01_1933 (Nr. 241 bis Nr. 264)


Nr. 241, Sonntag, 01.01.33

Postby Klaus Binder on 1. January 2011, 06:07

Seite 1

Leitartikel
1933 [S. 1, oben, links]
An der Neujahrswende

Wenn die Millionen Menschen Rumäniens heute an der Jahreswende von Hoffnungen erfüllt sind, daß bessere Zeiten herannahen, die schweren Jahre also überstanden sind, dann ist dieser Lichtblick nur zu gewinnen von den Vorgängen in der Welt, wo nach fachmännischer Beurteilung die Silberstreifen, die zuerst im Mai bemerkbar waren, sich bis Jahresende verbreitert haben, in den weiten Gebieten, sowohl in den Siegerstaaten wie in den Besiegtenstaaten, der Deflationsdruck nachgelassen hat und die Mißtrauenswelle im Abklingen ist. Das hören wir und lesen wir; es gelangen täglich Bulletins hierher, daß der Tiefpunkt überwunden, die Geldflüssigkeit zugenommen, die Wirtschaftsproduktion im Steigen begriffen ist, und daß trotz des komplizierten Wirtschaftsprozesses, der sich in Arbeitslosigkeit, Ungewißheit über die Zukunft und politischen Verwicklungen äußert, die Welt mit neuen und großen Hoffnungen für das anbrechende Jahr 1933 erfüllt ist. Die rumänische Wirtschaft selbst spürt leider noch nichts davon. Bis zu uns sind die Wellen, die sich in der neuen Epoche ankündigen, nicht gedrungen. Hier besteht die Vertrauenskrise fort. Das liegt in den innerpolitischen, verwaltungstechnischen und außenpolitischen Motiven. Es gibt leider keine Argumente, mit denen man für eine hoffnungsvollere Konjunktur operieren könnte. Aber trotzdem muß es geschehen, denn wir müssen hoffen; wenn die Hoffnung uns verließe, wären wir ganz verloren.
Selbst wenn Lugojeanu nach Bukarest als Neujahrsgeschenk die Meldung überreicht, daß das Moratorium für die Auslandszahlungen bis April bewilligt ist, und daß dann erst die entscheidenden Verhandlungen über eine Regelung der Auslandsschulden, vielleicht sogar über die Gewährung einer Anleihe erfolgen wird, könnte man sich kaum dem Optimismus für die neue Lage hingeben. Denn die Verwaltung ist nicht so geartet, daß sie aufnahmsbereit für eine Gesundung des Staates ist. Die Operation ist noch nicht vollzogen, um die Sicherheit zu gewinnen, daß der Staat durch Moratorien und Anleihen erfolgsicher saniert werden kann. Das wird in den vielen Jahren täglich von allen Stellen mit Nachweis behauptet, und es rührt sich nicht ernstlich eine Reform, die zu diesem Ziele führen soll. Es ist aber bereits gesagt worden, es wäre traurig, das heißt, wir würden uns selbst aufgeben, wenn wir den Mut und die Hoffnung verlieren. Um die Sylvesterzeit regt sich in jedem der Gedanke der Hoffnung, und dieser soll auch keinen der Staatsbürger verlassen. Es besteht nun kein Anhaltspunkt, sich an irgendeine sichtbare Korrektur in der Administration zu klammern, umsoweniger, als auch sonst ringsherum auf dem Balkan, dessen Vorposten Rumänien ist, überhaupt wie es die neueste Geschichte beweist, das wichtige staatliche Bindeglied am Kontinent zwischen Ost und West, Nord und Süd, das ermuntern könnte, die Hoffnung zu erweitern. Leider erfährt Rumänien gerade in letzter Zeit scharfe Kritik. Die englische Presse und maßgebende englische Politiker erheben schwere Vorwürfe gegen die Verwaltung. Auch die Situation um uns ist brenzlich. Gerade London, das wir zitieren, fährt mit Volldampf, um nur ein Beispiel zu nennen, gegen Jugoslawien, den Verbündeten Rumäniens in der kleinen Entente, los. Unter den Persönlichkeiten, die eine warnende Stimme erheben, befinden sich der englische Staatssekretär des Auswärtigen, Lord Cushenden, der frühere Unterrichtsminister Fisher, Universitätsprofessoren, der Zeitungsmagnat Barry, der Präsident der Union der englischen Völkerbundligen Murrey, die beiden hervorragenden Balkankenner Lord Noel Buxton und Eduard Boyle, und diese warnen vor dem völligen Zerfall Jugoslawiens, falls nicht bald Belgrad sich zur Einführung einer föderativen Verfassung entschließt. Ja, so steht es mit dem Urteil englischer Prominenter über Jugoslawien. Sollen wir die englischen Stimmen, die in einem Weihnachtsartikel von dem bekannten Schriftsteller Füllop gegen Rumänien zitiert wurden, an diese Stelle setzen? Lieber nicht! Man kann das Urteil des Auslandes nicht umgehen, denn heute ist angesichts der Errungenschaften der Technik im Nachrichtendienst Europa sehr klein geworden, übrigens haben die Dimensionen in der ganzen Welt Einschränkungen erfahren. In Bulgarien kocht es wie man es aus den täglichen Rapporten über aufgedeckte Verschwörungen und die Mazedoniermorde vor dem Königspalais entnimmt. Das Bündnis der kleinen Entente ist noch nicht Allheilmittel für alles Ungewissen, was dieser Welt noch bevorsteht. Man hat in letzter Zeit versucht, die politischen, nationalen und wirtschaftlichen Gegensätze, die revolutionären Erscheinungen der Nachkriegszeit als ein unabwendbares Geschehen, als Folge des Weltkriegs hinzustellen, aber diese Philosophie, daß Europa zwangsläufig nach einem so furchtbaren Kriege eine Reihe von Revolutionen durchmachen mußte, wird stark angefochten, und zwar mit vollem Recht, weil jene Thesen doch nur als Entschuldigung für die eigenen Fehler, für die Fehler der Verträge und die hieraus entspringenden wirtschaftlichen Einschränkungen, für die Aufrichtung der Zollmauern, für das Wachsen der Arbeitslosenziffern gelten müssen. An der Jahreswende soll an die Fehler gedacht werden, die geschehen sind, damit man noch rechtzeitig die Korrekturen vornehmen kann. Gerade die Diskussion über die Stellung der Staaten in der kleinen Entente hat in den letzten Tagen zugenommen. Und Rumäniens Stellung ist in dieser Hinsicht trotz aller offiziösen Schönmalerei nicht eine ganz geklärte. Es gibt also auch hierin nicht ein Moment, das die Hoffnung beim Abschluß des Jahres stärken kann.
Aber, wie bereits betont, die Hoffnung darf nicht schwinden. Sie muß aufrecht bleiben. Es wäre nur zu wünschen, daß irgend ein rettender Gedanke in diesem Momente uns überkommt, in der Stimmung des Jahreswechsels, der der Oeffentlichkeit mit vertrauenswürdiger Bestimmtheit sagen könnte: Das ist es, was uns animieren müßte, die nächste Zukunft hoffnungsvoller einzuschätzen. Auf die Machthaber allein ist kein Verlaß, weder auf die Parteien, noch auf die Führer. Nur die Massen allein können sich selbst Hilfe bringen, sie müssen aber die Erkenntnis gewinnen, daß sie die eigene Kraft aufwenden, die Lage anders zu gestalten. Die erste Gelegenheit hiezu ist der Zeitpunkt der Wahlen; oder aber durch sachliche und besonnene Kritik, durch konsequente Stellungnahme beharrlich auf die Abstellung von Fehlern zu dringen und mit Selbstaufopferung Gebrechen an den Pranger zu stellen. Wenn dieses System dauernd anhält, muß es in kurzer Zeit besser werden, und dann werden wir vielleicht auch den Silberstreifen endlich zu Gesicht bekommen, den die anderen in der Welt bereits sehen. Jene feiern heute schon einen glücklichen Sylvester, wir feiern ihn mit, weil wir bloß die Hoffnung auf die bessere Zukunft in uns tragen.
Ego

(330101r1)


Bankett Makkabi für Lord Melchett [S. 1, rechts, Mitte]
Interessante Rede Nistors

Das Bankett zu Ehren des Londoner Gastes, des Lords Henry Melchett, war der Höhepunkt der Veranstaltungen. Wir konnten noch in der gestrigen Nummer mitteilen, wer am Bankett teilgenommen hat. Daß nebst einer Reihe jüdischer Persönlichkeiten auch hervorragende Vertreter der Behörden, die Minister, der Bürgermeister, der Präsident der Handelskammer, der Divisionskommandant, ein Repräsentant des Metropoliten zur Ehrung Lord Melchetts zugegen waren, beweist, daß dieser Abend über den Rahmen der jüdischen Veranstaltung hinausging. Lord Melchett ist eine Persönlichkeit im internationalen Wirtschaftsleben, und diese Note sollte in dem Bankett zum Ausdruck kommen.

Makkabi-Wettkampfspiele 1933
Aus den interessanten Reden, die gehalten wurden, klang auch dieser Ton heraus. Konsistorialrat Sandru war der Sprecher an Stelle des Metropoliten. Dann folgte der Bürgermeister Sauciuc-Saveanu, der namens der Stadt die Ehrung pries, die ihr durch den Besuch Lord Melchetts widerfahren ist.
„Wir freuen uns, daß Sie in Czernowitz die Makkabiade 1933 veranstalten wollen. Die Stadtrepräsentanz ist sich ihrer Pflicht bewußt und wird Ihrem Unternehmen materielle und moralische Unterstützung angedeihen lassen“.
Die Versammlung quittierte diese Zusage mit stürmischem Beifall.
Sehr hübsch sprach Herr Generalrat von Anhauch, der an seine Zusammenarbeit mit dem Vater Lord Melchetts erinnerte. Der Sohn, sagte von Anhauch, hat das große Erbe nach diesem berühmten Manne angetreten und ist, wie wir hier sehen, würdig dieses Erbes. Dann sprach von Anhauch begeistert über die sportlichen Veranstaltungen des Makkabi und bekannte sich mit vollem Herzen für das Streben, die Jugend in die Bahn der nationalen Betätigung zu lenken.

Die Rumänen sympathisieren
Eine vortreffliche Rede hielt Minister Dr. Nistor. Er pries das Ideal jeder Nation, die eigene Heimstätte zu schaffen. „Wir können dieses Ideal der jüdischen Jugend nur wärmstens unterstützen und wünschen, daß Sie dieses Ideal bald erreichen sollen. Ich spreche nicht bloß in meinem eigenen Namen, sondern auch im Namen der Rumänen. Ich will Ihnen auch sagen, warum ich diesen Wunsch ausspreche: Weil wir, die Rumänen selbst, jahrhundertelang für ein ähnliches Ideal gekämpft und geblutet haben. Nachdem wir nun mit Unterstützung der Großmächte unser Ideal erreicht haben, verfolgen wir mit Sympathie Ihr Streben und sind stets zur Unterstützung Ihrer Mission geneigt. Unsere Geschichte zeigt, daß die Rumänen überall dabei waren, wo es um die Unterstützung derartiger Ideale war. Wir haben den Bulgaren zur Erreichung ihrer Ideale verholfen, wir haben den Serben große Dienste geleistet, wir haben uns für die Selbstständigkeit Albaniens bemüht, und zum wiederholtem Male haben wir erklärt, daß wir geneigt sind, auch für die Verwirklichung des ukrainischen Ideals uns zu bemühen, insoferne die gegenwärtigen Grenzen respektiert werden. Dieselben Gefühle beherrschen uns auch für die Unterstützung der Erreichung des jüdischen Ideales. Nach dem tausendjährigen bewundernswerten Kampfe, den das jüdische Volk leistet, muß Ihr Streben, gefördert und geleitet von großen Führern, die Sie besitzen, es dazu bringen, daß Sie Ihre idealen Pläne verwirklichen sollen. In diesem Streben sollen Sie uns als Freunde ansehen. Für uns in Rumänien ist es von Bedeutung, Ihnen, Mylord, zu sagen, wir wir Ihren Besuch als eine Ehre betrachten. Sehen Sie unser Land an, und berichten Sie in Ihrer Heimat, daß Rumänien Freundschaft zu erwidern weiß“.

(Schluß von Seite 9)
Das Bankett Lord Melchett
Englisch-rumänisches Handelsinteresse

Der Präsident der Handelskammer, Vihovici, ging in seinem Toast über das Thema Sport hinaus und begrüßte Lord Melchett als Mann der Wirtschaft. „Ich sehe in Lord Melchett einen Prominenten der Wirtschaft, einen Repräsentanten der Industrie Englands, zu dessen Land wir uns in Freundschaft hingezogen fühlen, und mit dem wir auch in wirtschaftlichen Beziehungen gestanden sind. Infolge der wirtschaftlichen Separation sind alle Beziehungen totgelaufen; aber die persönlichen Beziehungen sind geblieben, und diese können uns in der Wirtschaft näher bringen, damit diese Wirtschaftsseparation endlich verschwindet.“ Vihovici erhofft vom lieben Gast, dessen Besuch uns sehr ehrt, daß er sich im Lande über uns informiert, damit die wirtschaftlichen Interessen beider Länder gefördert werden. Er hob sein Glas auf das Wohl der englischen Industrie und das Wohl des Londoner Gastes.

Lord Melchett kommt im August 1933 nach Czernowitz
Es folgten dann die Reden des Präsidenten der B’nai Brith Loge Dr. Ohrnstein [Ohrenstein], der den Wunsch aussprach, daß Lord Melchett zur Makkabiade im August 1933 wieder nach Czernowitz kommt. Die Loge wird selbstverständlich die Makkabi-Organisation stets wärmstens unterstützen.

Griechisch oder römisch?
Es folgte noch die Rede des Dr. Ebner als Präsidenten der zionistischen Organisation, der den griechischen Sport als Vorbild für die Makkabi nahm, der, „schön und gut“, sein soll, also die olympischen Spiele gegenüber den „Circenses“ der Römer, den Brutalitäten der Schaukämpfe, den Rohheiten des Boxsportes vorzog und wünschte in diesem Sinne die griechischen Qualitäten auf den Gast übertragen angewendet.

Lord Melchett dankt
Es war schon in vorgerückter Stunde, als Lord Melchett in sehr launiger und geistreicher Art, überhaupt in der Art, wie wir ihn geschildert haben, Naturmensch, da er noch voll strotzender Jugend ist, sozusagen als Naturbursche seinen herzlichen und großen Dank für den Empfang aussprach. Aus seinen Worten entnahm man, wie glücklich er über die Ehrung ist, und wie stolzerfüllt er die guten Eindrücke von dieser Stadt mitnimmt, vor allem von den Makkabieinrichtungen, aber auch vom Lande, von dem schönen Rumänien und - er vergaß nicht das Kompliment - auch von den schönen Frauen, die er hier bewundern konnte. Aber die Hauptsache: Ich will im August wieder kommen (wir hörten auch, er habe Zusage gegeben, daß seine Schwester, die Lady Erleigh, die mit ihm das Protektorat über die Makkabiade in Czernowitz übernimmt, mitkommen werde) also er hatte den Triumpf erlebt und Makkabi in Czernowitz mit ihm, daß sie beide zufrieden waren. „Auch Politik ist Sport“, sagte er so nebenbei mit Anspielungen auf die aktuelle Situation. Insbesondere dankte er dem Ingenieur Schindler und dem Ingenieur Baltinester. Noch einige photografische Aufnahmen, der offizielle Teil war abgeschlossen. Lord Melchett verblieb bis zu den frühen Morgenstunden und unterhielt sich ungezwungen, wie es sein Naturell ist, mit der Gesellschaft. Heute früh hat sich Lord Melchett in Begleitung des Präsidenten Dr. Lelewer und seines Sekretärs Herrn Feiwel, eines Sohnes des großen jüdischen Schriftstellers Berthold Feiwel, nach Bukarest begeben.

(330101c1 + 330101c9)
_____
http://en.wikipedia.org/wiki/Baron_Melchett
http://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Mond ... n_Melchett
http://de.wikipedia.org/wiki/Berthold_Feiwel
http://www.zionismus.info/grundlagentex ... ehrung.htm



Seite 2

Die seltene Tragödie des Andrei Cuzic [S. 2, unten, rechts]
Es gehen soviele junge Leute zum Militär, den wenigsten ist der Verlust der zwei Jahre angenehm, aber selten begeht einer aus Angst vor dem Militärdienst Selbstmord. Andrei Cuzic aus Kaliczanka hatte große Angst vor dem Militär, aber keine Angst vor dem Tod. Oder verlor er in seiner Angst die Besinnung. Er erschoß sich am Militärfriedhof, wo ihn gestern der Wächter nach der Schußdetonation [auf]fand. Er ist gefallen, mitten im Frieden.

(330101t2)


Seite 4

Eindrücke und Erlebnisse [S. 4, oben, links]
im Czernowitzer und Jassyer Polizeigefängnis
Von Helios Hecht


Ich komme aus dem Gefängnis. Gefängnis ist hier ein Sammelbegriff von Polizeiarrest, Siguranzagewahrsam und Präventivhaft im Jassyer Justizpalast. Von Freiheitsstrafe ist hier keineswegs die Rede, denn ich wurde nur solange in Verwahrungshaft gehalten, bis die Behörden alle Beweise meiner völligen Schuldlosigkeit in Händen hatten. In der alten, trauten, von Lavendelduft getränkten Biedermeierzeit war es eine Schande, war der Betroffene, wenn er von der heiligen Hermandad hinter schwedische Gardinen gesetzt wurde, gezeichnet und für eine Zeit lang geächtet. Das nicht so ganz mit Unrecht, denn damals galten Polizei und Gerichtsbehörden als die leibhaftige Verkörperung der Ordnung und der Gerechtigkeit. Ich erinnere mich, daß ich als kleiner Junge einen Polizisten mit einem Gefühl der Ehrfurcht und des blinden Vertrauens anschaute.

Heute aber leide ich - dies schon seit vielen Jahren - an einer Psychose der „Behördenfurcht“. Ob die moderne Psychiatrie diese Art der Psychose schon aufgewiesen hat, weiß ich nicht. Es ist wahr, daß ich stets beim Betreten der Gerichte, Polizei und Steuerämter Herzklopfen bekomme und von Angstschweiß befallen werde. Die einzige Behörde, zu der ich Vertrauen, für die ich sogar aufrichtige Sympathie hege, ist die Post. Woher nun diese Erscheinung? Es gibt ein sogenanntes Auge der Gerechtigkeit, das in jedem Menschen, der in seinen Blickkreis tritt, einen Ungerechten erkennt, und es gibt ein Polizeiauge, das in jedem Verdächtigen gleich den Schuldigen erblickt. Es gibt ein unbeschreibliches Polizeilächeln, ein schreckliches, hämisches, siegesgewisses Lächeln, ein absolutes Lächeln, das alles weiß, das verurteilt, verdammt und unfehlbar in seiner Findung ist wie ein Hellseher. Ich habe niemals mit den Polizeibehörden irgendetwas auszutragen gehabt, ich war niemals auch nur Zeuge in einer Strafsache, aber in diesen zwanzig Tagen der Haft in vier verschiedenen Gefängnissen habe ich stets in dieses allwissende, kalte, erbarmungslose Auge geschaut, das niemals fragend, sondern wissend auf mich gerichtet war: „Aha, das ist der Verbrecher!“

Wenn einer für seine Ueberzeugung leidet, ist er ein Märtyrer, ist er stark im Glauben an sein Ideal. Ich litt ohne Ueberzeugung, ohne Glauben an eine Sache, ich war ja lediglich das Opfer eines Mißbrauches meines Namens. Die Polizeifunktionäre selbst glaubten nicht an meine Schuld. Nicht mehr empfand ich als Behörde, was eine zu sein befugt war, ich litt unter der zermalmenden Macht einer Gewaltanwendung, die furchtbar gegen meinen guten Glauben an Menschlichkeit und Gerechtigkeit gerichtet war.

Man predigte mir Moral, man warf sich zu meinem Lehrmeister auf, wies mir eine dunkle, vom Sonnenlicht gemiedene, Tag und Nacht elektrisch erhellte, feuchte, kalte, von entsetzlichen Gerüchen erfüllte Zelle an, in der ich nun alle vierundzwanzig Stunden des astronomischen Tages wie toll auf und ab lief. Die Wände waren blutbeschmiert. Ich zweifelte nicht, das wären die Blutspuren der gepeinigten Opfer. Erst später, als ich ein wenig zur Besinnung kam, erkannte ich in den zahllosen Blutflecken den Abdruck zerdrückter Wanzen und Fliegen. Eine enge Zelle, eine harte Pritsche, deren Kopfstück mit der Klosettmuschel fast zusammenstieß, der penetrante Geruch infolge mangelhafter Wasserspülung, das kleine Guckloch in der schweren Kerkertüre, durch das der wachehabende Gardist mich immer wieder anstarrte; dieses schreckliche Polizeiauge, das mir hier das Blut in den Adern gerinnen machte, denn ich dachte nichts anderes: Jetzt kommen sie, sie kommen, um dich zu foltern, um dich zu demütigen, um dich wahnsinnig zu machen. Aber es geschah nichts, nur daß die Luke in der Türe immer wieder klickte und mich aus meinem Brüten aufschreckte. „Sie kommen, sie kommen ..!“ Man kam in der Tat sehr oft, um mich auszuholen, um mir zu beweisen, wie anständig ich behandelt werde. Man sagte mir, hier werde mir nichts geschehen, hier sei noch niemand mißhandelt worden, aber in Jassy, ja, da werde ich gewiß eine „ordentliche Dresch“ bekommen, wenn nicht alles stimme, wenn ich nicht ein volles Geständnis ablege ...

Fünf Tage ging ich in diesem Gefängnisse auf und ab. Schlug irgendwo eine Türe zu, dachte ich gleich, man komme, um irgendeinen zu quälen, jedes laute Wort gellte wie ein Schmerzensschrei, wie ein Schreckensruf an mein Ohr. Doch gewiß wurde in der Zeit meiner Czernowitzer Gefängnishaft niemand geschlagen, davon bin ich genau so überzeugt wie ich überzeugt war, als ich über die Mißhandlungen in der Polizei schrieb. „Sie waren überzeugt, Sie behaupten, im festen Glauben geschrieben zu haben? Haben Sie sich Beweise verschafft?“ Nun, ich habe mir auch keine Beweise über die von den belgischen Kolonialbeamten an den Kongonegern begangenen Grausamkeiten verschafft und habe doch, gleich vielen anderen Schriftstellern und Journalisten, einen scharfen Protest gegen diese zweifellos begangenen Menschenschindereien in amerikanischen Zeitungen veröffentlicht.

Es gibt keinen völlig gewissenlosen Menschen, das ist mein unzerstörbarer Glaube, selbst im kältesten aller Verbrecher regt sich einmal in einer Minute, in einem Lichtblick der Gnade das Gewissen, die Erkenntnis der eigenen Schuld, das furchtbare Gefühl der Reue, das zugleich auch erhebend und befreiend wirken kann. Nur der Blödsinnige, der völlig Affekttaube, der Gefühlsstumpfe, den der Psychiater als krank und unzurechnungsfähig oder als unverantwortlich erkennt, erlebt die Erschütterung der Reue nicht. Das freilich, sofern wir Kunde haben vom Seelenleben des Kranken. Aber auch da ist unser Wissen nur Stückwerk, nur Unzulänglichkeit. Wenn ein Mensch gegen die göttlichen und menschlichen Gebote verstößt, wenn er einen Mord begangen, Unheil gestiftet hat, muß er doch das Gefühl der Buße, sei sie auch eine aufgezwungene, haben und sein Los der Freiheitsentziehung anders tragen als der Unschuldige. Der Mensch ist ein Herdentier. Der Instinkt der Geselligkeit ist eines seiner elementarsten Bedürfnisse. Einsamkeit will nur das Genie. Aber die Einsamkeit des Geniemenschen ist nicht nur eine selbstauferlegte, sondern eine psychologisch notwendige, da sie sich aus der Sonderart seines Wesens ergibt, anders jene Einsamkeit in der Gefängniszelle, das völlige Alleinsein, die völlige Unkenntnis von den Geschehnissen der Außenwelt, mit der er durch tausend Bande zusammenhängt. Und dazu kommt die zur Schwarzseherei geneigte Phantasie, die einem Bilder des Grauens heraufbeschwört. Wer schwache Nerven und ein mutloses Herz besitzt, der suggeriert sich leicht eine Schuld, von der er unter normalen Verhältnissen nichts weiß. Tausend widerspruchsvolle Vorstellungen flogen mich gleich einem zudringlichen Mückenschwarm an; um mich ihrer zu erwehren, begann ich die Schritte zu zählen. Ich hatte mir ein System zurechtgelegt und dabei für die ersten drei Tage mehr als 350.000 Schritte herausgerechnet. Dann aber hörte das Zählen auf. Ich rief mir tausendmal zu: Feigling, feiges Herz, kleinmütiger Geist! „Sieben Jahre hielt das Papsttum den unschuldigen Giordano Bruno in einer Einzelzelle gefangen, und es wurden ihm alle Glieder zerbrochen, und dennoch betrat er stolz und heiter den Scheiterhaufen.“ Es erschien mir aber wie Lästerung, mich an ein solch heiliges Vorbild zu klammern. Ich kniete beim Gedenken an Giordano Bruno nieder, spuckte aber im Gefühl, mir eine Komödie vorgespielt zu haben, verächtlich gegen mich aus.
(Fortsetzung folgt)

(330101a4)


Hinter den Kulissen der Makkabi-Wettkampfspiele [S. 4, rechts, oben]
10.-14. August 1933

Kaum ist der illustre Gast Lord Melchett nach Bukarest abgereist, als die eigentliche Tätigkeit für das große Ereignis des Makkabi Rumäniens einsetzte. Ein Kreis der besten Turner hatte sich in Czernowitz eingefunden, die unter Leitung von Ingenieur Paczowski, Turnwart des Makkabi-Weltverbandes, eine rege Aktivität begann, um die einzelnen Disziplinen einzuüben.

Ing. Paczowski, der aus Prag nach Czernowitz kam, leitete das Training in der Turnhalle. Der innige Kontakt zwischen Turnerinnen und Turnern war durch das im Hebräischen übliche „Du“ sofort hergestellt. Ing. Paczowski, ein Mann von suggestiver Kraft, riß alle jungen Sportler durch seine hebräischen Kommandos zu voller Kraftentfaltung hin. Der Turnsaal bot ein interessantes Bild. Reck, Hochbarren, Freiübungen wurden in hastigem übermüdendem Tempo geübt, da Ing. Paczowski Samstag unsere Stadt verläßt.

Die Begeisterung der jungen Sportler wurde durch Ing. Paczowski aufs höchste gesteigert. Die einzelnen Instruktoren, die mit den Uebungen in ihre Heimatstädte abreisen, werden ihre Vereinsmitglieder für die Makkabiwettkämpfe vorbereiten, die vom 10.-14. August in Czernowitz stattfinden werden. Die Disziplinen, die aus 12-Kampf, 9-Kampf und 7-Kampf für Damen und Herren bestehen, werden Czernowitz im August ein internationales Sportgepräge geben. Es werden 1000 Aktive an diesem gigantischen Sportfeste teilnehmen, die aus aller Herren Länder hier zum sportlichen Kampfe zusammentreten. Um 6 Uhr verließ Ing. Paczowski die Turnhalle, um an einer Sitzung der Leitung teilzunehmen, die die weiteren Vorbereitungen für dieses grandiose Ereignis übernehmen wird, das unsere Stadt in den Mittelpunkt sportlichen Interesses rücken soll. Sportgestählt verlassen die strammen Instruktoren aus ganz Rumänien den Saal - ganz benommen von dem Eindruck, den der Führer und Leiter hinterließ.
Aka

(330101c4)


Seite 6

Feuilleton [S. 6, unten, links]
Der Bildner Opanas
Anläßlich der Ausstellung plastischer Arbeiten des Bildhauers Dr. Opanas Schewtschukewicz

Dem Schläfer, der im Morgengrauen aus dumpfem Schlaf erwacht, erscheinen die ornamental verschlungenen Figuren der Wandmalerei, die ihn tagsüber leblos dünken, wie seltsame Gestalten und Phantome, bildgewordene Erinnerung an die verworrenen und beängstigenden Träume der langen Nacht. Nun, da der Morgen immer deutlicher die Dinge umher aus den sie umfriedenden Schatten hebt, wehrt sich der Schlaftrunkene gegen das Erwachen und gibt sich mit der ganzen Inbrunst der Entrücktheit, den strahlenden oder grinsenden Chimären hin, die ihm von der ins Unermeßliche wachsenden Wand entgegenflammen.

Solch ein traumtrunkener Schläfer ist das große Kind Opanas, das sein Auge fest vor dem wachen lauten Tag verschließt und lieber in den unwegsamen Schluchten seiner Traum- und Seelenwelt umherirrt. Alle die skurrilen verzerrten Fratzen und Masken, die in unendlicher Zahl und in mannigfaltigster Verschiedenheit sein in spielerischer Arbeit wachsendes Werk geleiten, sind Symbole seiner inneren Welt und der in ihr vor sich gehenden Erregungen und Spiele, die hier in einem grenzenlos ausbrechenden Gelächter oder in der Boshaftigkeit des dem entsetzten Beschauer seine Zunge krampfhaft entgegenweisenden Ueberdrüssigen Geschöpf geworden sind.
Mag seine oft an die Kunstschöpfungen wilder Völker gemahnende Schaffensart oft heidnisch anmuten, es ist doch in Opanas ein reiner nativer Gottesglaube wach. „Man hängt hier auf Erden ja nur im schäbigen Mantel Gottes, es kommt aber darauf an, bis an das Herz Gottes zu gelangen“, sagte er einmal einem Freunde zum Abschied. Immer wieder kehrt er zur Gestaltung der Krippe zurück, Büßer und Betende, Entrückte und Heilige beleben in oft bis zum Paroxysmus ekstatischen Gesten sein quellendes Werk.

Vielleicht sind die oft winzigen Tierphantasien, Vögelchen und Hündlein, Esel und Reh, das sein Wesen am deutlichsten spiegelnde Element seines Bildnertums. Ohne, daß es in seiner Absicht gelegen wäre, in den „Opanas-Tieren“ menschliche Eigenheiten zu symbolisieren, prägt die Laune, die sie erstehen ließ, ihnen Kummer oder Frechheit, Demut oder Ziererei auf.

Und dann die Bildnisbüsten, deren jede tief das Wesen des Modells widerspiegelt! Wie Rabbi Löw besitzt Opanas die geheime Macht, seinen Gesichtern, die unter seinen schaffenden Händen zu Abenteuern menschlichen Mienenspiels werden, Blut und Leben einzuhauchen. Wie wunderbar der Gedanke, in das wirre Haar des Dichtervaganten Manger ein scheues Vöglein einzuflechten.

So wächst diese Kunst in jeder ihre Offenbarungen aus dem Psychologischen ins Legendäre und gießt mit ihrer Fülle von Gesichten einen Strom erschütternder Glückseligkeit über unsere an wahrer Kunst so arme Zeit.
Alfred Kittner

(330101a6)


Ein ernstes Leben [S. 6, Mitte]
Heinrich Manns neuestes Werk

Der Roman „Ein ernstes Leben“ ist ein neuer Zweig an dem großen Gesamtwerk Heinrich Manns. Das Schicksal eines Tagelöhner-Mädchens, das in Einfachheit am Meer beginnt, in die Weltstadt und einen ganzen Hexenkessel zweifelhafter Abenteuer führt, aber wieder endet am Meer in Einfachheit und Reinheit. Ein Schicksal, gestaltet mit der hohen Meisterschaft Heinrich Manns. Aber mit diesem Einzelschicksal umfaßt er die Gesamtheit menschlicher Schicksale, umfaßt das ganze heutige Leben, und nicht nur das heutige. Denn „Ein ernstes Leben“ ist kein Zeitroman; er spielt in der Gegenwart, das ist aber nicht die Hauptsache. Es ist vielmehr das „große und wilde Leben“. Hier tobt es sich aus; findet seinen Ausdruck in der Bar der Adele Fuchs, in ihr selbst, der zuweilen ins Unheimliche Gesteigerten, in dem bürgerlichen Typ der angefaulten Ehe des Rechtsanwalts Bäuerlein, in dem Zwillingspaar Vicki und Kurt mit ihrer kriminellen Anlage ...

Das große und wilde Leben ...
Ja, es geht heiß her in diesem Buche, in der zweiten Hälfte wird das Tempo sogar stürmisch. Ein Hexenkessel, sagt man sich.

Das ganze ist tief und erschütternd. Auch Struktur und Sprache des Werks sind, wie stets bei Heinrich Mann, von unübertroffener Meisterschaft. Mit dem Roman „Ein ernstes Leben“ ist der europäischen Literatur das wesentlichste Buch des Jahres geschenkt!
Karl Lemke

(330101w6)


Seite 8

Wirtschafts-„Tag“
Wirtschaftskrise und Menschheitsgedanke
Neujahrs-Rundschau von Mathias Roll

In der vorgeschichtlichen Zeit mag es wohl einen Zeitabschnitt gegeben haben, in welchem die Menschen unter dem Wendekreis in günstigsten klimatischen Verhältnissen glücklich dahinlebten, sich von den Früchten der Bäume, unter welchen sie Schutz und Ruhestätten fanden, und von den saftigen Beeren der Erde ernährten, und jeder Mensch nur eine Triebtätigkeit ausübte, welche vollkommen genügte, um die Befriedigung seiner eigenen primitiven Bedürfnisse zu ermöglichen. In diesem paradiesischen Zeitalter gab es keine Arbeitsteilung, und daher keinen Tausch- und auch keinen Geldverkehr. Erst als die Menschen infolge klimatischer oder sonstiger Natureinflüsse gezwungen waren, mehr als eine instinktmäßige Tätigkeit auszuüben, als sie bewußt und vernunftmäßig durch Arbeit Vorsorge für die Befriedigung der Bedürfnisse auf längere Zeit treffen mußten, entstand die Arbeitsteilung und der Tauschverkehr. Wie lange es gedauert hat, bis die Menschen vom Naturaltauschverkehr zum Warenaustausch durch Vermittlung des Geldverkehrs gelangten, ist nicht feststellbar, sicher aber ist, daß die Periode des direkten Naturaltauschverkehrs unendlich länger gedauert hat, als die Periode alt ist, in welcher der Geldverkehr, der von den Phöniziern eingeführt wurde, herrscht. Seit der Entstehung der Arbeitsteilung, des Tauschverkehrs und des Geldverkehrs gab es Reiche und Arme, Herrscher und Beherrschte, Sklaven und Herren, Ausbeuter und Ausgebeutete. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung wechselten bloß die Formen der Ausbeutung, aber der klaffende Gegensatz zwischen Armut und Reichtum blieb nicht nur in allen Zeitperioden bestehen, sondern er vergrößerte sich immer mehr und mehr, und die große Tragödie der Menschheit und ihre Todsünde bestehen ja darin, daß der Fortschritt auf allen Gebieten des menschlichen Wissens, der Bildung und Kunst es nicht vermocht hat, die Not und das Elend unter den Menschen zu beseitigen. Gerade im Zeitalter des höchsten Fortschrittes, der imstande wäre, die materielle Not, dadurch auch die geistige und physische Not der Menschheit zu mildern oder gänzlich abzuschaffen, sehen wir, daß infolge einer unseligen Wirtschaftsordnung eine immer größere Zahl von Menschen in immer größere Bedrängnis gerät, in Not und Elend verkümmert. Nach einer Periode des höchsten Produktionsaufschwunges, infolge der technischen Rationalisierung ist eine Wirtschaftskrise von unerhörter Schärfe und ungeheuerer Ausdehnung in räumlicher und branchenmäßiger Hinsicht ausgebrochen, welche mehr als drei Jahre ununterbrochen wütet und dreißig Millionen Menschen aus dem Produktionsprozesse hinausgeworfen, sie arbeitslos gemacht hat. Neben dieser ungeheuren Zahl von 30 Millionen arbeitslosen Menschen, welche mit ihrem Familienanhang sechzig bis siebzig Millionen Menschen, also die Bevölkerungszahl eines der größten Reiche - wie Deutschland - ausmacht, gibt es noch eine unendliche, garnicht zu erfassende Zahl von Beschäftigungslosen, welche aus den sogenannten selbständigen Berufen ausgeschieden sind und, zusammen mit den Arbeitslosen, die Reserve-Armee des Proletariats zur größten Volksmasse anschwellen ließen, welche der ganzen bestehenden Gesellschaftsordnung zur höchsten Gefahr geworden ist.
Nie noch waren Not und Elend in einem solchen Ausmaße vorhanden, neben der technischen Möglichkeit, dieselben zu beseitigen, aber auch in keinem Zeitalter war die Furcht vor einer allgemeinen Wirtschaftskatastrophe so groß wie jetzt, und noch nie wurde so oft und so laut die bange Frage erörtert, ob es denn ein Entrinnen aus dieser Weltnot gibt, ob eine Genesung der schwer kranken Weltwirtschaft noch möglich ist. Aber anstatt, daß die Menschen die Not der Zeit begreifen und praktischen Solidarismus üben, sehen wir das gerade Gegenteil geschehen. Zollgrenzen allein genügen nicht mehr, um den Warenaustauschverkehr zu regeln, sondern es werden absichtliche und direkte Hindernisse dem internationalen Güteraustausch in den Weg gelegt; Kontingentierungen des Importes, schärfste Devisenbeschränkungen, ja Kündigungen von Handelsverträgen sind überall auf der Tagesordnung. Der politische Kampf geht neben dem Wirtschaftskrieg der Völker gegeneinander einher und das Verderben verbreitet sich von Tag zu Tag. Unter dem Vorwande, Planmäßigkeit in die zerfahrene kapitalistische Wirtschaft zu bringen, sperren sich die Völker voneinander ab und die Folge ist Schrumpfung des Weltverkehrs, die Entstehung von Haß, Neid und Mißgunst, welche ein gefährliche Atmosphäre für künftige Kriege bilden.

Wie lächerlich ist es aber, Planmäßigkeit in die gegenwärtige Wirtschaftsweise einzuführen, welche allein auf der freien Entfaltung der Kräfte beruht. Planwirtschaft und kapitalistische Wirtschaft vertragen sich nicht und schließen einander aus. Da die Volkswohlhabenheit sich nur im ungehemmten Güteraustausch mit dem Auslande entwickeln kann, ist es klar, daß, je enger das Wirtschaftsfeld wird, je eingeschränkter sich der Warenaustausch von Volk zu Volk gestaltet, desto mehr die Verarmung der Völker fortschreitet. Freilich hat auch der Geld-Imperialismus ungeheueres Unheil gestiftet. Er hat durch sein Streben, ausländische Handelsgebiete zu erobern, internationale Verwicklungen und Kriege hervorgebracht, und deshalb sind nur solidarische Abmachungen, Handelsverträge, ehrlich eingehalten, die einzigen Mittel, den regelmäßigen Güteraustausch zu beleben, ihn wieder auf die frühere Höhe zu bringen. Kompensationen und Kontingentierungen sind bei der Höhe der gegenwärtigen Entwicklung Hemmnisse für den internationalen Verkehr und der Güteraustausch ist ja gerade durch den Geldverkehr groß geworden. P. J. Proudhon, von dem der berühmte Ausspruch „Eigentum ist Diebstahl“ stammt, hat aber auch einen anderen Satz geprägt: „Die Produkte tauschen sich gegen Produkte aus“ was soviel heißt, daß der Warenmarkt die Tendenz hat, einen ständigen Austausch der Produkte herbeizuführen. Der Geldverkehr hat diese Tendenz verstärkt und die Kompensationen und die Kontingentierungen haben wieder die Tendenz, den Geldverkehr auszuschalten und den direkten Güteraustausch herbeizuführen, was einen Rückschritt, eine naturgemäße Einschränkung des internationalen Verkehrs herbeiführen muß.

Die höchste Tragik der Menschheit besteht ja darin, daß alles Große und Wunderbare, das sie schafft und erfindet, sich schließlich zu ihrem Verderben wendet. Je größer der Fortschritt, desto größer der Haß und Kampf und das Verderben. Der Verlust des Menschheitsgedankens ist zu einem Zeitpunkt zu beklagen, in welchem die größten Voraussetzungen für Liebe, Hilfsbereitschaft und Hilfsmöglichkeiten vorhanden sind. Alle wundervollen Einrichtungen und Erfindungen der Menschen führen zu kriegerischen Verwicklungen und werden zu kriegerischen Zwecken und zur gegenseitigen Vernichtung verwendet. Der vor einigen Tagen verstorbene Schriftsteller Gustav Meyrink hat im Kriege eine kleine Erzählung veröffentlicht, in welcher Schattengestalten die Verkörperung des Hasses, der Bosheit und der Schadenfreude vorkommen, die in einer Aussprache untereinander mit großer Schadenfreude feststellen, wie die stolzen Menschen sich jetzt bekriegen und bekämpfen und wie alles, was sie an geistreichen Erfinden geleistet haben, sich gegen sie selbst kehrt und zu ihrer Vernichtung gereicht, so das wundervolle Luftschiff, so die Macht der Elektrizität, die chemischen Erfindungen usw. Nicht Glück und dauernde Freude, sondern Tod und Verderben bringen diese wunderbaren Erfindungen des menschlichen Geistes den Menschen. Eine große Freude bemächtigt sich der drei dem Menschengeschlecht so feindlichen Gestalten, denn der Untergang der Menschheit stehe, allen Anzeichen nach, bevor. Und diese furchtbare Feststellung ist man versucht, auch heute zu machen, heute, vierzehn Jahre nach dem furchtbaren Weltmorden, angesichts der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Verwirrung, angesichts des Weltchaos. Aber die Erzählung von Meyrink hat doch einen anderen, einen tröstlicheren Schluß. Plötzlich wird die eine Gestalt, die am meisten gegen das Menschengeschlecht gewütet hat, nachdenklich und traurig: „Wißt ihr“, es sind aber doch bedenkliche Erscheinungen vorhanden, welche glauben machen könnten, daß der Menschheitsgedanke nicht ausstirbt“, so seufzt die Gestalt und erzählt, daß während Arras gänzlich von den deutschen Kanonen zerschossen wurde und alle Einwohner sich in den Kellern versteckten, eine arme französische Lehrerin ein vergessenes Kind auf der Straße mitten im Kanonen-, Granaten- und Bombenregen erblickt und es in höchster eigener Lebensgefahr, todesverachtend, mit ihrem Leibe deckend, von den zischenden Bomben umtost, ins sichere Versteck geführt habe; und weiter, als der Argonnenwald zerschossen wurde, als alle Bäume von den Kanonenkugeln und Bomben niedergemäht wurden, da blieb auf einem Baume gerade die Stelle stehen, welche den menschlichen Leib des Erlösers auf einem Holzbilde darstellte; der Mensch blieb unverletzt. Sind dies nicht Symbole für die Unsterblichkeit des Menschheitsgedankens, welcher sich siegreich durch die Zeit des Hasses und des gegenseitigen Verderbens durchschlagen wird? frug traurig die menschenfeindliche Gestalt. Und so fragen auch wir, aber mit Stolz und Freude: Ist es nicht ein Zeichen des ewigen Menschheitsgedankens, daß es in dieser Zeit der Bosheit, des Eigennutzes, des Volkshasses und Bürgerkriegs noch Menschen gibt, welche täglich mit Selbstaufopferung für eine Zeit kämpfen, trotz Verfolgung und Drangsalierungen ärgster Art, wo es eine allgemeine Verbrüderung, aber keine Ausbeuter und Ausgebeutete, sondern nur glückliche Menschen geben soll?

(330101w8)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre-Joseph_Proudhon
http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Meyrink
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 242, Dienstag, 03.01.33

Postby Klaus Binder on 3. January 2011, 01:06

Seite 1

Lord Melchett beim König [S. 1, unten, rechts]
Wie uns aus Bukarest gemeldet wird, wurde Lord Melchett gestern vom König in mehr als halbstündiger Audienz empfangen.
Um 10 Uhr abends fand im Hause des Senators Max Auschnitt ein Bankett zu Ehren Melchetts statt.

(330103r1)
_____
http://en.wikipedia.org/wiki/Baron_Melchett
http://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Mond ... n_Melchett
http://en.wikipedia.org/wiki/Max_Auschnitt



Seite 2

Todesfall [S. 2, links, Mitte]
Am Neujahrstage starb hier im 89. Lebensjahre Frau Angelika von Glinski, geb. Edle v. Jana Manowarda, Witwe nach dem vor Dezennien verstorbenen Postoberkontrollor Anton von Glinski. An der Bahre trauern ihre beiden Schwestern, Frau Antonie, Edle v. Unczowski, Generalswitwe, und Frau Hermine, Edle von Jana Manowarda, Professorin i. P., ihre Kinder Marie, Helene, Iwan, Leon und Max, ihre Schwiegertöchter Emmy, geb. Busch, Else, geb. Mahr, ihr Schwiegersohn Insp. Victor Preißer, ihre Enkelkinder Feodora und Alexandra Glinski, schließlich ihre Cousine Frau Oberlandesgerichtsratswitwe Laura Wydyniewski, geb. Edle v. Jana Manowarda und zahlreiche Verwandte und Freunde.

(330103t2)


Ein brutaler Professor am „Aron Pumnul“-Gymnasium [S. 2, unten, links]
Dem „Curentul“ entnehmen wir: Im Czernowitzer Schulinspektorat und in Schülerkreisen des „Aron Pumnul“-Gymnasiums herrscht in den letzten Tagen ungeheuere Aufregung über folgenden Vorfall: Der Professor des „Aron Pumnul“-Gymnasiums Logiganu hielt einige Tage vor den Weihnachten in der zweiten Klasse die rumänische Unterrichtsstunde, als er plötzlich in einem aufgeregten Moment einige Schüler verprügelte. Zwei von ihnen wurden sogar verletzt. Der Fall wurde dem Direktor des Lyzeums, Iliut, gemeldet, der eine Untersuchung eingeleitet hat. Das Elternkomitee dieser Schule hat ein Memorandum abgefaßt und dieses dem Unterrichtsministerium übersandt. Es wird die Bestrafung des Professors und seine Versetzung in eine andere Stadt verlangt.

(330103c2)


Seite 3

Völlige Rehabilitierung von Dr. Riedel und Anna Guala [S. 3, oben, links]
Die Schweiz als Vorbild für vornehme Liquidierung eines Justizirrtums

Bern, Ende Dezember. Im Jahre 1926 wurden vom Burgdorfer Schwurgericht der Arzt Dr. Riedel und dessen Freundin Anna Guala wegen Giftmordes an der Gattin des Arztes zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Nach fünfjähriger Strafhaft konnten die Verurteilten endlich die Wiederaufnahme des Prozesses erwirken, die Angelegenheit kam im Dezember 1931 von neuem vor das Schwurgericht, das sie diesmal von einer Mordanklage freisprach, jedoch einen gewissen Verdacht in bezug auf die Haltung der beiden Angeklagten übrigließ. Außerdem wurde Dr. Riedel eine Entschädigung von 38.000 Franken und seiner Freundin eine solche von 23.000 Franken zugesprochen.
Nach dem Verlassen des Gefängnisses im Dezember 1931 regelten Dr. Riedel und seine Freundin ihre Beziehungen durch eine Heirat und verlangten auf dem Appellationswege eine Erhöhung der ihnen zugesprochenen Entschädigung, da diese die entstandenen Kosten nicht deckten, sowie ein klares Urteil, in dem ihre vollständige Unschuld erklärt werden solle.
Der Kassationshof hat nun sein Urteil gefällt.

Der Arzt erhält 51.000 Franken, seine Frau 28.000 Franken. Ferner erklärt das Gericht, daß die beiden Eheleute vor der Rechtsordnung als unschuldig betrachtet werden müssen.

Damit findet eine Affäre in bewundernswert vornehmer Form ihren Abschluß, die sechs Jahre hindurch die öffentliche Meinung der Schweiz und des Auslandes beschäftigte.

Bemerkungen der Redaktion des „Tag“
Dieser Kriminalfall erweckt deshalb in Czernowitz größeres Interesse, weil er mit den hier stattgefundenen Kriminaltelepathischen Experimenten der Hellseherin Frau Else Günther-Gessers unter Leitung des Berliner Nervenarztes Dr. Walther Kröner in der Lopuszanska-Affäre stattgefunden hat - allerdings indirekt - in Zusammenhange steht. Es war das erste Mal in der Geschichte der Kriminalistik, daß auch das Hellseherexperiment amtlich in der Schweiz zur Aufdeckung eines Mordfalles zugelassen wurde. Else Günther-Gessers reiste damals von Czernowitz nach München und von hier nach Bern. Im Revisionsbeschluß auf Wiederaufnahme des Verfahrens wird hievon Mitteilung gemacht, aber ausdrücklich erklärt, daß nicht die Resultate des Experimentes, sondern das kriminalpsychologische Gutachten des Dr. Kröner, schließlich auch die neuerlich angestellten chemischen Untersuchungen maßgebend für die Entschließungen des Berner Kassationshofes waren. Die Hellseherin Günther-Gessers hatte im Trancezustand zum ersten Mal in diesem Verfahren ermittelt, daß die Frau des Dr. Riedel Selbstmord aus Rache verübt hat, um den Mann in den Verdacht eines Mordes zu bringen. Auch hatte die Hellseherin festgestellt, daß die Selbstmörderin einen Geliebten, einen türkischen Studenten, hatte, der in Zürich Pharmakologie studierte, und daß sie von diesem sich das Gift verschafft habe. Auch hatte die Hellseherin festgelegt, daß die Frau Riedel einem Verein mit dem Sitze in Zürich angehörte, und zwar gerade zu jener Zeit, da sie mit dem türkischen Studenten in Beziehungen stand, dessen Aufgabe es war, die Empfängnis zu verhüten.

(330103w3)


Revolte der Muezzin [S. 3, Mitte]
Sie wollen Allah nicht mit dem neuen türkischen Namen „Tanuri“ anrufen

Konstantinopel, 31. Dezember. Eine große Anzahl von Muezzins wurde mit Gefängnis bestraft, weil sie sich weigerten, nach den neuen Vorschriften bei religiösen Zeremonien Allah mit dem türkischen Namen „Tanuri“ anzurufen.
Mustafa Kemal Pascha hatte angeordnet, daß mit dem Beginn des Ramazan die Gebete und die Gebetsaufforderungen in türkischer Sprache und nicht mehr, wie bisher üblich, in arabischer Sprache zu vollziehen sind.
Die Anordnung des Präsidenten hat eine Revolte der Gebetsverkünder hervorgerufen, die großen Unwillen darüber bekundeten, nach der neuen Verordnung nunmehr Türkisch lernen zu müssen.


Seite 4

Reform des rumänischen Strafgesetzbuches
Die Reform, die jetzt auf das rumänische Strafgesetzbuch angewandt werden soll, sieht eine Reihe neuer Delikte vor, die es bisher im rumänischen Strafgesetzbuch nicht gab.

Moralischer Verrat
Im Kapitel über Hochverrat werden einige neue Paragraphen aufgenommen. Unter anderen wird die Handlung inkriminiert, in Kriegszeiten Informationen über die schlechte wirtschaftliche Situation des Landes zu publizieren und dadurch eine Depression hervorzurufen, die die moralische Widerstandsfähigkeit der Nation schwächt. Die Strafe für diese Tat beträgt 5 bis 10 Jahre Gefängnis und 5000 bis 25.000 Lei Geldstrafe (Art. 235). In dieses Kapitel fallen auch Angriffe auf fremde Herrscher, mit denen das Land in diplomatischen Beziehungen steht, für welchen Fall die Strafe die gleiche ist, wie bei einer Majestätsbeleidigung. Für das Herunterreißen der Fahne oder eines Emblemes eines fremden Staates ist eine Strafe bis zu einem Jahr vorgesehen.

Delikte gegen den Kredit des Staates
Art. 456 sieht jene Straftaten vor, welche das plötzliche Abheben aus den öffentlichen Kassen oder Banken provozieren. Ebenso wird jener bestraft, der versucht, einen Sturz oder ein Ansteigen der Lebensmittelpreise und der Waren im allgemeinen hervorzurufen. Hiefür sind Strafen von 3 Monaten bis 3 Jahren und eine Strafe von 1500-5000 Lei vorgesehen, respektive von 1 Jahr bis 5, und von 3 bis 8 Jahren mit einer Strafe von 10.000 bis 30.000 Lei.

Andere Delikte
Bestraft wird ferner, wer einen anderen beeinflußt, Selbstmord zu begehen. Wenn z. B. zwei Leute durch ein Los entscheiden, wer von ihnen Selbstmord begehen soll, so wird der Ueberlebende mit 1-5 Jahren bestraft.
Wer Kenntnis erlangt von der Vorbereitung eines Anschlages gegen die Sicherheit des Staates, von einem Attentat auf den König, von der Aenderung der Regierungsform, und dies nicht den Behörden zur Kenntnis bringt, wird bestraft mit Gefängnis von 1 bis 2 Jahren.

Die Homosexualität
Wer Handlungen wider die Natur mit einer Person des gleichen Geschlechts begeht, wird mit eins bis zwei Jahren bestraft, wenn die Handlung einen öffentlichen Skandal zur Folge hat. Die gleiche Strafe gilt für Sodomie.
Inzucht oder Blutschande wird mit eins bis drei Jahren bestraft.

Vernachlässigung der Alimentationspflicht
Wer verurteilt ist, Alimente zu zahlen und drei Monate verstreichen läßt, ohne seine Pflicht zu erfüllen, wird mit Gefängnis von 1-6 Monaten, 1500 bis 5000 Lei und Verlust der bürgerlichen Rechte bestraft. Bei Rückfällen ist die Strafe von 3 Monaten bis 1 Jahr.

Obligatorischer Altruismus
Wer einer Person in Lebensgefahr Hilfe versagt, wird, wenn die Person stirbt, mit 3 Monaten bis zu einem Jahr und 15.000 bis 30.000 Lei bestraft.
Das Duell wird mit 1500 bis 30.000 Lei bestraft. Es sind sogar Strafen für die Aerzte und Zeugen vorgesehen.

(330103r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 243, Mittwoch, 04.01.33

Postby Klaus Binder on 4. January 2011, 02:37

Seite 1

Die Revolte der Steirer Bauern [S. 1, oben, rechts]
Wien, 2. Jänner (Tel. des „Tag“). Die Unruhen in dem steirischen Marktflecken Vorau (bei Graz) dauern an. Ein Bauerngut sollte versteigert werden. Die Bauern verhinderten durch Gewaltanwendung die Amtshandlung. Auch das Eingreifen von Beamten der Bezirktshauptmannschaft nützte nicht. Neun Bauern wurden verhaftet. Da die Unruhen zugenommen haben, hat die Regierung die Entsendung von Militär von Graz aus angeordnet. Außerdem ist die Gendarmerie um hundert Mann verstärkt worden, die in feldmarschmäßiger Adjustierung in Vorau eingetroffen ist. Der verstärkte Schutz hat zwar großen Eindruck auf die Bevölkerung gemacht, man befürchtet jedoch, daß am morgigen Markttage die Unruhen sich steigern werden. Der Landeshauptmann ist in das Unruhegebiet abgereist, um die Bevölkerung zu beruhigen. Wie die heutigen Blätter melden, sieht man in Graz und in Wien mit großer Besorgnis dem weiteren Verlauf der Ereignisse entgegen, weil man befürchtet, daß der Vorfall von Vorau Nachahmungen in anderen Gemeinden finden wird. Die Bauern verlangen auch die sofortige Enthaftung der am Sonntag hinter Schloß und Riegel gesetzten Bauern. Wie immer in diesen Fällen, weist man darauf hin, daß die Revolte von Kommunisten angezettelt ist.

