt muß man Heine wieder lesen. Denn in allen seinen Schriften hat er nicht viel Vertrauen zur Solidarität des deutschen Verstandes. Deutschland gleicht heute den unkultivierten Horden, die in den Steppen Rußlands wohnten, weil auch sie in Momenten des Aergers oder auch, wenn sie lustig waren, sich auf die Juden warfen, um sie zu mißhandeln.
Mihail Sadoveanu, der preisgekrönte Schriftsteller Rumäniens, äußerte sich wie folgt: Gegen die Wissenschaft können nur diejenigen mit Krieg auftreten, die ihr ferne stehen. Nur in der Eigenschaft als Primitiver oder als Sklave können Bücher verachtet oder vernichtet werden. So ist es auch möglich, daß nicht nur die Bibel oder die Gedichte Heines verbrannt werden, sondern man könnte auch die Vorträge der Astronomie, der Physik und der Mathematik verbrennen. Nachdem der Geist unantastbar ist, können die Devastierungen in Deutschland nur vom grotesken Standpunkt aus betrachtet werden.

„Mehr Licht!“ Hitler zu Goethe (vor dem Scheiterhaufen): Du sagtest „Mehr Licht!“ Deinem Wunsche sei entsprochen. Darauf Goethe: Wenn ich gewußt hätte, daß Du es so verstehen wirst, ich hätte es bestimmt nicht gesagt.
(„Dimineata“)

(330519r3)


Dornawatra (Todesfall) [S. 4, unten, rechts]
Hier verschied Dienstag hochbetagt der hochangesehene Kaufmann, Herr Fischel Flohr. Der Verstorbene hinterläßt eine gramgebeugte Gattin, drei Söhne, von welchen der älteste, Herr Benedikt Flohr, Redakteur der „Ostjüdischen Zeitung“, der zweite der bekannte Chirurg Dr. Emanuel Flohr, der jüngste als Sägebeamter in Watra-Moldavitza tätig ist sowie eine Tochter, Frau Lotte Rinzler. Das Leichenbegängnis fand unter zahlreicher Beteiligung Mittwoch nachmittags in Dornawatra statt.

(330519t3)
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Postby Klaus Binder on 31. May 2011, 00:16

Seite 1

Andauernde Krise in Oesterreich [S. 1, oben, rechts]
(Von unserem Korrespondenten.)

Wien, 15. Mai
Ein feierlicher österreichischer Sonntag ist vorüber. Aus allen Ländern des Bundesstaates haben sich heimatstreue Männer in Schönbrunn, einer der stolzesten Schöpfungen österreichischer Kulturhöhe, versammelt. Mit der Erinnerung an die Türkenbelagerung Wiens, die großen geschichtlichen Taten deutschen Oesterreichertums im Kampfe für das Abendland, verbinden sie ein Bekenntnis für den fortdauernden Lebenswillen des österreichischen Stammes und für den Entschluß, die deutsche Mission im Südosten des nationalen Siedlungsgebietes als nach seinen eigenen Wesensgesetzen sich selbst verwaltendes Staatswesen fortzuführen.
Die Reden des Bundeskanzlers Dollfuß und des Ministers Frey haben diese Gegenwarts- und Zukunftspolitik Oesterreichs neuerlich verkündet unter der Zustimmung der vielen Tausenden, die der Feier in Schönbrunn anwohnten, und jener Tausenden, die in den Straßen die Heimwehr aus den Bundesländern freudig begrüßten.
Die heimatliche österreichische Feier fiel zusammen mit der Propagandafahrt der nationalsozialistischen Abgesandten aus dem Deutschen Reich. So trat sinnfällig die augenblickliche Kernfrage Oesterreichs in die Erscheinung. Der Nationalsozialismus zeigt im Reich seit der Uebergabe der Macht an Adolf Hitler eine ungewöhnliche Kraftentfaltung. Er vermochte innerhalb der Reichsgrenzen vorläufig alles niederzurennen, was aus der kaiserlichen und der republikanischen Zeit an alten ruhmvollen Ideen, an gesellschaftlichem Gefüge, an Verbänden und Organisationen bestand. Der Widerstand, auf den die nationalsozialistische Führung und ihr Gefolge im Reichsinnern stößt, verleitet sie ersichtlich zu Uebertreibungen. Eines der Angriffsziele dieses übersteigerten Machtrausches scheint Oesterreich zu sein. Der bayrische Minister Dr. Frank, der Samstag und Sonntag in Oesterreich weilte, hat vor einigen Wochen geradezu eine drohende Rede gegen die österreichische Regierung gehalten. Eben diesen Mann hielten die Nationalsozialisten für geeignet, einen Besuch in Osterreich zu machen, damit er hier das Kraftbewußtsein der nationalsozialistischen Opposition stärke.
Ein solches Vorgehen zwischen zwei Ländern sollte, wie immer man es auf der europäischen Karte ins Auge fassen möge, ganz unmöglich erscheinen. Die reichsdeutschen Nationalsozialisten glauben aber offenbar, ihren Anhängern im Reich mit diesem Schauspiel einen Beweis ihrer Macht zu geben. Sie lassen auch hier jenen Mangel an Augenmaß für politische Möglichkeiten und Schicklichkeiten erkennen, der ihnen im Verlaufe von wenigen kurzen Wochen das Mißtrauen der ganzen Welt eingetragen hat. Nur aus dieser sonderbaren Stumpfheit für das Gefühlsleben der Leute, die außerhalb der reichsdeutschen Grenzen wohnen, sind auch die Aeußerungen zu erklären, die Minister Frank in Graz abgegeben hat. Er drohte Oesterreich mit der Sperre der reichsdeutschen Sommergäste. Demgegenüber hat Vizekanzler Winkler - im Gegensatze zu den Drohungen des Gastes aus dem Reiche - ruhige Worte über Oesterreichs Verhältnis zu Deutschland gefunden. Der nationalsozialistische Most ist zurzeit in stürmischer Gärung. Die verantwortlichen deutschen Reichsminister werden einen Teil ihrer Regierungsmühe darauf verwenden müssen, die erschreckte und aufgebrachte Welt über die unleugbar fortwirkenden deutschen Friedensabsichten zu beruhigen; denn nur auf diese Weise wird das deutsche Volk seinen wohlbegründeten Anspruch auf Gleichberechtigung unter den Nationalen verwirklichen können. Im Zuge dieser Beruhigungsaktion wird dann wohl auch das Verhältnis der deutschen Staaten, des größeren und des kleineren, zur Klärung kommen.

Hitler kommt nicht nach Oesterreich
Wien, 18. Mai (Tel. des „Tag“). Der Berliner Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ berichtet seinem Blatte, daß die Reichsregierung eine Verschärfung der Beziehungen zwischen Wien und Berlin vermeiden will. Die letzten Informationen besagen, daß Reichskanzler Hitler seine Reise nach Wien aufgegeben hat.

(330520w1)


Seite 2

Das singende, klingende … [S. 2, oben, links]
Erbitterten Streit hatte ich vor wenigen Tagen mit einem Wiener, der sein „Wean“, seine „Madln“ und seinen „Proder“ mit einem Elan verteidigte, der mich geradezu zum Widerstand aufreizte. Ich kenne die Stadt recht genau, ich habe sie nicht nur von der Seite der Madln, des Proders und der niederösterreichischen „Mülli“ kennen gelernt, nicht nur die Wiener „Gemüatlichkeit“ und den Schmalz des Liedes „Mei Muatterl woar a Weanerin“ ausgekostet, sondern die Stadt auch von der Kehrseite gesehen; und daß es tausendfache Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die eben nur in Wien möglich sind, diesen Nachweis zu erbringen machte nur die Intelligenz eines Kellners mir möglich, der plötzlich, als mein Partner gerade auf der Höhe seiner Beweisführung stand, stillschweigend eine Wiener Zeitung auf den Tisch legte, die sich als Sammelpunkt saftiger Kulturschmonzetten einen europäischen Ruf geschaffen hat. Hier nun war eine Notiz zu lesen, die den Titel „Wiener Ehetragödie“ führte und in der berichtet wurde, daß zwei Kinder eines Arbeiters vermißt worden seien, wodurch die „Tragödie“ aufkam. Die Kinder waren aus dem Elternhause geflüchtet, weil sie den Hunger nicht mehr ertragen konnten; der Vater arbeitslos, die Mutter herzkrank und überdies mit einem dritten Kinde unter dem Herzen. Unbeschreibliche Not, grauenhaftes Elend herrschten in der verfallenen Kellerwohnung, in der die unglückliche Familie hauste.
Diesem erschütternden Bericht schließt sich folgender Vers an:
Was ohn’ die Eva ’s Paradies,
Was ohne Eiffelturm Paris,
Was Prag ohne den Hradschin,
Das wär’ ohn’ „Huber-Essig“ Wien!
Nachdem dermaßen der „Hamur“ in seine Rechte getreten war, kehrt das Blatt zum Ernst des Lebens zurück und meldet, gleich anschließend, den tragischen Doppelselbstmord zweier junger Liebesleute, die sich heiraten wollten und nicht konnten, weil der junge Mann von seinem Posten abgebaut wurde und die Not in den Beiden eine seelische Depression zur Folge hatte, welche die jungen Menschen in den Freitod trieb. Sie fand man mit durchschossener Schläfe, ihn, mit vom Rumpf getrennten Kopf, auf dem Schienenstrang der Eisenbahn.
Und nun folgt, ebenfalls im unmittelbaren Anschluß an diese Meldung, der Beweis, daß der Mensch auch andere Sorgen hat. Ein Ingenieur macht in Gesellschaftsschmus und schreibt:

„Der Vorgang, eine Dame, die mit einem Herrn sitzt, wegzuengagieren, ist eine glatte Unmöglichkeit. Der Herr, der eine unbekannte Dame von einem Tisch wegengagiert, riskiert, daß deren Begleiter ihn hinausbittet und ihm dort nach einer Zurechtweisung - falls der Betreffende aufbegehrt - eine Ohrfeige verabreicht“

Das Ganze heißt: „Aktuelle Zeitprobleme“.
Wo anders wäre das möglich als in der singenden, klingenden?
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330520w2)


Ueberfall auf ein Ehepaar [S. 2, Mitte, links]
Dienstag, gegen 3/4 10 Uhr abends, ereignete sich an der Ecke strada Dorobantilor - strada Storojinetului ein Vorfall, der die besondere Aufmerksamkeit der Behörden erfordert. Ein Einwohner jenes Stadtteils, der sich mit seiner Gattin auf dem Heimweg befand, wurde von zwei deutschsprechenden Individuen gestänkert, überfallen und unter antisemitischen Schmähreden bedroht. Die Ueberfallenen konnten sich nur durch die Flucht den Angreifern, welche sie mit den gröbsten Beschimpfungen bedachten, entziehen. Mit dem Rufe „Heil Hitler!“ entfernten sich hierauf die Prügelhelden. Da dieser Fall nicht vereinzelt dasteht, und, wie wir erfahren, die jüdische Bevölkerung jenes Stadtteils unter dem Terror lichtscheuer Elemente steht, sollte die Polizei Maßnahmen ergreifen, indem sie die strengere Bewachung dieses Stadtteils anordnet.

(330520c2)


Seite 4

Iorga über Brandsch [S. 4, Mitte]
Bukarest, 18. Mai (Tel. des „Tag“). Unter dem Titel: „Ein deutscher Realist“ befaßte sich Professor Iorga mit der von Brandsch in Sibiu gehaltenen Rede und betont, daß die politischen Ansichten des früheren Unterstaatssekretärs viel nationale Auffassung verraten und von jedem Politiker anerkannt werden müssen. Brandsch hat logisch nachgewiesen, daß das Hitlersystem in Rumänien nichts zu suchen hat. Sowohl die Sachsen als auch die anderen deutschen Minoritäten müssen in gutem Einvernehmen mit der Mehrheitsnation leben. Aber auch die Unantastbarkeit der Grenzen müßte für die Deutschen in Rumänien ein Heiligtum sein. Deutsche Abenteuer in Rumänien müßten für diese selbst fatal enden. Das mögen sich diejenigen merken, die die importierten Theateruniformen aus Deutschland anlegen. Unserem Freund Brandsch sagen wir für seine wertvollen und vernünftigen Aeußerungen herrlichen Dank.

(330520r4)


Die Juden wenden sich an den Völkerbund [S. 4, Mitte]
Rumänische Juden schließen sich dem Protest an

Bukarest, 18. Mai (Tel. des „Tag“). Die Union der rumänischen Juden verlautbart:
Angesichts der bevorstehenden Tagung des Rates der Völkerliga hat eine Reihe von Judenorganisationen in der Welt Proteste gegen die Verfolgungen der Juden in Deutschland dem Völkerbundsekretariat überreicht.
Ueber Initiative der Union der rumänischen Juden soll eine gleiche Aktion von Rumänien ausgehen. Die dem Völkerbundsekretariat zu überreichende Petition wird die Unterschriften aller jüdischen Organisationen und Gemeinden Rumäniens tragen.

(330520r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 354, Sonntag, 21.05.33

Postby Klaus Binder on 2. June 2011, 13:44

Seite 4

Die Makkabi-Kampfspiele 3-6 August 1933 [S. 4, Mitte, oben, rechts]
Die Vorbereitungen zu diesem großen Sporttreffen sind in vollem Gange. Um den erhöhten Anforderungen der Kampfspiele zu entsprechen, wird der Makkabisportplatz einer gründlichen Adaptierung unterzogen. Die Tribüne wird renoviert, entsprechende Auskleideräume geschaffen und das Spielfeld, die Laufbahn, sowie Sprungschanzen verbessert. Ferner ist der Bau eines Schwimmbassins projektiert.

Instruktoren des Czernowitzer Makkabi befinden sich bereits in allen Zentren des Reiches, um die Programmpunkte einzuüben. Alle Länder, in welchen sich Makkabiorganisationen befinden, rüsten eifrig zur großen Sportveranstaltung in Czernowitz und es ist bereits heute die Teilnahme folgender Länder gesichert: Palästina, Deutschland, Tschechoslowakei, England, Frankreich, Lettland, Litauen, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und Oesterreich. Besonderes Interesse für die Kampfspiele zeigt sich in Palästina, Tschechoslowakei und Deutschland, welche Länder die größte Anzahl von Aktiven stellen dürften.

Lord Melchett, Lady Erleigh, sowie alle Führer der Makkabibewegung haben ihre Anwesenheit zugesichert. Den Kampfspielen geht der Makkabikongreß voran.

(330521c4)


Seite 6

Wirtschafts-„Tag“
Hitler-Politik / Wirtschaftskrise / Der Leu [S. 6, oben]
Wochen-Rundschau von PLUTUS

Der dramatische Verlauf der Abrüstungsverhandlungen, welcher seinen Höhepunkt nicht im Konferenzraum, sondern im Deutschen Reichstage erreichte, hat, trotzdem man schon seit längerer Zeit mit auftauchenden Schwierigkeiten und Verwicklungen bei den Verhandlungen rechnete, nicht nur das größte Interesse der ganzen Welt in Anspruch genommen, sondern auch überall Bestürzung hervorgerufen. Der Friede Europas, ja der ganzen Welt - so wird der bestürzten und erschrockenen Menschheit verkündet - stehe auf dem Spiele, und vielfach wird die Situation als ernster bezeichnet, als die des Jahres 1914, welche zum unseligen Weltkriege geführt hat. Dem ist aber nicht so, denn diesmal steht Deutschland wirklich isoliert da, und es bedarf keines Krieges, um die Ruhe wieder herzustellen. Deutschland ist sich seiner Lage bewußt, und deshalb wurde auch die große Rede Hitlers, trotz des nur mühsam zurückgehaltenen Zornes, eher als ein Rückzug als eine Kampfansage beurteilt. Der Tenor Hitlers Rede ging dahin, daß Deutschland den Friedensvertrag, beziehungsweise die ihm durch den Friedensvertrag auferlegten Verpflichtungen opfermutig und anständig erfüllt habe und deshalb berechtigt sei, als gleichwertige Nation in der Abrüstungsfrage behandelt zu werden; nur hat

Hitler vergessen, zu erwähnen, daß jenes Deutschland den Vertrag erfüllt hat, welches er jetzt beschimpft,
das er nicht anerkennen will. Wenn Hitler aber gleichzeitig sagt, daß durch diese Nichterfüllung Deutschland an den Rand des Abgrundes gebracht wurde, daß die große Wirtschaftskrise, die große Zahl der Arbeitslosen auf die großen Opfer zurückzuführen sind, welche Deutschland während der Erfüllungsjahre gebracht hat, so muß man, ohne selbstverständlich diese Opfer verkleinern zu wollen, doch fragen, ob es denn den Vereinigten Staaten von Amerika, dem reichsten Lande der Welt, welches bekanntlich den größten Gewinn vom Weltkriege zog

ob es denn den vielen anderen industriellen Staaten jetzt besser ergeht als dem besiegten Deutschland?

Die Weltwirtschaftskrise hat die meisten Staaten und Wirtschaftsgebiete der Welt erfaßt, aber Hitler vergißt, daß gerade Deutschland nach dem Kriege seine Wirtschaft viel rascher aufgebaut hat, als viele andere Staaten der Welt. Kein Land hat sich so rasch vom Währungszusammenbruche erholt, wie es bei Deutschland der Fall war. Hat Herr Hitler [an] die große Konjunktur in Deutschland in der Periode der Jahre 1924 bis 1929 vergessen? Wer denkt nicht an die ungeheuere Bautätigkeit während dieser Jahre, an den kolossalen Aufschwung der Industrie und Landwirtschaft an die Entfaltung der Technik in Deutschland, und wenn eine Produktionssteigerung in Industrie und Landwirtschaft von ganz gewaltiger Größe in Deutschland zu verzeichnen war, so ist dies auf die Bereitwilligkeit zurückzuführen gewesen, mit welcher das Ausland Deutschland Kapitalien zur Verfügung gestellt hat. Die Wirtschaftskrise ist keine Erscheinung in Deutschland allein, sondern sie ist weltumfassend und hervorgerufen durch die großen Fortschritte in der Technik, durch die Rationalisierung, welche die Produktionssteigerung in unglaublichem Maße hervorbrachte, die aber im Widerspruche zur Wirtschaftsordnung steht. Es ist selbstverständlich, daß der Weltkrieg den Antrieb zu dieser technischen Entwicklung gegeben hat, und daß er die Weltwirtschaftskrise mitverschuldete, aber auch der Weltkrieg ist eine Krise, welche in der imperialistischen Bestrebung des fortgeschrittenen Kapitalismus begründet erscheint. Wenn Herr Hitler behauptet, daß die Sachlieferungen Deutschlands zum Schaden der Besiegten und der Sieger gereicht haben, so rennt er damit offene Türen ein, und dieses Argument wurde gerade von seinen, von ihm so sehr jetzt beschimpften Vorgängern, mehrmals in den Verhandlungen mit den Alliierten angewendet. Dabei ist zu bemerken, daß diese Sachlieferungen später der Aufnahmsfähigkeit der einzelnen Länder angepaßt wurde, welche diese Lieferungen bekamen, und zeitweise waren gerade diese Sachlieferungen die Hauptursache für die Aufrechterhaltung der Produktionskapazität und der Erhaltung der großen Zahl der im Produktionsprozesse Beschäftigten in Deutschland. Offenbar will Hitler seine autarkistische Politik rechtfertigen, wenn er ausruft, daß durch den forcierten Außenhandel die Krise beschleunigt und der notwendige Binnenhandel vollkommen in Vernachlässigung geriet. Aber diese Feststellung ist unrichtig, denn abgesehen davon, daß auch der Binnenhandel in Deutschland gerade in der Nachkriegszeit eine Ausdehnung erfahren hat, so hat nur die Pflege des Außenhandels die Erfüllung der Vertragsverpflichtungen Deutschlands ermöglicht, und nicht zuletzt ist die Aufrechterhaltung der deutschen Währung diesem Umstande zuzuschreiben. Eines steht jedenfalls fest, „daß in all den 14 Jahren“ (diese Redewendung kommt sonst in allen Hitlerischen Reden, sowie in den der Nazibonzen am häufigsten vor) sämtliche deutsche Regierungen gegen die Reparationslasten gekämpft haben, und daß

die Streichung dieser Reparationen und die Befreiung des Ruhrgebietes nicht das Verdienst der gegenwärtigen Machthaber, sondern gerade derjenigen Männer ist, welche jetzt von ihnen verfolgt und drangsaliert werden.

