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02_1933 (Nr. 265 bis Nr. 287)


Nr. 265, Mittwoch, 01.02.33

Postby Klaus Binder on 1. February 2011, 05:50

Seite 1

Der Traum der Nationalsozialisten erfüllt:
Hitler ist Reichskanzler [S. 1, oben, links]
Hindenburg hat noch immer das Heft in der Hand

Berlin, 30. Jänner (Tel. des „Tag“). Reichspräsident Hindenburg empfing um 3 Uhr nachmittags den Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler und ernannte ihn zum Reichskanzler.
Der Ernennung waren lange Besprechungen zwischen Hitler einerseits und Papen und Hugenberg anderseits vorangegangen. Papen und Hugenberg waren noch am Vormittag vom Reichspräsidenten empfangen worden.

Das Kabinett Hitler
Reichskanzler Hitler legte die Ministerliste vor, die der Reichspräsident genehmigte.
Zum Vizekanzler und Reichskommissär für Preußen wurde der frühere Reichskanzler v. Papen ernannt.
Der Außenminister von Neurath wurde in seinem Amte bestätigt. Zum Innenminister hat der Reichspräsident den früheren Minister, den Nationalsozialisten Dr. Frick, ernannt. Zum Reichswehrminister wurde General Werner v. Blomberg, zum Reichsfinanzminister Schwering Krosigk [Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk], zum Reichsernährungs- und Wirtschaftsminister der Führer der deutschnationalen Partei, Geheimrat von Hugenberg, zum Reichsarbeitsminister der Führer des Stahlhelms Seldte, zum Postminister Freiherr v. Rubian [Peter Paul Freiherr von Eltz-Rübenach] ernannt. Zum Minister ohne Portefeuille und Reichskommissär wurde der Reichstagspräsident Goering ernannt, der auch das preußische Ministerium des Innern übernimmt. Der bisherige Reichsminister für Arbeitsbeschaffung, Goericke, wurde in seinem Amt bestätigt. Das Reichsjustizministerium ist noch nicht besetzt. Zum Reichsverkehrsminister wurde Freiherr von Elz [Eltz] ernannt.

Besprechung mit dem Zentrum und der Bayerischen Volkspartei
Reichskanzler Hitler hatte sofort Besprechungen mit den Führern des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei für ein Zusammenwirken eingeleitet. Das neuernannte Reichskabinett, dessen Mitglieder um 4 Uhr vom Reichspräsidenten beeidigt wurden, trat um 5 Uhr nachmittags zu seiner ersten Sitzung zusammen.

Parteisitzungen
Die Sitzung der deutschnationalen Volkspartei, die für Mittag anberaumt war, ist mit Rücksicht auf die veränderte politische Lage abgesagt worden. Ebenso wurde die Sitzung der Kommunisten und Nationalsozialisten abgesagt. Hingegen ist das Zentrum für morgen zu einer Sitzung einberufen.

Wie aus besonders unterrichteten politischen Kreisen mitgeteilt wird, ist es noch nicht sicher, ob die Mehrheit des Aeltestenrates darauf bestehen wird, daß die für morgen bestimmte Reichstagssitzung zusammentritt.

Pressestimmen
Berlin, 30. Jänner (Tel. des „Tag“). Die Lösung der Kabinettskrise ist schneller erfolgt, als man erwartet hat. Die Ernennung Hitlers bildete nicht mehr eine Ueberraschung. Die „Völkische Zeitung“ sagt: „Hitler kommt nicht allein, wie er es sollte, sondern begleitet von den Vertrauensmännern des Reichspräsidenten, umgeben von den Führern der Deutschnationalen und des Stahlhelmes, vorläufig mit Frick und Göring als Parteigenossen - allerdings er selbst Reichskanzler. Für den Augenblick ist die nationalsozialistische Sehnsucht, die Führung nominell zu haben, befriedigt. Faktisch hat sie sie nicht. Diese hat wieder Hindenburg und der ist unsere Hoffnung“.

Einen scharfen Ton schlägt der „Vorwärts“ an: Er sagt dem Kabinett Hitler Kampf an und wird gleich in der ersten Sitzung ein Mißtrauensvotum einbringen. Den Parteigenossen ruft das Blatt zu: „Ruhig Blut! Wir werden jeden Schritt die die Regierung macht, überwachen!“

Die erste Sitzung des neuen Kabinetts
Berlin, 30. Jänner (Tel. des „Tag“). In der ersten Sitzung des neuen Kabinetts erklärte Reichskanzler Hitler die Bedeutung des heutigen Tages. Er sprach seine Zufriedenheit darüber aus, daß sich alle nationalen Kräfte des deutschen Reiches zusammengetan haben, um ein Konzentrationskabinett zu bilden. Die Politik des neuen Kabinetts dürfe den Glauben und das Vertrauen des deutschen Volkes nicht enttäuschen. Hitler gab dann einen Ueberblick über die einzuschlagende Politik des neuen Kabinetts.

Nach der Sitzung fand eine vertrauliche Beratung der Kabinettsmitglieder statt, in der sich eine Uebereinstimmung in allen prinzipiellen Fragen ergab. In einer Sitzung der Nationalsozialisten wurde dem Reichspräsidenten Hindenburg der Dank für die Betrauung Hitlers ausgesprochen. Sein Ruhm ist nun auch mit dem Namen des jungen Deutschland verbunden. Das neue Reichskabinett versucht nun eine parlamentarische Mehrheit zu bilden. Hitler ist mit dem Führer der Bayerischen Volkspartei in Kontakt getreten. Für morgen soll eine Aussprache zwischen Hitler und dem Führer des Zentrums festgesetzt worden sein.
Heute waren hier Gerüchte verbreitet, daß eine gemeinsame Sitzung zwischen den Führern der Sozialdemokraten und der Kommunisten stattgefunden habe. Seitens der Sozialdemokraten werden diese Nachrichten aufs energischeste dementiert. Eine derartige Beratung habe weder stattgefunden, noch wird sie jemals stattfinden.

Reichstagseröffnung verschoben
Der Aeltestenrat hat das definitive Datum für die Eröffnung des Reichstags nicht festgesetzt, doch wurde in der heutigen Sitzung beschlossen, den Reichstag spätestens kommenden Dienstag zusammentreten zu lassen, um bis dahin der Regierung Gelegenheit zu geben, ihr Programm auszuarbeiten und dieses dann dem Reichstag vorzutragen.
Die rechtsgerichteten Blätter begrüßen das neue Kabinett und sprechen ihm lange Lebensdauer zu. Hingegen sagen die linksgerichteten Blätter dem Kurswechsel Kampf an. Einige Blätter sprechen die Hoffnung aus, daß das Programm Hitlers eine Mitarbeit sowohl des Zentrums als auch der Bayerischen Volkspartei an der Regierung ermöglichen wird.

Das Ausland und die neue Regierung
Die gesamte europäische Presse kommentiert lebhaft die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler.
In Frankreich sieht man, wie immer, auch jetzt Deutschlands Entwicklung mit Mißtrauen entgegen. Die rechtsstehenden Zeitungen sagen, jetzt zeige sich Deutschland in seiner wahren Gestalt.
In England hat die Betrauung Hitlers mit der Leitung der Reichsregierung wie eine Bombe eingeschlagen. Man wundert sich in englischen politischen Kreisen darüber, daß in Deutschland nun zu extremen Lösungen gegriffen wird.
Die italienischen Blätter befassen sich des Näheren mit der Bildung der neuen Regierung in Deutschland und sagen, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler bedeute den Anfang vom Ende der deutschen Krise, der Auftakt zur Gründung des Dritten Reiches und schließlich das Ende der Demokratie.
Auch in Völkerbundkreisen wird die neue Situation in Deutschland lebhaft kommentiert. Außenpolitisch dürfte sich die Situation nicht ändern, umsomehr als Freiherr von Neurath auch weiterhin die Außenpolitik des deutschen Reiches leiten wird. Es wird auch betont, daß Hitler nie einen Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund befürworten wird. Auch der neue Reichskanzler ist nur für die Gleichberechtigung Deutschlands.


Leitartikel
Reichskanzler Hitler [S. 1, oben, rechts]
Der Traum der nationalsozialistischen Partei in Deutschland ist endlich doch in Erfüllung gegangen. Das Traumbild war aber ein anderes, als es die Wirklichkeit der Partei beschert hat. Hitler wollte ursprünglich alle Regierungsmacht für sich, wie er es dem Reichspräsidenten sagte, nach dem Vorbild Mussolinis, Kraft des Wahlsieges und der errungenen 231 Mandate im Reichstag. In drei Minuten war die Audienz bei Hindenburg zu Ende. Der Reichspräsident sagte damals Hitler: Nein!, und hinzugefügt war durch eine Verlautbarung, daß es Hindenburg vor seinem Gewissen nicht verantworten könne, die Staatsmacht in voller Gänze den Nationalsozialisten anzuvertrauen. Seither sind viele Monate ins Land gezogen. Es folgte das „autoritäre“ Kabinett von Papen, des besonderen Vertrauensmannes des Reichspräsidenten, dann wieder Neuwahlen - und schon hoffte man, daß die Nationalsozialisten sich auf dem Wege zurück befinden, denn sie hatten Ende November zwei Millionen Stimmen verloren und ihre Mandatzahl war auf 196 zurückgegangen. Inzwischen wurde in der Politik fortgewurstelt. Das Kabinett Schleicher, das seine Politik nicht nach dem Geschmacke der Reichsparteien einrichtete, sondern sich von opportunistisch-sozialen Momenten leiten ließ, was ihm den Haß der Herren Papen, Hugenberg und Hitler zuzog, mußte in dem Momente fallen, da die Harzburger Front sich hinter den Kulissen reetablierte. Das Aufflackern des Nationalsozialismus in den Lippe’schen Landtagswahlen hatte zu der altneuen Kombination wieder verholfen. Schleicher fiel, Hitler ist heute Reichskanzler geworden, nicht mit seinen Mannen allein, sondern mit den Führern der Deutschnationalen und des Stahlhelms, mit Papen als Vizekanzler, sozusagen unter Vormundschaft des Reichspräsidenten, und mit dem Führer des Stahlhelms Seldte. Der Reichspräsident hatte sich die Besetzung der Ministerien des Äußeren und der Reichswehr vorbehalten, und dieser Einstellung zu Hitler folgte konsequent Hindenburg, der heute das Ministerium mit Hitler als Reichskanzler vom Stapel ließ.
Hitler hat also reichlich Wasser in seinen nationalsozialistischen Wein gießen müssen, bevor er für das deutsche Volk zum Genießen mundgerecht wurde. Was Hitler heute erreicht hat, hätte er vor vier Monaten haben können, damals, als er von einer stärkeren Parteifraktion im Reichstag umgeben war - aber die Zeit schafft so manche Klarheit und heilt so manche Wunden; hier im Falle Hitler ist der Beweis erbracht, daß das Anrennen und Anstürmen zuweilen versagt und erst dann zum Ziele führt, wenn auch nicht zum phantastischen Ziele, bis nicht die Spitzen und Hörner des wilden Stürmers abgeschliffen wurden. Hitlers scharfe Hörner, wie man sie zunächst sah, haben den Schliff bekommen durch Hugenberg, von Papen und Seldte, und vielleicht wird ihn morgen das Zentrum tolerieren, um eine Reichstagsmajorität zustande zu bringen, wenn sich deren Führer nicht im letzten Moment entschließen, ein oder zwei Portefeuilles zu übernehmen. Diese Ministerien sind ihnen reserviert geblieben. Wird die Welt aus den Fugen gehen und wird Deutschland eine Revolution erleben, weil Hitler Reichskanzler geworden ist? Man sieht Hitler mit schweren Bleigewichten an den Füßen, mit Bremsvorrichtungen an den Händen - ein solches Ministerium Hitler kann nur ein Experiment bleiben und wird es auch sein, nicht aber wird er den Radikalismus, den er bisher gepredigt, in die Tat umsetzen.
Jedenfalls ist ein interessanter politischer Versuch im Gange. Abgesehen von den prinzipiellen Bedenken gegen eine Hitlerregierung haften an ihr die Fehler, daß Persönlichkeiten miteinander verschmolzen wurden, die sich bisher bis zum Tiefsten ihrer Seele gehaßt haben. Welche Kombination man nimmt - der Gegensatz ist zu groß! Und trotzdem: eine neue Phase der politischen Geschichte Deutschlands beginnt; aber nicht nur ein Kapitel für Deutschland, sondern für Europa und die ganze Welt. Denn Hitler hat die Politik aller Staaten beeinflußt, und es hat überall, auch in Rumänien, verkappte und verpatzte Hitlers genug gegeben. Darum gehört diesem Kapitel die größte Aufmerksamkeit aller.
Ego

(330201w1)
_____
youtube: Hitlers Machtergreifung (2/6)
youtube: Hitlers Helfer - Joachim von Ribbentrop: Der Handlanger (2/6) (einer der wenigen informativen Hitlershelfer-Filmen!)



Czernowitzer Zwischenfälle im Parlament [S. 1, unten, rechts]

Bukarest, 30. Jänner (Tel. des „Tag“). Die gesetzgebenden Körperschaften treten morgen wieder zusammen. In allen politischen Kreisen rechnet man mit einer sehr lebhaften Auseinandersetzung, vor allem über die Zusammensetzung der neuen Regierung sowie über die Demission der Regierung Maniu.
Diese Fragen sollen sowohl von Duca als auch von Goga behandelt werden. Aber auch eine Reihe anderer Fragen sollen von der Tribüne des Parlamentes aus erörtert werden. So soll der Fall Fortu, der Streik der Universitätsstudenten, die traurigen Zwischenfälle in Czernowitz, die Reduzierung der Beamtengehälter und andere sehr wichtige Fragen zur Debatte gelangen.
Es verlautet, daß der Abgeordnete Mehedinti Radulescu, gleichfalls über die Gründe, die Maniu zur Demission veranlaßt haben, referieren wird.
In Oppositionskreisen wird behauptet, daß die Regierung den an ihre Adresse gerichteten Angriffen nicht stand halten wird können und in der Folge die Konsequenzen ziehen wird. Man sieht allgemein die Position der Regierung als sehr geschwächt an.
In unterrichteten Kreisen heißt es auch, daß der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Lotar Raduceanu die

Zwischenfälle in Czernowitz
gelegentlich der Studentendemonstrationen in der Kammer zur Sprache bringen wird.
Der König ist heute hier wieder eingetroffen, um an der Eröffnungssitzung des Parlamentes teilzunehmen.

(330201r1)


Seite 2

Die „Tragödie Helios Hecht“ [S. 2, oben, links]
(Eine Richtigstellung.)

Sehr geehrte Redaktion! Unter Berufung auf Ihr Wohlwollen, das ich vor den Berichtigungsparagraphen stelle, bitte ich Sie, meinen Fall nicht gar so tragisch sehen zu wollen. Es war ein parthischer Pfeil, den Ihr Mitarbeiter H. G. sehr wohlmeinend zu meiner Ehre abschoß, denn er schnellt auf Verteidiger und Verteidigten zurück. Um Himmelswillen! Wo ist da eigentlich die Tragödie? Ich bin guter Dinge, ja, heiter im Gefühl meiner Stärke. Nichts gab es für mich zu widerrufen, ich bin auch keiner Richtung treulos geworden, da ich mich niemals als nummeriertes Clichee [Klischee] in ein Parteiprogramm eingeordnet habe. Ich bin ein vormärzlicher Rebell, der seiner eigenen Wege geht und keine andere Verpflichtung kennt, als die seiner Überzeugung. Von dieser stets mutig verfochtenen Überzeugung habe ich mir freilich noch keine Villa erworben. Nicht schwach, noch krank bin ich, im Gegenteil, ein guter Sportsmann, ein Turner, Tourist u. dergl. und auch hierin war ich der Jugend oft ein Anreger und Freund.
Die erwähnte Enunziation des Herrn Augenarztes Nute R. u. Bruder, der eine Privatsache zu einer öffentlichen machen wollte, kommt eigentlich einer Falschmeldung verfänglich nahe, da ich dieser Freundschaft schon vor einem Jahre den Kredit entzogen habe. Viele Zuschriften an mich aus allen Teilen von Stadt und Land bestätigen die Auffassung, daß die erwähnte Freundschaftskündigung eine Abgeschmacktheit ist. Ich reagiere darauf auch nicht weiter, und das ist auch meine Stärke. Meine Vergangenheit spricht für mich.
Helios Hecht

(330201a2)


Zum Unglück im Hause Isopescu [S. 2, Mitte]
Wer trägt die Schuld?

Von dem schwergeprüften Vater der auf tragische Weise dahingeschiedenen Frau E. O. Stefanovici, Ingenieur Aurel Isopescu, erhalten wir folgendes Schreiben:

Hochverehrter Herr Chefredakteur!
Ich lese im Tag No. 262/II vom Samstag, den 28. Jänner l. J. unter „Zur Tragödie Stefanovici“ eine summarische Darstellung von Vermutungen über die tragischen Ereignisse in meinem Hause und lege Wert auf folgende Richtigstellung:
Meine ewig unvergeßliche Tochter, Frau E. O. Stefanovici, ist keineswegs von einer tollen Katze gebissen worden. Sie hatte lediglich von jungen Katzen zwei unmerkliche Kratzwunden. Der wegen stiller Wut verdächtigte Vorstehhund stand mit bedeutungslosen Symptomen 7 Tage unter meiner und des Kanzleiförsters genauer Beobachtung. Vollkommen inoffensiv ist erst am 31. Dezember 1932 eine partielle, beginnende Steifheit der Glieder, welche eine Lähmung in Aussicht stellte, wahrgenommen worden. Dies veranlaßte uns, den Hund, weil wutverdächtig, zu erschießen. Ob die Katzen vom Speichel des Hundes infiziert wurden - wer kann das sagen?
Nun unterzogen wir uns alle, Groß und Klein, sofort der antirabischen Schutzimpfung. Von einer zu späten Injektionsbehandlung meiner Tochter kann nicht die Rede sein. Auch Förster Dumanski, der mit meinen Hauskatzen nicht in Berührung kam, den apathischen Hund nur sah und von der Möglichkeit ausgehend, mein Hund hätte seine Hofhunde infizieren können, zu gemeinsamen Fahrten Gefolgschaft leistend, sich der Kur unterzog, hat nur an Prophylaxis gedacht. Ist die Annahme und die Darstellung im Tagesbericht, daß die Injektionen erst nach zwei Wochen in den zwei genannten Fällen gemacht wurden, richtig? Keineswegs. Ueber die Tätigkeit des antirabischen Institutes habe auch ich ebenso wie Sie, Herr Chefredakteur nur Lobenswertes gehört, daher unser Vertrauen, aber leider Gottes auch die unbegreiflichen Ereignisse.
Nicht darum stelle ich die Vorkommnisse, wie sie den Tatsachen entsprechen, richtig, um als Ankläger aufzutreten, es ist mir momentan lediglich Pflicht, das Geheimnis zu lüften, das den Tod zweier unschuldiger Menschen forderte. Durch die Prüfung der Begebenheiten und das Tatsachenmaterial soll nicht Schaden angerichtet werden; ganz das Gegenteil: beabsichtigen wir doch alle nur eine Erklärung für die Duplizität der Ereignisse in meinem Hause und auch einiger jüngst vorgekommener, allerdings verheimlichter Fälle von antirabischer Behandlung mit letalem Ausgange. Das hat man nun von der Verheimlichung des einen und des anderen Falles; das Resultat ist eine Aufeinanderfolge von Todesfällen in kurzem Zeitraum.
Der Gang der Begebenheiten und die wahrheitsgetreue Darstellung sollen Aufklärung und letzten Endes Gewißheit bringen. Wenn wir die einschlägige Literatur und Statistik zu Rate ziehen, können wir Laien die förmliche Epidemie der Todesfälle nicht begreifen. Ich und meine Angehörigen haben drei Schreckenstage durchgemacht, niemand wußte, ob und wer an die Reihe kommt.
Dies der wahre Sachverhalt. Ich wünsche vom ganzen Herzen, daß die antirabische Behandlung das Vertrauen der Hilfsbedürftigen auf Genesung wie bisher bestehen bleibt und nicht, wie letzthin, bei uns ein Absterben ohne Selbstverschulden veranlaßt.
Genehmigen, Herr Chefredakteur den Ausdruck der ergebenen Hochachtung
Aurel Isopescu, Ing. Insp. Silvic.

*

Über Initiative des Stadtrates Dr. Rosenzweig findet heute im Rathaus eine Enquete statt, in der man sich mit den zu treffenden Maßnahmen gegen die Gefahr der herrenlosen Hunde befassen wird.
An dieser Enquete werden teilnehmen: Chef des städtischen Sanitätsamtes Dr. Strejac, der Leiter des antirabischen Institutes Dr. Morareanu und der Generalinspektor des Veterinäramtes Dr. Marceanu.

(330201t2)


Noch immer kein Urteil [S. 2, unten, rechts]
Vors.: OLGR. Bibring, Beis.: Präs. Paltineanu, Staatsanwalt: Axani.
Gestern fand neuerlich eine Verhandlung im Prozeß gegen die 41 wegen kommunistischer Propaganda angeklagten Textilarbeiter statt. Alle in der vorigen Verhandlung von der Verteidigung gestellten Anträge wurden abgewiesen, so daß zu den Plädoyers geschritten werden konnte. Nach der Anklagerede des Staatsanwaltes hielten die Advokaten Dr. Traian Popovici, Dr. Norbert Mandelbaum, Dr. Dorostei, Bitter, Gottlieb, Dr. Kißmann, Berlescu, Dr. Hausknecht, Dr. Schwammental, Schloßberg, Dr. Frischmann, Pinkensohn und Schapirin ihre Plädoyers. Sie wiesen auf die Geringfügigkeit der den Angeklagten zur Last gelegten Delikte und auf die Unvollständigkeit des Beweisverfahrens hin. Den bei der Polizei und vor dem Untersuchungsrichter gemachten Aussagen sei keinerlei Bedeutung beizumessen, da sie durch die Folterungen und Drohungen der Polizei erpreßt worden seien.
Das Urteil wird am 6. Februar verkündet werden.

(330201c2)


Seite 4

Adolf Hitler und seine Minister [S. 4, Mitte]
Vom Hilfsbauarbeiter zum Reichskanzler

Der neue Reichskanzler Adolf Hitler steht im 44. Lebensjahre. Er ist Oesterreicher von Geburt, in Braunau, Oberösterreich, geboren und besuchte dort die Volksschule. Dann kam er nach Wien und betätigte sich als Hilfsbauarbeiter. In seinem Buch „Mein Kampf“ erzählt er, wie er als Arbeitsloser alle Sorgen mitgemacht hat. Später fand er Beschäftigung als Zeichner in München. Während des Krieges kam er als Freiwilliger zu einem bayerischen Infanterieregiment, als Gefreiter erwarb er sich das eiserne Kreuz. An der Somme wurde er schwer verwundet. Im Jahre 1918 erblindete er infolge eines Gasangriffes vorübergehend. Nach dem Kriege ließ er sich in München nieder und wandte sich der Politik zu. Er trat in die Arbeiterpartei ein, die sechs Mann stark war, und aus der später die nationalsozialistische Partei umgebildet wurde. In dem Hitlerputsch des Jahres 1923 hatte er eine führende Rolle und wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Er blieb in der Strafanstalt Landsberg an der Warthe bloß ein Jahr, dann erfolgte Strafunterbrechung mit Bewährungsfrist. Die Oesterreicher hatten ihn, weil er in fremdem Staate Militärdienste machte, auch des Staatsbürgerrechtes für verlustig erklärt. Er wurde erst im Jahre 1932 durch seine Ernennung zum Regierungsrat in Braunschweig deutscher Staatsbürger.
Von den anderen neuernannten Ministern ist der Lebenslauf Fricks bemerkenswert. Auch er wurde wegen des Münchner Putsches zu Festungshaft verurteilt. Er ist seit 1924 Mitglied des Reichstags und Mitglied der Reichstagsfraktion.
Der Reichsernährungsminister von Hugenberg steht im 68. Lebensjahre. Er ist Hauptaktionär des Scherlverlages und Präsident der Universalfilmgesellschaft („Ufa“). Der Reichswehrminister Goering steht im 40. Lebensjahr. Militär von Beruf, war er einer der schneidigsten Fliegeroffiziere unter Richthoffer [Richthofen] und erhielt den Orden „Pour le merite“. Auch er wurde als Führer des Münchner Putsches zu Festungshaft verurteilt. Der Stahlhelmführer Seldte steht im 51. Lebensjahre, verlor im Kriege den linken Arm und ist Erfinder eines Schutzschildes.

(330201w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 266, Donnerstag, 02.02.33

Postby Klaus Binder on 2. February 2011, 00:06

Seite 1

Berlin im Hitler-Rausch [S. 1, rechts, oben]
400.000 manifestieren für Hindenburg
Gerüchte und Kombinationen


Berlin, 31. Jänner (Tel. des „Tag“). Die Stadt steht noch immer im Banne der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Stahlhelm und S. A.-Sturmtrupps wurden gestern zu festlichen Umzügen mobilisiert. Die Kundgebungen der vereinigten Anhänger der „nationalen Front“ dauerten über sechs Stunden. Um 8 Uhr abends begann der Umzug, die Kolonnen marschierten unter Musikbegleitung und Heil-Hitler-Rufen am Reichstagsgebäude vorbei, sie zogen dann über die Siegesallee durch das Brandenburger Tor, durch Unter den Linden in die Wilhelmstraße zum Palais des Reichspräsidenten, wo Hindenburg unentwegt am Fenster die Begrüßungen und Huldigungen entgegennahm.
Es wird von dieser Seite behauptet, daß eine Manifestation in der Größe, wie sie gestern gesehen wurde, die Kriegskundgebung Ende Juli 1914 bei weitem übertraf. Man schätzt die Mindestzahl der Teilnehmer auf 400.000. Hitler stand an einem anderen Fenster des Reichspräsidentenpalais und nahm die Defilierung ab. Göring trat ans Fenster und sagte: „Schluß mit der vierzehnjährigen Knechtschaft! Ein neues Deutschland entsteht. Wir wollen die Ehre und Freiheit des Reiches!“
Die Kundgebung dauerte bis 2 Uhr morgens.

Stimmung flaut ab
Heute Dienstag ist eine ruhigere Stimmung eingetreten. Die Morgenblätter überraschen mit den Nachrichten, daß große Veränderungen auf den Verwaltungs- und militärischen Posten bevorstehen. Diese Meldungen werden amtlich dementiert. Auch die Nachricht, daß der Kommandant des Heeres, General Hammerstein, zurückgetreten sei, wird dementiert.

Die Beratungen zur Schaffung der Reichstagsmehrheit
Hitler ist mit den Führern des Zentrums bereits in Verbindung getreten. Das Zentrum trat mittags zur Parteiberatung zusammen. Für das Zentrum führt die Verhandlungen Prälat Kaas. Um 4 Uhr nachmittags beriet der Ministerrat über die politische Lage. Es wurde ein Kommunique ausgegeben, in welchem mitgeteilt wird, daß weitere Personaländerungen inzwischen nicht durchgeführt worden sind.
Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hielt mit dem Parteivorstand am Nachmittag eine Sitzung ab.
Wie es heißt, verhalten sich die Sozialdemokraten vorläufig noch zurückhaltend, um vor allem das Abflauen der fanatischen Stimmung abzuwarten.

Abschied von Schleicher
Hindenburg verabschiedete sich von Schleicher in einem äußerst herzlich gehaltenen Schreiben, in welchem er Schleichers „Verdienste im Krieg und in der Nachkriegszeit für das Heer und die innere Lage des Reiches“ hervorhebt. Schleicher wurde auch in Abschiedsaudienz empfangen.
Von Goering heißt es, daß er die Stelle des Reichstagspräsidenten, trotzdem er Minister geworden ist, nicht niederzulegen beabsichtigt.
Hitler hat an den Bundeskanzler Dr. Dollfuß nach Wien ein Begrüßungstelegramm gesendet in dem er dem deutschen Brudervolk an der Donau seine herzlichsten Glückwünsche übermittelt.
Die kommunistische „Rote Fahne“ wurde beschlagnahmt, ebenso ein Extrablatt der kommunistischen Reichstagsfraktion.

Es beginnt schon: Löhne sollen herunter!
Essen, 31. Jänner (Tel. des „Tag“). Großes Aufsehen erregt die per 31. März erfolgte Kündigung der gesamten Arbeiterschaft durch den Zechenarbeitgeberverband. Es wird hiezu offiziell mitgeteilt, daß es sich nicht um eine allgemeine Lohnherabsetzung handelt, sondern nur um eine „Lohnregelung“.

Kommunistische Kundgebungen in Hamburg
Hamburg, 31. Jänner (Tel. des „Tag“). Kommunistische Arbeitslose versuchten heute, den Verkehr der Straßenbahnen lahmzulegen. Es kam zu Zwischenfällen mit der Polizei, die das Feld behauptete. Die Ordnung wurde dann wieder hergestellt.

Sozialdemokraten kündigen Zusammenarbeit mit Kommunisten an
Berlin, 31. Jänner (Tel. des „Tag“). Die sozialdemokratische Parlamentsfraktion setzte heute die Richtlinien für die künftige Politik fest. Die Taktik der Sozialdemokraten werde in politischer Hinsicht die gleiche bleiben wie bisher. Sie werden sich nicht von der Gegenpartei vorschreiben lassen, wie, wann und wo sie ihre Kräfte einsetzen sollen.
Die Sozialdemokraten werden bei Verfolgung ihrer Ziele mit der kommunistischen Partei zusammenarbeiten.

Zentrum geht mit Hitler
Das Zentrum hat Hitler die Bedingungen überreicht, unter denen es bereit wäre, an der Regierung mitzuarbeiten oder die Regierung zu tolerieren.
Von der Antwort des Reichskanzlers hängt die künftige Einstellung des Zentrums ab.

Die Kommunisten lassen nicht locker
In Breslau kam es zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten zu Zusammenstößen, wobei ein Kommunist getötet wurde. Als Folge dieser Zusammenstöße wurden alle kommunistischen Versammlungen bis auf weiteres verboten.
Der Versuch der Kommunisten, in Aachen und anderen Städten des Rheinlandes für einen Generalstreik Propaganda zu machen, ist gescheitert.

(330202w1)


Ohne Mord geht es nicht
Berlin, 31. Jänner (Tel. des „Tag“). Als die Anhänger der Nationalsozialisten vom Demonstrationszug rückkehrten, wurden sie scheinbar von Kommunisten angeschossen. Ein Nationalsozialist sowie ein Polizist wurden getötet.

(330202w1)


Kabinett Daladier gebildet [S. 1, unten, rechts]
Paris, 31. Jänner (Tel. des „Tag“). Die neue französische Regierung wurde heute scheinbar ohne Sozialdemokraten gebildet. Daladier wird neben dem Präsidium auch das Kriegsministerium, Paul Boncour das Außenministerium, Bonnet das Finanz- und Cheautemps das Innenministerium übernehmen. Das Kabinett wird sich auf die gleiche parlamentarische Mehrheit wie die beiden letzten Regierungen stützen.
Das neue Kabinett wird sich Freitag dem Parlament vorstellen.
Kammer und Senat haben in ihrer heutigen Sitzung das Monatsbudget für Februar angenommen.

(330202w1)


Seite 2

Feldzug gegen die Hunde [S. 2, oben, Mitte]
Genügt die von der Enquete gefundene Lösung?

Wie der „Tag“ angekündigt hat, war für gestern 11 Uhr vormittags eine Enquete zur Bekämpfung der Tollwut in die Stadtgemeinde einberufen, die unter Vorsitz des Stadtrates Dr. Rosenzweig stattgefunden hat. An der Enquete nahmen Veterinärinspektor Marcianu, der Leiter des städtischen Sanitätsamtes Dr. Strejac, Dr. Morareanu, Dr. Iliescu, Dr. Schmidt, Direktor Kolaska sowie zwei Tierärzte teil.

Im Laufe der Debatte wurde festgestellt, daß die Bevölkerung nicht nur die Anordnungen des Veterinäramts mißachtet, sondern diesen geradezu entgegenarbeiten und den Sanitätsorganen noch Schwierigkeiten macht. Es wurde auch die Tatsache konstatiert, daß die Bauern vom Lande in die Stadt viele Hunde bringen und sie hier zurücklassen.

In den nächsten Tagen soll eine vom Veterinärinspektor redigierte Verfügung erlassen werden, in welcher genaue Aufklärung gegeben wird. Es wurde zuletzt beschlossen, daß künftighin alle Hunde, die ohne Maulkorb oder Marke vorgefunden werden, sofort erschossen werden müssen. Nachdem noch festgestellt wurde, daß ein Wasenmeister nicht genüge, soll die Zahl der Wasenmeister vermehrt werden. Das antirabische Institut wird mit dem Sanitätsamt in dieser Richtung Hand in Hand arbeiten. Man wird sich auch mit der Forstverwaltung des Religionsfonds in Verbindung setzen, damit dieser einige Jäger zur Verfügung stellt, die an einem Tag in jeder Woche eine Streifung durch die Stadt und die Vorstädte unternehmen werden, um alle herrenlosen Hunde niederzuschießen. Der Generalinspektor für Veterinärdienst, Ionescu, wird auch an die Gemeinden ein Zirkular erlassen.
Zum Schlusse wurde noch festgestellt, daß im antirabischen Institut im abgelaufenen Jahr 1097 Fälle behandelt wurden. Das Hauptkontingent der Kranken liefert Chotin.

Schlagt die Hunde tot!
Alles recht schön, daß die Behörden, gewitzigt durch den tragischen Fall Stefanovici, sich zumindest besinnen, eine Enquete abzuhalten und „Maßnahmen“ zu treffen. Im alten Oesterreich nannte man eine Enquete ein Leichenbegängnis erster Klasse für jede Aktion. Hier handelt es sich nicht um die Verzapfung eines Zeitungsberichtes, sondern um die Feststellung vor allem, ob das im Institut erzeugte Serum gegen die Tollwut einwandfrei war. Hier ist der springende Punkt der Aktion, die unternommen werden müßte. Die Herren der Enquete gehen aber vom Standpunkte aus: Zuerst alle Hunde umbringen, dann ist kein Serum mehr notwendig, und man hätte es nicht mehr nötig, sich den Kopf zu zerbrechen, ob das in Czernowitz gelieferte Serum nicht gesundheitsstörend ist oder, wie wir hier sehen, den Charakter eines Mordwerkzeuges in sich trägt.

Jedenfalls ist das von der Enquete vorgesehene Mittel die einfachste Lösung für die Beantwortung der in allen Volksschichten besprochenen Frage, wie man sich gegen die Hundewirtschaft schützt. Das Rezept: „Schlagt die Hunde tot, dann sind wir von Sorgen befreit“ kann deshalb keine allgemeine Geltung haben, sondern in erster Linie die Lösung der Frage, ob der von einem Hund gebissene Mensch nicht dem Tode verfallen ist, wenn er sich der antirabischen Behandlung im Czernowitzer Institut unterzieht.

Die Herren sollen nicht vergessen, daß es im Zeitalter der Zivilisation auch eine Hundekultur gibt und daß man nicht die radikalste Methode anwenden kann: „Hunde totschlagen, dann brauchen wir kein Serum mehr!“

(330202c2)


Seite 3

Konstituierung der Arbeitskammer [S. 3, oben, Mitte]
Die Mitglieder der Arbeitskammer

Auf Grund einer Verfügung des Handelsministers wurden als Mitglieder für die Interimarkommission der Czernowitzer Arbeitskammer folgende Personen ernannt:

Für die Industrieanstellten: R. Dan, R. Gaidosch, C. Kapek, L. Catapschi, D. Engler. N. Ionescu, B. Bar und E. Ciotca.

Für die Handelsangestellten: E. Ostaficiuc, E. Ehrenkranz, I. Liquornik, M. Teitler, I. Keller, S. Salzinger, Gr. Sosinchi und A. Ignatescu.

Sektion Handwerk: Max Weißmann, C. Moskaliuk, I. Grill. St. Caileanu, H. Cvioc, Al. Ursu, Anton Zawada und I. Teodorovici.

Alle diese Personen sind für den 1. Februar um 6 Uhr abends ins Arbeitsinspektorat einberufen, um sich unter Vorsitz des Arbeitsinspektors Botez zu konstituieren. Am 3., 4., 5. und 6. werden die Wahllisten der Arbeitskammern aufliegen. Die Versicherungshäuser, Korporationen ec. werden aufgefordert, die überreichten Wahllisten zu vervollständigen.

(30202i3)


Seite 4

Studentenausschreitungen in Jassy [S. 4, oben, links]
Angriffe auf die Gendarmerie

Auch in Jassy manifestierten am Sonntag die Studenten gegen die Regierung, die das Anbringen des Kreuzes am Grabe des Unbekannten Soldaten verboten hat. Hernach ersuchten die Studenten, über 1000 an Zahl, den Mitropoliten, er möge ihnen eine Kirche zur Verfügung stellen, damit sie eine Versammlung abhalten. Dieser Forderung wurde entsprochen. Es wurde dort auch ein Gottesdienst für die gefallenen Studenten abgehalten.

In der Nähe der Kirche befand sich schon seit längerer Zeit ein altes Haus, dessen Abtragung die Studenten verlangt haben, da es morsch ist. Die Studenten vernichteten nun selbst das Haus im Verlaufe einer Stunde. Die Staatsanwaltschaft hat wohl vor diesem Vorhaben gewarnt, die Gendarmerie konnte aber nichts ausrichten, da die Studenten in Ueberzahl waren und die Gendarmen angriffen.

*
Zusammenstöße zwischen Studenten und der Polizei
Oradea-Mare, 31. Jänner. (Tel. des „Tag“.) Gelegentlich der Studentendemonstrationen am Sonntag kam es hier zu schweren Zusammenstößen zwischen den Studenten und der Polizei, wobei neun Studenten schwer verletzt wurden, da die Polizei von den Knüppeln Gebrauch machte. Es wurden 67 Studenten verhaftet, 11 von ihnen schon nach einem kurzen Verhör wieder in Freiheit gesetzt, während die anderen weiter hin Haft verblieben.
Das Innenministerium wurde sofort vom Vorfall verständigt. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet.

Auch in Chisinau schwere Ausschreitungen
Chisinau, 31. Jänner. (Tel. des „Tag“.) Auch hier kam es gelegentlich der sonntägigen Demonstrationen zu schweren Zusammenstößen zwischen den Studenten und der Polizei. Es wurden mehrere Studenten verhaftet. Erst als der Dekan der theologischen Fakultät sich ins Mittel legte, wurde die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt.

(330202r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 267, Freitag, 03.02.33

Postby Klaus Binder on 3. February 2011, 01:04

Seite 1

Brandrede gegen den Marxismus [S. 1, links, Mitte]
Hitler kündigt Diktatur an

Berlin, 1. Februar (Tel. d. „Tag“). Heute 11 Uhr nachts hielt Reichskanzler Hitler im Rundfunk an das deutsche Volk folgende Rede:

„Ueber 14 Jahre sind vergangen, seit das deutsche Volk durch Verrat, durch Schmähung und Verblendung in diese Situation geraten ist. Die Gleichberechtigung erhielten wir nicht, dafür aber verloren wir die Freiheit. Durchdrungen von der Ueberzeugung, endlich die Last und die Sorgen des deutschen Volkes abschütteln zu können, hat die nationale Regierung die Mission vom Herrn Reichspräsidenten übernommen, Deutschland vor diesem Chaos zu retten. Vierzehn Jahre Marxismus haben das Land dem Verfall näher gebracht. Es ist nicht ein Reich, sondern eine 2000-jährige Erbmacht, ein Werk der unversiegbaren Zivilisation zugrundegegangen.“

Reichskanzler Hitler polemisiert dann in sehr scharfer Weise gegen den Kommunismus, den er als Wahnsinn bezeichnet.

„Nichts bleibt von diesen Herren, die alles vereinen, verschont. Vierzehn Jahre Marxismus haben das Land aufs schwerste geschädigt, ein Jahr Kommunismus aber wird das Land zerstören. Schon die unzähligen Toten der letzten Zeit in Deutschland bedeuten ein Wetterleuchten und sollen als Warnung vor dem Sturm dienen.
Der Herr Reichspräsident hat uns Männer aufgerufen, um noch einmal, wie im Kriege, den Kampf zu führen. Wir haben uns mit dem greisen Mann verbunden und uns brüderlich die Hände gedrückt, um in gemeinsamer Front das deutsche Reich zu retten. Wir sind auch fest entschlossen, die übernommene Mission voll und ganz durchzuführen.
Es ist gewiß schwer, das Erbe zu übernehmen. Wir haben aber zum deutschen Volk Vertrauen, wir haben Vertrauen zu den unvergänglichen Werten unserer Nation. Kraft dieses Vertrauens werden wir unsere Aufgabe erfüllen.
Deutschland darf nicht dem Monarchismus und dem Kommunismus ausgeliefert werden. Wir werden nun das Werk der Reorganisation beginnen, und zwar in großen Vierjahresplänen: Vier Jahre zur Wiederherstellung des Bauernstandes und vier Jahre zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. In vier Jahren darf es keinen Arbeitslosen mehr in Deutschland geben. Durch die Interessenpolitik der letzten vierzehn Jahre wurde ein Millionenheer von arbeitssamen, aber arbeitslosen Händen geschaffen.
Die Reichsregierung ist auch bestrebt, mit den Ländern [deutsche Länder] friedlich zusammenzuarbeiten. Experimente mit der Währung werden nicht gemacht.
Außenpolitisch erstrebt die Regierung nur die Wahrung der Lebensrechte und die Freiheit des deutschen Volkes. Wie groß unsere Liebe auch zum Heere ist, so wollen wir dennoch vom ganzen Herzen, daß die Rüstungen beschränkt werden und Deutschland nicht gezwungen wird, eine Vermehrung der Waffen vorzunehmen.
Wir wollen auch unsere Verpflichtungen gegen die anderen Nationen erfüllen. Wir wollen nur die Kommunisten bekämpfen. Wir sind gegen den Klassenwahnsinn und gegen den Klassenkampf. Wir kennen keinen Stand, sondern nur ein Volk. Da der Reichstag aber unfähig ist, unser Werk zu unterstützen, werden wir es allein mit Hilfe des deutschen Volkes durchführen. Die Regierung will und wird persönlich arbeiten.
Wir wollen, das was in vierzehn Jahren verschuldet wurde, in vier Jahren gutmachen. Die Marxisten hatten genug Gelegenheit, ihre Fähigkeit zu beweisen. Taten sie es aber nicht, so müssen sie uns arbeiten lassen. Die Arbeit des Marxismus und ihrer Mitläufer haben wir gesehen. Das Resultat ist: ein Trümmerfeld in Deutschland.
Wir wollen kämpfen nicht für uns, sondern für Deutschland. Diesen Kampf auszufechten haben wir die Ermächtigung des Reichspräsidenten“.

(330203w1)
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• Die mutmaßliche Originalrede ➞ diki.cwahi.net


Seite 2

Man schießt und prügelt [S. 2, oben, Mitte]
Wer hat geschossen - wer hat geprügelt?

Nun, da der Stein einmal ins Rollen kam, kommt man von der Polizei nicht mehr los. Es gehört geradezu zum täglichen Repertoire, daß sich irgendwas ereignet, das die hellste Empörung der Bevölkerung und immer wieder die größte Unzufriedenheit mit den Polizeiorganen auslöst. Gestern, Mittwoch vormittags um 11 Uhr, gab es wieder einen Zwischenfall am Ringplatz, der die herbeigeeilte Menge von der Verläßlichkeit unserer Polizisten anschaulich überzeugte.
Wenn man also eine Nase hat, die gewissen Leuten nicht paßt, geht es einem so, wie dem Maurer Josef Hubert, den ein Student mit folgender Frage stellte: „Bist Du ein Rumäne?“ Worauf er, weil ihm der also Angesprochene erwiderte, daß ihn, den Frager, das gar nichts angehe, einen mit einem schweren Stock geführten Hieb auf seinen Arm in Kauf nehmen mußte. Dabei konnte er von Glück reden, daß die rasche Armbewegung den Hieb gegen den Arm lenkte, sonst wäre es ihm genau so ergangen, wie paar Minuten später dem Inkassanten Pagat Celestin.
Als nämlich die Attacke gegen Hubert geführt war, sammelte sich sofort eine empörte Menschenmenge an, vor der der Student Reißaus nahm und in den Hof des „Palatul National“ flüchtete. Dorthin verfolgten ihn die Leute, doch stellte sich ihnen der Studentenführer Costache entgegen, der beruhigend auf die erregten Menschen einwirken wollte und sagte: „Er ist betrunken, laßt ihn laufen!“ Nun war auch ein Wachmann auf dem Plan erschienen, er trug die Nummer 116, und er tat nicht was seine Pflicht war, nämlich den ins Haus geflüchteten Studenten zu verhaften, sondern er stellte sich schützend vor das Portal hin und ermöglichte es, daß sich folgendes blitzartig ereignete: Der Inkassant Pagat Celestin betrat, weil er dort ein Inkasso machen wollte, nichtsahnend das Haus Palatul National, als ihn der nämliche Student, der gegen Hubert den Hieb geführt hatte, überfiel und ihm mit zwei wuchtigen Stockhieben den Schädel spaltete. Blutend brach der Getroffene zusammen.
Nach diesen Vorfällen erschienen Polizeiquästor Gussi und Dr. Jacobean am Tatort, vom Studenten aber, der geschlagen hatte, war keine Spur mehr zu sehen.
Die Erhebungen sind, wie gewöhnlich, eingeleitet worden.

Ein Wachmann schießt
Am Vortage wurde der Bahningenieur Leopold Hermann in der Neueweltgasse von unbekannten Individuen überfallen. Mystisches Dunkel ist um diese Affäre: denn es steht zwar fest, daß Ingenieur Hermann durch Revolverschüsse schwer verletzt wurde, ebenso steht es fest, daß er es wahrscheinlich nur seinem dicken Pelz zu verdanken hat, wenn er heute noch am Leben ist - aber was für eine Art von Verwechslung da vorliegen muß, und wer der Schütze ist, der Revolverheld, der in ein Restaurant eindringen, schießen, das Opfer verprügeln und zuguterletzt durchgehen konnte, ohne daß ihn die Gäste festgenommen hätten - das ist alles noch sehr problematisch.
Zeugen haben zunächst behauptet, in dem Revolverhelden den Wachmann Plevan erkannt zu haben; dieser, seines Amtes enthoben und verhört, behauptet um die kritische Zeit total betrunken gewesen zu sein, sodaß er sich an nichts mehr erinnern könne; also jedenfalls ein Indiz, das stark gegen ihn spricht, weil ein Wachmann, der stockbesoffen ist, von vornherein verdächtig erscheint.
Nun aber widerrufen die Zeugen und sagen, sie können in dem Wachmann Plevan nicht mehr den Schießer erkennen. Wer hat also geschossen? Und warum hat er geschossen, da doch der Ingenieur in keinem Fall schuldig ist?
Nun wird aber mitgeteilt, daß der Wachmann Plevan aus dem Dienste entlassen und der Staatsanwaltschaft überstellt wurde. Ist es so weit, dann dürfte die Frage nach der Identität des Schießers keine Frage mehr sein …

(330203c2)


Jüdische Religionslehrer erteilen keinen Unterricht mehr [S. 2, Mitte]
Wie wir erfahren, wird der jüd. Religionsunterricht an den staatlichen Volksschulen seit 1. Februar 1933 nicht mehr erteilt, weil die Kultusgemeinde den Religionslehrern die Remuneration seit dem Jahre 1930 schuldig ist und trotz mehrfachen Versprechens auch die laufenden Bezüge nicht zahlt. Die Schulkinder - es sind mehrere Tausend - laufen Gefahr, das Schuljahr zu verlieren, da auf Grund Ministerial-Erlasses Nr. 110053/30 Schulkinder, welche in Religion nicht klassifiziert sind, als Repetenten zu betrachten sind.