Es war nichts!
Wien, 2. Jänner (Tel. des „Tag“). Einer Grazer Meldung zufolge hat der allgemein erwartete Umzug der Bauernschaft nicht stattgefunden. Sämtliche Straßen waren abgesperrt. Die Unruhen haben auch auf das niederösterreichische Grenzgebiet übergegriffen.


Seite 2

Ein wichtiges Thema im Gemeinderat: [S.2, oben, rechts]
Wie hoch muß das Gehalt des Vizebürgermeisters sein?
Die Kommissionen für die Steuerappelle.
Die Polen verlassen den Gemeinderat


Montag um 6 Uhr nachmittags fand unter Vorsitz des Bürgermeisters eine Gemeinderatssitzung statt.
Gleich nach Eröffnung der Sitzung erstattet Hofrat Homiuca einen Bericht der Verifizierungskommission bezüglich der Budgetänderung für das Jahr 1932 und gibt bekannt, daß beschlossen wurde, die Summe von 350.000 Lei für die soziale Fürsorge um 30.000 Lei zu erhöhen, hingegen die Gehälter der zwei Vizebürgermeister auch auf den dritten aufzuteilen, sodaß künftighin ein Vizebürgermeister nicht 9700 Lei, sondern nur 5400 Lei beziehen wird.

Es spricht hernach Vizebürgermeister Baranay, der über den Bericht der Verifizierungskommission, was die Besoldung der Vizebürgermeister betrifft, seine Verwunderung ausspricht. In keiner Stadt des Landes ist das Gehalt eines Vizebürgermeisters kleiner als das eines Amtsdirektors und macht überall zwei Drittel des Gehaltes des Bürgermeisters aus. Im übrigen hat das Ministerium verfügt, daß nur zwei Vizebürgermeister zu besolden sind. Hat aber das Innenministerium auch einen dritten Vizebürgermeister bestätigt, so muß es auch für seine Bezahlung sorgen. Ein Vizebürgermeister, der seine Zeit dem Wohle der Gemeinde widmet und einem anderen Beruf nicht nachgehen kann, muß auch entsprechend bezahlt werden, da er keine andere Einnahmsquelle hat. Es ist aber auch unter der Würde eines Vizebürgermeisters und unter der Würde des Gemeinderates, daß ein Hilfsbürgermeister den gleichen Gehalt bezieht wie ein Straßenbahnkondukteur. Ein Minimum an Gehalt muß einem Vizebürgermeister zugebilligt werden, will man nicht, daß er zu anderen Mitteln greift, was für Stadtgemeinde, für die Bevölkerung und für ihn selbst entwürdigend wäre.

Dr. Zloczower: Es ist unter der Würde des Gemeinderates, wenn die Bevölkerung morgen erfahren wird, worüber im Gemeinderat diskutiert wird. Statt sich mit wichtigeren Problemen zu befassen, wird hier die Gehaltsfrage der Vizebürgermeister diskutiert. Redner ersucht die Pressevertreter, diesen Teil der Debatte nicht zu veröffentlichen.

Baranay: Und ich bitte die Pressevertreter, alles zu veröffentlichen, was in der Gemeindestube diskutiert wird. Damit es nicht den Anschein hat, ich wäre Materialist oder daß es mir hier um die Gehaltsfrage geht, erkläre ich mich bereit, die Differenz des Gehaltes von 5400 bis 9700 Lei der sozialen Fürsorge zuzuführen.

Dr. Zloczower: Heute, in dieser Krise kann man von einer Erhöhung nicht sprechen.

Baranay: Von einer Erhöhung ist nicht die Rede. Das Innenministerium hat das Gehalt mit 9700 Lei für einen Vizebürgermeister bestimmt, also muß es bezahlt werden. Hier handelt es sich um eine prinzipielle Frage. Die Würde eines Vizebürgermeisters darf nicht geschmälert werden.

Dr. Zloczower: Es wurde auch ein vierter Vizebürgermeister in der Person des Majors Kaszmarowski-Weiser bestätigt, der sich aber bereit erklärt hat, ohne Gehalt zu arbeiten. Im übrigen haben auch die Stadträte, die ebensoviel arbeiten wie ein Vizebürgermeister, nur ein minimales oder gar kein Gehalt. Auch die anderen Herren Vizebürgermeister mögen unentgeltlich arbeiten.

Baranay: Der vierte Vizebürgermeister bekleidet einen Ehrenposten. Dem Innenministerium wurde diese Ernennung ohne Gehalt vorgeschlagen.

Dr. Zloczower verlangt die Erhöhung des Betrages für die soziale Fürsorge.

Vizebürgermeister Baranay beantragt, daß der Bericht der Verifizierungskommission, bis auf den Punkt 1 über die Bezahlung der Vizebürgermeister approbiert werde. Der Antrag wird einstimmig angenommen.

Gemeinderätin Kissmann verlangt, daß das approbierte Budget sofort dem Ministerium vorgelegt wird, da das für die soziale Fürsorge bestimmte Geld angesichts des bevorstehenden Winters flüssig gemacht werden muß.
In die Budgetkommission wird an Stelle des Vizebürgermeisters Kaczmarowski-Weiser Friedrich Schwab gewählt.
Man schreitet dann zur Wahl der vier Kommissionen für die Steuerappelle.

Dr. Szymonowicz verlangt, daß in diese Kommissionen auch ein Vertreter der Polen entsandt wird. Die Polen sind auch im Präsidium nicht vertreten.

Bürgermeister Dr. Saveanu: Ich habe nichts dagegen. Als aber ein solcher Vorschlag nicht eingebracht wird und Hofrat Homiuca das Wort ergreifen will, entsteht ein Lärm. Dr. Szymonowicz und Panecki verlassen als Protest gegen dieses Vorgehen sehr erregt den Sitzungssaal. Auch Gemeinderat Treß nimmt dagegen Stellung, daß die Deutschen zurückgesetzt werden. In einer Stadt, in der fünf Nationalitäten wohnen, muß der Aufteilungsschlüssel eingehalten werden.

Schließlich wurden gewählt: Hofrat: Homiuka, Frau Kissmann und Gherman für die erste, Dr. Krämer, Leon König und Pitey für die zweite, Major Kaczmarowski-Weiser, Greif und Ruptas für die dritte und Dr. Kyrilow, Dr. Silbermann und Fediuc für die vierte Kommission. (Als Skrutatoren fungierten bei dieser Wahl zum ersten Mal Frauen, und zwar die Gemeinderätinnen Nastasi und Kißmann.)

Es wurde hernach in die Beamtendisziplinarkommission für die Zeit von drei Jahren Direktor Truxa als Mitglied und Direktor Grauer als Ersatzmann gewählt. Nachdem noch Vizebürgermeister Baranay in das Schulkomitee delegiert wurde, wurde die Sitzung geschlossen.

Mittwoch, 6 Uhr abends findet eine neuerliche Gemeinderatssitzung statt, die sich mit der Kommerzialisierungsfrage des Elektrizitätswerkes befassen wird.

(330104c2)


Seite 3

Experiment mit 150 Millionen Menschen [S. 3, oben, rechts]
Rene Fülöp-Miller über Sowjetrußland

Der bekannte Schriftsteller Rene Fülöp-Miller, ein hervorragender Kenner des heutigen Rußland, hielt am Sonntag einen Rußland-Vortrag in Temesvar. Hierüber berichtet unser Temesvarer Korrespondent:

Temesvar, 1. Jänner
Unser in Wien lebender hervorragender Landsmann Rene Fülöp-Miller hat Jahre im bolschewistischen Rußland verbracht, zu den führenden Geistern des Kunst- und Kulturlebens, zu den Einrichtungen und Institutionen, zu dem Wollen und Streben, zu der ganzen Ideologie des neuen Rußland intellektuelle Beziehungen gewonnen.
So war es für das erlesene Publikum, das gestern abends den Festsaal des deutschen Schülerheimes „Banatia“ füllte, ein Erlebnis, Rene Fülöp-Miller, den zu Weltruf gelangten Schöpfer einer Reihe von wertvollen Werken über das heutige Sowjetrußland, über das geistige und kulturelle Leben in Rußland sprechen zu hören.
Man muß den Vortrag Rene Fülöp-Millers miterlebt und darüber hinaus seine Bücher über das neue Rußland gelesen und sich in ihre Geisteswelt vertieft haben, um all dessen gewärtig zu werden, was er so meisterhaft entrollte, wie er über das neue Rußland denkt. Vom Zeitalter des Massenmenschen ausgehend und dessen historische Vorbereitung im alten Athen und im spätrömischen Zeitalter berührend, legte er die im modernen Rußland seit 15 Jahren mit geradezu religiösem Eifer betriebene Massenherrschaft im Aufbau des Staates und der Gesellschaft, im ganzen geistigen Leben dar. Den Kollektivismus, der jede Art von persönlichem Individualismus zerstört und in völligem Aufruhr der Massen, dem neuen Gott der kollektiven Seele Opfer darbringt. Rene Fülöp-Miller führte, von Lichtbildern begleitet, eine Reihe von krassen Beispielen dieser Umwälzung in der Politik, im Wirtschaftsleben, in der Kunst und Kultur, wie auch in der Literatur an.
Die Tendenz im neuen Rußland ist, den Glauben an die einzelne Persönlichkeit durch das Ideal des überpersönlichen Kollektivmenschen zu ersetzen, die Verbindung aller Individuen zu einer Einheitsmaschine.
Diese Kollektivierung wird auch mit den großen Gestalten der Menschheit getrieben. Vielleicht werden solche Menschenmaschinen noch durch Apparate hergestellt.
Rene Fülöp-Miller sprach dann über Lenins einzigartige Rolle in der Geschichte Rußlands und der Menschheit, dessen Grabmal zur Wallfahrtsstätte der Kommunisten geworden ist und dessen Tod zum Kampf zwischen der Kollektivierung und der Durchführung des absolut Unpersönlichen führte. Er schilderte auch die Rolle Trotzkis und als dritte Persönlichkeit des neuen Rußland, die Gestalt Stalins, der den Mittelweg geht. Im Wesen erfaßt war die Darstellung der Kollektivierung des Bauerntums in Rußland und der ganzen Landwirtschaft. Charakteristisch war auch die Erörterung des Kollektivprozesses im geistigen und kulturellen Leben Sowjetrußlands, wie das Alte vernichtet und die Kollektivierung des Seelischen angestrebt wird. Deshalb der Kampf gegen die Kirche, die Verhöhnung der Riten und Zeremonien, die Prozessionen der Gottlosen, die Umwandlung der Kirchen in Kinos, Tischlerwerkstätten usw., was jedoch trotz aller Anstrengungen nicht zum Ziel führte.

Er beleuchtete dann die Zerstörung des Ehe- und Familienlebens und dessen Ersatz durch unpersönliche Apparate und Organisationen, wie Ehe und Scheidung ein einfacher polizeilicher Akt sind, Kindererzeugung und Erziehung in Betriebshäusern sich vollzieht. Selbst die Mutterbrust wird kollektiviert, indem die Muttermilch in Flaschen gesammelt und den Säuglingen geboten wird.

Die Kunst muß ebenfalls auf die großen Massen wirken. Die Sowjetherrschaft will sogar Form und Farben abschaffen und selbst die Natur vom bürgerlichen Anstrich befreien. Ueberall die Voraussetzung des Kollektivismus, Futurismus und Kubefuturismus sind der neue Stil in der Kunst für die Massen.
Interessant war der Einblick in das Lenin-Institut, die Schulung des Massengeistes. So auch die Darstellung des bolschewistischen Theaters als Propagandamittel. Meyerhold ist der Vater dieses Gedankens. Auch die Bühne soll sich gegen das Individuum richten. Alles wird kollektiv dargestellt. Auf Holz und Eisenkonstruktion werden Turnproduktionen vorgeführt, das ist das geturnte-Theater. Die klassische und auch unsere moderne Musik bezeichnen die Bolschewiken als veraltet und reaktionär. Der Dirigent wird beseitigt, die Werke werden kollektiv einstudiert. Dieses Orchester musiziert allerdings sehr präzis. Es dominieren indes Lärmapparate, Motore, Turbinen, Sirenen, Hupen. Das nennt man eine Fabrikspfeifensymphonie. Ein Monstrum für unsere Ohren und den Begriff von Musikkunst.

Die kirchlichen Zeremonien spielen noch immer eine große Rolle. Es wird noch sehr lange dauern, bis die seltsamen und grotesken Widersprüche in Rußland sich ausgleichen werden. Ob das neue Rußland imstande sein wird, alle Schwankungen zu überdauern, diese Frage - sagte Rene Fülöp-Miller - ist heute nicht beantwortbar. Es ist fraglich, wie sich die Welt gestalten und ob das System Rußlands zum Grundsatz der ganzen Menschheit werden, ob die Welt glücklich sein wird. Er führte dann Majakowskys kollektive Dichtung „Die Wanze“ als Beispiel, in welcher er die Zukunft der Menschheit im Jahre 1980 zeigt. Wie Aerzte einen Bauern zum Leben erwecken und mit ihm eine Wanze im Pelz. Er fühlt sich unglücklich, weil die Menschen seelenlos sind, bloß die Wanze nicht, die noch eine Seele hat.

Ein Experiment, das in seiner Wichtigkeit und Bedeutung in der Geschichte kein Beispiel hat. Nicht deshalb, ob sich das russische System der Kollektivierung und Mechanisierung in der Privatwirtschaft durchsetzen wird, sondern besonders wichtig in den geistigen und kulturellen Auswirkungen.

Diese Konklusion schloß Rene Fülöp-Miller mit dem Hinzufügen, daß es eine Grundfrage der europäischen Kultur ist, ob sich der Kollektivmensch und das ganze bolschewistische System in Rußland behaupten wird. Es zeigt sich heute wie ein Zerrbild phantastischer Art.

(330104w3)
_____
de.wikipedia.org/wiki/René_Fülöp_Miller
http://de.wikipedia.org/wiki/Futurismus
http://de.wikipedia.org/wiki/Kubofuturismus
http://de.wikipedia.org/wiki/Wsewolod_E ... _Meyerhold
http://de.wikipedia.org/wiki/Umberto_Boccioni
http://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_W ... Majakowski



Seite 4

Traurige Bilanz des Jahres 1932
Drei Regierungen in acht Monaten

Der „Viitorul“ schreibt:

Das Saldo am letzten Tage im abgelaufenen Jahre ist: moralisches, budgetäres, finanzielles und ökonomisches Defizit. Der Monat Mai brachte uns die Regierung der Techniker. Ihre Beseitigung löste in der öffentlichen Meinung die allgemeine Zufriedenheit aus. Um so mehr war man enttäuscht, als die gegenwärtige Regierung, eine Regierung der Nationalzaranisten, ans Ruder berufen wurde. Es wurde keine Rücksicht genommen auf den traurigen Bericht der fremden Experten, die die Nationalzaranisten für die gegenwärtige Situation verantwortlich machte. Es wurde aber auch keine Rücksicht auf die Wähler genommen, die sich gegen das nationalzaranistische Regime ausgesprochen haben. Die Regierung wurde dennoch berufen. Aber unter welchen Umständen! Die Wahlen ergaben Tote und Verletzte, weil Wahlmacher am Werke waren, die von ihrer physischen Kraft Gebrauch machten. Nur mit Hilfe der Wahlprämie konnte die Regierung ihre derzeitige Mandatsanzahl erringen.
Es sind also acht Monate vergangen, und wir hatten drei Kabinette. Die Bilanz: ein defizitäres Budget, Aufschiebung der Lösung aller wichtigen Probleme, nicht eine einzige konkrete Maßnahme, bis auf die, daß die Steuern erhöht und der Eintreibungsapparat verschärft wurde, Verteuerung der Lebenshaltung, Vermehrung der Sinekuristen als Dank für ihre Wahlpropaganda, Verschleuderung des öffentlichen Vermögens, Reisen ins Ausland auf Kosten des Budgets und die horrenden Ausgaben bei den autonomen Regien.
Das Jahr 1933 beginnt unter den traurigsten Auspizien. Eine einzige Hoffnung ist vorhanden: daß dieses nationalzaranistische Regime bald aufhören wird.

(330104r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 244, Donnerstag, 05.01.33

Postby Klaus Binder on 5. January 2011, 01:51

Seite 1

„Hausse in Franz Josef!“ [S. 1, oben, links]
Allgemeine Diagnose: Tiefes Unbehagen

Wien, Ende Dezember.
Jawohl, Hausse in Franz Josef!
Angefangen hat es mit dem „Weißen Rößl“: das Publikum jubelte, als der alte Kaiser in der Gewandung des Jägermanns erschien. Dann kam „1848“ im Burgtheater, und keine andere Stelle des Dialogs fand solchen Beifall, wie die Worte eines Wiener Nationalgardisten:
„Revolutionen haben nur den Sinn, daß sich Namen und Adressen der Gauner ändern, die uns ausplündern.“
In Graz spielte man gleichfalls ein Franz Josef-Stück, das jetzt nach Wien kommt, und das Theater an der Wien erzielt volle Häuser mit dem Singspiel „Sissy“, das in der Verlobung des jungen Monarchen mit der schönen bayrischen Prinzessin gipfelt; bei der Schlußapotheose greifen alle älteren Leute im Publikum zum Taschentuch, um sich die stillen Tränen wegzuwischen.
Ist Wien über Nacht ausgesprochen monarchistisch geworden? Man kann die Frage nicht rundweg bejahen. Diese verprügelte Bevölkerung ist überhaupt eines positiven Aufschwungs zu einem bestimmten Ziele kaum fähig. Die „Hausse in Franz Josef“ hat mehr einen negativen Sinn. Sie ist die sehr bestimmte Aeußerung des Widerwillens, ja des Abscheus vor der ganzen Entwicklung der Dinge seit dem Zusammenbruch. Es war ja auch vor dem Kriege nicht alles zum Besten bestellt in diesem Reiche. Der Nationalitätenhader unterwühlte langsam aber sicher das Gefüge des Staatswesens, dessen oberste Führung bei allem guten Willen die feste Hand vermissen ließ. Die Geschäfte wurden recht und schlecht von einem Tag zum anderen fortgeführt, der Glaube an den Bestand des Reiches wurde unterminiert, und der Träger der Krone selbst war es, der sich dem düstersten Zweifel hingab. Doch wirkte die gute alte Tradition der unter Maria Theresia festgelegten Staatsführung noch immer segensreich nach: die Verwaltung war sauber, die Staatsfinanzen wurden gewissenhaft verwaltet, die Armee war trotz aller zentrifugalen Bestrebungen in der Hauptsache intakt.

Und heute? Das Volk empfindet es als eine Heimsuchung der neuen Aera, daß alle guten Ueberlieferungen der monarchischen Zeit ganz bewußt in einem sinnlosen Vernichtungsdrang zerstört worden sind. An dieser Sünde haben alle Parteien und fast alle Regierungen seit dem Umsturz reichlichen Anteil. Schon in den formalen Aeußerlichkeiten wurde die Traditionslosigkeit offenbar. Aber auch in viel ernsteren Dingen wurde es schlechter und immer schlechter. Wie in den öffentlichen Haushalten des Bundes, der Länder, der Gemeinden gewirtschaftet, wie das Geld der Steuerträger besinnungslos zum Fenster hinausgeworfen und fast systematisch eine Bankrottwirtschaft eingeleitet wurde, davon ist in allen Blättern zu lesen. Die Verlotterung der öffentlichen Finanzen war selbstverständlich hervorgerufen durch die schrankenlose Parteiwirtschaft. Natürlich schreckte es den Gemeindeangestellten oder den Volksschullehrer eines Landes oder einer Stadt, wenn die politischen Machthaber ihnen zum Lohn für treue Parteizugehörigkeit überdimensionierte Gehälter zukommen ließen, und nicht minder schmeckte es den Besitzern irgendwelcher verkrachter Unternehmungen, wie Brauereien oder Molkereien oder Badeanstalten, wenn ihnen der wertlose Besitz für gutes Geld von der Kommune abgenommen und in einen Kommunalbetrieb umgewandelt wurde. Aber das böse Ende konnte nicht ausbleiben und gerade diese Verquickung einer saloppen Geschäftsführung mit den durchsichtigsten Parteiinteressen ist es, die das Ansehen der neuen Staatsform so sehr untergraben hat.

Was aber noch mehr und in noch höherem Maße zur moralischen Entwurzelung der Politik beigetragen hat, das ist das schrankenlose Wüten der Demagogie in diesem Lande. Eine sachliche Behandlung öffentlicher Angelegenheiten hat fast gänzlich aufgehört, jede Frage wird nur aus dem Gesichtspunkt beurteilt, wie sie auf die Stimmungen der leicht erregbaren und meist völlig irregeleiteten Wählerschaft wirken werde. Man sieht die Dinge niemals an, wie sie sind, sondern immer nur mit dem schiefen, schielenden Seitenblick auf die „souveräne“ Masse. Wenn aber all dies am grünen Holze der verantwortlichen Bundesregierungen geschah, so hatten naturgemäß die Parteien keinen Anlaß zurückzubleiben, und das demagogische Geschäft blühte wie nie zuvor.

Diese verhängnisvolle Ueberflutung unseres ganzen öffentlichen Lebens durch eine gewissenlose und hemmungslose Demagogie ist es, was die Gemüter immer mehr erbittert und mit einem tiefen Degout gegen alles, was Politik heißt, erfüllt. Kein Wunder, wenn sie dann von der anwidernden Gegenwart weg sich einer gewiß nicht tadellosen, aber immerhin viel besseren, anständigeren und reinlicheren Vergangenheit zuwenden. Das ist die tiefste Ursache der „Hausse in Franz Josef“.
P. L.

(330105w1)


Seite 2

Das Roß auf falscher Fährte [S. 2, oben, links]
Ich will ein wohltätiges Werk tun und Herrn Georg Drozdowski, Schriftsteller und Schauspieler, einen von ihm vielfach und sehnlichst geäußerten Wunsch erfüllen: ihn in den Spalten des „Tag“ erscheinen zu lassen. Daß es nicht in der von ihm gedachten Form geschehen kann, ist wahrlich nicht mein Verschulden.

Herr G. D. hat, offenbar nach reichlicher Vorarbeit, in einer der letzten Nummern der „Czernowitzer Tagespost“ aus seinem Stilblütenherbarium eine „Portion Czernowitzer Pressesalat“ zusammengebraut und seinen unschuldigen Lesern vorgesetzt, was diese ihm gewiß gebührend zu danken wissen werden.
Herr G. D. schreibt.

Vor ein paar Tagen hat H. G. im ‚Tag’ wieder einmal die Feststellung gemacht, es sei in den Czernowitzer Blättern schlimm um die deutsche Sprache bestellt. Obwohl dies seit Jahren keine Neuigkeit ist und ich diese Tatsache schon konstatierte, als H. G. noch nicht vom Ehrgeiz besessen war, für den Karl Kraus der Bukowina genommen zu werden, muß ich ihm dennoch für die Fürsorge danken, mit der er nach der Sprache der Zeitungen sieht, auch wenn dies, wie ich leider konstatieren muß, weniger aus Empörung über die Vergewaltigung des Sprachgutes, als vielmehr im eifrigen Bestreben geschieht, der Konkurrenz eins auszuwischen und sie lächerlich zu machen.

Es ist gewiß possierlich, zu sehen, wie sich der kleine Moritz Karl Kraus vorstellt. Anderseits ist es geradezu erschreckend, festzustellen, wieviele Bildungsprotzen es in Czernowitz gibt, die mutig, ohne zu zagen und zu zaudern, den Namen Kraus’ profanieren, ohne auch nur im entferntesten jene Liebe zur Sprache zu hegen, die der sonderbare Kraus-Kenner gerade an mir vermißt: sie „leben nicht am Wort und sterben nicht an einer Silbe,“ aber sie sind dreist genug, sich auf Kraus zu berufen, sobald es ihnen geboten erscheint. Herr G. D., der in seinem Salat - dem reichlich Kohl beigemengt ist - ein paar Proben zum „Besten“ gibt, bringt es allerdings nicht zuwege, auch nur eine kleine Auslese wirklicher Stilblüten, wie sie in unserer Presse täglich dutzendweise zu finden sind, zu bieten, er beschränkt sich - in der Beschränkung ist er zu Hause - auf einige geschmacklose Druckfehler der Tageszeitungen und wo er Stilblüten zu entdecken glaubt, ergibt sich, daß die beanständeten Ausdrücke - richtig sind. Das nennt man Pech, aber ich kann ihm keine mildernden Umstände zubilligen, denn es hat den Sprachforscher G. D. niemand um die Preisgabe seiner Wissenschaft gebeten.

Unter anderem zitiert G. D. als Stilblüte:

Hier ist ein französischer Petroldampfer infolge des Nebels auf eine falsche Fährte gelangt und konnte nur mit schwerer Mühe gerettet werden.

Die Etymologie ist dem Sprachreiniger ein Buch mit sieben Siegeln, weil es ihm unbekannt ist, daß das Wort „Fährte“ vom Wort Fahrt kommt und daher auf das Schiff angewandt werden durfte, obgleich es Herrn G. D. bedauerlicherweise nicht recht ist. Ganz großes Pech widerfährt dem guten Mann bei der Feststellung, daß der Satz in einem Leitartikel des „Tag“

„... und am 9. Jänner setzt wieder mit Volldampf das Staatsroß sein Rennen in das Unbekannte fort“

eine Stilblüte ist, worauf er schäkernd abschließt:

Jetzt hör’ ich auf. Es könnte sonst geschehen, daß sich Lokomotiven in Trab setzen. Und das wäre zu gefährlich.

Es ist gut, daß er gerade aufhört und nicht als Roß sein Rennen mit Volldampf in das Unbekannte fortsetzt. Denn den Gedankengang zu erfassen, der in der Vorstellung des Staatsrosses als Maschine, als Lokomotive, also als Stahlroß gipfelt - dazu reicht wohl der Horizont des armen Sünders nicht aus. Und so wünscht man nur, er möchte sich nicht wieder in Trab setzen, der Herr G. D., denn wenn er auch das erste Mal belustigt - das zweite Mal würde er langweilen.
Genau wie auf der Bühne.
H. G.

(330105c2)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Drozdowski

Grabsteinlegung [S. 2, unten, links]
Am Freitag, den 6. Jänner findet die Grabsteinlegung nach Frau Sophie Schuller statt, zu welcher alle Verwandte und Bekannte geziemend eingeladen werden.

(330105t2)


Seite 3

Bücherspende an die Jerusalemer Universität. [S. 3, unten, rechts]
Die Witwe des verstorbenen Oberbaurates Weg hat die gesamte Bibliothek ihres Mannes der Jerusalemer Universität gespendet. Die Bibliothek, welche sehr wertvolle wissenschaftliche Bücher enthielt, ist im Wege der Zionistischen Landesorganisation dieser Tage nach Jerusalem transportiert worden. Die Transportfirma Moritz Rosner, Cernauti, hat diese Sendung franko nach Jerusalem expediert.

(330105i3)


Seite 4

Lord Melchett in Bukarest [S. 4, Mitte, unten, rechts]
Bukarest, 3. Januar (Tel. des „Tag“). Lord Melchett war vor seiner Abreise Gast des Senators Max Ausschnitt. Es waren anwesend: Finanzminister Madgearu und Frau, der deutsche Gesandte Baron Starcea, die Primare aller Sektoren mit den Gattinnen, Generaldirektor Oskar Kaufmann und Frau, der frühere Unterstaatssekretär Richard Franasovici und Gattin, der frühere Gesandte in Wien Mitilineu samt Gattin, die Liberalen Chirculescu und Reni mit ihren Gattinnen, Großindustrieller Ritter von Anhauch, die Herren Lazar Margulies, Voxhall, Branisteanu, Popescu und viele andere.

Vom Sport- und Turnverein „Makkabi“, Czernowitz.
(Gründung eines rumänischen Pro-Makkabi-Komitees). Anläßlich des Besuches Lord Melchetts in Bukarest, wurde in der Hauptstadt ein Pro-Makkabi-Komitee für Rumänien gegründet. Das Präsidium hat der Senator Gen.-Dir. Max Ausschnitt inne, während zu Vizepräsidenten Präs. Dr. Fildermann und Pinkas, Herr Generalrat Max Ritter von Anhauch für die Bukowina und Gen.-Dir. O. Kaufmann zum Schatzmeister gewählt wurden. Groß-Industrieller Margulies wurde zum Delegierten beim Makkabi-Weltverband bestimmt. - (Lord Melchett beim König). Wie bekannt, wurde Lord Melchett am Samstag im Kastell Peles vom König in Audienz empfangen. Es wurden verschiedene Fragen betreffend die Makkabivereine Rumäniens erörtert, wobei sich der König besonders lobend über den Czernowitzer Makkabi aussprach, den er, wie er sagte, gut kenne. Der König interessierte sich speziell für die im August 1933 in Czernowitz stattfindenden Makkabi-Kampfspiele und versprach bei dieser Gelegenheit seine weitgehendste Förderung und Unterstützung. Sollte es ihm die Zeit erlauben, werde er zu diesen Spielen persönlich nach Czernowitz kommen. Die Audienz dauerte mehr als eine Stunde. - (Makkabifunktionäre beim König). In den nächsten Tagen wird eine Deputation des Makkabikreises Rumänien beim König in Audienz erscheinen, um ihm die Einladung zu den Kampfspielen 1933, die in Czernowitz stattfinden, zu übermitteln.

(330105r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 245, Freitag, 06.01.33

Postby Klaus Binder on 6. January 2011, 04:42

Seite 1

Alarm um den Fernen Osten [S. 1, oben, links]
Droht neuer Weltkrieg?
London, 4. Jänner (Tel. des „Tag“). Der neue japanische Vorstoss in Nordchina ist noch nicht zum Stillstand gekommen. Die Landung von japanischen Truppen in einem nördlichen Hafen wurde von den Japanern erzwungen. Diese Hafenstadt befindet sich nunmehr in den Händen der Japaner. Japanische Truppen setzen auch in nordwestlicher Richtung den Vormarsch fort und sind bis an die russische Grenze vorgedrungen. Die Japaner bewegen sich nunmehr in der Richtung Wladiwostok. Militärische Kreise Japans verbreiten die Nachricht, dass der chinesische General, der bisher bei Shanhaikwan Widerstand geleistet hat, nunmehr entschlossen ist, sich zurückzuziehen.
„Reuter“ meldet aus Tokio: Die militärischen Kommandierenden Japans haben mit dem Vertreter Chinas Verhandlungen eingeleitet, um ihn zum Rückzug zu veranlassen.

Englische Kriegsschiffe unterwegs
Zum Schutze der britischen Interessen haben zwei britische Kanonenboote Auftrag erhalten, unverzüglich nach der Nähe des Kriegsgebietes abzudampfen.

Die Chinesen sind verzweifelt, vertrauen aber noch immer auf Genf
Genf, 4. Jänner (Tel. des „Tag“). Der chinesische Vertreter in Genf erklärte, daß China sein ganzes Vertrauen auf die Entschließungen des Völkerbundes und den Kelloggpakt lege. Der neunzehngliederige Ausschuß, der für den 19. Jänner einberufen ist, soll über Vorschlag Chinas noch vorher einberufen werden.
Aus New York wird gemeldet: Der New Yorker „Herald Tribune“ sagt: Die amerikanische Regierung sieht mit großer Besorgnis das Eindringen japanischer Truppe über die chinesische und russische Grenze.

Frankreich ist bestürzt
Paris, 4. Jänner (Tel. des „Tag“). Die französische Presse beschäftigt sich eingehend mit den Vorgängen in der Mandschurei.
Die linksgerichtete französische Presse erklärt, Frankreich müsse sofort die Initiative ergreifen. Die Rechtspresse macht den Völkerbund für die neue Weltkriegsgefahr verantwortlich. Das „Echo de Paris“ fürchtet, daß bei Wiederzusammentritt des Neunzehnerausschusses der japanische Vertreter nicht mehr im Völkerbund zu finden sein wird. Die „Republique“ richtet an Japan die Frage, ob es die Verantwortung dafür übernehmen könne, daß sowohl die Abrüstungs- als auch die Weltwirtschaftskonferenz durch ihren Imperialismus zum Scheitern gebracht wird.

Japans Note an China
Tokio, 4. Jänner (Tel. des „Tag“). Die japanische Regierung richtete an China eine Note, in der die vollständige Räumung der gestern besetzten Stadt Shanhaikwan verlangt wird, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Außerdem wird verlangt, daß eine neutrale Zone von 30 Kilometern um die Stadt geschaffen wird. Die Stadt muß schon in 24 Stunden geräumt werden.
Die chinesische Regierung hat noch nicht geantwortet.

England interveniert
Der englische Botschafter in Tokio hat vom japanischen Außenminister Aufklärung über die letzten Kämpfe verlangt.

Amerika protestiert
Die amerikanische Regierung hat an Japan wegen der letzten Vorfälle eine Protestnote gerichtet.

(330106w1)


Was macht Rußland? [S. 1, Mitte]
Wie man also sieht, sind die Voraussagen eingetroffen. Das Zögern, den Konflikt im fernen Osten zu lösen, die unentschiedene Rechtslage des neuen mandschurischen Staates nach den scharfen anti-japanischen Feststellungen des Lyttonberichtes und die diktatorische Haltung des Völkerbundes drohen, nein: nicht drohen, sondern haben bereits zu einem neuerlichen Aufflammen des Krieges geführt, in den leicht auch Rußland zum Schutze seiner mongolischen Interessen verwickelt werden kann. Das sind keine Möglichkeiten mehr, die hier eröffnet werden, nicht bloß düstere Schattenbilder am Horizont der Zukunft, sondern Wahrscheinlichkeiten höchsten Grades. Uns hier interessiert in erster Linie bei Betrachtung der neuen Situation die Frage: Was macht Rußland?

Nach allem, was man hört, kann man nicht glauben, daß Rußland im Augenblick irgend eine kriegerische Aktion beabsichtigt. Man sagt, daß die Russen sich für einen Krieg noch nicht innerlich gefestigt fühlen. Aber wenn auch im Vorjahre bedeutende Fortschritte in der Bannung der europäischen Kriegsgefahr erzielt wurden, so sollte der neue Panthersprung Japans Europa ein wirksames Zeichen sein. Denn noch immer ist es, wie wir sehen, möglich, daß eine Großmacht trotz Kelloggpakt und Völkerbund, trotz entgegengesetzter Interessen anderer Großmächte einen imperialistischen Gewaltstreich gegen einen anderen Staat ausführt. Es nützt nicht die klare Sachlage, es nützen nicht die Vorbehalte Stimsons, die Urteile des Lyttonberichtes: Macht geht heute vor Recht wie vor tausend und zweitausend Jahren. Wenn eine neue Generation diesen Zustand fünfzehn Jahre nach dem Kriege für tief beschämend und äußerst bedrohlich fühlt, dann wird man sich endlich darauf besinnen müssen, daß die Abrüstung nicht bloß eine militärische, sondern noch vielmehr eine moralische, wirtschaftliche und juristische ist. Diese Einheit der Abrüstungsidee zu begreifen, sie mit den politischen und wirtschaftlichen Erfordernissen des Tages in Einklang zu bringen, hätte auch bisher die große Aufgabe der Weltpolitik sein sollen und müßte es auch in Zukunft sein; von ihrer Lösung wird es abhängen, ob unsere Welt aus dem Dämmerlicht anscheinend beginnender Besserung in das weite freie Blickfeld der raschen Erholung treten oder in eine hoffnungslose Apathie des Niederganges versinken wird. Fast hat es den Anschein, daß die zweite Version die Oberhand gewinnen wird. Darauf deuten die letzten Ereignisse in der Mandschurei hin, mehr noch die Ohnmacht der Großmächte, welche dem japanischen Vormarsch zusehen, ohne eine entsprechende Friedenstat vollführen zu können. Vom Osten her ist schweres Gewitter gegen Europa im Anzuge.
Y.

(330106w1)


Die englische Presse [S. 1, Mitte, unten, rechts]
London, 4. Januar (Tel. des „Tag“). Ein Teil der Presse fordert den Völkerbund auf, gegen Japan Maßnahmen in Form eines Boykotts zu treffen. Hingegen hält die konservative Presse an der Auffassung fest, daß alles getan werden müsse, um den Frieden zu erhalten.

Der „Daily Telegraf“ erweitert diese Stellungnahme und erklärt, England habe keinen Grund, sich mit Japan zu entzweien, denn Japan sei im fernen Osten das Bollwerk gegen den Bolschewismus.

(330106w1)


Sollen die Studenten im Ausland verhungern? [S. 1, unten, rechts]
Die Erschwerungen der Nationalbank

Es kommen uns mehrere Beschwerden zu, wonach die Nationalbank bei Erteilung von Devisenoperationen noch immer ungeheuere Schwierigkeiten, auch für Studenten im Auslande, macht. Wenn schon alle Formalitäten erfüllt sind, wandert das Gesuch erst nach Bukarest und es vergehen Wochen, bis es dort erledigt wird.
Die Nationalbank müßte bei ihrer Zentrale dahin wirken, daß kleine Summen etwa bis zu 2000 Lei, hier bewilligt werden dürfen und nicht, daß solche Bewilligungen erst den Weg über Bukarest nehmen müssen.
Es handelt sich um hunderte Studenten, die im Auslande fast verhungern, ehe ihnen die Ueberweisung von der Nationalbank bewilligt wird. Der Minister für die Bukowina, Dr. Sauciuc Saveanu, müßte seine ganze Autorität beim Finanzministerium einsetzen, damit die Devisenbeschränkungen wenigstens für die im Ausland Studierenden gemildert werden.

(330106r1)


Seite 3

Besondere Ehrung des Handelskammerpräsidenten Senator Josif Vihovici [S. 3, unten, links]
In Ausführung des in der letzten Generalversammlung des „Sfatul Negustoresc“ Cernauti gefaßten Beschlusses, mittels welchem Herr Handelskammerpräsident Vihovici zum Ehrenmitglied des Sfatul Negustoresc ernannt wurde, hat Mittwoch, den 4. Jänner l. J. eine Deputation, bestehend aus den Herren Kammerräten Präsident H. Vianovici, Mag. A. Gläsner, Dr. V. Marcu, Dr. J. Rubel und Sekretär J. Krell, Herrn Handelskammerpräsidenten Senator J. Vihovici ein künstlerisch ausgeführtes Ehrenmitglieddiplom überreicht. Herr Präsident Vianovici würdigte bei dieser Gelegenheit die hervorragende Tätigkeit des Handelskammerpräsidenten Vihovici, der es versteht, sich nicht nur als Handelskammerpräsident, sondern auch als Senator um die Kaufmannschaft besonders verdient zu machen. Was Herr Senator Vihovici für den Sfatul Negustoresc bedeutet, läßt sich nicht in Worte kleiden. Der Dank hiefür sei in der höchsten Ehre, den eine kaufmännische Organisation erweisen kann, und zwar Ernennung zum Ehrenmitglied des Sfatul Negustoresc abgestattet. Sprecher schloß mit der Bitte, daß Herr Senator Vihovici auch weiterhin mit dem ihm eigenen Ernst seine besonderen Fähigkeiten für den um seine Existenz so schwer ringenden Kaufmannstand verwerten möge. Herr Senator Vihovici dankte sichtlich gerührt für diese Auszeichnung und hob hervor, daß dem Sfatul Negustoresc Cernauti die Autonomie der Bukowinaer Handelskammer zu verdanken sei. Deshalb ist ihm diese Organisation ans Herz gewachsen und werde er dieselbe auch in Hinkunft fördern. Mit Nachdruck betonte Herr Handelskammerpräsident Senator Vihovici, daß er nach wie vor alle seine Kräfte in den Dienst der Kaufleute und Industriellen stelle und sich für dieselben immer mit gebotener Energie einsetzen werde.

(330106c3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 246, Sonntag, 08.01.33

Postby Klaus Binder on 8. January 2011, 03:39

Seite 1

Die Moskauer Presse droht [S. 1, unten, rechts]
Moskau, 6. Jänner. Die sowjetrussische Presse spricht in sehr scharfer Form eine entschiedene Verurteilung des japanischen Vergehens in Shanhaikwan aus, so dass man hier eine ausserordentliche Zuspitzung der japanisch-russischen Beziehungen befürchtet.

„Prawda“ schreibt unter a.: die Eroberung von Shanhaikwan durch die Japaner könne nicht als ein gelegentlicher Zwischenfall gedeutet werden. Es handle sich um eine konsequente Entwicklung des Planes der japanischen militärischen Machthaber, die die chinesische Provinz Jehol dem Staate Mandschukuo angliedern möchten.

(330108w1)
_____
www.criticalpast.com/video


Seite 2

Arbeitslos und Arbeitsscheu [S. 2, oben, links]
Frau Professor Grammatovici, die an einer Enquete im Regierungspalais teilnahm, sagte:

„Arbeitslosigkeit im eigentlichen Sinne des Wortes gibt es bei uns nicht. Es gibt nur Arbeitsscheue.“

Es ist ganz begreiflich, wohin Frau Grammatovici hinaus wollte. Und sie hat in der Tat etwas gesagt, was in aller Oeffentlichkeit wiederholt werden muß, wenn auch nicht mit jener großzügigen Geste, die die Arbeitslosigkeit generaliter als Arbeitsscheue erklärt.

Arbeitslose gibt es schon bei uns, und zwar eine ganze Menge; es gibt arbeitslose Handwerker und arbeitslose Intellektuelle, und man kann nicht einfach sagen, daß sie alle arbeitsscheu sind. Die Mehrzahl, die überwiegende Mehrzahl der Arbeitslosen will arbeiten, sie sehnt sich nach ihr, weil sie ihnen Brot bringt und dem zermürbenden Hunger, dem entnervenden Nichts-Tun ein Ende macht; aber sie findet keine Arbeit, und wenn sie auch jede, wirklich jede Arbeit annehmen will.

Aber es gibt eine, im Verhältnis zur Einwohnerzahl dieser Stadt nicht ganz unbeträchtliche Kategorie von Menschen, die arbeitslos, weil sie wirklich arbeitsscheu sind. Sie haben seit Jahren nicht gearbeitet, sie hatten oft genug Gelegenheit, ihr Brot zu verdienen und nicht müßig die Zeit zu vertrödeln, aber sie meiden die Arbeit, sie sind wählerisch, sie möchten nur eine bestimmte, die ihnen zusagt, nicht eine Arbeit, durch die man, mühselig und schweißtriefend, unter Aufbietung aller seiner körperlichen und geistigen Kräfte, aller Energien und der Nerven, sein Brot verdient, sie ziehen es vor, tage-, wochen-, jahrelang auf den Straßen zu lustwandeln, die Kaffeehäuser zu bevölkern, meistens ohne Geld und nur dann im Besitz einer Geldsumme, wenn es ihnen glücklich gelang, irgend ein mehr oder weniger fragwürdiges Geschäft zu machen, sie bluffen ihre Umgebung, indem sie von sich glauben machen, sie seien weiß Gott was für Genies und man wisse sie bloß in dieser Stadt nicht richtig zu würdigen, und wenn man ihnen eines Tags eine Arbeit anbietet, so sagen sie: „Diese Arbeit für mich? Für mich? Ich, der ich einmal …“

Auch jene Studenten, deren Eltern sie wirklich kaum erhalten können, deren Studien zumindest die Bezahlung der notwendigen Taxen kosten, haben sich bei uns noch nicht so weit durchgedrungen, um ernstlich daran zu denken, sich durch irgend eine Arbeit das Studium materiell zu ermöglichen und den Eltern weniger zur Last zu fallen. Zugegeben, daß sich solche Arbeit in Czernowitz nur schwer finden ließe - aber denken die, die in Frage kommen, auch nur daran? Wo sind jene Werkstudenten, wie man sie im Ausland zu Tausenden trifft, die auf den Pariser Bahnhöfen sechs und acht Stunden lang Gepäck oder Kohle tragen, um in ihren freien Stunden zu studieren? Denken unsere Muttersöhnchen daran, wenn sie sich bei Freunden 20 Lei borgen und in die Bar gehen, obwohl sie es sich nicht leisten können, nicht leisten dürfen?

Solche Arbeitsscheue und dunkle Existenzen, die auf Generaldirektorenposten warten, gibt es in Czernowitz, und nicht wenige. Freilich: die große Masse ist arbeitslos. Nicht arbeitsscheu.
H. G. (Heinrich Goldmann)

(330108c2)


Soziale Fürsorge [S. 2, oben, links]
Zuerst macht man die Konstatierung,
Daß groß die Arbeitslosigkeit,
Man appelliert an die Regierung,
Doch die sagt nur: Es tut uns leid …
Dann sieht man zu, wie Leute hungern,
Das Elend, ach! Die Herzen bricht’s!
Dann sieht man tausend Bettler lungern,
Und dann - geschieht noch lange nichts.

Dann fängt man an, zu diskutieren
Und man berät monatelang.
Es heißt, man darf nicht Zeit verlieren,
Denn Hunger ist ein böser Zwang.
Dann hört man schöne Reden fließen:
Wir machen mit dem Elend Schluß!
Und dann beschließt man, zu beschließen,
Daß man etwas beschließen muß.

Dann bildet man die Kommissionen
Und die diversen Komitees.
Man teilt die Stadt in Armutzonen
Und ein paar Leute werden bös.
Dann setzt man wieder sich zusammen,
Es wird gewählt ein Präsident,
Und man beginnt mit den Programmen,
Die Jeder zur Genüge kennt.

Da sind die Tee- und Wärmehallen,
Die Küchen für den Mittelstand,
Ein Heim für Mädchen, die gefallen
Etcetera und allerhand.
Seht, wie für Hungernde man hier sorgt!
Der Arbeitslosigkeit ein Damm!
Es wird geholfen und gefürsorgt -
So steht das nämlich im Programm.

Doch unterdessen zieht allmählich
Vorbei der Winter. Schlußpunkt. Strich.
Die Not ist groß. Wozu erzähl’ ich
Das alles? Und wer hört auf mich?
S’ist nicht so schlimm. Es ist noch schlimmer.
Wir haben ein Herz, und mir san mir.
Und was herauskommt, ist wie immer
Ein Blumentag. Manchmal auch vier …
Heinrich Goldmann

(330108r2)


Bestätigung von Berichtsexpertisen Helios Hechts durch Fakultätsgutachten [S. 2, Mitte]
Wie wir erfahren, hat der berühmte Bukarester Gelehrte und Gerichtsexperte Univ. Professor M. Minovici eine Gerichtliche Expertise Helios Hechts durch ein Fakultätsgutachten bestätigt. Es handelte sich um eine Vermögensübertragungsabmachung, worin der verpflichtete Teil beim Tribunal in Storojinetz die Echtheit seiner Unterschrift bestritt. Die Expertise Hechts wies die Echtheit nach und setzte sich damit in Widerspruch zum Gutachten eines anderen Czernowitzer Experten. Dies ist die vierte Bestätigung der Expertisen Hechts durch den Bukarester Gelehrten, dem seine Gutachten zur Ueberprüfung eingesendet wurden.

(330108a2)


Seite 3

Worum es geht: [S. 3, oben, links]
Mandschukuo
der neue Staat im Fernen Osten

Zum erstenmal, seitdem neue Staaten entstanden sind, ist die Menschheit wieder durch die Gründung eines neuen Reiches überrascht worden: Mandschukuo.
Die Mandschurei, deren Fläche die Größe Deutschlands weit übersteigt, hatte zwar stets eine fast souveräne Selbstverwaltung. Das kaiserliche China kümmerte sich nur sehr wenig um das Stammland seiner Dynastie, und nach dem Sturz der Mandschus schaltete der Marschall Tschang So Lin mit absoluter Gewalt über dieses gesegnete Land, ohne sich auch nur im geringsten von der Pekinger Regierung beeinflussen zu lassen. Jedoch bestanden zwischen der Mandschurei und China immer unsichtbare, aber feste Bande, was besonders in den letzten Jahrzehnten durch die gewaltige Einwanderung von Chinesen aus dem Süden zum Ausdruck kam. Der erzwungene Anschluß der Mandschurei an die Zentralregierung nach der Ermordung von Tschang So Lin stieß daher auf keinerlei Widerstand im Lande selbst oder bei der Bevölkerung. Die Zentralregierung konnte ohne Störung durch ihre Ratgeber in Mukden ihr Programm durchführen, zu dessen wichtigsten Punkten die Aufhebung der Sonderrechte für Ausländer und die Abdämmung der wirtschaftlichen Diktatur fremder Mächte zählten. Die ungeschickte und rücksichtslose Taktik der Chinesen beim Bestreben, diese Ziele zu erreichen, führten zum bewaffneten Zusammenstoß mit Sowjetrußland wegen der Ost-Chinesischen Eisenbahn und dann zur Okkupation der gesamten Mandschurei durch japanische Truppen. Zum Teil stützte sich die japanische Invasion auch auf Kräfte innerhalb des Landes. Eine Anzahl der selbstbewußten mandschurischen Beamten und Großgrundbesitzer war mit der Zentralregierung durchaus nicht zufrieden. Sie befürchteten eine Ausbeutung des reichen Landes durch das verarmte China. Alle diese streng konservativen Elemente, welche sich auch ideell im scharfen Gegensatz zur Zentralregierung mit ihren revolutionären Doktrinen fühlten, folgten willig dem Ruf des kaiserlichen Prinzen Puji und seiner Ratgeber zur Mitarbeit am Aufbau des neuen Mandschu-Reiches. Der Entwicklung des neuen Staates stellen sich jedoch schier unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg. Die in alle Winde zersprengten, der Zentralregierung treuen Truppen der ehemaligen Mandschurei bilden, verstärkt durch Freiwillige jeder Art, starke Freischärlerscharen. Sie haben das wirtschaftliche Leben des Landes vollkommen lahmgelegt, rauben die Bevölkerung aus, um selbst leben zu können, und sind in den manneshohen Goaljanfeldern, im Gestrüpp und Urwald der Berge für die regulären japanischen Truppen nicht zu fassen. Die Bevölkerung in ihrer tiefen Abneigung gegen alles Japanische lehnt die neue Regierung, welche sich nur dank der japanischen Truppen halten kann, ab.

Doch für Japan ist für die Erhaltung des von ihm abhängigen Mandschukuo kein Opfer zu groß. Ein maßgebender Japaner sagte einmal zu mir:
„Kopf und Hände Japans liegen auf den Inseln, Herz und Magen aber in der Mandschurei.“

Die minderwertige Kohle auf den japanischen Inseln genügt zur Befriedigung der Industrie nur noch für etwa fünfzig Jahre. Dann werden die Vorräte erschöpft sein. Darum hat Japan in der Mandschurei sein Ruhrgebiet geschaffen, auf welches es unter keinen Umständen verzichten kann. Die Kohlenbergwerke von Fuschun und Jantai mit ihren 25.000 Arbeitern, die Erzgruben bei Anschan und zahlreiche Kohlenflöze in der Mandschurei, welche noch gar nicht in Angriff genommen sind, sollen die Versorgung der japanischen Industrie für alle Zukunft sichern. Japan hat in Eisenbahnen und Industrieunternehmungen in der Süd-Mandschurei Milliarden festgelegt. Allein die Süd-Mandschurische Eisenbahn brachte einen jährlichen Reingewinn von über 42 Millionen Yen. In Not- und Kriegsfällen bildet das Land ein unerschöpfliches Reservoir für Lebensmittel und Rohstoffe, welche auf dem Inselreich nur in spärlichem Maße oder gar nicht vorhanden sind. Japan fühlt sich mit der Mandschurei organisch verwachsen und glaubt, ein unbestreitbares Recht zu besitzen, die mit japanischem Fleiß und Kapital geschaffenen Werte mit allen Mitteln zu verteidigen und zu sichern.

(330108w3)
_____
youtube: Manchukuo Japanese China Propaganda Film

Dichters Neujahrsmorgen … [S. 3, oben, rechts]

vergessen sind schon Laub, Jasmin und Flieder
und auch die Reihe leiser lebensmüder
Herbstsänge sorgsam in den Bund geschnürt.
Wie jedes Jahr, so singen heuer wieder
die Dichter allerorten Neujahrslieder,
Prompt wird der Redaktionsauftrag vollführt.

Geschmolzner Schnee plantscht schmierig und verstohlen
leis quackend in durchlochte Stiefelsohlen;
Frostbeulen hemmen den beschwingten Schritt.
Der Dichter hat die Seele Gott befohlen,
und Rückschau übend, teilt er unverhohlen
der Mitwelt seine Neujahrsträume mit.

Im Katzenjammer wird das Träumen sauer,
selbst Liebeslieder werden Gassenhauer
und der Sylvesterrausch ist rasch verweht.
Vergebens liegt der Dichter auf der Lauer:
Es grüßt ins Bett ihn nur ein feuchter, grauer
Dunsthimmel, der verschnupft durch matte Scheiben späht.

Der Dichter hüllt die Nase in die Decke
und hier, im warmen lichtlosen Verstecke
läßt er den schönsten Träumen freien Lauf,
Die Sterne glitzern aus der Duchent-Ecke.
Es steigt sogar der Mond, der feiste, kecke,
aus ihrer Mitte bleich gespenstisch auf.

Und kündet aus des Nachbars Speisezimmer
die Hängeuhr mit blechernem Gewimmer
die zwölfte Mittagsstunde rasselnd an,
dann fühlt der Dichter mitten im Geflimmer
des Sternenmeers, ein tagentrückter Schwimmer
die Neujahrsnacht auf Glockenflügeln nahn.

Er faltet still beglückt die kalten Hände
und wartet, daß das Glockenlied vollende.
Ein Engel hüpft aus dem Matratzenstroh,
der Neujahrslärm dringt leise durch die Wände,
glückstrunken schwebt der Dichter ohne Ende
in Heimat Ueberall und Nirgendwo.
Alfred Kittner

(330108a3)


Seite 5

Eindrücke und Erlebnisse [S. 5, oben, links]
im Czernowitzer und Jassyer Polizeigefängnis
Von Helios Hecht


II.
An den Wänden und Türen der zwei Zellen, in denen ich im Laufe der fünf Tage in Czernowitz untergebracht war, waren die Namen der jungen Burschen und Mädchen, die hier tage- und wochenlang eingesperrt gehalten wurden, mit Bleistift aufgezeichnet oder mit Schreibinstrumenten eingegraben. Die meisten trugen es leicht oder leichter, wohl, weil sie für ihren Glauben litten. Eine der massiven Gefängnistüren war geradezu übersät mit Namen, hinter jedem Sichel und Hammer, das Emblem der Kommunisten, darunter die Anzahl der Tage, die der Häftling hier verbracht hatte, durch einen Längsstrich aufgezählt. Aus der Schrift und deutlicher noch aus dem Inhalte konnte ich auf Verzagtheit, Furcht und Qual schließen. Da fand ich also auch Gleichgestimmte, und ich fühlte mich für eine Weile getröstet. Seltsam! An den Schwächen unserer Mitmenschen werden wir scheinbar stark, das Starke und Heitere aber kann uns in Stunden des Leides nicht erheben. In Wahrheit sollte es doch umgekehrt sein. Ja, jene waren jung und gläubig, ich aber litt unter der Schmach eines niedergeknechteten Willens, und mein Protest verhallte innerhalb der vier kalten, dunklen Wände, auf die ich stets starren mußte, solange ich die Augen nicht geschlossen hielt.