Wohl nichts hat Hitler so sehr geschmerzt, als die englische Aeußerung, daß man wohl dem früheren Deutschland Sympathien entgegenbringen durfte, nicht aber dem heutigen, und wenn er ironisch ausruft „wir sehen es ja, wohin diese Sympathien Deutschland gebracht haben“, so will er nur damit sein mahnendes Gewissen überschreien.

(330521w6)


Keine Kriegsangst: [S. 6, Mitte]
Die Welt geht auch ohne Krieg zugrunde
Wenn wir nun auch an einen Weltkrieg nicht glauben, weil ein solcher für die Aufrechterhaltung der Ordnung nicht notwendig ist, das heißt, daß die Aufrechthaltung der Ordnung ohne Blutvergießen erfolgen kann, so ist die Lage immerhin zumindest als verworren zu bezeichnen, was für die künftige wirtschaftliche Entwicklung von höchstem Nachteil ist. Die Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes bringt auch genug Verderben, ja den wirtschaftlichen Tod und die Welt wird auch ohne Krieg zugrundegehen. Gerade Rumänien hat das größte Interesse an einer friedlichen und einer freien Entwicklung von Handel und Verkehr, besonders aber an der Wiederherstellung der früheren Wirtschaftsbeziehungen zu allen Völkern, mit welchen es seit Jahren im ausgedehnten Güteraustausch steht. Oekonomie schließt sowohl internationale Unduldsamkeit als auch übertriebenen Nationalismus, Feindseligkeit gegen Rassen und Konfessionen im eigenen Lande aus. Der Kaufmann ist der Träger des Friedens, und, wie es der Schreiber dieser Zeilen einmal in einer öffentlichen Versammlung unserer bedeutendsten Wirtschaftskörperschaften sagte, können wir diese Feststellung am besten machen, weil die Bukowina traditionell mit dem Außenhandel verbunden ist. Jeder Exporteur ist gleichzeitig ein Agent des Friedens, und die Anknüpfung von neuen Handelsbeziehungen zum Auslande ist wertvoller als chauvinistische Ueberhebung und steht auch sittlich weitaus höher als Rassenhaßpredigten, welche zur Zerstörung von Handelsbeziehungen, zu Feindseligkeiten im Innern und zum Kriege mit dem Auslande führen. Gute Handelsverträge sind mehr als Eroberungsgelüste, und die schlechtesten Verfechter der Vaterlandsinteressen sind wohl jene, welche mit dem Auslande nur solche Beziehungen unterhalten, welche sich im Haß gegen Mitglieder einer Konfession begegnen, die wirtschaftlichen Erfordernisse aber vollkommen außer acht lassen.
Die abgelaufene Woche hat die Welt wohl wieder in Unruhe und Schrecken versetzt, hat aber andererseits einen Zusammenschluß der Völker gebracht, welcher nicht ohne Folgen auch für diejenigen bleiben wird, welche diesem Zusammenschlusse noch ferne stehen. Die Annäherung aneinander muß sich verdichten. Erfreulich ist es für Rumänien, daß seine außenpolitische Lage wohl jetzt am günstigsten steht seit Kriegsende. Die Stellung innerhalb der Kleinen Entente ist eine geradezu hervorragende, und auch innerhalb der Großmächte erfreut sich Rumänien jetzt großer Sympathien. Der Revisionsgedanke, gegen welchen Titulescu im Rahmen der Kleinen Entente als erster so heftig auftrat, wird jetzt, von Deutschland und Ungarn abgesehen, einmütig abgelehnt, was als großer Erfolg unserer Außenpolitik bezeichnet werden muß. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht könnte jetzt für Rumänien eine günstige Wendung eintreten, wenn wir bloß die günstige Gelegenheit besser ausnützen würden, denn die Stimmung für die Anbahnung von wirtschaftlichen Beziehungen, beziehungsweise Ausdehnung derselben ist bei allen westlichen Ländern uns gegenüber eine sehr gute. Wie sehr die rechtzeitige Ergreifung von Maßnahmen die wirtschaftliche Situation verbessern kann, sehen wir gerade jetzt, wo die Anregung, welche der Schreiber dieser Zeilen durch unsere Handelskammer bezüglich Aufhebung der Ausfuhrtaxen für Geflügeleier gemacht hat, befolgt wurde. Sofort ist Exportmöglichkeit eingetreten, wenn auch noch in bescheidenem Maße, aber es ist sehr erfreulich, daß wir den englischen Markt wieder zu gewinnen im Begriffe sind. Wenn es uns nun gelingt auch den Dänischen Markt für Oelkuchen wieder zu gewinnen und den Handelsvertrag mit Polen bezüglich freier Einfuhr von Mais und Sonnenblumenkernen wieder herzustellen, so würde eine große Gefahr von unserem Export abgewendet werden.

Der Leu bleibt fest
An der abgelaufenen Woche hat es bei uns eine kleine Währungsepisode gegeben, welche durch die übrigens auch irrtümlicherweise erfolgte niedrige Notierung des Leu in Paris hervorgerufen wurde. Diese Episode hat aber zu großen Zeitungsdiskussionen und währungspolitischen Abhandlungen geführt, wobei überflüssigerweise diese wahrlich nicht leichte Angelegenheit mit mehr Leidenschaft als fachmännischer Beurteilung behandelt wurde. Es erscheint notwendig, trotzdem dies schon oft in dieser Zeitung geschah, folgendes zu wiederholen: Eine Gefahr, daß der Leu infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse Rumäniens fallen wird, besteht nicht. Es ist viel leichter den Kurs des Leu zu halten, als ihn zu stürzen. Die vorgeschriebene Golddeckung nach dem Stabilisierungsgesetz ist intakt und, was viel wichtiger ist, unsere Handelsbilanz ist aktiv, sie war es im Jahre 1932 mit 4 1/2 Milliarden Lei, sie ist es auch im ersten Quartal dieses Jahres gewesen. Der Import ist weiter gering, also der Bedarf an Devisen für Importzwecke ist sehr eingeschränkt und die Aussichten für eine weitere aktive Handelsbilanz sind günstig. Was aber unsere Zahlungsbilanz anbelangt, so stellt dieselbe gerade jetzt an uns keine so ungeheueren Anforderungen, da der private Bedarf für die reine Schuldenzahlung an das Ausland verhältnismäßig gering ist, und der staatliche Schuldendienst durch die Abmachungen mit den Auslandsgläubigern geregelt ist, beziehungsweise einer günstigen Regelung entgegengeht. Was aber die Furcht anbelangt, daß wir zu einer planmäßigen, also gewollten Abwertung werden schreiten, so käme diese Erwägung nur in Betracht, wenn unsere Konkurrenten auf dem Weltmarkte die gleichen Maßnahmen treffen würden, dann würde aber immer eine viel geringere Gefahr für den Besitzer von Barlei und Leiforderungen bestehen, wenn er beim Leu bleibt, als wenn er heute in eine andere, jedenfalls viel unsicherere Währung flüchten würde. Die Flucht in Sachwerte hat aber schon gar keinen Sinn, weil jeder zwangsweise unzeitgemäße Kauf nur momentane Steigerung der Preise, später aber ungeheuere Rückfälle bringt. Was allerdings die Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit einer planmäßigen Währungsabwertung anbelangt, so ist dies eine ganz andere Sache und man tut besser daran, wenn man diese Entschließung der Regierung überläßt, die sich gewiß mit gediegenen Volkswirten rechtzeitig darüber beraten wird. Der Bürger, der Kaufmann und Industrielle bleibt am besten ruhig!

(330521r6)
Klaus Binder
 
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Nr. 355, Dienstag, 23.05.33

Postby Klaus Binder on 3. June 2011, 08:58

Seite 1

Nach 15 Jahren: [S. 1, oben, rechts]
Drei von Zwölf
Reminiszenzen an die Vereinigung der Bucovina mit dem Mutterlande
Aus Anlaß des Königsbesuches


Der Herbst des Jahres 1918 war eine für die Bukowina schicksalsreiche und unruhige Zeit. Nachdem der letzte Versuch Oesterreichs, seine Macht durch eine Abänderung der Monarchie in einen Föderativstaat zu bewahren, gescheitert war, waren zunächst in Czernowitz Bestrebungen im Gange, die Bukowina auf die Ukraina und Rumänien aufzuteilen. Am 13. Oktober 1918 forderten die Ukrainer von Czernowitz in einer Versammlung die Bukowina bis zum Sereth für sich. In jenen bewegten Tagen stellte sich der Großgrundbesitzer von Storozynetz, Dr. Iancu Flondor, einer der rumänischen Politiker, der sich seit vielen Jahren in nationalistischem Sinne betätigt hatte, auf Wunsch der Bevölkerung an die Spitze der Bukowinaer Rumänen und berief für den 27. Oktober eine Versammlung nach Czernowitz. Diese beschloß, den Anschluß der ganzen Bukowina an Rumänien in die Wege zu leiten und rief zu diesem Zwecke den aus 50 Personen bestehenden Nationalrat ins Leben. An die Spitze des Nationalrats wurde per Akklamation Iancu Flondor berufen.
Während im rumänischen Nationalhause der Nationalrat tagte, waren die Straßen von einer freudigen Menge erfüllt, die ihrer Freude lauten Ausdruck gab. Tausende Menschen zogen, mit der Trikolorfahne an der Spitze, durch die Stadt, sangen rumänische Lieder und forderten laut die Vereinigung der Bukowina mit den rumänischen Gebieten. Ein Mann aus der Menge schwang sich auf den Balkon des Regierungspalais und entrollte die Trikolorfahne. Neuerlich erschollen Freudenrufe aus der begeisterten Menge, die in den Ruf: „Es lebe Rumänien“ ausbrach. Es war ein Augenblick großer Erschütterung, als der greise Priester Dionisie Bejan die Fahne senkte und mit tränenerstickter Stimme die Bibelworte sprach: „Jetzt befreie, o Herr, deinen Knecht, auf das meine Augen die Erlösung meines Volkes sehen“.
Tags darauf erschien eine rumänische Abordnung mit Iancu Flondor an der Spitze in der Regierung und verlangte die Herrschaft über die Bukowina. Der Landespräsident, Graf Etzdorf, erklärte, daß er die Bukowina nur einer aus Rumänen und Ukrainern zusammengesetzten Kommission übergeben könne. Die Rumänen, die nun einsahen, daß sie auf friedliche Weise zu keinem Ziel gelangen könnten, forderten Hilfe vom rumänischen Heer. Zu diesem Zwecke sandten sie einen Botschafter nach Jassy.
In den darauffolgenden Tagen beriefen die Ukrainer, die vom Plane der Rumänen erfahren hatten, eine Versammlung nach Czernowitz, die am 3. November stattfand. Sie warben für ein Uebereinkommen mit den Rumänen auf die Weise, daß ein Teil der Bukowina ihnen zur Herrschaft überlassen bleibe. Iancu Flondor lehnte jedoch jeden Verständigungsversuch ab.
Es war eine Zeit hellsten Aufruhrs und Schreckens, die von den desertierenden Soldaten der österreichischen Regimenter ausgingen, als sich die Kunde vom Anmarsch der rumänischen Truppen verbreitete. Am Abend des 9. November und am darauffolgenden Tage verließen die ukrainischen Legionäre die Stadt. Drei Tage lang erwartete die Bevölkerung, mit Blumen, Reden und Begeisterung zum Empfang vorbereitet, das rumänische Heer.
Am dritten Tag erst, einem trüben Herbsttag, marschierten die rumänischen Truppen, unter Führung des Generals Zadic, in Czernowitz ein.
Ein jubelnder Empfang wurde der Armee zuteil. Im Sitzungssaal der Societatea pentru cultura si literatura in Bucovina hielt Iancu Flondor im Namen des Nationalrats und der ganzen Bukowina eine Begrüßungsansprache. Zum Zeichen der ewigen Erinnerung an diesen großen Tag der Verbrüderung befestigte das Komitee im Saal eine Marmortafel mit folgender Inschrift:

Sub glorioasa Domnie a Majestatii Sale Regelui
Ferdinand l al Romaniei
in ziua de 11 Noemvrie 1918, pe timpul marelui razboi pentru intregirea Neamului romanesc, Consiliul national din Bucovina, in frunte cu Presedintele Dr. Iancu Flondor, saluta in aceasta sala Armata Romana liberatoare, condusa de
Generalul Zadic.

Der am 27. Oktober 1918 gewählte Nationalrat ernannte eine provisorische Regierung der Bukowina mit Iancu Flondor an der Spitze, an dessen Stelle wurde als Präsident des Nationalrats der Priester Dionisie Bejan gewählt. Am selben Tag begann die schwere Arbeit der Neuorganisation. Für den 28. November erging die Berufung des Volkes zum Kongreß nach Czernowitz. Die Bukowina entsandte ihre Vertreter in den Saal der erzbischöflichen Residenz, wo durch die Wahl der Akt des Anschlusses der Bukowina an das alte Regat bekräftigt wurde.
Der Kongreß wählte hierauf eine Abordnung, welche sich nach Iasi begeben sollte, um der rumänischen Regierung die gefaßten Beschlüsse zu übermitteln. Die Abordnung setzte sich aus folgenden 12 Personen zusammen: Dr. Iancu Flondor, Erzbischof Repta, Dr. Iancu Nistor, Dionisie Bejan, Dr. Octavian Gheorghian, Eudoxie Hurmuzachi, Dr. Radu Sbiera, Dimitriu Bucevschi, Gheorghe Voitcu, Dr. Kwiatkowski und der Vertreter der Bauernschaft, Sandru Alboi aus C-Lung und I. Candrea aus Dorna-Candreni.
Von ihnen sind heute nur mehr drei am Leben: Dr. Nistor, Dr. Sbiera und Buchdruckereidirektor Bucevschi.
Am folgenden Tag langte die Delegation in Iasi an und wurde vom Erzbischof der Moldau, Pimen, empfangen. Um 11 Uhr erschien sie beim Königspaar in Audienz. Dr. Iancu Flondor brachte hier die Erklärung, welche die im Czernowitzer Kongreß gefaßten Beschlüsse enthielt, zur Verlesung. König Ferdinand antwortete auf das herzlichste und unterhielt sich lange mit sämtlichen Mitgliedern der Delegation. Nach Schluß der Audienz lud der König die Bukowinaer Abordnung ein, an den Feierlichkeiten, die zu Ehren der Räumung Bukarests von den deutschen Truppen stattfanden, teilzunehmen. Die Delegation begab sich hierauf mit dem Zug nach Bukarest, wo sie gemeinsam mit der beßarabischen Delegation Zeuge des triumphalen Einzugs des Königspaars in die Hauptstadt war.
Tags darauf (am 2. Dezember) weilte die Bukowinaer Abordnung im Innenministerium, wo sie in Anwesenheit des Primministers, General Coanda, den Akt der Vereinigung der Bukowina mit Rumänien unterzeichnete. Bei dieser Gelegenheit verlieh König Ferdinand eigenhändig Dr. Iancu Flondor eine Dekoration. Die Mitglieder der beßarabischen Delegation erhielten als Zeichen der Erinnerung und Ehrung je 50 Hektar fruchtbaren Bodens. Warum die Bucoviner Delegierten nicht in gleicher Weise beteilt wurden, ist nicht verständlich. Nur 3 von 12 sind noch am Leben: Nistor, Sbiera, Bucevschi. Man sollte den Anlaß des Königsbesuches nicht vorübergehen lassen, ohne den drei Bucovinern das zu geben, was man 1918 den Beßarabiern spontan gewährt hat.

(330523r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Herr, dunkel ist der Rede Sinn! [S. 2, oben, links]
Reichsminister Dr. Goebbels versammelte gestern die gleichgeschalteten Schriftsteller und Verleger im Hotel „Kaiserhof“ um sich. Er hielt ihnen auch eine Rede, denn Reden sind ja bekanntlich das einzige, was die Nationalsozialisten im Reich, außer Stellen, ihren Anhängern bieten können. Da aber nicht so viel Stellen frei sind, wie Anwärter, müssen die anderen eben im Hotel „Kaiserhof“, wenn schon nicht mit einem guten Diner, so wenigstens doch mit besagten Reden abgespeist werden.
Was hat er gesagt? Was hat er gesagt? Es scheint wirklich, daß dem Nicht-Nazi die Nazi-Weisheit mit sämtlichen Brettern der Welt vernagelt ist. Man muß vermutlich ein gut gelernter Nazi sein, um der Rede Sinn zu verstehen.
Wolff-Bureau, also höchst amtlich, meldet aus Goebbels Rede:
„Die Nationalsozialisten hätten nicht den Ehrgeiz, die deutschen Probleme, sie möchten liegen auf welchem Gebiet auch immer, für alle Ewigkeit oder auch nur für ein Jahrhundert zu lösen.“ (Diese Bescheidenheit ehrt sie.)
„Sie seien auch jeweils davon überzeugt, daß die Zeitprobleme jeden Tag in anderer Form auftreten würden.“ (Eine überwältigende Weisheit.)
„Der Nationalsozialismus löse an sich nicht die Zeitfrage, sondern die Fundamente, auf denen die Zeitfrage beruhe.“ (Und auf diese aufgelösten Fundamente setzen sich die Nazi?)
„Was die Männer der nationalen Regierung in den letzten Wochen getan hätten und was sie noch tun würden, sei eigentlich nichts anderes, als die systematische und planmäßige Uebersetzung der ihnen innewohnenden Begrifflichkeit in das Staatswesen und das öffentliche Leben selbst.“ (Der Satz ist zu schön, um verständlich zu sein.)
Dann stellte Dr. Goebbels unter Beweis, daß
„bei aller Verschiedenheit in der Beurteilung der Tagesfragen und der Interessenfragen eine Uebereinstimmung aller geistigen Menschen über diese Grundbegriffe bestehe.“ (Nach der Formel „Verschiedenheit, d. i. Übereinstimmung“. Geistig kann aber wohl nur gleichgeschaltet gleich gesetzt werden.)
Und dann geht es weiter:
„Der Durchbruch einer neuen Weltanschauung bedeutet nichts anderes, als die Neuinbeziehungsetzung des Menschen zu den Dingen.“ (Da legst di nieder. Man beachte vor allem das schöne Wort „Neuinbeziehungsetzung“. Nazipatent angemeldet.)
Es wird unerträglich. Darum kurz. Dr. Goebbels erklärt:
„Daß die nationalsozialistische Bewegung nicht analog dem Marxismus das Ziel darin erblicke, sich dem Diktat der Massen zu fügen.“ - „Nicht die Masse solle zum Souverän des öffentlichen Lebens erhoben werden, sondern sie sei unmittelbar in das staatliche öffentliche Leben einzuschmelzen, zum Mitträger des Staates zu machen.“ (Das kann aus Nazi-Deutsch übersetzt nur heißen: Alle haben zu kuschen, nur der Führer befiehlt.)
„Der Durchbruch des deutschen Volkes zu einer allgemeinen Politisierung sei endgültig und unabänderlich geworden.“ (Habt acht! Ruht! Habt acht! Ruht. Konzentrationslager! Kuschen! Auch eine Form der Politisierung.)
Und dann protzt Dr. Goebbels:
„Dem schreibenden, schöpferischen Teil des Volkes wurden so viele Probleme entgegengeschleudert, daß man hundert Jahre lang daran zu arbeiten habe.“ (Durch die Nazi? Höchstens indirekt. Denn das Problem des wirklich schöpferischen Teiles des Volkes ist, wie es die Nazi möglichst rasch los werden kann. Und da wollen wir hoffen, daß dieses Problem nicht für hundert Jahre ausreicht.)
Und Dr. Goebbels gab der deutschen Dichtkunst zum Schluß das Wort mit:
„Lernt das Volk verstehen, dann wird das Volk Euch verstehen lernen.“ (Das Volk? Das unfreie Volk ist gleichgeschaltet. Das freie Volk ist in den Konzentrationslagern. Aber wenn die deutschen Dichter wirklich das verstehen wollten, was dort geschieht, gedacht und gehaßt wird, dann würden sie Dr. Goebbels nie mehr in den „Kaiserhof“ einladen, sondern in eben diese Konzentrationslager.)
Ham.