(330203r2)


Seite 4

Hitlers Kanzlerschaft und die Juden[S. 4, rechts, Mitte]
Die antisemitischen Tendenzen, die mehrfach in der Gefolgschaft des Nationalsozialismus fühlbar wurden, ließen vermuten, daß Hitlers Amtsantritt ein Signal für Feindschaftskundgebungen gegen die Juden Deutschlands darstellen könnte.
Die Zentralvereinigung der deutschen Bürger israelitischer Konfession, welche die Interessen der deutschen Judenschaft schützt, stellt fest, daß, wenn es bisher zu keiner antisemitischen Manifestation gekommen sei, auch für die Folge keine erwartet werden könne. Die Zentralvereinigung fordert daher seine Mitglieder auf, unbesorgt zu sein.

(330203w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 268, Sonntag, 05.02.33

Postby Klaus Binder on 5. February 2011, 02:03

Seite 1

Parlament beschließt Gesetz: [S. 1, oben, links]
Belagerungszustand über Rumänien
Kammer und Senat halten Nachtsitzung ab

Bukarest, 3. Februar (Tel. des „Tag“). In der heutigen Kammersitzung legte Innenminister Mironescu ein Gesetz vor, welches im Notfalle die Verhängung des Belagerungszustandes über das ganze Land vorsieht.

Im Motivenbericht des Gesetzes heißt es:

Zufolge der in der letzten Zeit vorgekommenen Demonstrationen der Kommunisten und sonstiger anarchischer Elemente sieht sich die Regierung veranlaßt, Ausnahmsmaßnahmen zu ergreifen, die den gegenwärtigen Verhältnissen angemessen sind. Die Regierung sieht sich veranlaßt, auf Grund des Artikels 128 der Verfassung ein Gesetz vorzulegen, welches ihr ermöglicht, im Notfall den Belagerungszustand über das Land für eine Maximaldauer von sechs Monaten zu verhängen. Diese Maßnahme widerspricht nicht der Konstitution und wird es gestatten, die bestehenden Gesetze strenger anzuwenden. Auf bestimmte Delikte sollen die Gesetze mit aller Schärfe angewendet werden.

Das Gesetz trägt die Unterschrift des Ministerpräsidenten Vaida und ist vom legislativen Rat günstig befürwortet.

Im Motivenbericht des legislativen Rates heißt es: Dieses Gesetz hat zwei Leitmotive. 1. die Verhängung des Belagerungszustandes und 2. eine strengere Anwendung der Gesetze. Die Strafen für gewisse Delikte werden erhöht werden können. Im Referat des legislativen Rates heißt es, daß gemäß der Konstitution derartige Maßnahmen schon seit dem Jahre 1864 gang und gäbe waren. In gewissen Zeitperioden müssen auch Ausnahmsbestimmungen angewendet werden.

Angenommen
Um das vorgelegte Gesetz annehmen zu können, hielten Kammer und Senat Nachtsitzungen ab. In der Kammer erläuterte der Berichterstatter Virgil Grosu die Bestimmungen des Gesetzes und verwies auf die Notwendigkeit desselben. Nachdem die Vertreter der einzelnen politischen Parteien das Wort ergriffen, hielt Ministerpräsident Vaida ein längeres Exposee, in welchem er die Gründe, die die Regierung zu diesen Maßnahmen veranlaßt haben, erläuterte.
Das Gesetz wurde schließlich angenommen und dem Senat zur Votierung überwiesen. Der Senat hat das Gesetz genehmigt.
Das Gesetz wird morgen im „Monitorul Oficial“ veröffentlicht.

(330205r1)


Hitler sagt an: [S. 1, unten, links]
Kampf auf Leben und Tod
Neue Zusammenstöße in Deutschland

Berlin, 3. Februar (Tel. des „Tag“). Reichskanzler Hitler ist fest entschlossen, mit allen Mitteln gegen die Kommunisten vorzugehen. Nicht nur, daß die Versammlungen unter freiem Himmel untersagt wurden, sondern es wurde den Behörden auch aufgetragen, die Versammlungen der Kommunisten in geschlossenen Sälen genau zu bewachen und falls Reden gehalten werden die zum Streik auffordern, sollen die Versammlungen sofort gesprengt werden.

Hitleristen, seid brav!
Hitler richtete sowohl an seine Partei als auch an die Sturmbataillione einen Aufruf, in welchem zu Disziplin und Gehorsam aufgefordert wird. Die Sturmtruppen sollen auf Provokationen der Kommunisten nicht eingehen und ruhiges Blut bewahren. Sollten sich Angriffe ereignen, so werden dann Aufträge an die Kriminalbehörden erteilt, die voll und ganz durchgeführt werden müssen. Der Aufruf schließt mit der Bemerkung, daß der Kommunismus in Deutschland in kurzer Zeit der Vergangenheit angehört haben wird.


Seite 2

Die Novelle des Tages
Schillerpark [S. 2, oben, links]

Auf der Estrade sitzt der Richter. Ein Stoß von Dossars liegt vor ihm. Der kleine Saal ist dicht gefüllt mit Klägern, Anklägern, Zeugen, Verwandten, Nachbarn, Advokaten, von solchen, die es sind, den meisten aber, die es erst werden wollen. Sachkundige wissen schon längst, wie die für heute terminierten dreißig oder vierzig Fälle endigen werden. Zehn Prozent fallen weg, weil die Parteien sich verglichen haben; weitere zehn Prozent werden heute nicht verhandelt, weil die Parteien übereingekommen sind, das Verfahren vorläufig ruhen zu lassen; zwanzig Prozent sind für heute erledigt, weil die aufgerufenen Zeugen nicht erschienen sind; von den übrigbleibenden sechzig Prozent endigen trotz Verhandlung fünfundfünfzig Prozent durch Vertagung, und nur fünf Prozent werden vielleicht durch ein Urteil beschlossen.

Der Richter ist zuerst sehr nervös, bis er das Terrain sondiert und sich die Ueberzeugung verschafft hat, daß er die Hälfte der Akten von heute auf die Seite schieben kann. Dann erst wird sein Gesicht freundlicher, das Organ des kräftigen Mannes erhält den Ton, der den Saal für ihn einnimmt, die Ironisierungen dringen durch es gibt keinen Satz ohne Spitze: bald gegen den Kläger, bald gegen den Beklagten, am ehesten noch gegen den Stagiar, den er belehrt, mit Worten züchtigt, jedenfalls alle zusammen einschüchtert, so daß sie alle froh sind, wenn die „Sache“ vorüber ist.

Eine Figur dieser Herr Einzelrichter. Er hat sein eigenes System. Es ist egalisiert mit dem der anderen, das hinausläuft auf das einzige Ziel: Vertagung. Und wenn es da nicht klappt, so findet er ein Wort, das er mit Nachdruck ausspricht: „Gehet auf den Korridor und vergleichet Euch!“ Und diese Mahnung untermauert er mit salbungsvollen Worten über Krise und schlechte Zeiten.

Besonders gefällt es ihm, Belehrungen zu erteilen. Zunächst geht allem voran: Sprechen Sie Rumänisch! So leistet er Erziehungsarbeit. Unter dem Druck des Zwanges plappert die sechzigjährige Matrone die paar Worte, die sie auf dem Markte erlernt, und der Richter freut sich über das ganze Gesicht, daß ihm sein Werk gelungen; „Schau zu“, sagt er dem jungen Kaufmann, „es ist nützlich für Dich, daß Du rumänisch sprichst. Du wirst doch Dein Geschäft verbessern;“ „Liebes Fräulein, Sie sind Privatbeamtin. Sie erweitern Ihren Bildungskreis, wenn Sie Ihre Aussage in rumänischer Sprache machen. Sie sollten aber auch sonst viel mehr Rumänisch können“; „Herr Advokat, Sie sind ein junger Mann, ich verzeihe, daß Sie noch nicht gut rumänisch sprechen, aber Sie kommen nicht vorwärts, wenn Sie nicht mehr dazu lernen;“ „Aber sie, Herr ehemaliger Richter, jetzt Advokat, Sie müßten sich schon anstrengen, ihre Anfragen an die Zeugen nur rumänisch zu richten“.

So geht es fort und fort.

Jetzt kommt ein Zeuge dran, der mit Bravour Rumänisch spricht, und er pflicht in seine Darstellung das Wort Schillerpark ein.

Der Richter unterbricht: „Rumänisch bitte, es gibt keinen Schillerpark. Nennen Sie den Park, wie er jetzt benannt wird: rumänisch“.
Und von den hundertfünfzig Menschen, die im Saal sich befinden, Advokaten, Zeugen, Klägern, Angeklagten, Berichterstattern weiß niemand, wie der Schillerpark rumänisch bezeichnet wird.
Der Richter weiß es auch nicht.
Pagat

(330205c2)


Todesfälle [S. 2, oben, Mitte]
Mittwoch starb im Alter von 76 Jahren der Großindustrielle Emanuel Singer, der Begründer der Säge und Mühlenwerke in Kaczyka. Der Verstorbene, der sich namentlich in den Kreisen der Industrie großer Wertschätzung erfreute, hinterläßt drei Söhne, von denen einer Advokat in Czernowitz, der andere Mitinhaber der Säge ist, und eine in New York verheiratete Tochter. Die Beisetzung in der Familiengruft fand gestern um 3 Uhr statt. (Spenden.) Herr Kurt Singer, Großindustrieller in Cacica, hat aus Anlaß des Ablebens seines Vaters, Herrn Emanuel Singer die folgenden Beträge für die Wohlfahrtsanstalten der jüdischen Gemeine gespendet: Für das jüdische Waisenhaus 2000 Lei, für das jüdische Spital 2000 Lei und für das jüdische Altersversorgungshaus 2000 Lei, sowie einen halben Waggon Baumaterialien für den Spitalszubau. Das Kultusgemeinde-Präsidium spricht auf diesem Wege dem Spender den aufrichtigen Dank aus. - Im Alter von 38 Jahren ist in Kaliczanka das Mitglied der sozialdemokratischen Gemeinderatsfraktion Herr Johann Klepsch, der sich in allen Kreisen der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreute, gestorben. Das Leichenbegängnis fand gestern um 3 Uhr nachmittags statt. - Am Mittwoch, den 1. d. M. fand das Leichenbegängnis der Frau Bertha Kumetz geb. Körner statt. Die Verblichene, die im Alter von 49 Jahren stand, war eine überaus treue Gattin und Mutter. Die Verblichene war eine edle Spenderin, die allen, ohne Unterschied der Nation, in der Not half.

(330205t2)


Seite 4

Die Arbeiterrevolte in Ploesti [S. 4, oben, links]
Blutige Zusammenstösse. - 5000 Arbeiter demonstrieren. - Der König wird informiert

Wie bereits berichtet, kam es am Mittwoch in Ploesti zu schweren Arbeiterunruhen, die ihren Ursprung von einem Lohnkonflikt nahmen, der von einer Schlichtungskommission des Arbeitsministeriums zu Ungunsten der Arbeiter entschieden wurde. Mehrere Hundert Arbeiter der Petroleumgesellschaft „Romana Americana“ verließen daraufhin die Arbeit und begaben sich zu dem Direktionsgebäude, wo sie stürmisch ihr Recht verlangten. Da die Situation immer drohender wurde, erklärte der Direktor des Unternehmens Ing. Schmeidler, er werde sofort nach Bukarest fahren und der Generaldirektion Bericht erstatten. Indessen wurde aber Polizei und Militär verständigt, was die Erbitterung der Arbeiter noch steigerte.

Um 12 Uhr mittags verließen die Arbeiter einer anderen Petroleumgesellschaft, der „Astra-Romana“ ihre Arbeit und als sie ihre Genossen im Hofe der „Romana Americana“ eingeschlossen sahen, durchbrachen sie den Polizei- und Gendarmenkordon, sprengten das verschlossene Fabrikstor und vereinigten sich mit denselben.

Die Fabrik begann nun alle

Sirenen heulen
zu lassen, um Hilfe herbeizurufen, dies lockte aber nur immer mehr Arbeiter herbei, die nun, über tausend an der Zahl, begannen das Direktionsgebäude zu stürmen. Die gesamte Inneneinrichtung des zweistockhohen Hauses wurde vollständig vernichtet. Schließlich gelang es dem herbeigeeilten Militär, die Arbeiter zu überwältigen und mehrere hundert Verhaftungen vorzunehmen. Auf dem Wege zur Polizeiquästur wurde aber ein Autobus mit Verhafteten von Arbeitern gestellt, die Wachmannschaft entwaffnet und die Verhafteten befreit.
Um fünf Uhr nachmittags konnten die Arbeiter von der bedrohten Fabrik abgedrängt werden und zogen nun zur Polizeiquästur, um ihre verhafteten Genossen zu befreien. Sie wurden am Eindringen in die Quästur durch einen starken Kordon von Wachleuten und eine Abteilung Feuerwehr mit Spritzen verhindert.
Indessen hatte sich die Menge um viele tausend Köpfe vermehrt, da um sechs Uhr nachmittags, nach Schluß der Arbeit, sich die Arbeiter aller anderen Fabriken dieser Demonstration anschlossen. Die Behörden sahen sich daher veranlaßt, auch Kavallerietruppen heranzuziehen, welche mit ihren Pferden in die Arbeitermenge hineinsprengten. Auf diese Weise wurden mehrere Arbeiter und ein Gendarm verletzt.
Erst als die verhafteten Arbeiter wieder freigelassen wurden, beruhigten sich die Arbeiter und zogen nun, ungefähr 5000 an der Zahl, auf den Hauptplatz der Stadt, wo die Führer der Arbeiter vor der Freiheitsstatue Reden an die Menge hielten.
Da die Arbeiter nur in dem Falle den Platz räumen wollten, daß das Militär zurückgezogen würde, kam es gegen neun Uhr abends zu einem neuen Angriff der Soldaten, denen es schließlich gelang, die Menge zu zerstreuen.
Unterstaatssekretär Calinescu, welcher sofort nach Ploesti abgereist war, kehrte spät nachts nach Bukarest zurück, wo er zusammen mit dem Ministerpräsidenten Vaida Voevod beim König erschien um demselben über die Vorfälle in Ploesti Bericht zu erstatten.

*

Ministerrat beschließt strenge Maßnahmen
15.000 Gendarmen zu den Waffen einberufen

Bukarest, 3. Februar (Tel. des „Tag“). Der Ministerrat, der gestern unter Vorsitz Vaidas zusammengetreten ist, befaßte sich mit den Ausschreitungen in Ploesti. Nachdem Innenminister Mironescu und Unterstaatssekretär Calinescu Bericht über die Vorfälle erstattet hatten, wurden die strengsten Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung beschlossen. Der Justizminister und die anderen Juristen der Regierung haben die Gesetze geprüft, auf Grund welcher die Ruhestörer zur Verantwortung gezogen werden können.
Die Regierung wird mit aller Strenge die bestehenden Gesetze anwenden und unter keinen Umständen Vorfälle dulden, selbst wenn Repressivmaßnahmen ergriffen werden müßten.
Schließlich wurde beschlossen, ungefähr 15.000 Gendarmen zu den Waffen einzuberufen. Außerdem wurde der Kriegsminister ermächtigt, Truppen in Gebiete, wo sich Zwischenfälle ereignen könnten, den Behörden zur Verfügung zu stellen.

*

Was soll das bedeuten?
Bukarest, 3. Februar (Tel. des „Tag“). Die Bukarester Blätter publizieren ein sonderbares Kommuniqué, welches folgendermaßen lautet:
Da zahlreiche alarmierende Gerüchte verbreitet werden, teilt das Innenministerium mit, daß abgesehen von den bekannten Vorfällen sich nichts beunruhigendes im Lande ereignet hat.
Das Publikum wird aufgefordert, unkontrollierbare Nachrichten die von interessierten Agitatoren lanciert werden, nicht weiter zu verbreiten.

Diktaturabenteuer?
Bukarest, 3. Februar (Tel. des „Tag“). Die „Lupta“ schreibt: Die jüngsten Unruhen die einerseits durch die „Eiserne Garde“ in Bukarest, andererseits durch die Kommunisten in Ploesti verursacht wurden, werden von reaktionären Elementen dazu verwendet, um ein Diktaturabenteuer zu propagieren. Die Regierung hat die Aufgabe, alle Maßnahmen für die Aufrechterhaltung der Ruhe und die Befreiung des Landes von unverantwortlichen Elementen vorzunehmen.

(330205r4)


Seite 7

Spinoza lebt [S. 7, Mitte, oben, links]
in der Spinozafestschrift, die von Siegfried Hessing aus Anlaß des 300sten Geburtstages Benedict Spinozas im Verlage Carl Winter, Heidelberg, im Februar 1933 herausgegeben wird. Siegfried Hessing ist es gelungen, hervorragende Mitarbeiter zu gewinnen: I. Brucar, Bukarest: Spinoza und die Ewigkeit der Seele. Martin Buber, Heppenheim: Spinoza und die chassidische Botschaft. Fritz Droop, Mannheim: Fünf Szenen aus dem Leben Spinozas. Simon Dubnow, Berlin: Die Gestalt. Carl Gebhardt, Frankfurt: Der gotische Jude. Vasile Gherasim, Czernowitz: Die Bedeutung der Affektenlehre Spinozas. Max Grunwald, Baden-Wien: Der Lebensphilosoph Spinoza. Siegfried Hessing, Czernowitz: Erkenntnisse und Erlebnisse bei Spinoza. Jakob Klatzkin, Berlin: Der Mißverstandene. Joseph Klausner, Jerusalem: Der jüdische Charakter der Lehre Spinozas. Marc Marcianu, Czernowitz: Ein Bekenntnis. Ignacy Myslicki, Warschau: Spinoza und das Ideal des Menschen. I. Niemirower, Bukarest: Spinozaverehrung eines Nichtspinozisten. Ion Petrovici, Bukarest: Eine Spinozahuldigung. Romain Rolland, Villeneuve: Der Ichstrahl Spinozas. Carl Siegel, Graz: Der grundlegende Dualismus in Spinozas System. Nahum Sokolow, London: Der Jude Spinoza. Arnold Zweig, Berlin: Der Schriftsteller Spinoza. Albert Einstein, Berlin, Sigmund Freud, Wien und Jacob Wassermann, Altanssee haben bedeutende Aeußerungen, die eine positive Einstellung zu Spinoza verraten. Wir machen Spinozafreunde schon jetzt auf diese Neuerscheinung in der Spinozaliteratur aufmerksam, die sich dort gewiß einen rühmlichen Platz erringen wird.

(330205i7)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Baruch_Spinoza
Klaus Binder
 
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Nr. 269, Dienstag, 07.02.33

Postby Klaus Binder on 7. February 2011, 01:44

Seite 1

Ab 4. Februar 1933 [S. 1, oben, links]
Czernowitz im Belagerungszustand
Belagerungszustand verhängt über Bukarest, Czernowitz, Galatz, Jassy, Timisoara, Ploesti und Industriebezirk Prahova

Bukarest, 5. Februar (Tel. des „Tag“). Der am Samstag unter Vorsitz Vaidas zusammengetretene Ministerrat befaßte sich ausschließlich mit der Verhängung des Belagerungszustandes, sowie mit der Festsetzung der Belagerungsgebiete. Es wurde der Text redigiert, der dem König zur Unterschrift vorgelegt wurde.

Wortlaut des Dekretes
Art. 1. Das Gesetz über die Anwendung des Belagerungszustandes hat folgenden Wortlaut:

Als Belagerungsgebiete werden folgende Städte erklärt: Bukarest, Czernowitz, Galati, Jassy, Timisoara, Ploesti sowie das Industriegebiet im Bezirk Prahova.

Art. 2a) Verfügungen in den Gebieten, in denen der Belagerungszustand verhängt wurde, werden Polizei, Siguranta und Präfektur gemeinsam mit dem Divisionskommandanten nach den Instruktionen vom Innenministerium und dem Kriegsministerium erlassen.
Diese beiden Ministerien werden gemeinsame Richtlinien für die Arbeiten über die Anwendung des Belagerungszustandes ausarbeiten.

b) Personen, die sich gegen die Staatssicherheit vergehen, gegen die Bestimmungen der Verfügung oder gegen die öffentliche Ordnung, werden von der Militärstaatsanwaltschaft verfolgt. Jeder Fall muß dem Kriegsministerium und dem Innenministerium mitgeteilt werden.

c) Die Militärgerichte werden auf Grund der bestehenden Militärgesetze über alle Delikte gegen die Sicherheit des Staates, gegen die Konstitution sowie gegen die öffentliche Ordnung urteilen.

d) Auf Grund des Gesetzes vom 10. März 1864 haben die Militärbehörden das Recht, überall Hausdurchsuchungen vorzunehmen. Bis die Militärbehörden eingreifen, sind die zivilen Staatsanwälte, Bezirks- und Untersuchungsrichter berechtigt und verpflichtet, jeden ihnen zur Kenntnis gebrachten Fall zu untersuchen, sie sind aber verpflichtet, ihre Feststellungen sofort den Militärbehörden zur Kenntnis zu bringen. Auch die Akten müssen den Militärbehörden zugestellt werden.

e) Die Militärbehörden sind berechtigt, abgestrafte Personen oder solche, die ihren ständigen Wohnsitz in der Belagerungszone nicht haben, aus dem Belagerungsgebiet zu entfernen.

f) Weiters sind die Militärbehörden berechtigt, die Ablieferung der Waffen und Munition von den Bürgern zu verlangen und auch Hausdurchsuchungen nach solchen vorzunehmen.

g) Die Militärbehörden sind berechtigt, jede Publikation und Versammlung, die zu Unruhen Anlaß geben könnte, zu verbieten.

Zensur wird nicht eingesetzt
Obwohl im königlichen Dekret auch die Einführung der Zensur vorgesehen ist, hat die Regierung momentan von dieser Maßnahme abgesehen, sich aber das Recht vorbehalten im gegebenen Zeitpunkt in gewissen Städten und für gewisse Zeitungen, die die Regierung als staatsgefährlich ansehen wird, die Zensur einzuführen.
Das Dekret wurde vergangene Nacht vom König unterzeichnet und tritt mit heutigem Tage in Kraft. Die Regierung arbeitet an einem Regulament, in welchem die Durchführungsbestimmungen des Gesetzes angegeben werden.

Galatz ist konsterniert
Die Nachricht über die Verhängung des Belagerungszustandes hat in Galatz wie ein Blitz eingeschlagen. Besonders die Arbeiter sind über diese Maßnahme sehr konsterniert. Es wird erklärt, daß gerade die Nationalzaranisten, die sich immer gegen Ausnahmsmaßnahmen ausgesprochen haben, nun mit dem Belagerungszustand kommen.

Titulescu hat nichts gewußt
Außenminister Titulescu wurde von einem Journalisten über seine Eindrücke zur Verhängung des Belagerungszustandes befragt. Titulescu sagte: Ich erhielt von dieser Maßnahme erst Kenntnis, als ich den Motivenbericht zum betreffenden Gesetz gelesen habe. Vorher wußte ich nichts von dieser Absicht der Regierung. Es ist aber klar, daß ich die Handlungen meiner Ministerkollegen billige. Auf das Ausland wird diese Maßnahme keinen Eindruck machen. Es ist eine interne Angelegenheit und jeder Staat tut das seine, um die Ruhe und Ordnung sicherzustellen. Es ist besser, die Ruhe und Ordnung mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten, als den Unruhen machtlos gegenüberzustehen.

11 Uhr nachts: Kundmachung noch nicht erlassen
Bukarest, 5. Februar (Tel. des „Tag“). Um diese Stunde (11 Uhr nachts) wurde die Kundmachung über die Anwendung und Respektierung des Belagerungszustandes in der Hauptstadt und den anderen Städten noch nicht erlassen.

(330207r1)


Der Tunnel Tipala und der Flughafen von Chisinau hätten zerstört werden sollen [S. 1, unten, Mitte]
Wichtige Erklärungen eines Sowjetkuriers

Chisinau, 5. Februar (Tel. des „Tag“). In der Wohnung des früheren Steuerperceptors Ivanovici haben die Sigurantabehörden den bekannten sowjetrussischen Kurier Grubceac gestern verhaftet. Auch Ivanovici wurde verhaftet. Als sie vor das Kriegsgericht gebracht wurden, machten sie aufsehenerregende Mitteilungen.
Ueber Auftrag der G.P.U. in Odessa haben sie in Rumänien eine Reihe politischer Attentate vorbereitet. So hätte der Tunnel von Tipala, ebenso der Flughafen von Chisinau in die Luft gesprengt werden sollen. Zu diesem Zwecke haben die Sowjetbehörden in Odessa eine Million Lei zur Verfügung gestellt. Das Sprengstoffmaterial hätte aus Odessa, unter dem Titel „Manufakturwaren“, beigestellt werden sollen.
Auch drei andere Terroristen waren für Mitte dieses Monates hier erwartet, um diese Arbeiten durchführen zu helfen.
Nach Gelingen des Attentates wollte Grubceac nach Odessa abreisen, während Ivanovici weiter als Vertreter der Sowjetbehörden in Chisinau hätte verbleiben sollen. Für seine Arbeit war ihm ein Betrag von 20.000 Dollar zugesichert.

(330207r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Belagerungszustand [S. 2, oben, links]
Es gruselt ein bißchen, man bekommt gleich die Gänsehaut, wenn man das Wort Belagerungszustand hört, denn schon das Wort Belagerung allein für sich wirkt erschütternd. Wer wird belagert und warum werden wir belagert? Diese Fragen durchkreuzen heute das Gehirn eines jeden Bürgers.

Die Stadt Czernowitz erhält nicht zum ersten Mal den Belagerungszustand. Allerdings aus den Friedenstagen her kannte man den Begriff Belagerungszustand nur aus Berichten über Revolutionen in Rußland oder Südamerika. Diese Stadt hatte ihn kaum erlebt. Dann, im Kriege, änderte sich schnell das Bild. An der Front und innerhalb der Front gelegen, war die Stadt während der ganzen Kriegszeit im Stadium des Belagerungszustandes. Je nach dem, wo die Frontlinie war, nach diesem Schlüssel richtete sich der Grad des Belagerungszustandes.

Es gab einen Belagerungszustand, daß man von 7 Uhr abends bis 7 Uhr früh das Haus nicht verlassen durfte; Wohnungen durften nicht beleuchtet sein; um einen Weg zu einem Arzt zu machen, mußte man die Bewilligung des Stationskommandos haben; für die Zeitungen gab es Präventivzensur, die Bürstenabzüge mußten der militärischen Kontrolle vorgelegt werden, bevor das Blatt gedruckt wurde. Auch nach dem Kriege blieb Czernowitz im Belagerungszustand, gemildert durch eine Reihe von Bestimmungen. Die Freiheit, sich auf den Straßen zu bewegen, war wieder hergestellt (es gab Bestimmungen, die es verboten, daß drei Personen gleichzeitig auf der Straße stehen blieben und sich unterhielten), man konnte mit einem „Passierschein“ bis früh ausbleiben, die Vergnügungslokale waren verzweifelt, der Verkehr vom Lande gedrosselt, der Handel lahmgelegt.

Es gab also mannigfache Nuancen in Unzahl. Belagerungszustand ist eben nicht Belagerungszustand, sondern man muß wissen, welche Formen für heute der Belagerungszustand diktiert. Darum soll man die Kundmachung auch genau lesen. Und da erfährt man zunächst, daß die höchste staatliche Gewalt in den Händen des Generals liegt, nicht mehr also bei den Zivilautoritäten.

Darin liegen eben die wesentlichen Merkmale: das Zivil ist dem Militär unterstellt, auch in der Gerichtsbarkeit.

Militär ist eine sehr hübsche Sache, eine Staatsnotwendigkeit, aber der Zivilist wünscht, daß das Militär bei seiner eigentlichen Aufgabe bleibt: dem Schutze der Grenzen. Wenn es für den inneren Frieden herangezogen wird, dann oh ha!!, es ist schief mit der Ordnung, die Zivilautorität hat versagt, der Militär tritt an seine Stelle.
Wir möchten aber am liebsten zivil unter uns bleiben.
Darum mundet der Stadt keineswegs der Belagerungszustand.
Spitz

(330207c2)


Todesfälle [S. 2, unten, links]
Der Beamte der jüdischen Gemeinde Herr Adolf Grauer der sich in weitesten Kreisen größter Wertschätzung erfreute, ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Der Verschiedene hinterläßt eine Witwe und drei Söhne, von denen einer als Arzt in Frankreich tätig ist. Das Leichenbegängnis fand gestern nachmittags statt. - Samstag mittags erlitt der in der Herrengasse wohnhafte 40 jährige Schloßermeister Zimmet in der Schulgasse einen Herzschlag und konnte nicht mehr ins Bewußtsein zurückgerufen werden. Das Leichenbegängnis fand gestern statt. - Gestern starb hier Frau Rebekka Thaler, geb. Koppelmann, 86 Jahre alt, nach kurzem Leiden. Das Leichenbegängnis findet heute, um 2 Uhr nachmittags statt.

(330207t2)


Seite 3

Hitlermann erdolcht Frau [S. 3, oben, links]
Eine Schriftstellerin lebensgefährlich verletzt

Wien, 5. Februar (Tel. des „Tag“). Auf die bekannte Schriftstellerin Rosa Meller, die in allen Zentren Europas mit ihren Theaterstücken unter dem Pseudonym „Mahr“ großen Erfolg hatte, wurde gestern ein Attentat verübt. Rosa Meller ist Medizinerin und war gerade im Arbeiterheim im medizinischen bakteriologischen Institut beschäftigt, als ihr plötzlich hinterrücks einige Messerstiche versetzt wurden, sodaß sie blutüberstömt zusammenbrach. Der Täter, ein ungefähr 25-jähriger Mann, versetze ihr die Messerstiche mit den Worten: Ich komme aus dem grauen Haus. (Zentralorganisation der Hitlerpartei in Wien).
Der Täter ist geflüchtet, ohne eine Spur hinterlassen zu haben.
_____
• Über Rose Meller ist nicht viel zu finden: „Ausnahmen bildeten 1932 die Eröffnungspremiere Die Weiber von Zoinsdorf von Rose Meller. . .“de.wikipedia.org
http://www.fandango.com/envoltam_v235556/summary



Studentenbarrikaden in der Universität [S. 3, links, Mitte]
Schließung der Rechtsfakultät in Bukarest

Bukarest, 5. Februar. Der seit einigen Tagen unterbrochene Streik der Studenten der Rechtsfakultät wurde Freitag vormittag wieder aufgenommen.
Die Streikenden verbarrikadierten die Hörsäle, so daß die darin befindlichen Studenten samt ihren Professoren nicht weggehen konnten, anderseits wurde die zum „Ersatz“ herbeigerufene Gendarmerie mit Tränengasphiolen vertrieben. Ein Teil der Studenten begab sich auf das Dach, von wo aus die Gendarmen mit Schneebällen usw. beworfen wurden.
Die Bemühungen des Dekans der Rechtsfakultät Basilescu, mit den Studenten zu verhandeln, scheiterten, erst der Rektor der Universität Prof. Gheorghiu konnte spät abends die streikenden Studenten überreden, in Ruhe auseinanderzugehen. Er versicherte ihnen, daß ihre Forderungen voll und ganz erfüllt werden.
Die Rechtsfakultät ist der studentischen Unruhen wegen mit Genehmigung des Unterrichtsministers auf die Dauer von einem Monat geschlossen worden.

(330207r3)


[S. 3, oben, Mitte, rechts]
Berlin, (Tel. des „Tag“). Am 18. Februar findet hier der Kongreß über die Freiheit des Wortes, Versammlungs- sowie Pressefreiheit statt. U. a. werden Professor Einstein, Thomas Mann sowie sein Bruder Heinrich Mann referieren.

(330207w3)


Seite 4

Weshalb der Belagerungszustand verhängt wurde [S. 4, oben, links]
Moskau beschloß, im März 1933 in Rumänien eine Revolution zu entfesseln

Bukarest, 5. Februar (Tel. des „Tag“). Gelegentlich der Abstimmung über das Gesetz für die Einführung des Belagerungszustandes herrschte im Parlament und bei den einzelnen Parteien natürlich Hochbetrieb. Da die Regierung nicht sicher war, ob sie eine Mehrheit für dieses Projekt erreichen würde, wurden vorher die nationalzaranistischen Parlamentarier zu einer Beratung einberufen, die einen recht stürmischen Verlauf nahm. Mihalache der in Abwesenheit Manius Parteichef ist, konnte auf keinen Fall bewogen werden, an dieser Beratung und an der Parlamentssitzung teilzunehmen. Minister für Beßarabien Pan Halipa gab seine Demission, für den Fall, daß der Belagerungszustand in Beßarabien eingeführt werden sollte. Ebenso erklärten die beßarabischen Parlamentarier und auch andere, gegen das Projekt zu stimmen.
Unterstaatssekretär des Innenministeriums Calinescu gab daraufhin die Gründe bekannt, weshalb sich die Regierung gezwungen sehe, den Belagerungszustand einzuführen.

Im Jänner 1932 wurde beim kommunistischen Kongreß in Moskau eine Resolution gefaßt, derzufolge für den März 1933 die Revolution in Rumänien festgesetzt wurde.
Dem Geheimdienste der rumänischen Regierung gelang es auch, den genauen Aktionsplan der Kommunisten zu erfahren. Dieser sieht vor 1. Eindringen kommunistischer Elemente in die Arbeitersyndikate und Verdrängung der Sozialdemokraten. 2. Infiltrierung der Behörden durch Kommunisten. 3. Massenbewegungen von Kommunisten in Fabriksarbeiterkreisen. 4. Proklamierung von Streiks.

Diese Punkte sind nun fast zur Gänze erfüllt worden. Die Sozialdemokraten sind von der Führung der Arbeiter verdrängt, die Behörden von Kommunisten verseucht, (siehe Zentralpostamt Bukarest) ueberall kommt es zu Streiks, die von Kommunisten organisiert werden. Aus diesem Grunde muß die Regierung mit einer Präventivmaßnahme kommen, um später viel Blutvergießen zu verhüten.

Nach diesen Ausführungen, und nachdem noch Ministerpräsident Vaida Voevod und die Minister Madgearu, Mirto, Hatziegan, Costachescu u. a. gesprochen hatten, wurde beschlossen, für das Gesetz zu stimmen.

Im Parlamente fand nun die Abstimmung über das Projekt statt, nachdem alle Parteiführer dazu Stellung genommen hatten. In der Kammer stimmten 202 für und 43 dagegen, im Senat stimmten 111 für und 1 gegen das Projekt. Den Parteien und Gruppen nach stimmten dafür: Nationalzaranisten, Jungliberale, Averescaner, Gogisten, Cuzisten, und die Deutschen, dagegen: Lupisten, Sozialdemokraten, Ungarn, Juden, Ukrainer, Junianisten, Eiserne Garde und einzelne Nationalzaranisten. Die Duca-Liberalen enthielten sich der Stimmenabgabe.
Das angenommene Gesetz, wurde sofort vom König unterzeichnet und in die Druckerei des „Monitorul Oficial“ getragen, wo es noch in der Nacht in einer Spezialausgabe gedruckt und so schon am nächsten Tag promulgiert wurde.
Minister Pan Halipa hat seine Demission zurückgezogen, da über Beßarabien der Belagerungszustand nicht verhängt wurde.

(330207r4)


Hitler verzichtet auf Gehalt [S. 4, unten, rechts]
Wie in offiziellen Kreisen verlautet, hat Hitler auf sein Gehalt als Reichskanzler mit der Begründung verzichtet, daß er sein Auskommen durch seine schriftstellerische Tätigkeit verdiene.


Verbot des „Vorwärts“ [S. 4, unten, rechts]
Berlin, 5. Februar (Tel. des „Tag“). Der sozialdemokratische „Vorwärts“ wurde für drei Tage verboten.

(330207w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 270, Mittwoch, 08.02.33

Postby Klaus Binder on 7. February 2011, 20:09

Seite 2

Katastrophales Prüfungsergebnis in der Präfektur und Gemeinde [S. 2, oben, links]
Nun Prüfungen auch in der Finanzadministration

Die Beamtenprüfungen in der Präfektur und der Primaria sind beendet. Das offizielle Prüfungsresultat wird morgen bekanntgegeben werden. Wie es heißt, sind bei den Prüfungen in der Präfektur 15, in der Gemeinde 17 Diurnisten und Beamte durchgefallen. Das Gesetz sieht ausdrücklich vor, daß diejenigen Beamten, die die Prüfungen nicht bestehen, aus dem Dienst zu entlassen sind. Es verlautet aber, daß in der Stadtgemeinde Bürgermeister Dr. Saveanu für eine andere Verwendung der durchgefallenen Beamten sorgen wird, während in der Präfektur Generaladministrativinspektor Crudu seinen Einfluß dahin geltend machen wird, daß den Beamten, die so viele Jahre im Dienste des Staates stehen, kein Unrecht geschehe.
Nachdem diese Prüfungen bereits beendet sind, kommt aus Bukarest eine neue Verfügung. Finanzadministrator Ciolan, der mehrere Tage in der Hauptstadt weilte, ist am Samstag hier eingetroffen und teilte einem Redakteur des „Tag“ mit, daß das Finanzministerium auch für die Beamten der Finanzadministration, die bis heute eine Prüfung nicht abgelegt haben, eine solche vorschreibt.
Auch hier werden die gleichen Gegenstände geprüft, wie in der Gemeinde und in der Präfektur. Die Prüfungskommission besteht aus dem Finanzinspektor, dem Finanzadministrator, sowie dem Subadministrator. Der Prüfung in der Finanzadministration müssen sich 24 Beamte unterziehen. Der Prüfungstermin ist schon für die nächsten Tage angesetzt, sodaß den Beamten nicht Zeit bleibt, sich vorzubereiten.

(330208r2)


Das Urteil gegen die 41 Kommunisten [S. 2, oben, rechts]
Vor einem aus OLGR. Bibring als Vorsitzendem, Präsident Paltisteanu als Beisitzer und Staatsanwalt Grigoriu bestehenden Senat gelangte gestern das Urteil im Prozeß gegen die jugendlichen Textilarbeiter, von denen 12 flüchtig sind, zur Verkündung. Es wurden verurteilt: Nachman Weinschenker und Rudolf Kula zu je 4 Monaten, 1000 Lei Strafe und Ehrverlust für die Dauer von 3 Jahren; Jonas Brachfeld zu 3 1/2 Monaten, 600 Lei Strafe und 3 Jahren Ehrverlust; Manfred Alpern zu 3 Monaten, 500 Lei Strafe und 3 Jahren Ehrverlust; Mania Spiwak, Chaim Rainer, Franz Przybila, Lisa Weizmann, Sigmund Buchbinder, Beile Heß, Sabine Schulmann zu je 1 Monat schweren Kerkers; Ester Lipecka, Ella Wolloch, Pepi Woll, Perl Schiroka, Cilli Rosenberg, Nikolaus Maniawski, Sali Reiner, Cilli Binder, Sali Pesate, Berta Sucher, Moses Teicher und Sima Koifmann zu je 10 Tagen; Hanna Bucharecka, Arnold Hellring und Honora Schuster wurden freigesprochen.
Allen Angeklagten wurde die Untersuchungshaft in die Strafe eingerechnet. Die Anklage stützte sich darauf, daß die Verurteilten Mitglieder der „Roten Hilfe“ („Mopr“) sind, für welche sie neue Mitglieder geworben und Sammlungen angeregt haben. Manfred Alpern soll überdies von Brachfeld verfaßte Manifeste zur Verteilung gebracht haben.

(330208c2)


Seite 3

Dr. Wolfgang von Weisl in der Bukowina [S. 3, oben, links]
Das Programm des Besuches

Mittwoch, den 8. Februar, 7 Uhr früh, trifft Dr. Wolfgang von Weisl als Gast des Revisionistischen Studentenklubs in Czernowitz ein. Er wird am Bahnhof von der Czernowitzer Presse und seinen revisionistischen Freunden und Anhängern empfangen.
Um halb 12 Uhr vorm. findet im Präsidialzimmer der Jüd. Gemeinde ein Empfang zu Ehren Dr. von Weisls statt.
Um 5 Uhr nachmittags empfängt Dr. von Weisl in der Halle des „Schwarzen Adler“ die Vertreter der Presse.
Um halb 9 Uhr abends findet in der Toynbeehalle der erste Vortrag statt. Thema: „Der Untergang des Judentums und sein Aufstieg“.

Donnerstag, den 9. Februar, vormittags wird Dr. von Weisl die jüdischen Kultur- und Wohlfahrtsinstitutionen unserer Stadt besichtigen.
Um halb 4 Uhr nachm. wird Dr. v. Weisl dem hebräischen Landesschulverband „Safah Joriah“ einen Besuch abstatten.
Um 5 Uhr nachm. besucht Dr. v. Weisl die zion. revisionistischen Jugendverbände und wird bei dieser Gelegenheit in näheren Kontakt mit den Führern der einzelnen Gruppen treten.
Um halb 9 Uhr abends spricht Dr. v. Weisl in der Toynbeehalle über das Thema: „Meine Abenteuer in Persien und Kurdistan“ mit Lichtbildern.

Freitag, den 10. Februar, 8 Uhr abends findet im Festsaale des jüd. Studentenheimes eine Studentenversammlung statt, bei welcher Dr. v. Weisl über „die Rolle des jüdischen Studententums im erneuerten Zionismus“ sprechen wird.
Um halb 10 Uhr abends findet in der Halle des „Schwarzen Adler“ ein von der J. R. A. B. Hasmonaea zu Ehren Dr. Wolfgang von Weisls veranstalteter Festkommers statt.

Samstag, den 11. Februar, um halb 7 Uhr abends spricht Dr. v. Weisl in Storojinetz im Saale des „Deutschen Hauses“ über das Thema: „Marxismus oder Zionismus“.
Um halb 10 Uhr abends geben die leitenden Journalisten der Tageszeitungen in Czernowitz, in der Halle des „Schwarzen Adler“ einen Festabend zu Ehren ihres prominenten Kollegen Dr. Wolfgang von Weisl. (Mit dem Versand der Einladungen zu dieser Veranstaltung wurde bereits begonnen).

Sonntag, den 12. Februar, begibt sich Dr. von Weisl in die Provinz und wird an diesem Tage die Städte Sereth und Suceava besuchen. In Sereth spricht Dr. v. Weisl um halb 4 Uhr nachm. im “Bierpalast“ über das Thema: „Orientpolitik und Judenstaat“. In Suceava spricht Dr. von Weisl über das höchstinteressante Thema: „Vor dem neuen Weltkrieg und die Rolle des Zionismus“.
Das Programm für Montag und Dienstag wird rechtzeitig in den Tagesblättern bekanntgegeben werden.
Karten zu den Vorträgen in Czernowitz sind erhältlich in der Konzertdirektion „Carmen Sylva“ Herreng. 22.

(330208i3)
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diepresse.com


Seite 4

Jugoslawien Föderativstaat? [S. 4, oben, links]
Opposition anerkennt nicht die Konstitution

Belgrad, 6. November (Tel. des „Tag“). Größtes Aufsehen erregte hier die Veröffentlichung eines offenen Briefes seitens des Präsidenten der serbisch-demokratischen Partei L. Davidovici, eines Mannes, der bereits dreimal Ministerpräsident war und sich größten Ansehens in Serbien erfreut. Davidovici verlangt in seinem Schreiben die sofortige Beseitigung der Diktatur, die Auflösung des gegenwärtigen Pseudoparlamentes und die Abschaffung der Konstitution, die im Jahre 1931 gegen den Willen des Volkes zwangsweise eingeführt wurde.
Am sensationellsten jedoch wirkt die Forderung nach Schaffung eines Föderationsstaates mit weitgehendster Autonomie für die Provinzen. Es sollen vier große Verwaltungszentren geschaffen werden. Zwischen Serbien und Kroatien soll eine Pufferprovinz, und zwar Bosnien, geschaffen werden, um die ständigen Reibungen zwischen Serben, Kroaten und Slowenen zu mildern.
Zwecks Durchführung dieses Planes soll die gegenwärtige Regierung abtreten und der Opposition Platz machen, die dann freie Wahlen durchzuführen hätte. Auf keinen Fall könne die Opposition die gegenwärtige Konstitution und Verwaltungseinteilung des Landes anerkennen.
In politischen Kreisen erwartet man fieberhaft die Wirkung dieses mutigen Schrittes auf den König und die Regierung.