Traumbilder
Drei Tage lang raste ich förmlich je sechs Schritte auf und ab, von Schlafen oder Ruhen war keine Rede. Nun aber übermannte mich doch eine unbezwingliche Müdigkeit, und ich verfiel in einen Dämmerzustand, der immer wieder von Schreckbildern unterbrochen wurde. Ich träumte, schlief, hielt die Augen geschlossen und ging dennoch weiter die Runde, ohne irgendwo anzustoßen. Ohne Zweifel schlief ich, dennoch spürte ich die Kältewellen durch meine Glieder jagen, dennoch war ich mir meiner Gefangenschaft bewußt, hörte den Widerhall der ins Schloß fallenden Türen, den dumpfen Schall der Schritte und träumte dabei. Der Traumgott führte m ich zu später Nachtstunde in die Wohnung eines Freundes, mit dem ich Schach spielen sollte. Mein Wirt empfing mich im Nachtgewande, und wir waren im Begriffe, das Spiel zu beginnen, da flutete plötzlich eine Menschenmenge in den Raum. Es waren Polizisten. Ihr Anführer rief uns zu, wir dürfen uns nicht von der Stelle rühren. Im Hause sei eben ein Mord begangen worden, es müsse eine Hausdurchsuchung vorgenommen werden. Da kam ein Polizeiagent auf mich zugeschritten und sagte: „Was würden Sie nun sagen, wenn ich die Tabaksdose des Ermordeten aus ihrer Tasche holte?“ Gleichzeitig zog er mit einem geschickten Griff eine schwere silberne Tabaksdose aus meiner Westentasche, die er den Zuschauern triumphierend zeigte. Ich stieß einen Schrei des Entsetzens aus und - erwachte. Der Gardist öffnete die Türe und frage, ob ich ihn gerufen hätte. Man erkennt in diesem Traum deutlich einen „Tagesrest“. Es war der Traum von dem unterschobenen Material, das die Polizeibeamten bei meiner Verhaftung mitnahmen, weil es ihnen als belastend und höchst staatsgefährlich erschienen war.

Beweismaterial“
Aus dem in Wahrheit bei mir gefundenen Material soll hier einiges erwähnt werden, um zu zeigen, was in meiner graphologischen Schriftprobensammlung den Eindruck der Polizeiwidrigkeit machte und beschlagnahmt wurde. Unter vielen anderen - eine Postkarte des berühmten Forschers Paul Kämmerer, die er einige Zeit vor seinem Selbstmorde an seinen New Yorker Freund Dr. Harry Benjamin, dem amerikanischen Exponenten der Steinachschen Regenerationstheorien, gerichtet hatte. Es war eine Mitteilung intimen Inhalts aus dem Salzkammergut, - in ungewöhnlich kleiner, nicht leicht lesbarer Handschrift. Konfisziert wurde eine an mich gerichtete Zuschrift folgenden, wirklich verdächtigen Inhalts:

„Geehrter Herr Hecht! Da ich mich überzeugt habe, daß Sie einige Schriften zugetroffen, ersuche ich Sie höflich, auch meine Schrift analysieren zu wollen. Ich wiederhole die Worte, womit ich diese Blätter eröffne. Die Freiheit ist eine neue Religion, die Religion unserer Zeit, und auch wenn Christus nicht der Gott dieser Religion ist, so ist er der Hohepriester derselben und sein Name strahlt beseligt in den Herzen der Jüngeren.“

Ueber diesen Wisch, den eine meiner jungen Klientinnen aus irgendeinem Buche oder einer Zeitung unorthographisch abgeschrieben hatte, wurde ich des öfteren ausgefragt. Ich konnte mich aber des Abschreibers nicht erinnern, erkannte nur eine Frauenschrift. So wurde mir vorgehalten, daß ich verstockt leugne. Auch die Uebersetzung eines Mangerschen Gedichtes wurde beschlagnahmt, ein Rohkonzept, weil dazwischen einige Worte in Stenographie eingeflochten waren. Und all dieser Dinge fühlte ich mich schuldig. In Wahrheit, ich begann mich allgemach in ein Schuldgefühl einzuleben, das mir selbst unerklärlich blieb. Daß man einem Menschen im Gefängnis durch diverse „psychologische“ Kunstgriffe ein Schuldgefühl aufzwingen, suggerieren kann, indem man ihn vorher gründlich demoralisiert und sein Selbstgefühl auf ein Nichts reduziert, habe ich an mir selbst erfahren. So wurde mir in Jassy die Täterschaft in einer Angelegenheit beinahe suggeriert, von der ich eine Minute vorher keine Kunde hatte. Dieses seltsamste Erlebnis meiner fünfzig Lebensjahre soll später bei der Schilderung der Jassyer Gefängnishaft erzählt werden.

Moralpredigt Rottenbergs
Gar keine Kunde von der Außenwelt! Bis zur Stunde meiner Verschickung nach Jassy, das war genau nach fünftägiger Haft, durfte ich keinen nahen Menschen sehen, nicht einmal durch das Guckloch und natürlich auch nicht im Büro der Polizei, wohin ich immer wieder aus der Tiefe meines Verließes hinaufbefohlen wurde. Dies geschah vorzüglich um die Mittagsstunde, in der Zeit des Parteienverkehrs. Da zeigte man mich, das Wundertier, den verschiedenen Besuchern, von denen ich einige kannte. „Seht, da ist er, der uns als „Bluthunde“ beschrieb.“ Diesen Ausdruck hatte ich, nebenbei bemerkt, niemals gebraucht, als ich die Erziehungsmethoden der untergeordneten Polizeiorgane im guten Glauben und einbekanntermaßen scharf geißelte. Ueberhaupt wurde ich von den Herren Agenten, besonders vom Herrn Agent-ajutor Rottenberg, sehr gut behandelt. Dieser Mann fühlte sich berufen, mir Moral beizubringen, die Legitimation dazu bezog er wohl aus seiner höheren ethischen Gesinnung. Er fragte mich: „Gehen Sie zu Neujahr und am Versöhnungstage in den Tempel?“ „Niemals,“ entgegnete ich. „Aber ich gehe,“ rief er mit Donnerstimme, „ich tue es. Seht diesen anständigen Menschen, der nicht einmal beten geht …“ Nun, da hatte ich das Spiel freilich schon verloren. Er sagte mir bei einem Anlasse, nein, bei zehn nicht gegebenen Anlässen: „Können Sie sich über unsere Behandlung beklagen? Nein, nicht wahr. Und dennoch behandeln wir Sie noch schecht, sogar sehr schlecht. Denn die Anderen, die wir angeblich folterten, haben wir freundlich behandelt; wir haben ihnen warme Decken besorgt, ihnen Tee und Bonbons gebracht, dies aus unserer eigenen Tasche. Und Sie, Herr Hecht, haben solche Verleumdungen geschrieben.“ In Gegenwart Dr. Postatnys wurde mir niemals ein Vorwurf gemacht, er verbot es seinen Untergebenen, mir auch nur ein unhöfliches Wort zuzurufen und gab Auftrag, mir Tabak zu beschaffen. „Der Herr Hecht soll nicht sagen, daß wir uns rächen wollen…“
(Fortsetzung folgt.)

(330108a5)


Seite 6

Deutsche und Franzosen [S. 6, Mitte, unten, rechts]
(Von unserem Sonderberichterstatter für Deutschland)

Köln, am 2. Januar 1933
Verfasser dieser Zeilen hatte folgende kleine Erlebnisse mit Franzosen, die zu denken geben:

Es war in Straßburg im Mai 1930. Ich saß in einer kleinen Kneipe einem hageren französischen Arbeiter gegenüber, der mich interessiert betrachtete, als er hörte, ich sei Deutscher. Er begann - auf Französisch - ein Gespräch mit mir, in dem er erzählte, daß er während des Krieges in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen sei. Er strahlte dabei, als sei das etwas ganz Herrliches gewesen (was es bestimmt nicht war!) und zählte mit Begeisterung die deutschen Städte auf, die er damals kennengelernt hatte. Alles das sagte er ohne den geringsten Unterton von Groll.

Das andere Erlebnis: Metz, Mai 1930. Ich wurde beruflich mit einem jungen Pariser Journalisten bekannt, der ein wenig von Deutschland kannte und einmal drei Wochen hindurch in Berlin gelebt hatte. Er gestand freimütig, daß von allen Städten er selbstverständlich Paris am meisten liebe, daß aber Berlin ihm riesig imponiert habe. Des Krieges wurde nicht mit einer Silbe erwähnt, auch nicht der Tatsache, daß etwa eine Kluft bestehe zwischen Deutschen und Franzosen.

Noch hundert kleine Begebenheiten ähnlich den beiden angeführten könnte ich aufzählen. In Paris und in Marseille sprach ich mit so manchem der „kleinen Leute“, Gemüsehändlern, Friseuren usw. Nicht einer dachte an den Weltkrieg, oder nur so, daß er gottseidank vorüber sei. Nicht einer, der nicht, wenn die Rede auf deutsche Menschen kam, freundschaftlich-gerecht urteilte.

Die Sache ist schon so: das Volk hat, ohne daß es ihm vielleicht bewußt wird, viel eher ein Gefühl menschlicher Zusammengehörigkeit von Franzosen und Deutschen, als gewisse „gehobene“ Bürgerkreise. Nur die wirtschaftspolitischen Kreise, dies Häuflein „Großer“ und die von ihnen beherrschte rechtsstehende Presse ist gegen Deutschland. Wohlgemerkt: gegen Deutschland, nicht gegen den deutschen Menschen - was immerhin ein Unterschied ist!

In Paris - wieviel Deutsches erlebt man dort täglich! In Kinos deutsche Filme, in Theatern Gastspiele deutscher Schauspieler, an Gasthäusern Reklameschilder deutscher Biere. Welch ein Geschrei aber erregt ein einziger französischer Film in Berlin! Von der Pressekritik - mit Ausnahme der gottlob immer noch existierenden demokratischen Presse - wird er nicht zuerst und vor allem als Kunstwerk zensiert, sondern als französisches Produkt. In Paris erscheint, mit einem Franzosen an leitender Stelle, eine deutsche Zeitung. In Berlin würde der deutsche Journalist, der etwa eine französisch-sprachige Zeitung herausgeben wollte, ohne weiteres eingesperrt werden!

Das Geschrei über den Chauvinismus der französischen Presse, das die Hugenbergblätter und verwandte Erzeugnisse des Ungeistes erheben, ist heute angesichts des neuen Kurses in Deutschland bestimmt nicht mehr am Platze. Illustrierte Zeitschriften bringen Bilderaufsätze „Frankreich in Waffen“ und ähnliches mit Vorliebe; über einen möglichen „Gaskrieg“ der Zukunft wird mehr geschrieben, als über die brennendsten Wirtschaftsprobleme. Und das deutsche Publikum nimmt das Zeug hin, läßt sich von der eigenen Presse diese Diskreditierung bieten, ohne etwas dagegen zu tun. Das ist das Schlimme: man ist nicht einverstanden damit, in weiten Kreisen durchaus nicht. Aber - man ist zu bequem, sich dagegen zu wehren. Dabei gibt es kaum eine Sache, die heute bedeutungsvoller wäre! Des geeinten, friedlichen Europa Keimzelle kann nur Frankreich plus Deutschland sein. Das ist keine Neuigkeit; wir wissen es lange. Wer aber in Deutschland kümmert sich darum, wer arbeitet dafür? Zu wenige, allzu wenige. Sie wollen darauf gestoßen sein. Also stoßen wir sie darauf! Immer wieder muß man diese Binsenwahrheit von deutscher und französischer Zusammengehörigkeit im geistigen und menschlichen Sinne ausposaunen, - doppelt jetzt, da in Deutschland wieder einmal eine militaristische Epidemie zu grassieren scheint!
K. L. (Karl Lemke)

(330108w6)


Seite 7

Jugenderziehung und Arbeitslosigkeit [S. 7, oben, links]
Enquete beim Minister Sauciuc-Saveanu

Donnerstag, um 11 Uhr vormittags, fand die von Minister Dr. Sauciuc-Saveanu einberufene Enquete statt, an der Verwaltungsinspektor Crudu, General Jacob, Generalstaatsanwalt Alexandru, Generalinspektor der Sigurantza Anghelescu, Polizeiquästor Gussi, Konsistorialrat Sandru, Präfekt Jacoban, Vizebürgermeister Baranay, Dr. Reut, Oberrabbiner Dr. Mark, Dr. Straucher, Abgeordneter Dr. Ebner, Kultuspräsident Dr. Gutherz, Universitätsprofessor Nandris, Universitätsprofessor Spulber, der ehemalige Senator Grigorovici, Direktor Hodel, die Präsidentinnen und Präsidenten der kulturellen und sozialen Körperschaften, sowie die Vertreter der Schul- und Sportvereinigungen und der Direktor des Konservatoriums Jelescu teilnahmen.
Minister Dr. Sauciuc-Saveanu, von dem die Initiative zu dieser Enquete ausgeht, erläutert den Zweck der Besprechung. Es ist nicht ein Versuch, alle in Frage kommenden Körperschaften zu vereinigen und ein soziales Werk auszubauen; es sollen nur die bereits begonnenen Arbeiten intensiviert und Vorschläge von allen in Betracht kommenden Körperschaften, ohne Unterschied der Nation und Konfession, entgegengenommen werden. Es soll aber auch alles geschehen, um die Herzen derjenigen zu öffnen, die sich bis jetzt der sozialen Fürsorge ferngehalten haben. Die Bevölkerung der Bukowina hat immer ihre patriotische Gesinnung bewiesen, wenn es galt, in höherem Interesse zu arbeiten. Die Bevölkerung kennt ihre Pflichten gegenüber dem Staat, sie kennt aber auch ihre Pflichten gegenüber ihren Mitmenschen. Die heutige Enquete hat den Zweck, von allen in Betracht kommenden Faktoren Vorschläge entgegenzunehmen, ein Programm auszuarbeiten, damit der Regierung bekannt gegeben werden kann, worum es hier geht. Zwei Fragen sind es, die hier ernstlich zu behandeln wären:

1. Erziehung und Ertüchtigung der Jugend und 2. die Arbeitslosigkeit
Vor allem muß man sich fragen, ob die der Jugend bis heute zuteil gewordene Erziehung eine richtige ist, ob die Jugend bei ihren Familien genügende Aufklärung erhält, ob die politischen Parteien in dieser Hinsicht ihre Pflicht getan haben, ob die Politik der gegenwärtigen Regierung eine diesen Problemen entsprechende ist und schließlich, ob auch die Presse ihre Pflicht erfüllt hat. Ich bitte daher alle führenden Persönlichkeiten, die zu dieser Enquete erschienen sind, Vorschläge zu unterbreiten. Jeder spreche, wie er denkt, die Aussprache soll sich in freundschaftlichem Sinne, im Interesse aller und für Alle, auswirken.

Die Reichen zahlen keine Steuern
Der frühere Dekan der Advokatenkammer, Dr. Reut, sagte:
Eines der wichtigsten Probleme, welche die ganze Welt beherrschen, ist die Arbeitslosigkeit. Wir haben heute - nach einer offiziellen Statistik - 38 Millionen Arbeitslose in der Welt, mit ihren Familien erhöht sich diese Ziffer auf etwa 114 Millionen. Wie traurig es auch klingen mag: Rumänien als reichem Agrarland, mit allen Naturschätzen gesegnet, geht es viel schlechter als Italien, welches auch nicht annähernd diese Naturschätze besitzt. Das liegt an der Verwaltung des Staates, die eine sehr schlechte ist. Es ist bekannt, daß in Rumänien heute nur die Armen Steuern zahlen, während die Reichen verschont bleiben. Wenn alle zur Steuerleistung herangezogen würden, könnten wir nicht ein Budget von 16, sondern von 40-50 Milliarden Lei haben. Wir haben keine geschulten Kräfte, die die Gesetze anwenden können. Die 14 Millionen Bauern, die auf dem Lande arbeiten, müssen die vier Millionen Städter erhalten, weil die Produktion nicht aufgeteilt wird. Der Staat müßte seine eigenen Institutionen als Käufer anwerben, denn auf einen guten Export ist für lange Jahre nicht zu rechnen. Die Universitäten müßten - wie vor dem Kriege - den Brennpunkt der Kultur bilden Die studierende Jugend muß auf andere Wege geleitet werden und nicht die Zukunft, gleich nach Absolvierung der Schule, in einem Staatsposten suchen. Neue Möglichkeiten müßten der Jugend eröffnet werden. Denn heute strömt alles nur zu öffentlichen Aemtern.
Der Präsident der Kulturvereinigung, Professor Nandris:
Heute müßten wir Mittel und Wege finden, die sofort die notwendige Hilfe bringen. Wenn man die Straßen der Stadt passiert, so kann man junge Leute [sehen], ohne jede elterliche oder Schulaufsicht, die vielleicht schon morgen die Hand nach einer Gabe ausstrecken werden. Hier muß der Staat eingreifen und ein Arbeitsheim schaffen. Wir müssen mit Bedauern feststellen, daß die Wohltätigkeitsinstitutionen in einer Stadt, wie Czernowitz, mit 120.000 Einwohnern, also der drittgrößten Stadt des Landes, so gut wie inexistent sind. Daher muß man den Fürsorgeinstitutionen mehr Aufmerksamkeit schenken. Wie können die Eltern in den Dörfern ihre Kinder in die Schule schicken, wenn diese Schulen nicht beheizt werden, da das notwendige Holz nicht vorhanden ist? Daher muß hier die Privatinitiative eingreifen, und nicht zuletzt müssen es die Fürsorgekörperschaften tun, die selbstverständlich die Unterstützung der Behörden finden müssen.

Sport vor Kultur
Der Direktor des Konservatoriums, Paul Jelescu, meint, daß die Kultur in der Bukowina viel zu wünschen übrig läßt. Wir haben hier keine Seelenkultur. Redner beanständet, daß, während dem Sport viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, die Kultur vernachlässigt bleibt, wenn auch nicht bestritten werden soll, daß auch der Sport zur Entwicklung der Kultur beiträgt. Es muß mit Bedauern festgestellt werden, daß die Eltern ihre Kinder viel mehr auf den Eislaufplatz schicken als ins Konservatorium oder eine andere Bildungsstätte. Auch die Konzerte werden von der Jugend wenig oder fast überhaupt nicht besucht.

Replik an den Vorredner
Advokat Vantu, als Vertreter der Sportvereinigung „Dragos Voda“, bezieht sich auf die Ausführungen seines Vorredners und stellt fest, daß gerade die subversiven Elemente, daß sogar die Erziehung zum Kommunismus von der kulturellen Jugend stammen, was man vom Sport nicht behaupten kann. Daher ist es nicht richtig, wenn man für eine Vernachlässigung des Sportes plädiert. Die Bukowina hat viele Institutionen, die heute brach liegen, und es wäre Sache der Regierung - die Möglichkeit dazu hat sie - diese Institutionen wieder flott zu machen, wodurch auch ein Teil der Arbeitslosigkeit behoben sein würde.
Direktor Hodel verlangt, daß ein Komitee gebildet wird, welches alle praktischen Vorschläge in einer der nächsten Enqueten unterbreiten soll.
Inspektor Tudor verlangt einen Ausbau der Schulen und Gewerbeschulen.

„Vorbereitende militärische Tätigkeit!“
Schulinspektor Sauciuc spricht sich für einen Ausbau der Pfadfinderorganisationen aus. Was die Erziehung am Lande betrifft, so habe er mit dem Kommandanten des Cercul de Recrutare, Oberst Georgescu, Fühlung genommen und beide vertraten den Standpunkt, daß die Jugend eine vorbereitende militärische Erziehung genießen müßte. Der Kommandant des Cercul wird dieses Werk unterstützen.

„Nicht arbeitslos sondern arbeitscheu!“
Frau Gramatovici sagt: Es wurde hier viel gesprochen, ohne daß an die kleinen Kinder gedacht worden wäre, Kinder, die ihre Stimme nicht laut werden lassen können. Es sind elternlose Kinder, Findelkinder, für die gesorgt werden müßte. Es müßte ein Findelheim, ein Heim für elternlose Kinder geschaffen werden. Was die Arbeitslosigkeit betrifft, so muß hier eine traurige Feststellung gemacht werden: Eine Arbeitslosigkeit im Sinne des Wortes haben wir nicht. Wir haben arbeitscheue Menschen und allgemein konnte festgestellt werden, daß, wenn irgend eine Arbeit zu vergeben ist, eine Arbeitskraft nur um teueres Geld zu haben ist.

Der Präsident des Volks-Atheneums, Cuparencu, verlangt von der Primaria Unterstützung der sozialen Fürsorge.
Im Namen des Erzbischofs erklärt Konsistorialrat Sandru, daß die Kirche und der Klerus dieses Werk unterstützen werden. Er schließt sich dem Vorschlage des Direktors Hodel an.
Vizebürgermeister Baranay spricht über die allgemeine Krise und schildert die Entwicklung der Kooperativen in der Bukowina, die für eigene Zwecke ausgenützt wurden. Die Bevölkerung hat heute zu den Kooperativen kein Vertrauen mehr. Die Fonds für ihre Zwecke müßten sich die Kooperativen allein schaffen. Was die soziale Fürsorge betrifft, mögen sich die einzelnen Körperschaften mit dem in der Stadtgemeinde gebildeten Fürsorgekomitee in Verbindung setzen, damit alle zusammen das begonnene Werk zu Ende führen.

Resumee
Minister Sauciuc-Saveanu resumiert dann die Ausführungen der Redner. Aus den Ausführungen habe sich ergeben, daß ein Arbeitsheim so rasch als möglich benötigt wird und daß weiter die sozialen Vereinigungen intensiviert werden müssen. Die Privatinitiative muß aber auch hier eingreifen und das begonnene Werk unterstützen. Der Minister ersucht die Pressevertreter, die das Sprachrohr der Bevölkerung sind, auf diese einzuwirken, daß sie sich an ihn als die kompetente Behörde wende und konkrete Fälle, wie in der letzten Zeit die exzessive Besteuerung, vorbringe. Er werde mit aller Energie für die Respektierung der Legalität eintreten. Es sollen strenge Maßnahmen gegen diejenigen ergriffen werden, die Mißbrauch im Amte begehen. Die Behörden stehen der Bevölkerung zur Verfügung und werden alles tun, um dieser zum Rechte zu verhelfen.
Zum Schluß erklärt Dr. Gutherz im Namen der Juden, daß die Kultusgemeinde das soziale Werk unterstützen wird.

Das Komitee
Es wurde hernach folgendes Komitee gewählt: Direktor Hodel, Frau Doktor Weich, Frau Gramatovici, Frau Lebouton, Fran Wenglowski, Frau Dr. Kismann, Vizebürgermeister Gaidosch, Inspektor Sauciuc, Professor Haras, Direktor Fedorovici, Sawiakowski. Dieses Komitee wird zur nächsten Enquete praktische Vorschläge unterbreiten.
Nachdem der Minister allen Erschienenen gedankt hatte, wurde die Enquete um 2 Uhr mittags geschlossen.

(330108c7)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 247, Dienstag, 10.01.33

Postby Klaus Binder on 10. January 2011, 00:20

Seite 1

Heute Entscheidung [S. 1, oben, links]
Regierung vor der Demission
Es geht um den Kopf des Polizeipräfekten von Bukarest. - Regierung solidarisiert sich mit Mihalache

Bukarest, 9. Jänner (Spezialbericht unseres Korrespondenten). Früher, als man angenommen hätte, ist die Regierungskrise ausgebrochen, diesmal aber nicht, wie vermutet, aus finanziellen Gründen, sondern - vielleicht nur offiziell - aus Gründen verwaltungstechnischer und politischer Natur.

Die Hintergründe der Regierungskrise
Gleich nach seiner Rückkehr aus Athen wurde Mihalache berichtet, daß in seiner Abwesenheit der Polizeipräfekt von Bukarest, Gavril Marinescu, an seine Untergeordneten am Neujahrstage einen Tagesbefehl ergehen ließ, in welchem ihnen verboten wurde, über seine Situation als Präfekt zu diskutieren. Es waren nämlich in den letzten Tagen Gerüchte verbreitet, daß der Polizeipräfekt von seinem Posten abberufen werden soll, was allerorten lebhaft erörtert wurde. Des weiteren hielten die Polizeifunktionäre eine Protestversammlung gegen die Maßnahmen des Innenministers ab, wonach viele Polizeibeamte einer neuerlichen Prüfung unterzogen werden. In dieser Versammlung wurden Angriffe gegen den Innenminister erhoben, der Polizeipräfekt hingegen verherrlicht. Ein zweiter Tagesbefehl zu Neujahr wurde vom Gendarmeriekommandanten, General Dumitrescu, an die höheren Offiziere erlassen. Auch in diesem Befehl wurden scharfe Angriffe gegen die Regierung erhoben.
Der Tagesbefehl des Polizeipräfekten schloß mit den Worten:
„Ich bin und bleibe Präfekt der Polizei auf Grund eines königlichen Dekretes und kann nur durch ein solches von diesem Posten abberufen werden.“
Innenminister Mihalache erschien, infolge dieser Angriffe beim König in Audienz, den er vor die Alternative stellte: Entweder werden der Polizeipräfekt und der Gendarmeriekommandant abberufen, oder er und mit ihm die Regierung, müßten die Konsequenzen ziehen.
Als der König Mihalache ersuchte, diese Frage bis Montag aufzuschieben, überreichte dieser seine Demission, die aber abgelehnt wurde.
Nach der Audienz beim König hatte Mihalache mit Maniu eine Konferenz. In der Folge wurde ein Ministerrat einberufen. Mihalache referierte über seine Audienz und teilte mit, daß der Monarch nicht gewillt sei, die zwei Persönlichkeiten von ihren Posten abzuberufen. Aus diesem Grunde habe er seine Demission gegeben.
Maniu erklärte sich mit Mihalache solidarisch und teilte mit, er werde, falls der König nicht nur diese zwei, sondern auch andere Personen, die nicht von der Regierung, sondern durch königliches Dekret ernannt wurden, nicht abberufen sollte, die Gesamtdemission der Regierung überreichen.
Bei der ersten Audienz Mihalaches beim König ersuchte der Monarch den Innenminister, ihm in 24 Stunden mitzuteilen, ob er auf seiner Forderung beharre. Nach Ablauf der 24 Stunden, erschien Mihalache wieder beim König und erklärte, auf seinem Standpunkt zu bleiben, mit der eventuellen Aenderung, daß der Kommandant der Gendarmerie, General Dumitrescu - es handelt sich um den Vater des Privatsekretärs des Königs, Puiu Dumitrescu - zum Polizeipräfekten, an Stelle Gavril Marinescus, ernannt werde.
Der Monarch ersuchte den Innenminister, diese Frage bis Montag aufzuschieben.
Der König ist also - vielleicht nur momentan - nicht gesonnen, dem Druck des Innenministers nachzugeben.

Die Minister nach Bukarest berufen
Angesichts dieser Situation wurden Titulescu, Mihai Popovici und der Minister für die Bukowina Dr. Teofil Sauciuc-Saveanu telegrafisch in die Hauptstadt berufen. Die drei Minister haben für heute Montag, ihre Ankunft in der Hauptstadt angekündigt.
Außenminister Titulescu wird sofort nach seinem Eintreffen beim König in Audienz erscheinen. Der König will mit dem Außenminister über die neugeschaffene Situation beraten und von ihm Vorschläge entgegennehmen.
Das Exekutivkomitee der national-zaranistischen Partei trat Sonntag um 6 Uhr abends zu einer Beratung zusammen. Vaida nahm an der Sitzung nicht teil.
Es wurde definitiv beschlossen, sich mit Mihalache zu solidarisieren. Sollte der König der Forderung auf Abberufung des Polizeipräfekten und des Gendarmeriekommandanten nicht nachgeben, so wird heute (Montag) die Gesamtdemission des Kabinetts überreicht werden. Maniu soll bereits das Demissionsansuchen redigiert haben.
Für heute (Montag) ist ein Ministerrat einberufen, an dem auch die ins Land zurückgekehrten Minister teilnehmen werden.

Genf in den Hintergrund getreten
Angesichts dieser Situation ist die Frage der Genfer Verhandlungen, obwohl sie für Rumänien von großer Bedeutung ist, in den Hintergrund getreten. In der letzten Ministerbesprechung wurden bereits alle Einzelheiten über die weiteren Verhandlungen in Genf erörtert und dem Handelsminister Lugojeanu die Instruktionen erteilt. Nun hat aber der Handelsminister infolge der innenpolitischen Situation seine Abreise nach Genf für Dienstag verschoben.

Genf die Ursache?
Hinter den Kulissen wird sehr viel über die Regierungskrise diskutiert.
Kreise, die in die Innen- und Außenpolitik eingeweiht sind, wollen wissen, daß die Regierung nur einen Anhaltspunkt zur Demission gesucht hat. Gerade die Neujahrsbefehle des Polizeipräfekten und des Gendarmeriekommandanten seien ihr sehr gelegen gekommen.
Die Regierung sei auf Schwierigkeiten bei den Genfer Verhandlungen gestoßen und habe daher eine Plattform gesucht, um sich zurückzuziehen. Denn wenn sie das Genfer Protokoll ablehnt, wird sie im Innern des Landes mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die sie nicht so leicht wird überwinden können. Daher wollte sie sich einen ehrenden Abgang sichern. Der Anlaß hiezu war gegeben.

(330110r1)


Der Standpunkt Manius
Der Ministerpräsident äußerte sich zu einem seiner intimen Parteifreunde wie folgt:
Ich habe auf mich die Verantwortung genommen, alles, was in meiner Macht steht, zu tun. Ich verlange aber, bedingungslos regieren zu können. Der König darf an meine Regierungsmacht keine Konditionen knüpfen. Im Gegenteil, alle von mir verlangten Veränderungen in der Verwaltung - der Anfang mit den zwei Generälen in der Leitung der Eisenbahn und der Post wurde bereits gemacht -, besonders was die Militärstellen betrifft, müssen vom Monarchen akzeptiert werden. So verstehe ich eine Regierungsmacht. Ich bin bereit, auch ohne die Genfer Mitarbeit, weiter die Regierungsgeschäfte zu leiten. Aber im Innern der Verwaltung darf ich keinen Schwierigkeiten begegnen.

Partei- oder Regierungskrise?
Allem Anscheine nach handelt es sich mehr um eine Regierungs- als um eine Parteikrise. In dieser Hinsicht werden erst die kommenden Ereignisse Klarheit schaffen. Die Situation Vaidas ist nämlich noch nicht klar. Man weiß nicht, ob er sich mit den Handlungen der Regierung solidarisieren wird. Tut er das, dann ist ausschließlich von einer Regierungskrise zu sprechen. Im gegenteiligen Falle wird es auch eine Parteikrise geben.

Wer kommt, wenn Maniu geht?
Die Entscheidung ist für heute (Mittwoch) zu erwarten. Man spricht bereits von der Regierungsnachfolge, man nennt auch Namen, es ist aber alles noch ungewiß.
Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß der König dem Druck des Innenministers nachgeben und die zwei in Frage kommenden Persönlichkeiten von ihren Posten abberufen wird. In diesem Falle bleibt die Regierung und wird die Verhandlungen mit Genf fortsetzen.
Sollten sich aber noch im letzten Moment Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei ergeben und der König auf seinem Standpunkt verharren, so kommen drei Persönlichkeiten für eine Neubildung der Regierung in Frage:

Vaida, Mironescu oder Justizminister Popovici
Eine von diesen Persönlichkeiten gebildete Regierung wird mit dem gegenwärtigen Parlament arbeiten. Der König will unter allen Umständen Neuwahlen vermeiden.
In gut informierten Kreisen verlautet mit Bestimmtheit, daß sowohl Mironescu als auch Popovici eine Regierungsbildung schon aus Gründen der Parteidisziplin ablehnen werden. Im übrigen haben sie sich mit Maniu und Mihalache solidarisiert und ebenfalls die Entfernung der zwei Persönlichkeiten verlangt.

(330110r1)


Seite 2

Generalversammlung der Börse [S. 2, Mitte]
Sonntag um 10 Uhr vormittags fand die im Börsengesetz vorgeschriebene alljährliche Generalversammlung der Mitglieder der Börsenvereinigung im Großen Saale der Börse statt. Nachdem Vizepräsident Held die Versammlungsteilnehmer begrüßt hatte, wurde die Generalversammlung für eröffnet erklärt. Herr Direktor Mathias Roll wurde wie alljährlich, auch diesmal zum Präsidenten der Generalversammlung gewählt und übernahm sofort den Vorsitz. Direktor Roll hielt einen warmen Nachruf den zwei im letzten Jahr verstorbenen angesehenen Börsenmitgliedern Josef Birnberg und Josef Turtel, den die Versammlung stehend anhörte. Sodann hielt Direktor Roll ein längeres Exposee über die Tätigkeit des Börsenvorstandes im verflossenen Jahr und über die gesamte Wirtschaftslage in Rumänien, insbesondere in der Bukowina und über den Getreide- und Holzhandel. Er schilderte die großen Schwierigkeiten, welche der Handel in diesem Jahr zu überstehen hatte und wie alle Bemühungen des Börsenvorstandes und der Handelskammer zur Beseitigung dieser Schwierigkeiten nichts genützt haben. Er führte die Zahlen des Exportes seit dem Jahre 1927 an und zeigte, welche Schrumpfung dieser erlitten hat. Der Getreideverkehr über Czernowitz ist auf den zehnten Teil, der Holzverkehr auf den dritten Teil in den letzten fünf Jahren zurückgegangen.

Direktor Roll erwähnte auch die Devisenschwierigkeiten im In- und Auslande, die letzten Kontingentierungsmaßnahmen der Regierung, welche, wiewohl sie den Import nur anscheinend betreffen, ihre schädlichen Wirkungen sicherlich auch auf den Export, infolge der Repressalien der anderen Länder, nicht verfehlen werden. Interessant war die Mitteilung des Herrn Direktor Roll, daß anläßlich eines Besuches des Börsenverstandes bei Herrn Minister Sauciuc-Saveanu, an welchem Besuch der Redner teilgenommen hat, die Lage der hiesigen Börse zur Sprache kam, wobei der Minister die Versicherung gab, daß alle Gerüchte über die bevorstehende Auflösung der Börse vollkommen unrichtig seien und daß er nie an eine solche Maßnahme schreiten werde, zumal da die Führung der Börse in bewährten Händen liege und das tadellose Gebaren auch vom Ministerium festgestellt worden sei. Herr Minister Sauciuc-Saveanu versprach, dem Börsenvorstand seine Unterstützung jederzeit zu gewähren. Direktor Roll teilte auch der Generalversammlung die Demission des früheren Präsidenten, Herrn Gh. Lazar, mit, hob seine Verdienste während seiner Tätigkeit an der Spitze der Börse hervor, seine außerordentliche Beliebtheit bei allen Mitgliedern und seine Bereitwilligkeit, alle Wünsche der Börsenmitglieder zu erfüllen. Die Demission des Börsenpräsidenten Lazar sei mit dem größten Bedauern des Börsenvorstandes zur Kenntnis genommen worden. Die Ausführungen des Herrn Direktor Roll wurden mit großem Beifall von der Versammlung aufgenommen.

Der Vorsitzende erteilte hierauf das Wort dem Vizepräsidenten Held, welcher ebenfalls den Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes erstattete, die letzten Vorfälle an der Börse und die Feststellung des Ministers, bezügl. der tadellosen Gebarung der Börse erwähnte und gleichzeitig den neuen Regierungskommissär, Herrn Dr. Saghin, der Versammlung vorstellte. Die Ausführungen des Herrn Held wurden mit reichem Beifall belohnt. Der Vorsitzende erteilte nun das Wort dem Herrn Regierungskommissär Saghin, welcher versichert, daß er der Börse stets die vollste Aufmerksamkeit und Unterstützung schenken werde, überbrachte die Grüße des Ministers und versicherte, daß dieser, sowie die Regierung, von den besten Intentionen geleitet seien. Herr Regierungskommissär Saghin erwähnte, daß die Wirtschaftskrise nicht allein in Rumänien, sondern in der ganzen Welt herrsche, daß die Regierung also keine Schuld am schlechten Geschäftsgang treffe, daß aber die Regierung bemüht sein werde, alles, was in ihren Kräften steht, zu Gunsten der Börse zu unternehmen. Es wurden dann drei neue Mitglieder in den Vorstand gewählt u. zw. von der Getreideabteilung die Herren Mihai Jacoban und Josef Seidner, von der Holzabteilung Herr Otto Gottlieb.

Eine lebhafte Debatte entstand bei der Wahl der neuen Mitglieder in die Börsenvereinigung. Es wurde der Antrag eingebracht, diese Wahl zu verschieben, doch wies der Vorsitzende auf die Ungesetzlichkeit einer solchen Maßnahme hin, was auch der Regierungskommissär bestätigte. Schließlich verlangte die große Mehrheit der Versammlung die Vornahme der Wahl, welche auch durchgeführt wurde. Von den 12 Kandidaten wurden bloß zwei, u. zw. Herr Leiser Datz und Herr Klein in die Vereinigung aufgenommen, während die übrigen zehn durchfielen. Es wurde noch die Wahl in das Schiedsgericht der Getreide- und Holzabteilung per Akklamation vorgenommen. Zu erwähnen sei noch, daß dem Präsidenten Direktor Roll zur Seite standen: die Vizepräsidenten der Versammlung Herr Schärf und Herr Barabasch, sowie das Büro der Börse unter Leitung Dr. Schiffers, dessen Tätigkeit vom Vorsitzenden rühmend hervorgehoben wurde.

Mit einer kurzen Schlußrede in welcher Dir. Roll allen Anwesenden für ihre Bemühungen dankte und die Hoffnung auf ein gutes neues Jahr aussprach, wurde die Versammlung unter lebhaften Akklamationen für den Vorsitzenden und Vorstand geschlossen.

(330110c2)


Seite 3

Ein russischer Zeppelin zerstört [S. 3, Mitte, unten, rechts]
Die Mannschaft gerettet

Kopenhagen, 9. Jänner. „Berlingske Tidende“ verbreitet in ihrer heutigen Nachtausgabe eine Meldung aus Helsingfors, wonach die russische Luftflotte betroffen worden ist.
Einer der großen Zeppeline ist zerstört worden, ohne daß dabei Menschenleben verlorengegangen sind. Das Luftschiff „W II“ trieb mit stillstehenden Motoren gegen einen Wald und wurde hiebei zertrümmert.
Das Luftschiff „W II“, das mit drei Motoren ausgestattet war, hatte in den letzten Tagen vor Weihnachten Moskau verlassen, um nach Leningrad zu fliegen.
Gestern früh startete das Luftschiff wieder, um die letzte kurze Strecke nach Leningrad zurückzulegen. „W II“ erreichte jedoch nicht sein Ziel, da alle drei Motoren in Unordnung gerieten und das Luftschiff vor dem Wind in der Richtung auf Nowgorod trieb, wo es gegen 6 Uhr in einen Wald abstürzte und vollkommen zerstört wurde.
Der Besatzung gelang es, sich in Sicherheit zu bringen. Man arbeitet jetzt daran, das Skelett des Luftschiffes auseinanderzunehmen, um es nach Leningrad zu transportieren.

(330110w3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 248, Mittwoch, 11.01.33

Postby Klaus Binder on 10. January 2011, 22:05

Seite 2

Ein brutaler Professor am Aron Pumnulgymnasium [S. 2, Mitte, unten, links]
Herr Direktor Em. Iliut ersucht uns um Aufnahme folgender Zeilen: Sehr geehrter Herr Redakteur! Bezugnehmend auf die in der Zeitung „Der Tag“, in der Nummer vom 3. Jänner l. J., auf der zweiten Seite veröffentlichten Notiz „Ein brutaler Professor am Aron Pumnul-Gymnasium“, ersuche ich Sie höflichst, verfügen zu wollen, daß folgende Berichtigung zum Abdrucke gebracht werde: Es ist nicht richtig, daß jener angebliche, in obiger Zeitungsnotiz geschilderte Vorfall mir gemeldet wurde und daß ich eine Untersuchung diesbezüglich eingeleitet habe. Vielmehr habe ich von dem angeblichen Falle erst aus dem „Tag“ vom 4. Jänner l. J. Kenntnis genommen. Zu einer Untersuchung jedoch lag kein Grund vor, da weder die Eltern noch sonst jemand von den Angehörigen der Schüler der betreffenden Klasse sich bei mir über etwa erlittene Unbill beklagt haben. Es ist ferner nicht richtig, daß das Elternkomitee, worunter nichts anderes als das gesetzlich bestehende Schulkomitee zu verstehen ist, innerhalb des Zeitraumes vom 21. Dezember 1932 bis heute keine Sitzung abgehalten und kein Memorandum an das Unterrichtsministerium abgesandt hat. Ihnen für die Aufnahme vorliegender Zeilen bestens dankend, bitte ich Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, die Versicherung meiner besonderen Wertschätzung entgegennehmen zu wollen. Direktor des Liceul „Aron Pumnul“, Em. Iliut

(330111c2)


„Tango Spaniola“ [S. 2. Mitte]
Der junge Czernowitzer Musiker Fritz Brandmann, Sohn des ehemaligen Stadtrates Brandmann, hat einen Musikschlager komponiert, der „Tango Spaniola“ heißt und in einer in Wien stattgefundenen Konkurrenz preisgekrönt wurde. Ein Wiener Musikverlag hat bereits den Druck und die Aufnahme des Tangos auf Schallplatten akzeptiert.

(330111i2)


1. September 1933:
Letzter Termin zur Anerkennung der Staatsbürgerschaft [S. 2, rechts, unten]
Das Justizministerium läßt durch die Primaria folgendes Kommunique verlautbaren:
Auf Grund des Gesetzes, welches im „Monitorul Oficial“ Nr. 244 am 18. Oktober d. J. erschienen ist, wurde als letzter Termin zur Anmeldung der Staatsbürgerschaft der 1. September 1933 bestimmt. Die Petenten müssen sich mit den notwendigen Akten, aus welchen hervorgehen soll, daß sie am 1. Dezember 1918 respektive am 27. März 1918 in der Gemeinde, in welcher sie die Staatsbürgerschaft beanspruchen, wohnhaft waren, an die Primaria wenden, die dann über die betreffenden Gesuche zu entscheiden haben wird.

(330111r2)


Seite 4

Die Weltwirtschaftskonferenz [S. 4, unten, Mitte]
Rückkehr zur Goldwährung

Genf, 10. Jänner (Tel. des „Tag“). Der Vorbereitungsausschuß der Weltwirtschaftskonferenz trat gestern zu seiner ersten Sitzung zusammen.

Der Vertreter Englands gab den Standpunkt seiner Regierung bekannt und meinte, daß vier Fragen vor allem die Weltwirtschaftskonferenz beschäftigen müssen, wenn diese von Erfolg begleitet sein soll, und zwar: 1. Regelung der Kriegsschuldenfrage als Vorbedingung für ein Gelingen der Weltwirtschaftskonferenz, 2. Allgemeine Währungssicherstellung durch eine Neuaufteilung der Geldvorräte. 3. Gleichmäßige und gerechte Kapitalsverteilung und schließlich 4. Beseitigung der Handelshemmnisse.

Der amerikanische Vertreter erklärte, daß die Krise nur auf weltwirtschaftlicher Basis gelöst werden kann. Kein Staat, mag es auch der reichste sein, kann heute allein vorgehen und Maßnahmen treffen, die seine Wirtschaft irgendwie beeinflußen könnten. Alle schwebenden Probleme müßten daher im Einvernehmen aller Staaten geprüft und geregelt werden.

Der Vertreter Frankreichs, Professor Charles Rist, erklärte, als Hauptbedingung für die Weltwirtschaftskonferenz müßte die rasche Rückkehr zur Goldwährung sowie die freie Kapitalsverteilung gelten.

Die Konferenz wird heute vormittag fortgesetzt. Als erster hat sich im Namen der deutschen Regierung Ministerialrat Possen zu Worte gemeldet, der den Standpunkt der Reichsregierung zur vorbereitenden Weltwirtschaftskonferenz bekanntgeben wird.

(330111w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 249, Donnerstag, 12.01.33

Postby Klaus Binder on 12. January 2011, 02:33

Seite 2

Wichtige Beschlüsse der Stadtfürsorgekommission [S. 2, oben, links]
Die am 10. d. M. stattgefundene Sitzung der städtischen Fürsorgekommission befaßte sich mit einer Reihe wichtiger Maßahmen für die Fürsorgetätigkeit. Frau Gemeinderat Nastasi berichtete über das Ergebnis der letzten Veranstaltung. Vom Reinertrag der Lei 47.000 wurden mehrere hundert Personen zu Weihnachten mit Unterstützungen beteilt. Vom Restbetrag wurde einer Anzahl verschämter Armer Holz zugeteilt. Ueber Antrag der Frau Gemeinderat Kißmann wurde beschlossen, im Nationaltheater einen Bunten Abend zu Gunsten des Obdachlosenfondes zu veranstalten. Es soll demnächst eine Haussammlung für Kleidungsstücke und Flaschen durchgeführt werden. Der Erlös der Flaschen soll der allgemeinen Fürsorge zufließen. Der Vorsitzende Dr. Krämer berichtete, daß derzeit in den Ausspeiseküchen 450 Personen verpflegt werden. Diese Aktion fordert ein Budget von Lei 400.000, welches zum Teile gedeckt ist. Es wurde beschlossen, an cca 800 Familien Holz zu verteilen. Dieses wird sofort nach Herablangung der Genehmigung des Nachtragskredites geschehen. Ueber Antrag des Vorsitzenden wird die Kommission in der nächsten Gemeinderatssitzung vorschlagen, daß anläßlich der zu beschließenden Tarifermäßigungen für Tramway und elektrisches Licht ein Betrag von ca. Lei 600.000 jährlich für Fürsorgezwecke vom Elektrizitätswerk bereit gestellt wird. Die Hälfte dieses Fondes soll für Wohnbauzwecke verwendet werden. Die Primaria könnte schon in diesem Frühjahr auf ihrem Grundstück in der Russischengasse mit dem Bau von Wohnungen für unbemittelte und Minderbemittelte beginnen. Von dem Rest dieses Fondes könnten neue Institutionen, zum Beispiel das Institut für Jugendfürsorge geschaffen werden. Es ist anzunehmen, daß der Gemeinderat diesen Beschlüssen zustimmen wird. Schließlich wurde beschlossen, die Stadt in zwölf Rayone einzuteilen und durch den Gemeinderat für jeden Rayon eine Anzahl von Fürsorgeräten zu ernennen, welche sich der Primaria für ihre systematische Fürsorgearbeit zur Verfügung stellen werden.

Mit Rücksicht auf die täglich schärfer werdende Krise hat sich die Leitung der Arbeiterküche „Poale-Zion“ Cernauti, Schulgasse 16, entschlossen, das Entgelt für Mahlzeiten wie folgt zu reduzieren: Lei 11 für ein Mittagmahl bestehend aus: 1/4 Brot, 1 Vorspeise, 1 Gemüse oder echte Suppe, Rindsbraten, Kalbsbraten, Suppenfleisch mit Kartoffelbeilage, 1 Zuspeise Kompott oder Gebäck. Lei 8 für ein Nachtmahl bestehend aus: 1/4 Gulasch mit Kartoffelbeilage, Pirogen oder Milchiges und 1 Glas Tee. Es sei besonders bemerkt, daß diese Reduzierung unbeschadet der Qualität der Mahlzeiten erfolgt ist, die nach wie vor kräftig und ausgiebig sind. Die Leitung der Arbeiterküche „Poale-Zion“.

(330112c2)


Unfallschronik [S. 2, rechts, Mitte]
Montag um 3 Uhr nachmittags glitt die in der Siebenbürgerstraße 3 wohnhafte 38-jährige Frau Rosa Schmucker, als sie am Ringplatz das Straßengeleise überqueren wollten, so unglücklich aus, daß sie die Wirbelsäule brach und in lebensgefährlichem Zustande in das Landespital geschafft wurde. - Gestern um 1 Uhr mittags stürzte der in der Bachgasse 15 wohnhafte 37-jährige Kriegsinvalide Leon Sonderling, der im Begriffe war, in der Nähe des Unirea-Denkmals den Ringplatz zu überqueren und erlitt einen Bruch der Wirbelsäule. Er wurde in schwerverletztem Zustand in das Landespital gebracht.

Brand [S. 2, rechts, unten]
Montag um halb 7 Uhr abends brach in der Heringsräucherei des Herrn Emanuel Schächter in der Pruthgasse 18 durch einen Kamindefekt ein Brand aus, der sich rasch über den ganzen Dachboden verbreitete und nur mit Aufbietung aller Kräfte und nach mehr als halbstündiger Arbeit der Feuerwehr gelöscht werden konnte.

Wäschediebstahl [S. 2, rechts, unten]
Der in der Teichgasse 25 wohnhafte Georg Krawetzki brachte zur Anzeige, daß unbekannte Täter aus seinem Dachboden Wäsche im Werte von 8000 Lei entwendet haben.

(330112i2)


Seite 3

Stalins Programm [S. 3, oben, Mitte]
Moskau, 10. Jänner (Tel. des „Tag“). Die große Rede, die Stalin vor dem Kongreß gehalten [hat], wird heute veröffentlicht. Stalin faßte das Ergebnis der russischen Politik in der Lösung folgender Probleme zusammen: Fünfjahresplan, moderne Technik, Selbstständigkeit Sowjetrußlands gegenüber dem Weltkapitalismus, wirtschaftliche Unabhängigkeit und Landwirtschaft. Stalin stellte fest, daß die Aufhebung des Fünfjahresplanes bis auf 6 % erfüllt sei. Die auswärtige Stellung Sowjetrußlands sei berührt durch Abschlüsse von Nichtangriffspakten und die Lage im fernen Osten. Die Verteidigungsstellung Sowjetrußlands ist im gewünschten Maße erreicht. Ob im zweiten Fünfjahresplan dieselben Grundsätze wie früher gelten sollten, das steht noch nicht fest. Größte Aufmerksamkeit gilt der Aufgabe der Kollektivierung der Landwirtschaft. Bisher seien 200 000 kollektivistische landwirtschaftliche Organisationen geschaffen worden, die vorläufig noch unrentabel sind, aber in zwei bis drei Jahren rentabel sein werden.

(330112w3)


Die Eisenbahnarbeiter protestieren [S. 3, Mitte]
gegen die beabsichtigte Gehaltsreduzierung

Bukarest, 10. Jänner. (Tel. des „Tag“.) Unter den Eisenbahnarbeitern des ganzen Landes herrscht große Unzufriedenheit über die bevorstehende Reduzierung der Gehälter.
In den nächsten Tagen wird eine Versammlung einberufen, an der Vertreter des ganzen Landes teilnehmen werden. In der Versammlung soll gegen die beabsichtigte Kürzung der Gehälter Stellung genommen werden.

(330112r3)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 250, Freitag, 13.01.33

Postby Klaus Binder on 13. January 2011, 00:07

Seite 1

Aktualitäten [S. 1, oben, rechts]
Die Bascauteanu. Die Begleitumstände des Kommunistenprozesses Bascauteanu, der heute vormittags beginnt, heben diesen Fall aus der Reihe ähnlicher Kriminalfälle hoch hinaus. Hier an dieser Stelle interessiert weder der politische noch der kriminelle Fall, das wird in der Rubrik „Gerichtssaal“ ausführlich besprochen werden; was dem Prozeß die Marke aufdrückt, sind die Vorfälle bei der Polizei, welche vor wenigen Wochen den größten Alarm hervorgerufen haben. Nun steht Polia Bascauteanu mit ihren Genossen vor den Richtern. Diese werden das Urteil sprechen, ob die Angeklagten sich gegen die Einrichtungen des Staates vergangen haben. Doch, wie gesagt, der Strafrechtsfall hat fast sekundäre Bedeutung erlangt, weil die Oeffentlichkeit in erster Linie wissen will, ob die Begriffe der Humanität und Zivilisation während der polizeilichen Untersuchung verletzt wurden. Der Staat ist genug mächtig, um alle, die sich außerhalb des Gesetzes stellen wollen, zu fassen und sie in die Schranken zu weisen. Wenn die Justiz den Täter bereits hat, dann ist es nun in diesem Falle kein Kunstwerk, die Beweise für die Schuld zu liefern. Und wenn die Polizei die geistigen und technischen Mittel für die Ueberführung des Angeklagten zu einem Schuldbekenntnis nicht besitzt, dann darf auch wie hier nicht die Brutalität und mittelalterliche Folter Ersatzdienste leisten. Der Prozeß Bascauteanu ist heute gleichzeitig ein Prozeß gegen das Rottenbergregime. Es war genug Staub aufgewirbelt. Man glaubte dem Aufschrei der Angeklagten, daß sie unter Tortur gestanden sind; aber das genügt nicht: das Publikum will die Wahrheit erfahren. Vor Gericht soll die Wahrheit aufkommen. Darum gewinnt der Prozeß Aufmerksamkeit und das besondere Interesse. Man hat zur Justiz unter allen Institutionen das größte Vertrauen.