(330523w2)


Selbstmord Voinescus [S. 2, Mitte, unten, links]
Der frühere Direktor der Filiale der Marmarosch-Bank Cernauti

Bukarest, 21. Mai (Tel. des „Tag“). Der längere Zeit in Czernowitz tätig gewesene Direktor der Marmarosch-Bank, Nicolae Voinescu, hat in Braila, wo er wohnte, Selbstmord verübt. In Abschiedsbriefen heißt es, daß Voinescu einem unheilbaren Krebsleiden verfallen war und überdies infolge des Verlustes seines Vermögens, dieses Leben nicht mehr ertragen konnte. Er ziehe es vor, wie es im Abschiedsschreiben heißt, „in eine andere Welt, in der, wenn es auch keine Freude, doch wenigstens kein Leid gibt, zu ziehen.“

(330523t2)


Zum Empfang Seiner Majestät! [S. 2, Mitte, unten, links]
Ich erlaube mir, Sie auf mein gut assortiertes Lager in Zylinder, Frackhemden und Kragen, Frackkrawatten sowie Glaceehandschuhen aufmerksam zu machen.
Leon Blum jun., nur Str. Iancu Flondor Nr. 10.

(330523c2)


Die Königstage [S. 2, oben, Mitte]
Letzte Vorbereitungen. - Bukarester Gäste

In seiner letzten Nummer hat der „Tag“ ausführlich über die Vorbereitungen für den Königsbesuch und die durchgeführten Arbeiten berichtet. Minister Dr. Sauciuc-Saveanu, der sich nach Bukarest begeben hat, um die letzten Dispositionen für den Empfang des Königs entgegenzunehmen, kehrt bereits heute zurück, um die letzten Verfügungen anzuordnen.

Sonntag nachmittags wurden die Pressevertreter zum Bevollmächtigten für die Durchführung der Vorbereitungen für den Königsempfang, Graf dela Scala, in die Landesregierung eingeladen, um noch Einzelheiten des Festprogramms zu erläutern.

Zu dem bereits mitgeteilten Programm erfährt man noch, daß der König am ersten Tag seines Besuches in den Nachmittagsstunden auch die Regimenter von Sadagura inspizieren wird.

Um 11 Uhr vormittags wird sich der König nach dem Gottesdienst in der Kathedrale nach Molodia und Cosmin begeben, um dem Militärpferderennen, den sogenannten Konditionsprüfungen des Militärtruppenpferdes, an welchem sich die Offiziere des ganzen Landes beteiligen, beizuwohnen. Die Strecke, die zurückzulegen ist, beträgt ungefähr 28 Kilometer.
Um halb 6 Uhr nachmittags finden im Stadion „Voevode Mihai“ die sportlichen Veranstaltungen statt.

Um halb 7 Uhr begibt sich der König nach Horecea, um der Einweihung des Pfadfinderheimes beizuwohnen. Von Horecea geht es in die Residenz, wo dem König zu Ehren von der Stadtgemeinde und der Präfektur ein Bankett gegeben wird.

Es wird uns mitgeteilt, daß aus technischen Gründen nur eine beschränkte Personenzahl am Bankett teilnehmen kann. Ursprünglich war die Veranstaltung des Bankettes im großen Synodalsaal geplant, man mußte aber aus verschiedenen technischen Gründen darauf verzichten und das Bankett in den Speisesaal verlegen.

Es werden - wie von uns bereits mitgeteilt - nur 177 Personen am Bankett teilnehmen und zwar die Führer der politischen Parteien, die Spitzen der Behörden, der akademische Senat und die Rektoren der Universitäten des Landes, die zur Promovierung des Königs als Ehrendoktor der Universität ihr Erscheinen angekündigt haben, die früheren Bürgermeister und Präfekten von Czernowitz, die ersten Staatssekretäre des im Jahre 1918 gebildeten Nationalrates, die Konsuln, die Spitzen der Behörden aus Bukarest und als Vertreter der Großindustrie Generalrat Max Ritter von Anhauch.

Ursprünglich war geplant, daß alle Personen von Rang und Stand, die autochthonen Bukowinaer Elemente und besonders diejenigen, die bei der Vereinigung der Bukowina mit dem Mutterlande eine Rolle gespielt haben, zur Festtafel eingeladen werden. Infolge des kleinen Speisesaales aber mußte man sich auf eine kleinere Teilnehmeranzahl beschränken.

Bei der Festtafel wird der Minister der Bukowina, Dr. Sauciuc-Saveanu, eine Ansprache halten, auf die der König dann antworten wird. Andere Festredner sind nicht vorgesehen.
Zusammen mit dem König und dem Kronprinzen Mihai kommen aus Bukarest Hofzeremoniemeister Baron Starcea, der Chef des Hofmarschallamtes General Ilasievici, Adjutant des königlichen Hauses General Condeescu, Adjutant Oberst Grigorescu, Ministerpräsident Vaida, der Unterstaatssekretär für Aviatik Irimescu und vier aktive Minister.

Es kommen weiters der Subdirektor der Sigurantza Eugen Bianu, der Generalsekretär des Ministerratspräsidiums Vlahide, Kavallerieinspektor General Moruzi, die Korpskommandanten von Jassy und Chisinau sowie andere höhere Militärs.
Die Straßen, die der König zum Flughafen passieren wird, werden während der Fahrt des königlichen Autos für den Fuhrwerkverkehr polizeilich gesperrt. Ebenso werden die Straßen, in welchen das Militär, die Sportverbände und die Schuljugend Spalier bilden werden, schon um 8 Uhr früh gesperrt, damit die Organisationen Platz finden.
Zu allen Veranstaltungen werden Karten in nur beschränkter Zahl ausgegeben.
Für die sportlichen Veranstaltungen im Stadion stehen nur 920 Plätze und 60 Logen zur Verfügung.

An die Kaufmannschaft!
Am 24. und 25. d. Mts. werden König Carol II. und Großvoevode Mihai in Cernauti weilen. Die gesamte Bevölkerung rüstet zum feierlichen Empfang. Auch wir Kaufleute sehen in freudiger Erwartung der Ankunft des Monarchen entgegen und wollen in traditionell treuer Anhänglichkeit für die Dynastie zum würdigen Empfang beitragen. Es ergeht daher an die Kaufmannschaft die Bitte, durch Hissen von Flaggen, entsprechender Beleuchtung und Ausstattung der Schaufenster mit den Bildnissen des Königs und des Großvoevoden ihre patriotische Gesinnung zu bekunden.
Gremiul Comercial Grupa II-a Cernauti.
Der Präsident: Leon König.

(330523c2)


Auszeichnung [S. 2, Mitte, rechts]
Der stellvertretende Generalstabschef der 8. Division, Major Ion Bujor, wurde mit dem Orden „Coroana Romaniei“ im Grade eines Offiziers ausgezeichnet.

(330523i2)


Suczawa, (Todesfall) [S. 2, Mitte, unten, rechts]
Freitag starb hier im Alter von 73 Jahren der Anwalt Dr. Joachim Sachter. Der Verblichene war einer der angesehensten Advokaten der Stadt Suczawa. Er hinterläßt eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter, Frau Camilla Meerlaub, ist an den Direktor der hiesigen Filiale der Hamburg-Amerika-Linie, Herrn Dory Meerlaub, verheiratet. Der Sohn Gustav ist Leiter der Suczawaer Filiale der Banca Comerciala Nationala.

(330523t2a)


Seite 4

Hände weg von Wien [S. 4, oben, links]
Dollfuß verteidigt Oesterreich
Wien, 21. Mai (Tel. des „Tag“). Bundeskanzler Dr. Dollfuß sprach heute im Rundfunk über das Programm der Bundesregierung und betonte, daß Oesterreich gegenwärtig eine schwere Wirtschaftskrise erlebe. Oesterreich, welches im Herzen Europas liegt, denke an seine Unabhängigkeit und erinnert sich dabei an die 500 Jahre-Feier zur Rettung der abendländischen Kultur. Oesterreich müsse unabhängig bleiben, denn die Oesterreicher sind stolz auf ihre Heimat. Die neue Verfassung, mit deren Ausarbeitung sich die Bundesregierung befaßt, ist von neuen Ideen einer Reform der Gesellschafts- und Lebensauffassung durchdrungen und habe den Zweck, den Staat und das Staatsleben zu konsolidieren.

Abendliches Straßenverbot für Jugendliche in Graz
Graz, 19. Mai. Im Hinblick auf die Vorkommnisse der letzten Zeit macht die Bundespolizeidirektion auf eine Verordnung aufmerksam, wonach es Unmündigen - Kinder bis zum vollendeten 14. Lebensjahre - und Jugendlichen - Personen vom 14. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr - verboten ist, nach Eintritt der Dunkelheit sich außer Haus herumzutreiben.
Eltern und deren Stellvertretern wird es verboten, die Uebertretung dieser Vorschrift zu dulden, sie haben sich von dem Verbleiben ihrer Schutzbefohlenen zu überzeugen.

Parteifahnen verboten
Erlassung einer Flaggenverordnung

Amtlich wird mitgeteilt, daß der Ministerrat eine Verordnung grundsätzlich genehmigte, durch die der öffentliche Gebrauch von Fahnen, Flaggen, Standarten, Wimpeln und dergleichen, geregelt wird.
Zu der Flaggenverordnung, deren Text, wie aus dem amtlichen Communiqué hervorzugehen scheint, noch nicht feststeht, meldet die „Reichspost“, daß für den öffentlichen Gebrauch in Zukunft nur Fahnen, Flaggen, Standarten und Wimpel in den österreichischen Staats-, Landes- und Stadtfarben zu verwenden sind. Der öffentliche Gebrauch von allen anderen Fahnen usw. soll an eine besondere Bewilligung geknüpft werden. Durch die Verordnung wird also die Verwendung von Parteifahnen (roten Fahnen, Hakenkreuz-Fahnen usw.) verboten werden. Auch die Verwendung ausländischer Fahnen wird unter das Verbot fallen.

Verbot des Lebensmittelverkaufes in Warenhäusern
Wie amtlich mitgeteilt wird, hat der Ministerrat gestern eine Notverordnung beschlossen, die den Kleinverkauf von Nahrungs- und Genußmitteln durch Großwarenhäuser verbietet.
Das Verbot gilt vorläufig für die Dauer eines Jahres. Um den Großwarenhäusern den Abverkauf ihrer Vorräte zu ermöglichen, wurde ihnen eine Frist bis zum 30. August 1933 eingeräumt.

Hetzrede des Reichsministers Frank
Für die Revision der Verträge

Berlin, 21. Mai (Tel. des „Tag“). Die deutschen Studenten hatten für Samstag eine Manifestation unter der Devise: „Gegen die Bundesregierung Dollfuß, für ein Großdeutschland“ veranstaltet. Justizminister Frank protestierte gegen seine Ausweisung aus Osterreich und betonte, daß Deutschland mit allen Mitteln für eine Vereinigung mit Oesterreich kämpfen werde. Die Verträge von Saint-Germain und Versailles sehen ausdrücklich eine Revision vor, für welche Deutschland mit seiner ganzen Leidenschaft kämpfen wird.
Es wurde eine Resolution angenommen, in der es heißt, daß der Anschluß eine interne Angelegenheit sei, in welche sich das Ausland nicht einmischen dürfe.

Junge Enthusiasten ...
Berlin, 21. Mai (Tel. des „Tag“). Dem Beispiele der Universitätsstudenten folgend, haben gestern die Schüler für Handel und Gewerbe in Mannheim Bücher „wider deutschen Geist“ auf offener Straße verbrannt.

Gömbös in Wien
Ministerpräsident Gömbös ist in Wien eingetroffen. Er hatte mit Bundeskanzler Dr. Dollfuß eine Aussprache über den österreichisch-ungarischen Handelsvertrag.

Protest Oesterreichs
Wien, 21. Mai (Tel. des „Tag“). Der österreichische Gesandte in Berlin Tauschitz, erschien heute bei Reichsaußenminister von Neurath und protestierte gegen die österreichfeindlichen Manifestationen in Deutschland.
Tauschitz erklärte, daß die Bundesregierung derartige Manifestationen nicht dulden werde.

(330523w4)


Oesterreich bleibt unabhängig [S. 4, Mitte]
Wien, 20. Mai. Die christlichsoziale Partei veranstaltete gestern im Sophiensaal eine Kundgebung für die Regierung Dollfuß. Der Vorsitzende der Wiener Parteileitung, Prof. Krasser, erklärte nach einigen Ausfällen gegen die Sozialdemokraten:
„Wir haben nun einmal kein Verlangen nach einer sogenannten nationalen Befreiung mit Konzentrationslagern, Fememord, Schutzhaft und Gleichschaltungsterror. Wir wollen Herren im eigenen Hause bleiben und lehnen jede Bevormundung und Belehrung über unsere nationalen Pflichten ab“.
Der Bundeskanzler erklärte, die größte Hetze gegen den österreichischen Staat gehe heute vielfach durch die Bureaus und sei bei den Organen des Staates zu finden, die ihre freie und manchmal auch nichtfreie Zeit dazu benützen, um einer Bewegung zu dienen, die die Regierung und Oesterreich in den Kot zerrt.
Weiters sagte der Bundeskanzler:
„Ich glaube, man müßte auch in anderen Staaten daran denken, daß außerhalb des Deutschen Reiches Oesterreich der einzige Staat ist, der von rein deutscher Bevölkerung besiedelt ist, und daß man diesem, wenn auch kleinen, wenn auch nicht nationalsozialistischen deutschen Siedlungsgebiet gegenüber wenigstens die internationalen Formen und die diplomatischen Gepflogenheiten einhalten sollte, die man anderen Staaten gegenüber als selbstverständlich anwendet. Ich verstehe schon, daß bei einer jungen Bewegung manchesmal in dem Ueberschäumen der Begeisterung Fehler geschehen, was aber einem kleinen und schwachen Gebiet gegenüber in den letzten Wochen in Erscheinung getreten ist, muß nicht nur vom Standpunkt des Deutschtums aus, sondern im Hinblick auf die Geschichte zurückgewiesen werden“.

(330523w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 356, Mittwoch, 24.05.33

Postby Klaus Binder on 3. June 2011, 09:16

Seite 2

Die Novelle des Tages
Wieder Hitleriana [S. 2, oben, links]
Hakenkreuz-Kitsch

Im „Völkischen Beobachter“, dem offiziellen Organ der deutschen Nationalsozialisten, werden die Anhänger der Partei aufgefordert, dem Hakenkreuz-Kitsch ein Ende zu machen, denn - so schreibt das Blatt - „Laßt unsere Bewegung nicht im Kitsch verkommen.“ Und es gibt folgende Schilderung des Hakenkreuz-Kitsches: ... Auf dem Königsberger Wochenmarkt stellte ein Fleischermeister Adolf Hitler in Schweineschmalz modelliert aus und Hindenburg in Nierenfett. Die Friseurinnung Stettins zeigte Hindenburg und Hitler im Maifestzug als lebendige frisierte Panoptikumsfiguren. Im Schrebergarten werden Lampions mit faltig zerquetschtem Hitlerbild aufgehängt. Schulkinder lutschen Hakenkreuzbonbons und schreiben mit Horst-Wessel-Bleistiften. Tante Agathe erhält zum Geburtstag einen Kaffee-Untersatz mit Hakenkreuz und Opapa zur Erinnerung an die 58. Wiederkehr seines Verlobungstages einen Hosenträger mit eingewebten Hakenkreuzen. Aschenbecher, Serviettenringe, Manschettenknöpfe, Kravatten, Pullower, Tassen, Teller, Vasen, Postkarten, Visitenkarten, Lampenschirme, sie alle nehmen den Wettbewerb auf, das Dritte Reich zu verkünden. Man spielt heute mit Würfeln und Vorlagen das Gesellschaftsspiel: „Nun erst recht!“ Man stellt Würstchen in Hakenkreuzform her. Es ist manchen Beamten schlechterdings unmöglich, anders als auf einem Sofakissen mit Hakenkreuz zu schlummern. Sie möchten am liebsten noch ihre Unterhosen gleichschalten, wenn man sie besticken könnte. Man schickt Oster-, Pfingst- und Geburtstagsgrüße nur noch mit aufgehender Siegsonne und strahlendem Hakenkreuz über urdeutschen Eichen. Mindestens 25.678 Menschen fühlen sich verpflichtet, im stillen Adolf Hitler zu malen, zu zeichnen, zu radieren, zu modellieren, in Gips oder Bronze zu gießen, als Wandschmuck, „Kunstblatt“, Oeldruck, Postkarte, Relief, Wanderpreis, Postkarte oder Porzellanteller. Das einzige, was mit Sicherheit als echt zu erkennen übrig bleibt, ist Hitlers kleiner Schnurrbart. Alles andere ist ... Kitsch! Das alles ist Kitsch!

H. H. Ewers über Mischehen
Hans Heinz Ewers schrieb seinerzeit in dem Sammelbuche „Judentaufen“ (Verlag Georg Müller, München) u. a.: „Es ist durchaus kein Zufall, das gerade die hochstehenden Deutschen sich so oft zu Jüdinnen hingezogen fühlen, während umgekehrt die kulturell entwickeltsten Juden sich physisch wie auch psychisch der blonden Germanin zuneigen; bei den Frauen ist das ganz ebenso ...

Kein Arierparagraph - für Börsenmakler
Wie die T. U. erfährt, hält es die Reichsregierung nicht für zweckmäßig, den für die Rechtsanwälte eingeführten Arierparagraphen auch auf die Kursmakler anzuwenden. Gesetzgeberische Maßnahmen dieser Art stehen nicht in Aussicht.

(330524w2)


Vortrag des Dozenten Dr. Johann Philipowicz in Wien [S. 2, unten, links]
Aus Wien wird uns gemeldet: In der Vereinigung der Wiener Chirurgen hielt Dozent Dr. Johann Philipowicz gelegentlich seines Aufenthaltes in Wien zwecks Studiums der allerneuesten chirurgischen Errungenschaften einen Vortrag über die Behandlung der Knochenmarkentzündung, sowie über die Beurteilung von Röntgenaufnahmen der Lunge vor der Operation von Krebs an anderen Körperstellen. Er sprach auch über eine neue Methode der Behandlung der Osteomyelitis. Der Vortrag fand die beifälligste Aufnahme.

(330524i2)


Todesfall [S. 2, oben, links]
Gestern, Montag, ist hier Frau Amalie Salter, Witwe nach dem Großhändler Isak Salter und Tochter des bekannten Alt-Czernowitzer Großkaufmannes Saul Leib Salter, nach langem schweren Leiden gestorben. Das Leichenbegängnis findet heute, Dienstag, um 3 Uhr nachmittags vom Trauerhause: Russische Gasse Nr. 38 aus, statt.