*

Auch Macsek für Autonomie!
Ein Interview Macseks, des gegenwärtig internierten Kroatenführers

Die serbische „Prawda“ veröffentlicht in großer Aufmachung ein Interview Macseks mit einem Vertreter des „Petit Parisien“, offenbar um die Internierung Macseks damit zu begründen. Der Eindruck, den man aus dieser Unterredung gewinnt, ist jedoch, daß Macsek durchaus verständliche Forderungen zum Ausdruck gebracht hat, die nicht einmal den Bestand Jugoslawiens gefährden würden, sondern bloß eine Föderalisierung der Verfassung anstrebten. Die „juristische [juridische] und tatsächliche Freiheit“ ist das Ziel, das Macsek nach seinen klaren und eindeutigen Erklärungen erreichen will. Und gerade wegen dieser Forderung ist er von der Diktatur interniert worden. Macsek hatten dem französischen Journalisten erklärt, daß die Kroaten Herren in ihrem eigenen Hause sein wollen, und daß sie hofften, alle Serben würden mit ihren Beamten und Soldaten sich auf ihr Gebiet zurückziehen. Dieses Gebiet wurde durch die drei Flüsse Drina, Save und Donau begrenzt.
Die Kroaten wollten innerhalb der Grenzen des südslawischen Staates [Wort fehlt?] und wünschten aus wirtschaftlichen Gründen nicht die Errichtung neuer Zollmauern, aber sie seien auch entschlossen, die juridische und tatsächliche Freiheit zu erreichen. Sie wollen nicht alles Bestehende zerschlagen, sondern hätten die Möglichkeiten für eine Verständigung offen gelassen.
Auf den Einwand, ob sie nicht die Freiheit durch eine gewisse Verselbständigung der derzeitigen Verwaltungseinheiten erlangen könnten, erwiderte Macsek sehr erregt:
- Ausgeschlossen! Vollkommen ausgeschlossen! Wer würde uns die Haltbarkeit der serbischen Zugeständnisse gewährleisten? Die Serben würden uns, sobald sich das Volk halbwegs beruhigt hätte, mit der linken Hand wieder alles nehmen, was sie uns mit der rechten gegeben haben. Wir aber wollen keine Freiheit, wie sie Algier unter Frankreich, Aegypten unter England genießt.
Mit der Faust jedesmal auf den Tisch schlagend, rief Macsek aus:
Slowenien für sich! Kroatien für sich! Bosnien für sich! und Serbien für sich!
Auch eine gemeinsame Armee lehnte Macsek ab.
Die Pariser Blätter stellten auf Grund eines Berichtes des Belgrader Korrespondenten des Havas-Bureaus fest, daß in Jugoslawien die Führer der ehemaligen politischen Parteien, die außerhalb der altserbischen Parteien stehen, gegenwärtig insgesamt entweder im Gefängnis sitzen, oder aber zwangsverschickt sind.
Diese Meldung kann um so mehr Interesse beanspruchen, als sie vom Korrespondenten der offiziellen Havas-Agentur stammt; es scheint also, daß es allmählich selbst der offiziellen französischen Politik gegen den Strich geht, die Gewaltakte der serbischen Diktatur zu decken.

(330208w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 271, Donnerstag, 09.02.33

Postby Klaus Binder on 8. February 2011, 05:47

Seite 1

Bestimmungen für Czernowitz [S. 1, links, Mitte]
Morgen wird die Kundmachung erlassen

Wie wir erfahren, hat das Divisionskommando bereits Instruktionen über die Bestimmungen des Belagerungszustandes für die Stadt Czernowitz erhalten. General Jacob arbeitet bereits an der Redigierung der Kundmachung, die heute oder spätestens morgen erlassen werden soll.
Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Rückkehr des Präfekten Jacoban, ebenso des Generalinspektors der Siguranza Anghelescu, der noch seit voriger Woche in der Hauptstadt weilt, erwartet, um noch in einer gemeinsamen Besprechung alle Richtlinien für die Durchführungsverordnung des Belagerungszustandes festzusetzen.

Welche Bestimmungen gelten für unsere Stadt?
Ueber den Inhalt der Kundmachung betreffend die Verhängung des Belagerungszustandes über Czernowitz konnten wir erfahren:

1. Alle Lokale müssen um 10 Uhr abends sperren. (Wie wir hiezu erfahren, werden spezielle Bewilligungen für eine spätere Sperre erteilt).

2. Ansammlungen von mehr als fünf Personen sind verboten.

3. Das Tragen von Uniformen, wie diese der Wach- und Schließgesellschaft ec., ist untersagt.

4. Kinos müssen um 12 Uhr nachts schließen.

5. Binnen 24 Stunden müssen alle Waffen abgeliefert werden. Besitzer von Waffenpässen müssen diese beim Platzkommando vidieren.

6. Versammlungen jedweder Art müssen beim Platzkommando angemeldet werden.

7. Jede erwachsene Person muß einen Identitätsschein bei sich haben, der vom Platzkommando vidiert sein muß.

8. Den Militärbehörden steht das Recht zu, Hausdurchsuchungen vorzunehmen, auch Razzien zu veranstalten.

9. Der Nachtverkehr auf den Straßen ist frei, jedoch steht es den Militärbehörden frei, jeden zur Ausweisleistung aufzufordern.

10. Das Militärgericht wird beim Platzkommando etabliert. Schwere Delikte sollen dem Kriegsgericht in Jassy überwiesen werden.

(330209c1)


Die Sensation des Tages [S. 1, rechts, Mitte]
Roosevelts Plan
zur Bekämpfung der Weltkrise

Washington, 7. Februar (Tel. des „Tag“). Grösste Sensation erregt hier das Bekanntwerden eines Planes zur Bekämpfung der Weltkrise, welcher vom neugewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten Roosevelt zusammen mit dem Senator Hull ausgearbeitet wurde. Dieser Plan sieht eine starke Senkung der Zollgrenzen aller Länder der Welt und eine Stabilisierung auf gesunder und verlässlicher Basis aller Valuten vor. Dieser Senkung der Zölle und Stabilisierung der Valuten soll ein allgemeines Moratorium für unbestimmte Zeit vorausgehen.
Wie verlautet wird Präsident Roosevelt diesen Plan der Weltwirtschaftskonferenz zur Begutachtung vorlegen. Interessant ist, dass Amerika sich erst dann bereit erklären würde einer Revision der internationalen Kriegsschulden zuzustimmen, wenn dieser Plan von allen Ländern akzeptiert und angewendet werden sollte. Für die Realisierung und Durchführung dieses Planes ist ein Zeitraum von mehreren Jahren vorgesehen.

(330209w1)


Seite 2

Tödlicher Sturz in den Brunnen [S. 2, Mitten, unten, links]
Die in der Lerchengasse 8 wohnhafte Frau Frieda Hofer ging in den Hof eines benachbarten Hauses, in dem sich ein Ziehbrunnen befindet, um Wasser zu holen. Da der Hof im Umkreise des Brunnens gefroren war, glitt sie aus und stürzte in den Brunnen, aus dem sie tot herausgeholt wurde.

(330209t2)


Seite 3

Todesfall [S. 3, links, Mitte]
Im 59. Lebensjahre starb hier nach kurzem Leiden Frau Susi Rosenrauch, geborene Gottlieb, und wurde am 6. d. zu Grabe getragen. Die Verblichene war eine treue Gattin und fürsorgliche Mutter und übte dabei im Stillen viel Gutes. Welcher Beliebtheit sie sich bei allen, die sie kannten, erfreute, erwies am besten die zahlreiche Trauergemeinde, die trotz schlechtester Witterung erschienen war, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

(330209t3)


Seite 4

„Das Land in Gefahr!“ [S. 4, oben, links]
Die Proklamation der Regierung an das Volk

Bukarest, 6. Februar (Tel. des „Tag“). Die von der Regierung an das Land erlassene Proklamation hat folgenden Wortlaut:

Rumänen! Eine große Gefahr bedroht unser Land. Es wird versucht, durch Anarchie und Gewalttätigkeit das Land zu zerstören. Geheime Kommunistenorganisationen arbeiten auf eine Umwälzung hin. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde mit der Arbeit in einigen Regionen bereits begonnen. Auch andere Elemente unterstützen diese Bewegung, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, daß dadurch die Grundfesten des Staates erschüttert werden.

Um dem entgegenzuwirken, hat die Regierung vom Parlamente die Ermächtigung erhalten, in einigen Regionen den Belagerungszustand zu verhängen, um nicht zu außerordentlichen Maßnahmen greifen zu müßen.

Kein Anlaß zur Beunruhigung
Die Verhängung des Belagerungszustandes kann keinerlei Anlaß zur Beunruhigung für die friedlichen Bürger des Landes geben. Es soll dadurch nur ein Damm den unehrlichen Elementen gelegt werden. Dadurch soll die versuchte Zerstörung des Landes verhindert werden. Nur so wird es den Organen möglich sein, alle Macht der Gesetze auszuüben. Als Beispiel werden die vierzehn Millionen gutgesinnter Bürger, unter ihnen die Bauern, hingestellt, die im Vertrauen zur Krone, zur Regierung und zum Parlament, ihrer Beschäftigung in friedlicher Weise nachgehen.

Wir wollen nur Ruhe
Wir verlangen Ruhe sowohl von den Eisenbahnarbeitern als auch von allen anderen Arbeitern in den Industriegebieten. Die Arbeiter hatten gerade in den letzten Tagen die guten Absichten der Regierung feststellen können, da ihre Forderungen zum großen Teil erfüllt wurden. Alle von der Arbeiterschaft ausgehenden Anregungen werden von der Regierung genau geprüft und berücksichtigt werden. Ungerechte Forderungen aber, die unehrlichen Zwecken dienen und von Provokateuren inspiriert werden, können von der Regierung nicht berücksichtigt werden.

Für die Beamten
Von den Beamten aller Kategorien verlangen wir gleichfalls Ruhe. Angesichts der schweren Krise war die Regierung gezwungen, die Gehälter zu reduzieren, es wurde also den Beamten ein Opfer im Interesse des Staates auferlegt. Vorschläge von Beamten wird die Regierung prüfen, Drohungen aber oder anarchische Akte seitens der Beamten kann und wird die Regierung nicht dulden.

Für die Studenten
Auch an die Studenten wird der Appell gerichtet, Ruhe zu bewahren. Der Staat tut alles mögliche, um die Universitäten und höheren Schulen zu erhalten und so das Studium zu ermöglichen. Der Staat verlangt aber, daß die Studenten auch Eifer für das Studium an den Tag legen. Rumänien wird die Feinde nur bekämpfen können, wenn die künftige Generation kulturell ausgebildet ist. Es kann den Studenten, wenn sie volljährig sind, nicht verboten werden, Politik zu machen, die Universitäten jedoch sind Studientempel, aber nicht Sammelpunkte für politische Unruhen.

Die Presse
Auch von der Presse verlangt die Regierung Ruhe. Der Zweck und die große Bedeutung der Presse wird von jedem anerkannt. Sie ist der Wegweiser für gewisse Strömungen, sie veranlaßt gewisse Bewegungen, macht Anregungen und gibt so dem Volke eine politische Richtung. Sie ist auch der große Zivilisationsvermittler für die Volksmassen, so daß die Unterstützung der Presse für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung sehr notwendig ist. Wenn aber die Presse die Leidenschaften wachrüttelt, wird eine ungesunde Atmosphäre geschaffen und Unruhe gestiftet. Wenn auch zugegeben werden muß, daß die Presse immer ihre Pflicht erfüllt hat, so wurde in der letzten Zeit doch festgestellt, da einige Zeitungen von ihrem bisherigen Prinzip abgewichen sind. Wir bitten und verlangen, daß das aufhört. Wir beabsichtigen nicht, irgend welche Maßnahmen gegen die Presse zu ergreifen. Im Interesse des Landes aber verlangen wir in dieser schweren Zeit mehr Verständnis. Besonders soll die Presse Unruhen nicht unterstützen. Die Regierung will es vermeiden, vom Recht, welches ihr der Belagerungszustand gewährt, Gebrauch zu machen.

Zum Schluß richtet sich der Appell an Alle mit der Bitte, sich von allen Unruhen fernzuhalten und die Regierung in ihren Bestrebungen, eine reine Atmosphäre zu schaffen, zu unterstützen. Die Regierung wird mit allen Mitteln zu diesem Resultat gelangen müssen.

Der Appell ist vom Ministerpräsidenten Vaida-Voevod, vom Vizepräsidenten des Ministerrates und Innenministers Mironescu, vom Justizminister Popovici und vom Kriegsminister, General Samfonovici unterzeichnet.

(330209r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 272, Freitag, 10.02.33

Postby Klaus Binder on 10. February 2011, 01:15

Seite 1

Hitler knebelt die Presse [S. 1, links, Mitte]
Berlin, 8. Februar (Tel. des „Tag“). Reichskanzler Hitler empfing heute die Pressevertreter und bedauerte, daß er zur Aufrechterhaltung der Ruhe Ausnahmemaßnahmen zur Beschränkung der Pressefreiheit ergreifen mußte. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen wies Reichskanzler Hitler auf das Programm der nationalen Regierung hin und sagte, daß es in zehn Jahren in Deutschland keinen Marxismus mehr geben wird. Zum Schlusse betonte der Reichskanzler, daß er nicht früher vom Schauplatz abtreten wird, als bis er zur Ueberzeugung gelangt, daß er seine Mission erfüllt habe.

(330210w1)


Kleinkrieg in Deutschland dauert fort [S. 1, unten, links]
Berlin, 8. Februar (Tel. des „Tag“). Wieder ist heute das Gerücht aufgetaucht, daß die Regierung Hitler die kommunistische Partei für die Dauer der Wahlen aufzulösen gedenkt. In diesem Falle würde die kommunistische Kandidatenliste gestrichen werden. Der definitive Beschluß wird für morgen erwartet.

Braun wird angeklagt
Die nationalsozialistischen Zeitungen melden, daß die Regierung gegen den durch die Notverordnung abgesetzten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Braun und den Innenminister Severing die Strafanzeige erstatten will, weil sie sich gegen die bestehenden Gesetze vergangen haben.

Neue blutige Zwischenfälle
Inzwischen dauern die Zusammenstöße zwischen den Nationalsozialisten und Kommunisten fort.
In Hamburg wurde ein Nationalsozialist getötet. In Duisburg wurden ein Nationalsozialist getötet und sechs verletzt. In Gladbach wurden zwei Polizeioffiziere schwer verletzt. In Pormengen wurde ein Nazimann von einem Kommunisten ermordet. In Charlottenburg wurde ein Arbeiter von einem Nationalsozialisten getötet.

Hugenberg will demissionieren
Das provisorische Übereinkommen zwischen den Nationalsozialisten und den Deutschnationalen scheint nicht dauerhafter Natur zu sein. Schon bei der Auflösung des Reichstages ergaben sich zwischen diesen beiden Parteien Meinungsverschiedenheiten. Der Wahlerfolg, den sich die Nationalsozialisten nun versprechen, soll auf Kosten der Deutschnationalen errungen werden. Auch die konservativen Kreise sprechen bereits von einer Enttäuschung durch die „Nationale Union“, Hugenberg hat die Absicht, aus der Regierung zu scheiden.

*

Wahlvorbereitungen
Wahlkartell Sozialdemokraten - Demokraten

Berlin, 8. Februar (Tel. des „Tag“). Die Parteiausschüsse der sozialdemokratischen und der Deutschen Staatspartei haben ein technisches Wahlabkommen für die Reichstags- und die Preußischen Landtagswahlen abgeschlossen.
Es heißt, daß Vizekanzler Papen eine gemeinsame Liste aller der Regierung angehörenden Parteigruppen ohne die Nationalsozialisten für die Reichstagswahlen aufstellen wird. In diesem Falle rechnet Papen 75 Mandate zu erlangen. Die Nationalsozialisten werden in allen Wahlkreisen eigene Listen aufstellen.

(330210w1)


Naziattentat gegen ein Zeitungsunternehmen [S. 1, Mitte]
Berlin, 8. Februar (Tel. des „Tag“). In die Geschäftsstelle einer gegen die Nationalsozialisten gerichteten Zeitung drangen heute acht bewaffnete Männer ein, fesselten das Personal und entkamen dann, nachdem sie Akten und Schriftstücke mitgenommen haben. Von den Tätern fehlt jede Spur.

(330210w1)


Die Nazis fordern Großbanken-Verstaatlichung [S. 1, Mitte]
Berlin, 8. Februar (Tel. des „Tag“). Der Bayerische Landtag nahm heute einen nationalsozialistischen Antrag auf Verstaatlichung der Großbanken an.

(330210w1)


Seite 3

Der Belagerungszustand [S. 3, oben, Mitte]
Presseempfang beim Divisionsgeneral Jacob

Für gestern 12 Uhr mittags war die Presse zum Divisionsgeneral eingeladen, um ihr die Verhängung des Belagerungszustandes über das Gebiet Czernowitz offiziell zur Kenntnis zu bringen und damit in Zusammenhang einige Aufklärungen zu geben.

An der Enquete nahmen der Generalstabschef, Oberstleutnant Nicolau, Major Gallin sowie der königliche Kommissar, Major George Grocholski teil.

Der General sagte: Ueber Auftrag des Kriegs- und Innenministeriums bringe ich die Verhängung des Belagerungszustandes über die Stadt Czernowitz, die Vorstädte und die umliegenden Gebiete Sadagura, Neu-Zuczka, Rohozna, Lencouti und Alt-Zuczka (das ist also mehr als die zwei Kilometer-Zone), zur Kenntnis. Für die periodischen Zeitschriften, Zeitungen und Tageszeitungen werden keine besonderen Maßnahmen ergriffen, jedoch werden die Herausgeber der Zeitungen und die Autoren für Artikel, die sich gegen den Staat richten, zu Unruhen aufhetzen oder alarmierende Nachrichten verbreiten, persönlich verantwortlich gemacht.

Auf die Frage, wann die Kundmachung affichiert wird, antwortete Divisionsgeneral Jacob:
Auf Grund der allgemeinen, vom Ministerrat beschlossenen Verfügung ist der Belagerungszustand am 6. d. in Kraft getreten. Die Kundmachung über die speziellen Bestimmungen für die Stadt Czernowitz wurde bereits redigiert und an das Kriegsministerium zur Approbation eingeschickt. Morgen soll die Kundmachung hier wieder eintreffen und sofort affichiert werden.

Auf eine weitere Frage, ob für Kaffeehäuser oder Nachtlokale irgend welche Beschränkungen betreffend der Sperrstunden beschlossen wurden, sagte der General:

Für diese Lokale gelten die gleichen Sperrvorschriften wie bis heute. (also nicht die ursprünglich projektierte Zehnuhrsperre).

Der General teilte weiters mit, daß für Versammlungen oder Veranstaltungen spezielle Bewilligungen vom Platzkommando einzuholen sind.
Weiters ersuchte der General, die Zeitungsverleger sollen dafür Sorge tragen, daß die Zeitungsverkäufer nicht sensationelle Titel ausschreien, sondern sich lediglich auf den Ausruf der Zeitungen beschränken sollen.

Schließlich sagte noch General Jacob:
Ich hoffe, daß wir auch weiter in Frieden leben werden, wie bis jetzt und daß niemand den Eindruck haben wird, als wenn Belagerungszustand herrsche. Ich bitte mich in meinem Bestreben zu unterstützen, und dessen versichert zu sein, daß ich nur die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Auge haben, ohne irgend welche Berufsschichten in ihrer Tätigkeit hindern zu wollen. Ich bin ein Mensch des Gesetzes und werde von diesem auch nicht um ein Jota abweichen. Es ist alle Hoffnung vorhanden, daß sich das normale Leben auch weiterhin wie bisher abwickeln wird.

(330210c3)


Seite 4

„Atheismus und freie Liebe beherrschen Rumänien!“ [S. 4, oben, links]
Ein Brandartikel des reaktionären „Calendarul“

Bukarest, 8. Februar (Tel. des „Tag“). Im „Calendarul“ befaßt sich dessen Chefredakteur, Univ. Prof. Nichifor Crainic, mit dem Kampf christlicher Gesinnung gegen den Marxismus und schreibt:

„Der Kampf zwischen diesen zwei Weltanschauungen wächst sich zu einem Entscheidungskampf von erhabener Tragik aus. In Deutschland, wo jetzt dieser Kampf am heftigsten tobt, sagt Hitler-Regierung in ihrem Manifest an das Volk: „Die sozialdemokratische Partei hat 14 Jahre lang Zeit gehabt, zu beweisen, was sie kann. Das Ergebnis ist der Ruin. Ein Jahr kommunistische Regierung würde aber die Vernichtung des Reiches bedeuten“.

In Rumänien kämpfen wir für den Triumph der christlichen Ordnung. Dem marxistischen Chaos muß die christliche Moral entgegengestellt werden! Während aber jetzt in Deutschland die Regierungsparteien das christliche Prinzip vertreten, sind in Rumänien absolut alle demokratischen Parteien, die regiert haben, heute regieren oder einmal regieren wollen, der christlichen Idee feindlich gesinnt und dem atheistischen Freimaurertum verfallen, der [das] im Grunde genommen nichts anders ist als ein Pseudonym der kommunistischen Anarchie. Alle demokratischen Parteien mißbilligen einstimmig die christlichen Bewegungen, und keine einzige christliche Bewegung in unserem Lande wird von diesen Parteien gefördert!

Dieses Phänomen hat zwei Gründe. Der rumänische Politiker sagt sich heute vom Nationalismus und Christentum los, damit er nicht in Ungnade fällt bei der Presse, die zur Gänze freimaurerisch ist, und beim Faktor, der die politische Macht im Staate verleiht und der, zum Unglück für dieses Land, selber die christliche Idee vernachlässigt.

Rumänien lebt seit einigen Jahren unter der Herrschaft des vom Freimaurertum organisierten Atheismus und der freien Liebe, die mit Zynismus geübt werden, wodurch die Gefühle des ganzen Volkes verletzt werden, das durch seine letzten Manifestationen verlangt, in der moralischen und geistigen Sittlichkeit des Christentums zu leben.

Der Atheismus und die freie Liebe sind jene beiden negativen Prinzipien, die vom Bolschewismus gepflegt werden, um die gegenwärtige Gesellschaftsordnung zu zerstören. Wenn die rumänische Demokratie sie aus Ueberzeugung gutheißt, oder aus Speichelleckerei duldet, so tut sie nichts Anderes, als systematisch die bolschewistische Anarchie vorzubereiten“.

(330210r4)
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• Sehr spaßig, wenn heutige Menschen "westliche Werte" wie Religionsfreiheit, Trennung von Kirche und Staat (Atheismus) und Emanzipation der Frau, gleichgeschlechte Partnerschaften (freie Liebe) für ihre Erfindung hinstellen und sie in etwas noch rückständigen Weltgegenden einfordern.


Die Engländer verhandeln mit Rußland [S. 4, Mitte]
London, 8. Februar (Tel. des „Tag“). Der englische Außenminister Simon erklärte heute im Unterhause: Es werden gegenwärtig Vorverhandlungen mit Rußland geführt, um Handelsvertragsverhandlungen einzuleiten. Diese werden in allernächster Zeit stattfinden.


Völkerbund enerkennt nicht [die] Mandschurei [S. 4, unten, Mitte]
Genf, 7. Februar (Tel. des „Tag“). Das 19er Komitee des Völkerbundes, welches den China-Japanischen Konflikt zu prüfen hatte, hat beschlossen, dem Völkerbund zu empfehlen, den neuen Mandschurischen Staat nicht anzuerkennen, da sonst die Souveränität Chinas verletzt werden würde.
Klaus Binder
 
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Nr. 273, Samstag, 11.02.33

Postby Klaus Binder on 11. February 2011, 04:52

Seite 1

Wahlvorbereitungen im vollen Gange [S. 1, oben, links]
Hugenberg geht nicht mit Hitler,
Kommunisten nicht mit Sozialisten


Berlin, 9. Februar (Tel. des „Tag“). Es gilt bereits jetzt schon als sicher, daß eine Einheitsfront für die Reichstags- und die preußischen Landtagswahlen nicht zustandekommen wird, nachdem die Verhandlungen heute ohne Erfolg abgebrochen wurden. Auch [?] zwischen den Sozialdemokraten und Kommunisten konnte eine Einigung für das Zusammengehen bei den Wahlen nicht erzielt werden. Ausschlaggebend für die Verhandlungen zur Schaffung einer nationalen Front, auch ohne die Nationalsozialisten, waren die Deutschnationalen, die allein in den Wahlkampf ziehen wollen.

Lediglich zwischen den drei kleinen Mittelparteien, der deutschen Volkspartei, dem christlichen Volksdienst und der deutschen Bauernpartei kam eine Einigung auf Basis einer Listenverbindung zustande, jedoch behalten sich diese Parteien politische Selbständigkeit vor.

Der Überwachungsausschuß wurde vom Vorsitzenden Löbe für kommenden Dienstag einberufen, um sich mit den Vorgängen bei den Wahlvorbereitungen zu befassen.
Die Notverordnung zur Sicherheit der Ruhe sieht auch die Auflösung von Wahlversammlungen, in welchen Angriffe gegen die Reichsregierung erhoben werden sollen, vor.
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• Die Reichstagswahlen finden am 5. März statt.
• Zu den ganzen Einheitsfronten und Wahlbündnissen ➞ Die Neue Zeitung 10.2.1933:
Berlin, 9. Februar. Die von dem Vizekanzler Papen angeregten Verhandlungen zur Bildung eines christlich-nationalen Blocks sind gescheitert.
Daraufhin haben Deutsche Volkspartei, Christlichsozialer Volksdienst und Deutsche Bauernpartei das von ihren Parteileitern vorbereitete technische Wahlabkommen in Kraft gesetzt, das dazu dienen soll, alle Möglichkeiten des Wahlgesetzes zugungsten der Sicherung aller für diese Parteien abgegebenen Stimmen auszuschöpfen. Die drei genannten Parteien stellen zu diesem Zweck einen gemeinsamen Reichswahlvorschlag auf, an den alle einzelnen selbständigen Kreiswahlvorschläge dieser Parteien angeschlossen werden. In dem Abkommen wird ausdrücklich festgestellt, daß die politische Selbständigkeit der Parteien nicht berührt wird.
Die Verhandlungen zwischen der Wirtschaftspartei und der Bayrischen Volkspartei über ein listenmäßiges Zusammengehen sind noch nicht endgültig abgeschlossen. Die Wirtschaftspartei hat die Absicht, sich auch den Weg des Anschlusses an die Gruppe Volkspartei-Volksdienst-Bauernpartei offen zu lassen.
Außerdem ist eine technische Listenverbindung zwischen Deutscher Staatspartei und Sozialdemokratischer Partei vereinbart worden.
Berlin, 9. Februar. Die Bemühungen, welche auf eine einheitliche politische Frontbildung der Kommunisten und der Sozialdemokraten für den Wahlkampf abzielten, haben zu keinem Ergebnis geführt.
Die „Rote Fahne“ beantwortet die gestrige Erklärung der Berliner Sozialdemokratischen Partei, daß die Kommunisten niemals ein Angebot zu einer gemeinsamen Kampffront gemacht hätten, mit einer sehr ausführlichen Erklärung, in der den Führeren der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vorgeworfen wird, sie wollten einen „Nichtangriffspakt“ gegen die „faschistische Diktatur“ abschließen. Diesem Nichtangriffspakt stellt die Kommunistische Partei Deutschlands den „Angriffspakt“ der sozialdemokratischen und der kommunistischen Arbeiterschaft als das Gebot der Stunde entgegen.“



Finanzabkommen perfekt [S. 1, links, Mitte]
Bukarest, 8. Februar (Tel. des „Tag“). Finanzminister Madgearu hatte Mittwoch vormittags ein telefonisches Gespräch mit Handelsminister Lugojeanu in Paris, der ihm mitteilte, daß das Abkommen mit den Gläubigern Rumäniens bereits abgeschlossen worden sei. Madgearu begab sich daraufhin sofort zum Ministerpräsidenten und zum Außenminister Titulescu, der gerade nach Genf abreiste, um sie über den Stand der Dinge zu informieren.
Ueber die Bedingungen des Abkommens konnte nichts Näheres erfahren werden.

Stundung der Auslandszahlungen für 2 einhalb Jahre erwirkt
Bukarest, 9. Februar (Tel. des „Tag“). Das Abkommen mit den Gläubigern Rumäniens wird, privaten Nachrichten zufolge, folgende Bestimmungen enthalten: Eine Suspendierung des Amortisationsdienstes auf 2 Jahre und 3 Monate mit einem Recht auf Verlängerung für ein weiteres Jahr.
Bezüglich der Renten der Stabilisierungsanleihe 1929 und der Investitionsanleihe 1931, die von der Monopolregie CAM garantiert sind, ist ein Abkommen schwieriger zu treffen, da die Besitzer derselben nicht nachgeben wollen.
Minister Lugojeanu und Auboin werden für Samstag in Bukarest erwartet, um über den Stand der Verhandlungen zu berichten.
Die neuen Experten Marquet, Poisson und Richard sind hier eingetroffen, um auf Grund der Konvention mit dem Völkerbund an der Reorganisierung des Verwaltungsapparates mitzuarbeiten.

*
2 Milliarden 600 Millionen Lei
Schuldenkürzung erzielt

Bukarest, 9. Februar (Tel. des „Tag“). Gestern abends fand ein Ministerrat statt, in welchem Finanzminister Madgearu über das Pariser Abkommen berichtete. Die Regierung hat eine Suspendierung der Schuldenzahlungen für vier Jahre (so lange dauert die Genfer Konvention) und Reduzierung der Schuld um mindestens 3 Milliarden verlangt. Die Gläubiger haben nun einer Suspendierung auf zwei Jahre und einer Reduzierung von 2 Milliarden 600 Millionen Lei zugestimmt. Da es sich also nur um eine Differenz von 400 Millionen Lei handelt, hat die Regierung zugestimmt, um nicht das ganze Abkommen zu gefährden.

(330211r1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Raritäten [S. 2, oben, links]

In der Herrengasse steht vor einem ausgesprochenen Pech-Lokal, das den Besitzer oft wechselt, ein Ausrufer. Das große Schaufenster ist mit bunten Plakaten beklebt. Ein kleines Abnormitätenkabinett hat sich hier stabliert. Der Clou des reisenden Kabinettes ist ein Kind mit zwei Köpfen. Das lockt …
Der Ausrufer schreit sich die Kehle wund, Frauen und Kinder und Männer hören zu. Er hat immer sein Publikum.
Dann hält er auf dem Arm einen Liliputaner, mit einem Zylinder am Kopfe, weil es kalt ist, im modernen Reisepelz, hebt ihn wie ein kleines Spielzeug in die Höhe und lockt in seiner Art die Menschen mit seinem balkanischen: H-e-r-r-e-i-n-s-p-a-z-i-e-r-t!!!
Man sieht, wenn man drinnen ist, den großen Mann und die kleine Frau, die Liliputaner und sucht nach dem lebenden siamesischen Zwilling. Alles lebt, nur nicht der Zwilling. In einem Spiritusbehälter getauchte Masse - verhüllt und unverhüllt - es geht nicht um die Feststellung, ob echt oder unecht - - - es geht - - - kurz: die Sensation ist da.

*

Dieses kleine Raritätenkabinett, sehr primitiv, wie es eben diese Art Schausteller zuwege bringen, ist die Nachahmung des großen Raritätenkabinetts, das vorerst nur die Amerikaner zu organisieren vermochten.
Aus meinen Aufzeichnungen bringe ich aus einer Abhandlung über Barnum und Beiley einen Auszug, wie ein Raritätenkabinett von Weltruf aussieht - - - - - - das Amerikanischeste alles Amerikanischen, das, was die Europäer noch nicht nachzumachen versucht haben, nur vereinzelt auf Buden, in Märkten, aber noch niemals so reichhaltig, so zusammenfassend wie hier: die Sammlung der Abnormitäten, die Frau mit dem Blechbauch, das merkwürdig ungleiche Ehepaar, 408 Pfund er, 61 sie, dann umgekehrt 398 sie und 72 er; Riesenweiber und Zwergmännchen, der Mann, der sich die Haut vom Kopfe ziehen kann, daß das Gesicht in die unteren Extremitäten versetzt wird und das Gesäß im Gesicht zum Vorschein kommt; die Frau mit dem längsten Backenbart; dann die Uebertrumpfung der siamesischen Zwillinge; der zusammengewachsene Drilling in der Mitte ein Mann, zu beiden Seiten Frauen; der Mann mit der blauen Haut; die Frau mit dem Einauge, in der Mitte der Stirne; der armlose Virtuose, der eine besondere Kunstfertigkeit in den Zehen entwickelt, die ihn zu einem Kubelik, einem Hubermann oder zu einem Haifetz macht, das Wunder der Zehenkraft, das imstande ist, ein galoppierendes Pferd mit den Zehen eines Fußes zu zügeln, und dabei mit dem anderen Fusse geschickt die Peitsche schwingen kann, das junge Mädchen, das die Theorie von der Affenabstammung des Menschen verkörpert, der lebendige und vollkräftige Beweis der Darwin’schen Theorie. Im Prospekt wird gesagt, daß dieses Mädchen das Produkt der unnatürlichen Liebe einer Frau zu einem Schimpansen ist.
Das Abnormitätenkabinett für Tiere weist zahlreiche gezüchtete Mißgeburten auf, Kreuzungen zwischen Pferd und Dromedar, Zebroiden in den buntfarbigsten Variationen, abnorme Katzenexemplare, mißgestaltete Vogeltypen, das interessanteste Kabinett der Abnormitätensammlung, in dem der Abnorm-Mensch dargestellt wird, eine Fülle von geradezu exzedierenden Beispielen der Wirrungen; der Mann mit dem Auswuchs eines Stirnhornes, gewaltig dicke Menschen, der Mann ohne Brustkorb, die Frau ohne Unterleib, lebende Statuen; Zwergfamilien, die zu artistischen Leistungen trainiert sind; sie bilden eine Liliputshow. Aber hier werden nicht bloß artistische Produktionen gezeigt, auch Familienleben, Schule, Haus und Wirtschaft, man staunt über diese Liliputanerdörfer, es fehlt sogar nicht die gutfunktionierende Miniaturbahn, es fehlen nicht die kleinen Omnibusse.

*
So sieht das Raritätenkabinett von Weltruf aus.
Fango

(330211w2)


Todesfall [S. 2, Mitte, oben, links]
Gestern starb hier im Alter von 48 Jahren der Kaufmann Simon Schrenzel, der sich bei allen seinen Bekannten großer Wertschätzung und Sympathie erfreute. Das Leichenbegängnis fand gestern, um 3 Uhr nachmittags vom Trauerhause, Liliengasse 21 a aus statt.

(330211t2)


Werbung * Ankündigung
Barnum Show [S. 2, Mitte, links]
Die grössten Abnormitäten!!!
Sensationen der Welt!!

Margareta, das 2-köpfige Mädchen,
Sonja, das Mädchen mit 2 verschiedenen Körperteilen.
Joan, der Flossenmensch u. Fußkünstler
Fritz, der kleinste Mann.
Lu, die kleinste Frau.
die zusammengewachsenen Schwestern.
Die grösste Frau.
Die dickste Frau der Gegenwart.
Entree: Lei 10.-
Ununterbrochener Einlass und Vorführung.
Herrengasse Nr. 29a
(gew. Café „Estelle“)

(330211w2)
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en.wikipedia.org


Gerichts-„Tag“
Instanzstreit im Kommunistenprozeß

Vorsitzender Präsident Marino; Beisitzender Präsident Joachim; Erster Staatsanwalt Panu.

Gestern fand die dritte Verhandlung im Prozesse gegen Polja Vascautzeanu [Vascauteanu], Jossie Feldmann, Alfred Künstlich ec. statt. Die Polizei hatte alle Maßnahmen zur Wahrung der Sicherheit ergriffen und den Eintritt in den Verhandlungssaal erschwert. Im allgemeinen machte sich eine Abnahme des Interesses deutlich bemerkbar und die Zahl der Einlaßheischenden war lange nicht so zahlreich wie bei den vergangenen Tagsatzungen.

Vor Eingang in die Verhandlung stellte Erster Staatsanwalt Panu zur allgemeinen Ueberraschung den Antrag, die Prozeßführung an das Militärgericht abzutreten, da, durch die Verhängung des Belagerungszustandes die Militärinstanzen die Kompetenz erhalten, über Verbrechen gegen die Sicherheit des Staates zu urteilen.

Gegen diesen Antrag erhob die gesamte Verteidigung schärfsten Protest, den sie damit begründete, daß die den Angeklagten zur Last gelegte Tat lange vor der Erlassung des Gesetzes über den Belagerungszustand begangen worden sei. Nach kurzer Beratung wies der Gerichtshof den Antrag des Staatsanwalts ab.

Mit der Einvernahme des im Prozesse als Verteidiger fungierenden Advokaten Dr. Kißmann wurde sodann das Beweisverfahren fortgesetzt. Dr. Kißmann schilderte ausführlich die Eindrücke, die er bei einem Besuch des Feldmann im Gefängnis gewonnen hat. Angeregt durch die Erzählungen von Feldmanns Mutter und von Gerüchten, die in der Oeffentlichkeit laut wurden und die davon sprachen, daß Feldmann bei der Polizei gefoltert worden sei, habe er beim Untersuchungsrichter interveniert und die Bewilligung erhalten, mit Feldmann zu sprechen. Gleich beim Eintritt in die Zellenräume habe er Polja Vascautzeanu [Vascauteanu] gesehen, deren Aussehen auf ihn von niederschmetterndem Eindruck gewesen sei. Sie sei todbleich gewesen und habe ihn mit Augen, die denen eines malträtierten Tieres glichen, angesehen. Von ihren Zellengenossinnen bewogen, habe sie ihm ihre Wunden gezeigt. Er habe eine 8-10 Millimeter große, mit Nadelstichen dicht besäte, offene Wunde auf dem linken Fuß, daneben viele kleinere blutige Verletzungen, sowie Eiterwunden und Schwellungen unter den Nägeln konstatiert. Ueberdies habe sie deutliche Anzeichen von Schwäche zu erkennen gegeben. Sie wurde mit Hilfe zweier Mädchen fortgeführt. Feldmann sei von zwei Mithäftlingen, die ihr Hände in der Art eines Sessels ineinandergeschlossen hatten, auf den Armen hereingetragen worden. Auch er habe den Eindruck eines gefolterten Menschen gemacht. Auf das Verlangen Dr. Kißmanns habe er ihm deutlich sichtbare Wunden zwischen den Fingern vorgewiesen. Sein Kopf wies eine Menge kahle Stellen auf, die nach Aussage des Häftlings davon herrühren sollten, daß ihm ganze Haarbüschel von den Agenten ausgerissen worden seien. Nach Abnahme einer Bandage konnte er auch den linken Fuß beaugenscheinigen, der gräßlich geschwollen war, so daß die Zehen kaum als solche kenntlich waren. Die Ferse wies eine klaffende Oeffnung auf, aus der Blut und Eiter quoll. Auch der rechte Fuß habe Anzeichen von Wunden im Stadium der Heilung aufgewiesen. Dies alles habe er zu jener Zeit im „Vorwärts“ veröffentlicht und für jedes seiner Worte seine vollste Verantwortung übernommen.

Der Chef des politischen Büros der Polizei, Kommissär Dr. Postatny, der über die Rolle des Angeklagten Süßmann befragt wird, machte folgende Aussage: Auf Grund der Angaben Süßmanns, der sich kurze Zeit nach seiner Verhaftung freiwillig zu Dr. Postatny gemeldet habe, sei es ermöglicht worden, binnen 24 Stunden alle Mitglieder der „Kommunistischen Jugendorganisation“ und der „Roten Hilfe“ zu verhaften. Süßmann sei von zwei Agenten in einen Saal geführt worden, in dem eine öffentliche Versammlung stattgefunden hat. Dort wurde er freigelassen, um den Anschein der Freiheit zu erwecken. Er habe hierauf die Agenten auf ein Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation, namens Schuster, der der Versammlung beiwohnte und auf die Denunziation Süßmanns hin verhaftet wurde, aufmerksam gemacht. Bei seiner Einvernahme hat Süßmann erklärt, aus der „Roten Hilfe“, deren Mitglied er gewesen sei, ausgeschieden zu sein, da er seine Ansichten diesbezüglich geändert habe. Süßmann gab hierauf an, Sonntag mittags am Daciaplatz von einigen Kommunisten überfallen und verprügelt worden zu sein.

Auf die Einvernahme des Polizeiagenten Hartl verzichtete die Verteidigung, da die Aussagen Dr. Postatnys eine solche überflüssig erschienen lasse. Die Aussagen des Arztes Dr. Katz und des Juweliers Medilanski, die sich nur auf den Angeklagten Medilanski bezogen, erscheinen für den Verlauf der Verhandlung bedeutungslos. Da die Zeugen Deputierter Dr. Radaceanu und Mendel Koifman nicht erschienen waren, wurde die Verhandlung für den 16. d. M. vertagt.

*
34 der kommunistischen Gesinnung verdächtige Jugendliche verhaftet
Während der Prozeß stattfand, nahm die Polizei zwischen 11 und 12 Uhr die Verhaftung von 34 jungen Leuten vor, die im Umkreis des Justizgebäudes aufgegriffen wurden und sich bemühten, Einlaß in den Verhandlungssaal zu finden. Sie erschienen der Polizei verdächtig, kommunistischen Organisationen anzugehören. Die Verhafteten wurden sofort dem Polizeigefängnis überstellt, wo morgen mit der Voruntersuchung begonnen wird.

(330211c2)


Seite 3

Vom dritten Staatsgymnasium [S. 3, Mitte, oben, links]
Gegen Verleumdungen

Auf Ansuchen des Schulkomitees des dritten Staatsgymnasiums (Liceul No. 3) bringen wir folgende Entgegnung auf die laut Zeitungsberichten von einem Herrn Tarnavschi bei einer Gerichtsverhandlung gegen die Schüler dieser Anstalt gerichteten Anschuldigungen:

In der am 26. Januar d. J. vor dem hierortigen Tribunal gegen die Kommunistengruppe Polea [Polja] Vascauteanu - Jossi [Jossie] Feldmann stattgefundenen Strafverhandlung hat ein Student namens C. Tarnavschi in seiner Zeugenaussage betreffend den Angeklagten Feldmann sich über die Schüler des III. Staatsgymnasiums, welches Feldmann absolvierte, Aeußerungen erlaubt, welche in boshafter Weise die Mehrheit dieser Schüler als staatsfeindlich und kommunistenfreundlich hinstellen.

Das Schulkomitee des III. Staatsgymnasiums weist die Anschuldigungen des genannten Zeugen mit Entrüstung zurück, als einen Racheakt des Herrn Tarnavschi, der durch einige Jahre an dieser Anstalt als aufsichtführender Pädagoge angestellt war, jedoch vom September 1932 nicht mehr in seiner Stellung beibehalten werden konnte.

Eine andere grundlose und boshafte Beschuldigung erhob der Zeuge Tarnavschi bei dieser Gelegenheit gegen die jüdischen Professoren des III. Staatsgymnasiums, denen er die Schuld beilegte, daß er seine Anstellung an dieser Anstalt verlor. Demgegenüber wird festgestellt, daß der Posten eines Pädagogen aus budgetären Rücksichten aufgelassen wurde und die Aufsicht der Schüler in den Zwischenstunden nunmehr vom Lehrkörper selbst besorgt wird.

Daß einzelne Schüler, beziehungsweise gewesene Schüler dieser Anstalt von kommunistischen Elementen verführt werden konnten, ist bedauerlich, darf jedoch nicht durch böswillige Verallgemeinerung dazu mißbraucht werden, um eine ganze Anstalt zu diskreditieren. Dagegen verwahrt sich das Elternkomitee ganz entschieden und wünscht, daß die Kinder, die das III. Staatsgymnasium besuchen, ihrem Studium im Rahmen und im Sinne der bestehenden Ordnung unbehelligt obliegen können und als staatstreue Bürger Rumäniens erzogen werden.

(330211c3)
Klaus Binder
 
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Nr. 274, Sonntag, 12.02.33

Postby Klaus Binder on 12. February 2011, 03:50

Seite 2

Todesfälle
Am Freitag, den 10. Februar, starb nach langem, mit großer Geduld getragenem Leiden der Universitätsprofessor und Schriftsteller Dr. Vasile Gherasim im Alter von nur 39 Jahren. Mit dem Hinscheiden dieses edlen und reinen Menschen verliert das Czernowitzer geistige Leben eine seiner größten Zierden. Der Tod des Professors Dr. Gherasim, der mit einer Tochter des verstorbenen Universitätsprofessors Dr. Herzog verheiratet war, hat in allen Kreisen, die in Dr. Gherasim einen vorurteilsfreien und gütigen Menschen schätzte, aufrichtige Erschütterung hervorgerufen. Die irdischen Ueberreste des Verblichenen werden Sonntag, um halb 2 Uhr nachmittags von der Friedhofskapelle aus zur ewigen Ruhe gebettet. - Am Donnerstag, den 9. Februar starb in Kotzman im Alter von 58 Jahren Advokat Dr. Jakob Berger. Abgesehen von seinen hervorragenden Kenntnissen als Anwalt hat Dr. Berger viel für die Entwicklung des Zionismus getan. Er war Mitbegründer der jüd. nat. akad. Verbindung „Emunah“, Mitglied der Landesleitung der zionistischen Organisation, wiederholt Präsident der jüdischen Gemeinde in Kotzman und Leiter der dortigen Filiale der Joint-Bank.

(330212t2)


Henry Ford prophezeit Goldenes Zeitalter [S. 2, Mitte, unten, rechts]
Aus New York wird gemeldet: Der Automobilkönig Henry Ford malt in einer Zeitungserklärung die nächste Zukunft in überaus rosigen Farben.
Die Welt steht - sagt Ford - an der Schwelle eines neuen Goldzeitalters. Die heutigen Verhältnisse sind nicht so schlecht wie man allgemein sagt. Die wahren Werte des Lebens wurden von der Krise nicht berührt, bloß die Menschen haben das Gefühl für die echten Werte verloren und schätzen diese nicht mehr. Die Maschinen stehen heute noch auf der Stufe des Ochsenkarrens, das wahre Maschinenzeitalter wird keinen Schmutz, keine Schlechtigkeit und keine Mißachtung der menschlichen Rechte kennen. Die Maschinen haben nie Arbeiter ihres Brotes beraubt, im Gegenteil, sie schufen zahlreiche neue Verdienstmöglichkeiten. Die Prophezeiung der sogenannten Technokratie ist eine Dummheit; die Maschine wird immer Dienerin des Menschen sein und nie seine Herrin.
Henry Ford hat übrigens beschlossen, seine Riesenunternehmungen in vielen kleineren, miteinander zusammenhängenden Einheiten zu dezentralisieren. Gegenwärtig stellen für ihn 5300 Fabriken die Automobilbestandteile her. Ford will nun deren Arbeit unter 50.000 kleineren Unternehmungen verteilen. Nach seiner Meinung wird dies nicht bloß die Produktionsspesen vermindern, sondern gleichzeitig auch die landwirtschaftliche und industrielle Produktion fördern.

(330212w2)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Ford


Seite 4

Die Wirtschaft des Kargens gehört der Vergangenheit [S. 4, oben, links]
Von Lord Melchett
Direktor des britischen Reichstrusts für chemische Industrie


Wie sind wir in diese außerordentliche Weltkrise geraten?
Was sind ihre Ursachen und was ist ihr Sinn?

Wie weit folgt sie aus Fundamentalem des menschlichen Sinns, wie weit ist sie eine Folge unserer gegenwärtigen Organisation in Industrie und Handel?

Und was sind die Erscheinungen, die durch Dienste der Politiker oder durch kooptierende Unternehmungen der Industrie beseitigt werden könnten?

Diese wichtigen Probleme beschäftigen alle denkenden Menschen. Die Notwendigkeit, sie zu lösen, drängt.

Im Jahre 1929 war alles neblig, düster, nur das Geschäft ausnahmsweise besser, das Problem der Arbeitslosigkeit einfacher als heute, die Menschheit erwartete einen neuen Aufschwung, wie noch nie. Obgleich wir im Abgrund der Depression lagen und noch liegen, in einer Krise, die buchstäblich Millionen Arbeitsloser von der Arbeitsstätte gejagt, ist die Welt heute noch reicher als 1929. Wir sind weit reicher. Die Welt wird jährlich um 3 Prozent reicher. Dieser stufenweise Zuwachs des Reichtums der Welt ist den Entdeckungen der Wissenschaft und der Entwicklung der Industrie zu danken.