(330113c1)


Die englischen Faszisten - keine Antisemiten [S. 1, rechts, Mitte]
Die faszistische Partei des ehemaligen Labour-Führers Sir Oswald Mosley treibt keine Rassenpolitik und verfolgt keine antisemitischen Ziele. Diese Tatsache ist mit allem Nachdruck unterstrichen in einem Schreiben des Parteiführers selbst an den Großindustriellen Lord Henry Melchett, der dieses Schreiben dem „Pester Lloyd“ zur Verfügung gestellt hat:

„An Lord Henry Melchett, London. Ich danke für Ihren Brief vom 15. d. M. Aus meiner Auffassung über die Stellungnahme der Britischen Faszistischen Union zur Judenfrage folgt, daß der Antisemitismus in der Politik dieser Organisation keinen Patz hat und daß für deren Mitglieder die antisemitische Propaganda verboten ist. Sie würden mich zu größtem Dank verpflichten, wenn Sie alle, die sich für diese Frage interessieren, in diesem Sinne zu informieren die Güte hätten, da über diesen Gegenstand viele Mißverständnisse entstanden sind und auch einige Begriffsverwirrung angestiftet wurde.
Gez. Oswald Mosley.“


Dieses Schreiben des englischen Faszistenführers ist, wie der „P. Lloyd“ hinzufügt, ein vollkräftiger Beweis gegen verschiedene Gerüchte, die im Zusammenhang mit der „rassenpolitischen“ Einstellung der englischen Faszisten ausgestreut worden sind. „Die englische faszistische Partei ist national, aber nicht antisemitisch. Wir möchten zu dem im Schreiben Sir Oswald Mosleys enthaltenen Tatbestand noch hinzufügen, daß die englischen Faszisten in ihrer von Intoleranz und Rassenhaß freien Haltung in der Judenfrage mit den italienischen Faszisten, deren Ideologie den Antisemitismus ebenfalls ausschließt, vollkommen übereinstimmen. Es zeigt sich also, daß von den Parteien, die mit mehr oder weniger Recht sich auf eine ideologische Gemeinschaft mit der Partei Mussolinis berufen, einzig die deutsche Hitler-Partei (und Cuza…!!) das traurige Privileg der antisemitischen Hetzlehre für sich in Anspruch nimmt.“

(330113w1)
_____
http://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Mond ... n_Melchett
http://de.wikipedia.org/wiki/Oswald_Mosley
http://www.oswaldmosley.com/
http://www.youtube.com/watch?v=MrNRS7vN5uU



Seite 2

Gerichts-„Tag“
Die Lex Marzescu verfassungswidrig [S. 2, oben, Mitte]
I. Abteilung des Strafgerichts

Vorsitzender: OLGR. Dr. Bibring. Beisitzender: TRP. Dr. Sarbu Staatsanwalt: OLGR. Dr. Cuparencu.
Gestern gelangte neuerlich der seit bald drei Monaten laufende Prozeß gegen die 28, der Geheimbündelei und kommunistischen Propaganda angeklagten Hochschüler zur Verhandlung. Schon vor einigen Wochen sollte das Urteil in diesem Prozeß gefällt werden; da sich aber unter den Mitgliedern des damaligen Senats Meinungsverschiedenheiten geltend machten, wurde beschlossen, einen dritten Richter hinzuzuziehen. Dem Gesetz für die Organisierung der Bezirksgerichte gemäß, fand indessen am 1. Jänner eine neuerliche Verteilung der Richter an die einzelnen Sektionen statt, so daß gestern der Prozeß vor einem neuen Senat zur Verhandlung gelangte. Nachdem auf ein neuerliches Aufrollen des Verfahrens seitens der Richter verzichtet wurde, begannen um 10 Uhr die Plädoyers, die bis um 5 Uhr nachmittags dauerten. Der Staatsanwalt forderte die strenge Bestrafung der Angeklagten, die sich als Intellektuelle mit hoher Kultur der Tragweite ihrer Handlungen bewußt gewesen sein müßten. Der Gerichtshof möge durch eine harte Beurteilung des Falles ein exemplarisches Beispiel statuieren. Dekan Dr. Radulescu führte in seinem Plädoyer aus, daß hier ein Prozeß um eine politische Meinung vorliegen, die wie jede andere Meinung durch die Verfassung garantiert sei. Auch der Kommunismus sei nichts anderes als eine politische Doktrin, die sowohl durch die Konstitution als auch durch das Wahlgesetz gesichert würde. Er fand scharfe Worte gegen die Malträtierungen bei der Polizei und die nationale Bigotterie, die sich durch Unterschiede der ethnischen Abstammung in ihren Urteilen leiten lasse. Er wies hierauf an Hand eines bei den Studenten gefundenen Manifestes nach, daß die den Angeklagten zur Last gelegten Delikte nicht unter die Kompetenz der Lex Marzescu fallen. Die Angeklagten hätten lediglich untereinander eine revolutionäre Vereinigung ins Leben gerufen, ohne die Ambition, ihre Ideen in der Oeffentlichkeit zu verbreiten. Er verlange daher den Freispruch sämtlicher Angeklagten. Advokat Nicu Adelstein erbrachte den Nachweis, daß weder Akten noch Manifeste von den Angeklagten verteilt worden seien, und daß auch der angeblich gefundene Schapirograph nur in den durch Gewaltanwendung der Polizeiorgane erpreßten Erklärungen der Angeklagten vorhanden sei. Sämtliche Angaben der Polizei stammten von Seiten des Hochschülers Dagobert Oster, der die Rolle eines Denunzianten innehatte, und dann mit Hilfe der Polizei und mit einem ihm von ihr ausgehändigten Paß nach Paris geflüchtet sei. Seinen Angaben seien als solchen eines verwerflichen Menschen kein Glaube zu schenken. Auch seien die Verbindungen zwischen den Angeklagten, von welchen einige einander nicht einmal kannten, von der Polizei willkürlich hergestellt worden. Es folgten noch die Plädoyers der Advokaten Schapirin, Bitter, Dr. Edmund Melzer, Kupferschmied und Dr. Hitzig, der zum Vergleiche die Urteile in früher zur Verhandlung gelangten Prozessen ähnlicher Natur aufzählte und den Freispruch der Angeklagten verlangte. Die Urteilsverkündung wurde hierauf für den 16. ds. vertagt.

(330113c2)


Seite 3

Schuhhändler gegen die neuen Steuern [S. 3, oben, links]
Aus Bukarest wird gemeldet: Im „Sfatul Negustoresc“ fand eine Beratung der Schuhhändler statt, in der scharfer Protest gegen die Einführung der neuen Steuern von 16 Prozent auf Schuhe erhoben wurde. In einem Memorandum an den Handelsminister wird darauf verwiesen, daß die Luxussteuer nur auf Champagner, Rassenjagdhunde, Stiglitze, Kanarienvögel ec. angewendet werden darf, nicht aber auf Schuhe, einem so notwendigen Bedarfsartikel.

(330113r3)


Seite 4

Belagerungszustand in Spanien [S. 4, rechts, unten]
Ausschreitungen der Aufständischen

Madrid, 11. Jänner. (Tel. des „Tag“). Da die Unruhen der radikalen Elemente in den Städten Spaniens nicht zurückgingen, hat die Regierung die Verhängung des Belagerungszustandes verfügt.
In Madrid, Valencia, Barcelona, Saragossa und Mursi kam es heute zu weiteren Ausschreitungen. Die Gendarmerie konnte nach schweren Kämpfen den Widerstand der Aufständischen brechen und die Ordnung wieder herstellen.
In Valencia wurde eine Bombe gegen ein Auto, in welchem sich eine Abteilung Gendarmerie befand, geworfen. Die Explosion wurde dadurch verhindert, dass es einem der Gendarmen gelang, während des Wurfes die Zündschnur abzuschneiden.
Der Generalstreik dehnte sich auch auf Cadix aus.
Bisher zählt man als Opfer der Aufstandsbewegung 28 Tote und mehr als 100 Verletzte.

(330113w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 251, Samstag, 14.01.33

Postby Klaus Binder on 13. January 2011, 23:02

Seite 1

Zunächst halbe Lösung: [S. 1, oben, links]
Manius Demission
Noch immer Versuch mit den Nationalzaranisten - sonst Duca

Bukarest, 12. Jänner (Tel. des „Tag“). Die gestern übermittelte Nachricht, wienach die Regierung Maniu trotz der Formel Titulescus zurücktreten wird, hat sich nun bewahrheitet. Während des Tages fanden Besprechungen zwischen den Mitgliedern der Regierung und Titulescu statt. Es kam aber zu keinem Einvernehmen hinsichtlich eines Weiterverbleibens des gegenwärtigen Kabinetts.

Ministerpräsident Maniu erschien gegen 12 Uhr mittags beim König. Der König hörte den Ministerpräsidenten an, gab ihm bis zum Nachmittag Bedenkzeit, damit er sich noch einmal schlüssig werde, ob er seinen Standpunkt aufrechterhalte. Der König nahm also die Demission nicht an.

Nach der Audienz hatte Maniu mit seinen Parteifreunden eine neuerliche Beratung, erschien schließlich um 4 Uhr nachmittags wieder in Audienz beim Monarchen und unterbreitete ihm die Gesamtdemission des Kabinettes. Der König nahm nun die Demission an, ersuchte aber Maniu, die Regierungsgeschäfte bis zur Bildung der neuen Regierung zu leiten.

Der König befragte auch den Ministerpräsidenten, wen er als Nachfolger vorschlage. Maniu nannte Vaida, umsomehr, als in diesem Kabinett auch Mitglieder der gegenwärtigen Regierung vertreten sein und Titulescu ein Portefeuille annehmen werde.

Wer kommt?
Die Audienzen beim König werden heute beginnen. In politischen Kreisen ist man noch immer nicht sicher, wer mit der Regierungsbildung betraut werden wird.

Man nennt drei Personen, die für eine Regierungsbildung in Betracht kommen, und zwar Vaida, Mironescu oder Titulescu.

Sollte diese drei Persönlichkeiten die Mission nicht annehmen oder diese ihnen nicht gelingen, so wird der König den Führer der Liberalen mit der Regierungsbildung betrauen.

Im letzten Moment tauchte auch der Name des Justizministers Mihai Popovici auf, der eventuell mit der Regierungsbildung betraut werden soll.

Vaida eingetroffen
Gestern spät abends ist hier Vaida eingetroffen und dürfte nach dem Senats- und Kammerpräsidenten zunächst vom König empfangen werden. Der König legt viel Wert darauf, daß die neue Regierung aus der Mitte der Nationalzaranisten gebildet wird, damit diese mit dem gegenwärtigen Parlament arbeiten soll.

Der neue Gesandte für London
Große Ueberraschung hat in politischen Kreisen die Tatsache hervorgerufen, daß im letzten Moment der bisherige Unterstaatssekretär im Außenministerium Savel Radulescu zum Gesandten in London ernannt wurde. Man glaubt, daß diese Ernennung deshalb erfolgte, um Titulescu, der noch immer auf diesen Posten aspirierte, zu bewegen, im Lande zu verbleiben und sich der Innenpolitik zu widmen. Titulescu soll in jedem Kabinett, das kommt, das Außenministerium bekleiden.

Nach der Audienz beim König trat ein Ministerrat zusammen, in welchem Ministerpräsident Maniu Bericht über die erfolgte Demission und deren Annahme durch den König erstattete. Hernach wurden laufende Angelegenheiten erledigt.

(330114r1)


Molotows Prognose für 1933 [S. 1, unten, rechts]
Moskau, 12. Jänner (Tel. des „Tag“). Heute wird die Rede des Präsidenten der Volkskommissäre, Molotow, auf dem Kongreß der Gewerkschaften veröffentlicht. Molotow erstattete Bericht über die Situation des vergangenen Jahres und legte den Wirtschaftsplan für 1933 vor. Er sagte: Das erste Jahr des zweiten Fünfjahreplanes darf nicht in dem Tempo vor sich gehen wie die vergangenen fünf Jahre. Die wichtigste Aufgabe ist:
1. die Steigerung der Arbeitsproduktivität,
2. die Selbstständigkeit in der Landwirtschaft und
3. die Verbesserung der Qualität der Arbeit. Schon jetzt ist der Beweis für die günstigen Aussichten der Kollektivierung der Landwirtschaft erbracht. Wir müssen darauf sehen, den Warenumsatz zwischen Stadt und Land zu fördern, die Organisation der Lieferungen zu verbessern. Der Verwaltungsapparat und die proletarische Macht der proletarischen Diktatur müssen gestärkt werden. Weiters erklärte Molotow: Man kann mit Befriedigung feststellen, daß in der Frage der Wehrhaftmachung die Aufgaben des Fünfjahreplanes erfüllt seien. Ein Wirtschaftskrieg gegen Sowjetrußland kann nicht mehr geführt werden. Der Erfolg des ersten Fünfjahreplanes habe nur bewiesen, wie richtig die bisherige Politik war. Es muß aber noch viel zur Mobilisierung aller unserer Kräfte geschehen, so schloß Molotow, es muß eine größere Aktivität erreicht werden.

(330114w1)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Wjatschesl ... ch_Molotow
http://www.youtube.com/watch?v=diP9TpkiQgw



Seite 2

Gerichts-„Tag“
Der Prozeß gegen die Vascauteanu & Konsorten [S. 2, oben, Mitte]
II. Abteilung des Strafgerichtes

Vorsitzender: TBP. Marino; Beisitzender: TBP. Joachim. Staatsanwalt: OLGR. Cuparencu.
Gestern um 11 Uhr vormittags wurde der Prozeß gegen Polja Vascauteanu (die „schwarze Natascha“), Jossie Feldmann, Alfred Künstlich, Anna Koifmann, Romuald Süßmann, Wilhelm Eisenstein, Elias Medilanski, Armin Dubs unter Anwesenheit eines zahlreichen Auditoriums eröffnet. Schon längere Zeit vor Beginn der Verhandlung hatte sich eine große Menge von antisemitischen Studenten im Verhandlungssaal eingefunden, in dem auch eine Anzahl von Polizeiagenten und Wachleuten Posten gefaßt hatte.
Gleich zu Beginn der Verhandlung machte Advokat Gheorghian die Mitteilung, daß dem Angeklagten Süßmann erst am Abend zuvor die Vorladung zugestellt worden und die Verteidigung nicht in der Lage gewesen sei, sich zur Verhandlung vorzubereiten. Aus diesem Grunde beantrage er die Vertagung der Verhandlung. Advokat Dr. Dorostei forderte die Enthaftung des Angeklagten Feldmann gegen moralische und materielle Kaution, da Feldmann Student sei, seinen ständigen Wohnsitz in Czernowitz habe und sein leidender Gesundheitszustand durch eine weitere Haft Schaden erleiden könne. Ihm schließt sich Dr. Hitzig an, der verlangte, daß Polja Vascauteanu, die leidend und deren Schuld nicht größer sei als die der anderen Angeklagten, auf freien Fuß gesetzt werde.

Der Staatsanwalt opponierte gegen diese Anträge mit dem Hinweis auf eine eventuelle Fluchtgefahr und im Interesse der öffentlichen Sicherheit.

Der Gerichtshof zieht sich sodann zur Beratung zurück, lehnt die Enthaftungsanträge ab und vertagt den Prozeß für den 19. d. um 9 Uhr.

Blutige Mißhandlungen unter den Augen der Polizei
Schon im Verhandlungssaal fiel es auf, daß der ohnehin kleine Saal zum größten Teil von Polizei und von antisemitischen Studenten gefüllt war, sodaß für das Auditorium nur ein sehr geringer Raum übrig blieb. Die sehr zahlreiche Wachmannschaft, die Zwischenfälle befürchtete, bemüht sich vergeblich, die nach Beendigung der Verhandlung vor dem Verhandlungssaal wartende Menge zu zerstreuen, und da diese nicht Anstalten machte, ihren Platz zu verlassen, mußten die Häftlinge Polja Vascauteanu, Jossie Feldmann und Alfred Künstlich unter starkem Wacheaufgebot durch die Seitengänge des Justizpalastes in’s Freie geführt werden. Während das Verhalten der Wachmannschaft ein durchaus korrektes war und sie sich größte Mühe gab, die Ordnung im Saale und auch weiterhin auf dem Wege zum Gefängnis aufrecht zu erhalten, muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Zivilagenten, bei denen man doch einen höheren Bildungsgrad vermuten sollte, bei den folgenden Vorfällen eine sehr klägliche und verwerfliche Rolle spielten. Statt den Häftlingen sicheres Geleite zu gewähren, hielten sie sich während des Zuges zum Ghica-Voda-Platz im Hintergrund und versagten ihnen so den Schutz vor eventuellen Angriffen. In der Nähe des Gefängniseingangs wurden dann auch die Häftlinge von einer größeren Menge cuzistischer Studenten, die sich mit dem Ausruf „Nieder mit dem Kommunismus“! auf sie stürzten, überfallen. Künstlich erhielt mit einem stumpfen Gegenstand eine tiefe Wunde am Kopf und die Kleider wurden dem Wehrlosen beinahe vom Leibe gerissen. Polja Vascauteanu erlitt einen Ohnmachtsanfall, während Jossie Feldmann heil davonkam. Die Vertreter der Polizei sahen diesen Vorgängen zu und unternahmen keinerlei Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ruhe; erst als sich eine große Menschenmenge angesammelt hatte, begannen sie einzuschreiten. Als ein junger Mann sich des Künstlich annehmen wollte, wurde er von einer Gruppe cuzistischer Studenten mißhandelt. Er ergriff die Flucht, wurde aber vor dem Kriegerdenkmal von einigen ihm nacheilenden Studenten verfolgt, die ihn und einen zweiten Burschen auf vandalische Weise attackierten und verprügelten. Die Namen der Mißhandelten sind Harband und Fischmann.

*
Wir wollen uns nichts vormachen und die Dinge nicht schwärzer sehen, als sie sind: Ausschreitungen und Demonstrationen auf den Straßen kommen überall vor, und daß dabei vollständig Unschuldige, Unbeteiligte von Rohlingen verprügelt werden, ist ebenfalls keine Neuigkeit. Ein Blick in die tägliche Presse des Auslandes bestätigt diese traurige Wahrheit, mit der man sich zu guter Letzt abgefunden hat. In Deutschland sind es die Nationalsozialisten und Kommunisten, die einander fast täglich blutige Straßenschlachten liefern, in Spanien sind es jetzt die Aufständischen, in Genf, der Stadt des Friedens, waren es vor Kurzem die Arbeitslosen, in Rumänien sind es die Cuzisten, die nicht nur auf der Straße, sondern sogar im Parlament Brachialgewalt als Argumentation in ihrer mageren Weisheit anwenden.

Aber was gestern vor dem Gefängnisgebäude am Ghica-Voda-Platz geschah, verdient richtig festgehalten und beleuchtet zu werden. Junge Menschen standen soeben vor dem Richter, dessen Strenge bekannt ist, und zitterten für ihre Freiheit, die für alle Fälle bereits eine starke Einbuße erlitten hat und eine noch stärkere, nach der Urteilsfällung, erleiden dürfte. Die Vertagung des Prozesses Vascauteanu, Feldmann und der anderen Angeklagten bedeutet für sie nur eine Qualverlängerung, und in dieser Gemütsverfassung werden nun die Häftlinge in die Freiheit geführt, die sie nur wenige Minuten - solange, als der Weg vom Justizpalais bis zum Tribunal dauert - annähernd erahnen dürfen. Denn sie sind ja nicht frei, rechts und links gehen Polizeiagenten und Polizisten, die Bedeckung ist scharf und an Fluchtversuche ist gar nicht zu denken.

Die Häftlinge sind seelisch und - dank der scharfen Bewachung - auch physisch gefesselt; sie sind ohnmächtig, wehrlos, hilflos; sie werden ins Gefängnis gebracht, von wo sie denselben Golgathaweg in acht Tagen werden antreten müssen, um dem Richter Rede und Antwort zu stehen; sie werden dort nach acht Tagen ihr Urteil erfahren und gewiß - geben wir uns keinen Illusionen hin - zurückwandern müssen ins dunkle, steinerne Gefängnis. Für wie lange? Man weiß es nicht. Aber sie, die jugendlichen Angeklagten, sind machtlos und wehrlos und können auf keinerlei Angriffe reagieren.

Und Menschen in diesem Zustand, in dieser Verfassung, Gefangene, die im Begriff sind, in die Strafanstalt zurückzugehen, zu überfallen und sie blutig zu mißhandeln, dazu gehört mehr als Brutalität; dazu gehört etwas, was keinem Menschen verziehen werden kann: Feigheit.

Und die Polizei? Es ist besser zu schweigen, weil man sich sonst in dem ohnmächtigen Groll gegen die Polizei verzehrt, ohne Besserung herbeiführen zu können. Was nützt das Schreien, das Schreiben, das Anprangern? Die Polizei hat den Studenten direkt oder indirekt, Vorschub geleistet, indem sie ihnen freie Hand ließ, die Herren Zivilagenten haben sich vor dem Tribunal nicht gerührt, als man einen der Häftlinge mißhandelte; und daß diese Beamten, die ihrer Pflicht mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben, die kläglich versagten oder versagen wollten, gemütliche Zuschauer des Trauerspiels waren, in dem Feigheit und Brutalität triumphierten, daß diese Leute heute, morgen und noch viel länger Dienst machen werden, daß sie heute oder morgen andere Menschen verhaften, kujonieren, sich als Schützer der Ordnung und Sicherheit der Stadt und des Staates ausgeben und als solche respektiert, besser gesagt, gefürchtet werden - das ist so erschütternd, daß es besser ist, die Augen zu schließen und sich die Ohren zu verstopfen, nur nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu hören.

Ein Augenzeuge berichtet dem „Tag“
Die Polizei war auf Störungen durch Studenten gefaßt. Sie hatte deshalb ein größeres Wachaufgebot der Justiz zur Verfügung gestellt. Die Studenten wollten gegen den Bukarester Advokaten Patrascanu, der zur Verteidigung angemeldet war, demonstrieren. Schon während der kurzen Verhandlung hörte man einen Sprechchor, der sich bemerkbar zu machen suchte. Die drei in Haft befindlichen Angeklagten wurden durch ein Seitentor des Justizpalais ins Freie geführt und traten von hier den Weg durch die Mikuliczgasse zum Strafgericht an. Ungefähr zwanzig Studenten begleitete die Eskorte (Voran ging die Vascauteanu zwischen zwei Wachleuten, rückwärts ein Justizsoldat; dann folgten Künstlich und Feldmann unter ebensolcher Bedeckung. Es waren zehn Agenten zur Bewachung zugezogen. Die Eskorte stand unter dem Kommando eines Subkommissars). Die Studenten bewarfen während des ganzen Weges die Verhafteten mit Schneeballen und Eisstücken. Die Eskorte sah darin keinen Grund zum Einschreiten. Unausgesetzt fielen Rufe: „An den Galgen mit den Kommunisten!“ „Nieder mit den Advokaten der Kommunisten!“ Vor dem Hauptportale des Strafgerichtes angelangt, erwarteten die vorausgelaufenen Studenten den Zug. Die Vascauteanu konnte noch ins Tor gelangen, und jetzt stürzten sich die Studenten auf Künstlich. Die Agenten erhielten Zurufe von der Menge, auch mit Drohungen, warum sie stillehalten und nicht die Angreifer abwehren. Die Agenten machten Bemerkungen, daß sie gegen die Studenten nichts ausrichten können; zum Teil lachten sie, es war für sie ein Spaß, zum anderen Teile gaben sie ausweichende Auskünfte. Inzwischen war die von den Studenten geübte „Lynchjustiz“ vollendet.

(330114c2)


Palästinareise der Bukow. Zion. Landesorganisation [S. 2, rechts, Mitte]
Die Gesellschaftsreise der Bukow. Zion. Landesorganisation findet in der Zeit vom 11. März bis zum 7. April 1933 statt. Im Lande ist ein 16-tägiger Aufenthalt vorgesehen. Es ist entsprechende Vorsorge für eine eingehende Besichtigung des Jüd. Palästina getroffen worden. Es werden Jerusalem, Tel-Aviv, Haifa, ferner die Kolonien von Emek, Scharon-Ebene, Galil besucht werden.
Die Preise der Reise von Cernauti und zurück bis Cernauti einschließlich Verpflegung und entsprechender Unterkunft, inklusive Autofahrten in ganz Palästina mit Führern, Trinkgelder, ec. stellen sich wie folgt:
I. kl. .... 24.5630 Lei
II. kl. .... 19.530 Lei
III. kl. .... 14.700 Lei

Die technische Durchführung dieser Reise hat das Weltreiseunternehmen Wagons-Lits Cook übernommen.

Mündliche und schriftliche Anmeldungen und Auskünfte werden bis zum 20. dieses Monats im Bureau der Zion. Land. Organ. und beim Weltreiseunternehmen Wagons-Lits Cook Herrengasse 1, Tel. 423 erteilt und entgegengenommen. Detaillierte Prospekte werden in den nächsten Tagen den einzelnen Interessenten zugehen.

(330114c2)


Seite 4

Selbstmord der Tochter Trotzkis [S. 4, rechts, Mitte]
Berlin, 12. Jänner (Tel. des „Tag“). Frau Wolkow, die Tochter Trotzkis, die im Jahre 1931 nach Deutschland kam, um hier Genesung von einem Brustleiden zu finden, welches sie sich in Prinkipo zugezogen hatte, beging hier Selbstmord, da ihr die Aufenthaltsbewilligung in Deutschland nicht mehr verlängert werden sollte. Auch einem Sohn Trotzkis, der Student des Berliner Polytechnikums ist, wurde mitgeteilt, daß er die deutsche Hauptstadt verlassen müsse.

(330114w4)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Sinaida_Lwowna_Wolkowa
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 252, Sonntag, 15.01.33

Postby Klaus Binder on 15. January 2011, 04:00

Seite 1

Polizei [S. 1, oben, rechts]
Mit der Prügelszene vor dem Haupttor des Strafgerichtes, die der „Tag“ gestern ausführlich schilderte, ist der letzte Rest der Autorität einer Behörde, die der Bevölkerung Garantie für Schutz und Sicherheit bot, zugrunde gegangen. Man darf darüber nicht frohlocken; denn mit dem Verschwinden der Autorität der Polizei verschwindet auch so manches, was uns bisher Kulturgut war. Wenn man heute seines Lebens und seines Eigentums nicht mehr sicher ist, wenn man auf der Straße von jedem Huligan angespuckt und angepißt werden darf, wenn die Ehre von Frauen und Kindern nichts mehr gilt, wenn also alles das, was in schweren Kämpfen errungen wurde, zu bestehen aufhört, weil die staatliche Organisation, die zum Schutze der Kulturerrungenschaften eingesetzt wurde, fallit geworden ist: dann muß man das große Klagelied anstimmen und erwägen, ob nicht auf den Trümmern der durch Politik, Kriegsverhältnisse, Parteiregime und Studententerror zusammengebrochenen Institutionen nicht ein neues Werk sich aufbauen ließe, welches uns das Verlorene wiedergibt.
Die Polizei in Czernowitz ist verelendet wie so manches in diesem Staate. Schlecht- oder unbezahlte Polizeibeamte können nicht ihr Leben einsetzen zur Abwehr gegen bedrohtes Leben oder Eigentum; minderbefähigte Beamte sind kein Ersatz für qualifizierte Beamtenleistungen; Protegés ersetzen nicht eine Stelle, sondern umgekehrt, sie demoralisieren noch die Umgebung; wo der Fortschritt der Technik täglich neue Errungenschaften bringt, kann nicht eine ständig zusammenbröckelnde Einrichtung gleichrangige Dienste leisten; was hundert fachgemäß ausgebildete Polizeikräfte einmal leisteten, eine kleine Eskadron berittener Polizei, was technische Leistungen vollbrachten, Ausstattungen mit Daktiloskopie, Fernsprecher ec., das können nicht mehr Abbreviaturen von Fachmännern und Einrichtungen ersetzen; nicht einmal ein Pferdeschwanz ist von dem ehemals schönen Polizeistall geblieben; statt juristisch vorgebildeter Polizeibeamte gibt es mit schlechter Vorbildung adjustierte und moralisch und geistig kaum befähigte Ersatzgrößen, dem Feldwebelstand entnommen, denen man die Verantwortung eines Journal- und Kriminaldienstes überläßt. Und dazu kommt noch die Disziplinlosigkeit in der Schulung des Beamten, in dieser Zeit, da sich Kämpfe um Anschauungen vollziehen, die auf alle Schichten übergreifen und in erster Linie die leicht vibrierende Phantasie der Jugend erfassen. Man erwartet ein Verstehen und die Kunst, das Verständnis den Untergebenen einzuimpfen, von einer Leitung, die nicht die Köpfe bloß in die antiquierten Bücher gestopft hat. Gerade die Polizei ist der Apparat, der bei jeder Veränderung der sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umschichtung das Alarmsignal zu überwachen hätte. Die Krise und die Arbeitslosenbewegung haben auch vor Czernowitz nicht Halt gemacht. Auch hierher ist die Wirkung der Uebermacht der Maschine über des Arbeiters Schicksal gedrungen. Erst diese wirtschaftlichen Niedergänge haben den Radikalismus gezeitigt, und die ganze Welt weiß heute, belehrt von den Männern der Wissenschaft, übrigens auch aus der eigenen Erfahrung, daß dieser Radikalismus von Links und Rechts erst getötet werden kann, wenn das Ende der Wirtschaftsnot gekommen sein wird. Soll die Polizei in ihrem Tun und Lassen von diesen Strömungen ganz unabhängig handeln? Die neue Zeit hat aber auch, und besonders die in Rumänien, politische Extratouren der Studenten entstehen lassen, die die Ordnung außerordentlich bedrohen, für deren Ursachen man vielleicht Verständnis hatte, die man aber unbedingt wieder in das normale Geleise zurückbringen muß. Diese Ansicht hat gestern ein höherer Polizeibeamter bestätigt. Die Welle, die alle Universitäten, man kann ruhig sagen, Europas ergriffen hat, die Welle der Jugendkrise, die Gefahr, ein Studium zu vollenden, ohne auch nur geringe Chancen für die Zukunft zu besitzen, diese Welle, die in die Hoffnungslosigkeit steuert, und die auch mit den Weltereignissen zusammenhängt, hat bei uns in Rumänien zur unartigsten Abart geführt, der Unart, die Autorität der Polizei nullifiziert zu haben. Gleichgültig, ob Prag, Wien, Berlin, Lemberg oder Rom, überall wo sich Studenten in ihrem berechtigten Eifer für die Wahrung ihrer Rechte durch Exzesse eingesetzt haben, ist, falls die Demonstrationen Recht und Eigentum anderer angreifen, der Staatsapparat durch seine Polizeigewalt dazwischengefahren. Bei uns jedoch gerät ein ganzer Polizeiapparat ins Stocken, und die sonst wichtige Sprache des Ordnungshüters wird zur Stummheit verdammt, wenn selbst der kleinste Student die Hand aufhebt. Nur so ist zu erklären, daß drei Gefangene, umgeben von einer Polizeieskorte, fünfundzwanzig Mann stark, von einer Handvoll Studenten geschlagen wurden. Aber hier geht es nicht allein darum, sondern um das wichtigste Prinzip, daß die Polizei zugibt, sie habe nicht mehr die Macht in dieser Stadt, wenn der demonstrierende Student sich regt. Es kommt noch dazu, daß überschnappte, größenwahnsinnige, korrupte, schlagkräftige, sadistisch veranlagte, von der Wirtschaftskrise und den leeren Kassen zu Polizeikommissären beförderte Polizeiochsen ihren Machtdünkel austoben lassen. Damit ist das Bild vollendet, das über die Czernowitzer Polizeigewalt hier gemalt werden sollte.
Es kann der Stadt nicht gleichgültig sein, daß das Renommee der Polizei futsch gegangen ist. Die Niederlage der Polizei darf nicht Trumpf werden. Die es so meinen, sind bestimmt nicht Ordnungshüter. Wir wollen Umsturz, in diesem Falle Reorganisation, um nicht eine maskierte Ordnung stabil werden zu lassen. Die Szene vor dem Haustor des Strafgerichtes war das letzte Sturmzeichen, daß es mit dieser Ordnungshüterei nicht mehr geht.
A. S. [Arnold Schwarz]

(330115r1)


Seite 2

Alfred Kittner [S. 2, oben, links]
Der Bildner …

(Für Opanas Schewtschukewicz).

Nachtschwerem Schlaf entrangen sich die Mythen,
die nun die Kundschaft seiner Hände sind;
Geschöpfe und Gespenster groß erblühten
aus einer Stille, die im Winterwind,

im harten Schatten knorrigen Geästes
viel Abenteuer in sein Horchen flochten,
dann bildet er aus weichem Ton ein Festes,
in dem die Adern seiner Träume pochten,

bis wild sich hinter seinen Kinderaugen
die heiße Welt zu sprödem Stein verwächst
und sein Gehirn die Früchte und die Blüten,

die schmerzend sich in sein Bewußtsein saugen,

zu morschen Meteoren hext,
um die sich krampfhaft seine Hände mühten.

(330115a2)


Todesfälle [S. 2, Mitte, rechts]
Gestern nachmittags ist der Finanzrat Dr. Albrecht Knittel, der Leiter der Gebührenabteilung der Finanzadministration, nach kurzem Leiden im Alter von 39 Jahren gestorben. Der Verblichene war als korrekter und angesehener Beamter bekannt und erfreute sich bei seinen Vorgesetzten, bei den Kollegen sowie bei der gesamten Bevölkerung, die mit ihm in Berührung kam, allgemeinen Ansehens und Vertrauens. Das Leichenbegängnis findet am Sonntag, um 3 Uhr nachmittags von der Friedhofskapelle aus statt.

Gestern ist hier der Apotheker und Bankier aus Sadagura Mr. Ph. Josef Focsaneanu im 72. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war einer der angesehensten Bürger der Stadt Sadagura und erfreute sich in allen Kreisen allgemeiner Beliebtheit. Der Verstorbene erkrankte vor einigen Wochen an einem Nierenleiden und suchte im Sanatorium „Regele Mihai“ Genesung, die er aber trotz der aufopferungsvollen Behandlung nicht finden sollte. An seiner Bahre trauern die Witwe des Verstorbenen, sowie seine drei Söhne Dr. Lazar Focsaneanu und die Apotheker Saki und Fritz Focsaneanu. Das Leichenbegängnis findet Sonntag halb 11 Uhr in Sadagura statt.

(330115t2)


Kommunistenprozesse sollen im Tribunal verhandelt werden [S. 2, Mitte, unten, links]
Nach dem Kommunistenprozeß, der am Donnerstag stattfand, ereigneten sich unliebsame Zwischenfälle, die leicht hätten vermieden werden können. Es ist nicht einzusehen, warum die Kommunistenprozesse nicht im Tribunal verhandelt werden, umsomehr, als der „Grüne Heinrich“ der Polizei nicht mehr zur Verfügung steht und die Verhafteten über die Straße öffentlich geführt werden.

(330115c2)


Seite 3

Schluß in Moskau [S. 3, links, Mitte]
Moskau, 13. Jänner (Tel. des „Tag“). Die Tagung des Kongresses der Gewerkschaften ist beendet, Stalin wurde das Vertrauen votiert. Es sind eine Reihe von Entscheidungen gefallen, die im Sinne der Stalin’schen Anträge lauten. Die Resolutionen beziehen sich auf den zweiten Fünfjahresplan, der den modernen Aufbau der Volkswirtschaft betrifft und auf ein langsameres Tempo hinzielt, damit die Produktion in der Qualität besser wird, und auf die Kollektivierung in der Landwirtschaft. Die bisherige Friedenspolitik, so heißt es in einer Resolution, wird Sowjetrußland fortsetzen:

„Sollte es jedoch jemand wagen, den Bestand oder die Grenzen der Sowjetrepublik anzugreifen, wird er auf den hartnäckigsten Widerstand der Sowjetarmee stoßen“.

„Die Sowjetarmee“, das wird in einer weiteren Resolution gesagt, „ist gerüstet“. Schließlich spricht eine Resolution von der Parteireinigung, die weiter vorgenommen werden soll.
In einer Resolution über die politische Organisierung der Landwirtschaft wird erklärt: Jede derselben soll als Zelle der kommunistischen Organisationen dienen.

(330115w3)


Seite 4

Eindrücke und Erlebnisse [Seite 4]
im Czernowitzer und Jassyer Polizeigefängnis
Von Helios Hecht


III.
Nach meiner “Festnahme“ (Ausdruck einer Czernowitzer Tageszeitung, deren Mitarbeiter und erfolgloser Erzieher in Fragen des Stils und des guten Geschmacks ich vor Jahren war) wurde ich auf die Abteilung der Siguranza im Polizeigebäude geführt. Die Agenten strahlten vor Behagen, einen Hauptfang gemacht zu haben. Einer rief, indem er ausspuckte: „Also das ist der Helios Hecht, vor dem ich eine wahre Hochachtung gehabt habe? Das sind die anständigen Menschen, die uns beschimpften?“ Was sollte ich nun entgegnen? Das Polizeiauge, der unbeschreibliche Polizeiblick war „absolut“ und inapellabel auf mich gerichtet, und da wäre Reden Torheit gewesen. Einer der Herren zeigte mir ein Brett, dessen Zweck mir nicht deutlich war. „Sehen Sie“, sagte er, das ist eines unserer Folterwerkzeuge. Wir binden es an den Rücken des Verhafteten und schlagen darauf los, bis die Lungen fertig sind.“ Ich schauderte zusammen. „Sie glauben also daran? - Dieses Brett gebrauchen wir für die Herstellung von Abzügen. Sie aber glauben gleich alles, was man Ihnen sagt. So viel sind auch die Berichte von Euch Journalisten wert. - Und hier, das ist der Stock mit dem wir prügeln.“ Er holte einen Rohrstock hervor und lachte. Dann aber, nachdem er die Wirkung seiner Worte sehr sorgfältig und mit grausamer Lust auf meinem Gesichte abgelesen hatte, erklärte er mir, der Stock sei ein Kleiderklopfer, mit dem man nur gelegentlich die Schuldigen bedrohe, worauf sie sehr rasch zusammenknicken und ein umfassendes Geständnis ablegen. Ueber diese Geständnisse junger Kommunisten muß ich hier eine Bemerkung machen, die mir gewiß den Unwillen der Jugend zuziehen wird, einer Jugend freilich, die schnell fertig ist mit dem Wort und noch schneller mit dem Urteil über Dinge und Vorgänge, die sie in ihrer Welt- und Menschenkundigkeit auch nicht im entferntesten erfaßt hat. Die Polizei weiß ihren Ruf der Grausamkeit recht geschickt zu nützen, ja, sie spekuliert auf diese Furcht und schüchtert die jungen Leute oft durch eine Andeutung ein. Die Eingeschüchterten, gewiß nur wenige unter ihnen werden knieschwach, demoralisiert und reden mehr als von ihnen erwartet wird.

Beim Abschnitt der

Mißhandlungen
muß ich noch länger verweilen, einmal um Uebertreibungen einen Riegel vorzuschieben, zweitens aber, um die psychische Wirkung einer, sei es auch nur geringfügigen Mißhandlung zu erwägen. Der Effekt einer Ohrfeige ist oft weniger schlimm als die bloße Bedrohung. Die physische Wirkung einer Ohrfeige kann, wenn sie einen intelligenten, nicht abgestumpften oder gar feinfühligen Menschen trifft, niemals so schrecklich sein als die mit der Vergewaltigung verbundene Schmach, die Beleidigung, gegen die man wehrlos ist. Es kann einer gegen Schmerzen sehr widerstandsfähig sein, mit der „tätlichen“ Beleidigung aber, wie man derlei im Juristenjargon so unverfänglich zu nennen beliebt, verwundet man ein Organ, das weniger widerstandsfähig ist, das Freiheitsgefühl und die Würde, die sich von der Schmach viel schwerer erholen als vom Faustschlag. Wehrt man sich, - und jeder Mensch mit Würde wird es unweigerlich tun - so steht man einer ganzen Gruppe gemütsloser, schlagbereiter Menschen gegenüber, die einen sofort wehrlos machen. Der Beleidigte hätte dann noch eine Anklage wegen Widersetzlichkeit gegen eine beamtete Macht zu gewärtigen. Man kann auch, wenn man es kann, ein Stoiker sein und sich sagen: hier bist du einer stärkeren Macht, einer Naturgewalt ausgesetzt. Hier hat dich ein reißendes Tier angefallen. Wehre dich deiner Haut, flüchte, entziehe dich der Gefahr auf irgend eine Art, aber eine Schmach ist es nicht, wenn du im Kampfe Wunden davonträgst. Sehr hübsch, aber es sind ja Menschen, die dein Angesicht tragen, deine Sprache reden, die lächeln, die Weib und Kind haben, die nicht ohne Gefühl sein können. Und hier stehst du vor diesen Menschen, deren Züge verzerrt sind, die dich mit jener furchtbaren Blässe im Gesicht, wie sie Hasseslust, Rachegefühle erzeugen, anstarren und du weißt gar nicht, was sie sinnen. Sie wissen alles, du aber garnichts. Sie spotten deiner, sie weiden sich an deiner herzlähmenden Ungewißheit, du aber bist ihnen transparent, sie lesen jedes Zucken in deinem Gesichte ,jedes Flimmern in den rastlos irrenden Augen, das Flattern deines erregten Herzens; du aber siehst nichts als Finsternis, als Fremdheit, menschenähnliche Wesen, mit denen du nichts gemein hast, die deine Sprache lallen und dich dennoch nicht verstehen, deren Augen dich hohnvoll, verurteilend, siegesgewiß messen. Fragen Sie doch die jungen Leute, was sie schreckte: die Furcht vor Schmerzen oder die Schmach?

*

Im Erdgeschoß
Vom Büro der Polizei führte man mich zwei Stockwerke tief in das Erdgeschoß hinunter. In der Stube der Gefängniswärter wurde ich wieder einer Leibesvisitation unterzogen, immer mehr sank ich in mich zusammen, denn nun behandelte man mich schon wie eine Sache. Nachdem sich Herr Dr. Postatni entfernt hatte, kam durch eine andere Türe plötzlich ein Agent hereingestürmt, geduckt und mit drohend gegen mich gerichteten Fäusten, brach er los: „Da ist er, der „Drahtzieher“, der Oberkommunist, der „Kurwoie sen“, der Hurensohn, der gemeine Mensch, der Hurensohn, der Hurensohn.“ Dies in ruthenischer Sprache, dann wieder in allen Landessprachen. Ich stand unter Aufbietung aller Kräfte ruhig und mit blutleerem Gesichte da und dachte nur das eine „Jetzt kommen Faustschläge. Wenn der Tobsüchtige dich schlägt, trage es. Nur stark sein, nur ruhig bleiben. Aber du wirst es nicht ertragen, du wirst dich auf ihn stürzen und ihn zerfleischen. Daraufhin muß er dich wohl niederschlagen. So wirst du ihn beißen, kratzen, dich wehren, solange noch Atem in dir ist. Ja, dann wird er dich bewußtlos schlagen, dich töten“. Solcherlei ging mir blitzschnell durch den Kopf. Rasend jagten diese Vorstellungen einander. „Bewußtlos werden, ja, das wäre deine Rettung. Dann bist du nicht geschändet. Totsein, das ist nichts, nur nicht geschändet, großer Gott, nur nicht geschändet! Unerträgliche Schmach! Lieber jeden körperlichen Schmerz ertragen, lieber mir eine Hand abhauen lassen, nur nicht entmannt, entwürdigt, beschimpft werden.“ Aber nach dieser Beleidigung widerfuhr mir keine mehr, außer daß ich Hosenträger, Halsbinde, Strumpfhälter, kurz alles, was zum „Aufhängen“ dienen konnte abliefern mußte, ehe man mich in die Zelle brachte. Den Agenten, der mich so beschimpft hatte, sah ich nachher noch öfter. Er war freundlich gegen mich, ob er mir nicht Tabak oder sonst irgendetwas besorgen könne, und in seinen Augen las ich einen Ausdruck der Reue und Scham. Mein beredtes Schweigen hatte wohl eine menschliche Saite in diesem Manne zum Klingen gebracht, denn er vermied es tunlich, meinem festen Blick zu begegnen. Waren denn hier nicht auch Menschen? Welch eine Frage: Ist ein Mensch denn nur schlecht oder nur gut, und nicht eher ein ganzer Komplex von Gut und Böse! - War ich denn mit diesem in keinem Punkte verwandt? Hatte ich nicht auch schon im Leben Unrecht gestiftet. Weh verursacht? Aller Groll gegen die Rottenberge und Hartl, und wie sie sonst heißen mögen, war verrauscht, ich konnte in den nächsten Tagen mit ihnen über allgemeine Dinge sprechen.

Immer wieder beteuerten sie und riefen Zeugen an, daß sie keinen Menschen mißhandelt hätten, es sei denn einen „Frechling“ oder einen verstocken Schweiger“ geohrfeigt. Darauf wendete ich ein, keiner habe ein Recht seinen Nebenmenschen zu schlagen. Der eine lächelte überlegen, der andere schwieg, der dritte setzte eine entrüstete Amtsmiene auf, Verlegenheit und Zynismus wechselten miteinander, und für eine Weile stieg in mir das erlösende Gefühl auf, nun wird in diesen Räumen niemand mehr geschlagen werden. Freilich war das ein Optimismus, der gegen meine Kenntnis der menschlichen Natur sprach. Dr. Postatni und die Agenten teilten mir an einem der nächsten Tage mit, von hier aus sei ich frei, da eigentlich nichts mehr gegen mich vorliege oder spräche, aber die Jassyer Polizei habe dringend meine Verhaftung verlangt, weil dort ein Telegramm und eine Postkarte aufgefangen wurden, beide meinen Namen als Aufgeber tragend. Am zweiten Tage der Haft erklärte mir ein Agent, ich werde wahrscheinlich von Jassy nach Galatz verlangt werden, denn eine Spur führe auch dorthin. „Für solche Leute hat der Staat keine freie Eisenbahnfahrt. Man wird Sie von Posten zu Posten schicken, - vielleicht gar zu Fuß. Sie sind ein schwacher Mensch, es kann sein, daß Sie unterwegs erkranken. Sie kommen dann irgendwo in ein Gefängnisspital. Da wird man sich nicht viel mit Ihnen befassen. Man wird kein „Geschrei“ machen, wenn Sie dort zugrunde gehen. So was ist auch schon größeren Herren passiert.“ (So vertröstete mich Herr Rottenberg) Und Herr Hartl eröffnete mir, was ich gar nicht wußte, daß die Familie Huber einen Sohn, beziehungsweise Bruder in Moskau habe. Der halte sich wahrscheinlich irgendwo in Rumänien auf, und ich wüßte es vielleicht, unterhielte mit ihm gar Verbindung. Das war eine böse Sache, wenn es zutraf. Ich war nun bereit, alles zu glauben. Daß ein Huber in Moskau wohnte, hörte ich hier zum erstenmale. Die Leute, die meinen Namen mißbraucht und mich in diese Misere hereingeritten hatten, haben mir niemals davon gesprochen.

Rottenberg hat auch ein warmes Herz
Derselbe Rottenberg - das habe ich selbst gesehen - pflegte Tee und Gebäck, das wohlhabende Eltern für ihre verhafteten Kinder gebracht hatten, stets so aufzuteilen, daß auch für die Aermeren ein gleicher Anteil abfiel. Er tat es mit Bedacht, ohne die unfreiwilligen Spender zu befragen. „Warum diesem reichen Burscherl alles geben, und dem anderen, der arm ist, garnichts? Bei mir geht das nicht. Auch der andere, der keine Eltern und Verwandten hat, soll heißen Tee kriegen und sich erwärmen. Sehen Sie, Herr Hecht, so handeln wir „Bluthunde“ immer. Bist du ein Kommunist, - ins Kriminal! Aber essen sollst du. Von mir aus sollen alle gleich versorgt sein Das war der gleiche Rottenberg, der mir gruselig machen wollte, ich werde vielleicht nicht mehr lebend freikommen, sondern unterwegs elend zugrunde gehen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die schwärmerische, weltabgewandte, utopienbesessene Jugend, mit der ich immer zu gehen bestrebt war, mir grollen wird, weil ich nicht, wie sie es tut, die Menschen in zwei unversöhnliche Klassen abspalte, in Nurgute und in Nurböse. Als ob nicht in den Palästen ein gütiges Herz schlagen und in einem Arbeiterführer eine Bestie hausen könne.

(330115a4)


Seite 5

Erwachende Großstadt im Osten … [S. 5, oben, Mitte]
Hafenstadt nach deutschem Muster. - Klubs und Speisehäuser.
Wo List ist, ist auch Schatten. - Der Lebensmitteltarif des
russischen Arbeiters. - Die Gottlosenbewegung

Reisebrief aus Moskau von Gustav v. Hahnke (Berlin)


(Für den „Tag“ in Czernowitz geschrieben).

Nachdem die Sowjetregierung beschlossen hat, zwischen dem Fluß Moskwa, an dem Moskau liegt, und der Wolga ein großes Kanalsystem zu erbauen, bekommt die Hauptstadt der Sowjetunion die größte Bedeutung als Binnenhafen. Da aber auch zwischen der Wolga und dem Schwarzen und Kaspischen Meere große Kanäle in Angriff genommen werden, so wird der Hafen von Moskau mit den großen Seehäfen durch sehr gut schiffbare Wasserwege verbunden sein. Der Kanalbau hat schon begonnen, und auch in Moskau sieht man bereits die Vorzeichen des Hafenbaues. Wie man mir sagte, hat die Stadtverwaltung Moskaus beschlossen, zwei Häfen anzulegen, davon soll der eine, kleinere Hafen nach dem Muster der Berliner Hafenanlagen gebaut werden, vor allen Dingen werden die Verladungsanlagen an der Moskwa beinahe genau so sein, wie die an der Spree. Deutsche Experten des Hafenbaues wurden schon vor einiger Zeit nach Moskau berufen, und immer wieder wird betont, daß der geplante Bau des größten Hafens ganz dem Vorbilde von Hamburg angepaßt werden soll. Um die Wasserwege in und um Moskau auch für größere Schiffe passierbar zu machen, wird es nötig werden, die alten Brücken der Stadt teils abzutragen, teils umzubauen. Die beiden Stadtteile Moskaus, die bis jetzt nur durch alte, zum Teil dem Verkehr schon gefährlich gewordene Brücken verbunden waren, sollen nunmehr eine große, sehr moderne Brücke bekommen, unter der selbst größere Schiffe hindurchfahren können. Außerdem werden in der Stadt vier neue Hängebrücken angelegt. Auch zu diesen Brückenbauten haben die Sowjets eine große Anzahl deutscher Fachleute hinzugezogen. Die erforderlichen Mittel für die Hafen- und Brückenanlagen sind bereitgestellt worden und innerhalb von drei Jahren soll das Projekt bereits vollendet sein. Ebenso wird ein neuer großer Bahnhof, besonders für den Auslandsverkehr, in unmittelbarer Nähe des Hafens errichtet, so daß das Umsteigen vom Berliner Expreßzug auf das Schiff zum Schwarzen Meer nur noch eine Frage weniger Jahre sein wird.
Dreierlei besitzt heute jedes kleinste Nest in Rußland: Kino, Radio und „seinen Klub“. Der Klub soll die geschlossenen Kirchen und Kneipen ersetzen. Dem Arbeiter soll er in den Freistunden Gelegenheit zu Spiel, Geselligkeit und Weiterbildung geben. Jedes Werk, jede Fabrik, jede Baustelle hat so einen Klub. Radio ist dort, und Zeitungen liegen aus, neben Propagandaschriften auch eine Sowjetbücherei. Alkohol wird in diesen Arbeiterklubs nicht verabreicht. Größere Klubs haben sogar ihr eigenes Kino.
In den Städten haben die Klubs vielfach prächtige Bauten inne. Sie sind ein Stolz des Sowjetstaates und in Moskau wetteifern sie an repräsentativem Aufwand etwa mit den Bauten und Palästen unserer Ortskrankenkassen.
Auch die Bolschewiken verstehen sich auf Repräsentation, wenn die Berührung mit der kapitalistischen Welt solche Opfer erfordert. Die mit der Pflege der diplomatischen Beziehungen beauftragten Beamten des Sowjetstaates wissen ihren Frack mit Selbstverständlichkeit zu tragen und können die liebenswürdigsten und großzügigsten Gastgeber sein. An Champagner - aus dem Rest enteigneter Bestände - an Kaviar und allen Finessen üppiger Bewirtung wird bei solchen Anlässen nicht gespart.
Aber, wo Licht ist, ist auch Schatten, in diesem Falle sehr viel und sehr finsterer Schatten und in dem Elend des russischen Daseins ist dieses gesellschaftliche Leben und Treiben der kapitalistischen Welt nur eine kleine Insel der Sowjet-Bourgeoisie, den Bürgern erster Klasse vorbehalten.
Nur einem Zufall verdanke ich die Abschrift einer Rationalisierungsliste über die wöchentliche Abgabe von Lebensmitteln an die Spezialarbeiter auf Grund von Lebensmittelkarten. Danach […] täglich an Spezialarbeiter pro Kopf folgende Quantitäten:

Brot 800 g
Milch 1/2 Liter.

Monatlich erhält der Spezialarbeiter dann weiter:
7 kg Fleisch
1,5 kg Butter
0,5 kg Oel
3 kg Fisch
3 kg Zucker
3 kg Graupen und Kleie
2 Stück Toilettenseife
2 kg Waschseife
2 kg Mehl
0,5 kg Thee
2 kg Rauchfleisch oder Fisch, nach Wahl. Aber oft genug, wie mir von authentischer Seite versichert wurde, stehen diese Ernährungsziffern nur auf dem Papier, denn das Kilogramm Butter kostet 30 bis 35 Rubel und das entspricht einer ganzen Woche Arbeitslohn. Vollkommen satt essen kann sich kein Arbeiter in Moskau.
Ein Stückchen Waschseife kostet 1,20 Rubel oder 1-einhalb Arbeitstunde. Den Preis für ein Päckchen Pfeifentabak verschwieg mir mein Gewährsmann, denn man würde es doch nicht für möglich halten. Um ein Ei zu erstehen, ist eine Arbeitsstunde erforderlich. Weil in den Arbeiterwohnungen nur in den wenigsten Fällen Gas zur Verfügung steht, muß auf Petroleum gekocht werden, das ebenfalls rationiert ist und jeder Familie mit 10 Litern pro Monat zubemessen wird. Nun gibt es zahlreiche Familien, die nichts zum Kochen haben und mit Petroleum nichts anfangen können. Sie verkaufen dieses dann auf dem Markt. Kohlen sind fast nicht zu haben. Ein Kubikmeter Holz zum Heizen kostet 75 bis 80 Rubel, oder 13 Tage Lohn.
Ich erwähnte bereits in meinem früheren Aufsatz, daß alle Leute gleich dürftig aussehen. Die Bürgerlichen sind verschwunden, erschossen, verschickt oder gänzlich verarmt. Der Staatsdienst ist die einzige Rettung. Aber auch die im Staatsdienst befindlichen Personen leben in unsagbar dürftigen Verhältnissen. Die Wohnungsnot in Moskau ist trotz enormer Neubauten und Aufstockung immer noch groß. Eine Fabrikärztin wohnt mit 6 anderen Frauen in einem Zimmer. In einer Fünfzimmerwohnung hausen 17 Parteien. Mit der Bekleidung ist es sehr traurig bestellt. In einem Genossenschaftsladen war ein Frauenmantel in einer Qualität, wie ihn im übrigen Europa keine Arbeiterfrau tragen würde mit 113,59 Rubel ausgezeichnet, ein Crepe de chine Rock mit 195,65 Rubel, Frauenhüte zu 27,20 und 30,60 Rubel. Eine halbseidene Bluse kostete 61,50 Rubel. Dabei ist der Durchschnittsverdienst 100 - 150 Rubel im Monat. Der Rubel hat Zwangskurs und gilt nach deutscher Währung 2,60 Rm. Da wird man es ungeheuerlich finden, wenn ein halber Liter Milch schon 1,25 Rubel und eine Tomate 1 Rubel kostet. Nur Brot ist billig.
In meinem Hotel traf ich einen marxistischen Arbeiterführer, den Chefredakteur der niederländischen Zeitung „Het Volk“ und dieser erzählte mir gesprächsweise, daß der russische Staat sich sein Geld durch innere Anleihen verschaffe. Jeder Arbeiter ist mit allem moralischen Druck gezwungen, ein Monatsgehalt von 150 Rubel einer solchen Jahresanleihe zu opfern und zwar muß er diesen Betrag in zehn Monatsraten abzahlen. Er arbeitet also zwölf Monate und muß vom Lohn von elf Monaten leben.
Die russische Schule ist modern reformiert und auf Aufklärung erpicht. In besonderen Pionierschulen werden Kinder vom 5. Lebensjahre an politisch ausgebildet. Ein Moskauer Standesamt wirkt auf uns abschreckend durch seine rein materialistische Auffassung der Ehe. Die Richter werden vom Volke selbst gewählt. Ein besonderes trauriges Kapitel ist das Leben der Bauern. Diese streben zu Tausenden nach Moskau, in die Fabriken. Bestes Land liegt daher unbebaut und das Volk hungert. Die Sowjetgüter arbeiten fast nur für die Ausfuhr.

Mit einem auffallend großen Energieaufwand wird die Gottlosenbewegung propagiert. Ueberall auf den Plätzen und selbst in den Straßen von Moskau erblickt man große, beinahe riesenhafte Plakate. Ich besichtigte eine Kathedrale, die als Gottlosenmuseum eingerichtet ist. Dort werden Adam und Eva als die ersten Revolutionäre dargestellt und durch Plakate wie: „Immer war die Kirche die Feindin der Wirtschaft!“ und „Religion ist Opium für das Volk!“*) wird die Kirche systematisch verhöhnt. Es gibt nur in den wenigsten Kirchen noch Gottesdienste. Die Gläubigen, meist alte Leute, müssen aber die Kirche selbst erhalten und dürfen nie in den Staatsdienst eingestellt werden. Der Fünfjahresplan hat jetzt die endgültige Vernichtung der Religion ins Auge gefaßt. Schon aus diesem Grunde heraus wird man in Westeuropa die Gefahr des russischen Bolschewismus nicht hoch genug einschätzten können. Der Kulturbolschewismus hat bei uns ja schon seinen Einzug gehalten, und es ist Sache eines jeden Einzelnen von uns, den Kampf dagegen aufzunehmen. Die bürgerliche Gesellschaft hat selbst den Materialismus vorbereitet, der in Rußland einen fruchtbaren Boden zu seiner traurigen Ausbreitung gefunden hat. Jeder einzelne hat daher die Verpflichtung, sein Möglichstes zu tun, daß wir nicht auf dem Umwege über Rußland das ernten, was wir selbst gesäet haben.