(330524t2)


Im Aufruf der Kultusgemeinde [S. 2, rechts, Mitte]
an die jüdische Bevölkerung der Stadt Czernowitz heißt es u. a.: Im Sinne unserer Religion, die es uns zur heiligsten Pflicht macht, stets für Thron und Vaterland zu beten und von einem inneren Drang getrieben, beten wir stets innig und andächtig vor offener Lade um Gesundheit und Wohlergehen, Sieg und Ruhm für unseren erlauchten König, aber nun, da wir das Glück haben, unserem Landesvater auch räumlich nahe zu sein, da soll unsere innige Liebe und unerschütterliche Treue erst recht lebhaften Ausdruck finden. Die jüdische Bevölkerung wird daher aufgefordert, der festlichen Stimmung, die über dem allerhöchsten Besuch unser Inneres erfüllt, auch äußerlich lebhaften Ausdruck zu verleihen. Am 24. und 25. Mai soll daher jeder Jude Festkleider anlegen. Synagogen und Privathäuser sollen im Fahnenschmucke prangen und aus allen Fenstern soll helles Licht dringen, um durch diese Illumination zu dokumentieren, daß in unserer Mitte ein großes Licht, das Licht unseres erlauchten, von seinen Landeskindern hochverehrten und geliebten Monarchen, leuchtet. In allen Bethäusern sollen an diesen zwei Tagen heiße und inbrünstige Gebete für Thron und Vaterland verrichtet werden und neben dem Gottessegen, den wir auf das allerhöchste Haupt herabflehen, soll auch unsere Entschlossenheit, für Thron und Vaterland Gut und Blut zu opfern, zum Ausdrucke gebrachte werden. Jüdische Brüder und Schwestern! Zwei Tage der Ehrung, des Glückes und der Freude stehen uns bevor, laßt uns sie würdig begehen! Der Aufruf ist gezeichnet von Dr. Abraham Jakob Mark, Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde, Czernowitz, und Dr. Karl Gutherz, Präsident der jüdischen Gemeinde.

(330524c2)


Seite 3

George Enescu - Mitglied der Akademie [S. 3, links, Mitte]
Bedeutungsvolle Rede des Königs

Bukarest, 22. Mai (Tel. des „Tag“). Die Akademie für Wissenschaften trat heute im Beisein des Königs zusammen, um George Enescu als Mitglied aufzunehmen. Auf die vom Präsidenten der Akademie gehaltene Ansprache antwortete das neue Mitglied George Enescu, worauf dann der König u. a. folgendes sagte:
Ich danke für die an meine Adresse gerichteten schönen Worte und bin glücklich, mich wieder in Euerer Mitte zu befinden. In dieser schweren Zeit, in welcher sich die gesamte Menschheit befindet, ist die Regenerierung der Kultur mehr als sonst notwendig. Mit Freude habe ich mich an die Spitze dieser Institution gestellt, der ich mit allen meinen Kräften angehöre, und für diese auch arbeite.
Die Aufnahme eines neuen Mitgliedes in unsere Akademie hat besondere Bedeutung. Wir hatten bis heute nur Historiker, Literaten, Vertreter positiver Wissenschaften. Nun haben wir einen neuen Zweig in der kulturellen Tätigkeit begründet. Wir ehren hier nicht bloß das Talent Enescu’s, sondern auch das Volk, das von seiner Kultur erfaßt wurde.

(330524r3)


Sereth (Todesfall) [S. 3, unten, Mitte]
Samstag verschied hier der Obmann des Gewerbevereines und langjährige Gemeinderat, Herr Nathan Gläsel. Er gehörte eine Reihe von Jahren dem jüdischen Kultusrat als Vorstandsmitglied an. Der Verstorbene hinterläßt eine gramgebeugte Gattin, einen Sohn, der Vizebürgermeister der Stadt Sereth ist, sowie drei Töchter, von welchen eine an den Großgrundbesitzer Adlersberg, eine zweite an den gewesenen Stadtrat Mohr, die dritte an einen Kaufmann im Regat verheiratet ist. Das Leichenbegängnis fand Sonntag nachmittags unter großer Beteiligung statt.

(330524t3)

Ankündigung
Die Asociatia Dentistilor din Bucovina [S. 3, unten, rechts]
gibt die betrübende Nachricht vom Ableben ihres verdienstvollen Ehrenpräsidenten

Nathan Gläsel
Dentist in Sereth

der Samstag, den 20. Mai 1933 verschied, bekannt. Die Asociatia Dentistilor din Bucovina beklagt in dem Heimgegangenen eines ihrer ausgezeichnetesten und hervorragendsten Mitglieder.
Wir werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.
Cernauti, im Mai 1933.

(330524t3)
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Nr. 357, Donnerstag, 25.05.33

Postby Klaus Binder on 3. June 2011, 10:03

Seite 2

Dr. Berthold Frucht gestorben [S. 2, Mitte]
In der Nacht vom 22. auf den 23. Mai starb in Wien der durch seine publizistische Tätigkeit bekannte Zahnarzt Dr. Berthold Frucht im Alter von 60 Jahren. Dr. Frucht, der vor einigen Jahren Czernowitz verlassen hatte, war Präsident des Wiener Schriftstellerverbandes. Das Leichenbegängnis fand in Wien statt.

(330525t2)


Von einem scheuen Pferd niedergerissen [S. 2, rechts, Mitte]
Der Kaufmann Benno Fleischer wurde im oberen Teil der Strada Cuciumare von einem scheugewordenen Pferd, welches einem Wagen vorgespannt war, zu Boden gerissen und erlitt erhebliche Verletzungen. Er wurde, nachdem ihm erste Hilfe zuteil worden war, häuslicher Pflege übergeben.


(330525i2)


Seite 3

König Carol II. und Großvoevode Mihai [Seite 3]
in Czernowitz

Führende Männer in Verwaltung, Politik und Wirtschaft
[Fotos]

Staatsminister Universitätsprofessor
Dr. Theofil Sauciuc-Saveanu

Ministerpräsident Dr. Alexandru Vaida-Voevod

Minister a. D. Dr. Constantin Isopescul-Grecul
Rektor der Universität

Bürgermeister Advokat Dr. Nicu Sauciuc-Saveanu

General Constantin Jacob
Kommandant der VIII. Division

Metropolit Nectarie

Bezirkspräfekt Dr. Ioan Jacoban
Präsident der Ackerbaukammer

Dimitrie Socoleanu
Generalsekretär und Direktor der Präfektur

Vizebürgermeister Direktor
Gavril Baranaiu

Cicel
Kapitän und Kommandant des Flughafens

Generalsekretär Dr. Stefan Braileanu

Dr. Octav Nicoara
Präsident Cons. Admin. I.E.M.C.

(330525c3)


Seite 4

König Carol kehrt zurück [S. 4, oben, links]
Erinnerung an Pfingsten 1930

In den Pfingsttagen des Jahres 1930 empfing das rumänische Volk durch den nationalen Willen seinen König wieder, der im Jahre 1926 als Kronprinz in die Fremde gezogen war.
Mehr als vier Jahre lebte das rumänische Volk von Sorge bedrückt, denn im Inneren des Landes fehlte der Herrscher, während uns von außen die Feinde von allen Seiten bedrohten. Das durch Blutopfer geschaffene neue Rumänien schwamm auf den Wogen der Geschichte wie ein führerloses Schiff.
Aus der Ferne betrachtete sein Lenker sorgenvoll die unsicheren Verhältnisse seines Landes, welches im Namen seines minderjährigen Sohnes von wechselnden Regentschaften gelenkt wurde. Nach vier Jahren, bedrückt von Heimweh und Sorge um das Vaterland, verließ der Prinz Frankreich, um in das Land seiner Kindheit zurückzukehren. Wie die Prinzen in den Märchen seiner Heimat kehrte Prinz Carol auf den Schwingen des Aethers heim. Er verließ am 6. Juni mit dem französischen Flugzeug „Farman“ München und kam nach Rumänien. In der Nähe von Oradea-Mare mußte das Flugzeug zwecks Behebung eines Motordefektes landen, und eine Bäuerin bot ihm, ohne zu wissen, wen sie vor sich habe, einen Erfrischungstrank. In Cluj nahm ihn ein rumänisches Flugzeug auf, das ihn nach Bukarest führte. Im Schloß Cotroceni wurde der heimgekehrte Prinz von seinem Bruder, Prinz Nicolai und dem Ministerpräsidenten Maniu willkommen geheißen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der lange ersehnten Heimkehr des Monarchen, mit Tränen der Freude begrüßte ihn sein Volk, das nun erleichtert aufatmete, da es das Schicksal des Landes in seiner starken Hand wußte. Am 8. Juni, dem Pfingstsonntag des Jahres 1930, wurde Kronprinz Carol von der Nationalversammlung zum König proklamiert; so wurde ein großer historischer Fehler wieder gut gemacht und Rumänien in die alten Bahnen einer sicheren Entwicklung zurückgeleitet.
Die ersten Gedanken des neuen Königs galten jenen, die durch das Opfer ihres Lebens Großrumänien geschaffen hatten. Er lenkte seine ersten Schritte zum Grabe des Unbekannten Soldaten. Am Abend des 8. Juni, nachdem er nach vierjähriger Trennung sein Kind wiedergesehen hatte, begab sich der König nach Curtea de-Arges, wo er eine Stunde der Andacht am Grabe des Königs Ferdinand, des Schöpfers des vereinigten Rumänien, seines erlauchten Vaters, verbrachte.

Hierauf verfaßte er die Proklamation an sein Volk:

An mein Volk!
Getrieben von meiner großen Vaterlandsliebe bin ich in der Mitte meines Volkes erschienen, um meinem Versprechen gemäß, meinem Volke ein Hüter und meinem Sohne eine Stütze zu sein. Als ich vor fünf Jahren durch Mittel, die mir unverständlich sind, gezwungen wurde, mein geliebtes Land zu verlassen, dachte ich keinen Augenblick daran, daß die glorreiche Herrschaft meines Vaters ein so jähes Ende nehmen werde. Heute zu euch zurückgekehrt, komme ich mit liebendem Herzen, um meinen Thron alle Söhne des Vaterlandes, die der Arbeit und der Wahrheit dienen wollen, zu versammeln.

In meiner Seele ist keine Spur von Zorn gegen jene, die während meiner Abwesenheit versucht haben, die Bande zu zerreißen, die mich mit dem Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, verknüpfen.

In der schweren Zeit, die unser Land durchmacht, richte ich einen warmen Appell an alle seine Söhne und rufe sie zu aufrichtiger und ehrlicher Mitarbeit zur Entwicklung unseres gemeinsamen Vaterlandes auf.

Ich verlange, daß alle, ohne Unterschied der politischen Überzeugung, des Glaubensbekenntnisses und der Abstammung mir ihre weiteste Unterstützung angedeihen lassen zum Wohle und zum Fortschritt des Landes.
Carol II., König von Rumänien

So sprach der aus der Fremde heimgekehrte König, und in seiner allumschließenden Liebe verzieh er auch jenen, die ihn in die Verbannung geschickt hatten, wo er in der Hoffnung lebte, daß die Wahrheit siegen werde wie die Sonne sich einen Weg bahnt durch die dichtesten Wolken. Im Namen dieser ewigen Gerechtigkeit war er ins Vaterland zurückgekehrt in Augenblicken höchster Not.

Das rumänische Volk hatte in gefahrvollen Zeiten tapfere Führer gehabt, die es zum Sieg geführt hatten. So hatte das Schicksal auch jetzt einen jungen tapferen König an seine Spitze gestellt. Von dem Tage seiner Thronbesteigung hat König Carol für sein Volk gelebt und gearbeitet, zusammen mit jenen, die sich um den Thron scharten, um ihre besten Kräfte in den Dienst des Landes zu stellen.

Die grosse Manifestation gegen die Revisionspläne
In der Bukarester Versammlung sprachen namens der Minoritäten Abg. Pencov, (Bulgare), Senator Matis (Vertreter der ungarischen Bauernpartei), Micnalski (Ukrainer), der Sprecher der Deutschen Partei war Abg. Dr. Franz Kräuter.

Finanzminister Madgearu
erklärte u. a.:

„Wir bereiten uns vor, die Lösung der Krise zu finden und dem Lande das Programm des nationalen Widerstandes gegenüber den Schwierigkeiten zu geben, die die Welt und uns erschüttern. Wir haben die Staatsschuld um 2 Milliarden gesenkt und im September werden wir noch eineinhalb Milliarden verlangen. Wenn die Londoner Konferenz nicht gelingen sollte, werden wir uns von der Schuldenlast befreien und versuchen, durch unsere eigenen Kräfte die eigenen nationalen Bedürfnisse zu befriedigen“.

„Vaida: So gut wie in Rumänien haben es die Minoritäten nirgends in der Welt!“
Ministerpräsident Vaida Voevod befaßte sich namentlich mit dem Problem der Revision der Grenzen, das durch einige Politiker westlicher Länder in die internationale Diskussion geworfen worden sei.

„Ich habe jedoch, so erklärte der Ministerpräsident, heute den Trost, daß die Vertreter der Minderheiten, einer nach dem anderen, hier angesichts der gesamten Welt anerkannt haben, daß die Minderheiten in keinem Lande ein besseres Schicksal als bei uns haben. Ich bin stolz darauf, daß sich die Vertreter dieser Minderheiten mit uns Rumänen in der Wahrung der Grenzen unseres Landes solidarisch erklärt haben. Politikaster versuchten in der Vergangenheit zwischen Rumänien und Minderheiten Zwiespalt zu stiften. Unsere Partei hat das Verdienst, ihnen die Bruderhand geboten zu haben, damit sie sich bei uns wie zuhause fühlen, auf dem Boden, den sie mit uns gemeinsam seit Jahrhunderten bewohnen. Wenn wir keine Minderheiten hätten, müßten wir uns welche wünschen, denn der Wetteifer der bodenständigen Minderheitennationen mit der staatsbildenden Bevölkerung ist ein außerordentlicher Antrieb für die Kultur.

Die Kundgebungen gegen die Revision in Belgrad, Bukarest und Prag
An den von den Staaten der Kleinen Entente am 28. Mai gleichzeitig in Bukarest, Belgrad und Prag stattfindenden großen Kundgebungen gegen die Revision werden von rumänischer Seite in Belgrad der ehemalige Unterstaatssekretär G. G. Tatarescu und der Vizepräsident der Kammer V. Grossu, in Prag der ehemalige Minister Gh. Crisan als Redner teilnehmen.

In Bukarest werden von tschechischer Seite der ehemalige Minister Slawitsch und von jugoslawischer Seite der ehemalige Minister Jowanowitsch teilnehmen.

(330525r4)


Führende Männer der Bukowinaer Industrie [S. 4, oben, rechts]
[Fotos]

Industrieller M. Solomovici
Präsident des Textilverbandes

Industrieller Jaques Liberman
Vizepräsident des Textilverbandes

Industrieller Stanislaus Podsudek
Königlicher Hoflieferant

Max Ritter von Anhauch
Großindustrieller

Dr. Ing Octavian Bocancea
Industrieinspektor

(330525c4)


Kleines Feuilleton
Der Fall Rose Meller [S. 4, Mitte, rechts]
Von einem Schriftsteller erhalten wir folgende Zuschrift: Wenngleich immer wieder gefordert wird, daß man an richterlichen Urteilen keine Kritik üben solle, zumal nicht an Urteilen, die im Ausland gefällt werden, kann man trotzdem an dem Fall der Schriftstellerin Dr. Rose Meller nicht wortlos vorübergehen. Diese unglückliche Frau wurde bekanntlich zu sechs Monaten schwerem Kerker verurteilt, für ein Vergehen, das keineswegs eine so harte Strafe verdient, besonders nicht in Oesterreich, wo in der letzten Zeit wiederholt Mörder freigesprochen wurden. Ich kenne die Schriftstellerin und möchte mir gestatten - mit Erlaubnis der geehrten Redaktion - ein paar Worte über ihren Fall zu sagen, um das überaus zutreffende Gutachten des Wiener Psychiaters Professors Bischoff zu ergänzen. Rose Meller war schon als junges Mädchen überaus „emanzipiert“, kümmerte sich wenig um die Tradition ihrer Familie, hatte einen unbezwinglichen Hang, Reisen in unbekannte Gegenden zu unternehmen und schwärmte geradezu für Abenteuer. Ihre im Prozeß erwähnte Reise nach Skandinavien machte sie größtenteils zu Fuß, freundete sich mit manchen „Herren der Landstraße“ (die man wohl besser einfach Landstreicher nennen könnte) an und schilderte ihre oft nichts weniger als zarten Erlebnisse nicht nur in ihren Schriften, sondern auch recht ungeniert in ihrem Bekanntenkreis. Schon diese Umstände weisen auf geistige und moralische Defekte hin, dazu kommt aber noch ihre Vorliebe, die Menschen irrezuführen. Unzählige Geschichten erfand sie, um ihre Bekannten und Verwandten zu verblüffen; sie war eine fleißige Studentin, eine tüchtige Chemikerin, arbeitete mit Eifer in Laboratorien, aber stets fiel sie durch ihre phantastischen Erzählungen auf, rühmte sich ihrer Erfolge bei Männern und nicht selten bezeichnete sie berühmte Persönlichkeiten als ihre intimen Freunde, obgleich sie die Betreffenden überhaupt nicht kannte, wie dies ja auch bei der Verhandlung in Wien erwähnt wurde. Sie war nicht ohne Reiz, doch stets ungepflegt und ihr Verzicht auf Körperpflege, ihr Wunsch, aufzufallen und von sich reden zu lassen, sowie ihre Lust an der Lüge lassen genau erkennen, wer und was Rose Meller war und ist. Nicht der Strafrichter, sondern der Psychiater hätte da ein Urteil zu sprechen, denn alle Symptome beweisen, daß Rose Meller trotz ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit und ihrer literarischen Erfolge keineswegs normal ist. Es wäre gar nicht ausgeschlossen, daß sie ein gewisses Vergnügen daran hätte, durch ihren Prozeß wieder in aller Leute Mund gekommen zu sein; doch ob es ihr Vergnügen macht oder nicht, es würde sich empfehlen - und vielleicht wird die zweite Instanz auch in diesem Sinne entscheiden -, ihr einen Platz in einer Heilanstalt zu gewähren, wo sie längere Zeit keine Gelegenheit hätte, mit ihrer krankhaften Phantasie andere und sich selbst zum Narren zu halten.

(330525i4)


Seite 5

Führende Männer des Handels [S. 5, oben, links]
[Fotos]

Dionys von Anhauch
Vizepräsident der Handelskammer

Josef Vihovici
Handelskammerpräsident, schwed.
Konsul

Dr. Jaques Schnee
Vizepräsident der Handelskammer

Ing. D. Kraessel
Handelskammerrat

Mihai Jacoban
Börsenpräsident und königlicher Handelskommissär

Mag. Alfred Gläsner
Handelskammerrat, Vizepräsident
des Sfatul Negustoresc

(330525c5)


Vollmond im Frühling [S. 5, oben, rechts]
Reines Rund und Silbergleißen,
in dein Leuchten schwingt mein Schritt,
nimmt aus deinem zauberweißen
Prangen deine Ruhe mit.

Zartes Wandeln hoch im Blauen,
tief im Nachtlaub schreite ich
durch die lichtgetränkten Auen,
meine Augen schlürfen dich.

Will ich dir entgegenwallen,
voller Ball du von Kristall,
schwebst du durch die Himmelshallen
mir voran im Sternenfall.