Möge eine Illustration das zeigen! Während des Krieges suchte man Mittel, um Unterseeboote zu entdecken, vor allem ein Mittel zum Auffangen des Wellengeräusches. Es wurde erreicht. Heute dient diese Entdeckung der Erforschung von Öllagern im Innern der Erde. Man findet Öl, indem man [den] Ton der fließenden Ölwelle hört. Dadurch wurden enorme Ölmengen dem Alltag und der Kultur disponibel, ohne daß Öl durch langwierige Versuchsbohrungen gesucht werden müßte. Das ist ein wirklicher Fortschritt.

Wir haben heute mehr Güter in der Welt zur Verfügung als jemals oder vor etwa drei Jahren. Mehr Lebensmittel, mehr Metalle, mehr Gummi, mehr Baumwolle, mehr Kohle, tatsächlich mehr als die Menschen brauchen, aber wir sind unfähig, den Austausch dieser Güter zu bewerkstelligen, was doch den Handel ausmacht. Und warum? Nicht nur, weil Zölle und Verbote den Weg des Handels sperren, sondern weil der akademische Wert, die Autorität des Geldes enorm gewachsen ist. Es sagt:
„Ihr sollt nicht durchkommen, wenn Ihr euch nicht meinem Standard anpaßt“.
Da aber das Maß dieses Standards, das Gold, im rapiden Wechsel ist, kann niemand Schritt halten mit ihm, und der Verkehr kommt zum Stillstand.
Sagen wir es frei heraus: Gold ist nicht Reichtum. Und wir müssen uns daran gewöhnen, nicht in Geld zu denken, sondern in Gütern. Der Tabakarbeiter z. B. verkauft nicht Zigaretten, sondern er kauft Brot, Kleider und sorgt für seine Familie. Das Geld, das über sein Konto läuft, ist nur vermittelnd. Warum arbeitet ein Mensch in der Fabrik? „Für Geld“, werden viele sagen. Das ist unrichtig. Er arbeitet um die Dinge, die er für seinen Lohn kaufen kann. Ein Schilling oder fünf Pfund haben keine verschiedene Bedeutung, wenn man sie nicht für Güter eintauschen kann. Es wäre wichtig, daß die Finanzautoritäten mehr Zeit der Betrachtung der Fabriken und Werkstätten widmen würden, als den Zahlen, die die Wahrheit ebenso feststellen, wie verhüllen können. Hier liegt das große Problem: die Ware soll sich wahrheitsgemäß im Gelde aussprechen und das Geld in der Ware. Wir müssen die Wirtschaft der Fülle erlernen und die des Kargens vergessen.

Die Hauptursache all der tragischen Zusammenbrüche von Manneskraft und Material ist darauf zurückzuführen, daß das System der Tauschmittel für den Austausch der Güter, also der Fabrikate und des Rohmaterials, des Handels mit Lebensmitteln inbegriffen, niedergebrochen ist, weil es an das Gold geknüpft war, statt daß man ein elastisches Zeichen, für alle Güter verwendbar, geschaffen hätte; also ein unproduktives Mittel: Gold kann nichts schaffen. Wir haben nun alle gelernt, daß ein Blatt Papier, ein Scheck mit anständiger Unterschrift, oder eine Banknote, gesetzlich und gut den Handel vermitteln können. Es war erstaunlich, wie schnell und ruhig die Geschäftswelt den freien und vollen Gebrauch des Papiergeldes gelernt hatte.
Der größte Wirrwarr aber herrscht auf dem Gebiete der internationalen Umlaufsmittel. Die ganze Geld- und Wirtschaftstheorie ist jetzt am Siedepunkt. Wir wissen, und viele wissen es, daß jene, die das Finanzwesen führen, die Prinzipien dieser Angelegenheit und die Möglichkeit einer Lösung nicht besser sehen, als wir selbst. Am 20. Oktober 1932 sagte Mr. Montagu Norman beim Diner der Bankiers:
„Die Schwierigkeiten sind so weitläufig, die Kräfte so unumgrenzt, so neu, so sehr fehlen alle Präzedenzen, daß mich dieser Sache nicht nur mit Unkenntnis, sondern auch mit Ergebung mache. Sie ist mir zu groß.“ [steht so im Original, eventuell: „daß ich diese Sache“]

Diese Erklärung ist so weit heilsam, daß sie uns doch zeigt, wie niemand diese Sache ganz begreift, und daß niemand am Werke ist, sie zu lösen, sei es zu unserem Nutzen oder auch zu unserem Schaden.
Der Fortschritt der Welt, wie ich ihn heute sehe, kommt aus der Fähigkeit der Menschen, anzupassen, zu verbessern, zu erfinden und zu planen. Das gilt weiter für alle menschliche Aktivität. Jeder Verständige weiß, daß in einer gutgeführten Fabrik die Gestehungskosten sinken und die Menge des Produktes wächst, beides als Ergebnis der Gehirnarbeit der dort tätigen Menschen. Das ist wachsender Reichtum, das erhöht den Lebensstandard in der ganzen Welt. Das Geldsystem der Welt muß denselben Weg gehen. Invention und frische Pläne sind notwendig, um das Geldsystem up-to-date mit den immer wechselnden, rapiden Fortschritten der Wissenschaft und der Industrie zu bringen. Das Geld muß international mit dem jährlich wachsenden Weltreichtum auf eine Linie gebracht werden. Wir können nicht warten darauf, daß mühselig Gold aus der Erde geholt werde, wir müssen unser internationales Geldsystem soweit ausdehnen, daß es auf eine Linie gebracht werden kann mit der immer wachsenden Produktion und der immer wachsenden Kaufkraft der Millionen Menschen in allen Ländern. [fett v.m.]
Die ganze Welt leidet unter dem heutigen System. Der Mensch, der es durch seine Erfindungen möglich gemacht hat, von einem Ende der Erde zum anderen zu sprechen, sich hörbar zu machen für alle Menschen der Welt, Sterne abzuwiegen und durch Verkehrswerke zu Land, zu Wasser und in der Luft die Entfernungen zu beseitigen und alle Völker zu Nachbarn zu machen, wird auch sein Geldsystem, das das Lebensblut des Handels und der Industrie ist, soweit modernisieren können, daß ein Austausch der Güter wieder möglich wird, wodurch die Nationen wieder leben können.
Das Geld muß uns dienen, nicht unser Herr sein. In einem neuen internationalen Schema müssen die Umlaufsmittel international den Gütern angepaßt werden. Es ist nicht notwendig, daß es Armut gibt. Sind einmal die unfruchtbaren Bindungen gelöst, diese Bindungen eines unzulänglichen Geldes, dann sehe ich auch eine unvergleichliche Prosperität kommen für jedermann, die die Verbrauchs- und Erzeugungsmöglichkeiten aller Staaten zum Maximum steigern wird. Von einer Ueberproduktion kann nur so lange die Rede sein, als zwei Drittel der Menschheit infolge des Goldfetischismus [fett v.m.] ihr Kaufbedürfnis nicht decken können. Die Welt kann das Gold entbehren, doch nicht Eisen, Stahl und Kupfer oder Zinn. Auch wenn sich eine internationale Konferenz für den Goldstandard aussprechen würde, müsste sie dem Völkerbund garantieren, daß sich in der Zukunft Störungen des Metalldienstes für den Währungsverbrauch, wie wir sie in so verhängnisvoller Weise gesehen haben, nicht wiederholen können. Wenn Gold ein Medium des Verkehrs ist, soll es nicht monopolisiert werden, nicht in den Kellergewölben eines einzigen Landes gefroren liegen, sondern es muß frei strömen durch alle Länder und einen schnellen und fertigen Verkehr der Güter sichern.
Erste Aufgabe ist also wirtschaftliche Neuschaffung des Geldsystems, in einer Weise, daß es fähig wird, Schritt haltend mit dem Fortgang der Wissenschaft und der internationalen Invention, dem allgemeinen Wohle zu dienen.

(330212w4)
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http://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Mond ... n_Melchett


Das andere Gesicht [S. 4, oben, Mitte]
(Von unserem Berliner Korrespondenten.)

In Deutschland werden wir jetzt wieder einmal „herrlichen Zeiten“ entgegengeführt. Herr Hitler bläht sich: „Es ist erreicht!“ (Hieß nicht einst, vor 1914, eine von Wilhelm dem Entwichenen kreierte Schnurrbart-Pomade so?) Geistlosigkeit und Rowdytum sonnen sich im Ganz eines Sieges, der ein Schlag ins Gesicht der französisch-deutschen Verständigungsbereitschaft ist. Unter ihm, diesem Siege, leidet nicht nur die Sache des ersehnten Europa, - es leiden darunter Millionen Deutsche. Man darf von den Bewohnern des Landes links des Rheins nicht erwarten, daß sie diese Tatsache sehen. Sie müßten denn selbst nach Deutschland gehen und jeden Einzelnen befragen.
Wenn man in Berlin vor oder in der Geschäftsstelle des Hitler-Organs „Der Angriff“ sich aufhält, kommt es einem auch so vor. Indessen, diese Tatsache findet ihre Grenze am Rande der zwölf Millionen Hitlerwähler. Und selbst diese Zahl - wie setzt sie sich zusammen? Es ist - besonders auch für die Leser links des Rheins - nicht uninteressant, wenn man einmal kurz beleuchtet, wie es zu der Hitler Partei heutigen Standes eigentlich kam. Verfasser dieser Zeilen hat das (zweifelhafte) Vergnügen, zum intimeren Kreise einiger Leute zu gehören, die den Gründern der Hakenkreuz-Partei nahe standen.
Das war in Ostpreußen, 1919. Einige Offiziere der deutschen Baltikumtruppen, die sich dort selbständig gemacht hatten, fanden sich, als der private Krieg sich nicht mehr als einträglich genug erwies, in Königsberg zusammen. Mit Gleichgesinnten bildeten sie die Keimzelle der späteren Hakenkreuzpartei. Einer von Ihnen, Major Fletcher, soll einmal (das treuteutschblaue Germanenauge sinnend zum Himmel erhoben) geäußert haben:
„Es muß doch möglich sein, eine allgemeine deutsche Partei zusammenzubekommen, deren Mitgliedern die nationale Idee unbedingt über alles geht!“ (Und er ging hin und gründete mit den Seinen die Hakenkreuzpartei.)
Auf der Suche nach Erklärungen für diese -Tat stößt man in deutschen Landen auf dies: jene Männer seien eine „Elite“ gewesen, die den aristokratischen Individualismus, dem sie ergeben waren, gegen die Idee des Kollektivismus, der in Deutschland die Oberhand zu gewinnen schien, verteidigen zu müssen glaubten. Merkwürdig war nur, daß diese Männer fast ausnahmslos Militärs waren. Der preußische Militarismus kann doch eigentlich nicht als Hort des Individualismus angesehen werden …
Nun, sei dem wie auch immer, - sie gingen hin und gründeten. (Für die Folgen, wie sie sich später und bis dato zeigten, wollen sie jetzt jedoch nicht verantwortlich sein!)
Einige Jahre später, um 1925, sah das Gesicht der Hakenkreuz-Partei etwa so aus: In „Volks“-Versammlungen sprachen vor platten, hinterkopflosen, überalterten Kleinbürgern blonde, langbärtige teutsche Männer. Sie bekämpften mit Augenrollen und Pathos alles „Undeutsche“, als da ist: der Radio, der Film und die Bügelfalte. (Auch so eine dumme englische Mode; der Mensch hat doch runde Beine!“ (1925!!) Zur selben Zeit versuchte Artur Dinter in seinem Buch „Die Sünde wider das Blut“ ganz ernsthaft nachzuweisen, daß Juden eigentlich gar keine richtigen Menschen seien!
Inzwischen stieg die wirtschaftliche Not des deutschen Volkes. Als ihr Urheber mußte natürlich der - huhu! - „Erbfeind“ herhalten. Millionen Erwerbsloser, die ihr Heil jahrelang vergeblich in der deutschen kommunistischen Partei gesucht hatten, hörten plötzlich auf den geschickten Wahlredner Hitler. So kam zu ihr aber auch der Janhagel, der überall da auftaucht, wo es Klamauk gibt. 1932: alles in allem zwölf Millionen Menschen!
Heute ist Hitler deutscher Reichskanzler. Für ihn heißt es jetzt „Hic Rhodus, hic salta!“ So wie er gebaut ist, wird er es versuchen. Die erste Folge wird sein, daß er die Hauptzahl seiner Anhängerschaft, Verzweifelte und Janhagel enttäuscht. Dann wird von seinen zwölf Millionen bald nicht mehr viel übrig sein. (Hoffentlich ist es dann noch nicht zu spät!)
K. L. [Karl Lemke]

(330212w4)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Fletcher
http://de.wikipedia.org/wiki/Artur_Dinter



Seite 6

Wirtschafts-„Tag“
Zersplitterung und Wiederaufbau der Weltwirtschaft [S. 6, oben, links]
Von Professor Mihail Manoilescu
Besprochen von Mathias Roll


Die im Jahre 1929 begonnene Weltwirtschaftskrise, welche im Verlaufe ihrer vierjährigen Wirksamkeit alle Erdteile und alle Wirtschaftszweige faßte und sich von Jahr zu Jahr mehr verschärfte, hat eine Menge weltwirtschaftlicher Probleme aufgerollt, mit welchen sich theoretische und praktische Wirtschaftler in ausgezeichnetem Maße befassen.
Die [Das] bedeutsamste Kennzeichen der Weltwirtschaftskrise, namentlich des letzten Jahres, trat in der

ungeheuren Schrumpfung des Weltverkehres
in die Erscheinung. Als Ursache der Welthandelsschrumpfung wird die Zersplitterung der Weltwirtschaft angesehen, welche hauptsächlich in der Industrialisierung der Agrarländer besteht. Solange die großen und mächtigen Weltindustrie-Staaten in den Hauptagrarländern willige Abnehmer ihrer Industriefabrikate fanden, mehrten die Industrieländer ihren Reichtum, welchen dieselben zur immer größeren Ausgestaltung ihrer Industrie-Unternehmungen verwendeten. Den unbegrenzten Entwicklungsmöglichkeiten der Industrieländer stand vor dem Krieg eine gewaltige Ausdehnung der Absatzgebiete gegenüber, was nach Ansicht Manoilescus der individualistischen Organisation bedurfte. Das System des Individualismus, der freien Konkurrenz in der Wirtschaft erwies sich für die Epoche des wirtschaftlichen Vorwärtsstürmens nicht nur als mögliche, sondern sogar als unerläßliche Wirtschaftsform.
Und nun erhebt Manoilescu in seinem unter obigem Titel im „Weltwirtschaftlichen Archiv“ veröffentlichten Artikel, welcher als Sonderabdruck jetzt herausgegeben wurde, die Frage, ob die hier erwähnte

Wirtschaftsform des Individualismus
in der freien Konkurrenz auch der nachkriegszeitlichen Weltwirtschaft in gleicher Weise adäquat ist. In der vorkriegszeitlichen Wirtschaftsepoche trug die Weltwirtschaft, nach der Darstellung Manoilescus, einen einheitlichen Charakter.
Zwei große Industriezentren der Welt: West-Europa und Nord-Amerika versorgten die ganze Welt mit Industrie-Artikeln und tauschten dagegen von der ganzen übrigen Welt Produkte der Landwirtschaft ein. Diese zwei großen Zirkulationsströmungen: Industrie-Produkte und Agrar-Produkte haben sich gegenseitig kompensiert. Der internationale Güteraustausch war trotz der bestandenen Zolltarife „so gut wie frei“.
Wie wir also eingangs schon feststellten, war der Weltwirtschaftsverkehr in der vorkriegszeitlichen Epoche gekennzeichnet durch das Bestehen großer Industrie-Zentren auf der einen und der Agrarproduktionsländer auf der anderen Seite. Die nachkriegszeitliche, jedenfalls aber die heutige Weltwirtschaft ist gekennzeichnet durch die

industrielle Dezentralisierung.
Allerdings hat sich schon, nach Darstellung Manoilescus, in der Vorkriegszeit die Tendenz bemerkbar gemacht, die sich auf wenige privilegierte Länder beschränkende industrielle Zentralisation zur Auflösung zu bringen, welcher Prozeß durch die allgemeinen Umwälzungen nach dem Kriege noch weiter gefördert wurde. Manoilescu negiert die Theorie, daß durch den Güteraustausch zwischen Industrie- und Agrarländern beide Ländergruppen gleichmäßig profitieren und führt im Gegenteil an, daß nach den Erfahrungen aus der Wirtschaftsgeschichte der Beweis geliefert werden kann, daß die Industrieländer in der Regel reich, die Agrarländer, namentlich aber diejenigen mit bäuerlichem Kleinbesitz, arm sind. Diese Agrarländer können nur dann aus ihrem Elend hinauskommen, wenn sie sich industrialisieren.
Die Erkenntnis, daß der internationale Tausch zwischen Industrie- und Agrar-Produkten zum Vorteil der Industrieländer und zum Nachteile der Agrarländer führt, wird in der Wirtschaftswissenschaft eine ähnliche Rolle spielen wie die evolutionelle Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie von Karl Marx, welche zur Klärung der sozialen Erscheinungen in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, insbesondere zur Erklärung der Klassengegensätze - so meint Manoilescu - beigetragen hat.
Der Exporteur von Industrie-Artikeln tauscht im Verhältnis zum Exporteur von Agrar-Artikeln 1:10 ein, wobei natürlich das Verhältnis von 10:1 nicht als unbedingte unabänderliche Ziffer anzusehen ist, aber es soll den unvergleichlich höheren Vorteil, den der Exporteur von Industrie-Artikeln einheimst, gegenüber dem Exporteur von Agrar-Artikeln beleuchten*). Es ist deshalb kein Wunder, wenn angesichts dieses Mißverhältnisses in den Vorteilen beim Güteraustausch zwischen Industrie- und Agrarländern das Bestreben zur

Industrialisierung der Agrarländer,
der Unabhängigmachung derselben vom Joche der Industriestaaten immer größer wird. Diese Bestrebungen zur industriellen Dezentralisierung haben es dazu gebracht, daß die westlichen Industrie-Staaten ihre industrielle Monopolstellung verloren haben, und sie hätten durch Herabsetzung der Preise der Industrie-Artikel dem entgegen wirken sollen. Sie taten es aber nicht und so ist ein ungeheueres Mißverhältnis auch zwischen den Preisen der Industrie-Artikel und den Agrar-Produkten entstanden. Der außerordentlich hohe Kapitalsgewinn, mit welchem die Industriellen kalkulieren und der steigende Reallohn bedingen den hohen Preisstand in der Industrie, was aber für die Folge - nach Ansicht Manoilescus - nicht wird aufrecht erhalten werden können.
Die Industrialisierung der reinen Agrarländer hat zu

Autarkiebestrebungen
geführt; der internationale Güteraustausch war nicht mehr im früheren Umfange notwendig, die internationale Arbeitsteilung wurde geschwächt und der Außenhandel ging immer mehr zurück. Durch die Schrumpfung des Weltverkehrs, namentlich durch die verminderte Ausfuhr der Industrie-Länder ist auch das Gleichgewicht der Zahlungsbilanzen erschüttert worden, was wieder zu Einfuhrbeschränkungen führte. Die Dezentralisierung der Industrie schuf, wie erwähnt, die Autarkie und in dieses Fahrwasser einmal hineingeraten, müssen die Länder, um sich zu schützen, zu Einfuhrbeschränkungen greifen, welche wieder Repressalien der anderen Länder hervorrufen. An Stelle der ehemaligen Weltwirtschaftseinheit tritt die Zersplitterung der Weltwirtschaft.
Dieser Zustand der industriellen Dezentralisierung bringt die großen Industrieländer, welche auf den Bezug von Rohstoffen aus dem Auslande angewiesen sind, dazu, ihre Produktion einzuschränken, um ihre Einfuhrnotwendigkeit zu vermindern. Die großen Vorteile für die bisherigen großen Industrieländer, welche sie aus dem Güteraustausch gezogen haben, werden immer mehr verschwinden. Manoilescu kommt nun zur Konklusion, daß es zu neuen Organisationsformen im Außenhandel kommen muß. „Die Organisationsbedürftigkeit des Tauschverkehrs und der Produktion wird ferner auch - das mag noch hinzugefügt werden, wenn es auch nicht unmittelbar zu unserem Thema gehört - zu einer

Umwälzung der staatlichen Organisation
führen. Der staatliche Eingriff in die individuelle wirtschaftliche Betätigung wird immer stärker werden und der Staat selbst wird in corporativen und kollektiven Formen organisiert werden.

Manoilescu schließt seinen hochinteressanten Artikel mit der Feststellung, daß wir uns in einer Uebergangsperiode befinden, welche die schwersten Anforderungen an die Menschen stellt; wann die strukturellen Veränderungen der Weltwirtschaft abgeschlossen sein werden, läßt sich nicht vorausbestimmen. Einige Vorprobleme müssen vorerst gelöst werden, wie die Schaffung neuer nationaler Währungssysteme, die Regelung der Goldfrage, die Abschließung von Handelsverträgen nach dem Präferenz- und Kontingentierungsprinzip u.s.w.
Der Verfasser dieses Artikels, welcher wie erwähnt, vom „Weltwirtschaftlichen Archiv“ als Sonderabdruck vor einigen Tagen veröffentlicht wurde, ist der bekannte Volkswirtschafter, gewesener Handelsminister und Gouverneur der Nationalbank, Herr Professor Mihail Manoilescu, welcher auch in unserer Stadt sehr bekannt ist, da er schon wiederholt hier weilte und noch als Generalsekretär im Finanz-Ministerium in der ersten Averescu-Regierung in unserer Handelskammer einen Vortrag hielt. Manoilescu hat mehrere volkswirtschaftliche Werke veröffentlicht und genießt auch in der internationalen wissenschaftlichen Welt Ansehen. Die „Zeitschrift des Institutes für Weltwirtschaft und Seeverkehr an der Universität Kiel“ gehört zu den angesehensten und bedeutendsten ökonomischen Zeitschriften Europas. Der Artikel von Professor Manoilescu ist gleich an zweiter Stelle gedruckt worden. Der Herausgeber der Zeitschrift ist der bekannte deutsche Volkswirt Professor Dr. Bernhard Harms. Die Arbeit Manoilescus überschreitet weitaus den Rahmen und die Bedeutung eines volkswirtschaftlichen Artikels und bietet eine Fülle von Anregungen und Ideen für die Behandlung des Problemes: „Ist Planmäßigkeit in der kapitalistischen Wirtschaftsweise möglich?“

(330212w6)
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http://en.wikipedia.org/wiki/Mihail_Manoilescu
*) Man sollte dabei berücksichtigen, daß in industrialisierten Ländern natürlich auch eine Agrarwirtschaft existierte. Diese ist dann ebenfalls industrialisiert, d.h. es wird mit Maschinen und moderen Produktionsmethoden (Dünger, Großbetrieb) produziert. Wird unter diesen Umständen für einen Sack Kartoffeln 1h Arbeit aufgewendet, so benötigen die Menschen in nichtindustrialisierten Ländern für denselben Sack Kartoffeln je nach dem 10h. Dadurch kommen wohl solche Verhältnisse wie die genannten (1:10) zustande.
de.wikipedia.org/wiki/Institut_für_Weltwirtschaft


Seite 7

Gerichts-„Tag“
Schlussverhandlung [S. 7, oben, links]
im Prozeß Fenster contra Dr. Goldfrucht

Präsident: Plitter
Donnerstag fand in der Strafabteilung des Czernowitzer Bezirksgerichts die Schlußverhandlung im Sensationsprozeß Dr. Goldfrucht contra Fenster, die zum 18. Mal vor den Instanzen zur Verhandlung gelangt, statt. Die Vertreter der Privatbeteiligten, Herr Fenster und dessen Frau Ernestine Fenster, Univ. Prof. Dr. Alecu Popovici und Adv. Dr. Hermann Schärf, versuchten den Nachweis zu erbringen, daß der Unfall ihres Klienten lediglich auf das Verschulden des Dr. Goldfrucht und seines Faktotums Julius Schächter zurückzuführen sei, weil diese unterlassen hätten, den Gang, den die Sachverständigen als schlecht konstruiert und aus defektem Material hergestellt fanden, zeitgerecht, wie es seine Pflicht war, auf seine Haltbarkeit und Sicherheit untersuchen zu lassen. Dies müsse umsomehr hervorgehoben werden, als eine Reihe von Mietern sich sowohl bei Dr. Goldfrucht als auch bei Schächter über die Baufälligkeit des Ganges beklagt hatte. Als ihm vor einigen Jahren ein Baupolier die mangelhafte Beschaffenheit des Ganges und die Notwendigkeit von Reparaturen zur Kenntnis gebracht hatte, betraute Dr. Goldfrucht einen gewissen Georg Rühr mit seiner Instandsetzung, welcher von Beruf Maurer war und den man einen Flickarbeiter (Carpaciu) nannte. Die Verteidiger stellten auf Grund einer Reihe von zitierten Entscheidungen fest, daß das Verschulden der beiden Angeklagten durch die Rechtfertigung derselben nicht widerlegt sei. Diese führten nämlich an, daß zwei Tage vor dem Unfall eine neugierige Menschenmenge den Gang besetzt hatte, um eine in einer Wohnung des Hofraumes gegenüber dem Gang aufgebahrte Selbstmörderin zu sehen; dadurch habe angeblich, so behaupten die Angeklagten, die Widerstandmöglichkeit des Ganges gelitten.
Die Vertreter der Privatbeteiligten beriefen sich darauf, daß die einvernommenen Sachverständigen die Fäulnis der Bretter, insbesondere an den Enden, mit welchen sie auf den Stützpfosten aufgelegt waren, als Ursache des Abgleitens beziehungsweise Abbrechens dieser Bretter von den Stützpunkten anführten, hingegen wurde nachgewiesen, daß diese Fäulnis nach dem Gutachten der Sachverständigen nicht durch das erwähnte Ereignis herbeigeführt worden wäre. Weiters wiesen die Vertreter Fensters darauf hin, aus der Rechtfertigung des Angeklagten Dr. Goldfrucht gehe hervor, daß er selbst bestimme, ob und welche Reparaturen an den Häusern vorzunehmen seien, daß er ferner die damit zu betrauenden Arbeiter selbst engagiere; damit sei auch seine Verantwortung für die Bestellung eines untauglichen Organes für die Reparatur des schadhaften Ganges von selbst gegeben. Es sei an und für sich als eine grobe Fahrlässigkeit anzusehen, daß der Hausherr die ihm mitgeteilte mangelhafte Beschaffenheit des Ganges als eine geringfügige Reparatur angesehen und diese einem ungelernten Arbeiter übertragen habe. Als Beweis für die ordnungs- und sicherheitswidrige Beschaffenheit des Ganges weisen die Vertreter auf die vom Bauamt der Gemeinde sofort nach dem Unfall an Ort und Stelle vorgenommene und zu Protokoll gebrachte Feststellung hin, welche zur Erlassung des Auftrages an den Eigentümer Dr. Bernhard Goldfrucht führten, den Gang unverzüglich aus Beton herzustellen und auch sonstige, die Sicherheit der Mieter gefährdende Bauwidrigkeiten an den beiden Häusern, Kuczurmarerstraße 44 und 46, abzustellen. Beim Auseinandernehmen des alten Ganges wurde vom Baupolier die Feststellung gemacht, daß die Bretter größtenteils angefault seien. Die Schuld beider Angeklagten sei dadurch gegeben, daß beide, und zwar jeder für sich, durch sein Verhalten an der Herbeiführung der Lebensgefährdung, der Gesundheit und der körperlichen Sicherheit mitgewirkt haben.

Die Verteidiger Dr. Goldfruchts und Schächters, Dekan Dr. Radulescu, Dr. Luta und Adv. Vantu bekämpften die Ausführungen der Ankläger und bemühten sich, den Sturz des Ganges als einen Zufall hinzustellen. Die Angeklagten hätten diesen nicht zu verantworten, da sie nicht gewußt hätten, daß der Gang schlecht konstruiert sei und die Bretter angefault wären. Sie versuchten, die für die Angeklagten ungünstigen Aussagen der Hausbewohner über die mangelhafte Beschaffenheit des Ganges und über die dem sogenannten Verwalter und dem Hausherrn gemachten Mitteilungen auf Gehässigkeiten der Mieter, welche aus dem Mietverhältnis von selbst gegeben seien, zu erklären.
Der Richter hörte die von 4-8 Uhr nachmittags währenden Ausführungen der beiderseitigen Vertreter mit großer Aufmerksamkeit an und vertagte schließlich die Verkündigung des Urteiles auf Dienstag, den 14. Februar, 9 Uhr vormittags, Zimmer 13.

(330212c7)


Kampf gegen die Grippe [S. 7, Mitte, rechts, oben]
Radikale Maßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie

Bukarest, 9. Februar. Die Grippeepidemie beginnt hier rasch um sich zu greifen. Das Ackerbauministerium mußte für der Tage gesperrt und desinfiziert werden, da 80 Prozent der Beamten erkrankten. Auch in den anderen Aemtern ist es nicht anders. So heißt es, daß auch das Finanzministerium geschlossen werden wird.
Der Gesundheitsminister Ioanitescu hat die Direktoren aller Spitäler zu einer Beratung einberufen, um die notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Epidemie zu beraten. Vor allem werden Vorkehrungen getroffen, daß alle Grippekranken in den Spitälern interniert und isoliert werden können. Auch werden überall Inhalationsapparate aufgestellt, damit die Bevölkerung davon Gebrauch machen kann. Alle öffentlichen Lokale, Cafes, Restaurants, Kino- und Theatersäle, Schulen, u.s.w. werden desinfiziert. Der Minister richtete an alle Aerzte den Appell, der mittellosen Bevölkerung kostenlos Hilfe zu leisten, um eine Ausbreitung der Epidemie möglichst zu verhindern.

*
Wie sollen sich Influenzakranke ernähren?
Anläßlich der gegenwärtigen schweren Influenzaepidemie erteilen englische Aerzte den in ihrer Behandlung stehenden Influenzakranken wichtige Ratschläge über die Ernährung während der Krankheit, denn eine zweckmäßige und zielbewußte Ernährung übt auf den raschen und leichten Verlauf der Influenza einen geradezu entscheidenden Einfluß aus. Die Ratschläge der englischen Aerzte lassen sich in folgendem zusammenfassen: 1. An den ersten beiden Tagen: Fiebert der Kranke, dann darf er feste Nahrung nicht zu sich nehmen. Frische Limode [Limonade], Orangeade oder kalte Milch sind zu empfehlen. 2. Vom dritten Tage an, da im Befinden des Kranken eine Besserung eintritt, soll der Kranke, wenn sich sein Befinden bessert, außer leichter kompakter Nahrung möglichst viel Milch zu sich nehmen, denn Milch ist erfrischend, leicht verdaulich und nahrhaft. 3. Während der Rekonvaleszenz soll der Patient besonders viel Butter und mit Butter gekochte Speisen sowie mehreremal im Tage Milch zu sich nehmen. Diese Ratschläge müssen auch bei uns befolgt werden, damit die Krankheit einen leichten Verlauf nehme und der Patient ehestens genese.

5000 Grippefälle in Cluj
Cluj, 10. Februar (Tel. des „Tag“). Infolge der brüsken Temperaturänderung nimmt die Zahl der Grippekranken in Cluj immer mehr zu. Die Krankheit nimmt katastrophale Formen an. In Cluj selbst sind nach einer Statistik des Sanitätsamtes 5000 Fälle von Grippekrankheit festgestellt worden. Glücklicherweise sind bis jetzt nur zwei Todesfälle zu verzeichnen.

(330212r7)
Klaus Binder
 
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Nr. 275, Dienstag, 14.02.33

Postby Klaus Binder on 13. February 2011, 08:16

Seite 1

Heute Prozeß Edi Wolf [S. 1, unten, Mitte]
Heute findet vor den Geschworenen der Prozeß gegen die Einbrecherbande Wolf statt. Den Angeklagten Edi Wolf, Peter Kadejewski, Esther Weintraub, Mihai Tulea, Simon Bernstein, Eugen Julinski, Srul Weißmann, Jancu Procopovici, Elisabet Kawetzkaja und Josef Brunstein werden fünf Einbrüche, ein Ueberfall, ein Fall von Betrug, Hehlerei, Verkauf von Diebesgut und Verheimlichung eines gesuchten Verbrechers zur Last gelegt. Zwei Mitglieder der Bande sind in das Ausland geflüchtet. Der Prozeß ist für den 13., 14., 15. und 16. Februar angesetzt.

(330214c1)


Die Explosionskatastrophe von Neunkirchen [S. 1, oben, rechts]
Ueber 100 Tote und mehr als 2000 Verletzte

Berlin, 12. Februar (Tel. d. „Tag“). Ueber die Explosionskatastrophe in Neunkirchen im Saargebiet, bei der über hundert Menschen ums Leben kamen, werden schreckliche Einzelheiten berichtet. Das Explosionszentrum gleicht einem Trümmerhaufen. Die Straße Saarbrücken, in der sich die Explosion ereignete, ist in einer Länge von einem Kilometer verwüstet; 28 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht. Das Elektrizitätswerk wurde ebenfalls von der Explosion vernichtet, sodaß die Bergungsarbeiten im Lichte der Explosionsflammen durchgeführt werden mußten. Als die Flammen abnahmen, konnten die Rettungsarbeiten nicht weiter fortgesetzt werden.
Bis gestern abends wurden 62 Leichen geborgen, jedoch ist anzunehmen, daß sich noch ungefähr 100 Leichen unter den Trümmern befinden. Die Zahl der Schwerverletzten beträgt über 2000.

Der Sachschaden ist ungeheuer groß, konnte aber bis jetzt noch nicht genau festgestellt werden. Die 28 Häuser, die sich in der Saarbrückenstraße befanden, sind vom Erdboden verschwunden. Auch alle anderen Häuser in Neunkirchen wurden beschädigt. Infolge der Explosion sind auch viele Geschäftsauslagen vernichtet worden.
Mehrere Automobile, die sich während der Explosion in Fahrt befanden, wurden infolge des starken Explosionsdruckes fortgeschleudert, die Insassen fanden den Tod.
Neun Koksfabriken und eine andere Industrieanlage wurden vollkommen vernichtet. Die Eisenindustrie ist nun in ihrer weiteren Tätigkeit behindert, da der Wiederaufbau der Fabriken mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen wird.

4000 Arbeiter sind durch diese Katastrophe arbeitslos geworden
Der Verwaltungsrat des Industriekonzerns Otto Wolf wurde zu einer außerordentlichen Sitzung einberufen, um die Maßnahmen zu besprechen, die nun zu ergreifen sind, damit die vielen Arbeiter nicht brotlos bleiben.

Ein Augenzeuge der Katastrophe
erzählt: „Man konnte während der Explosion erschütternde Szenen sehen. 500 Arbeiter waren mit den Bergungsarbeiten beschäftigt und auch nicht eine Minute ruhten ihre Hände. Neben vielen Häusern sah man die Leichen von Vater, Mutter und Kindern. Man hörte Hilferufe aus vielen Teilen der Straße und die Arbeiter bemühten sich, den Betroffenen zu Hilfe zu kommen.
Ein Kranker, der von der Explosion in seinem Bett verschont blieb, ist infolge des Schreckens wahnsinnig geworden und mußte ins Krankenhaus überführt werden.
Aerzte und sonstiges Hilfspersonal sind nicht nur aus Saar, sondern auch aus der Pfalz angekommen, um den Verunglückten erste Hilfe zu leisten.
Der explodierte Gasometer, der größte des Saargebietes, war eine der modernsten europäischen Einrichtungen und wurde von der Fabrik Mann hergestellt. Er hatte eine Länge von 86 Meter und eine Höhe von 80 m. Er enthielt 120.000 cbm Gas.
Die Ursache der Explosion ist bisher unbekannt.

Der Papst unterstützt die Betroffenen
Neunkirchen, 12. Februar (Tel. d. „Tag“). Nach den letzten Meldungen beträgt die Zahl der Opfer bei der Explosionskatastrophe 66.
Der Papst hat an den Bischof von Trier eine bedeutende Geldsumme zur Unterstützung der Betroffenen übersandt. Hindenburg hat 100.000, die Reichsregierung gleichfalls 100.000 RM. für die Hinterbliebenen der Opfer gespendet.

(330214w1)
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Historischer Verein Stadt Neunkirchen e. V.


Alle kommunistischen Organisationen aufgelöst [S. 1, rechts, Mitte]
Bukarest, 12. Februar. Das Bukarester Militärkommando hat auf Grund des Gesetzes über den Belagerungszustand verfügt, dass sämtliche kommunistische Organisationen, es sind deren 12, aufgelöst werden. Es handelt sich um die Syndikate der Eisenarbeiter, der Studentenorganisation, der „Roten Hilfe“, den kommunistischen Leitungsausschuss, die Antikriegsorganisation u. a.

(330214r1)


Seite 2

Razzien und Hausdurchsuchungen [S. 2, unten, Mitte, links]
Auf Grund der Verfügung des Ministeriums über die sofortige Auflösung der kommunistischen Organisationen haben die Polizeibehörden auch hier Samstag und Sonntag nachts Hausdurchsuchungen und Razzien in allen Teilen der Stadt unternommen. Am Samstag dauerten die Razzien bis um 6 Uhr morgens und wurden sowohl vom Personal der Sigurantza als auch von der Polizeiquästur unter Leitung des Generalinspektors Anghelescu, des Polizeiquästors Gussi und des Quästursekretärs Dr. Kuczinsky vorgenommen.
Es wurde eine Hausdurchsuchung bei Advokaten Hitzig, beim Herausgeber der „Welt“ Korn, sowie bei einigen anderen Personen, die bei der Polizei als Kommunisten verdächtigt sind, vorgenommen.

(330214c2)
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Nr. 276, Mittwoch, 15.02.33

Postby Klaus Binder on 13. February 2011, 23:36

Seite 1

Dynastisch oder republikanisch? [S. 1, oben, links]
Die nationalzaranistische Partei vor der Entscheidung

Bukarest, 13. Februar (Tel. des „Tag“). Der Konflikt innerhalb der nationalzaranistischen Partei spitzt sich stündlich zu. Jetzt wird bekannt,
daß die ablehnende Haltung Manius gegenüber der Krone von maßgebenden Mitgliedern der Partei mißbilligt wird. Diese Kreise erklären, daß sie es nicht zugeben würden, die Partei in ein republikanisches Fahrwasser gleiten zu lassen.
Diese wichtige Angelegenheit wird im Leitungsausschuß der Partei zur Sprache gebracht und eine Klärung herbeigeführt werden. Auch der König wird über die Situation durch den gewesenen Minister Perieteanu informiert werden. In dieser entscheidenden Sitzung wird von der genannten Gruppe verlangt werden, daß jede Unklarheit in der Haltung der Partei beseitigt werden [wird], da es sonst den Eindruck erwecken könnte, als neige die ganze nationalzaranistische Partei dazu, eine republikanische Partei zu werden.
Eine Entscheidung wird noch in dieser Woche erwartet. Der Leitungsausschuß wird zusammentreten, ohne die Ankunft Manius oder Mihalaches abzuwarten. Es heißt, daß Maniu sich diesmal endgültig von der Leitung der Partei zurückziehen soll. In diesem Falle wird Vaida Voevod, der eine antidynastische Aktion nicht gutheißt, zum Präsidenten gewählt werden. Dieser Aktion haben sich bereits die Minister Mirto, Mihai Popovici, V. Nitescu, Hatiegan und Potarca angeschlossen. Es wird eine energische Desavouierung der republikanischen Gesinnung erfolgen.

Da auch die Parteigruppe, die zu Maniu hält, sehr stark ist, kann es leicht zu einer Spaltung der Partei kommen. Jedenfalls wird eine Entscheidung in dieser Angelegenheit allgemein mit höchster Spannung erwartet.

(330215r1)


Korridorfrage wird diskutiert [S. 1, oben, rechts]
London, Paris und Warschau über Hitlers Außenpolitik erregt

London, 13. Februar (Tel. des „Tag“). Der „Daily Express“ nimmt zu der von Hitler gegenüber dem Korrespondenten des „Sunday Express“, dem Oberst Etherton, kundgegebenen Ansichten über die Außenpolitik Deutschlands Stellung. Der „Daily Express“ beschäftigt sich hauptsächlich mit der von Hitler ausgesprochenen Meinung in der Korridorfrage. Hitler sagte in jenem Interview: „Der polnische Korridor muß uns zurückgegeben werden.“ Der „Daily Express“ bemerkt hiezu:

Hitlers Forderung schafft eine Lage von allererster politischer Bedeutung. Die Ansichten des Parteichefs Hitler, wenn sie auch ins Extreme gehen, hätten bis jetzt übergangen werden können; was aber jetzt der Reichskanzler Hitler erklärt, sei eine Forderung des Reiches. Allerdings sei festgestellt, sagt das englische Blatt weiter, daß der Korridor in überwiegender Mehrzahl von Deutschen bewohnt ist und in den 13 Jahren, seitdem der Korridor polnisch ist, die deutsche Mehrheit nicht zurückgedrängt werden konnte. Polen habe wegen dieses Korridors viele Millionen für die Erhaltung einer Armee ausgegeben, und Frankreich habe seinerzeit für einen Ring von Staaten gesorgt zum Schutze dieses Korridors. Die Korridorfrage ist ungesund für Europa.

Warschau abwartend
Warschau, 13. Februar (Tel. des „Tag“). Die Presse befaßt sich mit dem Interview Hitlers über die Korridorfrage, die die Oeffentlichkeit nicht so erregt, wie die von Paris ausgestreuten Mitteilungen über das deutsch-ungarisch-italienische Bündnis. Bisher hat ein Teil der Presse mit Hitler sympathisiert, weil er nach polnischer Meinung der Mann ist, der den Kommunismus in die Schranken weisen kann. Doch auch diese Neigung für Hitler ist verraucht. In Hitler sehen die Polen den größten Gegner auf deutscher Seite, den sie bisher hatten.

(330215w1)


Das Gespenst der Hohenzollern [S. 1, oben, rechts]
Paris, 13. Februar (Tel. des „Tag“). Der „Matin“ schreibt: Hitler hat in seinem Interview über die Auslandspolitik erklärt: Von einer Rückkehr der Hohenzollern kann keine Rede sein; wer aber kann, fragt das Blatt, Deutschland, noch dazu einem Deutschland unter Hitler trauen?!

(330215w1)


Seite 2

Leichenbegängnis Prof. Gherasim [S. 2, unten, links]
Sonntag wurden die sterblichen Ueberreste des so jung verstorbenen, allseits geschätzten und geachteten Universitätsprofessors Dr. Gherasim zu Grabe getragen. Die ungeheure Menschenmenge, die sich zum großen Teile aus den hervorragendsten Persönlichkeiten unserer Stadt zusammensetzte, beweist, welch wertvoller Mensch der Verblichene war. Am Grabe sprachen Pfarrer Hostiuc, die Universitätsprofessoren T. Braileanu, Nandris und Marmeliuc, Direktor Tudan und die Studenten Opait und Gramada, die die hohen Verdienste, deren sich der Verstorbene um Wissenschaft und Literatur und als ein seelenguter Mensch erworben hatte, hervorhoben.

(330215t2)


„Kommunistische Broschüren“ [S. 2, oben, rechts]
Wie bereits berichtet, nahm Samstag nachts die Polizei Hausdurchsuchungen bei mehreren des Kommunismus verdächtigten Personen vor und soll viel belastendes Material beschlagnahmt haben, das dem Militärgericht eingehändigt werden wird. Wie wir aus authentischer Quelle erfahren, wurden beim Herausgeber der „Welt“, Korn, mehrere Exemplare folgender, in sämtlichen Verschleißstellen des Reiches erhältlicher Zeitschriften konfisziert: der regelmäßig erscheinenden Bukarester Arbeiterzeitung „Aparatorul“, der Iaser unabhängigen Zeitung „Nu“, der „Viata Universitara“ und „Actiunea studenteasca“, des sozialdemokratischen Organs „Der junge Kämpfer“, der Arbeiterzeitung „Frontul“ ec., ferner einige Nummern des „Buletinul antirazboinic“, des Organs der rumänischen Antikriegsbewegung, deren Leiter der Theologieprofessor der Jassyer Fakultät Constantinescu-Iasi ist und zu deren ständigen Mitarbeitern Albert Einstein, Romain Rolland und Henry Barbusse zählen. Außer diesen durchwegs legalen Zeitschriften, einige Nummern der „Welt“ und einer Anzahl von Ausschnitten aus der „Vossischen Zeitung“ und dem „Berliner Tagblatt“ fanden es die Agenten auch für geraten, ein Käthe Kollwitz-Album und die vom zaristischen Weißgardisten Miljukow verfaßte „Geschichte der zweiten russischen Revolution“, ein Buch mit deutlicher antisowjetischer Tendenz, zu beschlagnahmen.

(330215c2)


Seite 4

Frankreich beharrt: [S. 4, Mitte]
Deutsch-italienisch-ungarisches Militärbündnis besteht!
Paris, 13. Februar (Tel. des „Tag“). Im Zusammenhang mit den sensationellen Enthüllungen Herriots über geheime Militärabkommen zwischen Deutschland, Italien und Ungarn, die von den maßgebenden Stellen dieser Länder dementiert werden, wird heute von französischer autorisierter Seite präzisiert, es sei erwiesen, daß solche geheime Abkommen tatsächlich abgeschlossen wurden. Es handelt sich um bereits unterzeichnete geheime Militärbündnisse, defensiven und offensiven Charaters, die einerseits zwischen Deutschland und Ungarn, andererseits zwischen Italien und Ungarn abgeschlossen wurden. Diese unleugbaren Tatsachen von schwerwiegendster Bedeutung werden der französischen Politik des Entgegenkommens und der Duldsamkeit ein Ende bereiten.
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Nr. 277, Donnerstag, 16.02.33

Postby Klaus Binder on 15. February 2011, 16:33

Seite 1

Japan marschiert [S. 1, Mitte]
London, 14. Februar (Tel. des „Tag“). Der Kriegsberichterstatter der „Daily Mail” meldet aus Tokio: Der Vormarsch der Japaner in Jehol dauert an. Zur Zernierung der nächsten befestigten Stadt wurden 20.000 Japaner zusammengezogen.
Ein Vertreter des Kriegsministeriums erklärte heute:

Japan wird sich an den Beschluß des Völkerbundes nicht halten. Wenn Japan durch die Entscheidungen von Genf in seinen Handlungen irritiert wird - ich will nicht die Folgen ausmalen, aber der Keim zu einem neuen Weltkrieg ist gegeben.