(330115w5)
_____
*) Bei Karl Marx hieß es "Sie [die Religion] ist das Opium des Volks", was natürlich genau das Gegenteil von dem bedeutet, wie dieses Zitat auch heute noch "falsch" (mit "für das") wiedergegeben wird. In dem einen Falle schafft sich das "Volk" selbst die Religion, in dem anderen schaffen böse Mächte für das dumme Volk das Opium.

Seite 6

Vor der Weltwirtschaftskonferenz [S. 6, oben, links]
Wochenrundschau von Plutus

Auch in der zweiten Woche des neuen Jahres sind keine besonderen Ereignisse oder Veränderungen in der Weltwirtschaft zu verzeichnen gewesen. Die zaghaften und leisen Feststellungen über eine leichte Besserung der Wirtschaftslage in einigen Ländern wechseln mit pessimistischen Nachrichten und Betrachtungen über die Fortschreitung der Verarmung und der Steigerung der Arbeitslosigkeit ab. Gibt schon die Lage der europäischen Wirtschaft zu größten Besorgnissen Anlaß, so ist dies in Bezug auf die Wirtschaftslage der Vereinigten Staaten von Amerika besonders der Fall. Die erschreckende Zunahme der Arbeitslosigkeit, das Anwachsen der Zahl der Unbeschäftigten gestaltet sich zur höchsten sozialen Gefahr und es ist deshalb kein Wunder, wenn man ernstlich in Amerika an eine vollständige Reform der Wirtschaftsordnung denkt. Der neueste Plan eines amerikanischen Ingenieurs, welcher die staatliche Versorgung aller Menschen mit dem notwendigen Lebensunterhalt gegen die Verpflichtung eines jeden arbeitsfähigen Menschen, zwanzig Jahre lang, das ist vom 25. bis zum 45. Lebensjahre, für den Staat, für die Gemeinschaft zu arbeiten, hat größtes Aufsehen nicht nur in Amerika, sondern auch in der ganzen Welt hervorgerufen. Diese Idee hat große Aehnlichkeit mit der Idee von Popper-Lynkeus, welche er in seinem Buche „Die allgemeine Nährpflicht“ niedergelegt hat. Von dem Grundsatze ausgehend, daß alle Menschen Anspruch auf Nahrung, Wohnung und Kleidung haben, sucht Popper-Lynkeus diese Elementarforderungen der Menschen befriedigen zu können und findet den einzigen Weg dazu nur in der Schaffung einer allgemeinen „Nährarmee“, in welche jeder arbeitsfähige Mensch in jungen Jahren für einige Jahre zu assentieren ist. Nach Absolvierung dieses Dienstes werden die Menschen wieder vollkommen frei, sie können jedem beliebigen Gewerbe, jeder beliebigen Spekulation, jedem Streben nach Reichtum und Macht nachgehen, weil sie dadurch kein Unglück mehr hervorbringen können, da ja Nahrung, Kleidung und Wohnung jedem Menschen gesichert sind. Popper-Lynkeus hat einen Zeitraum von hundert Jahren für notwendig erachtet, um seine Idee durchzuführen, doch muß man bedenken, daß der Stand der Technik im Jahre 1912 so entfaltet hat, daß heute unendlich mehr produziert werden kann, als früher. Während aber gerade diese Produktionsmöglichkeit durch die technische Entfaltung die Krisenursache ist, sucht der amerikanische Ingenieur die Ursache zu entfernen und umgekehrt die Produktionsentfaltung zur Möglichkeit der Versorgung der Menschen auszunützen. Wenn zu diesen vergrößerten technischen Möglichkeiten seit dem Jahre 1912 auch noch die zwangsweise Einstellung in die Arbeit auf die Dauer von zwanzig Jahren ausgedehnt wird, so unterliegt es keinem Zweifel, daß eine Versorgungsmöglichkeit durch den Staat für alle Einwohner desselben mit den erwähnten Elementarbedingungen möglich ist.

Die Weltwirtschaftskonferenz
Gerade jetzt erscheint aber ein derartiger Plan von gewaltigstem Interesse weil wir unmittelbar vor dem Zusammentritt der Weltwirtschaftskonferenz stehen und es unbedingt nötig ist, nicht ungewöhnliche Mittel zu besprechen, welche geeignet sind, die Wirtschaftskrise zu mildern, zu beseitigen und eine Konjunktur hervorzurufen, sondern auch eine gründliche Reform der gesamten Wirtschaftsordnung zu erörtern, welche Wiederholungen dieser furchtbaren Krise ausschließen soll. Die Vorbereitungen zur Weltwirtschaftskonferenz haben bereits begonnen und als die wichtigsten Maßnahmen werden die Wiederherstellung der Geldwährung [Goldwährung], die Verkürzung der Arbeitszeit und die Beseitigung der Verkehrshindernisse, also Abschaffung der Devisenbeschränkungen, Abschluß von günstigen Handelsverträgen, also Verzichtleistung auf die Autarkiebestrebungen. Es ist merkwürdig, daß der erste Punkt: Wiederherstellung der Goldwährung lautet, bezw. daß dieses Problem von den meisten Delegierten als wichtigstes und erstes betrachtet wird, wo doch dasselbe im engen Zusammenhang mit der gesamten Weltwirtschaftslage ist und die Zerstörung von Währungen keine primäre, sondern die sekundäre Erscheinung bildete. Eine Wiederherstellung der Goldwährung ist nur möglich, wenn eine gesunde wirtschaftliche Basis zuerst geschaffen wird; dies kann aber nur geschehen durch Wiederherstellung des Güteraustausches unter den Völkern in weitestem Umfange, und erst dann oder gleichzeitig damit kann die Währungsgesundung erfolgen.

Die 40-Stunden Woche
Was die Frage der Verkürzung der Arbeitszeit anbelangt, worüber gerade das Internationale Arbeitsamt in Genf separat berät, so besteht heute wohl gar kein Zweifel darüber, daß eine dauernde Beseitigung der Wirtschaftskrise, wenn dies im kapitalistischen System überhaupt möglich ist, nur durch fortwährende Verkürzung der Arbeitszeit möglich ist und zwar so, daß die Verkürzung in ständigem Verhältnis zum Fortschritt der Technik stehen soll. Nur die Wiedereinstellung aller Arbeitslosen in die Produktion kann die Kaufkraft der Massen erhalten und dadurch weitere Produktionsmöglichkeit schaffen. Schon seit dem Jahre 1929 befaßt sich das Internationale Arbeitsamt mit der Frage der Verkürzung der Arbeitszeit, mit der Einführung der 40 Stunden-Woche und der Schreiber dieser Zeilen hatte schon im Jänner 1930 Gelegenheit, in einem Referat die Notwendigkeit dieser Maßnahmen hervorzuheben. Also schon zu Beginn der Wirtschaftskrise, als man noch gar keine Ahnung von der Verwüstung hatte, welche die Krise in der Weltwirtschaft anrichten wird, waren einsichtige Wirtschaftspolitiker darüber im Reinen, daß die lange Arbeitsdauer im Widerspruche mit dem Fortschritt der Technik steht und daß die Rationalisierung die Verminderung der Arbeitszeit zwangsläufig bedingt. In dem Vortrage von Kurt H. Wells, welchen er zuletzt im Washingtoner Radio hielt, konnte man hören, daß es heute Fabriken in Amerika gibt, welche beinahe ohne Arbeiter ihren Betrieb aufrecht halten, das heißt die Maschinen ersetzen vollständig die Arbeiter. So erzählte er von einer Fabrik, in welcher in eine Maschine Rohwolle hineingegeben wird, von wo dieselbe automatisch durch verschiedene Maschinen läuft um [und] zum Schluß als fertiges Tuch herauskommt. Daß eine solche Fabrik nur einige wenige Arbeiter braucht, anstatt vieler Hunderte oder gar Tausende von früher, kann man sich denken. Für alle diese ausgeschalteten Arbeiter muß Arbeitsgelegenheit geschaffen werden, und das kann im kapitalistischen System nur durch wesentliche Verkürzung der Arbeitszeit erfolgen.

Auch diese Frage soll wie erwähnt, abgesehen von ihrer Behandlung durch das Internationale Arbeitsamt, auf der Weltwirtschaftskonferenz eingehend besprochen werden. Es ist sehr fraglich, ob eine Einigung erzielt werden wird. Denn wenn man die Bilanz zieht aller stattgefundenen Konferenzen, so kann man freilich nicht mit großem Optimismus der Weltwirtschaftskonferenz entgegensehen, da knapp vor Eröffnung derselben in allen Ländern das Gegenteil von dem geschieht, was dort besprochen und beschlossen werden soll.

Die Lage im Innern
Die innerpolitische Lage in unserem eigenen Lande hat das gesamte öffentliche Interesse in der abgelaufenen Woche absorbiert. In wirtschaftlicher Hinsicht konnte man nichts als Klagen über die Kontingentierungseinführung hören, welche bereits in provisorischem Zustande die düsteren Prophezeiungen übertrifft. Die Kontingentierungsmaßnahmen haben bereits Störungen im Handel und in den Industriebetrieben verursacht und auch zu Repressalien im Außenhandel geführt. Dies ist namentlich im Verkehr mit Deutschland der Fall und wie verlautet, sollen nun auch andere Länder zu Importeinschränkungsmaßnahmen für den rumänischen Verkehr schreiten. Wir in der Bukowina leiden selbstverständlich am schrecklichsten darunter, denn unser Wirtschaft ist bekanntlich vollkommen auf den Außenhandel eingestellt und jede Einschränkung derselben ruft eine weitere Verarmung der Bevölkerung hervor. Zu dem kommt, daß wir weit vom Zentrum sind und bis wir etwas in Bukarest durchsetzen, geht Zeit und Mühe, aber auch das ganze Geschäft zu Grunde. Die allgemeine Geschäftstätigkeit in der abgelaufenen Woche war bei uns äußerst gering. Der Maisexport hält sich in engsten Grenzen, nur vereinzelte Waggons gehen nach Deutschland, etwas mehr nach der Czechoslowakei. Oelkuchen lagen flau, weshalb es zu keinen neuen Abschlüssen kam. Der Export von Sonnenblumenkernen, welcher in den letzten zwei Jahren einen immer größeren Aufschwung nahm, droht ebenfalls zurückzugehen, da Polen viele Stationen, welche für den Verkehr nach außerpolnischen Ländern in Betracht kam, aus dem Verbandtarif gestrichen und eine kolossale Erhöhung der Transit-Fracht - von 40 bis 70 Prozent - verursacht hat. Der Eierexport stockte wie gewöhnlich um diese Zeit, außerdem hat der starke Preisrückgang in Deutschland auch den Minimalverkehr gehemmt und große Verluste verursacht. Im Geflügelexport gab es direkt eine Deroute durch die ungeheueren Preisrückgänge in Berlin. Alles in allem eine traurige Bilanz für den Verkehr in dieser Woche.

Die Banken und die Warengeschäfte
Nicht unerwähnt soll bleiben die zu Beginn dieses Jahres erfolgte Stellungnahme der hiesigen kaufmännischen Vereinigungen, gegen das Eindringen mancher Banken in das Warengeschäft. Die Kaufleute erblicken besonders die Gefahr für sie darin, daß manche Banken nicht nur Propregeschäfte machen, sondern auch das Kommissionsgeschäft an sich reißen, somit Kommissionäre und Agenten schwer schädigen. Unsere Stellungnahme zu dieser Frage haben wir schon seit längerer Zeit präzisiert. Wir geben den Kaufleuten Recht, schon aus diesem Grunde, weil wir Warengeschäfte als viel zu gefährlich für den Bankbetrieb erachten, das heißt, daß Warengeschäft kann der Bank Schaden zufügen. Das Warengeschäft ist mit Spekulation verbunden und eine Bank darf keine Spekulationen machen. Alle modernen Bankgesetze verbieten das Warengeschäft den Banken und auch das Banken-Projektgesetz, welches bei uns in Vorbereitung war, sieht ein derartiges Verbot vor. Aber selbst das Kommissionsgeschäft ist gefährlich für die Banken, weil die Grenze zwischen Kommissionsgeschäft und Propregeschäft oft verwischt wird. Unter der Maske des Kommissionärs betreibt die Bank spekulative Eigengeschäfte. Ueberdies ist es gerade für eine Bank, welche alle Adressen ihrer Bankkundschaft kennt, in höchstem Grade unmoralisch, diese Kenntnis auszunützen und Kundenfang zu betreiben. Das Ende ist schließlich nicht nur die Schädigung der Kaufmannschaft, sondern der eigene Schaden, der Zusammenbruch der Bank, was übrigens die Erfahrung zur Genüge bewiesen hat. Das neue Bankengesetz wird diese Bankenunternehmungen stark unter die Lupe nehmen und nicht nur diese Warengeschäfte, sondern auch andere Geschäfte, welche der Bank die Möglichkeit geben, unsaubere Konkurrenz zu machen, streng verbieten und bestrafen. Glücklicherweise ist unser Bankwesen - mit einer vereinzelten Ausnahme - von derartigen Banken und Bankdirektoren, welche zu solchen Geschäften neigen, frei.

(330115w6)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Popper-Lynkeus
http://www.popper.uni-frankfurt.de/jpn- ... index.html
• Auch heute wieder "aktuell" in der Grundeinkommensbewegung. Dort gilt Popper als "Vordenker" und seine Konzepte als Vorstufe eines Grundeinkommens, u.a.:
http://www.archiv-grundeinkommen.de/vobruba/wzb



Seite 7

Gegen das Prügelsystem der Polizei [S. 7, links]
Zivilisierte Methoden im Polizeidienst
(Aus einem Gespräch mit Polizeiquästor Gussi)

Angesichts des Zwischenfalles, der sich nach dem Prozeß gegen die Kommunisten am Donnerstag ereignete, wandte sich ein Redakteur des „Tag“ an den Polizeiquästor Gussi, um ihn über seine Ansicht zu befragen und festzustellen, ob die Polizei nicht mehr genügende Autorität besitze, um solche Vorkommnisse zu verhindern.
Polizeiquästor Gussi sagte: Vieles hat sich in der Nachkriegszeit geändert, die Mentalität ist eine andere geworden, und die Methoden, die im Polizeidienst angewendet werden, lassen gewiß viel zu wünschen übrig. Auch hier in der Bukowina, und besonders in Czernowitz, habe ich eine mir ganz fremde Situation angetroffen, was mich umso mehr verwunderte ,als ich die Bevölkerung als fried- und ordnungsliebend kenne. Die Folgen des Krieges haben die Menschen denerviert, die guten Sitten sind überall geschwunden und nicht zuletzt ist die Menschlichkeit, das Gefühl für sie, geschwunden. Die Vorkriegsautorität einer Behörde konnte - obwohl bereits 14 Jahre seit dem Kriegsende vergangen sind - nicht oder wenigstens nicht ganz wieder hergestellt werden.

Was die lokale Polizei betrifft, so habe ich bei meinem Dienstantritt eigenartige Zustände vorgefunden, an deren Abschaffung ich mit Eifer gearbeitet habe. Es wurde mir am 8. November gesagt, daß unter meinen Vorgängern in der Polizei geprügelt worden ist, was ich als unerhört und als eine Kulturschande bezeichnete.
In einem zivilisierten Staat, im Zeitalter des 20. Jahrhunderts dürfen derartige Methoden nicht angewendet werden.
Und in der Tat habe ich am 10. November des vergangenen Jahres ein Zirkular an die Polizeibeamten erlassen, in welchem ich auf die Bestimmungen des Artikels 95 des Polizeiorganisationsgesetzes verwies, welcher ausdrücklich das Prügelsystem im Namen des königlichen Innenministers verbietet. Polizeibeamte, die Kultur haben und die auch als Kulturmenschen genommen werden wollen, müssen sich zivilisierter Methoden bedienen, oder aber sie werden mit aller Strenge des Gesetzes bestraft, ja sogar ihres Amtes enthoben. Als mir neulich der Primar mitteilte, daß ein Wachmann einen Bürger geschlagen habe, leitete ich sofort eine Untersuchung ein und bestrafte den Schuldigen. Schließlich muß ich noch auf die Untersuchung gegen die drei bekannten Polizeiagenten verweisen, die über meinen Vorschlag suspendiert wurden, da sie sich gegen die Bestimmungen des Gesetzes vergangen haben.

Entgegen allen anders lautenden Nachrichten will ich feststellen, daß die drei suspendierten Polizeifunktionäre keinen Dienst machen, und ich habe ihnen auch das Betreten der Polizeiquästur untersagt.

Wer immer mir Fälle von Brutalität seitens der Polizeibeamten zur Kenntnis bringt, die gerechte Bestrafung wird gewiß nicht ausbleiben. Ich war zehn Jahre in Siebenbürgen in gleicher Eigenschaft tätig und habe meinen Dienst unerschrocken und gerecht ausgeübt. Mit dieser Intention bin ich auch nach Czernowitz zur Leitung der Polizeiquästur über Berufung des Ministeriums gekommen.

Hat die Polizei Autorität?
Auf den Zwischenfall nach dem Kommunistenprozeß zu sprechen kommend, sagte der Quästor:
Ich habe eine genügende Anzahl von Polizeiagenten und Wachleuten zur Eskorte der Kommunisten entsandt. Das Handgemenge, welches sich vor dem Tribunal abspielte, konnte nicht verhindert werden (?! Die Red.), soviel mir im schriftlichen Bericht mitgeteilt wird. Im Uebrigen wurde unser Polizeiagent Burcuteanu von einem der Eskortierten mit zwei Fausthieben bedacht, da ihn der Letztere für einen der Angreifer hielt. Man sieht also, daß es ein Handgemenge war, in welchem man sich nicht recht auskennt. (Diese Ausrede kann man nicht gelten lassen. Die Red.) Was die polizeiliche Autorität betrifft, so muß zugegeben werden, daß diese dem Geiste der Vorkriegszeit gewiß nicht entspricht. Es müssen aber die Umstände in Erwägung gezogen werden, die für ein nicht tadelloses Funktionieren der Polizeiorgane sprechen. Die berittene Polizei wurde uns genommen, das Wachkorps ist zu klein und nicht alle Agenten sind von ihrer wahren Mission erfüllt. Wir benötigen geschulte Polizeikräfte, einwandfreie Beamte und nicht zuletzt eine Vergrößerung ihrer Anzahl. Wir haben aber kein Budget, und das uns zur Verfügung gestellte Geld reicht nicht aus, um einen ordentlichen Polizeidienst zu organisieren. Ich bin aber gerade jetzt damit beschäftigt, eine Reorganisation des Polizeidienstes vorzunehmen und alles Mögliche zu machen, um diese Institution auf jene Höhe zu bringen, auf der sie sich zu befinden hat. Ich muß eine Auslese an Personal treffen und nur die brauchbaren und korrekten Beamten im Dienste behalten.
Ein Reinigungswerk in der Polizei durchzuführen, in der Weise, daß der Polizist wissen soll, er habe die Sicherheit und Ruhe des Bürgers zu garantieren; in dieser Richtung arbeite ich nun.

Die Ausfolgung der Pässe
Der Polizeiquästor äußerte sich dann noch über die Tätigkeit des Paßamtes und teilte unserem Redakteur mit, daß er, als er nach Czernowitz kam, eine unhaltbare Situation vorgefunden habe. Pässe, besonders solche von Studenten, lagen 30 bis 40 Tage unerledigt. Heute kann jeder, der die gesetzlichen Formalitäten erfüllt, schon in einem Tag einen Paß erhalten. Auch das Interventionssystem wurde abgeschafft, jeder darf nur direkt sein Ansuchen vorbringen.
Sie sehen also, schloß der Quästor seine Ausführungen, daß der Polizeidienst ein schwerer ist, besonders wenn er mit so unzulänglichen Mitteln arbeiten muß. Ich würde am liebsten wieder nach Temesvar gehen und hier diese Mission einem anderen überlassen. Da ich aber beordert wurde, werde ich meine Pflicht nach vollstem Wissen und Gewissen erfüllen.
M. L.

(330115c7)


Ankündigung [S. 7, unten, rechts]
Wir teilen allen unseren Verwandten, Freunden und Bekannten mit, dass unser teuerer Gatte, Vater, Schwiegervater

Mr. Ph. Josef Focsaneanu
Apotheker in Sadagura

Freitag, den 13. Jänner 1933 um 2 Uhr nachmittags im Alter von 72 Jahren nach kurzem schweren Leiden sanft verschieden ist.

Die Beerdigung des teueren Verblichenen findet Sonntag, den 15. Jänner 1922 [1933] um halb 11 Uhr vormittags in Sadagora statt.

Die tieftrauernden Hinterbliebenen

(330115t7)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 253, Dienstag, 17.01.33

Postby Klaus Binder on 16. January 2011, 20:55

Seite 1

Die neue Regierung Vaida [S. 1, oben, links]
Unterstaatssekretariat für Minderheiten reaktiviert

Bukarest, 15. Jänner (Tel. des „Tag“). Nach langen Verhandlungen ist es Vaida endlich gelungen, das neue Kabinett zu bilden. Die anfänglichen Schwierigkeiten wurden im letzten Moment beigelegt.

Titulescu hat sich besonders dagegen ausgesprochen, daß auch Tilea in dieses Kabinett eintritt. Der Privatsekretär des Königs, Puiu Dumitrescu, sorgte aber dafür, daß Titulescu eine Aussprache mit Tilea hatte, sodaß auch in dieser Richtung ein Einvernehmen erzielt und das Kabinett, nachdem die letzte Schwierigkeit beseitigt wurde, gebildet werden konnte.

Das neue Kabinett, welches Samstag nachts zu Händen des Königs den Eid abgelegt hat, setzt sich wie folgt zusammen:

Vaida - Ministerpräsident, Mironescu - Vizepräsident des Ministerrates und Innenminister, Titulescu - Außenminister, Madgearu - Finanzen, Mihai Popovici - Justiz, D. R. Ioanitzescu Arbeits-, Sanitäts- und Minister für soziale Fürsorge, Mirto - Verkehr, Voicu Ritzescu - Ackerbau, General Samsonovici - Krieg, Lugojeanu - Handel und Industrie, weiters als Minister für Siebenbürgen Emil Hatziegan, für Bessarabien Pan Halipa und für die Bukowina Teofil Sauciuc-Saveanu.
Als Unterstaatssekretäre wurden ernannt: Tilea - Präsidium, Savel Radulescu - Aeußeres, Armand Calinescu und Pop - Innenministerium, Petre Andrei - Unterricht, Ghelmeceanu und Crisan - Ackerbau, Serban für Minoritäten und Radu Irimescu für Luftschiffahrt.
Das Dekret über die Ernennung Gustis zum Unterrichtsminister wurde noch nicht abgefaßt, da sich Gusti gegenwärtig in Rom befindet. Gusti wurde aber telegrafisch verständigt, daß er zum Unterrichtsminister im neuen Kabinett Vaida ausersehen wurde.
Von den bisherigen Mitgliedern der Regierung gehören also dem neuen Kabinett nicht an: Maniu, Mihalache und Crisan, während folgende neue Männer im Kabinett vertreten sind: Vaida, Emil Hatziegan, Tilea und Serban.
Sonntag um 11 Uhr vormittags fand der erste Ministerrat der neuen Regierung statt.
Das Dekret über die Ernennung Savel Radulescus zum Gesandten in London wird rückgängig gemacht, da Titulescu gewünscht hat, daß Radulescu als Unterstaatssekretär des Außenministeriums auch in der Regierung Vaida verbleibt.
Außenminister Titulescu begibt sich in den nächsten Tagen ins Ausland, um mit führenden Finanzkreisen in Paris und London zusammenzutreffen und die bereits begonnenen Verhandlungen, die er infolge der innerpolitischen Krise unterbrechen mußte, fortzusetzen. Am 31. Jänner begibt sich dann Titulescu nach Genf, um an der Reparationskonferenz teilzunehmen.
Die neue Regierung wird sich noch diese Woche den gesetzgebenden Körperschaften stellen.

(330117r1)


Wilhelm bricht mit Hitler [S. 1, unten, rechts]
Berlin, 13. Jänner. Von gut unterrichteter Seite wird mitgeteilt: Prinz August Wilhelm von Preußen, Mitglied der nationalsozialistischen Fraktion des preußischen Landtages, habe sich unmittelbar nach Beginn der Weihnachtsferien des Landtages auf längere Zeit nach Italien begeben. Der Grund sei folgender: der Exkaiser und seine Familie hätten erwartet, daß die Nationalsozialisten die monarchistischen Restaurationspläne unterstützen würden. Da sich diese Hoffnungen nicht erfüllten, habe das exkaiserliche Haus nun die Konsequenzen gezogen. Der Exkaiser habe einen Hausbefehl an sämtliche Mitglieder des Hohenzollernhauses erlassen, der ein Verbot der Betätigung bei der NSDAP enthält. Prinz Auwi bekam besondere Anweisung, Deutschland sofort auf mehrere Monate zu verlassen. Es wurde ihm aufgegeben, sich zunächst nach den Balearen zu begeben. Diesen Befehl hat der Prinz bisher nur teilweise ausgeführt, indem er sich vorläufig nach Rom begab. Offiziell ist er noch nicht aus der NSDAP ausgetreten. Offenbar will er eine Kompromißlösung finden, um der Partei nicht allzu wehe zu tun. Auf der anderen Seite muß er sich aber seinem exkaiserlichen Vater fügen, da er finanziell von diesem vollkommen abhängig ist.

(330117w1)


Seite 4

Gegen Gussi [S. 4, Mitte]
Erklärung des Deput. Radaceanu

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!
Im „Tag“ von Sonntag veröffentlicht Polizeiquästor Gussi Erklärungen über das Polizeiwesen - besser gesagt das Polizeiunwesen - in Czernowitz. Ich kann diese Erklärungen nicht unberücksichtigt lassen.

Polizeiquästor Gussi behauptet, die Suspendierung der Prügelhelden Rottenberg, Onciul und Hartl wäre auf seinen Antrag erfolgt. Dies ist, - gelinde gesagt - eine Unwahrheit. Seitens der Polizeiquästur ist nur gegen die Suspendierung Stellung genommen worden. Die Suspendierung dieser Individuen wurde am 10. November vom Unterstaatssekretär Arm. Calinescu auf Grund meiner Intervention in der Abgeordnetenkammer verfügt. Es ist, traurig genug, für die Zustände in diesem Lande bezeichnend, daß zum Einschreiten gegen offenkundige Verbrecher erst die Intervention eines Abgeordneten nötig war und daß auch dann bloß die Suspendierung der drei direkt schuldigen Beamten, nicht auf [auch] Strafmaßnahmen gegen ihre mitschuldigen Vorgesetzten getroffen wurden. Es wäre zwar die Pflicht des Quästors gewesen, sofort gegen Rottenberg & Co. vorzugehen. Dies war ihm natürlich unmöglich, nachdem er ihr Treiben bisher geduldet und gedeckt hatte.

Dies ist die wahre Sachlage.

Wenn alles an den Erklärungen des Herrn Gussi ebenso der Wahrheit entspricht, wie seine Darstellung der Suspendierungsangelegenheit, so können wir uns zu den neuen „zivilisierten Methoden“ im Polizeidienst beglückwünschen
Die skandalösen Vorgänge anläßlich des letzten Kommunistenprozesses illustrieren diese Methoden hinreichend und machen sie für eine neuerliche Behandlung im Parlament reif.

Hochachtungsvoll
Dr. Lotar Radaceanu
Abgeordneter

(330117c4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 254, Mittwoch, 18.01.33

Postby Klaus Binder on 18. January 2011, 02:31

Seite 3

Konkurrenz für Palästina [S. 3, links, Mitte]
Ein neuer Judenstaat in Sowjetrußland

Wie man erfährt, plant man in der Sowjetrepublik die Aufrichtung eines neuen Judenstaates, der eine Konkurrenz für Palästina sein soll.
In Ostsibirien ist nämlich unter dem Namen „Birobidjan“ eine Ansiedlung gegründet worden, für die in Rußland eine große Werbetätigkeit entfaltet wird.
Die Beweggründe der Räteregierung sind natürlich nicht uneigennützig, sie erwartet nämlich von diesem Siedlungswerk einen riesigen Kapitalzustrom, der der Sowjetrepublik zugute kommen soll. Gegenwärtig leben die neuangesiedelten Juden in Birobidjan sehr primitiv, zumal ihnen ein Gebiet zur Verfügung gestellt ist, das zur Hälfte aus Wald besteht.
In diesem Jahre soll nun eine größere Aktion ins Werk gesetzt werden, und zwar sollen über 25.000 Judenfamilien angesiedelt werden.
Im ganzen leben heute in Rußland mehr als drei Millionen Juden, von denen viele als Industriearbeiter und Bauern tätig sind. Man erwartet, daß diese nun in Birobidjan ihre industriellen und landwirtschaftlichen Kenntnisse verwerten werden.

(330118w3)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Birobidschan


Palästinareise der Bukow. Zion. Landesorganisation [S. 3, rechts, oben]

Die Gesellschaftsreise der Bukow. Zion. Landesorganisation findet in der Zeit vom 11. März bis zum 7. April 1933 statt. Im Lande ist ein 16-tägiger Aufenthalt vorgesehen. Es ist entsprechende Vorsorge für eine eingehende Besichtigung des Jüd. Palästina getroffen worden. Es werden Jerusalem, Tel-Aviv, Haifa, ferner die Kolonien von Emek, Scharon-Ebene, Galil besucht werden.
Die Preise der Reise von Cernauti und zurück bis Cernauti einschließlich Verpflegung und entsprechender Unterkunft, inklusive Autofahrten in ganz Palästina mit Führern, Trinkgelder, ec. stellen sich wie folgt:
I. kl. .... 24.5630 Lei
II. kl. .... 19.530 Lei
III. kl. .... 14.700 Lei

Die technische Durchführung dieser Reise hat das Weltreiseunternehmen Wagons-Lits Cook übernommen.
Mündliche und schriftliche Anmeldungen und Auskünfte werden bis zum 20. dieses Monats im Bureau der Zion. Land. Organ. und beim Weltreiseunternehmen Wagons-Lits Cook Herrengasse 1, Tel. 423 erteilt und entgegengenommen. Detaillierte Prospekte werden in den nächsten Tagen den einzelnen Interessenten zugehen.

(330118c3)


Seite 4

Die Regierung verteuert das Brot [S. 4, oben, links]

Im „Universul“ finden wir folgenden interessanten Aufsatz:
Die Regierung hat durch die Abschaffung des Brotstempels gewiß eine schöne Tat bewiesen und in Wirklichkeit erwartete die Bevölkerung durch diese Maßnahme eine Verbilligung des Brotes. Was ist aber gesehen? Der Brotstempel wurde durch eine Landwirtschaftssteuer, durch eine Umsatzsteuer und eine Luxussteuer ersetzt, als wenn Brot ein Luxusartikel wäre. Wenn eine Familie einige Brote täglich kauft, so muß sie dafür 15 bis 20 Lei mehr bezahlen.
Die Konsequenz aus dieser Tatsache müßte nun die Regierung ziehen und das Brot von jeder Steuer befreien. Ein solch wichtiges Lebensmittel darf nicht durch Maßnahmen der Regierung verteuert werden.

(330118r4)


Apotheker Focsaneanu zu Grabe getragen [S. 4, unten, rechts]
Sonntag fand in Sadagura das Leichenbegräbnis des Apothekers Josef Focsaneanu statt. Die grandiose Beteiligung war ein Beweis für die allgemeine Hochachtung und Beliebtheit, deren sich der Verstorbene erfreute. Sein Herz gehörte nicht allein seiner Familie, sondern im bedeutenden Maße auch der Allgemeinheit. So errichtete er ein Spital und sorgte, fast ausschließlich aus eigenen Mitteln dafür, daß hunderten von kranken und mittellosen Menschen ihr tägliches Brot gesichert werde. Allgemeine Teilnahme wendet sich den drei Söhnen des Verewigten zu, die in geachteten Positionen in unserer Mitte leben. Unter den Teilnehmern des Leichenbegängnisses befanden sich u. a. die Familien Advokat und Arzt Dr. Schifter, Gremialpräsident Doregger, Oberbaurat Burstyn, Direktor Tittinger, die meisten Czernowitzer Apotheker, u. v. a. Vor der Apotheke hielt Apotheker Dr. Guttmann, vor dem Bethaus der Rabbiner der Stadt einen warmen Nachruf.

(330118t4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 255, Donnerstag, 19.01.33

Postby Klaus Binder on 19. January 2011, 02:57

Seite 1

Ministerrat beschließt: [S. 1, oben, links]
Reduzierung der Beamtengehälter
Nur für die ersten drei Monate des Jahres

Bukarest, 17. Jänner (Tel. des „Tag“). Unter dem Vorsitz Vaidas trat heute ein Ministerrat zusammen, der über drei Stunden dauerte. Nach längerer Beratung wurde der einstimmige Beschluß gefaßt - nachdem Finanzminister Madgearu ein längeres Referat erstattet hatte -
die Beamtengehälter für die Monate Jänner, Februar und März dieses Jahres um 10, respektive 12 Prozent zu reduzieren. Die Beamten werden in zwei Kategorien eingeteilt, und zwar: Die Beamten der größeren Städte, deren Gehälter um 10 Prozent und die Beamten zweiter Kategorie, d. h. kleinerer Städte und Gemeinden, deren Gehälter um 12 Prozent reduziert werden. Im Beschluß heißt es, daß die Regierung zu dieser Maßnahme greifen mußte, um die laufenden Verpflichtungen erfüllen zu können, außerdem befindet sich der Staat in einer solchen Situation, daß von jedem Bürger Opfer verlangt werden muß.
Im Beschluß heißt es auch, daß es sich nur um eine vorübergehende Maßnahme, also für die Zeit von drei Monaten handelt, und nach Ablauf dieses Zeitraumes, nachdem sich die finanzielle Situation des Landes inzwischen auch etwas gebessert haben wird, sollen wieder die vollen Gehälter bezahlt werden.
Die Gehälter der Richter und Offiziere unterliegen nicht dem Kürzungsbeschluß.
Finanzminister Madgearu wird morgen vor den in- und ausländischen Pressevertretern ein Exposee über die Beweggründe, die die Regierung zu dieser Maßnahme veranlaßt haben, halten.
In Kreisen der Staatsbeamten hat dieser Beschluß die größte Bestürzung ausgelöst.

(330119r1)


Fortu [S. 1, links, Mitte]
Aus dem chronischen Krisengewirr von Meldungen und Kombinationen um und wegen Maniu, Vaida und Mihalache löst sich mit einem Male eine Nachricht los, die zwar abseits der amtlichen Aktualitäten liegt, aber doch in das Situationsbild grell hineinleuchtet. Der Gymnasialprofessor Fortu hat einmal schon von sich reden gemacht, als er in einer Beamtenversammlung den Sturz der Regierung Iorga forderte.
Es war in der Zeit, da der Staat mit der Bezahlung der Beamtengehälter acht bis zehn Monate im Rückstande war. Die Luft war damals mit Pulver geladen, und einer fand sich, - dieser war eben der Bukarester Professor Fortu, von dem wir sprechen, - der für die Leidenszeit der Beamten den Ausdruck fand, welchen Tausende im Gefühl hatten. Fortu wendete nicht bloße Schablone des Angriffes an, die gemeiniglich in Zeitungsartikeln zu lesen sind, sondern hatte sich in die Budgetziffern vertieft, las eifrig das Amtsblatt, studierte die Ministerratsprotokolle und fand in diesen Akten das Werkzeug, mit dem er gegen den Mann operieren konnte, den er für alles Unglück verantwortlich machte. Der war Iorga, der angepreist war als Meister der Pädagogie, der Historiker, der Rumäniens Ruhm in die Welt trug, der Erzieher des Königs, überhaupt die persona gratissima dort oben, so sagte Fortu, der das Herz am rechten Fleck hätte haben sollen, den Lehrern, den Kollegen zu helfen. Es erboste Fortu, daß Iorga es nicht tat, und darum schüttete er auch mit rhetorischer Gabe den großen Bannfluch über das Haupt des bedeutendsten Professors, den Rumänien besaß, und sagte ihm Krieg an. Die Wirkung war von derartiger Größe, daß Fortu sofort unter Anklage gestellt werden sollte. Aber die Misere der Situation war stärker als Iorga: nicht Fortu fiel, sondern die Regierung. Und aus der Verhaftung wurde nichts.

Die Geschichte wiederholt sich heute, Fortu sitzt im Gefängnis. Sein Kampfesmut war bisher, da er das größte Erlebnis hatte: die Rede in der Versammlung, welche Iorgas Sturz verlangte, gestiegen. Er geht weniger in Versammlungen, sondern sucht sich der Oeffentlichkeit durch seine Zeitschrift „Drum nou“ zu vermitteln: Noch gewinnt er nicht das ganze Terrain, da er seine Sätze vom Wert des politischen Wirkens nur seinen Freunden vermittelt. Je größer die Krise, je reichhaltiger die Zwischenfälle, je undurchsichtiger die politischen Intrigen, und je verschwommener es um die Regierungspartei wird, desto schärfer ist der Ton seiner Worte. Und endlich schießt er los. Wieder hat er in den Ziffernkolonnen des Budgets sich verloren, und er findet dort Posten, die in die hunderte Millionen gehen, deren Abnehmer nur mit Buchstaben angedeutet sind, und für deren Ausgabe es keine Belege gibt. Solche Anwürfe müssen wirken. Die Regierungsgewalt hat keinen anderen Weg, als den der Konfiskation seiner Zeitung und die Verhaftung des Autors.
Darüber spricht heute Bukarest. Welche Resonanz die Konfiskation und die Verhaftung gefunden haben, ersieht man aus der Mitteilung, daß für die Lektüre des konfiszierten Artikels Honorare bis fünftausend Lei gezahlt werden. Der Artikel Fortu hat einen Seltenheitswert erlangt. Fortu ist der Märtyrer geworden. Aber draußen sammelt sich die Masse, welche es nicht verstehen kann, daß das wahre Wort bestraft werden soll. Pressefreiheit - : für jene, die unter der Maske Staatsgelder vergeuden, ein Wort des Scheins; für die anderen, die durch die Aufdeckung von inkorrekten, das Volksvermögen belastenden und die Steuerkraft des Publikums aufzehrenden Ausgaben aufgescheucht, selbst in Mitleidenschaft gezogen werden, das Ideal der Verfassungsfreiheit, das sich gerade in Zeiten der Korruption als die beste Waffe erwiesen hat.
Ego

(330119r1)


Japan bereitet Austritt aus dem Völkerbund vor [S. 1, oben, rechts]
Note Japans ist fertiggestellt

Genf, 17. Jänner (Tel. des „Tag“). Der Neunzehnerausschuß, der sich mit dem Konflikt im fernen Osten beschäftigt, steht im Mittelpunkt des Interesses. Der englische Minister des Aeußeren Simon erklärte, daß er nur noch heute, aus reiner Höflichkeit, den Appell an Japan richte, den Völkerbund als die Stelle anzuerkennen, welche berufen ist, im Konflikt zu vermitteln. Wenn der Geist der Verständigung nicht siegen wird, dann bedeute das den Tod des Völkerbundes. Mit der Phrase, den Geist der Verständigung zu berücksichtigen, aber ihm nicht zu folgen, muß Schluß gemacht werden.

Der japanische Vertreter äußerte sich Journalisten gegenüber: Wenn morgen der Neunzehnerausschuß irgend welche Vorbehalte machen wird, die den japanischen Wünschen nicht Rechnung tragen, ist Japan entschlossen, aus dem Völkerbund auszutreten. In Tokio liegt bereits die Note dieses Entschlusses auf. In dieser Note werden zwei Gründe für den Austritt angegeben:

1) Japan hat kein Interesse an einem Völkerbund von Völkern, wenn seine beiden großen Nachbarn, Amerika und Rußland, nicht im Völkerbund vertreten sind;

2) der Völkerbund erfüllt nicht seine Aufgabe, wenn er einen Streitfall verallgemeinert, statt den Streitfall zu lokalisieren.


Nach Ansicht maßgebender Kreise könnte nur noch eine direkte Verständigung zwischen China und Japan erzielt werden, um den Ausbruch eines ernsten und schweren Konfliktes, der sich zum Weltkonflikt auszuwachsen droht, zu verhindern.

(330119w1)


Nichtangriffspakt Rußland - Japan nötig [S. 1, oben, rechts]
Japan lehnt ab

Moskau, 17. Jänner (Tel. des „Tag“). Durch die offiziöse russische Telegrafenagentur wird der Schriftwechsel zwischen der russischen und japanischen Regierung über die Verhandlungen zum Abschluß des Nichtangriffspaktes veröffentlicht. Die japanische Regierung hat Rußland auf den Vorschlag des Abschlusses geantwortet, sie halte den Termin momentan für unzweckmäßig. Hingegen schlage die japanische Regierung das Zusammentreten eines russisch-japanisch-mandschurischen Ausschusses zur Beilegung der Grenzstreitigkeiten vor. Rußland hat in der Antwort auf diesen Vorschlag sein Bedauern ausgesprochen, daß Japan nicht sofort bereit sei, den Pakt abzuschließen, hingegen die Bildung eines Ausschusses abgelehnt, weil zwischen Rußland und Japan keinerlei Streitdifferenzen existieren, die einer Beilegung bedürfen. Der Anlaß der Anwesenheit japanischer Truppen an der russischen Grenze lasse jedoch keinen Zweifel übrig, daß ein Nichtangriffspakt notwendig sei.

(330119w1)


Seite 2

3 Jahre Ehrverlust [S. 2, oben, links]
Das Urteil gegen die 28 Studenten, die kommunistischer Umtriebe angeklagt waren, ist gestern gesprochen worden. Es wurden zehn der jungen Angeklagten verurteilt, die anderen 18 wurden freigesprochen. Was an dem Urteil besonders auffällt, ist der Ehrverlust für drei Jahre, der über vier Studenten erklärt wurde. Drei Jahre lang wird also der Verurteilte rechtlos sein wegen einer von ihm vertretenen Weltanschauung, die, wenn sie auch nicht die unsere ist, doch eine Weltanschauung bleibt; drei Jahre lang wird man ihm ins Gesicht spucken dürfen, drei Jahre lang ihn beleidigen, beschimpfen, herabsetzen können, ohne einer gerichtlichen Klage gewärtig sein zu müssen. Der Angeklagte hat die Ehre und damit seine bürgerlichen Rechte verloren für die Zeit von 3 Jahren. Nach diesen drei Jahren wird er wieder im Besitz seiner Vollgültigkeit, seiner Gleichwertigkeit sein. Aber besehen wir uns doch einmal, wie diese bürgerliche Ehre, die die unsere ist, auf die wir stolz sind und die nicht angetastet werden darf, aussieht; wie die Welt sich offenbart: Kriege und Menschenmorden, Prassen der wenigen und Hungern der Millionen, Tücke und Charakterlosigkeit im prunkvollen Mäntelchen der Würde: haben das die vier Studenten verloren, so haben sie nicht viel verloren ...

(330119c2)


Das Urteil im Prozeß gegen die 28 Hochschüler [S. 2, rechts, Mitte]
Gestern um 9 Uhr vormittags fand die seit langem mit Spannung erwartete Urteilsverkündung im Prozeß gegen die 28 Hochschüler statt, die wegen angeblicher subversiver Propaganda und Geheimbündelei auf die Anklagebank gebracht wurden. Trotz der frühen Stunde war eine große Menschenmenge erschienen, der jedoch aus Sicherheitsgründen der Einlaß in den Verhandlungssaal verwehrt wurde. Unter Führung des Quästors Gussi, des Quästursekretärs Kuczynski und des Majors Römer von Anelli-Monte war eine große Anzahl von Polizeiagenten und Wachleuten erschienen, um Zwischenfälle zu verhüten. Das von der ersten Abteilung des Strafgerichtes (Vors.: OLGR. Dr. Bibring, Beis: OLGR. Dr. Sarbu, Staatsanwalt Grigoriu) gefällte Urteil lautet folgendermaßen: Nathan Melzer erhielt 6 Monate Gefängnis, 3000 Lei Geldstrafe und 3 Jahre Ehrverlust; Walter Roll: 6 Monate Gefängnis, 1000 Lei Geldstrafe und 3 Jahre Ehrverlust; Adrian Sirota: 5 Monate Gefängnis, 500 Lei Geldstrafe und 3 Jahre Ehrverlust; Nathan Engel: 4 Monate Gefängnis, 500 Lei Geldstrafe und 3 Jahre Ehrverlust; Demosthenes Freud, Isak Kurzberg, Malvine Hoch, Mordechai Krasnopolski und Gisela Linker zu je zehn Tagen Arrest, umgewandelt in eine Geldstrafe von je 500 Lei; Nessia Glußman zehn Tage verschärften Arrestes; Abraham Weißmann, der drei Monate lang trotz fortwährender Enthaftungsanträge von Seiten der Verteidigung in Untersuchungshaft gehalten wurde, Dagobert Hertzig, Alexander Gellmann, Isiu Salamander, Iakob Teller, Mordche Weißberg, Herbert Gabe, Iankel Favinski, Erich Klein, Hedwiga Kupermann und Ernestine Blickstein wurden freigesprochen. Bei Litman Färber wurde von einer Strafe abgesehen, da er am 8. Juli 1932 für das gleiche Delikt zu 10 Monaten verurteilt wurde.

(330119c2a)


Seite 4

Die Lehrervereinigung solidarisch[b] [S. 4, oben, links]
Was wird Professor Fortu vorgeworfen?

[b]Bukarest,
17. Jänner (Tel. des „Tag“). Ueber die Begleitumstände, die zur Verhaftung des Professors Fortu geführt haben, erfährt man folgendes:

Professor Fortu hat in der Zeitung „Drum nou“ am 14. d. einen Artikel publiziert, in welchem er sehr scharf die Institutionen des Staates und das Staatsoberhaupt angegriffen hat. Professor Fortu hat auch am 22. Oktober in der Zeitung Cetateanul“ einen Artikel, betitelt: „Die Regierung des Todes und die einzige Lösung“ sowie einen Artikel: „Wer übernimmt die Verteidigung“ publiziert.

Die gegen ihn erhobene Anklage lautet auf Majestätsbeleidung. Bei seiner Einvernahme erklärte der Angeklagte, daß er nicht den König angreifen wollte, sondern nur die Politiker, die diese Situation des Staates verschuldet haben. Er wollte das öffentliche Gewissen wachrütteln und zeigen, in welches Unheil das Land durch die Politik getrieben wurde. Er gab zu, die inkriminierten Artikel redigiert und veröffentlicht zu haben.
Gleich nach der Verhaftung des Professors Fortu trat die Lehrervereinigung zu einer Beratung zusammen und beschloß, Professor Fortu ihre Sympathie für sein Verhalten auszusprechen. Eine öffentliche Solidarisierung konnte aber nicht beschlossen werden, da die Organisation eine offizielle Körperschaft ist.
Im Unterrichtsministerium wurde darüber diskutiert, ob Fortu aus dem Schuldienst zu entfernen sei. Eine derartige Maßnahme erwies sich als unnötig, da durch die Verhaftung auch schon die Suspendierung erfolgte.
Der Haftbefehl gegen Fortu wurde bestätigt.

*

Professor Fortu:
„Der Tag der Verhaftung ist für mich ein Feiertag.“
Bei seiner zweiten Einvernahme vor dem Richter Enescu erklärte Fortu: Ich warte schon lange darauf, vor der gerichtlichen Instanz zu stehen. Dieser Tag ist für mich ein Feiertag. Ich betrete mit Stolz die Pforten des Gefängnisses, weil ich von diesem Lande immer die Wahrheit geschrieben habe. Dieser Prozeß wird mir endlich Gelegenheit geben, alle Gemüter wachzurütteln und das Gewissen aller gutdenkenden Rumänen ermahnen, wieviel Schlechtes sich in unserem Lande ereignet, und daß, wenn diese Situation noch weiter andauert, wir zugrundegehen müssen.

(330119r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 256, Freitag, 20.01.33

Postby Klaus Binder on 20. January 2011, 01:58

Seite 1

Massendemonstration für Professor Fortu [S. 1, oben, rechts]
Kundgebungen und Kommuniques

Bukarest, 18. Jänner (Tel. des „Tag“). Die Generalvereinigung der Sekundarprofessoren hielt gestern eine große Versammlung ab, um ihre Stellungnahme zur Verhaftung ihres Mitgliedes, des Professors Gr. Fortu, festzulegen. Es kam eine Reihe von Rednern zu Wort, die alle ihre Sympathien für ihren verhafteten Kollegen ausdrückten und die Maßnahme der Behörden aufs schärfste verurteilten. Es wurde hierauf ein Beschluß verlesen, in welchem gegen das Attentat auf die von der Verfassung garantierte persönliche und Gedankenfreiheit protestiert wird. Ferner konstatiert die Versammlung, daß die von ihrem Kollegen Fortu hervorgerufene Bewegung eine Aktion für die moralische Reinigung des Landes darstelle. Die Generalvereinigung der Sekundarprofessoren appelliert an alle kompetenten Stellen, die illegale und mißbräuchliche Maßnahme der Verhaftung ihres Kollegen Fortu zurückzuziehen, und beschließt die dringende Einberufung einer außerordentlichen Generalversammlung des gesamten Lehrkörpers Rumäniens.

Ferner ruft die Vereinigung alle Lehrerinnen und Lehrer der Hauptstadt auf, am Donnerstag, den 19. Jänner um ein Uhr mittags sich auf dem Platz der Universität einzufinden, um von hier aus einen imposanten Demonstrationszug nach dem Gefängnis von Bacaresti, wo Fortu untergebracht ist, zu unternehmen.

Ein zweites Kommunique
Das Zentralkomitee des „Bürgerblocks“ gibt ebenfalls in einem ähnlichen Kommunique bekannt, daß es sich mit Professor Gr. Fortu solidarisiert und die Enthaftung des zu Unrecht Festgenommenen verlangt.

Die Strafuntersuchung des Falles
Wie bereits mitgeteilt, hat das Tribunal die Haft bestätigt. Fortu hat gegen diese Haftbestätigung Appell eingelegt. Der Appell dürfte am Freitag verhandelt werden.

(330120r1)


Seite 2

Soziale Fürsorge im Gemeinderat [S. 2, oben, Mitte]
Der Kommerzialisierungsbericht

Mittwoch, 6 Uhr abends, fand unter Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Saveanu eine Gemeinderatssitzung statt, an der auch der Generaladministrativinspektor Crudu teilnahm. Vizebürgermeister Baranay setzte den Bericht über die Kommerzialisierung des Elektrizitätswerkes fort. Es wurden die Artikel 34 bis 49 mit kleinen Abänderungen vom Gemeinderat angenommen.

Hernach erstattet Gemeinderat Doktor Krämer Bericht über die soziale Fürsorge und stellt den Antrag, daß die Verwaltung des Armenhauses und des Altersversorgungshauses der Kommission für soziale Fürsorge übertragen werde. Weiters soll die Versorgung der Findelkinder und die Verwaltung der Armenbaracken von der sozialen Fürsorge bewerkstelligt werden. Die Kommission für soziale Fürsorge der Stadtgemeinde wird sich auch mit den Privatorganisationen für soziale Fürsorge in Verbindung setzen, um im gegebenen Zeitpunkt eine Zentralfürsorgestelle zu schaffen.
Bis jetzt wurden 15.000 Mahlzeiten den Notbedürftigen verabreicht. Was die Holzverteilung betrifft, wurde die Summe von 180 000 Lei für diesen Zweck vom Stadtrat bewilligt, welcher Betrag für ungefähr 800 Familien reicht, die mit je acht Zentner Holz beteilt werden. Schon aus der Tatsache aber, daß bis jetzt über 1500 Gesuche um Holzzuweisung eingelaufen sind, kann man ersehen, daß dieser Betrag viel zu klein ist. Die Fürsorgestelle wird an den Gemeinderat herantreten müssen, damit eine weitere Summe für diesen Zweck zugebilligt wird. Mit der Kleiderverteilung geht es schwer, da der Primaria die notwendigen Mittel fehlen und die Privatinitiative nicht genügend ist. Der Referent teilt mit, daß über Intervention des Generalrates von Anhauch der Fürsorgekommission Schuhe der Fabrik „Dermata“ um die Summe von 100.000 Lei zur Verfügung gestellt werden. Diese Schuhe sollen vor allem an diejenigen Kinder verteilt werden, die bedürftig sind. Was die Wohnungsfrage betrifft, wird die Stadtgemeinde darangehen müssen, einen genügenden Fond zu schaffen, um Armenwohnungen zu bauen. Die Fürsorgekommission hat bis jetzt 40.000 Lei an arme Mieter verteilt, damit sie von der Delogierung verschont werden. Schließlich ist auch eine Einnahme aus der Lotterie für Arbeitslose zu erwarten. 25 Prozent der Einnahmen, respektive des Reinertrages, wurden für die soziale Fürsorge sichergestellt.
Der Referent schlägt vor, daß die Stadt in 12, die Vorstädte in vier Rayone eingeteilt werden sollen, damit man eine Uebersicht über die Tätigkeit der Armenfürsorge gewinnt. Jedem Rayon sollen sieben Fürsorgeräte, die in der nächsten Sitzung zu nominieren sind, und die vor dem Bürgermeister den Eid ablegen sollen, beigegeben werden. Bei Anlegung des Armenkatasters wird auch die Uebersicht klarer sein. Zuletzt berichtet Dr. Krämer über die Verwahrlosung des Asyls, das dem eigentlichen Zwecke nicht zugeführt wird. Dieser Bau, der für Armenzwecke sehr gut verwendet werden kann, müßte von der Primaria übernommen werden.
Es spricht hernach die Gemeinderätin Dr. Kißmann zum Referat des Vorredners und beleuchtet die Durchführung der sozialen Fürsorge vom Standpunkt der Sozialdemokraten.