Lied vom Hirt und seiner Herde,
armes kleines Kinderlied!
Hirt des Himmels, Hirt der Erde
über mir die Kreise zieht.
Alfred Kittner

(330525a5)


Seite 6

Führende Männer des Gewerbes [S. 6, oben, rechts]
[Fotos]

Karl Moskaliuk
Handelskammerrat, Vizepräsident
der Gewerbetreibenden - Sektion
der Arbeitskammer

Max Weissmann
Handelskammerrat, Präsident des
Genossenschaftsverbandes in der
Bukowina

Dentist Emil Weiser

(330525c6)


Theater und Kunst
Josef Bernstein, ein junger rumänischer Künstler [S. 6, rechts, Mitte]
wirkt am Brahms-Abend mit

Der Violinvirtuose Josef Bernstein ist erst 19 Jahre alt. Er stammt aus Balti, sein erster Lehrer war der Czernowitzer Geiger Benno Eckerling, dann kam er an die Musikakademie in Wien und absolvierte sie mit Auszeichnung. Durch zwei Jahre war er hierauf Schüler von Karl Flesch in Berlin.
Die Berliner Kritik weiß über den jungen Künstler nur Lobenswertes zu sagen.

„D.A.Z.“ Berlin, 10. Juni 1932: „Eine ganz starke Begabung ist der Geiger Josef Bernstein; er spielte Bachs H-moll-partita musikalisch hoch entwickelt und kristallklar im Tonlichen, alle Achtung“.

„D.A.Z.“ Berlin, 22. Juli 1932: „Josef Bernstein verband in Glasunoffs Violinkonzert eine traumwandlerische Sicherheit mit herrlicher Wärme des Klanges zu idealer Einheit“.

(330525c6a)


Seite 7

Führende Männer [S. 7, oben, links]
[Fotos]

a) Finanzen
Dir. Edmund Luttinger, Holländischer Konsul

b) Kultus
Ing. Maximilian Zwilling
Vizepräsident der Industriekammer
und Vizepräsident der jüd. Gemeinde

c) Arbeit
Arbeitsinspektor Stroja

Dimitrie Bucevschi
Einer von den Drei
Siehe Artikel des „Tag“ (Drei von Zwölf)
in der Dienstag-Nummer

Arbeitsinspektor Botez

(330525c7)


Seite 8

Einstein nimmt seine Lehrtätigkeit in Oxford auf [S. 8, Mitte, rechts]
Wie seinerzeit gemeldet, hat sich das Rektorat der Universität von Oxford an Professor Albert Einstein gewandt, und ihm einen Lehrstuhl für Physik angeboten. Wie nun bekannt wird, sind die Verhandlungen so weit gediehen, daß Einstein noch im Laufe des Sommersemesters eine Reihe von Vorlesungen abhalten wird. Der deutsche Gelehrte, der sich jetzt in Belgien aufhält, wird bereits in den nächsten Tagen in England erwartet. Er hat eine Einladung des britischen Unterhausmitgliedes und ehemaligen Fliegerhauptmanns Commander Locker-Lampson, in dessen Haus zu wohnen, angenommen und dürfte die Sommerferien auf dem Landsitz des Abgeordneten verbringen. Auch die Verhandlungen mit der Universität von Madrid haben zu konkreten Ergebnissen geführt.

(330525w8)
Klaus Binder
 
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Nr. 358, Freitag, 26.05.33

Postby Klaus Binder on 6. June 2011, 22:37

Seite 1

Der König spricht [S. 1, oben, links]
Beim Bankett hielt König Carol folgende Ansprache:
„Ich danke vom ganzen Herzen für die herzlichen Worte; die Sie im Namen der Bukowina an meine Adresse gerichtet haben.
Für mich ist es immer ein Vergnügen, die Gebiete meiner Vorfahren zu besuchen, und immer bin ich vom Gefühl der Ehrfurcht ergriffen, so oft ich den Boden der heiligen Reliquien der Moldau, besonders der alten Moldau, von wo aus so viele heldenhafte Führer heldenhafter Armeen unserer Vergangenheit ihre heldenhafte Kämpfe unternommen haben, betrete.
Ich muß hier die Dichterworte gebrauchen: „Die süße Bukowina, ein heiterer Garten“. Ein Land, wie in einem Paradies, das Land der Buche, unerhört in seiner Schönheit, ein Land mit einer mutigen Bevölkerung, die im Verlaufe der Geschichte die Liebe zum Vaterland so oft bewiesen hat.
Heute, in einer Zeit, in der alle Rumänen vereint sind, haben wir das Vergnügen, in einem glücklichen Land zu leben, zusammen mit unseren Mitbürgern anderer Rasse und Religion, und es ist für mich eine Freude, auch ein Stolz, diesen Teil des Landstriches zu besuchen.
In diesen feierlichen Tagen, die ich in der Mitte der Bukowina und der Bukowiner verbringe, versichere ich meine tiefe Anhänglichkeit und Liebe für die Bukowina.
Es ist vielleicht ein Zufall, daß der Tag meines Besuches mit dem Tag der Erinnerung an unsere Helden zusammenfällt, und es ist verständlich, daß meine Gedanken an die Kameraden der Vergangenheit, von welchen viele nicht mehr am Leben sind, sich knüpfen.
Diese Tatsache möge allen Bürgern des Landes Aneiferung für ein Zusammenarbeiten und einer Vereinigung des rumänischen Volkes dienen. (Starker Applaus)
In diesen Gedanken drücke ich noch einmal meine Liebe für alle Bürger dieses Landstriches aus und erhebe mein Glas mit dem Rufe: Es lebe die Bukowina!“
(Langanhaltender Beifall.)

(330526c1)


1000 Mark und einen Freifahrtschein [S. 1, unten, links]
gibt Hitler jedem deutschen Juden, der nach Amerika auswandert

Berlin, 22. Mai. Die deutsch-amerikanische „New-Yorker Staatszeitung“ erhält von ihrem Verleger Bernhard Ridder ein Interview mit dem Reichskanzler Adolf Hitler. Dieser schildert in erster Linie Deutschlands Verzweiflungskampf gegen den Marxismus. Warum, so fragte Hitler, beweint die Welt mit Krokodilstränen das hundertfach verdiente Schicksal einer kleinen Minderheit? Das bisher noch geheimgehaltene Material garantiert schon jetzt den Beweis für die Aufdeckung eines kommunistischen Weltkomplotts. Wo war das Weltgewissen, als Millionen in Deutschland Hunger litten, entbehrten und in Not verbluteten?

Ich frage Roosevelt, ich frage das amerikanische Volk, das sich berechtigt glaubt, den bolschewistischen Seelenvergiftern Sympathie und Hilfe entgegenbringen zu müssen: Seid ihr bereit, diese Brunnenvergifter der deutschen und der christlichen Weltseele bei Euch aufzunehmen? Wir würden jedem einzelnen ein Freibillett und einen Tausendmarkschein als Taschengeld mitgeben, wenn wir sie los werden könnten.

Hitler ging dann auf die Judenfrage über und erklärte: Soll ich tausende deutschblütiger Menschen vernichten lassen, damit alle Juden selbst geschützt arbeiten, leben und raffen können, während ein Millionenvolk hungert, verzweifelt und dem Bolschewismus zum Opfer fällt? Hitler schloß sein Interview mit dem nochmaligen Hinweis darauf, daß für marxistische Elemente gerne die Reisespesen bezahlt würden und ihnen ein kleines Bankkonto mitgegeben würde, wenn sie von anderen Nationen aufgenommen würden.

(330526w1)


Seite 2

Advokat Dr. Max Fränkel freigesprochen [S. 2, oben, links]
Dienstag fand vor dem Bukarester Militärgericht die Rekursverhandlung im Prozesse gegen den Czernowitzer Advokaten Dr. Maximilian Fränkel statt. Bekanntlich wurde Dr. Fränkel wegen kommunistischer Umtriebe vom Jassyer Militärgericht zu zwei Monaten Kerker verurteilt und legte gegen dieses Urteil Rekurs ein. Das oberste Kriegsgericht hat nun dem Rekurs Dr. Fränkels, der von den Anwälten Dr. Morariu und Dr. Weißmann verteidigt wurde, stattgegeben und Dr. Fränkel freigesprochen.

(330526r2)


Begeisterter Empfang [S. 2, oben, Mitte]
Czernowitz in Feststimmung

Die Geschichtsschreiber werden den 24. und 25. Mai als historisch für die Bukowina bezeichnen. König Carol II besucht Czernowitz. Die Stadt ist in Festschmuck gehüllt, überall Fahnen, Bilder des Königs und des Großvoevoden Mihai. Ungeheuere Menschenmengen standen schon in den ersten Morgenstunden auf den Plätzen und Straßen, um den König und den Großvoevoden zu begrüßen.

Vor der Ankunft des Hofzuges
Am Hauptbahnhof hatten sich um 9 Uhr vormittags die Spitzen der Behörden eingefunden. Der Sicherheitsdienst wurde unter Leitung des Generalinspektors der Sigurantza Zachiu, des Subinspektors Pihal, des Polizeiquästors Ghinea, des Quästursekretärs Dr. Kuchinsky, Sigurantzainspektor Panaitescu, des aus Bukarest eingetroffenen Subinspektors der Sigurantza Gheorghiu und der Vertreter der Militärbehörden versehen. Alles wickelte sich programmäßig ab.

Die Gäste am Bahnhof
Zum Empfang am Bahnhof hatten sich u. a. eingefunden: Minister Dr. Sauciuc-Saveanu, Generalinspektor Crudu, Bürgermeister Dr. Saveanu, die Spitzen der militärischen Behörden, General Jacob, Oberst Topor. Generalstabschef Oberst Nicolau, die Oberste Popovici und Saveanu, der königliche Kommissär Major Burada, Bezirkspräfekt Jacoban, Graf dela Scala, Universitätsrektor Isopescul-Grecul, Dekan der Advokatenkammer Dr. Radulescu, die Vizebürgermeister Baranai, Kaczmarowski-Weiser und Klüger, Dr. Braileanu, die Universitätsprofessoren Minister a. D. Dr. Nistor, Hacman, Sbiera, Parvulescu, Costeanu, Bacinschi, Ghitescu, Procopovici, Primpräsident Dr. von Tusinschi, Generalstaatsanwalt Braileanu, Präsident Ariton, erster Staatsanwalt Axani, Präsident des Gerichtshofes Ionescu, der deutsche Konsul Drubba, der holländische Konsul Luttinger, der französische Konsularagent Honorat und der polnische Konsul Uszdowski, Handelskammerpräsident Vihovici, Abgeordneter Dr. Ebner, der frühere Abgeordnete Dr. Marcu, Finanzdirektor Florian, Major Lupascu vom 11. Rosioriregiment, Postdirektor Zaharie, Generalsanitätsinspektor Teodorescu, die Deputierten Dr. Zaloziecki und Dr. Lebouton, Direktor der Krankenkasse Dr. Daniel, Ingenieur Rascanu, Hauptmann Cicei, der Präfekt von Dorohoi Rautu, Präfekt von Kimpolung Moldovan, Inspektor Boldur, Generalinspektor der Bukarester Sigurantza Stratilescu, Sigurantzadirektor Vintila Ionescu, der Bürgermeister aus Dorohoi, Dr. Vereanu, Postdirektor Cuzin, Schulinspektor Professor Saveanu, Verwaltungsinspektor Simionescu-Lungu, Arbeitsinspektor Stroja, Dr. Nicoara, Generalinspektor des Katasters Chirilow, Gemeinderat Spataru, der Regisseur des Nationaltheaters Bucevschi und viele andere.

Vaida eingetroffen
Gegen halb 10 Uhr traf der Zug mit dem Ministerpräsidenten Vaida, dem Unterrichtsminister Gusti, dem Kabinettschef des Ministerpräsidenten Arion, und dem Direktor des Ministerpräsidiums Pop ein. Dem Ministerpräsidenten Vaida und Unterrichtsminister Gusti hat Minister Sauciuc-Saveanu die Spitzen der Behörden vorgestellt. Besonders herzlich war die Begrüßung zwischen dem Ministerpräsidenten Vaida und Senator Nistor.
Während sich der Ministerpräsident mit dem Minister Dr. Sauciuc-Saveanu unterhielt, zog der Unterrichtsminister Gusti den Generalinspektor Crudu, den Rektor Isopescul-Grecul und den Schulinspektor Saveanu ins Gespräch.
Die spannungsvolle Erwartung hält an und steigert sich immer mehr. Die Bahnhofuhr schlägt zehn. Man trifft Vorbereitungen für den Empfang des Königs. Die Truppenkörper werden von den höheren Offizieren mit General Jacob an der Spitze inspiziert. Es erschallt das Signal, welches die Einfahrt des Hofzuges ankündigt.

Der König ist eingetroffen
Genau 10 Uhr und 7 Minuten erfolgt die Einfahrt des königlichen Zuges. Die Ehrenkompanie der Graniceri tritt in Gewehr, die Musik läßt die Königshymne erschallen.
Noch bevor der Zug zum Stehen gebracht wurde, sieht man den König auf der Treppe seines Waggons. Begeisterter Jubel ertönt, als König Carol in Graniceriuniform, begleitet vom Großvoevoden Mihai in blauem Sportdreß mit Barett, den Perron betritt.
Der König wird vom Ministerpräsidenten Vaida, dem Unterrichtsminister Gusti und dem Minister Dr. Sauciuc-Saveanu begrüßt. Ueberaus herzlich begrüßte der Ministerpräsident den Großvoevoden Mihai. Der König schreitet zunächst die Front der Ehrenkompanie ab, dann reicht er den höheren Offizieren die Hand und kommt wieder in der Mitte der Vertreter der Behörden, die ihm vom Minister Dr. Sauciuc-Saveanu vorgestellt wurden. Bürgermeister Dr. Saveanu begrüßte sodann den König im Namen der Stadtgemeinde, heißt ihn willkommen und überreicht ihm das traditionelle Salz und Brot.
General Jacob erstattete hernach kurzen Bericht.
Mit dem König sind im Hofzuge eingetroffen: Königlicher Adjutant General Balif, General Ilasievici, General Dumitrescu, General Condeescu, der Kommandant der Palaisgarde Oberst Sturdza, Oberst Ramniceanu, Oberst Fundateanu, Oberst Grigorescu, der Kommissärchef des Palais Niculescu, Generaldirektor der Sigurantza Bianu und der königliche Stenograph und Direktor des Senatsbüros Ghitescu.

In der Kathedrale
Um halb 11 Uhr verließ der König mit seinem Gefolge den Bahnhof und begab sich zur Kathedrale. Im ersten Auto befinden sich Ministerpräsident Vaida, Minister Dr. Sauciuc-Saveanu und Polizeiquästor Ghinea, im zweiten Wagen, einem Chrysler Imperial spezial, der vom Chauffeur Schuster gelenkt wurde, der König und der Großvoevode Mihai. Es folgen hernach die übrigen Autos.

In den Straßen, die der König passiert, bilden die Sportvereine, die Studentenverbindungen, die Schüler und Schülerinnen aller Schulen, ferner eine große Menschenmenge Spalier.
Lange vor dem Eintreffen des Königs hatte sich in der Kathedrale zahlreiches Publikum versammelt, um dem feierlichen Gottesdienst, der vom Erzbischof Nectarie, Konsistorialrat Sandru, den kirchlichen Würdenträgern Tarnavschi und Vasilescu, assistiert von zwölf Geistlichen und dem kirchlichen Chor, zelebriert wurde, beizuwohnen.

In der Kathedrale bemerkte man u. a.: Theaterdirektor Badarau, Landesgerichtsrat Dr. Sarbu, Generalrat Max Ritter von Anhauch, Vizepräsident der Handelskammer Dr. Schnee, Universitätsprofessor Dr. Marmeliuc, General Moruzzi, Direktor Bucevschi, Chefportarel Vinigrotchi, Finanzinspektor Armeanu und Finanzadministrator Lazarescu, den Direktor der „Bucovina“, Topa und viele andere, ebenso die Spitzen der Behörden, die sich am Bahnhof zum Empfang eingefunden haben.
Nach dem Gottesdienst hielt Metropolit Nectarie eine Ansprache, in der er auf die Bedeutung der Vereinigung der Bukowina mit dem Mutterlande verwies.
Um halb 12 begaben sich der König und der Großvoevode Mihai, begleitet vom Ministerpräsidenten Vaida, dem Unterrichtsminister Gusti und dem Minister für die Bukowina Dr. Sauciuc-Saveanu zum Bahnhof, um sich von dort dann nach Molodia zu begeben.

Der König inspiziert
Im Laufe des Nachmittags hat der König das 11. Rosioriregiment, das 8. Vanatorregiment, das vierte Pionierregiment und zum Schluß das Militärlyzeum, wo er sich längere Zeit aufhielt, inspiziert und sich hernach zur Einweihung des Pfadfinderheimes nach Horecea begeben.

Das Championat
„Calul de arme“

Wenige Minuten nach 12 Uhr trafen die hohen Gäste mit ihrer Suite auf der Plattform in Molodia ein.
Der König saß selbst am Volant eines „Chrysler Imperial“, ihm zur Linken der Großvoevode. Bürgermeister Dumitru Sarafencu überreichte ihm Brot und Salz. Das bäuerliche Gemeindeoberhaupt sprach ein paar herzliche Begrüßungsworte, die der König mit einem lächelnden Gruß quittierte. Hierauf begaben sich der König und sein Gefolge an eine Stelle, von der aus der Teil des Championates, der sich auf der Molodiaer Plattform abspielte, ganz genau übersehen werden konnte. Hier waren die Hindernisse aufgestellt, deren Bewältigung ein wichtiger Punkt des Championates „Calul de arme“ bedeutet.

„Calul de arme“ ist eine Prüfung von Mann und Pferd, gleich dem in der englischen Armee eingeführten „english military“, bei der von Roß und Reiter jede Disziplin verlangt wird. Die Prüfung geht über 32 km. einer unbekannten Route. Der Reiter nimmt seinen Weg nach einer Skizze. Dieser Weg führt sowohl über weichen als auch harten Boden, wodurch die Gangart des Pferdes bestimmt ist. Außerdem müssen 26 fixe Hindernisse, natürliche und künstliche, genommen werden. Die Prüfung endet mit einer steople chase von 3 km. Gewertet werden: Schnelligkeit, Springen, Zustand des Reiters nach Ankunft.

Es ist zum ersten Mal, daß in Czernowitz das Championat „Calul de arme“ ausgetragen wurde, diesmal erhält es einen besonderen Glanz durch die Anwesenheit des Königs und des Kronprinzen.
Der Start, der in Horecea erfolgte, begann um 11 Uhr vormittags. In Abständen von je 3 Minuten starteten die Reiter. Etwa 60 hatten sich zur Konkurrenz gemeldet, jedoch nur 40 werden qualifiziert werden. Die restlichen mußten verschiedener Fehler wegen aus dem Rennen fallen. Der König, der wie erwähnt, um 12 Uhr eintraf, hatte Gelegenheit, einige glänzende Leistungen der durch den forcierten Tempo zurückgelegten Weg von 28 km. ermüdeten Reiter und Pferde zu beobachten. Es sei hier nur der Major Berlescu erwähnt, der in geradezu unheimlichem Tempo, als ginge er ganz frisch ins Rennen die Hindernisse auf der Molodiaer Plattform nahm. Die Resultate werden erst heute bekannt werden. Die Kommission (Präsident General der Kavallerie Comarnescu in Vertretung des Generalinspektors der Kavallerie Moruzzi, Kommandant der 8. Division General Jacob und Veterinär-Oberst Dr. Hortopan, aus Bukarest) ist vollauf beschäftigt, die Leistung der 40 im Rennen gebliebenen Reiter zu werten. Die Preisverteilung (erster Preis 20.000 Lei, ein Pferd mit Sattel und Zaumzeug, zweiter Preis 15.000 Lei, ein Pferd mit Sattel und Zaumzeug, dritter Preis Lei 10.000, Pferd mit Sattel und Zaumzeug) findet heute nachmittags auf dem Stadion statt.
Der König und sein Gefolge blieben cca. eine Stunde in Molodia, worauf sie sich, begleitet von begeisterten Zurufen der auf beiden Seiten postierten Menge, in die Stadt zurückbegaben.