Amerikas Flotte manövriert
In Tokio erregen die Manöver der amerikanischen Flotte im Stillen Ozean, welche soeben angeordnet wurden, große Ueberraschung. Die japanische Presse spricht von einer Herausforderung an die Adresse Japans und erklärt: Das weitere Verbleiben der amerikanischen Kriegsflotte in der Nähe der japanischen Inseln gefährdet den Weltfrieden.

Japan scheidet von Genf
Tokio, 14. Februar (Tel. des „Tag“). Der Kaiser von Japan hat neue Weisungen, für die Vertreter in Genf bestimmt, unterschrieben. Der japanische Vertreter wird nunmehr endgültig im Auftrage seiner Regierung feststellen, dass Japan die einmal ausgesprochene Anerkennung der Mandschurei nicht mehr rückgängig machen könne und es bedauere, aus dem Völkerbund auszutreten.

Amerika bestürzt. - Kriegsausbruch bevorstehend
Genf, 14. Februar (Tel. des „Tag“). In amerikanischen Kreisen ist man über die Wendung in der mandschurischen Frage sehr besorgt. Wie das Reuterbüro aus amtlichen Stellen erfährt, befürchtet man, dass nunmehr der Krieg im Osten unvermeidlich ist, nachdem alle Bemühungen, den Streit friedlich beizulegen, gescheitert sind. Man rechnet mit der Möglichkeit, dass die Chinesen schon heute die Blockade gegen die japanische Einfuhr verhängen werden. Die Antwort Japans wird die offizielle Kriegserklärung sein.

(330216w1)


Der Eisenbahnerstreik in Cluj [S. 1, oben, rechts]
Zusammenstöße mit dem Militär

Bukarest, 14. Februar (Tel. des „Tag“). Der Eisenbahnerstreik in Cluj nimmt ernste Formen an. Ungefähr 2000 Arbeiter haben sich im Innern der Eisenbahnwerkstätte verbarrikadiert und wollen das Gebäude nicht räumen. Soldaten umzingelten heute die Eisenbahnwerkstätte und als ihnen nicht gutwillig geöffnet wurde, drangen sie mit Gewalt ein. Die Arbeiter setzten sich mit Wasserschläuchen zur Wehr. Schließlich gelang es, die Arbeiter zur Räumung der Eisenbahnwerkstätte zu verhalten.
Ungefähr 500 Arbeiter demonstrierten nachher auf den Straßen und schlugen dabei einige Fensterscheiben und Auslagen ein. Wie es heißt, sollen sich die Arbeiter der anderen Fabriken bereit erklärt haben, sich den Streikenden anzuschließen. Die Behörden nahmen einige Verhaftungen vor.
Nach einer hier eingetroffenen Meldung, sollen die Arbeiter sogar zehn Eisenbahningenieure als Geiseln gefangen gehalten haben, um so ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen.
Man erwartet von Stunde zu Stunde die Verhängung des Belagerungszustandes über die Stadt.

(330216r1)


Seite 2

Tiere hungern [S. 2, oben, links]
Auf dem Redaktionstisch liegt ein Jammerbrief des Direktors Gottlieb Kludsky: Meine Tiere hungern ....
Ursache: die Krise, aber noch einiges dazu: die Steuern, die Abgaben, auch städtische Steuern.
Existenzen sind in Gefahr, Menschen und Tiere!!
Bevor Kludsky nach Rumänien kam, sicherte er sich eine Ermäßigung der Bahntarife und eine Reduzierung der Spektakelsteuer. Auf diesen zwei Verträgen fußend, ist erst das Gastspiel für Rumänien zustande gekommen. Die Bahn hielt den Vertrag, der Fiskus aber ignorierte das abgeschlossene Uebereinkommen.
Dasselbe Schicksal hatte übrigens auch das Unternehmen der Gebrüder Kludsky, die von der Czechoslowakei im Frühjahr nach Bukarest reisten. Die Lustbarkeitssteuer war, wie ein amtliches Dokument des Finanzministeriums es beweist, von 32 auf 16 Prozent herabgesetzt worden. In Bukarest eingetroffen, galt das Dokument nichts, und die Direktion mußte während der Spielzeit eine Mehrabgabe von 900.000 Lei zahlen. Sie protestierte, wir wissen hier nicht, ob mit Erfolg, es droht auch ein Prozeß, denn Verträge müssen eben Verträge sein. Auch gegenüber einem Zirkusunternehmen gilt der Vertrag.
Dieser Gottlieb Kludsky, ein Stück der Kludsky-Tradition, ist infolge der allgemeinen Verhältnisse und der Spezialverhältnisse, die durch die unrichtig angewendete Steuerschraube heraufbeschworen wurden, mit seinem Unternehmen, mit allen Mann und Tieren an Bord, in Czernowitz festgenagelt worden.
Er konnte im November nicht von hier weiter. Er schildert, wie die Wassersteuer ihn drückt, die Krankenkasse ihn quält, er schildert vieles, was eben ein fremdes reisendes Unternehmen doppelt so schwer als das einheimische empfindet - - er fühlt sich im Unrecht.
Artisten wurden entlassen, sie suchen ihr Brot anderswo, aber der Stall kann nicht entlassen werden, Pferde, wilde Tiere und das dazu gehörende Begleitpersonal.
Die Direktion hilft sich mit der Aufnahme von Schulden. Sie verpfändet ihre Zelte und Requisiten. Kludsky nennt eine Summe von 300.000 Lei, die er sich bisher für die Erhaltung der Tiere ausborgen muß.
Es geht nicht mehr! Hilfe muß gebracht werden! Er verlangt Rekompensation für die mehrgeleistete Lustbarkeitssteuer, Magistrat und Krankenkasse sollen nachsichtiger sein.
Der Notschrei darf nicht ungehört bleiben.
Man darf Menschen nicht hungern lassen, noch weniger darf man Tiere hungern lassen.
[ b]Pagat[/b]

(330216c2)
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http://www.elephant.se/location2.php?location_id=311
(Seltam ist die Bemerkung: „But the circus became heavily taxed, and the costs of keeping such a large show and so many animals, created economy problems, in the communistic Bohemia.“ Böhmen in der 30er Jahren "kommunistisch"?)



Nur rumänische Straßennamen [S. 2, oben, links]
Die Primaria erhielt gestern seitens des Divisionskommandos eine Zuschrift, in welcher auf Grund des Gesetzes über den Belagerungszustand verlangt wird, daß sie die periodischen Druckschriften (Zeitungen) auffordere, in ihren Berichten nicht die früheren deutschen, sondern die offiziellen rumänischen Straßennamen anzugeben.

(330216i2)


Todesfälle [S. 2, Mitte, unten, links]
Dienstag starb in Zastawna die Großgrundbesitzersgattin Frau Louise Weißglas geb. Weißelberg, im Alter von 71 Jahren. Das Leichenbegängnis findet heute in Zastawna statt. - Im Alter von 71 Jahren starb Dienstag Herr Dawid Altmann, Mitinhaber der Firma „Blanaria Lipsca“. Das Leichenbegängnis fand gestern vom Trauerhaus strada 11 Noemvrie 3 a unter großer Beteiligung statt.

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Seite 3

Das Urteil im Prozeß Fenster contra Dr. Goldfrucht [S. 3, Mitte, oben, links]
Dr. Goldfrucht zu 25.000 Lei Strafe verurteilt

Präs.: Plitter
Heute fand in der Strafabteilung des Bezirksgerichts die Urteilsverkündung im Prozesse, den Frau Ernestine Fenster gegen Dr. Bernhard Goldfrucht angestrengt hat, statt. Dr. Goldfrucht wurde der Vernachlässigung seiner gesetzlichen Pflichten als Hausherr für schuldig gefunden und zu 5 Tagen Arrest, die in eine Geldstrafe von 25.000 Lei verwandelt wurden, verurteilt. Dr. Goldfrucht meldete gegen dieses Urteil die Nichtigkeitsbeschwerde an.

(330216c3)
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• näheres im ➞ Tag Nr. 274 vom 12.02.33, Seite 7
Klaus Binder
 
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Nr. 278, Freitag, 17.02.33

Postby Klaus Binder on 16. February 2011, 02:15

Seite 1

In Bukarest neuer Eisenbahnerstreik [S. 1, oben, links]
4000 Arbeiter im Ausstand

Bukarest, 15. Februar (Tel. des „Tag“). Nach Cluj sind nun auch die Arbeiter der Eisenbahnwerkstätte der Hauptstadt „Grivita“, 4000 an der Zahl, in den Streik getreten. Die unmittelbare Ursache für den Streik soll in der Verhaftung einiger Arbeiterführer liegen.

Die Arbeiter hatten die Eisenbahnwerkstätte besetzt und wollten diese nicht verlassen. Erst nach langen Verhandlungen zwischen einer Delegation der Arbeiter und den Vertretern der Behörden wurde die Eisenbahnwerkstätte geräumt.
Es fand hernach eine Beratung zwischen Verkehrsminister Mirto und dem Direktor der Eisenbahnwerkstätte statt, in der die Sperre der Werkstätte bis Freitag beschlossen wurde.
Auch in anderen Teilen des Reiches wurden Arbeiterführer, unter ihnen auch Kommunisten, verhaftet.
In Constanta hat ein Kommunistenführer, dessen Verhaftung bevorstand, Selbstmord begangen. Zu Zusammenstößen kam es nirgends. Auch in der Hauptstadt verlief der Eisenbahnerstreik bis jetzt in voller Ruhe.

Die Eisenbahnwerkstätte nicht geräumt
Kurz vor Redaktionsschluß (1 Uhr nachts) erhalten wir aus Bukarest die telephonische Mitteilung, daß die Eisenbahnarbeiter die Werkstätte „Grivita“ bis zur Stunde nicht verlassen und sich dortselbst verbarrikadiert haben. Es wurden aber keine Maßnahmen ergriffen, um eine gewaltsame Räumung der Werkstätte durchzuführen. Lediglich starke Militärtruppen sind um die Werkstätte postiert, um die Ruhe und Ordnung aufrechterhalten und bei eventuell sich ereignenden Zwischenfällen einschreiten zu können.

Die Arbeiterunruhen in Cluj
Kritische Situation

Bukarest, 15. Februar (Tel. des „Tag“). Ueber die Vorgänge in Cluj sind hier noch folgende ergänzende Meldungen eingetroffen.
Die Hauptursache des Streiks in der Eisenbahnwerkstätte war die Forderung nach Wiederaufnahme der vierzehn kommunistischen Arbeiter, die gelegentlich des letzten Streiks entlassen worden waren. Als diese Forderung nicht erfüllt wurde, verbarrikadierten sich die in den Streik getretenen Arbeiter, ungefähr 2000 an der Zahl, in der Eisenbahnwerkstätte und wollten von dort nicht weichen. Besonders waren es die kommunistischen Arbeiter, die unter keinen Umständen nachgeben wollten und auch auf die anderen Arbeiter einwirkten, die Arbeit nicht früher aufzunehmen, als bis ihre Forderungen nicht erfüllt werden.

Streikende verlangen Arbeiterräte
Die Streikursache hat aber auch einen politischen Hintergrund. Die Arbeiter waren darüber ungehalten, daß die behördliche Auflösung der Organisationen „Rote Hilfe“, das Arbeitersyndikat der Eisenbahner, die kommunistische Jugendorganisation sowie die „Hilfe für kommunistische Arbeiter“ angeordnet wurde. Außerdem wurden bei diesen Organisationen, ebenso in mehreren Privatwohnungen Hausdurchsuchungen vorgenommen.
In dem an die Direktion der Eisenbahnwerkstätte überreichten Memorandum wird die 
Anerkennung eines Arbeiterrates verlangt, als aber diese Forderung abgelehnt wurde, erklärten die Arbeiter, weiter im Streik zu verbleiben.
Es wurde sofort das 83. Regiment zur Eisenbahnwerkstätte delegiert. Gleichzeitig erschien auch der Direktor der Werke Ingenieur Ostrogovici an Ort und Stelle und versuchte mit den streikenden Arbeitern hinter geschlossenen Türen zu verhandeln.
Es tut mir leid, sagte der Direktor, nachdem ich immer für Recht gekämpft habe, nun hinter verschlossenen Türen mit den Arbeitern verhandeln zu müssen. Schließlich betonte der Direktor, daß die Forderungen der Arbeiter zum großen Teil erfüllt wurden. So wurde die 40-Stundenwoche eingeführt, den Arbeitern Vorschüsse für die Steuerzahlungen bewilligt und schließlich auch zugestanden, daß den Lehrlingen, die eine Handwerksschule besuchen, ein Vorschuß für Kleider in der Höhe von 1800 Lei bewilligt wird.
Die anderen politischen Forderungen konnten nicht erfüllt werden, da sonst die Wiedereröffnung des Kommunistensyndikates sich zwangsläufig ergeben hätte.
Als Antwort auf diese Rede wurden Rufe laut: Wir wollen das alles nicht. Wir wollen unser professionelles Syndikat zurück. Darauf Direktor Ostrogovici: Das habet ihr, aber das Kommunistensyndikat bleibt geschlossen!
Inzwischen erschienen auch die Vertreter der Behörden an Ort und Stelle und sorgten für die Aufrechterhaltung der Ruhe. Schließlich gelang es die Arbeiter zu bewegen, die Werkstätte zu verlassen

Zusammenstöße mit den Demonstranten
Als sich die meisten Arbeiter zerstreuten, demonstrierten ungefähr 200 kommunistische Arbeiter auf den Straßen Bucovinei, Regele Ferdinand und auf dem Ringplatz. Es kam zu Zusammenstößen mit den Polizeibehörden, worauf 30 Arbeiter verhaftet wurden.
Die kommunistischen Arbeiter der Eisenbahnwerkstätte suchten auch auf andere Arbeiter einzuwirken, sich dem Streik anzuschließen. Und tatsächlich sind die Arbeiter in den Streik getreten.
Zu bemerken wäre noch, daß die kommunistischen Arbeiter einige Eisenbahningenieure mehrere Stunden lang gefangen hielten.
Unter den Demonstranten befanden sich auch ungefähr 300 Arbeitslose, durchwegs Jugendliche, ferner auch 400 Arbeiter von verschiedenen Fabriken. Sie versuchten zur Eisenbahnwerkstätte vorzudringen, wurden aber von der Polizei daran gehindert.

Arbeiter wollen Fabriken besetzen
Zu Zusammenstößen kam es auch bei der Lederfabrik Renner, wo die Demonstranten das Fabrikstor demolierten. Hier wurden zwei Polizisten schwer verletzt.
Die Demonstranten begaben sich dann zur Fabrik „Dermata“ und drangen in das Innere derselben ein. Direktor Dr. Farkas stellte sich ihnen entgegen und fragte die Arbeiter, was sie wollen. Sie erwiderten: Wir wollen die Arbeiter ihrer Fabrik bewegen, auch in den Streik zu treten.
Der Direktor ordnete sofort die Stillegung der Fabrik an.

Noch kein Belagerungszustand
Durch das umsichtige Vorgehen der Behörden gelang es die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen, so daß die Militärkräfte von der Eisenbahnwerkstätte wieder zurückgezogen werden konnten.
Der Chef des großen Generalstabes, Oberst Racovita erklärte, daß bis zur Stunde der Belagerungszustand über Cluj nicht verhängt wurde. Auch der Minister für Siebenbürgen, Emil Hatieganu, der sich seit mehreren Tagen in Cluj aufhält, erklärte, daß vorläufig keine Notwendigkeit bestehe, den Belagerungszustand über Cluj zu verhängen. Auch aus Kreisen der Regierung kam die gleiche Erklärung.
Trotzdem erwartet man stündlich die Verhängung des Belagerungszustandes, da die unruhige Stimmung unter der Arbeiterschaft andauert.

Statut der Eisenbahner vom Senat abgeändert
Die Senatskommission trat gestern zu einer Sitzung zusammen und beschloß, am Statut der Eisenbahnarbeiter Abänderungen vorzunehmen, um so die Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten zu können. So wird bestimmt, daß Arbeiter von nun an nur dann in den Eisenbahndienst aufgenommen werden, wenn sie einen Nachweis erbringen, daß sie keiner antinationalen Organisation angehören. Weiters muß die Erfüllung der Militärpflicht sowie das Recht zur Ausübung der bürgerlichen und politischen Rechte nachgewiesen werden.
Ernennungen im Eisenbahndienst können nicht mehr durch königliches Dekret, sondern nur durch einen Minister- oder Direktionsbeschluß vorgenommen werden.
Es wurde auch eine spezielle Eidesformel für Eisenbahnarbeiter aufgenommen, in der es heißt, daß die Eisenbahnarbeiter dem König Treue schwören und sich verpflichten, gemäß der Verfassung und der bestehenden Gesetze ihr Amt auszuüben.
Für den Außendienst wurden die Arbeitsstunden von 240 auf 230 Stunden reduziert. Die Wohnungszulagen wurden in der neuen Fassung des Statuts erhöht.
Schließlich wird den Beamten verboten, sich an politischen Manifestationen zu beteiligen. Die illegal ernannten Beamten werden sofort aus dem Dienst entlassen. Für die Beamten im allgemeinen soll eine neue Inkadrierung erfolgen. Die in Jassy verhafteten 32 Kommunisten wurden dem Militärgericht überstellt und sind in den Hungerstreik getreten.

*
Auch in Jassy Streik
Bukarest, 15. Februar (Tel. des „Tag“). Wie der „Curentul“ berichtet, sind die Eisenbahnarbeiter in Jassy trotz des Belagerungszustandes in den Streik getreten und haben sich in den Ateliers verbarrikadiert. Der Streik ist darauf zurückzuführen, daß einer ihrer Führer namens Pintilie freigelassen und man ihre anderen Forderungen, die von den Arbeitern in Bukarest und Cluj formuliert wurden, erfüllen würde.
Mehrere Arbeiter hielten an die versammelte Menge Reden und protestierten gegen den Belagerungszustand.
Da die Behörden sich überzeugt haben, daß die kommunistische Propaganda in den Orten, wo kein Belagerungszustand besteht, jetzt intensiver betrieben wird, ist es möglich, daß die Regierung denselben weiter ausdehnen wird.

(330217r1)


Japans Vormarsch beginnt: 27. Feber [S. 1, rechts, Mitte]

Tokio, 15. Februar (Tel. des „Tag“). Der japanische Vormarsch in Jehol wurde auf den 27. Februar festgelegt. Die Chinesen erklären nunmehr offiziell, daß sie das weitere Vordringen mit Waffengewalt verhindern werden.

Genf, 15. Februar (Tel. des „Tag“). Aus Tokio kommt die amtliche Nachricht, daß der japanische Vertreter aus Genf die Weisung erhielt, den Abbruch der Verhandlungen dem Völkerbund zu notifizieren.

Amerikaner mit Genf einverstanden
Genf, 15. Februar (Tel. des „Tag“). Die Haltung des Völkerbundes in der Mandschureifrage findet in Washington Zustimmung, und es heißt sogar, daß die Vereinigten Staaten die Aktion des Völkerbundes unterstützen wollen, trotzdem bisher Washington der Ansicht war, daß Strafmaßnahmen gegen Japan unangebracht wären.

Hingegen spricht sich der Schöpfer des Mandschureigutachtens, Lytton, gegen die Ergreifung von Wirtschaftsmaßnahmen aus. Solche Sanktionen anwenden, hieße sagt, er, nichts anderes, als eine grausame Formel anwenden. Man dürfe nicht durch Krieg den Frieden schaffen. Denn ein Wirtschaftskrieg richtet sich gegen Zivilbevölkerung, und einen solchen Krieg darf die Menschheit nicht dulden.

(330217w1)


Seite 2

Die erste Auswirkung des Belagerungszustandes in unserer Stadt [S. 2, oben, links]
Massenverhaftung von politisch verdächtigen Personen

In der Nacht auf Mittwoch unternahm die Sigurantza Hausdurchsuchungen bei einer Reihe von Personen, die unter dem Verdachte stehen, kommunistischen Organisationen anzugehören und für die kommunistische Idee tätig zu sein. Auf Grund des gefundenen Materials wurden mehr als 60 Personen verhaftet und vorläufig im Polizeigefängnis untergebracht. Außer einer großen Zahl von Jugendlichen, die bisher in Kommunistenprozesse verwickelt waren und auf Grund mangelnder Beweise freigesprochen wurden, befinden sich unter den Verhafteten auch die Advokaten Dr. Frenkel, Dr. Hitzig und Stein, die als Verteidiger in Kommunistenprozessen fungierten sowie der Herausgeber der „Welt“ Korn. Sollte die durchzuführende Untersuchung eine Schuld der Verhafteten ergeben, so werden sie, wie verlautbart, nach Jassy überstellt werden, wo von den Militärinstanzen das Verfahren durchgeführt werden soll. Im Laufe des gestrigen Tages sollen Dekan Dr. Radulescu und Dr. Kißmann bei der Staatsanwaltschaft für die verhafteten Advokaten interveniert haben.

*
Wie wir hiezu erfahren, wurden auch in Kotzman Hausdurchsuchungen vorgenommen und auf Grund dieser u. a. der Arzt Dr. Silber verhaftet und in das Czernowitzer Polizeigefängnis eingeliefert.

(330217c2)
Klaus Binder
 
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Nr. 279, Samstag, 18.02.33

Postby Klaus Binder on 16. February 2011, 12:09

Seite 1

Attentat auf Roosevelt [S. 1, oben, links]
Der Chicagoer Bürgermeister Cermak schwer verletzt
Der Attentäter ein italienischer Anarchist


Chicago, 16. Februar (Tel. des „Tag“). Auf Roosevelt wurde gestern ein Attentat unternommen, das misslungen ist, hingegen wurde der Bürgermeister von Chicago Cermak, ein geborener Czeche, der im vergangenen Sommer seine Heimat besuchte, durch einen Schuss in die Brust lebensgefährlich verletzt. Durch weitere Schüsse des Attentäters wurden fünf Personen aus der nächsten Umgebung Roosevelts verletzt. Der Anschlag erfolgte, als Roosevelt im Seebad Meiney [Miami] vom Auto aus vor ungefähr 50.000 Menschen eine Rede hielt.

Der Attentäter
konnte sogleich festgenommen werden. Er ist 33 Jahre alt, Italiener, bekennt sich als Anarchist, heisst Cigari [Giuseppe Zangara] und erklärte, dass das Attentat nur gegen Roosevelt gerichtet war; er bedauere, dass er Cermak getroffen habe. Nach seinen eigenen Mitteilungen habe er bereits im Vorjahre ein Attentat gegen den König von Italien geplant.
Präsident Roosevelt begab sich unmittelbar nach dem Attentat ins Krankenhaus. Er konnte Cermak nicht sehen, weil der Bürgermeister sofort einer Operation unterzogen werden musste. Sein Zustand ist sehr ernst, jedoch nicht hoffnungslos.
Der Präsident Hoover richtete an Roosevelt ein Telegramm, in welchem er der Freude der Bevölkerung der Vereinigten Staaten Ausdruck verlieh, dass Roosevelt am Leben blieb, und er bittet, ihm über den Zustand des schwerverletzten Cermak fortlaufend zu berichten.

Panik
Die Nachricht vom Attentat auf Roosevelt hat auch eine Panik in den Börsen ausgelöst.

Die erste Einvernahme
Das versuchte Attentat auf den amerikanischen Staatspräsidenten hat die größte Sensation ausgelöst. Sämtliche Staatsoberhäupter Europas sendeten Glückwunschtelegramme.

Bei seiner ersten Einvernahme erklärte der Attentäter, es täte ihm leid, den Staatspräsidenten nicht getroffen zu haben. „Roosevelt ist mir zwar sehr sympathisch, ich kann aber Staatspräsidenten nicht leiden.“ Er hätte auch den italienischen König ermorden wollen, hatte aber hiezu noch keine Gelegenheit.
Die Einvernahme des Attentäters ließ den Eindruck erwecken, daß man es mit einem Geistesgestörten zu tun hat. Er erklärte, wenn er Magenschmerzen habe, nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein. Wie weiter bekannt wird, hat eine Dame aus der Gesellschaft Roosevelts dem Präsidenten durch rechtzeitig erkannte Gefahr, indem sie Roosevelt auf die Seite zog, das Leben gerettet.

(330218w1)
_____
http://en.wikipedia.org/wiki/Giuseppe_Zangara
http://www.youtube.com/watch?v=dgu-gM-t-Fs
• Man beachte, daß ➞ Franklin D. Roosevelt im November 1932 gewählt wurde, aber erst im März 1933 sein Amt antritt.



Panik auf der New Yorker Börse [S. 1, unten, links]
Die Auswirkungen des Moratoriums in Michigan

New York, 16. Februar (Tel. des „Tag“). Das den Banken von Michigan für acht Tage gewährte Moratorium hat auf der Wallstreet die größte Panik ausgelöst. Michigan ist das bedeutendste Industriezentrum, und die dort bestehenden Automobilfabriken werden von 400 Banken finanziert. Die Regierung hat sofort die notwendigen Schritte eingeleitet und erwirkt, daß sich das Moratorium nur auf die Banken von Michigan beschränkt. Gleichzeitig ist die Regierung der Bank „Union Gordian Trust“ mit einem Kredit von 23 Millionen Dollar beigesprungen, damit die Fordwerke, die von dieser Bank finanziert wurden, nicht stillgelegt werden müssen.
Die „Federal Reserve Bank“ hat heute einen Goldtransport in der Höhe von 20 Millionen Dollar nach Michigan abgehen lassen, um den Banken finanziell aufzuhelfen und zu verhindern, daß auch andere Staaten in Mitleidenschaft gezogen werden. Auf der Börse von Detroit hat sich das Moratorium gleichfalls ungünstig ausgewirkt. Viele Effekten sind in ihrem Werte gefallen.
Die Nachricht vom Moratorium in Michigan hat auf allen amerikanischen und europäischen Plätzen die größte Sensation ausgelöst.

(330218w1)


Börsensturz in Japan [S. 1, unten, links]
Tokio, 16. Februar (Tel. des „Tag“). Infolge des bevorstehenden Abbruches der Beziehungen zwischen Japan und dem Völkerbund sind in der hiesigen Börse alle Kurse katastrophal gefallen. Die Börse mußte amtlich geschlossen werden.

(330218w1)


Vorläufig noch kein Ultimatum [S. 1, rechts, Mitte]
Japanische Bomben töten 30 chinesische Zivilisten

London, 16. Februar (Tel. des „Tag“).
Ueber die Lage in Jehol liegt in Tokio folgendes Telegramm vor:

Die Japaner haben mit dem Hauptangriff auf eine im Norden gelegene chinesische Stadt eingesetzt. Fünf Bombenflugzeuge attackierten die Stadt, wodurch nach chinesischen Angaben 30 Personen getötet wurden. Die Nachricht von einem bevorstehenden japanischen Ultimatum an China wird von japanischer amtlicher Stelle dementiert. Es bestätigt sich jedoch die Nachricht, daß der japanische Hauptdelegierte in Genf am 27. Februar nach der Heimat abreist, angeblich, um seiner Regierung Bericht zu erstatten. Die übrigen japanischen Delegierten bleiben jedoch weiter in Genf.

(330218w1)


Athen, 16. Februar (Tel. des „Tag“). [S. 1, rechts, Mitte]
Zwischen der Polizei und Arbeitern kam es nachts zu Zusammenstößen. Es wird gemeldet, daß fünf Arbeiter getötet und sechs schwer verletzt wurden. Auch die Polizei hat Verluste erlitten. Die Arbeiter hatten eine Protestversammlung gegen die Herabsetzung der Löhne abgehalten. Die Polizei schritt ein und löste die Versammlung auf. Die Arbeiter verbarrikadierten sich. Schließlich gelang es der Polizei, die Barrikaden zu umgehen und die Arbeiter zu erreichen. Man befürchtet Ausschreitungen. Es herrscht Panik.

(330218w1)


Um die Werkstätten von Grivita [S. 1, rechts, Mitte]
Viele Tote und Verwundete
Regelrechte Schlacht bei Morgengrauen

Bukarest, 16. Februar (Tel. des „Tag“). Der Arbeiterstreik hat heute in den ersten Morgenstunden den Höhepunkt erreicht. Starke Polizei- und Gendarmerieaufgebote zogen gestern abends zur Eisenbahnwerkstätte „Grivita“. Ueber 2000 Mann waren dort konzentriert. Jeder Zuzug war verboten. Für die Nacht war angeordnet, daß selbst Provokationen unberücksichtigt bleiben. Erst bei Morgengrauen, um 6 Uhr früh, da die Arbeiter auf die letzte Aufforderung, die Werkstätten zu räumen, nicht reagierten, setzte Feuergefecht ein.
Die ersten Schüsse fielen von der Polizei. Schließlich gelang es der Polizei, die Tore zu sprengen, und nun begann ein Sturm auf die Werkstätte. Man hörte ein Trommelfeuer von beiden Seiten. Schon um 8 Uhr früh wurden vier Tote und 30 Schwerverletzte sowie über 100 Leichtverletzte gezählt. Der Kampf dauerte bis 10 Uhr vormittags. Es gelang schließlich den Behörden, die Arbeiter aus den Werkstätten gewaltsam zu entfernen.
Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde eine Konferenz abgehalten, an der die Vertreter der Militär- und Sigurantzabehörden, sowie Innenminister Mironescu und Verkehrsminister Mirto teilnahmen. Die unruhige Stimmung dauert an.

Polizei schießt:
Verluste der Polizei: 1 Toter, 12 Verletzte
Verluste der Arbeiter: 3 Tote, 16 Verletzte


Bukarest, 16. Februar (Tel. des „Tag“). In der heutigen Kammersitzung gab Innenminister Mironescu über die letzten Arbeiterausschreitungen, sowie über die Bewegung in den Eisenbahnwerkstätten folgende Erklärung ab:

Die gestrigen und heutigen Vorfälle in der Eisenbahnwerkstätte „Grivita“ setze ich als bekannt voraus. Die Regierung hat alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Ich bin aber auch gegenüber dem Parlament verpflichtet, einige Aufklärungen im Zusammenhang mit diesen Vorfällen zu geben.

Die Forderungen der Arbeiter
Schon seit längerer Zeit besteht innerhalb der Arbeiterschaft der Eisenbahnwerkstätte eine Bewegung, die schließlich zu einem Streik führte. Nachdem aber seinerzeit die Forderungen von der Regierung akzeptiert wurden, hatten die Arbeiter auf die Fortsetzung des Streiks verzichtet.

Nun sind aber die Arbeiter mit neuen Forderungen gekommen, die unannehmbar waren. So wurde z. B. die Aufhebung des Belagerungszustandes, die Weiterbelassung der kommunistischen Organisationen, die Enthaftung der verhafteten Kommunisten und schließlich auch die Anerkennung der kommunistischen Partei verlangt.

Als diese Forderungen abgelehnt wurden, haben sich die Arbeiter in den Eisenbahnwerkstätten verbarrikadiert und von dort, als polizeiliche Hilfe angerufen wurde, auf die Polizei geschossen. Auch die Polizei hätte mit Waffengewalt antworten können, da es aber spät nachts war, wurde von der Waffe [kein] Gebrauch gemacht, um zu verhüten, daß 1000 oder sogar 2000 Arbeiter erschossen werden. Die Folge der Arbeiterschießerei war der Tod eines Wachmannes.

Schließlich wurde bis heute 6 Uhr früh gewartet und nun versucht, die Werkstätte zu räumen. Als es nicht gutwillig ging, mußten Polizei und Gendarmerie von der Waffe Gebrauch machen. Die Folge davon war 1 Toter und 12 Verletzte auf Seiten der Polizei, 3 Tote und 16 Verletzte auf Seite der Arbeiter. Aber auch viele andere Verletzungen leichter Natur werden gezählt.

Ich muß aber hier betonen, daß nur durch das umsichtige Vorgehen der Polizei die Sache so glimpflich abgelaufen ist. Wäre die Polizei brutal gewesen, das Unglück wäre ein viel größeres. Das Benehmen der Arbeiter, welche Gewaltakte gegenüber den Behörden anwendeten, hätte eine viel schlimmere Strafe verdient.
Während dieser Zwischenfälle haben sich vor der Werkstätte Neugierige an-

(Schluß von Seite 4)
gesammelt, die aber von den Behörden abgedrängt wurden.

Appell zur Front gegen den Kommunismus [S. 4, Mitte, oben, links]
Es kann von der Regierung nicht geduldet werden, daß die Kommunisten, denn von diesen geht die Hetze aus, im Trüben fischen. Die Regierung besitzt genügende Mittel, diese anarchischen Anschläge zu verhindern. Schon seit langer Zeit ist die Regierung informiert, daß die Kommunisten die Revolution in Rumänien, sowie die Zerstörung des Staates vorbereitet haben. Daher wurde der Belagerungszustand verhängt, um diesen Elementen jede Tätigkeit zu nehmen. Die Regierung ist bestrebt, die Ruhe und Ordnung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln aufrecht zu erhalten.
In die Eisenbahnwerkstätte muß aber Ordnung hineingebracht werden. Bis jetzt war die Verwaltung eine schlechte, viele Elemente, die dem Lande fremd sind, haben sich in den Eisenbahndienst eingeschlichen. Er möchte daher den Appell an alle gutgesinnten Bürger des Landes richten, eine gemeinsame Front gegen die Elemente zu bilden, die die Unterminierung des Staates verfolgen.

Der Appell Vaidas
Es sprachen hernach Dr. Lupu, Mirescu und Franasovici, worauf Ministerpräsident Vaida hinzufügte:
Die Regierung hat die volle Autorität, die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Sie wird die Diskussion von Ideen gewiß zulassen, aber anarchistische Bestrebungen mit aller Gewalt unterdrücken. Die Wähler dieses Parlamentes bestehen zu 89 Prozent aus nationalen und gutgesinnten Elementen, die eine gesunde, nicht aber eine krankhafte und verderbende Politik gutheißen. Die Handlungen und die Vorgangsweise der Regierung bei diesen Vorfällen waren korrekt, auch eine andere Regierung wäre nicht anders vorgegangen. Das Land ist genug stark, diese Situation zu überdauern.

(330218r1 + 330218r4)


Seite 3

Gerichts-„Tag“
Prozeß Vascauteanu vertagt [S. 3, oben, links]
weil Verteidiger verhaftet

Vorsitzender: Richter Marino;
Beisitzender: Richter Joachim;
Erster Staatsanwalt: Panu.

Gestern vormittags gelangte in der Strafabteilung des Landesgerichts neuerlich der Prozeß gegen Polja Vascauteanu, Jossie Feldmann, Künstlich, etc. zur Verhandlung. Die Polizei hatte die üblichen Sicherheitsmaßnahen getroffen und eine Abteilung Gendarmerie stand im Innern des Gebäudes in Bereitschaft.

Als Erster ergriff Advokat Schapirin das Wort, der darauf hinwies, daß durch die Verhaftung der Advokaten Dr. Hitzig und Stein einige Angeklagte ohne Verteidigung geblieben seien. Er beantrage daher die Vertagung des Prozesses.
Advokat Dr. Kißmann forderte die Einstellung des Verfahrens gegen die Angeklagte Sima Koifman, da diese im Prozesse gegen die 42 Kommunisten zu zehn Tagen Arrest verurteilt worden sei. Er stelle den Antrag, die Gerichtsakten über Sima Koifman herbeizuschaffen, um den Nachweis erbringen zu können, daß es sich hier um dasselbe Delikt handle.
Der Staatsanwalt opponierte gegen diesen Antrag, da das über Sima Koifman verhängte Urteil nicht definitiv sei und dagegen Rekurs seitens der Staatsanwaltschaft eingelegt wurde.
Es wurde sodann der Deputierte Dr. Lotar Radaceanu, der aus Bukarest eigens zu diesem Zwecke hier eingetroffen ist, einvernommen. Er schilderte seinen Besuch bei Jossie Feldmann, den er auf Grund der über dessen Zustand verbreiteten Gerüchte im Gefängnis besucht hatte. Jossie Feldmann sei von zwei Mithäftlingen in den Sprechraum getragen worden. Als er sich der Bandage am Fuß entledigt hatte, habe Dr. Radaceanu eine tiefe blutige Kruste an der Sohle des Angeklagten wahrgenommen.
Der Staatsanwalt beantragte die Einvernahme des Gerichtsarztes Dr. Dranca, damit dieser den Beweis erbringen soll, daß Feldmanns Verletzungen nicht derartige gewesen seien, wie es aus der Aussage des Zeugen hervorgehe und daß er im Stande gewesen sei, allein zu gehen.
Nach Abweisung sämtlicher Enthaftungsanträge wurde der Prozeß für den 2. März vertagt.

(330218c3)


Die als Kommunisten verdächtigen Advokaten werden nach Jassy überstellt [S. 3, links, Mitte]
Die Untersuchung der Sigurantzabehörden, die die Untersuchung gemeinsam mit den Militärbehörden führen, steht vor dem Abschluß.
Wie uns mitgeteilt wird, wurde beim Advokaten Dr. Hitzig außer kommunistischen Broschüren und Zeitschriften auch ein Betrag von 600.000 Lei, der in seiner Kassa vorgefunden wurde, beschlagnahmt. Beim Advokaten Dr. Fränkel wurde lediglich ein Manuskript kommunistischen Inhalts vorgefunden. Was den Advokaten Stein sowie den Herausgeber der „Welt“, Korn betrifft, wurde weniger belastendes Material gefunden. In der Stadt wurden in den letzten drei Tagen ungefähr 40 Verhaftungen, in der Provinz 80 vorgenommen. Viele der Verhafteten, deren Unschuld klar erwiesen ist, wurden bereits auf freien Fuß gesetzt, während die Advokaten Hitzig und Fränkel schon heute nach Jassy an die Militärbehörden überstellt werden sollen.

Die Bemühungen des Dekans Radulescu bei der hiesigen Staatsanwaltschaft, die verhafteten Advokaten in Freiheit zu setzen, hatten momentan keinen Erfolg, da der Fall bereits den Militärbehörden übergeben wurde und nur diese über das weitere Schicksal der Verhafteten zu entscheiden haben.
Die Sigurantza hat gestern noch keine Erklärungen über den Verlauf der Untersuchung abgegeben, hingegen soll heute ein offizielles Kommunique verlautbart werden.

(330218c3)


Seite 4

Der Eisenbahnerstreik in der Hauptstadt [S. 4, oben, links]
Bukarest, 16. Februar (Tel. des „Tag“). Der Streik der Eisenbahnarbeiter dauert wohl noch an, die Situation hat sich aber in den letzten 24 Stunden geändert, und man rechnet mit einer baldigen Beilegung des Streiks. Erst jetzt wird bekannt, daß die Streikursache die Verhaftung des Arbeiterführers Bogatoiu war, der als Delegierter mit dem Verkehrsminister Mirto verhandelte. Es war nun klar, daß sich die Arbeiter mit ihrem Delegierten solidarisieren und den Streik erklären werden.
Die Behörden wurden von der Direktion der Eisenbahnwerkstätte gestern verständigt, daß die Arbeiter die Arbeit eingestellt und sich verbarrikadiert haben, ohne die Werkstätte verlassen zu wollen.
An Ort und Stelle sind sofort Kriegsminister, General Samsonovici und der Gendarmeriekommandant, General Dumitrescu mit einem starken Wachaufgebot erschienen. Es wurde vor allem beschlossen, daß das Militär nicht eingreift, sondern in Verteidigungsstellung verbleibe.

Ein Wachmann erschossen
Als die Situation ernst schien, ist auch der Polizeipräfekt Marinescu am Streikort erschienen. Er wurde von der versammelten Menge ausgepfiffen, so daß es ihm nur mit schwerer Mühe gelang, das Automobil zu besteigen und die Heimfahrt anzutreten. Plötzlich hörte man Schüsse, die aus der Eisenbahnwerkstätte kamen. Der Wachmann Ion Chirita wurde von einer Kugel getroffen und brach blutüberströmt zusammen. Er verschied nach einigen Minuten.

Gewaltsame Räumung der Werkstätte
Als die Behörden auf die Arbeiter auf gütlichem Wege nicht einwirken konnten, wurde die gewaltsame Räumung der Werkstätte angeordnet, die aber nicht gelang, weil sich immer mehr Arbeiter, Frauen und Kinder vor der Werkstätte ansammelten. Bei der Räumung kam es zu Zusammenstößen zwischen den Arbeitern und der Polizei. Während die Arbeiter auf das Militär Revolverschüsse abgaben, hat die Polizei - nach einer offiziellen Darstellung - nur in die Luft Schreckschüsse abgegeben. Schließlich wurden ungefähr 50 Personen, unter ihnen einige Polizeioffiziere, Militärmannschaften, sowie Arbeiter verletzt und in die Spitäler abgeführt. Major Hociung wurde am Fuß verletzt.

Als die Arbeiter von der Werkstätte zwangsweise evakuiert wurden, demonstrierten sie auf der Straße, wobei es zu Zusammenstößen kam. Ein Wagen, in welchem sich einige Soldaten befanden, wurden von den Demonstranten aufgehalten. Auch die Ambulanz der Werkstätte „Salvarea“ wurde von den Arbeitern mit Steinen beworfen.

Eine offizielle Darstellung
Die Behörden verlautbaren folgende Darstellung:

„Bei den Zwischenfällen wurden ungefähr 20 Wachleute verletzt. Die kommunistischen Banden haben ein Attentat auf den Oberst Dumitrescu, sowie auf den Polizeipräfekten, dessen Auto mit Steinen beworfen wurde, versucht. Ein Wachmann wurde hinterrücks erschossen. Einige höhere Offiziere wurden von den Streikenden blutig geschlagen, sodaß sie nur mit schwerer Mühe den Händen der Angreifer entrissen werden konnten!“

Momentan ist die Situation etwas beruhigt. Während anfangs der Beschluß gefaßt wurde, die Werkstätte für unbestimmte Zeit zu sperren, verlautet heute, daß schon am Samstag die Werkstätten wieder geöffnet, die Arbeiter aber ausgewählt werden sollen.
Die Arbeiter der anderen Fabriken haben es abgelehnt, sich mit den Streikenden zu solidarisieren.

In Cluj Streik beigelegt
Nach hier eingetroffenen Meldungen wurde der Streik in Cluj durch Verhandlungen zwischen Delegierten der Arbeiter und den Behörden beigelegt.
In Moreni wurden mehrere Arbeiter verhaftet.

(330218r4)


Auch in Constanza ein Toter [S. 4, Mitte]
Wie uns aus Constanza gemeldet wird, kam es dortselbst gelegentlich der Auflösung der kommunistischen Organisation zu Zusammenstößen mit der Polizei. Der bekannte Kommunist Stoianoff wollte flüchten, wurde aber von den verfolgenden Gendarmen erschossen. Mehrere Personen wurden verletzt.

(330218r4)
Klaus Binder
 
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Nr. 280, Sonntag, 19.02.33

Postby Klaus Binder on 19. February 2011, 04:18

Seite 1

Ruhe nach dem Sturm [S. 1, oben, links]
Parlament diskutiert über Motive und Wirkungen

Bukarest, 17. Februar (Tel. des „Tag“). In der heutigen Kammersitzung brachte der liberale Abgeordnete Dinu Bratianu die Vorfälle in der Eisenbahnwerkstätte „Grivita“ neuerlich zur Sprache, erörterte eingehend die Ereignisse und machte schließlich die Regierung für diese blutigen Vorfälle verantwortlich. Er betonte auch, daß die Sigurantza die Ereignisse provoziert habe.

Auf diese Ausführungen gab der Unterstaatssekretär im Innenministerium Calinescu die Antwort, daß die Vorfälle von den Kommunisten provoziert wurden und die Regierung fest entschlossen sei, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln die kommunistische Gefahr zu beseitigen und alle diese Elemente auszurotten. Die Regierung sei Herr der Situation und verfüge über genügende Mittel, um diese Elemente, die die Staatsordnung gefährden, zur Raison zu bringen.

Hierauf ergriff Verkehrsminister Mirto zu folgenden Ausführungen das Wort: Die Arbeiter der Eisenbahnwerkstätte werden am 19. eines jeden Monates von der Direktion entlohnt. Die Regierung beschloß den Arbeitern der Eisenbahnwerkstätte „Grivita“ eine 20-prozentige Lohnerhöhung zu bewilligen. Die Arbeiter konnten also nicht wissen, ob ihre Forderung nach Gehaltserhöhung bewilligt oder abgelehnt wurde, sie hätten davon erst morgen (Samstag) erfahren. Wie man also sieht, ist nicht die Forderung nach Lohnerhöhung die Streikursache, sondern andere Motive. Die Arbeiterdelegation, die bei mir erschienen ist und die Verhandlungen im Namen ihrer Kollegen führte, erklärte, daß sie die Freilassung der Arbeiterführer, die während des Streiks verhaftet wurden, verlange. Ich gebe hier von der Tribüne aus mein Ehrenwort, daß ich erst in diesem Augenblicke von der Verhaftung irgend welcher Arbeiterführer erfuhr. Die Behörden haben aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Pflicht getan, um die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Ich habe festgestellt, daß keiner der Arbeiterführer, zumindest keiner der bei mir erschienenen Delegierten, verhaftet wurde. Es wurden lediglich kommunistische Führer verhaftet. Ich persönlich habe Uebermenschliches geleistet, um die blutigen Ereignisse zu verhindern.

Ich kann die Behörden ob ihrer Umsicht nur loben, denn wären sie anders vorgegangen, so hätten wir viele Menschenleben zu beklagen. Es wurden zuerst einige hundert Schüsse in die Luft abgegeben und erst, als die Situation ernst schien, wurden einige Schüsse auf die Arbeiter abgegeben. Das ist die Wahrheit und es wäre der Opposition anzuraten, sich mehr an die Tatsachen zu halten, und nicht aus diesen traurigen Tatsachen Kapital schlagen zu wollen.
Zum Schluß weist noch Unterstaatssekretär Calinescu die Anschuldigungen gegen die Generalsigurantza zurück und meint, es sei Verleumdung, wenn man behaupte, daß die Vorfälle von den Agenten der Sigurantza provoziert und inszeniert wurden. Die Regierung werde alle Machtmittel anwenden, um die kommunistische Gefahr zu beseitigen. Wer es nicht glaube, solle es nur weiter wagen und alle Versuche dieser Elemente, würden an der eisernen Hand der Regierung zerschellen.

Hierauf wurde der Kammer das Gesetz über die Abänderung des Statuts der Eisenbahnarbeiter vorgelegt. Dem Gesetz wurde die Dringlichkeit zuerkannt.

*
Heute: Ruhe
Bukarest, 17 Februar (Tel. des „Tag“). Der heutige Tag verlief ruhig. Es kamen Zusammenstöße vor, die ohne Bedeutung blieben. Die Polizei hat mehrere Verhaftungen vorgenommen. Man ist der Ansicht, daß der Streik abgeflaut ist. Sollte sich die Situation weiter beruhigen, wird die Eisenbahnwerkstätte wieder geöffnet werden. Es ist auch anzunehmen, daß die Arbeiter, nachdem ihnen eine 20prozentige Lohnerhöhung zugebilligt wurde, die Arbeit wieder aufnehmen werden.