(330120c2)


Seite 3

Der Tod der Frau Stalins [S. 3, oben, links]
„Nadezda Alliluieva“ und wie sie starb

Seit Lenins Leiche in einem gläsernen Sarge beigesetzt wurde, hat man in Moskau noch kein so prunkhaftes Begräbnis gesehen, wie unlängst das der „Kameradin Nadezda Alliluieva“, der Frau des Diktators Stalin.
Selbst wenn sehr hohe Würdenträger der Sowjetrepublik sterben, pflegt man die Leichen in aller Stille zu verbrennen, und die ihre Asche enthaltenden Urnen werden dann ohne jede Feierlichkeit in eine Nische der vielen unterirdischen Gewölbe des Kremls gestellt und - vergessen.
Anfang Dezember brachten die offiziellen Blätter Moskaus folgende kurze Notiz überhaupt nicht. Fast keiner wußte, wer Nadezda Alliluieva war, denn dieser Name ist in den kaukasischen Provinzen so häufig, wie bei uns die Namen Groß und Klein. An die Frau des bolschewistischen Diktators dachte kein Mensch. Noch am vorgehenden Sonntag hatte man sie in einer Loge des Großen Theaters beobachtet - in heiterster Laune. Aber sie war es, deren Tod in der kurzen Notiz angekündigt worden war.
Am darauffolgenden Tage wurde die Leiche, in schwarze Seide gekleidet, im großen Saale des Parlamentsgebäudes im dritten Stockwerk aufgebahrt, Blumen zu ihren Füßen, Kerzen am Kopfende. Fünf Arbeiter mit schwarzem Flor an den Aermeln hielten die Wache, während eine Staatskapelle traurige Weisen spielte. Erst jetzt merkte das Publikum, daß „Kameradin Nadezda Alliluieva“ niemand anders als die Frau Stalins war. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch die Stadt.
Moskau wunderte sich. Seltsame Gerüchte gingen von Mund zu Mund. Am folgenden Tage, einem Feiertage, staute sich eine unabsehbare Menge auf dem Roten Platz bis in den Kreml hinein. Die Tore des Parlamentsgebäudes öffneten sich und auf den Schultern von vier Männern wurde ein kleiner roter Sarg herausgetragen. Er enthielt die sterblichen Ueberreste der „Kameradin Nadezda Alliluieva“ . Die Sargträger waren der Premierminister Molotoff, der Präsident des Sowjetparlaments Kalinin, der Kriegsminister Woroschiloff und der Minister der Schwerindustrie Ordzourkidze. Hunderttausende warteten im Freien, bis der Sarg in die Tiefe eines Gewölbes im Kreml verschwand.
Die Gerüchte über den jähen Tod der Frau Stalin sind verstummt - mit Ausnahme eines einzigen, das auch in eingeweihten Kreisen Gläubige findet:
Die 30jährige Frau habe sich für ihren 53jährigen Gatten geopfert, denn sie habe selbst von jeder Speise gekostet, die dem Diktator vorgesetzt wurde, da sie seine Vergiftung befürchtete.

(330120w3)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Nadeschda_ ... Allilujewa


Den Mann am Scheiterhaufen geröstet [S. 3, Mitte, links]

Budapest, 18. (Tel. des „Tag“) In Bacsalmas (Ungarn) ereignete sich gestern eine furchtbare Familientragödie. Der dortige Einwohner Georg Faber lebte seit längerer Zeit in Hader mit seiner Frau und soll diese auch des öftern mißhandelt haben. Die Frau hat, satt der ewigen Schläge und nach Rache dürstend, zusammen mit ihrem erwachsenen Sohn beschlossen, Faber bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Gestern abend wurde Faber, als er nach Hause kam, von Frau und Sohn überfallen, gebunden und auf einen vorher hergerichteten Scheiterhaufen geworfen. Das Holz wurde von der bestialischen Frau dann in Brand gesteckt. Faber, von Flammen umleckt und halb wahnsinnig vor Angst, schrie aus Leibeskräften, die Schreie wurden von Nachbarn gehört, die herbeieilten, das Feuer löschten und den Mann von seinen Stricken befreiten.
Die Frau begab sich daraufhin in die Holzkammer und hängte sich dort auf. Noch bevor sie tot war, wurde ihre Tat bemerkt und der Strick durchgeschnitten. Der Sohn stürzte sich in den Brunnen und spaltete sich den Schäden an herausstehenden Steinen des Brunnenschachtes.

(330120w3a)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 257, Samstag, 21.01.33

Postby Klaus Binder on 21. January 2011, 03:28

Seite 1

Unruhiger Prozeßtag [S. 1, oben, links]
Demonstrationen, Strassenkämpfe, Prügeleien

Man hatte mit Bangen dem Tage des Prozesses Vascauteanu entgegengesehen. Die Gerichtsleitung hatte leider die Anregung, dass die Verhandlung im Strafgericht stattfinden solle, nicht befolgt. Der Polizei war deshalb eine schwierige Aufgabe zugewiesen. Sie löste sie im Sinne, wie es der Leitartikel „Polizei“ („Tag“ vom 15. ds.) geschildert hat. Wenn Kritik gegen die Vorgänge des gestrigen Tages, die im Zentrum im Zeichen der Empörung, der Abwehr, zeitweilig aber auch der Panik standen, gegeben werden soll, dann hat man es nur notwendig, die Vorgänge nach den Grundlinien des in jenem Artikel beschriebenen Verhältnisses zwischen Polizei, Publikum und Studenten darzustellen. Damit wäre auch die Beurteilung der Szenen des gestrigen Tages erschöpft.

Lassen wir zunächst dem Berichterstatter das Wort.

Zuerst drängten sich ungefähr dreißig Studenten in den Verhandlungssaal. Die Verhandlung selbst wurde nicht im geringsten gestört. Gegen halb ein Uhr mittags war die interessante Versammlung zu Ende. Der entscheidende Augenblick war also gekommen, die Aufgabe zu lösen, auf welche Weise die drei in Haft befindlichen Angeklagten Vascauteanu, Künstlich und Feldmann vom Justizpalais ins Strafgericht zurückzubringen wären. Auf diesen Moment hatten die Studenten gewartet. Sie waren auch in den Korridoren des Justizpalais verteilt, dann hatten sie sich an beiden Eingängen postiert und - warteten. Die Polizei war auch nicht untätig geblieben. Sie riegelte mit Mannschaftsspalieren die Straßenübergänge zum Justizpalais ab und suchte sich den Weg vom Justizpalais durch die Mikuliczgasse zum Strafgericht freizuhalten. Aus allen Fenstern, Ecken und Türen dieses Stadtteiles steckten die Einwohner die Köpfe hinaus. Ein ungewohntes Schauspiel bot sich dar: der Kampf der Polizei, um den Weg von den Demonstranten frei zu bekommen. Doch diese ließen nicht locker. Vielleicht waren es ihrer fünfzig, die anderen behaupten hundert, mehr sicherlich nicht. Die Polizei und diese Gruppe standen wie Katze und Maus einander gegenüber. Neugierige, die herbeieilten, wurden mit der kraftstrotzenden Gewalt der Polizei, wie sie ihr zuzutrauen ist, entfernt, eine viertel Stunde verging nach der anderen - das Oberkommando in der Nähe des Haupteinganges des Justizpalais sondierte das Terrain - leider! - es klappte nicht die Strategie.

Es wurde ein Uhr, zwei Uhr, die Zermürbungstaktik schien bald Erfolg aufzuweisen; denn die Demonstranten marschierten, nachdem mit ihnen Verhandlungen geführt wurden, in der Richtung zur Universitätsgasse ab. Jetzt war also der Weg frei. Ein Flüstern ging durch die Menge. Jetzt kommen sie!! Die „schwarze Natascha“ zu sehen - das ist Sensation! Richtig, halb 3 Uhr nachmittags kommt ein Omnibus herangefahren. Na, also! Warum hat man das nicht früher gemacht? Es steigen ein: Eine Dame und paar Zivilisten. Die höheren Polizeibeamten und die Mannschaft umstellen den Wagen, der Motor rasselt und der Wagen fährt ab.

Gerettet ist die Situation!

Polizeimanöver!!
Doch - Ueberraschung: der „grüne Heinrich“ fährt vor. Also ein geschicktes Polizeimanöver! Die Demonstranten, die nicht mehr da waren, sollten irregeführt werden. Der Omnibus sollte die Expedition der drei Häftlinge im Strafgericht vortäuschen. Die zu Spalieren detachierten Mannschaften waren mit dem Abzug des Omnibus abgezogen worden. Also erst der „grüne Heinrich“ faßte die Vascauteanu, den Künstlich und den Feldmann. Auf dem Kutschbock drei Mann, auf dem rückwärtigen Trittbrett drei Mann, die Pferde schleppten mühselig den Gefängniswagen die steile Gasse hinauf, und in einigen Minuten war die Spannung vorüber. Erleichtert atmeten die kommandieren Polizeifunktionäre auf.

Straßenexzesse beginnen
Vor dem Tor blieben Gruppen im Gespräch.
Es blieb etwas in der Luft, die am Vormittag konzentriert gesammelte Erregung, welche nach einer Entladung suchte. Die Psychologen nennen das Abreagieren. Während die Polizei ihre Alarmbereitschaft auflöste, sollte es an der Universität, wohin die Studenten gezogen waren, zu dem „Abreagieren“ kommen.

Kleinkrieg, Straßenkämpfe, Panik
Die Studenten sangen vor der Universität Nationallieder und amüsierten sich. Es sammelten sich junge Burschen und Mädchen zu Gruppen, die aus einer größeren Distanz auf die Studenten sahen. Dabei fielen Zwischenrufe. Es war mehr ein Hänseln, als ein Provozieren.
Aus den Fenstern der Universität wurden Holzstücke hinuntergeworfen. In diesem Moment übergingen die Studenten schon zum Angriff auf Passanten. Die angegriffenen Burschen und Männer flüchteten. Einige von ihnen setzten sich zur Wehr. Jetzt entnahmen die Studenten das Holz der Umzäunung der Bäumchen auf den Straßen und bewaffneten sich. Gegen halb vier Uhr nachmittags war längst in der Universitätsgasse der Kleinkrieg im Gange. Ohrfeigen, Stockhiebe, Eisstückwürfe, ein Gelaufe, bald diese Gruppe im Vorteil, bald die andere. Als es an der Ecke vor dem Tempel bereits zu ordentlichen Krawallszenen kam, erhielten die Studenten Sukkurs. Ueber eine halbe Stunde dauerten die Straßenkämpfe. Immer wieder dasselbe Bild Angriff auf Passanten, Abwehr, größtenteils Versuche, den Anpöbelungen aus dem Wege zu gehen.

Paar Polizisten sahen zu, griffen aber nicht ein. Die Ladenbesitzer hatten die Rollläden heruntergelassen, Fenster wurden verbarrikadiert. Das Gerücht von den Exzessen hatte sich weithin verbreitet, und von allen Seiten strömten die Menschen heran.
Herr Dr. Ebner und Herr Dr. Rosenzweig erschienen in der Universitätsgasse. Zwischen Dr. Rosenzweig und einigen Studenten kam es zu Zwischenfällen. Dann formierten sich die Studenten zu einem Zuge und zogen durch den Ringplatz, die Hauptstraße in die Landhausgasse zur Redaktion des „Vorwärts“. Auf dem Wege kam es zu neuen Exzessen. Jetzt setzte eine wahre Panikstimmung ein. Die Kaufleute schlossen ihre Geschäfte. In der Landhausgasse wurden der 19jährige Feuerring, Armeniergasse 8 wohnhaft, und der 40 Jahre alte M. Steuermann, Lerchengasse 9 wohnhaft, mit stumpfen Werkzeugen blutig geschlagen. Sie wurden später im jüdischen Spital behandelt. Die Verletzungen sind leichter Natur. Polizei war bereits in größerer Zahl da. Sie suchte aber nicht den Marsch der Studenten zu verhindern, sondern drängte die anderen, auch unbeteiligte Passanten, von den Straßen ab, um den Weg für die Studenten frei zu machen. Die Absicht war, ein Zusammentreffen mit den Studenten zu vermeiden, jedenfalls die Studenten zu isolieren. Im „Vorwärts“ verhandelte Gemeinderat Dan mit einer Studentendeputation. Es kam dort zu keinem weiteren Zwischenfall.

Abschluß: Isolierung der Studenten
Die Demonstranten kommen! So ging es nun von Mund zu Mund. Geschäfte wurden sofort geschlossen! Der Zug setzt sich durch die Fialagasse, Russischegasse zu den Redaktionen der anderen Zeitungen in Bewegung. Herr Dr. Hotinceanu hielt an die Demonstranten eine beruhigende Ansprache. Es ereignete sich weiter kein Zwischenfall. Aber die Stimmung war einmal gereizt, die Erregung groß. Wieder gab es große Alarmbereitschaft. Herr Generalinspektor Anghelescu mit seinem ganzen Stabe von Polizeifunktionären war zur Stelle und wieder wurde die Taktik angewendet, den Zug der Studenten zu isolieren. Das ist auf diese Weise geschehen, daß das Publikum von der Herrengasse, dem Ringplatz und der Ecke Postgasse abgedrängt wurde, um freie Bahn für die Demonstranten zu schaffen. Noch ein letztes Aufflackern der Erregung in der Tempelgasse, dann Ecke Ringplatz-Postgasse, wo der ganze Polizeistab versammelt war. Es war gegen sechs Uhr geworden. Ruhe ist wieder eingetreten.


Wieder Ruhe
So schließt dieser Tag, der Tag des Prozesses Vascauteanu ab. Die Stadt erleidet einen großen Schaden. Kaufleute haben mit ihrer Anklage vollständig Recht, daß an diesem Nachmittag die Kundschaft aus den Geschäften vertrieben wurde. Auch die Kinos litten abends unter den Wirkungen des Exzesses. Wenn sich diese Szenen an jedem Prozeßtage wiederholen werden - na, danke schön! - der Herr Steuereinnehmer wird nicht zufrieden sein, wenn er um die Steuern kommt, denn die Kaufmannschaft wird Recht haben, wenn sie die Beschuldigung gegen die Autoritäten erheben wird, daß wegen der mangelhaften Sicherheit der Geschäftsbetrieb gestört wurde; abgesehen davon, daß das Gefühl der Unsicherheit im Wachsen ist und auf die von der Wirtschaft erzeugte trostlose Stimmung noch mehr zurückwirkt.

Sechs Studenten verhaftet
Vorstellung im Nationaltheater gestört

Für gestern (Donnerstag) abends war eine Theatervorstellung im Nationaltheater angesagt, bei der auch Frau Capustin eine Rolle innehatte. Die Studenten störten die Vorstellung, um sowohl gegen Fotino als auch gegen seine Frau Capustin zu demonstrieren. Die Behörden schritten sofort ein. Ueber Auftrag des Polizeiquästors Gussi wurden die Ruhestörer verhaftet und der Polizeiquästur überstellt, wo morgen das Verhör aufgenommen wird.
Als die Situation im Nationaltheater ernst wurde und die Studenten auch auf offener Straße zu demonstrieren begannen, wurde die Staatsanwaltschaft verständigt. Am Tatort erschien der Generalstaatsanwalt Alexandru mit dem ersten Staatsanwalt Panu. Auch ein größeres Polizeiaufgebot unter Leitung des Polizeiquästors Gussi und des Quästursekretärs Dr. Kuczynski und ein Gendarmeriepluton stand bereit, um bei eventuellen Unruhen sofort einschreiten zu können.
Als die Studenten der Polizeiquästur überstellt wurden, sangen sie nationale Hymnen.
Nachdem die Studenten - sechs an der Zahl - verhaftet wurden, war die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt.
Das Wachaufgebot mit den Vertretern der Behörden blieb noch ungefähr eine Viertel Stunde - um halb 12 Uhr nachts - am Ringplatz. Generalstaatsanwalt Alexandru, erster Staatsanwalt Panu, Generalinspektor Anghelescu und Polizeiquästor Gussi hielten noch eine kurze Beratung ab und erteilten weitere Aufträge an die Polizeiorgane.
Die Eskorte der zur Polizeiquästur geführten Verhafteten wurde vom Quästursekretär Dr. Kuczynski geführt.

(330121c1)


Seite 2

Personalnachricht [S. 2, links, unten]
Der König hat den früheren polnischen Konsul in Czernowitz Grabinski mit dem Orden „Coroana Romaniei“ ausgezeichnet.

(330121i2)


Erklärung [S. 2, Mitte, unten, links]
Unser Mitarbeiter Helios Hecht ersucht uns um folgende Richtigstellung: In meiner 3. Fortsetzung „Erlebnisse und Eindrücke im Gefängnis“ kommt der Subtitel „Rottenberg hat auch ein warmes Herz“ vor. Diese Ueberschrift stammt nicht von mir, sondern ist von der Redaktion ohne mein Wissen eingeschaltet worden. Dieser Titel gibt vielleicht meiner Darstellung einen Sinn, der mir völlig fern lag, da es mir lediglich um eine allgemeine Betrachtung psychologischer Möglichkeiten gegangen war.
Helios Hecht

(330121a2)


Gerichts-„Tag“
Der Prozeß Vascauteanu-Feldmann [S. 2, oben, Mitte]

Vorsitzender: Präsident Marino, Beisitzender: Präsident Joachim, Staatsanwalt: Cuparencu.

Gestern fand vor der zweiten Abteilung des Strafgerichtes die Verhandlung gegen die der kommunistischen Propaganda und der Geheimbündelei angeklagten Polja Vascauteanu, Josef Feldmann, Alfred Künstlich, Sima Koifman, Romuald Süßmann, Wilhelm Eisenstein, Elias Medilanski und Armin Dubs statt. Als Verteidiger fungierten die Advokaten Adelstein, Gheorghian, Doktor Hitzig, Doktor Kißmann, Pinkensohn, Schavirin, Stein und Blei.

Ein großes Aufgebot von Agenten und Wachleuten war unter Führung des Quästursekretärs Dr. Kuczynski und des Majors Anelli-Monte im Gericht erschienen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Der Eintritt in den Verhandlungssaal war sehr erschwert. Größtenteils füllten Studenten den Saal.

Die Angeklagten schildern die Folterungen bei der Polizei
Die Verhandlung begann mit der Einvernahme der unter dem Namen „Die schwarze Natascha“ bekannten Polja Vascauteanu, die ihre bei der Polizei und vor dem Untersuchungsrichter gemachten Erklärungen zurückzog, da sie angeblich unter dem Einfluß der von den Polizeibeamten zugefügten Malträtierungen und Drohungen abgegeben wurden. Sie gibt zu, daß in ihrer Wohnung der Vervielfältigungsapparat und das Archiv gefunden worden seien, doch habe sie diese Dinge von einem gewissen „Grischa“ erhalten. Den Feldmann habe sie vor ihrer Verhaftung nicht gekannt. Sie schilderte ausführlich die an ihr von Hartl, Rottenberg, Onciul und anderen ihr dem Namen nach nicht bekannten Agenten vorgenommenen Folterungen, an deren Folgen sie noch jetzt leide. Sie sei 10 Tage lang 5-6 Stunden täglich, aber immer nachts, aufs entsetzlichste geschlagen und mißhandelt worden. Nachdem sie mit einer Flut von Ohrfeigen bis zur Bewußtlosigkeit geprügelt worden sei, wurde ihr ein Stock durch Hände und Füße gesteckt und an ihr die „Mühle“ vollzogen. Wenn sie zu ermatten drohte, wurde sie mit Wasser übergossen und dann die Prozedur immer wieder von neuem vollführt. Als sie einst aus der Ohnmacht erwacht sei, habe sie den Polizeiagenten Onciul dabei betreten, wie er sich an ihr brutal vergangen habe. Sie gibt zu, der kommunistischen Organisation anzugehören.

Es folgte die Einvernahme des 22jährigen Studenten Josef Feldmann, der gleichfalls seine Aussagen bei der Polizei und vor dem Untersuchungsrichter zurückzog. Er habe sich des öfteren zum Rapport gemeldet, um vor dem Untersuchungsrichter seine Aussagen zurückzuziehen, sei aber niemals zugelassen worden. Er habe vor seiner Verhaftung weder die Vascauteanu noch die Koifman gekannt. Gleich nach seiner Verhaftung sei er von Rottenberg mit der Koifman konfrontiert worden. Rottenberg sagte zu ihm: „Kennst Du dieses Mädchen?“ Auf Feldmanns verneinende Antwort sagte Rottenberg: „Ihr werdet bald Bekanntschaft miteinander machen.“ Hierauf wurde er der Mühle und einer Bastonade mit Gummiknütteln und Holzstöcken unterzogen und mußte eine Erklärung unterschreiben, aus der hervorging, daß er die Funktion eines Regionaltechnikers bekleidet habe. Er mußte mit wunden Füßen treppauf und -ab laufen, man faßte ihn an den Haaren, schleuderte ihn mit den Füßen gegen den Boden, unterzog ihn einer Daumenschraube, der Agent Onciul pißte ihm ins Gesicht, all dies, um von ihm unrichtige Angaben zu erpressen. Zur Untersuchung mußte er im Wagen gebracht werden, da er nicht gehen konnte. Seine Deklaration sei erst 8 Tage nach seiner Verhaftung aufgenommen und von Hartl diktiert worden. Einst habe Dr. Popescu die Tür seiner Zelle eine Spanne weit geöffnet und ihm zugerufen: „Krank bist Du? Du liegst hier wie ein Baron und hast sogar Bonbons!“ Das sei die ärztliche Visite gewesen. Er leugnet, Kommunist zu sein und einer Organisation anzugehören.

Der dann einvernommene 18jährige Student Alfred Künstlich gab an, nicht für die Organisation „MDPR“ gearbeitet und die Vascauteanu und Koifman erst bei der Polizei kennengelernt zu haben. Er habe nur gemeinsam mit seinen Mitschülern Medilanski, Süßmann, Dubs und Eisenstein einer Schülervereinigung angehört. Seine Erklärung sei ihm von Hartl diktiert worden. Auch er wurde zweimal malträtiert.

Die 20jährige Schneiderin Sima Koifman aus Lipcani zieht ihre früheren, wie sie sagt, durch Drohungen erpreßten Aussagen zurück. Sie habe nie Manifeste zur Verteilung bekommen und kenne keinen der Angeklagten aus der Zeit vor ihrer Verhaftung.

Sehr überraschend wirkten die Aussagen des 18jährigen Absolventen des Gymnasiums, Romuald Süßmann, der in diesem Prozeß die Rolle eines Provokateurs innezuhaben scheint, und der in seinen Angaben sehr unsicher wirkt. Er hält seine früheren Aussagen aufrecht und gibt zu, einer Mittelschülervereinigung „MDPR“ angehört zu haben, deren Aufgabe es gewesen sei, kommunistische Zellen im Gymnasium zu errichten. Die Versammlungen des Vereines fanden in seiner Wohnung statt. Kurze Zeit vor seiner Verhaftung sei er aus der Vereinigung ausgetreten. Von der Existenz der „Schwarzen Natascha“ habe er keine Kenntnis gehabt. Er gibt an, einst Manifeste empfangen und an einen Burschen mit blauer Bluse weitergegeben zu haben. Auf eine Spezialfrage der Verteidigung gibt er zu, in der Zeit der Untersuchung mit einem Agenten zu einer öffentlichen Versammlung mitgenommen worden zu sein, um die Identifizierung von Kommunisten vorzunehmen. Auf diese Weise seien auch andere Organisationen entdeckt worden.

Der 17jährige Student Wilhelm Eisenstein sei zweimal bei Süßmann zuhause gewesen, ohne einer Organisation angehört zu haben. Dort seien nur literarische Fragen zur Rede gekommen. Es sei ihm von Hartl eine Erklärung diktiert worden, die Namen enthielt, die er nie in seinem Leben gehört hatte. Auch die Studenten Armin Dubs und Elias Medilanski geben lediglich zu, einer Mittelschülervereinigung angehört zu haben, bei deren Zusammenkünften über literarische und wissenschaftliche Probleme diskutiert worden sei, und die mit Beendigung des Schuljahres zu existieren aufhörte.

Neue Zeugen sind zu laden
Die Verteidigung übermittelte dem Senat das Ansuchen der Angeklagten zur Ladung von zehn Zeugen zur Ergänzung des Beweisverfahrens. Die vorgeschlagenen Zeugen sind die drei Agenten Rottenberg, Hartl und Onciul, sowie die in Haft befindlichen angeblichen Kommunisten Stella Weintraub, Toni Goldstein, Scheindl Sternberg, Bruno Iaslowitz, Oswald Bundorf, Sali Iwanier und Chaja Feldmann, die den Nachweis erbringen sollen, daß die Aussagen erpreßt seien. Advokat Dr. Kißmann stellt den Antrag auf Ladung des Bruders der Koifman, Mendel Koifman, der anwesend gewesen sei, als seine Schwester bei der Polizei bedroht wurde. Advokat Dr. Adelstein sucht um die Einvernahme des Dr. Kißmann und des Deputierten Dr. Lothar Radaceanu an, die die Angeklagten im Gefängnis besucht und ihren Zustand gesehen haben. Advokat Blei plädiert für die Ladung von Medilanskis Bruder, Philipp Medilanski, um nachzuweisen, daß dieser ihm zum Geständnis geraten habe, und der Mutter des Dubs, in deren Gegenwart sich Dr. Postatny geäußert haben soll, daß Süßmann von der Polizei gedungen sei. Advokat Stein verlangte die Heranziehung der Gefängnisregister, in denen ersichtlich sein soll, daß sich die Angeklagten oftmals zum Rapport meldeten, um vor dem Untersuchungsrichter ihre Geständnisse zurückzuziehen, ohne daß ihrem Wunsche nachgekommen worden wäre.

Der Staatsanwalt ...
Staatsanwalt Cuparencu wandte sich in scharfer Form gegen diese Anträge. Es müßten die strengsten Schritte unternommen werden, um eine weitere kommunistische Propaganda zu ersticken. Eine gewisse Presse habe sich mit Erfolg darum bemüht, über die Polizeimethoden, zu denen seit jeher auch das System gehöre, Einvernahmen durch Ohrfeigen und ähnliche Mittel zu erleichtern, durch maßlose Uebertreibungen böses Blut zu erzeugen, um auf diese Weise das Strafverfahren für die Angeklagten zu mildern. Bei dem Prozeß, der gegen die drei beschuldigten Polizeiagenten stattfinden werde, wird es zu Tage kommen, inwieweit sich diese vergangen haben. Die vorgeschlagenen Zeugen seien entweder Familienangehörige der Angeklagten, und als solche gewiß parteiisch, oder verhaftete Gesinnungsgenossen der Beklagten, denen kein Glauben zu schenken sei. Er trete daher für eine Abweisung der Anträge sein, zumal die vorhandenen Corpora delicta ausreichend seien, und forderte strengste Bestrafung der Angeklagten.

Advokat Adelstein wandte sich gegen die Ausführungen des Staatsanwalts und wiederholte die Anträge der Verteidigung.

Vertagt
Der Senat zog sich zur Beratung zurück und nahm den Antrag der Verteidigung zur Ladung der Zeugen an, wies jedoch das Beweisverfahren durch die Gefängnisregister als unwesentlich ab.

Der Prozeß wurde sodann für den 26. ds. vertagt. Dem Antrag auf Enthaftung der Angeklagten Feldmann, Künstlich und Vascauteanu wurde nicht stattgegeben.

(330121c2)


Seite 3

Danksagung [S. 3, unten, rechts]
Ausser Stande für die uns aus Anlass des Ablebens unseres innigst geliebten Gatten, Vaters, Schwiegervaters

Ph. Mr. Josef Focsaneanu
Apotheker in Sadagura
erwiesenen Anteilnahme jedem einzelnen zu danken, ersuchen wir alle, die uns in diesen schweren Stunden tröstend zur Seiten standen, unsern herzlichsten Dank entgegenzunehmen.

Insbesondere danken wir Sr. Ehrwürden Rabbiner Landau, wie dem Vertreter der Asociatia farmacistilor Apotheker Dr. H. Guttmann und dem Vertreter der konditionierenden Apotheker Mr. Gross für die tiefempfundenen Worte des Gedenkens.
Sadagura, im Januar 1933
Familie Apotheker Focsaneanu

(330121t3)


Seite 4

Heute Appellverhandlung gegen die Verhaftung Fortu [S. 4, Mitte]
Professor Gerota bietet Kaution

Bukarest, 19. Jänner (Tel. des „Tag“). Die Untersuchung über die, Professor Fortu vorgeworfenen Delikte wird eifrigst fortgesetzt. Untersuchungsrichter Enescu hat heute eine Reihe von Zeugen einvernommen, die entlastend für den Angeklagten ausgesagt haben. Gleichzeitig richtete der Untersuchungsrichter eine Adresse an das Unterrichtsministerium, in welchem verlangt wird, daß Professor Fortu vom Schuldienst dispensiert wird, nachdem er sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht hatte und verhaftet werden mußte.

Inzwischen erschien gestern Professor Gerota vor dem Untersuchungsrichter und überreichte ihm ein Memorandum, in welchem die Freilassung des Professors Fortu verlangt wird. Sollte eine materielle Kaution für die Enthaftung Fortus notwendig sein, sei er bereit, jede Summe für seine Freilassung zu erlegen.

Die Verhandlung des Appells gegen die Verhaftung Fortus war für Freitag angesetzt. Ueber Intervention der Staatsanwaltschaft, die eine Beschleunigung des Verfahrens verlangte, wurde die Appellverhandlung schon für Donnerstag angesetzt. Bekanntlich wird vor die Haftkammer, die über den Appell zu entscheiden hat, weder der Verhaftete vorgeführt, noch werden Verteidiger zugelassen. Es ist nur die Vorlage eines schriftlichen Memorandums erlaubt, in welchem die Gründe für die Freilassung des Angeklagten angegeben sein müssen. Die Haftkammer besteht aus drei Richtern.

Nun haben die Advokaten des Angeklagten: Trancu-Iasi, Toma Dragu und Titel Petrescu ein Memorium der Haftkammer vorgelegt, in welchem auf Berufung der Artikel 100 und 101 des Strafgesetzbuches die Freilassung des Angeklagten verlangt wird. Präventivarrest bei Pressedelikten ist übrigens auch im Artikel 26 der Verfassung verboten. Dem Angeklagten könne nicht vorgeworfen werden, daß er die Dynastie beleidigt hat.

Die Entscheidung der Haftkammer wird daher mit großer Spannung erwartet.

*
Fortu enthaftet und wieder verhaftet
Bukarest, 19. Jänner (Tel. des „Tag“). Die Appellverhandlung gegen die Verhaftung des Professors Fortu endete mit der Aufhebung der Haft.

Gleich nach Verkündung des Urteilsspruches wurde aber von seiten der Staatsanwaltschaft ein neuer Haftbefehl gegen Fortu erlassen. Die Haftkammer der dritten Sektion befaßte sich gleich mit dem Haftbefehl und verkündete nach kurzer Beratung die Bestätigung desselben, sodaß Fortu weiter in Haft verbleibt, obwohl die Haftkammer der zweiten Sektion die Haft aufgehoben hat.

(330121r4)


Doch 40-Stundenwoche? [S. 1, unten, rechts]
Genf, 19. Jänner, (Tel. des „Tag“). In der Konferenz zur Verkürzung der Arbeitszeit wurde heute ein Beschluß angenommen, in welcher die Einführung der 40-Stundenwoche zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit empfohlen wird.

(330121w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 258, Sonntag, 22.01.33

Postby Klaus Binder on 22. January 2011, 00:29

Seite 2

Kontingentierung [S. 2, oben, links]
Keine Angst, bitte: diese Frage vom handelswissenschaftlichen Standpunkt aus zu erörtern fällt mir nicht im Traum ein. Aus dem einfachen Grund, weil ich handelswissenschaftlich davon sehr wenig verstehe. Aber ich möchte den Lesern dieses Blattes, die der Kontingentierung als Laien gegenüberstehen, wenigstens annähernd vor Augen führen, worum es sich also eigentlich handelt, wovon die Presse täglich so voll ist.
Kontingentierung ist folgendes:
Ein Kaufmann benötigt einen Kessel. Der Kessel, den er für seinen Betrieb oder zum Wiederverkauf braucht, wiegt 1000 Kilogramm. In Deutschland wird dieser Kessel bestellt, und die Bestellung ist bereits abgegangen. Die Kontingentierungskommission, die darüber zu entscheiden hat, ob und welches Quantum eingeführt werden darf, macht die Angelegenheit des Dampfkessels oder Heizkessels zu einem Hexenkessel, denn sie bewilligt zwar seine Importierung, aber sie gestattet dem Kaufmann nur - 200 Kilogramm.
Jetzt wissen Sie es: Das ist die Kontingentierung.
Oder: Ein Kaufmann bestellt aus Deutschland 500 Kilogramm irgendeiner Ware. Mit der Firma in Deutschland steht er seit 10 Jahren in Geschäftsverbindung. Die Kontingentierungskommission bewilligt nur 200 Kilogramm, und zwar nicht aus Deutschland, sondern aus - Italien.
Konklusion:
Wenn das so weiter geht, wird uns nächstens der Kaufmann, in dessen Geschäft wir 2 Kilogramm Pflaumen verlangten, 10 Deka eiserner Nägel einpacken. Denn die Kontingentierungskommission hat ihm nicht mehr und nichts anderes gestattet. Anderswo werden wir ein Stück Seife erhalten, obwohl wir ein Dutzend Hemdkragen verlangten. Die Kontingentierungskommission, Sie verstehen …
Eine Leibschüssel wird uns lächelnd offeriert, wo wir einen Hut haben wollten.
„Guten Tag! Kann ich 2 Kilo Oliven bekommen?“
„Bitte sehr, meine Dame! Moritz, pack der Dame ein halbes Kilo Hefe ein!“
An Stelle einer Krawatte werden sich die Herren nächstens einen Damenstrumpf umbinden müssen.
Die Damen aber werden statt eines Schlüpfers mit einer Herrenweste vorlieb nehmen müssen.
Getrunken wird nur mehr Tinte, geschrieben darf künftig nur mit Rhizinusöl werden.
Bitte zehn Zigaretten. - Hier mein Herr, ein Paar Socken …
So. Das ist nämlich die Kontingentierung.
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330122r2)


Ein Opfer der Arbeit [S. 2, oben, links]
Der Schillerpark war gestern um 11 Uhr vormittags Schauplatz eines schweren Unfalls, dem ein Menschenleben zum Opfer fiel. Der Arbeiter Constantin Bordeiuc wurde, während er Erdarbeiten verrichtete, von einem Steinblock verschüttet und mit einem Rippenbruch und schweren inneren Verletzungen ins Spital geschafft, wo er seinen Verletzungen erlag.

(330122t2)


Seite 3

Lied zur Laute [S. 3, oben, rechts]
Neue Männer, Staatenlenker
Stellen nunmehr sich uns vor;
Kluge Köpfe, große Denker
Stiegen nun zur Macht empor.
Triumphiere, Mensch auf Erden,
Neue Männer kamen dran!
Gottlob, es wird besser werden -
aber fragt mich nur nicht, wann

Schimpft doch nicht, Ihr gottverdammten
Nörgler, und seid nicht bestürzt,
Hat man auch den Staatsbeamten
Die Gehälter schon gekürzt;
Das Budget verlangt es herrisch,
Also Bürger, laß’ den Hohn:
Zahl’ die Steuern, zahl’ wie närrisch,
aber frag’ mich nicht, wovon

Arbeitslosigkeit? Was wollt Ihr?,
Andre haben auch kein Geld!
Leiden und entbehren sollt Ihr!
So ist’s heut’ um uns bestellt!
Gott, das hat es stets gegeben,
Daß ein Kind vor Hunger schrie;
Schließlich: alle Armen leben!
Aber fragt mich nur nicht, wie

Jammert nicht die Trauerweisen,
Daß heut’ Geld so selten ist,
Denn in ganz gewissen Kreisen
Gibt’s noch Geld, und Geld wie Mist!
Hat ein andrer Brot auch nötig -
Sekt und Kaviar gibt es hier!
Hier sind Tausender vorrätig!
Aber fragt mich nicht, wofür

Seht, Ihr müßt die Zeit verstehen:
Zeit der Unruh’n, Zeit der Wirr’n!
Habt Ihr Donnerstag gesehen
Die Studenten demonstrier’n?
Wenn auch nichts das Schau’n genützt hat -
Eines hat man klar gesehn:
Daß die Polizei geschützt hat.
Aber fragt mich nur nicht, wen

Gleiche Bürger sind wir alle,
Laut Verfassung, laut Gesetz,
Laßt das Raunzen, die Krawalle,
Denn „die oben“ sagen stets:
„Bürger dieses Staats! Ihr müßt uns
Nur als Freunde sehen, oh!
kommt, umarmt uns, kommt und küßt uns!“
Aber fragt mich nur nicht, wo
Heinrich Goldmann

(330122r3)


Rauchen verboten [S. 3, rechts, Mitte]
Es hat also gewirkt die kurze aber sachliche Kritik an der vorletzten Sitzung des Gemeinderates. Der Bürgermeister hat in der Sitzung von Donnerstag das Rauchen verboten. Wenn ich auch selbst das Opfer dieses Angriffes wurde - denn der Bürgermeister untersagt mir das Rauchen mit den Worten: Sie haben doch den Gemeinderat angegriffen, weil dortselbst nicht debattiert, sondern geraucht wird, - so freut es mich trotzdem, daß die kritischen Worte ihr Ziel nicht verfehlt haben.
Ich schlage vor, daß die Herren Gemeinderäte die Summen, die sie beim Nichtrauchen während der Gemeinderatssitzungen ersparen, der sozialen Fürsorge zur Verfügung stellen.
Ich meinerseits aber werde die mir bei den Gemeinderatssitzungen verbotenen Zigaretten nach der Sitzung rauchen.
Heil, Herr Bürgermeister, für Ihre Initiative.
M. L.

(330122c3)


Seite 4

Eindrücke und Erlebnisse [S. 4, links, oben]
im Czernowitzer und Jassyer Polizeigefängnis
Von Helios Hecht


IV.
Ich glaube daran, daß sie (die Polizeiagenten) Menschen geschlagen haben; mir selbst haben sie es eingestanden, daß sie gelegentlich den oder jenen geohrfeigt hätten, weil sie auf Frechheit und Widersetzlichkeit gestoßen seien. Wenn man sich die besondere Empfindlichkeit von Polizeiorganen und Feldwebeln vergegenwärtigt, wird man mit Recht geneigt sein, die Widersetzlichkeit der verhafteten Burschen auf ein unsichtbares Minimum herabzusetzen. Ich wiederhole aber jetzt und immerdar; kein Mensch hat ein Recht, seinen Nebenmenschen zu mißhandeln, kein Beamter ist befugt, ein Geständnis durch Schlagen oder durch Drohungen abzupressen, abgesehen davon, daß ein derartiges Geständnis jederzeit widerrufen werden darf und vor dem Richter keine oder nur allergeringste Beweiskraft besitzt. Noch immer verfolgt mich die geradezu niederschmetternde Vorstellung, man habe die kommunistische Jugend moralisch und physisch ausgiebig eingeschüchtert. Daß ähnliche Polizeimethoden auch in Amerika, Frankreich und gar in Deutschland praktiziert werden, macht die Scheußlichkeit nicht erträglicher.

Verbrecheralbum
Am vierten Hafttage wurde ich recht geheimnisvoll ins Dachzimmer des Polizeigebäudes hinaufbefohlen. Wozu? Das Bertillon’sche Fingerabdruckverfahren sollte ich nun am eigenen Leibe kennen lernen. Ein so abgefeimter Kerl wie ich, gehört doch ins Verbrecheralbum. Also wurde ich gemessen, gewogen, photographiert und als Galgenvogel stigmatisiert. Und dies trotz des behördlicherseits gemachten Einbekenntnisses, daß ich in der Sache offenbar schuldlos sei. Ja, es traf mich, aber nicht mehr als Schmach, sondern als Vergewaltigung. Denn nun begreife ich es wieder einmal, es ist keine Schande, eingesperrt zu sein, wenn es keine Schande ist. Ekel und Verachtung schüttelten mich, da ich erwog, daß Dutzende von Direktoren und Panamisten frei herumliefen, obwohl sie durch ihre sträflichen Spekulationen Hunderte von Existenzen untergraben hatten. Ich aber mußte hier meine Fingerabdrücke hergeben. Zum Lachen! Nun hob ich den Kopf wieder frei und unbeschwert und senkte ihn nicht mehr vor dem Dunkel der Zukunft.
Die Schleier der langen Nacht begannen sich kaum merklich zu heben, die erste Dämmerung des jungen Morgens durchzog die Zelle, da verfiel ich nach einer Weile wieder in Wandelschlummer. Mir deuchte, als wurde eine der Wände transparent, und aus der Tiefe löste sich die Gestalt meines toten Vaters. Freudeerregt und stumm starrte ich ihn an. Er schritt feierlich und mit einem ergreifenden Lächeln auf mich zu, hielt knapp vor mir inne und faltete seine durchscheinenden Hände über meinem Kopfe. Ich wußte nur, daß lautes Atmen jetzt verwerflich wäre, und eine unsagbare Friedseligkeit überkam mich, das unabweisliche Gefühl, daß mir kein Unrecht widerfahren könne. Die Gefängniswände waren entrückt, mir war, als ergriffe ein guter Geist meine Hände, und ich wäre ein Kind, daß sich in treuer Hut und in ersehntem Heimatlande befand. Unter der Wirkung dieses Traumgesichtes wurde ich ganz zuversichtlich und fürchtete die Fahrt nach Jassy nicht mehr. Um mich neuer quälender Gedanken zu erwehren, begann ich rascher auszuschreiten und mir Gedichte aus der Knabenzeit vorzusagen. Dann entsann ich mich einer Stunde, da ich, wie in diesen Nächten in fremden Landen gehend schlief. Im Sommer 1916 marschierte unser Regiment über die Hochfläche des weißen Karst zum Entsatze nach Görz. Das war ein Gewaltmarsch von 50 Kilometern über Gestein und Geröll. Meine vier Granaten im Rucksack, 140 Patronen, eisenbeschlagene Bergschuhe, Mantel und Wäsche und dazu die unerläßlichen Konservenbüchsen, all dies wog rund 30 Kilogramm, und ich, der es tragen mußte, nicht mehr als 48 Kilogramm. Auch damals keuchte ich unter der Last eines niedergeknechteten Willens, aber ich war jung und wundergläubig, und mich beflügelte eine Himmelshoffnung, die „große Zeit“ werde „große Menschen“ ans Werk rufen. Heute aber saß ich im Dämmerdunkel einer kalten Gefängniszelle, verzweifelt an der Fessel zerrend, die man mir aufgezwungen hatte und all den trügerischen Glauben verwünschend, der mich wie ein nie versagendes Zauberpferd durchs Leben getragen hatte. Immer wieder die gleiche schreckliche Runde durchmessen, neun Schritte in der Länge und sechs in der Breite der Zelle, bis ich jeden Gedanken ausgeschaltet hatte und nur noch lallend wie ein Irrer die Schritte zählte. Was muß wohl jener Löwe im New Yorker Tiergarten empfunden haben, der unaufhörlich seinen Käfig durchmaß, immer in der gleichen geschmeidigen Wendung um die Winkel biegend, auf und ab, auf und ab, stets im gleichen Trott. Wie fern die Sanddüne, hinter der er sich verduckte, um die ahnungslose Antilope anzuspringen, wie fern der Sonnenball, dessen Feuergelb sein königliches Fell trug. Wie ein falber Blitz, der vom Wolkengrau niederzuckt, so setzte er in die Hürde, um seine Beute zu holen. Hier aber hatte ihn ein Stärkerer in vier Wände gezwungen. So zwingt uns stets ein Stärkeres oder ein Stärkerer, unsere Stätte der Ruhe und Friedsamkeit aufzugeben, uns zum Kampfe zu stellen oder uns zu ergeben.

In Jassy
Am 6. Dezember morgens wurde ich der Jassyer Polizeibehörde überstellt. „Der Chef der politischen Sektion“ empfing mich geradezu freundlich und erklärte mir, die Untersuchung werde einige Tage dauern. Unterdessen solle ich es mir als Häftling im Büro der Paßabteilung für Fremdenverkehr wohnlich einrichten. Ging ich in den geräumigen Hof hinaus, so folgte mir stets ein Gardist auf dem Fuße. Der Verkehr mit den Beamten und Agenten vollzog sich in durchaus zivilen Formen. Der Hofraum barg einen großen Holzvorrat, und ich heizte des Nachts, als müßte ich das Fegefeuer im Höllenofen speisen. Zum Nachtlager diente mir der schmutzige Fußboden, ein andermal der kurze Schreibtisch Der gerollte Mantel war mein Kopfpolster, die übermäßige Zimmerwärme hüllte mich, in Ermangelung einer Decke, wohlig ein, und da ich seit meiner Verhaftung niemals länger als eine Stunde ohne Unterbrechung schlafen konnte, setzt ich mich oft vor den Ofen und starrte in die weiße Lohe. In den zahlreichen Hofzimmern waren noch viele andere Häftlinge untergebracht, und keiner von Ihnen wurde auch nur durch ein ungeziemendes Wort gekränkt. Der Chefkommissär machte jeden einzelnen vor Abfassung der Deklaration darauf aufmerksam, er müsse die volle Wahrheit bekennen, ergeben sich jedoch Widersprüche und könne der Häftling solche nicht aufklären, so müsse sein Fall der Staatsanwaltschaft überwiesen werden. Keiner der Polizeifunktionäre warf sich je zu unserem Moralprediger auf. Nur einmal wurde ein junges Mädchen aus reichem Hause gefragt, warum sie eigentlich den Kommunismus propagiere, da dieser erfahrungsgemäß von Leuten der besitzlosen Schicht betrieben werde. Sie gestand, es sei für sie eine Ueberzeugungssache, die mit ihren eigenen Lebensumständen nichts zu schaffen habe. Niemand sprach vom Kommunismus als von einer verwerflichen Sache. Hier wurde eine vom Staate verbotene Betätigung gerichtlich verfolgt und vom Gesetze bestraft, moralisch aber nicht angefochten.
Für politische Arrestanten gibt es in Jassy kein Gefängnis. Freilich kann die Staatsanwaltschaft, wenn Anklagematerial gegeben erscheint die Haft bestätigen. Dann kommen die Beschuldigten nach Galata, einer alten Militärfestung, wo ebenfalls zwischen politischen Gefangenen und gemeinen Sträflingen ein Unterschied gemacht wird.
In meinem Kanzleiarrest durfte ich Zeitungen lesen, wenn sie vorher von einem Beamten zensuriert und genehmigt worden waren. So las ich damals den „Mißgriff“ von Dr. Alexis Zaloziecki, und zum erstenmal löste sich wohltuend was mir all diese Tage bleischwer das Herz bedrückt hatte. Schluchzen erschütterte mich, aber es gelang mir noch rechtzeitig, die tiefe Bewegung zu verbergen und unter einem Vorwand in den Hof hinauszueilen. Auf die ich in meiner Not blindlings gerechnet hatte, sie hatten mich alle verlassen, und hier sprach einer für mich, dessen mutiges Wort und geheime Güte mich nun trostreich und heilsam umfing und aufrecht hielt. Auch rumänische Zeitungen durfte ich lesen. Siehe, da entdeckte ich mich in einigen Zeitungen, so in der „Lupta“ und in der Jassyer „Noutatea“ als kommunistischen Häuptling ganz Rumäniens. Ein solches Avancement hatte ich mir nie erträumt. Noch mehr, mein Name wurde von der Rador-Agentur auch dem Auslande preisgegeben. Die „Neue Freie Presse“, der „Abend“, der „Berliner Lokalanzeiger“ nannte mich als Kommunistenkomplotter.
Mein Zustand war nicht so übel, wenn er nicht so in Dunkel gehüllt wäre. Das Gefühl der Freiheitsentziehung, die Ungewißheit des kommenden, die Unerwehrbarkeit gegen ein Verhängnis, dessen Zusammenhänge ich noch immer nicht erfaßt hatte, das peitschte meine Nerven auf, sodaß ich an Stelle meiner üblichen Tagesration von 8 bis 10 Zigaretten ihrer nun 50 bis 60 vertilgte und dadurch noch getriebener und haltloser wurde.

(330122a4)
_____
• Das Wort "Panamist" stammt aus dem Bau des Panamakanals (um 1881). Der skandalbehaftete Bankrott 1888 war 1932 noch in aller Munde.
http://de.academic.ru/dic.nsf/meyers/102971/Panamist
http://de.wikipedia.org/wiki/Panamakanal



Helios Hecht, gerichtl. beeideter graphologischer Experte Dreifaltigkeitsgasse 12 B (Sackgasse).

(330122a4)


Seite 7

Der Selbstmord der Tochter Trotzkis [S. 7, links, Mitte]
Aufsehenerregende Vorwürfe des emigrierten Trotzki gegen die Moskauer Machthaber

Das „Prager Tagblatt“ veröffentlicht einen Brief, den Leo Trotzki am 12. Jänner aus Prinkipo an Stalin gerichtet hatte. Der Brief wurde von der deutschen Übersetzerin Trotzkis, Alexandra Ramm, dem Blatt zur Verfügung gestellt.

Trotzki greift darin Stalin und das Zentralkomitee der russischen kommunistischen Partei wegen des Todes seiner Tochter Sinaida Wolkow, die bekanntlich in Berlin Selbstmord verübte, an.

Trotzki beschuldigt die kommunistische Partei, daß sie seine Tochter in den Tod geschickt habe. Sinaida Wolkow habe immer nur davon geträumt, in die Sowjetunion zurückzukehren, wo ihre zehnjährige Tochter geblieben ist und ihr Mann lebt, der von Stalin verbannt wurde.

Am 20. Februar 1932 wurde durch eine Verordnung der Sowjetregierung Trotzki, seine Familie und auch seine Tochter der Sowjetbürgerschaft für verlustig erklärt, obwohl Sinaida Wolkow sich nie politisch betätigt hatte. Es war, sagt Trotzki, ein purer sinnloser Racheakt.

Eine Woche darauf haben die deutschen Behörden zweifellos infolge der Intrigen Stalins beschlossen, Sinaida Wolkow auszuweisen. Dieser neue Schlag war für die Kranke unüberwindlich und sie vergiftete sich am 5. Jänner, 31 Jahre alt. „Einen solchen Tod nennt man freiwillig“, sagt Trotzki in seinem Brief, „allein, er ist nicht freiwillig. Stalin hat ihr diesen Tod aufgezwungen. Ich begnüge mich mit dieser Erklärung, ohne weitere Schlußfolgerungen zu ziehen. Für Schlußfolgerungen wird die Zeit kommen. Diese Schlußfolgerungen wird die wiedererstandene Partei ziehen.“

(330122w7)


Der Vortragszyklus [S. 7, Mitte, unten, rechts]
der Vereinigung der jüdischen Literaten und Journalisten wird durch Herrn Doktor Bernfeld eröffnet, welcher über „Jüdische Sprache und Sprachentwicklung“ sprechen wird. Hierauf folgen: „Krisen und neue Perspektiven im jüdischen Theater“ (Surkis-Schwarz), „Jüdische Volkskunst“ (Dr. Max Diamant), „Jüdische Presse“ (Ch. Geller), „Die jüngste Poesie“ (I. Friedmann), „Oekonomische Probleme der heutigen Judenheit“ (Dr. S. Mosner), „Dorf und Stadt bei den Juden“ (S. A. Soifer), „Soziale Fürsorge der jüdischen Gesellschaft (Dr. M. Krämer), „Auf den Spuren der gelben Rasse“, (H. Deligdisch) und „Der Weg zum Menschen“ (A. Majanskij).


(330122c7)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 259, Dienstag, 24.01.33

Postby Klaus Binder on 23. January 2011, 23:06

(Bei dieser Ausgabe fehlt in den scans die 1. Seite!)

Seite 2

Todesfall [S. 2, unten, links]
Unter tragischen Umständen ist Samstag Frau Helena Stefanovici im Alter von 22 Jahren, eine bildhübsche junge Dame der besten Gesellschaft, gestorben. Sie wurde von einer wütenden Katze gebissen und erlag den giftigen Wunden. Die Katze war von einem wütenden Hunde infiziert. In allen Kreisen der Stadt gibt sich wegen dieses Todesfalles die größte Teilnahme für das Opfer einer sanitätswidrigen Kontrolle der Hundekrankheiten kund. Das Leichenbegängnis findet heute Montag vom Trauerhause, Gregorgasse 11, statt.

Regierungsrat und Gymnasialdirektor Kornel Kozak, ein Meisterpädagoge der alten Schule, ist im 80. Lebensjahre gestorben.

(330124t2)


Brand in der „Banca de Scont“ [S. 2, oben, Mitte, rechts]
Der Bankdirektor unter dem Verdachte der Brandlegung verhaftet

Am Morgen des Sonntags, um 3 Uhr 45 bemerkte ein Passant Rauch aus dem Hause Liliengasse Nr. 15 (Mathildenhof), dringen. Er verständigte sofort die Feuerwehr, die an Ort und Stelle erschien und feststellte, daß der Rauch aus der in diesem Hause untergebrachten „Banca de Scont“ komme.
Man erbrach die Eingangstüre und stellte fest, daß die Wände, respektive die Ritzen der Wände und Türen mit Watte und Sägespänen verstopft und diese mit Benzin übergossen waren. Der Brand hatte bereits sehr bedenkliche Dimensionen angenommen, es währte mehr als drei Stunden angestrengtester Arbeit, bis die Feuerwehrleute unter Führung des Leutnants Matei des Feuers Herr werden konnten.
Zu gleicher Zeit hatte auch die Polizei Untersuchungen nach der Ursache des Brandes angestellt und festgestellt,

daß es sich um Brandlegung handle.
Der Verdacht richtete sich auf den Direktor der Bank, Schöngertz, der ein Beßarabier ist, und Samstag nachts - wie man ermittelte - nach Beßarabien abgereist war.
Es wurden sofort alle Bahnstationen verständigt.

Verhaftet!
Sonntag vormittag wurde, wie uns gemeldet wird, der Direktor der „Banca de Scont“ Schöngertz unter dem dringenden Verdacht verhaftet, den Brand gelegt zu haben, um die Versicherungssumme von 3 Millionen Lei zu bekommen. Es wurde bei ihm noch Watte gefunden, die zweifellos von jener Watte herstammt, die in den Ritzen der Wände und Türen gefunden wurde.

Eine zweite Verhaftung
Im Zusammenhang mit der Brandlegung in der Liliengase wurde im Verlauf des Sonntags der Prokurist der „Banca de Scont“ Spasser, von der Polizei verhaftet.
Die Höhe des Schadens ist noch nicht genau festgelegt.

(330124c2)


Seite 4

Der englische Thronfolger Prinz von Wales [S. 1, oben, links]
über die kommerzielle Schulung zur Erstarkung des Handels

Die Konferenz von Ottawa war nach ihrer Zusammensetzung gewiß nicht als internationale Konferenz anzusprechen, aber ihre Beschlüsse sind ihrem Einflusse nach internationaler Natur. Aus dem zuverlässigsten, aber zugleich härtesten aller Lehrmeister, der Not, haben wir gründlich gelernt, wie sehr die Prosperität aller Nationen der Welt von der Prosperität der einzelnen und das Gedeihen aller von dem Gedeihen aller abhängt. In einer Zeit der schnellen Transport- und Kommunikationsmittel, eines ineinandergreifenden Handels und ebensolcher Finanzen, wird die Tatsache mehr denn je zur Gewißheit, daß die Nationen für sich allein nicht leben können.
Daß diese Wahrheit die Geister durchdringt, die Politik und die Handlungsweise der Nationen beherrscht, zeigte sich erst vor nicht langer Zeit in sehr günstigem Lichte zu Lausanne. Der Geist von Lausanne beweist, daß internationale Zusammenarbeit und guter Wille immer mehr an Boden gewinnen, mehr, als wir uns aus unserem Leben jemals erinnern können. Und dafür müssen wir zutiefst dankbar sein.
Jetzt kann ich es wohl sagen, daß zu Beginn des vorigen Jahres sich eine Frage erhob und ernstlich erwogen wurde, nämlich die: ob bei dem gegenwärtigen Zustande der Welt es vernünftig wäre, eine internationale Konferenz in sechs Monaten abzuhalten? Würde sie nicht mangels an Unterstützung scheitern und würde sie bei dem Mangel des essentiellen guten Willens Erfolg haben? Doch man ließ sich auch durch die Weltlage nicht hindern und zeigte damit, daß man nicht verzweifle und an die Einsicht und den guten Willen der Nationen glaube.
Die weltumspannende Depression des Handels, die wirtschaftliche Störung, worunter alle so viel leiden, wurden weitgehend durch unrichtige Anordnung von Verteilung und Verbrauch im Verhältnis zur möglichen Weltproduktion verursacht. Der mögliche Ertrag der bestehenden Weltproduktionsmittel ist weitaus größer als jemals zuvor.
Wenn alle verwendbare Arbeit für eine richtige Anzahl von Stunden in der Woche angewendet würde, hätte die Welt eine Menge von Materialien und Leistungen, die es ermöglichten, daß die gesamte Bevölkerung auf einer höheren Stufe von Komfort und Wohlfahrt leben könnte, als sich die Sozialreformer in ihren Träumen jemals vorgestellt haben.
Die wichtigste Aufgabe ist es also, die notwendige Ordnung zu finden, um Konsumtion und Produktion in ein richtiges Verhältnis zu bringen; gewiß keine einfache, auch keine leichte Aufgabe, aber eine durchaus mögliche. Das Problem ist in weitem Sinne und in des Wortes weitester Bedeutung ein Problem der Verteilung, und es kann nur von Vorteil sein, daß die internationale Handelskammer erst kürzlich ein internationales Komitee einsetzte, das sich mit diesem Problem befassen soll.