Bei den Pfadfindern in Horecea
An der Waldlisiere knapp am Ufer des Pruth, stehen bereits auf einem [unleserlich: applacierten] Stück Land vier Säulen.
(Fortsetzung von Seite 3, oben, links)
Hier wird sich dereinst das Heim der verschiedenen Czernowitzer Pfadfinderkohorten erheben. Wald, Wasser, Sonne, Luft, die richtige Umgebung um Gesund- und Stark-Werden.
Lange schon bevor die hohen Gäste kamen, hatte sich eine große Menschenmenge um das Terrain gruppiert. Alle Kohorten der Bukowina und aus den benachbarten Bezirken der Moldau hatten auf der neuen Fahrstraße an der Waldlisiere Aufstellung genommen; als der König, der Großvoevode, der Ministerpräsident und die Honoratioren erschienen, bot die Front der Knaben und Mädchen einen herzerfreuenden Anblick. Man sah auch den Gästen die Freude an, als sie die Front abschritten und der König die Meldungen der einzelnen Kohortenführer und -Führerinnen entgegennahm. Kapitän Sidorovici, der Kommandant der Bukowinaer Pfadfinder, wurde vom König in ein längeres Gespräch gezogen, worauf er die hohen Gäste auf die Tribüne führte. Nachdem ein Pfadfinder mit lauter schallender Stimme den Schwur gesprochen hatte, begannen die Vorführungen der humorvollen Spiele und Tänze der Pfadfinder, denen alle ausnahmslos mit viel Vergnügen folgten. Einige Uebungen sowie Vorführungen im Chor zeigten von ausgezeichneter Disziplin. Sichtlich befriedigt verließen die königlichen Gäste den Horecaer Wald.

Das Bankett
Abends fand das Bankett statt. Nach dem vierten Gange erhob sich Minister Saveanu und begrüßte den König im Namen der Bukowinaer Bevölkerung. Er verwies auf die glücklichen Tage, die die Bevölkerung in der Mitte des Königs verbringt, und betonte, daß die gesamte Bevölkerung der Bukowina ohne Unterschied von Nation und Glauben dynastisch. Zum Schlusse sagte der Minister: Wir werden auch künftighin für die Zivilisation und Kultur kämpfen und die Ordnung an den Toren des Orients zu erhalten wissen. Minister Saveanu erhob das Glas zu einem Toast auf den König, den Voevoden Mihai und die königliche Familie.
Der König erwiderte mit einer Ansprache, die an der Spitze des Blattes veröffentlicht ist.
Beim Bankett wurde das nachstehende Menu serviert:

Dineu
Miercuri, 24 Maiu 1933

Pelin cu Tartine
Bulion cu pateuri
Peste cu maioneze
Musc cu legume
Sparangheli
Claponi la tava cu salata
Torta-Crema inghetata
Branzeturi Fructe
Cafea
Bere, vin alb si rosu

Champanie:
Mumm
Rhein extra
Rhein Royal
Cointreau

Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß bei der Auswahl des Champagners beim Königs-Bankette die Wahl auf die vorzügliche Sektmarke „Mumm“, bekanntlich die führende Champagner-Marke Frankreichs, sowie auf die besten rumänischen Qualitäts-Sekte „Rhein Extra“ und „Rhein Royal“ fiel. Als Likör wurde ausschließlich die vorzügliche Marke „Cointreau“ kredenzt.

(330526c2 + 330526c3)


Seite 3

Moderne Völkerwanderung [S. 3, oben, rechts]
Hitler schickt die deutschen Juden zu Roosevelt. Er gewährt jedem eine Freifahrt, außerdem einen Tausendmarkschein. Dieses Angebot hat tatsächlich der deutsche Reichskanzler im Wege eines Interviews dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gemacht. Wenn dieser Antrag angenommen würde, dann ... so kalkuliert Hitler - wäre die Judenfrage für Deutschland gelöst.
Roosevelt müßte nun Hitler antworten: Gibst Du mir die Juden nur mit den Tausendmarkscheinen oder willst Du ihr übriges Vermögen behalten? Auch die deutschen Juden genießen den Ruf, fleißig, tüchtig und sparsam zu sein. Ihre Befähigung auf allen Gebieten ist bekannt. Amerika nimmt sie gerne auf, weil der Zustrom dieser wertvollen Menschen ein Plus für die amerikanische Wirtschaft bedeuten müßte. Also, ich nehme sie auf, falls Hitler sie mit dem gesamten Vermögen, ihren Erfahrungen und ihren Einflüssen auf das öffentliche Leben freiläßt. Noch eine Bedingung: die 500.000 Juden tauschen die Amerikaner gerne ein gegen die 15.000.000 Deutsch-Amerikaner, die wir nach Deutschland rücksenden.
In dieser Aktion liegt wenig Spaß. Hier sei eine Legende wiedergegeben, deren Ursprung Prag ist. Masaryk soll Hitler den Vorschlag gemacht haben: Ich tausche gerne die halbe Million deutscher Juden mit den drei Millionen Sudeten-Deutschen, die ich nach Deutschland rücksende.
Das Zeitalter der Völkerwanderung ist wieder herangebrochen. Erst vor wenigen Jahren verzeichnete die Menschheit das gleiche Erlebnis. Griechenland und die Türkei tauschten ihre fremden Volksstämme: die Griechen Kleinasiens wanderten in die Urheimat und dafür bekam die Türkei ihre Türken aus dem Balkan-Griechenland zurück.
Jetzt soll wieder einmal ein solches Exempel statuiert werden. Die Tschechoslowakei und die Amerikaner machen Angebote auf Uebernahme der deutschen Juden gegen Rückstellung der Deutschen der Tschechoslowakei und der Deutschen Amerikas.
Mit der Zeit wird das Problem der Nationalstaaten doch irgendwie gelöst werden.
Der Antrag Hitlers könnte fast angenommen werden.
Edi

(330526w3)
Klaus Binder
 
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Nr. 359, Sonntag, 28.05.33

Postby Klaus Binder on 7. June 2011, 21:41

Seite 2

Schachturnier [S. 2, Mitte, oben]
Vor kurzem wurde das Turnier um die Meisterschaft der Bukowina beendet. Das Turnier nahm einen sehr interessanten Verlauf und ergab nachfolgendes Resultat: Den ersten Preis sowie die Landesmeisterschaft im Schach gewann Advokat Jakob Silbermann, dessen Sieg nach seinem glänzenden Start von vornherein feststand. Zweiter wurde Norbert Preminger, ein sehr begabter Spieler, der im Bukarester Pokalturnier 1932 an die erste Stelle gelangte. Es folgen ferner Dr. Bohosievicz, der bisherige Titelinhaber Braunstein und Dr. Schmierer, die den gleichen Zählerstand erzielten, Advokat Alvirescu, der bekannte Problemkomponist Ginninger, Dr. A. Freitag, Baron Roman Freitag und J. Katz. Die beiden ersten Preisträger werden als Vertreter der Bukowina am Reichsturnier in Bukarest teilnehmen.

(330528i2)


Todesfall [S. 2, unten, rechts]
An den Folgen einer Blutvergiftung ist Donnerstag im jugendlichen Alter von 30 Jahren Herr Rubin Harth, Sohn des Porzellanhändlers Harth, im Sanatorium „Mihai“ verschieden. Das Leichenbegängnis hat gestern stattgefunden.

(330528t2)


Seite 3

Die Königstage [S. 3, oben, links]
Donnerstag: Heldenfeier / Flughafen „Großvoevode
Mihai“ / Reiterfest / Abschied


Donnerstag vormittags fand auf der Piata Alexandri die Feier zu Ehren der gefallenen Helden statt. Die Festlichkeiten begannen mit einem feierlichen Gottesdienst. Auf dem Platze waren Altäre für die verschiedenen Riten und für den König ein erhöhter Patz, der mit dem Reichswappen geschmückt war, errichtet. Rings um die Tribüne stand das geladene Publikum, darunter die Spitzen der Behörden, die Offiziere und Reserveoffiziere, Abordnungen der Pfadfinder und anderer Vereine etc. Gegen 10 Uhr erschien der König in Begleitung der Minister und seines Gefolges. Der Gottesdienst fand in einer Minute bewegungsloser Andacht für die gefallenen Helden seinen Abschluß.

Die Defilierung der Truppen
An den feierlichen Gottesdienst schloß sich die Defilierung sämtlicher in Czernowitz und Umgebung stationierter Truppen an, die in folgender Reihenfolge am König vorbeizogen: die Kadettenschule, das 8. Jägerregiment, die 3-er Graniceri, die 17-er Obuzieri zu Fuß, die 4-er Pioniere, eine Radfahrerabteilung, die 11-er Rosiori zu Fuß, die Pfadfinder und Pfadfinderinnen und die Arcasi. Der König gab seiner Zufriedenheit Ausdruck und begab sich sodann zur Universität.

Die Promotion des Königs zum Ehrendoktor
Um 11 Uhr betrat der König mit dem Großvoevoden und seinem Gefolge die Universität. Die Erschienenen wurden von der großen Anzahl der Festteilnehmer mit langanhaltenden Hurrah-Rufen begrüßt und in die Aula geleitet, wo Rektor Isopescul-Grecul eine Begrüßungsansprache hielt, in welcher er die kulturfördernde Tätigkeit der Bukowinaer Schulen im Mittelalter hervorhob und daran erinnerte, daß die Czernowitzer Universität auch unter österreichischer Herrschaft eine Kulturquelle für das rumänische Volk gewesen sei. Nachdem noch der Redner der Eröffnung der Czernowitzer Universität, die vor 12 Jahren in Anwesenheit des verstorbenen Königs Ferdinand stattfand, gedachte, bat er um die Erlaubnis, zum Beweise der Anhänglichkeit, der Czernowitzer Universität den Namen des Königs beilegen zu dürfen.
Der König gab seine Zustimmung, worauf der Rektor ein Hoch auf den König und das Gedeihen der Universität ausbrachte. Alle Anwesenden brachen in Hochrufe aus und der Theologenchor stimmte die Königshymne an. Die Professoren Dr. Spanu als Dekan der theologischen Fakultät, Dr. Ghitescu als Dekan der juridischen Fakultät, Professor Braileanu als Dekan der philosophischen Fakultät, und Professor Prelipcean als Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät ersuchten den Rektor in lateinischer Sprache, dem König den Doktortitel der vier Fakultäten verleihen zu dürfen. Dr. theol. Klemens Popovici ersuchte in seiner Eigenschaft als ältester Professor gleichfalls in lateinischer Sprache den König die Ehrenbezeigung annehmen zu wollen. Nachdem der König in lateinischer Sprache seine Zustimmung gegeben hatte, reichte ihm Dr. Popovici das Diplom.

Die Rede des Königs
Der König hielt hierauf eine schwungvolle Rede, die bei den Versammelten großen Eindruck hervorrief. Nach einigen an den Rektor und die Professoren adressierten Dankesworten für die Ehrenbezeugung und die traditionsverbundene wissenschaftliche Arbeit führte der König u. a. aus: Bisher war Rumänien auf den Import geistiger Errungenschaften von außenher angewiesen. Dies müsse nun ein Ende nehmen. Die hehrste Aufgabe unserer Universität müsse darin bestehen, eine eigene bodenständige Kultur zu schaffen, die Fahnen der rumänischen Kultur zu heben und sie voller Stolz auf dem Platz, der ihr gebührt, flattern zu lassen. Nur jenes Volk habe auf dieser Welt Lebensberechtigung, das an der Kultur der ganzen Menschheit mitarbeitet und bestrebt ist, sich voll und ganz seiner Eigenart bewußt fortzubilden.
Der König wandte sich sodann an die Studenten, die er als Verkörperung der rumänischen Vergangenheit und rumänischer Zukunft der Universität ansprach. Er forderte sie auf, den Jugendmut und die jugendliche Begeisterungsfähigkeit zum Wohle des Vaterlandes zu bewahren, denn diese seien die besten Eigenschaften zur Verwirklichung aller großen Dinge.
Mit folgenden Worten schloß der König seine Rede: „Meine Herren! Mit warmer Seele und das Herz voller Hoffnungen werde ich Czernowitz verlassen. Denn das Fest, das Sie mir hier an der Universität bereitet haben, hat großen Eindruck in mir hinterlassen. Sowohl Ihre Geste, als auch die schönen Worte des Rektors haben mich tief gerührt. Aber ich habe heute noch eine besondere Freude, ich habe mit mir an diesen Quell des Lichtes auch meinen vielgeliebten Sohn hergebracht, der auf diese Weise hier zum ersten Mal mit dem Universitätsleben bekanntgeworden ist. Er verkörpert für uns alle den Tag von übermorgen, und so erziehe ich ihn in diesem festen Glauben und der unerschütterlichen Liebe für alles, was rumänisch ist, und im Glauben, daß er die nötige Kraft finden wird, wenn sein Tag gekommen ist, seine volle Pflicht gegenüber dem Vaterlande zu erfüllen. Nochmals allen meinen herzlichsten Dank sagend, rufe ich aus vollem Herzen: Vivat, crescat, floreat Alma Mater Carolina.“
Enthusiastische Ovationen folgten den Worten des Königs. Die Feier fand ihren Abschluß mit dem Liede „Vivat academia“, das vom Theologenchor gesungen wurde.
Nach Schluß der Feier besichtigte noch der König die anläßlich des Tages des Buches veranstaltete Bücherausstellung in der Universitätsbibliothek.

Die Einweihung des Flughafens
Um 12 Uhr mittags fand die feierliche Eröffnung und Einweihung des Fughafens statt. Eine mehrtausendköpfige Menge nahm an der erhebenden Feier teil. In der Mitte des Platzes erhob sich ein reich geschmücktes Königszelt, welches eine für den König bestimmte Tribüne umschloß. Die beiden Monumentalbauten des Flughafenkommandos und des Flugbahnhofs waren reich beflaggt und mit Grün geschmückt. In der Nähe des Königszeltes war ein Altar errichtet. Auf dem Festplatz hatten Bauerndelegationen aus allen Bezirken der Bukowina in ihrer Nationaltracht Aufstellung genommen. Um 12.20 Uhr langte der König, der selbst seinen Sportwagen lehnte [lenkte], mit Großvoevoden Mihai, Minister Sauciuc-Saveanu, dem Erzbischof, dem Unterstaatssekretär für Flugwesen Radu Irimescu, dem Bürgermeister, dem Präfekt, hohen militärischen Würdenträgern ec., am Flughafen an. Kurz darauf erschienen auch der Ministerpräsident und der Unterstaatsminister am Pavillon. Der Gottesdienst wurde vom Erzbischof Nectarie unter zahlreicher priesterlicher Assistenz zelebriert. Der Bauernchor von Cosmin stimmte dazu unter Leitung des Erzpriesters Iancovschi religiöse Gesänge und die Volkshymne an.
Unterstaatssekretär Irimescu hielt nach Beendigung des Gottesdienstes eine Ansprache, in welcher er auf die Bedeutung des Flughafens hinwies. Am Ausgangspunkt nach dem Westen Europas gelegen, stellte er nicht nur die Luftfahrtverbindung mit Polen, der Tschechoslowakei und Deutschland her, sondern er sei auch die nächste und direkte Verbindung mit Saloniki und Kleinasien. Dieser günstigen Lage sei es zuzuschreiben, daß der Czernowitzer Flughafen heute schon das Zentrum des gesamten südosteuropäischen Flugverkehrs sei.
Der König erwiderte, daß die Förderung des Luftfahrtwesens seit seiner Thronbesteigung zu seinen vornehmsten Lebensaufgaben gehöre. Er gab sodann seiner Befriedigung über die Erfolge, die bei der Ausbauung der Luftlinien und Flughafenplätze erzielt worden seinen, Ausdruck. Der König unterfertigte dann die Einweihungsurkunde, durch die der Czernowitzer Flughafen den Namen „Flughafen Großvoevode Mihai“ erhält. Sehr leutselig richtete der hohe Gast an Verschiedene Fragen. Sehr interessiert zeigte sich der König bei der Besichtigung des Riesenhangars und der rumänischen und polnischen Passagiere- und Lehrflugzeuge.
Hierauf begaben sich der König, der Großvoevode und alle Honoratioren in den großen Saal des Flughafen-Gebäudes, wo ein Glas Champagner getrunken wurde. Es folgte hierauf ein Cercle, der eine Stunde währte, während welcher der König sich länger mit dem Kommandanten des Flughafens Cicei unterhielt und auch andere Personen ins Gespräch zog. Gegen halb zwei verließen die Gäste und ihr Gefolge den Flughafen.
Um 7 Uhr abends verließ der König mit seinem Gefolge den Sportplatz und begab sich zum Bahnhof. Kurze Zeit nachher verließ der Hofzug die Stadt.

(330528c3)


Seite 6

Millionen Menschen hungern, Weizen wird verbrannt [S. 6, Mitte, oben]
Leider müssen wir immer wieder feststellen, daß das große Ziel, die Weltwirtschaftskrise zu beseitigen, nicht mit den richtigen Mitteln zu erreichen gesucht wird. Der große Irrtum besteht darin, daß eine Verbesserung der Wirtschaftslage in der Produktionseinschränkung gesucht wird. Um eine Steigerung der Preise zu erzielen, sieht die heutige kapitalistische Welt kein anderes Mittel, als die Produktion einzuschränken und übersieht vollständig, daß das Ziel nicht darin besteht, die Güter zu verringern, sondern die Konsumentenzahl zu vergrößern.
Wenn ich lese, daß eine Reduzierung des Weizenanbaues in den Hauptproduktionsländern angestrebt wird, so muß ich an die Millionen Hungernder denken, welche buchstäblich nicht das wenige Geld besitzen, um Brot zu kaufen. Ich denke nicht nur an die ungeheuere Anzahl der Arbeits- und Erwerbslosen, an alle diejenigen, welche aus dem Produktions- und Erwerbs-Prozeß hinausgeworfen wurden, an die ungeheuere Zahl der beschäftigungslosen Intellektuellen, sondern auch an die hungernden Millionen in China und muß es als größte Sünde der Menschheit bezeichnen, daß in einer solchen Zeit an die Reduzierung des Anbaues von Weizen, welches das wichtigste Nahrungsmittel der Menschheit bildet, auch nur gedacht wird. Wir sehen unterernährte Kinder, wir sehen bleiche Gesichter der Erwachsenen, die vor Hunger und Erschöpfung tatsächlich zu Grunde gehen und denken nicht daran, die großen Vorräte an Nahrungsmitteln ihnen zuzuführen, sondern an die Vernichtung derselben, um hohe Preise erzielen zu können.
Die Weltwirtschaftskonferenz wird sich mit der Frage zu befassen haben, wie die vorhandenen Überschüsse den hungernden Menschen zuzuführen sind und das Problem kann nur gelöst werden, daß eine ständige Produktionssteigerung angestrebt werden muß. Die Überschüsse, welche sich über den Bedarf ergeben, sind durch eine internationale Organisation in die produktionsarmen Länder zu leiten und auch zu Preisen abzusetzen, welche anscheinend Verlust bringen, ich sage deshalb anscheinend, weil in Wirklichkeit durch eine internationale Organisation es ermöglicht werden kann, in einige Länder mit Verlust zu verkaufen, um dadurch aber die Preise in den anderen Konsumländern auf einer gewünschten Höhe zu erhalten. Wenn eine solche Organisation gelingt, wird es sich zeigen, daß eine ständige Vermehrung der Produktion notwendig ist an Stelle einer Reduzierung derselben, und daß sich die Erhaltung der Gesundheit und Arbeitskraft aller Bewohner der Erde viel lohnender für die kapitalistische Wirtschaft gestalten kann als das heutige System des Überflusses auf der einen Seite und des Hungers auf der anderen Seite. Freilich, solange es Wirtschafts-Politiker gibt, die nur auf krassesten Egoismus eingestellt sind, solange es „führende Männer der Finanz“ gibt, deren ganzer Ideenreichtum darin sich erschöpft, die Ideen anderer Menschen zu stehlen, und die sich nur darauf verlegen, wegzunehmen, was der andere hat, wie wir dies in kleinen Beispielen in allernächster Nähe beobachten können, wird die Welt für so großzügige Ideen, wie sie hier ausgesprochen sind, nicht zu haben sein.