Wieviel Tote sind zu verzeichnen?
Es wird in Arbeiterkreisen erklärt, daß die Zahl der Toten bei den Zusammenstößen 12 beträgt. Die Behörden geben die Zahl der Todesopfer mit 7 an.

*
Bukarest, 17. Februar (Tel. des „Tag“). Die Anzahl der in dem Atelier “Grivita“ getöteten Arbeiter ist auf sieben gestiegen.
Den Behörden gelang es, einen kommunistischen Kurier abzufangen, bei dem ein genauer Aktionsplan für die weitere Streikbewegung gefunden wurde.
Ein neuer Streik wird aus Ploiesti von der Petroleumgesellschaft „Astra Romana“ gemeldet, wo über 300 Arbeiter die Arbeit eingestellt haben. Interessanterweise wurde ein Direktor dieser Gesellschaft unter dem Verdachte verhaftet, der kommunistischen Bewegung anzugehören.

(330219r1)

Neuer Gewaltstreich [S. 1, unten, Mitte]
Nazis verjagen Professoren und Studenten
Berlin, 17. Februar (Tel. des „Tag“). Die staatliche Kunstakademe wurde heute von nationalsozialistischen Studenten besetzt und die Professoren gehindert, ihre Vorlesungen zu halten. Von nationalsozialistischer Seite wird hiezu erklärt, dass der in dieser Schule herrschende marxistische Geist nicht weiter geduldet werden könne.
Die Studenten haben einige jüdische Professoren aus der Schule gewaltsam entfernt und diese auf die Straße gesetzt. Die sperrten dann die Schule ab und hißten eine vier Meter lange Hakenkreuzfahne, worauf sie dann abzogen. Es wurden keine Verhaftungen vorgenommen, da die Polizei erst nach dem Vorfall erschien.


Leitartikel
Der Genfer Beschluss [S. 1, oben, rechts]
Die Staaten der Kleinen Entente, Rumänien, Jugoslawien und die Czechoslowakei, haben zur Selbsthilfe gegriffen. Ihr Beschluß, dem bisherigen Bund eine neue Form des Vertrages zu geben, hat in Genf das größte Aufsehen hervorgerufen. Die Korrespondenten melden, daß das Interesse sogar von der Abrüstungskonferenz und der heute noch viel aktuelleren Entscheidung im Mandschurstreit abgelenkt wurde. Aller Augen richteten sich auf die Vorgänge im Hotel „Des Bergues“, das Titulescu bewohnt, wo die Schlußkonferenz stattfand. Dann platze die Bombe. Eine neue Großmacht ist, wie ein Diplomat im ersten Augenblick das neue Bündnis bezeichnete, auferstanden. Die drei Staaten der Kleinen Entente haben für Wirtschaft und Politik einen neuen Stil gefunden, der sie fest aneinanderkettet. In Fragen der Außenpolitik, die die Interessen aller berühren, gibt es nicht mehr das Alleinmarschieren. Das Konzept zu diesem Bündnis stammt von Benesch. Und nun sinnt man in der ganzen Welt, wie und warum es so geschehen ist, was für Hintergründe diese festere Allianz hat, und welche Aussichten sie bietet.

Sie ist eine Folge des politischen Wirrwarrs in Europa. Die französische Presse gibt als unmittelbare Ursache die Hirtenberger Vorfälle und die damit zusammenhängenden Nachrichten vom Abschluß eines italienisch-ungarisch-deutschen Bündnisses an. Auch diese Begründung wird richtig sein. Als richtigste wird jedoch jene Annahme gelten, die aus der Gesamtsituation der europäischen Staaten abzuleiten ist. Gerade die Großmächte irren umher und wissen nicht, was morgen geschieht. Der ursprüngliche Gedanke, daß der Völkerbund die oberste Instanz für die Leitung der Geschicke werden solle, daß nunmehr für die Austragung von Streitigkeiten an Stelle der Gewalt das System der Schiedsgerichtsbarkeit treten werde - diese Hoffnung scheint sich nicht zu erfüllen. Freundschafts- und Schiedsverträge werden en masse abgeschlossen - aber ein Staat traut dem anderen nicht. Ein einziges Mal, als Griechenland gewaltsam albanischen Boden annektieren, eine Insel an sich reißen wollte, die einem anderen Staat gehörte, - gegen diesen kleinen Staat zeigte der Völkerbund Courage und fand die Macht, sein Wort zur Geltung zu bringen. Gegen Italien war der Völkerbund bereits schwächer, ein Kompromiß löste die komplizierte Frage des Streites. Aber wie ist es mit Japan? Nichts, rein nichts. Italien sucht eigene Wege in Europa zu gehen. Der Streit um die Hegemonie am mittelländischen Meere ist bisher noch verschärft, wenn auch die Franzosen jetzt durch den Senator Jouvenel, indem er die Mission als Botschafter in der italienischen Hauptstadt übernahm, sich bemühen, die Erlösungsformel für einen friedlichen Ausgleich zu finden. Frankreich schließt Verträge mit Rußland, während Rumänien von der russischen Politik isoliert bleibt. England hält an der Insularpolitik fest und will von dem Kontinent kaum etwas wissen. Von Berlin aus bereitet sich eine neue Epoche vor, von der kein Mensch heute sagen kann, was die nächsten Monate bringen werden. Der italienisch-jugoslawische Gegensatz ist derart scharfkantig geworden, daß eben die Waffentransporte von Italien nach Ungarn über den Weg Österreichs verständlich werden. Jede dieser Vorgänge reizt die Staaten, die sich bisher den früher bestandenen Bündnissen anvertrauten, wenn sie auch dem Völkerbund nicht ganz ihr Vertrauen schenken. Aber sie sehen alle zu, gerade die mittleren und kleinen Staaten, wie der reine Egoismus Variationen diktiert, die eine Abkehr von der Vergangenheit schaffen, und wie sie da, besonders noch durch die wachsende Wirtschaftskrise beeinflußt, in extreme Lager geworfen werden. So geht es den Jugoslawen, Rumänien hat seinen Teil zu singen, und die Czechoslowakei, der Nachbarstaat Österreichs, Ungarns und Deutschlands, liegt mitten in Europa, in dem sich die neue politische und wirtschaftliche Operation ankündigt. Aus diesen Motiven zusammengenommen ist der Wille zur selbständigen Entschließung entstanden. Worauf warten? Eines schönen Tages wird einer von ihnen noch mehr in die Ecke gedrückt werden, wenn sie auch bisher relativ gut politisch gefahren sind, nach dem alten Konzept zwar - aber die neue Zeit erfordert ein neues Konzept, und das ist eben der wirtschaftlich und politisch stärkere Zusammenschluß. Die drei Staaten haben 45 Millionen Einwohner, sie umfassen ein Gebiet, das einer europäischen Großmacht würdig ist; sie lassen die Tür zum Eintritt Polen, Österreich und Ungarn offen - wenn, wenn der Geist der Gemeinsamkeit überwiegt, dann können sie wirklich eine Macht werden, unabhängig von dem Willen und dem Einfluß der Großmächte, die die kleinen Staaten nur durcheinanderwürfeln, um sie je nach der Konjunktur bald hoch hinaufzusetzen, bald tief sinken zu lassen.
Das ist der Sinn und Gedanke der Genfer Beschlüsse, die heute die Presse und die Diplomatie beschäftigen. Die Franzosen gratulieren, die Polen sind abwartend, die Engländer kalt und steif, die Italiener erbost, die Deutschen mit sich selbst beschäftigt - das sind die ersten Eindrücke. Aber der Haupteindruck bleibt: eine gute Tat, wenn eben, wie gesagt, der Geist der Gemeinsamkeit und nicht der Geist des Egoismus die Ausnützung der neuen Vereinbarungen regieren wird.
Ego
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http://de.wikipedia.org/wiki/Hirtenberger_Waffenaffäre
http://de.wikipedia.org/wiki/Kleine_Entente



Seite 2

Feststellung [S. 2, Mitten, unten, links]
Advokat Stein, von dem berichtet wurde, daß er verhaftet worden sei, weil bei ihm kommunistische Literatur gefunden wurde, ersucht uns festzustellen, daß die bei ihm gefundene Literatur nicht verboten ist.

(330219i2)


Retrogradierung städtischer Beamten [S. 2, Mitte]
Der Bürgermeister rückgekehrt
Ueber die Feststellung des Revisionskomitees, wonach ungefähr hundert städtische Beamten teils vorgerückt sind, ohne die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt zu haben, teils illegal aufgenommen wurden, hat der „Tag“ gemeldet. Es wurde auch mitgeteilt, daß sich Bürgermeister Dr. Saveanu nach Bukarest mit dem Beamtentablou begeben hat, um im Innenministerium die Situation der städtischen Beamten vorzutragen.
Bürgermeister Dr. Saveanu ist gestern aus Bukarest hier wieder eingetroffen, aber leider mit einem für die Beamten nicht sehr günstigen Resultat. Wohl gab sich der Bürgermeister die Mühe, um die Beamten vor Unrecht zu schützen, das Ministerium steht aber auf dem prinzipiellen Standpunkt und verlangt von den Beamten die Erfüllung aller gesetzlichen Formalitäten, damit sie weiter in städtischen Diensten bleiben sollen.
Es wurde festgestellt, daß im Jahre 1932 einige Beamten, unter diesen die Herren Costeanu, Stetz, Munteanu, Cobilanschi, Schreiber und Lande aufgenommen wurden, ohne daß vorher die spezielle Kommission des Finanzministeriums die Aufnahme approbiert hätte. Die Intervention des Bürgermeisters ging dahin, daß die spezielle Kommission des Finanzministeriums nachträglich die Zustimmung für diese Aufnahme gibt und es ist anzunehmen, daß diese Zustimmung erteilt werden wird.
Hingegen werden folgende Beamten aus der Stadtgemeinde entlassen: Turschner Gavriella, weil sie die rumänische Staatsbürgerschaft nicht hat, Zamri George (Veterinärdienst), da er die für diesen Dienstzweig notwendigen Studien nicht besitzt, und schließlich Tomasciuc Andrei wegen bisheriger Nichterfüllung der Militärdienstzeit.
Hingegen bleiben folgende Beamten weiter im Dienst: Cosop Petru, Diamandi, Lescu George, Hine Aurel, Vasile Grecul, Slimac Alexie, Bodea Grigore, Serei Vasile, Krakalia, Avram Claudie, Rudich Leon, Dascaliuc Gafina, und mehrere andere, deren Dienstzuteilung vom lokalen Revisionskomitee beanstandet wurde.

Retrogradiert
Der Dienstchef Dr. Biaß Petru wurde als Subchef retrogradiert, weiters die Herren Dr. Jenzowski, Dr. Weingarten und Dr. Barbier. Von Direktoren zu Subdirektoren wurden wegen Nichtvollendung der notwendigen Dienstzeit die Herren Dr. Mihailescu Erast, Baculinschi Artemie, Edelstein Josef, Dr. Fuhrmann, Savescu und Dr. Formagiu retrogradiert; gleichfalls zu Subdirekten an Stelle von Direktoren mangels der vom Gesetz notwendigen Studien die Herren Redelcu Stefan und Colaska Ioan, weiters die Herren Josef Kunzelmann, Lucescu Constantin, Pasternak Jacob, Salaban Carol und Peter Rudolf Levescu Ioan und Constantin Dan wurden von Bürochefs zu Subchefs retrogradiert.
So stellt sich heute die Situation der städtischen Beamten dar.
Der Bürgermeister erstattete dem Innenminister Bericht über die von der Stadtgemeinde aufgenommenen Vorkriegsschulden, weiters erwirkte er einige Kompensationszahlungen zwischen dem Finanzministerium und der Stadtgemeinde und schließlich auch die Bezahlung der Spektakelsteuer seitens der Finanzadministration an die Primaria in der Höhe von 219.000 Lei.

(330219c2)


Seite 3

Die neue Konstellation [S. 3, oben, links]
Kleine Entente-Großmacht

Der Inhalt des Paktes
Der neue Pakt der Kleinen Entente verlängert die einzelnen Bündnisse und Freundschaftsverträge, welche bisher nach drei Jahren verlängert werden mußten, auf unbeschränkte Zeit. Er ergänzt ferner die bisherigen bilateralen Verträge durch ein einheitliches Vertragssystem. Keiner der drei Staaten wird irgend welche politischen Verpflichtungen ohne vorherige Billigung seiner beiden Verbündeten eingehen können. Diese Klausel wird auch auf wirtschaftliche Verständigungen erweitert, welche politische Rückwirkungen haben könnten.
Daraus geht hervor, daß es sich nicht um eine formale Aenderung des bisherigen Bündnisses handelt, sondern um eine neue Konstruktion, die zur Folge hat, daß die drei Staaten allmählich immer als eine außenpolitische Einheit auftreten und ihre diplomatischen Aktionen einheitlich durchführen werden.
Vom statutarischen Gesichtspunkt aus wurde beschlossen, als leitende Organe der gemeinsamen Politik einen aus den Außenministern der drei Staaten zusammengesetzten Ständigen Rat der Kleinen Entente zu schaffen. Diesem Rat wird ein Sekretariat, dessen eine Abteilung ständig in Genf amtieren wird, und ein Wirtschaftsrat für die sukzessive Koordinierung der Wirtschaftsinteressen der drei Staaten sowohl in ihren gegenseitigen Beziehungen als auch in den Beziehungen zu den übrigen Ländern angegliedert. Der Ständige Rat tritt obligatorisch mindestens dreimal im Jahre zusammen. Vorsitzender des Rates wird nacheinander jeder der drei Außenminister der Staaten der Kleinen Entente für die Dauer eines Jahres.
Die drei Außenminister trafen auch wichtige Maßnahmen im Rahmen der Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen der drei Staaten der Kleinen Entente und besonders in der Frage der Vorzugszölle.

Was Polen sagt
Warschau, 17. Februar (Tel. des „Tag“). Der Genfer Beschluß der Staaten der Kleinen Entente wird in Polen mit Zurückhaltung beurteilt. Die amtliche „Gazeta Polska“ schreibt:
Es handelt sich eher um eine politische Demonstration, als um eine wirkliche Aenderung des bisherigen Vertragssystems. Die Gründe für die Schlüsse, die die einzelnen Staaten zur neuen Konstruktion bestimmt haben, sind verschieden: Südslawien ist wegen Italien beunruhigt; Titulescu sieht sich wegen der innerpolitischen Schwierigkeiten zu größerer Aktivität veranlaßt, und in der Czechoslowakei will man eine Verstärkung der Bemühungen um den Zusammenschluß der Donaustaaten. Die Erklärung, daß das neue, verstärkte Bündnis auch für andere Staaten offen stehe, könne man nicht als Einladung ansehen. Offenbar ist doch nur Polen damit gemeint. Die polnische Regierung kann nur die Hoffnung aussprechen, daß aus dem Genfer Beschluß nicht neue Hindernisse für internationale Zusammenarbeit entstehen sollen.

(330219w3)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Kleine_Entente


Offiziell: Japan verläßt Genf [S. 3, Mitte]
Aber: Es kann auch anders werden

London, 17. Februar (Tel. des „Tag“). „Daily Express“ meldet aus Tokio: Der japanische Einmarsch in Jehol beginnt am Montag. Vier Stunden nach Beginn des Einmarsches erfolgt der Austritt aus dem Völkerbund.
Nach Mitteilungen aus politischen Kreisen Japans steht trotzalledem nicht fest, daß der Austritt aus dem Völkerbund bald nach dem Einmarsch stattfinden müsse. Im japanischen Kriegs- und Marineministerium steht man auf dem Standpunkt, daß der Austritt ein diplomatischer Fehler wäre. Der japanische Kriegsminister sagte heute: der endgültige Beschluß steht noch nicht fest, denn der Vormarsch in Jehol ist eine innere Angelegenheit des Mandschurstaates.
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• Jehol 1933: forum.axishistory.com
http://en.wikipedia.org/wiki/Operation_ ... _of_battle



China ruft um Hilfe [S. 3, Mitte]
Der chinesische Marschall hat den Kauf von Flugzeugen in Amerika abgeschlossen. In China werden neue Flugplätze eingerichtet. Dann sagte der Marschall: Ich werde England, Frankreich, Italien und Amerika anrufen, um den Einmarsch durch die Japaner auf chinesischem Gebiete zu verhindern, falls China nicht selbst imstande ist, dem Einmarsch halt zu gebieten.


Japan protestiert [S. 3, Mitte]
Genf, 17. Februar (Tel. des „Tag“). Die japanische Regierung hat ihren Genfer Delegierten angewiesen, gegen die Empfehlung des Neunzehner Ausschusses Einspruch einzulegen. Weiters wird gesagt: Der Entschluß in Genf wird keine entscheidende Rolle bei den fachlichen und militärischen Entscheidungen, die sich auf das Verhältnis Japans zur Mandschurei beziehen, üben.


Seite 8

Debatte über die Grivita-Schlacht [S. 8, oben, links]
Dr. Lupu: Es sind viel mehr Arbeiter getötet worden
Mirescu: Das Blutvergießen wurde provoziert./i]

Bukarest, 17. Februar (Tel. des „Tag“). In der Kammersitzung von Donnerstag hielt Dr. [i]Lupu
eine längere Rede im Zusammenhang mit den Arbeiterunruhen und führte aus: Die Situation ist nicht so, wie sie die Behörden darstellen, als hätten die Arbeiter allein alle Schuld an den traurigen Vorfällen. Nach dem ersten Streik wurde den Arbeitern eine Gehaltserhöhung von 20 Prozent zugesagt. Die Arbeiter beruhigten sich darauf. Vor einigen Tagen sagte man ihnen aber, daß sie diese versprochene Erhöhung nicht erhalten würden. Den Höhepunkt erreichte ihre Unzufriedenheit, als ihre Führer, die mit Minister Mirto verhandelt hatten, verhaftet wurden. Sie verlangten nur, was ihnen versprochen worden war und die Freilassung ihrer Führer. Als Antwort kam ihre Unterdrückung. Die Arbeiter haben nicht provoziert und haben auch nicht die Geschäftslokale in der Calea Grivitei devastiert. Es wurde auf sie geschossen, und es wurden nicht nur drei von ihnen getötet, sondern viel mehr Leichname wurden in Privatautos fortgeschafft!

Es gibt keine kommunistische Gefahr! Die Arbeiter und Bauern sind gegen den Kommunismus. Lasset den Belagerungszustand aufheben und es wird sich zeigen, daß keine Gefahr fürs Land besteht. Laßt es Euch gesagt sein, so hat auch die Revolution von 1907 begonnen.

Namens der Sozialdemokraten protestiert Mirescu gegen die Vorfälle. Die Unruhen in den Ateliers wurden durch Provokateure hervorgerufen, die sich als Kommunisten ausgaben, aber tatsächlich mit Wissen der Sigurantza und der Eisenbahndirektion agitierten. Sowohl die Sigurantza als auch die Eisenbahn haben zusammengearbeitet, um diese Unruhen hervorzurufen. Daß die Arbeiter zu diesen Demonstrationen durch eine Handvoll Leute veranlaßt werden konnten, ist auf ihre verzweifelte Lage zurückzuführen.

Redner verlangt eine parlamentarische Untersuchung, daß das Blutvergießen vorbedacht war.

Franasovici, namens der liberalen Partei, bedauert die tragische, aber unbedingt notwendige Unterdrückung der Unruhen. Nur auf diese Weise kann die kommunistische Gefahr unterdrückt werden. Die gesamte Verantwortung trägt jedoch die Regierung, die nicht rechtzeitig Maßnahmen ergriff.

Goga gibt die Erklärung ab, daß er daran glauben müsse, was die Regierung über die Vorfälle und ihre Unterdrückung zu sagen habe. Wenn der Belagerungszustand notwendig sei, müsse er aber mit aller Energie angewendet werden. Vor allem müsse die Bevölkerung die feste Ueberzeugung haben, daß diese Maßnahme zum Schutze des Landes notwendig sei. In diesem Falle können noch so viele Menschen erschossen werden. Es scheint jedoch, daß unglücklicherweise ein unwürdiges Regime verteidigt wird.

Gh. Bratianu: Wir müssen Verständnis für die gerechten Forderungen der Arbeiter haben, anderseits muß mit Entschiedenheit gegen die Versuche eingeschritten werden, die gegen die Existenz des Staates gerichtet sind. Wir haben für den Belagerungszustand gestimmt und haben vollstes Vertrauen zum Patriotismus des Ministerpräsidenten und seiner Mitarbeiter.

Junian: Kein gewissenhafter Politiker wird in dieser Angelegenheit der Regierung seine Unterstützung entziehen, die das bürgerliche Regime verteidigt. Die Regierung trifft jedoch die Schuld, nicht rechtzeitig Maßnahmen ergriffen zu haben, damit dieses Blutvergießen vermieden wird. Ich habe den Eindruck, daß unsere Gesellschaftsordnung sich zersetzt. Das schauerliche Geheul der Sirenen, die die Streikenden heute Nacht ertönen ließen, haben uns geweckt. Erst wenn dieser Geist der Anarchie, in dem wir leben, einer gesunden Atmosphäre weichen wird, kann die Regierung eine Unterstützung unsererseits erwarten.

Codreanu: Der Hunger und das Elend, mit dem die Arbeiter leben, ist gefährlicher als der Kommunismus.

Cuza rät der Regierung zurückzutreten um andern Platz zu machen, die die Ordnung aufrecht erhalten könnten.

Ministerpräsident Vaida Voevod hält eine längere Rede, in der er ausführt: Bin ich ein Mann der Ordnung, oder ein Mann mit blutigen Händen, oder ein Zögerer, der keine Maßnahme zu ergreifen versteht, oder bin ich das Haupt einer Regierung von Paralytikern? Jeder von ihnen charakterisiert mich anders, niemandem kann ich es recht machen. Rechenschaft lege ich vor meinem Gewissen ab, daß ich meinem Vaterland in der richtigen Weise diene. Was nun die angeblichen Differenzen zwischen mir und meinem Freund Maniu betrifft, so muß ich sagen, daß wir vollkommen solidarisch und einig sind. Sollten die Interessen des Landes verlangen, das einer von uns oder wir beide geopfert werden, so werden wir uns fügen, ohne, daß die Einheit der Nationalzaranistischen Partei darunter leiden würde. Was sich in den Ateliers ereignet hat, bedauern wir am meisten, aber die Gesetze des Landes müssen respektiert werden. Als es notwendig wurde, haben wir auch gehandelt und den Belagerungszustand eingeführt. Wenn es uns in zwei oder drei Wochen gelingen wird, die Ruhe wieder herzustellen, werden wir ihn wieder aufheben. Aber jetzt müssen wir handeln um das Land zu retten und nicht demagogische Phrasen dreschen. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß unser Land, trotz noch so vielen Agitatoren und Geldern aus dem Ausland leben und gedeihen wird. (Ovationen seitens der Majorität)
Es wird beschlossen, eine Tagesdiurne der Abgeordneten für die Hinterbliebenen der Todesopfer auf seiten der Behörden und der Arbeiter zu spenden.
Die Opposition verlangt eine parlamentarische Enquete über die Vorfälle. Ueber Intervention des Ministerpräsidenten wird dieser Antrag von der Majorität abgelehnt.

(330219r8)
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Nr. 281, Dienstag, 21.02.33

Postby Klaus Binder on 20. February 2011, 15:54

Seite 1

Die Vorgänge in Deutschland [S. 1, unten, links]
Der Ueberfall auf die Berliner Kunstakademie

Zu dem vom „Tag“ bereits gemeldeten Ueberfall auf die Kunstakademie wird aus Berlin noch berichtet:
Gestern überfielen gerade während der Staatsprüfungen nationalsozialistische Trupps die staatliche Kunstschule in Berlin-Schöneberg und besetzten sämtliche Räume. Unter wüstem Gejohle wurden die Prüfungen unterbrochen, die Prüfungskommissäre aus dem Haus gejagt und auf die Straße getrieben. Sämtliche jüdischen und „marxistischen“ Lehrer mußten unter Spießrutenlaufen die Räume verlassen, die von den Nazihorden mit Eisenkrampen vernagelt wurden. Alle anders gesinnten Studenten, vor allem die sozialdemokratischen und kommunistischen, wurden auf die Straße geprügelt, auf dem Gebäude wurde nach dem „glorreichen Sieg“ eine vier Meter lange Hakenkreuzfahne gehißt.
Von der Polizei war während dieses feigen Ueberfalles, der immerhin geraume Zeit währte, nicht eine Spur zu sehen, sie traf erst nach dem Abzug der Nazitruppen am Tatort ein.

*
Berlin, 18. Februar. Das Reichsgericht hat das vom Berliner Polizeipräsidenten vor einiger Zeit über den Vorwärts verhängte Verbot mit der Begründung aufgehoben, daß es zu Unrecht ergangen sei. Es handelt sich um das dreitägige Verbot, das noch auf Grund der alten Pressenotverordnung erlassen worden war und zwar wegen Veröffentlichung des Wahlaufrufes der Sozialdemokratischen Partei. Rechtlich ist der Beschluß des Reichsgerichtes insoferne bedeutsam, als das nun aufgehobene Verbot auch einer großen Anzahl anderer sozialistischen Blätter zugutekommt, die wegen der gleichen Veröffentlichung verboten wurden.

Kronprinz Rupprecht - - Staatschef von Bayern!
München, 19. Februar (Tel. des „Tag“). Gelegentlich einer Theateraufführung, die gestern hier stattfand und an der auch der frühere Kronprinz Rupprecht teilnahm, wurden ihm Sympathiekundgebungen bereitet. Der zweite Akt des Theaterstückes endet mit einer Militärszene, in der bayerische Truppen dem König Ehrenbezeugung leisten. In diesem Moment erscholl der Ruf: Es lebe Prinz Rupprecht!
Diese Szene wird in politischen Kreisen lebhaft kommentiert, und man bringt sie in Zusammenhang mit der Absicht der bayerischen Regierung, in Bayern den Posten eines Staatschefs zu schaffen und diesen Posten dem früheren Kronprinzen Rupprecht anzuvertrauen.

Hitler weicht nicht
Berlin, 19. Februar (Tel. des „Tag“). Der nationalsozialistische Abgeordnete Dr. Frick erklärte in einer Wahlversammlung, daß die Nationalsozialisten das Verbot der kommunistischen Partei abgelehnt haben. Schließlich betonte noch Dr. Frick, daß auch bei einem ungünstigen Wahlergebnis am 5. März die Nationalsozialisten vom Schauplatz nicht verschwinden werden.

Nazis gegen das freie Wort
Berlin, 19. Februar (Tel. d. „Tag“). Der Kongreß, der heute hier unter dem Schlagwort: „Das freie Wort“ eröffnet wurde und an welchem Vertreter fast aller europäischen Staaten teilnehmen, wurde über Auftrag des Polizeipräsidenten aufgelöst, da angeblich in diesem die Regierung geschmäht wurde.

(330221w1)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Freie_Wort


Leitartikel
Es kracht und knistert [S. 1, oben, rechts]
im Gebälk der amerikanischen Wirtschaft
(von unserem Berliner Korrespondenten)


Europa, zwischen Furcht und Hoffnung sich windend, horcht nervös nach der neuen Welt: was bedeutet das Attentat auf Roosevelt? Gangstertum? Anarchismus? Oder beides? Welche sozialen Kräfte lauern hinter den dunklen Gewalten, die den Nationalheros Lindbergh zur Auswanderung zwingen, die immer wieder zu verhindern wissen, daß der Herrschaft der Repetierpistolen, des Korruptionsregimes und des Schmuggels als Nationalgewerbe ein Ende gesetzt wird? Man fragt sich von Zweifel und Neugierde gequält: was bringt die amerikanische Zukunft? Es gären und brodeln gigantische Energien im Schoße dieser neuen Welt, die den Uebergang aus dem Zustande der permanenten Revolution in den der letzten Stabilisierung und der Sublimierung anscheinend noch nicht restlos durchgemacht hat.
In Miami krachten Schüsse, aber in Michigan kracht es im Gebälk des Kreditwesens, und in allen 48 Staaten der Union steht es schlimm um die Schuldner. Die Deflation brachte eine Katastrophe für den Schuldner, wie die Inflation die Expropriierung des Gläubigers bedeutet hatte. Der Zusammenbruch der Union Guardian Co. in Detroit und die Bankensperre, die hierauf von dem Gouverneur des Staates Michigan verhängt werden mußte, um einen Run auf sämtliche Banken zu verhüten, ist nur ein Ausschnitt aus diesem gigantischen Kampfe der Schuldner- und Gläubigerinteressen. Ob im Hintergrunde nicht auch ein Kampf des New Yorker Finanzkapitals und der General Motors gegen Ford mitbestimmend ist, kann man bei der Verwickeltheit der Konzernbeziehungen aus der Ferne nicht beurteilen.
Ob im Zentrum der Bankensperre von Michigan der Kampf Fords steht oder nicht, die Wurzeln der Auseinandersetzung, deren Symptom dieser neue Krach ist, reichen viel tiefer. Mehrfach wurde ausgeführt, daß die Annahme, die Welt hätte bereits den Tiefpunkt der Krise hinter sich, noch keineswegs zu der weiteren Annahme berechtigt, die Besserung werde sich nunmehr in einer steil aufsteigenden Linie vollziehen. Angesichts der zahlreichen ungelösten Probleme, die noch Teilkrisen hervorzurufen drohen, ist vielmehr zu erwarten, daß der Aufstieg in einer Zick-Zacklinie, von vielerlei Rückschlägen unterbrochen, erfolgen werde.
Die ersten Monate des laufenden Jahres scheinen in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte diese Annahme zu bestätigen. Gleich zu Beginn des Jahres häufen sich die Fälle, daß in wichtigen Farmerstaaten der Union, in Iowa, Wisconsin, Nebraska, Nord- und Süd-Dakota bei Zwangsversteigerungen förmliche Farmerrevolten ausbrechen, Advokaten, Gerichtsvollzieher, Lizitationsteilnehmer mit Gelynchtwerden bedroht werden usw. Eine Mobiliarhypothek über 2500 Dollar erbrachte in Monticello im Staate Illinois bei der Versteigerung ganze 4 1/2 Dollar. Für Pferde wurden 10 Cents, für Kühe 6 Cents, für Wagen 5 Cents geboten, da sich die Farmer der Umgebung zusammengetan und keinen „Ortsfremden“ zur Lizitation zugelassen haben. Als diese Bewegung bereits die Dimensionen einer Revolte angenommen hatte, beschloß eine Anzahl New Yorker Versicherungsgesellschaften und Hypothekenbanken mit der New York Life Insurance Co. an der Spitze, auf die Abhaltung von weiteren Versteigerungen zu verzichten, also praktisch ihren Schuldnern ein Moratorium zu gewähren.
Durch diesen freiwilligen Beschluß haben die Gläubiger selbst anerkannt, daß die weitere Hinziehung der Regelung des inneren Schuldenproblems unmöglich ist. Was für Riesensummen hier im Spiele sind, geht aus einer Aufstellung des Industrial Conference Board hervor, wonach im Jahre 1929 die Agrarschulden 12.2, die Eisenbahnschulden 12.7, die Bank- und Hypothekenbank- und sonstige Gesellschaftsschulden 74.6 und die Schulden von Einzelpersonen 24.9 Milliarden Dollar betragen haben, von der inneren öffentlichen Schuld von 30 Milliarden Dollar ganz zu schweigen. Die Schuldabwertung dieser Riesenbeträge ist ein ebenso unermeßliches wirtschaftliches und soziales, politisches und juristisches Problem, wie es die Aufwertungsfrage nach der Inflation gewesen ist. Es besteht heute schon kein Zweifel darüber, daß vor den Gläubigern sich eine klare Alternative eröffnet: entweder eine Generalerleichterung der Lage ihrer Schuldner durch Währungsverschlechterung, durch „kontrollierte Inflation“, zuzulassen oder eine Reihe von Reorganisationen und individuellen Sanierungsabkommen durchzuführen, wobei das dringendste Gebot der Stunde die Abschreibung der verloren gegangenen Posten ist. Schon im Sommer vergangenen Jahres bezeichnete Somary als Vorbedingung der Sanierung den klugen Verzicht, die mutigen Abschreibungen der Gläubiger, das große Aufräumen mit der Vergangenheit. Strich drunter - das ist auch die Forderung des Tages in der amerikanischen Wirtschaft.
K. L. [Karl Lemke]

(330221w1a)


Die Bankenkrise in Michigan [S. 1, unten, rechts]
Aus Detroit wird uns telegraphiert: Im Laufe einer Versammlung der Bankiers des Staates Michigan kündigte der Gouverneur des Staates strenge gesetzgeberische Maßnahmen an, durch die eine Finanzkrise vermieden werden soll. Der Gouverneur erklärte, die Ernennung eines Diktators für das gesamte Bankwesen sei unerläßlich. Die meisten Banken in Detroit haben ihre Schalter wieder geöffnet. Sie sind zum Teil wieder in der Lage, fünf Prozent der Einlagen auszuzahlen, obwohl das vom Gouverneur des Staates erlassene Moratorium noch in Geltung ist.

(330221w1a)


Seite 2

Die Retrogradierung der städtischen Beamten [S. 2, oben, links]
Der „Tag“ konnte in seiner Samstagnummer als einzige Zeitung die Nachricht über die Retrogradierung einer Reihe von Beamten bringen. Es wurde auch gesagt, welche Mißstimmung diese Nachricht bei den Beamten hervorgerufen hat.
Samstag fand im lokalen Revisionskomitee eine Beratung statt, an der auch Vertreter der Stadtgemeinde teilnahmen. Wie wir erfahren, soll die Frage der Retrogradierung der städtischen Beamten erörtert und beschlossen worden sein, wohl im Budget die vollen bisherigen Gehälter für die retrogradierten Beamten einzustellen, die Differenz der Retrogradierung jedoch zu blockieren, bis die Entscheidung des Zentralrevisionskomitees herablangt. Denn bekanntlich haben noch vor zwei Jahren die Beamten, die retrogradiert wurden, beim Zentralrevisionskomitee Rekurs eingelegt.
Wir erfahren weiter, daß die Situation des Beamten des Sanitätsamtes Zamri, dessen Entlassung infolge Mangels an Studien, - wie wir berichtet haben - beschlossen wurde, sich geändert hat. Sanitätsinspektor Ionescu hat eine nachträgliche Prüfung für diesen Beamten angeordnet, die am Samstag stattfand. Die Prüfungskommission bestand aus Veterinärinspektor Marceanu, Dr. Iliescu und Direktor Mihailescu. Der betreffende Beamte soll die Prüfung bestanden haben, und es ist zu erwarten, daß er weiter im Dienste verbleibt, umsomehr, als es sich um einen Familienvater von vier Kindern handelt.
Direktor Edelstein ersucht um die Feststellung, daß ihm der Titel, den er im Jahre 1929 hatte, Direktor zweiter Rangsklasse, zuerkannt wurde, jedoch mit einem Gehaltsabzug von 1200 Lei monatlich.

(330221c2)


Verschärfung des Marzescu-Gesetzes [S. 2, rechts, Mitte]
Projekt fertiggestellt

Bukarest, 19. Februar (Tel. des „Tag“). Justizminister Popovici wird noch diese Woche das von ihm ausgearbeitete Projekt über die Verschärfung einiger Artikel der lex Marzescu dem Parlamente vorlegen.
Das Gesetz sieht eine Verschärfung der Strafen für Handlungen vor, die sich gegen die Sicherheit des Staates richten. Das Gesetz sieht weiter eine Verschärfung der Strafe vor für Mitglieder der kommunistischen Partei, wenn ihnen gesetzwidrige Handlungen nachgewiesen werden. Anschläge, die sich gegen Mitglieder der Regierung, des Parlamentes, Staatsinstitutionen, oder Persönlichkeiten, die im Staatsdienste stehen, richten, werden vom Gesetz strenge bestraft.
Es werden weiters Autoren von aufhetzerischen Artikeln, so wie solche, die diese Artikel zum Druck übernommen haben, strenge bestraft, Personen, die derartige Schriften zur Verbreitung übergeben, unterliegen der Strenge des Gesetzes.
Personen, die Staatsgeheimnisse verraten oder diplomatische Schriftstücke an das Ausland weitergeben, werden auf Grund des neuen Gesetzes bestraft.
Für kommunistische Propaganda sieht das Gesetz Strafen von einem Monat bis zu einem Jahr vor; im Wiederholungsfalle Strafen bis zu zwei Jahren.
Strafen bis zu 14 Tagen Arrest werden verhängt, gegen alle, die sich an verbotenen Straßendemonstrationen beteiligen. Wenn sich die Demonstranten trotz der Aufforderung der Behörden nicht zerstreuen sollten, kann diese Strafe für die Beteiligten bis auf drei Monate Gefängnis erhöht werden.
Gewaltsame Besetzung eines Versammlungssaales wird mit einer Strafe bis zu einem Jahr Kerker bestraft. Personen, die gegen Zahlung der Steuern oder Leistung der Militärdienstpflicht Propaganda machen, werden mit drei Monaten bis zu einem Jahr Kerker bestraft.
Die Devastierung von Staatsgebäuden, eines Wasserwerkes oder sonst welcher Installationen, die öffentlichen Charakter haben, wird mit einer Strafe von ein bis fünf Jahren belegt.
Personen, die bei diesen Handlungen auch Waffen getragen haben, werden mit der höchsten Strafe (fünf Jahre) bestraft. Die Personen, die sich in öffentlichen Gebäuden oder in Industrieunternehmen verbarrikadieren, die Gebäude aber trotz der Aufforderung der Behörden nicht verlassen wollen, werden mit ein bis zu fünf Jahren Kerker bestraft. Das Gesetz sieht auch strenge Strafen für Personen vor, die gelegentlich öffentlicher Versammlungen andere Personen tätlich angreifen. Tätlichkeiten gegenüber Behörden werden mit 1 bis 5 Jahren Kerker bestraft.
Das Tragen von Uniformen und Abzeichen, die vom Gesetz verboten sind, wird mit einer Geldstrafe bis zu 5.000 Lei bestraft.
Diese Vergehen fallen in die Kompetenz der Korrektionsgerichte und werden nicht als politische Delikte angesehen.
Flagrante Delikte werden vom Schnellgericht abgeurteilt.

(330221r2)
Klaus Binder
 
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Nr. 282, Mittwoch, 22.02.33

Postby Klaus Binder on 22. February 2011, 02:49

Seite 2

Todesfälle [S. 2, oben, links]
Samstag, den 18. d. M., starb im Alter von 66 Jahren der Kinderarzt Dr. Osias Hönich, einer der geachtetsten und tüchtigsten Vertreter des Aerztestandes unserer Stadt. Abgesehen von seinen hervorragenden Eigenschaften als Arzt verfügte Dr. Hönich über ein bedeutendes Wissen und viel Verständnis auf künstlerischen und wissenschaftlichen Gebieten. Das Leichenbegängnis fand gestern nachmittags, vom Trauerhaus, Vorobchievicigasse 3 aus, statt. Von seinen Söhnen ist der eine Advokat in Czernowitz, der jüngere Maler in Paris. -
In der Nacht auf Sonntag verschied Herr Wilhelm Trichter im hohen Alter von 79 Jahren. Der Verstorbene war langjähriger verdienstvoller Vizepräsident und Ehrenmitglied des Kommis- und Buchhalterunterstützungsvereins.

(330222t2)


Arnold Kißlinger gestorben [S. 2, Mitte, links]
Im Alter von 77 Jahren ist gestern der Großkaufmann und Realitätenbesitzer Arnold Kißlinger gestorben. In den wenigen Jahren, die der Verstorbene in unserer Stadt weilte, hat er sich durch sein wohltätiges Wesen und seine glänzenden Charaktereigenschaften die größte Hochachtung aller Gesellschaftskreise erworben. Er war der jüngere Bruder des Bankiers Markus Kißlinger, der ihm um einige Jahre im Tode voranging. Nach dem Tod seines Bruders übersiedelte Herr Arnold Kißlinger, der von seinem Bruder als Universalerbe eingesetzt wurde, nach Czernowitz, wo er es sich zur Aufgabe setzte, das charitative Werk seines Bruders in dessen Geist fortzusetzen. Arnold Kißlinger genoß vor seiner Uebersiedlung in unsere Stadt die höchste Wertschätzung der Bukarester Gesellschaft, die in ihm einen der tüchtigsten und geachtetsten Vertreter seines Faches, der Juwelierbranche, würdigte. Kein Wunder, daß sich sein Name auch in Czernowitz dank seinem biederen Wesen und seinem Reichtum an Wissen bald eines guten Klanges erfreute. Sein Haus in der Landhausgasse war bald der Mittelpunkt der philanthropischen Wirksamkeit unserer Stadt. Für viele Arme und Bedrängte wird das Ableben Kißlingers eine unersetzbare Lücke gerissen haben. Der Verstorbene wirkte auch in hervorragendem Maße im Kuratorium der Toynbeehalle. Er hinterließ einen Sohn, Großkaufmann Mayer Kißlinger in Bukarest und zwei im Altreich verheiratete Töchter.

(330222t2)


Beschlußunfähig [S. 2, oben, Mitte]
Wie aus einer Mehrheit eine Minderheit wird
Situationsbild über die „Sitzung“ am Montag


Für Montag 6 Uhr abends war eine Sitzung des Gemeinderates einberufen. Genau um 6 Uhr war der Sitzungssaal beleuchtet; man wartete auf die Herren Gemeinderäte. Der Gemeindediener hatte die Nominalliste zur Hand und machte wie gewöhnlich, sobald ein Gemeinderat erschien, einen Abstrich. Diese Abstriche wurden immer fortgesetzt. Um halb 7 Uhr hatte der Bleistift des Gemeindedieners 25 solcher Abstriche gemacht, demnach war der Gemeinderat - eingeschlossen Bürgermeister Saveanu, Vizebürgermeister Gaidosch und Vizebürgermeister Kaszmarowski-Weiser, ebenso die Stadträte - anwesend.

Schon im Laufe des Vormittags munkelte man, daß diese Sitzung nicht abgehalten werden wird, denn man erzählte, daß die rumänischen Gemeinderäte sich entschlossen hätten, gegen die Vergebung des alten Stadttheaters an die Sozialdemokraten zu stimmen. Diese Angelegenheit stand auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung des Gemeinderates.
Vor allem fiel die kleine Zahl der jüdischen Gemeinderäte auf. Es waren nur drei, und zwar Dr. Grünberg, Dr. Krämer und Dr. Zloczower anwesend.
Einige rumänische Gemeinderäte kamen und gingen. Pfarrer Tihon und Gemeinderat Pitei gingen fort. Gemeinderat Professor Spataru hatte ein Pulver gegen Migräne genommen und erklärte, er habe Kopfschmerzen. Er ging auch fort. Stadtrat Dr. Rosenzweig war plötzlich verschwunden. Wer blieb? Die sozialdemokratische Fraktion. Diese war vollzählig, bis auf Frau Kißmann, die sich entschuldigen ließ.
Halb 7 Uhr. Es ist höchste Zeit, die Sitzung zu beginnen.
Bürgermeister Dr. Saveanu schwingt die Glocke. Nervöse Stimmung.
Generalsekretär Dr. Braileanu verliest die Namen der Gemeinderäte. Der erste ist Vizebürgermeister Baranay - abwesend.
Der Namensaufruf wird fortgesetzt. Die nervöse Stimmung hält an. Man zählt und zählt. Man ist bei der Zahl 19 stehen geblieben. Protest bei den Sozialdemokraten. Vizebürgermeister Gaidosch stellt fest, daß der Gemeindediener 25 Räte der Gemeinde gezählt hat, nun seien es nur 19. Der Bürgermeister läßt alle Räume durchsuchen, vielleicht ist doch noch einer da. Es will aber niemand mehr da sein. Es vergeht wieder eine Viertel Stunde. Die Glocke läßt sich wieder vernehmen, aber nicht wie ein anderes Mal, um die Beschlußfähigkeit, sondern die Beschlußunfähigkeit festzustellen. Vizebürgermeister Gaidosch lädt die Herren seiner Fraktion in sein Zimmer. Der sozialdemokratische Gemeinderat Dan ist sehr erregt. „Eine Schande“, sagt er „sich eine politische Partei zu nennen.“ Was ist geschehen? „Ja,“ sagt Herr Dan, „die Gemeinderäte wurden abgeschoben, sie wurden ganz einfach weggeschickt, damit die Sitzung beschlußunfähig wird.“ Warum aber? „Die Vergebung des Arbeiterheimes stand auf der Tagesordnung, und nun soll die von uns mit anderen Gemeinderatfraktionen abgeschlossene Abmachung nicht eingehalten werden.“
Ein anderer sozialdemokratischer Gemeinderat sagte: „Wenn es die Herren darauf ankommen lassen, dann werden wir auch die Konsequenzen ziehen. Es ist eine Schande. Ganz einfach Mache!“
Ein Zuhörer, der ständiger Gast der Sitzungen ist, ruft: So sieht der ganze Gemeinderat aus.

Dr. Krämer sucht sich zu entschuldigen. Es ist ein purer Zufall, daß die jüdischen Gemeinderäte nicht anwesend sind. Uebrigens sei Vizebürgermeister Klüger krank und Oberrabbiner Dr. Mark habe sich entschuldigen lassen.
Anklagen und Entschuldigungen. Der Bürgermeister wird schriftlich die nächste Sitzung bekanntgeben. Vizebürgermeister Kaszmarowski-Weiser drängt! „Herr Bürgermeister, wir stehen vor der Budgetberatung, es ist keine Zeit zu verlieren!“
7 Uhr. Man geht auseinander …

(330222c2)


Seite 3

Der geheime Aktionsplan der Kommunisten abgefangen [S. 3, oben, links]

Bukarest, 21. Februar (Tel. d. „Tag“). Der Sigurantza gelang es nach einer abenteuerlichen Verfolgung, die wie ein spannender Kriminalroman anmutet, eine Frau zu verhaften, die in der Kommunistenpartei eine große Rolle spielte und die Verbindung zwischen Bukarest und der Kommunistenzentrale in Berlin, die ihrerseits von Moskau Aufträge bekam, aufrechterhielt.
Bei der verhafteten Kommunistin, die gerade aus Berlin mit neuerlichen Instruktionen kam, fand man äußerst wichtiges Material über die kommunistische Bewegung. So auch einen bis in die kleinsten Einzelheiten ausgearbeiteten Plan, demzufolge die sogenannte „Beunruhigungsaktion“ durchgeführt werden sollte. Nach den Eisenbahnerunruhen, die überall schon lange sorgfältig vorbereitet worden waren, sollten ähnliche Unruhen und Sabotageakte bei anderen öffentlichen und lebenswichtigen Institutionen wie der Post, Elektrizitäts- und Wasserwerken usw. durchgeführt werden.
Ein besonderes Kapitel befaßt sich mit der Bolschewisierung von wichtigen privaten Industrieunternehmungen, wie Petroleumgesellschaften, Fabriken ec.