Schon früher sprach ich des öfteren über die Notwendigkeit einer gewaltigen Ertüchtigung des Handels in einer „Nation von Krämern“ und will deshalb nur bei der Folgerung verweilen, daß das Bedürfnis nach hoher Tüchtigkeit im Handel eine gründliche, entsprechende und planmäßig sorgsame Erziehung für den Handel nach sich zieht: nicht nur vor der Beschäftigung, sondern folgerichtig auch während dieser.
Besondere Aufmerksamkeit wurde bei uns diesem Gegenstande in den letzten Jahren geschenkt, einer wachsenden Sorgfalt erfreute sich dieses Problem bei den Eltern, Erziehern und Arbeitgebern, den drei wichtigsten Partnern, die zusammenarbeiten müssen, soll Erziehung und Handel erfolgreich zum gewünschten Ende kommen.

Es ist von großer Bedeutung, daß auch die Universitäten, jede auf ihrem Gebiete, die Tatsache in Betracht ziehen, damit eine ständig wachsende Zahl Graduierter den Handel zu ihrer Profession machen und sich zur Führerschaft im Geschäftsleben geeignet erweisen sollen.

Ich kann natürlich keine Anregungen geben, wie dies am besten während der Schul- und Hochschulzeit geschehen soll, aber ich kann wohl sagen, daß die Universitäten, die ihre Verantwortlichkeit in dieser Hinsicht kennen, in weitem Maße zur Wohlfahrt unseres Landes beitragen können.

An alle, die hier und in jedem anderen Lande an der Spitze kaufmännischer Unternehmungen stehen, möchte ich die ernstliche Bitte richten, nicht den Wert zu vergessen, den eine geschulte Intelligenz und eine Schulung zur Führerschaft im Geschäftsleben besitzt.

(330124w4)
_____
de.wikipedia.org/wiki/Eduard_VIII._(Vereinigtes_Königreich)


Die Enthaftung Fortus [S. 4, Mitte]
Begründung des Appells gegen die Haft

Bukarest, 23. Jänner (Tel. des „Tag“). Nach der zweiten Haftbestätigung Professor Fortu’s hatte dieser, wie bereits berichtet, Appell gegen die Haft eingelegt. Der Appell wurde mit folgendem begründet; Die Haft hinsichtlich einer Zeugeneinvernahme ist unnötig, da Fortu zugegeben hatte, Verfasser der inkriminierten Artikel zu sein. Zeugen könnten also hier nichts Neues mehr sagen. Auch im Interesse der öffentlichen Sicherheit ist der Weiterverbleib in Haft unnötig, da im gegenständlichen Falle weder von einem Mord, noch von einem Verbrechen gegen die Sicherheit des Staates die Rede ist. Die Verteidigung Fortus legte auch ein Exemplar der Zeitung „Epoca“ vor, in dem einige Artikel aus der französischen Presse, beinhaltend Angriffe auf den Monarchen, abgedruckt wurden. Demnach sei also Professor Fortu nicht der einzige, der dieses „Verbrechen“ begangen habe.
Freitag nachmittags konstituierte sich die Haftkammer und gab dem Appell des Professor Fortu mit Einstimmigkeit statt. Der Haftbefehl wurde annulliert und der Auftrag gegeben, den Verhafteten sofort in Freiheit zu setzen.

Das Advokatenbarreau gegen den Dekan
Die Zeitungen hatten ein Kommuniqué des Advokatenbarreaus von Ilfov publiziert, worin Stellung gegen Fortu genommen wurde. Tagsvorher wurde aber ein Kommuniqué publiziert, das von 300 Advokaten gezeichnet war und sich mit Fortu solidarisierte. Angesichts der Desavouierung seitens des Dekans wurde nun von den Advokaten ein neuerliches Kommuniqué redigiert, das folgenden Wortlaut hat: „Die mehr als 300 Advokaten, die den Protest gegen die Verhaftung des Professors Fortu unterzeichnet haben, sehen sich angesichts der Desavouierung durch das Advokatenbarreau veranlaßt, von neuem gegen die Verhaftung Professor Fortu’s zu protestieren und erklären, daß das Kommuniqué vom Barreau ohne vorheriges Einverständnis des Advokatenkörpers ausgegeben wurde, sodaß diese Verlautbarung nur die persönliche Meinung des Dekans darstellen könne.“

Die Demission des Dekans
Angesichts der Stimmung, die ihm von den Advokaten entgegengebracht wurde, und als Folge des neuerlichen Protestes gegen die Verhaftung Fortus hat, wie bereits gemeldet, der Dekan des Advokatenbarreaus Ilfov, Dr. Traian Alexandrescu, seine Demission gegeben. An seine Stelle wurde Dr. Radu Rosetti zum Dekan provisorisch vom Disziplinargericht des Barreaus ernannt.
Vor der Enthaftung Fortus hatten noch mehrere Protestversammlungen stattgefunden, unter anderem eine solche der Lehrervereinigung von Brasov.

(330124r4)
_____
www.zf.ro
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 260, Donnerstag, 26.01.33

Postby Klaus Binder on 25. January 2011, 23:05

Seite 1

Kongreß der Staatsbeamten und Pensionisten [S. 1, oben, links]
Gegen die Reduzierung der Gehälter
Weg mit der Hofkamarilla!
Solidaritätskundgebung für Professor Fortu


Der Protest
Wenn man ein Lexikon schaffen wollte, das alle Leiden des beamteten und nichtbeamteten Staatsbürgers festhalten sollte, so hätte man gestern eine genaue Aufzeichnung der in den Kritiken über die Verwaltung gefallenen Ausdrücke machen müssen. Die alphabetische Anordnung dieser Begriffsreihe ergibt dann das Lexikon, das wir meinen. Es war nicht eine rein fachmäßige Argumentation für die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der heutigen Bezüge, sondern eine Abrechnung mit dem gesamten Verwaltungssystem, das schuld ist, wenn die Herren von Bukarest auf Kosten der Lebenshaltung der Beamten zur Ausgleichung des Budgets sich entschließen. Um nur einen Fall zu nennen: Wenn wieder mal die Statistik über die zwanzig Milliarden Lei, aus den Staatskassen gestohlen und geraubt, größtenteils durch prominente Führer der Verwaltung und durch Institutionen, ins Treffen geführt wird - was kann da ein einsichtiger Minister antworten. Wieviele Male hätten die Gehälter mit dem durch Raub entstandenen Defizit erhöht werden können, statt daß es immer so geschieht, daß auf ein Verschwinden der Millionen und Milliarden die Beamten bluten müssen. Und wenn die Beamten kein Geld haben, dann ist die ganze Wirtschaft derangiert, Handel und Wandel gehen in Brüche, der Grundstock unseres Seins ist zertrümmert. Der massenhafte Besuch der Versammlung beweist, wie die angekündigte Senkung der Gehälter auf Herzen und Nerven der Beamtenfamilien wirken. Das Auftauchen Fortus ist heute der große seelische Rückhalt für die Staatsbeamten und Bürger geworden, und diese klammern sich nun an den neuen Apostel, der die Wahrheit spricht und seine Heilslehren verkündet. Fortu ist der Mann des Tages.

*

Die Maßnahme der Regierung, die Beamtengehälter um 10 resp. 12 einhalb Prozent zu reduzieren, hat im ganzen Reiche die größte Unzufriedenheit ausgelöst. In allen größeren Städten werden Protestversammlungen abgehalten. Auch in Czernowitz haben sich die Beamten aller Kategorien zusammengeschlossen und am Dienstag um 11 Uhr vormittags eine Protestversammlung im jüdischen Nationalhause abgehalten, die sehr eindrucksvoll verlief und bis 2 Uhr nachmittags dauerte. An der Versammlung nahmen mehrere Tausend Personen teil.

Die Versammlung
Der Kongreß wird unter Vorsitz des Generals a. D. Maniu mit einer Begrüßungsansprache eröffnet.

Es spricht hernach Professor Dobos. Der Redner sagte u. a.: Während auf der einen Seite öffentliche Gelder vergeudet werden, verlangt man von den armen Beamten ein Notopfer. Seit der Regierung Iorga, die gestürzt wurde, weil sie die Beamtengehälter nicht zahlen konnte, hatten wir drei Regierungen, die ebensowenig das Problem der Gehälter lösen konnten. Schon im Sommer sind die Professoren und Lehrer des Landes zusammengetreten und haben eine ordentliche Staatsverwaltung verlangt. Wir haben uns im Krieg und im Frieden geopfert und haben das Recht zu verlangen, daß die Staatsverwaltung eine ehrliche ist. Der Protektionismus muß aufhören, die Sinekuren verschwinden, die ausländischen „Spezialmissionen“ und die Benachteiligung einer Kategorie zum Vorteile einer anderen dürfen nicht geduldet werden. Eine Stimme in unserem Lande ist laut geworden: Professor Fortu hat den Herren von der Regierung die Wahrheit gesagt, dafür wurde er in den Kerker geworfen, statt daß andere eingesperrt werden. Die Regierung hat die Pflicht, zuerst das Leben zu verbilligen und erst dann die Gehälter, wenn es unumgänglich ist, zu reduzieren. Gerade das Gegenteil davon ist geschehen. Finanzminister Madgearu hat durch neue Steuern das Leben verteuert. Ein sogenanntes Gesetz mit allen Anzeichen der Strenge sieht neue Steuern auf 3000 Bedarfsartikel vor. Obwohl es Luxussteuer heißt, müssen diese Steuern auch für die primitivsten Bedarfsartikel, wie Hosenknöpfe, ja sogar Mehl entrichtet werden. Wir sind soweit, daß Mehl heute als Luxusartikel deklariert wird. Ueber Nacht aber ist man nun mit einem Gesetz zur Reduzierung der Beamtengehälter gekommen. (Hauptmann Bacinschi: Es geht sehr schnell, wenn es gegen die Volksinteressen geht!)

Wir protestieren mit aller Schärfe gegen diesen Terrorakt. Besonders die Lehrer und Professoren sind durch dieses Gesetz sehr benachteiligt, weil von ihnen schon drei Mal in verschiedener Form Notopfer verlangt wurden. Im übrigen wurden zwei Beamtenkategorien geschaffen: Richtern und Offizieren wurden die Gehälter nicht reduziert. Das ist gegen die Konstitution, die ausdrücklich vorschreibt, daß alle Bürger gleiche Rechte und Pflichten haben.
Es spricht hernach Universitätsprofessor Marmeliuk: „Während heute, an einem Feiertag, die Beamten nach der schweren Arbeit Ruhe haben sollten, müssen sie sich hier versammeln, um gegen die gegen sie geführte Attacke Protest zu erheben. Wir werden von einer Regierung beherrscht, die der Situation nicht gewachsen ist. Ihr Ziel ist: die eigenen Taschen auf Kosten der Allgemeinheit zu füllen. Schon fünf Mal wurden die Gehälter reduziert. Die Universitätsprofessoren waren früher im Grade eines Oberstleutnants, der ein Gehalt von 17.300 Lei bezieht, oder im Grade eines höheren Richters mit einem Gehalt von 16.600 Lei. Heute bezieht ein Universitätsprofessor kaum 11.400 Lei. Wir werden gegen diese Willkür, die Gehälter noch einmal zu reduzieren, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen. Der Kampf wird ein heiliger sein, da er einer gerechten Sache gilt.“

Der Präsident der Beamtenvereinigung Nastasi führt aus: Das Finanzministerium hat durch seine neue Maßnahme die Mobilisierung der Beamten provoziert. Wir stehen auch zur Mobilisierung bereit und werden den begonnenen Kampf fortsetzen. Diese Maßnahme ist unerwartet gekommen; der Finanzminister will auf Kosten der Beamten 150 Millionen Lei ersparen. Was aber das Bedauerlichste ist: zwei Beamtenkategorien wurden geschaffen. Den einen werden die Gehälter reduziert, den anderen nicht. Warum werden nicht Reduzierungen von oben nach unten vorgenommen? In den letzten vier Jahren wurden auf Grund einer Statistik 46.319 Beamte und 1000 Mitglieder in einzelne Kommissionen aufgenommen. Allein in den letzten drei Monaten wurden ca. 1000 Beamte neu aufgenommen. Während Günstlinge Gratifikationen bis zu 45.000 Lei und Diurnen bis zu 10.000 Lei gezahlt werden, will die Regierung die Existenzmöglichkeit der kleinen Beamten bedrohen. Wir verlangen die Anpassung der Beamtengehälter gleichmäßig für alle Beamtenkategorien, die Bezahlung der rückständigen Gehälter und schließlich die Herausgabe eins Jahresbuches über den Stand der Beamten und deren Bezüge, damit die Oeffentlichkeit erfährt, wer und wofür er vom Staate Geld bezieht. Wir verlangen auch Hilfe für die Beamten des Bukowinaer Religionsfonds, die Monate hindurch ihre Gehälter nicht bezogen haben. Schließlich verlangen wir die Abschaffung der Sinekuristen und die Reduzierung der Parlamentsdiäten.

(Schluß von Seite 4)

Protestversammlung gegen die Gehaltsreduzierungen
Im Namen der städtischen Beamten gibt Generalsekretär Dr. Braileanu eine Solidaritätserklärung ab. Gerade durch die Maßnahme der Regierung werden die städtischen Beamten gezwungen sein, ihr Einkommen auf illegale Weise zu erwerben und dadurch die staatlichen und städtischen Institutionen zu kompromittieren. Um das zu verhindern und den städtischen Beamten Lebensmöglichkeit zu geben, muß der Beschluß des Ministerrates rückgängig gemacht werden.

Direktor Ucrainet sagt: Wir verdienen mehr Aufmerksamkeit seitens der Regierung. Unser Elend trat mit dem Tage ein, als die Notopfer von uns verlangt wurden. Im Lande wird gestohlen. Ich verstehe, daß man stiehlt, aber mit Maß. Bei uns ist das Maß bereits überschritten. Die Korruption hat bereits den Höhepunkt erreicht. Man begnügt sich bei uns nicht mit einer Million, sondern man beginnt von zehn Millionen an zu stehlen. Und nun, da die Regierung Reservefonds benötigt, reduziert sie die Gehälter. Die Regierung Iorga brachte uns auf den Bettelstab, obwohl der größte Schriftsteller an der Spitze dieser Regierung stand! (Hauptmann Bacinschi: Der größte Idiot!) Es sind Fälle vorgekommen, daß sich die Beamten und Pensionisten, auch Lehrer unter die Züge geworfen haben, weil sie aus lauter Verzweiflung nicht mehr weiter wußten. Während rumänische Missionen und Delegationen im Auslande Millionen vergeuden, führen wir ein Hundeleben. Wir essen sogar schon Mamaliga mit Zwiebel, wie uns Titulescu anempfohlen hat, während seine Verköstigung eine Million Lei monatlich kostet.

Professor Toma führte aus: Die Regierung hat neuerlich ihre Hände in unsere Taschen gesteckt. Die Regierung will nicht bedenken, daß die Beamten der Staat sind und daß die Situation der öffentlichen Funktionäre auch die Situation des Staates bestimmt. Die Regierung kann die Situation nicht meistern und wir schreien das in die ganze Oeffentlichkeit! Die Regierung muß verschwinden! Wir haben leider keine Züge, um das dem König persönlich zu sagen. Der Zugsverkehr ist unterbunden. Aber auf dem Wege der Presse muß der König erfahren, daß die Regierung sofort ihres Amtes zu entheben ist. Auch die Hofkamarilla muß verschwinden! Wir werden vor den König treten und sagen: Willst Du, daß Dein Angesicht erleuchtet wird, so schließe dieser Kamarilla das finstere Fenster, erst dann wirst Du zum Vorschein kommen! Die Offiziere müßten es ablehnen, daß zwei Beamtenkategorien geschaffen werden. Die Armee darf sich nicht zum Werkzeug einer unfähigen Regierung machen lassen. Ein allgemeiner Protest gegen diese Willkür muß erschallen. Und wenn die Richter und Offiziere es ablehnen werden, daß eine Beamtenkategorie gegenüber der anderen bevorteilt wird, so wird die Regierung fallen, und wir werden ein neues Leben, ein Leben des Erwachens, der Regeneration beginnen. (Bravorufe. Rufe: Professor Toma ist der Fortu der Bukowina! Nicht endenwollender Beifall.)

Der Präsident der Lehrervereinigung Simonovici sagte: Wir können dieses neue Notopfer nicht mehr ertragen. Aus tausenden Kehlen erschallt der Verzweiflungsruf. Und nun will die Regierung auf jene Menschen, die die Stütze des Staates darstellen, einen neuen Angriff unternehmen, ihnen sogar den Todesstoß versetzen. Warum beginnt nicht das Reinigungswerk von oben nach unten? Warum werden die Minister, die Unterstaatssekretäre, die Parlamentarier, die Sinekuristen, die Kommissionen Delegationen und Missionen im Auslande nicht reduziert? Warum werden die unnützen Ausgaben nicht abgeschafft? Warum werden alle jene nicht bestraft, die nach einer Statistik 19 Milliarden Lei Staatsgelder geraubt haben? Im Jahre 1929 wurden 15.506, im Jahre 30 14.908, im Jahre 31 9.655 und im Jahre 1932 5.190 neue Beamten aufgenommen. In den letzten drei Jahren wurden 9.137 neue Kommissionsmitglieder mit Diurnen und Präsenzgeldern engagiert. Jedes dieser Mitglieder bekommt per Sitzung mindestens 500 Lei. Wenn man auch die 20.000 Beamten abzieht, die in den letzten Jahren entlassen wurden, so ergibt sich immer eine Neuaufnahme von sage und schreibe 35.000 Beamten. Dadurch wurde das Budget um fünf Milliarden Lei neu belastet. Dazu kommen noch die vielen Diurnisten, lauter Parteigänger, die in die öffentlichen Aemter eingedrungen sind.

Als Vertreter der Rechtslizianten, die öffentliche Beamte sind, schließt sich Herr Bidnei der Aktion an und meint, daß die neue Maßnahme der Regierung illegal ist, da sie ohne Zustimmung des Parlamentes beschlossen wurde.

Universitätsprofessor Alecu Procopovici wendet sich gegen das System, welches von allen politischen Parteien geschaffen wurde. Warum wird das Gesetz über die Doppelverdiener nicht angewendet? Warum werden nicht jene zur Verantwortung gezogen, die sich mit öffentlichen Geldern bereichert haben? Erst kürzlich hatten wir die Debatte über die Geburtszangenaffäre, und nun hören wir von einem neuen Geschäft: die Errichtung einer Radiostelle, in dessen Mittelpunkt derselbe Herr steht, der die Verhältnisse am hiesigen Nationaltheater toleriert (Gemeint ist Mavrodi. Anm. d. Red.). Dieser Herr, der auch Leiter des Bukarester Nationaltheaters ist, hat es zugelassen, daß ein Direktor im Czernowitzer Nationaltheater mit 80.000 Lei monatlich den Dienst versieht. Er hat es weiter zugelassen, daß der abgesetzte Direktor als Szenenleiter sein Amt weiter versieht. Die Regierung ist gegenüber der Kamarilla machtlos. Sie liegt der Kamarilla zu Füßen und läßt sich von ihr diktieren. Ich muß hier im Namen aller gutgesinnten Bürger der Stadt ein lautes: Es lebe Fortu! ausrufen, weil der Mann es gewagt hat, gegen diese finsteren Elemente aufzutreten. Fortu ist die Fahne, unter welcher wir unsere Bewegung fortsetzen werden. (Bravorufe und anhaltender Beifall für Fortu.)

Es spricht hernach der frühere Abgeordnete Florea, der in sehr eindrucksvollen Worten die kritische Situation beurteilt. Es kann uns als Bürger nicht gleichgütig sein, wenn der Staat zu Grunde geht. In dieses Haus müssen nicht nur die öffentlichen Beamten sondern auch die Kaufleute, die Industriellen und sonstigen Berufsschichten kommen und mit uns eines Sinnes sein und schreien: Hört auf mit dieser Mißwirtschaft! Tut Einhalt der Korruption und macht Ordnung in unserem Staate. Statt unsere Deputierten auszupfeifen, applaudieren wir ihnen. Die Parlamentarier bereichern sich auf unsere Kosten, zu uns aber kommen sie nur, um unsere Stimmen zu verlangen. Auf den Fall Voila zu sprechen kommend, sagte der frühere Abgeordnete, daß es nur in Rumänien vorkommen kann, daß einer Staatsanwaltschaft Akten vorgelegt werden, aus denen hervorgeht, daß der Staat um hunderte Millionen geschädigt wurde, und daß diejenigen Personen, die sich diese Raubwirtschaft zu Schulden kommen ließen, frei herumgehen und nicht in den Kerker geworfen werden. Im Jahre 1929 wurden anderthalb Milliarden für die ungarischen Pensionisten ausgezahlt, obwohl sie den Treueid nicht abgelegt haben. Aber die Siebenbürger Ungarn haben ihre Protektoren Maniu und Vaida, daher wurden ihnen die Pensionen ausgezahlt. Wozu haben wir 12 Unterstaatssekretäre? Weg mit den Sekretären und Kabinettchefs! Unter ihnen sind auch Straßenjungen, sie sind Günstlinge der herrschenden Partei, vielleicht stehen sie sogar in verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem der Minister. Wir müssen uns an den König wenden und verlangen, daß er diese unfähige Regierung ihres Amtes enthebt. (Zwischenruf: Fortu soll berufen werden!)

Florea (fortfahrend): Fortu ist eine große Macht heute und wir müssen alle schreien: Es lebe Fortu! Der König muß ehrliche Menschen suchen, die das Land regieren sollen. Die Regierung muß zuerst die Gehälter, die mit 100.000 Lei beginnen, reduzieren, dann soll sie an die Beamtengehälter von 2-3000 Lei denken. Wenn sie das nicht tut, so ist sie unfähig.

Im Namen der Eisenbahnpensionisten schließt sich Dr. Wittner den Vorrednern an und erinnert an einen Ausspruch weiland König Ferdinands, daß alle Bürger gleiche Rechte und Pflichten haben. Daher dürfe man die Konstitution nicht umgehen und zwei verschiedene Beamtenkategorien schaffen.

Es spricht hernach der Herausgeber des „Timpul“ Cehan Racovita: Es ist nicht wahr, daß wir einen Bolschewismus jenseits des Pruth haben: der Bolschewismus geht von der Regierung aus. Jene sind die Bolschewiken die uns in die heutige Situation gebracht haben. Alle Professoren und Lehrer sollten sich zusammentun und die Schulen nicht eher betreten, als ihnen ihr Recht nicht gegeben wird. Wenn Fortu in Bukarest verhaftet wurde, so wurde nur er verhaftet, nicht aber seine Idee, die fortlebt und sich verbreitet. Warum werden die Minister, die sich an Staatsgeldern vergehen, nicht verhaftet?

Der Eisenbahnbeamte Pojajewski schließt sich der Protestkundgebung im Namen der jungen Eisenbahnbeamten an. Redner bemängelt die Tatsache, daß die Abgeordneten bei dieser Versammlung nicht anwesend sind.

Es spricht hernach der Pensionist Voghel und Professor Vasilache, der verlangt, daß künftighin nur denjenigen Abgeordneten die Stimmen gegeben werden sollen, die eine pünktliche Zahlung der Gehälter garantieren werden.

Professor Toma verlangt, daß die Abgeordneten, die Professoren sind, im Parlament verlangen sollen, daß keine Unterschiede bei den Beamten gemacht werden.

Professor Constantinidi verlangt, daß man an den König folgendes Telegramm absendet: Majestät, Sie haben auch die Regierung Iorga befragt, ob sie die Gehälter zahlen kann. Als sie das verneinte, haben Sie sie abgesetzt. Fragen Sie diese Regierung um das Gleiche. Verneint sie, so berufen Sie die anderen politischen Führer zu sich und betrauen Sie einen von ihnen mit der Regierungsbildung. Sie müssen aber auch Professor Fortu bei dieser Gelegenheit konsultieren. (Hochrufe auf Fortu).

Professor Dobos verlangt, daß die Regierung vollinhaltlich den Ristbericht veröffentlicht, damit man erfährt, was die ausländischen Experten festgestellt haben. Florea verlangt, daß den Parlamentariern nur während der Parlamentstätigkeit Diurnen gezahlt werden. Bei vielen Sitzungen, sagt Redner, sind von 380 Abgeordneten kaum 30 anwesend. Im übrigen könnte auch der Senat aufgelöst werden, da wir genügende Senatoren von Rechtswegen haben.

Als der Vorsitzende, General a. D. Maniu, ein Schreiben des Abgeordneten Dr. Lothar Radaceanu verlesen wollte, der sich wegen seines Fernbleibens entschuldigt, sich aber mit dem von der Versammlung gefaßten Beschluß solidarisch erklärt, entsteht Lärm. Schließlich wurde das Schreiben nicht zur Verlesung gebracht.
Es wurden Telegramme der Solidarität an Professor Fortu, Risipeanu, Generaldirektor Bradisteanu, Professor Toni und Hurmuzescu abgesandt, worauf dann folgende

Resolution
beschlossen wurde:

1. Rückgängigmachung des Beschlusses über die Reduzierung der Gehälter;

2. Keine Pensionsreduzierungen;

3. Protest gegen die Maßnahmen für eine privilegierte Beamtenkategorie;

4. Reduzierung von oben nach unten und Abschaffung aller unnützen Ausgaben, wie sie in der Versammlung erörtert wurde;

5. Bezahlung der rückständigen Gehälter und Pensionen;

6. Die erworbenen Rechte der Lehrer dürfen nicht geschmälert werden;

7. Anwendung des Beamtenstatus;

8. Befreiung der Pensionen von der Globalsteuer;

9. 50 Prozent Reduzierung auf der Eisenbahn für öffentliche Beamte.

Diese Resolution wird von einer Delegation dem Ministerpräsidenten, dem Vizepräsidenten des Ministerrates und dem Finanzminister überreicht.
Außerdem begibt sich eine Delegation unter Führung des Generals a. D. Maniu diese Woche nach Bukarest, um beim König in Audienz zu erscheinen und ihm diese Resolution zu überreichen.

*

Bukarest, 25. Jänner (Tel. des „Tag“). Die öffentlichen Beamten und der Lehrkörper hielten heute eine Protestversammlung gegen die Reduzierung der Gehälter ab.

(330126r1 + 330126r4)


Schulfragen in Polen [S. 1, links, Mitte, unten]

Warschau, 24. Jänner (Tel. des „Tag“). Der Kultusminister hat im Laufe der Debatte in der Schulfrage festgestellt, daß in diesem Jahre 500.000 Schulkinder nicht unterrichtet werden, weil es an Schulen mangelt. Der Kultusminister erklärte weiter bei der Besprechung der Situation der Minderheitschulen, es komme der Regierung nicht darauf an, daß in der Muttersprache, also in der deutschen oder ukrainischen Sprache unterrichtet wird, sondern daß der Unterricht auch nach den Grundsätzen einer loyalen und positiven Einstellung des Staates erteilt werde, wenn das nicht geschieht, werde er, der Minister, energisch eingreifen. Ein polnischer Sozialist bezeichnete die Schulverhältnisse mit Rücksicht auf den Mangel an Schulen als katastrophal. Ein Vertreter der Ukrainer faßte in einer großen Rede die Benachteiligung des ukrainischen Volkes auf dem Schulgebiete zusammen. Vor allem sei die ukrainische Universität, trotzdem der Beschluß im Parlament vor zehn Jahren gefaßt wurde, nicht ins Leben gerufen worden.

(330126w1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Das Pfand [S. 2, oben, links]
Alfred Polgar entwickelte in einem Feuilleton, das der „Tag“ vor kurzem zum Abdruck brachte, eine höchst bemerkenswerte Idee. Wie wäre es, fragte er, wenn bei öffentlichen Versteigerungen statt der Wertgegenstände einmal Geld versteigert würde? Etwa so, daß der Lizitator ausruft: 1000 Mark zum ersten, zum zweiten und zum - -
Hei, was würden die Leute da nicht bieten, um die 1000 Mark zu erstehen! Gewiß, meint Polgar, fänden sich auch massenhaft Leute, die für das Geld ihren Charakter, ihre Gesinnung, ihre Frau, vielleicht auch ihr Kind anböten. Was tut man nicht für Geld, was gibt man nicht alles dafür?
Schengertz, der Direktor einer hiesigen Bank, die hauptsächlich Pfandleihgeschäfte tätigte hatte das Richtige erfaßt und Polgars Projekt beinahe gänzlich realisiert. Er kalkulierte richtig: In dieser Zeit sind alle heiligen Begriffe profaniert worden; an einem Familienerbstück zu hängen, wird wohl niemand mehr lange gelingen, wenn ihn der Hunger plagt, wenn die Frau krank ist, wenn die Kinder keine Schuhe haben, wenn der Steuerbüttel an die Türe pocht, wenn der Hausherr droht, die ganze Familie auf die Straße, auf die eisige Luft zu setzen; was gilt da Tradition, was irgend ein Gegenstand, an dem die Liebe oder die selige Erinnerung an einen lieben Menschen hängen? Ein Persianerpelz ist schön, aber Brot ist besser; ein Juwel ziert die Hand, eine Perlenkette verschönert den Hals, aber - wird es in der Stube wärmer davon? Schengertz bot Geld. Und die Leute kamen zu ihm, heimlich, verborgen, denn selten legte einer gerne das Bekenntnis ab, daß sein Weg in die Zukunft der nächsten zwei Tage über das Versatzamt führt. Und auch diese Möglichkeit einer letzten Rettung war in Czernowitz in der letzten Zeit so sehr geschwunden, daß es keine Versatzämter mehr gab, keine milde „Tante Dorothee“, die helfend eingegriffen hätte. Das Geld war alle; und weil es keins gab, machten die Leute, die sich einst mit solchen Geschäften befaßt hatten, die bösesten Erfahrungen: es gab keine Käufer mehr für die versetzten und nicht behobenen Gegenstände.
Schengertz übersah wahrscheinlich diese Kleinigkeit, die ihm zum Verhängnis wurde; er rechnete mit der Not der Leute, mit dem Hunger, der pressierte, mit dem Hausherrn, der drohte, mit dem Steuerbüttel, der pfändete, und gab Geld - sicher machte er dabei Bombengeschäfte, das heißt, er glaubte Bombengeschäfte zu machen: die Gegenstände, die bei ihm versetzt wurden, waren natürlich um ein Bedeutendes mehr wert, als er dafür gab. Aber wenn einer hungrig ist, denkt er nicht an ein lukullisches Mahl, sondern an ein Stück Brot: die Leute nahmen, was man ihnen gab.
Aber sie gaben ihm nichts, denn Geld braucht jeder selbst. Man kauft nicht mehr Pelze, Juwelen, Familienstücke; man kauft, wenn man kann Holz, Brot, bezahlt, wenigstens zum Teil, die Miete. Wenn Schengertz ein Betrüger ist - die Polizei ist davon überzeugt -, so ist er jedenfalls ein betrogener Betrüger. Er hat zuletzt sein Geschäft anzünden müssen, um in den Besitz der Versicherungssumme zu kommen. Der Versuch ist ihm nicht geglückt, er hat seine Ehre und seine Freiheit versetzt.
Wird er sie auslösen können?
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330126c2)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr, 261, Freitag, 27.01.33

Postby Klaus Binder on 26. January 2011, 23:30

Seite 2

Zur Konzertkritik von Sonntag, den 22. Jänner [S. 2, unten, Mitte]
Unter den Solistinnen, die beim Wohltätigkeitskonzert der Pensionisten aufgetreten sind, wurde Fräulein Selenco als die beste Sängerin herausgestrichen. Wir stellen hiemit fest, daß die Dame Frau Ioanetzka-Senenka heißt und für den ukrainischen Gesangverein „Kobzar“ unter Musikbegleitung der Frau Prof. Hala Vasylasca gesungen hat.

(330127i2)


Seite 3

Die Annoncenexpedition Rudolf Mosse S. A. [S. 3, oben, rechts]
gründet eine Niederlassung in Czernowitz

Das Jahr 1933 bringt eine interessante Neugründung, die Errichtung einer Niederlassung des weltbekannten Annoncen-Unternehmens Rudolf Mosse S. A. in unserer Stadt.
Rudolf Mosse ist heute weit über den Namen des genialen Schöpfers des Unternehmens zu einem Begriff für moderne, planvolle und rationelle Werbung geworden. Das Unternehmen Rudolf Mosse hat als die größte Annoncen-Expedition die Bedeutung der Reklame für die Weltwirtschaft frühzeitig richtig erkannt und ihre gesamte Organisation als erfahrene Beraterin in den Dienst ihrer Kunden gestellt.

In Rumänien hat die Annoncen-Expedition Rudolf Mosse S. A. in Bucuresti I. Bd. Bratianu No. 22 während ihrer jahrelangen Aufbauarbeit eine ganze Reihe bedeutender Reklamezweige eingeführt, vorgefundene Propagandaarbeiten reorganisiert, wieder aufgenommen und zur Intensivierung der Propaganda, also indirekt zur Belebung von Handel und Industrie beigetragen.
Ein ausgebreitetes Netz von Filialen und Niederlassungen im Reiche - wir nennen nur die Rudolf Mosse Stellen in Arad, Brasov, Campina, Cluj, Oreadea, Ploesti, Sibiu, Timisoara, etc. - ermöglichen die rasche und genaue Ausführung auch in der entferntesten Stadt unseres Landes. Von den bekanntesten Schwestergesellschaften des Auslandes nennen wir die Rudolf Mosse-Häuser in: Amsterdam, Berlin, Bruxelles, Buenos Aires, London, Madrid, New York, Paris, Tokio, Wien, Zürich.
Wir begrüßen es, daß die Rudolf Mosse S. A. sich zur Errichtung einer Niederlassung in unserer Stadt entschlossen hat und sehen es als ein Zeichen wirtschaftlicher Besserung an, wenn so bedeutende Unternehmen Neugründungen vornehmen und damit zur Belebung der Wirtschaft unseres Landes beitragen.
Die Generalrepräsentanz für die Bukowina hat die Agentura Comerciala S. A., Cernauti, Piata Unirii 12, übernommen.

(330127c3)
_____
http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Mosse
http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Lachmann-Mosse



Zusammenstöße [S. 3, Mitte, unten, rechts]
Aus Bukarest wird gemeldet: Auf dem „Bulevard Carol“ kam es heute zwischen Mitgliedern der Eisernen Garde und den Polizeibehörden zu Zusammenstößen. Einige Personen wurden verletzt. Einige Studenten wurden verhaftet.

(330127r3)


Seite 4

Sport-„Tag“
Die Wintermakkabiah in Zakopane [S. 4, Mitte, unten, rechts]
Zu den Winterkampfspielen des Makkabiweltverbandes, die in der ersten Februarwoche in Zakopane stattfinden, entsendet der Czernowitzer Makkabi eine Gruppe von etwa 30 Aktiven, die den Kreis Rumänien in den einzelnen Konkurrenzen vertreten wird. Es werden in den Skikonkurrenzen starten a) Herrenstaffette: Norbert Klein, Ing. Ernst Anhauch, Sandor Fleischer, Gustav Kleinberg und Gerson Niedermayer. b) Damenstaffette: Tina Altheim, Ella Fleischer, Mina Fleischer und Lisl Klein. c) Langlauf 18 km.: Norbert Klein, Ing. Ernst Anhauch, Sandor Fleischer und Gerson Niedermayer. d) Langlauf 8 Kilometer für Damen: Tina Altheim, Ella und Mina Fleischer.

Die Eishockeymannschaft des Makkabi, die als Team Rumänien antritt, hat in den hervorragenden Bukarester Spielern Artur Vogel, Frischhändler (beide Polizei), Rabinovici (TBR) und Zucker (Telephonklub) bedeutende Verstärkungen herangezogen. Von einheimischen Spielern machen die Reise mit: Treisser, Altheim, Ing. Ruff, Buchbinder, Flemminger, Gaster, Presser, Feller, Schuller und Markus. Herr Adolf König wird dem Schiedsrichterkollegium der Eishockey-, Herr Dr. Schmelzer dem der Ski- und Herr Ing. Ruff dem der Eislaufkonkurrenzen angehören.

Die Abreise der Expedition erfolgt Dienstag, den 31. d. M. abends.

(330127w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 262, Samstag, 28.01.33

Postby Klaus Binder on 28. January 2011, 02:15

Seite 1

Saalschlacht zwischen Polizei und Kommunisten [S. 1, Mitte, oben]
Dresden: 9 Tote und 11 Schwerverletzte

Dresden, 26. Jänner (Tel. des „Tag“). Hier kam es gestern Abends bei einer kommunistischen Versammlung zwischen Kommunisten und der Polizei zu folgenschweren Zusammenstößen. Es entwickelte sich eine Saalschlacht, die von beiden Seiten mit Hartnäckigkeit und Energie geführt wurde. Die Polizei hatte, als es zwischen den Kommunisten und den eingedrungenen Nationalsozialisten zu einer Prügelei kam, versucht, die Versammlung zu schließen und den Saal zu räumen. Die Kommunisten warfen von den Logen Sessel und Stühle und andere Einrichtungsstücke gegen die Polizei.

Dann fielen plötzlich zwei Schüsse von der Galerie, durch die ein Polizist getötet wurde.

Die Kommunisten zerschnitten die Lichtdrähte, sodaß der Saal nur durch das Notlicht schwach erleuchtet wurde. Die Polizei ging zuerst mit Gummiknütteln, dann mit blanken Waffen, schließlich mit Revolvern gegen die Kommunisten vor.

Es wurden 9 Personen getötet und 11 schwer verletzt
Die Stadt steht unter dem Eindrucke dieses Zusammenstoßes. Die Presse verlangt die strengsten Maßnahmen gegen die Kommunisten. Das Polizeipräsidium Dresden hat vorläufig bis auf weiteres die Abhaltung aller Versammlungen unter freiem Himmel und Umzüge verboten. Die Vorfälle werden in der morgigen Sitzung des sächsischen Landtages zur Sprache kommen. Von zuständiger Seite wird mitgeteilt, die Dresdener Zusammenstöße werden dazu führen, daß die Maßnahmen der Reichsregierung, die sie erst für später im Auge hat, für einen früheren Termin in der Praxis umgesetzt werden.

Trauer im Landtag
Dresden, 26. Jänner (Tel. d. „Tag“). Der sächsische Landtag trat heute zusammen, um den Bericht des Innenministers Richter über die blutigen Vorfälle entgegenzunehmen. Die Sitzung mußte infolge ungeheueren Lärms mehrere Mal unterbrochen werden. Die Sozialdemokraten und die Kommunisten stellten den Antrag, daß eine Untersuchung gegen die Polizeibeamten, die die Zwischenfälle provoziert haben, eingeleitet und diese bestraft werden. Ein sozialdemokratischer Antrag, die Sitzung zum Zeichen der Trauer zu unterbrechen, wurde angenommen. Nach Wiederaufnahme kam es neuerlich zu Lärmszenen, sodaß der Vorsitzende die Sitzung abbrechen mußte.
Die Fortsetzung der politischen Hetze sowie die blutigen Ereignisse beschäftigen bereits die Reichsregierung, die für den Fall einer Wiederholung solcher Zwischenfälle zu Ausnahmsmaßnahmen greifen wird.
Vorderhand wurden alle politischen Umzüge und Versammlungen in Dresden bis auf weiteres untersagt.
Als Folge der Vorfälle ist die 800 Mann starke Belegschaft der „Sachsenwerke“ in den Streik getreten.

(330128w1)


Rascanu bei Venizelos [S. 1, Mitte]
Bukarest, 26. Jänner (Tel. des „Tag“). Wie aus Athen gemeldet wird, wurde heute der Gesandte Langa Rascanu von Venizelos in längerer Audienz empfangen.

(330128w1)


Seite 2

Zur Tragödie Stefanovici [S. 2, oben, Mitte]
Der „Tag“ hat über den tragischen Tod der jungen Frau Stefanovici, die von einer tollen Katze gebissen wurde, gemeldet. Hiezu erfahren wir noch folgendes:
Im Hause des Forstinspektors Isopescul in Zuczka befand sich schon seit längerer Zeit ein Hund, der die Tollwut hatte. Der Inspektor selbst soll von der Krankheit des Hundes gewußt haben, ohne den Hund behandeln zu lassen. Die Krankheit war offensichtlich, da der Hund auf den Hinterbeinen gelähmt war. Beide Katzen des Forstinspektors wurden vom Hunde infiziert.
Diese Infektion übertrug sich von den Katzen auf die im Hause des Forstinspektors wohnenden Personen, ungefähr neun an der Zahl.
Während die Behandlung bei den anderen sieben Personen von Erfolg begleitet war, konnte das Unglück bei der jungen Frau Stefanovici und bei einem Waldheger nicht verhütet werden, da die Injektionen zu spät vorgenommen wurden. Injektionen gegen Infektionen von tollwütigen Tieren müssen spätestens am dritten Tage nach der Infektion vorgenommen werden. In den zwei genannten Fällen wurden aber die Injektionen erst nach zwei Wochen gemacht.
Aus dieser furchtbaren Tragödie ist die einzige Lehre zu ziehen, daß man Hunde nicht frei herumlaufen läßt und schon bei den geringsten Krankheitssymptomen einen Arzt zur Beratung hinzuziehen muß. Auch die Stadt- und Bezirksveterinärämter müssen darauf achten, daß verdächtige Hunde sofort erschossen werden. In den Provinzen treten Hunde, die die Tollwut haben, in Rudeln auf und können, wenn nicht rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden, großes Unheil anrichten.

(330128t2)


Seite 3

Gerichts-„Tag“
Prozeß Vascauteanu [S. 3, oben, links]
Die Zeugen sagen aus …

Vorsitz: Präsident Marino, Beisitzender: Präsident Joachim, erster Staatsanwalt Panu.
Gestern ging die zweite Verhandlung im Prozeß gegen Polja Vascauteanu, Jossie Feldmann, Alfred Künstlich, Sima Koifmann, Romuald Süßmann, Elias Medilanski, Wilhelm Eisenstein und Armin Dubs, die wegen Vergehens gegen die Sicherheit des Staates angeklagt sind, in aller Ruhe vor sich. Es wurden seitens der Polizei umfassende Maßnahmen getroffen, um eventuell erfolgenden Zwischenfällen vorzubeugen. Als Verteidiger fungierten Dr. Hitzig, Frau Dr. Hitzig, Dr. Kißmann, Dr. Fränkel, Adv. Blei, Pinkensohn, Stein und Dr. Dorostei.

Vor Beginn der Verhandlung stellte erster Staatsanwalt Panu den Antrag, die Oeffentlichkeit auszuschließen, da die bei der Verhandlung zur Erörterung gelangenden Dinge geeignet seien, die öffentliche Sicherheit zu gefährden, und einer Verleumdung der Behörden durch Kommentierung der Presse vorgebeugt werden müsse.

Advokat Dr. Kißmann wandte sich gegen diesen Antrag und führte aus, daß die Oeffentlichkeit großes Interesse an dem Verlauf des Prozesses habe, da es darum gehe, festzustellen, ob es den Tatsachen entspreche, daß bei der Polizei mittelalterliche Inquisitionsmittel zur Anwendung gelangt seien.
Bei der nun folgenden, fast halbstündigen Beratung des Senats über den Antrag des Staatsanwalts ergab sich eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Mitgliedern des Gerichtshofs. Es wurde daher Tribunalpräsident Iliessi hinzugezogen. Nachdem der Staatsanwalt seinen Antrag wiederholt hatte, verwies Dr. Kißmann darauf, daß es im Interesse der Autorität des Staates gelegen sei, die im Verlauf der Verhandlung vorfallenden Dinge einer Beleuchtung durch Publikum und Presse unterziehen zu lassen. Der Senat einigte sich nach neuerlicher Beratung dahin, die Verhandlung vor der Oeffentlichkeit vor sich gehen zu lassen. Der Gerichtshof behalte sich jedoch das Recht vor, der Presse anzuweisen, gewisse zur Sprache kommende Erörterungen, die eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit nach sich ziehen könnten, nicht zu publizieren.
Es wurden hierauf der bei der Vascauteanu vorgefundene Vervielfältigungsapparat, sowie die als Corpora delicta dienenden Manifeste herbeigeholt.

Polja Vascauteanu gibt zu, daß der Vervielfältigungsapparat bei ihr gefunden worden sei. Sie habe ihn sowie zwei Koffer von einem gewissen Grischa zur Aufbewahrung erhalten. Den Inhalt der Koffer habe sie nicht gekannt, da sie sie nicht geöffnet habe. Sie sei der Meinung gewesen, daß er Kleider beinhalte. Erst auf der Polizei habe sie erfahren, daß er mit Manifesten gefüllt gewesen sei.

Feldmann und Künstlich stellen in Abrede, den Apparat besessen zu haben. Sie hätten die Vascauteanu erst nach ihrer Verhaftung kennengelernt und sahen den Apparat zum ersten Mal als sie mit ihm bei der Polizei photographiert wurden. Romuald Süßmann, der schon in der vorigen Verhandlung aus einem Angeklagten zu einem Ankläger geworden war, erklärte, der Apparat sei ursprünglich in seinem Besitz gewesen. Er sei ihm von einem Burschen mit blauer Bluse, der ihm auch Instruktionen und Material gegeben habe, eingehändigt worden. Er habe sodann mit Hilfe des Apparates Manifeste hergestellt, und sie den Angeklagten Feldmann und Künstlich übergeben. Diese halten, auch als sie mit Süßmann konfrontiert wurden, ihre Erklärung aufrecht. Die Manifeste kann Süßmann nicht als die in seinem Besitze gewesenen wiedererkennen. Er habe alle seine Manifeste verbrannt, und nur ein Inventar der an Feldmann übergebenen behalten. Dies sei bei der Polizei in Gegenwart des Dr. Postatny, sowie der Agenten Mihalek und Onciul in seiner Tasche gefunden und in Verwahrung genommen worden.

Der hierauf einvernommene Direktor des dritten Staatsgymnasiums, Vasile Vitenco gab an, Feldmann als sehr fleißigen Schüler gekannt zu haben. Er sei sogar der beste Schüler seiner Klasse gewesen und habe ein ausgezeichnetes Betragen an den Tag gelegt. Dieselben Aussagen machte auch der Religionslehrer des Angeklagten, Professor Samson Tyndel. Sehr interessant gestaltete sich die Einvernahme des Studenten Constantin Tarnavschi, der als Lehrer im dritten Staatsgymnasium bis zum vorigen Jahr beschäftigt war. Tarnavschi gab an, daß er täglich mit seinen Schülern zusammengekommen sei und daher die Fähigkeit besitze, über die Verhältnisse der Schule zu urteilen. Er habe den Eindruck gewonnen, daß die Majorität der Schüler der Anstalt ein staatsfeindliches Verhalten dem rumänischen Staat gegenüber zur Schau getragen habe, und in ihrer Sympathie zur kommunistischen Idee sehr solidarisch gewesen sei. Als vor 2 Jahren die Rede auf den Ueberfall der rumänischen Studenten auf den Advokaten Dr. Patrascanu gekommen sei, habe sich die Sympathie sämtlicher Schüler für den Kommunismus und dessen Verteidiger gezeigt. Ob die Angeklagten auch darunter gewesen sind, wisse er nicht, doch haben sie gewiß in dieser Hinsicht keine Ausnahmsstellung eingenommen. Auf die Frage des Advokaten Stein, weshalb der Zeuge nicht mehr am dritten Staatsgymnasium beschäftigt sei, antwortete er: „Es wurde mir gesagt, daß meine Entlassung aus budgetären Gründen erfolge. Doch glaube ich, daß die Veranlassung hiezu durch den Umstand erfolgt ist, daß der größte Teil des Lehrkörpers aus Juden bestand. Die Frage des Advokaten Stein, wie die Vorladung des Zeugen erfolgt sei und ob er, da doch wegen seiner Entlassung aus dem Dienst eine feindliche Gesinnung des Zeugen der Schule gegenüber möglich sei, sich selbst gemeldet habe, wurde vom Vorsitzenden nicht zugelassen.

Es folgte die Einvernahme der Frau Estera Weintraub, der Schwiegermutter des Edi Wolf, die sich wegen Diebstahls in Untersuchungshaft befindet. Frau Weintraub erzählte, daß vor etwa 3 Monaten Polja Vascauteanu, die damals von der Polizei der Staatsanwaltschaft überstellt worden war, durch einen Polizisten in ihre Zelle gebracht worden sei. Polja Vascauteanu sei gleich zu Boden gesunken. Die Zeugin habe sie mit zwei anderen Zellengenossinnen aufs Bett gelegt. Sie habe ein von Schlägen ganz verschwollenes Gesicht und Wunden auf den Füßen und am ganzen Körper gehabt. Ihre Strümpfe seien voller Blut gewesen. Nachts habe sie aus dem Traum immer wieder in rumänischer Sprache geschrien: „Schlagt mich nicht! Warum schlagt ihr mich?“ Tags darauf sei sie in eine andere Zelle gebracht worden.

Die wegen Geheimbündelei zu 7 Monaten Kerkers verurteilte Toni Goldenstein, eine Zellengenossin der Vascauteanu, gibt an, die Angeklagte am zweiten Tag nach ihrer Einlieferung ins Gefängnis sehen zu haben. Ihr Fuß sei geschwollen gewesen, so daß sie außerstande gewesen sei, aufzustehen. Sie habe an vielen Stellen ihres Körpers Nadelstiche gehabt und häufig an Ohnmachtsanfällen und Herzschwäche gelitten. Sie mußte von Häftlingen auf den Armen in die Kanzlei getragen werden. Ihre Zellengenossinnen hätten ihr immer kalte Umschläge um die Füße gelegt. Sie sei die ganze Zeit hindurch zu Bette gelegen, und jede Bewegung habe ihr Schmerzen verursacht. Aehnlich lauteten die Aussagen einer anderen Zellengenossin, der wegen Geheimbündelei in Untersuchungshaft befindlichen Scheindel Sternberg.

Die wegen kommunistischer Propaganda in Haft befindlichen Arbeiter Bruno Iaslowitz und Oswald Bundorf schilderten den Zustand Feldmanns. Zur Zeit seiner Einlieferung ins Gefängnis sei Feldmann, da er nicht habe gehen können, von anderen Häftlingen in die Zelle getragen worden. Er habe Wunden an den Füßen, blaue Flecke am ganzen Körper, Nägelspuren zwischen den Fingern und an Händen und Füßen gebrochene Nägel gehabt. Er habe sich oftmals zum Rapport gemeldet, sei aber niemals zum Untersuchungsrichter vorgelassen worden.

Hierauf wurde Frau Sali Iwanier einvernommen, die folgendes ausführte: Sie sei, als sie auf den Wunsch der Schwester eines politischen Häftlings diesem Essen ins Gefängnis gebracht habe, nach Mißhandlungen und Schlägen verhaftet und 8 Tage in Gefängnishaft behalten worden. Hier sei sie Zeugin gewesen, wie Polja Vascauteanu eingeliefert worden sei. Sie habe ihr auch die erste Hilfe geleistet. Ihr Körper und namentlich die Fußsohlen seien ganz verschwollen gewesen.

Ueberaus erschütternd wirkten die Erzählungen der Mutter des Jossie Feldmann, der Frau Chaje Feldmann aus Noua-Sulita. Erst drei Tage nach Verhaftung ihres Sohnes sei ihr durch dessen Hausfrau Mitteilung hievon gemacht worden. Sie sei nach Czernowitz gekommen und habe sich gleich zur Polizei begeben, wo ihr vom Agenten Hartl gesagt worden sei, daß sie für ihren Sohn Zitrone, Milch und einige Aspirintabletten kaufen solle, da er Kopfschmerzen habe. 12 Tage lang habe sie vergeblich unter Tränen und auf den Knien darum gebeten, ihren Sohn sehen zu dürfen, doch sei ihr dieser Wunsch mit der Begründung, ihr Sohn werde sich zu sehr aufregen, verweigert worden. Erst am zwölften Tag hatte sie Gelegenheit, ihren Sohn, als dieser photographiert werden sollte, zu sehen. Ihr sei die schwache Stimme ihres Kindes aufgefallen, und als sie dies Rottenberg mitteilte, sagte ihr dieser: „Ihr Sohn ist frisch rasiert, und da kann er natürlich nicht laut sprechen.“

Die Zeugin wies hierauf mit Blut durchtränkte Wäsche ihres Sohnes vor und fuhr weinend in ihrer Erzählung fort. Ihr Sohn sollte nach 14 Tagen dem Gefängnis überstellt werden. Sie kam zur Polizei, um zu warten, bis ihr Sohn herausgeführt werde. Doch gegen Abend habe ihr Rottenberg gesagt, es sei spät, und ihr Sohn werde erst am Montag überstellt werden. Sie habe aber dennoch gewartet und Gelegenheit gehabt, ihren Sohn zu sehen und zu sprechen. Er habe ganz geschwollene Füße gehabt und seine Hände, die Wunden zwischen den Fingern aufwiesen, gezeigt. Ein Fiaker habe vor dem Tor gewartet. Er habe mit großer Mühe im Wagen Platz genommen und im Gefängnis nicht gehen können. Auf der Fahrt hat er ihr weinend erzählt, daß er 9 Stunden lang geschlagen und gemartert worden sei.

Dr. Dranca, der als Sachverständiger und Zeuge einvernommen wurde, gab an, daß den Verletzungen auf den Füßen der Vascauteanu keine so große Bedeutung beizumessen sei, sie habe wohl Schwellungen doch keine Verletzungen aufzuweisen gehabt. Seinen Rapport habe er nicht auf Grund einer Untersuchung, sondern nach den Aussagen der Angeklagten gemacht. Als ihm von der Verteidigung vorgehalten wurde, daß er in früheren Gutachten einen anderen Befund konstatiert habe, gab Dr. Dranca an, sich daran nicht erinnern zu können.
Da einige Zeugen nicht zur Verhandlung erschienen waren, wurde die Verhandlung für den 9. Februar vertagt.

(330128c3)


Eine Demonstration [S. 3, Mitte, rechts]
Während im Justizgebäude die Verhandlung stattfand, veranstalteten beiläufig 60 rumänische Studenten eine Demonstration gegen den Kommunismus. Sie versammelten sich gegen 12 Uhr vor der Universität und zogen durch die Heinegasse, über den Theaterplatz zum Justizpalast, wo sie nationale Hymnen und Hochrufe auf die Justiz und den König anstimmten. Sie zogen dann noch zur Staatsanwaltschaft und zur Landesregierung. Sie kehrten hierauf über den Ringplatz, wo ein Student eine Rede gegen den Kommunismus hielt, ins Studentenheim zurück. Sie zerstreuten sich dann in vollster Ruhe. Es waren keinerlei Zwischenfälle zu verzeichnen.