(330528w6)


Seite 7

Gerichts-„Tag“
Presseprozeß gegen den „Tag“ [S. 7, oben, links]
Nachspiel zur Demission Manius und Mihalaches

Die Umstände, unter welchen Maniu und Mihalache ihre Demission aus der Regierung gaben und die die Bildung eines Kabinetts Vaida zur Folge hatten, sind noch in Erinnerung. Es war damals von der Amtsenthebung des Polizeipräfekten von Bukarest Marinescu und des Kommandanten der Gendarmerie Dumitrescu die Rede. Obwohl Maniu und Mihalache die Amtsenthebung vorgeschlagen hatten, lehnte der König diesen Vorschlag ab. Maniu und Mihalache zogen die Konsequenzen und gaben ihre Demission. Es erfolgte die Gesamtdemission des Kabinettes, und Vaida wurde in der Folge auch zum Ministerpräsidenten ernannt.

Der „Tag“ hat am 12. Jänner einen aus dem „Calendarul“ übernommenen Artikel unter dem Titel: „Wer sind die Parasiten der Monarchie?“ reproduziert. In diesem Artikel wurde nachgewiesen, welche geheimen Kräfte im Spiele sind, um den Polizeipräfekten und Gendarmeriekommandanten auf ihren Posten weiter zu belassen. Der „Calendarul“, der in einer Spezialausgabe erschienen war, wurde von den Behörden beschlagnahmt. Ueber Intervention beim Innenministerium wurde aber der Artikel freigegeben, und in der Tat erschien der gleiche Aufsatz in der Hauptausgabe dieser Zeitung.

Angesichts der politischen Ereignisse und der interessanten Umstände, die zum Fall Manius und Mihalaches geführt haben, hat auch der „Tag“ den Artikel wiedergegeben, was die Staatsanwaltschaft zum Anlaß nahm, die Anklage zu erheben. Interessant ist hiebei, daß der Antrag der Staatsanwaltschaft, die Ausgabe des „Tag“ vom 12. Jänner zu beschlagnahmen, vom Gericht abgelehnt wurde.

Schließlich wurde die Anklage gegen den verantwortlichen Redakteur des „Tag“, Marcus Linder, auf Grund des Paragraphs 300 des Strafgesetzes erhoben.

Die erste Verhandlung fand vor dem Bezirksgericht (Präsident Dr. Rotariu) statt. Der Richter erklärte sich inkompetent und überwies den Fall dem Strafgericht. Freitag, 11 Uhr vormittags fand die Verhandlung unter dem Vorsitz des Präsidenten Nimereanu, Beisitzender Richter Tusinschi, Staatsanwalt Axani statt. Die Verteidigung lag in den Händen der Advokaten Dr. Hotinceanu und Dr. Karl Allerhand.

Vor Eingang in die Verhandlung verlangt Dr. Allerhand die Inkompetenzerklärung des Strafgerichtes und Ueberweisung des Falles an die Geschworenen, weil nur das Geschworenengericht auf Grund des Artikels 26 der Konstitution für Pressedelikte kompetent sei. Weiters erklärte Dr. Allerhand, daß die Tatsache des Wiedererscheinens des Artikels in der Hauptausgabe des „Calendarul“ darauf schließen lasse, daß es sich nicht um ein strafbares Delikt handle.

Dr. Hotinceanu erklärte: Nach der Bukowinaer Strafprozeßordnung berichte der Artikel 300 ein spezielles Delikt und müsse vom Tribunal verhandelt werden. Der Artikel 26 der Konstitution sieht ausdrücklich vor, daß Pressedelikte vor das Geschworenengericht gehören, mit Ausnahme von Fällen, in welchen es sich um Hochverrat, um Beleidigung einer Person, ec. handelt. Diese Ausnahmen sind aber im inkriminierten Artikel nicht gegeben, somit muß der Artikel 26 der Verfassung respektiert werden. Dr. Hotinceanu weist noch darauf hin, daß es sich um eine patriotische Pflicht handle, wenn man das Land von Parasiten befreien wolle.

Staatsanwalt Axani verlangte, daß ihm Zeit zum Studium des Aktenmateriales gegeben wird, da er den inkriminierten Artikel nicht gelesen habe.

Gegen diesen Antrag wendet sich Dr. Hotinceanu und betont, daß eine Vertagung keinen Sinn habe, weil es sich für jeden Fall nicht um ein Delikt handelt, das von den Bestimmungen des Artikels 26 der Konstitution ausgenommen ist. Es handelt sich auch nicht um die Beleidigung einer Person, da ein Privatkläger fehlt.

Der Vorsitzende Dr. Nimereanu vertagte hernach die Verhandlung für Freitag, den 2. Juni, 10 Uhr, um dem Staatsanwalt Gelegenheit zu geben, das Aktenmaterial zu prüfen.

(330528r7)


Ferienkolonie Vizenka [S. 7, unten, rechts]
Die Einschreibungen finden vom 1. bis 10. Juni 1933 alltäglich (außer Freitag) von 7-9 Uhr abends statt, am Sonntag 10-12 Uhr vormittags im Sekretariate des jüdischen Schulvereins, Jüdisches Haus 2 Stock. Aufnahme finden Kinder beiderlei Geschlechts im Alter von 8-14 Jahren. Ausweispapiere sind zur Anmeldung mitzubringen.

(330528a7)
Klaus Binder
 
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Nr. 360, Dienstag, 30.05.33

Postby Klaus Binder on 7. June 2011, 22:31

Seite 2

Die Novelle des Tages
Deutsche Nazis kommandieren im Penklubkongress [S. 2, oben, links]
Gegenwärtig tagt in Ragusa der internationale Penklub-Kongreß. Bekanntlich wurde der Penklub wenige Jahre nach Kriegsende von dem vor kurzem verstorbenen englischen Schriftsteller und Friedensfreund John Galsworthy ins Leben gerufen, mit dem Ziele, die Völkerverbrüderung, die dem großen Morden gefolgt war, durch den Austausch geistiger Werte unter den Nationen zu unterstützen und zu vertiefen. Seit dem Tode Galsworthys steht der englische Dichter H. G. Wells an der Spitze des Pen-Klubs.
In der am 26. Mai stattgefundenen Sitzung des Penklubkongresses in Ragusa kam es nun zu einer stürmischen Aussprache über die gegenwärtigen Zustände in Deutschland. Als ein Vertreter der amerikanischen Delegation der Meinung Ausdruck gab, man könne über die Verfehlung der deutschen Literatur sprechen, ohne politische Gesichtspunkte zu berühren, betonte der nationalsozialistische Propagator Schmidt-Pauli im Namen der deutschen Delegation, daß diese den Auftrag habe, eine Einmengung in innerdeutsche Angelegenheiten unter keinen Umständen zu dulden. Gegen diese Aeußerung erhob sich von Seiten der anderen Nationen ein Sturm der Entrüstung. Schmidt-Pauli wurde durch Zwischenrufe am Sprechen gehindert. Der belgische Delegierte Thomas protestierte energisch gegen die Maßnahmen der deutschen Regierung, die die Freiheit des Schriftstellers unterbinden. Der italienische Delegierte Marinetti nahm gegen die Judenverfolgung in Deutschland Stellung und erklärte, daß in Italien Toleranz gegenüber allen Konfessionen streng gehandhabt werde. Der französische Delegierte Cremieux sagt, daß es der Struktur des geistigen Menschen widerstrebe, wenn anderswo die geistige und physische Freiheit unterdrückt werde. Nach der Rede Cremieux, die stürmischen Beifall gefunden hatte, erklärte der deutsche Delegierte Busch aufs entschiedenste, die deutsche Delegation müsse den Sitzungssaal demonstrativ verlassen, wenn die Diskussion der deutschen Verhältnisse fortgesetzt werde. Um eine Fortsetzung des Kongresses zu ermöglichen, mußte schließlich der italienische Delegierte Marinetti dahin vermitteln, die Debatte über Deutschland auf den nächsten Kongreß zu vertagen. Es muß Wunder nehmen, daß sich neben dem Vertreter der Schweiz auch der österreichische Delegierte Felix Salten, ein Jude, auf den Standpunkt seiner gleichgeschalteten Kollegen stellte.
Es muß betont werden, daß die aufgenordeten deutschen Schriftsteller, die als Delegierte an der Sitzung teilnahmen, den Vorzug besitzen, völlig unbekannt zu sein und ihrer Leistungsfähigkeit auf literarischem Gebiete nur die Präpotenz, die sei von ihren Auftraggebern übernommen haben, entgegenzustellen vermögen. Diese Männer, die nur der Strom der Nazi-Bewegung aus dem brackigen Sumpf einer eingebildeten Verkanntheit befreit hat, haben nun die Courage zu verbieten, daß über die wirtschaftliche Ermordung deutscher Schriftsteller in einem Kongreß, der sich mit Standesfragen der Literaten befaßt, gesprochen werde.

(330530w2)


Todesfall [S. 2, Mitte, links]
Samstag vormittags ist Herr Ignatz Lerchenfeld im Alter von 45 Jahren in seiner Wohnung, Passage Beck, einem Herzschlag plötzlich erlegen. Herr Ignatz Lerchenfeld war ein Bruder des Leiters des Populationsamtes bei der Czernowitzer Polizei, des Regierungsrats Dr. Lerchenfeld. Der Verstorbene war vor dem Kriege Leiter einer Glasfabrik in der Nähe von Berlin. Er hat als Oberleutnant beim 41. Infanterieregiment am Kriege teilgenommen und mehrere Auszeichnungen für sein tapferes Verhalten im Felde empfangen. Der Verstorbene erfreute sich wegen seines weltmännischen Wesens und seiner gewinnenden Liebenswürdigkeit großer Beliebtheit. Das Leichenbegängnis hat gestern nachmittags unter großer Teilnahme stattgefunden.

(330530t2)


Bis 1. Juni:
Schließung der Czernowitzer Universität [S. 2, oben, rechts]
Androhung mit der Schließung bis Herbst und der Sperre der Studentenheime

Die Vorfälle an der Universität haben nicht den allseits erwünschten Verlauf genommen. Man hatte Freitag abends erwartet, daß die Vorlesungen am Samstag endlich ungestört beginnen. Wie wir mitgeteilt haben, hat der Rektor Dr. Isopescul-Grecul die Zusage gemacht, daß die jüdischen Studenten unter allen Umständen den Zutritt in die Hörsäle erhalten werden, und daß für den Fall, als noch Störungen vorkommen sollten, die Universität die Hilfe der Polizei und Gendarmerie in Anspruch nehmen werde. Leider ist es am Samstag, trotzdem tatsächlich Gendarmerie die Universitätsräume besetzt hatte, wieder zu sehr bedauerlichen Zwischenfällen gekommen. Die jüdischen Studenten und Studentinnen wurden mit Gewalt aus der Universität entfernt. Darauf sah sich das Rektorat, nachdem in einer Senatssitzung die Situation besprochen wurde, veranlaßt, die Universität bis zum 1. Juni l. J. zu schließen.
Im einzelnen sei über die Vorfälle mitgeteilt:
Am Samstag, um 6 Uhr früh, besetzten größere Abteilungen von Gendarmerie und Polizei den Eingang und die Korridore des Universitätsgebäudes, ebenso die Eingänge und Korridore der Universitätsinstitute, weiters waren Posten auf den Straßen in der Umgebung der Universität aufgestellt. Um 8 Uhr früh erschienen der Polizeiquästor Ghinea und Gendarmeriekommandant Oberst Topor im jüdischen Studentenheim und machten den jüdischen Studenten die Mitteilung, daß nunmehr keine Störungen auf der Universität zu erwarten seien; die jüdischen Studenten können beruhigt zu den Vorlesungen erscheinen. Auf der Universität waren mehrere Gendarmerie-Offiziere und höhere Polizeibeamte erschienen. Gegen 11 Uhr kamen Generalinspektor der Sigurantza Zachiu, Generalstaatsanwalt Braileanu und der königliche Kommissär Major Burada.
Die jüdischen Studenten leisteten der Aufforderung, zu den Vorlesungen zu kommen, Folge. Sie kamen einzeln und wollten zum Teil in die Hörsäle, zum Teil in die Sekretariate der Fakultäten gelangen, um Informationen einzuholen und Inskriptionen für die Prüfungen vorzunehmen. Die rumänischen Studenten ließen sich aber durch die Anwesenheit der Gendarmerie und Polizei nicht stören, sondern setzten ihre Taktik, die sicherlich von der Bukarester Zentrale vorgeschrieben ist, fort, die darin besteht, die jüdischen Studenten aus den Universitäten zu entfernen. Die jüdischen Studenten wurden demgemäß aufgefordert, die Universität zu verlassen. Unter anderem wurde eine jüdische Studentin aus dem Hörsaale gezerrt, der Student Meiselmann die Stiegen hinuntergeworfen. Interventionen bei den Behörden hatten nicht den erwarteten Erfolg. Die Vertreter der Autoritäten unterließen es, vorläufig noch scharf einzugreifen, weil sie der Ansicht waren, daß mit Hilfe von Verhandlungen die Ruhe wieder hergestellt werden wird. Infolgedessen entwickelte sich trotz der Anwesenheit der Gendarmerie die Situation des Vortages. Die rumänischen Studenten gingen sogar weiter und hinderten die jüdischen Studenten am Betreten der Universität, falls nicht die angeforderten Legitimationen die Bestätigung erbrachten, daß die Inhaber der Legitimationen christliche Studenten seien. Die rumänischen Studenten standen vor dem Eingang der Universität und sangen nationale Lieder.
Um ein Uhr mittags trat der Universitätssenat zusammen. Dem Senat lagen neuerlich die Forderungen der rumänischen Studenten vor. Diese verlangten die sofortige Tagung der Disziplinarkommission. Der Senat gab dieser Forderung Folge. Die Studenten, die vor der Kommission erscheinen sollten, wurden herangeholt. Nach Abschluß des Verhöres verließen die Studenten wieder die Universität.
Inzwischen ist durch Verfügung des Rektorates auf Grund des Senatsbeschlusses die Universität geschlossen worden. Die Verfügung lautet ungefähr:
Nachdem der warme Appell des Rektors an die Studenten zur Herstellung der Ruhe unberücksichtigt geblieben ist, sieht sich das Rektorat gezwungen, die Vorlesungen bis zum 1. Juni zu unterbrechen und die Universität bis zu diesem Datum zu schließen. Auch Prüfungen entfallen während dieser Zeit. Sollte nach dem 1. Juni bei Wiederaufnahme der Tätigkeit die Ruhe nicht wieder hergestellt sein, wird die Universität bis zum Herbsttermine geschlossen. Prüfungen werden zwei Sessionen (Juni und Oktober) nicht stattfinden, die Kantinen und Studentenheime gesperrt werden.
Die Universität blieb bis abends von Gendarmerie besetzt. Gegen sechs Uhr nachmittags gruppierte sich ein Zug rumänischer Studenten vor der Universität, der im weiteren Verlaufe auf ungefähr achthundert Personen angewachsen ist. Dieser Zug bewegte sich von der Universität durch die Tempelgasse, zur Piata Unirii, str. Regina Maria zur Kathedrale und von hier durch die str. Principele Nicolae, str. I. Flondor, zurück durch die Piata Unirii zur Universität. Die Demonstranten sangen Lieder und riefen im Sprechchor unausgesetzt: „Nieder mit den Juden“, „Wir solidarisieren uns mit den Studenten von Cluj und Jassy“. Die Demonstration hat großes Aufsehen hervorgerufen und peinlichen Eindruck gemacht.

Studentengruppe verlangt Freilassung Costaches
Gelegentlich der Anwesenheit in Czernowitz wurde, wie der Bukarester „Calendarul“ meldet, dem König durch Minister Dr. Sauciuc-Saveanu das Gesuch einer Studentengruppe überreicht, in welchem die Freilassung der in Jassy verhafteten Studenten Costache und Galca, die am Osterdienstag an den Ausschreitungen aktiv teilgenommen haben, verlangt wird.

Ein Kommunique der Studenten von Chisinau
Chisinau, 28. Mai (Tel. des „Tag“). Das Studentenzentrum verlautbart folgendes Kommunique:
„Die Studentenschaft sieht es als ihre Pflicht an, für die christliche Sache weiter zu kämpfen. Da sie das vermittelnde Verhalten der Behörden feststellt, protestiert sie gegen die Brutalitäten und die Ungerechtigkeiten, welchen die Studenten in Jassy, Czernowitz und Cluj unterworfen sind.
Die Studentenschaft von Chisinau verlangt die sofortige Annullierung der über die Studenten in Cluj verhängten Strafen, die Freilassung der verhafteten Studenten in Jassy, und erklärt sich mit allen Forderungen der christlichen Studenten solidarisch.

Konferenz der Universitätsrektoren
Im Unterrichtsministerium fand Freitag eine Beratung der Rektoren sämtlicher Universitäten statt. Es wurde die Lage geprüft und abschließend festgestellt, daß die Ruhe und das Ansehen der Universitäten unter allen Umständen gewahrt bleiben müssen. Die verhängten Strafen werden infolgedessen nicht zurückgezogen werden. Gleichzeitig wurde die Einberufung einer Konferenz aller Universitäten beschlossen, um die Durchführungsverordnung zum Hochschulgesetz auszuarbeiten, die dann im Herbst in Kraft treten und die Ruhe und Ordnung unbedingt gewährleisten soll.