Aus diesem Plane ist aber auch ersichtlich, daß hochgestellte Persönlichkeiten, wie Generaldirektoren, u. a. beteiligt sein sollen.
Gleichzeitig hat die Sigurantza festgestellt, daß die eigentlichen Organisatoren der bisherigen Arbeiterstreiks nicht verhaftet werden konnten, weil sie in dem allgemeinen Rummel immer rechtzeitig zu verschwinden wußten. Nach diesen Agitatoren wird jetzt eifrig geforscht.
Auf Grund des abgefangenen Aktionsplanes wird es jetzt den Behörden leichter sein, neue Unruhen rechtzeitig zu unterdrücken und die leitenden Personen zu verhaften.

(330222r3)


Seite 4

Deutschland vor den Wahlen [S. 4, Mitte]
Beamtensperre

Die Regierung ordnet an
Stahlhelmverbände: ja
Linksverbände: nein

Berlin, 20. Februar (Tel. des „Tag“). Der Reichskommissär für Preußen Goering richtete an die Polizeibehörden ein Schreiben, in welchem er darauf verweist, daß die Tätigkeit der SA, SS und der Stahlhelmverbände in ihrer Tätigkeit nicht behindert werden dürfen. Er hoffe, daß die Polizeibehörden ihre Pflicht erfüllen und die nationalen Verbände in ihrer Tätigkeit nicht stören werden. Hingegen ergeht an die Polizeibehörden der Auftrag, die Kommuninstenorganisationen und alle übrigen staatsfeindlichen Elemente zu bekämpfen, im notwendigen Falle auch von der Waffe Gebrauch zu machen.

Gegen die Verleumdung
Der abgesetze preußische Minsterpräsident Braun hat eine einstweilige Verfügung gegen die Verbreitung eines Plakats, in welchem Braun und Severing beschuldigt werden, zwei Millionen Mark gestohlen zu haben, erwirkt.

In der Wohnung Goerings empfing Reichskanzler Hitler heute die Vertreter der Großindustrie.
Hugenberg verlautbart, daß er mit dem Tage seines Eintritts in die Reichsregierung auf alle Verwaltungsstellen verzichtet hat.

Berlin, 20. Februar (Tel. des „Tag“). Das Oberregierungspräsidium hat für Berlin und die Bezirke, die zum Oberpräsidium gehören, bis auf weiteres Beamtensperre verhängt.

Verbot aufgehoben
Berlin, 21. Februar (Tel. des „Tag“). Das Verbot sozialdemokratischer Kundgebungen und Manifestationen wurde heute aufgehoben.


80 Jahre Gefängnis für Cangara [S. 4, Mitte, unten]
Washington, 20. Februar (Tel. des „Tag“). Der italienisch Anarchist Cangara wurde heute vom Gericht in Miami zu einer Gesamtstrafe von 80 Jahren Zuchthaus verurteilt. In diese Strafe ist die Verletzung des Bürgermeisters von Chicago Cermak und der Fran Gill nicht eingerechnet. Wegen dieser Vergehen wird sich Cangara neuerlich zu verantworten haben.

(330222w4)
Klaus Binder
 
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Nr. 283, Donnerstag, 23.02.33

Postby Klaus Binder on 22. February 2011, 15:08

Seite 1

Vor der Wahl in Deutschland [S. 1, oben, Mitte]
Berlin, 21. Februar (Tel. des „Tag“). Für die Reichstagswahlen sind bis jetzt folgende Wahllisten angenommen worden:
1. Nationalsozialisten,
2. Sozialdemokraten,
3. Kommunisten,
4. Zentrum,
5. Kampffront Schwarz-Weiß-Rot,
6. Bayerische Volkspartei,
7. technische Liste und
8. Württembergscher Bauern- und Landbund.
Der Wahlvorschlag der sozialdemokratischen Kampfgemeinschaft wurde abgelehnt, weil 20 Stimmen zu den vom Gesetz vorgesehenen 60.000 Unterschriften fehlten.
Für die Preußischen Landtagswahlen wurden bis nun sieben Wahllistenvorschläge in gleicher Reihenfolge wie für die Reichstagswahlen angemeldet.
Die kommunistische Presse im Rheinland wurde vom Oberpräsidenten bis zum 28. Februar verboten, weil die Reichsregierung geschmäht wurde.

Papen kündigt „Geistige Revolution“ an
Die Versöhnung der Aristokratie mit der Demokratie

Berlin, 21. Februar (Tel. des „Tag“). In der Universität fand heute eine Kundgebung der akademischen Jugend statt, zu der auch Reichsvizekanzler von Papen eingeladen wurde und folgendes ausführte:
Viel wurde in den letzten Jahren gesündigt, viel Mißbrauch getrieben. Es gibt keine moralische sondern nur eine geschichtliche Schuld und wenn man behauptet, daß der Bolschewismus die wahre Revolution des 20. Jahrhunderts ist, so stimmt das nicht. Die Revolution ist Mechanisierung, wie sie vom Marxismus gefordert wurde. Und wenn der Marxismus heute in Deutschland verschwinden muß, so ist es nur die Quittung für seine Schuld.
Ueber den Kommunismus sagte Papen: Wenn sich das Volk zusammentun und ein kommunistisches Regime verlangen würde, müßten wir diesem Verlangen Rechnung tragen. Wenn aber die Führer der Kommunisten aus dem Auslande Methoden in Deutschland einführen wollen, so müssen wir diese Partei rücksichtslos unterdrücken und ausrotten.
Was die Außenpolitik betrifft, so müssen wir auf Grund unserer Tradition, indem wir uns dem römischen Abendlande gleichstellen, nur auf unsere eigene Kraft bauen. Die Zeit des Denkens der französischen Revolution ist vorüber. Heute wissen wir bereits worum wir im Kriege unbewußt gekämpft und zwei Millionen Menschen verloren haben. Wir haben für eine innere und äußere Gerechtigkeit des Reiches gekämpft. Die nationale Bewegung hat die Regierungsmacht ergriffen.
Und nun stehen wir vor einer geistigen Revolution. Es handelt sich um die Grundsteinlegung für das neue Reich.
Nicht nur Europa sondern auch Deutschland hat heute ein gemeinsames Prinzip: Die Demokratie mit der Aristokratie zu versöhnen. Es sind Menschen mit Kraft und Geist, Herren die Würde ausströmen, sie sind aber auch Herren, weil sie dienen können. Als Verkörperung der Aristokratie ist uns unser Reichspräsident ein Beispiel.
Dem großen Zwiespalt muß ein Ende bereitet werden. Wir müssen den Parteienstaat beseitigen.

(330223w1)


Vaida und Mironescu sprechen zum Ausland [S. 1, oben, rechts]
Paris, 21. Februar (Tel. des „Tag“). Dem nach Bukarest entsandten Spezialberichterstatter des „Le Journal“, Geo London erklärte Ministerpräsident Vaida über die letzten Vorfälle, daß er der künftigen Entwicklung der Dinge mit Vertrauen entgegensehe, umsomehr als festgestellt wurde, daß die Unruhen von sowjetrussischen Provokateuren über Auftrag Moskaus inszeniert wurden. Die letzten Parlamentswahlen haben bewiesen, daß es in Rumänien keine kommunistische Partei gibt; schon dies läßt erkennen, daß die Unruhen von interessierten Kreisen organisiert wurden.
Entschlossen, Exzesse und Ausschreitungen, mögen sie von rechts oder von links kommen, zu unterdrücken, wird es die Regierung nicht zulassen, daß anti-semitische oder sowjet-zionistische Manifestationen, die von gewissen jüdischen Elementen in Beßarabien ausgehen, stattfinden.
Ich bin informiert, daß dieselben Kreise ähnliche Zwischenfälle in Arad, Czernowitz, Oradea-Mare und Temesvar planten, es wurden aber alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um auch schon den Beginn derartiger Manifestationen im Keime zu unterdrücken.
Das Land will Ruhe und allein diese Tatsache wird mehr nutzen, als das größte Gendarmerieaufgebot.

*
Dem Bukarester Korrespondenten des „L’Intransigeant“ I. Nedelea erklärte der Ministerpräsident:
Wundern Sie sich nicht, wenn wir uns noch an der Macht befinden, denn im Auslande war schon von der Revolution, von der Absetzung der Regierung und noch anderer schwererer Dinge, die Rede. Man hat die Vorgänge übertrieben. Wir haben und werden es nicht zulassen, daß wir durch irgend einen Streik, der zu politischen Zwecken ausgenutzt wird, terrorisiert werden. Die Arbeiter der Eisenbahnwerkstätte wurden von kommunistischen Elementen irregeführt. Wir haben energische Maßnahmen ergriffen und werden auch künftighin derartige Zusammenstöße unterdrücken. Wir haben die Diskussion über Kommunismus zugelassen, insolange diese Theorie eine Grenze hatte. Als wir aber sahen, daß die Gefahr für eine Unterminierung des Staates bestand, mußten wir einschreiten, denn wir können es nicht zulassen, daß der Staat von den Kommunisten beherrscht wird.
Die 100.000 oder 200.000 Arbeiter, die organisiert sind, haben es vorgezogen in die sozialdemokratische und in eine Partei einzutreten [vermutlich Druckfehler], 80 Proz. der Bevölkerung aber, und zwar die ländliche will vom Kommunismus nichts wissen. Obwohl die Wahlen frei waren, konnten die Kommunisten nicht einmal einen Abgeordneten ins Parlament entsenden. In Bessarabien, an der Grenze Sowjetrußlands war bis jetzt nicht einmal der Belagerungszustand notwendig. An der Westgrenze haben die revisionistischen Bestrebungen die gleiche Tendenz wie der Kommunismus. Einen ausgesprochenen Kommunismus haben wir aber nicht.
Was die letzten Vorfälle betrifft, so waren wir schon vor zwei Monaten informiert, daß sie sich ereignen werden, es war uns auch bekannt, daß fremde Emissäre über Polen und Ungarn ins Land gekommen waren, um diese Unruhen zu provozieren.
Wir haben aber rechtzeitig alle Maßnahmen ergriffen. Durch die Anwendung des Belagerungszustandes haben die Agitationen von rechts bereits aufgehört. Wenn die Ruhe wieder hergestellt ist, werden wir den Belagerungszustand aufheben. Sollte es aber notwendig sein, so wird er weiter ausgedehnt werden. Die Regierung hat alles getan, um die Ruhe aufrecht zu erhalten, denn die finanzielle und wirtschaftliche Wiederaufbauarbeit kann nur in Ruhe vor sich gehen.

*
Innenminister Mironescu gewährte dem „Daily Express“ über die letzten Vorfälle ein Interview. Er betonte, daß an Hand von Material festgestellt wurde, daß die Unruhen von Cluj und Bukarest das Werk kommunistischer Agenten sei. Auch das vorgefundene Geld beweist, daß die Aktion von der dritten Internationale ausgehe.

(330223r1)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunisti ... rnationale


Seite 2

Neuerliche Hausdurchsuchungen [S. 2, Mitte]
Die Verhafteten nach Jassy überstellt

Montag 1 Uhr nachts wurden die Verhafteten Dr. Hitzig und Frau, Dr. Fränkel, sowie der Herausgeber der „Welt“, Korn, den Militärbehörden übergeben. Sie wurden noch in derselben Nacht nach Jassy überstellt.
Montag nachts wurden wieder ungefähr 40 Hausdurchsuchungen vorgenommen. Drei Personen wurden verhaftet. Nennenswertes Material wurde nicht vorgefunden.

(330223c2)


„Deborah“ [S. 2, rechts, unten]
Wegen Ableben unseres Gönners Herrn Kißlinger, entfällt der dieswöchentliche Tee in der Toynbeehalle. Der angekündigte Vortrag von Frau Teophila Ornstein über das neueste Werk Arnold Zweigs „De Vriendt kehrt heim“ findet Mittwoch, den 22. d. M. um 6 Uhr abends im Sitzungssaale des Jüdischen Hauses statt.

(330223t2)


Seite 3

Ankündigung [S. 3, oben]
Schmerzerfüllt geben wir die traurige Nachricht vom Hinscheiden unseres unvergesslichen Familienoberhauptes, des Herrn

Arnold Kislinger

welcher nach langem schweren Leiden im 75. Lebensjahre am 20. d. M. nach einem selbstlosen, arbeitsreichen, seinem Volke und seiner Familie gewidmeten Leben sanft verschieden ist.

Die Trauerfeierlichkeit für unseren teueren Verblichenen findet heute Mittwoch, den 22. Februar um 2 Uhr nachmittags in der Toynbeehalle statt, zu der alle, die ihn geschätzt und geliebt haben, geziemend eingeladen werden.

Meyer Kislinger
Lotti Becker
Lisa Roda

Kinder

Wilhelm Becker
Sigi Roda

Schwiegersöhne

Rosa Kislinger
Gattin

Davys Becker
Alice Becker
Richard Trichter
Caeci Trichter
Julius Roda

Enkel

Hugo Miron Trichter
Urenkel

Cernauti-Bucuresti, 22. Februar 1933.

(330223t3)


Untersuchung der „Grivita“-Unruhen [S. 3, links, Mitte]
Bukarest, 21. Februar (Tel. des „Tag“). Die Einvernahme der 1260 gelegentlich der Unruhen im Atelier der „Grivitza“ [Grivita] verhafteten Arbeiter wird ununterbrochen fortgesetzt. 90 von ihnen wurden bereits auf freien Fuß gesetzt, 84 nach Jilava abtransportiert, da ihre Schuld einwandfrei festgestellt werden konnte. Ebenso wurde der Arbeiter eruiert, der den Wachmann Clutu hinterrücks erschossen hat.
Die Sigurantza erfuhr von dem Plane der Arbeiter, sich am Sonntag im Geheimen neuerlich im Atelier „Grivitza“ [Grivita] zu versammeln, um gegen das Vorgehen der Behörden zu protestieren. Durch Besetzung des Ateliers mit zwei Kompagnien Gendarmen wurde dieser Plan jedoch vereitelt. Momentan herrscht Ruhe.
Das Atelier, das am Donnerstag wieder die Arbeit hätte aufnehmen sollen, bleibt weiter geschlossen.

Die Arbeiter noch immer unruhig
Bukarest, 21. Februar. Die Eisenbahnarbeiter in Cluj und Ploesti hatten allem Anscheine nach die Absicht, neuerlich, und zwar Montag, in den Streik zu treten, um gegen die Verhaftung und Behandlung ihrer Bukarester Kollegen zu protestieren. Nach einer Sitzung der Leiter des Sicherheitsdienstes im Innenministerium wurde beschlossen, die Werkstätten in den genannten Orten stärker zu bewachen, um neuerliche Unruhen zu verhindern. Tatsächlich herrscht gegenwärtig Ruhe.

(330223r3)
Klaus Binder
 
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Nr. 284, Freitag, 24.02.33

Postby Klaus Binder on 22. February 2011, 15:10

Seite 1

Leitartikel
Retrogradierung [S. 1, oben, links]
Durch die Zeitungen geht jetzt dieses neue Wort, das Schrecken in die Reihen der Beamten bringt. Retrogradierung heißt Zurückversetzung in einen niederen Beamtenrang, in eine niedere Gehaltsstufe - früher hatte man hiefür die Bezeichnung Degradierung. Das war die schlimmste Strafe, die jemand im öffentlichen Amte über sich ergehen lassen mußte. Heute ist diese Degradierung friedfertiger Art und wird mit den Budgetsorgen motiviert. Man hat nämlich herausgefunden, daß tausende und tausende Beamten im Reiche mit Nachsicht von Prüfungen und der erforderlichen Qualitätsklassifikation in höhere Rangsklassen avanciert sind und demgemäß auch erhöhte Bezüge erhalten haben. Der findige Kopf des Finanzministers hat in der Retrogradierung das Mittel gefunden, Millionen dem Staatsschatz zu ersparen. Und nun geht ein Gruseln durch die Reihen der Beamtenschaft, das Retrogradierungsgespenst hat sich in jedes Haus, in dem der Staat operiert, eingenistet. Vom Direktor wird man Subdirektor, vom Subdirektor Beamter zweiter Klasse, viele fallen tief, ganz tief, bis durch die Tür hinaus. Die betroffenen Beamten wehren sich. Wenn man noch Glück hat, wird eine Ergänzungsprüfung angesetzt, wenn man keines, hingegen nach obenhin irgend welche Beziehungen hat, so wird man in den Bezügen geschont, wenn auch der Titel flöten geht, kurz und gut, der ganze Beamtenstab ist aufgerüttelt und voll Sorge, wie diese Manipulation mit der Retrogradierung zu Ende gehen wird. Einen einzigen Vorteil bringt das Manöver der Retrogradierung: die Sünden einer Vergangenheit werden aufgedeckt, man erkennt, wie viele Fehlbesetzungen es in den Aemtern gegeben hat, und wie da an wichtigen Stellen unrichtige Beamten saßen, und mit welchen Millionen der Staatshaushalt überflüssig belastet wurde. Das ist die Retrogradierungsepoche in den Zeiten unserer Staatshaushaltsnot.
Ego

(330224r1)


Der Reichspräsident ist über die Nazi-Rowdys empört
Hitler fordert zur Mäßigung [S. 1, Mitte, oben]
Scharfer Protest des Zentrums

Berlin, 22. Februar (Tel. des „Tag“). Das Interesse der Oeffentlichkeit hat sich heute vom Kampfe gegen die Sozialdemokraten und Kommunisten auf die brutale Bekämpfung des Zentrums durch die Nationalsozialisten abgelenkt.
Der frühere Arbeitsminister Hegwald wurde während einer Versammlung der Zentrumspartei von Nationalsozialisten attackiert und tätlich beleidigt. Es kam zu Zusammenstößen. Die Versammlung mußte aufgelöst werden.
Die Zentrumsführer haben telegraphisch beim preußischen Kommissär Göring Beschwerde erhoben. In Kaiserslautern erfolgten Zusammenstöße zwischen Zentrum und Nationalsozialisten, wobei es 13 Verletzte gab. Viel besprochen wird der Zusammenstoß mit Zentrumsangehörigen in Crefeld [Krefeld].

Es tut ihm leid
Es wird halbamtlich mitgeteilt, daß Göring eine strenge Untersuchung über die Vorfälle eingeleitet hat. Der Vizekanzler von Papen ließ erklären, daß er die Vorfälle aufs schärfste mißbillige.

Aufruf Hitlers
Adolf Hitler hat in seiner Eigenschaft als Führer der Nationalsozialisten einen Aufruf an seine Partei erlassen, in welchem er unter anderem sagt:

Provokatorische Elemente versuchen, Störungen in die Parteiversammlungen zu tragen und sie zur Auflösung zu bringen. Es liegt nicht in den Intentionen der nationalsozialistischen Partei, solche Akte durchzuführen. „Ich erwarte“ sagt Hitler, „daß alle Nationalsozialisten Disziplin üben und sich gegen Absichten, die unser Prestige verletzten, wenden werden. Der Feind, das muß eindringlichst gesagt werden, steht nur links; das ist der Marxismus. Wenn das Zentrum diesen Marxismus unterstützt, werde ich selbst mit dem Zentrum mich auseinandersetzen“.

Zum Schluß fordert Hitler auf, die gegnerischen Versammlungen nicht mehr zu beachten.

Der Aufruf Hitlers zeigt, daß es sehr schlimm um die Disziplin steht, wenn er seine Leute nicht mehr in der Hand halten kann. Die Störung der Versammlung des Zentrums, die Attackierung der Führer des Zentrums, die Brutalitäten, die sich in den Versammlungen gegen katholische Priester abspielten, außerdem die Art, wie die Zentrumspresse unterdrückt werden sollte, diese Maßnahmen einer wahnsinnig gewordenen Autokratie Hitlers haben, wie es heißt, auch die schärfste Mißbilligung des Reichspräsidenten erfahren. Hitlers Aufruf soll über den Einfluß Hindenburgs zustandegekommen sein.

Noch mehr Tote
Je näher der Wahltag heranrückt, desto schärfer werden die Zusammenstöße. In Hannover kam es bei einer kommunistischen Versammlung zu wüsten Schlägereien. Es wurde geschossen. Ein Kommunist ist schwer verletzt, fünf leicht verletzt. In der Nähe von Hannover überfielen Nationalsozialisten eine Gruppe von Kommunisten. Vier Personen wurden schwer verletzt, sieben leicht verletzt.
Zu schweren politischen Kämpfen ist es in Spandau gekommen. Man zählt dort zwei Tote und zwei Schwerverletzte. Nach dem Berichte der Polizei haben die Kommunisten zuerst geschossen. Ein Nationalsozialist wurde getötet. Bei den späteren Schießereien wurden ein Kommunist getötet und zwei schwer verletzt.

Verbote
In Köln hat der Regierungspräsident das Verbot für öffentliche Versammlungen der Kommunisten aufgehoben. Versammlungen dürfen nur in geschlossenen Räumen stattfinden. Das Verbot für Kundgebungen bleibt bestehen. In Sachsen ist das Verbot für Umzüge und Kundgebungen der Sozialdemokraten und Kommunisten erlassen worden.

(330224w1)


Seite 2

Frau Fanny Straucher gestorben [S. 2, unten, links]
Der frühere Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, der ehemalige Reichsrats- und Landtagsabgeordnete, Deputierter in der rumänischen Kammer, Dr. Benno Straucher, hat einen schweren Verlust erlitten. Seine Gattin, Frau Fanny Straucher, ist im Alter von 72 Jahren gestern nachmittags gestorben. Sie war schon seit längerer Zeit leidend. Sie war eine feinfühlige Dame, voll nobler Gesinnung, eine der wirklich großen Frauen, deren Zeitgenosse wir sind, eine Frau, die nur ergeben war dem Schicksal des eigenen Hauses und von sich nicht gerne reden machte. Um den Tod dieser Frau trauern nicht nur der Gatte und ihre beiden Söhne, der eine Dr. Eduard Straucher, Advokat in Czernowitz, der andere Dr. Otto Straucher, der erst vor wenigen Tagen aus Wien hierher kam, um seiner Mutter eine Visite zu machen, die die letzte werden sollte, fanden auch die große Gesellschaft dieser Stadt bekundet tiefste Teilnahme. Das Leichenbegängnis findet heute Donnerstag um 3 Uhr nachmittags vom Trauerhause, Herrengasse 3, statt. Sie wird in dem Ehrengrabe, das die Kultusgemeinde gestiftet hat, beigesetzt.

(330224t2)


Enthaftung der Czernowitzer politischen Häftlinge in Jassy [S. 2, Mitte, links, unten]
Wie wir erfahren, ist gestern in Jassy die Enthaftung der der kommunistischen Propagandatätigkeit verdächtig gewesenen Advokaten Dr. Hitzig, Frau Ida Hitzig und Dr. Frenkel, sowie des Herausgebers der „Welt“, Moses Korn, erfolgt.

(330224c2)


Bevölkerungsziffern Bukowiner-Städte [S. 2, Mitte, links, unten]
Die offizielle Statistik gibt auf Grund der Volkszählung vom 29. Dezember 1929 die Einwohner der Bukowiner Städte wie folgt an:
Cernauti . . . . . . . 111.147 (drittgrößte Stadt Rumäniens)
Suceava . . . . . . . . 17.001
Radauti . . . . . . . . . 16.808
Campulung . . . . . . 10.124
Siret . . . . . . . . . . . . 10.025
Vatra-Dornei . . . . . . 9.878
Storojinet . . . . . . . . . 8.611
Gura-Humorului . . . 5.977
Zastawna . . . . . . . . 5.038
Cozmeni . . . . . . . . . 5.015
Cuciurul Mare . . . . . 3.014
Solca . . . . . . . . . . . . 2.825

(330224i2)


Abgesagtes Leichenbegängnis [S. 2, oben, rechts]
Trauerfeier für Kislinger

Groß war die Trauergemeinde, die sich gestern um zwei Uhr nachmittags in der Toynbeehalle eingefunden hatte, um dem verstorbenen Großkaufmann A. Kislinger das letzte Geleit zu geben. Der Vizepräsident des Kuratoriums, Professor Hoffmann, würdigte in zu Herzen gehenden Worten die Gemeinderätin, Fräulein Klinger, im Namen des Vereines „Deborah“ dessen Förderer der Dahingeschiedene war.
Das Leichenbegängnis selbst konnte nicht stattfinden, weil zwischen der Kultusgemeinde und der Familie des Verstorbenen die Differenzen über die Höhe der Gebühr für die Bestattung nicht geordnet werden konnte. Nach dem Statut der jüdischen Kultusgemeinde hat sie das Recht, die Gebühren entsprechend der Situation der Familie festzusetzen. Die Kultusgemeinde verlangte zunächst vier Millionen Lei, dann setzte sie den Betrag auf eine Million herunter, schließlich sollte eine Vereinbarung auf 750.000 Lei zustandekommen. Die aus Bukarest eingetroffene Familie erwog deshalb den Plan, die Leiche des Verstorbenen nach Mihaleni zu überführen und dort bestatten zu lassen. Auch für diesen Fall verlangte die Kultusgemeinde eine Gebühr von entsprechender Höhe. Es haben sich hiedurch leider peinliche Zwischenfälle ergeben. Die Leiche liegt in der Toynbeehalle aufgebahrt. Die Kultusgemeinde hat die Polizei angerufen, und diese stellte Posten bei der Toynbeehalle auf. Interventionen erfolgten beim Administrativinspektor Crudu, bei der Staatsanwaltschaft und beim Bürgermeister. Das letzte Wort hat das Sanitätsamt der Stadtgemeinde zu sprechen. Es ist sehr bedauerlich, daß sich in einer solchen Angelegenheit, die pietätvolle Behandlung beansprucht, eine Situation, die das allgemeine menschliche Empfinden verletzt, ergeben hat.

(330224t2a)


Seite 3

Wiener Eiskünstler in Czernowitz [S. 3, Mitte]
Sensationelles Schaulaufen am Samstag und Sonntag

Die Wiener Eislaufschule ist nicht nur in Europa, sondern auch in der ganzen Welt führend. Erst vor wenigen Tagen hat Karl Schäfer in Zürich neuerdings die Weltmeisterschaft im Kunstlaufen errungen, während seine Wiener Sportkollegen und Kolleginnen die übrigen besten Stellen besetzten. In Czernowitz ist das Kunstlaufen ein aufstrebender Sportzweig, der von Jahr zu Jahr mehr Anhänger gewinnt. Trotzdem ist es vom Czernowitzer Eislaufverein ein kühner Schritt, nunmehr dem Czernowitzer Publikum die Gelegenheit zu geben, einige der prominenten Wiener Eiskünstler zu sehen. Es ist ein Versuch, der vom Publikum die wärmste Unterstützung verdient. Die Wiener Künstler, die in Czernowitz gastieren werden, stellen die beste Wiener Klasse dar und haben wiederholt mit Erfolg bei internationalen Austragungen mitgewirkt. Am Freitag nachmittags treffen in Czernowitz Frl. Erika Hornung, die bekannte Künstlerin in Figureneinzellauf, und das Wiener Meisterpaar Inge Prix und Herr Otto Felsinger ein. Die Leistungen der Wiener Eislaufkünstler stellen für Czernowitz eine außerordentliche Sensation dar. Sie treten am Samstag abends um 7 Uhr und am nächsten Tage Sonntag um dieselbe Zeit auf dem Eislaufplatz der Primaria (Volksgarten) an. Die Eintrittspreise betragen für Nichtabonnenten 25 Lei, für Abonnenten 15 Lei im Vorverkauf. An der Abendkasse 5 Lei mehr.
Die Gäste werden bei ihrem Eintreffen am Bahnhof offiziell begrüßt. Beim Empfange werden auch Vertreter der Behörden anwesend sein.

Großes Schaulaufen auf dem Alexandriplatze. Heute Donnerstag, den 23. Februar findet ein großangelegtes Schaulaufen unter Leitung des Herrn Eisengießer statt. Beginn 7 Uhr.

(330224c3)
Klaus Binder
 
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Nr. 285, Samstag, 25.02.33

Postby Klaus Binder on 23. February 2011, 18:08

Seite 1

Hitler spricht jeden Tag [S. 1, oben, Mitte]
Berlin, 23. Februar (Tel. des „Tag“). Der Vertreter einer amerikanischen Nachrichtenagentur befragte heute Hitler über politische und wirtschaftliche Fragen.
Hitler erklärte unter anderem: Die Einstellung der neuen Regierung zu den Vereinigten Staaten ist nicht anders, als wie sie war: aufrichtig und ehrlich.
Auf die Frage, ob der Kanzler sich geäußert hätte, daß Privatschulden an Amerika nicht zu zahlen seien, antwortete er: In diesem Punkte hat sich mein Standpunkt gegenüber früher nicht geändert. Die Bezahlung von Schulden darf nicht bloß vom Wollen abhängen, sondern in erster Linie vom Können. Vor allem darf der Schuldner nicht durch politische und wirtschaftliche Maßnahmen so gedrückt werden, daß er nicht zahlen kann. Deutschland kann von seinen Grenzen nicht fremde Produkte fern halten, denn Deutschland würde untergehen, wenn es eine so schrankenlose Zollpolitik anwenden würde.

Der Korrespondent fragte Hitler nach seiner Auffassung über Miliz und „Allgemeinen Arbeitsdienst.“

Hitler: Arbeitsdienstpflicht hat mit Miliz nichts zu tun. Arbeitsdienstpflicht ist eine Wirkung der sozialen Umwälzungen, der Wirtschaftskatastrophe, und hat das Ziel, die Arbeitslosen wieder zur Arbeit zu erziehen.

Zur Frage der Miliz erklärt Hitler: Wir in Deutschland hätten schon 1921 angeregt, eine Miliz zu schaffen. Damals aber hat man uns die Berufsarmee mit 12jähriger Dienstdauer aufgezwungen. Jetzt redet man von der Miliz, als ob das eine Erfindung gegen uns wäre. Ich habe das Empfinden, sagte der Reichskanzler, daß alles das nur geschieht, um dem Kern des Problems auszuweichen. Nicht die Frage des Wehrsystems ist das wesentliche Moment, sondern die Frage der Gleichberechtigung. Die Welt leidet darunter, daß Versailles zweierlei Recht geschaffen hat: Staaten, die lebensberechtigt, und Staaten, die lebensminderberechtigt sind. Erst die ehrliche Gleichberechtigung aller Staaten wird viele Differenzen aus der Welt schaffen.

*
Phrasen am laufenden Band
Berlin, 23. Februar (Tel. des „Tag“). Reichskanzler Hitler sprach heute 9 Uhr abends in Frankfurt a. M. Der Reichskanzler erging sich in scharfen Worten gegen die Sozialdemokraten, die er für die gegenwärtige Situation in Deutschland verantwortlich macht.

Vierzehn Jahre war ich, sagte Hitler, Prophet und habe mich nicht getäuscht. Alles ist eingetreten, wie ich es vorausgesagt habe. Heute haben die Marxisten nicht mehr das Recht, die Macht zu verlangen, nachdem sie 14 Jahre hindurch geirrt haben, denn vermutlich werden sie auch das fünfzehnte Jahr irren.
Möge das Votum am 5. März wie immer ausfallen, eines ist sicher: Deutschland wird in die Hände der Verderber nicht mehr fallen.

(330225w1)


Vorgehen gegen Zeitungen [S. 1, rechts, Mitte]
Bukarest, 23. Februar (Tel. des „Tag“). Die Militärstaatsanwaltschaft von Bukarest hat das offizielle Organ der Partei Gogas „Tara noastra“ verständigt, daß es zeitweise eingestellt werden würde, wenn es weiterhin falsche und alarmierende Nachrichten bringen sollte. Der Chefredakteur des Blattes, Atanasiu wurde vorgeladen und erschien in Begleitung mehrerer Abgeordneter dieser Partei. Nachdem er die gewünschten Erklärungen abgegeben hatte und verwarnt worden war, wurde er wieder freigelassen.
Das Blatt „Lumea Noua“ wurde vom königlichen Kommissär eingestellt. Der Chefredakteur I. Petrescu, ein bekannter sozialdemokratischer Führer, wird wegen eines Artikels verfolgt.

(330225r1)


Seite 2

Leichenbegängnis [S. 2, oben, links]
Donnerstag, 3 Uhr nachmittags, fand unter überaus zahlreicher Beteiligung das Leichenbegängnis der Frau Fanny Straucher vom Trauerhause, Herrengasse Nr. 3, statt. Der Leichenwagen, dem eine größere Anzahl Waisenkinder folgte, bewegte sich zum Tempel, wo Oberrabbiner Feldmann die Trauergebete verrichtete. Am offenen Grabe sprach Oberrabbiner Dr. Mark.

(330225t2)


Toynbee Nachmittage der J.R.A.V. „Hebronia“ [S. 2, Mitte, unten, links]
Wegen des Todes des Herrn Kislinger, findet Samstag, den 25. l. J. kein Vortrag unserer Verbindung statt.

(330225t2a)


Die Vergebung des Arbeiterheims [S. 2, oben, rechts]

Unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Saveanu fand Donnerstag eine Gemeinderatssitzung statt, in der die Frage der Verpachtung des Arbeiterheims um weitere fünf Jahre zur Sprache gelangte.

Nach Eröffnung der Sitzung verliest Direktor Iliut den Beschluß der Interimarkommission vom 8. Oktober 1932, wienach das Arbeiterheim auf weitere fünf Jahre, vom 1. Mai 1933 bis 1. Mai 1938, zu einem Pachtschilling von 12.000 Lei jährlich, der Gewerkschaft vermietet wird. Direktor Iliut gibt einen Ueberblick über die geführten Verhandlungen, über die beantragte Evakuierung des Arbeiterheims, über die Klage der sozialdemokratischen Partei gegen die Evakuierung und der Forderung nach Rückerstattung der Summe von Lei 1,206.000,-, die in das Gebäude investiert wurde. Schließlich teilt der Referent mit, daß Evakuierungsgesuch und Klage zurückgezogen wurden und man sich auf außergerichtlichem Wege geeinigt habe. Das Innenministerium habe im Prinzip der weiteren Verpachtung an die Gewerkschaft zugestimmt, und am 17. Jänner habe der Stadtrat beschlossen, den Vertrag um weitere fünf Jahre zu verlängern, nachdem sich die sozialdemokratische Gewerkschaft verpflichtet habe, weitere 500.000 Lei in das Gebäude zu investieren.

Der Referent teilt weiters mit, daß ein gewisser Vasile Secu für das Arbeiterheim den Betrag von 6000 Lei monatlich, das „Ateneul popular“ Lei 10.000,- monatlich geboten haben. In der Stadtratssitzung vom 17. Jänner habe Stadtrat Dr. Rosenzweig Separatvotum gegen die Vergebung des Arbeiterheims eingelegt.

Professor Spataru gibt seiner Verwunderung Ausdruck, daß ein Gebäude wie das Arbeiterheim um einen solch minimalen Betrag vergeben wird. Redner sagt, daß unter den Gemeinderatsfraktionen Abmachungen bestehen, die zu Gunsten der Verlängerung des Vertrages sprechen. Er dürfe aber seine Meinung äußern, selbst auf die Gefahr hin, daß man ihn tätlich insultieren sollte.

Dan: Sie übertreiben.

Weiters spricht sich Redner für eine Vergebung des Arbeiterheims an den Meistbieter aus, oder das Arbeiterheim könne zu einem Minoritätentheater umgestellt werden. Er stelle den Antrag, das Arbeiterheim im Offertwege zu vergeben.

G.R. Zloczower meint, daß die sozialdemokratische Partei einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich habe, so daß die Vergebung des Arbeiterheims nicht eine politische, sondern eine allgemeine Angelegenheit sei.

Ruptas wendet sich gegen G.R. Spataru: Es ist charakteristisch, daß Spataru seine Informationen aus den Zeitungen „Glasul Bucovinei“ und „Universul“ holt. Was die Errichtung eines Minoritätentheaters im Arbeiterheim betreffe, müsse er betonen, daß wir doch ein Nationaltheater haben, welches mit dem Gelde der Minoritäten erbaut wurde, warum läßt man sie dort nicht hinein?

Vizebürgermeister Baranai und Professor Spataru protestieren heftig gegen Ruptas und erklären, es nicht zulassen zu wollen, daß eine Staatsinstitution wie das Nationaltheater angegriffen werde.

Vizebürgermeister Gaidosch dementiert vor allem das Gerücht, daß Kugeln fliegen würden, falls die Verpachtung des Arbeiterheimes an die Gewerkschaft nicht erfolgen sollte.

Wenn man sich dagegen wendet, daß der Pachtschilling für das Arbeiterheim ein zu niedriger ist, so muß man vor allem die Geschichte dieses Arbeiterheimes kennen. Man muß wissen, daß im Jahre 1908 auf der Stelle des heutigen Arbeiterheimes ein Schutthaufen lag. Einige Bretter waren zu sehen und die Stadtgemeinde hatte kein Geld, das zerfallende Haus instand zu setzen. Das Haus wurde von uns, eigentlich von der Gewerkschaft, wieder hergestellt, und was dort heute steht, gehört - bis auf die vier Wände - uns. Lediglich die Wände gehören der Primaria, während alles andere Eigentum des Arbeiterheimes ist. Der Pachtschilling hat bis heute wohl 8000 Lei jährlich betragen, wenn man in den zehn Jahren die Million Lei hinzurechnet, die dort investiert wurde, so ergibt sich ein Pachtschilling von 88.000 Lei jährlich, eine Summe, wie sie auch von der Einschätzungskommission angenommen wurde. Und in diesem Arbeiterheim sind die Syndikate der professionellen Vereinigungen untergebracht. Es handelt sich also nicht um eine politische, sondern um eine Arbeitersache. Um noch weiter zu gehen, diese Syndikate, die als juridische Personen anerkannt sind, haben im Jahre 1931 die Summe von 1.700.000 Lei an Kranken- und Arbeitslosenunterstützung verteilt.

Im übrigen gibt es in unserer Stadt fünf nationale Heime. Warum sollen die Arbeiter nicht ein Heim haben, um ihren Geist, ihre Kultur, die eine andere ist, zu entfalten? Die Gemeinderäte mögen daher bedenken, daß es nicht aller Tage Abend sei und daß man sich doch noch einmal begegnen könnte!

Dr. Krämer: Es sind gewisse Bemühungen im Zuge, die für eine Auflösung des Gemeinderates sind. (Stadtrat Treß: Soll er schon aufgelöst werden!) Die Atmosphäre, in welcher die heutige Sitzung stattfindet läßt darauf schließen. Er mache den Vorschlag die Arbeiterheimangelegenheit an die Finanzkommission zum Studium zu überweisen, die über die finanziellen Bedingungen verhandeln möge.

Saftencu glaubt, daß in den 25 Jahren die Investitionen im Arbeiterheim bestimmt schon herausgewirtschaftet wurden. Er sei dafür, daß diese Frage auf gütlichem Wege bereinigt werde.

Vizebürgermeister Baranai verlangt von den Sozialdemokraten, daß der Geist der Verhetzung keine Verbreitung finde. Er schätze die Partei und ihre Führer und sei überzeugt, daß sie gute Staatsbürger seien. Er könne es aber nicht zulassen, daß Angriffe gegen eine Staatsinstitution in einer öffentlichen Körperschaft gemacht werden. Wir wollen die loyale Mitarbeit der Minoritäten. Zum Schluß verlangt der Vizebürgermeister, daß man sich im Gemeinderat nur der rumänischen Sprache bedienen soll und schließt sich dem Antrage des Dr. Krämer an.

Bürgermeister Dr. Saveanu stellt dann fest, der Gemeinderat Ruptas habe die Sache mit dem Nationaltheater so verstanden, daß Schauspieler der Minoritäten dort nicht auftreten können. Es war also von einem Angriff auf diese Institution nicht die Rede. Bürgermeister Dr. Saveanu erklärt die Angelegenheit als beigelegt.

Ruptas gibt eine ähnliche Erklärung ab.

Gegen einen Verschleppungsantrag
G.R. Dan meint, daß es nicht gut sei, mit dem Staat Theater zu treiben und mit dem Theater Staat zu machen. Die Sozialdemokraten seien ebenso rumänische Staatsbürger wie alle andern. Das ganze sei nur eine Verschleppungstaktik. Da ein Beschluß des Stadtrates bereits vorliege, habe der Antrag Dr. Krämers keinen Sinn. Die Primaria habe keine Geschenke zu geben, sondern eine Verpflichtung den Arbeitern dieser Stadt gegenüber. Was die Sorgen der Liberalen über Verschleuderung des Gemeindevermögens anbelangt, sei das Sprichwort angebracht, daß man im Hause des Gehenkten nicht vom Strick sprechen soll. Er verlange daher die Annahme oder Ablehnung des Beschlusses des Stadtrates.

Treß: Ich spreche trotz dem Verlangen einiger Herren deutsch, und wahrscheinlich zum letzten Male. Aber man darf die Schuld der schlechten Verwaltung in der Stadtgemeinde nicht der deutschen Sprache in die Schuhe schieben. Zu Oesterreichs Zeiten wurde hier auch rumänisch gesprochen. Als im Religionsfond noch deutsch gesprochen wurde, war allerdings die Verwaltung eine bessere.

Stadtrat Dr. Rosenzweig ist dafür, daß im Gemeinderat weniger nationalistische Theorien und mehr praktische Dinge besprochen werden.

Vizebürgermeister Gaidosch weist darauf hin, daß das Innenministerium der Verpachtung im Prinzipe bereits zugestimmt habe. Eine Verzögerung könne er nicht zulassen.

Primar Saveanu schlägt vor, den Antrag Dr. Krämers anzunehmen und in der nächsten Sitzung den Beschluß zu fassen.

Vizebürgermeister Baranei ist dafür, daß auch die anderen Offerten geprüft werden.

Stadtrat Oberländer nennt das Verhalten eine Schiebung, nun habe man zwei Stunden verhandelt und wisse erst recht nichts.

Dr. Krämer protestiert gegen den Ausdruck Schiebung und beharrt auf seinem Antrag.

Endlich wird derselbe nach einem Zusatzantrag des G.R. Wilnitzer [?] einstimmig angenommen. Im Prinzipe ist also die Weiterverpachtung beschlossen, jedoch hat die

Finanzkommission noch wegen der Höhe des Pachtschillings mit der Gewerkschaft zu verhandeln.

Als nächster Punkt der Tagesordnung wird die Transaktion zwischen der Stadtgemeinde und dem Mieter eines Teiles der Müllerischen Stiftung Drafta zur Verlesung gebracht. Diesem Abkommen zufolge verbleibt der Drafta noch drei Jahre in der Wohnung und zahlt einen Mietschilling von 500 Lei monatlich.

G.R. Dan stellt den Antrag, daß auch dieser Fall der Finanzkommission übergeben werde.

Der Antrag wird abgelehnt und der Antrag des Referenten ueber Genehmigung des Abkommens angenommen.

G.R. Dan protestiert dagegen mit der Begründung, daß der Gemeinderat beschlußunfähig sei. Es wird ein nomineller Appell vorgenommen, der ergibt, daß genügend Gemeinderäte anwesend sind.

G.R. Dan bezweifelt diese Feststellung und erklärt, er werde gegen dieses Abkommen eine Kontestation einreichen. Einige Gemeinderäte, die als anwesend angesehen werden, würden in der nächsten Sitzung erklären, daß sie bei der Abstimmung abwesend waren.

Nächste Sitzung Dienstag.

(330225c2)
Klaus Binder
 
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Nr. 286, Sonntag, 26.02.33

Postby Klaus Binder on 25. February 2011, 17:56

Seite 1

Völkerbund entscheidet gegen Japan 42:1 [S. 1, oben, rechts]

Genf, 24. Februar (Tel. des „Tag“). Die außerordentliche Sitzung des Völkerbundrates trat heute zusammen, um über den Beschluß sowie die Empfehlungen des Neunzehner Ausschusses in der Frage des ostasiatischen Konfliktes zu entscheiden.
Der Vertreter Chinas sprach seine Genugtuung aus, daß der Völkerbund die Begründung des Mandschurischen Staates nicht anerkennen wolle.
Der Vertreter Japans erklärte, die herrschende Anarchie in China lasse die Wirren im fernen Osten wieder aufleben. Das japanische Volk werde sich mit allen Kräften gegen eine Aenderung der geschaffenen Situation in der Mandschurei wehren.
Schließlich kam es zur Abstimmung, an der sich die Vertreter von 44 Staaten beteiligten. Der Bericht des Neunzehner Ausschusses wurde mit 42 Stimmen angenommen. Japan stimmte dagegen, während der Vertreter des Staates Siam sich der Abstimmung enthielt. Nach der Abstimmung verließen die Delegierten Japans ostentativ den Völkerbundsaal.
Es verlautet, daß Japan nun offiziell seinen Austritt aus dem Völkerbund bekanntgeben wird. In Völkerbundkreisen will man wissen, daß sich die Delegierten Japans an den Arbeiten der Abrüstungskonferenz weiter beteiligen werden.

*
Es ist Krieg
Tokio, 24. Februar (Tel. des „Tag“). Die Operationen Japans gegen Jehol führten zur Einnahme der Stadt Taiu. Die japanischen Truppen sind weiter im Vormarsch.
Die chinesischen Banken haben der Regierung einen Vorschuß von 10 Millionen Dollar gewährt.

(330226w1)


Seite 3

Minister P. Halippa als Augenzeuge der Grivita-Unruhen [S. 3, Mitte]
Bukarest, 24. Februar (Tel. des „Tag“). Der Minister für Bessarabien, Pan Halippa, hielt im nationalzaranistischen Klub in Chisinau ein Exposee über die Unruhen im Atelier „Grivitza“ [Grivita], die er als Augenzeuge mit erlebt hat. Halippa wandte sich vor allem gegen den Belagerungszustand, der Unruhen weder verhindern noch unterdrücken kann. Dies habe sich bei den Unruhen im Atelier „Grivitza“ [Grivita] deutlich gezeigt. Als die verbarrikadierten Arbeiter von einem Militärkordon umstellt wurden, sammelte sich um diesen ein Kordon des Pöbels an, der neugierig und zerstörungslustig aus den Tiefen des Arbeiterviertels herbeikam. Dieser Pöbel tat nun im Rücken der Soldaten, was er wollte. Nun wurden andere Soldaten herbeigeholt, um die Menge zu zerstreuen, dies gelang jedoch nicht. Bald war auch der zweite Soldatenkordon von einer drohenden Menschenmasse umstellt.
Nun begann der Pöbel, von Provokateuren aufgehetzt, zwei Schritte von den mächtigen Militärkordons, zu plündern, die Auslagenscheiben einzuschlagen und Brände zu legen. Automobile wurden angehalten und umgestürzt und eine Finanzperceptia verwüstet.
Das alles unter Belagerungszustand in Gegenwart zahlreicher Militär- und Polizeikräfte. Schließlich machte das ganze Viertel den erschütternden Eindruck einer grausamen Katastrophe.
Er habe, berichtete Minister Halippa, sich weiter unter die johlende Menge gewagt und beruhigend auf die Menschen eingesprochen. Dies hatte auch den Erfolg, daß viele nach Hause gingen. Wenn alle 16 Parteien der Ordnung, die alle politischen Organisationen in diesem Viertel haben, ebenfalls Leute gesandt hätten, um die Bevölkerung zu beruhigen, statt später im Parlamente nur unfruchtbare Kritik zu üben, so wäre das Unglück nicht so groß gewesen.
Die nationalzaranistische Partei, die auch viel gesündigt habe, müsse sich daher politisch anders orientieren und wieder engen Kontakt mit den breiten Bevölkerungsschichten suchen.