(330128c3)


Seite 4

Gehälterreduzierung schwächt Genfer Optimismus [S. 4, oben, links]
Die Regierung vor schweren Aufgaben
Der Besuch des jugoslawischen Königs

Bukarest, 26. Jänner (Spezialbericht unseres Korrespondenten). Die politischen Ferien, die gestern hätten beendet werden sollen, wurden wieder um acht Tage verschoben, da das Parlament infolge Beschlußunfähigkeit sich bis zum 31. Jänner vertagt hat. Der König, der gestern in der Hauptstadt hätte eintreffen sollen, verblieb weiter in Sinaia, da ihm mitgeteilt wurde, daß Kammer und Senat keine Sitzungen abhalten, weil infolge der Verkehrsbehinderungen die Parlamentarier und Senatoren in der Hauptstadt nicht eingetroffen sind. Die Mitglieder der Regierung kommen aber täglich zusammen und beraten alle Probleme, die sowohl für die Innen- als auch für die Außenpolitik von großer Bedeutung sind. Besonders eifrig befaßt sich die Regierung mit den

Genfer Verhandlungen,
die günstig verlaufen sind und vor dem Abschluß stehen. Die vom Handelsminister Lugojeanu eingelaufenen Nachrichten haben die Regierung optimistisch gestimmt und heute soll der Ministerrat, der um 5 Uhr unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Vaida zusammentritt, das Abkommen genehmigen und dem Handelsminister die telegraphische Ermächtigung erteilen, das Abkommen im Namen der Regierung zu unterzeichnen. Innerhalb der Regierung besteht insofern Einigkeit, als alle Mitglieder sich gegen eine Kontrolle des Völkerbundes ausgesprochen haben und das Abkommen nur in dieser Richtung hin unterzeichnet werden wird. Die Vortextierung des Abkommens, welches übrigens sowohl vom Finanzausschuß des Völkerbundes als auch vom Handelsminister Lugojeanu paraffiert wurde, lautet im Sinne der rumänischen Vorschläge. Wenn also der Ministerrat heute das Abkommen unterzeichnet, so kann man bereits diese Woche mit der Perfektionierung desselben rechnen. Die Rückkehr des Handelsministers wird dann für kommende Woche erwartet. Wann die Finanzexperten nach Bukarest kommen, ist jedoch noch nicht genau bekannt. Das Datum soll erst in den nächsten Tagen festgesetzt werden.
Gleich nach Unterzeichnung des Genfer Abkommens wird die Regierung dann an die Abfassung des Budgets schreiten können. Die Vorarbeiten sind im Gange und es wurden fast alle Budgets der Ministerien durchberaten.

Die Gehälterreduzierung
Die Maßnahme des Finanzministers, die Beamtengehälter zu reduzieren, hat die Regierung in eine heikle Situation gebracht. Die Protestkundgebungen im ganzen Lande geben der Regierung zu denken und die Tatsache, daß eine Nachricht vom Finanzministerium ausgegeben wurde, wonach die Pensionen keine Kürzung erfahren werden, läßt darauf schließen, daß die Regierung doch den Rückzug antreten will und nur die entsprechende Form sucht. Der Ministerratsbeschluß über die Kürzungen der Gehälter wurde gleich im Amtsblatt publiziert und könnte nur durch ein Königsdekret wieder aufgehoben werden. Man sieht also, daß sich Schwierigkeiten ergeben, die die Regierung nicht leicht meistern kann. Im Vorprojekt des Budgets sind bereits die 150 Millionen Lei, die bei der Reduzierung der Gehälter erspart werden, ausgewiesen.
Unzählige Memoranden von allen Berufskategorien der öffentlichen Angestellten wurden den Mitgliedern der Regierung überreicht und schärfster Protest gegen die Kürzungen der Gehälter erhoben. Mehrere Beamtenkategorien wollen auch beim König in Audienz erscheinen, um ihn auf die schweren Folgen, die die Gehaltskürzungen nach sich ziehen werden, aufmerksam zu machen. Es wird sich nun zeigen, wie und ob die Regierung dieses Dilemma überwindet. Gibt sie den Beamten nach, so ist ihre Position erschüttert, bleibt sie unbeugsam, so werden die Beamten nicht locker lassen, und im ganzen Reich die Protestkundgebungen fortsetzen.

Rumänien und Jugoslawien
Der Besuch des jugoslawischen Königs Alexander wird in allen politischen Kreisen lebhaft erörtert und als politischer Besuch von internationaler Bedeutung gewertet. Die offizielle Verlautbarung über den freundschaftlichen Charakter des Besuches wird nicht ernst genommen. Politische Kreise sind genau darüber informiert, was hinter den Kulissen vorgeht. Es konnte einwandfrei festgestellt werden, daß König Alexander seinen Schwager, König Carol, um eine

Intervention in Italien
angesucht hat. König Carol soll als Vermittler auftreten, um die bestehenden Differenzen zwischen Jugoslawien und Italien zu bereinigen. Wird er das tun? Das ist eine Frage, die bisher nicht geklärt wurde. Auch Außenminister TItulescu wurde zu den Beratungen zwischen König Alexander und König Carol hinzugezogen. Es heißt, daß Außenminister Titulescu zu Beginn des kommenden Monats sich nach Rom begeben soll, um mit Mussolini Fühlung zu nehmen, ohne offizielle Einflußnahme in den Beziehungen zwischen Rom und Belgrad einzubekennen. Seine Reise soll „informativen“ Charakter tragen.

In eingeweihten politischen Kreisen wird auch der gemeinsamen Audienz Titulescus, des Kriegsministers General Samsonovici und des jugoslawischen Außenminister Jestic bei den Königen Alexander und Carol große Bedeutung beigemessen. Gerade die Hinzuziehung des Kriegsministers läßt darauf schließen, daß der Abschluß eines Militärbündnisses zwischen den Staaten der Kleinen Entente erörtert wurde. Auch sollen Fragen, die mit der bevorstehenden Abrüstungskonferenz in Zusammenhang stehen, erörtert worden sein.

(330128r4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr. 263, Sonntag, 29.01.33

Postby Klaus Binder on 29. January 2011, 02:46

Seite 2

Gerichts-„Tag“
Wieder Kommunistenprozeß: [S. 2, oben, rechts]
31 Jugendliche vor Gericht
Vorsitzender: OLGR Bibring, Beisitzender: Präsident Paltineanu, Staatsanwalt: Axani.

Kaum, daß die „rote Sensation“ von vorgestern verklungen ist, hatte man gestern vormittags neuerlich Gelegenheit - diesmal ohne die gewohnten Sicherheitsmaßnahmen und in aller Stille - einem Prozeß beizuwohnen, der der „Lex Marzescu“ zu verdanken ist. 31 junge Arbeiter und Arbeiterinnen, sämtliche unter 20 Jahren, hatten sich wegen kommunistischer Propaganda, begangen durch Verbreitung von Manifesten, Gründung von kommunistischen Zellen und Sammeltätigkeit für die „rote Hilfe“ zu verantworten.
Die Verhandlung fand vor einem eigens für diesen Straffall zusammengetretenen Senat statt. Der Eintritt in den Verhandlungssaal war sehr erschwert, da Unbeteiligten der Einlaß verwehrt wurde. Das trug dazu bei, daß die Verhandlung, im Gegensatz zur vorgestrigen, in einer gänzlich entspannten Atmosphäre vor sich ging.
Die heutige Verhandlung wurde mit der Einvernahme von 12 der 31 Angeklagten ausgefüllt. Es sind dies die Angeklagten Spiwak, Doktorowicz, Reiner, Przebila, Weizmann, Steinberg, Weinschenker, Brachfeld, Kula, Alper, Heß und Schulmann, darunter fünf Mädchen, die durchwegs in den hiesigen Trikotagefabriken beschäftigt waren. Als Verteidiger fungierten die Advokaten Adelstein, Barlescu, Bitter, Dr. Dorostei, Fried, Gottlieb, Dr. Hitzig, Frau Dr. Hitzig, Pinkensohn und Stein.
Sämtliche Angeklagte beginnen ihre Aussagen mit der Erklärung, daß sie weder Kommunisten seien, noch einer geheimen Organisation angehören. Es wird Ihnen vom Vorsitzenden das bei der Polizei gemachte volle Geständnis der ihnen zur Last gelegten Delikte vorgehalten, worauf jeder der Angeklagten erwidert, daß diese Erklärungen unwahr und nur deshalb durch ihre Unterschrift bestätigt seien, da sie bei der Polizei den fürchterlichsten Mißhandlungen ausgesetzt worden waren, und ihnen auf diese Weise die Unterschrift unter das belastende Protokoll erpreßt worden sei. Sämtliche Angeklagte bezeichnen auf eine Frage des Vorsitzenden die Agenten Rottenberg, Hartl und Onciul als ihre Peiniger. Der Angeklagte Alper, sowie noch zwei Angeklagte, machten im Laufe ihrer Aussage die Mitteilung,

daß Dr. Postatny von den Mißhandlungen Kenntnis hatte, da er dem Angeklagten Alper vor dessen Ueberstellung an den Untersuchungsrichter geraten habe, sein bei der Polizei „gemachtes“ Geständnis vor dem Untersuchungsrichter aufrecht zu erhalten, da er im Falle des Widerrufes der Polizei zur nochmaligen „Behandlung“ des Falles zurückgestellt werden müsse.

Dieser Drohung schreiben auch die anderen Angeklagten den Umstand zu, daß ihre vor dem Untersuchungsrichter gemachten Aussagen fast unwesentlich von dem Polizeiprotokoll abweichen. Interessant ist es auch, daß sämtliche Angeklagte wenige Tage nach ihrer Einvernahme auf ihr Verlangen hin dem Untersuchungsrichter neuerlich vorgeführt wurden, vor dem sie dann ihre erste Aussage zur Gänze widerriefen.
In der heutigen Verhandlung führten sie dieses Verhalten darauf zurück, daß [sie] im Gefängnis erfahren hätten, daß die Drohung der Polizei, im Falle eines Widerrufes an sie zurückgestellt zu werden, nur dem Zwecke gedient haben könne, sie einzuschüchtern, da dies nicht möglich sei. Einzig die Angeklagte Heß widerrief gleich bei der ersten Einvernahme vor dem Untersuchungsrichter das bei der Polizei geleistete Geständnis. Der Angeklagte Alper schilderte die Vorgänge gleich nach seiner Verhaftung folgendermaßen: Er sei in ein Zimmer geführt worden, in dem sich ihm folgender Anblick dargeboten habe: der Angeklagte Kula, den er bloß als Arbeitskollegen kenne, an Händen und Füßen gefesselt, auf einem an zwei Sesseln aufgestützten Stock hängend, um einen bereits volkstümlich gewordenen Ausdruck zu gebrauchen: die „Morisca“. Als er selbst angesichts dieses Bildes auf die Aufforderung des Agenten Rottenberg, sich weigerte, ein Geständnis abzulegen, wurde er in einem anderen Zimmer durch Hartl und Rottenberg drei Tage hindurch derselben Prozedur unterworfen.
Heute (Samstag) wird die Verhandlung zwecks Einvernahme der restlichen 17 Angeklagten fortgesetzt.

(330129c2)


Seite 3

Adancata [S. 3, rechts, mitte, oben]
(Man mißachtet den - Volkeswillen!)
Der „Tag“ hat über alle Phasen des ho. Wahl-„prozesses“ ausführlich berichtet. Doch noch lange nicht kann man über den Schlußakt sprechen. Die Behörden wollen einfach nicht den von der weit überwiegenden Majorität der ho. Bevölkerung gewählten Bürgermeister und den Gemeinderat einsetzen. Am 7. Dezember 1932 fand die Wahl statt. Heute stehen wir schon vor dem Beginne des Monates Februar 1933, eine Kontestation gegen diese Wahl wurde vom Czernowitzer Revisionsgericht bereits längst als unbegründet abgewiesen - und dennoch will man in Adancata den Bürgermeister und den Gemeinderat nicht installieren! Die Bevölkerung ist über diese Vorgangsweise der Storojynetzer Präfektur höchst empört. Der soz. dem. Abgeordnete Herr Dr. Radaceanu wurde ersucht beim Innenministerium diesbezgl. energisch zu protestieren. Man kann hier in Adancata täglich überall beobachten, wie Gruppen von Bürgern über kein anderes Thema, als das der offenbaren Mißachtung des Volkeswillens seitens der sich demokratisch nennenden national zaranistischen Regierung, entrüstet diskutieren und fragen: Warum fürchtet man, den sozial-dem. Bürgermeister und den 16-gliedrigen Gemeinderat (wovon 9 Sozialdemokraten) einzusetzen?! Welche Gründe hat diese Regierungsfurcht?! Die Nichtinstallierung des Bürgermeisters und des Gemeinderates bezw. die fortwährende Installierungsaufschiebung unter verschiedensten Vorwänden und Ausreden gibt der Bevölkerung Anlaß zu verschiedensten Vermutungen und nicht zuletzt Anlaß zu hellster Empörung über diese Frozzeleien. Es ist im höchsten Interesse der Regierung gelegen, die Gemüter der Adancataer Bevölkerung durch die sofortige Installierung des Bürgermeisters u. des Gemeinderates zu beruhigen.

(330129r3)


Seite 4

Die guten und die schlechten Verse [S. 4, oben, links]
Von Helios Hecht

In der Regel ist unser Urteil über Welt und Menschen ein Interessenurteil. Da wir das innerste Motiv und den letzten ausschlaggebenden Anlaß einer menschlichen Handlung nicht zu erforschen imstande sind, ermangelt unser Werturteil der Objektivität und kann jederzeit durch einen neuen, vorher nicht in Erwägung gezogenen Umstand umgewertet werden. Fragen Sie doch irgendwen, was er über irgendeinen denkt, und er wird mit naivem Egoismus gestehen, er findet den Menschen nett und sympathisch, da er sich ihm gegenüber liebenswürdig benommen habe. Es kann auch der umgekehrte Fall vorkommen, daß X. nicht sympathisch sei, weil er gegen Y nicht zuvorkommend gewesen sei. Höchst selten widerfährt uns die annähernd objektive Beurteilung, daß einer gestehe, er finde, X. sei ein gerecht denkender und großmütiger Mensch, obwohl er in einem Falle ihn unfreundlich und kränkend behandelt habe. - Was denken Sie nun über die noch seltenere Möglichkeit, daß ein Mensch, da er sich von seinem Mitmenschen bedroht und ins Unrecht gesetzt weiß, dennoch bekennt: mein Missetäter trägt meine Züge, und er muß mir wohl auch verwandt sein. Er handelt unmenschlich, grausam, aber es muß doch irgendwo eine geheime Pforte zu seinem Herzen geben, eine verschüttete Quelle des Lebendigen und Göttlichen, die auch einmal zu strömen beginnen wird, und sei es nur einmal im Leben. Ja, es widerspricht unserem Egoismus keineswegs, solches anzunehmen und im übeltuenden Mitmenschen den Bruder zu erwecken, ihn zum selbstischen und zum allgemeinen Nutz und Frommen zu erschüttern und zum Rechten zu überführen. - Steht nicht Menschlichkeit vor Recht, nicht Milde und Verstehen vor Gerechtigkeit? - Das mag mehr unterbewußt als rechnerisch meine Betrachtungsweise gewesen sein, als ich behauptete, selbst im Verworfensten aller Menschen entbrenne einmal das Gnadenlicht der Reue. Wobei ich zugestandenermaßen an die Polizeiagenten dachte, die junge Mädchen und Burschen so übel zugerichtet hatten. - Nimmer fiele mir ein, zu widerrufen, solange mir nicht das Gegenteil bewiesen wird. Nimmer kann ich Mißhandlungen und Demütigungen an wehrlosen Menschen zu entschuldigen versuchen, nein, soweit bin ich noch nicht. Nur der Größte aller Menschen darf verzeihen und vergeben, aber der schwächste und kleinste aller Menschen muß verstehen wollen und sollte sich nicht überheben. - Es ist nun geschehen, was ich vorausgesehen habe, da ich unsere weltfremde, auf Schlagwort, Modephrase und idealistische Gläubigkeit geimpfte Jugend kenne. Der Marxismus ist, abgesehen von seinen großen Gedanken und einzigartigen, scharfsinnigen Findungen, über die Magenfrage niemals hinausgekommen und just dort stehen geblieben, wo Psychologie, Individualismus und Menschenkenntnis beginnen. Das ist die Barriere, über die kein Marxist noch zu springen vermocht hat, da er nur das Kollektiv und die Einzelseele kennt, nicht das Recht des Individuums respektiert. - Da hat denn die so orientierte Jugend gegen mich den Vorwurf erhoben, ich hätte widerrufen, was ich ehedem so mutig bekannt habe. Nämlich die Grausamkeit der Polizeiagenten. Wenn ich z. B. von Rottenberg erzähle, daß er oft die einzelnen Inhaftierten gebrachten Lebensmittel auch auf die ärmeren verteile, so habe ich nichts widerrufen, sondern nur gesagt, was ich jederzeit aufrecht halte, daß in Rottenberg auch jener Funke einmal erglimmen könne, den wir alle vom Himmel mitbekommen haben. Warum ich das sagte? Was mich dazu veranlaßt habe? Nichts als die Erkenntnis dieser Wahrheit. Nein, sagt die fanatisierte Jugend, das ist jetzt aber nicht opportun, das ist jetzt unklug, einem Menschen ein letztes Aufzucken der Menschlichkeit zuzuerkennen, da wir gegen ihn kämpfen. Selbst wenn es wahr wäre, müßten Sie, Herr Hecht, es unterdrücken. Man darf die Wahrheit nicht jederzeit sagen. Sie sollten immer unseren starren Standpunkt einnehmen, sie dürfen an eine andere Möglichkeit gar nicht glauben. Wir zensurieren Ihre Meinung, wir, reine Idealisten im Angesichte Gottes, halten ihre Wahrheit für untaktisch, für unzeitgemäß, für schädlich. Also sind Sie ein Schädling. Haben Sie denn vergessen, was der „Schwarzen Natascha“ geschehen ist? - Nein, ich kann es nicht vergessen, es brennt als unaustilgbare Schmach in meinem Herzen. Aber wenn der ruchlose Peiniger eines Tages einen Menschen aus Todesnot rettete, bin ich ein Schädling, wenn ich es ebenso in die Welt hinausrufe wie seine Schandtaten??? Ich bin kein Politiker, verstehe nichts von Taktik, nichts von zweierlei Wahrheit, sondern gebe, wie jener persische Fürst, dem Dichter für jeden guten Vers ein Dukaten, für jeden schlechten einen Stockhieb. Da er ihrer mehr schlechte gemacht hatte, starb er unter den Streichen. - So starb des Peinigers Ruf der Menschlichkeit, da er sie nicht bewährt hatte. Der gute Vers wird die Wirkung der schlechten nicht aufheben. Eine solche milde, ein solches Aufdiewaagelegen steht nur bei dem Höchsten, das wir glauben.
Hat denn die schwärmerische Jugend vergessen, daß ich schon im Juni und August vorigen Jahres im „Tag“ in drei Artikeln gegen die Prügeleien geschrieben und protestiert habe? Weiß man denn nicht, daß ich bei vielen Anlässen, die das öffentliche Gewissen und Gerechtigkeitsempfinden aufzureizen geeignet sind, das Wort ergriffen und eben diese Oeffentlichkeit aufgerufen habe?

(330129a4)


Seite 5

Ende der Strafkolonie von Guayana? [S. 5, oben, rechts]
Keine öffentlichen Hinrichtungen mehr

Paris, im Januar.
In hiesigen Blättern wird die bevorstehende Abänderung des französischen Strafrechts angekündigt, da der aus der Zeit Napoleons stammende Code penal nicht mehr den Ansprüchen des Jahres 1933 entspreche. Der von dem damaligen Justizminister Cheron eingesetzte Juristenausschuß habe seit 1930 einen Vorschlag ausgearbeitet, der gegenwärtig von dem Präsidenten des Appellationshofes und von den Rechtsfakultäten geprüft werde. Die Zwangsverschickung und die Zwangsarbeit, die nach Ansicht eines hervorragenden französischen Richters eine Schande der französischen Kultur seien, würden abgeschafft werden.
An die Stelle der Strafkolonie von Guayana würden Gefängnisse in Frankreich treten. Die Einzelhaft würde in Zukunft befristet sein, und zwar auf drei Jahre für lebenslänglich und auf zwei Jahre für zeitlich begrenzt Verurteilte. Die Todesstrafe wird beibehalten, aber die Hinrichtung nicht mehr öffentlich, sondern im Gefängnishof stattfinden. Nur zwei Mitglieder des Ausschusses hätten sich für die Abschaffung der Todesstrafe ausgesprochen.
Guayana ist durch die Heimkehr des „letzten deutschen Kriegsgefangenen“ Alfons Paoli Schwartz wieder in den Vorderrund des Weltinteresses gerückt. Noch vor wenigen Wochen hat ein französisches Blatt in einer ausführlichen Würdigung des Werkes „Von der Teufelsinsel zum Leben“, das Schicksal des Heimkehrers Alfons Paoli Schwartz, von P. C. Ettighofer (Gilde-Verlag, Köln) erklärt, der Fall Schwartz sei eine beschämende Anklage gegen den französischen Strafvollzug. Im Namen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit wäre zu wünschen, daß die Verschickung mit all ihrer Qual endlich durch einen gerechten Federstrich beseitigt würde.
Das sagenhafte Pfefferland Guayana wurde im Jahre 1763 erstmalig besiedelt. An jene Zeit erinnert nichts mehr, denn alle diese Auswanderer gingen in den Sümpfen und Fieberstrichen der Küste zugrunde. Einige Jahrzehnte später, während der großen Revolution, verschickte man nach Guayana die „Feinde der Republik“, die den Eid auf die neue Verfassung nicht leisten wollten. Dann war Guayana wieder von Weißen entvölkert. Nur freigelassene Neger konnten das Klima dort gut vertragen. Ihre Nachkommen bilden heute noch die eigentliche freie Bevölkerung der Strafkolonie. Die Weißen sind dort Menschen zweiter Klasse.
Erst unter dem dritten Kaiserreich begannen wieder die Deportationen, die heute noch fast unvermindert anhalten. Es werden jährlich etwa 600 bis 700 Menschen nach Guayana gebracht, und doch bleibt die Bevölkerungszahl die gleiche, infolge der hohen Sterblichkeitsziffer. Die größte Qual der Strafkolonie ist das Bewußtsein, daß man nie wieder seine Heimat oder Europa sehen wird, denn jeder Sträfling muß sich der „doublage“ unterwerfen, das heißt, die als Gefangener verbüßte Zeit muß er nochmals als sogenannter Freigelassener auf der heißen und ungesunden Erde verbringen. Wenige überstehen diese Verdoppelung.

(330129w5)


Seite 6

Lokale Begebenheiten [S. 6, oben, rechts]
Merkwürdig ist der Umstand, daß die anderen sogenannten Kommunistenprozesse, die ja fast täglich vor dem Gericht verhandelt werden, nicht im mindesten jene Anziehungskraft auf die Oeffentlichkeit und das ausgesprochene Sensationspublikum ausüben, die die Affäre Vascauteanu - Feldmann für sich beschlagnahmt zu haben scheint. Und doch gibt es bei den darauffolgenden Kommunistenprozessen sogar weit mehr Angeklagte, denen die Bedrohung und Gefährdung der Sicherheit des Staates zur Last gelegt wird. Das Interesse für den einen und die Interesselosigkeit für die anderen Prozesse rühren daher, daß die Namen Vascauteanu - Feldmann mit lebhaften Vorstellungen von Folterungen verbunden sind; es ist also nicht Mitleid, das viele Gerichtssaalkiebitze zur Verhandlung treibt, sondern pure Sensationslust.

Aber ein Blick in den Saal, in dem gestern wieder ein Prozeß gegen sogenannte Kommunisten verhandelt wurde, zwingt, ein paar Minuten innezuhalten, sich abseits, irgendwo in den Wandelgängen des Gerichts, auf eine Bank zu setzen und dann, nach einiger Zeit Ueberlegens und Sich-Besinnens, zur Ueberzeugung zu gelangen, daß es hier nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder man ist selbst ein Narr oder die ganze Welt gehört ins Irrenhaus …

Also das sind die Leute, die den Staat in Gefahr bringen, denen das Handwerk gelegt werden muß, die geprügelt und gefoltert werden müssen, damit sie gestehen, daß sie Revolution machen wollen; diese Milchkinder, die Marx nicht gelesen und, falls sie ihn gelesen haben, nicht verstanden, nicht verstehen konnten, weil unmöglich, bei aller Frühreihe und Intelligenz, das unausgebildete Gehirn die Tragweite, die Bedeutung und den Sinn solcher Ideen erfassen kann; das sind die Leute, derentwillen sich Polizeiorgane selbst an den Pranger brachten, das sind die Menschlein, die den Staat stürzen sollen, für die ein Heer ernster Menschen in Bewegung gesetzt wird, Polizeikommissäre, die mit Verbrechern großen Stils fertig werden müssen, Richter, in Ehren ergraut, Familienväter mit sovielen schweren Sorgen, Advokaten, Rechtsgelehrte, die zivil- und strafgerichtliche Probleme lösen müssen; Zeugen, die, weiß Gott! noch tausend andere Dinge zu erledigen haben; Journalisten, die sich mit diesem ganzen Komplex - da er nun einmal geschaffen wurde - befassen müssen; Studenten, die Umzüge und Demonstrationen veranstalten und Juden verprügeln; Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett, Kuriere und Korrespondenten, die alle diese Nachrichten hinaus in die Welt tragen; Maschinen rattern, Telegramme fliegen, Setzmaschinen fressen das Manuskript, Redakteure geraten wegen verschiedener Stellungnahme zu den Vorfällen einander in die Haare, Aufregung und Besorgnis von bangenden Eltern, Geldausgaben und Kosten, die in dieser bitteren Zeit gerade noch gefehlt haben - - -
Und da sitzen sie also, die Verbrecher, und gefährden den Staat. Warum nicht, wenn sich der Staat gefährdet fühlt? Wenn es ihnen gelungen ist, eine ganze Stadt mobil zu machen, Leute durcheinanderzujagen, ein Chaos anzurichten, wie es grotesker gar nicht gedacht werden kann; wenn es ihnen gelungen ist, Staatsanwälte, Richter und Advokaten von ihren braven bürgerlichen Gewohnheiten, um 2 Uhr schon beim Schwarzen im Kaffeehaus zu sitzen, abzubringen, weil sie anklagen, verhandeln und verteidigen müssen; dann beginnen diese Milchkinder in der Tat eine Gefahr zu werden. Wenn man wirklich glaubt, daß diese unreifen, unerfahrenen Menschen, die sich noch nicht auf der Welt herumgetrieben haben, sondern direkt von der warmen Stube, vom heißen Kaffee und von der Schule herkommen, imstande sind, etwas zu organisieren - wo doch, um die gefürchtete Revolution organisieren zu können, schon etwas mehr dazu gehört, - wenn tatsächlich die Staatsmänner, die so kluge Diplomaten sind, trotz ihrer Erfahrung, ihres Wissens, ihres Könnens nicht die verschiedenen Probleme lösen können, wie das Land zu sanieren sei, aber es diesen Leutchen zumuten, daß sie eine Revolution anzetteln und durchführen können - ja, dann allerdings ist die Angst vor der Kinderrevolution genügend Grund für den Aufwand dieses Apparates, der notabene - Geld kostet.
Macht sie nur weiter zu Märtyrern, meine Herren Staatsmänner, Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, Polizisten: Eurer Sache dienst Ihr damit am allerwenigsten.

*
Brände sind sehr aktuell geworden. Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch … aber bewacht denn der Mensch, respektive die Feuerwehr diese Macht? In der Hauptstraße hat es in der Nacht zum Freitag gebrannt, und als Passanten die Rauchwolken sahen, verständigte man einen Polizisten, der zur Wachstube im Galopp rannte und nach paar Minuten mit dem lakonischen Bescheid zurückkehrte: „Ja, hab’ ich telefoniert, aber schlaft dort der om de servici!“ Der eine schlaft, der andere geht zu Grunde, und nach genau einer halben Stunde war die Feuerwehr da; freilich gab es nichts mehr zu retten.
Aber morgen werden Sie eine Berichtigung lesen, denn bei uns wird alles berichtigt, was wahr ist.
A propos Brand. Nicht uninteressant sind auch die Glossen und Bemerkungen, die von den „Feuerkiebitzen“ mit Elan sozusagen ins Feuer geworfen wurden. Der Fall Schengertz spielte da die Rolle des Causalnexus, allerdings sehr mit Unrecht, denn die Unschuld der Ladeninhaber von der Hauptstraße ist festgestellt. Immerhin wirkt da die unmittelbare Aufeinanderfolge der Brände auf die Gemüter, und so hörte man etwa einen Zuschauer sagen: „Schauen Sie sich an diese Gemütlichkeit, die Versicherungsgesellschaft ist im gleichen Haus, da brauchen die Abbrändler bei dem starken Frost wenigstens nicht weit zu laufen!“ Und ein anderer ironisiert: „Man ist gegangen verständigen die Leute zu Hause, haben sie gesagt, von dem Brand haben sie noch gestern gewußt…“

In diesen freudlosen Tagen ist die Schadenfreude noch die einzige, in der sich die Leute ausleben. Trotzdem: der Mensch ist gut

*
Vor dem Film „Atlantis“ gibt es eine besondere Ueberraschung: man sieht und hört das Berliner philharmonische Orchester, gespielt wird die Ouvertüre zu Wilhelm Tell; es dirigiert Max von Schillings. Während des Spiels gibt es oben, in der Loge, einen kleinen Zwischenfall. Die Billeteurin will einen Besucher auf einen freien Platz placieren, aber die bereits Sitzenden lassen sich um keinen Preis stören: sie weisen die Billeteurin zurück, der verspätete Gast soll warten, bis die Ouvertüre zu Ende gespielt ist. Auf den Einwand des Mädchens: „Aber hier ist doch Kino und nicht Theater“ wird ihr barsch geantwortet: „Seien Sie still! Jetzt ist Theater!“
Und wirklich, es ist ganz wie im Theater. Das Publikum hält den Atem an und lauscht mit Hingerissenheit dem herrlichen Spiel, der wundervollen Musik, den präzisen Einsätzen, es läßt auf sich die Hingegebenheit des Cellisten übergehen, es verfolgt gespannt die langen, weißen, zuckenden, nervösen Hände des Dirigenten und bewundert sein vergeistigtes Gesicht; es hält den Atem an während des berauschenden Finales und atmet auf, als die Schlußakkorde verklungen sind. Man fühlt es instinktiv, daß hunderte von Händepaaren nur mühsam zurückgehalten werden, um nicht frenetisch - der toten Leinwand zu applaudieren.
Das Beispiel zeigt wieder einmal, wie weit wir gekommen sind. So weit, daß wir ständige Oper, Symphoniekonzerte und regelmäßige größere musikalische Darbietungen nahezu vergessen haben und erst aus diesem Vergessen aufgerüttelt werden, wenn ein Tonfilm oder ein Konzert, hie und da, daran erinnern, daß es Musik auf dieser Welt gibt, die einen mit ihr, mit dieser Welt, versöhnt …

hego. [Heinrich Goldmann]

(330129c6)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male

Nr, 264, Dienstag, 31.01.33

Postby Klaus Binder on 31. January 2011, 00:33

Seite 1

Der Sonntag der großen politischen Ereignisse [S. 1, links, oben]
Demission der Regierung Schleicher
Demission der Regierung Boncour
Genfer Abkommen abgeschlossen


Schleichers Rücktritt
Die deutsche Regierungskrise konnte nicht vermieden werden. Schleicher ist zurückgetreten, weil der Reichspräsident ihm nicht die rote Mappe, in der das Auflösungsdekret für den Reichstag enthalten ist, zur Verwendung nach eigenem Gutdünken übergeben wollte. Das Kabinett Schleicher fiel, weil Papen, Hitler und Hugenberg hinter den Kulissen miteinander einig geworden sind. Die Beunruhigung in der inneren Krise war schon zu Beginn der Woche geschaffen worden durch die scharfe Absage Hugenbergs an die Regierung. Hugenberg war beleidigt durch die Ablehnung seines Anerbietens, als Krisenminister, das heißt als Wirtschafts- und Ernährungsminister in die Regierung v. Schleicher einzutreten. Seitdem ist seine Stimmung durch die für ihn und seine Partei außerordentlich unbequeme Erörterung der Ortshilfeskandale (ähnlich wie die Skandale bei uns anläßlich der Vorlage der Konvertierungsansuchen) im Haushaltsausschuß des Reichstages natürlich sehr verschlechtert worden und er ist offenbar dem Reichskanzler sehr böse, weil dieser anscheinend nichts getan hat, um diese Erörterung zu verhindern. Vielleicht rührten gerade diese Dinge an dem schwachen Punkt in der Stellung Schleichers. Man weiß, daß das persönliche Vertrauen des Reichspräsidenten immer noch Herrn v. Papen gehört, dessen Name seit den Kölner Verhandlungen mit Hitler andauernd in der öffentlichen Erörterung sehr viel genannt wird; man weiß auch, daß Herr v. Hindenburg durch rein menschliche Beziehungen sich stark mit dem ostelbischen Grundbesitz verbunden fühlt, und es wäre daher denkbar, daß von dieser Seite ein persönlicher Einfluß geübt wurde, wie das seinerzeit beim Sturze Brünings geschehen ist. Anderseits war es klar, daß die Entscheidung fallen mußte, was aus dem Reichstag werden soll. Man hat in den letzten Tagen viel über den Begriff des Staatsnotstandes gesprochen, der sein eigenes Recht habe, ein Recht, dass dem Reichspräsidenten unter Umständen auch gestatten würde, den Reichstag für kürzere oder längere Zeit aus dem Staatsleben auszuschalten. Man darf nach den letzten Ereignissen annehmen, daß Herr v. Hindenburg diesen Gedanken ablehnt. Er hält der geschworenen Verfassung die Treue, die den Kern seines Wesens ausmacht, und auch seine Berater sind sicherlich sehr fern davon, ihm eine Politik zu empfehlen, die den greisen Helden der Gefahr aussetzen würde, eines Tags vor den Staatsgerichtshof gestellt zu werden. Es konnte sich also nur darum handeln, ob es gelingt, für eine längere Reichstagspause eine Mehrheit im Reichstage selbst zu finden, was schwierig, aber nicht unmöglich ersehen. Es ist jedoch nicht gelungen. So blieb die Alternative: Auflösung des Reichstages und Neuwahlen oder Rücktritt der Regierung. Papen ist der homo regius. Er selbst ist als Kanzler wieder im Anmarsch, noch wahrscheinlicher Hitler in einer Kombination mit Hugenberg. Das Experiment Hitler muß Deutschland noch über sich ergehen lassen, ehe die wahre innerpolitische Sanierung einsetzt.

*
Herriot soll wieder Ministerpräsident werden
Wir haben nach dem Sturz des Kabinetts Herriot hier davon gesprochen, daß damit sehr leicht die Möglichkeit häufiger Regierungskrisen in Frankreich eintreten könnte. Der Auftakt des Kabinetts Paul Boncour mit Cheron als Finanzminister hat dieser Auffassung nicht widersprochen. Die Aufgabe eines jeden Finanzministers ist auch in Frankreich gegenwärtig nicht leicht. Er muß durch Etatkürzungen und neue Steuern ein gewaltiges Defizit decken. Die Sozialisten, die zusammen mit den Radikalsozialisten das Kabinett Paul Boncour zunächst stützten, hatten im Finanzausschuß umfangreiche Einsparungen und große Neueinnahmen beantragt und sich mit diesem Finanzprogramm mit Hilfe der Radikalsozialen teilweise gegen den Finanzminister Cheron durchgesetzt. Ihre beantragten Kürzungen des Militärhaushaltes aber wurden in einer höchst dramatischen Schlußberatung mit großer Mehrheit, an der diesmal auch die Radikalsozialen teilnahmen, abgelehnt. So verfiel die Forderung der Sozialisten auf Beseitigung der Reserveübungen und Einstellung des Baues des 26.000 Tonnen-Kreuzers „Dünkirchen“ der Ablehnung. Im Gegenteil, man hat der fortschreitenden Motorisierung der französischen Kavallerie und Artillerie zugestimmt. Fürs erste also war eine Krise zwischen dem Finanzminister und dem Finanzausschuß noch vermieden. Aber das Kabinett Paul Boncour, das sich mit dem Reformprogramm Cherons vollständig identifiziert hat, konnte den Kampf in der Kammer nicht bestehen. Es wurde mit 390:193 Stimmen zum Rücktritt gezwungen. Die Ueberlegungen, die vor wenigen Tagen von dem Rücktritt Paul Boncours und einem Linkskabinett Daladier oder einem Rechtskabinett Doumergue sprachen, sind nunmehr zur Wahrheit geworden. Aber nicht diese Persönlichkeiten stehen im Vordergrunde, sondern wieder Herriot. Die Frage ist, ob Herriot, der sich mit der Finanzpolitik Paul Boncours (Steuererhöhung und Gehälterreduzierung) identifiziert hat, bei gleichbleibendem Regierungsprogramm lange am Ruder wird bleiben können.

(330131w1)


Seite 2

Die Novelle des Tages
Die Tragödie Helios Hecht [S. 2, links, oben]
Es erscheint dringend geboten, zum zweiten Male für Helios Hecht eine Lanze zu brechen. Und eigentlich müßte man die ganze Rubrik, die nun ihm gewidmet sein soll, statt „Die Novelle des Tages“ die „Tragödie des Tages“ überschreiben.
Nicht an die Adresse Hechts, sondern an die der Oeffentlichkeit haben die Herren Dr. R. Rosenblatt und sein Bruder Ch. Rosenblatt in den Zeitungen eine Erklärung veröffentlicht, in welcher sie die jahrelange Freundschaft zu Helios Hecht als gelöst bezeichnen und sich öffentlich von ihm lossagen. Begründet wird dieser Bruch mit den Veröffentlichungen über Hechts Eindrücke und Erlebnisse im Polizeigefängnis von Czernowitz und Jassy.
Die Tendenz ist eindeutig. Hecht soll als Abtrünniger, als Gesinnungsloser, als Feigling gebrandmarkt werden. Er, der gegen die Polizei gewettert hatte, verhaftet wurde und zwanzig Tage lang schuldlos der Freiheit beraubt war, soll angeblich Rückzug geblasen, die Polizei in seinen Artikeln entschuldigt und gar die kommunistische Jugend verurteilt haben.
Helios Hecht ist kein Abtrünniger: er war nie Kommunist. Er hat nicht Gesinnungslosigkeit an den Tag gelegt, denn, selbst wenn er widerrufen hätte, zu Kreuze gekrochen wäre, ist der Vorwurf der Gesinnungslosigkeit, der Feigheit grausam, hartherzig - gerade in seinem Falle. Helios Hecht ist kein Märtyrer, Helios Hecht ist kein Held. Er ist es weder physisch, noch hat er jene innere Verbissenheit, jene gewaltige Energie bis zur letzten Konsequenz, jene fanatische Standhaftigkeit eines Galilei, der, gefoltert und geblendet, ausrufen konnte: Und sie bewegt sich doch! Helios Hecht ist ein schwacher, guter, vom Leben arg geprüfter Mensch. Das sei keine Entschuldigung für ihn: aber eine Erklärung. Unschuldig verhaftet, ins Polizeigefängnis gebracht, umgeben rings von Ahnungen jener Torturen, gegen die er so herzhaft Stellung genommen hatte. Angst im Herzen vor der körperlichen und seelischen Schmach, die zu ertragen, zu überwinden ihm unmöglich schien, im Angesichte der Rottenberg, Hartl, Onciul, von deren Missetaten er Grauenhaftes gehört hatte - wurde er, Hecht, der wußte, daß er ein Fressen für die Polizei war - nicht geschlagen. Nicht gefoltert, nicht an einen Sessel gebunden oder Opfer der berüchtigten „Mühle“ - nein, er wurde, verhältnismäßig, sehr menschlich behandelt, die Agenten unterhielten sich mit ihm, aber dann stand ihm neuer Schrecken bevor: Jassy. Die Polizei von Czernowitz, dachte Hecht, will mich nur dorthin abschieben, damit ich in Jassy geschlagen, gefoltert, gepeinigt werde - hier würde es zu gefährlich sein, zuviel Staub aufwirbeln Aber in Jassy … Angst und Schrecken erfüllten ihn, und so kam er nach Jassy. Hier in der Höhle des Löwen, traf ihn nicht dessen Prankenschlag, zerrissen ihm nicht scharfe Zähne die Brust; hier kam man ihm noch freundlicher entgegen, schlug ihn nicht, ja achtete ihn sogar, ließ sich graphologische Gutachten von ihm geben; nun atmete er auf. Nun konnte nichts Schlimmes mehr kommen. Und so, Dankbarkeit im Herzen, kam Hecht nach Czernowitz zurück. In ihm war ein Gefühl der Versöhnung, die ausgestandene Furcht war einem beglückenden Gefühl der Freiheit gewichen; er hätte Rottenberg und Hartl und Onciul die Hand drücken mögen, weil er ihnen dankbar war, daß sie ihn nicht geschlagen hatten. Diese Demütigung, mehr noch die seelische als die körperliche, hätte er - davon ist er überzeugt - nicht überlebt. Er hatte augenscheinlich menschliche Seiten auch an jenen beobachtet, die schlagen und martern konnten; warum sollte er es nicht sagen dürfen, da er auch schon das Gegenteil gesagt hatte?
Weil er das tat, sagen sich intime Freunde von ihm los. Es gibt sogenannte Meister des Lebens, die den Selbstmord als eine Feigheit bezeichnen: Flucht aus Angst vor dem Leben. Jene, die so denken, mögen doch selbst mal diese Feigheit versuchen; ob sie dann nicht zu feig hiezu wären? Es ist leicht, einen, der zwanzig Tage lang im Gefängnis saß, unschuldig saß und täglich die berüchtigte Folter erwartete, vorzuwerfen, er sei gesinnungslos, weil er dankbar erzählt, er sei nicht geschlagen worden und habe konstatieren können, daß manche dieser Agenten zuweilen auch menschlichen Empfindungen nicht unzugänglich sind. Ich muß vermuten, daß in dem offiziellen Bruch der Freundschaft mehr Geste als Ueberzeugung liegt, dafür spricht schon die traurige Tatsache, daß eine Angelegenheit, die eine solche unter vier Augen ist, in alle Oeffentlichkeit getragen wurde.
Das ist die wahre Freundschaft nicht, die laut die Konsequenzen zieht. Wäre sie echt gewesen, so hätte sie dem ehemaligen Freund den letzten Dienst erweisen müssen: ein persönliches Todesurteil nicht zu einem öffentlichen zu machen.
H. G. [Heinrich Goldmann]

(330131a2)


Aus der Gesellschaft [S. 2, oben, Mittel]
Am 21. d. M. hat die Trauung von Ernst Reinhold Kern, Externe de hapitaux de Paris, Sohn des Gymnasialprofessors Dr. Theodor Kern mit Fräulein cand. med. Fanny Ungar, im Standesamt zu Paris stattgefunden.

(330131i2)


Gerichts-„Tag“
Wann hören die Kommunistenprozesse auf? [S. 2, Mitten, unten, links]
Vors.: OLGR. Bibring
Beis.: Präsident Paltineanu
Staatsanwalt: Vlad

Der Freitag stattgefundene Kommunistenprozeß, über dessen Verlauf wir genau berichteten, fand am Samstag seine Fortsetzung mit der Einvernahme der restlichen Angeklagten Dina Gun, Ester Lipezka, Ella Wolloch, Pepi Wohl, Perl Schiroka, Cilli Binder, Chane Bucharecki, Arnold Hellring, Sali Pesate, Max Teicher, Bertha Sucher, Honora Schuster und Sima Koifmann. Sämtliche Angeklagten, die als Arbeiter in den hierortigen Trikotagefabriken beschäftigt waren, leugnen ihre kommunistische Gesinnung und widerrufen ihre bei der Polizei und vor dem Untersuchungsrichter gemachten Aussagen, zu denen sie durch Mißhandlungen und Drohungen gezwungen worden sein sollen. Besonderes Interesse gewinnt der Prozeß dadurch, daß in seinem Verlaufe das bei der Polizei zur Anwendung gebrachte Inquisitionssystem zur Sprache gelangte. Der Angeklagte Weinschenker, der in der vorigen Verhandlung ausgesagt hatte, von Rottenberg, Hartl, Onciul und noch einem Agenten, dessen Name ihm nicht bekannt sei, mißhandelt worden zu sein, erkannte diesen im Auditorium, und erklärte, von ihm mit der Einspritzung einer Syphilisinjektion bedroht worden zu sein. Der Vorsitzende nahm hierauf den Namen des Agenten ins Protokoll auf. Die Angeklagte Lina [Sima] Koifmann machte die Aussage, daß Rottenberg ihr angedroht habe, sie zu entkleiden und zu schänden, wenn sie nicht bekennen sollte, die Funktion einer Technikerin bekleidet zu haben. Als sie sich trotzdem weigerte, dies zuzugeben, habe er ihr den Mantel gewaltsam ausgezogen, und den Versuch unternommen, ihr das Kleid vom Leibe zu reißen. Dabei habe er sie mit dem wiederholten Ausruf: „Bessarabische Dirne“ beschimpft.
Der Staatsanwalt stellte den Antrag auf die Zeugeneinvernahme der Polizeibeamten Dr. Postatny, Hartl, Onciul, Rottenberg, Michalek und Costineanu, die durch ihre Aussagen den Nachweis erbringen sollen, daß die Erklärungen der Angeklagten aus freien Stücken abgegeben wurden. Die durch die Advokaten Dr. Nicu Adelstein, Dr. Traian Popovici, Dr. Hitzig, Dr. Kißmann, Dr. Grigorovici, Friedrich Gottlieb, Bitter, Pinkensohn und Stein vertretene Verteidigung wandte sich gegen den Antrag des Staatsanwalts, da den Aussagen der ohnehin belasteten und auch gerichtlich verfolgten Agenten kein Glaube zu schenken sei. Nachdem noch die Verteidigung einige Anträge auf Ladung neuer Zeugen und auf die Enthaftung der Angeklagten gemacht hatte, wurde der Prozeß für heute (Montag) vertagt. Eine der Angeklagten, Doktorowicz, wurde nach Gutheißen des Staatsanwalts auf freien Fuß gesetzt.

(330131c2)


Seite 3

Die Affäre um das Denkmal des Unbekannten Soldaten [S. 3, unten, Mitten]
Ein Kommunique der Regierung

Bukarest, 30. Jänner (Tel. des „Tag“). Im Zusammenhang mit Manifestationen der Studenten und der „Eisernen Garde“, die am vergangenen Sonntag im Parke „Carol“ vor dem Denkmal des Unbekannten Soldaten stattfanden und gestern wiederholt werden sollten, fand am Freitag eine Beratung im Präsidium des Ministerrates statt, an der Vaida, Mironescu, Unterstaatssekretär Armand Calinescu, der Generaldirektor der Sigurantza Stangaci, Polizeipräfekt Marinescu, Gendarmeriekommandant Dumitrescu und Sigurantzachef Christescu teilnahmen. Hierauf verlautbarte die Regierung ein Kommunique, in dem es die Entscheidung darüber, was für ein Kreuz am Denkmal angebracht werden soll - die Studenten verlangten nämlich, auf das Denkmal ein eigenes Kreuz setzen zu dürfen - dem Oberhaupt der rumänischen Kirchenbehörde, dem Patriarchen Rumäniens, überläßt. Jeder Versuch, Unruhen zu provozieren, bedeute einen Akt der Anarchie und die Profanation eines nationalen Denkmals.
Mit Rücksicht darauf, als in Regierungskreisen das Denkmal des Unbekannten Soldaten wohl als nationales Heiligtum, aber nicht als ein religiöses oder konfessionelles betrachtet wird, hat die Regierung beschlossen, das Studium dieser Frage einer Kommission zu überlassen, die sich aus dem Präsidenten der Vereinigung „Cultul Eroilor“, dem Direktor des Heeresmuseums und eines Vertreters der Regierung zusammensetzen wird, um eine alle Teile befriedigende Lösung zu finden.
Innenminister Mironescu empfing gestern die Vertreter der Presse, denen er Aufklärungen über die letzten Agitationen gab und sie ersuchte, mit Rücksicht auf die schwierige Lage, in der sich das Land befindet, beruhigend auf die Gemüter einzuwirken.

(330131r3)


Wer hat die französische Regierung zu Fall gebracht? [S. 3, rechts, unten, Mitte]
700.000 Steuerträger demonstrieren
Paris, 30. Jänner (Tel. d. „Tag“)
Die Vereinigung der Steuerträger, die eine Mitgliederzahl von 700.000 aufweist, veranstaltete knapp vor der Abstimmung in der Kammer über die Finanzgesetze Cherons gegen die beabsichtigte 5-prozentige Steuererhöhung eine Demonstration. Sie demonstrierten vor der Kammer, dem Senat und dem Elysee. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen.
Es heißt, daß die Kammer unter dem Druck dieser Demonstration die Finanzvorlage Cherons abgelehnt und die Regierung in der Folge die Konsequenzen gezogen hat.

(330131w3)


Seite 4

Genfer Abkommen unterzeichnet [S. 4, Mitte]
Die Vertreter aller Staaten für das Abkommen

Genf, 29. Jänner (Tel. des „Tag“). Die Sitzung des Völkerbundes, in welcher das Abkommen mit Rumänien unterzeichnet wurde, brachte für Rumänien einen großen Erfolg, indem sich alle Delegierten für die Unterzeichnung des Abkommens ausgesprochen [aussprachen].
Der Vorsitzende dieser bedeutenden Sitzung, Baron Aloisi, stellte nach Eingang in die Debatte fest, daß es sich nicht um eine finanzielle Hilfe für Rumänien handelt, sondern nur eine Mitarbeit zur Reform der rumänischen Finanzen. Redner begrüßt die Initiative des Völkerbundes und wünscht Rumänien viel Erfolg. Die Vertreter Deutschlands, Frankreichs und Englands sprachen sich für das Abkommen aus. Der englische Delegierte fügte noch hinzu, daß wenn dieses System sich durchsetzt, ein Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen werde.
Der Delegierte Frankreichs sprach als treuer Verbündeter Rumäniens, die Hoffnung aus, daß sich dieses Abkommen günstig auf die rumänische Wirtschaft auswirken werde. Der Völkerbundrat, sagte der französische Delegierte, befindet sich nicht in einer Situation, daß er einen Staat um finanzielle Hilfe angeht. Es handelt sich übrigens um einen Staat, der seine Währung auf Goldbasis stabilisiert habe. Diese Stabilisierung habe sich sehr günstig ausgewirkt, und nun soll der Völkerbund das begonnene Werk der Stabilisierung vollenden helfen.
Der deutsche Delegierte Keller stellt mit Befriedigung fest, daß das Abkommen in keiner Weise die Souveränität des rumänischen Staates tangiere. Deutschland hätte gewiß ein Abkommen, welches von dieser Tatsache abgerückt wäre, nicht mitunterzeichnet.

Die Antwort Lugojeanus
Hernach ergriff der Delegierte Rumäniens Handelsminister Lugojeanu zu folgenden Ausführungen das Wort:
Die Krise, die schon seit drei Jahren andauert, hat Rumänien in voller Arbeit für die Wiederherstellung seiner Wirtschaft vorgefunden. Um die vitalen Interessen zu sichern, hat es Rumänien für nötig gefunden, sich an den Völkerbund zu wenden, um das finanzielle und wirtschaftliche Aufbauwerk fortsetzen zu können. Und nun kann Rumänien die Zufriedenheit aussprechen, daß der Völkerbund dieses Abkommen unterzeichnet hat. Er gebe zu diesem Abkommen seine prinzipielle Zustimmung, mit der einzigen Reserve, daß das Abkommen auch vom rumänischen Parlament, sowie von der Nationalbank - betreffend die Mitarbeit der Experten des Völkerbundes - ratifiziert wird. Der rumänische Handelsminister spricht die Hoffnung aus, daß das Abkommen schon nach kurzer Zeit günstige Erfolge zeitigen wird. Durch dieses Abkommen würde es Rumänien ermöglicht werden, eine internationale Mitarbeit herbeizuführen.
Der Vorsitzendes des Finanzausschußes Jansson spricht die Hoffnung aus, daß dieses Abkommen günstige Resultate zeitigen wird. Der Finanzausschuß wird alles tun, um es zu ermöglichen, daß sich das Abkommen, auf Rumänien günstig auswirkt. Redner stellt fest, daß sich Rumänien durch dieses Abkommen vollkommene Handlungsfreiheit gesichert habe.
Für den Völkerbund unterzeichnete der Vorsitzende des Finanzausschußes Jansson, für Rumänien Handelsminister Lugojeanu das Abkommen.

Alle anderen Fragen, besonders die Ernennung der Finanzexperten für Rumänien, sollen in zwei bis drei Tagen von einem speziell hiezu eingesetzten Komitee erörtert werden.
Nach Unterzeichnung des Abkommens hatte Lugojeanu eine längere Unterredung mit dem Generalsekretär des Völkerbundes Avenol.
Pressevertretern gegenüber äußerte sich Lugojeanu sehr anerkennend über das Verhalten der Völkerbunddelegierten und sprach die Hoffnung aus, daß auch die rumänische Oeffentlichkeit zumindest dasselbe Verständnis für dieses Abkommen aufbringen werde wie die internationalen Finanzkreise.

*
Die Nationalbank gegen das Abkommen
Bukarest, 29. Jänner (Tel. d. „Tag“). Trotz der Unterzeichnung des Abkommens mit dem Völkerbund hat die Nationalbank noch immer Bedenken gegen dieses Abkommen und will diesem nur unter gewissen Bedingungen zustimmen.
Die erste Bedingung ist, daß der finanzielle Sachverständige bei der Nationalbank Roger Auboin weiter auf diesem Posten verbleibt und sein Mandat, welches im Jahre 1934 abläuft, um vier Jahre verlängert wird. Weiters sollen die Amtsbefugnisse Auboins dieselben bleiben wie bisher, d. h. seine Tätigkeit möge nur darin bestehen, daß er ein oder zwei Mal des Jahres, einen Bericht über die finanzielle Situation Rumäniens an den Völkerbund erstatte. Für keinen Fall darf sich die Tätigkeit Auboins in der Weise auswirken, wie sie von Charles Rist gehandhabt wurde.
Im Abkommen des Völkerbundes heißt es aber, daß der finanzielle Experte zur Beratung hinzugezogen werden soll, mit anderen Worten, er soll an der Leitung der Nationalbank mitarbeiten, ein Passus, der von der Nationalbank entschieden abgelehnt wird. Die Nationalbank will sich eine fremde Einmischung nicht gefallen lassen.

Die Regierung optimistisch
Trotz der Bedenken der Nationalbank ist die Regierung sehr optimistisch und der Ansicht, daß die bestehenden Differenzen beigelegt werden.

(330131w4)
Klaus Binder
 
Posts: 1111
Joined: 7. September 2010, 02:03
Gender: Male


Return to 1933

Who is online

Users browsing this forum: No registered users and 1 guest

cron