(330530c2)


Seite 3

Gegen Revision der Friedensverträge [S. 3, oben, rechts]
Kundgebung in Czernowitz

Gestern, Sonntag, fand im Czernowitzer Nationaltheater eine Kundgebung gegen die Revision der Friedensverträge statt. Die sehr stark besuchte Versammlung nahm einen überaus feierlichen Verlauf.
Nachdem eine Musikkapelle die Königshymne gespielt hatte, eröffnete der Vorsitzende Professor Dr. Nandris, die Kundgebung mit einer längeren Rede. Er hob die Bedeutung der Manifestation hervor, die den Willen des rumänischen Volkes bekunde, das gemeinsam mit den Minoritäten des Landes erschienen sei, um lauten Protest gegen die Bestrebungen, die Friedensverträge zu revidieren, zu erheben. Wir bewahren entschieden Ruhe; führte der Redner aus, nicht nur hier in unserem Lande, sondern überall fast auf der ganzen Welt, hat eine Mobilisierung der Massen stattgefunden, um zu diesem wichtigen Problem Stellung zu nehmen. 75 Millionen Seelen wenden sich energisch gegen die Absichten einer Revision. Jeder Versuch einer Aenderung der Friedensverträge bedeutet Krieg. Auf der einen Seite stehen jene Völker, die kein Blutopfer gescheut haben, um ihr Vaterland national zu einigen, auf der anderen jene, die auf Eroberung ausgegangen waren, besiegt wurden und ihre Machtgier sühnen mußten, indem sie auf die Erfüllung ihrer ureigensten Ansprüche zurückgeführt worden sind.
Als nächster Redner sprach Konsistorialrat Gheorghe Sandru, der hervorhob, daß es heilige Pflicht des rumänischen Volkes sei, die Rechte seiner Vorfahren zu schützen und ihren Willen durch die Tat zu heiligen. Es gelte, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln gegen die subversiven Aktionen, die für eine Revision der Verträge arbeiten, zu kämpfen, im notwendigen Falle sogar mit der Waffe in der Hand.
Es sprachen ferner Professor Dobos im Namen der Vereinigung besoldeter Professoren, Simionovici im Namen der Lehrerschaft, Professor Saghin im Namen des „Universul“, Frau Procopovici für den „Verein Rumänischer Frauen“, Professor Dr. Ioan Cuparenco für den Verein „Mazil“, Dr. Gavrilescu für die nationalzaranistische Partei, Dr. Lucan im Namen der jungliberalen Partei. Sämtliche Redner erklärten im Namen der Institutionen und Parteien, für die sie erschienen sind, energisch gegen die antirevisionistischen Bestrebungen zu protestieren und bereit zu sein, bis zum letzten Blutstropfen die Grenzen des Landes zu verteidigen.
Großen Beifall fanden die Ausführungen des Universitätsprofessors Dr. Candea: Haß und Zerstörungswut seien wieder bei jenen Völkern aufgeflammt, die die Revision der Friedensverträge fordern. Wir müssen auf das energischeste ihren Bemühungen entgegentreten und wir dürfen kein Opfer scheuen. Wir sind fest entschlossen, im Innern des Landes und nach außenhin für die Wahrung der gerechten Interessen unseres Landes einzutreten.
Im gleichen Sinne sprachen Abgeordneter Hutan als Vertreter der christlichen Liga für nationale Verteidigung; Professor Constantin Topa, dessen von Begeisterung beschwingte Ansprache reichen Beifall erntete, im Namen der Eisernen Garde: Dr. Reut für die Zaranistenpartei, Advokat Zeno de Herbay als Vertreter der radikalzaranistischen Iunian-Partei, der Vertreter der rumänischen Studentenschaft Mircea Ott, dessen enthusiastische Rede akklamiert wurde, Silvestru Netea für die ehemaligen Kriegsfreiwilligen, Herr Czerwinski im Namen der Vereinigung der Polen Rumäniens.

Die Kundgebung der Vertreter der Minoritäten
Im Namen der christlichen Deutschen Rumäniens sagte Professor Dr. Lang u. a.: Wir Deutschen Rumäniens erheben Protest gegen die Revision, die die Grenzen unseres Reiches bedroht. Alle Deutschen Südosteuropas sind auf rumänischer Erde vereinigt; uns tut mehr friedliche Arbeit als eine Revision der Grenzen not und wir sind bereit, jedes Opfer für ihre Verteidigung zu bringen. Wir haben bestimmt den Wunsch, unsere Kultur zu erhalten und zu pflegen, innerhalb der Grenzen unseres Landes, nicht außerhalb. Wir sind sicher, daß wir in Rumänien besser aufgehoben sind als bei seinem westlichen Nachbarn, der so laut nach Revision schreit, und wir werden daher zu Rumänien immer die Treue halten.
Es sprach hierauf der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Karl Gutherz. Er sagte u. a.: Das Schicksal der Juden Rumäniens ist eng an das ihres Vaterlandes gebunden. In diesem feierlichen Moment bekennt die Judenheit Rumäniens, daß die Wahrung der Grenzen des Landes für sie stets ein heiliges Dogma gewesen ist. Sie wird, wenn es sich notwendig erweisen sollte, wissen, jedes Opfer für das Vaterland zu bringen. Mit einem Hoch auf den König und de Thron schloß er seine Rede.
Für den Verein „Ukr. Haus“ und die ukr. Minderheit im Allgemeinen sprach Prof. Nikolai Haras. Es sprachen noch Dr. Artemie Nastasi für die Förderation der Beamten und Pensionisten Rumäniens, Herr Gheorghe Ionescu für die Vereinigung rumänischer Handwerker, Professor Florea für den Kulturverein „Patria“, Doihan im Namen der Universitätslizentiaten, Schuldirektor Emilian Boca als Vertreter der Lehrerschaft in den Vorstädten, Herr Zama für die Arcasi und Stefan Bidnei für den Antialkoholverein.
Professor Florea wies besonders auf die generöse Behandlung hin, deren sich die Minoritäten im Lande erfreuen. Während den Ungarn Siebenbürgens gewährt wird, ihre Kinder in der Muttersprache unterrichten zu lassen, während ihnen das Recht zuerkannt wird, ungarische Zeitungen zu drucken, stehen sie nicht davon ab in eben diesen Zeitungen eine schmähliche Agitation für die Revision der Friedensverträge zu betreiben. Das ganze rumänische Volk steht wie ein Mann hinter dem größten Sohn seines Volkes, dem großen Europäer Nicolai Titulescu.
Zuletzt verlas Konsistorialrat Dr. Sandru folgende

Resolution
Die von der „Societatea pentru Cultura“ für heute, den 28. Mai 1933, in das Nationaltheater in Czernowitz berufene Nationalversammlung hat nach Anhören der Delegierten aller Kultur- und Berufsvereinigungen und nach Entgegennahme der Erklärungen der Vertreter aller politischen Parteien sowie der Minderheitsvertreter den unabänderlichen Entschluß aller Bürger bestätigt, gegen jeden Versuch einer Revision der Friedensverträge zu kämpfen und bittet die legalen Führer des rumänischen Volkes, jeden Versuch einer Aenderung der historischen Grenzen des rumänischen Staates, die durch die Friedensverträge für alle Ewigkeit festgesetzt worden sind, zu verhindern. Sie drückt ferner das Solidaritätsgefühl dieser Versammlung der Bukowina mit allen nationalen Kundgebungen, die heute im Lande stattfanden, aus. Sie übersendet auch ihren Gruß den antirevisionistischen Versammlungen, welche in den Nachbar- und Freundesländern stattfanden.

(330530r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 361, Mittwoch, 31.05.33

Postby Klaus Binder on 9. June 2011, 01:06

Seite 1

Oesterreich abwartend [S. 1, oben, links]
Sämtliche Hochschulen Wiens geschlossen

Wien, 29. Mai (Tel. des „Tag“). In Kreisen der Bundesregierung heißt es, daß die Einführung des Zwangssichtvermerks für deutsche Reisende nach Oesterreich keine nachteiligen Auswirkungen auf den Fremdenverkehr ausüben wird, umsomehr, als der Fremdenverkehr aus Deutschland im abgelaufenen Jahr nur 20 Prozent des gesamten Fremdenverkehrs betrug. Die Bundesregierung ist vorläufig abwartend und wird im gegebenen Moment die notwendigen Gegenmaßnahmen ergreifen.
Inzwischen werden scharfe Maßnahmen gegen die Nationalsozialisten ergriffen.

Das Organ der Heimwehr fordert vom Bundeskanzler Dr. Dollfuß die Ergreifung strenger Maßnahmen gegen Deutschland. Man dürfe sich, so heißt es, Erpressungsversuche nicht gefallen lassen.

Studentenkrawalle an der Wiener Universität
Zusammenstöße zwischen nationalsozialistischen und katholischen Studenten

Wien, 29. Mai (Tel. des „Tag“). Sonntag kam es gelegentlich der Feier des fünfzigjährigen Bestandes des katholischen Studentenverbandes zu neuerlichen Zusammenstößen. Als Bundeskanzler Dr. Dollfuß die Universität betreten wollte, um die Festrede zu halten, wurde er von den Nazistudenten daran gehindert. Die Polizei schritt ein und nahm sieben Verhaftungen vor.

Obwohl die nationalsozialistischen Studenten beschlossen hatten, an der Feier der katholischen Studenten nicht teilzunehmen, drangen sie nach Beginn der feierlichen Zeremonie in das Universitätsgebäude ein. Es kam zu Zusammenstößen zwischen ihnen und den katholischen Studenten, wobei einige Personen verletzt wurden. Die Polizei, die eingeschritten ist, wurde von den Nazistudenten mit Steinen attackiert.
Die Nazistudenten hatten die Absicht, während der Feier der katholischen Studenten eine Gedenkfeier für Schlageter, der Mitglied des katholischen Studentenbundes war, zu veranstalten.
Nach Wiederherstellung der Ruhe und Entfernung der Nazistudenten konnte die Feier fortgesetzt werden.

Universität geschlossen
Angesichts der neuerlichen Skandalszenen an der Universität beschloß das Rektorat, bis zur Wiederherstellung der Ruhe die Universität zu schließen.

Es wurde festgestellt, daß während der Ausschreitungen fünf katholische Studenten verletzt wurden. Sechs Nazistudenten, die als die Urheber der Ausschreitungen identifiziert werden konnten, wurden verhaftet.

Alle Hochschulen geschlossen
Wien, 29. Mai (Tel. des „Tag“). Heute wurden als Folge der letzten Unruhen an der Universität alle Hochschulen Wiens bis auf weiteres geschlossen.

(330531w1)


Seite 2

König Karl II als Kunstkenner [S. 2, oben, links]
Die Anwesenheit des Königs gab die Möglichkeit, unseren Monarchen von einer ganz neuen Seite, nämlich als geschmackvollen Kunstkenner kennen zu lernen. Als der König nach dem im Residenzgebäude stattgefundenen Bankett in Begleitung seiner Suite schnellen Schrittes durch die Flucht der Salons schritt, blieb er plötzlich überrascht im blauen Saal stehen. Dort hingen die Bilder unseres bekannten Malers Baron Löwendal, Klöster und Kirchen der Bukowina darstellend. Ohne daß jemand Seine Majestät darauf aufmerksam gemacht hätte, erkannte der König mit dem sicheren Blick des Kenners den Wert der Bilder, lobte sie sehr und erkundigte sich bei seinem Begleiter, dem Minister Sauciuc-Saveanu, nach dem Namen des Künstlers. Der Erzbischof, der in der Nähe war, nannte die Namen der dargestellten Klöster. Danach zeigte und erklärte persönlich der König der Reihe nach die Bilder dem Großvoivoden Mihai. Zwei Bilder, „Kloster Putna“ und der „Schatzturm von Putna“ gefielen Seiner Majestät besonders gut. Daraufhin bot Herr Präfekt Jacoban dem Monarchen in ritterlicher Gastfreundschaft beide Bilder als Erinnerung an die Bucovina an.
Es ist ein großer Erfolg für unseren Maler Baron Löwendal, daß seine Bilder, die er nur mit seinem bescheidenen „G. L.“ zeichnet, Seiner Majestät auffielen. Die Leistung Löwendals erscheint umso größer, als bis jetzt diese wunderbaren Denkmäler altrumänischer Kunst fast überhaupt nicht gemalt worden waren. Wie wir erfahren, hatte sich der Maler schon vor Jahren mit dem Gedanken, die Bukowiner Klöster zu malen, befaßt. Die Möglichkeit hiezu wurde ihm erst in letzter Zeit durch den bekannten Major Dr. Gallin geboten, der die Absicht verfolgt, die Monumente der rumänischen Kunst zu verewigen.

(330531c2)


Promovierung zum Ehrendoktor [S. 2, oben, links]
Sonntag vormittags fand in der Aula der Czernowitzer Universität die feierliche Promovierung des Herrn Artur Gorovei zum Doktor honoris causa der philosophischen Fakultät Czernowitz statt.

(330531i2)


Todesfall [S. 2, oben, links]
Im Alter von 62 Jahren starb Montag früh Frau Karoline Kaindl. Ihre Beisetzung findet Mittwoch, um 4 Uhr nachmittags, von der Friedhofskapelle aus statt. Frau Kaindl hinterläßt drei Söhne, von welchen der älteste Tribunalpräsident, der zweite Professor und der dritte Förster ist.

(330531t2)


Von einem Plattenbruder niedergestochen [S. 2, Mitte, oben, links]
In einem Nachtlokal in der unteren Hauptstraße geriet der Kaufmann Benzion Feller, recte Bartfeld, mit dem bekannten Plattenbruder Kuba Wagner in Streit, in dessen Verlauf Wagner mit einem Messer dem Feller Messerstiche an Gesicht, Kopf und Rücken beibrachte. Feller wurde in schwer verletztem Zustand ins jüdische Spital geschafft. Wagner flüchtete.

(330531i2a)


Die Novelle des Tages
Wie sind die Anderen? [S. 2, untere Hälfte]
Man hört so viel über Studenten in Deutschland, Oesterreich, Polen und sogar bei uns in Rumänien, die sich unangenehm bemerkbar machen, daß man ganz vergißt, daß es Länder gibt, in welchen Studenten wirklich Studenten sind. Ich habe die englischen und französischen Studenten als Beispiel gewählt, um zu zeigen, wie der Student sich gut und ruhig organisieren kann.
Ich beginne mit Frankreich. Vor allem müssen wir feststellen, daß es an den französischen Universitäten keinen Rassen- und Farbenunterschied gibt. Ein Neger, ein Japaner oder ein Jude (!) hat dieselben Rechte wie ein rassenreiner Franzose, genießt also vor den Behörden Gleichberechtigung. Bleibt aber diese Gleichberechtigung zwischen den Studenten im Privatverkehr aufrecht erhalten? Die für uns überraschende Antwort ist in den meisten Fällen: Ja. Ich sage, in den meisten Fällen, da es überall Ausnahmen und daher überall Studenten gibt, die Gleichberechtigung nicht verstehen wollen und können. Die französischen Studenten haben eine nationale Studentenverbindung („Union Nationale des Etudiants“), welche in lokale Gruppen zerfällt. Jeder Student einer französischen Universität kann der Verbindung angehören. Die Einschreibgebühr ist verhältnismäßig klein und alle Mitglieder genießen Vorteile. Die Verbindung besitzt einen Lesesaal und in manchen Städten ein Studentenhaus. Mit der Studentenkarte hat man Ermäßigungen bei Einkäufen usw. Die Hauptsache ist aber, daß die Verbindung den Studenten gegen Angriffe auf seine Freiheit oder seine Rechte verteidigt. Ein gutes Beispiel ist der im vorigen Jahre organisierte Streik der Jus-Studenten. Im französischen Parlament wurde nämlich ein Gesetzentwurf eingebracht, der Studenten ohne Baccalaureat das Recht geben sollte, Jus zu studieren. Da es ohnehin genug Arbeitslose in diesem Beruf gab, wurde dieser Vorschlag mit Entrüstung von den Studenten abgelehnt. Der Streik wurde also von der Zentralorganisation erklärt und Demonstrationen (ohne Schlägereien) wurden in fast allen Universitätsstädten abgehalten. Der Gesetzentwurf wurde dann auch zurückgezogen.
Neben dieser offiziellen Studentenverbindung gibt es verschiedene Vereine, die sich sozialistisch, katholisch, evangelisch oder jüdisch nennen. Glücklicherweise üben diese Vereine keinen großen Einfluß auf den Studentengeist aus. Im allgemeinen beschäftigt sich der französische Student nicht mit Politik, ist aber international eingestellt. Es ist die französische Studentenschaft, die am Ende des Krieges die „Conféderation Internationale des Etudiants (C.I.E.) organisierte. Vom Anfang an war Deutschland von diesem Völkerbund der Studenten ausgeschlossen. Die englische Studentenschaft verlangte die Aufnahme Deutschlands, aber die Konstitution der „Deutschen Studentenschaft“ entsprach nicht den Statuten der C.I.E. Die Deutsche Studentenschaft ist nämlich nicht nach Staatszugehörigkeit, sondern nach Sprache und Rasse organisiert, das heißt, daß alle Arier, die deutsch sprechen, ohne Unterschied der Staatszugehörigkeit, der Studentenschaft angehören können; die anderen Mitglieder der C.I.E. sind jedoch nach Ländern organisiert.
Die englische Studentenschaft (National Union of Students), die so viel für die Gleichberechtigung Deutschlands gekämpft hat, beginnt jetzt ihre Tat zu bereuen. In diesen Tagen des Nazi-Terrors ist es sehr interessant, sich zu erinnern, daß ein Präsident der englischen Studentenschaft besonders die Gleichberechtigung Deutschlands verlangt hat, es war ein gewisser Sam Cohen, ein englischer Jude!
Die englische Studentenschaft besteht aus allen Studenten, ohne Rassen- oder Farbenunterschied, der Universitäten von England und Wales. Die Studenten Schottlands und Irlands haben separate Organisationen. Wie in Frankreich gibt es lokale Gruppen und eine nationale Zentralisation. Im Rahmen der Studentenschaft gibt es auch viele andere Gruppen und Vereine. Die größten sind die Sportvereine, dann kommen einige religiöse und politische Gruppen, Sprachvereine usw. Eine dieser Gruppen, die in den letzten Jahren besonders viele Mitglieder erworben hatten, ist die „Leage of Nations Society (Völkerbund-Verein). Der englische Student beschäftigt sich nicht viel mit Politik, und das wird ihm sehr oft vorgeworfen. Ich sah ein treffendes Beispiel vor einigen Wochen. Ich war bei einem englischen Studentenkongreß, der internationale Politik diskutierte und fast alle Redner waren Ausländer, trotzdem es unter 200 Mitgliedern nur ungefähr 40 Fremde gab.
Das akademische Jahr 1932/33 wird [von] den englischen Studenten immer in Erinnerung bleiben, da es die englische Studentenschaft zum erstenmale gewagt hat, sich gegen die Regierung aufzulehnen. Vor einigen Monaten demonstrierten 2000 Studenten in London gegen die Reduzierung der Ausgaben für Universitäten. Es war das erste Mal in der englischen Universitätsgeschichte, daß Studenten demonstriert haben. Die Demonstranten trugen Fahnen, auf welchen „more scholarships, less battleships“ (mehr Studentenhilfe, weniger Kriegsschiffe) geschrieben stand. Alles verlief in vollster Ruhe. Die größte Ueberraschung aber war eine Resolution, die die Studentenschaft der berühmten Oxforder Universität mit 275 Stimmen pro und 153 contra annahm. Diese Resolution erklärte, daß diese Studenten „in keinem Falle für König und Land kämpfen werden“. Am Anfang dachte man, daß es ein Witz sei, als aber der Präsident erklärte, daß es sehr ernst darum bestellt sei, und daß die Studenten keinen Krieg wünschen, wurde die Resolution von allen Zeitungen mit Ausnahme der sozialistischen Presse scharf angegriffen. Das Resultat war, daß viele andere Universitäten die „Oxford Resolution“, unter welchem Namen sie jetzt allgemein bekannt ist, mit Begeisterung annahmen. Diese Demonstration wurde aber, ich muß es wiederholen, in vollster Ruhe durchgeführt.
Die pazifistische Bewegung findet leicht Nachahmung und die amerikanischen Studenten haben daher die „Oxford Resolution“ nachgeahmt. Es begann in der „Brown University, Providence“ und breitete sich über fast alle Universitäten Amerikas aus. In der berühmten „Columbia Universität“ wählten 920 Studenten wie folgt:
293 erklärten, daß sie in keinem Falle kämpfen werden,
485 erklärten, daß sie nur kämpfen werden, um Amerika zu schützen,
38 erklärten, daß sie nur kämpfen werden, um die Interessen Amerikas und der Amerikaner in anderen Ländern zu schützen,
81 erklärten, daß sie in jedem Falle kämpfen werden,
und der Rest stimmte nicht ab.
Jeder amerikanische Student hat sich aber das Recht vorbehalten, seine Meinung zu ändern.
Ich habe nur zeigen wollen, daß der Student nicht nur Böses anrichten kann. Der wirkliche Student kämpft nicht mit der Faust, der Waffe oder der Brandfackel, sondern mit Waffen des Geistes, mit Resolutionen, Reden und Büchern!
Universität Hull (England).
Friedrich Singer

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Das Telephon [S. 3, oben]
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