(330226r3)


Seite 4

Warum Czernowitz kein Wasser hat
Streik der Wasserhähne [S. 4, oben, links]
Nasse Reportage über trockene Brunnen

Nicht von der Stadt, wo die Wolga fließt, soll hier die Rede sein; sondern von der Stadt Czernowitz, wo der Pruth fließt und Wassermangel herrscht - mag das auch noch so paradox klingen. Trotz hoher Zivilisation leben wir in einer Epoche der Kulturanarchie; denn auch der Wasserverbrauch gilt als Kulturmesser.
Während in der Welt 30 Millionen Menschen ungewollt ihre Hände ruhen lassen, lärmende Demonstrationen veranstalten und Rufe ausstoßen: Gebt uns Arbeit, gebt uns unser tägliches Brot - ruft die Czernowitzer Bevölkerung: Gebt uns Wasser! Die Wasserhähne geben aber keine Antwort.
Ich soll nun eine Wasserreportage machen, selbst auf die Gefahr hin, daß ich einen Wasserkopf bekomme. Aber Auftrag ist Auftrag, ich füge mich ins Unvermeidliche und mache mich auf die Beine.

Rohozna
In Gedanken versunken, wanderte ich so die Bahnhofstraße entlang, erreichte die Eisenbahnbrücke über den Pruth und lenkte meine Schritte nach Rohozna, dem Zentrum der Wasserbeschaffung. Es ist das erste und älteste Wasserwerk unserer Stadt und wurde im Jahre 1895 erbaut. Ein sehr altes und kapazitätenschwaches Werk, denn es erzeugt nicht mehr als 1500 Kubikmeter, also 1,500.000 Liter Wasser täglich.

Lencauti
Ich wanderte also weiter und erreichte Lencauti. Ein zweites Wasserwerk, welches unser Netz bespeist. Hier war schon etwas mehr zu sehen und ich erfuhr vom technischen Leiter, Ingenieur Gaina, daß dieses Werk im Jahre 1907 erbaut wurde und eine Erzeugungskapazität von 3500 Kubikmeter täglich besitzt. Hier sind die Anlagen etwas moderner, immerhin aber nicht genügend ausgebaut, um den Anforderungen Genüge zu leisten.

Mahala
Immer weiter geht es, um die Geheimnisse der Wassergewinnung zu erforschen, und so gelangte ich zum dritten, letzten und modernsten Wasserwerk, Mahala, welches im Jahre 1912 erbaut wurde und die stärkste Kapazität besitzt. Hier werden täglich 7000 Kubikmeter Wasser gewonnen. An diesem Werk krankt aber auch unsere Wasserversorgung.
Während das Wasserwerk Rohozna drei gemauerte Brunnen mit je einem Durchmesser von vier Meter hat, gibt es in Lencauti 71 Brunnen, System Thiem, in welchen sich Rohre, die im Boden eingegraben sind, befinden, und in Mahala 86 Brunnen, gleichen Systems. Bei Erbauung des Werkes in Mahala war aber vorgesehen, daß weitere 30 Brunnen gebaut werden, was bis heute, also nach einem Zeitraum von 20 Jahren, nicht geschehen ist. Und hier liegt der Kardinalfehler unserer Behörden, die dieses Uebel nicht abschaffen und die vorgesehenen Investitionen durchführen.

Die Geheimnisse der Wassererzeugung
Bei günstiger, halbwegs feuchter Witterung schwankt die Kapazität der Wassererzeugung in allen drei Werken zwischen 13.000 Kubikmeter täglich, bei ungünstiger Witterung gibt es nur ungefähr 10.000 Kubikmeter.
Der Grund, daß jetzt ständig Wassermangel herrscht, ist der, daß die Wasserstände in den wasserführenden Schichten gesunken und einen Tiefstand erreicht haben, wie noch nie. Der Normalstand des Wasserspiegels ist 4-6 Meter, jetzt aber ist er auf 9 Meter gefallen. Fällt der Wasserstand nur noch um einen halben Meter und erreicht den Tiefstand von 9.50 Meter, so saugen die Brunnen bereits Luft und kein Wasser mehr.

Die Pumpen saugen das Wasser
Die in den Brunnen eingebauten Röhren haben am unteren Ende Saugkörbe, die das Wasser einer unterirdischen wasserführenden Schicht, die sich längs des Pruth erstreckt, entziehen. Die Pumpen verursachen Luftleere, das Wasser gelangt in die Hebeleitung und durch diese ins Werk. Hier gelangt das Wasser in die Sammelbrunnen, von dort geht es zum Enteisen (um das Wasser zu reinigen), hierauf in die Filter, der sogenannten reinigenden Schotter- und Sandschicht und wird schließlich durch ein unterirdisches Reservoir mittels Druckpumpe in die Stadt befördert.

Die Stadt wächst, das Wasserwerk nicht
Die drei bestehenden Wasserwerke sind für eine beschränkte Bevölkerungszahl eingerichtet und man hat - unvorsichtigerweise - nicht an eine Vermehrung der Bevölkerung gedacht. Die Bevölkerung ist aber von 86.000 auf 120.000 gewachsen und mit ihr auch der größere Wasserverbrauch. Während die Wassererzeugung bei uns durchschnittlich 13.000 Kubikmeter täglich beträgt, ist der Wasserbedarf ungefähr 16.000 Kubikmeter. Daher also der Mangel.

Der Ruf nach einer Ueberschwemmung
Starker Schneefall wirkt sich hier auf den Wasserspiegel viel weniger aus als im Gebirge. Es müßte schon ein starker Schneefall sein, damit das Wasser in die Erde dringt und für eine gewisse Zeit den Wasserverbrauch sichert. Daher ertönt der Ruf nach einer Ueberschwemmung, also nach einer Elementarkatastrophe, um den Durst der Stadt stillen zu können. Bei einem leichten Ansteigen des Wasserspiegels am Pruth steigt auch der Wasserspiegel der Brunnen und dann wirkt sich diese Tatsache besonders auf das Wasserwerk in Mahala aus. Wenn der Pruth ansteigt, hat das Wasserwerk Mahala eine Kapazität von 9000 Kubikmeter, also um 2,000.000 Liter, täglich mehr.

Wenn es brennt …
Auch die Feuerwehr ist von dieser Wasserkalamität, die seit längerer Zeit in unserer Stadt herrscht, betroffen, und man kann sich die Folgen vorstellen, die ein größerer Brand zur Zeit der Wassersperre nach sich ziehen könnte. Die Feuerwehr hat aber für Notzwecke ein Reservoir, daß immer gefüllt sein soll. Dieses Reservoir hat einen Fassungsraum von ungefähr 4.000 Kubikmeter. Immer und unter allen Umständen müssen in diesem Reservoir mindestens 50 Zentimeter Wasser sein, ein Stand, der aber nie erreicht wird. Und selbst wenn dieser Wasserstand im Reservoir der Feuerwehr vorhanden ist, reicht er kaum zum Löschen eines Brandes, der 12 Stunden andauert. Wenn auch die Wasserwerke Tag und Nacht arbeiten und frisches Wasser erzeugen, besteht immerhin Gefahr, daß bei einem größeren Brand die Feuerwehr ohne Wasser bleibt.

Warum haben wir keine Wassermesser?
Raubwirtschaft am Wasser? Ja es wird gesagt, daß die Bevölkerung zu viel Wasser verbraucht, daher ist es notwendig, Wassermesser einzuführen. Ungefähr 2500 Wassermesser wären notwendig und da könnte man jeden Wasserverbraucher genau kontrollieren. In Industrie- und Großbetrieben sind bereits solche Wassermesser, die auf eigene Kosten angeschafft wurden und sich sehr gut bewähren in Verwendung. Die 2500 Wassermesser müßte aber die Stadtgemeinde anschaffen, wobei das gleiche System wie mit den Stromzählern angewendet werden könnte.

*
Ermüdet, von dieser Reporterfahrt, komme ich wieder in die Redaktion und drehe den Wasserhahn auf, um meinen Durst zu stillen. Aber, o weh, es will kein Wasser rinnen, auch für mich nicht, der ich diesmal die Wasser- und nicht die Feuerprobe zu bestehen versucht habe.
Ihr Herren der Stadtgemeinde, laßt es Euch gesagt sein: Czernowitz, am Pruth gelegen, mit einem Wassertiefstand, wie noch nie. Nur noch einen halben Meter - und die Pumpen saugen Luft statt Wasser.
M. L.

(330226c4)


Seite 5

Erwachende Großstadt im Osten .... [S. 5, links]
Eines der düstersten Kapitel. - Staatliche Organisierung zur Heiterkeit.
Moskaus verunglückte Negerrevolution. - In Russland baut man
schon das zweite Theater nur für Kinder. - Frauen so oder so?
Reisebrief aus Moskau von Gustav v. Hahnke (Berlin)
(Für den „Tag“ in Czernowitz geschrieben)


Es gibt viele schöne neue Wohnungen in Moskau. Aber die Proleten, die diese neuen und modernen Wohnungen beziehen und innehaben, sind neben einigen ausländischen Ingenieuren ausschließlich die Mitglieder der schon erwähnten Sowjetbourgeoisie. Rote Direktoren, russische Techniker und in der Hauptsache die Beamten der tausend und abertausend Behörden, die Armee der Bürokraten und Bonzen, die sich beim Aufbau des Sozialismus den Hosenboden durchwetzten. Der Arbeiter, der gewöhnliche Prolet, wohnt einstweilen noch ganz anders.[/i] Ich sah einen Verschlag, der nicht höher als 1.50 Meter und eng und schmal war. Hier schliefen drei Spezialarbeiter. Nacht für Nacht lagen sie auf dem blanken Fußboden. Wohl gemerkt, ohne Matratzen und ohne Strohsack. Dazu klagten diese Aermsten der Armen über Hunger. Kohlsuppe ohne Fett bildete schon seit Wochen die einzige Nahrung dieser „Schwerarbeiter“. Andere wieder klagten über heftige Rückenschmerzen.
Die Unterbringung der Arbeiter ist überhaupt noch ein sehr heikles Kapitel. So lagen Männer, Weiber und Kinder in großen Baracken, die für 88 Schläfer vorgesehen waren, aber mehr als hundert aufnehmen mußten. Holzpritschen, deren Kopfkissen durch ein schräg gestelltes Brett ersetzt wurden, bildeten das Lager, und auch hier waren Strohsäcke und Matratzen Luxus. Nicht einmal Decken hatte man diesen unglücklichen Leuten geliefert und sie mußten sich mit dem Mantel, - wenn sie einen besaßen - zudecken. Monatelang sollen diese Menschen Tag und Nacht in den Kleidern geblieben sein, und in den Baracken hatten sie nur Doppelfenster, die nicht zu öffnen waren, ohne Luftklappen. Die Atmosphäre des Raumes kann man sich vorstellen. Und gereinigt wurden diese Arbeiterbaracken nie, sie starrten vor Schmutz und Ungeziefer. In einer ließ der „Direktor“ in einem Verschlag Kartoffeln einlagern, die erfroren angekommen waren, auftauten und in Gärung übergingen. Wie Menschen in dieser Atmosphäre nicht ersticken, blieb mir ein Rätsel.

*
Staatliche Organisierung des Lachens
Da darf es denn nicht wundernehmen, daß man am Hofe des „roten Zaren“ zur Einsicht kommen mußte, daß in Rußland zu wenig gelacht wird und so befassen sich im gegenwärtigen Zeitpunkt die sowjetrussischen Behörden sehr ernstlich mit dem Problem der „Organisation des Lachens“ in Sowjetrußland.
Gerade in jenen Tagen - scheinbar auf eine geheime Anordnung der Regierung - konnte man die gesamte führende Moskauer, Leningrader und Provinzpresse in langen Artikeln auf den Mangel an lustigen, drastischen und komischen Stücken im Repertoire der russischen Theater, gemünzt, lesen, von der eisernen Notwendigkeit, die Zahl der lustigen Tonfilme zu erhöhen, und daß es eine unumgängliche Notwendigkeit sei, Amüsement und Lachen in ganz Rußland zu kultivieren und in die richtigen Bahnen zu leiten. In den Zeitungen, in den Theatern, in den Kinopalästen und im gesamten Vergnügungsgewerbe setzte eine starke Kampagne ein, und überall sah man Plakate mit Schlagworten: „Komödie und Satyre sind das Arsenal der Theaterpropaganda!“, „Das Lachen hat eine ernste Bedeutung!“, „Organisiert das Lachen!“, „Das Lachen bringt den Sowjetbürger auf neue, andere Gedanken!“, „Heraus mit der staatlichen Organisation des Lachens!“
Wie bekannt sein dürfte, hat das russische Theater, ebenso die russische Tonfilmstelle bisher hauptsächlich Tendenzstücke herausgebracht, in denen jegliches lustige Element durchaus verpönt war. Das Theater, das Kino hatten die Funktion, staatliche Propagandastellen des bolschewistischen Gedankens zu sein. Vielfach wurde hiermit eine wirksame Propaganda für den Fünfjahresplan entfaltet. Nur vereinzelt wurden hier und da Komödien aufgeführt, aber auch diese verschwanden bald aus dem Spielplan. Dasselbe spielte sich auch beim Film und Tonfilm ab. Die meisten russischen Filmwerke entsprachen dem politischen Zweck und konnten beim braven Sowjetbürger, der ins Kino ging, um seine Alltagssorgen zu vergessen, kein Lächeln hervorrufen.
Nun soll es aber in Sowjetrußland auch hierin anders werden. Die Sowjetregierung ist unzufrieden, daß die Leute im Kino und in den staatlichen Theatern nicht mehr lachen, daß dort immer eine ernste Stimmung herrscht. Die staatliche Tonfilmstelle, die sich mit der Herstellung des russischen Filmes befaßt, hat von der russischen Regierung den strikten Auftrag erhalten, in Zukunft bloß lustige Szenerien auf den Markt zu werfen und die Produktion der Tendenzfilme auf eine gewisse Zeit ganz einzustellen. Gleichzeitig haben die russischen großen Verbände der Dramatiker und Komponisten in Leningrad und Moskau den Auftrag erhalten, keine Propagandastücke mehr, sondern lustige Komödien, Schnurren, Schwänke und Zeitgrotesken aus dem Alltagsleben zu schreiben, die den Zuschauer, der die Theater aufsucht, zum Lachen zwingen. Da die russischen Dramatiker vom Wohlwollen der staatlichen Sowjetdirektoren abhängen, werden in der kommenden Saison hauptsächlich lustige Komödien, Satyren und Revuen geschrieben werden. Die Tendenzstücke werden provisorisch von der Aufführung ausgeschaltet bleiben.
Die Organisation des Lachens ist für Sowjetrußland eine dringende Notwendigkeit geworden. Die Bürger sind durch die Alltagssorgen, durch den schweren Kampf ums Dasein, mürbe geworden und müssen nun künstlich aufgepulvert werden. Auf dem unlängst in Moskau stattgefundenen Allrussischen Kongreß der Komsoklubs erhob der Generalsekretär dieses Kongresses öffentlich Klage, daß der russische Arbeiter in keinem russischen Theater oder Kino mehr lachen könne. Er brachte vor, daß die Stimmung der in den Klubs organisierten Arbeiter düster sei, und daß man sie nur verscheuchen könne, wenn die Arbeiter der Komsoklubs von den staatlichen Stellen mit Gitarren, Balaleikas, Harmonikas, Grammophonen, mit lustigen Platten versorgt werden würden.
Sowjetrußland dürfte also der erste Staat in der Welt sein, der das Lachen künstlich organisieren will. Wenn aber dieses Experiment einen Mißerfolg erleidet und die neuen „Schnurrpfeifereien“ des „roten Zaren“ die Sowjetbürger nicht zum Lachen bringen, dann ist damit der Beweis erbracht, daß Sowjetrußland das Lachen für immer verloren hat, und dann wird es den Autoren anderer Länder einen guten Stoff als „Land ohne Lachen“ geben.
Da wir nun gerade beim Film weilen. Moskau hatte auf diesem Gebiete während meiner kurzen Anwesenheit einen großen Skandal. Allerdings wurde in der roten Sowjetpresse kein Wort davon erwähnt, denn rechtzeitig hatte man im Kreml abgewinkt. Das muß man sagen: Stalin hat seine Presse fest in der Hand! Die Spalten der Moskauer Zeitungen sind nur für Lobgesänge da, oder für die „propagandistische Vorbereitung des Lesers“, wie es im Sowjetdeutsch immer so schön heißt. Kleine Blamagen der roten Machthaber müssen unter den Redaktionstisch fallen. Besonders aber, wenn es sich, wie im vorliegenden Falle, um eine große Blamage handelt.

Russisches Negerproblemf
Schon lange hat man sich im Kreml, Abteilung Außenpolitik mit dem Negerproblem beschäftigt. Stalin hat wiederholt erklärt, daß die Neger Amerikas für den Kommunismus gewonnen werden müßten. „Gegen die kapitalistischen Weißen!“ Die bolschewistischen Propagandabüros arbeiteten wieder einmal fieberhaft, Flugblätter wurden gedruckt, Bücher und Zeitschriften hergestellt, die den Negern das Sowjetregime mundgerecht machen sollten. Aber die Wirkung jenseits des großen Wassers blieb aus. Scheinbar haben doch noch zu wenig Neger die Kunst des Lesens gelernt. Jedenfalls stellte sich die erhoffte Revolutionisierung [Revolutionierung] der Negermassen nicht ein.

Da beschloß man im Kreml, andere Wege zu beschreiten. Wenn die Neger schon nicht lesen, so besuchen sie wenigstens mit Vorliebe die amerikanischen Kinopaläste. Die Sowjetmachthaber gaben der Moskauer staatlichen Filmgesellschaft den Auftrag, einen Negerfilm mit bolschewistischer Tendenz, möglichst blutrünstig, herzustellen. Ein Vertrauensmann der russischen Filmgesellschaft besuchte die berühmte Negervorstadt Haarlem und engagierte dort zweiundzwanzig schwarze Burschen. Man versprach ihnen ein riesiges Filmhonorar, wenn sie die Kosten der Ueberfahrt selber bezahlen würden. Die leichtgläubigen Neger gingen auch auf diesen Vorschlag ein und kamen nach Moskau. Amerika protestierte jedoch energisch gegen dieses Vorhaben und man deutete aus Washington dem Kreml an, daß sich die Aussichten für eine Anerkennung Rußlands durch Amerika, die ohnehin nicht groß seien, durch einen solchen, die Interessen Amerikas auf das schwerste gefährdenden Film noch weiter verringern würden.
Dieser Wink saß und Stalin ließ von seinem Vorhaben ab.
Denn bekanntlich ist die Anerkennung Rußlands durch Amerika eine besondere Sehnsucht der ehrgeizigen Sowjetmachthaber. Und außerdem: Amerika ist ein guter Kunde Rußlands, und ein ebenso wichtiger Lieferant. Und schließlich gibt es im fernen Osten einen bedrohlichen gelben Gegner. Im Kampf gegen Japan wird man den Trumpf Amerika vielleicht einmal brauchen können.
Die schwarze Weltrevolution wurde abgeblasen. Die zweiundzwanzig Neger verließen Rußland, um sich teils in Deutschland, teils in anderen europäischen Staaten ihr Brot zu suchen. Moskau hatte sie schwer enttäuscht und vier von ihnen, eingeschriebene kommunistische Parteimitglieder, haben vor ihrer Abreise im Kreml Protest erhoben und erklärt, sie würden in ganz Amerika die Nachricht verbreiten, daß Moskau wegen irgendwelcher kleinlicher Vorteile die Sache von zwölf Millionen Negern verraten habe. Die Sowjetpresse aber schweigt sich über diesen peinlichen Vorfall aus.

Das neue Rußland hat manche neue Theaterreformen geschaffen. Dazu gehört auch das

Kindertheater der Natalie Satz
in Moskau. Dieses eigenartige Theater besteht schon seit 11 Jahren und der Erfolg und Zustrom sind so groß, daß jetzt ein neues Theater für Kinder in Moskau gebaut wird. Seine Besucher sind die Schulkinder von sechs Jahren an. Ganz langsam erfolgte der Aufbau dieses Theaters. Die Auswahl der Stücke war anfangs sehr schwierig, jetzt ist man so weit, eigene Stücke schreiben zu lassen. Mehrere Dramaturgen sind mit dieser Arbeit beschäftigt und man geht hierin künstlerischen als auch pädagogischen Absichten nach. Die Verbindung des Theaters mit der Schule ist darum sehr eng. Die Seele des Kindes auszuforschen, ihren Regungen nachzugehen, ihre Wünsche zu erfüllen, das ist die unermüdliche und unaufhörliche Aufgabe der Theaterleute und Erzieher zugleich. Für den Zweck hat man vielerlei Wege und Methoden eingeschlagen. Anfangs wurden die Kinder aufgefordert, Briefe zu schreiben, um so Theater und Kinderwelt in Verbindung zu bringen. Jetzt besteht schon längst ein Kinderbeirat des Theaters, der mithilft und mitbestimmt. In eigenen Zusammenkünften halten die Kinder Kritik über die Vorstellungen ab. Die Lehrer und Erzieher sitzen bei den Aufführungen zwischen den Kindern und fixieren ihre Aktionen. Auf diese Weise wird die Seele des Kindes ausgeforscht, der man möglichst nahekommen will, um sie zu fördern und zu entwickeln.
Dieses Moskauer Kindertheater ist ein Theater für Kinder, nicht etwa ein Theater der Kinder. Hier spielen nicht die Kinder selber, sondern Schauspieler. Dieses Kindertheater, dessen Ensemble 60 Mitglieder umfaßt, hat bisher 34 verschiedene Stücke herausgebracht. Märchenstücke und Marionettentheater lehnt die Bewegung ab. Realistischen Stücken gewährt man den Vorzug. Das Kindertheater spielt selbstverständlich auch in Schulen, Fabriken und in den Waldlagern der „Jugendpioniere“. Der Eintrittspreis ist sehr niedrig (30 Kopeken), sodaß das Theater naturgemäß einen großen Staatszuschuß braucht.

„Wollen sie die Frau in Sowjetrußland kennen lernen?“
Es ist dies eine heikle Frage: über die Möglichkeiten einer Befreiung der Frau aus den Konventionen des Althergebrachten, in außerrussischen Staaten zu diskutieren. Da ist mir unlängst die Uebersetzung eines Werkes in die Hände gefallen, dessen Lektüre hierüber einen wesentlichen Aufschluß gibt. Es behandelt „Die Frau in Sowjetrußland“, ist bei Zsolnay erschienen und von einer sehr klugen und, wie ihr Werk zeigt, ebenso sorgfältigen wie tüchtigen Frau, Fannina W. Halle, geschrieben.
Dieses Buch gibt einem zweifellos imposanten Versuch Ausdruck, den man in Rußland mit einer vollkommenen Erneuerung von Sitte und Moral, Frauenrecht und Ehegesetzgebung machte. Was in dem „neuen Kodex der Gesetze über Ehe, Familie und Vormundschaft“ im Jahre 1927 und in der Lebenspraxis der auf dem Boden des neuen Rußland stehenden Menschen zum Ausdruck kommt, das läßt sich etwa folgendermaßen kurz umreißen: Jede Beziehung zwischen den Geschlechtern ist Privatsache. Der Staat interessiert sich nur für den Schutz der Gesellschaft. Das heißt, er kümmert sich nicht darum, was zwei erwachsene, im Vollbesitze ihres Willens und ihrer Gesundheit befindlichen Menschen miteinander tun. Er registriert die Kundgebungen ihres Willens, aber er mischt sich nicht ein mit Zwang und Vorschrift. Er hat den § 218 aufgehoben, er hat der Geburtenregelung durch weitgehende Aufklärung den Weg geebnet, er hat der Frau neue Ziele als Mitarbeiterin an der gemeinsamen Sache gesteckt, er hat ihr die Möglichkeit gegeben, neben und mit dem Manne zu jeglicher Leistung zu wetteifern. Die Zeit, in der die Ammenmärchen von der „Sozialisierung der Frau“ verbreitet wurden, ist auch in Moskau vorbei. Aber trotzdem ist eine neue Art von Frauen dort bereits entstanden.
In Moskau wächst trotzalledem die befreite Frau heran, sie „durchdringt den neuen Lebensraum“, sie zeigt sich im Typus der arbeitenden und in dem der kämpfenden Kameradin. Sie trägt das verwitterte, schmerzgestählte Gesicht der proletarischen Führerinnen und das aufrechte Antlitz der geistigen Pioniere.

330226w5
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http://de.wikipedia.org/wiki/Natalija_Iljinitschna_Saz
http://www.galerie-thomas.de/assets/fil ... ky_pdf.pdf
http://www.columbia.edu/cu/lweb/archiva ... d_4077592/
www.abebooks.de



Seite 6

Ankündigung
Danksagung [S. 6, oben]

Ausserstande, für die vielen Beweise der Teilnahme an dem unersetzlichen Verluste unseres Familienoberhauptes

Arnold Kislinger

jedem einzelnen zu danken, sprechen wir auf diesem Wege allen, die uns verholfen, daß wir unserem teueren Toten eine seinem letzten Wunsche entsprechende Bestattungsfeier in seiner Heimatstadt MIhaileni veranstalten konnten, dem dortigen Kultuspräsidium, allen Behörden, Korporationen und Persönlichkeiten, die am Leichenbegängnis teilgenommen haben, ferner allen, die uns mündlich und schriftlich ihr Beileid ausgesprochen hatten, schließlich den vielen Wohltätigkeitsvereinen, deren Beschützer der Verstorbene war, für die Kundgebung der Treue und Anhänglichkeit unseren herzlichen tiefgefühlten Dank aus.
Cernauti - Mihaileni - Bucuresti, 25. Februar 1933
Die tieftrauernde Familie

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Seite 7

Reportage um das Leichenbegängnis Arnold Kislinger [S. 7, oben]
Wer trägt die Schuld, daß ein Leichenbegängnis zum Skandal geworden ist?

Es ist nicht das erste Mal, daß um die Bestattung eines reichen Juden sich Differenzen zwischen der Kultusgemeinde und der Familie des Verstorbenen ergeben, die notpeinlich sind und die Empfindungen der Oeffentlichkeit aufs stärkste verletzen. Die Presse hat über solche Fälle niemals berichtet, denn sie hielt es für richtig, lieber das Schweigen über sie zu breiten, als solche delikate Angelegenheiten, von denen wir sagten, daß sie Pietät und Gefühl verunglimpfen, in die Oeffentlichkeit zu bringen. Der Fall Kislinger ist aber weit über den Rahmen der betroffenen Familie und der Büros der Kultusgemeinde getreten und muß deshalb schon wegen der prinzipiellen Festlegung für die vergangenen und späteren Fälle ins Licht gezogen werden.

Wer trägt nun die Schuld, fragt die Oeffentlichkeit, daß der Skandal, wie er kaum in der Geschichte oeffentlicher Gemeinden erlebt wurde, entstanden ist?
In der Nacht von Sonntag auf Montag ist im 75. Lebensjahre der Großkaufmann Arnold Kislinger, der Bruder des in Czernowitz bekannten und längst verstorbenen Markus Kislinger, des Stifters der Toynbeehalle, gestorben. Die Familie Kislinger gilt als sehr reich, Arnold Kislinger war der Universalerbe des Markus Kislinger, der einzige Sohn, Herr Meyer Kislinger, lebt in Bukarest in sehr angesehener Stellung. Bevor noch die Familie aus Bukarest eingetroffen war, hatten sich die nächsten Verwandten des verstorbenen Kislinger, der Industrielle Richard Trichter, der mit einer Enkelin des verstorbenen Kislinger verheiratet ist, an die Kultusgemeinde wegen eines würdigen Platzes auf dem Friedhofe und der Bestattung gewendet. Hier beginnt, wie gewöhnlich in diesen Fällen, der peinliche Handel um das Grab. Die Kultusgemeinde hat nach ihrem Statut das Recht die Gebühr nach der „Situation der Familie“ festzusetzen. Man weiß, die Kultusgemeinde befindet sich in mißlichen finanziellen Verhältnissen, und sie glaubte, hier eine Gelegenheit zu finden, eine kleine Sanierung vorzunehmen. Die erste Forderung der Kultusgemeinde belief sich auf vier Millionen Lei. Die Familie Kislinger war über die hohe Summe entsetzt. Für sie intervenierte auch Herr Dr. Karl Trichter, der Bruder des Herrn Richard Trichter, ferner die Advokaten der Kislinger’schen Familie, Dr. Schieber und Dr. Förster. Sie lehnten die Zahlung eines so hohen Betrages ab und boten sofort eine Barsumme von 500.000 Lei an. Das Präsidium der Kultusgemeinde ließ aber nicht locker. Leider werden stets solche Verhandlungen nicht in einer Form, die der Atmosphäre eines Todesfalls angepaßt ist, geführt. Am Montag abends fand eine Sitzung im Präsidium der Kultusgemeinde statt, die sich mit dem Fall Kislinger beschäftigte. Es scheint, daß dort unter den Kultusräten die bessere Einsicht obwaltete, und man setzte die Summe von vier Millionen auf eine Million herunter. Jetzt war die Verhandlungsbasis gegeben, das Angebot der Familie ging auf 600.000 und dann auf 750.000 hinauf, und man glaubte nunmehr, daß ein Einvernehmen schnell erzielt werden wird. Es sei das Wort schnell betont, denn die Satzungen der jüdischen Religion fordern gebieterisch, daß „Dem Toten sein Recht wird“, daß also die rituell religiösen Zeremonien raschestens vorgenommen werden. Die Kultusgemeinde versagte aber trotz Bitten der Familie die Vornahme dieser Zeremonien. Die Leiche lag im Hause str. General Mircescu No. 17 „nicht gewaschen“, was das jüdische Empfinden aufs ärgste verletzt.

Inzwischen waren der Schwiegersohn des Verstorbenen, Herr Wilhelm Becker, und der einzige Sohn, Meyer Kislinger, aus Bukarest hier eingetroffen. Die Witwe nach Arnold Kislinger, Frau Rosa Kislinger, drang aber darauf, daß der letzte Wunsch des Verstorbenen, in seiner Geburts- und Heimatstadt Mihaileni beerdigt zu werden, neben dem Grabe seiner Eltern, die in Mihaileni bestattet sind, respektiert werde. Als die aus Bukarest eingetroffenen Familienmitglieder die unwürdige Situation hier erkannten, schlossen [sie] sich der Ansicht der Witwe an und teilten ihren Beschluß auch den übrigen Familienmitgliedern und der Kultusgemeinde mit, daß sie, falls nicht umgehend ein Einvernehmen mit der Kultusgemeinde in Czernowitz getroffen wird, die Leiche nach Mihaileni überführen und dort bestatten lassen werden. Dieser Beschluß stand zwar im Widerspruch mit der ursprünglichen Entscheidung eines Teiles der Familienmitglieder, die die Bestattung in Czernowitz wünschten, aber ohne Kenntnis des letzten Willens des Verstorbenen waren. Weil nun einmal die Verhandlungen mit der Kultusgemeinde eingeleitet waren, bestand die feste Absicht, noch im letzten Momente ein Einvernehmen mit der Kultusgemeinde zu erzielen. Aber immer hielt das Präsidium an der Summe von einer Million Lei fest.

Am Dienstag nachmittags lag die Leiche noch immer im Trauerhause, wie mitgeteilt wird, ohne daß die religiösen Zeremonien vorgenommen wurden, weil eben das Präsidium der Kultusgemeinde auch mit diesem Mittel einen Druck auf die Familie auszuüben versuchte.
Die Vorbereitungen für die Bestattung in Mihaileni gingen nunmehr planmäßig vor sich. Die Leiche wurde von den aus Mihaileni herbeigeholten Mitgliedern der „Chevra Kidischa“, der Institution, die die Leichenbestattung vornimmt, vom Trauerhause nach der Toynbeehalle überführt, die rituellen Zeremonien waren bereits von diesen Leuten vorgenommen, die Leiche wurde in der Toynbeehalle aufgebahrt und für Mittwoch zwei Uhr war die Trauerfeierlichkeit für Czernowitz angesetzt. Die Vertreter der Familie intervenierten bei der Stadtgemeinde wegen der Herausgabe des „Pasaport mortuar“. Dafür sind gesetzliche Erfordernisse notwendig, die respektiert wurden. Dazu gehört auch die Einbalsamierung der Leiche, die der Gerichtsarzt Dr. Zuflucht vornahm. Die Herren der Kultusgemeinde, die von dem Entschluß der Familie, Arnold Kislinger in Mihaileni zu bestatten, Kenntnis hatten, intervenierten nun wiederholt beim Bürgermeister Saveanu und erreichten, daß der Passierschein nicht rechtzeitig ausgefolgt werde. Gegen diese Schwierigkeiten erhoben die Rechtsanwälte der Familie Kislinger beim Administrativinspektor Crudu Protest, und dieser erteilte an die Primaria die Anordnung, daß nach Erfüllung der gesetzlichen Vorbedingungen der Passierschein ausgefolgt werden müsse. Tatsächlich ist der Passierschein unter No. 278 mit dem Datum vom 22. Februar ausgestellt und vom Bürgermeister Saveanu und dem Vorstand des Sanitätsdepartements Strejac unterschrieben.

Dieser Passierschein ist der Familie jedoch erst am 23. d. Mts. zugestellt worden. Denn auch hier bereitete die Kultusgemeinde Schwierigkeiten, weil sie sich darauf berief, daß sie die rituellen Zeremonien vorzunehmen habe. Die Familie Kislinger hatte zunächst nachgegeben, aber wieder war ein Betrag von 300.000 Lei dafür gefordert worden. Die Familie Kislinger bot einen Betrag von 50.000 Lei an und wäre auch bereit gewesen, 100.000 Lei zu bezahlen. Nachdem aber der dritte Tag bereits verstrichen war, handelte die Familie Kislinger mit Unterstützung der Mitglieder der Mihailener Chevra Kidischa.

Nach der Trauerfeierlichkeit blieb die Leiche bis Mittwoch früh in der Toynbeehalle. Was sich in der Nacht von Mittwoch abspielte, waren Scheinmanöver auf beiden Seiten, der Passierschein mußte erteilt werden und die Leiche ist am Donnerstag vier Uhr früh nach Mihaileni überführt worden. Ueber die Leichenfeier in Mihaileni wird an anderer Stelle berichtet.

Resumee
Das ist der nackte Tatbestand.
Es werfen sich nunmehr folgende Fragen auf:
Entspricht das Statut der Kultusgemeinde, „nach der Situation der Familie“ die Gebühren für die Leichenbestattung festzusetzen, den heutigen Verhältnissen? Auf diese Frage muß mit einem Nein geantwortet werden. Es ist Privatsache jeder Familie, die Bestattung nach ihren Wünschen vorzunehmen. Anderwärts gibt es so und so viele Klassen, nach denen die Bestattung vorgenommen wird, für jede Klasse ist eine bestimmte Summe festgelegt und in diesem Falle ist ein Streit um den Betrag nicht mehr möglich. Die kautschukartige Bestimmung, daß „nach dem Vermögen des Verstorbenen“ die Bestattung durchgeführt werde - diese Statutform gibt eben Gelegenheit, die Summe den jeweiligen finanziellen Verhältnissen der Kultusgemeinde anzupassen. Der Fall Kislinger ist nicht der erste und wird es auch nicht der letzte dieser Art sein: Immer Streit und wieder Streit in Todesfällen zwischen der Kultusgemeinde und den Hinterbliebenen. Fast artet ein Todesfall zu einer Panik in der Familie aus, in der ein Todesfall eintritt. Es ist nur Sache der Familie, die Bestattung eines ihrer Angehörigen vornehmen zu lassen, wie es ihr paßt. Die Ueberführung einer Leiche auf einen anderen Friedhof (die Verbrennung kommt hier nicht in Frage, aber, wenn eine Familie es wollte, kann sie auch die Leiche verbrennen lassen) ist ausschließlich Sache der Familie. Darüber hat die Kultusgemeinde nicht zu bestimmen.
Für den Fall, daß das Statut in Kraft bleibt, müßte, damit sich solche Szenen nicht wiederholen, irgend eine Instanz geschaffen werden, deren Entscheidung sich Kultusgemeinde und die Familie unterwerfen. Die willkürliche Abschätzung des Vermögens einer Familie, gerade in der jetzigen Zeit der Krise, ist eines der schwierigsten Probleme, die zu lösen sind.

Die Familie Kislinger hat 500.000 Lei Bargeld angeboten und den Rest in Sicherstellung durch Wechsel. Die Kultusgemeinde hat die Annahme der Wechsel abgelehnt. Man muß erwägen, ob in der gegenwärtigen Zeit auch eine reiche Familie über Bargeld sofort verfügt, und wie es möglich ist, ein Arrangement zu finden, ohne daß die Wirtschaft der Familie sichtbar gestört wird.

Schließlich muß unter allen Umständen das Recht des Verstorbenen auf die rituell-religiösen Zeremonien ausgesprochen werden. Es geht nicht an, daß das Versagen der Zeremonie als Pressionsmittel angewendet wird.
Die Kultusgemeinde in Czernowitz hat durch den Fall Kislinger einen schweren, vom Standpunkte ihrer finanziellen Situation sehr bedauerlichen Ausfall erlitten, der nicht sobald wettgemacht werden kann. Es muß nunmehr verhütet werden, daß sich solche Vorkommnisse nochmals wiederholen.

Die Leichenfeier in Mihaileni
Donnerstag fand in Mihaileni das Leichenbegräbnis des in Czernowitz verstorbenen Großkaufmanns Arnold Kislinger statt, das einen überaus feierlichen Verlauf nahm und einen deutlichen Beweis für die große Wertschätzung erbrachte, deren sich der Verstorbene in seiner Heimatgemeinde, wo seine Eltern auch bestattet sind, erfreute.
Einer letztwilligen Verfügung und dem innigen Wunsche des Dahingeschiedenen gemäß, wurden die irdischen Ueberreste im Auto von Czernowitz nach Mihaileni zur Bestattung überführt. Der Präsident der Mihailenier Kultusgemeinde, Mittelmann, und der Kultusrat Stier waren in Czernowitz zum Zwecke eingetroffen, der Leiche des Verstorbenen das Geleite von hier nach Mihaileni zu geben. An der Stadtgrenze von Mihaileni wurde der Kondukt vom vollzählig erschienenen Kultuspräsidium übernommen und in der jüdischen Schule, die schwarz drapiert war und Trauerfahnen gehißt hatte, aufgebahrt. In sämtlichen Bethäusern der Stadt wurden Lichter angezündet und Trauergebete verrichtet.
An der Trauerfeierlichkeit, die um halb 11 Uhr vorm. begann, nahmen der Primar des Ortes, die Stadträte, der Polizeipräfekt sowie Vertreter aller Behörden, ferner der Klerus sämtlicher Synagogen teil. Ferner waren Abordnungen aller Schulen und folgender städtischer und sozialer Institutionen mit ihren Fahnen erschienen: der Damenhilfsverein „Esra“, die Handwerkervereinigung, die „Bibliothek des Kulturzirkels Mihaileni“, „Matan Besseser“, „Hachnusas Kalu“ ec. ec.
Nach der vom Kantor der Toynbeehalle Schächter und dem Mihailener Klerus vorgenommenen religiösen Feier wurde der Sarg von Mitgliedern der Kultusgemeinde und von Bürgern der Stadt in die Leichenhalle des Friedhofes getragen. Dortselbst hielten Rabbiner Dr. Schulsohn aus Czernowitz und der Ortsrabbiner Berl Leinwandmann dem Verstorbenen warme Nachrufe, in denen auf die glänzenden Charaktereigenschaften des Dahingeschiedenen hingewiesen wurde. Arnold Kislinger sei nicht nur ein vorbildlicher Urgroßvater, Großvater, Vater und musterhafter Ehegatte gewesen; sein edles Menschentum habe sich nicht blos in engem Kreise der Familie ausgewirkt, auch als Förderer und Gönner verschiedener kultureller und Wohlfahrtsvereinigungen in Bukarest und Czernowitz werde der Name des Verstorbenen unvergeßlich bleiben. Erst um 8 Uhr nachmittags fand die würdige Leichenfeierlichkeit ihren Abschluß.
Aus Anlaß des Ablebens ihres Familienoberhauptes tätigten die Hinterbliebenen folgende Stiftungen und Spenden: die Neuaufrichtung des Badehauses der Kultusgemeinde mit einer Abteilung für rituelle Bäder in Mihaileni; 50.00 Lei für die Erhaltung der Institutionen der dortigen Kultusgemeinde; 25.000 Lei für die Primaria der Stadt Mihaileni, ferner größere Beträge an folgende dortige Vereine: „Societatea meseriasilor“, Biblioteca cercului cultural“, „Matan Besseser“, den Damenverein „Esra“, „Hachnusas Kalu“ ec. ec., überdies größere Spenden an Ortsarme, Bekleidung für arme verdienstvolle Schulkinder, ec. - Viele Familienmitglieder, sowie Freunde und Bekannte des Verstorbenen, waren aus Bukarest und Czernowitz in Mihaileni eingetroffen, um an der Bestattung der irdischen Ueberreste Arnold Kislingers teilnehmen zu können.

(330226t7)
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Nr. 287, Dienstag, 28.02.33

Postby Klaus Binder on 25. February 2011, 19:48

Seite 1

Diktatur über das Finanzwesen Amerikas [S. 1, oben, rechts]
Ausnahmsgesetz in Anwendung

New York, 25. Februar (Tel.). Die Bankenkrise nimmt einen immer bedrohlicheren Charakter an. Ein Ausnahmsgesetz, das Moratorium und Einschränkung der Abhebungen vorsieht, mußte bereits in zehn Staaten, und zwar in New York, New Jersey, Michigan, Indiana, Nebraska, Wisconsin, Iowa, Florida, Maryland und Oklahoma, angewendet werden. Dieses Ausnahmsgesetz, das soeben vom Kongreß votiert wurde, sieht ferner vor, daß die Nationalbanken sämtlicher Förderationsstaaten unter Staatskontrolle gestellt werden.
Auf diese Weise wird eine uneingeschränkte Diktatur eingeführt, der sich alle Finanzinstitute fügen müssen.

Ausbreitung der Bankenkrise in Amerika
New York, 26. Februar. Nach dem Staat Missouri mußte auch im Staate New Jersey ein Bankenmoratorium erlassen werden, von dem bereits zwei Banken Gebrauch gemacht haben. Wenn es sich auch nur um kleinere Banken handelt, so kommt der Maßnahme doch gewisse symptomatische Bedeutung zu. Die New Yorker Banken scheinen völlig intakt zu sein, dagegen greift die Krise in der Provinz mehr um sich. Es wird wahrscheinlich nur die Hälfte der Einlagen honoriert werden, während die andere Hälfte allmählich durch Abstoßung der notleidenden Portefeuillewerte aufgebracht werden würde. Dadurch würde sich für die Einleger ein Verlust von 280 Millionen Dollar ergeben.
Der Ausweis der Federal Reserve Bourds [Boards] läßt die große Anspannung infolge der Bankenkrise erkennen. Die Wirtschaftskredite haben sich um 209 Millionen Dollar auf 2340 Millionen Dollar erhöht. Der Zahlungsmittelumlauf hat mit 5988 Millionen Dollar einen neuen Höchststand erreicht.

Diktatorische Vollmachten für den Währungskontrollor
Washington, 26. Februar (Tel. des „Tag“). Präsident Hoover hat ein Dekret unterzeichnet, welches dem Währungskontrollor alle Vollmachten über 6000 Nationalbanken der Vereinigten Staaten erteilt. Nach diesen Vollmachten wird dem Währungskontrollor freistehen, die eingefrorenen Kredite, die die Summe von 17 Milliarden Dollar ausmachen, zu beschränken.

(330228w1)


Seite 3

Patrascanu verhaftet [S. 3, oben, links]
Samstag nachmittags unterzog Locotenent-Colonel Hotineanu den Advokaten Lukretiu Patrascanu, der im Arrest der Polizeipräfektur untergebracht ist, einem langen Verhör. Die Verhaftung Patrascanus wurde im Zusammenhang mit den Vorgängen um die Eisenbahnwerkstätten Grivita vorgenommen, da Patrascanu vom Militärgericht als moralischer Urheber der Arbeiterunruhen angesehen wird. Gleichzeitig mit Patrascanu wurden einige Arbeiter in die Polizeipräfektur eingeliefert, da sie unter dem Verdacht stehen, die Eisenbahnarbeiter zu den Unruhen aufgewiegelt zu haben.
Das Kriegsgericht setzte wieder zweihundert Arbeiter in Freiheit. Es befinden sich noch neunzig Arbeiter in Polizeihaft und 54 beim Kriegsgericht. Bisher wurden 58 Arbeiter, deren Schuld festgestellt scheint, nach Jilava transportiert.
Ueber Auftrag des Militärgerichts wurden 40 Kommunisten, unter denen sich elf Frauen befinden, verhaftet. Nachdem sie im Arrest des Militärgerichts einem Verhör unterzogen worden sind, wurden die verhafteten Frauen unter Bewachung einer Polizeieskorte der Strafanstalt Bacaresti eingeliefert. Die Untersuchungen dauern an.

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en.wikipedia.org/wiki/Lucreţiu_Pătrăşcanu


Im roten Wien: [S. 3, links, Mitte]
Sittlichkeitsprozeß wegen Vascauteanu
Wien, 26. Februar. Hier wurde der verantwortliche Redakteur des „Abend“ Januschka wegen Vergehen gegen die öffentliche Sittlichkeit bedingt zu zehn Tagen strengem Arrest verurteilt, weil dieses Blatt jenen Artikel aus dem Czernowitzer „Vorwärts“ reproduzierte, in dem die Kommunistin Polja Vascauteanu berichtet, wie sie im Polizeiarrest gefoltert wurde.
Die Gerichtsverhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.

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Die Bilderausstellung der bedeutendsten Kunstmaler [S. 3, rechts, mitte]
Salogeanu, Nicu Pertache de Florian und Dr. Silagi ist str. Reg. Ferd. (Hauptstraße) No. 16 eröffnet worden. Die Ausstellung ist überaus sehenswert. Stilleben, Landschaften, Aquarelle zu ganz besonders billigen Preisen und freies Entree. Geöffnet bis 10 Uhr abends.

(330228c3)
Klaus Binder
 
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